Anhang
Reading edition
Die Internationale Rundschau und der Krieg. Ein unpolitischer Vortrag gesprochen zu Dresden am 15. Januar 1915.
Am 18. Dezember vorigen Jahres traten in München unter dem Vorsitz Ludo Hartmanns eine Anzahl Wiener Professoren zusammen mit ihren Münchener Kollegen, Rechtsanwälten und Vertretern der Presse. Die Einladung zu dieser Sitzung bestand in einem Aufruf folgenden Inhalts:
„Neben dem Weltkriege mit eisernen Waffen wird ein zweiter Feldzug mit vergifteten Waffen geführt, ein Verleumdungsfeldzug, in dem jedem Volke die unglaublichsten Schändlichkeiten, Hinterhältlichkeiten und Gemeinheiten vorgeworfen werden, und dieser zweite Feldzug, den giftige Federn vom sichern Schreibtisch aus führen, ist fast noch gefährlicher als der andere. Das Ziel des Krieges ist der Friede — das Ziel dieses zweiten Feldzuges jedoch ist der unauslöschliche Haß, der auch nach formellem Frieden jede Versöhnung ausschließt.
Darf die menschliche Ehre ein Angriffsobjekt im Kriege sein, dürfen Schauermärchen hüben und drüben die Bestie im Menschen erwecken, so daß der Glaube an die Menschheit versinkt? Diese ganze Verleumdungsaktion hat geringen unmittelbaren Einfluß auf Sieg oder Niederlage; auf die eigentlichen Kämpfer wirkt sie nur insofern, als sie zu unnötigen Grausamkeiten den Vorwand der Vergeltung bietet; sie ist auch kaum auf die Kämpfenden, weit mehr auf die Zuschauer berechnet, und Zuschauer ist hier nicht nur die zivilisierte, sondern auch die unzivilisierte Menschheit.
Bisher war der beste Schutzwall der weißen Rasse deren sittliche Überlegenheit; die Verleumdung zerstört diesen Nimbus, und rascher als durch kriegerische Selbstzerfleischung sinkt Europa von seiner Höhe herab, wenn die übrige Welt hört und glaubt, welcher Schandtaten Europäer fähig sind.
Kulturnationen! Es ist eine Pflicht gegen uns selbst, diesem selbstmörderischen Treiben ein Ende zu machen und ehrlich zu prüfen, was Lüge, was Wahrheit ist. Sollten sich unter den neutralen, sowie unter den kämpfenden Völkern nicht genug Männer finden, die so hoch über den Sumpf hinausragen, daß sie den Verleumdern, gleichgültig ob Freund oder Feind, die Wahrheit entgegenzuhalten wagen? Es wäre betrübend, wenn sie nicht vorhanden wären oder sich feige verkröchen. An diese Männer ergeht die Aufforderung, auf streng neutralem Boden sich zu finden und durch ein absolut unabhängiges, objektives Organ den Glauben an die Menschheit wieder aufzurichten.
Indem wir der Wahrheit dienen, wollen wir durch Versöhnlichkeit den Frieden vorbereiten, gleichgültig, wann und unter welchen Voraussetzungen er kommen wird — und wir wollen verhindern, daß überflüssigerweise jene Fäden zerrissen werden, welche die kultivierte Menschheit zusammenhalten.
Also wollen wir helfen, einen Frieden vorzubereiten, der den Haß beseitigt und eine Versöhnung anbahnt, damit das Ziel des großen Krieges der große Friede sei.
Ein literarisches Organ dieser Art darf nur auf neutralem Boden geschaffen und von Personen geleitet werden, deren Neutralität über jeden Zweifel erhaben dasteht. Deshalb soll es in der Schweiz entstehen und einen französischen und einen deutschen Schweizer zu Herausgebern haben. Diese Männer werden die Sicherheit bieten gegen die naheliegende Gefahr, es könnte die Zeitschrift aus ihrem objektiven und versöhnlich gedachten Geleise herausgedrängt und unter dem Vorwand der Neutralität einseitigen Zwecken dienstbar gemacht werden.
In dieser Zeitschrift sollen die uns alle bewegenden Probleme des Weltbrandes in der Weise behandelt werden, daß zu den aufgeworfenen Fragen, neben hervorragenden, objektiv denkenden Neutralen gleichmäßig bedeutende Vertreter der kriegführenden Teile das Wort erhalten, die in knapper Form die Ansicht ihrer Volksgenossen frei von Übertreibung und Gehässigkeit zum Ausdruck bringen.
So hoffen wir in ehrlicher Kulturabsicht und mit allen Kautelen gegen Mißbrauch ein Organ zu schaffen, welches der Wahrheit und der Menschlichkeit dienen und neben den schrecklichen Seiten des Krieges auch eine allen guten und edlen Menschen erfreuliche Frucht zeitigen soll.“
Für solche Dinge, werden Sie sagen, ist es entweder zu spät oder zu früh. Dies sagten sich auch diejenigen, welche nach reiflicher Überlegung sich dennoch zu dem Unternehmen bekannten. Vielleicht interessiert es Sie zu hören, wie es entstand.
Professor Brockhausen in Wien schilderte in jener Sitzung, wie ihm die fortgesetzten Zeitungsberichte von den Greueltaten der serbischen Soldaten keine Ruhe ließen. Es ist ja sicherlich beschämend genug für den Gebildeten, was ihm heute, in einem Zeitalter, das wir für ein zivilisiertes hielten, noch zugemutet wird, was er lesen, was er aussprechen, womit er sich noch befassen soll.
Nun also! In Österreich hieß es allgemein, die serbischen Soldaten besäßen eine wahre Vorliebe, den österreichischen Verwundeten die Augen auszustechen. Der Professor wohnte in nächster Nähe eines Lazaretts, wo neuerdings solche beklagenswerte Opfer in Pflege lagen, und er erachtete es als seine Pflicht, sich davon zu überzeugen. Fürs erste aber überraschte er seine Frau durch ein Gesuch um fünfzig Kronen. Sie meinte, er brauchte sie doch nur selber zu nehmen. Aber er bestand auf seiner Bitte und begab sich dann mit der Summe ins Lazarett. Dort äußerte er den Wunsch, zu einem von Serben in besagter Weise zugerichteten Österreicher geführt zu werden, weil er ihm fünfzig Kronen zu überbringen habe. Es läßt sich denken, daß man ihm sogleich willfahrte, mit dem Bemerken allerdings, daß der Betreffende zwar das Augenlicht verloren habe, jedoch durch einen Schuß.
Der Professor ging daraufhin keinen Schritt weiter und berief sich auf sein Mandat, das ganz ausdrücklich nur einem Verwundeten galt, der von serbischen Soldaten verstümmelt worden sei. Da gäbe es ja leider Gottes Lazarette genug, wurde ihm versichert, wo er solche Opfer serbischer Grausamkeiten antreffen könnte. Er machte sich nun anheischig, von einem zum andern zu wandern; überall führte er sich auf dieselbe Weise ein, ziemlich überall fanden sich Soldaten mit schweren oder unheilbaren Augenverletzungen, aber an keinen dieser Unglücklichen brachte er seine Gabe an, denn immer waren Kopfschüsse die Ursache der Erblindung gewesen.
Professor B. wollte hiermit in keiner Weise bestreiten, daß die genannten Greueltaten vorgekommen seien; er wollte nur wahrheitsgetreu berichten, daß er selbst nach allen Wiener Lazaretten gewandert sei, die fünfzig Kronen aber noch heutigen Tages besitze.
Das Ergebnis dieser erfolglosen Nachforschungen aber war, daß er zur Überzeugung gelangte, hier müsse etwas geschehen; und er fuhr in die Schweiz, um sich mit seinen dortigen Kollegen über einen Plan zu besprechen, den er mittlerweile gefaßt hatte. Es sollte durch ein internationales Organ der systematischen oder gedankenlosen Verhetzung entgegengetreten werden. Dabei stieß er auf die Bedenken und den Widerstand, den er erwartet hatte, fuhr aber unverdrossen bis nach Genf, wo er es unter anderen auf Romain Rolland abgesehen hatte, welcher die Zweckmäßigkeit, ja Unerläßlichkeit des Vorhabens würdigte und seine Bereitwilligkeit, sich daran zu beteiligen erklärte; unter der Bedingung, daß die strengste Neutralität gewährleistet würde und Verwaltung wie Herausgabe in neutralen Händen verblieben. Mittlerweile hatten sich auch die Berner und Züricher Freunde die Sache überlegt, und der Professor fand sie auf seinem Rückweg nicht mehr so abgeneigt, wenn auch ebenso skeptisch. Aber auch sie glaubten angesichts der heillos verschütteten und, wie es schien, nicht mehr freizumachenden Wege, daß sie es mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren könnten, wenn sie untätig blieben, auch, wenn sie an dem Erfolg ihrer Arbeit zweifelten.
Sowohl in der deutschen, wie in der französischen Schweiz fand sich der Herausgeber für die Zeitschrift; es wurden die finanziellen Mittel aufgeboten, sie ins Leben zu rufen, und es kam dann noch zu jener Sitzung, die ich zu Anfang erwähnte.
Es war eine Einladung an mich ergangen, derselben beizuwohnen, und ich muß Ihnen gestehen, von der absoluten Notwendigkeit des Unternehmens, von der sich die verantwortlichen Leiter nur widerstrebend und nach langem Erwägen aller Für und Wider überzeugten, war ich gleich so durchdrungen, daß ich mich bei den sachlichen Bedenken keinen Augenblick aufhielt, vielmehr die eigene Unsachlichkeit so weit trieb, daß ich mich sofort verbürgte, zehntausend Franken für die Förderung einer so verdienstvollen Sache aufzubringen. Ein Mann hätte sich zuvor besonnen, ob er denn Aussichten hätte, die Summe zusammenzubringen. Aber so sind die Frauen. Ich muß jetzt sehen, wie ich sie auftreibe. Aber was geht mich diese Sache an, werden Sie vielleicht fragen. Warum mische ich mich da hinein? Nun, ich kann Ihnen beweisen, daß ich nur recht tue, wenn ich seit jenem Tage nichts anderes mehr im Sinn habe als die Propaganda dieses so problematischen Unternehmens. Und wenn ich nicht davor zurückschreckte, in die Öffentlichkeit zu treten, vor der ich zum ersten Male spreche, so geschieht es, weil auch ich es vor meinem Gewissen nicht verantworten könnte, wenn ich auch nur eine einzige Möglichkeit unbenützt ließe, in diesem Sinne wirksam zu sein.
Warum ich diese Propaganda nicht lieber Geschulteren und Redegewandteren überlasse? Weil es niemanden geben kann, dem das Ziel solcher Bestrebungen mehr am Herzen läge, und weil es so eng mit dem zusammenhängt, was ich fühle, daß ich sogar eine Entschuldigung für die voreiligen Versprechungen habe, zu denen ich mich hinreißen ließ.
Sie, verehrte Anwesende, haben gewiß schon viele Dinge gedacht! Ich aber immer nur eins. Aber dieses Eine hat durch die Ereignisse eine solche Stärkung erfahren, daß ich alle persönlichen Rücksichten aufgeben und es verfechten muß. Und was kommt schließlich auf den einzelnen an? Kann sich doch der Schalste und Eingebildetste von uns nicht mehr wichtig nehmen. Daß er ganz und gar nur auf Ersatz da ist, wußte jeder nie so gut. Aber gerade deshalb ist noch nie die Forderung so streng an ihn ergangen, sich auf sich selbst zu besinnen. Denn wir sind nicht mehr die Zeitgenossen des vergangenen Sommers, die noch leichtsinnig und glücklich waren, und die noch Illusionen hatten; die Leute der achtziger oder neunziger Jahre oder der Jahrhundertwende; wir sind heute die Überlebenden, wir sind alt! Mag für die Amerikaner das Sterben noch ein Unfug sein, wir Europäer sind so von ihm eingeschlossen, daß es längst von unserem Bewußtsein Besitz ergriffen hat. Erinnern Sie sich noch des Widerhalles, den die Katastrophe der „Titanic“ in uns allen weckte? Damals stand der Tod noch außerhalb. Heute haben wir uns an ihn gewöhnt. Verluste, die sich auf Hunderttausende beziffern, werden fast ohne Kommentar verzeichnet, und unser Leben ist es, das außer Kurs geraten scheint. Unsere Zeit aber ist dafür um so kostbarer geworden. Es ist die Zeit der Rechenschaft, in der auch Gedanken nicht mehr zollfrei sind. Man hat nicht mehr die Wahl, sie zu unterdrücken, etwa weil sie zu harte Anforderungen an uns stellen oder aus Entmutigung.
Ihnen steht es frei, alle internationalen Bemühungen im Augenblick für unstatthaft zu halten, mir nicht. Ihrem Empfinden dürfen sie fremd bleiben. Dem meinen nicht. Sie dürfen sogar meinen, daß eine Berührung zwischen den geistigen Führern der feindlichen Nationen auf dem Boden einer internationalen Zeitschrift überflüssig, daß er sogar schädlich sei. Ich darf nicht so denken.
„Es hat sich in diesem Kriege gezeigt,“ schrieb mir kürzlich jemand, der seine Ablehnung gegenüber den Bestrebungen, die ich vertrete, begründen wollte, „es hat sich bei allen Nationen gezeigt, daß die Liebe zum Vaterlande die größte und heiligste Empfindung ist, eine stärkere als die Liebe zu Frau und Kind, stärker als Liebe und Glaube an die Menschheit; sie fühlt sich eins mit der Liebe zu Gott, sie ist Religion geworden. Für eine andere Empfindung können das deutsche Volk und seine geistigen Führer heute keinen Sinn haben. Solange Deutschland um sein Leben kämpft, hat es kein Bedürfnis nach geistigen Berührungspunkten mit den feindlichen Nationen. Primum vivere, deinde philosophari.“
Ich weiß solche Anschauungen zu würdigen, wenn ich auch nicht in der Lage bin, sie zu teilen; wenn ich mich auch nicht darüber hinwegtäuschen darf, daß ich heute abseits stehe, vom engeren Ringe einer Gemeinschaft mit Ihnen ausgeschlossen, des intimeren Heimatrechtes beraubt. Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie darum beneide! Ihre Gedanken sind ausschließlich auf Ihre Männer, Ihre Söhne, Ihre Brüder gestellt, und es wäre ein Frevel, das Ziel Ihrer Sorgen weiter hinauszustecken. Es gibt kein besseres in der Welt! Nach wie vor sind es die Mannen des Hagen, die es in Ewigkeit nicht anders wissen werden, als in der Stunde der Not ihr friedliches Tagewerk zu lassen und hinzustürmen, wohin die Gefahr sie ruft; ohne Neugierde, zu wenig neugierig fast. Es ist ihnen genug, die Tore des Reichs bedroht zu wissen. Die Wächter des Rheins werden noch als die Wächter Europas aufstehen, wenn erst die gemeinsame Not es zusammenschloß. Dann werden diese heute noch Unausgeglichenen in der Mittagstunde ihrer Reife stehen, uns aber, wer sagt uns, daß wir es noch erleben werden, sie nicht mehr gehaßt zu sehen? Indessen scheint man es bis auf weiteres auch mit diesem Haß aufnehmen zu wollen. Nur ich kann mich nicht darein finden! Denn als Halbromane hege ich für das Deutschtum eine Liebe, die nicht wie die Ihrige auf reiner Zugehörigkeit beruht, unvermischt und fraglos mit ihrem Gegenstand identisch ist. So liebt man seine Nächststehenden, den Mann, oder die Frau, mit einem von Eifersucht und Verliebtheit vielleicht nicht freien, zugleich aber viel deutlicheren Gefühl, als sich selbst. Und wer dürfte behaupten, daß man sie deshalb weniger liebt?
Infolge einer solchen Abgerücktheit nun trug ich im Ausland nichts von der manchmal zu großen Bescheidenheit meiner Landsleute zur Schau, sondern berief mich auf mein Deutschtum mit einem fast prahlerischen Enthusiasmus. Auch dies Bewußtsein gibt mir den Mut, Ihnen zu sagen, daß ich nicht in der Lage bin, dieselben Dinge zu denken und zu empfinden wie Sie. Aber welchen Sinn hätte es dann, daß ich hier stehe? Ist nicht der einzig mögliche Zweck meiner Worte der, daß ich etwas anderes zu sagen habe? Zwar wurde mir seit Anfang des Krieges des öfteren nahegelegt, ich sollte mich bis auf weiteres ganz abstrakten, den gegenwärtigen Ereignissen möglichst fernen Dingen zuwenden. Aber wer von uns könnte das? Zu anderen Zeiten, in anderen Kriegen wohl. Aber heute ist es ein unmögliches Ansinnen geworden. Keiner kann sich abseits halten; selbst die Friedfertigsten und Zurückgezogensten von uns haben so wenig die Wahl, etwas anderes als Streitende zu sein, als die jungen Philologen, die jungen Privatdozenten und Musiker, die Liebhaber der Künste und Wissenschaften, die Träumer, die Verliebten, die auch mit der Waffe in der Hand nichts anderes mehr im Sinne haben als die Ehre und Existenz ihres Landes. Geben wir uns keinen Illusionen hin. Es ist der Krieg gekommen, der keine innere Flucht zuläßt. Er ist jedermanns Sache, ja, mehr noch: Jeder muß heran. Denn noch ein anderes Ringen spielt sich ab. Ich sehe ein geistiges Schlachtfeld. Auch dort ist das Getümmel und die Not. Es sind die beiderseitigen Verschanzungen, das Sich-in-Schach-halten; die erbitterte Defensive. Und es ist ein Kampf, der sich ins Endlose auszudehnen droht, der unrühmlich und unblutig im Dunkeln vor sich geht und gleicherweise der Kundschafter, wie der notwendigen Vorposten entbehrt.
Und hier nun behaupte ich, weil ich es beweisen kann, daß ich zu den paar Leuten gehöre, welche Patrouillendienste verrichten und inmitten des Wirrsals als Aufklärer taugen könnten. Ich meine uns, die Halbgermanen Frankreichs, die Halbromanen Deutschlands — eine Zahl, so gering, daß es sich lohnt, uns anzuhören, bevor wir ganz aus der Welt verschwunden sind. Denn wir stehen mitten auf einem Laufbrett über dem Graben, der sich seit vierundvierzig Jahren so sehr erweitert hat, daß wir allein, von unseren weit hinausgestellten Posten aus, zwei Lager übersehen können, die sich gänzlich aus den Augen verloren haben. Unsere Einsamkeit ist dort eine so verzweifelte geworden, daß ich mich sogar an Ihr Mitgefühl wenden würde, wären die Zeiten minder hart. So aber rufe ich nur Ihren Gerechtigkeitssinn an, und auch das nur, weil unser verschwindendes Häuflein allen Ernstes Ihre Aufmerksamkeit verdient; weil wir naturgemäß Dinge überschauen, die Sie nicht sehen können.
*
Durch jenes stete Abrücken zwischen den beiden Völkern sind die Rassengegensätze, die wir in uns vereinigen, so erstarkt, daß sie selbst in Friedenszeiten eine Tragik für sich bedeuteten. Heute nun, wo vor dem vergossenen Blut das Blut lauter in uns spricht als je zuvor, heute wird von dem Halbgermanen Frankreichs — reden wir von ihm — heute wird von ihm verlangt, daß er sich jeder Sympathie für uns entäußere. Seiner inneren Zerrissenheit darf keinen Augenblick Rechnung getragen werden. Ihr widerfährt keine Schonung. Es wird von ihm verlangt, daß er sich seines besseren Wissens um uns begebe und sich als loyaler Staatsbürger für unsere Vernichtung begeistere. Und er wird sich Gewalt antun, dem Gebote Folge zu leisten. Aber wenn er kein Knecht ist, wird er in dem verzweifelten Kampf, den er äußerlich bestehen wird, vor sich selber unterliegen . . . Das Blut seiner Väter wird in einen solchen Tumult geraten und sich zu solcher Brandung erheben, daß die paar Bretter seiner äußeren Zuständigkeit daran zerschellen. Die Bedrängnis ist überall zu ungeheuer! Die Bereitheit zu sterben ist überall zu groß! Aus ihr steigen die Genien der Nationen, die heute wie in der Ilias die Heere widereinander schirmen — mit Begeisterung und List! — Ihr doppeltes Walten aber findet nur in seinem Inneren einen Widerhall: die ihm als Brüder zugewiesenen Franzosen erkennt er dort als seine Halbbrüder wieder, und Sie wissen nicht, ich aber weiß, mit welcher Spannung, welchem Entsetzen er, der vielleicht im Felde steht, seines inneren Jubels inne ward, als er auf dieser bedrängten, ihm so teuren französischen Erde, die er doch mit allem Ingrimm des Patrioten wider die verhaßte Invasion verteidigt, die Kunde vernahm, daß ein aus allen Adern blutendes Volk heroischer als einst die Griechen für sich und für Europa die Befreiung erkämpfte, indem es die unerhörte Übermacht Rußlands zurückwarf. Ein höherer Genius als der des Krieges hat es gewollt, daß da bis tief ins Abendland hinein die Glocken läuteten. Er aber, von dem ich hier rede und der so unvergolten an uns leidet, er wird den Aufruhr seines Innern, der doch in Wahrheit seine Treue ist, verbergen und eine Maske tragen müssen wie ein Verräter. So mag er an der Spitze eines Sturmangriffs wider uns fallen, aber fragt mich nicht, mit welchem Herzen.
Sie werden nicht beanstanden, nicht wahr, Sie begreifen vielmehr, daß sein besseres Wissen um uns so tief in ihm gründet. Aber keiner von Ihnen hat noch seiner gedacht. Nur wir, die paar romanischen Deutschen, die es zur Zeit noch gibt, wissen genau, was uneingestanden in ihm vorgeht. Denn er ist unser engerer Landsmann, und wir fühlen wie er. Für uns spreche ich heute, denn wir leiden am meisten. Für alle anderen ist sie groß, diese Zeit, nur wir begreifen sie nicht; nur wir sind überall die Verbannten und die Außenstehenden. Glauben Sie ja nicht, daß der französische Germane kein guter Franzose sei. Sein bedrohtes Land ist es ihm tausendfach wert, daß er sich dafür opfere. Und glauben Sie nicht, daß ich weniger deutsch fühle als Sie. Infolge meiner teilweisen Abgerücktheit liebe ich Deutschland eifersüchtigeren und geschärften Sinnes vielleicht, als Sie sich selber lieben können. Nicht um ein Minus handelt es sich bei uns, sondern in den Zusätzen liegen unsere Konflikte. Wir sind heute die anderen: Halbdeutsche oder Halbfranzosen, wie Sie wollen, aber keine Deutschen wie Sie, keine Franzosen wie die drüben; von einer doppelten Liebe beseelt, jeder nur durch ihren Hader von den Seinen geschieden. Unsere Sonderstellung in der Welt ist es, für die ich eintrete, denn unser ist ein zu edles Erbteil, als daß wir es preisgäben! Zwar sind wir die zur Unzeit Geborenen; wir haben eine Mission und schleichen den Häusern entlang; wir haben eine kostbare doppelte Mitgift, und wir sind die Kreditlosen und die Enterbten, und wir sahen in ein gelobtes Land, nur, um es doppelt zu verlieren. Wir, die selbst die Versöhnung entgegengesetzter Elemente darstellen, wir sind heute selber der Krieg, und in uns selbst wütet der Kampf um die entrissenen und wieder gehißten Fahnen. Wir haben nichts gemein mit den Flaumachern, den Alarmisten und Schwarzsehern, noch mit den Neutralen und ihrer, neben der unseren gehalten, so spielerischen Parteinahme, ihrem kalten, unbeteiligten Eifer. Aber es wäre nicht der Mühe wert, von uns zu reden, wenn wir nicht auch die Unbeeinflußbaren wären, die nichts auf der Welt von ihrer schmalen Bahn hinunterstößt, und wenn wir nicht ein Recht auf unsere Zerrissenheit und unser inneres Gesetz besäßen. Von der Natur auf unsere heute verlorenen Posten hinausgewiesen, sind uns dort Dinge übersichtlich, ich sagte es schon, die sich Ihren Blicken entziehen. Es ist keine Besserwisserei bei uns im Spiel. Der Weise aus der Ebene wird sich nichts vergeben, wenn er den Toren fragt, was er von seiner Anhöhe aus sieht . . .
Aber ich mache Sie nur ungeduldig, indem ich praktische Dinge verspreche, die für jeden gelten sollen, und fortfahre, einen persönlichen Zufall zu erörtern, wie dies Halbgermanentum inmitten äußerster nationaler Gegensätze.
Es ist aber ein Zufall, der mir das Recht innerer Erfahrungen gibt, die im einzelnen zu zerlegen nicht der Moment sein mag, die mir aber den unerschütterlichen Glauben geben, daß das letzte Urteil über Gemeinsamkeit oder Feindschaft zwischen den Nationen nicht aus dem gegenwärtigen Krieg erwachsen darf. Und es ist nachgerade, als ob hierüber nichtdie Waffen, sondern die täglichen Stimmerheber zu entscheiden hätten, die aus dem ewigen Unwert der menschlichen Gesellschaft Folgerungen auf ihre Werte ziehen und ihre Einheit zerstören. Niemand gerät in Friedenszeiten auf den Gedanken, die Verbrecherstatistiken anzurufen, um den Geist einer Nation zu beschreiben. Heute sollen nun mit einem Male solche Verwechslungen richtig, erlaubt, erwünscht sein! Wir müssen das Bleibende im Charakter einer Nation vor so niedrigen Urteilen verteidigen. Und hier muß auch gegen gewisse Ausartungen Protest erhoben werden.
Daß zu Anfang des Krieges Selbstzufriedenheit und ein gewisses Selbstlob überall herrschten, war wohl unerläßlich. Aber inzwischen hat sich die Luft Europas durch dies Verfahren bedeutend verschlechtert. Man redet voneinander, als gedächte man nie wieder miteinander auszukommen, und dies ist nicht die Lehre, die wir aus der furchtbaren Prüfung dieses Krieges ziehen sollen, noch liegt hierin Pietät für die Gefallenen. Wenn diese Lebensfrohen sich alle so willig opferten, so geschah es, um einen Streit auszutragen, der sich auf keine andere Schlichtung mehr besann. Umsonst wären sie erschlagen, die nichts mehr wissen von unserem Hader und gemeinsam das Schattenreich bevölkern, wenn sie den Haß nur besiegelten. Wie anders ist die Haltung der Offiziere, die aus dem Felde zurückkehren! Nichts ist ihnen peinlicher als der Gedanke, man könnte annehmen, sie hätten keine ehrenhaften Feinde! Und der Takt so manches Pfahlbürgers hat schon durch eifriges Forschen nach den Ungesetzlichkeiten und Greueltaten der Gegner peinlichen Schiffbruch erlitten.
Wenn wir es billigen, daß Lüge und Hetzerei verbreitet werden, obwohl wir sie durchschauen, so ist es, weil wir meinen, es sei gut, des anderen wegen. Aber wir sind im Irrtum, wenn wir glauben, daß diese Methode eine ungefährliche sei, und wir vergessen dabei, daß wir für die Jugend verantwortlich sind, die dies alles nicht für eine fromme Lüge hält.
Hören Sie, was jener Gegner einer Internationalen Rundschau mir noch geschrieben hat:
„Nur der Friede,“ schrieb er, „kann der Boden für einen erneuten Kontakt zwischen den Völkern sein. Glauben Sie mir, er ist dann im Augenblick wiederhergestellt und es geht an geistigen Gütern keiner Nation etwas verloren. Im Gegenteil, der Krieg und der Frieden wird allen Nationen eine geistige Wiedergeburt bringen und einen geistigen Kontakt auf einer höheren Grundlage.“
Ich muß sagen, daß mir für mein Teil noch keine größere Utopie begegnet ist. Viel eher könnte es sein, daß dann diese Grundlage, wenn wir sie nicht zum Gegenstand unserer Sorge machen, verschwunden wäre. Wahrscheinlicher ist, daß die einst so vertrauten Wege sich als zu weithin, zu tief verwüstet erweisen, als daß sie wieder begangen werden könnten. Viel eher könnte es sein, daß an Stelle ihrer verwehten Spuren der Turm Babel der Verwirrung herrschte.
„Was ist das Heilige? Das ist’s, was viele Seelen zusammenbindet. Bände es auch nur leicht wie die Binse den Kranz.“
Dieses leichte Band ist nun zerrissen. Aber Goethe fährt mit vermehrtem und prophetischem Nachdruck fort:
„Was ist das Heiligste?
Was heute und ewig die Geister tiefer und tiefer gefühlt immer nur einiger macht.“
Warum sind diese Worte so unendlich deutsch? Nur durch die so weit übergreifende Erkenntnis, die aus ihnen atmet.
Und hier ist die Stelle, verehrte Anwesende, wo ich Sie an das erinnern muß, was ich von uns, dem verschwindenden Häuflein der französischen Germanen und der romanischen Deutschen sagte; denn hier ist die Bresche, die wir behaupten. Sie fassen festeren Griffes das Nächstliegende auf; wir können das Gesamtbild nie aus den Augen verlieren. Unser Wille ist dabei nicht in Frage. Vielmehr hegen wir eine mit Neid untermischte Sehnsucht nach allem, was glücklich umgrenzt, nicht zugleich ins andere hinüberspielt, während es das eine ist. Wir müssen teuer bezahlen für alles, was wir sehen. Und wir sehen, daß sich deutsche Wesensfülle seit vierundvierzig Jahren nicht näher geklärt hat. Die Krankheitssymptome des uns immer mehr entfremdeten Frankreichs hat keiner drastischer geschildert als Romain Rolland in seinem Jean Christophe, einem Buch, das uns andere unbeschreiblich irritiert, weil die Dinge, die es enthält und die längst Gemeinplätze sein sollten, noch so gänzlich neu sind. Erinnern Sie sich des Wortes Burckhardts in seiner Kultur der Renaissance: „Das scheinbar kränkste Volk kann der Gesundheit nahe sein, und ein scheinbar gesundes kann einen mächtig entwickelten Todeskeim in sich bergen, den erst die Gefahr an den Tag bringt.“ Sehen Sie, Sätze solcher Art sind es, an denen wir nie vorüberhören. Immer wieder wird das Bild von den männlichen und den weiblichen Nationen hingeworfen: warum macht sich keiner daran, es auszumalen? Sie wundern sich über den Haß der Franzosen, die Sie doch selber nicht eigentlich hassen. Aber wird der Groll der Verschmähten nicht viel erbitterter sein, als der des ungeschickten oder zaudernden Freiers, der die Gelegenheit nicht wahrnahm oder die richtigen Worte zur Werbung nicht fand?
Gewiß schlägt die schön beredte Muse d’Annunzios den Rekord der Gedankenarmut; und die heutigen Meister der französischen Sprache sind in dem Maße von einer gewissen Hohlheit zerquält, je gründlicher sie die Verbindung mit uns verloren haben. Wir brauchen nur Flaubert mit Anatole France zu vergleichen. André Gide und Romain Rolland, beide auf ihre Art sehr angedeutschte Geister, werden uns am meisten sagen können.
Aber auch auf unsere Literatur der letzten Jahrzehnte gehört als Motto jener uralte Ausspruch: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.“ Unsere Größten stehen heute ihrer Anlage nach unseren Allergrößten nicht nach; ich denke an Gerhart Hauptmann, und es läßt sich das Schönste über sie sagen, was es gibt, nur nicht, daß sie sich selbst übertrafen, nur nicht, daß sie ihr letztes gaben; nur nicht, daß sie sich vollendeten. Nein, wenn wir jetzt zurückdenken: es ist doch keine Lust gewesen zu leben. Der große Deutsche vor der Zeit der großen Entfremdung war gerade dadurch eine so überbietende Erscheinung, daß er, wie ein großer Komponist implicite ein großer Dirigent sein kann, sich spielend gleichsam auch der romanischen Vorzüge bemächtigte. Nicht ohne sie hielt er Haus. Es war aber gerade sein Deutschtum, das dabei seine glücklichste Entfaltung und seinen mächtigsten Ausdruck fand. Er, und nur er brachte es dann zu jener überragenden Bedeutung, durch die er den großen Romanen den Rang ablief. Wenn ich Goethe im Gegensatz zu Victor Hugo nenne, wird man mich sogleich verstehen. Ich nenne ihn aber auch im Gegensatz zu Hebbel. In seiner Universalität liegt das Geheimnis, warum der rauhere Deutsche im Grunde eine stärkere Beziehung zur Antike hat, als bei allem Formensinn der Franzose. Selbst ein so verrannter Nationalist wie Maurice Barrès fühlte sich über die Goethesche Iphigenie zu dem Geständnis, zu der Huldigung hingerissen: „Jaime la Grècque germanisée.“ Vergleichen wir Racine mit Gluck. Und welcher lateinische Komponist hat auch nur annähernd die Grazie eines Mozart erreicht! Wer allerdings hat sich lateinischeren Einflüssen zugänglicher gezeigt? Vergessen wir auch nicht, daß einer der größten Diplomaten aller Zeiten ein Deutscher war. Wer aber hatte es gelernt, ein größerer Meister dessen zu werden, wofür wir bezeichnenderweise kein gleiches deutsches Wort besitzen: die Nuance?
Hier ließe sich freilich manches weiterspinnen, aber es ist nicht der Ort, noch sind mir Befugnisse erteilt worden, über die Politik zu sprechen — über die es so viel zu sagen gäbe. Aber sicher wird es mir gestattet sein, einen Satz Ernst Moritz Arndts aus der Jahren der Freiheitskriege anzuführen: „Die Zeit, worin wir leben,“ schrieb er 1815, „hat uns Deutschen zugemutet, politische Menschen zu werden. Es hat schwerer Jahre bedurft, daß wir aus dem dämmernden Traum einer Gleichgültigkeit erweckt wurden, die dem deutschen Namen fast mit dem Untergang drohte. Gottlob! uns ist wieder ein Vaterland gezeigt worden, ein Ziel, worauf alle Deutschen als Volk schauen, wofür sie streben und arbeiten sollen. Immer aber gilt noch mit Recht die Klage, daß wir nicht politisch genug sind. Damit wir dies immer mehr werden, dafür muß jeder redliche Deutsche denken und streben und auf seine Weise den Kampf durchkämpfen helfen, der nicht allein auf den Schlachtfeldern entschieden werden kann.“
Ich werde mich streng an meine Weisung halten und in keiner Weise untersuchen, ob wir diese politischen Qualitäten, die Arndt uns so dringend empfahl, innerhalb dieser hundert Jahre erworben haben. Ich möchte nur einen anderen Satz anführen, aus einem Aufsatz Thomas Manns im Dezemberheft der „Neuen Rundschau“. Da steht: „Wir hätten die Kultur als Wort und Begriff dem Worte Zivilisation stets vorgezogen, weil es rein menschlichen Inhaltes ist, während wir beim anderen einen politischen Einschlag und Anschlag spüren, der uns ernüchtert, der es uns zwar als wichtig und ehrenwert, aber nun einmal nicht als ersten Ranges erscheinen läßt — weil dieses innerlichste Volk der Metaphysik, der Pädagogik und der Musik ein nicht politisch, sondern moralisch orientiertes Volk ist.“
Dies hundert Jahre nach Arndt, und nachdem Deutschland inzwischen zu einem geeinigten Reich und einer Großmacht erstarkt war.
Ich werde weiter nichts sagen, als daß ich an diesem Satze Ärgernis nahm. Denn wir, die Herausgestellten, haben einen anderen Ehrgeiz, wir sehen gar keinen Grund, warum wir dieses politische Volk mit einer politischen Sprache nicht ebensogut sein sollten wie andere. Viele meinen ja auch: Jetzt müssen wirs werden, kein einziger scheint sich zu fragen, wie. Ein vorsätzliches Abschließen von den politischeren Nationen ist sicher nicht der richtige Weg. Was sie vor uns voraus haben — nehmen wir ihnen doch nur, indem wir es von ihnen lernen.
Ich will es jedoch anderen überlassen, dies Thema weiter zu erörtern. Ich habe nur noch zwei Dinge zu sagen. Es ist gewiß außerordentlich kindisch, uns unsere großen Männer streitig machen zu wollen oder sie herabzusetzen. Nicht minder weit vom Schusse sind wir aber, wenn wir uns immerzu auf sie berufen, denn große Männer sind noch lange nicht die Nation. Und wir dürfen nicht vergessen: daß sie immerhin als ziemliche Dulder in unserer Mitte lebten, noch auch die scharfe Kritik, die sie an uns übten. Es besteht sogar immer die Möglichkeit, daß große Männer ihrer Nation verloren gehen. Wären allerorts diese Auserwählten eines Volkes auch dessen führende Geister, Europa böte heute ein anderes Bild! Es sind aber ganz im Gegenteil die Zeitungen und unter ihnen nicht die besten, welche diese Rolle übernahmen . . .
Ich sprach von unserer Sonderstellung und den Dingen, die wir besser sehen. Aber vielleicht sind die Dinge, die wir nicht sehen, noch bezeichnender.
So können wir gar nicht verstehen, daß die Völker, die doch schon allesamt ihre Revolutionen hatten oder zu haben versuchten, warum sie sich allesamt ihre hetzerische Presse noch gefallen lassen, warum sie sich die noch nicht verbaten; warum sie noch nicht zusammentraten und gegen die rebellierten? Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß die Greuel der belgischen Bevölkerung infolge verleumderischer und aufreizender Zeitungsartikel als Repressalien entstanden sind. Wann werden die Vertreter der würdigen Blätter dagegen protestieren, daß solche Mörder der Gesellschaft sich ihre Amtsbrüder nennen?
Man hat schon Regierungen davongejagt, aber der Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter des Herrn auf seiner Redaktion. Argwöhnisch wird das Tun und Treiben eines Monarchen verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den „Matin“ einzuschreiten, der schlimmer als eine russische Knute Wahrheit, Vernunft und Mäßigung unterdrückt?
In jedem Lande aber gibt es Erscheinungen, die dem „Matin“ nacheifern, ohne ihn zu erreichen, es ist unleugbar, daß die öffentliche Meinung sich der extremen Lüge leichter als der Wahrheit ergibt, und deshalb wäre heute nichts notwendiger auf der Welt, als daß eine Sezession innerhalb der Presse entstünde.
Es wird Sie nicht mehr befremden, daß ich mir die Interessen der Internationalen Rundschau zur Gewissenssache machte, auch wenn ich hinzufüge, daß es aus freien Stücken geschah, ohne irgendeinen Auftrag von seiten der Herausgeber. Und erlauben Sie mir, nachdem ich mit so viel Entschiedenheit meine Behauptungen vorzutragen unternahm, daß ich mit einer Vermutung schließe.
Wir versprechen uns so viel von den Erleuchtungen, die uns auf allen Gebieten nach diesem großen Krieg geschenkt werden. Aber ist es nicht wahrscheinlicher, daß, wenigstens in den ersten Friedensjahren, nur diejenigen Ideen Ansehen genießen werden, die schon im Kriege sich einen Platz in den Gemütern errangen und teil hatten an dem heutigen Schwung und der Erhebung der Geister?
Sprechen wir also heute schon von einer Einheit der kämpfenden Nationen durch die letzten Güter der Menschheit. Denn wir müssen sie dieser Feuerprobe der Beurteilung unterwerfen, gerade inmitten der gegenwärtigen äußersten Not und Anspannung.
Gedruckt bei Otto v. Holten, Berlin C.
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... uns selber treu, den anderen Völkern mit der Iniative ... ... uns selber treu, den anderen Völkern mit der Initiative ...