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China und Japan

Erster Teil: China. (continued 5)

Reading edition

Außerhalb der Stadtthore breiten sich bei vielen Städten Vorstädte aus, in deren elenden Lehmhütten die ärmeren Klassen der Bevölkerung wohnen und in deren Straßen es gewöhnlich lebhafter zugeht als in der Stadt selbst. Ein fortwährendes Schreien und Lärmen, Drücken, Stoßen, Hin- und Herlaufen, Klopfen und Hämmern, Feilschen und Zanken von zerplumptem, schmutzigem Gesindel, das tagsüber fast ausschließlich auf der Straße lebt. Selbst die Frauen scheinen es zu verschmähen, im Innern der schmutzstarrenden Lehmhütten zu verweilen. In manchen Städten ist um diese Vorstädte noch eine zweite Ringmauer angelegt worden, und man hat zwei Thore zu durchschreiten, ehe man in die innere Stadt gelangt. Auch in dieser ist das Leben und Treiben lebhaft, wenn auch ruhiger und vornehmer als draußen in den Vorstädten. Das Straßennetz der chinesischen Städte ist im allgemeinen regelmäßiger angelegt als jenes der alten europäischen; die Straßen schneiden sich in rechten Winkeln, über Flüsse und Kanäle führen zahlreiche, gewöhnlich sehr steile Brücken, um den Schiffen die Durchfahrt zu gestatten, und wäre alles wirklich so, wie es von den Erbauern der Stadt und den Behörden vorgesehen wurde, dann wäre der Aufenthalt dort gar nicht unangenehm. Aber leider teilen die Chinesen eine charakteristische Eigenschaft mit den meisten anderen Völkern des Orients, bis ans Mittelmeer: städtische Anlagen, Häuser, Tempel, Paläste, einmal hergestellt, werden nur in den seltensten Fällen wieder ausgebessert und bleiben in der Regel bis zum gänzlichen Zerfall sich selbst überlassen. Ueberdies verwenden die Chinesen nur für ihre Pagoden, für kaiserliche Paläste, einzelne Tempel und Ehrenpforten Stein als Baumaterial, ihre Häuser bauen sie zum größten Teil aus Holz und Lehm, im besten Fall aus ungebrannten Ziegeln. In Hangtschau, Sutschau, Ningpo, Tschinkiang und vielen anderen Städten werden wohl die Grundmauern bis auf etwa einen Meter Höhe über dem Erdboden aus Stein oder Ziegeln ausgeführt. Dann werden von diesen Mauern aufwärts vertikale Bretterverschalungen errichtet, so hoch als das höchstens ein Stockwerk hohe Haus werden soll, und zwischen die beiden Bretterwände wird nun auf die Grundmauern feuchte Erde und Lehm geschüttet. Dieser wird fest gestampft, und sobald er trocken ist, werden die Bretterwände entfernt. Auf die Lehmmauern werden nun die Dachbalken befestigt, das Dach mit gebrannten Hohlziegeln eingedeckt, und das Haus ist fertig. Die Fenster werden mit Papier verklebt, doch kann man in den Städten, besonders längs der Küste, schon sehr viele Fenster mit Glasscheiben finden. Oefen giebt es keine. Im Süden bedarf es deren nicht, im Gebiet des Jangtsekiang wärmen sich die Leute im Winter wie im mohammedanischen Orient an Holzkohlenbecken, und im Norden bis nach Korea wird der Rauch des Küchenfeuers unter den Fußboden geleitet, der auf diese Weise erwärmt wird. Besitzt das Haus über dem Erdgeschoß noch ein Stockwerk, so enthält das obere Stockwerk gewöhnlich die Wohnräume, zu denen man mittels einer steilen, leiterartigen Holztreppe gelangt.

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Markt in Wei-hsien, zwischen Stadt und Vorstadt.

❏ GRÖSSERES BILD

Daß derartige Häuser den Unbilden der Witterung und der Zeit nicht lange Widerstand leisten können, ist wohl einleuchtend. Deshalb findet man in chinesischen Städten so zahlreiche Ruinen und Schutthaufen, und daher kommt es auch, daß in diesem ältesten Kulturlande der Welt keine Denkmäler aus früheren Jahrtausenden zu finden sind, wie sie selbst in jenen Ländern heute noch bestehen, welche längst der Geschichte angehören: Babylonien, Assyrien, Altgriechenland und Altägypten. Dort ist die Kultur vergangen, und nur die steinernen Kolossalbauten legen Zeugenschaft ab von dem einstigen Glanze; hier ist die Kultur geblieben, aber die steinernen Denkmäler fehlen. Was davon vorhanden ist, Pagoden aus Stein oder Ziegeln, Ehrenpforten, Festungsmauern und dergleichen, reicht zum größten Teil nicht weiter zurück als in das achte oder neunte Jahrhundert und geht sicher dem gänzlichen Verfall entgegen. Handel und Verkehr konzentrieren sich auf einige wenige Hauptstraßen, wenn man die engen, drei bis vier Meter breiten Gäßchen überhaupt mit diesem Namen bezeichnen kann. In den Städten des Nordens sind die Straßen breiter und für den Wagenverkehr berechnet, die Kaufläden finden sich zumeist nach den einzelnen Geschäftszweigen beisammen; hier die Goldschmiede, daneben vielleicht Buch- oder Papierläden, dort Hutläden, Verkäufer von Kleidern, Fächern, Matten, Möbeln und dergleichen, ähnlich wie es früher auch in vielen Teilen Europas der Fall war. In den Seitenstraßen geht es viel ruhiger zu, und am stillsten ist es in den Bezirken, wo sich die Yamen der Behörden und die mit hohen Mauern umgebenen Wohnungen der Reichen befinden. Innerhalb dieses Viertels oder anstoßend an dasselbe befindet sich in den meisten Provinzhauptstädten noch eine eigene mit Mauern umgebene Stadt, welche die Wohnungen der Mandschukrieger enthält, die sogenannte Tatarenstadt.

Aehnlich wie die mohammedanischen Städte, so zeichnen sich auch die chinesischen vor allem durch Schmutz und Unrat aus. Wohl sind in vielen Kloaken vorhanden, die in der Mitte der Hauptstraßen angelegt und mit Steinplatten bedeckt worden sind; wohl laufen auch an den Häusern entlang schmale Abzugsgräben, aber es ist niemand da, der die Pflasterung, niemand, der die Kloaken in Ordnung hält, und so kommt es, daß sich beides, Pflaster und Kloaken, längst friedfertig vereinigt haben, daß man in Kloaken fällt, wenn man auf lockere Steine tritt, und in den Unratspfützen, in welche man häufig durch den ungemein lebhaften Verkehr gedrängt wird, über Steine stolpert. Hier und dort haben sich die Kloaken einen Ausweg nach den Wasserkanälen gesucht, und in diesen waschen die sorgsamen Hausfrauen am Morgen Reis und Gemüse für ihre Mahlzeiten. In den Häusern der Reichen geht es wohl besser zu. In den chinesischen Städten, wo alle Berufszweige zu Zünften vereinigt sind, selbst die Lastträger, Barbiere und Bettler, giebt es auch eine Zunft der Kanalräumer. Für geringes Geld holen sie täglich den Unrat aus den Häusern derjenigen, die sie bezahlen, und tragen ihn in Kübeln, die von wagerechten Schulterstangen herabhängen, vor die Stadtthore oder auf offene Plätze neben den Hauptstraßen, um ihn dort in der Sonne trocknen zu lassen. Welche Gerüche unter solchen Umständen die chinesischen Städte erfüllen, läßt sich eher ahnen als sagen.

Von passender Unterkunft für europäische Reisende kann natürlich keine Rede sein; freilich giebt es in allen Städten chinesische Hotels, aber gewiß würde jeder lieber in unseren Kuhställen die Nacht zubringen als in diesen elenden, von Schmutz, Unrat und Ungeziefer erfüllten Löchern, die, gewöhnlich im ersten Stockwerk gelegen, nichts weiter enthalten als Schlafbretter an den Wänden, ähnlich den Schiffskojen, die man überdies noch mit chinesischen Reisenden teilen muß. Ueber diese Bretter sind schmutzige Matten gebreitet, im Winter vielleicht noch schmutzigere Wolldecken. Von Bequemlichkeiten für die Toilette, Auskleiden und dergleichen ist nichts vorhanden. Die fensterlosen Räume sind mit den widerwärtigsten Gerüchen geschwängert, in denen Opiumrauch den Grundton angiebt; in den unteren Räumen herrscht die Nacht über Lärmen, Schreien und Gepolter; hat es sich vielleicht zeitweilig gelegt, dann kommt man wegen des unaufhörlichen Gebells der Hunde oder dem Geknabber der Ratten nicht zur Ruhe, und steht man bei Tagesanbruch auf, so ist vielleicht der Reisesack mit Geld und Gut verschwunden. Glücklicherweise befinden sich heute schon in den meisten Städten christliche Missionen mit europäischen Missionaren, und dorthin pflegen sich die Reisenden zunächst zu wenden, um deren Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen.

Nächst den mehrstöckigen Pagoden und Buddhatempeln sind in den verschiedenen Provinzstädten wohl die Yamen der Regierungsbehörden die anspruchsvollsten Bauten. Den Yamen des obersten Mandarins, gewöhnlich vom Range eines Taotai, kennzeichnen zwei hohe Flaggenmasten vor dem Haupteingange; residiert in der Stadt ein Provinzgouverneur, so stehen vor seinem Yamen vier derartige Flaggenstangen, und die Dächer seiner Wohnung sind mit gelben Glasurziegeln bekleidet, ähnlich wie der Kaiserpalast in Peking. Auch in Bezug auf die Yamen herrscht in China große Einförmigkeit. Wer jemals einen dieser Häuserkomplexe betreten hat, der findet sich ohne Führer in allen zurecht. Während in den alten Städten Europas häufig genug die Aemter in verschiedenen, voneinander recht weit entfernten Gebäuden untergebracht sind, liegen sie in den chinesischen Städten alle innerhalb der Yamenmauer beisammen: Stadtwache, Gefängnis, Gerichtssaal, Polizei, Kasse und endlich die Wohnungen der Beamten. Die einzelnen Gebäude sind rechtwinkelig zu einander angelegt und umschließen mehrere viereckige Höfe, deren innerster gewöhnlich die Privatwohnung des Taotai selbst enthält.

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Ein Tempelbau.

Der Vorhof der Yamen dient den ärmeren Volksklassen zum Aufenthalt, den Kindern zum Spielplatz. Obwohl die Chinesen vor dem Regierungsvertreter einen Heidenrespekt haben, trocknen sie doch in dem Vorhof seines Palastes ihren Reis oder ihre schmutzige Wäsche oder geben sich verschiedenen Arbeiten hin. Von diesem Platze führen drei, stets nach Süden gerichtete Pforten in das Innere. Die mittlere, größte Pforte wird nur bei besonders festlichen Anlässen geöffnet; auf ihre schweren, schwarzen Thorflügel sind zwei riesengroße Fratzen gemalt, welche die bösen Geister abwehren sollen. Die Pforte zur Linken ist ebenfalls geschlossen und öffnet sich nur, um die zum Tode verurteilten Verbrecher hinauszulassen. Die Pforte zur Rechten ist die gewöhnliche Eingangspforte. Ueber alle drei erhebt sich ein kleines Ziegeldach, an dem große Holztafeln mit den Würden und Titeln des höchsten Mandarins in Goldlettern befestigt sind. An der Innenseite des Eingangs hängt eine große Trommel, für jene bestimmt, die den Mandarin um Schutz und Recht anrufen wollen. Sobald der Mandarin die Trommel hört, ist er verpflichtet, die Hilfesuchenden sofort zu vernehmen und ihnen Genugthuung zu gewähren. Ich fand diese Trommeln auch im Norden Chinas und selbst in den Städten Koreas. Allein gewiß werden sich nur sehr wenige rühmen können, den Klang der Trommeln jemals gehört zu haben, nicht etwa, weil sich in China niemand über Unrecht zu beschweren hätte, sondern vielmehr deshalb, weil die Chinesen dank der Willkür und Habsucht der Mandarine stets trachten, ihre Differenzen auf irgendwelche andere Art auszutragen, ehe sie sich den Mandarinen in die Hände geben.

Von den ebenerdigen Gebäuden mit vorspringenden Ziegeldächern, die den ersten Hof umschließen, ist jenes zur Linken das Gefängnis, jenes zur Rechten das Wachthaus, auf dessen Wand gewöhnlich eine ganze antike Waffensammlung prangt: zweischneidige oder doppelte Schwerter von verschiedenen Formen, Lanzen, Dreizacke, Schilde, Fahnen und dergleichen, selten Feuerwaffen. Das der Pforte gegenüberliegende Gebäude ist eine Art Säulenhalle mit einer nach dem zweiten Hof führenden, gewöhnlich verschlossenen Pforte. Hier werden die Gerichtssitzungen abgehalten; an dem in einer Ecke aufgehängten Gong schlagen die Wachen zur Nachtzeit die Stunden an.

Jenseits der Gerichtshalle liegt ein zweiter Hof, dessen Seitengebäude die Bureaus der Sekretäre enthalten, während das Mittelgebäude von dem großen Empfangssaal des Mandarins eingenommen wird. Die Wände sind mit schönen Ebenholzschnitzereien, Zeichnungen und Inschriften bedeckt, von der Decke hängen Lampions herab, und an der hinteren Saalwand liegt eine etwa zwei Fuß hohe Estrade mit einem kleinen Theetischchen und einigen roten Kissen, der gewöhnliche Sitz für den Mandarin und seine Besucher; an den Seitenwänden stehen abwechselnd kleine geschnitzte Tscha-ki (Theetischchen) und ebensolche Armstühle. Durch zwei Seitenthüren steht diese Empfangshalle mit den Privatgemächern des Mandarins in Verbindung, die sich in den um einen dritten Hof angeordneten Gebäuden befinden.

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Allee zum Grabe des Confucius in Kin-fu.

❏ GRÖSSERES BILD

Die Yamenbeamten sind nur die Vertreter der kaiserlichen Regierung, von dieser bestellt, nicht etwa städtische Beamte. Die Stadtverwaltung wird ähnlich wie bei uns von der Bürgerschaft gewählt, und nur das Tatarenviertel der einzelnen Städte untersteht direkt den kaiserlichen Behörden. Je nach der Größe der einzelnen Städte sind diese in eine verschiedene Zahl von Stadtvierteln eingeteilt, deren jedes etwa sechzig bis hundert Familien umfaßt. Man darf sich aber diese Familien nicht etwa so vorstellen wie bei uns. Häufig gehören mehrere hundert Personen zu einer Familie und wohnen in eigenen ummauerten Häusergruppen beisammen: Großeltern, Eltern, Kinder und Kindeskinder, vielleicht zwanzig bis vierzig Familien derselben Abstammung. Die Aeltesten jeder dieser Familiengruppen, chinesisch Kia-tschang, bilden eine Art Stadtrat und wählen unter sich einen Aeltesten oder Pao-tsching. Dieser ernennt die verschiedenen Beamten seines Viertels und hat die Bestimmungen des Stadtrates bezüglich der Reinigung, Aufsicht und Sicherheit in seinem Gebiet auszuführen. Für die gemeinschaftlichen Interessen aller Stadtviertel wählen die Stadträte der letzteren eigene Vertreter, und über diesen steht endlich der Regierungsmandarin oder Taotai.

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Mandarinsstiefel im Stadtthor von Kiautschou.

Man darf nicht etwa glauben, daß diese Mandarine überall mit ihren Erpressungen und Bedrückungen leichtes Spiel haben. Ganz wie ich es in den koreanischen Städten gefunden habe, so geht es auch in China zu, das ja doch nichts weiter als ein großes Korea ist. Treiben es die Mandarine zu arg, so werden sie von der Stadtbevölkerung einfach vor die Thüre gesetzt, ohne daß der Provinzgouverneur oder gar die Pekinger Regierung dagegen Einspruch erheben würde. Ist die Stadtbevölkerung dagegen mit der Verwaltung des Taotai zufrieden, so wird die Dankbarkeit ihm gegenüber auf recht eigentümliche Weise zum Ausdruck gebracht. Am Ende seiner Dienstzeit begeben sich die Mitglieder des Stadtrats nach dem Yamen und bitten den Mandarin in ihrer blumenreichen Sprache, der Stadt doch ein Paar seiner Stiefel zu schenken. Gewährt er diese ihn besonders ehrende Bitte, so werden die Stiefel in feierlicher Prozession mit Musik und Fahnen nach dem südlichen Stadtthor getragen und dort an der Decke aufgehängt, wo sie bleiben, bis sie in Stücke fallen.

Aber nicht nur der Stadtrat, auch das niedere Volk versammelt sich häufig, um über öffentliche Angelegenheiten zu beraten, und als Versammlungsort dienen in den Städten eigene Beratungshallen mit großen Höfen, wo auch die wandernden Theatertruppen ihre Buden aufzuschlagen pflegen, Hahnen- und Wachtelkämpfe stattfinden. Die unteren, ungemein abergläubischen Volksklassen sind von Agitatoren leicht aufzuwiegeln, besonders wenn irgendwo in einer Stadt das Feng-schui verletzt wurde. Feng-schui heißt wörtlich Wind-Wasser, bedeutet aber den Schutz gegen die bösen Geister, die in China überall in der Luft wie im Innern der Erde herumziehen und fortwährend bestrebt sind, den Chinesen Unheil anzuthun. Die glückliche Seite ist die südliche, und deshalb stehen auch alle offiziellen Gebäude in China mit den Hauptfronten nach Süden; vor den Thoren zu Privathäusern werden eigene freistehende Mauern errichtet, um die bösen Geister abzuhalten. Kein Gebäude darf höher sein als das andere, es sei denn eine Pagode oder ein Tempel, und die Fremden, besonders die Missionare, müssen bei dem Bau ihrer Häuser alle möglichen Finten anwenden, um die Chinesen zu beruhigen. Selbst Flaggenmaste und Telegraphenstangen zerstören das Feng-schui. Die Mehrzahl der Unruhen und Aufstände gegen die Missionare hat diesen einfältigen Aberglauben zur Ursache. In Ningpo bestand der amerikanische Konsul darauf, einen hohen Flaggenmast vor seiner Wohnung zu errichten, und da er seinen Willen, gestützt auf die Kriegsschiffe, durchsetzte, errichteten die Chinesen nahebei einen noch höheren Mast, auf den sie als Gegenwirkung eine kleine teuflische Fratze setzten. Lange, gerade Kanäle findet man in chinesischen Städten selten, denn in solch breiten Avenuen könnten die bösen Geister zu leicht verkehren; wo solche Kanäle sind, werden sie durch künstliche Inseln durchbrochen, oder durch zahlreiche, verschieden hohe Brücken überspannt. Die geraden Straßen der Stadt würden den bösen Geistern auch ungehinderten Durchzug gewähren, deshalb werden die Firmentafeln vor die Häuser in die Straße gehängt, wodurch die Teufelchen natürlich abgelenkt werden.

Ebensowenig wie Wasserleitung und Kanalisierung giebt es in den chinesischen Städten Straßenbeleuchtung. Bis neun oder zehn Uhr abends geht es in den Geschäftsstraßen recht lebhaft zu, und die kleinen Oellämpchen in den weit geöffneten Kaufbuden werfen auch auf die Straßen hinreichend Licht. Aber dann werden die Thore geschlossen, die hölzernen Läden der Kaufbuden geräuschvoll zugeschlagen, die Lampen ausgelöscht, und es herrscht überall Dunkelheit und Ruhe. Nur hier und dort an Straßenkreuzungen oder an Brückenaufgängen flackern armselige Lichter, die entweder durch gemeinschaftliche Beiträge der Straßenbewohner oder durch die Freigebigkeit einzelner unterhalten werden. Verspätete Passanten, die nach Hause eilen, tragen stets Handlaternen, um auf den elenden Wegen nicht zu stolpern oder in Löcher zu stürzen. Gegen Mitternacht hört alles Leben in den Straßen auf, man hört nur den Schritt der Wachen und das Aufstoßen ihres Bambus- oder Eisenstabes auf das Pflaster; alle zwei Minuten schlagen sie auch noch kräftig auf einen Gong, um zu zeigen, daß sie wachen. Nichts konnte mich zur Nachtzeit mehr ärgern als diese dumpfen, feierlichen Schläge, die mich jedesmal aus dem Schlafe weckten. Schreitet ein einsamer Wanderer durch die Straßen, erweckt er zufällig einen Hund, so bellen bald Hunderte oder gar Tausende dieser Bestien und machen während einer halben Stunde einen derartigen Heidenlärm, daß von Schlafen keine Rede sein kann.

Gegen Diebe und Einbrecher gewähren die Wachleute natürlich keinen Schutz, weil sie ja ihr Nahen selbst durch ihre lärmenden Schritte und Stockschläge verkünden. Häufig folgen ihnen aber ein paar hundert Schritte hinderdrein andere, ruhig einherschleichende Wachleute, und diesen gelingt es nicht selten, Einbrecher auf frischer That zu ertappen.

Zwei oder drei Stunden nach Mitternacht beginnen die zahlreichen Hähne zu krähen, endlich bricht die Dämmerung an, und bald erwacht die Stadt aus ihrem Schlafe; das Gepolter mit Thüren und Fensterläden ertönt von neuem; die niedrigen Schornsteine beginnen zu rauchen, die Einwohner kochen ihren Morgenreis und bereiten sich zu neuem Tagewerk vor. So viele Arme es in den chinesischen Städten auch geben mag, ihre Mahlzeiten, Reis, Gemüse, Fische haben auch die Bettler, ausgenommen zur Zeit von Hungersnot. Die Glücksgüter sind in China lange nicht so ungleich verteilt wie bei uns, und herrscht in dem Reiche der Mitte auch nicht so protziger Reichtum und Luxus, so giebt es dafür auch nicht so viel offenes und verstecktes Elend.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
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Tsingtau und Deutsch-China.

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Schon in der im Jahre 1896 verfaßten ersten Auflage dieses Buches habe ich auf den Hafen von Kiautschou verwiesen und im Kapitel über die europäischen Handelshäfen in China bemerkt: „Die Zahl, das Ansehen und der Handel der Deutschen in Ostasien sind so groß, daß auch in anderen Häfen deutsche Landerwerbungen sehr wünschenswert wären, wenn man sich nicht entschließt, einen eigenen Hafen von der chinesischen Zentralregierung zu erwerben. Niemals war die Gelegenheit dazu günstiger als jetzt.” — Ich ahnte damals nicht, daß dieser gewiß allgemein geteilte Wunsch so bald in Erfüllung gehen sollte. Wenige Monate nach der Besitzergreifung Tsingtaus durch das Deutsche Reich traf ich dort ein, um den Hafen und das Hinterland, das bis dahin von keinem Europäer in allen seinen Teilen bereist worden war, kennen zu lernen.

Als wir zwischen den kleinen Felseninseln, die Kiautschou vorgelagert sind, gewissermaßen den Portierlogen des neuen Deutsch-China, hindurchfuhren, wies der Kapitän unseres Schiffes auf ein langes felsiges Vorgebirge, das von Süden her weit vorspringt und das er mit Kap Evelyne bezeichnete. Diesem gegenüber, aber weit landeinwärts, verläuft eine zweite langgestreckte Halbinsel im Meere, gegen Osten an eine Gruppe von mächtigen, schwarzen Bergen anschließend, von denen bis zur Besetzung des Gebietes durch die Deutschen nur der höchste, der bis auf elfhundert Meter in die Wolken ragende Lauschan, einen Namen besaß. Seither sind auch die anderen Berge mit Namen belegt worden. Dem Lauschan zunächst liegt der Prinz-Heinrichberg mit feinen an die Mythen bei Schwyz gemahnenden Spitzen; dann folgt der Kaiserstuhl, und noch näher an die Einfahrt zur Kiautschoubucht der Diederichsberg, dann als Wahrzeichen und Signalpunkt der Bucht der teilweise bewaldete Kegel des Truppelberges, genannt nach dem wackeren damaligen Kommandanten in Kiautschou, Kapitän Truppel.

Ich kann nicht sagen, daß mich der Anblick dieses Hafens besonders fesselte. Die Berge, und selbst die zwischen ihnen liegenden Thäler, zeigten nur wenige Spuren von Grün, auf dem zackigen Grat des schwarzen, düsteren Lauschangebirges lag Schnee, und von Besiedlung, von Dörfern, Städten und Gärten war nicht das geringste zu sehen. Und doch ist Schantung eine der reichsten, fruchtbarsten, am dichtesten besiedelten Provinzen Chinas.

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Der deutsche Stempel des Gouverneurs von Kiautschou.

Erst als wir der Küste der nördlichen Halbinsel ganz nahe waren und die Ankerkette rasselnd in dem hellgrünen Seewasser verschwand, lenkte der Kapitän unser Augenmerk auf eine Anzahl niedriger Lehmmauern, die sich von der graugelben Umgebung kaum abhoben und nur durch die schwarzen Dächer kenntlicher gemacht wurden. Das ist der Sitz der deutschen Regierung, das ist Tsingtau, der Hafen von Kiautschou. Ich richtete mein Fernglas auf diese öde Häuserguppe. Nahe dem sandigen Meeresstrande breitete sie sich aus, rings umgeben von Militärlagern, über denen schwarz-weiß-rote Flaggen wehten. Das nächste Lager oder Fort, wenn man will, liegt unmittelbar am Meere, und von dort streckt sich eine lange, eiserne Brücke in die See, der Landungsplatz von Tsingtau.

Bald war unser Dampfer umschwärmt von kleinen weißen Dampfpinassen, bemannt mit fröhlichen, frisch aussehenden deutschen Matrosen, welche die Post für die verschiedenen Schiffe abzuholen hatten. Die Frachten und Passagiere wurden in einer chinesischen Dschunke an die Landungsbrücke gebracht, die noch aus der Chinesenzeit stammt, gerade so wie alle Militärlager und die meisten von der deutschen Regierung besetzten Gebäude. In den wenigen Wintermonaten, die seit der ersten Landung der deutschen Truppen verstrichen waren, ist wohl sehr viel gearbeitet worden, aber ein chinesisches Küstendorf kann nicht so ohne weiteres in eine deutsche Hafenstadt verwandelt werden. In Deutschland war der Name Tsingtau bis zu meiner Abreise Anfang Februar 1898 ganz unbekannt, und Kiautschou war in aller Mund. Nach Kiautschou wurden die Postkarten aller Kolonialenthusiasten gerichtet, nach Kiautschou die Briefe von zahlreichen Briefmarkensammlern, die sich chinesische Briefmarken mit dem Poststempel Kiautschou erbaten. Kiautschou liegt aber etwa fünfzig Kilometer landeinwärts und ist von der See aus ganz unzugänglich, ja es ist überhaupt nur ganz vorübergehend von den deutschen Truppen besetzt worden. Tsingtau ist, wie gesagt, nur ein kleines Fischerdörfchen, aber es ist für die Schiffahrt und die künftigen Hafenanlagen so günstig gelegen, daß es von den Behörden auch zum Sitz der Regierung ausersehen worden ist. Kiautschou hat in Deutschland den Rahm abgeschöpft und ist ganz unverdienterweise zu einer Berühmtheit gelangt, die eigentlich Tsingtau zufallen sollte.

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Eine Gruppe des schönen Geschlechts in Deutsch-China.

Von der Landungsbrücke führte ein Fußweg an dem von deutschen Soldaten besetzten Brückenfort vorüber, dem sandigen Meeresstrande entlang, nach dem Dörfchen, als dessen erstes Gebäude sich ein ganz ansprechender, hübsch gebauter Götzentempel präsentiert. Zwei hohe Flaggenstöcke ragen über die mit wunderlichen Steinfiguren geschmückten Dächer der verschiedenen Tempelbauten hinaus. Diese letzteren sind auch die größten des ganzen Ortes, denn zum Namen des Gouverneurs schreitend, sah ich zu beiden Zeiten der engen Hauptstraße nur kleine niedrige Chinesenhäuser mit winzigen, papierbekleideten Fensterchen. Glas war in dieses entlegene Nest von Schantung noch ebensowenig gedrungen wie Seife. Hunderte von den langbezopften Söhnen des Reiches der Mitte drängten sich in dieser Straße zwischen den ärmlichen Kaufläden, alle in der gleichen charakteristischen Kleidung: blaue Baumwolljacken, blaue Beinkleider. Im Sommer tragen sie nur diese, im Winter werden Jacken und Beinkleider mit Baumwolle gefüttert. Wird es kälter, so legen sie darüber noch eine zweite dick wattierte Jacke an und häufig noch eine dritte und vierte, so daß manche von ihnen aussehen wie wandelnde Baumwollballen zumal die Aermel wie bei Zwangsjacken um einen halben Fuß länger sind, als die Arme. Daß von einem Wechsel der Kleider während des Winters keine Rede sein kann, sah ich auf den ersten Blick, und auch meine Nase konnte diese Wahrnehmung machen. Zwischen den Kaufläden kauerten ambulante Händler mit ihren nichtigen Waren, Nägeln, Streichhölzern, Tabak in Papierbeutelchen, Pfeifen, Erdnüssen, Kuchen. Hier und da war an der Häuserfront auch ein Kochherd gebaut, mit einem kleinen Schutzdach darüber, und darauf wurde in riesigen Töpfen der Tschau-Tschau, das Mittagmahl, zubereitet.

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Hauptstraße in Tsingtau.

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Chinesischer Stempel des Gouverneurs von Kiautschou.

Von der Marktstraße zweigt sich zur Rechten eine zweite, breitere ab, und diese war augenscheinlich das vorläufige Europäerviertel des Ortes. Freilich zeigte auch diese Straße nur langgestreckte, ebenerdige Chinesenhäuser mit Steinmauern, Papierfenstern und Strohdächern, aber der frische Anstrich, die neu eingesetzten Hausthüren und vor allem die große Reinlichkeit, die überall herrschte, bewiesen, daß hier unmöglich Chinesen wohnen könnten. In der That trugen zwei der Häuser die Namen der zwei einzigen deutschen Handelsherren, welche sich bisher hier angesiedelt hatten: Schwarzkopf & Co. aus Hongkong und Sietas & Co. aus Tschifu. Ihnen gegenüber trägt ein Haus die Bezeichnung „Kaiserlich Deutsche Post”. Ein paar Schritte weiter öffnet sich ein großer Platz, auf welchem sich der Yamen des Gouverneurs von Tsingtau erhebt, ganz so eingerichtet, wie alle Yamen der chinesischen Mandarine. Dem von einem Militärposten besetzten Haupteingang gegenüber erhebt sich eine hohe Schutzwand gegen die bösen Geister, sowie der große Flaggenstock, auf dem heute die weiße Kriegsflagge mit dem schwarzen Kreuz weht. Ins Innere des Yamens tretend, gelangte ich zunächst in einen geräumigen Hof, von ansprechenden chinesischen Häusern umschlossen, in welchem sich die Bureaus und Wohnungen der Offiziere des Stabes befanden. Hier sollte auch ich Unterkunft finden, denn von Hotels oder Logierhäusern war zur Zeit meines Eintreffens, Mitte März, noch keine Spur vorhanden, und erst später ging man daran, das frühere chinesische Zollhaus zu einem Absteigequartier für Fremde einzurichten. Ein breiter Durchgang in dem Mittelhause führt in einen zweiten Hof, ebenfalls von chinesischen Gebäuden mit schön geschwungenen Dächern und Veranden aus geschnitztem Holz eingefaßt. Das mittlere und größte Haus enthält die nur aus zwei Räumen bestehende Wohnung des Gouverneurs, und die beiden Zimmer, die für den bevorstehenden Besuch des Prinzen Heinrich eingerichtet wurden. Bureaus nehmen die anderen Gebäude vollständig ein, ja es mußten noch die dahinter befindlichen Kasernen der längst verschwundenen chinesischen Soldaten dafür eingerichtet werden.

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Hauptstraße von Kaumi.

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Dieses Einrichten der Kasernen und Wohnhäuser, das Reinigen der Straßen und Plätze des Dorfes, die Verbesserung der Wege, Brücken, Flußläufe, Dämme und dergleichen war die größte Aufgabe, welche die wackeren deutschen Truppen während der bisher verflossenen kalten Wintermonate auszuführen hatten. Der chinesische Bauer und der chinesische Soldat sind keineswegs für ihre Reinlichkeit berühmt, und andere Bewohner besaß Tsingtau überhaupt nicht. Polnische Dörfer hätten in Tsingtau vor der deutschen Besetzung als Muster von Reinlichkeit angesehen werden können, und daß auch die chinesische Regierung für ihre Unterthanen nur sehr wenig thut, ist sattsam bekannt. Um diese Mistgrube von Deutsch-China zu reinigen, wurden allerdings die bezopften Kulis, deren man habhaft werden konnte, in den Dienst gepreßt, allein die Matrosen von den Kriegsschiffen und die Soldaten des Marine-Infanteriebataillons mußten fleißig mithelfen. Ihr Fleiß, ihre Ausdauer, und die Freudigkeit, mit der Offiziere sowohl wie Mannschaften sich an das ungewohnte, und man kann wohl sagen, unwürdige Werk machten, verdienen alle Bewunderung. Wohl gab es in Tsingtau das Gouverneursyamen und die fünf großen mit Lehmmauern umgebenen Militärlager, in deren ebenerdigen Gebäuden das chinesische Militär bis zur Besetzung wohnte, ja dieselben waren sogar in einem besseren Zustande, als ich sie sonst bei früheren Reisen im chinesischen Reiche angetroffen hatte. General Tschang, der arme Befehlshaber von Tsingtau, war für chinesische Verhältnisse ein ganz ausgezeichneter Offizier. Zur Zeit des chinesisch-japanischen Krieges sollte Tsingtau in einen festen chinesischen Kriegshafen umgewandelt werden, und Tschang hatte rings um den Ort der ganzen Seeküste entlang Mauern aufführen, die festen Militärlager anlegen und alles in, allerdings chinesischen, Verteidigungszustand setzen lassen, so daß die Deutschen bei ihrer Besetzung des Ortes viel vorgearbeitet fanden. Wollten aber deutsche Soldaten die chinesischen Kasernen beziehen, so mußten diese doch von Grund aus neu gereinigt, verbessert, neu eingerichtet werden. Wo die Maurer, Schlosser, Zimmerleute und dergleichen finden? Da wurde denn der Offizier zum Maurerpolier, der Soldat zum Handwerker, und statt mit Gewehr und Säbel, mußten sie mit Kelle und Hobel arbeiten, aber das Gewehr doch stets zur Seite. Nur der umsichtigen Leitung, der Ordnung, Disciplin, Anspruchslosigkeit und dem guten Mute, der alle beseelte, gelang das anscheinend Unmögliche. Nach der harten Tagesarbeit kamen die Entbehrungen der Nacht. Betten gab es natürlicherweise nicht, desgleichen waren keine Oefen zum Wärmen der eisig kalten, dunklen Räume, keine Glasscheiben für die papierüberklebten Fenster, keine Küchen vorhanden; die armen Leute mußten in Hängematten schlafen, Offiziere wohnten zu zweien und dreien in engen, dunklen, feuchten Räumen, speisten wie im Felde vor dem Feinde, entbehrten der notwendigsten Bequemlichkeiten und mußten dabei auch noch den anstrengenden Garnisonsdienst versehen.

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Der achtzigjährige blinde Abt von Tsingtau.

Das Ergebnis dieser harten Arbeit zeigte sich schon nach wenigen Monaten. Die Kasernen, die ganzen Militärlager wurden zu Mustern von Sauberkeit; ganz Tsingtau wurde gesäubert, die Straßen wurden beleuchtet, ein in einem chinesischen Dorfe unerhörtes Ereignis; die Häuser wurden mit Nummern versehen, an den Straßenecken sah man Tafeln mit Benennungen wie Marktstraße, Bankgasse, Yamenplatz, Paroleplatz und andere. Die Wege waren ausgebessert, zwischen dem Yamen und den verschiedenen, Tsingtau umgebenden Militärlagern herrschte Telephonverbindung, auf dem hohen Truppelberg, der sich über Tsingtau erhebt, befand sich bereits eine Signalstation, in den Straßen sah man zwischen dem lebhaften Chinesengedränge schon Polizisten, überall herrschte Ordnung, und die Grundlage für eine gesicherte Weiterentwickelung der jungen Hauptstadt von Deutsch-China war gelegt. Auch die vorläufigen Untersuchungen über den neuen deutschen Kriegshafen und über das zukünftige Handelsemporium wurden beendet. Die Offiziere der Kriegsschiffe, welche jenseits der Halbinsel Tsingtau in der Bucht von Kiautschou ankern, haben die Untersuchungen durchgeführt und gefunden, daß dieser Hafen längs der Nordküste der Halbinsel von Tsingtau, an der Bucht von Kiautschou angelegt werden müsse, denn dort befindet sich ein etwa zehn Kilometer langer, einen Kilometer breiter Streifen tiefen, sicheren Fahrwassers, der durch die fortschreitende Anfüllung und Verseichtung der Bucht erst nach Jahrhunderten gefährdet werden dürfte.

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Das Ostlager in Tsingtau.

Von dem hohen Erdwalle des Höhenlagers, das nahe der Spitze der Halbinsel Tsingtau liegt, gewann ich den ersten Ueberblick über die ganze zukünftige Anlage und kam zu der Ueberzeugung, daß die Zeiten gewiß nicht fern sind, wo an Stelle der sandigen Gerstenfelder, die sich zwischen dem heutigen Tsingtau und dem Hafen in der Bucht ausdehnten, eine blühende deutsche Handelsstadt sich erheben wird, mit allen modernen Einrichtungen, wo elektrische Bahnen zwischen beiden Küsten verkehren und der Hafen mit Schiffen aller Flaggen gefüllt sein wird. Vor meinem geistigen Auge sah ich an Stelle der Götzentempel christliche Kirchen stehen und längs des sandigen Meeresstrandes, der die Bucht von Kiautschou umfaßt, Eisenbahnzüge laufen, welche die Schätze der Provinz zum Hafen, die deutschen Industrieprodukte aber nach der Provinz bringen sollten. Seit Jahren war ich in den Zeitungen und durch zahlreiche öffentliche Vorträge für diese Erwerbung eingetreten, und jetzt, da ich sie gesehen, war ich mehr als jemals überzeugt, daß sie dem deutschen Handel zum Segen gereichen würde. In Hongkong und Shanghai lagen die Verhältnisse in den Anfangszeiten viel ungünstiger als in Tsingtau, und es hat Jahre gebraucht, bis auch nur der Keim zu den Weltstädten von heute gelegt war. Hongkong wurde im Jahre 1841 als offener Hafen erklärt, aber erst fünf Jahre später, 1846, war der Grund für die neu zu bauende Stadt trockengelegt und überhaupt bewohnbar. Die Verhältnisse waren dort überaus ungünstig, Malaria und Fieber wüteten so fürchterlich, daß ein Regiment Soldaten binnen einem Jahre über zweihundert Mann verlor. Ja der erste Gouverneur, Sir John Davis, empfahl der englischen Regierung auf Grundlage mehrjähriger Erfahrungen sogar, die Kolonie ganz aufzugeben. Und trotz dieser scheinbar kaum zu überwindenden ungünstigen Verhältnisse ist Hongkong heute ein Welthafen von der größten Bedeutung.

Illustration from China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Vor dem Yamen des Gouverneurs.

Mit Shanghai erging es bei seiner Gründung nicht viel besser wie mit dem letztern. Am 17. November 1843 als offener Hafen erklärt, bedurfte es mehrerer Jahre, um die Sümpfe trocken zu legen und die Flußläufe zu regulieren. Während der ersten zwei Jahre wurden nur fünf Häuser gebaut, und 1849, sechs Jahre nach der Eröffnung, hatten sich in Shanghai erst 25 Firmen niedergelassen mit 100 Europäern, darunter sieben Frauen; Futschou, 1842 eröffnet, brauchte sogar zehn Jahre, bis es einigen Handel bekam. Zur Zeit meines ersten Besuches war Tsingtau freilich noch ein ganz merkwürdiger Ort. An fünftausend deutsche Männer wohnten hier, aber keine einzige deutsche Frau, und seit Monaten hatten diese fünftausend ein weibliches Wesen ihrer Rasse überhaupt gar nicht gesehen. Keiner der fünftausend war über fünfzig, keiner unter zwanzig Jahre alt, es gab keine Greise, keine Kinder. In den Straßen war niemals ein Wagen gefahren, in den Ansiedelungen hat niemals ein Hotel oder eine Wirtschaft unserer Art bestanden. Bürgermeister, Richter, Militärkommandant, Landrat, alles war der Gouverneur in eigner Person, und Zivilbeamte gab es noch keinen einzigen. Niemals hat es unter so viel Männern so viel Ordnung, Gemeinsinn, Arbeitseifer und dabei so wenig Erwerbssinn und Eigennutz gegeben. Ich habe auf meinen Reisen, hauptsächlich in den jungen Minenstädten der Felsengebirge, Ansiedelungen gesehen mit einer Bevölkerung, die auch nur aus Männern bestand. Aber wie anders waren die Verhältnisse hier und dort!

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Chinese mit Schubkarren in Tsingtau.

Das regierte Element bilden hier die Chinesen. Als die rotbärtigen Teufel mit ihren blinkenden Waffen landeten, gab es in Tsingtau nur einige hundert Einwohner, vier Monate später waren ihrer ebensoviele tausend, und die Einwohnerschaft hat sich seither wohl verzehnfacht. Ein Winter hatte schon genügt, um dieser armen elenden Bevölkerung verhältnismäßigen Wohlstand zu geben, und so viel Geld wie jetzt haben sie in ihrem Leben gar nicht gesehen. Früher erhielten sie dreißig bis vierzig Cash, das heißt sechs bis acht Pfennige am Tage, heute wohl das sechsfache. Es hat sich in der ganzen Gegend herumgesprochen, daß die Deutschen nicht stehlen und bedrücken, wie es die chinesischen Soldaten gethan haben, sondern daß sie alles bar bezahlen. Arbeit gab es sofort in Hülle und Fülle, und täglich kamen Dschunken mit Waren, täglich lange Züge von Schubkarren. Diese letzteren sind die Equipagen, Lastwagen, Karren, das wichtigste Beförderungsmittel der ganzen Provinz. Für diesen Zuzug mußten Quartiere gebaut werden, überall entstanden neue Häuser, überall wurde gemauert, gezimmert, gehämmert. Und diese Thätigkeit wurde seit meinem Besuche, man könnte sagen, von Tag zu Tag immer lebhafter. Jedes Schiff brachte neue Ansiedler, Kaufleute, Unternehmer, Beamte, Missionare; dazu massenhaft Waren, Baumaterial, Maschinen, Bestandteile für industrielle Unternehmungen aller Art. Unter vorzüglicher Leitung wurde in kürzester Zeit ein praktischer Stadtplan entworfen und seine Ausführung sofort in Angriff genommen. Hunderte von Chinesen arbeiteten an dem Unterbau der breiten Prinz-Heinrichstraße, welche von dem Haupttempel parallel mit der Meeresküste nach dem Brückenlager führt, und an der dieser entlang laufenden Kaiser-Wilhelmstraße; zusehends entstanden die Bismarck-, Tirpitzstraße mit zweckmäßigen Kanalanlagen; es wurde eine Wasserleitung angelegt, der Bau eines Wellenbrechers im Hafen, von Regierungsgebäuden und Beamtenwohnungen begonnen; das Material dazu gewann man aus Steinbrüchen, nach welchen Eisenbahngeleise gelegt wurden. Neben der Bauthätigkeit der Regierung entwickelte sich auch jene von Privatunternehmern mit gleicher Lebhaftigkeit, und heute, drei Jahre nach der Besitzergreifung Tsingtaus, steht an Stelle des elenden Chinesendorfes eine freundliche, anspruchsvolle geschäftige deutsche Stadt mit Hotels, Banken, großen Warenhäusern, Fabriken und industriellen Anlagen der verschiedensten Art; dazu junge Gartenanlagen, Privathäuser, Villen, im ganzen ein Gemeinwesen, wie es in solcher Raschheit und verhältnismäßiger Vollkommenheit in China noch niemals geschaffen worden ist. Das geht auch aus dem Jahresberichte der kaiserlich-chinesischen Zollbehörde vom Jahre 1899 hervor, in welchem gesagt wird: „Die neue Hafenstadt Tsingtau, früher ein ärmliches Fischerdorf, welches auf dem Wasser- wie Landwege sehr viel weiter als die andern Dschunkenhäfen der Bucht von den Hauptmärkten des Inlandes entfernt, keinerlei kommerzielle Bedeutung besaß, ist auf dem besten Wege, in baldigster Zeit eine in vielen Beziehungen mit den schönsten Städten des Ostens rivalisierende moderne Stadt zu werden. Ausgedehnte Kanalisations- und breite Straßenanlagen werden aus dem Felsen gesprengt; elektrisches Licht und Telephonanlagen, Wasserwerke und Anforstungen werden schnell gefördert, bequeme Wohnungen, komfortable Hotels, Bureaus und Werkstätten sind überall im Entstehen. Die früheren chinesischen Häuser sind aufgekauft und die Bewohner in eine gefällig angelegte Musterstadt verpflanzt worden in der Nähe des nördlichen Innenhafens. Auf diese Weise, getrennt von einer unter gesunden Bedingungen untergebrachten chinesischen Bevölkerung, mit vorzüglichen sanitären Anlagen, dazu beglückt mit einem herrlichen Klima, milder als Tschifu im Winter und ebenso kühl im Sommer, mit vortrefflichen Seebädern und luftigen Bergzügen, wie geschaffen für Sommerfrischen, in unmittelbarer Nähe, bietet Tsingtau die beste Gewähr, sich zu einem der ersten klimatischen Erholungsorte des Ostens zu entwickeln.

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Flottmachen eines chinesischen Bootes in Schatzekau.

Als Handelshafen erscheint die Zukunft des Hafens von Tsingtau in gleicher Weise vielversprechend. Seine augenblicklichen Nachteile, ungeschützte Ankerplätze und das Fehlen von Quais, ein Umstand, der Umladen in Leichter, Zeitverlust und Unkosten für Schiffe wie Ladung verursacht, sowie das Fehlen guter ins Hinterland führender Straßen, werden bald der Vergangenheit angehören. Die neuen Häfen mit Anlegestellen für die Schiffe, Geleisen, Güterspeichern und allen modernen Einrichtungen sind schon im Bau begriffen; der kleinere, für Küstenfahrer geeignet, wird voraussichtlich Ende 1900 fertiggestellt sein, während der andere, für die größten Schiffe zugänglich, noch mehrere Jahre bis zu seiner Vollendung bedarf. Die gleichfalls in der Ausführung stehende Eisenbahn wird Tsingtau zum Ausgangspunkte nehmen und den Hafen mit Kiautschou und den andern bedeutenden Städten der reichen und nordwestlichen Distrikte der Provinz in Verbindung bringen und die Haupt-Kohlen-, Seiden- und Strohgeflecht-Distrikte durchschneiden.”

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Partie aus dem Lauschan.

Die Umgegend von Tsingtau ist weitaus nicht so reizlos, wie sie sich vom Schiffe aus zeigt und wie sie vielfach geschildert wird. Zwischen den einzelnen Küstendörfern ist jedes irgendwie verwendbare Stückchen Land sorgfältig von den fleißigen Chinesen geackert und bebaut, rings um die Dörfer und in diesen selbst erheben sich zahlreiche Obstbäume; über den kegelartigen Erdhügeln der Toten stehen Föhren und Pinien, und der Baumwuchs würde noch stattlicher sein, wenn es den Bewohnern nicht vollständig an Brennmaterial fehlen würde. Die Chinesen lieben die Natur, sie umgeben ihre Heimstätten und die Heimstätten ihrer Toten mit Baum- und Blütenschmuck, aber der Selbsterhaltungstrieb ist stärker. Um die Bäume zu schützen, brennen sie trockene Gräser, die sie mit den Wurzeln ausreißen, sie fällen nicht die Föhren, sondern schneiden die grünen Nadeläste ab, und jeder abgestorbene Baum wird durch die Pflanzung eines neuen ersetzt. Dabei liegen reiche Kohlenschätze nur hundertfünfzig Kilometer nördlich von ihnen. Die Eisenbahn, welche jetzt schon von deutschen Ingenieuren gebaut wird, wird auch in dieser Hinsicht segenbringend sein.

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Gesamtansicht von Tsingtau.

Gesamtansicht von Tsingtau. 1. Tsingtau mit dem Yamen des Gouverneurs im Vordergrunde. 2. Gegenwärtiger Handelshafen. 3. Gegenwärtige Landungsbrücke. 4. Stellung der Kriegsschiffe (hinter der Landzunge). 5. Der Truppelberg. 6. Das obere Dorf.

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Gesamtansicht von Tsingtau (linker Teil) 1. Tsingtau mit dem Yamen des Gouverneurs im Vordergrunde. 2. Gegenwärtiger Handelshafen. 3. Gegenwärtige Landungsbrücke. 4. Stellung der Kriegsschiffe (hinter der Landzunge).

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Gesamtansicht von Tsingtau (rechter Teil) 5. Der Truppelberg. 6. Das obere Dorf.

Draußen im deutschen Gebiete und auf den entlegenen Außenposten an den Grenzen von Deutsch-China halten junge Offiziere mit kleinen Abteilungen Ruhe und Ordnung aufrecht. Sie wohnen in den mehr als bescheidenen Bauernhäusern der Chinesen, kaum viel besser als die Chinesen selbst, auf Stunden in der Runde nur von solchen umgeben. Aber der Aufenthalt auf dem Lande entbehrt nicht eines gewissen Reizes, besonders wenn der nahende Frühling alles verklärt, wo die Sonne wärmer scheint und wo auch schon wie traute Grüße aus der fernen Heimat die lieblichen Veilchen zu blühen beginnen. Ich habe das ganze große Gebiet kreuz und quer durchzogen und war dabei nicht so sehr überrascht von der Sorgfalt, mit welcher Obstgärten und Felder gepflegt und gehütet werden, denn ich kannte den Fleiß des chinesischen Landmannes von früheren Reisen. Was meine Verwunderung in viel höherem Grade erregte, war die Dichtigkeit der Bevölkerung, die große Zahl von Dörfern, die innerhalb Deutsch-Chinas liegen und die zusammen wohl an siebzigtausend Einwohner zählen mögen. Es ist keineswegs ein wertloses Stück Land, das deutsche Missionare ihrem Vaterlande mit ihrem Blute erkauft haben, denn es kann diese ganze Bevölkerung nähren. Auf den elenden Fußwegen zwischen den Feldern, an ausgewaschenen Flußläufen und gefahrvollen Schluchten entlang reitend, gewahrte ich überall junge Gerste, Bohnen, Erdnüsse, süße Kartoffeln; in den Obstgärten stehen in langen Reihen Birnbäume, sorgfältig beschnitten und mit abgeschälter Rinde, um die Bäume gegen Insekten zu schützen; in den Dörfern sah ich über die steinernen Umfassungsmauern der Häuser mitunter Bambusstauden, Myrten und Lorberbäume, Pinien, ja sogar große blühende Kamelienbäume. Am Eingang jedes Dorfes erhebt sich ein Götzentempel, gewöhnlich von alten, hohen Bäumen überschattet; in den Straßen wurde überall fleißig gearbeitet, an Stelle der Mistjauchen unserer Dörfer liegt der Dünger, mit zerkleinerten Bauziegeln vermischt, im Hinterhause und wird mit rührender Sorgfalt und Sparsamkeit auf die Felder verteilt. An freien Stellen befinden sich in jedem Dorfe Mahlmühlen, aus großen flachen Steinen bestehend, auf denen sich eine schwere Steinwalze, gewöhnlich durch Eselchen gezogen, im Kreise wälzt. Frauen bringen die schweren Säcke herbei, verteilen die Körner auf der Mühle, treiben das Eselchen an und verbringen die Zwischenzeit noch mit Nähen und Flicken. Bei der Annäherung eines Europäers wenden sie ihr Gesicht ab oder laufen davon, so schnell ihre winzigen Füßchen sie nur tragen können. Ich war überrascht, wie sehr die Qual der Fußverkrüppelung in diesem Gebiete verbreitet ist. Unter den Tausenden von Frauen, die ich zu Gesicht bekam, besaß keine einzige ihre natürlichen Füße. Selbst wenn sie auf den Feldern arbeiteten, oder Lasten trugen, steckten ihre Füßchen in den kaum spannenlangen gestickten Seidenschuhchen. Sonst ist ihre Kleidung jener der Männer ähnlich, nur daß sie an Stelle der blauen oder weißen Beinkleider solche von knallroter Farbe tragen. Die Knaben tragen schon von etwa zehn Jahren an den langen Zopf, der mit Hilfe von eingeflochtenen Schnüren bis nahe an den Boden herabbaumelt; die Frauen stecken ihre prächtigen, rabenschwarzen Haare mit Silbernadeln auf dem Kopfe fest.

Auch an landschaftlichen Schönheiten ist das deutsche Gebiet reich; auf der tiefblauen, weiten Fläche der Kiautschoubucht liegen kleine und große Inseln; die letzteren, mit Dörfern und Tempeln bedeckt, sind gut bebaut, vor allem Potato-Island und die Tschiposaninsel. Etwa in der Mitte des Gebietes erhebt sich der mächtige schwarze Woschan, mit seinem östlichen malerischen Ausläufer, dem bewaldeten Prinz-Heinrichberg. Die Grenze gegen das chinesische Gebiet aber bildet der lange scharfgezackte Gebirgszug des Lauschan, dem einer meiner letzten Ausflüge galt. Aus dem ungemein lieblichen, wohlbebauten Connythale mit seinen Dörfern, Tempeln und Friedhöfen erhebt sich seine gewaltige Masse, überragt von himmelanstrebenden Felsnadeln und Spitzen. Die Besteigung dieses mit ungeheuren Trümmern besäten, vollständig vegetationslosen Gebirgszuges war nicht gerade ein Genuß, aber wir wurden doch belohnt durch den Anblick des reizenden Thales von Jia-kung-tiën, mit dem gleichnamigen Kloster, das zwischen Bambusstauden, Myrten- und Lorberbäumen halb verborgen daliegt. Die freundlichen Taoistenmönche zeigen als ihren größten Stolz einen wunderbaren Kamelienbaum von etwa sechs Metern Höhe und anderthalb Metern Stammesumfang.

Je mehr ich von dem neuesten und gleichzeitig entferntesten Besitz des Deutschen Reiches zu sehen bekam, desto mehr stieg meine Dankbarkeit für diejenigen, die ihn dem deutschen Volke gegeben haben, denn ich bin überzeugt, daß er mit jedem Jahre an Wert gewinnen und dem deutschen Handel, wie der deutschen Industrie Segen bringen wird.

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Der Niam-Niamtempel (der „heiligen Mutter”) in Kiautschou.

Quer durch Schantung[2].

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Mit Tsingtau hat das Deutsche Reich nur eine Pforte zu dem großen unbekannten Hinterlande erreicht, und dieses, nicht Tsingtau, ist für den deutschen Handel in China von der größten Wichtigkeit. Von diesem Hinterlande und seiner Eröffnung wird es abhängen, ob der neue Hafen an der chinesischen Küste eine Bedeutung erlangen wird, die über jene einer Kohlenstation und eines Stützpunktes für die deutsche Flotte hinausgeht, und die Errichtung von Faktoreien, größeren Hafenanlagen, Leuchttürmen, Befestigungen rechtfertigt.

Wo immer man auf dem Erdball Umschau halten mag, wird man große blühende Handelshäfen ausschließlich nur dort finden, wo schiffbare Wasserstraßen nach einem fruchtbaren, dicht bewohnten Hinterlande führen, oder wo die Bodenverhältnisse die Anlage von Eisenbahnen, dieses wichtigsten Ersatzes für Wasserstraßen, möglich machen.

Wie sind nun diese Verhältnisse im Hinterlande von Deutsch-China bestellt? Was liegt dahinter? Worauf stützt man die Hoffnungen auf eine gedeihliche Entwickelung des Keimes, den die deutschen Blaujacken an der fernen Küste von Schantung gepflanzt haben? Wer kennt dieses Schantung aus eigner Anschauung? Was bisher davon ins Abendland gedrungen ist, beruht großenteils auf Hörensagen. Seitdem der große Venetianer Marco Polo im dreizehnten Jahrhundert das ferne Cathai bereist und mit seiner wundersamen Mär von dem chinesischen Riesenreiche die Alte Welt in Erstaunen gesetzt hat, haben nur ein paar englische Reisende, hauptsächlich Missionare, verschiedene Teile von Schantung besucht; ein Deutscher ist vor dreißig Jahren ihren Pfaden gefolgt, allein hauptsächlich mit wissenschaftlichen Zielen vor Augen. Was sie berichtet haben, und was die in dieser Hinsicht unzuverlässigen Chinesen über Schantung erzählen, bildete bis zu diesem Jahre die Grundlage unseres Wissens. Was dort für den Handel zu holen ist, welche Aussichten sich für einen Hafen an der Küste darbieten, hat uns noch niemand, gestützt auf eigne Anschauung, erzählt. In dieser Hinsicht, wie auch in Bezug auf die Geographie und Ethnographie des Landes, ist Schantung großenteils noch eine terra incognita.

Und doch sind die wenigsten Gebiete des großen asiatischen Kontinents interessanter und würden eine so ergiebige Ausbeute für den Reisenden darbieten, als gerade Schantung; denn abgesehen von den mineralischen Schätzen, die dort unter der Erde schlummern, abgesehen von dem eigenartigen Thun und Lassen der Bewohner dieses Landes zwischen dem mächtigen Gelben Strom und dem großen Kaiserkanal, liegt ja dort, am Südfuße der malerischen Berge des mittleren Schantung, das heilige Land von China. Dort liegt die Geburtsstätte des großen Religionsstifters der Chinesen, Confucius, sowie die seiner Apostel Mencius, Tse-Tse und anderer. Dort liegen heute noch, wohlbehütet von ihren Nachkommen, die Gräber dieser Weisen; und in einer Großstadt, Yentschou-fu, werden ihre Lehren studiert, erklärt und über das ganze Land verbreitet; unweit davon erhebt sich der sagenhafte heilige Berg von China, der Taishan, mit seinen zahllosen Tempeln, Opferaltären und kaiserlichen Denkmälern, zu Füßen des Taishan aber liegt das Mekka von China, die große Pilgerstadt Taingan.

All das bot mir mehr als hinreichende Veranlassung, von dem deutschen Hafen Tsingtau aus die Reise kreuz und quer durch die Provinz Schantung, ein Gebiet so groß wie Süddeutschland, einschließlich der Reichslande, zu unternehmen. Von meinen früheren Reisen in dem großen Reiche der Mitte wußte ich, daß es galt Abschied zu nehmen von all den Bequemlichkeiten des modernen Reiselebens und von allem Verkehr mit der Außenwelt. In China ist der Reisende auf sich selbst und seine eignen Hilfsmittel angewiesen, und da in Tsingtau der Handelsverkehr noch ein Ding der Zukunft ist, hatte ich mir den erforderlichen Reisebedarf, bis herab zu Kochgeschirren und Bettzeug, von Shanghai aus besorgt.

An einem kalten, stürmischen, regnerischen Märztage verließ ich, begleitet von meinen chinesischen Dienern und Photographen, Tsingtau in einer elenden Dschunke, um über die weite Bucht von Kiautschou nach der Stadt dieses Namens zu segeln. Eine andere Verbindung besteht heute mit Kiautschou nicht, wollte ich nicht zu Pferd über Land um die große Meeresbucht herum nach meinem in wenigen Monaten so berühmt gewordenen Ziele reiten. Die Stadt war auch schon früher einmal, vor Jahrhunderten, berühmt, als die Meeresbucht in ihrer nördlichen Hälfte noch nicht so verschlammt war wie jetzt. Dutzendemale fuhr die kleine, von fünf blöden Zopfträgern bemannte Dschunke auf den Schlammboden auf; die einströmende Flut erst führte sie weiter in einen kaum vier Schritte weiten Kanal, um in der Nähe eines elenden Chinesendorfes, Tapautau, ganz stecken zu bleiben. Auf meine tags zuvor an den Mandarin von Kiautschou gerichtete Bitte standen dort drei, mit mageren Gäulen bespannte zweirädrige Karren bereit, und derartige Karren, mit einem Reitpferd für mich, bildeten die Transportmittel meiner Karawane während der ganzen, zwei Monate langen Reise.

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Visitenkarte des Präfekten von Kiautschou.

Die einst so blühende Hafenstadt Kiautschou liegt heute mehrere Wegstunden von der Meeresbucht entfernt, auf trockenem Lande, und nichts ist unrichtiger, als in Bezug auf Kiautschou von einer Hafenstadt zu sprechen. Der Name Kiautschou als Bezeichnung für den deutschen Besitz in China sollte überhaupt aus allen Zeitungen wie aus der Leute Mund verbannt und dafür Tsingtau gesetzt werden. Tsingtau ist ja der deutsche Hafen, von Kiautschou zulande anderthalb Tagereisen entfernt. Statt Tsingtau Kiautschou zu nennen, ist gerade so, als würde man in Deutschland statt der deutschen Stadt Emden das holländische Groningen nennen. Kiautschou steht ja trotz seiner kurzen Besetzung durch die deutschen Marinesoldaten im Jahre 1897 vollständig unter dem steinernen Scepter des „Sohnes des Himmels”, und ein bezopfter alter Mandarin, namens Lo, führt dort in seinem Namen die Regierung. Wohl liegt Kiautschou in der Zone des sogenannten „deutschen Einflusses”, und keine wichtigere Regierungsmaßnahme kann dort ohne Einwilligung der Deutschen getroffen werden, allein Stadt und Gebiet sind unanfechtbar chinesisch.

Obschon Kiautschou nach europäischen Begriffen kaum mehr als ein stattlicher, mit hohen Ringmauern umgebener Marktflecken ist, wird es von den Chinesen doch noch immer als eine bedeutende Stadt betrachtet, was schon ihr Name „tschou” besagt. Die Städte erster Größe heißen in China „fu”, wie z. B. die Hauptstadt von Schantung Tsinanfu heißt, Städte zweiter Größe heißen „tschou”, wie Kiautschou, Tsinningtschou, jene dritter Größe, oder Kreisstädte, heißen „hsien”, wie Weihsien, Poschanhsien. Nicht ohne eine gewisse Erregung ritt ich durch das Stadtthor ein, auf welchem eine Zeitlang die deutsche Flagge geweht hat; Abgesandte des Mandarins erwarteten mich hier, um mich durch die von weiten grünen Feldern und schattigen Friedhöfen unterbrochenen elenden Vorstädte nach der inneren Stadt zu führen. Bald hatten wir die mächtige innere Ringmauer erreicht. Jenseits des vollständig unbewachten Thores gelangten wir in ein Gewirr von engen Gassen, eingefaßt von ebenerdigen Häuschen. Vor einem derselben wurde Halt gemacht. Durch die weitgeöffneten Flügelthüren erblickte ich einen Hof, in dessen Hintergrund sich eine Lehmhütte mit Strohdach erhob. Das war mein „Hotel”, das zur Zeit der deutschen Besatzung auch als Hauptquartier der Marinetruppen gedient hat. Eine wackelige Thür, von innen durch hölzerne Querriegel notdürftig verschließbar, führte in einen dunklen Raum, der als einzige Möbel einen Tisch und zwei Stühle besaß. Zu beiden Seiten befanden sich kleine Kabinette mit Holzpritschen; der Fußboden bestand aus festgestampftem feuchten Lehm, die kleinen Fensterchen waren mit dünnem zerrissenen Papier überzogen, von Heizeinrichtungen, Betten, Waschgefäßen und dergleichen keine Spur. All das muß der Reisende in China, wenn er auf etwas Bequemlichkeit Anspruch macht, mit sich führen, und meine Diener hatten während meiner Irrfahrten durch die Provinz mit dem Ein- und Auspacken all der Gerätschaften täglich vollauf zu thun; denn ebenso wie dieses „Hotel”, so sind auch alle anderen in Schantung, nur daß die Mehrzahl bei weitem nicht so reinlich und verhältnismäßig so frei von Ungeziefer waren, wie dieses historische deutsche Hauptquartier in Kiautschou.

Da ich mit offiziellen Empfehlungsschreiben seitens der chinesischen Regierung reiste, so meldete sich bald nach meinem Eintreffen ein Yamenbeamter, der mir die große rote Visitenkarte des Präfekten überbrachte. Chinesische Etikette erfordert es, daß man die eigne Visitenkarte, mit Namen und Titeln in chinesischen Schriftzeichen, durch den Beamten zurücksendet und sich bei dem Stadtmandarin zum Besuch anmeldet. Der erste Besuch, den ich Seiner Ehren, dem Präfekten Lo machte, war nicht ohne Interesse. Allein mit Bedauern denke ich heute an die kostbare Zeit zurück, die in jeder einzelnen der vielen Städte und Marktflecken in Schantung mit den Besuchen und dem Empfang der Gegenbesuche seitens der Mandarine verloren ging. Jeden zweiten oder dritten Tag kam ich in eine Stadt, und statt mich sofort an die Besichtigung derselben machen zu können, mußte ich die ersten zwei oder drei Stunden derlei gesellschaftlichen Erfordernissen opfern. Wie der bezopfte alte Lo, so empfingen mich auch alle anderen Mandarine in vollem Staatskleide, umgeben von ihren Sekretären, Beamten und Ehrengarden, in der Haupthalle ihres Yamens. Die drei großen Höfe, die ich dabei zu durchschreiten hatte, waren gewöhnlich von vielen Hunderten Neugierigen gefüllt, von denen der größte Teil einen Europäer überhaupt zum erstenmal erblickte. In der Haupthalle angelangt, führten die Anwesenden vor mir den Kautau aus, indem sie sich mit vor der Stirn gefalteten Händen bis nahe dem Boden verbeugten. Dann führte mich der Mandarin zu einem der beiden im Hintergrund befindlichen Stühle, nahm aus den Händen eines Dieners eine Tasse Thee und stellte sie auf das zwischen den Stühlen stehende Tischchen. Dann erst nahm er Platz und die Unterhaltung begann mit Hilfe meines Dolmetschers. Leider verlangt es die Höflichkeit, nicht früher aufzubrechen, bis der Mandarin seine Theetasse zum Munde führt, und das dauerte mitunter sehr lange, denn ebenso begierig wie ich es war, die Verhältnisse in Schantung kennen zu lernen, ebenso begierig waren auch die Mandarine, etwas über Deutschland zu erfahren, das sie ja nur dem Namen nach kennen. Geographie wird in den chinesischen Schulen nicht gelernt.

Kaum war ich nach diesen Besuchen nach Hause zurückgekehrt, so ließen sich die Mandarine, in mancher Stadt drei oder vier hintereinander, zum Gegenbesuch anmelden. Den Vortrab bildeten Soldaten und Yamendiener, die zuweilen die großen phantastischen Paradewaffen trugen, dann kam die von vier Dienern getragene, von einem großen roten Zeremonienschirm beschattete Sänfte, in welcher der betreffende Mandarin saß, und die Kautaus, Theezeremonien und langweiligen, überall ziemlich gleichen Gespräche begannen von neuem, bis ich durch das Erheben meiner Theetasse das Zeichen zum Aufbruch gab.

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Segelschubkarren.

Kiautschou hat von seiner einstigen Größe noch recht viel Reichtum und Industrie bewahrt, auch der Handel mit dem Inlande ist noch ziemlich rege. Die Stadt besitzt reizende Tempel und zahlreiche Steindenkmäler in Gestalt von Ehrenpforten, in den Geschäftsstraßen reiht sich Laden an Laden, in denen die fleißigen Zopfträger unter den Augen der Passanten Pfeifen drechseln, hübsche Messingwaren, Leuchter, Opiumlämpchen und dergleichen herstellen, Tapeten mit chinesischen Ornamenten bedrucken, spinnen, weben, nageln, hämmern, vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein. Ja, ich fand in wenigen Städten so viel Industrie wie hier, und die Stadt wird durch die geplante Eisenbahn von Tsingtau nach der Hauptstadt Tsinanfu gewiß viel gewinnen, denn was Schantung vor allem anderen braucht, sind Schienenwege. Als ich nach zweitägigem Aufenthalte mit meiner umfangreichen Karawane aufbrach, um durch die große Ebene nördlich von Kiautschou nach Weihsien zu reisen, bekam ich den ersten Vorgeschmack der gegenwärtigen Verkehrsrouten. Die einzelnen Dörfer und Städte in der ganzen Provinz sind nicht etwa durch Straßen oder auch nur Landwege miteinander verbunden, die irgendwie von den Mandarinen unterhalten werden, sondern Karren, Reiter, Fußgänger schlagen einfach die nächste Richtung nach ihrem Ziele ein, und ihren Spuren folgen die Nachkommenden, so daß allmählich eine breite, tief ausgefahrene Route in dem weichen Alluvialboden entsteht, im trockenen Herbst und Frühjahr mit knietiefem, feinem Staub bedeckt, im Winter festgefroren, in der sommerlichen Regenzeit mit knietiefem Wasser angefüllt. Selbst die wichtigsten Verkehrsstraßen, wie jene zwischen dem einzigen Handelshafen von Schantung, Tschifu, nach der Hauptstadt, und die große, vom Jangtsekiang quer durch Schantung nach Peking führende sogenannte Kaiserstraße sind nicht viel besser, so daß man sich die Annehmlichkeiten des Reisens in der deutschen Provinz von China leicht ausmalen kann. Ermattet, ausgehungert, mit fingerdickem Staub bedeckt, kam ich nach den langen Tagemärschen in mein Nachtquartier, und in den Dorfherbergen war zuweilen das Wasser so schmutzig und übelriechend, daß ich ein paar Flaschen Apollinariswasser opfern mußte, um mich zu reinigen. Die große Mehrzahl der Mandarine und fast alle Kaufleute, die ich sprach, begrüßen die kommende Eisenbahn als einen Segen, und daß dem Bau dieser Eisenbahn keine übergroßen technischen Schwierigkeiten entgegenstehen, konnte ich überall erkennen. Von Kiautschou dehnt sich eine ungeheure, fast durch gar keine Erhebung unterbrochene Ebene in nördlicher Richtung quer durch Schantung und die Provinz Petschili bis nach Peking aus; die auf den meisten Karten verzeichneten Gebirge sind dort nicht vorhanden und erheben sich nur im mittleren Teile von Schantung, so daß sie von der nach der Hauptstadt Tsinanfu geplanten Eisenbahn, ohne einen Umweg zu machen, umfahren werden können. Die Mehrzahl der auf den Karten verzeichneten größeren Flüsse sind einen großen Teil des Jahres über wasserlos und erfordern keine schwierigen Brückenbauten. Auch bezüglich der zu erwartenden Einnahmen braucht man sich keinerlei Sorgen hinzugeben. Ich war auf der Reise nach der Hauptstadt überrascht von der großen Zahl volkreicher Städte und Dörfer; nach jeder halben Wegstunde stieß ich auf ein Dorf von mehreren hundert Einwohnern; häufig sah ich in meiner Sehweite im Umkreis Dutzende von Dörfern, durch die hohen Weiden und Eschen, welche ihren Hauptschmuck bilden, leicht erkennbar, von wirklichem Elend bekam ich nichts zu sehen. Und wenn in manchen Jahren der große Uebelthäter von China, der Hoangho, ungeheure Länderstrecken überschwemmt, wenn in verschiedenen Gebieten heftige Regengüsse oder anhaltende Dürre die Ernte vernichten, so ist dafür in anderen Gebieten der Ertrag der Ländereien an Weizen, Hirse, Bohnen, Reis und anderen Früchten so groß, daß der stellenweise entstehenden Hungersnot gesteuert werden könnte, wenn nur Transportwege vorhanden wären, um den Ueberfluß eines Gebietes nach dem notleidenden anderen schaffen zu können. Aber diese Transportmittel sind der Hauptsache nach Schubkarren, welche von Kulis gelenkt werden. All die zahlreichen Produkte der ungemein fruchtbaren und dichtbevölkerten Provinz, Kohle, Eisen, Lebensmittel, Seide, Wolle, Stoffe, Glas- und Töpferwaren, werden auf Schubkarren verfrachtet, und selbst der Passagierverkehr bedient sich hauptsächlich dieser primitiven Fuhrwerke.

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Kaiserliche Pavillons im Park des Confuciustempels in Kiu-fu.

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Merkwürdigerweise bedienen sich die Schubkarrenkulis um Schantung zur Beförderung ihres Fahrzeugs auch der Segel. Vor dem Karren stecken zu beiden Seiten des Rades mannshohe Segelstangen, und zwischen diesen hissen die Kulis bei günstigem Winde blaue oder graue Segel. Unter diesen Umständen spricht es ungemein für den natürlichen Reichtum der Provinz, sowie für den Fleiß, die Nüchternheit und Sparsamkeit ihrer Bewohner, daß so viele Millionen ihr Auskommen finden können und daß in einer Reihe von Städten so große Wohlhabenheit herrscht. In Weihsien, Tsingtschoufu, Tsinanfu, Tsinin und anderen Städten giebt es eine ganze Anzahl von Millionären, ja die Hauptstadt der Provinz dürfte zu den reichsten Städten Chinas gezählt werden können. Freilich bekommt nur der aufmerksame Reisende davon etwas zu sehen, denn ebensowenig wie in anderen Provinzen besitzen auch die Städte Schantungs irgend welche Paläste: die Reichen verbergen ihre Wohnungen, ihre Wohlhabenheit hinter hohen Mauern, und die einzigen ansehnlichen Bauten, die man zu sehen bekommt, sind vor allem die mächtigen, von kuriosen Türmchen und Pagoden gekrönten Ringmauern, welche alle Städte und auch zahlreiche Marktflecken umgeben, sowie die vielen, Buddha oder Confucius geweihten Tempel, die sich gewöhnlich inmitten schattiger Cedern- und Fichtenhaine erheben. Sie bilden die einzigen Sehenswürdigkeiten nach unseren Begriffen, denn Monumente, Museen, Theater, große Fabrikanlagen und dergleichen gibt es in Schantung ebensowenig wie in dem ganzen übrigen China. Die Theater werden von den im Lande umherziehenden Wandertruppen jedesmal auf Marktplätzen oder in Tempelhöfen eigens aus Bambusrohren errichtet und nach Beendigung ihres „Gastspiels” wieder abgebrochen. Fabriken giebt es nicht; alles, sogar die Kohlenminen, Glasbläsereien und Töpfereien der großen Industriestadt Poschan sind gewissermaßen Hausindustrie, und die einzigen Dampfmaschinen der ganzen an fünfunddreißig Millionen Einwohner zählenden Provinz befinden sich in dem Arsenal von Tsinanfu.

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Gespann in Ost-Schantung.

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Visitenkarte des Mandarins von Poschan.

Für den Mangel an sogenannten Sehenswürdigkeiten wurde ich aber durch das Leben und Treiben der Bewohner in den Städten wie auf dem Lande mehr als entschädigt, denn die Provinz hat noch keine Beziehungen zu der Außenwelt, alles hat sich in malerischer Ursprünglichkeit erhalten, und deshalb war für mich jede Stadt, jedes Dorf eine Art Museum. Weihsien mit seinen großen Märkten, Tsingtschoufu mit den herrlichen Buddhatempeln und interessanten mohammedanischen Moscheen, Lintschi mit seinen mehrtausendjährigen Altertümern, das industriereiche Poschan, dann Tschangschan, Tschangkin und vor allem die gegen vierhunderttausend Einwohner zählende Hauptstadt boten mir eine Reihe von Bildern, wie sie sich dem Reisenden in China selten zeigen. Dazu reiste ich in der schönsten Jahreszeit, im Frühling, und das Klima ist jenem von Mitteleuropa ähnlich, wenn auch die Sommer heißer und an den Küsten viel feuchter sind als bei uns. Die Chinesen sind große Freunde der Natur, sie haben sich für die Anlage ihrer Städte die malerischsten Punkte ausgesucht, und auch die grüne Landschaft besitzt hier großen Reiz; fehlen auch in ganz Schantung die Wälder, so sind doch alle Ortschaften von großen Obstgärten umgeben, und in den Feldern erheben sich überall dunkle Cypressen- und Cedernhaine, in deren Schatten unter mannshohen Erdhügeln die Toten ruhen auf ewig, denn nur in den seltensten Fällen rührt der Chinese an den Gräbern seiner Vorfahren. Schantung besitzt aber auch Königsgräber in der Gestalt hoher Pyramiden, von deren Vorhandensein man im Abendlande bisher nichts wußte. Jenseits von Putang, westlich von Tsingtschoufu ragen sie aus dem grünen Meer der wallenden Felder empor, noch mysteriöser als jene des Landes der Pharaonen. Obschon die Zeit viel von der ganzen Anlage verwischt hat, konnte ich doch erkennen, daß dieser Friedhof einer Königsdynastie einst großartig gewesen sein muß, großartiger vielleicht als jene der Ming, die ich bei Peking und bei Nanking gesehen habe. Der ganze Komplex umfaßt etwa einen Quadratkilometer und ist durchschnittlich drei bis vier Meter über die Ebene erhaben. Nach den aus großen Quadern aufgeführten, stellenweise noch erhaltenen Umfassungsmauern und der ganzen Terrainbildung zu urteilen, muß dieses ausgedehnte Plateau künstlich aufgeführt worden sein, eine übermenschliche Arbeit. Fünf große und mehrere kleine Pyramiden liegen nördlich des Weges, sechs große südlich desselben. Die Höhe der großen Pyramiden, vom Plateau aus gerechnet, schwankt zwischen vierzig und sechzig Meter; die höchsten sind jene, die sich von dem Dorfe in südwestlicher Richtung in einer Reihe gegen einen hohen Kalkfelsen hinziehen, auf dessen Spitze sich eine Anzahl Tempel, Opferhallen und Steindenkmäler erheben.

Wie alle Gräber in Schantung, so sind auch diese Königsgräber nur aus Erde aufgeführt, und es wundert mich nur, daß die Form ihrer Terrassen und Stufen so gut erhalten ist. Selbst die Wände sind glatt und vom Regen nur wenig angegriffen. Dort wo dies der Fall ist, stellte sich die Anfüllung als ein Gemenge von Lehm und Schutt mit zahlreichen Scherben dar. Die Wände jedoch bestehen aus festgeknetetem und gestampftem Lehm. Jede Pyramide hat eine breite Stufenterrasse von zweihundert bis vierhundert Schritt Umfang und zwanzig bis dreißig Meter Höhe, und auf dem Plateau dieses massigen Unterbaues erhebt sich, umgeben von steinernen Inschriftstafeln, eine kleinere Stufenpyramide. Die nördlichste Pyramide besitzt keine derartige Terrasse, sondern steigt vom Boden in fünf mächtigen, gleichmäßigen Stufen empor, so daß sie mich in ihrem ganzen Aussehen lebhaft an die berühmte Stufenpyramide von Sakkara erinnerte. Leider ist es unmöglich, Näheres über das Alter und die Bestimmung dieser Pyramiden zu erfahren, denn der erste Kaiser der Tsindynastie, dieser Napoleon Chinas, dem es gelungen war, all die Fürstentümer und Königreiche zu unterwerfen und unter sein Scepter zu bringen, ließ auch alle Geschichtswerke und Archive der verschiedenen kleinen Dynastien verbrennen.

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Chinesische Kohlenarbeiter.

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Das Eingangsthor zum Taischanweg in Taingan fu.

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Der interessanteste Teil von Schantung ist jedoch das Bergland südlich von Tsinanfu; nach all den offiziellen Besuchen, Mahlzeiten und gesellschaftlichen Zerstreuungen chinesischer Art, wie sie der Aufenthalt in der von vielen Mandarinen bewohnten Provinzhauptstadt mit sich brachte, war ich froh, wieder mit meiner Karawane hinauszuziehen in die Natur, um das heilige Land von China kennen zu lernen. Ein Ritt von anderthalb Tagen brachte mich nach dem Mekka von China, nach der viertausend Jahre alten Stadt Taingan. Schon aus weiter Ferne sah ich das Wahrzeichen des heiligen Landes, den mächtigen, beinahe zweitausend Meter hohen Taishan in die Wolken ragen. Mit Spannung ritt ich durch das Thor der hohen Stadtmauer in Taingan ein, denn hier mußte ich doch endlich Altertümer, Denkmäler aus der längst vergangenen großen Zeit Chinas finden, die ich auf meinen bisherigen Reisen in diesem ältesten Kulturlande des Erdballes vergeblich gesucht hatte. Die tausendjährigen Städte besitzen keine Burgen, alte Mauern, malerische Ruinen, wie sie sich in allen Ländern des Abendlandes darbieten, nun war ich in einer der ältesten Städte der Erde, die aus der Zeit der ägyptischen Pyramidenbauer stammt. Aber auch hier wurde ich grausam enttäuscht. Ruinen sah ich wohl, Ruinen von großen Vorstädten und ganzen Stadtvierteln, doch stammen sie nicht aus alten Zeiten, sondern sind die traurigen Ueberreste, welche die wütenden Rebellen aus dem Taipingkriege hier zurückgelassen haben. Dieser Krieg aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts war vielleicht der größte, blutigste, grausamste aller Zeiten, denn ganze Provinzen von der Ausdehnung europäischer Reiche wurden verwüstet, zwanzig Millionen Menschen getötet. An wenigen Stellen wütete er so furchtbar wie hier, denn siebenmal drangen die Rebellen im Laufe der Kriegsjahre in Taingan ein, plünderten und zerstörten, was sie konnten, und das heutige Taingan ist nicht viel besser, nicht interessanter als irgend eine andere Stadt der Provinz. Nur der große Taishantempel, der mit seinem von tausendjährigen Cedern und Cypressen erfüllten Park fast die ganze nördliche Hälfte der Stadt einnimmt, ist von den Taiping verschont geblieben. Dieser Tempel ist das Ziel von vielen Tausenden von Pilgern, die in jedem Jahre aus allen Teilen des chinesischen Reiches hier zusammenströmen, um der „heiligen Mutter des Taishan” zu opfern und ihren Segen zu erflehen. Als ich, begleitet von einigen Soldaten, den Tempelpark betrat, waren gerade an die zehntausend Pilger hier versammelt, von denen die Mehrzahl noch niemals einen Europäer gesehen haben mochte. Natürlicherweise war ich bald von Neugierigen umringt, und als ich gar mit Hilfe meines Photographen den Apparat aufstellte, um die großen Tempelbauten, die uralten Denkmäler und die Menschenmenge selbst aufzunehmen, schienen die abergläubigen Zopfträger zu fürchten, ich wolle sie verzaubern. Ein derartiges dreibeiniges Ding mit glänzenden Metall- und Glasplatten hatten sie ja in ihrem Leben noch nicht gesehen. Bald begann es Steine auf mich zu hageln, und einige Mutige machten Miene, auf mich loszuschlagen. Da erhob ich erzürnt meinen Stock, und in demselben Augenblicke zerstob die Menge vor mir. Meine Soldaten griffen nun ihrerseits ein und trieben die Tausende wie eine Herde Schafe vor sich her, den Ausgängen zu. Binnen wenigen Minuten war der Platz gesäubert, die Thore wurden geschlossen, und ich konnte unbeirrt meine Aufnahmen machen.

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Pagode in Tsiu-hsien.

Der Taishantempel von Taingan gehört zu den größten Tempeln von ganz Ostasien; der Provinzgouverneur hatte dem Mandarin von Taingan den Befehl zukommen lassen, den sonst nur einmal im Jahre geöffneten Tempel für mich aufschließen zu lassen, und ich war wohl der erste Europäer, der Gelegenheit hatte, ihn in allen seinen Teilen zu besichtigen und Aufnahmen zu machen. Mehr als die auf einem Thron sitzende, kunstvoll geschnitzte und vergoldete Figur der heiligen Mutter bewunderte ich die herrlichen Malereien, welche die Tempelwände bedecken und die, aus dem siebzehnten Jahrhundert stammend, wohl zu dem Schönsten gehören, was die chinesische Kunst hervorgebracht hat. In einer Reihe von Wandgemälden ist hier die Besteigung des Taishan durch den ersten Kaiser der gegenwärtigen Dynastie dargestellt, und in Bezug auf Farbenreichtum, Perspektive, Gruppierung der zahlreichen Figuren habe ich auch in Japan nichts Schöneres gesehen.

Nachdem die Pilger der heiligen Mutter im Taishantempel geopfert haben, unternehmen sie gewöhnlich zu Fuß den Aufstieg auf den gewaltigen Granitberg, dessen Gipfel, etwa fünfundzwanzig Kilometer von Taingan entfernt, der höchste des ganzen Berglandes von Schantung ist. Am zweiten Morgen nach meinem Eintreffen in Taingan zog auch ich, begleitet von meinem Photographen, durch das Nordthor der Stadt, um die sechstausend Stufen, welche von dem ersten Drittel der Höhe zum Gipfel führen, emporzuklettern; und mittags stand ich mitten zwischen den zahlreichen großen Tempeln, welche das oberste Plateau des heiligen Berges krönen. Meinen Leuten die photographischen Aufnahmen überlassend, pilgerte ich zwischen kostbaren Bronzedenkmälern und ungeheuren Steintafeln, welche verschiedene Kaiser hier gestiftet haben, zu dem heiligsten der Tempel, jenem der heiligen Mutter: sie thront auf einem rotlackierten Holzaltar, in kostbare, mit herrlichen Stickereien geschmückte Seidengewänder gehüllt; vor ihr aber ist der Boden des weiten Tempelraumes meterhoch mit Münzen bedeckt, den Opfergaben der Pilger. Auch Silberstücke von verschiedener Größe liegen zwischen den Millionen von Kupfermünzen, die in jedem Jahr einmal von einem Abgesandten des Provinzgouverneurs hinausgeschafft werden. Den größten Teil der zusammen immerhin mehrere hunderttausend Mark betragenden Gaben erhält die Kaiserinmutter in Peking, ein zweiter Teil fließt in die Taschen des Mandarins, den Rest erhalten die Mönche der zahlreichen Klöster, welche sich auf dem Taishan befinden.

Zwei Tagereisen südlich von Taingan liegt das berühmte Kiufu, die Vaterstadt von Confucius, und auch hier war es mir vergönnt, als der erste Europäer den stets verschlossenen Tempel des Heiligen zu betreten. Dank meiner Empfehlungen sandte der Herzog Confucius, der direkte Nachkomme des großen Religionsstifters in der sechsundsiebzigsten Generation, seine Kammerherren und fünfzig Mann seiner grotesk uniformierten Leibgarde, um mich zu empfangen und in den Tempel zu geleiten, der wie jener von Taingan in einem großen Park mit mehrtausendjährigen Bäumen gelegen ist, den Taingantempel jedoch an Größe und Pracht weitaus übertrifft. Ich habe auch in Peking, ja selbst an den heiligen Stätten des Jyeyasu in Japan nichts Schöneres gesehen. Die Denkmäler, Ehrenpforten, Nebengebäude, Pavillons und Kioske strotzen von kunstvollen Holzschnitzereien, Skulpturen und Vergoldungen, am schönsten aber präsentiert sich der ungeheure Tempel selbst in seiner erhabenen Einfachheit. Er erhebt sich auf einer weiten, von Balustraden aus weißem Marmor umschlossenen Terrasse, die etwa mannshoch über dem Parkgrund gelegen ist. Zahlreiche weiße Marmorsäulen, Monolithen, mit köstlichen Skulpturen bedeckt, stehen vor der etwa achtzig Meter langen Fassade und tragen die Architraven des ungeheuren zweistöckigen Daches, das ganz mit Porzellanziegeln von gelber Farbe, der Farbe des Kaisers, eingedeckt ist. Der ganze Tempel besitzt kein Fenster, und in dem weiten inneren Raume ist es so dunkel, daß eine photographische Aufnahme unmöglich war. Mächtige viereckige Säulen tragen das Dach; an den Wänden hängen mehrere Meter lange, mit breiten geschnitzten Goldrahmen umfaßte Inschriftstafeln, Widmungen der Kaiser verschiedener Dynastien. In der Mitte des Raumes erhebt sich eine Art Heiligenschrein aus rotlackiertem Holz mit vergoldeten Skulpturen, und in diesem Schrein sah ich die überlebensgroße Statue des Confucius mit seiner Ahnentafel davor, nach dem Glauben der Chinesen der Sitz seines Geistes. Eine Reihe von Opfertischen vor diesem Schrein tragen zahlreiche Bronzegefäße, Urnen, Behälter für Räucherkerzen, Statuen und dergleichen, Geschenke verschiedener Kaiser während der letzten zweitausend Jahre. Manche dieser uralten Gefäße stammen aus dem persönlichen Besitz des alten Confucius, eine Reihe von seinen Manuskripten und Gegenständen des täglichen Gebrauchs aber sind in der Familie von Vater auf Sohn durch die Jahrtausende bis heute erhalten geblieben und befinden sich in dem Palast des gegenwärtigen Herzogs. Das Wohnhaus des Confucius ist verschwunden, aber eine Ceder, die er selbst gepflanzt hat, steht heute noch in dem Tempelpark.

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Der Confuciusbaum und das Thor der goldenen Stirne in Kiufu.

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Der Gipfel des Taischan.

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Auch Vater und Mutter des Confucius, sowie seinen Söhnen, Enkeln und Aposteln sind in diesem Parke eigene Tempel geweiht, umgeben von steinernen oder bronzenen Gedenktafeln verschiedener Kaiser. Das Grab des Religionsstifters befindet sich etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt. Eine Avenue, von tausendjährigen Baumriesen besetzt, führt hinaus zu dieser Stätte, wo, umgeben von etwa zwanzigtausend Gräbern seiner Nachkommen, der Heilige ruht. Ein Erdhügel von etwa zwölf Meter Höhe bedeckt seine sterbliche Hülle, und davor steht ein einfacher Grabstein mit seinem Namen. Auch seine nächsten Nachkommen sind hier begraben, und in jedem Jahre versammeln sich die heutigen Träger des Namens Confucius, oder vielmehr Kung-tse, wie er im Chinesischen heißt, um in einer eignen Opferhalle dem großen Toten zu opfern. Dasselbe geschieht auch in dem Confuciustempel der Vaterstadt Kiufu unter Verbrennung von Opfern, Zeremonientänzen und Mahlzeiten, bei denen dem Geiste des Verstorbenen von dem jetzigen Herzog Speisen und Getränke vorgesetzt werden. Wohl zwei Drittel der etwa 18000 Einwohner zählenden Stadt sind Nachkommen des Confucius und führen seinen Namen; die Begräbnisstätte außerhalb der Stadtmauer ist seit 2400 Jahren benutzt worden, und wie damals, so lassen sich auch heute noch alle Angehörigen des Stammes Confucius hier beerdigen, selbst wenn sie tausend Kilometer weit von Kiufu das Zeitliche gesegnet haben sollten. Wenn immer die Mittel vorhanden sind, werden ihre Leichen hierher transportiert.

Merkwürdigerweise ist Kiufu, dieses Jerusalem von China, kein Wallfahrtsort wie Taingan; nur selten kommen fromme Confucianer hierher, und noch weniger wird das etwa vierzig Kilometer weiter südlich gelegene Tsiuhsien besucht, die Geburtsstadt des größten Apostels der Confuciuslehre, Mencius. Ich fand Tsiuhsien noch ärmlicher und verfallener als Kiufu; bei meinem Einzug lief die ganze zerlumpte Bevölkerung hinter mir her, und es herrschte in der Stadt große Aufregung, so daß mir und meinen Begleitern von seiten des Mandarins nahegelegt wurde, möglichst bald weiterzureisen. Der Ahnentempel und die Grabstätte des Mencius ähneln jenen seines großen Lehrmeisters, nur sind sie kleiner, einfacher, und während die Tempel des Confucius vorzüglich erhalten sind, gehen jene des Mencius dem Verfall entgegen. Die direkten Nachkommen des Mung-tse, dies ist sein chinesischer Name, kümmern sich wenig darum. Die ganze Familie ist verlottert, und ihr Haupt verdient keineswegs die in der Familie erbliche Würde eines Mitglieds der berühmten Pekinger Hanlin-Akademie.

Von Tsiuhsien nahm ich den Weg in westlicher Richtung nach der Gelehrtenstadt Yentschoufu, dem Sitz des kommandierenden Generals von Schantung und einer der schönsten Städte der Provinz. Bischof Anzer, der Leiter der deutschen katholischen Mission von Südschantung, die in Tsining am Kaiserkanal ihren Hauptsitz hat, ließ hier eine Zweigmission einrichten. Wie in Tsining, in Tsautschoufu und anderen Orten, wo die Missionare ihre Thätigkeit entfalten, waren sie auch hier bis zum letzten Jahre unaufhörlichen Verfolgungen ausgesetzt, die bekanntlich in der Ermordung der beiden Missionare Nieß und Henle ihren Höhepunkt fanden. Wie das heilige Grab des Confucius, so besuchte ich auch von Tsining aus die Gräber der beiden Märtyrer, die vorläufig, bis hinreichend freiwillige Beiträge zur Errichtung würdiger Denkmäler einlaufen, auch nur Erdhügel nach chinesischer Art sind. Für die Deutschen besitzen diese Gräber ungleich höhere Wichtigkeit als jene der chinesischen Heiligen, denn die, welche unter diesen Erdhügeln ruhen, waren die direkte Ursache, daß Deutschland sich heute einen Hafen in China und, was mehr ist, den Handel einer großen Provinz gesichert hat, der mit der Zeit viele Millionen eintragen wird. Des bin ich heute, nachdem ich das ganze Gebiet durchwandert, gewiß.

In einigen Jahren werden deutsche Eisenbahnen durch die bisher fast unbekannten Gegenden führen und sie dem deutschen Handel, der deutschen Kultur eröffnen zum Segen ihrer selbst und zum Nutzen ihrer Erschließer.

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Handschrift und Siegel des Präfekten von Tsining.

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Flußleben auf dem Jangtsekiang.

Der Kaiserkanal.

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Der große Wasserweg, welcher von Süd nach Nord quer durch das chinesische Reich führend, die südlichen Provinzen desselben mit Tientsin und Peking verbindet, ist trotz seines gegenwärtigen Verfalls immer noch eine der wichtigsten Verkehrsstraßen des Kontinents, ja, man könnte ruhig behaupten, nächst dem Jangtsekiang und der transsibirischen Eisenbahn die wichtigste. Auf den wenigsten Wasserstraßen des Erdballs dürften sich so viele Schiffe befinden wie auf dem Kaiserkanal. Nach Zehntausenden zählen die Fahrzeuge, welche das durchschnittlich etwa fünfzig Meter breite Bett des Kanals auf seinem über siebzehnhundert Kilometer langen Laufe von Hangtschau bis Tungtschau (bei Peking) bedecken. Gelegentlich meines Besuches von Tschinkiang und Yangtschau, am Ausgangspunkte des Kanals und des Jangtsekiang, sah ich selbst viele Tausende von Frachtbooten, welche auf einer Strecke von vielleicht zwanzig Kilometer mit nur geringen Unterbrechungen dicht aufeinander folgten und manchmal kilometerlange Ketten bildeten. Noch immer wird der Tributreis auf dem Kanal nach Peking befördert, noch immer herrscht auf dieser Wasserstraße ein ungeheurer Warenverkehr, und hat dieser in den siebziger Jahren vielleicht eine Verminderung erfahren, so ist er seit den letzten drei bis vier Jahren entschieden wieder im Steigen begriffen und wird vielleicht in ebensovielen Jahren denselben Verkehr aufweisen wie zuvor.

Der Anblick, den diese vielen Tausende bei den Schleusen von Tschinkiang zusammengedrängten Fahrzeuge darboten, wird mir zeitlebens unvergeßlich bleiben. Der ganze breite Kanal war von einem Ufer zum andern mit ihnen buchstäblich bedeckt, überhöht von einem Wald von buntbewimpelten Masten, zwischen denen sich hier und da die Flaggen der Mandarinboote und Kriegsfahrzeuge zeigten. Jedes Fahrzeug war von einer Unzahl Menschen bewohnt, welche die vier bis fünf Monate dauernde Fahrt nach Peking und die ebensolange Rückfahrt nach dem Süden des Reiches mitmachten. Jedes der schwerbeladenen Boote besaß auf dem Bug zwei Anker mit je vier Armen und zwischen den über den Stern des Bootes hinausragenden Seitenwänden ein Steuerruder, das je nach der verschiedenen Wassertiefe im Kanal gehoben und gesenkt werden kann. An den Seiten der Boote befanden sich buntbemalte Leeboards (Schwertbretter), welche die Chinesen ähnlich wie die Holländer zur Sicherung der Fahrt bei seitlichen Winden herablassen. Viele Boote waren mit grotesken Fratzen und Ornamenten bemalt, der Bug zeigte sehr hübsche Schnitzereien, und hinter denselben zwei riesige gemalte Fischaugen, denn die Chinesen meinen, daß auch die Boote solcher Augen bedürfen, um ihren richtigen Weg finden zu können. Die Mehrzahl der Boote hatten eine Ladung von 200 bis 400 Pikul (12000 bis 24000 Kilogramm) Reis, außerdem aber noch verschiedene andere Waren, denn die Frachten der Boote, welche den kaiserlichen Tributreis nach Peking bringen, sind von allen Zöllen und Abgaben während der ganzen Reise befreit. Der Besitzer jedes Bootes erhält überdies von der kaiserlichen Regierung eine Vergütung von 800 Cash (etwa 2 Mark) für den Transport jedes Pikul Reis, im ganzen also 400 bis 800 Mark für die acht- bis zehnmonatliche Reise, und von dieser Summe muß er die Löhne und den Unterhalt seiner Leute, den Transport durch die vielen Schleusen und alle sonstigen Ausgaben bestreiten. Die Summe ist nicht so gering, wenn man die Lebensverhältnisse in China in Betracht zieht. Ich fand in den beiden genannten Kanalstädten Hunderte von Privatbooten verschiedener Größe, manche recht bequem eingerichtet, welche mir von den Eigentümern für etwa zwei Mark fünfzig Pfennig für den Tag angeboten wurden, und von dieser Summe bestreitet der Lao-pan (Kapitän) sämtliche Ausgaben, sogar die Nahrung des Passagiers. Auch zahlreiche Omnibusboote verkehren auf dem Kanal, und die Reisekosten betragen einen Cash, d. h. etwa einen viertel Pfennig pro Li (575 Meter). Das Reisen in China ist ungemein billig. Will man statt der langsamen, einförmigen, durch Aufenthalte an den Schleusen und in den Städten unterbrochenen Kanalfahrt lieber auf dem Landwege von Tschinkiang nach Peking reisen, was je nach der Jahreszeit zwei bis drei Wochen Zeit erfordert, so kostet ein zweiräderiger Karren, mit zwei Maultieren bespannt, etwa fünfunddreißig Taels (d. h. neunzig bis hundert Mark). Dafür werden dem Reisenden auf dem über tausend Kilometer langen Wege auch noch luxuriöse Mahlzeiten, sogenannte San-su-san-hoen, geliefert, deren jede aus sechs Gängen besteht.

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Großer Confuciustempel in Kiu-fu.

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Viel schneller kommen auf dem großen Kanal freilich die Mandarinboote vorwärts, denn diesen müssen die gewöhnlichen Frachtboote Platz machen, und sie werden auch zur Nachtzeit durch Schleusen gelassen, was bei den gewöhnlichen Booten nicht gestattet ist. Die Boote der höheren Mandarine, vom Taotai aufwärts, dürfen sogar von Dampfschaluppen gezogen werden. Diese Mandarinboote sind wahre schwimmende Paläste, wenigstens nach chinesischen Begriffen, mit schönen Schnitzereien, Vergoldungen, Wimpeln, Flaggen, Ehrenschildern und dergleichen geschmückt und auch im Innern sehr bequem eingerichtet. Zu ihrer Sicherheit werden sie zuweilen auch noch von Kanonenbooten begleitet, deren es auf dem Kanal und den von ihm durchschnittenen Seen des Schmuggels und Piratenwesens wegen zahlreiche giebt. Durch ihre Wachsamkeit ist das Reisen auf dem Kanal ziemlich sicher. Uebernachtet man auf einem, längs der Kanalufer verankerten Boote, so sind bald eigene Wächter, sogenannte Ta-keng zur Stelle, welche für wenige Sapeken die Nachtwache auf dem Verdeck übernehmen und alle halbe Stunden durch heftige Gongschläge ihre Wachsamkeit anzeigen. Bei Tag aber ist der Kanal viel zu belebt, als daß Piraten einen Angriff wagen würden.

Woher der große Kanal den in europäischen Werken gewöhnlich gebrauchten Namen „Kaiserkanal” bekommen hat, ist nicht recht erklärlich. In China ist dieser Name unbekannt. Dort heißt er Yun-ho, d. h. „Fluß für Transporte” oder Yun-liang-ho, d. h. „Fluß für Tributtransporte”. Dabei ist der Name „Fluß” viel richtiger als Kanal, denn der Yun-ho ist kein Kanal im europäischen Sinne. Er wurde auch nicht von einem Ingenieur entworfen und ausgeführt, sondern ist das Werk mehrerer Dynastien, welche Jahrhunderte lang daran arbeiten ließen, bis er seine heutige Gestalt angenommen hat. In dem letzten Jahrhundert diente er hauptsächlich für den Transport des Reistributes, welchen die südlichen Provinzen zu liefern haben. In dem kaiserlichen Jahrbuch fand ich, daß der Kiangnan jährlich einen Tribut von 1430000 Pikul (90000 Tonnen) Reis nach Peking abführen muß, wozu vier- bis fünftausend Boote, in 65 Flottillen geteilt, erforderlich sind. Tschekiang hat 670000 Pikul, Kiangsi 800000, Honan 220000, Schantung 350000 Pikul Reis zu liefern. Aber diese ungeheuren Massen werden in Wirklichkeit fast niemals aufgebracht. Eine Million Pikul im ganzen genommen, dürfte der Wahrheit näher liegen, immerhin eine Menge, für deren Transport vier- bis fünftausend Boote erforderlich sind.

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Ein chinesisches Mandarinboot.

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Der Yun-ho ist selbst auf kleineren Landkarten Chinas durch eine lange Linie bezeichnet, welche von Hangtschau in der Provinz Tschekiang ausgehend, in hauptsächlich nördlicher Richtung den Jangtsekiang und Hoangho überschreitend, nach Tientsin beziehentlich Peking führt. Bei seiner Anlage wurden in geschickter Weise alte Flußläufe, Seen, Thalniederungen benutzt, was wohl die augenblickliche Arbeit erleichterte, den Kanal dafür aber den Ueberschwemmungen durch die ungeheuren Ströme, welche er durchkreuzt, aussetzt. Noch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts wurde er durch die Gewässer des Jangtsekiang gespeist, und die Strömung war gegen Norden gerichtet; seitdem aber der furchtbare Hoangho in den fünfziger Jahren seinen alten südöstlichen Lauf aufgab, und statt seine Schlammfluten dem Gelben Meer zuzuführen, dieselben durch ein neu gegrabenes Bett in den Golf von Petschili münden ließ, haben sich auch die Verhältnisse im Transportkanal gründlich verändert. Die jährlichen Ueberschwemmungen des nahezu 4500 Kilometer langen, ungemein wasserreichen Hoangho lassen auf dem ausgedehnten Inundationsgebiet erhebliche Schichten von Schlamm und Erde zurück, und auch das Flußbett wird durch diese Ablagerungen so beträchtlich erhöht, daß die Uferbewohner ihre Ortschaften und Felder nur durch die entsprechende fortwährende Erhöhung der Uferdämme schützen können. Neben diesen Ablagerungen fand, nach den Angaben von M. Bickmore im Journal der asiatischen Gesellschaft, auch eine allmähliche Hebung der westlich von der Halbinsel Schantung gelegenen Länderstriche von innen heraus statt, und diese Umstände brachten naturgemäß beträchtliche Veränderungen in dem Flußsystem zwischen Hoangho und Jangtsekiang mit sich.

Heute ist es nicht mehr der letztere, welcher den Transportkanal speist, und die Strömung in demselben ist auch nicht mehr nach Norden gerichtet, sondern der Kanal erhält sein Speisewasser aus dem großen, den Hungtsesee durchfließenden Hoaiho; ja, der Kanal bildet gewissermaßen die Fortsetzung dieses Flusses und führt seine Wassermassen in nördlicher und südlicher Richtung ab. Nun ist der Wasserstand in dem Hoaiho und damit auch in dem ausgedehnten Hungtsesee sehr heftigen und plötzlichen Schwankungen unterworfen, für welche das durch hohe steinerne Uferdämme eingefaßte Kanalbett nicht ausreicht. Das Gebiet westlich des Kanals, eine weite, wasserreiche Ebene, liegt höher als das Kanalbett, das Gebiet östlich desselben bis zur Meeresküste liegt tiefer als das Kanalbett. Der östliche Kanaldamm ragt etwa sechs bis acht Meter über diesen, Hiaho genannten Landstrich empor, der nichts weiter als ein ungeheurer Polder von der Ausdehnung des Königreichs Holland ist. Wie dort, mußte auch das Hiahogebiet gegen die Meeresfluten durch Dämme geschützt werden; wie dort, wird es von zahlreichen Speise- und Abzugskanälen durchzogen und bildet eines der ertragreichsten Reisgebiete nicht nur Chinas, sondern vielleicht von ganz Asien. Noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts befand sich hier die Mündung des Hoangho, und das ausgedehnte Tiefland war alljährlich schrecklichen Ueberschwemmungen ausgesetzt. Seither hat er sich nach Norden gewendet, und die Bewohner sind herzlich froh, daß sie den unangenehmen Gesellen losgeworden sind. Allein sie wären aus dem Regen in die Traufe gekommen, wenn die Kanalbehörden nicht recht sinnreiche Einrichtungen getroffen hätten, um das Hiahotiefland gegen die Wassermassen des Hoaiho zu schützen und die letzteren für die Reiskulturen des Tieflandes dienstbar zu machen. Sie legten dazu an verschiedenen Stellen in dem östlichen Kanaldamm Abzugsschleusen verschiedener Art und Größe an, deren kleinste Art Tong genannt wird. Diese Tong sind Oeffnungen von einem Meter ins Geviert, welche in entsprechender Höhe durch den östlichen Kanaldamm führen, um das Ueberschußwasser des Kanals in die Speisekanäle des Hiaholandes abzulassen. Sie bleiben stets geöffnet.

An gewissen Stellen zwischen den Tong sind größere Schleusen, sogenannte Tscha, im östlichen Uferdamme angebracht. Die Wände dieser bis nahe an den Kanalboden reichenden Oeffnungen sind mit Steinen und Zement bekleidet und besitzen vertikale Coulissen, welche zur Aufnahme schwerer Holzbalken dienen, die horizontal aufeinandergelegt werden. Reichen die Tong nicht aus, um das überschüssige Kanalwasser abzuleiten, so werden je nach der Menge desselben ein, zwei oder mehr dieser horizontalen Balken aus den Tscha genommen, und das Ueberschußwasser ergießt sich in brausendem Falle in die Abzugskanäle, welche durch das Hiahotiefland nach dem Gelben Meere führen. Im Mai und Juni, wenn der aus den Bergen von Honan kommende Hoaiho durch die schmelzenden Eis- und Schneemassen erheblich geschwollen ist, reichen die Tong und Tschas nicht mehr aus, um das im Kanal sich sammelnde Ueberschußwasser abzuführen, und dann liegt die Gefahr nahe, daß selbst der Kanaldamm durchbrochen und damit der ganze Kanal auf lange Strecken vernichtet wird. Um dies zu verhindern, haben die chinesischen Ingenieure an gewissen Stellen des östlichen Kanaldammes sogenannte Pa angelegt. Dazu wurde auf Strecken von achtzig bis hundertzwanzig Meter Länge der östliche Kanaldamm bis nahe an den Boden durchschnitten und durch einen leichten Aufbau aus kleinen Steinen, mit Erde vermischt, ersetzt, der durch Reisigfaschinen zusammengehalten wird. Steigt das Wasser im Kanal durch die Anschwellungen des Hoaiho in gefahrdrohender Weise, so werden in diesen Pa nur ein oder zwei mittlere Reisigfaschinen entfernt; das Wasser bricht sich nun leicht eine Bahn durch die so entstandene Oeffnung und erweitert sie durch seine eigene Kraft. Ist das Ueberschußwasser durch die Abzugskanäle des Hiaholandes abgelaufen, so werden die Pa erneuert, und der Kanal ist wieder hergestellt.

Verkehrsunterbrechungen finden im Kanal besonders im Norden recht häufig statt. In manchen trockenen Sommern sinkt der Wasserspiegel für einige Wochen, so daß auf kilometerlange Strecken die Wassertiefe nur zwei bis drei Fuß beträgt und viele Boote stecken bleiben. In kalten Wintern friert der Kanal zuweilen auch für ein bis zwei Wochen zu, im Winter 1893 war er sogar drei Wochen lang durch eine dicke Eisdecke geschlossen; aber im Frühjahr und Herbst kann man im Kanal kilometerlange Reihen von Frachtbooten sehen, die mit langen Seilen durch die Bootsmannschaften langsam vorwärts gezogen werden. Männer, Frauen, Kinder, alles hilft ziehen, von Tagesanbruch bis gegen neun Uhr abends, und die Wege auf beiden Kanaldämmen zeigen zuweilen ununterbrochene Reihen von im Gänsemarsch hintereinander einherzottelnden Chinesen. Liegen an den Kanalufern Boote vor Anker, über welche das Zugseil der hohen Maste wegen nicht gezogen werden kann, so springt die ganze Gesellschaft an Bord und rudert die Boote vorwärts, bis die Bahn wieder frei ist. Dasselbe findet auch auf einer mehrere Kilometer langen Strecke im Tschao-pe-ten statt, in welchem die Kanaldämme unterbrochen sind. Bei günstigen Winden werden die Segel aufgezogen, und die Bootsmannschaften können ruhen.

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Chinesische Pyramiden.

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Die schwerste Arbeit auf der einförmigen langen Reise durch den Kanal erfordert das Passieren der Schleusen, deren es Dutzende giebt. In der Provinz Kiangsu allein sind deren vier, aber nicht Schleusen nach europäischer Art, sondern das Passieren von einem Niveau zum andern erfolgt auf steilen Rampen, über welche das durch Steinmauern eingezwängte Wasser herabschießt. Auf diesen Mauern zu beiden Seiten der Rampen sind hölzerne Winden (Gangspille) nach Art der Pferdegöpel angebracht. Nähert sich ein Frachtboot einer Schleuse, so sind auch bald achtzig bis hundert Kulis zur Stelle, mit deren Führer der Besitzer des Bootes sich bezüglich des Preises einigen muß. Gewöhnlich beträgt er 1000 bis 2000 Cash. Dann wird das Boot an die Seile der Winden festgebunden, die Kulis stellen sich an die langen hölzernen Arme der Winden, und unter furchtbarem Schreien und Lärmen wird das Boot langsam die Rampe emporgezogen, bis es sich auf dem höhern Wasserspiegel befindet. Während dessen beten und opfern die Bootseigentümer den Kanalgöttern. Das Passieren von einem höhern Wasserspiegel zu einem tiefern geht leichter vor sich und kostet dementsprechend auch weniger.

Auch durch die zahlreichen Zollstationen werden die Boote, besonders jene der Missionare und Geschäftsreisenden, in ihrer Fahrt erheblich aufgehalten. Alle acht bis zehn Kilometer trifft man auf ein Zollamt, dessen Einnahmen entweder den kaiserlichen Kassen oder lokalen Mandarinen zufließen, und bei jedem Zollamt müssen sich die Boote die Untersuchung durch die Zollbeamten gefallen lassen. Nur die Boote des kaiserlichen Reistributs und jene der Mandarine dürfen die Zollämter ungehindert passieren, ja bei hohen Mandarinen müssen sich die Zollbeamten in ihre Staatskleider werfen und den Reisenden durch den Kautau ihre Ehrfurcht bezeigen.

Damit den lokalen Mandarinen ja keine Einnahmen entgehen, wird der Kanal bei mancher Zollstation zur Nachtzeit durch ein Holzgitter gesperrt und erst bei Tagesanbruch wieder geöffnet. Am großartigsten sind die Ansammlungen von Frachtbooten in Hangtschau am Südende und in Tungtschau am Nordende des Kanals, ferner in Tschinkiang und Tientsin. Man kann dort häufig viele Tausende von Booten versammelt sehen, die so dicht aneinander liegen, daß man den Kanal mitunter trockenen Fußes, von einem Boot auf das andere springend, übersetzen kann. Von verschiedenen chinesischen Transportgesellschaften wurden seit Jahren Versuche gemacht, die Erlaubnis zur Einführung von Schleppdampfern zu erlangen, die den Verkehr ungemein erleichtern würden. Allein sie scheiterten an dem Widerstand der Regierung, die vielleicht nicht so sehr den Neuerungen widerstrebt, als das Auswaschen und Zerfallen der Kanaldämme durch den heftigen Wellenschlag befürchtet. Die Instandhaltung des Kanals verschlingt in jedem Jahre ohnehin schon ungeheure Summen, und ihn für den Dampferverkehr einzurichten, dürfte bei den gegenwärtigen Verhältnissen eine Unmöglichkeit sein.

Obschon der Kaiserkanal den weitaus wichtigsten Verkehrsweg zwischen dem Süden und Norden Chinas bildet, ist er seltsamerweise von europäischen Reisenden nur streckenweise befahren worden, ja ich glaube nicht, daß einer von ihnen jemals den ganzen Weg von Hangtschou, dem südlichen Anfangspunkte des Kanals, und Peking, eine Strecke von über achtzehnhundert Kilometern, zurückgelegt hat.

Nachdem ich den südlichen Teil des Kaiserkanals auf früheren Reisen kennen gelernt hatte, bot sich mir im Jahre 1898 Gelegenheit, auch die nördliche, gegen fünfhundert Kilometer lange Strecke, zwischen der Nordgrenze Schantungs und Peking, zu bereisen. Auch hier könnte ich meine Vorgänger an den Fingern einer Hand abzählen, und wie mir der Kapitän meines Schiffes selbst mitteilte, war ich der erste Europäer, den er überhaupt gesehen, einzelne Missionare ausgenommen. Eine solche Reise ist keineswegs mit besonderen Annehmlichkeiten verknüpft. Schon beim Aufstehen von dem erbärmlichen Nachtlager auf der Dschunke beginnen die Schwierigkeiten mit dem Waschen. Wohl fuhr ich auf einem wasserreichen Kanal einher, aber sein Wasser ist womöglich noch ärger mit Erde und allerhand Unrat geschwängert als jenes des großen Hoangho, den ich kurz zuvor befahren hatte. Schwimmen doch auf seinem schmalen Bette zwischen Tschingkiang und Tientsin Hunderttausende von Booten, während des Sommers und Herbstes dürften über eine Million Menschen auf ihm wohnen, und der Kanal nimmt den ganzen Unrat auf. Der schlammige Kanalgrund wird durch die zum Vorwärtsstoßen der Boote benutzten Stangen fortwährend aufgerührt, so daß sich das Wasser im Glase vollständig undurchsichtig zeigt. Ich hätte es nicht mit dem Mikroskop untersuchen mögen. Und doch ist dieses Kanalwasser das einzig vorhandene im Umkreis von vielen Kilometern; die Landleute benutzen es zum Bewässern ihrer Felder, die Bewohner der vielen, längs des Kanals liegenden Städte und Dörfer zum Trinken, ja es soll nach der Aussage der Missionare, die ich in den Städten sprach, sogar sehr gesund sein, wenn sich die darin schwimmenden Schlammteilchen durch mehrstündiges Stehen auf dem Boden abgelagert haben. Filter fand ich nirgends in Verwendung. Ich ließ mir gewöhnlich am Abend mehrere Gefäße vollschöpfen, und des Morgens war das Wasser hinreichend klar geworden, um wenigstens zum Waschen benutzt zu werden. Zu meinem Thee hatte ich mir aus den Gebirgen von Mittel-Schantung Quellwasser, in geleerte Apollinarisflaschen gefüllt, mitgenommen. Wohl giebt es auch in dem ganzen Gebiete zwischen dem Kaiserkanal und den Küsten des Golfes von Petschili zahlreiche Quellen, aber das Wasser ist überall erdig, in vielen Orten auch übelriechend und ungesund, so daß die Einwohner das Kanalwasser als ein wahres Labsal zu betrachten scheinen. Es ist wenigstens fließendes Wasser. Die vielen Flußläufe, die auf den Landkarten dieses Gebietes verzeichnet sind, haben den größten Teil des Jahres über keinen Tropfen Wasser oder existieren überhaupt nicht. Der wichtigste dieser Flußläufe ist der Lao-Huang-Ho, nämlich das Flußbett des Hoangho vor etwa tausend Jahren. Im Grunde genommen sind auch alle anderen Flußläufe südlich und nördlich davon, bis an den Peiho, nichts anderes als alte Flußläufe des Hoangho, der in seiner Unbeständigkeit sich bald hierhin, bald dorthin wandte, ja man könnte füglich behaupten, daß an den ganzen Küsten des Gelben Meeres von Tientsin bis an die Mündung des Jangtsekiang keine Strecke von hundert Kilometern liegt, wo der Hoangho nicht einmal seine Mündung gehabt hätte. Nun haben sich aus früheren Zeiten die einmal angegebenen Flußläufe auf den Landkarten erhalten und sind auch in die neueste Wäbersche Karte aufgenommen worden, so daß dieses Gebiet aussieht, als sei es von wasserreichen Flüssen durchzogen, während das gerade Gegenteil der Fall ist.

Die Städte und Dörfer, die ich passierte, liegen zum Teil in Ruinen. Auf der ganzen Strecke zwischen dem Hoangho und Tientsin befindet sich keine Schleuse, keine Brücke, erst in der Nähe der Millionenstadt Tientsin sah ich wieder Zeichen ähnlicher Wohlhabenheit wie in der Provinz Schantung; der Verkehr auf dem Kanal wurde immer lebhafter, immer gefährlicher. Aber geschickt manövrierten Kapitän und Mannschaften zwischen den zahlreichen Booten hindurch, obschon sie nach der fünf Tage und fünf Nächte dauernden, fast ununterbrochenen Fahrt todmüde waren. Die Kulis standen mit langen Enterhaken bewaffnet auf dem Bug, und wollten Schiffe ihrem Geschrei nicht weichen, so benützten sie rücksichtslos die langen Stangen, ja sie hakten sie in die fremden Boote ein, um das unsere rascher vorwärts zu ziehen, ohne daß die Insassen derselben Protest erhoben hätten. Meine in roten Uniformjacken steckenden Geleitsoldaten und die Flagge auf meinem Boote mochten sie glauben machen, es befände sich ein hoher Mandarin an Bord, und Mandarine erfreuen sich auf Reisen der umfassendsten Privilegien.

An den Ufern mehrten sich die Ansiedlungen, Dörfer, Städte, ja ich gewahrte mitten in dem Gewirre von Häusern, Tempeln mit kurios geschwungenen Dächern und mehrstöckigen Pagoden schon große Fabriken mit rauchenden Schornsteinen, das sicherste Zeichen europäischer Kultur und der Nähe einer europäischen Niederlassung. Der Kanal war hier an sechzig bis achtzig Meter breit, und hatte schon auf der bisher zurückgelegten Strecke der ungemein lebhafte Verkehr mein Staunen erweckt, so überstieg derselbe hier in der Nähe von Tientsin alles, was ich in China bisher gesehen. Es war im Grunde genommen begreiflich, denn der Kanal ist ja eine große Verkehrsroute, ähnlich wie eine unserer Haupteisenbahnlinien. Auf diesen sehen wir vielleicht alle Viertelstunden Züge laufen, aber die Größe des Verkehrs lernen wir erst in den Bahnhöfen der Hauptstationen kennen. Tientsin ist eine derartige Hauptstation des Kaiserkanals, sogar die wichtigste und größte desselben auf seinem ganzen achtzehnhundert Kilometer langen Wege von Hangtschou bis Tungtschou bei Peking. Bei einer nach Hunderttausenden zählenden Menge von Fahrzeugen kann man sich leicht vorstellen, was das heißt. Schon einige Kilometer vor Tientsin war der Kanal von diesen Booten buchstäblich bedeckt; lange Reihen davon lagen dicht neben- und ineinander, vielleicht fünfzig oder noch mehr der Breite nach von Ufer zu Ufer, und das Fortkommen wurde so schwierig, daß meine Bootsleute das Segel einziehen und, sich mit Händen und Füßen gegen die umliegenden Boote stemmend, den Weg für mein Fahrzeug bahnen mußten.

Es dauerte mehrere Stunden, ehe wir wirklich nach der Millionenstadt Tientsin gelangten. Obschon ich diese zweitgrößte Stadt des Reiches der Mitte von früher kannte, sah ich doch erst diesmal den am meisten malerischen, eigenartigsten Teil derselben, jenen, in welchem sich der großartigste Verkehr von ganz China konzentriert. Vom Verdecke meines Bootes sah ich das Häusermeer dieser großen Handelsmetropole mit ihren bis in den Kanal gebauten Warenlagern. Auf beiden Ufern drängten sich Hunderttausende geschäftiger Menschen mit Lasten beladen, Lasten ziehend, Karren führend, im Karren sitzend, zu Pferd oder Maultier oder in Sänften getragen; in den engen Straßen wälzte sich diese Menschenmasse, absonderlich, bunt, lärmend, gestikulierend, auf und nieder. Buntbemalte Mauern, Pagoden, Tempel, Ehrenpforten, Mandarinsyamen mit hohen Flaggenstangen, Tausende von bemalten oder vergoldeten Aushängeschildern in den Straßen, Farbe, Leben, Bewegung, Lärm überall, am meisten aber auf dem Kanale selbst, wo sich Zehntausende von Booten drängten, Boote in allen Farben, mit grotesken Ornamenten bemalt, mit roten Beschwörungszettelchen beklebt; auf dem Bug glotzten ungeheure Fischaugen, auf den Masten wehten lustig bunte Wimpel, am Steuer flatterten allerhand Flaggen mit eigentümlichen großen Schriftzeichen, und auf jedem Verdeck arbeiteten, schrieen Dutzende von Menschen. Die Boote waren so dicht nebeneinander, daß ich bequem, von einem zum andern springend, ans Festland hätte gelangen können. Wo diese Boote wohl herkamen? Wo sie hinwollten? Was sie für Lasten, für Waren haben mochten? Die Menschen, die sie bemannten, waren in ihrem Aussehen verschieden, sie sprachen verschiedene Sprachen, stammten aus den verschiedensten Teilen dieses ungeheuren, einen halben Kontinent umfassenden Reiches, aber es waren doch durchweg Chinesen, nicht ein einziger Angehöriger einer fremden Nation befand sich unter ihnen, nur ich allein. Selbst in Canton oder Peking oder Shanghai habe ich keinen so großartigen, so erdrückenden Eindruck des ungeheuren Handels und Wandels der Chinesen bekommen wie hier, während der Stunden, die ich mit meinem Boote auf dem Kaiserkanal in Tientsin zubrachte.

Mit unglaublichen Anstrengungen hatten wir endlich die große Brücke erreicht, welche die beiden Stadthälften miteinander verbindet, und auf welcher täglich Hunderttausende von Menschen, Wagen, Karren, Pferden, Maultieren, Kamelen verkehren; doch ist diese Brücke vielleicht die elendeste irgend einer Großstadt des Reiches. Auf unförmigen Pontons liegen lose Querbalken, zerfahren, holperig, mit Löchern und fußbreiten Spalten, ohne Geländer gegen das Wasser, so daß nicht selten Passanten, ja Wagen und Pferde darüber hinausgedrückt werden und in den Kanal stürzen.

Mein Kapitän meinte, hier müßte ich landen, denn die Brücke könnte nicht geöffnet werden. Das Landen und Ausladen meiner Gepäckstücke war aber inmitten dieses Wirrwarrs zu Wasser und zu Lande eine Unmöglichkeit. Ich sandte also meinen Boy mit meinem Reisepaß zum Brückenmandarin mit der Bitte, die Brücke öffnen zu lassen. Eine halbe Stunde verrann, dann erhielt die Brückenmannschaft den Befehl, mein Boot durchzulassen. Gongschläge warnten die Passanten. Wie besessen stürzten noch alle, die auf der Brücke waren, hinüber und herüber, die Kutscher hieben auf ihre Pferde ein, daß die Karren aus den holperigen Balken fußhoch emporsprangen. Die Sänftenträger rannten, was sie konnten, und selbst als die Brücke schon ein, zwei Schritte weit geöffnet war, sprangen noch die guten Leutchen über den Spalt. Endlich war der Raum breit genug, um durchzufahren. Jenseits aber war das Gedränge der Boote womöglich noch dichter, und ich sah gar keine Aussicht, durchzukommen. Da nahte sich mir, von Boot zu Boot springend, ein junger Mandarin, das bezopfte Haupt von einem Tellerhute mit weißem Knopfe bedeckt, in der Rechten eine Waffe wie eine lange Cirkuspeitsche. Der Peitschenstiel war ein dickes Bambusrohr, so lang wie eine Angelrute, und daran hing ein mehrere Meter langer, mehrfach geknoteter Strick. Nachdem er vor mir den Kautau gemacht, stellte er sich auf den Bug meines Bootes und übernahm die Führung desselben auf so eigentümliche und geschickte Art, daß ich ihn wahrhaftig bewunderte. Er schrie nicht und gestikulierte nicht, ganz gegen alle Chinesenart. Er gebrauchte nur seine Peitsche. Mit raschem Blick hatte er die Sachlage übersehen und wußte genau, auf welchem Wege er mich durch das Labyrinth von Booten in freies Fahrwasser bringen konnte. Dazu mußten die Boote, die fünf, sechs Reihen breit vor uns lagen, Platz machen. Er sprang zunächst über mehrere hinweg und ließ dann seine Peitsche sprechen. Mit unglaublicher Sicherheit fiel das Peitschenende auf den Rücken des betreffenden Kapitäns, und kaum hatte dieser den Schlag empfangen und, sich umwendend, den Mandarin erkannt, als er auch schon sein Boot weiterführte, um dem nächsten Platz zu machen. Abermals spielte die Peitsche, das zweite Boot wurde in den vom ersten geräumten Platz gedreht, und so ging es fort, bis wir um eine Bootslänge vorwärts konnten. Dann wiederholte sich die Taktik des Mandarins bei der nächsten Reihe, dann bei der dritten, und eine halbe Stunde später waren wir im freien Fahrwasser. Nun machte der Mandarin wieder seinen Kautau, nahm von mir einen Vierteldollar Trinkgeld dankbar entgegen und ließ sich, auf das nächste Boot springend, von diesem ans Ufer rudern.

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