Einleitung.
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Salus publica suprema lex.
Für andauerndes Glück und den Wohlstand des Volkes zu sorgen, muß die erste und heiligste Pflicht einer jeden Staatsregierung, hiemit aber auch, soll sich ein Land zur höchsten Blüthe und Vollkommenheit entfalten, die ganze Staatsverwaltung in Einklang gebracht, und auf die Erreichung dieses Zieles gerichtet sein.
Wie es nun gekommen, daß man sich in fast allen europäischen Staaten von diesem idealen Staatenbilde — da mehr da weniger — entfernte, wie es gekommen, daß gar oft persönliche Ansichten und Interessen über die speziellen und allgemeinen Anforderungen der staatlichen Gesellschaft die Herrschaft sich erwarben, daß alte deutsche Treue, Biederkeit, genügsames Wohlergehen und Religiosität fast gänzlich vernichtet wurden, in eine solche schwierige und undankbare Untersuchung will man sich hier nicht einlassen; jedenfalls haben moderne Staatskünstler, und einseitige, nur den Stand der Dinge in höheren politischen Regionen auffassende Theorien, die sich nicht auf die so nöthigen und nur im bunten Getriebe der lehrreichen Schule des Volkslebens zu machenden praktischen Anschauungen und Erfahrungen stützen, das Ihrige hierzu beizutragen. Genug, daß wir erkennen, wie groß die materielle und sittliche Noth allenthalben sei, und welch’ ein Abgrund des Verderbens unsere Zukunft bedroht.
Bayerns edler König, Maximilian der II., dessen persönliches Streben thatsächlich dahin gerichtet ist, Alles zu Bayerns und des gesammten deutschen Vaterlandes Glück und Wohlfahrt zu thun und zu verwirklichen, hat bekanntlich eine Preisfrage[2] „über Abhülfe der materiellen Noth der unteren Volksklassen in Deutschland und insbesondere in Bayern“ gegeben, welche Zweifels ohne im gegenwärtigen Jahrhunderte die wichtigste, und, bezüglich ihrer praktischen Lösung für unsere Zukunft sowohl als die kommenden Generationen, von der größten Bedeutung ist.
Wenn wir unsere Zustände mit Ruhe übersehen, so müssen wir zur Erkenntniß gelangen, daß wir an der Grenz-Marke einer weltgeschichtlichen Epoche stehen. Schon zu mächtig und Verderben drohend haben sich feindliche Elemente dem staatlich-politischen Leben gegenüber gestellt; gelingt es nicht, uns von diesen vielen krankhaften und gährenden Stoffen zu befreien, so haben wir eine traurige Zukunft, vielleicht Ereignisse zu erwarten, wie solche die Weltgeschichte bisher nicht kannte. Aus den chaotischen Trümmern all’ unserer menschlichen Glückseligkeit würde dann eine neue Generation, durch vernichtende Kämpfe und Erfahrungen geläutert und aufgeklärt, entstehen, und einer glücklicheren Zukunft, als unsere jetzigen Tage es sind, entgegengehen.
Es ist jedoch noch Hoffnung vorhanden, daß auch ohne diese vernichtenden Kämpfe und gewaltsamen Evolutionen die schwankenden Staatsschiffe aus den tobenden Elementen und einer klippenvollen See wieder in ein ruhiges Fahrwasser geleitet werden. Es kann dies noch geschehen, wenn es allen europäischen Staatsregierungen erst einmal wahrer Ernst ist, und wenn von denselben sowohl als von allen guten Bürgern rasch die Hand an’s große Werk der sittlichen und politischen Regeneration gelegt wird. Die Gesammtheit des Staates, wie jeder Staatsangehörige, der noch die erforderliche moralische Kraft in sich fühlt, ist schon seiner Selbsterhaltung wegen, auch wenn die eigentlichen Früchte dieser Mühen erst künftigen Geschlechtern zu Gute kommen sollten, verpflichtet, alle seine Thätigkeit dieser sittlichen und staatlichen Wiedergeburt zu widmen.
Gleichwie die Zerstörung eines Werkes aber viel leichter ist, als der Wiederaufbau, ebenso verhält es sich mit der Verbesserung unserer verdorbenen sittlichen und materiellen Zustände. Ein volles Jahrhundert wird vielleicht erforderlich sein, um den Geist des Verderbens wieder auszuroden, und unsere, wie die von unsern Vorgängern gemachten, Fehler zu sühnen. Unsere Thätigkeit wird daher vor Allem eine rasch vermittelnde und einlenkende sein müssen.
Auch wir Forstbeamte sind berufen, bei diesen großen staatlichen Reformen, bei der beabsichtigten Verbesserung der sittlichen und materiellen Noth der untern Volksklassen, thatkräftig mitzuwirken, und zwar wird unsere Aufgabe eine doppelte sein:
1)
wir werden — soviel es an uns liegt — der sehr oft durch Holzfrevel entstandenen, fast totalen Demoralisation der unteren Volksschichten, besonders auf dem Lande, entgegenzutreten, und durch alle uns zu Gebot stehende Mittel auf Verbesserung der sittlichen Zustände derselben hinzuwirken haben;
2)
wir werden im Interesse der Staatsangehörigen — als treue Wächter unserer herrlichen, deutschen Wälder — die in riesenhafter Zunahme begriffenen Devastationen derselben abzuwenden haben.
Wie schwer diese Aufgabe sei, läßt sich, wenn wir die bezüglich der Waldungen bei den untern Volksklassen herrschenden Ansichten und den allgemeinen sittlichen Verfall in Erwägung ziehen, nicht verkennen; demohngeachtet will es der Verfasser, nur allein der guten Sache wegen und in der Absicht, um einen Beitrag zur Lösung der Frage über die hiezu erforderlichen Mittel und Wege zu liefern, in Nachstehendem versuchen, seine auf rein praktischen Erfahrungen und Anschauungen beruhenden Ansichten hier mitzutheilen.
Kein Staatsdiener hat ja mehr Gelegenheit, als gerade der auf dem Lande wohnende ausübende Forstbeamte, die Noth und die Bedürfnisse der unteren Volksschichten, ja oft menschliches Elend und Familienverhältnisse kennen zu lernen, die das tiefste Mitleid eines jeden besseren Menschen, der noch edler Mitgefühle fähig ist, erregen müssen.
Solche Zustände — namentlich aber die rasche Abnahme aller Religiosität und Sittlichkeit, die massenhafte, totale Verarmung der untern und theils auch der mittleren Volksklassen — üben aber, wie jeder praktische und aufmerksame Forstmann täglich wahrzunehmen im Stande ist, nothwendigerweise den entschiedensten Einfluß auf Bewirthschaftung, Benützung und den Schutz unserer Waldungen aus; es dürfte daher erforderlich sein, dieselben vorerst, obgleich sie schon vielseitig beschrieben worden und leider nur zu sehr bekannt sind, in allgemeinen Umrissen kurz in Erwägung zu ziehen.