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Briefe einer Deutsch-Französin

Zweiter Brief

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Komm ich bitte dich! Unterhalten wir uns über die Gedankenlosigkeit der Menschen. Weißt du noch, wie wir einmal den Fluß entlang vor deiner Wohnung auf und nieder gingen? Die Sträucher waren schon aufgeblüht. Wir sprachen über Zeitungen, und du schlugst plötzlich mit deinem Stock auf das Pflaster und riefest: „Die Menschen sind zu borniert! Man möchte sich manchmal schämen, daß man zu ihnen gehört.“

Daß aber die Dummheit solche Triumphe feiern, und ihre Fanfare mit einem solchen Geschmetter dreinfahren würde, nein, das glaubten wir nicht. Auch wenn wir es sagten. — Und dennoch sahen wir die Völker Europas gutwillig in einen Haß ausbrechen, den sie Tags zuvor entrüstet von sich wiesen. Denn ach! es stand geschrieben — und in der Politik wie in allem wird der Nachdenkliche gar bald zum Fatalisten — es stand geschrieben, und in jedem Staate wiederholte sich dasselbe fürchterliche Schauspiel, daß nicht die besten Köpfe bestimmen durften. Und so wurde die Intelligenz Europas von ein paar Leuten unterjocht, welche teils auf diesen Krieg hinarbeiteten, teils ihn nicht zu hindern verstanden und ihn so gemeinsam verschuldeten; sie aber durften sich ruhigen Sinnes auf die Straße begeben, von der Volkswut verschont, welche schon anfing, unschuldige Menschen über die Grenzen zu jagen.

Und alsbald geschah es, daß dort, wie auf einen Wink des Antichristen hin, schwarze Drachenfelsen die sonnenumwobenen Auen verstellten und sich als finstere Kulissen entlang zogen; und daß ein kranker Wind sich erhob und Scharen Unglücklicher wie müde Spreu hinüberwirbelte; sie wußten nicht wie; so schnell! Eben noch als Freunde sich am Halse liegend, mitleidig angestarrt — aber ein neuer Windstoß, und sie waren schon geächtet, und ehe sie die Straße überschritten, ihres Lebens nicht mehr gewiß, verängstet und verflucht.

Und zugleich fing es im ganzen Erdteil wie in einem Bienenkorb zu wimmeln und sich zu regen an von geschäftig sich drängenden, unübersehbaren Schwärmen, aus den verlorensten Tälern aufgeflogen, und alle in ihrem künstlichen Haß zu den künstlichen Felsen hingetrieben, aus deren Schacht nunmehr heißes Blut ächzend hervorbrach, zu Bächen, zu Strömen qualvoll unversiegbar anschwellend, doch stets so, o Gott! daß die Schmerzensrufe der einen mit ihrem weithallenden Echo des Jammers zugleich den Vorteil des anderen bedeuteten.

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