Vierter Brief
Reading edition
Wie schwer fällt heute ein Wort, zu leicht entschlüpft, auf uns zurück! In einer Zeit, in der um ein Für und Wider Städte in Brand aufgehen, hat sich jede Art von Leichtsinn verwirkt. Um eines Wortes willen verbringe ich gefolterte Nächte, und merkwürdige Ernüchterungen stellen sich ein, du weißt . . . und mein Herz ist selbst die unbeirrbare, die eifersüchtige und immer schwankende Wage.
Wie neulich: ich hatte mich für den Abend angezogen und Kerzen vor dem Spiegel angesteckt, als sei nichts geschehen: Die Frau, zu der ich dann fuhr, hatte ihren Tisch mit Tulpen geschmückt, und es war wie früher, und als hätten wir vergessen.
Aber später, vorm Kamine, im mattbeleuchteten, schattenvollen Raume kamen wir um so leidenschaftlicher auf den Krieg zurück, als wir zuvor nicht von ihm gesprochen hatten. Und einer von den Herren, ein Chirurg und Sammler, einer jener kontemplativen Süddeutschen, die unüberwindliche romanische Sympathien hegen, äußerte sich da voll Ingrimm über die neue Manier der Franzosen, uns wider jede bessere Einsicht Barbaren zu nennen, nach allem, was gerade wir auf allen geistigen Gebieten leisteten. Konnte das ihr Ernst sein? was ging da nur in ihnen vor? und sich plötzlich an mich wendend: Ob ich das wüßte? fragte er.
Nun hatte ich mir aber fest vorgenommen, nur zuzuhören, wenn solche Themen zur Sprache kommen sollten, denn meine Gesinnung lasse ich mir nicht verdächtigen; es ist aber heute so leicht, mißverstanden zu werden, wenn man nicht ganz genau dasselbe sagt und meint, was der andere sagt und meint. Es lag jedoch im Unterton seiner Frage eine so naive und rührende Besorgtheit, daß ich, meines Vorsatzes vergessend, emporschnellte und ausrief: „Ja, ich weiß es genau!“
Und ob ich es weiß!
Jene überragenden geistigen Leistungen sind es ja gerade, welche zuerst das Mißverständnis verschuldeten. Wie bei einem sehr selbstbewußten Menschen, mag er noch so schüchterne Seiten an sich haben, niemals Schüchternheit als der Grund für seine Handlungsweise angenommen wird, so hatte der anerkannt gedankenvolle Deutsche keinen Kredit auf seine Ungeschicktheit. Kein Wunder! denn am Tage, an dem Deutschland mächtig geworden war und er in Szene trat, an diesem späten Tag zeigte er sich schon so vielfach ausgereift und von einer scheinbar so unbegrenzten Fülle der Gesichtspunkte, daß man sich von dem Neuling irgendwie überflügelt sah und er allsogleich, zu allererst von den Franzosen, sehr ernst genommen wurde. Nachträglich wird ja jetzt sattsam hervorgehoben, daß er des politischen Instinkts ermangle. Es ist kein Kunststück mehr, es zu entdecken! — a priori aber wurde bei Leuten, die noch dazu unverweilt einen Bismarck auszuspielen hatten, auf alles andere eher geraten, und man dachte, dieser Mangel, der vom Kleinsten und Persönlichen ins Allgemeinste und Kolossalische ging, müßte unbedingt etwas anderes sein, als was er ist, nämlich die Achillesferse des Deutschen und das Geheimnis seiner Unbeliebtheit. Als er der Sieger wurde, hätte er sich vor allen Territorien ein paar Qualitäten, die der Besiegte vor ihm voraus hatte, aneignen sollen, um seinem Triumph die dauernde Weihe und Unanfechtbarkeit zu geben. Es wären da solche Dinge zu requirieren gewesen wie das Talent der entgegenkommenden Form, die Ziehharmonika der demi-mots und „l’Art de ne pas froisser“, eine Kunst, die wir verschmähten, weil wir sie nicht meisterten, die aber von größerem Werte für uns gewesen wäre als alle Milliarden, denn sie hätte uns die Franzosen selber erworben. Was half alles Gold unseres Gefühls, da wir es für sie nicht zu münzen verstanden? So ergab sich das ewig selbe Spiel, daß der Deutsche ihrer Eigenliebe nicht schonte und sie dafür mit häßlichem Gekreische sich seinen zu muskulösen Griffen entwanden. So wurde er endlich „der Barbar“, nur weil er nie der Gescheitere war . . .
Aber der Arzt schüttelte den Kopf. „Das Mißverständnis liegt doch tiefer,“ meinte er. „Ich bin auf wissenschaftlichen Kongressen des öfteren mit Franzosen zusammengekommen: sie haben eine geniale Art, die Dinge mit Elan aufzugreifen, aber wo es ein wirkliches Einfühlen gilt, nein, da lassen sie aus.“
„Einfühlung?“ rief ich, „nachdem man sich seit vier Jahrzehnten zum beiderseitigen Nachteil systematisch entfremdet hat? Und doch brannte man drüben insgeheim auf diese Einfühlung. Wir hätten es merken sollen: für die Potenz des deutschen Geistes war man von einer hin und wieder deutlich hervorbrechenden Liebe, ja Verliebtheit beseelt gewesen, die endlich in eine ungeheure und ungeheuerliche Enttäuschung umschlug. Wie mag das werden, wenn wir uns in der Folge noch mehr gegeneinander abschließen — sind wir doch schon hier wie dort vielfach über alle Begriffe langweilig geworden: die Franzosen so anämisch, wir so verknöchert! Selbst unsere Musik ist eine Hagestolzmusik geworden. Selbst unsere heutigen Meister schwelgen im schon Erworbenen; neue Quellen flossen ihnen nicht! Wir verarmten, wir alterten beide.“
„Sie hat recht,“ sagte einer.
Aber die anderen fielen unverzüglich über die deutschen Diplomaten her. Das war mir jedoch zu billig. Jetzt, da die Diplomatie mitten im Konkurse steht, ist auch nicht der Moment, mit ihr ins Gericht zu gehen. Die Diplomatien wären bis auf weiteres quitt. Solange es ein Deutschland gibt, so lange wird es außerdem stets eine Auslese staatsmännischer, so gut wie anderer Talente hervorbringen. Nur haben diese eine Not, sich bei uns durchzusetzen, welche aufs engste mit den Fehlern unserer Tugenden zusammenhängt. Sie werden bei uns so lange untergeordnet (was gewiß sehr disziplinarisch ist), bis nur die Allertüchtigsten unter diesen Tüchtigsten am Tage, an dem sie endlich durchdringen, ihre Spannkraft noch nicht verloren haben.
Ach, ich sage dir: es überkam mich ein so ödes Gefühl, während ich sprach, weil doch die Anzeichen fehlen, daß wir die richtige Lehre aus der furchtbaren Prüfung dieses Krieges ziehen: nicht bei jenen Deutschen sicherlich, welche als ein selbstbewußtes und auf seine Rechte eifersüchtiges Volk aus dem heldenhaft bestandenen Kampf zurückkommen werden, wohl aber bei den zu Hause Gebliebenen, die sich vielfach eine merkwürdige Begriffsverwirrung und die krassesten Fehlschlüsse gestatten. So hegten sie noch vorgestern für die Person eines Botschafters gemeinhin eine komisch naive Ehrfürchtigkeit, und wer sich abfällige Meinungen über die Fähigkeiten eines so hochgestellten Herrn gestattete, der wurde als ein ganz unverschämter Niemand zurechtgewiesen.
Weil man indes erleben mußte, daß gewisse ausländische Posten, was das Resultat anging, ebensogut vom Dornröschen hätten besetzt sein können, so möchten sie jetzt am liebsten das Amt eines Botschafters mit dem Botschafter, das Kind mit dem Bade ausschütten. Man sollte es für eine Albernheit halten, gewisse umlaufende Äußerungen aufzugreifen, welche darin gipfeln, unsere Diplomaten würden bei den Friedensverhandlungen überhaupt nicht mitzureden haben. Es sprechen aber so nicht nur ein paar Geheimräte von der Sorte, welche schon Bismarck als hoffnungslos bezeichnete, ein paar Exzellenzen und ihre würdigen Damen, sondern eine ganze all-weise Partei.
In einem solchen, in sich gefestigten, mit der inneren Verwaltung des Reiches aufs engste zusammenhängenden Kreis wohnte ich kürzlich einem großen Gekicher bei, als ein junger Mann, auf Befragen, was er zu werden gedenke, erwiderte: „Diplomat“. Indem man ihn so von vornherein zur Operettenfigur stempelte, glaubte man das Problem spielend gelöst zu haben. Auf solche Weise bescheiden sich aber viele, sehr namhafte Personen, viel zu unschuldsvoll in Dingen der äußeren Politik, um auf die Abwehr gewisser, sehr gefahrvoller Mißstände bedacht zu sein, so daß die den Schein des Rechtes für sich haben, welche behaupten, es seien keine Geschäfte mit uns zu machen. Aber wenn sie die Kraft finden, die Entsetzlichkeit des Krieges über seine welthistorische Bedeutung zu vernachlässigen, muß man von diesen rigorosen Geistern nicht verlangen, daß sie auch imstande seien, die Bürden, die Strapazen und Forderungen von Energie zu begreifen, welche der Frieden auferlegt? Und wenn sie auf die ewige Wiederkehr des Krieges schwören und alles in sich auf ihn vorbereiten, müssen sie sich dann nicht auf die welthistorischen Rechte des Friedens gleichermaßen erziehen, selbst wenn diese Erziehung nur die Bescheidenheit bedeutete, die im Verhandeln und sich Verständigen liegt?
Ach! ich rede zu dir, als ob ich die Lebenden nur anrufen könnte, indem ich sie verlasse. Zuerst glaubte ich, daß ich hinüberriefe in dein Reich, und nun rufe ich doch nur in das Leben zurück.
Aber von diesen Dingen spreche ich zu dir ein anderes Mal; heute will ich dir sagen, wie es gekommen ist, daß ich seit jenem Abend nur mehr an dich allein, du Abgeschiedener, meine Worte richten darf, nur dich allein mehr habe, du Entschwundener.
Als wir aufbrachen, war die Nacht tief vorgerückt und die Kohlen im Kamin waren zusammengesunken. Der Arzt begleitete mich nach Hause. Zwar hatte ich einen weiten Weg, aber es litt mich in keinem Wagen, und so gingen wir zu Fuß. Die Luft roch schon nach Schnee. In ihrer Versunkenheit und Stille nahmen die Straßen kein Ende, und die Häuser hatten schon etwas von der Bedrücktheit ihrer Bewohner an sich, besonders die Fenster. Aber wenn auch unfroh, so standen sie doch ungefährdet, nirgends zerklüftet, nirgends zu rohen Trümmerhaufen zusammengestürzt. Ruhig und dumpf schlug die Stunde von den unbedrohten Türmen.
In jedem Feldbrief stand jetzt zu lesen, wie glücklich man sich schätzen müsse, den Krieg nicht im eigenen Lande zu haben, und wohl dem, hieß es unaufhörlich, wohl dem!, der ihn auf dem Boden des Feindes führen dürfe.
Aber ich glaube es schon. Ich vergegenwärtige es mir zu gut! Sie waren mir nur zu lebhaft vor Augen, die Verwüstungen. Mein Blut, in dem Strudel der Dinge mitgerissen, trug ja in sich das Wissen um die Erbitterung derjenigen, welche die sonst so unverletzliche vaterländische Scholle plötzlich von fremden Menschenmassen übertreten, beherrscht und aufgerissen sahen. Es war ja meine Not, daß meine Phantasie sich da zu heftig engagierte.
Ach, ich sage dir, es war die Nacht und ihre Einsamkeit, es war die Stille! Gewiß, es war die Ferne, und sie trug die Schuld, daß mir da nur die liebenswürdigen und nur die schönen und nur die edlen Eigenschaften des verwandten Volkes vorschwebten, so daß ich zu ihm, hingerissen, mit ihm mich über die Verheerungen betrübte, die es auf seinem Boden erduldete. Und meine Liebe zu ihm beteuernd, schrie ich triumphierend in die Nacht hinaus: Paris gehöre den Franzosen, und auch andere Völker hätten ihre Genien.
Aber das Geständnis meines Zwiespaltes hatte keine befreiende, sondern nur eine noch entnervendere Wirkung auf mein Inneres zur Folge, und in die Einsamkeit meiner vier Wände zurückgekehrt, glaubte ich, von dem Ansturm zu verschiedener Empfindungen durchwühlt, nicht mehr, daß der Schlag eines einzigen Herzens ihnen standhalten könne. Und ich fing im Finsteren zu ächzen und laut zu reden an und teilte mir selber angelegentlich die Dinge, die ich dachte, mit, als wüßte ich sie noch nicht, als sei, von mir losgelöst, noch einer, ein Schatten da, der die Einsamkeit des Zimmers noch verschärfte, ein listiges Etwas, das sich seltsam hier angezogen fühlte und neugierig zusah, wie hier ein Lebendiger, seiner eigenen Identität entsetzt, gleich ihm kein Selbst, nur eine abgetrennte Halbheit hatte und, wie von sich selber weggerückt, menschenunwürdig in einer Ecke kauerte. Denn so entrangen sich mir jetzt in abgerissenen Sätzen Klagen, Flüche, Verwünschungen und Selbstbeschuldigungen. Denn trug nicht jeder irgendwie schuld an dem, was sich so widersinnig noch ereignete, da er es noch erlebte?
Zwar meldete sich die Vernunft inmitten des Zusammenbruches, und sie verdammte dies Aufgebot von Leidenschaft. War ich dasselbe Wesen, das stets so überschwenglich Deutschlands geistigen Himmel pries? Es war mein Minnesang gewesen! Und konnte ich leugnen, daß ich in den Pariser Straßen mit derselben Heftigkeit wie vorhin ausgerufen hatte: ohne das Deutschtum stürzte die Welt zusammen? Und jetzt, in der Stunde seiner schwärzesten Bedrängnis und seiner größten Heroismen, wollten die Saiten meiner Leier zerspringen? Trieb ich nur Humbug mit den heiligsten Gefühlen? Doch was sie auch sprach und diktierte, wurde von dem Widerwillen überboten, der mir plötzlich den Turnus des Lebens selbst zum Ekel werden ließ. Dem an die Dunkelheit gewöhnten Auge schienen jetzt, hoch aufgerichtet, die Kissen zu Häupten des Bettes. Aber der Schlaf war nur ein schlechtes und verseuchtes Palliativ geworden, und die Bande rissen beim Erwachen nur um so schlimmer von unserem wunden Bewußtsein los. Frierend, den Mantel zusammengeschlagen, rührte ich mich nicht.
Und wie aufgehaltenes, zum Stocken gebrachtes Blut, das seinen Lauf erzwang, so quollen da jetzt mit der Schwere des Blutes stoßweise jene Tränen hervor, die so anders sind als die um unser persönliches Leid; sie, die einem Frühlingsschauer gleich das Herz erleichtern. Was sind wir Einzelne? Was unser Kummer? Ist nicht selbst unser bißchen Liebesnot noch Glück? Jene anderen Tränen aber, welche stoßweise und mit der Schwere des Blutes hervorbrechen, weil sie mit dem Todesschweiß unzähliger Jünglinge gespensterhaft verklebt sind wie mit der versteckten Qual ganzer Generationen von Frauen und den schon steigenden Schatten ihrer Schwermut, wer sie erfuhr, ja, wer immer sich heute von der Strömung nicht einfach überfluten ließ, der Frevler, der sich umsah nach der Gomorrha unserer Zeit, mußte der nicht versteinern wie die Frau des Lot?
So kam ein neuer Tag. So dämmerte ein nüchterner und winterlicher Morgen. Wieder ließ mich die Vernunft hart an und verabscheute mein gestriges Verhalten. Zwei Zungen hingen mir ja nicht an, um die zwei Dinge, um die es sich handelte, zugleich zu sagen. So war Lüge, was immer ich sprach.
Ich kann dir die Öde jenes Morgens nicht schildern. Draußen hingen Fahnen übernächtig und durchnäßt von den Dächern herab ob irgendeines Sieges. Da entglitt mir die Treue wieder, die mich doch beseelte, und über das Gefühl für das Nächstliegende gebot ich nicht. Nichts von Vernunft mehr! Nur die fürchterliche Schwüle irrsinnigen Wissens. Es war die Hölle. Ich riß das Fenster auf. Das harte Pflaster der Straße ward da zur einzigen Lockung.
Warum ist es dein Bild gewesen, das mich da umgab und aus dem umdunkelten Zimmer bis hart an meine Knie hinrückte? Ein Ansturm klingender Sphären, ein erhobener Stab, und der beschwingte Schatten deiner Hände über eine bessere Welt. Dies alles umflatterte mich wie Himmelsvögel und entschwand, und es blieb nur der eiserne Vorhang trauernd herabgelassen vor dem Imperium unseres Gedankens und unserer Musik. Aber nur dich allein, dem in der Fülle des Lichts jenseits des eisernen Vorhanges Gebliebenen, ich durfte nur dich und nicht die Menschen, die mit mir leben, zu Vertrauten dessen machen, was ich heute dachte. Es war nicht billig. Ich mußte die eigenen Rückschläge scheuen. Und es ging nicht an, ihnen gegenüber meine Worte immer wieder zurückzunehmen, um dann das Widerrufene neu festzuhalten.