← Table of contents
China und Japan

Erster Teil: China. (continued 6)

Reading edition

Ich war in Tientsin. Zu meiner Linken erhob sich der Yamen des Vicekönigs von Petschili, während so langer Jahre die Residenz von Li-Hung-Tschang, und ein paar hundert Schritte weiter sah ich die neuerstandene französische Kirche mit ihren Türmen und kaiserlichen Schutztafeln, im Jahre 1897 aus den Trümmern jener Kirche wieder erbaut, die vor einunddreißig Jahren von fanatischen Chinesen geplündert und verbrannt worden war. Eine Stunde später legte mein Boot am Bund der europäischen Ansiedelung, dem Astor Hotel gegenüber, an, meine Irrfahrten im chinesischen Lande waren vorüber, ich befand mich wieder unter Europäern.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Meine Bootsleute auf dem Kaiserkanal.

Tientsin.

V
V

Von Tientsin wird im Abendlande vielfach als von einer Seestadt, dem Hafen Pekings und der Hauptstadt der Provinz Petschili, gesprochen; aber alle drei Bezeichnungen sind nur in beschränktem Grade richtig. Tientsin ist keine Seestadt, sondern liegt etwa fünfzig Kilometer vom Meere entfernt; es ist wohl in mancher Hinsicht der Vorhafen von Peking, hat aber die Hauptstadt des Reiches der Mitte an Bedeutung und Größe weitaus überflügelt. Während man Peking als eine Millionenstadt anzusehen pflegt, besitzt es thatsächlich kaum eine halbe Million Einwohner; dagegen hat Tientsin deren weit über eine Million und ist nach Canton die bevölkertste Stadt von China, in seinem Verhältnis zu Peking etwa ähnlich wie Amsterdam oder Rotterdam zum Haag; Tientsin ist auch nicht die Hauptstadt der Provinz Petschili, diese ist das kleine Paoting-fu. Der Umstand, daß der letzte Vicekönig der Provinz, Li-Hung-Tschang, den größten Teil des Jahres in Tientsin zu verweilen pflegte, mag die Ursache dieses Irrtums sein.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Der chinesische Glücksgott.

Tientsin, zu deutsch Himmelsfurt, ist im Grunde genommen eine Inlandstadt, rings umgeben von weiten, vollkommen flachen Niederungen, in denen man vergeblich einen Felsen oder auch nur einen Stein suchen würde. Auf Hunderte Kilometer nach Nord und Süd ist das Land Alluvialboden, die Anschwemmung des von Nordwesten kommenden, wasserreichen Peihoflusses, zu deutsch „Fluß des Nordens”, dessen Schlamm- und Erdmassen mit der Zeit die Westhälfte des Golfs von Petschili ausfüllen werden. Schon jetzt wird die Schiffahrt in dem Golf durch zahlreiche Untiefen erschwert, und die Barre, welche der Peihofluß vor seiner Mündung aufgeworfen hat, macht es den Dampfern unmöglich, zur Ebbe in den Fluß einzufahren. Richten die Seedampfer ihre Abfahrtszeit von Shanghai oder Tschifu nicht so ein, daß sie zur Flutzeit die Peihomündung erreichen, so müssen sie vor der Barre liegen bleiben, und oft sehen die Passagiere der ankommenden Dampfer dort ein Dutzend oder mehr Schiffe vor Anker liegen.

Haben die Lotsen die Dampfer glücklich über die Barre geführt, so dauert es immer noch einen Tag Flußfahrt, um Tientsin zu erreichen, denn obschon die geradlinige Entfernung von dieser Handelshauptstadt des nördlichen China nur etwa fünfzig Kilometer beträgt, muß das Schiff doch auf seiner Fahrt den vielen Flußwindungen folgen, welche diese Entfernung mehr als verdoppeln. Diese Flußfahrt ist wohl eine der eintönigsten, die man unternehmen kann, an jene auf dem unteren Mississippi zwischen dem Golf von Mexico und New-Orleans erinnernd. Ganz wie dort, befindet sich auch hier an den schlammigen Mündungen ein elendes Dorf, die Wohnungen der Lotsen und Fischer enthaltend, das in der neuesten Geschichte Chinas so berühmt gewordene Taku, zu deutsch Große Mündung. Von der Schiffsbrücke gewahrt man in der Ferne die langen Linien der Takuforts, welche auf Veranlassung Li-Hung-Tschangs zum Teil von deutschen Ingenieuren erbaut und mit deutschen Geschützen armiert worden sind. Je weiter der Dampfer stromaufwärts dringt, desto zahlreicher werden die menschlichen Ansiedelungen, elende Dörfer mit strohgedeckten Lehmhütten, deren Farbe von jener der weiten staubbedeckten Ebene kaum absticht. Soweit man sehen kann, kein Baum, kein Strauch; Grabhügel sind streckenweise die einzigen Erhebungen über dem Boden, Gräber, Tausende und Abertausende an der Zahl, einzeln oder gruppenweise beisammen, wahre Totenstädte. An manchen Stellen werden sie von hohen, schmutzigweißen Salzpyramiden oder Ziegelbrennereien überragt.

An den Ufern des schmutziggelben, etwa ein Kilometer breiten Stromes tummeln sich zwischen zahllosen schwarzen Schweinen nackte Kinder umher und baden sich in der Brandung, welche der Dampfer aufwirft. In der Umgebung der Dörfer arbeiten fleißige Mongolen in den Getreide- und Reisfeldern. Mit einem ungeheuern Strohhut als einziger Bekleidung, versetzen sie die zarten Reispflanzen, graben oder schöpfen Wasser aus dem Fluß; an manchen Uferstellen knarren und quietschen Wasserräder, von Büffeln getrieben, auf deren Rücken kleine Chinesen hocken; hier und da wird das Wasser auch von Windmühlen emporgehoben, die aber nicht, wie die unserigen, ihre Segel auf senkrechten, sondern auf wagerechten Flügeln tragen und aussehen wie riesige Haspelräder. Armut und Elend, wohin man blickt. Selbst die zahlreichen Dschunken, welche den Fluß bevölkern, sehen ärmlich und schmutzig aus im Vergleich zu jenen von Canton und Futschau.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Pagode von Tsiu-hsien.

❏ GRÖSSERES BILD

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Die Takustraße in Tientsin.

❏ GRÖSSERES BILD

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Fort des Gouverneurs von Tientsin.

Nur mühsam kommen die großen Dampfer in dem vielgewundenen Strome vorwärts. Zuweilen fahren sie beim Ausweichen anderer mit dem Bug in ein Reisfeld und können nicht weiter vorwärts; dann müssen die chinesischen Schiffskulis ans Land, um mit Seilen und Stangen das Schiff wieder in den Strom zu bringen. Die Passagiere auf dem Verdeck haben fortwährend ihre Plätze zu wechseln, wollen sie sich gegen die Sonnenglut schützen; bald scheint die Sonne von rechts, bald von links, bald von hinten oder vorn, so stark sind die Flußkrümmungen, denen das Schiff folgen muß. Sie bringen die Passagiere fortwährend aus der Orientierung. Ortschaften, die man auf der einen Seite gesehen hat, gewahrt man bald darauf auf der andern; dieselben Schiffe sieht man bald nach Westen, bald nach Osten dampfen, und dabei hat es den Anschein, als führen sie auf dem trockenen Lande, denn vom Flusse selbst hat man seiner Krümmungen wegen gewöhnlich nur ein kurzes Stück vor sich.

Diese Tiefebene wäre ein reich gesegneter, fruchtbarer Länderstrich, würde sie nicht so häufig von furchtbaren Ueberschwemmungen, abwechselnd mit anhaltender Dürre, heimgesucht werden. Die Verwüstungen, welche die Elemente hier zeitweilig anrichten, spotten der Beschreibung.

Unter solchen Verhältnissen darf der Reisende über die Armut und das Elend, welches auf der Tiefebene zwischen Taku und Tientsin ihm überall entgegentritt, nicht überrascht sein. Im Gegenteil, es ist zu staunen, daß die Bevölkerung innerhalb der letzten Jahre mit so großem Fleiß wieder die Kulturen hergestellt, die Dörfer wieder aufgebaut hat. Die Zahl der letzteren mehrt sich, je näher man an Tientsin herankommt. Auch die Vegetation wird üppiger, man gewahrt sogar den lange auf weiten Strecken vermißten Baumwuchs. Gegen Nordwesten erscheinen die zahlreichen rauchenden Schornsteine und Gebäude des von Li-Hung-Tschang geschaffenen Arsenals, und bald darauf geht der Dampfer vor der Fremdenstadt am Tientsin vor Anker.

Engländer, Deutsche und Amerikaner, im ganzen kaum tausend Seelen, haben hier und am Südufer des etwa 120 Meter breiten Stromes ein kleines, reizendes Städtchen geschaffen. Mit seinen geraden, von Bäumen beschatteten Straßen und hübschen einstöckigen Häusern in modernem Baustil ließe dasselbe ganz vergessen, daß man sich nicht in Europa, sondern im nördlichen China befindet, wenn nicht auf dem schattigen Bund und an dem davorliegenden Flußufer Tausende langbezopfter Chinesen schreiend und stoßend sich drängen würden, beladen mit Kisten und Säcken, Lasten aller Art, die aus den Schiffen auf den Bund getragen und dort bergehoch aufgetürmt werden. Tientsin ist ja der Hauptstapelplatz und Hauptmarkt des ganzen chinesischen Nordostens, und dabei ist die Geschäftszeit auf neun Monate im Jahre beschränkt. Von Mitte Dezember bis Mitte März ist der Fluß, die große Verkehrsstraße, von welcher Tientsin lebt, gewöhnlich durch Eis gesperrt, und obschon die Chinesen auch dann noch Waren mittels Segelschlitten flußauf und flußab befördern, reicht dieser Transport über das Eis doch lange nicht hin, um den gewaltigen Warenverkehr zu bewältigen. Immer höher werden die Warenberge auf dem Bund; jenseits des Flusses, auf dem Nordufer, gewahrt man noch höhere Berge von Getreide- und Reisfässern, Theekisten, dazu große Pyramiden von Salz, das gerade in der Umgebung von Tientsin massenhaft gewonnen wird und ein Monopol der chinesischen Staatsregierung bildet. Neben diesen Artikeln bilden die Hauptausfuhr Tientsins: Bohnen, Strohgeflechte, Erbsen, Datteln, Kamelhaar, Schafwolle und dergleichen, während die Haupteinfuhrartikel Opium, Baumwollstoffe, Fensterglas, Zucker, Stahl- und Eisenwaren, endlich Papier sind. Der Handel, hauptsächlich in den Händen englischer und deutscher Firmen liegend, ist in den letzten Jahren sehr bedeutend gestiegen, und Tientsin ist heute die dritte Handels- und Hafenstadt Chinas, nur von Hankau und Shanghai übertroffen.

In der Fremdenkonzession von Tientsin, von den Chinesen „Tze-ku-lin”, d. h. Bambusgebüsch, genannt, waren nach dem letzten Bericht des chinesischen Zolldirektors 16 englische, 15 deutsche, 5 französische und je 3 amerikanische, japanische und russische Firmen ansässig, mit 852 Europäern, darunter 380 Engländer, 200 Amerikaner und 60 Deutsche. Gerade so wie Shanghai, besitzt auch Tientsin auf seiner Konzession mehrere Klubs (darunter einen deutschen), Kirchen, Hotels, Konsulate, Kaufläden, und das gesellige Leben ist ein sehr reges. Die dort erscheinende Wochenschrift Peking and Tientsin Times ist eines der besten fremdsprachlichen Blätter von China.

Etwa drei Kilometer oberhalb der Fremdenkonzession oder dem Settlement, wie es die Europäer nennen, dehnt sich an beiden Ufern des Peiho die Chinesenstadt Tientsin aus. Die innere Stadt ist ebenso wie die meisten andern Städte mit einer Ringmauer umgeben, über welche hinaus sich in den letzten Jahrzehnten mehrere große Vorstädte entwickelt haben, volkreicher, belebter und geschäftiger als die innere Stadt. Um diese Vorstädte und das fremde Settlement wurde in den siebziger Jahren noch eine zweite Erdmauer und ein breiter tiefer Wassergraben gezogen in einem Umfang von über dreißig Kilometern. Etwa im Stadtmittelpunkte von der Südseite her mündet der Große Kanal, der allerdings durch die Seeschiffahrt und langjährige Vernachlässigung von seiner früheren Bedeutung etwas verloren hat, aber immerhin noch in hervorragender Weise zur Warenbeförderung benutzt wird.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Deutsches Klubhaus in Tientsin.

Für die Fremden, welche schon andere chinesische Städte kennen gelernt haben, bietet die Millionenstadt Tientsin nur sehr wenig von Interesse. An Sehenswürdigkeiten nach unseren Begriffen hat sie kaum irgend etwas aufzuweisen. Sie besitzt keine großen Tempel, Pagoden, Plätze, Paläste; die Wohnungen der Reichen sind gewöhnlich von hohen Mauern umschlossen und auch vom Yamen des früheren mächtigen Vicekönigs ist nichts zu sehen als die große, von Soldaten bewachte Pforte. Selbst wem vergönnt war, in das Innere des Yamens zu dringen und von Li-Hung-Tschang empfangen zu werden, wird außer der gewaltigen Persönlichkeit des letzteren wenig bleibende Eindrücke mit sich genommen haben. Wie alle anderen Yamen in den Provinzhauptstädten enthält auch jenes von Tientsin mehrere Höfe mit ebenerdigen Gebäuden, die sich keineswegs durch ihre Architektur oder durch besondere Reinlichkeit auszeichnen. Nur hat der Vicekönig, seiner Vorliebe für fremdländische Einrichtungen entsprechend, zwei oder drei Räumlichkeiten neben seiner Privatwohnung europäisch möblieren lassen.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Schubkarrenequipage.

Das einzige, wodurch sich Tientsin vor anderen chinesischen Städten, besonders den südlichen auszeichnet, sind seine breiten Straßen und das ungemein rege Leben, das sich in ihnen zeigt. Ich habe dasselbe bereits im vorstehenden Kapitel geschildert. Nirgends, weder in Shanghai noch in Canton, noch in Hankau wird man einen derart lebhaften Verkehr finden wie hier, in der Stadt sowohl wie auf dem Flusse. Auf dem letzteren drängen sich die alten malerischen Dschunken, chinesische Kanonenboote, Schleppdampfer, Ruderboote so sehr, daß sie mitunter das Flußbett vollständig bedecken und man des Wassers kaum ansichtig wird. Und trotz der großen Breite der Straßen kann man sich oft nur mit Mühe zwischen den Menschen, Kamelen, Maultieren, Eseln, Lastwagen und Schubkarren Bahn brechen. Wohin der Weg auch führen mag, überall dasselbe rege, lärmende Leben, derselbe Verkehr. Die ganze Bevölkerung scheint tagsüber auf der Straße zu sein und dringenden Geschäften nachzujagen, als wären sie lauter Börsenspieler, bei denen in Minuten Tausende auf dem Spiele stehen. Im Gegensatz zu den engen Gäßchen der zweiten Millionenstadt Chinas, Canton, welche einen anderen Verkehr als zu Fuß oder in der Sänfte gar nicht ermöglichen, wird hier viel auf Maultieren und Eseln geritten, und an den Straßenecken stehen tagsüber lange Reihen dieser Tiere, gesattelt und auf Kunden harrend, wie in unseren Städten die Droschken. Auch die japanische Rickshaw, der zweiräderige, von Kulis gezogene Handwagen, hat hier schon ebenso wie in Shanghai ihren Einzug gefeiert, aber für die unteren Volksklassen der Chinesen ist doch der Schubkarren noch immer das beliebteste Beförderungsmittel geblieben, weil es das wohlfeilste ist. Die Chinesen benutzen diese Schubkarren nicht nur für Personenverkehr, sondern auch zum Transport kleinerer Lasten, der Hauptfrachtenverkehr aber wird durch die Kamele und zweiräderigen Lastkarren vermittelt, beides Erscheinungen, die in den südlich gelegenen Städten und selbst noch in Shanghai unbekannt sind. Sie bringen einige Abwechselung in die sonst große Eintönigkeit des chinesischen Straßenverkehrs, der, wie bemerkt, in solcher Lebhaftigkeit nicht nur in China, sondern auch in ganz Asien nur an wenigen Orten angetroffen wird.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Katholische Kirche in Tientsin.

Mitten in Tientsin, an den Ufern des breiten, lebhaften Stromes, erhebt sich seit Ende der neunziger Jahre wieder die katholische Kathedrale, welche in dem berüchtigten Aufstand des Jahres 1870 von fanatischem Pöbel am 21. Juni zerstört worden war. Mit ihr wurden damals das französische Konsulat und das Kloster der Lazaristen verbrannt, die Priester, Nonnen und eine Anzahl anderer Europäer wurden in grausamster Weise ermordet. Die chinesische Regierung wurde veranlaßt, den Hinterbliebenen eine Entschädigung von zwei Millionen Taels zu zahlen und die zerstörten Gebäude wieder zu errichten, aber es hat beinahe drei Jahrzehnte gebraucht, bis diese Gebäude vollendet waren. Heute erheben sich vor der imposanten Kathedrale auf einer gemauerten Plattform noch zwei offene Pavillons, welche steinerne kaiserliche Schutztafeln bergen, zur Verhinderung ähnlicher Angriffe seitens des fremdenfeindlichen Pöbels. Von dem vielgerühmten Wirken des langjährigen Vicekönigs von Tschihli, Li-Hung-Tschang, sieht man in Tientsin ebenso wie in der Provinz nur wenig. Er hat seine Thätigkeit hauptsächlich der Einrichtung von Verteidigungsmitteln zugewendet, wohl in Vorahnung des Krieges mit den Japanern; er hat die Kriegsmarine von China geschaffen, die Festungswerke an der Mündung des Peiho und weiter stromaufwärts anlegen lassen, das Arsenal gebaut, eine Kriegsschule, sogar ein Hospital gegründet; während früher der Frachtenverkehr zur See zum weitaus größten Teile durch Schiffe unter fremdländischen Flaggen vermittelt wurde, ist es ihm zu danken, daß eine chinesische Dampfergesellschaft, die China Merchant Company, fast ebensoviele Frachten Tientsins befördert wie die englischen Schiffe; Li hat auch die Telegraphenverbindung mit Peking und anderen Inlandstädten, ferner die Eisenbahn nach den Kai-ping-Kohlenminen zu stande gebracht. Aber für die Hebung des Wohlstandes im Volke ist nur wenig geschehen. Vielleicht besaß er die Macht und die Mittel nicht, um jene Werke zu schaffen, die Tientsin, Peking und der ganzen Provinz vor allem andern not thun: die Eisenbahn nach Peking, die Vertiefung und Ausbesserung des immer mehr verfallenden großen Kanals, dieser einzigen Landverkehrsroute mit dem Süden, dann die Entwässerung der Provinz, die Regulierung des Peihoflusses.

Die großen Katastrophen, welchen der Wohlstand der Provinz zum Opfer gefallen ist, hätten doch zur Lehre dienen sollen, daß vor allem für ein Kanalsystem zur Entwässerung der Tiefebenen zu sorgen war. Millionen und Millionen Menschen waren durch die Ueberschwemmungen jahrelang brot- und erwerbslos geworden; statt viele Millionen Goldes zum bloßen Lebensunterhalt dieser Menschenmassen zu opfern, hätte man diese Arbeitskräfte zur Herstellung der erforderlichen Kanalisierung heranziehen sollen; sie wären zu spottbilligen Preisen zu haben gewesen. Nicht für den Krieg allein war zu sorgen, sondern auch für den Frieden, für den Handel, und dieser ist durch das allmähliche Verseichten des Peiho unendlich bedroht. Aehnliche Verhältnisse lagen vor zwei Jahrzehnten an der Mündung des Mississippi vor; ganz wie der Peiho zeigte sein Stromlauf vielfache Windungen, und seiner Mündung lag eine Schlammbank vor. Wenige Millionen Dollars haben hingereicht, die störendsten Flußkrümmungen im Unterlaufe abzuschneiden, den Flußlauf dadurch zu verkürzen, das Gefälle zu vergrößern und so zu ermöglichen, daß in derselben Zeit eine erheblich größere Wassermenge abfließt; so wurde die Ueberschwemmungsgefahr für die Uferländer des Mississippi verringert. Statt die Barre an der Mündung dieses Stromes mühsam auszubaggern, hat sie Kapitän Eads durch den Strom selbst wegreißen lassen, indem er bis nahe an die Barre die reißenden Wassermassen des Mississippi durch weit über die Meeresküste hinausreichende künstliche Dämme zusammenhielt. Aehnliches hätte mit erheblich geringeren Kosten auch am Peiho geschehen können; nicht nur von der Ueberschwemmung von 1889 wäre das Land verschont geblieben, auch die elenden Schiffahrtsverhältnisse wären dadurch wenigstens zum großen Teile beseitigt worden. Erst dem jetzigen Nachfolger Lis bleibt es vorbehalten, die Eisenbahn nach Peking zu bauen, und die Reise nach der nur hundertzwölf Kilometer entfernten Reichshauptstadt, die bisher mühsam in zwei Tagen zurückgelegt werden konnte, beansprucht jetzt kaum vier Stunden. Aber die Regulierung des Peiho und des ganzen Flußnetzes steht noch in weitem Felde. Erfolgt sie einmal, so wird Tientsin einen weiteren und noch größeren Aufschwung erfahren als seit seiner Eröffnung für den Fremdenverkehr im Jahre 1858.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Handschrift und Siegel von Li-Hung-Tschang.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Die Straße der Gesandtschaften in Peking.

❏ GRÖSSERES BILD

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Ehrenpforte in Peking.

Die Hauptstadt des chinesischen Reiches.

E
E

Es dürfte auf dem Erdball kaum eine Stadt mit größerem Namen geben, die diesen letzteren so wenig rechtfertigen würde wie Peking. Alle Illusionen werden dort schon am ersten Tage unter erstickendem schwarzen Staube begraben oder in stinkenden Pfützen ertränkt, und je größer die Sehnsucht war, nach der Hauptstadt des Mongolenreiches zu kommen, desto größer ist gewöhnlich schon nach eintägigem Aufenthalt die Sehnsucht, Peking wieder zu verlassen. In keiner Weltstadt wird das „man war dort gewesen” teurer erkauft, von keiner ist die Erinnerung weniger befriedigend. China ist ja bekannt als ein Land voller Widersprüche, aber der auffälligste derselben ist vielleicht Peking selbst. Durchzieht man im Geiste die Welt, so wird man finden, daß die Hauptstädte aller Länder ein Zehntel bis ein Dreißigstel der Gesamtbevölkerung derselben enthalten. Peking aber, dessen Einwohnerzahl man sich in Europa noch vor gar nicht langer Zeit mit jener Londons wetteifernd dachte, hat wenig mehr als eine halbe Million Einwohner, ein Achthundertstel der Gesamteinwohnerzahl des Reiches. Peking ist die Residenz eines Kaisers, der den Namen „Sohn des Himmels” und „Bruder der Sonne” führt und unumschränkter Beherrscher des größten und ältesten Reiches der Erde ist, eines Reiches, das schon vor Jahrtausenden hohe Kultur besaß, also zu einer Zeit, als wir Europäer überhaupt noch kein menschenwürdiges Dasein hatten. Sehen wir anderswo Länder von Jahrtausende alter Geschichte, so strotzen sie von Denkmälern hoher Kunst, die wir mit Staunen betrachten. Aber vergeblich sieht man sich in der Hauptstadt des ältesten aller Länder, in Peking, nach solchen um; es gleicht eher der Hauptstadt eines Nomadenvolkes, das seine Zelte aus Holz und Ziegel erbaut hat. Von der Pracht und Herrlichkeit des ältesten Kaiserthrones dieses Erdballs sind nur wenige Spuren zu sehen.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Stadtmauer in Peking.

❏ GRÖSSERES BILD

Wie die meisten Hauptstädte geistig und schöpferisch die Mittelpunkte der einzelnen Reiche sind, von denen das ganze Leben derselben ausstrahlt, der Verkehr pulsiert, der Kreislauf der Regierungsmaschine ausgeht, so sind sie auch in geographischer Hinsicht im Herzen ihrer Länder gelegen, oder sie entwickelten sich an günstigen Verkehrspunkten, an großen Stromläufen, an Meereshäfen. Die Hauptstadt des Mongolenreiches aber liegt am Nordostende des letzteren, an keinem Flusse, an keinem Meere, sondern in einer staubigen, wenig fruchtbaren, Ueberschwemmungen ausgesetzten Ebene, und vergeblich fragt man sich, warum diese Hauptstadt gerade dort angelegt worden ist. Begegnen wir in unserem Leben etwas Unbegreiflichem, Widersinnigem, so bezeichnen wir es mit Recht als chinesisch. Am allerersten läßt sich das auf Peking selbst anwenden. Wer Indien, Siam, Birma, Kambodscha gesehen hat, der erwartet in der Residenz des größten asiatischen Reiches Paläste, große Tempel, Pagoden ähnlicher Art wie dort. Ja, diese Erwartungen werden noch bestärkt, wenn man Tungtschau, die letzte Etappe auf der Flußreise von Tientsin nach Peking, oder mit der Eisenbahn kommend, die weit außerhalb der Ringmauern gelegene Bahnstation verlassen hat und sich auf den aller Beschreibung spottenden, mit fußhohem Staub bedeckten oder vor Schlamm grundlosen Wegen den ungeheuren Mauern nähert, welche die Hauptstadt des Chinesenreiches umschließen. Fünfzehn Meter hoch, verstärkt durch mächtige, gemauerte Bastionen, erhebt sich dieses Bollwerk über die weite, niedrige, von Gärten und Feldern eingenommene Umgebung. Auf Tausende von Metern kann man es verfolgen, bis es in dräuenden, mehrere Stockwerke hohen Ecktürmen sein Ende erreicht. Der Weg führt zu einem weiten Flügelthor, von einem mächtigen Aufbau mit dreifachem, geschwungenem Dach gekrönt. Je mehr wir uns der Mauer, hinter welcher Peking liegt, nähern, desto reger wird der Verkehr. Wie um den Eingang zu einem ungeheuren Bienenkorbe drängt sich hier alles Leben zusammen, Tausende von Fußgängern, Lastträgern, Reitern auf Mauleseln und Kamelen, Sänften, getragen von vier und sechs Trägern, ganze Karawanen von Kamelen, mit schweren Lasten beladen, alles schreiend, gestikulierend, stoßend, drängend, und wir wundern uns, wie all diese Massen in dem finsteren, tunnelartigen Thorwege Platz finden können. Noch größer aber ist die Verwunderung darüber, daß von all den Tausenden Mongolen an den Thoren der Hauptstadt eines dem Europäer feindlich gesinnten Reiches unter gewöhnlichen Umständen kein einziger den reisenden Fremdlingen auch nur durch Blicke oder Gesten irgend welche Feindschaft zeigt. Wir sind mitten in dem Gedränge von Fußgängern und Reitern und Lasttieren, aber während sie einander drücken und stoßen, machen sie dem Europäer freundlich Platz. Die Soldaten der Thorwache verlangen keinen Reisepaß, unbehindert gelangen wir durch das finstere Thor und sind in Peking. Lasse man doch ein paar reisende Chinesen durch die Vorstädte unserer europäischen Metropolen einziehen! Wie würde der Janhagel sie umdrängen, begaffen und belästigen!

Peking ist eine der ältesten Städte der Welt. In den chinesischen Annalen erscheint sie unter dem Namen Ki schon im zwölften Jahrhundert vor Christi Geburt; aber erst Kublai-Chan, der Enkel des großen Mongolenführers Dschingis-Chan, gab ihr ihre heutige Gestalt und Ausdehnung. Marco Polo, der berühmte Venezianer, schilderte sie, als sie noch den Namen Kambalik führte. Den Namen Peking oder vielmehr Bedsching (Residenz des Nordens) erhielt sie erst im Jahre 1409, als sie zur Hauptstadt des chinesischen Reiches erhoben wurde. Die Chinesen selbst nennen Peking einfach Kingtscheng, d. h. die Residenz, auf den chinesischen Landkarten aber ist sie als Tschun-tien-fu bezeichnet. Die gewaltigen Ringmauern und Türme, mit denen sie heute umgeben ist, wurden in der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts erbaut. Als die siegreichen Mandschu sich ein Jahrhundert später Pekings bemächtigten, setzten sie sich in der nördlichen Hälfte fest, ihr Anführer, der Gründer der noch heute regierenden Dynastie, bezog die alten Paläste der Mongolenfürsten und relegierte die Chinesen in die südliche Hälfte der Stadt.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Das nördliche Stadtthor in Peking.

❏ GRÖSSERES BILD

Mit dem Betreten der Hauptstadt beginnt die Enttäuschung, die mit jedem Schritte, mit jeder Stunde des Aufenthaltes sich steigert. Wo ist auch nur die Stadt? Auf weite Strecken Staub und Sümpfe, hier und da ein elendes Chinesenhäuschen, keine Straßen, keine Paläste, keine Pagoden, ganz wie ich es in der alten Hauptstadt des Reiches, in Nanking, gefunden habe. Erst nach langem, ermüdendem Ritt über die elendesten Wege beginnt das Gewirr schmutziger, mit niedrigen Häuschen besetzter Straßen, dicht gedrängt mit ebenso schmutzigen, ärmlichen Leuten. Auch wenn die zweite, die Chinesenstadt von der Tatarenstadt trennende Mauer passiert ist, es wird nicht besser; wir sind endlich in der Straße der Gesandtschaften, ohne daß ihr Aussehen es irgendwie, höchstens durch die Flaggenstangen über den niedrigen Thoreingängen, verriete. Auch das einzige Hotel der Reichshauptstadt Chinas befindet sich hier, kaum bescheidenen Ansprüchen genügend. Und diese schmutzstarrenden Straßen, diese armseligen Mauern und ärmlichen Kaufläden bilden Peking? Sollte es doch nicht irgendwo bessere Stadtteile mit Palästen und schönen Tempeln, mit reinlichen Straßen und Plätzen geben?

Die große Umfassungsmauer, die wir bei unserem Einzuge bewundert haben, ist in Peking wie in jeder anderen Stadt Chinas gleichzeitig das bedeutendste Bauwerk. In der Größe und Mächtigkeit ihrer Ringmauern sind die Chinesen wohl unübertroffen. Hier am Fuße der Ausläufer des mongolischen Hochlandes umschließen sie in einem länglichen Rechteck gegen fünfundsechzig Quadratkilometer Landes, etwa die gleiche Fläche wie Berlin, aber da die Bevölkerung Pekings kaum ein Drittel jener von Berlin erreicht, so ist es begreiflich, daß weite Strecken innerhalb der Ringmauern von Feldern und wüsten, unbebauten Ländereien eingenommen sind, in denen man sich ganz leicht irgendwo in der Mongolei, weit von Peking entfernt, denken könnte. Nur die mittleren Teile des großen Rechtecks sind wirklich mit Häusern und Straßen besetzt.

Das Merkwürdigste der letzteren ist wohl ihre Regelmäßigkeit. Ich kenne in der Alten und Neuen Welt wenige Städte, die so abgezirkelt wären, wie Peking. Unsere alten Städte zeigen ein Gewirr krummer, enger Gäßchen, als hätten ihre Gründer mit Absicht die gerade Linie vermieden. Selbst die neuesten Städteschöpfungen in den amerikanischen Prairien, die wohl einen regelmäßigen, schachbrettartigen Straßenplan haben, dehnen sich nach verschiedenen Richtungen der Prairie ungleich aus. Peking, das doch ebenfalls eine uralte Stadt ist, besitzt zunächst die genau rechteckige Umfassungsmauer der Tatarenstadt, an welche sich südlich eine ebenso regelmäßige Umfassungsmauer um die Chinesenstadt anschließt. Innerhalb beider Städte sind die Straßen nach Schachbrettform angelegt, nur sind jene der Chinesenstadt enger. In der Tatarenstadt sind manche Straßen wahre Boulevards, bis zu dreißig Metern Breite.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Endstation der Bahn Taku-Peking.

Die Umfassungsmauer der Tatarenstadt sperrt diese auch gegen die Chinesenstadt ab, ein merkwürdiges Wechselspiel! In alter Zeit erbauten die Chinesen unweit Peking die berühmte Große Mauer gegen die Tataren, und hier in der Hauptstadt Chinas erbauten die Tataren eine große Mauer gegen die Chinesen!

Das regelmäßige Straßennetz der Tatarenstadt, die entschieden die schönere von beiden ist, wird auf eigentümliche Art unterbrochen. Gewiß hat jeder in japanischen Bazars schon die viereckigen Schachteln gesehen, in denen man beim Abheben des Deckels kleinere Schachteln findet, die wieder kleinere einschließen. Aehnlich liegt innerhalb der Tatarenstadt eine zweite, mit der äußeren parallele Umfassungsmauer, welche die offizielle Kaiserstadt umschließt, und innerhalb dieser zweiten Mauer zieht sich parallel zu dieser eine dritte Mauer hin, ein Rechteck umfassend, welches die allen Europäern und Chinesen vollständig unzugängliche eigentliche Palaststadt des Kaisers und seines Hofes enthält. Drei ummauerte Städte sind auf diese Weise ineinandergeschachtelt, und an die äußerste, größte, schließt sich die durch Thore verbundene Chinesenstadt an.

Wie von den Städten, so gilt das Einschachteln und Ummauern auch von den Wohnsitzen der Prinzen, der Mandarine und militärischen Würdenträger, von den verschiedenen Regierungsämtern und den Yamen. Während wir unseren Gebäuden nach der Straßenseite zu die schönsten und imposantesten Formen geben, während wir sie mehrere Stockwerke hoch aufbauen, mit Türmen, Erkern und Balkonen versehen, ist in Peking, wie überhaupt in ganz China, das gerade Gegenteil der Fall. In der Tatarenstadt wandert man in den breiten, staubigen, sonnigen Avenuen zwischen niedrigen, grauen Mauern einher, die hier und da von freistehenden Thorbogen unterbrochen sind, unter deren Ziegeldächern sich in vergoldeten Lettern die Ueberschriften der verschiedenen Aemter befinden. Von den Gebäuden selbst sieht man höchstens einige mit blauen und grünen Glasurziegeln bedeckte, kurios geschwungene Dächer über die äußeren Umfassungsmauern hervorragen. Anders in der Chinesenstadt. Dort bieten die Straßen einen malerischen, belebteren Anblick dar, denn der Verkehr ist in den viel engeren Straßen auf einen kleineren Raum eingeschränkt, die Häuser enthalten überall Kaufläden der verschiedensten Art, und vor diesen sind noch in der Mitte der Straße lange Reihen von Kaufbuden aufgestellt, zwischen denen sich die Tausende und Abertausende langbezopfter Chinesen drängen. Nur hier bekommt der Fremde ähnliches Leben, ähnlichen Verkehr zu sehen wie in den anderen Hauptstädten Chinas, in Canton, Hankau, Tientsin, sofern es ihm der aller Beschreibung spottende Zustand der Straßen überhaupt gestattet. Während in unseren Ländern den Hauptstädten gewöhnlich die größte Sorgfalt gewidmet wird, ist in China das Umgekehrte der Fall. Kaum eine andere Großstadt des weiten Reiches dürfte einen ähnlichen Schmutz und Unrat zeigen wie Peking. In früheren Zeiten mag es wohl anders gewesen sein, denn noch jetzt zeigen die Straßen Spuren einstiger sorgfältiger Pflasterung. Aber in China wird selten etwas ausgebessert. Einmal gebaut, bleiben die Bauten oder Straßen sich selbst überlassen, bis sie allmählich gänzlich verfallen. Ursprünglich waren die Straßen auf eigentümliche Weise angelegt. Während wir beispielsweise die an den Straßenseiten entlang laufenden Trottoirs erhöhen und den mittleren Teil der Straße tiefer legen, ist in Peking der mittlere Fahrweg für Wagen, Reiter und Sänften erhöht, und die Seitenwege längs der Hausmauern sind tief. Freilich ist durch den regen Verkehr der Unterschied zwischen Fahr- und Fußweg an vielen Stellen verwischt worden; die Pflasterung bot den Chinesen einen bequemen Steinbruch dar, aus welchem sie sich das Baumaterial für ihre Häuser holten, und stellenweise liegt der mittlere Straßenteil sogar tiefer. Die Tausende von Fuhrwerken, Kamelen und Maultieren haben im Laufe der Jahrhunderte den Straßenboden aufgewühlt, und mit Ausnahme der sommerlichen Regenmonate sind die Straßen mit fußtiefem schwarzen Staub bedeckt. Durch den lebhaften Verkehr fortwährend aufgewirbelt, erfüllt dieser Staub die Atmosphäre, legt sich auf Hausdächer, dringt in die Kaufläden, lagert in dicken Schichten auf den Waren, Lebensmitteln und den Verkäufern, schwärzt die zuweilen schön bemalten und mit Vergoldungen geschmückten Häuserfronten, eine furchtbare, ekelerregende Plage, wenn man in Betracht zieht, auf welche Weise der Staub entstanden ist. Aller Unrat von Tieren und Menschen wird auf die Straße geworfen und bleibt dort liegen. Tausende und Abertausende von Lastträgern, Kutschern, Kamel- und Maultiertreibern entleeren sich täglich auf der Straße, und ertönen zur Zeit des Sonnenunterganges vor den Thoren die Gongschläge als Signal der Thorsperre, so erscheinen gewöhnlich gleichzeitig vor den Hausthüren Knechte, um dem mit dem scheußlichsten Unrat geschwängerten Staube auf eine originelle Weise noch weiteren Unrat zuzuführen. Wasser ist nämlich in Peking, das natürlich keine Wasserleitung besitzt, ein kostbarer Artikel. Wasserträger durchziehen die Straßen und verkaufen den Kübel für einige Sapeken. Ebensowenig besitzen die Häuser eigene Kloaken. Die guten Bewohner der Reichshauptstadt töten also zwei Fliegen mit einem Schlage dadurch, daß sie die flüssigen Abfälle der Häuser zum Begießen der Straßen verwenden. Die Knechte schöpfen den Unrat mit großen Schaufellöffeln aus den Kübeln und schleudern ihn möglichst weit über die Straße, ähnlich wie unsere Bauern ihre Felder zu düngen pflegen. Dadurch wird allerdings der Staub für ein Stündchen, gerade zur schönen, kühlen Abendzeit, gelöscht, aber in Peking wird sich dann gewiß jeder aus naheliegenden Gründen hüten, sein Haus zu verlassen.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Löwenstandbild vor dem kaiserlichen Sommerpalast zu Peking.

Kommen dagegen, besonders im Juli und August, die gewöhnlich sehr heftigen Regengüsse, dann ist Peking ein einziger stagnierender Sumpf, aus welchem nur die Häuser und stellenweise der mittlere Fahrweg hervorragen. Für Fußgänger ist dann selbstverständlich der Verkehr ganz unmöglich, aber auch für Reiter und die Insassen von Sänften ist er mitunter lebensgefährlich. Der Schlamm verdeckt die zahlreichen Untiefen, und stolpern Reittiere oder die zuweilen bis über die Knie im Schlamme watenden Sänftenträger, dann purzeln gewöhnlich auch die in kostbare Gewänder gehüllten Mandarine in die stinkende Jauche. Von den beiden Uebeln, Staub und Schlamm, ist der Staub immer noch das kleinere.

Der Kaiser hat von diesen elenden, verlotterten Zuständen seiner Hauptstadt kaum eine Ahnung. Selten verläßt er die verbotene Stadt seiner Paläste, um sich nach irgend einem der großen Tempel zu Gebeten und Opfern tragen zu lassen, und dieses große Ereignis wird gewöhnlich vorher in der Regierungszeitung bekanntgemacht. Dann wird von seiten der Stadtbehörden über Hals und Kopf an der Ausbesserung jener Straßen gearbeitet, durch welche der kaiserliche Zug seinen Weg nehmen soll; der mittlere erhöhte Fahrweg wird mit gelbem Sand bestreut, die Löcher werden ausgefüllt, die Jahrmarktsbuden zu beiden Seiten geschlossen, und wo sich besonders unflätige Stellen in den Häuserreihen zeigen, werden große gelbe Tücher vorgespannt, damit ihr Anblick den kaiserlichen Augen entzogen bleibt. Auch sonst werden alle Fenster und Thüren der Häuser geschlossen, die Straßen aber für jeden anderen Verkehr abgesperrt, und während es bei uns unstatthaft ist, den Souveränen den Rücken zuzuwenden, ist dies bei den Chinesen Vorschrift.

Ja, wenn doch der Kaiser einmal unvermutet den Befehl geben würde, einen andern als den so vorbereiteten Weg einzuschlagen! Aber ebenso, wie die Chinesen Sklaven des Kaisers sind, so ist der Kaiser wieder Sklave der Traditionen und der strengen Hofetikette. Eine derartige Willensäußerung von seiten eines chinesischen Kaisers ist kaum jemals vorgekommen, wie es auch unter den verschiedenen Söhnen des Himmels niemals einen Harun al Raschid gegeben hat.

Recht drollig sind die Namen mancher Straßen der Hauptstadt. Eine Straße in der Nähe der Gesandtschaften heißt die „Straße der glücklichen Spatzen” von den zahlreichen, frechen Sperlingen, die in Peking gerade so ihr Unwesen treiben wie bei uns und im Verein mit Hunden, Raben und Tauben die einzigen Straßenreiniger sind. Eine Straße heißt Barbarenstraße (unter welchem Namen die Europäer in China bekannt sind), andere führen die Namen Affen, Gehorsam, Steinerner Tiger oder Unermeßbar große Straße; die verkehrsreichste und lärmendste aller Verkehrsadern aber heißt sonderbarerweise die Straße ewiger Ruhe. Sackgassen werden in China tote genannt, im Gegensatz, zu den anderen, die lebende heißen. Auch die Paläste und Tempel haben eigentümliche Namen. Der Palast des Kaisers heißt der friedliche Palast des Himmels, jener der Kaiserin der Palast der irdischen Ruhe, ein Confuciustempel heißt die Halle gespannter geistiger Uebung, und einzelne Thore führen die Namen wie: das Große Reine oder das Thor des ewigen Friedens, oder endlich das Thor der standhaften Unschuld.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Der Gelbe Tempel zu Peking.

Die Paläste der verbotenen Stadt bekommt der gewöhnliche Sterbliche niemals zu sehen, außer er wäre kaiserlicher Prinz, Tatarengeneral oder mandschurischer Eunuch. Selbst den Gesandten der Großmächte wurde niemals der Anblick des eigentlichen Kaiserpalastes zu teil. Gelegentlich des Neujahrsfestes wurden sie vor einigen Jahren zum erstenmal innerhalb der Umfassungsmauern des Palastes empfangen, aber auch nur in einer freistehenden, von der eigentlichen Kaiserresidenz entfernten Halle. Mandschurische Palastwachen halten jeden Unbefugten an den Thoren zurück, doch ist wenigstens die äußere oder zweite Kaiserstadt den Europäern geöffnet. Ein großer Teil derselben wird von den schattigen Anlagen des kaiserlichen Parkes eingenommen mit seinem künstlichen See, über welchen mit Statuen geschmückte hohe Marmorbrücken führen, mit seinen künstlich aufgeworfenen, tempelgekrönten Hügeln, mit Yamen und offiziellen Bauten verschiedener Art, durch ihre grünen Dächer kenntlich.

Die orangegelben Porzellandächer, welche über die roten Mauern der verbotenen oder Purpurstadt emporragen, sind jene der kaiserlichen Paläste. Die meisten anderen Hausdächer Pekings bestehen aus grauen Hohlziegeln. Das auswärtige Amt, Tsung-Li-Yamen genannt, und die ausländischen Gesandtschaften sind in ehemaligen Prinzen- oder Mandarinenresidenzen untergebracht, und wer das behagliche Innere einer solchen kennen lernen will, braucht nur eines dieser Gesandtschaftspalais mit seinen vielen Gebäuden, seinen Höfen und Gärten zu besuchen. An Sehenswürdigkeiten in unserem Sinne besitzt Peking nur wenig. Mit Ausnahme der Tempel des Himmels und der Erde am Südende der Chinesenstadt, der alten Jesuitensternwarte, der vielen Pagoden, marmornen Thore und Brücken ist in der Hauptstadt des Chinesenreiches nicht viel zu sehen. Den besten Ueberblick über die Stadt erhält man, wenn man einen Turm der katholischen Kirche besteigt oder aus der breiten äußeren Stadtmauer spazieren geht. Dort ist man wenigstens gegen den furchtbaren Staub und das Gedränge des schmutzigen Volkes geschützt, und dorthin flüchten sich auch an schönen Tagen die Mandarine zu einem Spaziergang; statt Hündchen mit sich zu führen, tragen sie vielleicht auf einem Stöckchen einen Jagdfalken, Kanarienvogel oder eine Wachtel. Von hier oben aus gesehen zeigt sich Peking viel freundlicher, denn die hohen Mauern, mit welchen die Mandarinenwohnungen umschlossen sind, verbergen diese vollständig, während man von den Stadtmauern wenigstens zwischen den Baumkronen der vielen grünen Gärten die Dächer der Häuser zu Gesicht bekommt. Jede größere Residenz hat ihren Garten, und das am meisten ins Auge fallende Objekt inmitten dieser Gartenstadt bleibt immer das Gelb der kaiserlichen Porzellandächer, so daß ein witziger Franzose einmal sagte, von der Stadtmauer aus gesehen zeige sich Peking wie eine plat d’épinard aux oeufs, eine Spinatschüssel mit einem Eidotter in der Mitte.

Bei weitem interessanter als der äußere Rahmen ist das Leben und Treiben, das sich in demselben abspielt. Von dem offiziellen Leben der Kaiserstadt bekommt man allerdings nur wenig zu sehen: Mandarine mit verschiedenen ihrem Rang entsprechenden Stickereien auf Brust und Rücken zu Maultier und begleitet von einem Troß von Dienern oder in Sänften, die, je nach dem Range ihres Insassen, von zwei, vier oder sechs Trägern getragen werden; mandschurische Bannersoldaten und Yamenläufer, Angestellte der Regierungsbureaus. Die Straßen der Tatarenstadt zeigen sonst nur wenig Leben, denn die Chinesen, die eigentlichen Träger des Handels und Verkehrs, dürfen in derselben nicht wohnen, und alle Theater, Freudenhäuser, Opium- und Theehäuser sind hier verboten.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Audienzhalle im Kaiserpalast zu Peking.

Desto lebhafter ist das Leben und Treiben in der Chinesenstadt. Auf den Fahrwegen in der Mitte der Straßen drängt sich das Volk, wandert von Bude zu Bude, kauft und verkauft, schreit, lärmt, gestikuliert, lebhafter als in der Toledo von Neapel. Endlose Reihen der kleinen, zweiräderigen Maultierwägelchen fahren auf und nieder, alle Augenblicke stockt der Verkehr; auf den Fisch-, Fleisch-, Pelz-, Porzellan- und Gemüsemärkten ein fortwährendes Gedränge, hier und da auch eine öffentliche, grausenerregende Hinrichtung; unter viereckigen Sonnenschirmen gehen ambulante Handwerker, Barbiere, Restaurateure und dergleichen ihren Geschäften nach; zwischen ihnen, besonders aber an der Bettlerbrücke, kauern zahllose Bettler, zum Teil entsetzlich verstümmelt, Blinde, Lahme, Aussätzige, mit offenen Wunden bedeckt, und flehen unter fortwährendem Kumscha- Kumscharufen um Almosen. Als Rahmen dieses ungemein belebten, farbenreichen, seltsamen Bildes dienen die vielen Kuriositätenläden, Konditoreien, Restaurants, Kramläden aller Art; schlanke Pfeiler, von denen verschiedenfarbige lange Holzschilder, mit allerhand Inschriften in großen Goldbuchstaben bedeckt, herabhängen, überragen die einstöckigen kleinen Häuschen. Niedliche, mit geschnitzten Balustraden versehene Galerien ziehen sich unter den Dächern des ersten Stockwerkes hin, und die Häuserfronten, besonders jene der Konditoreien, sind über und über mit vergoldeten Schnitzereien bedeckt, die allerdings von dem schrecklichen Staub geschwärzt sind.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Das Observatorium in Peking.

Hier und dort werden auf freien Plätzen von den vergnügungssüchtigen Zopfträgern allerhand Tierkämpfe veranstaltet; nicht nur Hähne, auch Tauben, Wachteln, ja sogar Grillen werden dazu verwendet, und mit gespannter Aufmerksamkeit folgen die Wettenden dem Kampfe der winzigen Tierchen. Leben, Lärmen, Bewegung, Verkehr überall, dazu Staub, Schmutz, Gedränge, Gestank und furchtbare Hitze, die im Winter ebensogroßer Kälte Platz macht. Ebenso still und schläfrig, wie es in der Tatarenstadt zugeht, ebenso lärmend und bewegt ist es in der Chinesenstadt: in den Chinesen steckt das Leben, der Erwerb, der Reichtum, und dennoch sind die Tataren die Herren der Stadt und des ganzen Landes.

An Sehenswürdigkeiten besitzt Peking außerhalb seiner Mauern viel mehr als innerhalb. Einige Wegstunden nördlich von Peking erheben sich die Ausläufer des mongolischen Hochlandes, und verborgen zwischen den stellenweise bewaldeten Abhängen liegen zahllose Klöster, Pagoden, Grabstätten, Tempel; dort liegen auch die kaiserlichen Sommerpaläste und ausgedehnten Parks. Dorthin flüchten sich während der heißen Zeit die fremden Vertreter und Missionare und gehen allerhand Sport nach; noch weiter gegen Norden liegen die bekannten Kaisergräber der Mingdynastie, und den Abschluß der belebten, reich bebauten und bevölkerten Landschaft bildet die ungeheure chinesische Mauer mit ihren gewaltigen Türmen und Thoren. Sie allein übertrifft die gehegten Erwartungen, alles andere in und um Peking bleibt weit hinter denselben zurück, und mit leichtem Herzen verläßt man die weit über das verdiente Maß berühmte, aber immerhin hochinteressante Kaiserresidenz des Chinesenreiches.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Pferd

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Elefant

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Wagen

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Kanone

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Bauer

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Kanzler

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Feldherr

Chinesische Schachfiguren.

Kwang-Su, der Kaiser von China.

K
K

Kwang-Su, der Sohn des Himmels, der Herr der zehntausend Jahre, kam, wie man sich in Peking ziemlich allgemein erzählt, durch ein Verbrechen auf den Drachenthron, eine interessante und doch kaum bekannte Geschichte. Sein Vorgänger, der junge Kaiser Tung-Chih, starb im Januar 1875 an den Blattern, trotzdem seine Aerzte für über tausend Taels (viertausend Mark) Joßpapierchen verbrennen ließen, um den Segen des Himmels auf ihn herabzuflehen und den in ihm steckenden Teufel zu vertreiben. Tung-Chih hinterließ eine junge hübsche Witwe, Ah-Lu-Té, deren Zustand einen nachgeborenen Thronerben erwarten ließ. Dann wäre Ah-Lu-Té als Kaiserin-Mutter während der jungen Jahre ihres Sohnes Regentin geworden, und die beiden bisherigen Regentinnen, die Witwen des 1861 verstorbenen Kaisers Hien-föng, hätten abdanken müssen. Das paßte ihnen natürlicherweise keineswegs, und so nahmen sie denn, wie man sich in Peking erzählt, zu einem Pülverchen Zuflucht, das die junge Nebenbuhlerin gleich nach dem Tode des Kaisers aus dem Wege räumte. Die beiden alten Damen beriefen sofort die mandschurischen Prinzen zu einem Familienrate und ließen den kaum mehr als drei Jahre alten Prinzen Tsai-tjen, den Sohn des Prinzen Chun, als Thronerben erklären. Es war Mitternacht, als die Wahl erfolgte, aber die Kaiserinnen mußten doch ihr Bedenken über die Gesetzlichkeit dieses kleinen Staatsstreiches à la chinois haben, denn ohne eine Minute Zeit zu verlieren, ließen sie das schlafende Kind wecken und in den Beratungssaal bringen. Dort empfing der arme heulende Junge die Huldigung der Prinzen und wurde unter dem Namen Kwang-Su, d. h. erhabene Nachfolge, zum Kaiser ausgerufen. In der Pekinger Staatszeitung aber erschien die Nachricht, der verstorbene Kaiser hätte ihn selbst zu seinem Thronerben ernannt.

Natürlich konnte der den Windeln kaum entwachsene Knabe das gewaltige Staatsschiff noch nicht lenken, und so blieben die beiden alten Witwen an der Spitze der Regierung um zu schalten und zu walten, wie es ihnen beliebte. Im Jahre 1881 starb die Kaiserin des östlichen Zimmers, Tung-Tai-Hau, und die Kaiserin des westlichen Zimmers, Si-Tai-Hau, führte die Zügel der Regierung bis Anfang März 1889, d. h. bis zur Mündigkeitserklärung des regierenden Kaisers ganz allein. Seither trägt sie den Titel Kaiserin-Exregentin, aber in Wirklichkeit ist sie immer noch allmächtig und führt den Kaiser am Gängelbande.

Das kleine Söhnchen des Himmels durfte sich seiner Kindheit nicht lange erfreuen. Schon einige Monate nach seiner Erwählung zum Kaiser wurde ein Shi-foo oder Hofmeister für ihn ernannt, und die Pekinger Staatszeitung verkündete auch die Namen der für die Erziehung und Ausbildung des Knaben bestimmten Lehrer. Das astronomische Amt, dem die Feststellung der günstigsten Tage für alle kaiserlichen Unternehmungen obliegt, bestimmte den 14. Mai 1876 für den Beginn des Unterrichtes. An diesem Tage erschien der kleine Kwang-Su, geführt von seinem Vater, zum erstenmal im Schulzimmer. Dort lagen die gelahrten Männer, die ihm angemessene und zweckmäßige Lehren zu erteilen hatten, auf den Knieen und empfingen ihren Schüler, Gebete murmelnd und mit der Stirne den Boden berührend. Kwang-Su überreichte ihnen nun eine Schrift, worin er sie bat, ihn in der chinesischen Weisheit zu unterrichten, und damit begann die Studienzeit des Kaisers, die ohne Unterbrechung bis zu seiner Verheiratung, d. h. bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahre währte. Von Schuleschwänzen, Spielen und Unterhalten war bei dem jungen Kwang-Su keine Rede, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er gewiß lieber den Kaiser aufgesteckt und wäre Prinz geblieben. Seine tägliche Beschäftigung, sein Verhalten gegenüber den Lehrern, das ganze Zeremoniell ihres Empfanges und ihrer Verabschiedung nach empfangener Lektion ist auf das strengste geregelt. Schon um drei oder vier Uhr morgens begann der Unterricht, zunächst in chinesischer Sprache und Litteratur; dann folgten mandschurische und mongolische Lektionen, der Unterricht in den verschiedenen chinesischen Dialekten, Reiten, Fechten, Turnen, Bogenschießen. Dies ging so mit kurzen Unterbrechungen für die Mahlzeiten den ganzen Tag fort, und mit Sonnenuntergang mußte der Kleine ins Bett, um am nächsten Morgen mit Sonnenaufgang wieder seine chinesischen Lektionen zu empfangen. Die starren Lehrer verstanden keinen Spaß. Nutzten die Ermahnungen nichts, so wurde das Bambusstäbchen zu Hilfe genommen. Da man aber den Sohn des Himmels nicht wie einen gewöhnlichen Sterblichen durchbläuen kann, so wurde ein anderer Junge für ihn geprügelt. Dieser Prügelknabe, in chinesischer Sprache Hahachutze, war von gleichem Alter wie der Kaiser und hatte alle Stockschläge, die eigentlich für die kaiserlichen Weichteile bestimmt waren, zu empfangen. Der Kaiser mußte dabei zusehen. In ähnlicher Weise hatten früher auch europäische Monarchen ihre Prügelknaben, z. B. Heinrich IV. von Frankreich, Edward VI. und Edward VII. von England, ja während der Regierung mancher Souveräne giebt es heute noch Prügelknaben, Minister genannt.

Im Jahre 1889 vollendete Kwang-Su sein fünfzehntes Lebensjahr. Schon vorher wurde von der Kaiserin-Regentin eine passende Braut für ihn ausgesucht, und die Staatszeitung vom 28. Oktober 1888 enthält darüber folgendes kaiserliche Edikt:

„Seitdem der Kaiser in aller Ehrfurcht das Erbe seiner Vorfahren angetreten hat, ist er allmählich zum Manne gereift, und es geziemt sich nun, daß eine Person von hervorragenden Eigenschaften als seine Gemahlin ausgewählt werde, damit sie ihn in den Pflichten des Palastes und in seinen tugendhaften Bestrebungen unterstütze. Die Wahl ist auf Yeh-ho-na-la gefallen. Sie ist die Tochter des stellvertretenden Bannergenerals Kwei-Hsiang, eine tugendhafte Jungfrau von angenehmem Aeußeren und Vorzügen. Wir befehlen, daß sie zur Kaiserin erhoben werde.”

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Straße in Peking.

❏ GRÖSSERES BILD

Damit aber der Kaiser nicht unvertraut mit den ehelichen Pflichten seine neue Gemahlin heimführe, wurde ihm schon ein Jahr vorher eine Lehrmeisterin beigegeben. Diese Fei wird stets unter den hübschesten Töchtern der mandschurischen Bannerleute ausgesucht und muß ein Jahr älter als der Kaiser, also fünfzehn Jahre alt sein. Von wem diese ihrerseits die ehelichen Pflichten lernt, wird in dem Zeremonienbuche nicht gesagt.

Unmittelbar nach der Vermählung des Kaisers erfolgte seine Thronbesteigung. Eine Krönung giebt es an den orientalischen Höfen nicht, ebensowenig, wie es Kronen giebt. Zunächst wurden kaiserliche Prinzen in großem Aufzuge nach den Tempeln des Himmels und der Erde, sowie nach der kaiserlichen Ahnenhalle gesandt, um dort die Thronbesteigung des Kaisers zu verkünden. Am folgenden Tage stattete der Kaiser, begleitet von allen Prinzen und dem ganzen prächtigen Gefolge der abtretenden Kaiserin-Regentin einen Besuch ab, und am 4. März erfolgte der feierliche Regierungsantritt unter großartigem Zeremoniell, an welchem der ganze Hof mit seinen Tausenden von Würdenträgern und Garden teilnahm. Die Feierlichkeiten fanden jedoch durchwegs innerhalb der Mauern der Palaststadt statt, und von den Hunderten von Millionen chinesischer Unterthanen war nicht ein einziger Zeuge derselben. Selbst bis heute haben nur die höchsten Würdenträger des Reiches und einige der ausländischen Gesandten den Kaiser von Angesicht zu Angesicht gesehen. Bei der Thronbesteigung aber waren auch diese nicht zugegen, und was man davon erfuhr, entstammt dem in der Regierungszeitung veröffentlichten Zeremoniell.

Sobald die kaiserlichen Astrologen vom Chien-ching-Thore der Palaststadt aus verkündeten, daß der günstige Augenblick für den Regierungsantritt gekommen sei, verließ der Kaiser, in seine mit Drachen bestickten Galagewänder gekleidet, seine Gemächer und bestieg eine Prachtsänfte, in welcher er zu der Chung-ho-Halle getragen wurde. Dort nahm er die Huldigung der Beamten und Bannerleute des inneren Palastes entgegen und begab sich nun in seiner Sänfte nach der eigentlichen Thronhalle (Tai-ho), vor welcher ihn sein ganzer Hofstaat unter den Klängen der Musik empfing. Dem Eingange zunächst standen die Prinzen und höchsten Staatsbeamten; dann kamen zehn Palastgardisten mit vergoldeten Helmen und mit Pantherschweifen verzierten Hellebarden; ferner zehn Palastgardisten mit Gürtelschwertern; Beamte des Zeremonienamtes; fünf kaiserliche Elefanten, unzählige Banner- und Standartenträger, Garden, Musikkorps. Während die ganze Gesellschaft sich zur Erde warf, betrat der Kaiser die Halle und bestieg den in der Mitte stehenden Thron, eine hohe Plattform, auf welcher sich ein breiter Stuhl mit hoher Rückenlehne befand. Auf diesen Thronstuhl ließ sich der Kaiser nach mandschurischer Art mit untergeschlagenen Beinen nieder. Die Musik verstummte, und die Beamten des Zeremonienamtes führten der Majestät nun die kaiserlichen Prinzen, die mongolischen Fürsten, den hohen Adel und die Würdenträger des großen Reiches zur Huldigung vor den Thron. Auf ein Zeichen des Zeremonienmeisters knieten alle nieder, und der Reichsherold befahl nun die Urkunde der Regierungsübernahme zu verlesen. Damit war die Thronbesteigung vorüber, und der Kaiser kehrte als Herrscher über China nach seinem Palaste zurück.

Nur durch die seltenen Empfänge der ausländischen Gesandten sind Berichte über das eigentümliche, aber stets würdevolle Zeremoniell am chinesischen Kaiserhofe durch europäische Augenzeugen in die Oeffentlichkeit gelangt. So empfing der Kaiser gelegentlich des 60. Geburtstages der Kaiserin-Exregentin die Gesandten, um die Glückwünsche ihrer Souveräne in Empfang zu nehmen.

Der Schauplatz des feierlichen Staatsaktes war einem ostasiatischen Blatte zufolge diesmal das Wenhuatien (d. h. Halle der Blüten der Litteratur), ein älteres Gebäude von mäßiger Größe im südöstlichen Teile des Palastes. Dasselbe dient zur Abhaltung einer litterarischen Feierlichkeit im zweiten Monat jeden Jahres, bei welcher dem Kaiser von einigen hervorragenden Mitgliedern der Hanlinakademie Vorträge über die Klassiker gehalten werden. Der Eingang für die fremden Vertreter und ihre Begleiter fand durch das Tunghuamen (das östliche Blumenthor) statt, die einzige Oeffnung in der Ostmauer des inneren Palastes. Dort wurden die Sänften zurückgelassen, und man begab sich zu Fuß durch den weiten ummauerten Hofraum, an den Spalier bildenden Palastgarden vorbei, nach dem Chuanhsintien (Halle der Offenbarung der Herzensgüte), einem kleineren dreigeteilten Gebäude, in welchem den mythischen Kaisern und alten Weisen einstmals Opfer dargebracht wurden und das in diesem Falle als Wartesaal für die Gesandten diente. Die letzteren wurden hier durch die Prinzen und Minister des Tsungli-Yamens empfangen, um dann nach kurzem Aufenthalt durch das Wenhuamen (Thor der Blüten der Litteratur) nach einer Reihe offenbar für den Zweck besonders hergerichteter blauer Zelte geleitet zu werden, die dicht neben dem Wenhuatien lagen und in denen für jede Gesandtschaft ein besonderer Raum hergestellt war.

Von hier aus begaben sich die Vertreter mit ihrem Gefolge nach dem Audienzsaal, bis zu der äußeren Freitreppe desselben durch zwei Palastbeamte, vor den Thron durch zwei Minister des Tsungli-Yamens geleitet. Zwanzig Minuten vor zwölf Uhr wurde der Aelteste des diplomatischen Korps, der Gesandte der Vereinigten Staaten, geladen, die übrigen folgten der Amtsdauer nach. Das Weitere spielte sich dann in ähnlicher Weise ab, wie bei früheren Audienzen: der Gesandte näherte sich mit seinen Begleitern unter drei Verbeugungen der Estrade, auf welcher der Kaiser saß und zu der mehrere Stufen emporführten, hielt darauf eine kurze Ansprache, in der er des feierlichen Ereignisses gedachte, und überreichte, nachdem dieselbe von dem betreffenden Gesandtschaftsdolmetscher ins Chinesische, von dem zur Seite des Kaisers stehenden Prinzen Kung bezw. Ching (beide wechselten bei den einzelnen Gesandten ab) ins Mandschurische übertragen war, das Glückwunschschreiben seines Souveräns bezw. Präsidenten in die Hände des ihm entgegenkommenden Prinzen, der es auf den mit gelber Seide behangenen Tisch vor den Kaiser legte.

Das vom deutschen Kaiser gesandte Glückwunschschreiben bestand in buchförmig zusammengelegten Pergamentblättern, auf denen der Text in mehreren Farben kunstvoll ausgeführt war und die durch zwei massive, mit weißem Leder überzogene und mit reicher Goldverzierung sowie dem kaiserlichen Namenszuge geschmückte Deckel zusammengehalten wurden. Das Ganze, ein vornehmes Kunstwerk, das allgemeine Bewunderung erregte, lag in einem eleganten Holzkasten, auf dem ebenfalls ein großes W mit der Kaiserkrone angebracht war.

Der Monarch neigte das Haupt beim Empfang, sprach dann in vernehmlichem Tone zu dem links neben ihm knieenden Prinzen einige Sätze, in denen er seiner Genugthuung und Freude Ausdruck gab, dieser wiederholte die Worte, nachdem er die Estrade verlassen, dem Dolmetscher auf Chinesisch, der letztere in seiner Landessprache dem Gesandten. Damit war die Audienz beendet, und der Gesandte verließ, abermals unter Verbeugungen und in derselben Weise geleitet wie vorher, die Empfangshalle.

Das orientalische Zeremoniell machte sich hierbei in bedeutsamer Weise geltend: das Wenhuatien hat in seiner Südwand drei Eingänge, zu denen drei steinerne Freitreppen emporführen; solange nun der Gesandte Träger des kaiserlichen Schreibens war, überließ man ihm den vornehmsten Zugang, d. h. die große mit einem Teppich belegte Mitteltreppe und die Mittelthüre, die sonst nur von dem Kaiser benutzt wird; der Ausgang fand dagegen durch die linke Seitenthüre statt.

Dem ganzen Vorgang ließ sich eine majestätische Würde nicht absprechen. Der Kaiser saß, wie bemerkt, auf einer Estrade an einem mit gelber Seide behangenen Tische; hinter ihm befanden sich die üblichen Paraphernalien: der Wandschirm, die Pfauenwedel; zur Rechten standen zwei Prinzen des kaiserlichen Hauses, zur Linken der Prinz von Kechin und Prinz Kung bezw. Prinz Ching. In der Halle selbst bildeten schwerttragende Garden zu beiden Seiten Spalier, dahinter standen Eunuchen und Palastbeamte. Das bei weitem Interessanteste in der ganzen Scene war natürlich die Person des mit Zobelpelz und Staatsmütze angethanen jugendlichen Monarchen. Die ungewöhnlich großen, glänzenden schwarzen Augen gaben dem zarten, fast kindlichen Gesichte ein ungemein sympathisches Aussehen, das auch durch die von einem kürzlich überstandenen Fieberanfall herrührende Blässe durchaus nicht beeinträchtigt wurde.

Beim Heraustreten aus der Halle bot sich dem Auge ein malerisches Bild. Zu beiden Seiten, d. h. nach Ost und West, von der nach Süden zu führenden Freitreppe zog sich in weit ausholendem Bogen die lange Reihe der Palastgarden entlang, davor und dahinter bewegten sich Scharen von Beamten in ihren langen Tuniken mit den buntgestickten viereckigen Rangabzeichen auf Brust und Rücken. Bei aller Geschäftigkeit war keine eilige oder überstürzende Bewegung zu beobachten, alles ging, dem chinesischen Amtscharakter entsprechend, feierlich und würdevoll zu. Wandte man sich nach rechts, so erblickte man am Ende des weiten Platzes die hohe, mit gelbglasierten Ziegeln gedeckte Mauer, welche die lange Reihe der Mittelhallen des Palastes einschließt; am Südende derselben gewahrte man das dreiteilige Tsoyimen (Linkes Thor der Rechtlichkeit), und jenseits davon, weit darüber hinausragend, erhob sich der mächtige Bau der Taihohalle, das durch seine architektonischen Verhältnisse am meisten hervorragende Gebäude der Kaiserstadt. Das Ganze wirkte, wie jede chinesische Anlage, weniger durch die Einzelausführung als vielmehr durch das Kolossale der Ausdehnung und das Würdevolle der Gruppierung.

In diplomatischen Kreisen wurde es entschieden mit Genugthuung begrüßt, daß der chinesische Hof sich endlich entschlossen hat, den mit so ängstlicher Sorgfalt gehüteten inneren Palast den fremden Vertretern zu öffnen und so eine endgültige Lösung der langwierigen Audienzfrage herbeizuführen. Wie schwer ihm dies geworden sein mag, haben die jahrelangen Verhandlungen zur Genüge dargethan.

Die Hauptpflichten des Kaisers von China bestehen darin, seinen Vorfahren zu opfern, seiner Stieftante, der alten Kaiserin-Exregentin, alle fünf Tage einen Besuch zu machen, in den Tempeln des Himmels und der Erde zu beten und den Großwürdenträgern Audienz zu erteilen, in denen alle laufenden Regierungsgeschäfte erledigt werden. Nach den Mitteilungen, die ich von Pekinger Diplomaten erhielt, soll der Kaiser viel intelligenter und energischer sein als seine Vorgänger. Dem Aussehen nach ist er klein, mager, bartlos, mit einem unverhältnismäßig großen Kopf; doch machte er auf die wenigen europäischen Gesandten, die ihn zu Gesicht bekommen haben, einen sehr günstigen Eindruck. Daß er auch bestrebt ist, sich über die Grenzen der Purpurstadt hinaus zu informieren, geht aus vielen Thatsachen hervor. Er hat das Studium der englischen Sprache begonnen, er liest die ihm zur Sanktionierung vorgelegten Berichte, und wo er Bestechlichkeit oder Nachlässigkeit der Beamten wittert, läßt er sofort von den Censoren genaue Untersuchungen einleiten. Vor einigen Jahren wurde die ganze chinesische Welt durch die Nachricht überrascht, daß der Kaiser selbst die Prüfung der Zöglinge der Pekinger Hanlinakademie vorgenommen hätte, ein unerhörtes Ereignis. Diese Akademie ist die höchste litterarische Anstalt Chinas. Ihre Mitglieder sind hohe Würdenträger, Mandarine, Gesandte und dergleichen, und aus ihnen rekrutieren sich nach erfolgreich bestandenen Prüfungen die Examinatoren in den Provinzen, sowie die Lehrer für den kaiserlichen Thronfolger, wie für die kaiserlichen Kinder überhaupt. Seine Majestät ist zwar bisher trotz seiner zehnjährigen Ehe mit so vielen Gemahlinnen noch nicht mit Nachkommenschaft gesegnet worden, aber die Lehrer für eine solche sind schon da. Nun hat sich die in ganz China so ausgebreitete Bestechlichkeit sogar bis an diese Hanlinakademie herangewagt, und die Beamten, welche die so wichtigen und einträglichen Examinatorenstellen erlangen wollen, liefern mit ihren schriftlichen Prüfungsarbeiten gleichzeitig eine mehr oder minder hohe Geldsumme ab. Wie eine Bombe fiel nun unter die Prüfungskommission der Befehl des Kaisers, die schriftlichen Arbeiten der Aspiranten ihm vorzulegen. Bei der Durchsicht stürzte er die Rangliste von unterst zu oberst; sechs Beamte, welche die Kommission an die letzte Stelle gesetzt hatte, erlangten die höchsten Ehren, andere, welche in die erste Klasse aufgenommen worden waren, wurden in die dritte oder vierte gestellt, einige sogar ganz abgewiesen. Unter den Aspiranten befand sich auch Tsui-Kuo-Yin, der frühere chinesische Gesandte in den Vereinigten Staaten, ein angesehener, ehrwürdiger Mandarin zweiter Klasse und Lehrer des kaiserlichen Thronfolgers. Seine Arbeit schien den Kaiser nicht befriedigt zu haben, denn es wurde ihm sein Mandarinknopf zweiter Klasse und sein Rang als Lehrer entzogen.

Auch sonst zeigt der Kaiser große Selbständigkeit; das Köpfen oder Degradieren der Generale während des Krieges mit Japan erfolgte direkt auf seinen Befehl; entgegen der Mehrzahl seiner Mandarine dringt er auf die Organisation seiner Armee nach europäischem Muster, und überlebt seine Dynastie die jetzige heftige Erschütterung, so dürften bald bessere Zeiten für China kommen, vorausgesetzt, daß er nicht durch irgend ein Pülverchen vorher aus dem Leben geschafft wird. Seine Hofschranzen, Eunuchen und mandschurischen Bannerleute sind natürlich bestrebt, ihn möglichst von dem direkten Verkehr mit der Außenwelt fernzuhalten und alles durch ihre habgierigen, stets offenen Hände zu leiten. Selbst Audienzen bei dem Sohne des Himmels müssen in vielen Fällen durch hohe Summen erkauft werden; Pfauenfedern, Mandarinknöpfe und sonstige Auszeichnungen sind ziemlich offen im Markt, kurz, alles ist demjenigen erreichbar, der zahlen kann. Zu diesen elenden Verhältnissen in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers haben wohl auch die vielen Prinzen beigetragen, von denen nur die wenigsten standesgemäße Bezüge haben. Andere haben wohl Zutritt zu den obersten Aemtern und damit auch Einfluß, aber dafür keine Bezüge, und so lassen sie sich häufig ihren Einfluß bezahlen. Viele befinden sich in ganz untergeordneten Stellungen, ja sogar als Diener in den Gesandtschaften und bei Fremden, aber sie gehören doch zu dem kaiserlichen Clan, dessen Oberhaupt der Kaiser ist und der seine eigene Verwaltung und seine eigene Gerichtsbarkeit besitzt.

Die ganze prinzliche Gesellschaft ist in zwei Gruppen eingeteilt, deren erste, die Tsung-schih, nur die direkten Nachkommen des Gründers der Dynastie und ersten Kaisers umfaßt. Sie sind dadurch kenntlich, daß sie einen gelben Gürtel tragen. Die zweite, Gioro genannte Gruppe, umfaßt alle Abkömmlinge der Nebenlinien, und ihre Mitglieder tragen einen roten Gürtel. Die Gesamtzahl der männlichen Mitglieder des kaiserlichen Clans dürfte etwa sechstausend betragen; ein eigenes Familienamt in Mukden, der Hauptstadt der Mandschurei, verwaltet die Archive und kontrolliert die Ansprüche jedes Prinzen. Die ganze Gesellschaft ist je nach ihrer näheren oder entfernteren Verwandtschaft mit dem Kaiser in zwölf verschiedene Grade eingeteilt. Die Prinzen erster Klasse heißen Tsin Wang, d. h. Prinzen von Geblüt, und beziehen aus der kaiserlichen Schatulle eine jährliche Apanage von etwa 35000 Mark, Seidenstoffe, Lebensmittel, und verfügen außerdem über eine Hofhaltung von 350 Personen; Prinzen zweiter Klasse, Kiun Wang, d. h. Söhne der Prinzen erster Klasse, haben die Hälfte der genannten Einkünfte und Hofhaltung; Prinzen dritter Klasse, Beile, ein Drittel, solche vierter Klasse, Beitse, ein Viertel, und so fort bis herab zu der letzten Klasse, deren Mitglieder nur etwa zwölf Mark monatlich und einige Rationen erhalten. Etwa 500 Mark werden ihnen bei ihrer Verheiratung und eine ähnliche Summe für Beerdigungskosten bei etwaigen Todesfällen in ihrer Familie gewährt. Natürlich können sie damit ihr Auskommen nicht finden, und so nehmen sie zu allerhand unerlaubten Mitteln Zuflucht, um zu Geld zu kommen. Ja, Wells Williams erzählt in seinem ausgezeichneten Buche The middle Kingdom, daß sie nicht selten ihre Frauen zu Tode mißhandeln, um nur so oft als möglich die Beerdigungs- und Hochzeitskosten zu erhalten.

Von der Pracht der orientalischen Höfe, besonders der indischen und javanischen, ist in China nur sehr wenig zu sehen. Die goldstrotzenden, glänzenden Uniformen, Ordensketten und Sterne fehlen gänzlich, die langen weiten Gewänder sind wohl aus reichen schweren Seidenstoffen, aber mit Ausnahme der Brustplatten, welche die Abzeichen des Ranges bilden, schmucklos und in dunklen Farben. Der Kaiser verläßt seinen Palast nur, um sich nach einem Tempel zu begeben oder die Kaiserin-Exregentin zu besuchen. Einige hundert berittener Garden, dann die gelbe kaiserliche Sänfte, dann wieder einige hundert Garden mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, das ist alles. Die rot-weiß-blau gekleideten Sänftenträger dürfen während der ganzen Promenade nicht miteinander sprechen, nicht spucken oder sich räuspern; gewahren die Garden irgend einen Neugierigen, so machen sie ihn durch wohlgezielte Pfeile darauf aufmerksam, daß der Anblick des kaiserlichen Zuges verboten ist.

Die Ausgänge nach den verschiedenen Tempeln, die Ahnenopfer und Besuche bei der Kaiserin-Mutter bilden beinahe die einzige Abwechselung in dem einförmigen, arbeitsvollen Leben des jungen Kaisers. Zuweilen läßt er sich auch in dem prachtvollen Park der verbotenen Stadt spazieren fahren. Festlichkeiten, Theater- und Tanzvorstellungen kommen nur selten vor, und auch zu diesen werden nur einige der nächststehenden Prinzen und Minister geladen, niemals Frauen. Gewöhnlich werden die Vorstellungen am folgenden Tage für die Kaiserinnen und Damen des Hofes wiederholt, und dann sind wieder die Herren abwesend.

Hofhaltung beim Kaiser von China.

V
V

Von den Chinesen, Tataren und Mandschuren in Peking ist über das höchst eigentümliche Frauenleben am Kaiserhofe nichts zu erfahren. Selbst die kaiserlichen Prinzen haben keinen Zutritt zu den kaiserlichen Gemächern. Die wenigen Festlichkeiten, die zuweilen bei Hofe gegeben werden, haben eigene, von den Kaiserpalästen getrennte freistehende Hallen zum Schauplatz, und auch dort kommen die Prinzen mit den Haremsdamen nicht in Berührung, weil bei diesen Festlichkeiten die Damen fehlen. Manchmal giebt die Kaiserin-Exregentin dem Kaiser und seinem Hofe Bankette oder Empfänge. Dann ist sie wohl selbst mit einer Anzahl ihrer Hofdamen zugegen, sitzt auf ihrem Throne und läßt sich von dem Kaiser und den Prinzen die höchsten Ehrenbezeugungen erweisen. Bei Banketten beläuft sich die Zahl dieser demütigen Kautaus, die der Kaiser auszuführen hat, auf sechsunddreißig. Aber auch zu der Kaiserin-Witwe werden nur Männer geladen.

Unter solchen Verhältnissen ist es ungemein schwierig, in das Leben und Treiben am Kaiserhofe zu Peking einzudringen.

Während meines Aufenthaltes in Peking gelang es mir indessen durch Zufall, Einblick zu erhalten in das große Zeremonienbuch, das Hwui Tien. In zweihundert dicken Bänden sind die genauesten Vorschriften für das ganze Thun und Lassen des Kaisers, der Prinzen und der Damen des Kaiserhofes verzeichnet, und besonders der achtundvierzigste Band ist voll des merkwürdigsten Zeremoniells. Daß dieses auch heute noch im vollsten Umfange gebräuchlich ist, geht aus den Mitteilungen der Pekinger Zeitung hervor, und diese beiden Publikationen gestatten es doch, sich eine richtige Vorstellung von dem Leben in dem chinesischen Olymp zu machen, selbst wenn es auch hinter den roten Mauern und unter den gelben Porzellandächern der Kaiserpaläste dem Auge des Sterblichen verborgen bleibt.

Der kaiserliche Hof mit seinen vielen Tausenden von Beamten, Eunuchen, Garden, Haremsdamen und Sklavinnen bildet ein kleines Reich für sich, mit eigenen Ministerien, eigener Gerichtsbarkeit, eigenen Finanzen, und der ganze Apparat ist gewiß viel größer als der Regierungsapparat so manchen europäischen Staates. Das Oberhofmeisteramt, hier Nuiwu Fu genannt, hat eine Anzahl von Ministern und Mandarinen, denen wieder sieben verschiedene Abteilungen untergeordnet sind. Die erste Abteilung besorgt das selbst für die chinesischen Olympbewohner Unentbehrlichste: die Verpflegung. Auch darüber enthält das Zeremonienbuch die genauesten Vorschriften, und es ist interessant, die Mengen von Lebensmitteln zu erfahren, die dem Kaiser vom Verpflegungsamte angewiesen werden. Täglich, so heißt es in den Vorschriften, sind Seiner Majestät vorzusetzen: 15 Kilogramm Fleisch in einer Schüssel und 3½ Kilogramm Fleisch zu einer Suppe zusammengekocht; 1 Kilogramm Schweinefett und ebensoviel Butter; zwei Schafe, zwei Enten und zwei Hühner oder anderes Geflügel und 75 Pakete Thee. Die Kaiserin erhält 10½ Kilogramm Fleisch auf Tellern, 6½ Kilogramm Fleisch mit Gemüsen zusammengekocht, eine Ente, ein Huhn oder anderes Geflügel, 12 Krüge mit Wasser und 10 Pakete Thee. Die Eunuchen, Hofdamen, Konkubinen und Dienerinnen erhalten täglich ebenso genau vorgeschriebene Rationen, deren kleinste aber immer noch aus 500 Gramm Fleisch und einem Paket Thee besteht.

Die zweite Abteilung des Hausministeriums ist der nächstwichtigen Sache, der persönlichen Sicherheit des Kaisers und seines Hofes, gewidmet und besorgt die Leibwachen, die Verteidigung des Palastes und die Garden, die den Kaiser auf Reisen begleiten. Diese Leibwachen belaufen sich zu gewöhnlichen Zeiten auf etwa sieben- bis achthundert Mann und gehören dem sogenannten Gelben Banner an, das sich durchweg aus Mandschuren zusammensetzt. Sie tragen bei Festlichkeiten prächtige seidene Uniformen, reich vergoldete Metallhelme mit dem fünfklauigen kaiserlichen Drachen geschmückt, sind aber nur mit Hellebarden und Schwertern bewaffnet. Einzelne Abteilungen der Garden tragen auch Pfeil und Bogen, aber während ich selbst im Palasthofe des Königs von Korea Gatlingkanonen sah, gab es in der purpurnen Stadt Pekings bis auf die jüngste Zeit keine Feuerwaffen.

Die dritte Abteilung der kaiserlichen Hofhaltung überwacht das Zeremoniell zwischen den einzelnen Mitgliedern der kaiserlichen Familie; die Herolde und Eunuchen dieses Amtes regulieren den Aufzug aller Haremsdamen, wenn sie zur Huldigung vor den Kaiser befohlen werden, sie stellen die Gefolge und die Ehrenwachen, die den Kaiser bei seinen Ausgängen begleiten, und versehen den Dienst bei allen Festlichkeiten und Audienzen. Interessanter ist die vierte Abteilung, denn ihren Beamten liegt die Auswahl der Damen für den kaiserlichen Harem ob, und weil diese Damen die größten Unkosten der ganzen Hofhaltung verursachen, ist dieser Abteilung auch die Einziehung der Steuern und kaiserlichen Revenüen übertragen. Die fünfte Abteilung hat die kaiserlichen Paläste und Gärten unter sich, besorgt alle Neubauten und Reparaturen und reinigt die Straßen der Hauptstadt, falls der Kaiser oder irgend ein Mitglied seiner nächsten Verwandtschaft Ausgänge unternimmt. Obschon sie niemals den Fuß wirklich auf den Boden setzen, sondern stets in Sänften getragen werden oder reiten, müssen doch alle Wege, die sie passieren, mit gelbem Sand bestreut werden. Für den Kaiser ist eine bestimmte Menge Sand vorgeschrieben, für die Prinzen je nach ihrem Range weniger. Die sechste Abteilung verwaltet die kaiserlichen Stallungen, Meiereien und Herden, und die siebente Abteilung hat die Gerichtsbarkeit über die Bewohner der kaiserlichen Stadt unter sich.

Am interessantesten sind unzweifelhaft die Befugnisse der vierten Abteilung, die sich mit dem Harem des Kaisers befaßt. Die Beamten dieser Abteilung sind selbstverständlich der großen Mehrzahl nach Eunuchen. Sie bleiben ihr Lebenlang unverheiratet und lassen sich nicht einmal auf Liebesabenteuer ein. Der männliche Artikel „der” wird ihnen nur aus Höflichkeit beigelegt. Sie tragen die Kleidung der Männer, aber keine Bärte. Ihre Zahl beträgt nicht weniger als dreitausend. Die für den Nachwuchs erforderlichen Leute sind nicht so leicht aufzutreiben, denn die Operationen der Eunuchentaufe sind keine Kleinigkeit. Man erwirbt deshalb gewöhnlich passende Knaben von ihren Eltern oder Anverwandten gegen Zahlung, überdies aber besteht seit 1829 ein Gesetz, demzufolge die Söhne aller wegen Familienmordes hingerichteten Verbrecher den kaiserlichen Haremsbehörden auszufolgen sind. Von diesen werden sie zu Eunuchen verwandelt, ob sie wollen oder nicht.

Dem Namen nach ist allerdings die Kaiserin-Mutter die Herrin über das ganze Heer der kaiserlichen Haremsdamen, in Wirklichkeit aber muß auch sie sich den Verordnungen der vierten Abteilung fügen. Wie viele Frauen der Kaiser im Laufe seiner kurzen Regierungszeit geehelicht hat, weiß er wohl selbst nicht. Auf ein Dutzend mehr oder weniger kommt es ja auch gar nicht an. Gesetzlich bestimmt sind ihm neben der Kaiserin noch neun Frauen zweiten Ranges, siebenundzwanzig dritten Ranges und einundachtzig Beischläferinnen verschiedener Klassen; nach welchen Verdiensten diese Damen in die Klassen eingeteilt werden, ist selbst in dem dicken Zeremonienbuche nicht enthalten, eine bedauernswerte Unterlassung. Es wäre wohl gegen das Ansehen des Sohnes des Himmels, jeweilig nur einer einzigen Gattin Herz und Hand anzutragen, und deshalb werden ihm immer gleich neun Frauen auf einmal zugeführt. Dazu wird alle drei Jahre im kaiserlichen Palaste eine große Mädchenparade abgehalten, wozu die Offiziere der mandschurischen Banner ihre sämtlichen im Alter zwischen zwölf und sechzehn Jahren stehenden Töchter ausrücken lassen müssen. Der Kaiser, begleitet von der Kaiserin-Mutter, hält die Revue ab und wählt die ihm zusagenden Mädchen aus. Sie bleiben nun bis zum vollendeten fünfundzwanzigsten Lebensjahr Beischläferinnen des Kaisers. Hierauf werden sie wieder in Gnaden entlassen, diejenigen ausgenommen, die mit kaiserlicher Nachkommenschaft gesegnet wurden. Diese können dann je nach ihren Verdiensten die ganze Stufenleiter durch die verschiedenen Klassen durchlaufen, ja sogar bis zur Kaiserin erster Klasse vorrücken. Auf hohen Rang und gesellschaftliche Stellung der Familie wird verzichtet. Jede Korporalstochter kann Kaiserin werden. Die Mutter des Kaisers Hien-fu, der von 1850 bis 1861 regierte, war ein blutarmes, den untersten Ständen angehöriges Mädchen und verkaufte in dem schmutzigen Gassengewirr Pekings Obst. Ihre außergewöhnliche Schönheit erweckte die Aufmerksamkeit des ersten Ministers, und ohne weitere Umstände wurde sie in den kaiserlichen Harem aufgenommen.

Der augenblicklich regierende Kaiser Kwang-Su bestieg am 4. März 1889 im Alter von fünfzehn Jahren den Drachenthron. Einem alten Gesetze zufolge mußte der Kaiser jedoch vor seiner Thronbesteigung in den Ehestand treten, und die Vermählung fand am 26. Februar desselben Jahres unter allerhand höchst eigentümlichen Gebräuchen und Zeremonien statt. Schon 1888 fand im Kaiserpalast zu Peking die erste Mädchenparade statt; Tausende von jungen, hübschen Backfischchen im Alter von zwölf bis sechzehn Jahren kamen, begleitet von ihren Vätern, durchwegs Mandschuren, angerückt, und die Kaiserin-Regentin traf die erste Auswahl. Einige Tage später wurden die gewählten Kandidatinnen einer zweiten, engern Wahl unterzogen. Diese wurden nun genau registriert und nach ihrer Heimat mit dem Bedeuten zurückgeschickt, daß sie sich für die dritte, entscheidende Wahl bereithalten möchten.

Am 28. Oktober 1888 wurde diese anbefohlen. Die dreißig jungen Mädchen wurden zunächst im kaiserlichen Palast festlich bewirtet; der Kaiser unterhielt sich mit ihnen und teilte dann der Kaiserin-Regentin seine Wünsche mit. Am 8. November 1888 wurde endlich in der Pekinger Staatszeitung verkündet, daß Yeh-ho-na-la, eine Maid von hoher Tugend, ansprechendem Aeußeren und geziemendem Benehmen, die Tochter eines mit der Kaiserin-Regentin verwandten Mandschugenerals, zur Gemahlin des Kaisers erwählt worden sei. Die Hochzeit konnte aber erst drei Monate später stattfinden, denn sie erforderte sehr umfassende, zeitraubende und kostspielige Vorbereitungen. Dem Volke wurde hierfür eine Hochzeitssteuer im Betrage von zwei Millionen Taels, also etwa acht Millionen Mark auferlegt, die Gesamtkosten der Hochzeitsfeier beliefen sich jedoch auf nicht weniger als siebeneinhalb Millionen Taels. Außerdem mußten die Provinzen noch eine Menge von Lebensmitteln, Kleiderstoffen und Material liefern; darunter auch die berühmte, die Manneskraft fördernde Ginsengwurzel und das Holz für die Särge des Kaiserpaares.

Die feierliche Verlobung fand am 4. Dezember 1888 durch ein großes Bankett statt, woran aber nur Frauen teilnahmen, während die Männer, darunter ein kaiserlicher Prinz, der Stellvertreter des Kaisers, in einem andern Raum bankettierten. Schon bei dieser Gelegenheit erhielten die Braut und ihr Vater kostbare Geschenke, die aber durch die eigentlichen Hochzeitsgeschenke weit in den Schatten gestellt wurden. Ein kaiserlicher Abgesandter überbrachte am 4. Januar 1889 in feierlichem Aufzuge folgende Geschenke: 200 Unzen Gold, 10000 Taels in Silber, ein Theegeschirr mit Kannen und Tassen aus massivem Golde, zwei silberne Waschbecken, 1000 Stück der kostbarsten Seide, 20 mongolische Reitpferde, vollständig gesattelt und gezäumt, und 40 Packpferde ohne Ausrüstung. Die Eltern der Braut erhielten ähnlich wertvolle Geschenke, ja selbst die andern Mitglieder der Familie und die Dienerschaft wurden reich bedacht.

Für den 26. Februar 1889 war die Hochzeit anbefohlen worden, und zwei Tage vorher sandte der Kaiser einen Prinzen nach den Tempeln des Himmels und der Erde, um den Göttern zu opfern, sowie nach dem kaiserlichen Ahnentempel, um den Vorfahren die bevorstehende Vermählung zu verkünden. Es geschah dies dadurch, daß diese Trauungsanzeige auf eine Atlasrolle geschrieben und diese vor den Altären der Ahnen verbrannt wurde. Am Hochzeitstag versammelte sich der ganze, aus Tausenden von Personen bestehende Hof, alle in kostbare neue Seidengewänder gekleidet und mit ihren Rangabzeichen, goldenen Phönixen, Mandarinknöpfen, Pfauenfedern und dergleichen versehen, in der großen Thronhalle (Taiho) des Palastes, wo auf zwei mit gelber Seide überdeckten Tischen die Insignien der Kaiserin, d. h. eine goldene Tafel mit der darauf gravierten Vermählungsurkunde und ein goldenes Siegel bereit lagen. Vor dem Thron wurde das goldene kaiserliche Scepter niedergelegt. Inzwischen beobachteten die kaiserlichen Astrologen unter allerhand Hokuspokus ihre astronomischen Instrumente und verkündeten endlich, daß der günstige, d. h. der den Geistern genehme Zeitpunkt für die Vermählung gekommen sei. Darauf begab sich der Kaiser in seinem mit goldenen Drachen bestickten Staatskleid in einer gelbseidenen Sänfte nach der Thronhalle, nahm dort den Kniefall des Hofes entgegen und besichtigte die Insignien der Kaiserin, alles unter dem großartigsten, bis in die geringsten Einzelheiten geregelten Zeremoniell. Während die Anwesenden kniend, mit der Stirn auf dem Boden, dalagen, verlas ein Zeremonienmeister die Trauungsurkunde: „Seine Majestät der Kaiser hat von Ihrer Majestät der Kaiserin-Regentin ein Edikt erhalten, demzufolge Yeh-ho-na-la, die Tochter des Bannergenerals Kwei-Hsiang, zur Kaiserin erwählt worden ist. Dem Uns ergangenen Befehl gemäß soll die Investierung der Kaiserin mit dem Scepter vorgenommen werden.”

Nun wurde dem mit der Investierung der Kaiserin betrauten kaiserlichen Prinzen das Scepter übergeben. Unter den Klängen der Tatarenmusik begab sich der Kaiser wieder in seinen Palast zurück, das goldene Siegel und die Vermählungstafel aber wurden in kostbare, ungemein reich geschmückte Drachensänften gelegt, um die sich nun der Festzug, der Prinz mit dem Scepter an der Spitze, gruppierte. Hinter den kolossalen Drachensänften wurde der gelbseidene kaiserliche Sonnenschirm einhergetragen; es folgten Minister, Mandarine, unzählige Schirm-, Fahnen- und Bannerträger und endlich die Eunuchensippe mit den Gewändern der Kaiserin in eigenen, prachtvoll vergoldeten Sänften. Vor dem Palast der Braut empfingen der Vater und die männlichen Anverwandten den Zug; die Eunuchen trugen die Insignien und das Kaiserscepter in die Gemächer der Braut, die vor diesen Zeichen ihrer künftigen Würde niederkniete und die vorgeschriebene Zahl von Kautaus machte. Zuvor hatte sie jedoch unter Beihilfe zahlloser weiblicher Zeremonienmeister, Herolde und Hofdamen das Hochzeitskostüm angelegt, das gewiß die Damen interessieren dürfte, zumal es meines Wissens in Europa noch nicht geschildert wurde. Das Kleid war von dunkelblauer, schwerer Seide mit goldenen, eingestickten Drachen und breiten Goldborten an den Aermeln und dem unteren Saume; auf der Vorderseite des Kleides prangten in Goldstickerei die chinesischen Schriftzeichen Wau-fu und Wau-scheu, d. h. immerwährendes Glück und langes Leben. Unterkleider und Schuhe waren von gelber Seide. Die Halsgeschmeide der Kaiserin, hauptsächlich aus Perlen, Diamanten, Türkisen und Korallen zusammengesetzt, sollen nach den Mitteilungen der Shanghaier Blätter einen fabelhaften Wert besitzen. Das Taschentuch war aus grüner Seide, reich gestickt und mit juwelenbesetzten Quasten und gelben Bändern geschmückt. Das wichtigste und kostbarste Stück war jedoch der Kopfputz, eine Mütze aus rotem Samt mit auf die Schulter fallendem Besatz von Zobelpelz, gelb gefüttert und durch diamantenbesetzte Samtbänder festgehalten. Auf der Mitte der Kappe erhob sich ein goldener Phönix, umgeben von einer Anzahl der kostbarsten Perlen. Rings um diesen Schmuck waren an der Kappe nach hinten andere goldene Phönixe befestigt, jeder mit achtundzwanzig großen Perlen besetzt, und auf der Hinterseite der Kappe saß ein goldener Fasan, dessen langer juwelenbesetzter Schweif über das Zobelfell fiel.

In diesem Aufzuge erschien die Braut vor den Eunuchen, die ihr nun das kaiserliche Edikt vorlasen und die an dem gleichen Nachmittag stattfindende Abholung nach dem Kaiserpalast verkündeten. Die Trauungstafel und das Siegel blieben bei ihr, das Scepter aber wurde wieder unter dem weitschweifigsten Zeremoniell dem vor der Brautwohnung harrenden Prinzen übergeben, der es dem Kaiser wieder zurückbrachte. Nachmittags besuchte der Kaiser mit seinem ganzen Hofstaate die Kaiserin-Regentin und gab hierauf in der Taihohalle feierlich unter Trompetengeschmetter und Trommelschlag den Befehl, die junge Kaiserin abzuholen. Sofort wurde der Hochzeitszug wieder mit dem Prinzen an der Spitze gebildet, aber diesmal fungierte an Stelle der Drachenstühle eine Phönixsänfte, mit gelbem Damast ausgeschlagen und von sechzehn Trägern getragen, denen die kaiserliche Palastgarde in ihren pompösen Uniformen mit goldenen Helmen und Pantherfellen folgte.

In dem Palast der Braut hatten sich mittlerweile die kaiserlichen Prinzessinnen, Hofdamen, Frauen der Minister und höchsten Mandarine versammelt. Beim Eintreffen des Zuges überreichten die Prinzessinnen der tiefverschleierten Braut einen Apfel und durchräucherten den Phönixstuhl mit tibetanischem Weihrauch. Nun nahm die Braut allein darin Platz, Trauungstafel und Siegel wurden in die dafür bestimmten Drachenstühle gelegt, und begleitet von dem großartigen, glänzenden Gefolge begab sich die Braut zu dem Palast des Kaisers, diesmal schon beschattet von dem hohen kaiserlichen Sonnenschirm mit sieben eingestickten Phönixen. An dem Außenthore mußten den Vorschriften gemäß alle Sänften zurückbleiben und nur jene mit der Kaiserin wurde bis an die Eingangspforte des Palastes getragen. Dort mußten die Sänftenträger und Eunuchen mit abgewendeten Gesichtern zurücktreten, die Palastgarden aber hinter einem hohen Schirm sich verbergen, um zu verhindern, daß sie die Kaiserin erblickten. Unter Beihilfe der Prinzessinnen verließ die Kaiserin nun die Sänfte und erhielt in der Vorhalle des Palastes abermals einen Apfel sowie ein großes, mit Perlen und Goldstücken gefülltes Gefäß. Langsam durchschritt sie den Korridor zu dem Brautgemach, vor dem der Kaiser, ihr Gemahl, sie erwartete. Zu seinen Füßen lag ein Sattel, daneben standen Pfeil und Bogen. Als der Kaiser seine Braut gewahr wurde, schoß er einen Pfeil tief in den Sattel, trat dann auf die junge Kaiserin zu und schlug ihren Schleier zurück. Zwei Prinzessinnen führten sie nun in das Brautgemach und luden sie ein, auf dem Brautbette Platz zu nehmen. Der Kaiser setzte sich neben sie, und mit ineinander verschlungenen Armen tranken sie nun den von den Prinzessinnen dargereichten Wein. Hierauf genossen sie eine Suppe, die Brühe des langen Lebens genannt, und einen aus allerhand mysteriösen Kräutern und Wurzeln gemachten Brei, „die Mehlspeise der Söhne und Enkel”. Die Prinzessinnen bildeten bei dieser feierlichen stummen Mahlzeit die Bedienung. Dann machten sie das Brautbett zurecht, legten an die vier Ecken desselben vier mit Nephritstein (Jade) eingelegte Scepter und zogen sich zurück. In der offiziellen Pekinger Zeitung, die den ganzen Hergang in der größten Ausführlichkeit schilderte, ist leider nicht erwähnt, ob die kaiserliche Braut ihre Phönixe und Fasanen auf dem Kopf behielt. Es heißt darin nur, daß die Prinzessinnen am nächsten Morgen um drei Uhr wieder erschienen, um das Kaiserpaar zu wecken. Eine halbe Stunde später begaben sich die Neuvermählten nach dem Hwa-Huang-Tempel, um dort ihre Gebete zu verrichten, und hierauf nach dem Chieng-Ching-Palaste, wo sie sich vor den Gedenktafeln der kaiserlichen Ahnen neunmal zu Boden warfen. Nach einem kurzen Höflichkeitsbesuch bei der Kaiserinmutter kehrten sie nach dem Kaiserpalast zurück. Hier mußte die junge Kaiserin neunmal vor ihrem Gatten die Knie beugen und gelegentlich dieser Turnübung dem Kaiser ihr Nephritscepter überreichen. Dafür reichte ihr der Kaiser sein eigenes Scepter. Nun war die Zeit für den Empfang der Nebenkaiserinnen und des ganzen Harems mit Gefolge und Dienerschaft gekommen. Alle, selbst die Nebenkaiserinnen, mußten vor der jungen Herrin den Kautau ausführen.

Glücklicherweise wird nur die Hochzeit mit der ersten Kaiserin mit so großem Pomp und Aufwand gefeiert, sonst käme der Kaiser sein Leben lang aus den Heiratszeremonien gar nicht heraus. Mit den Neben- und Aushilfskaiserinnen wird nicht viel Aufhebens gemacht. Die Pekinger Zeitung verkündet einfach ihre Ernennung, ebenso wie die Ernennung einer Anzahl von Beischläferinnen verschiedener Grade. Sie haben alle ihre eigenen Wohnungen, ihre Dienerschaft und Eunuchen, und der Kaiser macht bei ihnen nach Belieben die Runde. In dieser Beziehung werden ihm von dem Zeremonienmeister keine Vorschriften gemacht, dafür hält dieser unter den Beischläferinnen strenge Ordnung, und sollten sich die Haremsdamen irgend welche Vergehen zu schulden kommen lassen, so werden sie zuweilen streng bestraft. So z. B. veröffentlichte die Pekinger Staatszeitung im Jahre 1895 folgendes Edikt:

„Ich, der Kaiser, habe folgende von mir getroffene Verfügung der allergnädigsten Kaiserin-Exregentin mitgeteilt: Unser Hof hat seine Familientraditionen und Vorschriften, die streng und vernünftig sind. Dem Hofharem gebührt es nicht, sich in Sachen der Staatsverwaltung einzumischen. Die Frauen zweiten Ranges, Zfin und Tscheshen, haben ihre bisherige Bescheidenheit aufgegeben. Sie haben sich dem Prunke ergeben und wenden sich wiederholt an Se. Majestät mit Bitten und Anliegen, ihm viel Sorge verursachend. Das darf nicht weiter vorkommen. Denn wenn man sie nicht warnt, so steht zu befürchten, daß die Frauen des Kaisers von allen Seiten mit Bitten und Intriguen bestürmt werden, während diese Intriguen doch nur eine Leiter zu allerlei Betrug sind. Deshalb sind die Frauen Zfin und Tscheshen zu degradieren und solches zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. Jetzt wird Ruhe und Stille im Innern des Palais einkehren. So geschehe es.”

Noch strenger ist vom kaiserlichen Hausministerium unter den Eunuchen aufgeräumt worden, deren es in kaiserlichen Diensten wohl dreitausend giebt. Da sie sich in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers befinden, so ist auch ihr Einfluß auf denselben bedeutend, und sie lassen sich in Anbetracht ihrer unverantwortlichen Stellung häufig zu allerhand Gesetzlosigkeiten verleiten. Jeden Monat veröffentlicht die Staatszeitung Edikte, denen zufolge verschiedene Eunuchen geköpft oder in die Verbannung gesandt worden sind.

Der Thronfolger wird in China unter den Kindern der verschiedenen Beischläferinnen ganz nach Gutdünken des Kaisers erwählt; die Töchter des Kaisers aber werden an hohe mandschurische Generale oder mongolische Fürsten verheiratet, nur dürfen die letztern ihren hochgeborenen Gemahlinnen gegenüber keinerlei eheliche Rechte ausüben, müssen also sozusagen Eunuchen spielen. Sollten sie sich vielleicht doch zu unerlaubten Beziehungen zu ihren eigenen Frauen verleiten lassen, so werden sie streng bestraft. Der Kaiser Taokwang ließ einem solchen kecken Gatten achtzig Stockschläge verabfolgen.

Geistermahlzeiten und Ahnenkultus am Kaiserhofe.

D
D

Die Pekinger Regierungszeitung vom 29. Juni 1895 brachte folgendes Edikt des Kaisers: „In den letzten Wochen ist im Bereiche der Hauptstadt viel Regen gefallen, und noch immer ist der Himmel mit Wolken bedeckt, so daß zu befürchten steht, es könnte durch zu viel Regen die Ernte geschädigt werden. Wir sind auf das tiefste besorgt, und es erscheint geziemend, um günstiges Wetter zu flehen. Wir werden uns deshalb am 1. Juli nach Takao-tien zum Opfern begeben und die himmlische Macht bitten, Regen und Sonnenschein, alles zur rechten Zeit, zu gewähren, auf daß man beruhigt der Ernte entgegensehen könne.”

Am 30. Juni erschien in der Regierungszeitung folgende Nachricht: „Der Kaiser wird sich morgen früh drei Uhr zum Opfern nach Takao-tien begeben.”

Aehnliche Edikte und Nachrichten finden sich in der genannten Zeitung nahezu jede Woche. Bald opfert der Kaiser in der Ahnenhalle, bald im Tempel des Himmels oder in jenem der Erde. Die Opferzeit ist gewöhnlich ungemein früh, zwischen drei und fünf Uhr morgens, zuweilen sogar mitten in der Nacht.

Wenn in diesen Edikten von Priestern niemals gesprochen wird, sondern immer nur vom Kaiser, so hat dies seinen Grund darin, daß er selbst der Stellvertreter der chinesischen Gottheit auf Erden ist, eine Art Hoherpriester mit dem Zopfe. Wie in biblischen Zeiten König und Oberpriester häufig in einer Person vereinigt waren, so ist es in China bis auf den heutigen Tag geblieben. Ja noch mehr: der Kaiser ist der Sohn des Himmels, seine Vorfahren auf dem Drachenthrone weilen als Geister in der Gesellschaft der himmlischen Mächte, und er selbst fährt bei seinem Ableben auf einem goldenen Drachen zum Himmel. Sein Geist lebt dort fort und beeinflußt das Leben der Hinterbliebenen in derselben Weise, wie das seine von seinen eigenen Vorfahren beeinflußt wurde. Aus diesem Glauben entwickelte sich der Ahnenkultus, der in China und besonders am Kaiserhofe kaum weiter getrieben werden kann. Innerhalb der verbotenen Purpurstadt im Herzen Pekings befindet sich ein großer kaiserlicher Ahnentempel, und auch in den anderen, dem Himmel, der Erde, der Sonne und dem Monde geweihten Tempeln Pekings sind die kleinen Ahnentafeln der verstorbenen Kaiser aufgestellt. In dem Tai-miau, d. h. dem Großen Tempel, neben dem Kaiserpalast, befinden sich außer den Ahnentafeln der Kaiser auch jene der Kaiserinnen aus den letzten zehn Generationen, einfache Holztäfelchen, auf welchen die Namen und Titel der Verstorbenen verzeichnet sind und die in vergoldeten Holzkästchen auf langen Tischen stehen. Anschließend an den kaiserlichen Ahnentempel befindet sich an der Ostseite eine Halle für die Ahnentafeln der kaiserlichen Prinzen, an der Westseite eine zweite für die Tafeln verdienter Staatsmänner, Feldherren und andere, also eine Art chinesischer Ruhmeshalle, jedoch ohne irgend welchen anderen Schmuck, ohne Statuen oder dergleichen.

In diesem Tai-miau bankettiert der Kaiser unmittelbar nach seiner Thronbesteigung mit seinen kaiserlichen Vorgängern, denn die Opfer, welche diesen dargebracht werden, denken sich die Chinesen als Festmahle. Sobald der Kaiser in großem Ornat die Halle betreten hat, werden vor die Ahnentafeln jedes einzelnen Kaiserpaares die Opfer gesetzt, und zwar vor jede Tafel drei Becher Wein, zwei Schüsseln Suppe, ein kleines Tischchen und ein Stuhl, auf welchem passende Kleider für den unsichtbaren Vorfahren liegen. Jeder Kaiser erhält außerdem noch zwei Stücke kostbaren Seidenstoff. Auf langen Tischen vor jedem Kaiserpaare werden auch noch zwischen Weihrauchfässern und glimmenden Räucherkerzchen je ein geschlachtetes Schwein, ein Rind und ein Schaf gelegt. Hierauf tritt der Kaiser allein in die Mitte der Halle, wirft sich auf die Knie, und mit der Stirne den Boden berührend ruft er der Reihe nach alle seine Vorfahren mit ihren Namen und Titeln an, eine zeitraubende Affaire, wenn man bedenkt, daß diese Titel aus je zwölf bis zwanzig Wörtern bestehen. Dann bittet er sie, diese Opfergaben als Ausdruck seiner Fürsorge und Verehrung entgegenzunehmen. Der Kaiser liest dieses Gebet von einer kleinen gelben Holztafel ab, die er sodann unter den Klängen eines mongolischen Musikkorps und dem Gesang von Chorsängern den Zeremonienmeistern übergiebt. Beamte raffen nun die Seidenstoffe zusammen und tragen sie in feierlichem Aufzuge zu einem großen offenen Altare, wo sie in Gemeinschaft mit der Gebettafel verbrannt werden.

Hierauf folgt eine höchst eigentümliche Zeremonie, die lebhaft an ähnliche Zeremonien im altjüdischen und christlichen Gottesdienste erinnert. Ein hoher Tempelbeamter reicht dem Kaiser einen Becher mit dem Wein des Segens dar. Bevor er ihn empfängt, kniet er dreimal nieder und berührt jedesmal mit der Stirne dreimal den Boden. Hat er den Becher geleert, so wird ihm das Fleisch des Segens auf einer Schüssel dargereicht, wobei er dieselbe Anzahl von Kautaus auszuführen hat. Im Laufe dieses Opferdienstes hat er im ganzen achtzehnmal niederzuknien und die Stirne vierundfünzigmal auf die kalten Steinplatten zu senken, eine recht anstrengende Turnübung, die von allen anwesenden Prinzen und Würdenträgern ebenfalls ausgeführt werden muß.

Der wichtigste Tempel Pekings, in welchem der Kaiser selbst als Hoherpriester den Opferdienst versieht, ist der berühmte Tempel des Himmels. In der Chinesenstadt, anschließend an die starken, hohen Umfassungsmauern Pekings, befinden sich zwei große, mehrere Quadratkilometer umfassende Tempelhaine, eigentlich schattige, mit prachtvollen alten Bäumen besetzte Parks, auf deren grünen Matten die Opfertiere, Rinder, Schafe und andere, grasen. Hohe, blaßrote Mauern umschließen diese weiten Plätze des Friedens, und nur wenigen Fremden ist es vergönnt, in das Innere einzudringen. Der westliche Park enthält den Tempel des Ackerbaues, der östliche den viel größeren und wichtigeren Tian-niau, d. h. den Tempel des Himmels. Bevor die augenblicklich regierende Dynastie auf den Thron gelangte, war der Tempel des Ackerbaues eigentlich der Tempel der Erde. Aber im Jahre 1531 entschieden die Schriftgelehrten, daß dieser Tempel der Erde außerhalb der Stadtmauern liegen müsse, und es wurde deshalb nördlich der Tatarenstadt ein Park von etwa dreihundert Morgen angelegt, in dessen Mitte sich der Tempel oder vielmehr der Altar der Erde erhebt.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Der Tempel des Himmels zu Peking.

❏ GRÖSSERES BILD

Während des größten Teiles des Jahres sind die heiligen Tempelhaine einsam und verlassen, die stillsten Plätzchen des weiten chinesischen Reiches. Aber dreimal im Jahre, zur Zeit der Sommer- und Wintersolstitien und zu Beginn des Frühlings, drängen sich unter den schattigen Bäumen rings um den Altar des Himmels die Großen des Reiches in ihrer ganzen Pracht. Der Kaiser, die Prinzen, Mandarine und Generale sind dann hier versammelt, begleitet von Musikern, Chorsängern, Tempeldienern und Tänzern, von Leibgarden und Palastsoldaten, ein ungemein seltsames, großartiges Bild. Der Kaiser verläßt schon am Tage vorher bei Sonnenuntergang seinen Palast, um im feierlichsten Aufzuge durch die frischgescheuerten, mit gelbem Sand bestreuten Straßen seiner Hauptstadt nach dem Tempel zu pilgern. Aus Ehrfurcht vor der geheiligten Person des Monarchen müssen sämtliche Thüren und Fenster der Häuser geschlossen werden, keine Seele, weder Chinese noch Europäer, darf sich zeigen. Durch diese verödeten Straßen rollt der von einem Elefanten gezogene gelbe Staatswagen, in welchem der Kaiser sitzt. Nicht weniger als zweitausend Hofbeamte, Mandarine, Eunuchen und Garden, mit zahllosen Bannern, Ehrentafeln und Ehrenschirmen begleiten den Monarchen. Im Tempelhain angelangt, besichtigt der Kaiser zunächst die Opfertiere und begiebt sich hierauf in die Halle des Fastens und der Buße, während sein Gefolge sich außen unter den Bäumen auf den Rasen lagert. Kein Laut unterbricht die nächtliche Stille, denn der Kaiser liegt mehrere Stunden in der dunklen Halle auf den Knieen, im Gebet versunken. Hierauf wird der Kaiser in ein Staatszelt geführt, wo er unter großem Zeremoniell die Händewaschung vornimmt und die langen blauseidenen Gewänder als Oberpriester anlegt; nun beginnt der Zug zu dem Opferaltar. Voran schreiten Bannerträger, dann 235 Musiker in blauseidenen Talaren und eine gleiche Zahl von Tänzern, welche während des Marsches langsame, feierliche Tanzbewegungen ausführen. Hierauf kommt der Kaiser, gefolgt von allen Prinzen und hohen Würdenträgern, viele Hunderte an der Zahl.

Mittlerweile ist an der heiligen Opferstätte selbst alles vorbereitet worden. Innerhalb einer zweiten Ringmauer erhebt sich auf einer Marmorterrasse der mächtige runde Tempel des Himmels mit drei hohen, sich verengenden Stockwerken und himmelblauen Porzellandächern. Hehre Einfachheit kennzeichnet das Innere. Vergoldete Holzsäulen tragen die Dächer, und an der Nordseite, dem Eingang gegenüber, stehen auf reich geschnitzten, rot lackierten Tischen die einfachen Täfelchen des Shang-te, das heißt des „obersten Herrn des Himmels, der Erde und aller Dinge”, sowie der acht verstorbenen Kaiser der regierenden Dynastie. Aus diesem Tempel werden die mit blauem Seidenstoff umhüllten Täfelchen nach dem heiligen Altar des Himmels getragen, auf welchem das kaiserliche Opferfest stattfinden soll.

Dieser Altar, eine der heiligsten Stätten des chinesischen Reiches, befindet sich nahebei in einem dichten Cypressenhaine. Umgeben von ehrwürdigen alten Bäumen, erhebt sich hier ein aus blendend weißen, kreisrunden Marmorterrassen bestehender Aufbau, zu dessen oberster Plattform vier breite Treppen von je neun Stufen emporführen. Die Terrassen, ebenso wie die Treppen sind von skulpturengeschmückten Marmorbalustraden umgeben, in denen Drachen- und Phönixmotive die Hauptrolle spielen. In der Mitte des obersten, mit weißem Marmor belegten Plateaus erhebt sich ein großer Marmorblock für den Kaiser, und darüber wird ein die ganze Fläche einnehmender Baldachin gespannt. Bei dem flackernden Schein zahlreicher Fackeln stellen nun die in lange, hellblaue Gewänder gehüllten Diener die Kaisertäfelchen auf die oberste Plattform; auf die nächsttiefere Terrasse werden die Täfelchen der Sonne, des Großen Bären, der fünf Planeten, der achtundzwanzig Konstellationen und ein letztes Täfelchen für die übrigen Sterne aufgestellt. Diesen gegenüber, auf der entgegengesetzten Seite der zweiten Terrasse, werden die Täfelchen für Mond, Wind, Regen, Wolken und Donner auf kleine Tischchen gestellt, so daß also der oberste Gott Shang-te nach chinesischen Begriffen von allen Himmelskörpern umgeben ist.

Vor jedes Täfelchen werden auf langen Tischen Räucherpfannen für Weihrauch gestellt und allmählich auch die Kerzen und Räucherstäbchen entzündet. Während der ganze Cypressenhain durch die brennenden Fackeln erleuchtet wird, flimmern auf der weißen Marmorpyramide, den aztekischen Teocalli nicht unähnlich, Tausende und Abertausende kleiner Lichtchen. Bei ihrem Scheine werden nun vor jedem Täfelchen die Opfergaben aufgetürmt: zwölf Stück der schwersten blauen Seide vor Shang-te, je drei Stück weißer Seide vor jedem Kaiser, dann zusammen siebzehn Stück roter, gelber, blauer, schwarzer und weißer Seide für die übrigen Täfelchen, die, wie gesagt, nichts weiter als etwa fußhohe, zwei Zoll breite, aufrechtstehende Holzplättchen sind, auf welchen die Namen der genannten Himmelskörper stehen. Sobald die Kunde von dem Anmarsch des kaiserlichen Zuges hierher gelangt, werden die Opfermahlzeiten aufgetragen: Shang-te ein geschlachtetes Kalb, den Sternen ein Stier, ein Schaf und ein Schwein. Vor jedes Täfelchen werden drei Schalen Reiswein aufgestellt und dann in acht Reihen achtundzwanzig mit allerhand Lebensmitteln und Früchten gefüllte Schüsseln gesetzt. Manche derselben enthalten Suppe mit Rind- und Schweinefleischschnitten, andere wieder Pökelfleisch mit Vermicelli, wieder andere Hasen- oder Rehfleisch, geräucherten oder gesalzenen Fisch, Bambussprossen, Petersilie, gekochten Reis, Hirse, Zwiebelblüten verschiedener Art, ja selbst Gewürze, wie Salz und Pfeffer, werden bei dieser Göttermahlzeit nicht vergessen. Chorgesang und Musik verkünden das Nahen des kaiserlichen Zuges. Bald ist der ganze Rasenplatz mit Tausenden von Menschen angefüllt; die Prinzen und Würdenträger steigen auf die beiden untersten Terrassen, während der Kaiser allein langsam zur obersten Plattform emporsteigt und dort vor dem Täfelchen des Shang-te sich dreimal zur Erde wirft und neunmal mit der Stirne den Boden berührt. Dasselbe wird hierauf von allen Anwesenden ausgeführt.

Nun schweigt die Musik, Totenstille herrscht ringsherum. Der Kaiser aber hebt ein prachtvolles Stück blauen Nephritsteines (Jade), das Symbol des Himmels, mit beiden Händen zu der Tafel des Shang-te empor, als sichtbares Zeichen des Opfers. Aus der Ferne erhebt sich die Stimme eines Sängers, der eine Opferhymne singt, und währenddessen wird von Dienern das Opferkalb des Shang-te mit heißer Suppe besprengt. Zunächst wird vom Kaiser von einem blauen Gebetstäfelchen ein Gebet abgelesen, in welchem der Segen des Himmels und die Gunst der verstorbenen Kaiser herabgefleht wird. Das Musikkorps spielt nun eine Hymne, während welcher die Tänzer langsam quadrillenartige Figuren ausführen. Bei dem flackernden Fackelscheine, inmitten der dunkeln Waldbäume, mit dem klaren Sternenhimmel darüber, müssen diese malerischen Gruppen, umgeben von Tausenden in prächtige Gewänder gehüllten Prinzen und Würdenträgern, ein ungemein feierliches, fremdartiges Bild darbieten, das leider niemals dem Auge eines Europäers sichtbar wird. Wer erinnert sich aber bei der Vorstellung dieser Scene nicht an die Schilderungen der biblischen Opferfeste, an Melchisedek und das jüdische Paschal? Seit Tausenden von Jahren werden die chinesischen Opferfeste in genau derselben, streng geregelten Weise ausgeführt, und wie sie nach Westen bis an das Mittelmeer gelangt sind, dürften sie auch ihren Weg nach Osten zu den Azteken genommen haben, deren Opferfeste mit den chinesischen bedeutende Aehnlichkeiten besaßen. In Ost und West sind sie verschwunden, nur an der Quelle selbst, in China, haben sie sich bis auf den heutigen Tag erhalten.

Abermals schweigt die Musik, und die nächtliche Stille wird durch eine mysteriöse Stimme unterbrochen, welche die Worte singt: „Reicht den Becher des Segens und das Fleisch des Segens dar”. Hohe Würdenträger bieten nun beides in feierlicher Weise dem Kaiser dar, welcher vor und nach dem Einnehmen dreimalige Kautaus vor den Täfelchen ausführt. Unter den Klängen einer Jubelhymne werden diese Täfelchen wieder nach dem Tempel zurückgetragen, die Seidenstücke, Opfertiere und Speisen aber dem Feuer übergeben, um durch die Verbrennung thatsächlich zu den Geistern zu gelangen, für welche sie bestimmt sind. In feierlichem Zuge werden die Opfergegenstände über den nur durch Fackeln erleuchteten Tempelhain auf den Verbrennungsplatz getragen. In einer Ecke nahe der Umfassungsmauer erhebt sich ein etwa drei Meter hoher offener Feuerherd aus grünem Porzellan, und neben diesem stehen acht kleinere Kamine aus Mauerwerk, in welche runde Eisenschüsseln von etwa einem Meter Durchmesser eingelassen sind. Auf die in allen Herden glimmenden Holzkohlen werden nun die Opfer gelegt, jene für Shang-te auf den grünen Porzellanherd, jene für die Kaiser auf die eisernen Herde, und während die kostbarsten Seidenstücke, das Fleisch und die Gemüse in Rauch aufgehen, kehrt der Kaiser von seinem Opfergange nach dem Palast zurück. Wenn die Sterne am Firmament erblassen und der erste schwache Schimmer des anbrechenden Tages am Horizont erscheint, liegt der große Park des Himmelstempels wieder still und verlassen da, kaum daß noch leichter Rauch sich über den verbrannten Opfern kräuselt.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Beschwörung eines Götzen.

Neben diesen großen Opferfesten findet alljährlich auf dem Himmelsaltar noch ein anderer höchst eigenartiger Götterdienst statt. Nicht in den reichen kaiserlichen Gewändern, sondern in grobe Sackleinwand gehüllt schreitet der Kaiser von der Halle der Buße zu dem Himmelsaltar. Oben angelangt, verliest er die Namen aller Verbrecher, an welchen während des abgelaufenen Jahres das Todesurteil vollstreckt wurde, und fleht zum Himmel um Gnade für jene, welche möglicherweise an dem ihnen zugeschriebenen Verbrechen schuldlos waren.

Aehnlich den Opferfesten im Tempel des Himmels sind jene im Tempel der Erde, nur daß hier nicht den Himmelskörpern, sondern den Erdgeistern geopfert wird, jenen der vier großen Meere, der vier großen Flüsse Chinas und der vierzehn höchsten Berge; auch hier werden die Täfelchen der verstorbenen Kaiser neben jenen der Erdgeister aufgestellt; aber nur die für die Kaiser bestimmten Opfergaben werden verbrannt, die Opfer für die Erdgeister werden tief in die Erde vergraben, um auf diese Weise wirklich ihre Bestimmung zu erreichen.

Manche religiöse Zeremonien am chinesischen Kaiserhofe stammen aus undenklichen Zeiten. Die Anbetung der Sonne und des Mondes in den ihnen geweihten Tempeln ist noch ein bis auf den heutigen Tag erhaltenes Ueberbleibsel der ältesten Religionen; manche andere Zeremonie, wie z. B. das Ackerbaufest, reicht in dieselbe Zeitperiode zurück, in welcher die ägyptischen Pyramiden erbaut wurden. Vor viertausend Jahren regierte beispielsweise in China der Kaiser Shun. Er wendete dem Ackerbau besondere Aufmerksamkeit zu und eröffnete in jedem Frühjahr selbst die Feldarbeit, indem er mit einem Pfluge Furchen zog. Ganz wie vor viertausend Jahren geschieht dies noch heute in dem großen Tempelhain für Agrikultur, der sich neben jenem des Himmels längs der Südmauer Pekings hinzieht. An einem bestimmten Tage im Frühjahr erscheint der Kaiser mit den kaiserlichen Prinzen und dem gesamten Hofstaate, um zunächst den Göttern zu opfern, oder vielmehr in symbolischer Weise mit ihnen ein Festmahl zu begehen. Nach den nötigen Kautaus vertauschen der Kaiser und die Prinzen ihre prächtigen Gewänder mit der Tracht der Landleute und begeben sich auf ein nahes Feld, wo sie mit gelb lackierten Pflügen, an welche Büffel gespannt sind, neun Furchen ziehen. Hinter den Pflügen schreiten Mandarinen einher, welche den Samen ausstreuen. Während der ganzen Zeit tragen Chorsänger und Musikkorps Hymnen zum Lobe des Ackerbaues vor.

Wie um reichen Erntesegen, muß der Kaiser auch, wie eingangs erwähnt, um den erforderlichen Regen, oder wenn es zu viel regnet, um Trockenheit zum Himmel flehen. Zunächst werden Präfekten oder Gouverneure nach den verschiedenen Tempeln entsendet; werden ihre Gebete nicht erhört, so beordert der Kaiser Prinzen seiner Familie dahin, schließlich geht er selbst opfern und beten, unter der Voraussetzung, daß ein Kaiser nicht nur auf Erden, sondern auch im chinesischen Olymp mehr Einfluß hat als ein gewöhnlicher Sterblicher. So verkündete der Kaiser beispielsweise in der Pekinger Zeitung vom 8. Juli 1894 folgendes:

„Da seit dem ersten Drittel des vorigen Monats in der Hauptstadt und Umgebung reichlich Regen gefallen war und das Wetter sich nicht aufklärte, so begaben Wir Uns zum Opfern und Beten nach Ta-Kao-Tien. Danach blieb der Himmel immer bewölkt und der Regen hört nicht auf. Mit ängstlicher Erwartung sehnen Wir einen Umschwung der Witterung herbei und finden es deshalb angemessen, von neuem darum zu flehen. Wir haben den 10. Juli dazu erwählt, um Uns in Eigener Person nach Ta-Kao-Tien zu begeben. Nach dem Tempel Shih-Ying-Kung beordern Wir den Prinzen dritter Klasse Tsai-Ying, nach Chao-Hsien den Prinzen vierter Klasse Po-lun und nach Niang-ho mian den Herzog Tsitse, um insgesamt an dem genannten Tage zu opfern und um gutes Wetter zu bitten.”

Da sich so einflußreiche Persönlichkeiten bei dem chinesischen Jupiter Pluvius verwendeten und ihm so großartige Opfermahlzeiten gaben, konnte er nicht anders, als sich erweichen lassen. Schon tags darauf trat schönes, trockenes Wetter ein.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Der Tempel der fünf Pagoden (Wu-ta-sse) bei Peking.

Die Umgebung von Peking.

G
G

Gegen Süden, Westen und Osten breiten sich um die berühmte Kaiserstadt weite Tiefebenen aus, mit Schnee bedeckt im Winter, staubgefüllt und reizlos im Frühjahr und Herbst, gewöhnlich auf weite Strecken überschwemmt im Sommer. Der Peiho und seine zahlreichen Nebenflüsse nehmen durch diese langweilige Ebene ihren vielgewundenen Lauf; nichts zeigt hier die Nähe einer Großstadt, der Hauptstadt des volkreichsten Reiches der Erde an. Anders ist es aber, wenn man Peking durch das Nordthor verläßt. In weitem Halbkreis wird das Weichbild der Stadt hier von einem Kranz kühner, ungemein malerischer Gebirge umzogen, die sich bis weit in die Mongolei hinein ausdehnen, das beliebteste Jagdrevier des chinesischen Kaiserhofes; der reizendste Sommeraufenthalt für die chinesischen Großen, die fremden Gesandten und europäischen Einwohner Pekings, welche der heißen Jahreszeit entfliehen wollen. Schon unmittelbar nachdem man die schmutzige, volkreiche Nordvorstadt durchritten hat (Spaziergänge bieten in Anbetracht der elenden Wege keinen Genuß), stößt man auf Spuren der tausendjährigen fremdartigen Kultur, welche sich dieses herrliche Stück Land unterworfen hat. Ueberall liegen inmitten ausgedehnter Parks Sommerhäuser und Villen in chinesischem Stil, dazu zahlreiche malerische Tempel, Klöster und vor allem Schlösser des Kaiserhofes und der Prinzen. Auf den Bergspitzen erheben sich hohe vielstöckige Pagoden, und wo immer ein schöner Aussichtspunkt, ein schattiger Wald vorhanden ist, trägt er gewiß einen Tempel oder ein Kloster. Die Mönche sind gerne bereit, ihre Wohnungen mietweise den fremden Teufeln zu überlassen, und sicher werden alle fremden Diplomaten, alle Europäer, welche längere Zeit in Peking verweilt haben, den Sommeraufenthalt in den Bergen als die schönste Erinnerung ihrer ganzen Chinareise bewahren. Kommt die heiße Jahreszeit, dann flüchtet alles in diese prächtige Umgebung, vor allem der kaiserliche Hof, der in den Vorbergen eine der herrlichsten Residenzen besitzt, die ich in Asien gesehen habe, den berühmten Wan-schu-schan, d. h. den Berg der zehntausend Zeitalter.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings