Zweiter Teil: Japan. (continued 6)
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Dieser Zauber mußte wohl auch den großen Schogun aus der Familie Tokugawa, den Taiko Iyeyasu, umfangen haben, denn als dieser größte Mann der japanischen Geschichte, der Cäsar des Mikadoreiches, anfangs des siebzehnten Jahrhunderts starb, nannte er den Bergdistrikt von Nikko als den Ort, wo er begraben sein wollte.

Tempellaterne des Schogun Iyeyasu.
Seine Nachfolger ließen ihm dort eine der herrlichsten Grabstätten bauen, und das kaiserliche Haus, dem Iyeyasu so unvergängliche Dienste geleistet hat, konnte ihn nicht besser ehren, als indem es den verstorbenen Staatsmann und Helden, den Einiger des Reiches, unter die Zahl der Götter versetzte und ihm den Titel „Hoheit des ersten Ranges, Licht des Ostens, erhabene Verkörperung Buddhas” verlieh. Dies geschah im Jahre 1617, und seither ist Nikko der berühmteste und heiligste Wallfahrtsort der Japaner geworden. Die Tempel aber, die dort zu Ehren Iyeyasus gebaut worden sind und zu denen Kaiser, Fürsten und das Volk selbst während Generationen beigetragen haben, sind die herrlichsten Werke der japanischen Kunst, die ja gerade zur Zeit Iyeyasus ihre höchste Blüte erreicht hat. So hat der Cäsar Japans in der That auch noch nach seinem Tode Wunder gewirkt; er hat den Künstlern des alten Japan zu ihren erhabensten Leistungen Anlaß gegeben, und ihm ist es zu danken, daß wir heute noch so viel von dieser größten Glanzperiode der japanischen Kultur bewundern können. Die Künstler haben diese Tempel nicht nur Iyeyasu, sie haben dieselben auch sich selbst errichtet.
Mit Bedauern bestieg ich in Utsunomiya, am Fuße des Nikkodistriktes gelegen, den prosaischen Eisenbahnzug, der mich und eine ganze Menge von europäischen Touristen an einem heißen Augusttage hinaufführen sollte in die Berge; mit Bedauern deshalb, weil der bisherige Weg unendlich viel reizvoller und großartiger war als diese in der Sonne glänzenden und blitzenden Schienenstränge, die, wo immer sie auch liegen mögen, dem europäischen Reisenden den Gedanken einflößen, sie führten nach Europa. Sie sind die gewaltigsten Zerstörer alles Ursprünglichen, Eigenartigen; wie ungeheure Lanzetten stechen sie in die fremden Kulturen, und in die so entstandenen Wunden dringt die abendländische Alltagswelt. Neben unserer Bahn, bald näher, bald ferner, führte der altjapanische Weg hinauf zum Grabe Iyeyasus, seiner ganzen, über fünfundzwanzig Kilometer betragenden Länge nach von den großartigsten Kryptomerien beschattet. Wie gewaltige Türme ragen diese stolzen Nadelbäume aus der Ebene; ein einziger allein würde Aufsehen erregen, und es sind deren viele Tausende, vor Jahrhunderten gepflanzt von einem Pilger, der zu arm war, um für das Grabmal des Nationalheiligen eine steinerne Opferlaterne zu kaufen. Seine Gabe ist schöner als alle Opferlaternen zusammengenommen. Zum Glück fährt die Eisenbahn nicht ganz hinauf nach dem etwa 700 Meter über dem Meere gelegenen Nikko, sondern der Rest des Weges muß in den bequemen Fauteuils auf Rädern, den Rickshaws, zurückgelegt werden. Auf dieser Rickshawfahrt rollt man zwischen den Riesenbäumen einher, die den Weg nach Nikko zu beiden Seiten einfassen und mit ihren ineinander verschlungenen Aesten wie mit dem Dach eines gotischen Domes überwölben.
Von Nikko als einem Ort zu sprechen, ist unrichtig. Nikko wird der ganze Bergdistrikt bis zu dem gewaltigen ausgestorbenen Vulkan Nantai-San genannt, dem höchsten Berge dieses Teiles von Japan. An seinem Fuße liegt der romantische, waldbekränzte See von Tschuzendschi, und diesem entströmt, auf seinem Laufe zahlreiche Kaskaden bildend, der rauschende Dayagawa. Dort, wo sich sein wildromantisches Thal erweitert, liegen zwei Dörfer, Hadschi-idschi und Irimadschi, und zwischen beiden, verborgen zwischen ungeheuren Kryptomerien, liegen die Prachtgräber der Schogune. Hadschi-idschi besteht nur aus einer einzigen, etwa zwei Kilometer langen Straße, und auf meiner raschen Fahrt schien es mir, als wäre jedes Haus ein Hotel, ein Kuriositätenladen oder ein Theehaus. Kommen doch in jedem Jahre Zehntausende von Pilgern hierher, um den Manen Iyeyasus ihre Verehrung zu bezeugen und dann weiterzuwandern nach Tschuzendschi, um dort den Nantai-San zu besteigen.
Am oberen Ende des langgestreckten, durch seine vielen Kaufläden und sein bewegtes Leben recht malerischen Dorfes liegt das große Kanayahotel, in dessen ganz europäisch eingerichteten Räumen ich gegen hundert Europäer fand. Am Abend zeigte der Speisesaal mit seinen elegant gekleideten Damen und Herren in steifer Abendtoilette ein Bild, wie man es in einem europäischen Badeorte erwarten könnte, aber nicht hier, im Herzen des alten Japan. Die hohe Lage in den Bergen, die prachtvollen Wälder, die Kühle und die Frische, die hier auch im Sommer herrscht (oder herrschen soll, denn ich vermißte sie während eines fünftägigen Aufenthalts schwer), haben Nikko zu einer Art ostasiatischer Schweiz gemacht. Wie die Japaner zu ihrem Iyeyasu pilgern, so pilgern die in Ostasien ansässigen Europäer hierher, um der unerträglichen Hitze von Tokio, Kobe, Shanghai, Hongkong, ja selbst von Singapore und Bangkok zu entgehen. Auch die fremdländischen Diplomaten von Tokio flüchten hierher, und auf den freien Plätzen zwischen den größten Heiligtümern des alten Japan wird die Andacht der eingebornen Pilger durch lärmende, rücksichtslose Cricket- und Lawntennis-Spieler gestört. Diesem ewigen Lawntennis kann man sogar hier nicht mehr entgehen.

Priesterhäuser und Thorbogen in Nikko.
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Eine Plage in Nikko sind die unzähligen Mücken und großen schwarzen Käfer, die durch das elektrische Licht (oh heiliger Iyeyasu!) angezogen, die Zimmer und Säle des Hotels erfüllen. Um sie zu verscheuchen, zündet man auf der Windseite des Hotels am Abend große Holzfeuer an und wirft feuchtes Laub darüber, so daß die Atmosphäre zuweilen mit erstickendem Rauch geschwängert ist. Mücken und Käfer kommen deshalb durch die Hinterthüren ins Hotel.
Am nächsten Morgen war mein erster Gang hinüber zu dem von ungeheuren Kryptomerien gebildeten Hain, in welchem sich die Grabtempel Iyeyasus befinden. Zwei Brücken überspannen den wasserreichen, rauschenden Dayagawa. Die eine aus rotlackierten Balken ist gesperrt und wird nur geöffnet, wenn der Mikado in eigener Person zu den Grabtempeln pilgert, die andere ist für gewöhnliche Sterbliche bestimmt. Eine Kryptomerienallee führt jenseits des Dayagawa zu dem Tempelplateau empor. Einen schöneren Ort hätte sich Iyeyasu für seine ewige Ruhe nicht aussuchen können; eine wahre Schweizerlandschaft breitet sich hier auf beiden Ufern des Dayagawa aus, mit mächtigen, kühn emporstrebenden Bergen, ausgedehnten buschigen Wäldern, grünen Matten und rieselnden Bächen; zwischen den ungeheuren Baumstämmen der Kryptomerien hindurch gewahrte ich den oberen Teil des Thales mit dem idyllischen Dörfchen Irimatschi und ein paar europäischen Neubauten, unter denen das Nikkohotel der größte ist; näher der Tempelstraße erhebt sich inmitten eines großen Gartens ein kaiserliches Schloß, das im Sommer vom japanischen Kronprinzen bewohnt zu sein pflegt, und nicht weit davon prangt eine fünfstöckige Pagode aus rotlackiertem Holz zwischen dem Grün der Bäume. Weiter aufwärts liegen ein paar anspruchslose Gebäude für die Priester, und jenseits derselben breitet sich die mit Mauern umgebene Tempelanlage aus.
Die Gebäude, Thore, Tempelhallen, Opferpagoden und Heiligenschreine, die hier in mehreren Höfen vor dem eigentlichen Grabtempel liegen, sind keineswegs durch besondere Größe oder Höhe ausgezeichnet, und man würde fehlgehen, in Nikko, wie in Japan überhaupt, irgend etwas zu erwarten, das sich mit unseren Kirchen oder mit den Tempeln der Araber, Perser, Indier vergleichen ließe. Weder in Bezug auf Architektur, noch nach Masse, Schönheit der Formen, Größe oder Baumaterial haben sie auch nur die entfernteste Aehnlichkeit mit diesen, ja sie sind eher das gerade Gegenteil. Klein, gedrückt, niedrig, durchweg aus Holz gebaut, sind sie im Verhältnis ebenso unschön wie die japanischen Wohnhäuser, so daß sie, von außen besehen, jeden fremdländischen Besucher enttäuschen. In Nikko ist diese Enttäuschung um so größer, als die Japaner hier recht eigentümliche Mittel anwenden, um die Tempel gegen Feuersgefahr und den Einfluß der Witterung zu schützen. Rings um die einzelnen Bauten sind ungeheure Drahtnetze gezogen, ähnlich wie unsere Hausfrauen Drahtglocken über die Butter stülpen, um sie vor den Fliegen zu bewahren. Manche Tempel sind mit einer verwitterten Bretterhülle umgeben, so daß sie, von außen betrachtet, sich ganz wie unsere Dorfscheunen zeigen. Man hat also gar keine Gelegenheit, den Bau und seine Architektur als Ganzes zu sehen; erst wenn man die wenigen Treppen zu den die Tempel rings umgebenden Veranden emporgestiegen ist und zwischen der Bretterhülle und den Außenwänden der Tempelbauten selbst näher schreitet, gewahrt man etwas davon, und dann wirkt nur die sorgfältige Zusammenfügung des Holzrahmens, der schöne rote, weiße oder Goldlack, mit dem er überzogen ist, nicht aber der Tempel als solcher.
Die hauptsächlichste Sorgfalt, die größte Kunst und den verschwenderischsten Reichtum der Ausschmückung verwenden die Japaner auf die gedrückten, inneren Räumlichkeiten, und wären sie nicht so finster, so hätte man Gelegenheit, seine Herrlichkeiten zu bewundern, die mit den größten Kunstschätzen des Abendlandes den Vergleich aushalten. Sie mit Worten zu schildern, vermag wohl kaum eine Feder, und ebensowenig kann es dem Pinsel des Malers gelingen. Wenn an irgend etwas, so erinnern die inneren Tempelräume mit ihren entzückenden Vergoldungen, Schnitzereien und Malereien an unsere byzantinischen Bauten, an die Kapellen im Markusdom von Venedig, oder die königliche Kapelle in Palermo, und fast möchte man der japanischen Ausschmückung den Vorzug geben. Vor der großen Revolution war diese in den Grabtempeln des Iyeyasu noch reicher; als aber der einfache Shintokultus an Stelle des prunkvollen Buddhismus wieder zur Staatsreligion erhoben wurde, entfernte man all die kostbaren Kleinigkeiten, Weihegeschenke, Götzenbilder und den malerischen Ausstellungsapparat der Buddhisten, so daß in diesen Tempeln nur mehr die Ausschmückung der Wände und Decken, sowie die entzückenden Thore bewundert werden können, welche die Tempelhöfe miteinander verbinden. Das köstlichste dieser Thore ist wohl das in weißem Lack und Goldzieraten prangende Jo-mei-mon mit seinen wunderbaren Deckenschnitzereien. Hier, wie auch in zahlreichen anderen Figuren zeigen die Japaner, welch hohe Kunst sie auch als Bildhauer erreicht haben. Hinter dem Tempel, welcher den stets verschlossenen Heiligenschrein Iyeyasus birgt, erhebt sich im Freien, mitten im Grün, das Grabdenkmal des Helden, eine auf einem festen Steinsockel ruhende Bronzeurne, die seine sterblichen Ueberreste enthält. Dem europäischen Besucher gewährt das in einem Nebengebäude befindliche Museum mit den Tempelschätzen größeres Interesse, denn hier sind die kostbarsten Meisterwerke der japanischen Kunst zur Besichtigung aufgelegt, dazu auch die Kleider, Waffen, Rüstungen des Iyeyasu und allerhand Gegenstände, deren er sich bedient hat, alle mit dem aus drei gegeneinander gerichteten Blättern bestehenden Tokugawawappen geschmückt. Einige Wochen vorher war ich über den einsamen Bergpaß auf dem Wege nach Hakone an der Stelle vorbeigekommen, wo Iyeyasu von Feinden angefallen worden und ihnen nur wie durch ein Wunder entgangen war. Jetzt sah ich hier die Sänfte, in der er sich bei dieser Gelegenheit befunden hatte, mit dem Loch, das der Pfeil in die Wand gebohrt; wäre er einen Zoll tiefer geflogen, diese Nikkotempel wären niemals erbaut worden. Die Oeffnung des Museums für das allgemeine Publikum ist übrigens dem Besuch des Erzherzogs Franz Ferdinand von Oesterreich-Este zu danken. Bis dahin waren die Tempelschätze unzugänglich; sie wurden nur ihm zu Ehren ausgestellt, und seither bilden sie das Hauptziel der europäischen Touristen.
Wie in allen größeren Shintotempeln, so befindet sich auch hier in einem Hofe eine offene Tanzbühne, auf welcher eine Priesterin die heiligen Tänze ausführt. In einen weißen Talar und roten Unterrock (das Zeichen der Jungfräulichkeit) gekleidet, in der einen Hand einen Fächer, in der anderen einen Schellenstab haltend, macht sie mit ihren nackten Füßen einige Schritte nach der einen, einige Schritte nach der anderen Seite, bewegt die Arme und Hände, fächelt sich, macht einige Verbeugungen und kauert sich dann wieder auf ihre Fersen nieder. Das ist der ganze Tanz, aber trotz seiner Einfachheit ist er nicht ohne Wirkung, wozu die Erscheinung der Tänzerin, ihre Kleidung und ihr schneeweiß gepudertes Gesicht mit abrasierten Augenbrauen das Ihrige beitragen.
In der Nähe der Iyeyasutempel befinden sich auch die sehr sehenswerten Grabtempel des Enkels und zweiten Nachfolgers Iyeyasus im Schogunat, des Schoguns Iyemitsu, der noch die ganze Pracht der buddhistischen Tempeleinrichtungen zeigt. Auch hierher wallfahrten die Japaner und bringen den Priestern ihre Gaben dar, indem sie vor jedem Gebet einige kleine Münzen auf den Boden des Tempels werfen. In ganz Japan bekommt man die kleinste Münze, den Rin, von dem etwa fünf auf einen deutschen Pfennig gehen, im Handel und Verkehr fast nirgends zu sehen; dafür bestehen die Tempelgaben der Mehrzahl nach aus solchen Rin, die augenscheinlich für diese Zwecke eigens aufbewahrt werden.
Weiter aufwärts im Flußthale des Dayagawa giebt es keine Tempel und keine Ortschaften mehr bis zu dem etwa sechs Wegstunden inmitten der zentralen Bergketten gelegenen See von Tschuzendschi. Ein an wildromantischen Reizen reicher Weg führt den rauschenden Dayagawa entlang zu diesem etwa vierzehnhundert Meter über dem Meere gelegenen Bergsee, über den sich der kahle, mächtige Scheitel des Nantai-San erhebt. Auf dem schmalen Landstreifen zwischen Berg und Seeufer liegt das urjapanische Dörfchen Tschuzendschi, fast ausnahmslos aus Hotels und Theehäusern bestehend, die halb in den See hineingebaut sind und auf Pfählen offene Veranden tragen. Kleine, ewig lächelnde Nesans sorgen hier für die Wünsche der Reisenden; der prächtige Lachs wird für die Mahlzeiten frisch aus dem See gefangen, der Reis ist von blendender Weiße, und wer sich an die leichten japanischen Papierhotels gewöhnt hat, kann hier ein paar reizvolle Wochen verleben; nur darf er nicht in den ersten Augusttagen kommen wie wir, denn dann drängen sich in das kleine Oertchen Zehntausende von Pilgern; dem Seeufer entlang, auf heiligem Boden, der durch ein mächtiges Steintorii bezeichnet wird, liegen langgestreckte, einstöckige Pilgerkasernen, und in diesen war jedes Plätzchen von den weißgekleideten Pilgern belegt, die am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang die Besteigung des heiligen Berges Nantai-San unternehmen wollten. Ein Gitterthor versperrt den breiten Treppenweg, der zu dem nahezu dreitausend Meter hohen Gipfel führt, und wer die Besteigung ausführen will, muß den Priestern, die um den nahe dem Thore gelegenen Shintotempel hausen, einen Viertel Yen bezahlen. Aber ich hatte kurz zuvor die Besteigung des höchsten Berges von Ostasien, des Fudschiyama, ausgeführt, und der Nantai-San, ein Zwerg gegenüber diesem Bergriesen, reizte mich nicht weiter. Dafür wanderte ich den stillen, romantischen See entlang, an den einsamen Sommerhäusern des deutschen und des englischen Gesandten vorüber, nach dem kleinen Badeorte Yumoto, wo unter Flugdächern an der Straße Scharen von Männern und Frauen jeden Alters zusammen badeten. Woran man sich in dem Bergdistrikt von Nikko nicht sattsehen kann, ist die wunderbare Natur, die in solcher Großartigkeit in ganz Ostasien nicht wiederzufinden ist. Nur gehört gutes Wetter dazu, und das ist leider den Sommer über in Nikko selten. Es regnet hier gerade so häufig und so viel wie in Salzburg.

Das Innere des Grabtempels des Shoguns Iyemitsu in Nikko.
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Japanische Blumenfeste.

Im Reiche der aufgehenden Sonne hat sich in den letzten Jahren sehr viel geändert, manche Sitten und Gebräuche sind der modernen Kultur, der sich die Japaner ergeben haben, leider zum Opfer gefallen, aber viele nationale Züge und Eigenarten haben sich dennoch bis auf den heutigen Tag erhalten und werden auch noch für lange Jahre hinaus erhalten bleiben.
Dem Reisenden in dem herrlichen Inselreiche des Stillen Ozeans wird es nicht schwer, diese Züge herauszufinden, denn sie bieten sich ihm sozusagen auf Schritt und Tritt dar. In erster Linie möchte ich die Liebe der Japaner zur Natur und zu deren schönstem Schmuck, den Blumen, nennen. Nirgends wird dem Blumenkultus größere Liebe, größeres Verständnis, größere Kunst entgegengebracht. Vom Kaiserpaare herab bis zum letzten Bettler huldigt alles den Blumen, Männer wie Frauen, Greise wie Kinder hegen und pflegen sie mit der größten Zärtlichkeit. Wohin ich auf meinen Reisen auch gelangte, überall fand ich die Wohnungen mit Blumen geschmückt. Im kaiserlichen Palast von Tokio fand ich sie in kostbaren Vasen prangen, in den Holz- und Papierhütten der Feldarbeiter in Bambusgefäßen als einzigen Schmuck der ärmlichen Räume; blieb ich in einem japanischen Hotel länger als einen Tag, dann wurden jeden Morgen von zarten Mädchenhänden die Blumen in meinem papierenen Zimmer gewechselt; die halbnackten Kuli, welche mich in ihren leichten Handwägelchen, den Rickshaws, durch das Land zogen, steckten sich eine Blume hinters Ohr; in den Straßen der Städte wandern Blumenverkäufer, die schöne Last in Körben auf eine Bambusstange gehängt, umher, und kein Bettler ist zu arm, um nicht für einige Rin (Zehntelpfennigstücke) eine Blume zu erwerben.
Aber noch mehr: der Kalender der Japaner setzt sich auch heute noch aus Blumenfesten zusammen; statt die Monate und Jahreszeiten mit unseren Namen zu bezeichnen, geben die Japaner ihnen den Namen ihrer Blumen. Mit Blumennamen nennen sie auch ihre Töchter, und diese, wie alle Damen Japans überhaupt, kleiden sich je nach der Blume, welche zu gewissen Jahreszeiten in ihren Gärten vorherrscht. Zur Zeit der Kirschblüte tragen sie Kimonos (schlafrockartige Oberkleider), auf welche Kirschblüten eingestickt sind; sind diese verblüht, dann kommen in der Natur, wie auf den Toiletten Azaleen an die Reihe, und so fort, bis der November die herrlichste Blume Japans, die Chrysanthemum, bringt. Ja sogar der Wandschmuck der Wohnräume richtet sich nach den Blumen. Die Japaner pflegen auf die kahlen nackten Papierwände ihrer Wohnungen Kakemonos zu hängen, lange mit Blumen und anderen Sujets bemalte Papierstreifen; blühen die Glycinen oder Päonien oder der Lotos, dann werden auch in den Häusern Kakemonos mit solchen Blumen aufgehängt und vor diese Vasen mit frischen Blüten gestellt.
Wir Europäer sind gewiß ebenfalls den Blumen hold, und viele von uns pflanzen und pflegen sie mit derselben Liebe wie die Japaner; aber in Bezug auf ihre Zusammenstellung sind wir im Vergleich zu ihnen noch weit zurück, und nur die deutschen Blumenzüchter befleißigen sich ähnlicher Sorgfalt. Wie plump und sinnlos sind die Sträuße, welche auf dem allwöchentlichen Blumenmarkte rings um die Madeleinekirche in Paris feilgeboten werden! Dutzende von Rosen derselben Farbe werden dort eng aneinander gequetscht, und das Ganze wird in einer großen weißen Papiertüte steckend feilgeboten. Ein derartiges Unding würde in Japan Entsetzen erregen. Dort wird auch die geschnittene Blume einzeln und für sich behandelt, als säße sie noch auf der Pflanze im Garten. Der Japaner legt nicht so viel Wert auf den Geruch und die Farbe der Blume selbst, wie auf die Form, das künstlerische Zusammenwirken von Blume, Stengel und Blättern. Sind die letzteren auch wenig schön, so heben sie doch durch ihre Zusammenstellung die Schönheit der ersteren. Die zarte Kunst der Behandlung von Blumen, ob lebender oder geschnittener, gehört in Japan mit zu den schönsten Künsten, und die Erziehung einer Japanerin wird als unvollständig betrachtet, wenn sie nicht einen Kurs in der Blumenkunst durchgemacht hat.
Bei dieser Vorliebe, ja ich möchte sagen Leidenschaft der Japaner für ihre herrliche Flora ist es nicht zu verwundern, daß die Blumen die wichtigsten Sujets sind, welche in den japanischen Malereien und Skulpturen, bei der Ausschmückung von Bronzen und Porzellanen zur Verwendung kommen, ja daß sie vom japanischen Adel als Wappenbilder gewählt werden.
Und wie bei jedem einzelnen Japaner, so äußert sich die Liebe zu den Blumen im ganzen Lande durch zahlreiche, allgemein gefeierte Blumenfeste. Wie es bei uns ein Weihnachts-, Oster- und Pfingstfest giebt, so giebt es in Japan ein Kirschblüten-, Azaleen- und Chrysanthemumfest. Selbst zur Neujahrszeit werden die Häuser in Ermangelung von Blumen mit Immergrün, Tannen und Bambus geschmückt. Kommt aber der Frühling, dann bringen die wärmeren Sonnenstrahlen die zarten Knöspchen der Kirschbäume zur Blüte, und das ganze Inselreich ist bald in das herrlichste Rosenrot gehüllt, als wären Massen kleiner, von der Sonne durchleuchteter Wölkchen vom Himmel herabgeflogen, um für einige Wochen zwischen den Baumkronen der Gärten zu verweilen. Wer jemals das Glück gehabt hat, den unbeschreiblich üppigen Blütenschmuck der Kirschbäume in Japan zu sehen, der wird die Begeisterung der Japaner gerade für diese Blüte wohl begreifen und es natürlich finden, daß sie die Kirschbäume nur ihrer Blüten wegen pflanzen, denn die japanische Kirsche ist ungenießbar. Nach der unwirtlichen kalten Jahreszeit wirkt der rosenrote Schnee, in den sich die Bäume hüllen, um so stärker. Die Kirschblüte, und nicht, wie es im Abendlande allgemein geglaubt wird, die Chrysanthemumblüte ist die Lieblingsblume der Japaner.
Schon vor der vollen Entfaltung der Blüten wird in den Tagesblättern Japans über das Fortschreiten derselben berichtet. Depeschen aus allen Teilen des Landes verkünden die Freudenbotschaften, daß hier oder dort die Bäume bereits in Blüte stehen, und unter den Stadtneuigkeiten kann man lesen, daß Prinz Sandscho oder der Premierminister Graf Ito sich für drei Tage nach Nara oder Kioto begeben haben, um die blühenden Kirschbäume zu bewundern.
Endlich prangen auch die Kirschbäume in der Hauptstadt selbst in ihrem unglaublich reichen Blütenschmuck. Wer in der ersten Aprilhälfte die Kirschhaine des Uyénoparks oder von Mukodschima an den Ufern des Sumidagawa durchwandert, der sieht dort die riesigen Bäume, hoch wie alte Eichen, mit Blüten vollständig bedeckt, ohne daß noch ein einziges grünes Blatt erschienen wäre; nicht kleine leichte Blütchen, sondern rosenrote, blattreiche, doppelte Blumen, so groß wie Centifolien. Auf jedem Ast, jedem Zweiglein sitzen sie dicht aneinander gedrängt, kaum daß die größeren Aeste sichtbar sind; und dahinter erheben sich die dunkelgrünen mächtigen Kryptomerien, diese schönsten Nadelholzbäume des Orients. Die Blüten hauchen einen zarten Duft aus, fremdartige Vögel singen und trillern in den dichten rosenroten Kronen, die sich in den stillen Lotosteichen wiederspiegeln.
Dann kommt der Kirschblütensonntag, ein Nationalfest der Japaner, dieses Phäakenvölkchens. Ueber Nacht sind in den weiten Avenuen, ebenso wie in den Seitenwegen und entlang den schmalen lauschigen Waldpfaden Hunderte und Aberhunderte von leichten Buden entstanden, in denen kleine putzige Japaner und Japanerinnen allen möglichen Flittertand verkaufen. Jede dritte Bude ist ein Theehaus, in welchem Reiswein feilgeboten wird, und Tausende von Familien mit Kind und Kegel, alle in seidene Festgewänder gehüllt, lustwandeln in dem rosenroten Wald, bleiben hier und dort vor irgend einem besonders prächtigen Baume stehen, um ihn mit Kennerblick zu bewundern oder möglicherweise Gedichte, seine Pracht verherrlichend, an den Stamm zu heften. Jeder Besitzer eines Gartens hat um diese Zeit sein Kirschblütenfest und versendet große mit Kirschblüten gezierte Einladungskarten an seine Freunde; sogar der Hof ladet die Gesellschaft und das diplomatische Korps zu einer Gardenparty ein, welche in den weiten in üppiger Pracht stehenden Palastgründen des Hama Rikiu abgehalten wird.
Wer aber das japanische Volksleben in seiner ganzen Eigenart kennen lernen will, der muß nach Mukodschima im Südosten von Tokio gehen. Dort wurden, als noch das Schogunat (Vizekaisertum) der mächtigen Tokugawafamilie in voller Blüte war, Kirschbäume gepflanzt, die heute ungeheure Dimensionen erreicht haben, so daß in den weiten Alleen ihre Zweige sich verschlingen und einen rosenroten Dom bilden. Dort vor allem ist der Schauplatz der Hanami, d. h. Familienpicknicks, auf welche sich die Kinder das ganze Jahr über freuen. Schon lange vorher werden von verschiedenen Familien gemeinschaftliche Ausflüge vereinbart. Zu Fuß, in Booten oder in langen Reihen von Rickshaws treffen sie ein, jede Gruppe durch ein gemeinschaftliches Zeichen erkenntlich; die einen tragen buntfarbige Tücher um den Kopf gewunden, die anderen gleiche Halstücher, die dritten irgend einen bunten Fleck auf ihren Kimonos. Männer, Frauen, Mädchen, Kinder, alle in ihren buntesten Schlafröcken, durch ebenso bunte Papierschirme gegen die Sonne geschützt, ebenso bunte Fächer schwenkend; auf jedem Boote ausgelassene Fröhlichkeit, Gesang, Gelächter, Trommelschlag und Samisengezupfe; ein Karneval im blühenden Frühling!
Die Mädchen spielen heitere Gesellschaftsspiele, Männer tanzen wie Satyre, Poeten sagen ihre den Bäumen gewidmeten Oden her, Seiltänzer, Akrobaten, Märchenerzähler, Wettringer unterhalten das Volk. Dazu die eigentümlichen langen Gewänder, die fremdartige Landschaft, so daß man sich ein paar tausend Jahre zurück versetzt denken könnte, mitten in irgend eine Saturnalie des Petronius. Mit dem Einbruch der Dämmerung erscheinen Tausende und Abertausende von buntfarbigen Papierlampions in den Bäumen, auf den Booten im Flusse, rings um die zahlreichen Sakeläden und Theehäuser. Damit ist die Zeit für das Abendbrot gekommen. Im Kreise sitzen die Familien und Gesellschaften beisammen, handhaben lachend, scherzend ihre Eßstäbchen, trinken dazu aus winzig kleinen Porzellanschalen Sake und lassen sich mit Samisen und Gesang unterhalten. Schöne Maiko- und Gaishamädchen in den herrlichsten Gewändern, die Gesichtchen bemalt, das rabenschwarze Haar unter einem Wald von Schmetterlingsnadeln verborgen, tanzen und führen kleine Szenen auf. Am fröhlichsten wird das Treiben, wenn irgend ein plötzlicher Windstoß durch die Bäume fährt, die Blüten entblättert und sie wie rosenroten Schnee auf die ganze Gesellschaft herabfallen läßt.
Nur zu bald geht es mit der Kirschblütenherrlichkeit zu Ende, aber an ihre Stelle treten, noch während sie auf den Bäumen prangt, die Azaleen und nur wenige Tage später die Päonien, nicht wie wir sie kennen, sondern wie sie in solcher Größe, Menge und Pracht nur Ostasien besitzt. Ich habe in Japan mannshohe Azaleen- und Päonienbäume gesehen mit Tausenden von Blüten, ja in dem Klostergarten von Hia Hungtien an der Ostgrenze von Deutsch-China bewunderte ich einen Azaleenbaum, dessen Stamm einen halben Meter Durchmesser besaß und dessen haushohe Krone an zwanzigtausend Blüten beherbergen mochte. Die Päonien, in Japan Botan genannt, zeigen sich Anfang Mai in wunderbarer Farbenpracht. Auf sie folgen im Juni die herrlichen, die Teiche und Wassergräben mit einem lila Teppich bedeckenden Iris; wie die Tulpen in Holland, so prangen die Iris hier auf weiten Feldern, mehrere Morgen einnehmend; kommen einige Tage später die Glycinen, auf Japanisch Fudschi genannt, zur Blüte, dann ist in manchen Gebieten lila die hervorragende Farbe in der Landschaft. Den Wänden der Landhäuser entlang, an Palästen und Hütten, auf Theehäusern und künstlich errichteten Lauben und Gängen winden sie sich in unglaublicher Ueppigkeit empor und über die Dächer hinweg; dazu wird bei vielen Häusern des ärmeren Volkes der Dachfirst mit Iris bepflanzt, so daß sie im Juni vollständig mit lila Blüten bedeckt sind. Am berühmtesten ist die dreihundertjährige Glycine (Wistaria chinensis) im Garten des Kameidoklosters, das Ziel unzähliger Wanderer, welche im Frühsommer hierher pilgern, um diese mehrere hundert Meter langen blütengespickten Ranken zu bewundern. Schattige Laubgänge bildend, Theehäuser mit einem Blütendach bedeckend, reichen sie bis weit in den kleinen See hinaus, in dessen stillem Wasser sich diese lila Blütenpracht wiederspiegelt. Ebenso besucht wie der Glycinengarten von Kameido ist die fünfhundert Jahre alte Glycine in Kasukabe, nordöstlich von Tokio, eine wunderbare Pflanze, deren Ranken rebenartig eine Laube von vierhundert Quadratmetern bedecken.
Für das nächste Blumenfest des Jahres bieten die schönen weißen Lotos den Anlaß, die neben den Kirschblüten und Chrysanthemen die beliebtesten Blumen Japans sind und als Symbole der Reinheit, Tugend und Nützlichkeit bewundert werden: der Reinheit, weil ihre zarten weißen Blüten sich aus dem Schlamm der Pfützen und Moräste erheben, der Tugend wegen ihres leichten balsamischen Geruches, der Nützlichkeit, weil die Samenkörner, die sie enthalten, genießbar sind. Ueberall in Japan, in den Wassergräben der alten Daimioschlösser, in Teichen und Seen, an Kanälen und Flüssen entlang sind während des Monats August diese schönen großen Blumen zu sehen. In Tokio ist der Schinobadzusee des Uyenoparkes mit ihnen buchstäblich gefüllt, und dann pilgert die ganze Stadt hinaus, um an den kleinen Inselchen und Brücken und Theehäusern diese Blütenpracht zu bewundern. Noch schöner als der Lotossee des Uyenoparkes erschien mir der kleine Teich hinter der Pagode des Schibaparkes; umgeben von mächtigen Kryptomerien schlummert er in deren tiefem Schatten; ein Inselchen mit einem winzigen Tempel erhebt sich aus seiner Mitte, und die Wasserfläche ist so dicht mit Lotosblüten bedeckt, daß man sie für einen großen Teppich halten könnte.
Aber der größte Kultus wird in Japan getrieben mit der letzten Blume des Jahres, der Wappenblume des Kaiserhauses, dem Chrysanthemum. Seit Jahrhunderten ist die Gilde der japanischen Gärtner, von Vater auf Sohn, damit beschäftigt, diese Blume zu veredeln und durch allerhand nur ihnen bekannte Mittel so vielfarbig und vielgestaltig wie nur möglich zu ziehen. Große Vermögen werden in Chrysanthemum angelegt, große Vermögen damit gewonnen. Die Gärtnergilde in Yokohama besitzt an fünfhundert Gärten, zweihundert Morgen Landes umfassend, in denen sechs- bis achthundert verschiedene Arten von Chrysanthemen gezogen werden. Die Gilde in Tokio besitzt wohl eine noch größere Zahl von Gärten in der Vorstadt Dangozaka, und die schönsten Blumen, die sie das Jahr über zieht, werden gelegentlich des Chrysanthemumfestes in den kaiserlichen Gärten vom Akasaka zur Schau gestellt. Schon diese Gärten allein mit ihren ungeheuren Cedern und Kryptomerien, ihren lauschigen Alleen, grünen Rasen, mit von Tempeln und Kiosken gekrönten Hügeln, ihren Wasserflächen mit Inselchen und kurios geschwungenen Brücken sind Wunderwerke der Japaner, die leider nur wenigen Auserlesenen zu schauen beschieden sind. Staunend durchwanderte ich dieses Buen Retiro der Kaiserin, das als passendsten und bezeichnendsten Namen den Namen „Kaiserin Frühling” führt. Dem großen Park wird im November durch die Kunst der japanischen Gärtner wahre Frühlingspracht gegeben, und wem die Auszeichnung zu teil geworden, von der Kaiserin zu dieser Gardenparty befohlen zu werden, der wird die schwärmerische Leidenschaft der Japaner für die Kaiserblume, Kiku, begreiflich finden.
Nach Zehntausenden müssen die Chrysanthemen zählen, welche hier in der wunderbarsten Farbenpracht erblühen; den besandeten Wegen entlang sind leichte Flugdächer aus Bambusstangen errichtet, verhüllt durch violette Gazevorhänge, auf welchen die weiße kaiserliche Chrysanthemumblüte eingestickt ist. Unter jedem Flugdach sind verschiedene Arten von Chrysanthemen ausgestellt, verschieden in Farbe, Größe, Form und Gestaltung der Pflanze selbst. Manche Blüten sind größer als unsere Teller, je eine auf einer Pflanze mit einem einzigen Stiel, andere mit den zartesten ineinander gerollten Blättern haben das Aussehen großer Schneeballen; wieder andere mit Hunderten von Blättern, die wie lange Haare von den Blüten herabhängen, oder solche, die steif wie bei einer Sonnenrose ringsum stehen. Besonders merkwürdig sind Pflanzen mit einem ganzen Strauß von Blüten bedeckt, jede von einer anderen Farbe; das größte Wunder der Gärtnerkunst aber sind einzelne Pflanzen, welche auf demselben Stiel ein Dutzend Blüten jede von verschiedener Größe und dabei verschiedener Farbe zeigen. Weiter im Innern des Gartens sind große Flächen buchstäblich mit einem Teppich von Chrysanthemen bedeckt, hier ein weißer, dort ein roter oder violetter Teppich, in welchem jede einzelne Blume genau dieselbe Farbe zeigt, jede genau so geöffnet ist wie die andere, so daß sie gleichzeitig welken und vielleicht an demselben Tage verblühen. Mitten in diesen Beeten erheben sich Riesenpflanzen, die auf ihren zwei Meter und noch längeren Stielen bis zu sechshundert Blüten zeigen. An jeder Pflanze hängen kleine Papierzettelchen mit dem Namen der betreffenden Art in japanischen Lettern, Namen wie „der weiße Drache”, „goldener Tau”, „Fischers Laterne”, „das Federnkleid”, oder auch „zehntausendmal mit Gold bestreut” und dergleichen.
Um dieselbe Zeit, wie die kaiserliche Chrysanthemumparty finden auch im ganzen weiten Reiche, hauptsächlich aber in Tokio selbst, Festlichkeiten statt, für welche die Chrysanthemen die Veranlassung sind. Die ganze Bevölkerung, hoch und niedrig, wandert dann hinaus nach Dango Zaka, dem Quartier der Gärtner, dem Schauplatz der fröhlichsten Hanami. Jeder einzelne Gärtner hat dort seine eigene aus Bambusstäben errichtete Schaubude, in welcher er die schönsten Produkte seiner Kunst gegen ein Eintrittsgeld von wenigen Pfennigen zur Schau stellt. Aber hier sind es nicht so sehr die Blüten selbst, als ihre eigentümliche Zusammenstellung zu Figuren und Landschaften, welche die festlich gestimmten Japaner in hellen Scharen herbeilocken. Die Buden sind dementsprechend in einen Zuschauerraum und eine Bühne mit Kulissen eingeteilt, und auf den Bühnen stehen die seltsamsten Chrysanthemumfiguren. Alle möglichen Sujets, aus der Geschichte des Landes, der Mythologie und der Gegenwart, Landschaften, volkstümliche Helden, berühmte Schauspieler in ihren Lieblingsrollen, Scenen aus populären Theaterstücken, alles das wird für die Darstellung gewählt, ein ungeheures Panoptikum, wie jenes von Madame Tussaud in London oder Castan in Berlin, nur mit dem Unterschiede, daß die Kleidungsstücke und Trachten ganz aus Chrysanthemumblüten bestehen. Die Gesichter, Hände und Füße werden mit großer Treue und Lebenswahrheit aus Wachs geformt, die Kleider aber, ebenso wie die einzelnen Landschaftsbilder, ob sie nun Felsen, Berge, Wasserfälle, Tempel darstellen, bestehen ausschließlich aus Chrysanthemumblüten und -blättern, so kunstvoll aneinander gebunden, daß sie sogar die glatte Oberfläche der Stoffe nachbilden, und dabei sind diese Blüten nicht etwa von ihren Stielen abgeschnitten, sondern lebende Blumen, mit ihren Stielen und Wurzeln. Wer beispielsweise die mit Stickereien bedeckten Kimonos oder die Rüstung eines altjapanischen Kriegers betrachtet, hält das für unmöglich. Besucht man aber Dango Zaka am Morgen, so hat man zuweilen in dieser oder jener Bude Gelegenheit, das Erneuern welker Blumen zu beobachten. Dazu müssen kleine Partien von Blumen losgebunden werden, und dann sieht man, daß diese Figuren aus einem Bambusgestell bestehen, hinter welchem die Pflanzen selbst verborgen sind, die Wurzel sorgfältig in feuchte Erde verpackt, mit den für die Darstellung erforderlichen Blüten oder Blättern zwischen den Bambusplatten hervorgezogen und kunstvoll mit- und ineinander verflochten. Des Morgens und Abends werden die Pflanzen mit Wasser besprengt und erhalten sich, durch das Mattendach der Schaubude gegen die Sonnenstrahlen geschützt, einen ganzen Monat lang, als ständen sie in einem Garten.
Dem leichtlebigen japanischen Völkchen gilt das Chrysanthemumfest wie ein Abschied von der schönen warmen Jahreszeit, es ist das letzte der Blumenfeste, und schon deshalb nimmt jede Familie, jeder Einzelne bis zum geringsten Bettler daran teil. Sind die Chrysanthemen verblüht, dann erhält die Landschaft nur noch durch die vom Spätherbst rot und gelb gefärbten Ahornblätter Abwechselung, und während die Japaner diese bewundern, zählen sie auch schon die Wochen, die sie von dem nächsten Kirschblütenfest trennen.

Postläufer.
Formosa.

Mit der Insel Formosa haben die Japaner eine selbständige chinesische Provinz von über vierunddreißigtausend Quatratkilometern Größe und etwa dreieinhalb Millionen Einwohnern gewonnen, ein Gebiet, auf das sie zur Erfüllung ihrer handelspolitischen Pläne längst ein Auge geworfen hatten und dessen Besitz sie in Zukunft noch unabhängiger von dem europäischen Handel und noch gefährlicher für den letzteren machen wird als bisher. Den Chinesen dagegen war das Opfer, das sie brachten, kein besonders großes, denn der Wert Formosas war für sie bisher recht problematisch, und früher oder später hätten sie diese kleinste ihrer Provinzen doch an die eine oder die andere Macht verloren. Bei einem Länderbesitz von mehr als elf Millionen Quadratkilometern bildete Formosa nur den dreihundertsten Teil des chinesischen Reiches, und selbst davon war nur eine Hälfte im Laufe der letzten Jahrhunderte unterworfen worden. Die östliche Hälfte Formosas wird heute noch von den der Hauptsache nach malayischen Urbewohnern eingenommen, welche die Chinesen trotz fortwährender Kämpfe doch noch nicht zu bezwingen im stande waren und wohl nie mit Waffen hätten bezwingen können. Dies wird den Japanern überlassen bleiben. Auch diese werden sich die Zähne an den wilden, tapferen Stämmen ausbeißen, die in den Gebirgen und Urwäldern des östlichen Formosa hausen. Die Insel kam überhaupt erst vor etwa zweieinhalb Jahrhunderten in den Besitz der Chinesen. Die ersten Besitzer waren die Portugiesen, die hier eine Handelsniederlassung gründeten und der Insel ihren wohlverdienten Namen, Formosa, die Schöne, gaben. Wie die meisten Besitzungen der Portugiesen, fiel auch diese bald in andere Hände. 1643 setzten sich die Holländer hier fest und erbauten, nahe der Nordspitze, bei Tamsui, ein Fort, das zum Teil noch heute steht und eine Zeitlang in seinen Mauern die Residenz des englischen Konsuls beherbergte. 1661 ließen die Chinesen die Fremdlinge durch ihren berüchtigten Piratenchef Koksuiga vertreiben, gewiß zum Nachteil dieses herrlichen Eilandes, das im Besitz einer europäischen Macht sich längst zu einer blühenden Kolonie entwickelt haben würde. Bis zum französisch-chinesischen Kriege von 1884 bildete Formosa einen Teil der benachbarten Provinz Fokien; damals wurde der Chinesengeneral Liu-Ming-Chuan mit einer Armee von vierzigtausend Mann nach Formosa gesandt, um die Franzosen daraus zu vertreiben, und wahrscheinlich zur Belohnung für die vielen Niederlagen, die er bis zum Friedensschlusse dort erlitt, wurde er zum ersten Generalgouverneur der neugeschaffenen Inselprovinz ernannt und konnte die Summen, die bis dahin von dem Gouverneur von Fokien vom Volke erpreßt wurden, nunmehr selbst einstreichen. Vor 1885 war nämlich der Gouverneur von Fokien gleichzeitig Fu, d. h. Präfekt, von Formosa, mit der Verpflichtung, die Insel alle drei Jahre zu besuchen. Dem Laufe der Dinge gemäß mußten bei diesen Besuchen die Unterbeamten der Insel dem Präfekten Geschenke in Geld und Waren machen, und die Mandarine kehrten von ihren Ausflügen nach Formosa gewöhnlich mit wohlgefüllten Geldsäcken zurück.

Schiffbrücke über den Handafluß.
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Liu-Ming-Chuan war übrigens ein vortrefflicher Gouverneur, ein kleiner Li-Hung-Tschang des Südens, und die Japaner, welche die Insel nun übernahmen, haben ihm sehr viel zu danken, sogar eine Eisenbahn, die zweite, die innerhalb des Bereiches des Drachenbanners überhaupt gebaut wurde. Unter seiner Regierung machten auch die wilden Stämme lange nicht so viel zu schaffen wie früher. Liu wußte sehr wohl, daß es den Chinesen nicht gegeben sei, Völkerschaften mit den Waffen in der Hand zu unterdrücken; deshalb setzte er sich mit den feindlichen Häuptlingen ins Einvernehmen, und nach dem alten Lehrsatz, daß kleine Geschenke die Freundschaft erhalten, ließ er den Häuptlingen Tücher, Decken, Pfeifen, Messer, Waffen u. dergl. verabfolgen, Dinge, welche die Häuptlinge gewissermaßen als Tribut betrachteten. Jedenfalls verhinderten sie aus Dankbarkeit dafür die bisherigen Raubzüge ihrer Stämme nach der von den Chinesen besiedelten Westhälfte der Insel, bei denen sie stets ganze Dörfer und Städte zu plündern pflegten. Aber das altherkömmliche Vergnügen, das die Formosaner darin finden, den Chinesen die Köpfe abzuschlagen, konnten die Häuptlinge nicht unterdrücken. Wie die berüchtigten Dajaken von Borneo, so sind auch die Formosaner auf Menschenköpfe passioniert. Bei manchen Stämmen darf kein junger Mann heiraten, ohne vorher mindestens den Kopf eines Chinesen dem Häuptling überbracht zu haben. Das Köpfen erfolgt aber nicht etwa in offenem Kampfe. Die jungen Leute lauern reisenden Chinesen auf, überfallen sie von rückwärts, und sobald sie die Köpfe vom Rumpfe getrennt haben, laufen sie mit diesen blutigen Trophäen ihren Lagern zu. Dort wird zunächst ein Kriegstanz ausgeführt, währenddessen der glückliche Bräutigam seine Braut in Empfang nimmt, um sie nach seiner aus Baumrinde gebauten Hütte zu führen. Dort wird die Braut von allen Squaws des Stammes besucht. Ob die Formosaner auf die Köpfe der Japaner ebensolchen Appetit haben werden wie auf jene der Chinesen, wird die Folge zeigen. Jedenfalls werden sie auf ihre eigenen Köpfe etwas mehr achten müssen als bisher. Zwischen Japanern und Formosanern herrscht entschieden größere Rassenverwandtschaft als zwischen den letzteren und den Chinesen. Wie die Japaner, so bedecken auch die wilden Formosaner ihre Körper mit Tättowierungen, eine Verrichtung, die den Weibern obliegt. Manche Krieger zeigen auf ihrer Haut ihre ganze Lebensgeschichte. Auch die Weiber werden vor ihrer Vermählung tättowiert, und am Vermählungstage müssen sie sich außerdem ihre Augenzähne ausziehen lassen. Ein eigentümlicher Gebrauch der Formosaner ist der, ihre Toten an derselben Stelle zu beerdigen, auf der sie gestorben sind, und ist dies in ihrem eigenen Hause geschehen, so werden sie unter dem Fußboden desselben eingescharrt. Kriegern werden außer Lebensmitteln auch ihre Waffen mit ins Grab gelegt.
Die Bedürfnisse der wilden, der Mehrzahl nach großen und kräftigen Formosaner sind sehr gering; ihre Bekleidung ist ebenso spärlich wie die der Malayen, und ihre Nahrung gewinnen sie durch Jagd und Fischfang. Sie sind also keine nennenswerten Abnehmer für europäische oder japanische Waren, aber dafür birgt ihre Heimat so große Naturschätze, daß die Japaner dennoch sehr bald in Beziehungen zu ihnen werden treten müssen. Ohne blutige Kämpfe wird dies nicht abgehen, denn die leichtfüßigen Formosaner leben nur in den schwer durchdringlichen Urwäldern und dem zerklüfteten Hochgebirge, dessen Gipfel die Höhe von dreitausend Metern erreichen. Dort liegen große Kohlen-, Eisen-, Kupfer- und Goldlager, die bei regelrechter Ausbeutung reichen Ertrag liefern würden, und die Urwälder bestehen hauptsächlich aus großen Kampferbäumen, auf die es die Japaner hauptsächlich abgesehen haben.
Von Wichtigkeit für den russischen und amerikanischen Markt ist auch das Vorhandensein von Petroleum in Formosa. Rußland besaß bisher eine Petroleumeinfuhr in China im Umfange von jährlich zehn Millionen Gallonen, Amerika eine solche von vierzig Millionen Gallonen; Japan dagegen bezahlte bisher jährlich zwischen drei und vier Millionen Yen für Petroleum an die genannten beiden Länder. Sollten sich die Petroleumlager auf Formosa in der That als so ergiebig erweisen, wie man glaubt, so dürfte dies der Einfuhr vom Auslande her einen empfindlichen Schlag versetzen.
Während die mineralischen Schätze Formosas noch größtenteils brach liegen, haben die von den benachbarten Provinzen des chinesischen Festlandes eingewanderten Chinesen mit gewohntem Fleiß die ungemein fruchtbaren Ebenen des westlichen Formosa in ausgedehnte Thee-, Reis- und Zuckerpflanzungen verwandelt. 1887 gelang es dem Vizekönig Liu, einige Stämme der wilden Formosaner zur Unterwerfung zu bringen. Wenigstens fand ich in der Pekinger Zeitung vom 26. Juni 1887 einen langen Bericht, in dem Liu die Vollendung einer Straße in westöstlicher Richtung quer durch Formosa von Chang-hua nach Shui-wei meldete. Dadurch konnten chinesische Truppen bis an die Ostküste vordringen und neunundachtzig Ortschaften mit einundzwanzigtausend Einwohnern der chinesischen Verwaltung einverleiben. In einem späteren Bericht meldet Liu die Unterwerfung von weiteren Distrikten an der Ostküste mit gegen sechzigtausend Einwohnern. Dieselben nahmen chinesische Ortsvorsteher und Präfekten sowie den chinesischen Kalender an, ja heute tragen sie chinesische Kleidung und Haartracht mit langen Zöpfen; sie haben Jagd und Fischfang aufgegeben und sind friedliche Ackerbauer geworden. Dadurch wurden Hunderttausende von Morgen des fruchtbarsten Landes der Kultur gewonnen. Die zahlreichen Mischlinge zwischen den Eingeborenen und Chinesen, Pepos genannt, nähern sich im Charakter mehr den Chinesen und sind ebenfalls fleißige, intelligente Pflanzer. In ihrer langsamen Weise und trotz aller Unehrlichkeit der Beamten haben die Chinesen im ganzen genommen während der zweihundert Jahre, die sie wirklich auf Formosa waren, jedenfalls mehr zuwege gebracht als die Spanier auf den Philippinen in dreihundert Jahren.
Früher bildete Reis den wichtigsten Exportartikel von Formosa; allein durch die Unterwerfung so großer Massen von Eingeborenen, die früher von Jagd und Fischfang lebten, durch die große Zuwanderung und die starken aus China nach Formosa gesandten Truppenkörper stieg der Reisbedarf der Insel derart, daß der Export vollständig aufgehört hat. An seine Stelle tritt als wichtiger Ausfuhrartikel im Norden Thee, im Süden Zucker. Der Formosathee (Oolang) wird hauptsächlich nach Amerika ausgeführt und kommt nach Europa nur in ganz geringen Mengen, vermischt mit chinesischem Thee. Zucker wurde früher nach Europa und Australien ausgeführt. Durch das Fallen der Zuckerpreise hier lohnte sich der Export nicht mehr, und der größte Teil des Formosazuckers geht jetzt nach Japan und dem chinesischen Festlande. Man sieht also, welche Wichtigkeit die Landesprodukte Formosas für Japan besitzen, das dafür wieder mit den europäischen Staaten in Bezug auf die Einfuhr wetteifert. Dieselben Artikel, die es mit so vielem Erfolg auf den chinesischen Markt wirft, führt es auch in Formosa ein, und da die Insel nunmehr ganz in den Besitz Japans übergegangen ist, wird es mit der Einfuhr europäischer Waren in Formosa, die in den letzten Jahren durchschnittlich einen Wert von fünfzehn bis zwanzig Millionen Mark erreichte, nun ganz zu Ende sein. Ein großer Teil des Warenverkehrs zwischen Formosa, China und Japan erfolgte bisher auf deutschen Schiffen; auch diese dürften in Zukunft durch japanische ersetzt werden. Bisher hatte die japanische Nipon Yusen Kaisha, eine der größten Dampfergesellschaften der Welt, wohl regelmäßige Linien nach den benachbarten Lutschuinseln und den chinesischen Häfen Amoy und Futschau, die Formosa gegenüberliegen, aber nicht nach dieser Insel selbst. Einen Monat nach dem Friedensschluß schon wurde von der Yusen Kaisha beschlossen, nunmehr auch regelmäßig Dampfer nach Formosa laufen zu lassen. Geht diese Ausbreitung des japanischen Dampferverkehrs so weiter fort, so werden noch eine Anzahl anderer deutscher Dampfer, hauptsächlich die sogenannten Tramp Steamers, in Ostasien ihren Verkehr einstellen müssen. Die Japaner unterhalten heute schon regelmäßige Dampferverbindung unter japanischer Flagge mit Korea, China, den Philippinen, Indien, Java, Australien und sogar der Südsee. Eine der ersten Thaten der Japaner auf Formosa wird es auch sein, die Seidenzucht einzuführen, was den Chinesen bisher trotz mehrfacher Versuche nicht glückte. Heute schon ist Japan neben China das wichtigste Seidenland und erreicht bei einer Seidenausfuhr im Werte von jährlich sechzig Millionen Yen beinahe die Ausfuhr von Frankreich und Italien. Formosa wird die Produktion der Rohseide noch weiter vermehren, japanische Fabriken werden sie verarbeiten; und bei den alle Konkurrenz unmöglich machenden billigen Löhnen wird die Ausfuhr der Seidenstoffe aus Japan, die heute etwa siebzehn Millionen Yen erreicht, sehr bald zu ungeahnter Höhe steigen. Deutschland ist daran mit Frankreich und Italien lebhaft interessiert, denn wir besitzen eine jährliche Ausfuhr von Seidenwaren im Werte von hundertundsechzig Millionen Mark. Diese ostasiatische Konkurrenz wird in den kommenden Jahrzehnten eine Existenzfrage für Millionen werden.
Durch die Abtretung der Insel Formosa an Japan ist auch die Kampfererzeugung sozusagen ein Monopol der Japaner geworden, denn dieser in der Arzneikunde sowohl wie in manchen Industrien so ungemein wichtige Artikel wird nur auf den südlichen Inseln des Mikadoreiches und auf der Insel Formosa gewonnen. Wohl habe ich auch auf den Sundainseln, in Siam, Malakka, Andalusien und Westindien Kampferbäume angetroffen, aber Wälder und Pflanzungen dieser höchst wertvollen Bäume haben nur die japanischen Inselgruppen bis zum fünfunddreißigsten Breitengrad aufzuweisen, und die zivilisierte Welt wurde von diesen mit dem Bedarf an Kampfer versorgt. Bisher wurde die größte Menge des rohen Kampfers nach Europa (hauptsächlich nach London und Hamburg) sowie Nordamerika verschifft und dort in eigenen Raffinerien für den Gebrauch zubereitet. Von Formosa kamen sehr bedeutende Mengen zunächst in Hongkong auf den Markt, und durch diese wurde der Preis des japanischen rohen Kampfers innerhalb gewisser niedriger Grenzen gehalten. Dadurch aber, daß Formosa nunmehr an Japan gefallen ist, beherrschen die Japaner nicht nur den ganzen Markt, sondern sie dürften auch die Ausfuhr des Rohkampfers mit hohen Zöllen belegen, um dadurch die einheimischen Kampferraffinerien zu heben.
Die Japaner werden auch gewiß die beiden bisherigen Haupthäfen Formosas, Tamsui und Tainan, aufgeben und einen dritten Hafen, Kelung, an ihrer Stelle wählen. Tamsui und Tainan sind dem europäischen Handel seit 1858 geöffnet gewesen, es sind dort eine Anzahl europäischer, darunter auch deutsche, Firmen etabliert; dieselben haben Godowns und Hongs (Geschäfts- und Warenhäuser) mit großen Kosten aufgeführt und mit vieljähriger Mühe endlich den Handel auf eine gewinnbringende Grundlage gebracht. Damit dürfte es bald ein Ende haben; die Europäer werden ausziehen und den Japanern Platz machen müssen. Nicht etwa, daß sie durch Gewalt vertrieben würden, die Japaner werden sie einfach, figürlich gesprochen, aushungern. Die beiden Häfen Tamsui und Tainan sind nämlich den Dampfern nicht zugänglich; diese müssen weit außerhalb auf offener Reede liegen bleiben, und während des Südwestmonsuns, der hier sehr stark bläst, von den hier sehr häufigen Taifuns gar nicht zu sprechen, kommt es oft genug vor, daß die Schiffe, ohne Ladung zu löschen, nach den Pescadores oder gar nach Amoy oder Futschau weiterdampfen müssen. In Kelung, das nur etwa dreißig Kilometer östlich von Tamsui an der Nordostspitze von Formosa liegt, ist die Wassertiefe bis dicht an die Werften selbst für große Kriegsdampfer hinreichend, und überdies ist der Hafen durch eine vorliegende Insel gegen Stürme geschützt. Außerdem liegen dicht bei Kelung die großen Kohlenlager, die bisher Südchina, vor allem Futschau, mit Kohlen versahen. Kelung ist also unzweifelhaft der zukünftige Haupthafen Formosas, während Tamsui und Tainan nur den chinesischen Dschunkenverkehr, wenigstens zum Teil, behalten dürften.
Tamsui sowohl wie Tainan sind nicht etwa kompakte Ortschaften wie andere chinesische Hafenstädte. Beide sind nur Sammelnamen für mehrere Ortschaften. Etwa fünfzehn Kilometer südlich des mit Tamsui bezeichneten Küstenplatzes an der Nordspitze Formosas liegt nämlich an dem Taipeifluß die gleichnamige Hauptstadt der Insel. Tamsui besitzt nur das Zollamt, einige Warenhäuser und ein altes holländisches Fort mit einigen offiziellen Gebäuden. Die europäischen Kaufleute wohnen größtenteils in Tuatutiah, einige Kilometer stromaufwärts in der Nähe von Taipei gelegen; und noch weiter stromaufwärts liegt die Chinesenstadt Banka, an der Grenze des großen Reisdistrikts von Formosa. Taipei ist eine Schöpfung des Generalgouverneurs Liu; er ließ die Stadt ganz nach amerikanischem Muster, schachbrettförmig, mit breiten Straßen anlegen, eine Straße nach Tuatutiah bauen, die Stadt elektrisch beleuchten und baute sich aus dem Erlös der Bauplätze seiner Städtegründung einen herrlichen Yamen (offiziellen Palast); selbst japanische Jinrikshaws führte er in Taipei ein.
Ebenso wie Tamsui besteht Tainan, der südliche Hafen, aus drei Ortschaften. Tainan oder Taiwan-fu ist eine von Cantonesen gegründete Chinesenstadt, etwa sechs Kilometer von der Küste entfernt gelegen und durch einen für Dschunken passierbaren Kanal mit dem eigentlichen Hafen von Tainan, Anping, verbunden. Wenn auf den Landkarten Takao, etwa fünfundvierzig Kilometer weiter südlich gelegen, als europäischer Haupthafen angegeben steht, so ist dies unrichtig. In früheren Jahren war allerdings Takao der Hauptlandungsplatz der Schiffe, allein er ist, wie gesagt, fünfundvierzig Kilometer von der Stadt Taiwan-fu entfernt und nur durch einen elenden Karrenweg mit ihr verbunden. Außerdem war das Klima den europäischen Kaufleuten nicht zuträglich, trotz der herrlichen Vegetation Takaos und des hinter ihr gelegenen Ape-hill (Affenberg). Die Kaufleute und mit ihnen der Handels- und Schiffahrtsverkehr haben sich deshalb nach Anping gezogen, das auch der Sitz der Konsulate, darunter des kaiserlich deutschen Vizekonsulats, geworden ist. Statt Takao sollte deshalb auf den Landkarten Anping als Haupthafen verzeichnet werden. Ebenso müßte statt Taiwan auf den Landkarten Tainan oder Taiwan-fu stehen, denn Taiwan ist eine ganz andere Ortschaft, im Herzen der Insel gelegen und von Liu zur Hauptstadt derselben bestimmt. Daß die Schiffe in den Häfen nicht anlaufen können, sondern kilometerweit außerhalb der Schlamm- und Sandbänke im Meere ankern müssen, kommt ja nicht nur in Formosa, sondern in anderen Häfen Ostasiens vor. Aber nirgends ist die Brandung, besonders bei Südmonsun, so heftig wie hier, wo die Wellen der chinesischen Südsee mit voller Gewalt anprallen. Deshalb ist bei Monsun die Ladung nicht einmal in kleinen Booten möglich und kann nur mittels Catamarans erfolgen. Diese sind Flöße, bestehend aus zwölf etwa sieben Meter langen Bambusrohren, in deren Mitte eine Art Badewanne festgebunden ist. In diese müssen sich die Passagiere setzen, und so werden sie von den Wellen ans Land getragen, nicht ohne jedesmal gehörig durchnäßt zu werden. Aehnlich geht die Landung der Waren vor sich, und es ist deshalb begreiflich, daß die Japaner Kelung als Haupthafen vorziehen werden.
Die Japaner werden auch binnen kurzer Zeit die von den Chinesen längst projektierte Eisenbahn vollenden, welche die Insel von Nord nach Süd durchziehend, Kelung und Tamsui mit Anping verbinden soll und von der bisher nur etwa dreißig englische Meilen in Betrieb standen.
Der unternehmende Liu betraute 1887 europäische Ingenieure mit der Ausarbeitung der Linie, übertrug aber die Ausführung chinesischen Truppen. Der zwischen Tamsui und Kelung gelegene Höhenzug sollte mittels eines Tunnels durchbrochen werden, dem chinesischen General wollte indessen das schwarze Loch nicht recht einleuchten, und so gab er den Befehl, die Bergkette mitten durchzuschneiden. Nach jahrelanger, unsinniger Arbeit wurde dieses Projekt als unausführbar aufgegeben und der Tunnel doch ausgeführt. Aber die Chinesen scheuten sich, durch diese dunkle Höhle zu fahren, und monatelang nach der Eröffnung der Eisenbahn zwischen Tamsui und Kelung blieben die Züge diesseits des Tunnels stehen, und die Passagiere überkletterten mühsam den Höhenzug, während die Züge leer durch den Tunnel rasselten. Erst allmählich gewöhnten sich die Chinesen an die Durchfahrt.
Die Briefpost wird durchweg von Läufern besorgt, und die Gebühren für einen fünfzehn Gramm schweren Brief betragen beispielsweise zwischen Anping und Tamsui zweihundertfünfzig Cash, etwa fünfzig Pfennige. Diese in Formosa zur Verwendung gelangenden Cash sind die schlechtesten von ganz China, vielfach durchlöchert und großenteils aus Eisen hergestellt. Banken giebt es auf Formosa nicht, und da es sich bei der großen Ein- und Ausfuhr doch häufig um beträchtliche Summen handelt, werden von den chinesischen Hongs (Geschäftshäusern) gewöhnlich fünfzig mexikanische Silberdollars oder japanische Yen in eine Rolle gethan, und die Papierhülle wird mit dem Hongstempel versehen. Sind diese Hongs achtbar und angesehen, so wandern die Silberrollen ungeöffnet von Hand zu Hand, bis sie auseinanderfallen. Dann kommt gewöhnlich die sonderbarste Münzensammlung zum Vorschein. Falsche Münzen werden von den Hongs, welche die Rollen ausgegeben haben, sofort gegen echte umgewechselt.
Die japanische Verwaltung hat natürlich versucht, Ordnung in diese Verhältnisse zu bringen, zum Segen des Landes und seiner Einwohner; allein bisher ist dies den Japanern nicht gelungen. Die Eingeborenen setzen den neuen Herren den heftigsten Widerstand entgegen, und es ist gar keine Aussicht vorhanden, die Insel in absehbarer Zeit dem Frieden zuzuführen.
Japan als Industriestaat.

Von beachtenswerter Seite ist vor kurzem die Ansicht ausgesprochen worden, Japan werde sich kaum jemals zu einem Industriestaate entwickeln, sondern für immer vorzugsweise ein Ackerbaustaat und deshalb auch ein bedeutender Abnehmer fremder Industrieerzeugnisse bleiben. Auf welcher Grundlage diese Bemerkungen fußen, ist schwer zu erkennen, es sei denn, daß man die Verhältnisse in dem alten Japan, wie es vor 1870 war, als Maßstab angenommen hat. Damals war Japan allerdings ein Ackerbaustaat; aber man braucht nur die verschiedenen Zweige der nationalen Thätigkeit durchzusehen, um zu erkennen, daß sich in den letzten drei Jahrzehnten eine ganz entschiedene Umwandelung des ostasiatischen Inselreiches aus einem Ackerbaustaat in einen Industriestaat vollzogen hat. Mit jedem Jahre tritt diese Umwandelung kräftiger hervor, und setzt man einige Haupterzeugnisse Japans, wie Thee, Seide und Reis, beiseite, so wird man in Zukunft mit Japan als mit einem geradezu ausschließlichen Industriestaate zu rechnen haben, dessen mächtiger Einfluß auf die Ausfuhr Europas nach Ostasien und die Küstenländer des Stillen Ozeans sich von Jahr zu Jahr mehr fühlbar machen wird.
Dank der Anregung und Unterstützung durch die japanische Regierung, dank der Vermehrung der Bevölkerung in Japan um 25 Prozent innerhalb zweier Jahrzehnte, dank dem allgemeinen Erwachen und Anspannen der nationalen Thätigkeit, hat natürlicherweise auch der Ackerbau sehr bedeutende Fortschritte aufzuweisen, die hauptsächlich der Verbesserung der Bodenbewirtschaftung und der größeren Sorgfalt zuzuschreiben sind; denn die bebaute Bodenfläche hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht in dem gleichen Verhältnis vergrößert. Während beispielsweise die Reisländereien seit fünfzehn Jahren nur um 8½ Prozent zugenommen haben, beträgt die Zunahme der Reiserzeugung das Dreifache, nämlich 25½ Prozent. Die Getreideländereien haben um 20 Prozent, die Getreideerzeugung aber um 58 Prozent zugenommen. Die Zunahme von Thee und Seide ist noch beträchtlicher, denn sie betrug innerhalb der letzten fünfzehn Jahre bei Thee etwa 240 Prozent, bei der Seide sogar 300 Prozent. Zu diesen Stapelartikeln des japanischen Ackerbaues ist durch die Einverleibung Formosas in das japanische Reich auch noch Kampfer und vor allem Zucker gekommen. Bisher war Japan in Bezug auf Zucker hauptsächlich auf die Einfuhr vom Auslande angewiesen, und sein Bedarf an diesem für die deutsche Ausfuhr bekanntlich äußerst wichtigen Artikel steigerte sich von 28 Millionen Kilogramm im Jahre 1872 auf das Fünffache, nämlich gegen 150 Millionen Kilogramm im Jahre 1898, für die es an das Ausland etwa 58 Millionen Mark bezahlte. Die eigene Erzeugung war 1894 schon auf nahezu 50 Millionen Kilogramm gestiegen, und die Verhältnisse für die weitere Vermehrung der Zuckerplantagen im japanischen Reiche liegen so günstig, daß es mit der Einfuhr von Zucker vom Auslande her voraussichtlich bald ein Ende haben wird.

Das Einsetzen der jungen Reispflanzen.
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Die genannten Agrikulturzweige waren in Japan schon bei der Eröffnung des Landes für den ausländischen Handel vorhanden und haben nur eine Steigerung erfahren. Die heutige Industrie von Japan ist aber seither in weitaus den meisten Zweigen vollständig neu geschaffen worden, und der Wohlstand, die Zukunft und Stellung Japans in Bezug auf Ostasien liegt nunmehr hauptsächlich in seiner industriellen Weiterentwickelung. Alle Bedingungen sind dafür vorhanden: Kohle, Eisen, Kupfer, Gold, Silber, Wasserkraft, Transportmittel zu Lande und zu Wasser und endlich große Absatzgebiete in unmittelbarer Nähe. Dazu kommen die Förderung und Unterstützung der Regierung, die äußerst wohlfeilen Arbeitskräfte, die ein Drittel bis ein Fünftel der europäischen Löhne beziehen, und endlich die Gewißheit, daß seit der Einführung der neuen Verträge mit den europäischen Mächten die heimischen Industrien durch Erhöhung der Einfuhrzölle noch weiter beschützt und entwickelt werden können.
Die industrielle Entwickelung Japans steht in der Geschichte geradezu beispiellos da und wird in ihrem Umfange und in ihren Gefahren für den europäischen Markt in Ostasien immer noch nicht hinreichend gewürdigt. In den ersten Industriestaaten der Welt stellt sich das Verhältnis der Ausfuhr an Industrieerzeugnissen in Bezug auf die Gesamtausfuhr wie folgt:
Von der gesamten Ausfuhr sind Fabrikate in England 82 Prozent, in der Schweiz 75 Prozent, in Deutschland 65,9 Prozent, in Frankreich 55,6 Prozent, in Belgien 37,4 Prozent, in Oesterreich-Ungarn 27,2 Prozent, in Schweden 16,4 Prozent, in Amerika 9 Prozent.
In Japan, wo es vor dreißig Jahren überhaupt keine nennenswerte Ausfuhr an Fabrikaten gab, beträgt diese heute schon 38 Prozent, und Japan steht somit in der obigen Liste an der fünften Stelle und übertrifft sogar bereits Belgien. In den letzten fünf Jahren ist die Ausfuhr von Fabrikaten aus Japan um nahezu das Dreifache gestiegen, während die Ausfuhr von Rohmaterial ziemlich stationär geblieben ist. 1872 belief sich der Wert der japanischen Warenausfuhr auf kaum einige Millionen Mark, 1899 auf etwa 180 Millionen Mark. Die hauptsächlichsten Abnehmer der japanischen Fabrikate sind naturgemäß die asiatischen Länder, wohin die Ausfuhr innerhalb zweier Jahrzehnte um 650 Prozent gestiegen ist und heute einen Wert von 150 Millionen Mark besitzt. Australien hat bis 1880 von Japan beinahe gar keine Fabrikate bezogen, heute besitzen diese einen Wert von über 5 Millionen Mark jährlich.
Es ist von großem Interesse, die Entwickelung der einzelnen Industriezweige in Japan näher zu betrachten. Diese Entwickelung steht naturgemäß mit der Beschaffung billigen Brennmaterials, d. h. mit der Ausbeutung der reichen Steinkohlengruben in innigem Zusammenhang, die Japan zunächst auf der Insel Kiushiu besitzt. Im Jahre 1886 wurden schon 2 Millionen Tonnen Steinkohlen gewonnen, 1897 6 Millionen, die Produktion hat sich somit in einem Jahrzehnt verdreifacht. Der Preis der Kohle hat sich inzwischen mehr als verdoppelt. Jetzt macht japanische Kohle der englischen bereits in Vorderindien, in Bombay, Konkurrenz. 1898 hat der Wert der Steinkohlenausfuhr 39 Millionen Mark betragen. Im Inlande selbst hat sich der Bedarf der Fabriken an Kohle in demselben Zeitraum verzehnfacht.
Der zweitwichtigste Rohstoff, nämlich Roheisen, wurde 1862 noch in ganz unbedeutenden Mengen eingeführt, nämlich 33000 Kilogramm; im Jahre 1880 betrug diese Einfuhr 6 Millionen Kilogramm, 1891 14 Millionen, 1894 sogar 40 Millionen Kilogramm, die Zunahme seit 1872 ist demnach 12000 Prozent. Der Bedarf Japans an europäischem Roheisen im Werte von 16 Millionen Mark (1894) war natürlich für die europäischen Ausfuhrländer nutzbringend. Nun giebt es aber in Japan große Eisenlager, und binnen kurzem wird dieses Rohmaterial an Ort und Stelle gewonnen werden. Der Preis des in Japan eingeführten Roheisens stellt sich auf etwa 62 Yen pro Tonne, im Lande selbst kann es aber nach einer genauen Schätzung für 15 bis 20 Yen pro Tonne erzeugt werden. Im Marinearsenal von Yokosuka bei Yokohama wird schon seit mehreren Jahren mittels ganz neuer Methoden vorzüglicher Stahl gewonnen, und das Aufhören der Einfuhr von Roheisen in Japan ist fortan nur eine Frage der Zeit. 1898 wurde Roheisen nur mehr im Wert von 10 Millionen Mark eingeführt, darunter zum Nachteile der europäischen Produzenten auch schon chinesisches Roheisen.
Die japanischen Erzlager werden auf 70 Millionen Tonnen geschätzt. In neuester Zeit baute die Regierung in Bamstamura mit einem Kostenaufwand von 18 Millionen Mark ein großartiges Eisen- und Stahlwerk mit 2 Hochöfen und 200 Koksöfen und einer jährlichen Leistungsfähigkeit von 90000 Tonnen fertiger Ware.
In Bezug auf die Fabriken veröffentlicht der Ostasiatische Lloyd folgende bemerkenswerte Statistik:
Im Jahre 1883 gab es in Japan deren überhaupt nur 84 mit im ganzen etwa 1700 Pferdestärken. Im Jahre 1893 gab es bereits 1163 Fabriken mit etwa 35000 Pferdestärken, wovon 31165 durch Dampf- und 4142 durch Wasserkraft erzeugt werden. In einem Jahrzehnt hat demnach die Dampfkraft um 2226 Prozent, die Wasserkraft 2134 Prozent zugenommen. Dabei ist die letztere noch in ihrer Kindheit. Hunderte von Wasserläufen können in Japan der Industrie nutzbar gemacht werden, so daß die Erzeugungskosten noch weitere Verminderungen erfahren werden, gewiß in größerem Verhältnis, als die Arbeitslöhne steigen. In den Baumwollspinnereien haben die Löhne seit 1899 eine Steigerung von 37 Prozent erfahren und betrugen 1898 für männliche Arbeiter 47 Pfennig, für die weiblichen 28 Pfennig den Tag. In anderen Gewerben betragen die Löhne heute wie folgt:
Tagelöhner erhalten für den Tag 75 Pfennig, Träger 1 Mark 40 Pfennig bis 1 Mark 50 Pfennig, Tischler 1 Mark 10 Pfennig bis 1 Mark 20 Pfennig, Dachdecker 1 Mark 20 Pfennig, Tapezierer 1 Mark 10 Pfennig bis 1 Mark 20 Pfennig, Mattenweber 1 Mark 10 Pfennig bis 1 Mark 20 Pfennig.
Auch Elektrizität wird seit etwa fünf Jahren immer mehr als Triebkraft angewendet, und seit 1890 wurden in Japan Elektromotoren im Werte von 5 Millionen Mark eingeführt. Mit der Zeit werden jedoch auch diese im Lande selbst fertiggestellt werden, ebenso wie heute schon die Telegraphen- und Telephonapparate. In Osaka wird eben an einer elektrischen Anlage gearbeitet, für die Wasserkräfte von 15000 Pferdestärken zur Verfügung stehen. Die ganze Triebkraft in den Fabriken Osakas beläuft sich nach dem letzten Konsularbericht über die dortigen Industrien auf 25000 Pferdestärken, und die Eigentümer der elektrischen Anlagen berechnen die Ersparnis, die durch die Anwendung von Elektrizität an Stelle der Dampfkraft erzielt würde, auf eine Million Yen jährlich.
Osaka ist auch der hauptsächlichste Sitz der japanischen Baumwollspinnerei, also jener Industrie, die von allen wohl die größten Fortschritte gemacht hat. Die ersten Anfänge datieren aus dem Jahre 1871, als der Fürst von Satsuma, Schimadzu, einige Spinnmaschinen einführte. Die Revolution unterbrach die Entwickelung, und erst 1880 griff die Regierung die Sache wieder auf, indem sie fünf Spinnereien errichtete. Das Beispiel fand im Volke bald Nachahmung, denn schon im Jahre 1886 gab es in Japan 65000 Spindeln, 1891 war deren Zahl auf 354000, 1894 auf 664000 angewachsen, 1896 betrug sie über 800000 und 1899 eine und eine viertel Million. Die Produktion von Geweben verschiedener Art betrug 1883 etwa 2⅓ Millionen Meter, 1891 schon etwa 45 Millionen Meter und 1895 etwa 65 Millionen Meter. Der Bedarf an roher Baumwolle hat sich innerhalb eines Jahrzehntes verfünfundzwanzigfacht. 1885 wurde in Japan Rohbaumwolle im Werte von über 3 Millionen Mark eingeführt, im Jahre 1898 war diese Einfuhr auf 93 Millionen Mark gestiegen. Die Einfuhr von Baumwollgarnen von Europa erreichte ihren Höhepunkt im Jahre 1888, nämlich mit 31 Millionen Kilogramm, fast ausschließlich aus England. 1894, also sechs Jahre später, war diese Einfuhr auf 10 Millionen Kilogramm gesunken, und seinerseits exportierte Japan schon im vergangenen Jahre etwa 2½ Millionen Kilogramm nach China. Japan hat sich also in Bezug auf Baumwollgarne und Stoffe von Europa bereits unabhängig gemacht. Die Folgen davon sind deutlich zu spüren; in Lancashire arbeiteten 1895 gegen 100 Spinnereien mit Verlust, während jene von Japan 16 bis 25 Prozent Dividende abwarfen. Am empfindlichsten war die Entwickelung der japanischen Spinnereien für Indien. Im Jahre 1880 wurden von dort 4500 Ballen Baumwollgarne nach Japan eingeführt, 1897 nur mehr 750, und seither ist die Ausfuhr noch weiter gefallen.
Einen ähnlichen Aufschwung hat die Seidenfabrikation und die Seidenindustrie genommen, obschon die japanische Rohseide an Güte sich nicht entfernt mit der chinesischen Seide messen kann. Im Jahre 1889 betrug die Produktion 3½ Millionen Kilogramm, wovon 2¾ Millionen Kilogramm im Werte von über 100 Millionen Mark ausgeführt wurden; 1894 betrug die Erzeugung über 10 Millionen Kilogramm, die Ausfuhr aber 6¼ Millionen Kilogramm im Werte von 170 Millionen Mark. Das betrifft nur die Rohseide. Aber auch Seidenstoffe werden in ungeheuren Mengen ausgeführt, namentlich aus der Provinz Fukui, wo es im Jahre 1890 nur 2200 Webstühle mit 3000 Arbeitern gab. Im Jahre 1894 gab es schon 12500 Webstühle mit 12000 Arbeitern, hauptsächlich Mädchen, die als Arbeitslohn für das Stück Seide 50 Yen erhalten und den Monat 5 bis 10 Stück weben können. Die Ausfuhr von Seidenstoffen besaß 1885 einen Wert von 216000 Mark, im Jahre 1898 jedoch 35 Millionen Mark.
Die Teppichindustrie in Sakai, einer kleinen Stadt in der Nähe von Osaka, beschäftigt über 16000 Arbeiter. Im Jahre 1890 wurden aus Japan 27000 Teppiche ausgeführt, 1898 bereits 800000, und heute haben die japanischen Teppiche sogar in England einen ganz bedeutenden Markt, weniger wegen ihrer Qualität, als wegen ihrer hübschen, den orientalischen Teppichen nachgemachten Muster und ihrer großen Wohlfeilheit, ein Drittel bis ein Viertel des Preises der orientalischen Teppiche.
Eine interessante Statistik betrifft den Aufschwung einer ganzen Anzahl anderer Industrien, von denen die meisten vor einem Jahrzehnt überhaupt gar nicht bestanden haben. So z. B. betrug der Wert der Gesamtausfuhr in Mark im Jahre 1889 140 Millionen, im Jahre 1899 428 Millionen. In Bezug auf die Waren gestaltete sich die Ausfuhr folgendermaßen:
1897
1898
1899
in Millionen Yen
Seide
55,6
42,0
62,6
Rohseide in Stücken
9,5
12,0
15,8
Seidengewebe
9,4
3,5
3,5
Baumwollengespinst
13,5
20,1
28,5
Baumwollenerzeugnisse
—
2,6
3,9
Reis
6,1
6,0
10,3
Thee
7,9
8,6
8,5
Kohle
11,6
15,2
15,1
Kupfer
5,6
7,3
11,4
Kamfer
—
1,2
1,8
Streichhölzchen
5,6
6,3
5,9
Matten
3,3
3,9
3,7
Porzellan
—
2,0
2,2
Zu den großgewerblichen Erzeugnissen, durch deren Herstellung die emsigen Japaner den Absatz der europäischen gleichartigen Erzeugnisse immer mehr beeinträchtigen, ist nunmehr auch noch das Bier getreten. Die bedeutendste Bierbrauerei in Tokio, die der Nihon-Bakuscha-Kaischa (zu deutsch: Japanische Biergesellschaft) stand vor etwa sechs Jahren am Rande des Zusammenbruchs; im Jahre 1895 aber verkaufte sie bereits 7515 Koku (etwa 13500 Hektoliter) Bier, und ihre Aktien stiegen daraufhin von 40 auf 80 Yen, beziehungsweise von 12½ auf 34 Yen. Nicht viel schlechter entwickeln sich die andern Bierbrauereien Japans, woraus der Rückgang der Ausfuhr deutscher Biere nach Englisch- und Holländisch-Indien, nach Japan, China, den Philippinen, kurz nach Ostasien, in der Zeit von 1891 bis 1895 von 96000 Hektoliter auf 81000 Hektoliter sich leicht erklärt.
Das Merkwürdigste in dem Aufschwung der japanischen Industrie ist die Mannigfaltigkeit der Produkte. Mit Ausnahme einer beschränkten Anzahl ganz spezieller Artikel, vornehmlich was die Chemie betrifft, wird heute in Japan alles erdenkliche hergestellt, und wenn auch die Qualität sehr viel zu wünschen übrig läßt, so werfen doch alle Industriezweige ansehnlichen Verdienst ab. Bedeutende Ausfuhrartikel sind z. B. Streichhölzer, Papiertapeten (Imitation von gepreßtem Leder), künstliche Blumen, Laternen, Vorhänge aus Glasperlen, Schildkrotartikel geworden. Japan hat heute drei große Flanellfabriken, für welche die Wolle aus Australien importiert wird. Die Fabrik in Osaka besitzt 250 Webemaschinen und 2000 Spindeln, aus Deutschland und England bezogen; in Osaka befinden sich ferner Fabriken von Wand- und Taschenuhren, Zahnbürsten, Unterwäsche aus Papier, Zuckerraffinerien, Papiermühlen, Druckereien und Schriftgießereien, im ganzen 2600 industrielle Etablissements mit 16000 männlichen und 20000 weiblichen Arbeitern. Im Maschinenbau sind ebenfalls großartige Fortschritte zu verzeichnen: die Japaner bauen bereits Lokomotiven, Eisenbahnwaggons, ja sogar ihre großen Panzerschiffe. Von 19 in den letzten 5 Jahren angeschafften Kriegsschiffen wurden nicht weniger als 12 auf japanischen Werften erbaut.
Mit dieser großartigen Entwickelung der Industrie hält auch jene des Transportwesens gleichen Schritt; die eine läßt sich ohne die andere nicht denken. Die Eisenbahnen haben innerhalb 27 Jahren um 12250 Prozent zugenommen, der Tonnengehalt der japanischen Dampfer hat in 24 Jahren um 1380 Prozent zugenommen. 1898 besaß Japan bereits 970 Dampfer mit 273000 Tonnengehalt, dazu 714 Segelschiffe mit 45000 Tonnengehalt. Schiffe japanischer Bauart besaß es 17000.
Diese ungeahnte und beispiellose industrielle Entwickelung Japans ist naturgemäß auch auf die Inlandsverhältnisse nicht ohne Einfluß geblieben. In jeder Hinsicht ist eine Steigerung der Preise eingetreten; Luxusartikel, wie z. B. Seide, sind im Preise um 30 bis 40 Prozent gestiegen, und ein japanisches Blatt veröffentlichte kürzlich eine Liste von 22 Artikeln, deren Kaufpreis in den zwei letzten Jahren um 24 Prozent gestiegen ist. Darunter befinden sich gerade die zum Lebensunterhalt wichtigsten Artikel, wie z. B. Reis, Gerste, Salz, Zucker, Brennmaterial, Metallartikel, Baumwollwaren.
Für eine weitere Reihe von Jahren wird sich die japanische Industrie in demselben Maße wie bisher wohl noch weiter entwickeln, aber mit der Zeit wird auf dem ostasiatischen Markte selbst Japan ein wichtiger und gefährlicher Konkurrent entstehen, nämlich China.
Freilich dürften darüber noch viele Jahrzehnte vergehen, und in diesen wird Japan aus dem chinesischen Handel von allen beteiligten Staaten den allergrößten Nutzen ziehen, denn es liegt an der Pforte zu dem chinesischen Reiche und kennt die Verhältnisse, Eigenheiten und Bedürfnisse des chinesischen Volkes wie kein anderes Industrieland. Die europäischen Mächte holen den Japanern während jeder Expedition, an denen sie beteiligt sind, einfach die Kastanien aus dem Feuer. Aber daran ist nichts zu ändern.

Eisenbahn-Gepäckzettel für Yokohama.
Dschiudschutsu.

Dschiudschutsu ist ein japanisches Wort, das gewiß nur den allerwenigsten bekannt sein dürfte. Selbst Leuten, die jahrelang in Japan gelebt haben, wird es kaum jemals zu Ohren gekommen sein. Es steht in keinem mir bekannten Buche über Japan, und die einzige Abhandlung, die ich darüber gesehen habe, befindet sich in den Transactions of the Asiatic Society. Sie hat Kano Dschigoro, einen der größten Lehrer des Dschiudschutsu, zum Verfasser.
Aber das fremdartige unbekannte Wort wird gewiß mit der Zeit auch in Europa immer geläufiger werden, denn Dschiudschutsu ist der Schlüssel zum japanischen Volkscharakter in seinen Beziehungen zum Ausland, es ist das Geheimnis der Erfolge des fernen Inselreiches.
Dschiudschutsu heißt etwa: durch Nachgeben siegen.
Während die vielen Gebäude der kaiserlichen Hochschule in Tokio den modernen europäischen Baustil zeigen, steht mitten unter ihnen auch ein Haus in rein japanischem Stil mit dem Unterschied, daß es an Stelle der horizontal verschiebbaren Papierfenster Glasscheiben besitzt. Ueber der Thür dieses langen, niedrigen Gebäudes stehen in chinesischen Schriftzeichen die Worte Zui-ho-kwan, d. h. „Die Halle unseres heiligen Landes”. Tritt man in das Innere, so befindet man sich in einer geräumigen Halle ohne irgendwelche Einrichtungsstücke, nur daß der erhöhte Fußboden mit dicken, weichen Matten bedeckt ist. Zeitweilig ist diese Halle mit Studenten gefüllt. In der Mitte des Raumes, auf den weichen Matten, befinden sich dann vielleicht zehn bis zwölf junge Leute, nur mit einem dünnen Leibchen bekleidet, die anscheinend, immer zwei und zwei, im Ringkampf miteinander begriffen sind. Rings um sie stehen Gruppen von Studenten, welche mit der größten Aufmerksamkeit den verschiedenen Bewegungen der Ringer folgen. Aber ihr Gesichtsausdruck ist wie in Stein gegraben. Niemals zeigt sich irgend eine Freude, eine Teilnahme, niemals wird ein Wort des Beifalls hörbar. Ist ein Zweikampf zu Ende, dann treten zwei andere junge Leute vor, und so geht es oft stundenlang bei Grabesstille weiter.
In dieser Halle wird Dschiudschutsu gelehrt. Die vermeintlichen Ringkämpfe sind nicht solche, wie wir sie üben, und wie sie in England, Amerika, in der Schweiz und von den professionellen Ringkämpfern auch in Japan zur Vorführung kommen, sondern die uralte Kunst der Samurai, der japanischen Kriegerkaste, ohne Waffen zu kämpfen. Häufig wurden sie auf ihren Reisen, vielleicht im Lager oder zur Nachtzeit, überrascht und hatten keine Waffen bei der Hand, um ihre Angreifer mit solchen zu besiegen. Dann brachten sie Dschiudschutsu zur Anwendung, und gewöhnlich gelang es ihnen, selbst die stärksten Gegner kampfunfähig zu machen, ja lebensgefährlich zu verwunden, wenn nicht gar zu töten.
Für Dschiudschutsu ist keine besondere Körperkraft erforderlich, sondern langjährige Uebung, Kaltblütigkeit, Ruhe und die Kenntnis der menschlichen Anatomie. Schon als Knaben begannen die Samurai sich in dieser Kunst zu üben, und selbst für den Stärksten, Kräftigsten unter ihnen war eine siebenjährige fortdauernde Uebung erforderlich, um in Dschiudschutsu Meister zu werden. Die Geheimnisse dieser Kunst müssen bei den Samurai auf das strengste gewahrt werden, und auch heute scheinen ihre Nachfolger unter Eid verpflichtet zu sein, alle Finten als Geheimnis zu bewahren, weshalb darüber auch nichts oder doch nur sehr wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen ist.
Der Meister des Dschiudschutsu bringt nicht seine eigene Körperstärke bis zur Ermüdung in den Kampf, sondern er verwendet die Stärke seines Gegners, um ihn zu besiegen. Er veranlaßt den Gegner zu einem heftigen Angriffe und weicht diesem geschickt aus, er verleitet den Gegner vielleicht zu dem Versuche, mit aller Kraft seinen Arm auszurenken, aber während wir gewöhnlich mit Aufwendung unserer Kraft einem solchen Versuche entgegenarbeiten, giebt der Meister des Dschiudschutsu plötzlich geschickt nach, der Widerstand hört auf, und durch die unwillkürliche Weiterbewegung renkt sich der Gegner seinen eigenen Arm aus. Für jede Stellung, jeden Angriff giebt es eine derartige Finte, die nicht auf Stärke, sondern auf Geschicklichkeit und genauester Kenntnis des menschlichen Körperbaues beruht und die, wenn erfolgreich, ein ausgerenktes Gelenk oder ein gebrochenes Bein oder ein gebrochenes Genick zur Folge hat. Der Kenner des Dschiudschutsu siegt nicht durch den Angriff, sondern, wie das Wort selbst besagt, durch Nachgeben, ja er thut mehr als das, er unterstützt das Nachgeben durch einen schlau berechneten Kunstgriff, gegen welchen Stärke allein nicht gewachsen ist.
Es ist schwer, ein für unsere Verhältnisse verständliches Beispiel davon zu geben. Auch der spanische Stierkämpfer verwendet Dschiudschutsu und besiegt dadurch den Stier desto leichter, je stärker und massiger dieser ist. Soll er den Todesstoß ausführen, so verleitet er das wütende Tier, auf das entfaltete rote Tuch in seiner ausgestreckten Linken loszustürzen; dann springt er geschickt zur Seite, ohne daß der massige Stier dieser raschen Bewegung folgen kann, und stößt ihm den Degen in den Nacken. Das ist auch Dschiudschutsu, aber lange nicht so fein, so geschickt und kunstvoll wie das Dschiudschutsu der Japaner, von welchem das, wie es im Zweikampf zum Ausdruck kommt, nur eine der vielen Verwendungen ist. Dschiudschutsu ist nämlich nicht allein auf die Abwehr eines persönlichen Angriffes berechnet, es ist eine ganze Wissenschaft für den Schwachen gegenüber dem Starken, ein, wie Lafcadio Hearn in einem seiner Bücher sagt, philosophisches, ein ökonomisches und ethisches System. Es lehrt, wie man der Kraft nicht Kraft gegenüberzustellen braucht, sondern, wie man den Angriff leitet und zu eigenen Gunsten verwendet, es lehrt im Gegensatz zu den geraden Wegen des Abendländers die krummen Wege des Orientalen, und es ist demnach beinahe der Ausdruck eines Rassengeistes, der von den in Ostasien interessierten Mächten verstanden werden muß, wenn sie dem Japaner erfolgreich gegenübertreten wollen.

Großes Eingangsthor zum Honganitempel in Nagoya.
❏ GRÖSSERES BILD
Wie der einzelne Samurai Dschiudschutsu benutzt, so war das ganze Auftreten der Japaner gegenüber dem Auslande bisher nichts weiter als Dschiudschutsu. Man wird es in der ganzen Geschichte des letzten Jahrzehntes als den Grundton der japanischen Politik vorfinden, und ist Japan aus seinen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Krisen bisher erfolgreich hervorgegangen, so hat es dies hauptsächlich gerade diesem, den japanischen Staatsmännern so geläufigen Dschiudschutsu zu danken.
Welcher Japanschwärmer (und Europa hat deren so viele!) hätte nicht vor zwei Jahrzehnten mit Bestimmtheit darauf gerechnet, Japan würde die abendländische Kultur in Bausch und Bogen annehmen, nicht nur die Industrie, Verkehrsmittel und Wissenschaften, sondern auch die Moral, und vor allem das Christentum? Wer hätte nicht darauf gerechnet, die Japaner würden mit der europäischen Kleidung auch europäische Sitten annehmen, ihr Land den Europäern öffnen, europäisches Kapital durch Gewährung günstiger Bedingungen heranziehen, um seine natürlichen Hilfsquellen zu entwickeln? Man hielt die Japaner für so aufgeweckt, so intelligent, so ehrlich und gerade, daß man auf das Entstehen eines europäischen Kulturstaates in Ostasien hoffte, man half ihnen bona fide in jeder Hinsicht, man hielt ihnen sozusagen die Leiter, damit sie leicht und bequem emporklettern konnten. Es war aber alles im Grunde genommen nur Dschiudschutsu, ein Spielen der Schwachen mit den Kräften der Stärkeren, ein rücksichtsloses Ausbeuten dieser Stärkeren zur Förderung ihrer eigenen nationalen Bestrebungen, ein Kampf zwischen den Orientalen und den Europäern, bei welchem die letzteren einfach an der Nase herumgeführt wurden. Es wäre gut, das in allen Einzelheiten aufzudecken, als Warnung für die Zukunft. Besonders für das Deutsche Reich ist es von Wichtigkeit, jetzt, nachdem dasselbe in Ostasien festen Fuß gefaßt hat und nicht nur in China, sondern auch im Stillen Ozean der Nachbar von Japan geworden ist.
Man halte sich doch ein wenig das Werden des modernen Japan vor Augen: überallhin hat es seine äußerlich so bescheidenen, liebenswürdigen und zutraulichen Sendboten ausgesandt, um Industrieen, Wissenschaften, Armeen zu studieren, ohne daß man dabei etwas anderes vermutete als den guten Willen, sich ganz auf die europäische Kulturstufe emporzuheben. Ja, einer der besten Kenner des fernen Ostens, der frühere englische Gesandte Sir Harry Parkes, berichtete an seine Regierung, Japan thäte dies alles nur aus Nachahmungsgeist, ohne ernste Ziele, und es würde sich aus Japan eine Art südamerikanische Republik entwickeln!
Was geschah in Wirklichkeit? Japan holte sich alle unsere modernen Erfindungen und Entdeckungen, es prüfte alle Systeme, die es vorfand, und nahm sie im eigenen Lande nicht etwa gerade so auf, nein, es verwendete sie nur so weit, als sie zur Förderung seiner Starke nötig waren. Es benutzte Europa, wie gesagt, als eine Stufenleiter, über welche es hinwegschritt, um an die Spitze des fernen Orients emporzugelangen. So ist das heutige Japan als Nachbar der deutschen Kolonien in Ostasien nicht etwa, wie man gehofft hatte, ein europäisches Kulturreich, sondern trotz seiner modernen Armee, trotz seinen Eisenbahnen, Telegraphen und Maschinen ebenso orientalisch, ebenso japanisch, wie vor Jahrhunderten. In dem Kampfe, der sich zwischen den europäischen Großmächten und außereuropäischen selbständigen Reichen seit geraumer Zeit abspielt, sind die meisten der letzteren unterlegen, Japan allein ist es geglückt, die Kräfte des Stärkeren auszunützen, um selbst stark aus dem Kampfe hervorzugehen. Es hat einfach das wunderbare, ihm eigene System der Selbstverteidigung angewendet, das nationale Dschiudschutsu.
Ich habe im Laufe der letzten Jahre unzählige Male Gelegenheit genommen, in Zeitungen und Vorträgen auf diese eigentümliche Wandlung Japans, also stets innerhalb des Rahmens seiner nationalen Eigenart, hinzuweisen. Japan ist ganz Japan geblieben und wird auch Japan bleiben. Man entgegnete mir, beispielsweise in Bezug auf die Kleidung, die Regierung hätte doch die europäischen Trachten eingeführt, der Kaiser sei mit gutem Beispiel vorangegangen, und er besitze eine solche Machtfülle und Autorität, daß die Japaner gewiß binnen kurzem seinem Beispiel folgen würden. Man rechnete auf einen ungeheuren Markt von Kleidern, Stiefeln, Hüten, Wäsche und dergleichen in Japan, und ich erhielt selbst zahlreiche Anfragen von Kaufleuten und Industriellen in Bezug auf diese kommenden „großen Geschäfte”. Es war alles nur Dschiudschutsu, alles Schein. Die abendländischen Trachten sind für Japan geradezu unmöglich und undenkbar. Der Japaner hätte nicht nur seine eigenen Füße in die engen Lederstiefel zu zwängen, sondern ich möchte sagen auch seine ganze Lebensweise, er müßte sein Hauswesen, die Einrichtung seiner Wohnung von unterst zu oberst stürzen. Seine schlafrockartige Nationalkleidung, der Kimono, gestattet ihm, direkt auf dem Boden niederzuhocken; er bedarf deshalb auch keiner Stühle, keiner Tische; seine nationale Kleidung ist auch im Winter warm genug, um ihm den Ofen entbehrlich zu machen. Die so leicht abzustreifenden Holzsandalen gestatten ihm, in seinem Hause in Socken einherzugehen und demnach den Fußboden mit feinen weißen Matten zu bekleiden. Die Einführung der Stiefel würde Dielen oder Parkettböden zur Folge haben, die Einführung von europäischen Kleidern Oefen zum heizen der Wohnungen, die Oefen würden wieder die feuergefährlichen Holz- und Papierwände unmöglich machen.
Die europäischen Hosen gestatten kein Niederkauern auf die Waden; es müßten nun in allen Haushaltungen Stühle und damit auch Tische eingeführt werden. All das wäre gleichbedeutend mit dem Umbau oder vielmehr Niederreißen der bisherigen Wohnhäuser und dem Aufbau, der Einrichtung neuer Häuser. Wo aber sollten die fünfundvierzig Millionen Japaner, im ganzen großen ein armes Volk, das Geld hernehmen, um nicht nur neue Kleider zu kaufen, sondern auch neue Wohnhäuser zu bauen? Wer sich das vor Augen hält, der sieht, wie unsinnig die Hoffnung der Japanenthusiasten in dieser Hinsicht war.
Aber selbst in den Hofkreisen und in den Regierungsämtern ist die europäische Tracht nur im öffentlichen Dienste eingeführt. Als ich die Ehre hatte, vom Kaiser in Privataudienz empfangen zu werden, hörte ich, daß er zu diesem Zwecke die europäische Militäruniform erst anlegte, vor und nach der Audienz trug er, wie in seinen Privaträumen überhaupt, den Kimono. Der Minister des Aeußern empfing mich in seinem Bureau im Ueberrock nach abendländischen Schnitt; als ich ihn einige Stunden später im Klub traf, trug er den Kimono. Als ich nach Korea reiste, stiegen mit mir eine Anzahl gestiefelter und gespornter Kavallerieoffiziere, den Säbel zur Seite, den Revolver im Gürtel, auf das Schiff, um sich zu ihren Truppenkörpern an die Front zu begeben. Eine halbe Stunde später kamen sie, ihre sonst nackten Körper nur mit einem Kimono bekleidet, die nackten Füße in Sandalen steckend, aufs Verdeck. In der Reichshauptstadt tragen die Beamten nur in ihren modern europäisch eingerichteten Aemtern europäische Kleidung; zu Hause und im Privatleben kleiden sich nicht nur sie, sondern auch alle Generale und Admirale und Polizeikommissare gut japanisch. Sonst haben nur noch die Aerzte, Studenten und eine kleine Klasse von eingefleischten Reformfreunden unsere Kleidung. Die großen Massen der Japaner aber, von tausend neunhundertneunundneunzig, sind urjapanisch geblieben. Als ich mich erkundigte, warum in den Aemtern überhaupt unsere Kleidung getragen würde, antwortete man mir: des guten Eindruckes wegen, im Verkehr mit Diplomaten, Ausländern und dergleichen. Also wieder Dschiudschutsu.
Es geschieht aber nicht nur aus ökonomischen und Bequemlichkeitsgründen, wenn die Japaner an ihrer altjapanischen Kleidung festhalten, es geschieht aus Nationalstolz und gleichzeitig aus Mißachtung der Ausländer, um nicht zu sagen Haß gegen dieselben. Sonst würde man doch in den geöffneten Häfen, in Yokohama, Nagasaki, Kobe, wenigstens vereinzelt europäisch gekleidete Japaner und japanische Häuser im europäischen Baustil antreffen. Aber auch dort sind ausschließlich die Fabriken, Arsenale, Brauereien, Post- und Zollämter notwendigerweise im europäischen Baustil, alles andere ist trotz dem innigen Verkehr und Beisammenleben mit den Europäern urjapanisch: Baustil, Kleidung, Religion, Festlichkeiten, Sitten und Gebräuche.
Aehnlich ist es mit der Moral gegangen. Wir betrachten die Monogamie als unzertrennlich von der europäischen Kultur. Die Japaner nahmen sich aber von dieser nur, was sie davon brauchen konnten. Die Monogamie paßte nicht zu ihren Sitten, und so sind sie Polygamisten geblieben, vom Kaiser abwärts. Die Geishamädchen, die leichtfertigen Yoshiwaras, der Verkauf der Töchter durch die Eltern, alles ist noch beim alten. Was den Japanern paßte, war die Unterstellung der Yoshiwaras unter die Sitten- und Sanitätspolizei, und deshalb wurde sie eingeführt. Wie elastisch die berühmte „europäische Kultur” der Japaner in Bezug auf die Moral ist, dafür genügt die folgende Notiz, welche noch 1897 die Runde durch die europäischen Blätter machte: „Die japanische Regierung erteilt jetzt in Menge armen Eltern die Erlaubnis, ihre Töchter zu verkaufen, damit die Familien Brot in das Haus bekommen. Die zur Zeit in Japan herrschende Hungersnot ist so furchtbar, daß die Regierung diesen schmachvollen Handel sogar ermutigt. Für die Eltern jedes Opfer zu bringen, um sie vor Entbehrungen zu bewahren, ist in Japan etwas Selbstverständliches. Das Mädchen verkauft sich als zweite Frau an einen reichen Japaner. Ihr Alter muß mindestens zwölf Jahre betragen. Der Kaufpreis beträgt jetzt nur fünfundzwanzig Frank, unter gewöhnlichen Verhältnissen aber tausend Frank. Der Kaufkontrakt wird gerichtlich abgeschlossen. Nach drei Jahren muß der Käufer das Mädchen freilassen, sobald das Geld, welches er für dasselbe verwendet hat, ihm zurückgezahlt ist, und nach sechs Jahren ist das Mädchen überhaupt wieder frei ohne irgend welche Zurückzahlung.”
Ebensowenig, wie ohne Moral, können wir uns die europäische Kultur ohne Christentum denken. Aber die Japaner stehen diesem nicht nur feindlich oder doch vollkommen gleichgültig gegenüber, sie sind überhaupt trotz Buddhismus und Shintoismus kein religiös angelegtes Volk. Als im Jahre 1549 einer der größten Apostel der katholischen Religion, der heilige Franziskus Xaverius in Kagoschima auf der Insel Kiushiu landete, war allerdings Aussicht vorhanden, die Japaner zum Christentum zu bekehren, denn vor allem war der heilige Eifer und die Ueberzeugungskraft dieses erfolgreichsten aller Missionare des Christentums unwiderstehlich; überdies benutzten die Heerführer der zwei großen damaligen Daimioparteien, der Minamoto und Taira, das Christentum für ihre politischen Zwecke, und der gelehrte Japanforscher Ernest Satow führt als weiteren Grund ein historisches Dokument des Daimio von Yamagutschi an, in welchem dieser den katholischen Missionaren Konzessionen erteilt, damit „sie die Religion des Buddha predigten”, denn in ihrer Unwissenheit betrachteten die Japaner damals die christliche Lehre als eine höhere Form des Buddhismus.
Die schreckliche Niedermetzelung der Christen im siebzehnten Jahrhundert ist bekannt, und seither ist das Christentum in Japan nicht mehr wiedererstanden. Wohl gestattete Japan später wieder die Religionsfreiheit, aber doch nur aus Gründen des Dschiudschutsu. Die Regierung konnte den europäischen Mächten gegenüber in dieser Hinsicht keinen Widerstand entgegensetzen, wollte sie als Regierung eines Kulturstaates gelten, und sie konnte um so leichter die Missionare ins Land lassen, als sie wußte, daß, um nur ein Beispiel hervorzuheben, die christliche Lehre, welche es dem Gatten gebietet, Vater und Mutter zu verlassen, um dem Weibe zu folgen, mit den Grundgesetzen der japanischen Kultur in allerdirektestem Widerspruch steht und auf großen Erfolg der Missionare also nicht zu rechnen war. Wieder Dschiudschutsu, durch Nachgeben siegen. Die Regierung hatte richtig gerechnet. Nur die katholische Religion mit ihren 92 Missionaren hat verhältnismäßig Erfolg, denn trotz der geringen Mittel, die den letzteren zu Gebote stehen, haben sie doch eine Gesamtzahl von etwa 50000 Katholiken im Lande. Hätte die Regierung wirklich die Absicht gehabt, aus Japan einen europäischen Kulturstaat zu machen, sie hätte das Christentum als Staatsreligion einführen können, aber statt den europäischen Glauben führte sie im Gegenteil den altjapanischen heidnischen Glauben, Shinto, als Staatsreligion ein und läßt nicht nur dem Kaiser, sondern auch den Bildnissen des Kaisers dieselbe Verehrung vom Volke zu teil werden, wie einem Gott. Wie die Japaner in dieser Hinsicht den europäischen Mächten und deren Gesandten in Tokio scheinbar nachgaben und dabei doch ihre eigene Stellung stärkten, so geschah es auch mit der Eröffnung ihres Landes für europäischen Handel und Industrie. Alles nur Dschiudschutsu, bei welchem nicht nur politische Schachzüge, sondern auch vornehmlich Rasseninstinkt mitwirkten.
Japanenthusiasten frohlocken über den vermeintlichen Einzug der europäischen Kultur in Japan. Herrscht diese irgendwo in einem Staate, so gilt es wohl als selbstverständlich, daß dieser Staat den fremden Touristen, Kaufleuten und Industriellen und dazu auch ihren Unternehmungen geöffnet ist. Könnte man sich etwa England oder Frankreich denken, mit verschlossenem Inland und nur fünf oder sechs Häfen, in welchem Ausländer wohnen und Handel treiben dürfen? Genau dasselbe that aber Japan, und doch verstand es, überall den Glauben an seine europäische Kultur zu erwecken. Seine Emissäre, Studenten, Beamten durchzogen frei und ungehindert die ganze Welt, das eigene Inland aber blieb dieser Außenwelt verschlossen. Der Grund war, wie gesagt, Rasseninstinkt, der sich zuweilen auch bei uns, aber nur untergeordneten Rassen gegenüber, geltend macht. So verschlossen sich Amerika und Australien der chinesischen Einwanderung, weil die Chinesen den Kaukasier in den Lebensbedingungen unterbieten und bei ungehinderter Einwanderung den Kaukasiern von unten herauf Konkurrenz machen könnten. Die Japaner haben den Spieß umgedreht. Der Kaukasier überbietet in seinen Lebensbedingungen den Orientalen, er bringt ihm von oben herab Konkurrenz, gelangt durch seinen Reichtum, sein Wissen, seine Energie, seine positiven Eigenschaften zur Herrschaft, wie der Chinese etwa gewissermaßen durch seine negativen Eigenschaften. Das erkannten die Japaner, oder fürchteten es wenigstens, und bei ihrem ausgesprochenen Nationalstolz traten demgegenüber alle anderen Rücksichten, die Erschließung der natürlichen Hilfsquellen Japans durch Europäer, die Hebung des nationalen Reichtums, die Erhöhung der Einnahmen und dergleichen, in den Hintergrund. Die Japaner haben gesehen, daß, wo immer Europäer in einem außereuropäischen Lande freie Hand bekamen, dieses Land früher oder später seine Selbständigkeit verlor, und deshalb hielten sie ihr Land verschlossen, bis ihre eigenen Einwohner in politischer, kommerzieller und industrieller Hinsicht selbständig geworden waren und das Heft demnach in Händen hielten. Europäische Lehrmeister halfen ihnen dazu auf jedem einzelnen Gebiete, und wußten die Japaner, was sie wissen wollten, dann wurden die europäischen Lehrer entlassen und aus dem Lande geschickt.
Nun konnte dem Druck der Mächte in Bezug auf die Aufschließung des Landes nachgegeben werden, aber auch nur mit Dschiudschutsu, welches dieses Nachgeben in einen glänzenden Sieg für Japan verwandelte. Das Land wurde geöffnet, Ausländer dürfen im Inlande wohnen und Handel treiben, sie mußten aber dazu ihre eigene Gerichtsbarkeit aufgeben und sich der japanischen Gerichtsbarkeit unterwerfen. Ihre bisher ihnen gehörigen Landkonzessionen in den offenen Häfen fallen an Japan zurück; sie dürfen in Japan keinen Grundbesitz käuflich erwerben, sondern nur auf eine gewisse Zeit mieten, und nach dem Tode des Mieters fallen die Grundstücke auch vor Ablauf der Mietzeit an Japan zurück. Der Küstenhandel ist ihnen nicht gestattet, selbst nicht mit einigen der bisher offenen Häfen, und aller Handel der Ausländer wird empfindlich besteuert.
Auf diese Art wird den Europäern in Japan kein besonders verlockender Aufenthalt geboten, ja der Vertrag ist eher geeignet, die dort seit Jahren und Jahrzehnten ansässigen Europäer aus Japan zu vertreiben. Ihr Handel mit den Japanern war nur durch ihre gesicherte Stellung und im Schutze ihrer eigenen europäischen Gerichte halbwegs einträglich. Nun sollen sie sich den japanischen Richtern unterwerfen? Wohl nur ein Bruchteil dürfte sich dazu entschließen. Japan hat sein Land den Europäern erschlossen, aber so, daß es von diesen in Zukunft voraussichtlich mehr verschont bleiben wird als bisher. Wieder Dschiudschutsu, durch Nachgeben siegen.
England war es diesmal, das sich zuerst übertölpeln ließ; die anderen Mächte folgten, obschon die Notwendigkeit dafür keineswegs selbstverständlich erscheint.
Sechzehn Mächte mit sechzehn Gesandten standen den Japanern gegenüber, aber das japanische Dschiudschutsu half diesen über alle Argumente hinweg und gab ihnen die vollständige Unabhängigkeit und Gleichstellung mit den ersten Mächten der Erde, ohne daß sie dafür irgend etwas geopfert hätten, ja im Gegenteil, sie eroberten sogar alle Verluste und Nachteile ihrer früheren Verträge zurück.
Diese politischen Siege wurden durch den erfolgreichen Krieg mit China erheblich gestärkt, er hat den Japanern Zuversicht in ihre militärische, den Europäern abgelauschte Organisation gegeben, er hat das Nationalgefühl gehoben, die Parteien dem Auslande gegenüber geeinigt, so daß Japan schon heute auf weitere Erwerbungen in Asien, auf festeres Auftreten gegenüber den europäischen Mächten spekuliert. Nichts bringt dies klarer zum Ausdruck als eine damalige Rede des früheren Ministers des Auswärtigen, Graf Okuma, in der es heißt:
„Die europäischen Mächte zeigen bereits Anzeichen des Verfalles, und das kommende Jahrhundert wird Zeuge sein von der Zertrümmerung ihrer Verfassung und dem Auflösen ihrer Reiche. Selbst wenn das nicht eintreten sollte, werden ihre Hilfsquellen durch die erfolglosen Versuche zur Kolonisation aufgebraucht sein. Wer soll dann ihr Nachfolger werden, wenn nicht wir? Welcher Staat, ausgenommen Deutschland, Rußland, Frankreich, Oesterreich und Italien, kann binnen einem Monat 200000 Mann ins Feld stellen? In Bezug auf intellektuelle Kraft ist der Japaner den Europäern in jeder Hinsicht gewachsen, ja, noch mehr. Haben die Japaner nicht die Vervollkommnung einer Erfindung zuwege gebracht, welche den Europäern trotz jahrelanger Arbeit nicht gelang? Unser Volk setzt durch die Vorzüge seiner Arbeit sogar das erste Arbeitsvolk, die Franzosen, in Erstaunen. Wahr ist es, unser Volk ist klein von Statur, aber die Ueberlegenheit des Körpers beruht nicht auf der Größe, sondern auf der Konstitution. Ist die Revision der Verträge vollzogen, und hat Japan China besiegt, dann sollten wir eine der ersten Großmächte der Welt werden, und keine andere Macht könnte sich in irgend eine Unternehmung einlassen, ohne zuerst uns zu befragen. Japan könnte dann mit Europa in Wettbewerb treten als der Vertreter der orientalischen Rassen.”
Diese Sätze geben viel zu denken, zumal die für Europa so ungünstigen Vertragsbestimmungen zur Einführung gekommen sind, und der Krieg mit China in der That den Japanern die leitende Stellung in Ostasien gegeben hat. Schon denkt es an das von Okuma angedeutete, wenn nicht klar ausgesprochene Zusammengehen der orientalischen Rassen, denn erst kürzlich drang die Nachricht zu uns nach Europa, daß Japan sich um den Abschluß eines Bündnisses mit China bemüht. Dieses ist durch das Einschreiten Rußlands vorläufig verhindert worden, aber schon der Versuch allein sollte dem Europäer zu denken geben. Schon haben beachtenswerte Gelehrte wiederholt die Ansicht ausgesprochen, daß unser Erdball niemals ganz durch das Abendland beherrscht werden wird und daß die Zukunft den orientalischen Rassen gehört, und wer diese letzteren, vor allem die Japaner und die Chinesen, kennen gelernt hat, der wird solche Ansichten leider nicht ohne weiteres von der Hand weisen können. Darüber, daß die europäischen Völker den orientalischen weitaus überlegen sind, herrscht wohl nirgends ein Zweifel, ebenso wahr ist es aber auch, daß die orientalischen Völker die fähigsten zum Ueberleben sind. Schon in der gewöhnlichen Lebenskraft stehen die abendländischen Völker weit hinter den Orientalen zurück. Die letzteren haben sich unsere so teuer erkauften Erfindungen und Errungenschaften ohne irgend welche Gegenleistung angeeignet und verwenden sie, ohne auch nur entfernt unsere Bedürfnisse zu haben. Der Lebensunterhalt eines Abendländers genügt für mindestens ein Dutzend Orientalen. Unser Lebens- und Ernährungsprozeß ist viel zu kostspielig, als daß wir in einem künftigen Wettlaufe mit den jetzt schon viel zahlreicheren Orientalen dort ganz sicher als Sieger hervorgehen sollen. Gerade in den künstlichen und kostspieligen Verhältnissen, welche mit unserer Ueberlegenheit verbunden sind, liegt unsere Schwäche. Wohl wird demgegenüber entgegnet, daß, je mehr die Orientalen sich unserer Kultur ergeben, auch ihre Bedürfnisse sich in demselben Maße steigern werden, wie es thatsächlich schon in Japan der Fall ist. Aber bleiben wir denn in dieser Hinsicht stehen? Steigern sich nicht auch vielleicht in noch größerem Verhältnis unsere Bedürfnisse? Man braucht nur an die Zeit unserer eigenen Väter zu denken, um zu sehen, wie sich unsere ganzen Lebensbedingungen verbessert, aber auch entsprechend verteuert haben, und wird das, wie bisher, nicht auch in Zukunft der Fall sein?
Die durch die Verträge mit Japan anerkannte Gleichstellung der Europäer mit den Japanern, die Unterstellung der ersteren unter die Gesetze der letzteren, die vermehrten Handelsbeziehungen mit Ostasien, die immer steigende industrielle Thätigkeit des Abendlandes und dementsprechend auch das Bedürfnis immer größerer Absatzgebiete, die Erwerbung von Kolonien in China und im Stillen Ozean und damit auch die gefährliche Nachbarschaft eines Reiches wie Japan bringt die vorhin ausgesprochenen Fragen der Gegenwart immer nachdrücklicher vor Augen. Nicht nur Ostasien ist in den Vordergrund gerückt, auch die Ostasiaten sind es, und es ist deshalb keineswegs zwecklos, noch einmal in die Warnungstrompete zu stoßen. Ein bißchen weniger Vertrauensseligkeit in Bezug auf die Orientalen wäre gewiß von größtem Nutzen. Man hat bisher wohl sehr viel mit den ostasiatischen Reichen sich beschäftigt, aber wenig mit dem eigenartigen, verschlossenen, schwer zu erfassenden Charakter ihrer Völker.