Erster Teil: China. (continued 4)
Reading edition
Ist die erste Zeit der tiefen Trauer verstrichen, so flechten die Chinesen in ihr hinteres Anhängsel statt der schwarzen Seidenschnüre weiße, weil Weiß die Farbe ihrer Trauer ist. Leute, die viel zu reisen oder in den Straßen der Städte zu thun haben, verwenden statt weißer auch blaue Schnüre, die den Schmutz weniger zeigen. Um das Beschmutzen möglichst zu verhindern, wird der Haarzopf auch auf Reisen oder bei schmutzigen Arbeiten, wie auf Flußbooten, beim Lastentragen, mehrmals um das Hinterhaupt gewickelt und festgesteckt. Bei der Annäherung von Höhergestellten oder im Verkehr mit diesen muß der Zopf losgebunden werden, denn ihn auf dem Kopfe zu behalten, wäre ein ebensogroßes Vergehen gegen die gute Sitte, als würde bei uns jemand den Hut aufbehalten oder Besucher in Hemdärmeln empfangen. Auf nichts verwenden die Chinesen bei ihrer Toilette größere Sorgfalt als auf ihren Zopf, nicht nur in ihrem eigenen Lande, sondern auch in ganz Ostasien überhaupt, ja selbst in Amerika. Ich habe auf meinen Reisen Zehntausende Chinesen gesehen, die den ärmeren Volksklassen angehörten und weder viel Kleidungsstücke, noch Nahrung, noch Wohnung besaßen, allein der Haarzopf war selbst bei diesen armen Teufeln in schönster Ordnung. Es kann einem Chinesen keine größere Schmach angethan werden, als wenn ihm der Zopf abgeschnitten wird. Mit abergläubischer Sorgfalt behüten sie ihn, und als vor einigen Jahren die Vegetarianersekte (Geheimbündler, die den Sturz der fremden Mandschudynastie anstreben) dem von dieser eingeführten Haarzopf den Krieg erklärten, als in unheimlicher Weise den Chinesen auf der Straße, im Theater, im Theehause, überall wo nur möglich, die Zöpfe abfielen, da herrschte die größte Erregung im Lande. Die Behörden befahlen der Bevölkerung, am Abend das Haus zu hüten, sowie Thüren und Fenster sorgfältig zu verschließen, ja, manche Stadtbehörden befahlen durch Maueranschläge allerhand Zaubermittel zur Beschützung des Zopfes. So verordnete z. B. der Taotai (Bürgermeister) von Peking als unfehlbares Mittel, in die Zöpfe einen roten und einen gelben Faden einzuflechten. In Hangtschau fand der Magistrat ein noch viel besseres Mittel. Drei verschlungene chinesische Schriftzeichen werden mit schwarzer Tinte auf gelbe Papierschnitzel dreimal niedergeschrieben. Eins der letzteren wird verbrannt und die Asche mit einer Tasse Thee getrunken, eins wird in den Haarzopf eingeflochten, und das dritte wird über die Hausthür geklebt. Bei solchen Gelegenheiten hat gewöhnlich zuerst die weiße Bevölkerung zu leiden; der Verdacht, mit den bösen Geistern in Verbindung zu stehen, fällt zunächst auf Missionare, Kaufleute, Reisende, und der geringste Anlaß, ein unbedachtes Wort, eine verdächtige Gebärde reicht hin, die Wut des abergläubischen Volkes auf die Weißen zu lenken. Also Respekt vor dem chinesischen Zopf!

Partie am Jangtsekiang bei Tschinkiang.
Tschinkiang.

Von den großen volkreichen Handelsstädten, welche an den Ufern des mächtigen Jangtsekiang liegen, und der Mehrzahl nach dem fremden Handelsverkehr geöffnet sind, ist Tschinkiang für den Reisenden am leichtesten erreichbar. Von Shanghai, der Metropole des ganzen Jangtsethales und wichtigstem Hafen desselben, fahren nahezu täglich große, bequeme Passagierdampfer stromaufwärts nach Hankau und berühren auf ihrer durchschnittlich fünf- bis sechstägigen Fahrt alle größeren Hafenstädte, darunter Tschinkiang.
Wir waren um Mitternacht von Shanghai abgefahren, und am frühen Nachmittag des folgenden Tages sahen wir in weiter Ferne die malerischen Wahrzeichen von Tschinkiang aus der vom gelben schlammigen Strom durchzogenen sumpfigen Ebene hervorragen: die wie eine riesige Halbkugel von achtzig Meter Höhe geformte Silberinsel mit ihrem Adjutanten, dem kleineren bewaldeten Federfelsen, beide mit kurios geformten Tempeln und Pagoden bedeckt. Kaum hatte unser Dampfer sie umfahren, so sahen wir am südlichen Ufer des Stromes die große Stadt vor uns liegen, zu beiden Seiten von bebauten Hügeln eingefaßt, die wie natürliche Wachttürme aus dem tiefen Sumpflande aufsteigen. Beide Hügel sind von geschichtlichem Interesse. Auf dem einen, uns näherliegenden, zeigt sich inmitten von grünen Parkanlagen das größte und imposanteste Gebäude von Tschinkiang, nicht etwa ein Tempel, eine Pagode oder Ahnenhallen, sondern das im europäischen Stil gebaute englische Konsulat. Im Jahre 1889 befand sich dasselbe in einem anderen Gebäude, als der hier stets unruhige, leicht erregbare Pöbel der Stadt ohne irgend welche Veranlassung einen Angriff auf das Konsulat unternahm und mit vielen anderen europäischen Häusern auch dieses Gebäude niederbrannte. Als Genugthuung den Engländern gegenüber mußten die Chinesen auf dem bewaldeten Hügel ein neues Konsulatsgebäude errichten. Auch der jenseits der Stadt, stromaufwärts gelegene Uferhügel erinnert die Chinesen an ihre vielen Kämpfe mit ihren besten Freunden, den Engländern. Dieser Hügel, die Goldene Insel genannt, lag noch im Jahre 1842 mitten im Fluß, und an der Südseite war die englische Flotte verankert, während die Landtruppen zu Lande jene Siege erkämpften, welche zu dem Friedensvertrag von Nanking führten. Diese einstige Insel ist längst mit dem Festlande innig verwachsen, ja sogar an ihrer Nordseite haben die Anschwemmungen des Jangtsekiang schon einen breiten Landstreifen geschaffen.
Zwischen beiden Hügeln sahen wir das Häusermeer von Tschinkiang in buntem, malerischem Flaggenschmuck prangen. Jedes Haus, jeder Tempel, die Masten der Tausende von Frachtbooten, welche sich im großen Kanal und an den Ufern des Jangtsekiang zusammendrängten, sogar die Bäume zeigten rote und weiße Flaggen; die ganze Bevölkerung schien auf den Beinen zu sein, und von der breiten, dem Jangtseufer entlang laufenden Bundstraße drang entsetzliches Lärmen und Schreien zu uns herüber. Der Comprador unseres Dampfers, selbst ein langbezopfter Chinese, klärte mich auf meine Frage darüber auf. Heute wäre gerade das Tiu-Tiufest, zu welchem gewöhnlich viele Tausende aus dem Innern des Landes hier zusammenzuströmen pflegten, und es sei an solchen Tagen nicht rätlich, sich zu weit in die Stadt hineinzuwagen. Allein gerade dieses heidnische Fest reizte meine Neugierde. Der Ingenieur des Dampfers erklärte sich bereit, mich zu begleiten, wir schlangen die Feldstecher um die Schultern, steckten Revolver ein und machten uns auf den Weg.
Wegen der Unterwaschung der Flußufer, wie sie auf dem ganzen unteren Jangtsekiang vorkommen, können die Dampfer auch hier nicht direkt an dieselben anlegen, sondern an eigene Hulks, alte abgetakelte Schiffskörper, die in der Nähe des Ufers fest verankert und mit dem letzteren durch Brücken verbunden sind. Jede der drei großen Dampfergesellschaften des Jangtse hat ihren eigenen Hulk, und der ganze Uferraum zwischen denselben ist mit zahllosen Dschunken, Segelbooten, Sampans, Frachtschiffen und Kanonenbooten dicht gefüllt. Tschinkiang ist ja nicht nur ein großer Verkehrshafen und Handelsplatz des Jangtsethales, es liegt auch im Mittelpunkte eines Netzes von Kanälen, deren größter, der Kaiserkanal, gerade hier den Jangtse kreuzt. An diesem Kreuzungspunkte der beiden wichtigsten Wasserstraßen von China mußte eine große und reiche Stadt entstehen, trotz der schweren Katastrophen, welche sie während des letzten halben Jahrhunderts zu überstehen hatte. Im Jahre 1842 wurde sie nach langer Verteidigung von den Engländern gestürmt und eingenommen, aber die rothaarigen Barbaren fanden innerhalb der Ringmauern zu ihrem Entsetzen nichts als Leichen vor. Die Verteidiger, größtenteils Mandschuren, hatten zuerst alle Weiber und Kinder, dann sich selbst getötet, um ja nicht in die Hände des von ihnen so sehr gehaßten Feindes zu fallen. Dreizehn Jahre später hatte die Stadt durch Zuwanderer wieder sehr gewonnen, als die furchtbaren Horden der Taiping sie einnahmen und teilweise zerstörten, und weitere vier Jahre später, im Jahre 1859, fiel sie in die Hände der kaiserlichen Truppen, die hier ebenso wütend hausten, wie in dem benachbarten Nanking. Die ganze Bevölkerung wurde niedergemetzelt, die Stadt bis auf die Ringmauern und einige Straßen dem Erdboden gleichgemacht. Noch im Jahre 1894 sah ich dort Ruinen, welche aus jener Zeit herrührten.
Aber alles das waren nur zeitweilige Hindernisse für den Aufschwung von Tschinkiang, das heute wieder an zweihunderttausend Einwohner zählt und innerhalb des von den Ringmauern umschlossenen Vierecks gar keinen Platz mehr hat. Es hat sich über die Stadtmauern ausgedehnt, und gerade in den westlich entstandenen Vorstädten ist der Sitz des Handels, des hauptsächlichsten Verkehrs und Reichtums der Stadt, während der östliche Teil ganz dem großartigen Leben und Verkehr auf dem Yunhokanal untergeordnet ist. An die westliche Vorstadt stoßen gegen die Landseite zu ärmere Quartiere, die sich bis zu den sanften von Festungswerken gekrönten Höhen hinter der Stadt hinanziehen und in weit ausgedehnten Friedhöfen mit kleinen, konischen, grünen Grabhügeln endigen.
Die Fremdenkonzession liegt dicht an den Ufern des Jangtsekiang. Obschon in derselben alles in allem genommen nur siebzig Europäer wohnen, haben sie doch einen hübschen mit steinernen Warenhäusern und schmucken Villen besetzten Bund (d. h. Uferstraße) geschaffen, der ebenso wie die nächstliegenden Seitenstraßen wohl gepflastert, beleuchtet und mit üppigen schattenspendenden Bäumen besetzt ist. Von dem chinesischen Ueberfall im Jahre 1889, bei welchem die Hälfte aller Häuser der Konzession zerstört wurde, ist keine Spur mehr wahrzunehmen. Die Handvoll Europäer, welche hier neben und mitten unter zweihunderttausend Chinesen wohnen, haben ihre eigene städtische Verwaltung, ihre Feuerwehr, Polizei, zwei Kirchen und einen Klub. Es fehlt ihnen nur noch eine tägliche Zeitung, aber auch sie wird kommen.
Wir fanden die Mehrzahl der europäischen Bewohner von Tschinkiang im Garten des Zollkommissärs versammelt. Die gegen den Bund gelegene Ecke der hohen festen Gartenmauer war mit Erde zu einer Art Terrasse angefüllt worden, und von dieser beobachteten die europäischen Damen des Orts (etwa ein halbes Dutzend) in völliger Sicherheit die Vorgänge auf der Straße, zumal eine Reihe von Polizisten mit langen mehrzackigen Lanzen, Säbeln und ballschlägerartigen, rot gestrichenen Holzkeulen hier Wache standen. Der mich begleitende Schiffsingenieur und ich waren die einzigen Europäer in den Straßen.
War schon auf dem Bund das Brüllen und Stoßen, Lärmen, Schreien, Gestikulieren, Tamtamschlagen und Musizieren der Chinesen zum Davonlaufen, so wurde es in der eigentlichen Chinesenstadt noch weitaus überboten, denn alle Augenblicke fuhren uns auch noch die massenhaft zum Knallen gebrachten Feuerfrösche (Fire-Crackers) zwischen die Beine, die Mehrzahl der sich drängenden und umherstoßenden Chinesen trugen brennende Joßkerzen, rasselten mit langen auf die Erde fallenden Ketten oder schlugen mit eisernen Pilgerstöcken heftig auf den Boden. Jedes einzelne Haus, fast ohne irgend welche Ausnahme, war mit rotweißen Fahnen bunt ausstaffiert, vor jedem Hause, selbst dem ärmlichsten, war ein Altar errichtet, oder doch wenigstens ein mit einem Tuch bedeckter Tisch aufgestellt. In der Mitte des Altars oder Tisches standen überall Sandbüchsen mit glimmenden Räucherkerzchen, und zu beiden Seiten derselben steckten brennende Kerzen aus rotgefärbtem Wachs in zinnernen Leuchtern. In den Straßen gewahrte ich nur Männer und Knaben, keine Frauen. Ihnen blieben die Häuser überlassen, und sie nutzten diese Gelegenheit, das seltsame Schauspiel zu betrachten, auch gehörig aus. In den Fenstern, auf Balkonen, Hausdächern und Gartenmauern standen oder saßen sie in ihren kostbarsten Festkleidern, hauptsächlich von blauer Farbe, seltener grün, schwarz oder weiß, aber keine einzige von den Tausenden, die ich sah, war rot oder gelb gekleidet. Ihre mitunter recht hübschen Gesichter waren mit Puder- oder Schminkeschichten überzogen, in der äußerst sorgfältigen Haarfrisur steckte allerhand Schmuck, vom billigsten Flittergold und Papierrosen bei den Armen bis zu kostbaren Perlschnüren und großen Jade(Nephrit-)steinen bei den Reichen. Die letzteren waren überdies durch ihre winzigen, nicht viel mehr als daumengroßen Füßchen kenntlich, die sie kokett zwischen den Balkongittern hervorstreckten.
Was das Gewimmel und das Getöse in den Straßen zu bedeuten hatte, war mir nicht recht klar. Jeder schien den Festtag des heidnischen Schutzpatrons von Tschinkiang in seiner eignen Weise feiern zu wollen. Die reichen Kaufleute der Stadt hatten große Summen dazu beigesteuert, und aus der Provinz waren viele Tausende, darunter das schlimmste Gesindel, hierhergekommen, um sich einen guten Tag zu machen. Sie wurden noch durch Tausende von Bootsleuten von der Flotte des großen Kanals verstärkt.
In langen malerischen Prozessionen zogen sie durch das enge Straßengewirre der Stadt. Viele von ihnen waren in phantastischer Vermummung, in langen hellroten Talaren mit hohen zuckerhutförmigen Hüten, von denen lange Fasanenfedern wagerecht abstanden; andere mit goldenem und silbernem Flitterwerk bedeckt, wieder andere hatten den Oberkörper ganz unbekleidet, und ihre Köpfe steckten in scheußlichen Tierfratzen; alle aber trugen groteske Waffen, Dreizack, flammende Schwerter, Morgensterne, Lanzen oder Pilgerstäbe mit rasselnden Ketten umwickelt.
Hier und da wurden den Prozessionen bunt aufgeputzte Kinder vorangetragen, die auf drei bis vier Meter hohen Stangen saßen und auf die Papierrosen in ihren Haaren und ihre glänzende Goldflitterkleidung nicht wenig stolz schienen. In jeder Prozession wurden prachtvolle Sänften umhergetragen, mit Vergoldungen und Schnitzereien bedeckt, manche sogar aus getriebenem Silber. Durch die Glasfenster gewahrte ich im Inneren aus Holz geschnitzte, langbärtige Fratzen. Die zahlreichen Fahnen, Sonnenschirme und Inschriftentafeln, die wie ein wandelnder Wald jeder Prozession vorangetragen wurden, zeigten die Namen der einzelnen Zünfte und Gilden der Stadt. Zwischen den einzelnen Umzügen wogte zerlumptes halbnacktes Gesindel auf und nieder, von den berittenen Soldaten mühsam in Ordnung gehalten. Zahlreiche Bettler, die Stirnen seltsamerweise mit weißem Papier verklebt, warfen sich uns auf den Knien entgegen, so daß wir kaum vorwärts kommen konnten. Gleichzeitig kam von einer Seitenstraße ein phantastischer Karnevalszug des Wegs, lärmend, heulend und waffenschwingend, als wären sie alle eben dem Tollhaus entwichen. Zwischen ihnen befanden sich einzelne Reiter. Wir konnten weder vor- noch rückwärts. Der Zug, mehrere hundert Menschen umfassend, hatte uns bald umringt, ich wurde von meinem Gefährten getrennt, und als ich den Versuch machte, ihm nachzueilen, versperrten mir die Reiter durch die Pferdekruppen den Weg. Gleichzeitig begann ein wilder Geselle mit langem zerzausten Haar und Kettenstäben in den Händen auf mich loszuschreien und schien die übrigen auf mich zu hetzen, denn ich bemerkte, wie sich die Gesichter verfinsterten und drohend überall die bewaffneten Hände erhoben. Schließlich spie der wilde Geselle mich an und trachtete mich über den Haufen zu werfen. Da war guter Rat teuer. Ich war allein inmitten vieler Tausende fanatischer Chinesen, deren leichte Erregbarkeit durch die Aufstände und Abschlachtungen in früheren Jahren hinreichend bekannt war, und ein Nachgeben, einen Augenblick des Zögerns hätte ich möglicherweise mit meinem Leben bezahlen müssen. Rasch entschlossen griff ich nach meinem Revolver, den ich in der rechten Rocktasche trug. Auf dem Wege dahin streifte meine Hand das Etui mit meinem Fernglase; ich weiß nicht wie es kam, einer plötzlichen Eingebung gehorchend, zog ich statt des Revolvers mein Fernglas hervor und hielt es an mein Auge. Verwunderung malte sich auf den Gesichtern der Umstehenden, das Geschrei und Geheul verstummte, und derselbe wilde Hallunke, der mich eben zuvor hatte niederschlagen wollen, riß mir das Glas aus der Hand. Kaum hatte er es an sein Auge gesetzt, so begann er zu lachen und die ihn Umgebenden der Reihe nach zu betrachten. Sein Erstaunen mußte die Neugierde der anderen in hohem Grade erwecken, denn ein Reiter entriß nun ihm mein Glas, und kaum hatte er lachend durch dasselbe geblickt, so wanderte es zu seinem Nachbar. Seine Ausrufungen versetzten die Zopfträger in große Heiterkeit. Alle lachten, und ich glaubte am besten zu thun, indem ich mitlachte. Mein Glas war nun in den Händen eines Mannes, der an der Ecke eines seitwärts führenden engen Gäßchens stand. Ich zwängte mich zu ihm durch, nahm ihm lachend das Glas aus der Hand, und ohne mich umzublicken, verschwand ich in dem Gäßchen, das gerade weit genug war, um einen Menschen durchzulassen. Durch dasselbe hatte sich auch mein Begleiter geflüchtet, und zu meiner Freude erwartete er mich am anderen Ende dieses finsteren Durchgangs.
Wir hatten nun genug von den Festlichkeiten der Provinzheiligen und wanderten aus der Stadt hinaus, die sanfte Anhöhe empor, die von einem Fort mit merkwürdigen Pagodendächern gekrönt wird. Auf den Umfassungsmauern steckten Hunderte von kleinen dreieckigen Fahnen in Rot und Weiß. Der Weg führte durch eine ausgedehnte Nekropole mit Tausenden und Abertausenden von kleinen Grabhügeln, hier und dort unterbrochen von kleinen Rasenflächen und Baumgruppen. Unter einer der letzteren gewahrten wir auf einer Steinbank sitzend vier Chinesinnen, die in den Anblick des wunderbar schönen Jangtsekiangthales versunken schienen, das sich zu unseren Füßen auf viele Meilen stromauf- und -abwärts ausdehnte. Als wir ihnen näher kamen, bemerkten wir erst, daß diese vermeintlichen Chinesinnen hellblonde Haare und blaue Augen hatten, dabei so große Füße, wie sie eine Tochter des Reiches der Mitte noch niemals besessen haben mag. Die vier Damen waren Angestellte irgend einer schwedischen Mission, die hier oben unter dem Schutz des Forts ein Missionshaus besaß. Neben diesem, und auch auf dem jenseitigen Abhang der Anhöhe im Freien zerstreut, liegen noch einige andere Missionshäuser, hauptsächlich amerikanischen Sekten angehörend. Die Missionäre leben hier mit ihren Frauen recht lauschig und behaglich und geben den Chinesen die verschiedenen Arten und Wege an, auf welchen sie als Christen selig werden können. Da giebt es eine Amerikan-Baptist-Mission, Amerikan-Methodist-Episkopal-Mission, Amerikan-Southern-Presbyterian-Mission, China-Inland-Mission, aber sie alle zusammengenommen mit ihren Dutzenden von Missionären und deren Frauen und ihren reichen Mitteln haben nicht ein Viertel des Erfolges aufzuweisen, den die beiden katholischen Padres französischer Nation hier mit ihren bescheidenen Mitteln erzielt haben. Wenn diese vielen amerikanischen Missionäre wenigstens für die Europäer von irgend welchem Nutzen wären! Wie wünschenswert wäre es z. B., wenn in den Spitälern der Missionen kranke Europäer Aufnahme fänden. Leider ist dies nicht der Fall; Europäer werden abgewiesen und nur kranke Chinesen aufgenommen.
Das Fort auf der Anhöhe schien mir von den Hunden besser bewacht als von den Soldaten. Während die ersteren bei unserem Kommen Lärm schlugen, blieben die letzteren, große Damenstrohhüte auf den bezopften Köpfen, ruhig auf dem grünen Rasen liegen und schielten nur mit halboffenen Augen zu uns herüber. Als ich Miene machte, das Thor zu durchschreiten, sprang einer der Soldaten auf und verwehrte uns den Eintritt. Nur wenn wir einen Erlaubnisschein vom Mandarin besäßen, dürften wir in das Innere des Forts. Indessen wir wurden durch die wunderbare Aussicht auf den Jangtsekiang reichlich für diese Enttäuschung entschädigt. Von hier oben konnten wir deutlich die früheren Ufer des ewig wechselnden Stromes verfolgen. Bald reißt er von einem Ufer ganze Morgen, ja Quadratkilometer Landes ab, um sie am jenseitigen anzusetzen, bald bricht er sich eine neue Laufbahn durch die üppigen Gersten- und Roggenfelder, bald läßt er Inseln aus seinem Bett verschwinden, bald weiter abwärts neue entstehen. Mit dem Fernglas musterten wir das jenseitige Ufer des gewaltigen Gelben Stromes, wo sich noch zur Mitte des 19. Jahrhunderts die große Stadt Koatschen befunden hat, eines der wichtigsten Salzdepots von ganz China, und zeitweilig waren zu ihren Füßen im Fluß gegen zweitausend Salzboote und Dschunken verankert. Wir konnten davon nichts mehr wahrnehmen als einzelne elende Hütten, mitten im Morast steckend. Der Jangtsekiang hat die Stadt verschlungen. Auch das einst so berühmte Jangtschau hat seine frühere Bedeutung gänzlich eingebüßt. Jangtschau liegt nur einige zwanzig Kilometer von Tschinkiang an der Nordseite des Jangtsekiang und war in früheren Zeiten die Hauptstadt des Jangreiches. Vor sechshundert Jahren, lange bevor irgend ein Europäer den Fuß auf chinesischen Boden setzte, besaß Jangtschau einen europäischen Gouverneur, keinen anderen als Marco Polo, der drei Jahre hier residierte.
Aus jener Zeit ist wohl weder dort, noch in Tschinkiang etwas übrig, nicht einmal die alten Pagoden der Goldenen Insel dürften dieses Alter besitzen. Als wir von unserem Ausflug zurückgekehrt waren, ließen wir uns nach diesem Heiligtum der Buddhistenwelt rudern, wo kolossale Buddhastatuen, umgeben von solchen seiner Apostel und Gelehrten, der Anbetung durch die andächtigen Zopfträger harren, aber das Leben und Treiben auf dem Bund, der Hauptstraße der Fremdenansiedelung. interessierte uns mehr, und stundenlang hätte ich dem Treiben in den offenen Eßbuden, rings um die ambulanten Küchen, bei den Spieltischen, Frucht- und Eierhändlern zusehen können, wenn nicht der furchtbare, ohrenbetäubende Lärm gewesen wäre. Die Chinesen scheinen nichts thun zu können, ohne dabei aus vollem Halse zu schreien; selbst die Lastenträger schreien bei jedem Schritt ihr ha-ho desto kräftiger, je größer die Last, die sie zu tragen haben, als ob sie die Arbeit mit Geschrei allein verrichten könnten. Vom frühen Morgen bis zum Einbruch der Nacht aus Tausenden von Kehlen ohne Unterbrechung ha-ho schreien zu hören ist begreiflicherweise kein Vergnügen für die europäischen Bewohner der Konzession. Vor einigen Jahren wandten sie sich deshalb an den Taotai von Tschinkiang mit dem Ersuchen, das Schreien zu verbieten. Das geschah auch, aber am folgenden Tage schrieen die Kulis ihr ha-ho vielleicht nur noch kräftiger, und dabei ist es bis heute geblieben.

Sommeraufenthalt auf einem Felskegel bei Tschingkiang.
❏ GRÖSSERES BILD

Steinerne Tierfiguren bei den Kaisergräbern in Nanking.
Nanking.

Eine Stunde nach Mitternacht hielt der große, nach Hankau bestimmte Jangtsekiangdampfer mitten auf dem breiten Strom, und der langbezopfte chinesische Steward bedeutete mir, ich wäre in Nanking angekommen. Vom Verdeck aus sah ich von dieser Weltstadt, deren Bevölkerung Millionen zählte, dieser einstigen Hauptstadt des größten Reiches der Erde, nichts weiter als eine gewaltige Ringmauer. Der Vollmond beschien die einsamen Ufer des Stromes. Kein Schiff, nicht einmal eines der vielen chinesischen Kanonenboote, welche auf dem Jangtsekiang den Polizeidienst versehen, deutete die Einfahrt in den Hafen an; nur zwei niedrige ärmliche Gebäude standen dort dicht am Stromufer, und von diesem stieß eben ein kleiner, von ein paar Kulis gelenkter Sampan ab, um mich abzuholen. Ein paar Minuten später saß ich darin, und während meine chinesischen Bootsleute mit kräftiger Hand durch die Fluten des hier reißenden Stromes dem Lande zuruderten, verschwand der große Dampfer in der Richtung gegen Hankau.
Es war ein Glück, daß die englischen Professoren der Marineschule in Nanking von meinem Kommen unterrichtet waren und mir eine Sänfte mit vier Trägern entgegengesandt hatten, sonst hätte ich wohl im Freien außerhalb der Stadtmauern übernachten müssen. Raschen Schrittes trugen mich die Kulis durch die elende Hüttenstadt, welche den Hafen von Nanking bildet. An dem Kanal angelangt, welcher dieses verkommene Nest mitten durchschneidet, mußten die Bootsleute der Fähre durch kräftige Hiebe aus dem Schlaf geweckt werden. Was sind die Chinesen doch für ausgezeichnete Schläfer! Der Kanal war über und über mit Pantoffelbooten bedeckt, deren jedes einer Familie als Wohnung dient. Obschon nun Hunderte von Hunden bei unserem Kommen wütenden Lärm schlugen, ließ sich doch niemand aus dem Schlafe wecken. Nur aus einem der Boote drangen leise Gongschläge zu mir herüber. Einer der Insassen mochte wohl im Sterben liegen, und die aufmerksamen Verwandten trachteten durch diese Gongmusik die bösen Geister zu vertreiben.
Jenseits des Kanals trugen mich die schweißtriefenden, stinkenden Kulis abermals eine Viertelstunde lang durch eine öde, verlassene Gegend, ehe wir an die ungeheuren Stadtmauern von Nanking gelangten. In dem bleichen Mondlichte zeigten sich diese noch viel gewaltiger, als sie wirklich sind. Auf viele Meilen zogen sie sich zu beiden Seiten unseres Weges in die Ferne, aus großen Quadern bestehend und vortrefflich erhalten, noch immer eines der größten Werke, welche Menschenhände geschaffen haben. Sie umgeben die alte Kaiserstadt in einem Umkreise von vierunddreißig Kilometern und erreichen bei einer Stärke von acht bis vierzehn Metern eine Höhe von fünfzehn bis dreißig Metern. Im ganzen genommen, enthalten sie nicht weniger als sieben Millionen Kubikmeter Mauerwerk und dreißig Millionen Kubikmeter Erde, also das Sechzehnfache der größten Pyramide Aegyptens. Hunderttausende von Menschen müssen jahrelang an diesem ungeheuren Werke gearbeitet haben, und die Mauer hat auch den Jahrhunderten, die seit ihrer Erbauung verflossen sind, ebenso wie den vielen Kriegen und Belagerungen getrotzt, deren letzte zur Zeit der Taipingrevolution die furchtbarste war. Nur nach langer Mühe gelang es den kaiserlichen Truppen im Jahre 1864, eine Bresche in dieses gewaltige Werk zu schießen. Sie wurde seither wieder ausgebessert. Der Vizekönig der Provinz verwendete dafür, sowie für die Erneuerung der Thortürme mit den schön geschwungenen Dächern eine Million Mark, eine Geldsumme, welche mit größerem Nutzen in der Stadt selbst hätte verausgabt werden können. Das ungeheure Thor, durch welches unser Weg in die Stadt führte, war fest verschlossen. Lange mußten meine Kulis mit den Tragstangen der Sänfte pochen, ehe die inneren Querbalken losgelöst wurden und der eine Thorflügel sich so weit öffnete, um uns durchzulassen. Ein Soldat in Pantoffeln und ohne irgend welche Bewaffnung sah mich mit schlaftrunkenen Augen an, richtete aber weder eine Frage an meine Begleiter, noch verlangte er mir meinen Reisepaß ab. Und das zu einer Zeit, als die Japaner sich mit allen Kräften zu dem großen Kriege rüsteten, der einige Monate später wirklich ausbrechen sollte.
Jenseits des vielleicht hundert Meter langen gewölbten Thorweges, der unter den Mauern und Wällen der Stadt in das Innere derselben führte, mußten meine Kulis noch eine geraume Zeit wandern, ehe wir das Thor der Marineschule, meiner Behausung, erreichen. Die Straßen waren wohl mit gutem Pflaster versehen, allein die Häuser zu beiden Seiten waren nur erbärmliche Lehmhütten, ähnlich wie ich sie in den ärmsten chinesischen Dörfern gesehen habe. Die einzigen Menschen, denen wir auf unserem nächtlichen Marsche begegneten, waren Nachtwächter, die schläfrig durch die einsamen Straßen wanderten und bei jedem Schritt mit ihrem eisernen Speer auf den Boden schlugen, oder mit Zinken und Trommeln etwaigen Dieben und Einbrechern ihr Nahen verkündeten. In der Wachtstube gegenüber der Marineschule lagen zehn Soldaten schlafend auf ihrem harten Holzlager ausgestreckt. Bei unserem Kommen wurde von einem dieser Vaterlandsverteidiger kräftig eine Trommel gerührt, in der ganzen Stadt, nah und fern, antworteten Dutzende von Trommeln. Trotz dieses laut durch die Nacht hallenden Wachtrufes rührten sich die schlafenden Soldaten nicht. Wozu auch? Sie sind ja längst an diesen nächtlichen Lärm gewöhnt. Als ich eine Stunde später selbst in dem ganz modernen europäischen Hause der Marineschule zur Ruhe gegangen war, dauerte das Trommeln noch fort. Alle Augenblicke wurde ich durch Trommeln aus dem Schlafe geweckt; aber mit der Zeit gewöhnte auch ich mich daran. In allen chinesischen Städten wird zur Nachtzeit fortwährend getrommelt, Gong geschlagen, Tuba geblasen, und ohne diesen Lärm müßte es den Hunderten von Millionen schlafender Chinesen ganz unheimlich vorkommen.
Als ich am nächsten Morgen meinen ersten Spazierritt durch Nanking unternahm, wunderte ich mich, warum der Vicekönig, der in einem bescheidenen Yamen seine Residenz aufgeschlagen hat, für die Ausbesserung der Stadtmauern so viel Geld ausgegeben haben konnte. Wo war denn eigentlich das vielgerühmte Nanking? Ich war innerhalb der Stadtmauern, aber die Stadt selbst suchte ich stundenlang auf- und niederreitend vergeblich. Reis-, Gerste- und Roggenfelder bedeckten weite Flächen, andere waren von wüstem Sumpfland eingenommen, wieder andere bedeckte dicht wucherndes Gestrüpp und Wald. Hie und da zwischen den Feldern erhoben sich elende Strohhütten, in welchen armselige Weiber ihren Hausrat besorgten, während die Männer die Wasserbüffel bewachten, die in den Feldern den Pflug zogen. Weiterhin führte mich mein Weg durch Trümmerfelder von Quadratkilometern Ausdehnung, bedeckt mit Steintrümmern und Schutthaufen, zwischen denen das Unkraut üppig emporschoß. Wohl hatte ich von den furchtbaren Verwüstungen gehört, die der große Taipingkrieg in den sechziger Jahren in seinem Gefolge hatte, allein so entsetzlich, wie ich sie nun in Wirklichkeit fand, hätte ich dieselben nicht für möglich gehalten. Sollte denn von all den Tausenden von Palästen, Tempeln, öffentlichen Gebäuden, Pagoden, welche die Millionenstadt in früherer Zeit besessen hat, wirklich nichts mehr übrig geblieben sein? Wo war die Purpurstadt, wo der Kaiserpalast, in dem die Kaiser der Mingdynastie residiert haben, wo der Palast des letzten Taipingkaisers? Ich ließ mir die Tatarenstadt zeigen, die, von einer eigenen Ringmauer umschlossen, im östlichen Teil von Nanking gelegen ist. Auch dort nichts als Steintrümmer, ähnlich jenen des Dschebel Mokattam in Kairo oder denen von Karthago, wo ich vor Jahren umhergewandert, nur noch trostloser, weil sie frischer waren, aus der neuesten Zeit stammten. Ich hatte wenigstens Ruinen erwartet, wie sie Paris in seinen Tuilerien, seinem Staatsratsgebäude, seinem Hôtel de ville besessen hat, und als ich auf dem weißen Steingeröll umherreitend endlich meinen Begleiter nach dem Kaiserpalast fragte, antwortete er mir, ich befände mich eben auf der Stelle, wo er sich vor der Taipingrevolution befunden hätte. Und die Ruinen? Das Steingeröll, über das mein Pferd einherstolperte! Nicht ein Stein liegt dort auf dem anderen. Nanking ist nicht mehr. Es wurde während der Revolution einfach zu Staub zermalmt, vom Erdboden weggewischt, wie man Staub vom Spiegel wischt. Kein Erdbeben, kein Brand, keine Ueberschwemmung hätte hier schlimmere Verwüstungen anrichten können als die Hand von Menschen während der Revolution. Ich befand mich in Tokio, als ein Erdbeben viertausend Häuser zerstörte oder beschädigte. Ich habe Chicago bald nach dem großen Brande gesehen, der es großenteils vernichtete, und St. Cloud in Minnesota nach dem furchtbaren Tornado, der es in Trümmer geblasen hat. Nirgends war die Vernichtung auch nur annähernd so vollständig wie hier, wo nichts als weiße Trümmerfelder die Stelle anzeigen, wo noch Mitte dieses Jahrhunderts eine der größten, ältesten und volkreichsten Städte unseres Erdballes gestanden hat. Innerhalb der Mauern von Nanking hat sich in der That eines der merkwürdigsten, leider nur zu wenig bekannten Ereignisse der Weltgeschichte abgespielt. Hier war es, wo der berüchtigte Hong-Sin-Tsien, ursprünglich ein armer Schullehrer, durch seine Ueberzeugung und Thatkraft sich zu einem gewaltigen Heerführer emporgeschwungen und schließlich während elf Jahren als Kaiser über die Hälfte des chinesischen Reiches herrschend, der Dynastie in Peking so starren Widerstand entgegengesetzt hat. Seine Armeen waren überall erfolgreich, überall wurden die kaiserlichen Heere durch die Taiping geschlagen, und eine Zeit lang glaubten die Chinesen selbst an die Intervention des Himmels zu Gunsten des Friedenskaisers in Nanking. Aber als die Kaiserlichen endlich die Europäer um Hilfe anriefen, war es mit der sagenhaften Unüberwindlichkeit vorbei. Unter ihren Heerführern waren überdies Zwistigkeiten ausgebrochen; viele kämpften auf eigene Faust, etliche fielen in den Schlachten, andere gingen mit ihren Mannschaften zu den Kaiserlichen über. Müde von den Bedrückungen, dem Sengen, Rauben und Morden der umherziehenden Taipingbanden fielen ganze Provinzen von dem Rebellenkaiser ab, und diesem blieb schließlich von seinem großen Reiche nichts weiter als seine Residenzstadt Nanking. Lange Zeit hielt er sich dort, hauptsächlich geschützt durch die gewaltigen Ringmauern. Am 30. Juni 1864 gelang es endlich der Artillerie des kaiserlichen Belagerungsheeres, in diese Mauern eine Bresche zu schießen, und damit war der weitere Widerstand der Rebellen ein erfolgloses Bemühen. Aber die letzteren ahnten wohl, welch schreckliches Schicksal ihnen schließlich bevorstand, und deshalb entschlossen sie sich, lieber auszuharren, als sich zu ergeben. Nur der Rebellenkaiser selbst verlor den Mut. Schon lange war sein Geist durch die rasch aufeinanderfolgenden Schläge getrübt worden, und als er noch die Nachricht von dem Fall der großen Ringmauer erhielt, nahm er sich durch Gift das Leben. Seine Generale riefen nun seinen Sohn zum Kaiser aus, und der sechzehnjährige Jüngling übernahm den Befehl über die Verteidigungstruppen. Achtzehn Tage hielten sich die Rebellen noch gegen die Kaiserlichen. Am 19. Juli 1864 aber drangen die letzteren durch die Bresche in die Stadt. Ein treuer Diener von Hong-Siu-Tsien rettete den jungen Rebellenkaiser dadurch, daß er ihm sein eigenes Pferd gab, allein ebenso wie sein Retter, fiel schließlich auch der Kaiser in die Hände der siegreichen Belagerer und wurde enthauptet.
Beim Lesen des offiziellen Berichts über die Einnahme von Nanking stehen einem vor Entsetzen die Haare zu Berge. Nicht weniger als hunderttausend Menschen wurden innerhalb dreier Tage niedergemetzelt, viele Tausende starben in der durch so viele verwesende Leichname verpesteten Stadt. Alles wurde zerstört und verwüstet, die ganze Stadt mit unbeschreiblicher Wut dem Erdboden gleichgemacht. Selbst der Leichnam des verstorbenen Hong-Siu-Tsien wurde nicht verschont. Die Kaiserlichen fanden sein Grab; sie rissen der verwesenden Leiche die Haut vom Körper, warfen seine Gliedmaßen den Hunden vor und ließen seinen Kopf auf einer Stange steckend durch die aufrührerischen Provinzen tragen. So endete die Rebellion der Tschang-Mao, vielleicht die schrecklichste und blutigste aller Zeiten. Nankings Ruinen sind nicht die einzigen. Im ganzen Jangtsekiangthale und in den südlich davon gelegenen Provinzen blieb wohl keine Stadt verschont. Jahrzehnte werden noch vergehen, ehe sich die Bevölkerung der verwüsteten Provinzen, über hundertfünfzig Millionen, von den furchtbaren Verheerungen der Taiping erholt haben wird, Nanking aber ist wohl auf Jahrhunderte hinaus gebrochen. Die Regierung ließ allerdings aus den umliegenden Provinzen Ansiedler kommen, sie unterstützte die Wiederaufnahme der einst so berühmten Industrien, der Seidenspinnerei, der Fabrikation des unter dem Namen Nanking bekannten Baumwollstoffes, der Porzellanmanufaktur; sie ließ außerhalb der Mauer ein Arsenal errichten, und die Stadt soll heute chinesischen Berichten zufolge wieder eine Viertelmillion Einwohner haben. Ich glaube es nicht. Nach meiner Schätzung können die wenigen Straßen, die hier und dort auf dem weiten Trümmerfelde wieder entstanden sind, kaum mehr als hunderttausend Menschen enthalten. Sie wohnen in ärmlichen Häusern, zum größten Teil aus den Trümmern der zerstörten Stadt erbaut, und Handel und Wandel sind nur ein Schatten dessen, was er früher, und wie er heute in benachbarten Städten, in Shanghai, Tschingkiang, Wuhu herrscht. Armut und Aberglaube überall. In den elenden Kaufläden hängen lange Schnüre von Shoes, d. h. Silberbarren, aber aus Silberpapier angefertigt, welche die Chinesen an den Gräbern ihrer Verstorbenen oder in den Tempeln ihren Götzen opfern. Vor den Thoren der wenigen besseren Häuser stehen kurze hohe Wände mit allerhand Fratzen bemalt, um die bösen Geister zu bannen. Als ich nach meinem ersten Spazierritt in die Marineschule zurückkehrte, fiel mir auf, daß das Hauptthor nicht in derselben Linie mit der Umfassungsmauer war, sondern schief stand. Als ich die Professoren, meine Gastfreunde, darüber befragte, erklärten sie mir, daß auch beim Bau dieses europäischen Hauses, wie bei jenem der chinesischen Häuser, Gelehrte und Wahrsager zu Rate gezogen wurden, um die günstigste Lage gegenüber den guten und bösen Geistern zu bestimmen. Sie erklärten, das Thor müsse genau nach Süden gerichtet sein, und deshalb die schiefe Lage desselben. Nun vergingen sich die europäischen Professoren beim Bau des Hauses insofern, als sie es ein Stockwerk hoch aufführen ließen. Darob großes Geschrei unter den Chinesen, die es nicht zugeben wollten, daß dieses Haus höher sein sollte als jenes des obersten Leiters der Schule, eines chinesischen Generals. Glücklicherweise stand dasselbe aber auf einem Hügel. Die Professoren erklärten nun ihrerseits, sie hätten alle Rücksichten für ihren Vorgesetzten beobachtet, denn das Dach ihres neuen Hauses wäre thatsächlich tiefer gelegen als jenes des chinesischen Generalshauses. Die Gelehrten überzeugten sich durch Augenschein von der Richtigkeit dieser Behauptung, und das Haus blieb stehen. Sonst hätte gewiß das erste Stockwerk wieder abgetragen werden müssen.
Die verhältnismäßige Neuheit der Häuser in den über die ungeheure Fläche zerstreuten Stadtteilen läßt diese auch reinlicher erscheinen als andere chinesische Städte; die Leute, großenteils im Dienste der Provinzialregierung stehend, die hier ihren Sitz hat, und überdies durch die vielen christlichen Missionen beeinflußt, sehen auch reinlicher und besser gekleidet aus; die Straßen sind breiter, und vor den zahlreichen ärmlichen Kaufläden befinden sich, durch Holzgitter eingefaßt, kleine Vorplätze mit Sitzbänken, welche den Inhabern und Käufern tagsüber als Aufenthalt dienen. Die großen Entfernungen erschweren natürlich den Verkehr; an Stelle der Schubkarren, welche in Shanghai, Tschinkiang, Tschifu und anderen Städten des Nordens zur Beförderung von Menschen und Lasten dienen und von kräftigen Kulis geschoben werden, verwenden die Bewohner Nankings größtenteils Esel, die im Vergleich zu den elenden, mageren Tieren, die man in Italien und der Levante sieht, viel kräftiger und besser genährt sind. Kein Wunder! Befinden sich doch innerhalb der Ringmauern dieser merkwürdigen Stadt ganze Quadratmeilen von Feldern und futterreichen Wiesen, die vielleicht vier Fünftel des ganzen Raumes einnehmen. Nur auf einem Fünftel erheben sich die Anfänge der neuen Stadt. Die christlichen Missionshäuser sind hier zahlreicher als die Götzentempel, deren es in dieser alten Kaiserstadt nur drei giebt. Auch sie wurden erst nach dem Taipingkriege neu erbaut. Der schönste ist wohl der aus mehreren Höfen und Hallen bestehende Confuciustempel, der friedlich zwischen jenen der Buddhisten und Taoisten in der Nähe der französischen katholischen Mission gelegen ist. Kein Priester oder fanatischer Anbeter des großen chinesischen Weltweisen verwehrt dem europäischen Besucher den Eingang, und mit Muße kann man die mit schöngeschwungenen Schiffsschnabeldächern gedeckten Hallen durchwandern. Während in dem Taoistentempel scheußliche langbärtige Götzenbilder aufgestellt sind, prangt hier nur eine große Tafel mit dem Namen des unsterblichen Confucius in goldenen Lettern, umgeben von ähnlichen Tafeln mit den Namen seiner Apostel.
Auf einem Hügel im Mittelpunkte Nankings erhebt sich eine hölzerne Pagode mit einer ungeheuren Bronzeglocke, die ähnlich wie die japanischen durch einen horizontal schwingenden Holzbalken, der sich außerhalb befindet, geläutet wird. Als ich zu diesem von allen Teilen der Stadt sichtbaren Glockenturm emporritt, warfen sich mir eine Menge Bettler entgegen. Schon in der Ferne sanken sie mitten in der Straße auf ihre Knie und schlugen mit ihrer Stirne auf den Boden, so daß ich Mühe hatte, mein Pferd zwischen ihnen hindurchzulenken. Nahe der Pagode gewahrte ich mehrere Missionsanstalten und auch die Mauern eines chinesischen Militärforts mit zahlreichen Schießscharten, aus denen die Mündungen gewaltiger Kanonen hervorlugten. Als ich diese näher betrachtete, sah ich erst, daß die Schießscharten sowohl wie die Kanonenrohre auf die Mauern gemalt waren! Im Innern des Forts exerzierten chinesische Truppen mit Bogen und Pfeilen, sowie langen dreieckigen Lanzen. Nur wenige Abteilungen waren mit Schießgewehren bewaffnet, und diese Soldaten wurden einige Monate später den japanischen Heeren mit ihren modernen Hinterladern entgegengestellt!
Die größte Sehenswürdigkeit Nankings befindet sich im Osten der Stadt, außerhalb der Ringmauer: das Mausoleum der berühmten Kaiser der Mingdynastie. Eines Morgens ritt ich, begleitet von Professor Hearson der Marineschule, dort hinaus. Da der Weg uns durch Sümpfe und Reisfelder geführt hätte, galoppierten wir auf der oberen Fläche der ungeheuren Stadtmauer bis zum Taipingthor, etwa zehn Kilometer weit von unserer Wohnung gelegen, und gelangten durch dieses ins Freie. In dem kühlen, dunkeln Thortunnel kauerten Hunderte von Chinesen an den Wänden und rauchten oder spielten Domino, geschützt gegen die brennende Sonnenhitze. Draußen vor dem Thore breitete sich ein großer, sumpfiger See aus, und jenseits desselben auf einer kahlen, hügeligen Fläche gewahrte ich die ungeheuren Steinfiguren, welche gerade so wie bei den Kaisergräbern von Peking zu den Minggräbern führen. Die Anlage dieser Gräber ist sehr merkwürdig. Angelehnt an die Bergketten im Norden, erhebt sich ein etwa sechzig Meter hoher, dicht bewaldeter Hügel, und vor diesem liegt ein Tempel, von einer hohen Mauer aus rotgebrannten Ziegeln eingeschlossen. Die Tempeldecke wird durch eine Säule getragen, die auf einer ungeheuren steinernen Schildkröte, etwa vier Meter lang und drei Meter breit, steht. Von diesem Grabtempel führt in südlicher Richtung eine etwa fünfhundert Meter breite Avenue bis zu zwei hohen Steinsäulen, wo sie sich im rechten Winkel nach Osten wendet und bei einer auf einem Hügel stehenden offenen Tempelhalle, etwa ein Kilometer von den Steinsäulen entfernt, endet. Der erste, nach Süden gerichtete Teil der Avenue ist zu beiden Seiten mit ungeheuren Steinfiguren alter Kaiser besetzt, der nach Osten gerichtete Teil dagegen enthält ebenso ungeheure Tierfiguren, durchwegs aus Steinmonolithen gemeißelt, deren Größe mich an jene von Oberägypten und Nubien erinnerte. Diese Tierfiguren stehen mit den Köpfen einander zugewendet an den Seiten der etwa zehn Meter breiten Straße in Abständen von etwa dreißig Meter voneinander. Das erste, den Steinsäulen zunächst stehende Tierpaar sind, wenigstens dem Aussehen nach, zwei ungeheure aufrechtstehende Tapire, das nächste Paar sind ebenfalls Tapire, jedoch in liegender Stellung; ihnen folgen zwei aufrechtstehende, dann zwei liegende Löwen; dann aufrechte und liegende Elefanten; an sie schließen sich ebensolche Doppelpaare von Kamelen, Pferden und dergleichen bis an die Tempelhalle. Die Figuren sind ziemlich gut ausgeführt, etwa vier Meter hoch und von entsprechender Länge, nur haben die chinesischen Bildhauer es mit der Anatomie der Tiere nicht besonders genau genommen. So z. B. sind die Vorderfüße der liegenden Elefanten mit den Knieen nicht nach vorwärts, wie bei den Pferden, angefertigt, sondern mit den Knieen nach rückwärts, so daß die Füße dieselbe Stellung zeigen wie bei liegenden Löwen. Auf den Rücken der aufrechten Elefanten bemerkte ich eine Menge kleiner Steinchen, was wieder mit einem abergläubischen Gebrauch der Chinesen zusammenhängt. Professor Hearson erklärte mir, Zopfträger, welche im Begriff stehen, zu heiraten, pilgern zuvor zu einem dieser Elefanten und werfen ein Steinchen auf seinen Rücken. Bleibt dasselbe oben liegen, so wird die Ehe innerhalb eines Jahres durch einen Sohn gesegnet werden. Fällt aber das Steinchen herab, so wird der Zopfträger Vater einer Tochter. Um dieses Unglück in den Augen der Chinesen zu verhindern, wird die Ehe mitunter auf ein Jahr hinausgeschoben, oder findet sie doch statt, so macht der Ehemann von seinen Rechten bis zum folgenden Jahre keinen Gebrauch und wiederholt dann seine Anfrage bei dem Elefantenorakel. Vielleicht wird dann durch einen Zauberer oder Wahrsager künstlich nachgeholfen, um das gewünschte Ziel zu erreichen.

Stadtthor von Nanking.
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Wie die Chinesen Theater spielen.

Die Chinesen lieben das Theater gerade so sehr, wenn nicht sogar mehr, als Europäer. Auf meinen Reisen im Reiche der Mitte habe ich in allen Städten, ja in vielen Dörfern Theater angetroffen, und der Besuch derselben würde den Neid jedes europäischen Theaterdirektors erweckt haben. Alle waren stets zum Erdrücken gefüllt, und geschlossene Theater, oder solche mit schlechtem Besuch sind in China unbekannt. Die dortigen Theater sind eben etwas anders eingerichtet als die unsrigen, und nur ihr Ursprung dürfte derselbe sein. Seltsamerweise hatten die Chinesen in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung noch keine Theater. Seltsamerweise deshalb, weil ja sonst die meisten Einrichtungen der Zopfträger in die Zeit vor Christi Geburt, einzelne sogar in die Zeit vor der Erbauung der Pyramiden zurückgreifen. Musik war ihnen wohlbekannt, das Theater aber wurde ihnen erst durch die von Westen in China einfallenden Völkerschaften von unseren gemeinschaftlichen Lehrmeistern des Theaterspiels, den Griechen, überbracht. Die erste glaubwürdige Nachricht über das Theater in China stammt aus dem Ende des siebenten Jahrhunderts. Damals regierte über das große Reich ein sehr vergnügungslustiger Herr, der Kaiser Tang Ming Huang. Er fand Gefallen an der Musik und an der von den westlichen Völkern ausgeübten Schauspielerei und suchte sie in seinem Lande dadurch zu verbreiten, daß er an seinem Hofe eine eigene Musik- und Theaterschule errichtete. Die Hunderte junger Mädchen, die er in dieser Schule ausbilden ließ, erregten begreiflicherweise sein Wohlgefallen; er schuf für sie ein eigenes Pensionat des demoiselles, das in einem großen Obstgarten mit Birnbäumen stand, und die jungen, chinesischen Misses führten deshalb unter den dem Gebrauch von Beinamen sehr ergebenen Chinesen die Bezeichnung „Die Birnbaumschülerinnen Seiner Majestät”. Noch heute heißen die chinesischen Schauspieler die Brüder aus dem Birnbaumgarten. Schwestern giebt es leider keine mehr, und damit haben die chinesischen Theater, wenigstens nach unserm Geschmack, ihren größten Reiz verloren. Eine Bühne ohne Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen wäre bei uns wohl undenkbar. Die Chinesen würden diese angenehmen Persönlichkeiten gewiß auch sehr gerne wieder auf den Brettern, welche die chinesische Welt bedeuten, sehen und bewundern, aber sie dürfen nicht. Ein kaiserliches Edikt hat es ihnen verboten. Die Theaterdamen waren in China wahrscheinlich ebenso verführerisch wie anderswo. Eine derselben hatte dem Kaiser Yung Tsching, der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts das Szepter führte, den Kopf so verdreht, daß er ihr sogar Herz und Hand anbot und sie unter jene nach Tausenden zählende Damengesellschaft aufnahm, welche mit ihm auf dem vielsitzigen chinesischen Herrscherthron saßen. Die Frucht war ein Sohn, der im Jahre 1736 unter dem Namen Kien Lung seinem Vater als Kaiser des Reiches der Mitte folgte, einer der weisesten und gerechtesten, welche die chinesische Geschichte kennt. Im ersten Jahre seiner sechzigjährigen Regierung veranlaßte ihn seine Mutter, um an ihren einstigen Beruf nicht mehr erinnert zu werden, das Auftreten von Frauen auf der Bühne zu verbieten. Er willfahrte nicht nur ihrem Wunsche, sondern ging sogar noch weiter. Die Gefahren kennend, welche auch mitunter von seiten männlicher Bühnenmitglieder zarten Frauenherzen drohen, verbot er auch Männern die Mitwirkung auf der Bühne, und seither befindet sich der Schauspielerstand ausschließlich in den Händen der Eunuchen. Aber glücklicherweise nur bei Hof. Die Schauspieler, aus welchen sich die wandernden Truppen von China zusammensetzen, erfreuen sich, wenigstens der Form nach, der vollen Mannbarkeit, selbst wenn sie in Frauenkleidern stecken und weibliche Rollen spielen.
Ständige Theatergesellschaften giebt es in China nur bei Hofe; alle anderen sind umherziehende Banden, die bald hier bald dort ihre Vorstellungen geben, je nachdem in den Ortschaften Märkte, religiöse oder weltliche Feste abgehalten werden. Ebensowenig giebt es in China Theatergebäude nach europäischem Muster. Allerdings bestehen solche in Hongkong und Shanghai; auch in Canton und einigen anderen Städten hat man die Zweckmäßigkeit derselben eingesehen, und Kapitalisten haben Theater erbaut, die sie an wandernde Truppen vermieten. Allein im Innern des ungeheuren Landes fehlen sie vollständig. Kommt eine Gesellschaft mit ihren Kisten und Kasten in eine Ortschaft, so wird von einer eigenen Klasse von Handwerkern in aller Eile ein Theater gebaut. Binnen ein, zwei Tagen ist es fertig. Hohe starke Bambusstangen bilden das Gerippe; Bühne, Dach und Ankleidezimmer werden durch Bretter hergestellt, die mit Rattanseilen (einer Art spanischem Rohr) an die Bambusstangen festgebunden werden. Nägel kommen selten zur Verwendung. Dann wird ein ähnliches Flugdach vor der Bühne errichtet, unter dem sich die Stühle für die besser zahlenden Zuschauer befinden, der Rest der Zuschauer steht rings um die Bühne unter freiem Himmel. Zieht die Truppe nach einigen Tagen oder Wochen wieder ab, so wird das Theater wieder auseinandergebunden und für die nächste Gesellschaft aufbewahrt.
Ich habe derlei Theater auch in großen Städten gesehen, selbst in der größten, in Canton. Dort wollten gerade die Priester ein religiöses Fest begehen, und um die Götter zu ehren und sie versöhnlich zu stimmen, wurden auch Theatervorstellungen auf das Programm genommen. Die Priester sammelten unter den wohlhabenden Einwohnern freiwillige Beiträge, die sie dadurch öffentlich quittierten, daß sie die Beträge der Spenden und die Namen der Geber auf rote Zettel schrieben und diese dann an die Tempelwände klebten. Sobald die erforderliche Summe beisammen war, ließen sie eine Truppe anwerben und im inneren Tempelhofe ein Theater bauen, mit der Bühne dem Tempel zugewendet, damit die bemalten und vergoldeten Götterfiguren, die grimassenschneidend auf ihren Altären hockten, doch auch die Vorgänge auf der Bühne wirklich sehen konnten, und während mehrerer Tage wurde unter kolossalem Andrang des Publikums Theater gespielt. Um ihre Einnahmen noch zu vermehren, vermieteten die Priester den übrigen freien Raum der Tempelhöfe für Garküchen, Spielhöllen und noch viel schlimmere Zwecke, ad maiorem dei gloriam. Der Zweck heiligt die Mittel.
Die Gesellschaften werden aber auch von reichen Privatleuten häufig angeworben, um in ihren Häusern vor der weiblichen Welt, deren Erscheinen in öffentlichen Theatern gegen die gute Sitte verstoßen würde, Vorstellungen zu geben. Auch Hochzeiten, Geburtstage und dergleichen werden mit Theatervorstellungen gefeiert, wobei aber die Gastgeber Sorge tragen, daß kein zu vertraulicher Verkehr mit den Schauspielern stattfindet, denn diese gehören in China zu den geächteten Ständen und sind mit ihren Nachkommen bis ins dritte Glied von allen Beamtenposten ausgeschlossen.
Die Theatervorstellungen beginnen gewöhnlich am Morgen und dauern bis zur einbrechenden Dunkelheit. Nachtleben giebt es in chinesischen Städten keines, die Thore, ja selbst einzelne Stadtviertel und Straßen werden für jeden Verkehr abgesperrt, und die chinesischen Theaterbesucher könnten gar nicht nach Hause gelangen. Eine Ausnahme machen freilich die Theater in den großen, den Fremden geöffneten Hafenstädten. Dort sind die Sing Song, d. h. in chinesischem Patois Theater, ebenso abends geöffnet wie die englischen Sing Song. Ebenso habe ich sie auch in San Francisco, Singapore abends geöffnet gefunden. Es ist aber ein gewaltiger Irrtum, zu glauben, daß die chinesischen Theaterstücke, wie es vielfach von flüchtigen Globe trotters dargestellt wurde, tage- und wochenlang ohne Unterbrechung dauern. Die Chinesen haben ebenso ihre ein- und mehraktigen Stücke wie wir, nur ist bei ihnen der Vorhang und demnach das Fallen des Vorhangs unbekannt, ein Stück folgt fast ohne Unterbrechung auf das andere, und will sich irgend ein reicher Herr unter den Zusehern ein bestimmtes Theaterstück vorspielen lassen, so braucht er es nur zu verlangen und dafür einige Taels zu bezahlen.
Fast alle Theaterstücke der Chinesen werden durch Musik begleitet, fast in allen kommen Gesänge vor. So sehr ich mir während vieler Besuche in den verschiedensten Theatern Mühe gab, in dem furchtbaren Lärm, den die auf der Bühne selbst kauernden Gongschläger, Lautenbläser und Violinenkratzer unausgesetzt machten, irgend eine Methode, Rhythmus, Melodie zu finden, ist es mir doch niemals gelungen, und als ich einmal in Shanghai einen der englischen Sprache mächtigen Chinesen darüber befragte, so antwortete er mir lächelnd, es sei ihm mit der europäischen Musik, die er gehört, gerade so gegangen. Wir können uns Gesang nicht ohne Melodie denken, und wenn wir sprechen, geschieht es in der gleichen Tonart. Die Chinesen sprechen, indem sie jedem Worte einen anderen Ton geben, also nach unseren Begriffen in singender Weise, dafür sind aber ihre Gesänge monoton. Wir können die letzteren mit unseren Musikzeichen nur annähernd wiedergeben, denn statt acht Töne enthält die chinesische Musik nur sieben. Dabei kennen sie kein Piano, keine der Modulationen, welche unserer Musik den großen Reiz verleihen; sie singen mit näselnder Stimme, gewöhnlich so laut, wie sie nur können, und doch sagt Confucius von der Musik, sie sei die „Essence der Harmonie, welche zwischen Himmel, Erde und den Menschen herrscht”. Die Chinesen lieben die Musik über alle Maßen; sie haben ihre Musikgesellschaften, ihre Musikkorps, und keine Festlichkeit, keine Prozession, kein Gottesdienst, kein Hochzeitszug oder Begräbnis ist ohne Musik. Sie sind darin die Deutschen des Orients. Ein großer Prozentsatz der Chinesen beiderlei Geschlechts kann irgend ein Instrument spielen; sie haben die Musik schon vor nahezu fünftausend Jahren, zur Zeit des Kaisers Fu-hsi gekannt und sind auch die eigentlichen Erfinder der Orgel, auf chinesisch Scheng; sie besitzen eine große Zahl der verschiedensten Instrumente, darunter sogar solche aus Stein. Bei einer solchen Leidenschaft für die Musik ist es begreiflich, daß dieselbe auch im Theater nicht fehlen darf, ja ein großer Teil der Besucher kommt nur ihretwegen, denn vom gesprochenen Text ist bei den mit voller Kraft geschrieenen Fisteltönen, deren sich die chinesischen Schauspieler befleißigen, doch nur wenig zu verstehen. Die Mehrzahl der chinesischen Dramen sind übrigens den Zuhörern bekannt; sie stammen aus verschiedenen Jahrhunderten, behandeln die militärischen Großthaten, die Feldzüge, Schlachten, Hofereignisse, aber nur bis zur Erhebung der jetzt herrschenden Kaiserdynastie auf den Thron; seitherige Ereignisse dürfen nicht auf der Bühne behandelt werden, und da die Schauspieler ihre Rollen nicht aus Büchern, sondern der Tradition nach von Generation zu Generation lernen, gewähren ihre Darbietungen einen tiefen, höchst interessanten Einblick in Leben und Sitten der Chinesen in früheren Jahrhunderten. Von der Gegenwart darf nur das bürgerliche und Familienleben behandelt werden, nach Art unserer Volksstücke, und ich habe gerade aus diesen durch aufmerksames Beobachten und durch die Erklärungen des Dolmetschers sehr viele Züge aus dem Leben dieses merkwürdigen Volkes gelernt, die mir sonst gewiß entgangen wären.
Die Bühneneinrichtung der chinesischen Theater ist etwa von derselben lächerlichen Einfachheit, wie unsere Bühnen sie zur Zeit Shakespeares zeigten. Im Hintergrund befindet sich irgend eine bemalte Leinwand, durch welche zwei Thüren nach dem Schauspielerzimmer führen; aus diesem stürzen die Mimen mit grotesk bemalten Gesichtern und in ebenso grotesken Anzügen heraus, schreien ihre Rolle herunter und verschwinden wieder in den Thüren; dabei lärmt und tobt die Musik ununterbrochen. Die Musiker sitzen auf einer Seite der Bühne im Hintergrunde, und anscheinend besteht zwischen ihrem Getöse und dem Gesang der Schauspieler gar kein Zusammenhang. Ein paar Stühle, Kisten und Kasten, auf der Bühne aufgestellt, vervollständigen die Einrichtung, und je nach Bedarf werden diese szenischen Hilfsmittel während der Handlung von den Angestellten umhergetragen, aufeinandergetürmt. Es wird dabei vorausgesetzt, daß diese letzteren dem Publikum unsichtbar sind. Ueberhaupt wird die Phantasie der Zuschauer in etwas übermäßiger Weise in Anspruch genommen. Ich entsinne mich, in Canton eine Schauspielerin, d. h. einen als Dame verkleideten Schauspieler gesehen zu haben, der mühselig eine aus Stühlen und Kisten gebildete Pyramide erklomm. Sie sollte einen Berg darstellen, und die Handbewegungen und Wendungen der Dame zeigten an, daß sie sich durch einen Wald den Weg bahnte. Bei einer anderen Gelegenheit legten sich sechs Kerle übereinander auf die Mitte der Bühne. Von zwei Seiten stürzten phantastisch vermummte Krieger aufeinander, eine Partei rollte die daliegenden Kerle beiseite und wurde dann mit der anderen handgemein. Mein Dolmetscher erklärte mir, die sechs Kerle hätten eine Festungsmauer dargestellt. Ein anderes Mal sprang ein Krieger, indem er die Bewegung des Reitens machte, quer über die Bühne von einer Seite zur anderen und schien dort an eine unsichtbare Person einen Brief abzugeben. Wie ich erfuhr, war dies ein reitender Bote, der von einer handelnden Person im Stücke nach der Mongolei gesandt wurde. Damit aber das Publikum die Sache auch verstände, erklärte der Bote, als er mit seinem Briefe auf der Seite der Bühne dastand, er sei nun in der Mongolei angekommen und erfülle gerade seine Mission. Gewöhnlich erscheinen mit den handelnden Personen auch die guten und bösen Geister, denn ohne Geister geschieht bei diesem abergläubigen Volke überhaupt nichts. Statt aus der Hinterthür kommen diese aber ihrem überirdischen Charakter entsprechend aus Versenkungen. Einmal bemerkte ich, während drei groteske Gestalten ihre Szene darstellten, den Kopf eines solchen Geistes aus einer Versenkung erscheinen. Aber weiter schien er trotz aller Anstrengungen nicht emporkommen zu können. Deshalb schrie er den Schauspielern zu, sie möchten ihm doch helfen. Sofort sprangen sie auf ihn zu und zerrten ihn aus seinem Loche. Kaum war er auf den Beinen, so stellte er sich in Positur, und die Schauspieler machten alle Zeichen des Erschreckens.
So lächerlich diese Dinge mir auch vorkamen, die Tausende, die um mich herum saßen und ihre Kürbiskerne kauten, die gewöhnliche Beschäftigung der Theaterbesucher, behielten ihren ruhigen Ernst und folgten mit Spannung der Handlung. Bei besonders packenden Szenen drückten sie ihre Bewunderung nicht durch Händeklatschen aus, sondern durch laute Rufe, wie: Hau Hau, Ei, Hai, Wau, Buh, Jah und dergleichen. Die reine Menagerie. Uebrigens sollen sich die chinesischen Dramen auch nach unseren Begriffen durch schöne Sprache und geradezu klassischen Aufbau auszeichnen, und Sir John Davis, vielleicht der beste Kenner des chinesischen Theaters, äußert sich voll Entzücken über einzelne Tragödien, die er auch ins Englische übersetzt hat. Was wenigstens mir und wohl allen Besuchern Chinas große Bewunderung einflößte, war die vollkommene Art, wie die Schauspieler sich als Frauen verkleideten und die weiblichen Bewegungen und Sprache wiedergaben, sowie die ganz erstaunliche Pracht der Kostüme. Selbst Schmiertruppen in Dörfern haben deren eine beträchtliche Zahl, und es muß eine gewaltige Summe Geldes in diesen kostbaren Helmen, Federn, Waffen, Goldbrokaten und Seidenstickereien stecken.
Die Schauspieler sehen es gar nicht ungern, wenn man ihnen in ihren Ankleidezimmern einen Besuch abstattet, und sie zeigten mir mit Befriedigung und Stolz auf ihren Gesichtern alle ihre Kostbarkeiten. Sie rekrutieren sich der Mehrzahl nach aus den ärmsten Volksklassen. Kinder werden zu Theaterdirektoren in die Lehre gegeben, viele werden von armen Eltern sogar an sie verkauft. Während der ersten drei Jahre müssen sie Handlangerdienste versehen und Rollen lernen, indem sie den älteren Schauspielern zuhören und von diesen auch Unterricht empfangen. Aus Büchern lernen sie, wie bemerkt, nicht, und so kommt es auch, daß durch die Willkürlichkeiten und Extempora der Schauspieler dieselben Stücke von den verschiedenen Truppen verschieden gegeben werden. Die einmal erlernten Rollen vergessen sie niemals wieder. Jedes der zwanzig bis dreißig Stücke, die eine Theatertruppe in ihrem Repertoire haben dürfte, kann ohne Probe zu jeder Zeit gespielt werden. Souffleure, Inspizienten, Regisseure sind auf der chinesischen Bühne unbekannte Pflanzen.
Die chinesischen Schauspieler bilden eine eigene Zunft und haben gerade so ihre lokalen Vereinigungen wie ihre europäischen Kollegen; ihren Direktoren gegenüber besitzen sie aber viel größere Unabhängigkeit und Gewalt als die letzteren. Sie haben sogar ihren eigenen Schutzgott, einen fratzenhaft aussehenden Götzen, dem sie Opfer darbringen und den sie in jedem Jahre durch große Festlichkeiten günstig zu stimmen suchen, eine Art chinesischer Generalintendant.

Zuseher beim Theater.

Theesortierer.
Chinesischer Thee und seine Metropole.

Von den vielen Millionen Menschen, welche täglich mit Wohlbehagen ihren Thee schlürfen, haben wohl noch die wenigsten darüber nachgedacht, woher die kleinen braunen Blättchen am Grunde ihrer Theekanne eigentlich stammen. Ob aus Indien oder Ceylon oder China, ob er Oolong oder Pekko oder Souchong heißt, ist der großen Mehrzahl der Theetrinker ziemlich gleich. In Hotels oder Kaffeehäusern wird einfach eine Portion Thee verlangt, bei den vornehmen Five o’clock teas erhält man die Schälchen mit dem mehr oder minder köstlichen Naß vorgesetzt, ohne daß man sich weiter darum kümmern würde. Wenn nur die rechte Menge Zucker und Sahne dabei ist! Ohne diese beiden Dinge kein Thee.
Wie anders ist es im wahren Heimatslande des letzteren, in China! Es würde dort, wo für Hunderte von Millionen Menschen der Thee nicht nur das wichtigste, sondern man könnte füglich sagen, das einzige Getränk bildet, niemandem einfallen, auch nur ein einziges Stückchen Zucker beizufügen, die Sahne aber ist dem Chinesen ganz unbekannt. Sie trinken überhaupt keine Milch, und die Kühe werden nicht gemolken. Nur in Tibet wird dem Thee Grütze und Mehl zugesetzt und so eine Art dicke Suppe bereitet.
In den ersten Tagen meines Aufenthaltes in China konnte ich mich an den nach chinesischer Art zubereiteten Thee gar nicht gewöhnen. Machte ich bei Chinesen Besuche oder besorgte ich Einkäufe, so wurde mir stets ein Täßchen Thee vorgesetzt. Ein bezopfter, mandeläugiger Mongole brachte die Täßchen herbei, legte einige Theeblätter hinein, goß kochendes Wasser darauf und deckte dann jedes Täßchen mit der umgekehrten Untertasse zu. Nach einigen Minuten nahm mein Gastgeber gewöhnlich seine Tasse in die Rechte, schob mit dem Zeigefinger derselben Hand die Untertasse ein wenig zurück, um beim Trinken die Theeblätter nicht in den Mund zu bekommen, und schlürfte dann mit Wohlbehagen die gelblich-grüne klare Flüssigkeit. Bei meinem ersten ungeschickten Versuche entschlüpfte die Untertasse meinen Fingern und zerbrach, ich verbrannte mir die Hand und Zunge und fand den Thee dazu auch noch abscheulich. Bei den folgenden Versuchen ging es schon besser, und nach einer Woche begriff ich vollkommen, daß man Thee nach Chinesenart trinken muß. Dann ist er ein wahres Labsal. Wenn die Chinesen so wenig geistige Getränke genießen und unseren Wein, unser Bier gar nicht kennen, so mag dies großenteils den erquickenden, belebenden Eigenschaften ihres ausgezeichneten Thees zuzuschreiben sein. Dasselbe kann von den Indiern und Japanern gesagt werden. Beide Völker übernahmen den Thee von den Chinesen und sind auch in Bezug auf den Theebau ihre größten Wettbewerber geworden. Ungeheure Mengen indischen und japanischen Thees gelangen heute auf den Weltmarkt, in England und seinen Kolonieen trinkt man fast ausschließlich nur indischen, in Amerika großenteils japanischen Thee, aber der beste bleibt doch der chinesische.
In der Umgebung von Canton bekam ich keine Theepflanzung zu sehen, denn Thee wird in China erst weiter nördlich, hauptsächlich im Stromgebiet des Jangtsekiang gebaut. Bei Ningpo, einem der den Europäern geöffneten Häfen, gedeiht er am besten, und dort war es auch eine meiner ersten Unternehmungen, die Theepflanzungen der Umgebung zu besuchen. Es war Anfang Mai, und wie bei uns, so ist auch dieser Monat in China der schönste. In den Reisfeldern unten am Flusse prangten die kleinen Pflänzlein im herrlichsten Grün; weiter oben am Fuß der Berghänge stand das Getreide schon kniehoch, vermengt mit Mohnblumen und rotblühendem Klee; und die Berge bis hinauf zu den Gipfeln zeigten den wunderbarsten Azalienschmuck. Hier und da, in der Umgebung der weitverstreuten kleinen Bauernhöfe, erhoben sich Gruppen mächtiger Weiden- und Kampferbäume mit ihren dunkelgrünen buschigen Kronen. Dickstämmige Wistarias, diese schönsten und beharrlichsten aller Schlingpflanzen, wanden sich an den Baumstämmen empor, ihre Zweige umklammerten die Zweige der Bäume, und zwischen deren Laub prangten ihre lila Blütentrauben in ungezählten, erdrückenden Massen.
Der Gesang von Drosseln erfüllte die Luft ganz so wie bei uns, und die warme Frühlingssonne beschien ein so herrliches Landschaftsbild, wie ich es in China gar nicht erwartet hätte. Ihre Strahlen spiegelten sich tausendfach in den scharf umgrenzten Wasserflächen der Reisfelder wieder und glitzerten in dem Flusse, dessen Ufer die üppigste Vegetation zeigte. In den kleinen, von wohlgepflegten Gemüsegärten umgebenen Dörfchen und Höfen, die ich auf meiner Wanderung passierte, zeigten sich nur wenige Menschen. Die ganze Bevölkerung war draußen auf den Feldern bei der Arbeit.

Pagode in Wutschang im Jangtsethale.
❏ GRÖSSERES BILD
Nach etwa zweistündigem Marsche erreichte ich ein größeres Dorf, und jenseits desselben zogen sich auf weite Strecken die ersten Theepflanzungen hin, durchwegs kleine Felder mit den eigentümlichen, hagedornartigen Theesträuchern bedeckt. Man war eben an der ersten Ernte, und auf dem Wege hinauf begegnete ich zahlreichen Landleuten, welche, meinen Gruß mit freundlichem Tschin-tschin erwidernd, die frischgepflückten Blättchen in großen Körben heimtrugen, Männer, Frauen und Kinder, alle gleich gekleidet. Sie trugen ein dunkelblaues, loses Baumwollhemd mit weiten Aermeln und ebensolche Beinkleider, die bis etwas unter die Knie reichten. Die Männer hatten auf ihren mehrfach gewundenen Haarzöpfen große Strohhüte sitzen, Frauen und Mädchen aber trugen ihr üppiges schwarzes Haar sorgfältig gekämmt und mit frischen Blumen geschmückt. Hier war es auch, wo ich zum erstenmale wirklich hübsche schlankgewachsene Chinesinnen sah. Ihre Gesichter waren gebräunt und nicht wie jene ihrer Schwestern in den Städten bepudert und bemalt; ihre unteren Gliedmaßen und ihre nackten Unterarme zeigten runde pralle Formen. Paarweise trippelten sie einher, auf ihren Schultern Bambusstäbe tragend, von denen die schweren Körbe, mit Theeblättern gefüllt, herabhingen. Kamen sie an mir vorbei, so schlugen sie verschämt die Augen nieder und wandten ihre Gesichter mit verlegenem Lächeln ab. In den Pflanzungen selbst ließen sie sich durch mein Kommen nicht in ihrer Arbeit stören. Emsig streiften sie mit ihren kleinen Händchen die Blätter von den Zweigen und warfen sie in die Körbe auf ihrem Rücken. Hunderte von Mädchen, ja selbst Kinder von fünf oder sechs Jahren, waren so mit dem Einheimsen der Blätter beschäftigt, denn in einer Woche mußte die Ernte beendigt sein. Sie ist ja die beste und kostbarste der drei oder höchstens vier Ernten, welche der Theestrauch jährlich liefert. Die Blättchen sind Ende April und Anfang Mai fleischiger, wohlriechender als die nachfolgenden und zeigen eine zarte weiße Behaarung, welche wahrscheinlich der Grund war, warum man in Europa den Thee dieser Ernte irrtümlich als Blütenthee bezeichnet. Die Blüten selbst werden nicht zur Theebereitung verwendet. Sie sitzen auf den Spitzen der buschigen, etwa meterhohen Sträucher und sind weißlich, geschmack- und geruchlos. Im Herbst entwickelt sich die Frucht, eine Kapsel mit drei kleinen Bohnen, aus welchen die Sträucher gezogen werden.
Mit dem Abstreifen der frischen grünen Blätter ist die Arbeit des Theebaues nicht etwa beendet. Freilich erfordert der Theestrauch keine besondere Düngung oder Bearbeitung des Bodens; lehmiger und sandhaltiger Boden, dazu Sonnenlicht und eine hinreichende Menge Regen ist alles, was erforderlich ist. Aber dennoch hat der Theebauer den größten Teil des Jahres mit seiner Pflanzung zu thun. Aus den Samenkörnern werden zuerst Sprößlinge gezogen und diese, sobald sie einige Monate alt sind, in die Pflanzungen selbst versetzt, wo sie in langen Reihen mit etwa anderthalb Meter breiten Abständen voneinander stehen. Zwischen sie werden noch allerhand Gemüse gepflanzt. Nach dem zweiten Jahre pflegt man in manchen Gegenden (der Thee ist in dem ganzen, zwei Millionen Quadratkilometer umfassenden Stromgebiet des Jangtsekiang verbreitet) die Blätter schon zu pflücken, doch ist die Pflanze erst im sechsten Jahre ausgewachsen und liefert dann bis zu ihrem achtzehnten oder zwanzigsten Jahre zwei bis vier Ernten jährlich. Läßt man die Stauden wachsen, so erreichen sie drei bis fünf Meter Höhe; sie müssen also jährlich beschnitten werden, um das Pflücken der Blätter zu erleichtern.
Dieses Pflücken kann nur an warmen, sonnigen Tagen erfolgen, und deshalb beeilten sich die Mädchen und Kinder so sehr, als ich zwischen ihnen durch die Pflanzungen wanderte. Wie mir mein Dolmetscher erzählte, waren sie schon seit Morgengrauen an der Arbeit. Kaum gönnten sie sich Zeit, um ihren gekochten Reis und ihr Gemüse zu verzehren; dann arbeiteten sie sich wieder ihre kleinen Händchen blutig und blickten mitunter ängstlich auf, um zu sehen, ob nicht Wolken im Anzuge wären, deren Entladung ihre Ernte verderben würde. War ein Korb mit den glänzenden fleischigen Blättchen gefüllt, dann sprang wohl ein Mädchen darauf und stampfte die Blätter mit ihren nackten Füßen fester zusammen, und konnte nichts mehr hineingepreßt werden, so wurde rasch ein Bambusstock durch die Handhabe gezogen, die Last auf die Schultern gehoben, und fort gings in raschem Getrippel hinab zum Farmhause.
Unten in den verstreuten Höfen und kleinen Dörfchen sind Männer und Frauen mit der Zubereitung der Theeblätter beschäftigt, und bricht die Dämmerung an, dann eilt alles aus den Pflanzungen hinab, um bis Mitternacht die Blätter zu dörren. Ein paar Stunden Schlaf nur sind den jungen Arbeiterinnen gegönnt, dann springen sie wieder zurück in die Pflanzung, und das Tagewerk beginnt von neuem. Ihre einzigen Werkzeuge sind ihre Hände und Füße. Sobald ein Korb Blätter in die Farmhäuser gelangt, so machen sich Frauen und Kinder darüber her, um geschickt die alten und gelben Blätter daraus zu entfernen, die guten Blätter aber auf luftige Bambusgeflechte zu werfen, wo sie bald welken und weich werden, so daß sie mit der flachen Hand leicht zu rollen sind. Diese Arbeit dauert so lange, bis sich an den Blättern rötliche Flecken zeigen. Das Rollen der Blätter heißt im Chinesischen kung-fu, woraus die europäischen Handelsleute Kongu oder Kongo machten. Der als Kongo bezeichnete Thee stammt also nicht etwa vom Kongo, sondern heißt so viel als gerollter Thee.
Nun werden die Blätter in baumwollene Säckchen gestopft und diese in durchlöcherte Kisten oder Fässer geworfen. Dann springen die Arbeiter hinein und treten und kneten die Säckchen, ähnlich wie die Italiener und Spanier die Weintrauben, so lange, als aus den Oeffnungen noch der Saft der Blätter, eine klebrige, ölige Flüssigkeit, herausläuft. Auf diese Weise wird ein großer Teil des bitteren Tanningehaltes entfernt und das Gewicht der Blätter auf etwa ein Viertel verringert.
Nun sind die Blätter für das Feuern reif. Dies geschieht in manchen Gegenden von den Theebauern selbst, oder sie verkaufen die Blätter, nachdem diese einige Stunden in Körben einer leichten Gärung ausgesetzt wurden, den Händlern der großen chinesischen Theekaufleute. Diese ziehen Ende April und Anfang Mai durch die Theedistrikte und kaufen den Bauern ihre Ernten ab. Großer Grundbesitz ist in China eine Seltenheit. Jeder Bauer hat ein kleines Stückchen Land, höchstens einige Morgen groß, auf dem er seinen Thee, Reis, Getreide, Bohnen und Gemüse selbst zieht. Den Ueberschuß verkauft er an die Händler. Diese senden den Thee nach ihren Hongs oder Warenhäusern, und dort erfolgt die weitere Zubereitung. Die Blätter werden von halbnackten Chinesen auf heiße Eisenpfannen geworfen und dort unter fortwährendem Umrühren erhitzt; dann breitet man sie auf große Bambusrohrtische aus und drückt nochmals durch Kneten mit der Hand die vorhandene Feuchtigkeit aus. Dieses Erhitzen, Rollen und Trocknen wird mehrmals wiederholt, bis die Blätter vollständig gedörrt sind und eine dunkle Farbe angenommen haben. Blätter verschiedener Ernten werden in den Hongs auch gemischt; dann werden ihnen auch, um verschiedene Theesorten zu erzeugen, mancherlei wohlriechende Blüten zugesetzt, und der grüne Thee wird überdies noch einer Behandlung mit Preußischblau und Gipsmehl unterworfen, um ihm eine schönere Färbung zu geben.
Alles das ist sehr leicht niedergeschrieben, aber wir europäischen Theetrinker machen uns kaum eine Vorstellung von der unendlichen Sorgfalt und Zartheit, welche diese Zubereitungen erfordern. Wohl stehen den Zopfträgern des Reiches der Mitte jahrhundertelange Erfahrungen zu Gebote, aber doch bleibt die Theeindustrie die schwierigste aller chinesischen Industrien. Durch Generationen hat sie sich ohne irgend welche Neuerungen fortvererbt, und gerade so wie die Urgroßväter, so machen auch die Enkel ihre Theearten nach denselben Vorschriften. Indier wie Japaner verwenden praktische, vorzüglich arbeitende Maschinen, größere Länderstrecken sind durch Gesellschaften oder einzelne zu einem Betrieb vereinigt worden, und der Wettbewerb dieser beiden Länder bedroht den chinesischen Theemarkt in der empfindlichsten Weise, allein die Zopfträger sind viel zu konservativ, um sich dadurch aus ihrem alten Gleise heben zu lassen. Bei ihnen macht der Schaden nicht klug. Die Preise sind durch die Indier und Japaner so sehr herabgedrückt worden, daß es sich bei aller Sparsamkeit und Enthaltsamkeit kaum mehr lohnt, Thee zu bauen. Und hier zeigt sich eine der Eigentümlichkeiten der Chinesen, ihr negativer Geist. Statt es den anderen Völkern durch Annahme von Maschinen, durch vereinigten Betrieb, durch Arbeitsteilung gleichzuthun, leben sie einfach noch enthaltsamer und widmen ihren Produkten stets dieselbe zeitraubende und kostspielige Bearbeitung.
Ihr einziger Bundesgenosse im Kampf mit den anderen Theebauern ist die ausgezeichnete Qualität ihres Thees. Oolong, Souchong und Pekko beherrschen noch immer den Markt auf dem europäischen Kontinent, hauptsächlich in Rußland. Die genannten drei Namen sind nicht etwa solche von Städten oder Theedistrikten. Oolong heißt in der chinesischen Sprache schwarzer Drache und ist eine Art schwarzen Thees, Souchong heißt kleine Pflanze und Pekko weißer Flaum nach dem Flaum, welchen die Blätter der ersten und besten Ernte zeigen.

Hankau.
In Europa herrscht immer noch ziemlich allgemein die Ansicht, daß schwarzer und grüner Thee aus zwei verschiedenen Pflanzen hergestellt wird und daß besonders Indien und Ceylon die Heimat des schwarzen, China und Japan die Heimat des grünen Thees seien. Das ist ein Irrtum. Beide Sorten werden aus demselben Thee hergestellt. Grüner Thee wird einfach weniger gebrannt als schwarzer.
Aus den Händen der chinesischen Theehändler gelangt der Thee in die Hongs der europäischen Kaufleute in den großen Hafenorten, wo er für den Transport nochmals getrocknet und in Kisten, die mit Blei gefüttert sind, verpackt wird. Von den hundertzwanzig Millionen Kilo Thee, welche in der letzten Zeit jährlich aus China ausgeführt wurden, stammen etwa dreieinhalb Millionen Kilo aus Kiukiang am Jangtsekiang, gegen je zwei Millionen aus Ningpo und Tamsui, dem Haupthafen von Formosa, je eine halbe Million aus Lappa und Canton, eine Viertelmillion aus Amoy, aber der große Haupthafen des chinesischen Thees, ja die Metropole des Thees überhaupt ist immer noch Hankau, von wo jährlich über hundert Millionen Kilo nach aller Welt verschifft werden.
Den wenigsten ist Hankau, eine der wichtigsten und größten Städte des Reiches der Mitte, auch nur dem Namen nach bekannt. Es liegt tausend Kilometer den Jangtsekiang aufwärts im Herzen von China, im Mittelpunkte des größten Theedistriktes und hat wohl mit den es umlagernden Städten eine Bevölkerung von anderthalb Millionen.
Als ich meine Reise von Shanghai den gewaltigen Strom aufwärts unternahm, waren meine Mitpassagiere durchwegs nach Hankau gebucht. Die Warenballen, die auf den Docks in Shanghai verladen wurden, gingen nach Hankau, alles sprach nur von Hankau. Was Shanghai für das ganze chinesische Reich ist, das ist Hankau für das Innere desselben; Shanghai liegt am Anfang, Hankau am Ende des Dampferverkehrs auf dem chinesischen Riesenstrom. Wohl gehen heute deutsche Dampfer noch einige hundert Kilometer weiter aufwärts nach Itschang, allein für die großen transozeanischen Dampfer, die Kriegsschiffe und die zahlreichen Passagierdampfer des Jangtsekiang ist Hankau die Endstation. Die Stadt liegt am linken Ufer des großen Hanflusses, der, aus dem Hochlande von Schansi kommend, sich hier in den Jangtsekiang ergießt. Jenseits Hankau, am rechten Hanufer, liegt die alte Chinesenstadt Hanyang, und beiden gegenüber, am Südufer des Jangtsekiang, liegt die befestigte Hauptstadt der Provinz Hupei, Wutschang. Sie erinnerten mich in Bezug auf ihre Lage lebhaft an die Metropole der neuen Welt, an Neuyork mit seinen Schwesterstädten Brooklyn und Jersey City. Aber während dort eine gewaltige Brücke und Dampffähren den Verkehr herstellen, während Tausende von Dampfern und Segelschiffen den breiten Strom durchfurchen und der Verkehr ein betäubender, alles überwältigender ist, bekümmert sich in dem Städtetrio des Jangtsekiang keine Stadt um die andere. Jenseits des ungeheuren, meilenbreiten Stromes zeigen sich von Wutschang nur die Festungsmauern, hinter denen die Stadt selbst liegt, und ähnlich scheint auch der Unternehmungsgeist der Chinesen mit einer hohen, unbezwingbaren Mauer umgeben zu sein. Hanyang, einst viel bedeutender als Hankau, ist ein elendes, schmutziges Nest, in dem einige hunderttausend Zopfträger ihr freudloses Dasein fristen und das nichts von Interesse für den Fremden bietet, es sei denn der pagodengekrönte Hügel, der sich hinter der Stadt mit ihren geraden, meilenlangen Straßen auf etwa hundert Meter über den Fluß erhebt. Von dort genießt man eine herrliche Aussicht auf die beiden Ströme und die drei Städte an ihrem Zusammenfluß. Das Häusermeer von Hankau mit seinen niedrigen, unendlich einförmigen Ziegeldächern zeigt ebenfalls nur geringe Abwechselungen. Gegen Norden schließt es eine hohe Mauer von den Reisfeldern der Umgegend ab, und in der Mitte erheben sich einige citronengelbe Porzellandächer, die der Residenz des Taotais oder Distriktsgouverneurs angehören. An den Ufern der mächtigen, gelben, trüben Wasserfläche des Jangtsekiang wird das trostlose Stadtbild Hankaus von einem langgestreckten Park mit hohen Bäumen begrenzt, zwischen deren Kronen ein paar größere Häuser hervorlugen. Dort ist die europäische Konzession, die Residenz der Handvoll Europäer, die Hankau zu dem gemacht haben, was es heute ist, zur Metropole des Theehandels.

Typisches Geschäftshaus in Hankau.
Und kommt man in diese kleine europäische Niederlassung, so sieht man von dem großen Geschäftsverkehr erst recht nichts. Die Häuser sind geräumige, einstöckige Villen mit breiten Veranden und Galerien im Stile der indischen Bungalows, etwa wie in den vornehmen Stadtteilen von Bombay und Singapore, umgeben von gutgepflegten Gärten. Parkanlagen trennen sie von dem steinernen Uferkai des Jangtsekiang, auf dessen Fluten nahebei ein paar Hulks liegen; sie sind die Anlegestellen für die gewaltigen schneeweißen Flußdampfer, die mich in Größe und Einrichtung ganz an die gleichen Hudson- und Mississippidampfer erinnerten. Weiter draußen im Strome liegen ein paar Ozeandampfer vor Anker. Zwischen den hübschen Privatresidenzen zeigen sich zwei Klubhäuser und zwei Kirchen, weiter gegen Osten ein Kloster, und daran schließt sich ein großer Rennplatz für die Wettrennen, welche die Handvoll Europäer sogar im Herzen von China veranstalten. Der Rennplatz ist eigentlich der Boden der französischen Konzession, während die Wohnungen der Europäer, hauptsächlich Russen, Engländer und Deutsche, auf der englischen Konzession stehen. Da sich bisher aber kein Franzose in Hankau angesiedelt hat, steht dort nur das französische Konsulat. Hinter dieser eigentümlichen Europäerstadt erheben sich ein paar Theefabriken, und an diese schließt sich das schmutzige, übelriechende Straßengewirr der Chinesenstadt. Das ist Hankau.
Nach diesem Fleckchen europäischer Erde im Innern Chinas werden die ungezählten Tonnen Thee aus dem Stromgebiet des Jangtsekiang zusammengeschleppt. Sie kommen auf den Rücken von chinesischen Kulis, auf Maultieren, auf grotesken Dschunken und Booten und auf großen europäischen Dampfern. Dorthin reisen im Frühjahr die Theehändler und Tscharsiehs (Theekoster) von Europa, von Singapore und Shanghai; täglich kommen Dampfer an, täglich lichten andere ihre Anker für ferne Ziele. Während weniger Wochen in jedem Frühjahr herrscht in Hankau fieberhafte Thätigkeit. Europäische Handelsherren und ihre Agenten, Koster und Spekulanten, chinesische Compradores (Geschäftsleiter), Schroffs (Geldzähler), Kommis und Kulis arbeiten dann von früher Morgendämmerung bis in die Nacht hinein. Das geht so, wie gesagt, während einiger Wochen im Jahre, etwa von Anfang Mai bis Anfang Juni. Dann wird es wieder still in Hankau.
Warum diese Eile? Warum diese angespannte Thätigkeit während so kurzer Zeit? Die wichtigste Theeernte des Jahres tritt eben dann ein, und die einzelnen europäischen Theehäuser trachten natürlicherweise, die besten Sorten zu den niedrigsten Preisen einzukaufen. Dazu muß aber jede Kiste, jeder Sack geprüft werden, und diese Prüfung ist die wichtigste Sache des ganzen Theehandels, denn von dem Urteil des Prüfers oder Tscharsieh hängen mitunter sehr hohe Summen ab. Tausende von Kisten werden der Reihe nach von flinken Kulis geöffnet, die Farbe und Qualität der Blätter geprüft. Dann wird jeder Kiste eine Probe entnommen, aus welcher in kleinen Schälchen Thee bereitet wird.
Während draußen die Kulis lärmen und schreien, sich stoßen und drängen, Kisten öffnen und vernageln, geht es in den dämmerigen Prüfungsräumen still und feierlich her. Mit derselben Genauigkeit, mit welcher die Apotheker bei der Mischung von giftigen Arzneien verfahren, werden die einzelnen Proben abgewogen, die Schälchen gereinigt, das Kochen des Wassers und die Dauer des Ziehens auf Sekunden nach Sanduhren beobachtet, dann schlürft der Tscharsieh einen Schluck durch die Zähne in den Mund, und nach diesem einzigen Schluck fällt die Entscheidung. Ein Zögern, Nachdenken, nochmaliges Prüfen ist nicht gestattet. Nun prüft ein Tscharsieh mitunter hundertundfünfzig bis zweihundert Theesorten an einem Morgen, und man kann sich denken, welche Verantwortlichkeit auf dem heiklen Gaumen dieser Theekoster ruht!
Der größte Teil der Theemengen, welche in Hankau von den chinesischen Kaufleuten erworben werden, geht mittels Dampfer direkt oder über Shanghai nach Europa, teilweise auch über den Stillen Ozean und die Kanadische Pacificbahn, um in Montreal oder Neuyork auf transatlantische Dampfer übergeladen zu werden. Die großen Theekaufleute Englands ziehen es vor, ihren Thee über den Stillen Ozean und Kanada nach Europa zu verschiffen, weil der Transport durch die Singaporestraße und den Indischen Ozean den Thee der Gefahr des Schwitzens, also einer Art Gärung aussetzt, die dem Geschmack der wertvollen Theeladung natürlich nicht förderlich wäre.
Die Prüfung der zweiten und dritten Theeernte, welche weniger kostbare Theesorten liefert, erfolgt gewöhnlich durch lokale Tscharsiehs in Hankau oder Shanghai.
Während des Rollens und Brennens des Thees sowie während des Transportes auf den elenden Straßen wird eine große Menge von Blättern zerbröckelt oder zu Staub zerrieben. Diese Abfälle werden sorgfältig gesammelt und in den vorerwähnten Hankauer Fabriken zur Bereitung des Ziegelthees verwendet. Bei uns ist Ziegelthee nahezu unbekannt, in Rußland und Sibirien aber gehört er neben dem Karawanenthee zu den beliebtesten Sorten. Die steinharten Täfelchen des Ziegelthees werden in Sibirien, wo es zuweilen im Geldverkehr an kleinen Münzen fehlt, sogar an deren Stelle ausgegeben und ziemlich allgemein als Zahlung angenommen.
In den großen, dunklen, staub- und dampferfüllten Räumen der Fabriken stehen zahllose Fässer mit feinem Theestaub oder Blätterabfällen, welche sorgfältig zerkleinert und durch Siebe geschüttelt werden. Hunderte von halbnackten, schweißtriefenden Kulis, den langen Scheitelzopf um ihre kahl rasierten Schädel gewunden, wiegen dieses gelbliche Theemehl in Partien von je einem Kilogramm und füllen damit kleine Säckchen aus Baumwollstoff, andere werfen diese Säckchen in große durchlöcherte Metallcylinder, wo sie mit heißem Dampf durchtränkt werden. Von Zeit zu Zeit beugt ein Chinese seinen Oberkörper über den dampferfüllten Cylinder, holt die Theesäckchen wieder heraus und trägt sie zu der Preßmaschine, wo sie in ziegelartige Formen gepreßt werden. Unter diesen Preßmaschinen darf man sich aber nicht etwa solche aus Eisen und Stahl vorstellen, wie sie bei uns in Verwendung stehen. Ein langer Bambusstamm ist mit einem Ende in einem Scharnier befestigt; nahe diesem trägt er an der unteren Seite einen in die Ziegelform genau passenden Stempel. Ist die Form mit einem Theesäckchen gefüllt, so springt ein Chinese mit seinem vollen Körpergewicht auf das andere Ende des Bambusstammes, und während dieses sich senkt, legen sich noch ein paar andere Kulis darüber. Dann wird der Bambusstamm wieder gehoben, der steinhart gepreßte Theeziegel herausgenommen und ein anderes Theesäckchen in die Form geworfen. Die fertigen Ziegel, etwa von der Form und Größe unserer gewöhnlichen Dachziegel, nur von nahezu schwarzer Farbe, werden noch getrocknet, in Papier geschlagen und sind nun zum Transport durch die Karawane fertig.
In Europa wird ziemlich allgemein angenommen, daß der Karawanenthee wirklich auf Kamelrücken den viele tausend Kilometer weiten Weg nach Rußland zurücklegt. Das ist aber ein Irrtum. Von der ganzen ungeheuren Strecke wird nur ein verhältnismäßig kleiner Teil wirklich auf Kamelrücken zurückgelegt. Der gesamte produzierte Ziegelthee wird zunächst den Jangtsekiang abwärts nach Shanghai verschifft. Von dort geht ein kleiner Teil zu Schiff nach Tientsin und Peking, wird dort auf Kamele verladen und von diesen karawanenweise quer durch die Mongolei nach Kiachta in Sibirien gebracht. Von dort gehen die Ladungen zu Wasser nach Irkutsk am Baikalsee. Die größte Menge des Karawanenthees wird von Shanghai nach Nikolajewsk an der Mündung des Amur in das Ochotskische Meer verschifft und dort auf die Amurdampfer verladen, unter denen sich auch einige deutsche Dampfer befinden. Diese bringen den Thee den Amur und Schilka aufwärts nach Strjetensk. Von hier aus übernehmen Karawanen den weiteren Transport landeinwärts über Tschita nach Werchne-Udinsk am Selengafluß, von wo wieder Dampferverbindung mit Irkutsk jenseits des Baikalsees besteht. Erst hier beginnt der eigentliche Karawanentransport quer durch Sibirien nach Tomsk. Dort wird der Thee wieder auf Dampfer verladen, die ihn über Tobolsk nach Tjumen führen, von wo die Eisenbahnlinie über Jekaterinenburg nach Perm benützt wird. Dann geht er in Dampfern die Kama abwärts, die Wolga aufwärts nach Nischni-Nowgorod und von da mittels Eisenbahn endlich nach Moskau.
Wie kann sich denn der verwickelte Transport von so wohlfeilen Theesorten über so ungeheure Strecken überhaupt lohnen? Warum werden gerade die besseren Theesorten durch Dampfer von Hankau direkt nach Odessa gesandt und nicht die wohlfeileren? Der Seetransport von Hankau nach Odessa ist ja unverhältnismäßig billiger als der Landweg nach Sibirien. Der Grund liegt in den russischen Einfuhrzöllen. In Odessa beträgt er gerade das Doppelte von jenem an der Amurmündung, und so kommt es, daß der Thee trotz der größeren Transportkosten auf dem Landweg in Moskau selbst immer noch billiger ist, als würde er über Odessa kommen. Auf dem letzteren Wege kommt das Kilogramm Thee einschließlich Transport und Zoll auf etwa drei Mark, auf dem Land- oder Karawanenwege nur auf zweieinhalb Mark zu stehen. Darin liegt der eigentliche Grund des Karawanentransportes, und die herrschenden Ansichten über die Güte des Karawanenthees, eben weil er zu Land befördert wurde, gehören in das Reich der Fabel. Nur ein kleiner Teil der besten Theesorten wird durch Karawanen nach Rußland befördert. Die Hauptmenge kommt zu Wasser nach Europa.

Wutschang.
Hankau als Handelsstadt.

Hankau ist unzweifelhaft der wichtigste Handelsmittelpunkt im Innern von China, eine der größten Städte des Reiches der Mitte, an der größten Verkehrsstraße des letzteren, an dem Jangtsekiang gelegen. Etwa tausend Kilometer von der Mündung dieses mächtigen Stromes aufwärts mündet der von Norden herkommende Hanfluß in den Jangtsekiang, und rings um diese Mündung liegen die schon im vorigen Kapitel erwähnten drei Städte, welche irrtümlicherweise zu dem Begriff Hankau zusammengefaßt werden. Stellt man sich den Zusammenlauf der Flüsse etwa wie ein umgekehrtes T (⟂) vor, so bildet der Horizontalstrich den Jangtsekiang, der Vertikalstrich den Hanfluß. In der linken Ecke liegt die Stadt Hanyang, in der rechten Hankau, und beiden gegenüber auf dem südlichen Ufer des Jangtsekiang, also auf der unteren Seite des Horizontalstriches, die große Stadt Wutschang, die Hauptstadt der Provinz Hupei und bis vor kurzem Residenz des aufgeklärten und europäerfreundlichen Vicekönigs Tschang-tschi-Tung. An Einwohnerzahl ist Wutschang die größte des Städtetrios, aber der Handelsverkehr steht nicht im Einklang mit dieser Größe, was teilweise auf die steilen, für Hafenanlagen und dergleichen ungünstigen Ufer und die festen hohen Mauern zurückzuführen ist, welche Wutschang umgeben und direkt von den Ufern emporsteigen, ähnlich wie es auch in Nanking der Fall ist. Diese Mauern verbergen auch die Stadt fast vollständig, und man sieht von ihr vom Flusse aus nur einige Pagoden, darunter die berühmte Hoang holin, d. h. die Pagode vom gelben Kranich, eine der bemerkenswertesten und seltsamsten von ganz China, weshalb ihre Abbildung in geographischen Werken auch häufig zu sehen ist und auch auf den Briefmarken des europäischen Postamtes in Hankau vorkommt. Wutschang ist hauptsächlich Militärstadt und Festung. Von Europäern wohnen innerhalb ihrer Mauern nur einige Missionare; der Handel mit europäischen Waren für Wutschang sowohl wie für das angrenzende Gebiet gegen Süden zu liegt in den Händen von chinesischen Kaufleuten, und der lokale Flußverkehr zwischen Wutschang und den am gegenüberliegenden Ufer des Jangtsekiang gelegenen Städten Hankau und Hanyang ist sehr gering. Ebenso gering ist auch jener über den Hanfluß zwischen den beiden letztgenannten Städten, obschon alle drei zusammen eine Einwohnerzahl von etwa anderthalb Millionen Seelen besitzen dürften. Anderswo wären bei einer so großen Menschenansammlung gewiß längst Dampffähren für den Lokalverkehr eingerichtet worden, und es ist zu verwundern, daß Tschang-tschi-Tung diese nicht auf eigene Rechnung laufen läßt. Nächst dem Vicekönig von Tschili, Li-Hung-Tschang, ist der frühere Vicekönig von Hupei der unternehmendste aller Provinzgouverneure. Er hat in Wutschang selbst große Baumwollspinnereien und Eisenwerke anlegen und zu den etwas weiter flußabwärts befindlichen Eisengruben eine Eisenbahn bauen lassen. Bis zum Jahre 1894 lag die Leitung dieser Unternehmungen in den Händen eines deutschen Ingenieurs.
Gerade so wie Wutschang ist auch Hankau mit einer Umfassungsmauer umgeben, eine der Dutzendstädte des chinesischen Inlandes ohne besondere Sehenswürdigkeiten, ja man könnte sagen, ohne besondere Bedeutung, denn die letztere beschränkt sich auf die wenigen Schollen Landes außerhalb der Chinesenstadt an den Ufern des Jangtsekiang, wo die Europäer ihre Wohnsitze aufgeschlagen haben. Die Engländer und Franzosen starteten im Wettlauf um den Handel des Jangtsekiangthales ziemlich gleichzeitig, aber während sich auf der englischen Konzession schöne Bungalows (Wohnhäuser indischen Stils), Godowns (Warenlager), Klubs, Kirchen und dergleichen erheben und dem Bund, d. h. der längs dem Jangtsekiang angelegten Uferstraße, ein so großstädtisches Aussehen geben, wie es in Ostasien nur der Bund in Shanghai besitzt, ist die französische Konzession öde und verlassen. Nur der französische Konsul hat dort, wie bereits bemerkt, seinen Wohnsitz und mag aus lauter Langeweile seine Fingernägel benagen, denn französische Geschäftsleute giebt es in Hankau keine. Wären sie vorhanden, so würden sie wahrscheinlich ebenso wie jene in Shanghai und Canton fürsorglich die französische Konzession meiden und in der englischen ihre Wohnsitze aufschlagen.

Pagode in Wutschang.
Zu der englischen und französischen Konzession ist im Jahre 1895 nun auch eine deutsche gekommen, allerdings etwas spät, aber sie ist nun vorhanden, was in Anbetracht der großen Wichtigkeit Hankaus für den deutschen Handel die Hauptsache ist. Sie hätte schon vor mehr als drei Jahrzehnten erfolgen sollen, denn es war Preußen, welches sich in seinem 1861 mit China abgeschlossenen und 1863 ratifizierten Vertrage die Eröffnung Hankaus für den fremden Handel ausbedungen hat. Leider ist dieser handelspolitische Erfolg damals nicht weiter ausgebeutet worden. Die Engländer und nächst ihnen die Franzosen ließen sich bald nach der Oeffnung des Hafens von der chinesischen Regierung kleine Landstrecken längs der Ufer des Jangtsekiang in Hankau abtreten, und die sieben dort ansässigen deutschen Firmen sind seither bei den Engländern zu Gast. Nun hat Deutschland das Versäumte nachgeholt, und die deutsche Konzession im Herzen Chinas kann nur auf das freudigste begrüßt werden. Sie erstreckt sich auf etwas über einen Kilometer längs der Uferfront und hat den allerdings nicht sehr großen Umfang von etwa sechsundvierzig Hektar.
Was Shanghai für das ganze Jangtsekiangthal ist, das ist Hankau für den oberen Teil desselben und für die angrenzenden mittleren Provinzen, ja, eine beträchtliche Zahl von Seeschiffen berührt den Hafen von Shanghai, Wusung, kaum, sondern fährt direkt nach Hankau, klariert, nimmt Ladung und fährt wieder direkt nach Europa, hauptsächlich nach England und Odessa zurück. Große Kriegsschiffe erscheinen häufig vor Hankau. Der Jangtsekiang ist aber für größere Dampfer noch um sechshundertvierzig Kilometer weiter stromaufwärts bis nach Itschang schiffbar, und kleinere Dampfer können sogar bis nach Tschungking, das noch einmal soweit stromaufwärts liegt, vordringen.
1887 liefen in Itschang 24 englische und 31 chinesische Dampfer, von Hankau kommend, ein. 1896 war diese Zahl auf 46 englische und 43 chinesische gestiegen, und der Tonnengehalt erreichte 63000 Tonnen. Der Wert der Waren betrug, soweit er überhaupt bekannt wurde, etwa 50 Millionen Mark, dürfte aber in Wirklichkeit viel höher gewesen sein. Davon waren mehr als die Hälfte für Tschungking bestimmt. Indessen sind Tschungking sowohl wie Itschang ausschließlich nur Dependenzen von Hankau. Welchen Handelsverkehr die etwa hundert dort angesiedelten Europäer zu bewältigen haben, geht aus den großen, stets steigenden Ein- und Ausfuhrwerten hervor. 1887 beliefen sich die Einfuhrwerte zusammen auf 120 Millionen Mark, die Ausfuhrwerte auf 92 Millionen; im Jahre 1896 hatten die Einfuhrwerte den englischen Konsularberichten zufolge etwa 140 Millionen Mark, die Ausfuhrwerte über 70 Millionen Mark erreicht, zusammen also 210 Millionen Mark, während der Gesamtwert des Handels nach mir vorliegenden Privatnachrichten 300 Millionen Mark überstiegen haben dürfte. Diese Zahlen beweisen die Wichtigkeit Hankaus für den deutschen Handel und die Notwendigkeit, diesem Emporium des Jangtsekiang noch größere Aufmerksamkeit zuzuwenden als bisher. Die Einrichtung eines deutschen Settlements wird dazu wohl das Ihrige beitragen. An den deutschen Industriellen und Exporteuren liegt es, auch ihrerseits mehr Unternehmungsgeist zu zeigen und womöglich eigene erfahrene Leute zum Studium des chinesischen Inlandmarktes nach Hankau zu senden, wie es mehrere französische Handelskammern gethan haben. Die Regierung hat die Bresche geschaffen, den Weg geebnet; jetzt liegt es an den Interessenten selbst, das Weitere zu thun. Der Norddeutsche Lloyd unterhält einen zweiwöchentlichen Dampferverkehr mit Shanghai, und im Anschluss an diese Prachtdampfer laufen nunmehr auch deutsche Dampfer auf dem Jangtse.
Die wichtigsten Ausfuhren Hankaus sind in erster Linie Thee im Werte von nahezu 100 Millionen Mark. Ein deutscher Theehändler, Herr Theodor aus London, hat im Jahre 1894 allein für etwa 4 Millionen Mark Thee aufgekauft und nach Europa verschifft. Nächst Thee kommen Tabak, Seide, Medizinalwaren, Baumöl, Hanf, Häute, Wachs, Galläpfel und Reis. Die wichtigsten Einfuhren Hankaus sind:
Baumwollwaren (Schirtings und Baumwollgarne) im Werte von etwa 30 Mill. Mark
Wollwaren im Werte von 4 „ „
Metallwaren „ „ „ 3 „ „
Opium „ „ „ 7 „ „
Zucker „ „ „ 7 „ „
Petroleum „ „ „ 5 „ „
Farbwaren „ „ „ 1½ „ „
ferner Fensterglas, Nadeln, Schirme und dergleichen.
Dieser große Warenverkehr bewegte sich bisher hauptsächlich auf englischen Schiffen; denn von der gesamten Schiffahrtsbewegung Hankaus im Jahre 1896, etwa 1400 Schiffe mit 1½ Millionen Tonnen, waren über 1000 englische, 400 chinesische, etwa 38 norwegische und nur 10 deutsche. Frankreich ist an dem Handel von Hankau, wo es, wie gesagt, ein eigenes Settlement besitzt, gar nicht beteiligt.
Diese Verhältnisse werden sich nunmehr gewiß bald zu Gunsten Deutschlands ändern, und man möge ja rechtzeitig die erforderlichen Schritte thun, damit ein noch größerer Anteil an dem Handel gesichert werden kann; denn Hankau ist dazu ausersehen, der Mittelpunkt des chinesischen Eisenbahnnetzes zu werden. Die einleitenden Schritte zur Erbauung der chinesischen Zentralbahn Peking-Hankau sind bereits geschehen, und die Weiterführung derselben von Hankau nach Canton steht nicht mehr in weiter Ferne.
Für deutsche Kaufleute bietet Hankau günstigeren Boden zur Ansiedelung und Errichtung von Agenturen als irgend eine andere offene Stadt Chinas, Shanghai und vielleicht Tientsin ausgenommen. Die Fahrt von Shanghai nach Hankau auf prächtigen Flußdampfern erfordert vier Tage, und fast täglich kommen und gehen Dampfer, so daß die Verbindung mit der Außenwelt und mit Europa sehr günstig ist. Das Leben in Hankau ist ganz ansprechend, das Klima ähnlich dem unserigen, nur ist es im Sommer während einiger Wochen heißer und feuchter. An Vergnügungen ist dort eher zu viel als zu wenig vorhanden; es bestehen zwei Klubs mit vielen Zeitungen, Billards und Spielsälen, Cricket, Lawntennis, Jagden, Ruder-, Yacht- und sonstige Sportvereine. Im Winter werden Bälle, im Frühjahr Pferderennen und Football matches veranstaltet. Es fehlt nicht an Aerzten, an Kaufläden für den nötigen Hausbedarf, und die beiden katholischen Missionen haben eigene Hospitäler, von denen eins eine Abteilung für Europäer besitzt.
Die chinesische Bevölkerung wird zuweilen ein wenig unangenehm, und es ist schon zu ziemlich ernsten Unruhen und Aufständen gegen die Europäer gekommen, doch pflegt im Strome vor den europäischen Ansiedelungen irgend ein englisches, deutsches oder sonstiges Kriegsschiff zu liegen, das im Notfalle die ganze fremde Bevölkerung leicht aufnehmen kann. Ueberdies wissen die Europäer sich sehr gut zu verteidigen. Sie haben zu diesem Zweck ein eigenes, mit Gewehren, Kanonen, Hieb- und Stichwaffen versehenes Arsenal, dazu spanische Reiter zur Absperrung der Zugänge. Gelegentlich der Unruhen im Jahre 1891 erließ der englische Konsul am 19. Juni an die Europäer Hankaus eine Proklamation, die zur Charakterisierung der dortigen Zustände und als Kuriosum hier wörtlich wiedergegeben werden mag, denn ein ähnliches Schriftstück ist wohl in der Geschichte selten vorgekommen.
I. Das Verteidigungskomitee von Hankau hat die Hongs (d. h. Warenhäuser) der Herren Moltschanoff, Petschatnoff u. Cie. und der Herren Jardine, Matheson u. Cie. als die beiden Zufluchtsstätten bestimmt, wohin im Falle von Alarmierung alle Frauen und Kinder sofort gebracht werden sollen. Dies soll von den Familienvätern persönlich besorgt werden.
Alarmsignale. Bei Tage: drei rasch aufeinanderfolgende Kanonenschüsse. Bei Nacht: außerdem Raketen und blaue Signalfeuer.
II. Der unterzeichnete Konsul hat keine Nachricht, der zufolge in absehbarer Zeit ein Angriff auf die Europäer beabsichtigt wird. Wir haben im Strome zwei Kanonenboote liegen, die uns beschützen würden.
Der Unterzeichnete hat volles Vertrauen in den Willen und in die Macht der (chinesischen) Behörden, Aufstände zu unterdrücken. Dem Unterzeichneten ist es aus seiner dreißigjährigen Erfahrung in China bekannt, daß geheime Gesellschaften hier immer bestanden haben, allein sie sind seiner Ansicht nach heute weniger gefährlich als früher, und auch in den Gesinnungen der chinesischen Beamten gegen uns ist eine Wendung zum Bessern bemerkbar.
Der Unterzeichnete unterstützt alle von den Europäern unternommenen Vorkehrungen zur Verteidigung;... er besitzt in Bezug auf das Verhalten des chinesischen Pöbels gewisse Erfahrungen; Aufstände des letzteren können durch einige resolute Männer, welche gemeinsam und unter einheitlicher Leitung sofort auftreten, leicht unterdrückt werden.
Der kgl. großbritannische Konsul: C. T. Gardner, m. p.
Eigentümlichkeiten der chinesischen Inlandstädte.

Aehnlich wie die jüngsten Städte der Neuen Welt, so zeigen auch die uralten Städte des chinesischen Reiches in ihrem Aussehen wie in ihrer Anlage große Einförmigkeit. Was von den ersteren gilt, kann auch von den letzteren gelten: hat man eine gesehen, so hat man alle gesehen.

Spaziergänger mit Singvögeln.
Wer in China erwartet, ähnliche Sehenswürdigkeiten zu finden, wie die Städte Europas sie in ihren Kirchen, Palästen, Museen, Gärten, Theatern, Denkmälern, Fabrikanlagen besitzen, würde in ärgster Weise enttäuscht werden. Die erste Chinesenstadt, welche der Europäer besucht, sei es Canton oder Tientsin oder Tschifu, wird ihn durch die eigenartige Bauart der Häuser, die alten Ringmauern und Thore, die hohen Pagoden und vor allem durch das seltsame bewegte Volksleben fesseln, das sich in den bunten, kuriosen Straßen abspielt. Aber in der nächsten Stadt, die er berühren sollte, wird er dieselben Ringmauern, dieselben Pagoden, dieselben Häuser und Straßen wiederfinden, und so wiederholt sich dies in dem ganzen Reiche mit geringen Abwechslungen. Selbst die beiden berühmten Hauptstädte Chinas, Peking und Nanking, bilden keine Ausnahmen. Es ist wie bei einem Regiment Soldaten: die Individuen sind verschieden, die Uniform ist dieselbe. Und dabei ist diese Uniform, das Aeußere der chinesischen Städte, bei weitem nicht so malerisch, so fesselnd, so altertümlich, wie beispielsweise irgend eine Stadt unserer schönen, sonnigen Mittelmeerküsten.

Jischang am Jangtsekiang.
❏ GRÖSSERES BILD
Wer eine chinesische Inlandstadt besuchen will, die nicht gerade an dem mächtigen Jangtsekiang liegt, der muß entweder ein plumpes, von Chinesen geleitetes Boot mieten, oder den Weg dahin auf Maultierrücken zurücklegen, denn mit Ausnahme des genannten Stromes herrscht auf keinem Fluß Chinas für größere Strecken Dampferverkehr; Eisenbahnen sind vorläufig unbekannt, und da es in China nur sehr wenige fahrbare Straßen giebt, ist auch der Reisewagen als Transportmittel ausgeschlossen. Wo er vorhanden ist, wie etwa zwischen Tientsin und Peking, wird es sich der Reisende wohl dreimal überlegen, ehe er sich zu einem derartigen Marterkasten entschließt. Weder die Unsicherheit, noch die Unkenntnis der ungemein schwierigen Sprache, noch die Kosten bilden so bedeutende Hindernisse für Reisen in China, wie der Mangel an Verkehrswegen. Die Unsicherheit ist nicht so groß, als man bei uns annimmt, keineswegs größer, als in vielen anderen von Europäern gern bereisten Ländern; die Schwierigkeit der Verständigung mit den Chinesen wird durch die Anwerbung eines Dolmetschers umgangen, ja ein solcher ist geradezu eine unbedingte Notwendigkeit; und was die Reisekosten betrifft, so sind sie sehr gering, kaum die Hälfte, unter Umständen sogar ein Viertel jener, an welche man in Europa gewöhnt ist.
Gerade wie es bei uns im Mittelalter der Fall war, ist die weitaus größte Zahl der chinesischen Städte mit festen Ringmauern umgeben, deren Thore bei einbrechender Dunkelheit gesperrt und erst nach Sonnenaufgang wieder geöffnet werden. Ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden, so wird in der Regel von den Militärwachen an den Stadtthoren eine rote Kerze entzündet, und ist der letzte Rest derselben verbrannt und die Flamme erloschen, so werden die mächtigen, mit Eisen beschlagenen Thorflügel geschlossen, ein gewaltiger Querbalken durch die an den Flügeln und in den Mauern angebrachten eisernen Lager geschoben und ein schweres Schloß vorgehängt. In vielen Städten, besonders zur Zeit von Krieg oder Unruhen, werden die Thore unter keinen Umständen zur Nachtzeit geöffnet, selbst nicht für irgend einen Mandarin mit dreiäugiger Pfauenfeder. Sollte ein kaiserlicher Postläufer, an seinem gelben Fähnchen und dem Schellengeklingel kenntlich, verspätet eintreffen, so wird er vielleicht in einem herabgelassenen Korbe längs der Stadtmauer emporgezogen. Der Reisende muß sich also darauf gefaßt machen, inmitten von allerlei Gesindel vor den Stadtthoren im Freien zu übernachten, will er nicht in irgend einer der elenden, schmutzstarrenden, übelriechenden Spelunken einkehren, deren es gewöhnlich vor den Thoren mehrere giebt. In Söul entging ich der Sache dadurch, daß ich einfach an einer schadhaften Stelle über die hohe Mauer hinwegkletterte, eine Turnübung, der sich dort schon sehr oft auch die Gesandten fremder Mächte unterziehen mußten. Einen chinesischen Paß wird wohl jeder Reisende mit sich führen, obwohl er nur selten abverlangt wird. Man ist in dieser Hinsicht in China viel weniger streng als in manchem Lande Europas.
In den meisten chinesischen Städten bildet die Ringmauer das bedeutendste und interessanteste Bauwerk. Zehn bis fünfzehn Meter hoch, umgiebt diese mit Granitquadern bekleidete Mauer die ganze Stadt, und nur die wenigen Pagoden ragen darüber empor, die einzigen Gebäude, welcher man bei der Annäherung an die Stadt gewahr wird. Den oberen Rand der Mauer entlang zieht sich eine Parapetmauer mit Schießscharten, aus denen möglicherweise die Mündungen von alten eisernen Geschützen hervorlugen. Vor der Mauer befinden sich gewöhnlich tiefe, breite Gräben, stellenweise mit stagnierendem Wasser oder übelriechenden Abfällen angefüllt; denn die Chinesen haben in ihren Städten noch keine Kanalisierung oder Rieselfelder nach europäischem Muster, sondern lassen den Unrat ihrer Häuser von Kulis in Bottichen vor die Stadtmauern tragen, falls sie ihn nicht anderweitig verwerten. In Peking beispielsweise dient dieser Unrat zum Besprengen und Niederschlagen des Staubes in den Straßen.
Am stärksten und dräuendsten erscheinen die Stadtmauern in der Nähe der Thore, ansehnlicher als wohl in irgend einer Festung Europas, vielleicht die alten Sarazenenmauern im südlichen Spanien ausgenommen. Die Wachthäuser sind auf die Thore aufgesetzt und gewähren mit ihren geschwungenen doppelten Dächern, ihren Schießscharten und Kanonen einen ungemein malerischen Anblick. Hat man das Thor durchschritten, so gelangt man in einen kleinen Festungshof, hinter dem sich mitunter noch ein zweites, ebenso hohes, starkes Thor erhebt. Treppen führen zur Festungsmauer empor, die oben gewöhnlich mit Steinen gepflastert ist und eine Breite von drei bis fünf Meter besitzt. Aber so drohend und unbezwingbar diese chinesischen Ringmauern von außen auf den ersten Blick aussehen mögen, so verwahrlost und verfallen zeigen sie sich bei näherer Besichtigung. Die Parapetmauern liegen in den meisten Städten in Ruinen, die Granitbekleidung der Hauptmauer ist an vielen Stellen abgefallen und läßt erkennen, daß der gewaltige Bau nur aus aufgeschütteter Erde besteht. Die Kanonen sind überall verrostet, vollständig unbrauchbar und liegen vielleicht sogar ohne Lafetten in dem üppig emporwuchernden Unkraut. Längs der ganzen, über fünfzig Kilometer langen Stadtmauer von Nanking sah ich überhaupt kein einziges Geschütz, und von den Hunderten eiserner Kanonen auf den Mauern Cantons, der größten Stadt des Reiches der Mitte, fand ich nicht eine, bei welcher ein Schuß nicht größere Gefahren für die Verteidiger als für die Angreifer mit sich bringen würde. Die dräuenden Kanonenmündungen über den Stadtthoren von Peking sind überhaupt nur auf die schwarzen Holzläden der Schießscharten aufgemalt. Ueberall herrscht Verwahrlosung und Verfall; die Thorwachen, in zerlumpte Uniformen gehüllt, lungern schläfrig an den Thoren, Lanzen, Flaggen, Schwerter und Schilde, in den seltsamsten Formen, verrostet und unbrauchbar, hängen hinter ihnen an der Wand. Dringt die Kunde von irgend welchen Unruhen in die Stadt, wird ein neuer Gouverneur ernannt oder eine Inspektion von seiten irgend eines hohen Generals angekündigt, dann wird über Hals und Kopf alles notdürftig ausgebessert und übertüncht, und dabei bleibt es bis zu dem nächsten derartigen Anlaß. In einer Hinsicht sind diese Mauern aber doch von Nutzen für die Städte: sie sind die beliebtesten, wenn nicht einzigen Spaziergänge für den besseren Teil der Bevölkerung. An warmen Sommerabenden kann man dort oben Hunderte lustwandeln sehen, Gelehrte und Litteraten, Kaufleute und junge Stutzer in ihren langen blauen Gewändern, gewöhnlich mit einem kleinen Käfig in der Linken, in dem irgend ein Singvogel oder eine Wachtel umherhüpft. Was die Schoßhündchen bei uns, das sind die Vögel bei den Chinesen.