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Briefe einer Deutsch-Französin

Siebenter Brief

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Natürlich ziehe ich München vor. Berlin ist mir nur insofern lieber als es größer ist; eine Stadt ist immer zu klein. Wenn schon, ei, so gebt mir die größte, die es gibt, oder dann gleich die Einsamkeit der Schlucht. Es ist ja mit den Menschen wie mit Lotterien, und nur deshalb sind Provinzstädte so hoffnungslos zu denken, weil nicht anzunehmen ist, daß auf eine beschränkte Zahl von Einwohnern oder von Losen ein Treffer kommt. Die Rechnung ist von furchtbarer Einfachheit.

Darum wird man in dem unmusikalischen Berlin mehr musikalische Leute antreffen wie in dem musikalischen München. Darum hast du und andere große Musiker das Pariser Publikum so sehr geliebt.

Um auf Dresden zurückzukommen, so konnte mir nach dem dortigen Abend nicht nur keine Stadt, auch kein Hotel groß genug sein. Zaghaft sprach ich im Adlon vor, doch ein engelsguter Herr tat nicht, als ob er meinen Namen hörte; ich hatte ein Dach über mir, und ich hatte ein Zimmer, dessen Vorhänge ich alsbald zusammenschloß, das kreidige Licht des Tages auszuschalten, denn mir schien, als hätte ich fürs erste einiges zu vergessen.

Doch ein heftiges Klingeln über meinem Kopfe schreckte mich ins Bewußtsein zurück, und der erste Kondolenzanruf aus München drang in mein umdunkeltes Gemach.

Schon.

Die Zeit war den Leuten nicht zu schade gewesen, um sogleich den Vorfall nach allen Gegenden des Reiches zu posaunen, und nur den wenigsten Redaktionen war diese Zeit zu ernst, um solch aufgeregte Telegramme mit ihrem sichtbaren Stempel der Unverbürgtheit aufzunehmen. Das gelesenste Blatt meiner Vaterstadt gab flugs eine augenfällige Notiz zum besten, die zu berichtigen ich mich nicht beeilte, indes der Wald meiner Bekannten und die Flora meiner Freunde, sie, die ich so oft die Skrupellosigkeit, mit welcher die Journalisten wider besseres Wissen, ja geradezu auf Widerruf hin, Nachrichten verbreiteten, sowie die Leichtgläubigkeit der Vielen hatte verpönen hören, welche alles glaubten, was in der Zeitung stand, sie glaubten jetzt so unbesehen, was in der Zeitung stand, daß sie sich nicht einmal nach meiner eigenen Aussage umtaten, sondern, mit wenigen Ausnahmen, stiegen sie da unverweilt zu jener Leichtgläubigkeit, von welcher sie sich abseits glaubten, und ihrem verachteten Niveau herab. Besten Falles gaben sie mir ihr Bedauern kund, daß ich es jetzt mit der Presse verdorben hatte, doch ich dachte besser von ihr; gab es doch in der Presse, wie überall, anständige Leute, und ihrer war ich ganz sicher. Die andern aber . . . ja war es denn nicht Bürgerpflicht, es mit den andern zu verderben?

Der Rat der weisen alten Dresdnerin war indessen doch zur guten Stunde gekommen, denn es war nicht angenehm, in der Halle des Hotels all die Zeitungen aufliegen zu sehen, in welchen mein Name unter so fantastischen Überschriften zu finden war. Je weiter vom Orte der Handlung, desto freier natürlich tummelten sich die Reporter; es kostete ja nichts, mir in Steiermark deutschfeindliche Äußerungen „entschlüpfen“ und mich in Rüdesheim die deutschen Frauen, von welchen ich kein Wort gesagt hatte, beschimpfen zu lassen. Von allen Zeitungsfirmen wirbelten mir Ausschnitte, manche vier Spalten lang, entgegen, überall mit dem Angebot: Willst mehr du noch hören?

Aber der Geschmähte ist, wie ich vermute, schneller blasiert wie der Gefeierte; zu sehr gelangweilt schon, um auf weitere Äußerungen zu abonnieren, erfuhr ich von den paar freundlichen Stimmen nur mehr durch Hörensagen.

Im Gegensatz zu München nahmen meine Berliner Bekannten die Entrüstung der Journalie mit Humor. Was Wunder, daß mir die äußerste Linke Sympathie bekundete? Aber auch die äußerste Rechte war so seltsam. Auch diese Hand schien im stillen über mich gebreitet und klopfte mir, wenn niemand hersah, leise, unmerklich auf die Schulter, wenn auch unsicher, zögernd und nicht wissend, was sie wollte . . . . . .

Mit welchen Kreisen hatte ich es denn also verschüttet? — Ich besann mich auf eine, mit dem Reich der Mitte (oder wollen wir es die Lande der sechs Verbände nennen?) aufs engste verquickte Honoratiorin. Sie war selbst am Telephon, fragte erschrocken, wie mir sei, und entschwand. Dann kehrte sie ein wenig atemlos zurück und lud mich zu Tische ein. Aber mit Intimitäten war mir in diesen Gegenden nicht mehr gedient, sondern ich wollte einen letzten, richtig gehenden Tee im Rundkreis ihrer Bekannten.

Die hätten jetzt so schrecklich viel zu tun, sagte sie hastig. Allein ich zweifelte nicht, daß sie kommen würden. Da sie mich im unausgepfiffenen Zustande kannten, würde die Neugierde sie mir noch einmal entgegenführen.

Ich täuschte mich nicht: sie erschienen alle, und einige darüber. Sogar ein Töchterchen, das hier nichts zu suchen hatte und ihrem Lazarett ausgerissen war, saß da hart vor mir und starrte mich unverwandt und vorwurfsvoll unter ihrer Haube an, während man sich sehr lebhaft und außerordentlich pointiert über das Maß, den vorbildlichen Gerechtigkeitssinn, die rührende, fast langweilige Milde der deutschen Journalisten unterhielt.

Bequem in dem besten Klubsessel hingegossen hörte ich zu. — Hier kannte man Parteien wieder! Ich sah vom einen zum anderen und saß wie im Parkett. — Bald schlug ihr eigentliches Leitmotiv, das, worauf sie alle gestimmt waren, an, und wie von einer Strömung erfaßt, fielen ihre Worte im reißenden Lauf. Um alles, was sie zu behalten gedachten, handelte es sich jetzt, und auch, was man draußen noch nicht hatte, behielten sie hier. Ein gewichtiger Industrieller klopfte mit starken Besitzerfingern auf den Tisch. Und wie munter sie wurden! Meiner vergaßen sie ganz in ihrem Sprudel.

O, wie durchfuhr mich da glühenden Stoßes ein Erinnern! Es war kurz zuvor in einem windumrauschten Schloß gewesen, einst so festlich, jetzt ein Lazarett. Von den Offizieren fiel einer durch seine merkwürdig schöne, zusammengerissene Haltung auf. Er war aus dem Schlachtfeld allzu unvermittelt in eine Atmosphäre versetzt worden, die sich mittlerweile etwas zu ähnlich geblieben war. Es ging das Gerücht von einem peinlichen Auftritt zwischen ihm und ein paar Düsseldorfer Fabrikanten.

In der Tat wollte etwas in seinem Gesicht nicht zu seiner Haltung stimmen: in seiner Glätte einem verwaschenen Steine gleich, war es so blank und doch so abgewandt, so hell und doch von einer Trostlosigkeit getragen, die weder die Züge noch der Ausdruck dieses Gesichtes, sondern nur die Atmosphäre dieses Menschen verriet. Und dabei war etwas so intensiv Abwehrendes in ihm, daß es keine andere Art gab, ihm entgegen zu kommen, als ihm aus dem Wege zu gehen.

Ich war vor meiner Abfahrt trotz des Sturmes in den Park und bis zu einem Gartenhäuschen hingegangen, das schon die leeren Äcker überhing, dessen bernsteinfarbene Scheiben und bemalte Mauern aber einen sommerlichen Trug durch alle rauhen Monate hindurch behaupteten. Diese tapfere Pagode betrat ich ahnungslos. Denn vor mir war jener Offizier, auf einem Liegestuhle hingeworfen, und das Gesicht in die Lehne gedrückt, als ob er schliefe; vor dem Windstoß, der hinter mir die Türe zuschlug, sprang er auf, und da war es, mein Gott! daß ich ein von wilden Tränen überströmtes Männergesicht überraschte, und vor Entsetzen über diesen Anblick und vom Affekte hingerissen, wie eine Megäre diesen Krieg verfluchte. Aber dies verratene Gesicht und der Blick dieser jammervollen Augen entzog sich und erkaltete noch mehr. „Draußen ist es schön,“ sagte er schroff.

Das nächste, was ich von ihm sah, war sein Name unter den Gefallenen.

Ihn sah ich jetzt vor mir: von Bildern gejagt, die zu Furien sich verdichteten, und wie Orest vor ihnen hingestürzt; an ihn dachte ich jetzt.

Denn in das Gespräch dieser daheim gebliebenen Draufgänger mischte ich mich nicht; es lohnte sich nicht; und sie hatten ja recht! Aber so wie die Kriegsberichte der einen recht haben, nur muß man zur Orientierung auch die der anderen lesen. So äußerten sie über die französischen Zeitungen unwiderlegliche Dinge, und wenn sie sich über die niederträchtigen Beschimpfungen dieser Presse unterhielten, so war es nicht möglich, ihnen zu widersprechen oder ihre starken Ausdrücke als zu stark zurückzuweisen.

Aber es ist wirklich grotesk, mit welcher Naivität Leute, welche selbst die Insulte handhaben, überall ihre eigenen Insulten überhören; sie merken stets nur die der anderen. Und darum werden es stets die Hetzer sein, die sich über die Hetze der gegnerischen Seite entrüsten. Die anderen brauchen das nicht. Sie haben kein Organ für solche Dinge. Das dreiste Schimpfwort Barbaren wird sie eben so wenig treffen, als sie selbst sich erdreisten werden, Ausdrücke wie „Fäulnis“ und „Aasgeruch“[1] zu gebrauchen, wenn sie von der edlen und unsterblichen Nation der Franzosen reden. Denn sie sind keine Barbaren und wissen es infolgedessen besser.[2]

Diesen anderen aber dünken infolgedessen solche Ausdrücke durchaus nicht für Beleidigungen; und sie werden eine Kultur, die ihnen deshalb eine so absterbende dünkt, weil sie keinen Schimmer von ihr haben, in allen Tönen und Varianten morsch und putrefakt nennen.

Kapitänleutnant Mücke aber, der mit ihnen kämpfte, diesen Franzosen, welche die Zeitschrift schildert, Kapitänleutnant Mücke äußert sich folgendermaßen: „Der Kommandant des französischen Torpedobootes hatte bei der ersten Salve beide Beine verloren. Als er sah, daß ein Teil der Mannschaft über Bord sprang, schrie er: Bindet mich fest! Ich will nicht überleben, daß Franzosen ihr Schilf verlassen. Tatsächlich ist er als tapferer Kapitän an dem Mast gebunden untergegangen.“

Nun aber die Zeitungen: Als wir die Franzosen später fragten, warum sie vor unseren Rettungsbooten weggeschwommen seien, sagten sie: ‚On nous dit que les Allemands aimaient à tuer leurs prisonniers.‘ Man darf ohne den allerletzten Beweis keinen, auch den größten Schurken, eines Verbrechens anklagen, aber noch immer ist dies eine gesetzlose Welt den Volksverleumdern gegenüber, die wie eine Schwäre ganz Europa so lange überziehen werden, bis es endlich einen Paragraphen gegen sie gibt. Dann erst würden sich auch alle diejenigen besinnen, die sich heute zu ihren Gesellen erniedrigen. Neulich bemerkte jemand so richtig: ‚Immer hören wir, es trügen überall nur ganz wenige eine Verantwortung an diesem Kriege, und die Vielen seien überall ganz unschuldig daran, während es sich doch gerade umgekehrt verhält, und überall die Vielen auf tausenderlei Weise, und wäre es nur durch ihre Gedankenlosigkeit, teil an der ungeheuren Blutschuld haben, und nur die Wenigsten mit reinen Händen vor ihr stehen.‘

Dem Führer der Emden versagte die Stimme und der Schmerz übermannte ihn, als man die Besatzung eines Schiffes, das er torpediert hatte, verloren geben mußte. Aber vor mir saß eine dicke, unnütze und ordinäre Baronin und sprach ihre Genugtuung über die Bomben aus, welche London getroffen hatten.

O! du hättest hören sollen, wie sie redeten! Und hier saß keiner, der den Frieden um des Friedens halber ersehnte, vielmehr saß hier keiner, der nicht irgendeinen Vorteil aus all dem Jammer zog, der heute den Erdteil erfüllt. Ein Haß wie eine dunkle Säule richtete sich in mir auf gegen diese Gesellschaft, in deren Mitte ich zum letzten Male saß. Denn dies ist das einzig Gute an diesem Krieg, daß man aufräumt mit seinem Umgang und nicht länger aus diesem oder jenem lächerlichen Grund sich mit Leuten weiterschleppt, mit denen man nichts gemein hat.

Aber etwas Witziges muß ich dir noch erzählen: Als der „Matin“ nachträglich von dem Dresdener Skandal erfuhr, beschwerte er sich auch.

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