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Briefe einer Deutsch-Französin

Zwölfter Brief

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Leute wie du und deines Schlages sind wohl quitt mit dieser Welt — so denke ich mir — hat doch unser bester Ausschuß nur mehr bedingt mit ihr zu schaffen. Das Verwirrende auf Erden ist nur die gemeinsame Benennung, wo so Grundverschiedenes sich ein und derselben Gattung unterschieben darf: Kobolde, Larven, Trolle und Lemuren, Halb- und Viertelmenschen, Vampyre, Schemen, Puppen und Wechselbälge, die alle unter demselben Namen gehen wie der wirkliche Mensch und unfehlbar Unglück und Verwirrung stiften werden, weil die Finsternis ihrer Halbheit oder ihrer Unvernunft sich stets als das stärkere Element in der Familie wie im Staate erweist. Im Staat wie in der Familie.

Warum sage ich das?

Ja, glaubt man etwa an diesem rückständigen Krieg hätten noch unsere Menschen teil? Glaubt man, sie wären so wenig guten Willens gewesen, daß sie sich nicht kinderleicht verständigt hätten? O kinderleicht! Kinderleicht. — Aber nicht so die Ab- und Unterarten, all die vom rein Menschlichen so unheimlich weit abgerückten Halb- und Viertelsleute, an denen sich jene ganz spezifischen nationalen Auswüchse und nationalen Unzulänglichkeiten kristallisieren, welche die führendsten Völker, soferne man sie nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Mängel betrachtet, höchst wert erscheinen lassen, daß sie zugrunde gehen. Nur da liegt aber die wahre Lehre dieses Krieges, nur da die wahre Sicherung gegen seine Wiederkehr, daß für die Tage des aufgehobenen Burgfriedens der allmächtige Kampf einsetze um die eigne Läuterung. Aus dem Haß heraus zu hassen, lassen wir das den lächerlichen Lissauern aller Länder. Was ich sagen wollte: es fällt mir natürlich gar nicht ein, daß ich die Engländer hasse, ich habe sie sehr gern.

Eine Eisenbahnepisode in Yorkshire hat sich mir eingeprägt. Ich fuhr mit zwei typischen Anglosachsen in ideal praktischen Sportanzügen, die sich intensiv über Fischfang unterhielten. Beide wunderschön, dachte ich, aber ebenso borniert. Jeder gerade nur so viel im Kopfe, als man fürs Angelwerfen braucht. Echt englisch. Und damit trat ich ans Fenster, an dem sie sich gegenüber saßen, denn meine Station war gekommen. Ich hatte auch schon den Wagenschlag aufgestoßen, da blieb der Zug in voller Fahrt, ich aber, schon halb hinausgebeugt, wäre rettungslos hinausgeflogen, hätten mich da nicht von beiden Seiten — mit jener Flinkheit, die vielen Fischen das Leben kosten mochte, je zwei Arme gefaßt und in den Wagen zurückgerissen. Da saß ich nun wieder auf meinem Platz und hatte meine Lehre weg und konnte mich fragen, was jetzt wohl aus mir wäre ohne die Geistesgegenwart der beiden bornierten Herrn, welche da ohne eine Miene zu verziehen aus ihren kurzen Pfeifen weiterrauchten und ihr Gespräch über Fischfang wieder aufgenommen hatten . . . „Echt englisch“.

Aber weißt du, was mir neulich jemand sagte, der meine Briefe an dich gelesen hatte: „Ja, wozu schreiben Sie denn das alles? Es ist ja nur, was alle vernünftigen Leute denken?“ Welch deprimierende Bemerkung, nicht wahr! und wie bezeichnend für unsere „Vernünftigen“! Unermüdlich wird indessen das Unvernünftige in die Welt hinausgerufen, denn wie regsam sind doch die anderen: die Zersetzer, de Zerstörer, unsere Kobolde, Larven und Trolle, und wie geschlossen marschieren sie! Ist denn kein Korpsgeist in den Guten, daß sie mutlos zurückstehen und geschehen lassen? Es sind ihrer doch Viele, warum sind sie so still?

Heute vor drei Jahren war mein letzter Abschied von Paris. Ich darf nicht daran denken. Und welche Ironie, mein Gott: es war auf der Place de la Concorde in einer blauen Pariser Nacht. „Gestehen Sie,“ sagte mir ein französischer Freund, indem er mit einer Geste die Stadt vom Louvre bis zu den sanft ansteigenden Champs Elysées umschrieb, „gestehen Sie, daß es nichts Ähnliches gibt.“

„Kennen Sie den Spessart?“ fragte ich.

„Le Spessart? was ist das?“

„Es ist ein großer Wald. Die Straßen steigen und fallen dort, als sei die Erde eine Riesenschaukel. So fliegen sie gegen Himmel und wieder hinab, und kaum haben sie eine Höhe erreicht, so sausen sie wieder nach unten. An der abgelegensten Stelle aber strebt der umwachsene Weg senkrecht dem Erdinnern zu wie auf der Flucht vor dem Tag. Und so ist es. Denn am Rande eines kleinen schwarzen Sees blüht hier ein altes Schlößchen, wie aus einem Märchen von Perrault. Die Schweden hatten es an dieser verborgenen Stelle nicht entdeckt, und so steht es noch in der Tiefe, wie es damals schon als ein altes Schlößchen stand. Gehen Sie hin. Finden Sie es. Und sagen Sie mir dann, ob es in Paris ein Stück Architektur von einer edleren und noch verfeinerteren Grazie gibt wie dieses Schlößchen, das einzige im ganzen Umkreis, das nicht zu einem Schutthaufen verheert wurde. Und dann sind auch noch in unsern Städten genug Straßen, Fassaden und Mauerschweifungen verschont geblieben, um zu bezeugen, wie identisch unsere Zivilisation gewesen ist. Es sind da Grabmäler und Brunnen, eine gewisse bemalte Madonna in Würzburg — o wie verschwistert war unsere Kunst! Nur war die unsere inniger und morbider noch, als wisse sie um ihr frühes Grab; ja in ihrer zarten, hellseherischen Lauterkeit lag wie ein Verzicht auf diese mitleidslose Welt, die jenem verfluchten Rechenfehler gemäß verfuhr, daß die Schönheit des eigenen Landes um so glücklicher erstrahlt, je gründlicher die des andern vernichtet liegt. Inmitten einer Zertrümmerung und einer Verarmung so groß, daß sie eine Verwilderung war, mußte unser verdrängter Formensinn im Reich des Unsichtbaren Elysäische Gefilde retten — und im Affekt packte und schüttelte ich seinen Arm. Furchtbar entstellt als ein geblendetes Volk aus unserem vollendeten Elend heraus bereicherten wir die Welt; ein tolles, göttliches Volk,“ rief ich aus, „solche Rache zu üben!“

„Sie vergessen!“ sagte er aufgebracht und machte sich los.

„O nein!“ rief ich inbrünstig in die Nacht hinaus; „ich wollte, das Maß unserer Großmut wäre voll.“

Aber da stand er schon auf dem andern Trottoir. „Eh bien non!“ rief er herüber. „Eh bien non! vous êtes par trop Allemande.“ Es war mein letzter Abend in Paris und man schrieb den 3. Januar 1913.

In England aber, besonders als ich von Irland zurückkam, fühlte ich mich noch viel stärker zu ähnlichen Redensarten hingerissen. Wie kalt, wie finster und wie grausam war seine Geschichte! Welche Summe der Verbrechen! Wie wenig Erbarmen!

„We do like her,“ sagten meine dortigen Freunde von mir. „But she really is too german.“

Aber es kam der Krieg. Und jene Tage kamen vormärzlichen Siegesrausches und der großen Verwandlung. Der kranke Sturmwind, von dem ich dir schon sagte, hatte überall die einen über die Grenze gejagt, die andern zusammengewirbelt und mich beiseite gefegt; denn ein Irrsinn des Nichtbegreifens war mir auf den Fersen und trieb mich aus den übervölkerten Städten ins Gebirge. Zu meinen Wahnideen gehörte dabei auch, daß ich glaubte, binnen wenig Tagen würden alle von, dem Taumel erwachen und der Krieg wieder rückgängig werden. Es war ja nicht anders möglich.

Als eines Tages die besonnten Felsen von der im Tale unten einherrauschenden Bahn so friedlich widerhallten, war ich meiner Sache gewiß: die Streitenden hatten sich geeinigt, in der Stadt wußte mans schon und es war alles vorbei. Zurück zu den Menschen! Was tat ich noch fern von ihnen? Und ich rannte den Berg hinab zur Station. Dort hatte der Zug sich gerade in Bewegung gesetzt. Aber ein Blick in die Zeitung genügte, um mich meiner unüberlegten Hoffnung wieder zu berauben, und wie ein verlaufenes Tier, das überall umkehrt, so suchte ich wieder meinen Ausgangspunkt, die verödeten und feierlichen Berge, das vielstimmige Flüßchen auf, an dessen Ufer der kiesige Grund so klar im Wasser schimmerte, wie Glück, wie Menschenglück. Aber laut aufschreiend sah ich Gurkhas an die Kehle eines Weißen gehetzt und feine Franzosenköpfe zerschmettert, und stieß wilde Rufe der Wut, der Schande und des Ekels aus. Und wohl durfte mich auch Ekel vor mir selbst überkommen, denn wie hatte ich dahingelebt? Mit welchen Illusionen denn? Wie der Idiot neben seiner Dorfgemeinde, so hatte ich mit meinen Illusionen neben der Wirklichkeit dahingelebt. Illusionen! Illusionen! Ich dachte an mein Gerede auf der Place de la Concorde. Weil wir so Namenloses erduldeten, hatte ich gesagt, und unsere Geschichte dabei die gutartigste sei, darum stünden wir so hoch.

Bei jeder Schroffheit aber, jeder Härte, jeder Unmenschlichkeit, welche der Krieg nun mit sich brachte, heulte die Welt auf, sowie sie von Deutschen begangen wurde, und verlor kein Wort über die Untaten der anderen. Über das, was in Ostpreußen zum Himmel schrie, war sie ganz still. Was an Deutschen verübt wurde, ahndete sie nicht. Sie waren vogelfrei. Was sie verübten, wurde mit flammendem Griffel vermerkt. Nicht aus Haß allein. Ich glaube das nicht. Es war auch ein Schmerzensgeheul der Enttäuschung und der Verwunderung, jenes Volk, das im höchsten Maße — wenn auch uneingestandenerweise — das Vertrauen der Menschheit besaß, — so vornean in allem, was zu ihrer Entsühnung und Erleuchtung führte — nun auch kopfüber in so vergangene Abgründe stürzen zu sehen, das Volk der Jakobsleiter in die Arena, deren Tore man schon verschüttet glaubte, zurücktreten zu sehen, Teilhaber zu sehen der entsetzlichen Blutschuld. —

Denn wehe! es stand geschrieben, daß Europas künftiger Torwart diese Erfahrung machen würde, ehe es ganz zu sich selber gelangte. Nirgends wird ja die Sturzwelle so reißend zurückschlagen, ein so tiefer Abscheu gegen das Kriegerische einsetzen, als wie in dem geographisch eingepferchten, durch trübe Erfahrungen gewitzigten, allzu gewitzigten Deutschland, das die Gefahren des Besiegten wie die des Schlachtengewinners im Laufe der Jahrhunderte so bis ins letzte erlebte.

Denn der so empörende Gedanke ist es gewesen, daß es wie eine niedrige Beute dem Osten ausgeliefert werden sollte, dieser Plan, diese Parole ist es gewesen, welche die Masse zu einem Kampf elektrisierte, den sie nicht nur als einen Verteidigungskampf, sondern einen Verzweiflungskampf auf sich nahm.

Dies ist die Wahrheit. Für das Volk ist es die ganze Wahrheit gewesen. Mit keinem anderen Glauben als diesem erhob es sich, den Untergang im Auge, wider eine Welt.

Auf diesem Höhepunkt seines Seins aber warfen sich ihm da die inneren Feinde in den Weg und rissen es von seinem Sockel. Mit der Maske des Luzifers traten sie statt seiner vor, Drachenzähne zu säen und es zu verleumden. Und während es — auf Rettung bedacht — sein Blut nach allen Himmelsrichtungen verströmt, lassen diese inneren Feinde (die einzig Unabkömmlichen) nicht ab, von Zerschmettern, Enteignen und Vernichten zu reden. In der Not, welche die Männer an der Front zusammenschweißte, hat sich, wie Funken aus einem Feuerstein, ein vielfach unvergleichlich hohes Niveau gerade der „niederen“ Leute ergeben. Aber nie hat ein Volk so tragisch im Schatten gekämpft.

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