III. Kapitel Der Hexen- und Teufelswahn in der Mittelalterlichen Kirche
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Die moderne Weltanschauung betrachtet alles Geschehen als Naturgesetzen unterworfen. Überall herrscht die lückenlose Kausalität. Keine Ursache ohne Wirkung, keine Wirkung ohne Ursache und zwar eine Ursache, die natürlich ist und unter sonst gleichen Umständen genau dieselbe Wirkung hervorruft. Das Experiment des Naturforschers hat diese Weltanschauung zur notwendigen Voraussetzung. Denn welchen Wert hätte alles Experimentieren, wenn die Möglichkeit bestände, daß trotz genau gleicher Bedingungen die Wiederholung einer Untersuchung ein anderes Resultat lieferte? Kommt bei verschiedenen Versuchen nicht jedesmal genau dasselbe Ergebnis heraus, dann ist nach unserer Weltanschauung der einzig zulässige Schluß der, daß die Versuchsbedingungen eben doch nicht genau gleich waren, daß das Material geringe Differenzen aufwies, die Wärme verschieden war, die Versuchsdauer variierte und was noch dergleichen Möglichkeiten mehr sein mögen.
Was für den Physiker, Chemiker, Elektriker gilt, hat auch seine Gültigkeit in allen anderen Naturwissenschaften, nur daß in einigen von ihnen — etwa in der Medizin — die Vorbedingungen des Experimentes nie mit der absolut erforderlichen Genauigkeit herstellbar sind, weil es sich eben um lebende Wesen handelt, die immer mehr oder minder voneinander abweichen. Sieht der Arzt einen Fall von Geisteskrankheit, so wird er keinen Augenblick zögern, die Ursache dafür im Inneren des Patienten, in seinem Gehirn zu suchen. Die krankhafte Störung des Gehirnes aber, deren Folge eben die Wahnerscheinungen sind, wird er je nachdem auf Alkoholmißbrauch, Lues, Verkalkung der Arterien oder sonst eine natürliche Ursache zurückführen. Was dem wissenschaftlichen Menschen als Ursache völlig fern liegt, was er als unmöglich abweist, ist das Wunder, d. h. die Durchbrechung der naturgesetzlichen Kausalität durch eine außer- oder übernatürliche Kraft, mögen wir sie nun Gott, Teufel oder Dämonen nennen.
Primitive Zeiten dachten anders und mußten auch anders denken. Gewiß hatte man in so und so vielen Fällen die regelmäßige Aufeinanderfolge bestimmter Vorgänge beobachtet und dies in einen Kausalzusammenhang gebracht; etwa die zunehmende Wärme im Frühling und die darauf zurückzuführende Entfaltung der Vegetation, oder die Einwirkung der Wärme auf den Aggregatzustand der meisten Stoffe u. a. m. Aber diese Beobachtungen waren nicht sehr zahlreich und die Interpretation sehr häufig irrig. Sah man z. B. den Mond in einer klaren kalten Winternacht, so folgerte man die Kälte aus seiner Einwirkung, während umgekehrt eine Folge der Kälte und der dadurch verhinderten Nebelbildung seine größere Sichtbarkeit ist. Oder sah ein Naturvolk die Schmetterlinge in der größten Tageshitze am zahlreichsten fliegen, so folgerte es daraus, daß der Flug dieser Insekten die Hitze hervorrufe, um so mehr, als sie gegen Abend zugleich mit der Sonne verschwinden. So wurde der Schmetterling Herr des Tages und ihm eine wunderbare Macht beigelegt.
Die Folge der geringen Kenntnisse der Naturgesetze mußte sein, daß man überall, wo etwas nicht sofort erklärlich war, nicht nach ihnen suchte, da sie ja doch nur in den seltensten Fällen genügende Auskunft hätten geben können, sondern nach übersinnlichen Ursachen. Bald war es das unmittelbare Eingreifen Gottes, bald das des Teufels, seines Gegners, der in einer Welt, die lediglich nach gut und böse gewertet wurde, Urheber des letzteren sein mußte. Dazu kamen Zauberer und Hexen.
Das alles ist durchaus nicht dumm, sondern nur unwissend. Und es wird desto entschuldbarer, als die höchste Instanz, die Bibel, sowohl im Alten, als im Neuen Testament soundsooft von einem leibhaftigen Teufel spricht, wie von Dämonen, Engeln und Hexen.
Anders müssen wir diese naive Denkweise beurteilen zu einer Zeit, wo die Naturwissenschaften bereits so fortgeschritten sind, daß sie in den meisten Fällen eine zureichende Erklärung der Erscheinungen bieten können.
Das war aber bereits im 16. Jahrhundert bei uns der Fall. Hatte sich doch gegenüber der äußerst dürftigen Kenntnis der Natur im frühen Mittelalter, im 16. und besonders noch im 17. Jahrhundert das Wissen von ihr ganz außerordentlich vermehrt. Wir können es verstehen, wenn das Volk, das doch von den Forschungsergebnissen der Gelehrten nur eine sehr verschwommene Kenntnis besitzt, am Aberglauben festhält, dazu neigt Natürliches, dessen Kausalität es nicht kennt, übernatürlich zu erklären. Dafür müssen wir jedoch erwarten, daß die intellektuellen Instanzen, die Kirche, die Obrigkeit, die Theologen, die ganze Gelehrtenwelt alles aufbietet, um nach der Richtung der natürlichen Erklärung des Weltgeschehens zu wirken.
Gerade diese sind dazu berufen in Fällen, die an sich vielleicht die Wahl zwischen den Möglichkeiten der natürlichen und übernatürlichen Erklärung zuließen, alles daranzusetzen, der ersteren Vorschub zu leisten, im Sinne der Aufklärung und Befreiung vom Alb des Aberglaubens. Selbst wenn sie von der Existenz der Hexen und Zauberer theoretisch überzeugt wären, so müßten sie bestrebt sein, in der Praxis deren Wirkungsbereich nach Tunlichkeit einzuschränken und damit den Weg verfolgen, den vor ihren Augen die Wissenschaft seit Jahrhunderten eingeschlagen hat. Wir sehen aber das Gegenteil! Gerade in dieser Zeit wurde die Hexentheorie am wahnwitzigsten ausgebildet und mit Gewalt verbreitet.
Die Dummheit besteht also in erster Linie darin, daß wir die Autoritäten in kulturhemmender Weise und dem Fortschritt der Naturwissenschaften entgegen arbeitend, am Werke sehen. Statt die natürliche Deutung zu fördern, selbst auf die Gefahr hin, eine Hypothese aufzustellen, die ihrem Bereich weitere Grenzen steckt, als der damalige Zustand der exakten Wissenschaft gestattete, wird sie bekämpft. Aber selbst wenn es wirklich Zauberei je gegeben hätte, wäre es weit klüger gewesen, diese Tatsache zu ignorieren, als durch Aufwerfung der Frage neuerdings Unruhe in ein sich beruhigendes Volk zu tragen und zahlreiche Menschen Qualen und dem Tode auszuliefern.
Um es nochmals mit allem Nachdruck zu betonen: der Glaube an Teufel und Zauberei ist allen primitiven Völkern gemeinsam. Er schwindet erst mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften. Auch die Antike war von diesem Wahn nicht frei und Christus teilte ihn gleichfalls. Während er aber im Neuen Testament einen winzigen Raum einnimmt, während wir genötigt sind, die bescheidenen naturwissenschaftlichen Kenntnisse der Antike und der ersten Hälfte des Mittelalters als hinreichende Entschuldigung anzuführen, fällt dies für die neuere Zeit fort. Da ist es die Autorität des Papsttums und die der Bibel, die ihn festhalten, während die Erleuchtetsten der Zeit ihn längst innerlich überwunden hatten, ja, während das niedere Volk ihn, wie die Prozeßakten lehren, bereits anfängt aufzugeben. Da ist es das Kirchenregiment, das ihn mit Gewalt einem sich von mittelalterlichem Aberwitz befreienden Volke aufzwingt, ungezählte Tausende ihm zuliebe auf die grausamste Weise hinschlachtet.
Gerade in dem Augenblick, in dem die Naturwissenschaften diese Irrlehre überwunden haben, wird sie päpstlicherseits neuerdings in ein System gebracht und mit einem Eifer verfochten, wie ihn die Kirche für eine gute Sache kaum je aufzubringen vermocht hatte.
Ein Analogon finden wir in der Anti-Modernistenbewegung der Gegenwart. Es ist ganz sonnenklar, daß die Kirche in ihrer gegenwärtigen Verfassung und mit starrem Festhalten an längst veralteten Glaubenslehren dem Untergange in dem Sinne verfallen ist, daß sie aufhören wird, die geistig Reifen zu befriedigen. Um das gänzliche Hinabsinken in den Paganismus zu verhüten, der alten Form neues Leben einzuflößen, nicht auf Schritt und Tritt die Inferiorität der christlichen gegenüber den profanen Wissenschaften merken zu lassen, haben gläubige und kluge Männer versucht, dem modernen Geist bei aller Wahrung des prinzipiellen katholischen Standpunktes die nötigen Konzessionen zu machen. Sie revidierten den Glauben an die Verbalinspiration der Bibel, legten die kritische Sonde an ihre historischen Berichte an, leuchteten in die Geschichte der kirchlichen Dogmen und Institutionen hinein, kurz begannen jene Modernisierungsarbeiten, die bei einer so uralten Organisation, wie die Kirche ist, sicherlich ebenso notwendig ist, wie die Restauration eines alten Domes.
Das wäre in früheren Jahrhunderten kaum erforderlich gewesen, da damals die historische Textkritik noch nicht einmal in ihren Anfängen existierte, die profanen Wissenschaften noch wenig entwickelt waren und das Volk gläubig hinnahm, was ihm die kirchliche und weltliche Obrigkeit hinzunehmen befahl. Das lehrt etwa die Geschichte der sogenannten Konstantinischen Schenkung, die erst Laurentius Valla als Fälschung nachwies, ohne damit eine tiefe Wirkung zu erzielen. Jetzt aber ist bei dem völlig veränderten Zeitgeist die Notwendigkeit zwingend und alle Verständigen sehen sie auch ein.
Dies ist nun, wie im Falle des Hexen- und Teufelsglaubens, der Augenblick, in dem das Papsttum mit seinem unheilvollen, im eminentesten Sinne kulturfeindlichen Einfluß einsetzt. Und zwar durch die verschiedenen Motu proprios gegen die »Modernismus« genannte, oben gekennzeichnete Bewegung, die zwar nirgends so existiert, wie der Papst sie sich vorstellt, immerhin aber ähnliche Tendenzen verfolgt.
Da wir auch in diesem Falle dem »Statthalter Christi« keine gemeine, auf den Untergang der Kirche und die Schädigung der Kultur hinauslaufende Gesinnung zuschreiben können und dürfen, sind wir gezwungen, die Dummheit in höchster Potenz als Milderungsgrund anzuführen.
Eigentlich brauchte niemand die Kirche anzugreifen, solange ein Pius X. an ihrer Spitze steht. Schädigt dieser Papst sie doch viel nachdrücklicher, als es der fanatischste Kirchengegner je vermöchte.
Sehen wir uns nun einmal den Teufels- und Hexenglauben an, wie ihn die Kirche ausbildete und lehrte und zum Teil heute noch, wie das Nachstehende beweisen wird, vertritt!
Wenn Gregor IX., der leidenschaftliche Feind des Hohenstaufengeschlechtes, in seiner Bulle Vox in Rama vom 13. Juni 1233 den Tod derer fordert, die sich mit dem »Frosch- und Kater-Teufel so groß wie ein Backofen« eingelassen haben, dann werden wir diese Dummheit zwar belächeln, aber mit der Zeit entschuldigen.
Das kann man vielleicht noch für den Aberglauben Papst Johann XXII. (1316-1334) anführen, der in seiner Bulle Super specula in hochtönenden Worten den größten Blödsinn offenbart. Dieser Statthalter Christi überbot sich selbst an tollem Aberglauben. Man hatte ihm weisgemacht, es gäbe ein Schlagenhorn (cornu serpentinum), mittels dessen Gift entdeckt werden könne. Er läßt es sofort kommen und verpfändet für diesen unschätzbaren Wertgegenstand seiner Besitzerin alle seine bewegliche und unbewegliche Habe. Zugleich bedroht er jeden mit dem Banne, der sich dieses Schlagenhorn widerrechtlich aneignen will. Im Jahre 1317 schreibt er: »Gottes Barmherzigkeit habe in seine Hände drei Zauberbilder gelangen lassen, durch deren Durchstechung diejenigen Personen, auf deren Namen diese Bilder getauft seien, getötet wurden.« Er hatte folgerichtig für sich selbst auch immer die größte Angst vor jemand, der die Wachsbilder mit seinem Bildnis durchstechen würde, so daß er stürbe. Übrigens hielt sich dieser Glaube in Italien noch im 18. Jahrhundert, wie aus Casanovas Mailänder Erlebnis hervorgeht.
Daß dieser Wahn praktisch die übelsten Folgen haben konnte, lehrt das Beispiel des Magister Gerardi, Bischofs von Cahors. Weil er auf diese Weise dem Papst nach dem Leben getrachtet haben soll, wird er nach Avignon zitiert, für schuldig befunden, degradiert und verbrannt. Es ist kein Wunder, daß mancher es versuchte, seinen Gegner auf so einfache Weise zu beseitigen und verschiedene derartige Fälle sind aus der politischen Geschichte bekannt. Sicherlich muß die böse Absicht scharf bestraft werden. Sie wäre so schwer zu beurteilen, wie etwa ein Mordanschlag mit einem Revolver, dessen Patrone ohne Wissen des Attentäters entfernt wurde. Wir können es daher dem Papst gewiß nicht verübeln, daß er ein strenges Gericht hielt, denn wenn der Bischof Gerardi wirklich solche Absicht gehegt hatte, war er ein Verbrecher. Wohl aber nehmen wir mit Befremden Kenntnis vom Irrwahn des Hauptes der Christenheit.
In einer Bulle vom 4. November 1330 spricht Innozenz XXII. von schriftlichen Verträgen mit dem Teufel, von Teufelsanbetung, sowie von Zauberbildern, durch die der Teufel herbeigerufen werden könne. Auf dem gleichen Standpunkt steht auch Eugen IV. in einem Rundschreiben an die Inquisitoren vom Jahre 1437.
Mittelalter! wird man sagen. Gut.
Statt nun aber eine Abnahme des Wahnes zu beobachten, müssen wir dessen Steigerung konstatieren, ja einem Innozenz VIII. — welcher Hohn liegt in diesem Namen! — blieb es vorbehalten, in den religiösen Teufelsspuk auch noch das geschlechtliche Moment einzuflechten und damit an Blödsinn und Ekelhaftigkeit etwas zu erzeugen, was länger fortleben sollte, als seine 16 unehelichen Kinder[1].
Im Jahre 1484 erschien die Hexenbulle, also zu einer Zeit, als Leonardo da Vinci und Regiomontanus wirkten, Kopernikus schon geboren war.
Die Hexenbulle (Summis desiderantes), eines der fluchwürdigsten Erzeugnisse der Menschheitsgeschichte, lautet:
»Mit glühendem Verlangen, wie es die oberhirtliche Sorge erfordert, wünschen wir, daß der katholische Glaube wachse und die ketzerische Bosheit ausgerottet werde. Deshalb verordnen wir gerne und aufs neue, was diese unsere Wünsche zum ersehnten Ziele bringt. Nicht ohne ungeheuren Schmerz ist jüngst zu unserer Kenntnis gekommen, daß in einigen Teilen Deutschlands, besonders in der Mainzer, Kölner, Trierer, Salzburger und Bremer Gegend sehr viele Personen beiderlei Geschlechts, uneingedenk ihres eigenen Heils und abirrend vom katholischen Glauben, sich mit Teufeln in Manns- oder Weibsgestalt (cum daemonibus incubis et succubis), geschlechtlich versündigen und mit ihren Bezauberungen, Liedern, Beschwörungen und anderm abscheulichen Aberglauben und zauberischen Ausschreitungen, Lastern und Verbrechen die Niederkünfte der Weiber, die Leibesfrucht der Tiere, die Früchte der Erde, die Weintrauben und die Baumfrüchte, wie auch die Männer, die Frauen, die Haustiere und andere Arten von Tieren, auch die Weinberge, die Obstgärten, die Wiesen, die Weiden, das Getreide und andere Erdfrüchte verderben und umkommen machen, auch peinigen sie die Männer, die Weiber, die Zug-, Last- und Haustiere mit fürchterlichen inneren und äußeren Schmerzen und verhindern die Männer, daß sie zeugen, die Weiber, daß sie gebären, und die Männer, daß sie den Weibern, und die Weiber, daß sie den Männern die eheliche Pflicht leisten können. Auch verleugnen sie den Glauben, den sie in der Taufe empfangen haben, mit meineidigem Munde. Ferner begehen sie überaus viele schändliche Verbrechen, Sünden und Laster auf Anstiften des Feindes des Menschengeschlechtes, zum Schaden ihrer Seelen, zur Beleidigung der göttlichen Majestät, zum Ärgernis vieler. Und das geschieht, obwohl unsere geliebten Söhne, Heinrich Institoris für die obengenannten Teile Deutschlands und Jakob Sprenger für gewisse Striche am Rhein, beide Mitglieder des Predigerordens und Professoren der Theologie, durch apostolische Briefe zu Inquisitoren bestellt worden sind und noch sind. Dennoch scheuen sich einige Geistliche und Laien jener Länder nicht, da sie mehr verstehen wollen, als nötig ist, halsstarrig zu behaupten, weil in den Bestallungsbriefen (dieser Inquisitoren) einige Diözesen, Städte und Orte, auch einige Personen und ihre Ausschweifungen und Laster nicht namentlich genannt sind, diese auch nicht inbegriffen seien, so daß diese Städte und Orte den genannten Inquisitoren auch nicht unterständen, so daß sie dort ihr Amt nicht ausüben und dort ihre Strafen nicht verhängen könnten. So bleiben denn zum augenfälligen Schaden der Seelen und zur Gefahr des ewigen Seelenheils in diesen Gegenden solche Verbrechen straflos. Wir aber, indem wir alle und jede Hindernisse, durch welche die Ausübung des Inquisitorenamtes auf irgendeine Weise verzögert werden könnte, aus dem Wege räumen, damit die Seuche der Ketzerei und anderer solcher Verbrechen ihr Gift zum Verderben der Unschuldigen nicht ausbreiten könne, wollen, wie es unser Amt erfordert, taugliche Hilfsmittel anwenden, da der Glaubenseifer uns dazu antreibt. Damit sich nun nicht ereigne, daß die obengenannten Länder ohne das notwendige Inquisitionsamt seien, so setzen wir aus apostolischer Vollmacht fest, daß den genannten Inquisitoren gestattet sei, ihr Amt dort auszuüben, und daß sie die Bestrafung dieser Verbrechen vornehmen können, als ob diese Länder, Städte, Orte namentlich aufgeführt wären. Und indem wir aus größerer Sorgfalt diese Bestallung auf die genannten Länder ausdehnen, gestatten wir den genannten Inquisitoren, daß sie und jeder von ihnen, unter Zuziehung unseres geliebten Sohnes Johann Gremper, Magister aus der Konstanzer Diözese, in den genannten Länderstrichen Alle, die sie der genannten Verbrechen schuldig befunden haben, nach ihren Verbrechen züchtigen, einkerkern und am Leib und Vermögen strafen können; auch gewähren wir diesen Inquisitoren freie Vollmacht in allen Kirchen, sooft es ihnen gut scheint, das Wort Gottes zu predigen und Alles und Jedes, was dazu nützlich erscheint, zu tun. Wir befahlen durch apostolische Schreiben dem Bischof von Straßburg, daß er, sooft er von diesen Inquisitoren ersucht wird, es öffentlich kund tun soll, daß sie in nichts und von niemand beeinträchtigt und gehindert werden. Alle aber, die sie hindern, weß Amtes sie auch seien, sollen von ihm durch Exkommunikation, Suspension und Interdikt und andere noch schrecklichere Strafen, ohne jede Berufung, gebändigt werden, und, wenn nötig, soll gegen sie der weltliche Arm angerufen werden: Keinem Menschen soll es erlaubt sein, dies unser Schriftstück zu verletzen oder in frevelhaftem Wagnis diesem entgegen zu handeln. Wenn aber jemand dies versuchen sollte, so wisse er, daß er den Zorn des allmächtigen Gottes und der Apostel Petrus und Paulus auf sich geladen hat. Gegeben zu Rom bei St. Peter, im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1484, im ersten unseres Pontifikats am 5. Dezember«[2].
Dieses Schriftstück hat in seinen Konsequenzen wohl mehr Kummer und Not über die Christenheit gebracht, als irgend ein Krieg oder die schlimmste Seuche.
Deutlich geht aus ihm hervor, daß man mit der Inquisition mancherorts keineswegs einverstanden war, daß sich also bereits im Volke Kräfte regten, die diesen Unsinn abschütteln wollten und daß der Papst es war, der mit seiner ungeheuren Autorität für diese Dummheit eintreten mußte um zu verhüten, daß die Vernunft damals schon siegte.
Übrigens war die Erfindung des Mann-Teufels und Weib-Teufels schon dem grüblerischen Geiste des gefeierten und für seine Zeit auch gewiß feiernswerten Thomas von Aquino gelungen. Daß das Papsttum für diese Ausgeburt einer verderbten mönchischen Phantasie die volle Verantwortung übernahm, geht klar aus obiger Bulle hervor.
Doch fortzeugend sollte sie Böses stiften, praktisch und theoretisch. Wir können auf eine Schilderung der Greuel des Hexenprozesses, der unermeßlichen Leiden, die dieser Wahn über die Menschheit brachte, umso eher hier verzichten, als wir an anderer Stelle[3] die Materie eingehend behandelten. Zudem war die Art der Verfolgung nichts weniger als dumm, sondern im Gegenteil sehr raffiniert. Dumm waren die Voraussetzungen, die zur Hexenverfolgung führten, brutal und jeder Menschlichkeit Hohn sprechend aber die Art der Durchführung.
Wenden wir uns nunmehr der theoretischen Ausbildung zu, die diese Lehre unter dem mächtigen Schutz des Papsttums finden sollte.
Institoris und Sprenger, »unsere geliebten Söhne«, wie sie der Papst nennt, die fluchwürdigsten Scheusale und wahnwitzigsten Narren, wie wir sie heißen möchten, haben ihre Namen für ewige Zeiten mit der Teufels- und Hexenlehre unlöslich verbunden. Gegen sie müssen ein Dschingis Chan, ein Timur, ein Alba und Caligula geradezu harmlos genannt werden, hörte doch mit deren Tode auch ihr Treiben auf, während dem »Hexenhammer« der Hydra gleich stets neue Köpfe wuchsen.
Die beiden Dominikanermönche könnten selbst uns zum Teufelsglauben bekehren. Denn die Hochachtung vor der Menschheit sträubt sich gegen die Annahme, daß ohne höllische Einflüsse ein Werk wie ihr »Hexenhammer« (Malleus maleficarum) das Licht des Tages erblicken konnte. Fast alles, was seit Erscheinen dieses wahrhaft teuflischen Buches über die Materie geäußert wurde, geht direkt oder indirekt auf diese Quelle zurück. Seiner verpestenden Wirkung können sich selbst Geister wie Pico della Mirandola, der in seiner Rede von der Würde des Menschen so wundervolle Gedanken entwickelt[4], nicht entziehen. Der Dichter Fischart, ein Protestant, gibt das Buch neu heraus, Albrecht Dürer und Hans Baldung Grien widmen ihre unsterbliche Kunst diesem Vorstellungskreise. Noch auf den bayerischen Kodex Maximilianeus von 1751 erstreckt sich die unheilvolle Wirkung dieses grausigen Werkes.
Betrachten wir den Inhalt, wie ihn Hoensbroech in bisher nicht erreichter Vollständigkeit übermittelt[5].
Das Buch bejaht die Frage, daß es eine Schwarzkunst gibt, und der Teufel mit dem Schwarzkünstler zusammen wirke. Daß es sich nicht um Einbildung handelt, beweist nach der Ansicht der Verfasser die Bulle Summis desiderantes. Hier ist also mit wünschenswerter Deutlichkeit der Papst, der ja auch das Werk selbst approbierte, als Quelle und Eideshelfer angeführt.
Die dritte Frage lautet: Können durch Inkubi und Sukkubi Menschen erzeugt werden? Hierbei ist erklärend zu bemerken, daß die Daemones incubi in der bis heute gültigen katholischen Terminologie jene Teufel sind, die sich in menschlicher Gestalt mit anderen Menschen fleischlich vergehen, indem sie als Männer mit Frauen (»Drauflieger«) Unzucht treiben, während die succubi beim Geschlechtsakt die weibliche Rolle spielen.
Natürlich wird die Frage bejaht. »Die Behauptung, durch Inkubi und Sukkubi können Menschen erzeugt werden, ist so katholisch, daß ihre Leugnung den Aussprüchen der Heiligen, der Überlieferung und der hl. Schrift widerstreitet«. Und zwar übt der Teufel nicht um der fleischlichen Ergötzung willen die Unzucht aus, sondern um dadurch die menschliche Natur in ihren beiden Bestandteilen, Mann und Weib, am schwersten zu schädigen. Der hl. Thomas lehrt, daß der männliche Teufel (incubus) unter Gottes Zulassung den nötigen Samen von einem Manne entnehmen kann, um ihn im Beischlaf zu übertragen! Gewisse Teufel schrecken wegen der Vornehmheit ihrer Natur vor gewissen unzüchtigen Handlungen zurück! Vielmehr werden diese von den untersten Teufeln ausgeführt. Genealogisch gehen diese Teufel auf die untersten Engel zurück. Der oberste Teufel heißt Asmodeus.
In der sechsten Frage, warum die Schwarzkunst bei den Frauen verbreiteter sei als bei den Männern, wozu bemerkt wird, daß sich dieser Gegenstand gut für Predigten an die Frauen eignet, wird über die Frauen folgendes Urteil gefällt: »Was ist denn auch das Weib anders, als eine Vernichtung der Freundschaft, eine unentfliehbare Strafe, ein notwendiges Übel, eine natürliche Versuchung, ein begehrenswertes Unheil, eine häusliche Gefahr, ein reizvoller Schädling, ein Naturübel mit schöner Farbe bestrichen?«
Wurde je niedriger über das Weib geurteilt, als hier von einer durch die höchste kirchliche Autorität sowie die Approbation der theologischen Fakultät in Köln gestützten Stelle?
Auf den Blödsinn, der hier über die Minderwertigkeit der Frauen vorgebracht wird, näher einzugehen, verlohnt sich nicht. Um aber das Niveau der Beweisführung zu kennzeichnen, sei nur folgender ethymologischer Scherz angeführt: Das Wort Femina (Frau) ist aus fe (fides, Glaube, Treue) und minus (weniger) zusammengesetzt, denn das Weib hat stets weniger Glauben und wahrt weniger die Treue, als der Mann! Solche Ethymologien finden sich im »Hexenhammer« noch mehrere. So versichern die Verfasser an anderer Stelle (p. 65), daß maleficiendo aus male de fide sentiendo herzuleiten sei. Das beweist natürlich die Synonymik bzw. Idendität des Mannes, der über den Glauben schlecht urteilt, des Ketzers, mit dem Übeltäter schlechthin!
Es wird dann weiter gefragt und bejaht, daß die Schwarzkünstler Menschen zu Liebe oder Haß bewegen können, daß sie den ehelichen Akt verhindern, die Kriterien werden untersucht, aus denen zu entnehmen ist, ob das geschlechtliche Unvermögen auf Schwarzkunst oder natürlichen Mangel zurückzuführen ist.
Die neunte Frage: Können Hexen das männliche Glied durch Zauberei so behandeln, als sei es vom Leibe getrennt? sei auch als Schulbeispiel der Dummheit in ihrer Beantwortung mitgeteilt: Die Hexen können in Wirklichkeit und Wahrheit das männliche Glied vom Körper trennen. Dafür lautet ein Beweis: Die Verwandlung der Frau des Loth in eine Salzsäule ist mehr, als die Trennung des männlichen Gliedes vom Körper. Nun ist aber jene wirklich geschehen, also kann auch diese geschehen. Aber diese wirkliche Trennung ist doch nur subjektiv wirklich, nicht objektiv, d. h. das Glied bleibt am Körper, aber für die Sinne (Auge, Hände) ist es nicht mehr vorhanden. Durch Zauberei kann ein flacher, fleischfarbener Körper vorgeschoben werden, der für Hand und Auge nur mehr eine Fläche darstellt, ohne Unterbrechung durch das männliche Glied.
Ferner wird konstatiert, daß die Hexen Menschen in Tierleiber verwandeln können, daß schwarzkünstlerische Hebammen häufig die Kinder im Mutterleibe töten, Fehlgeburten verursachen und neugeborene Kinder dem Teufel opfern.
Ein päpstlicher Inquisitor von Como hat aus diesem Grunde — in einer nächtlichen Hexenversammlung soll ein Kind aufgegessen worden sein — im Jahre 1487 einundvierzig Hexen verbrennen lassen.
Diese Proben des theoretischen Teiles dürften wohl genügen. Nunmehr wollen wir noch einige Beispiele aus dem zweiten Teil des Werkes, in dem die Äußerungen der Hexerei niedergelegt sind, anführen.
Zunächst wird die Frage beantwortet, wem der Zauberer nicht schaden kann, und dabei auf Weihwasser, geweihte Kerzen und geweihte Kräuter, die man verbrennt, als Abwehrmittel verwiesen. Als jemand in Ravensburg von einem Teufel in Weibsgestalt zur Unzucht angereizt wurde, fiel ihm ein, in der Predigt gehört zu haben, daß geweihtes Salz ein gutes Mittel dagegen sei. So nahm er denn beim Eintritt in die Kammer von dem Salz; das vermeintliche Weib verzerrte das Gesicht und verschwand plötzlich. Ferner werden die Worte der Kreuzesaufschrift Christi an den vier Wänden in Form eines Kreuzes angebracht, empfohlen. Äußerst wirksam ist der Schutz himmlischer Geister, die den Gestirnen die Bewegung verleihen. Das bewährt sich besonders bei Behexung der Zeugungsfähigkeit. So kam einst ein Engel zum hl. Serenus, öffnete ihm den Leib und entfernte aus seinen Eingeweiden ein feuriges Stück Fleisch. Dadurch erlangte der Heilige eine solche Keuschheit, daß er niemals mehr irgendwelche sinnliche Regungen, wie sie selbst bei Kindern und Säuglingen vorkommen, verspürte.
Im I. Hauptstück wird von den Arten erzählt, durch welche die Teufel Unvorsichtige mittels Behexungen zur Gottlosigkeit verleiten, im II. von der Hexerei als Beruf. Es gibt drei Arten von Hexen: einige erregen Hagel, Gewitter, Stürme; bewirken Unfruchtbarkeit bei Menschen und Tieren; verzehren Kinder und opfern sie dem Teufel; machen Pferde scheu; fliegen körperlich durch die Luft; töten durch bloßen Blick. Allen drei Arten von Hexen ist gemeinsam, daß sie mit dem Teufel Unzucht treiben.
Die Hexen weihen sich entweder auf feierliche Art dem Teufel, indem sie ihm, der in Menschengestalt erscheint, Treue in die Hand geloben, oder auf unfeierliche Art. Sie sehen es besonders auf ungetaufte Kinder ab, aus deren Fleisch und Knochen sie eine Salbe bereiten, aus den flüssigeren Bestandteilen aber ein Getränk. Wer es trinkt, ist sofort ein Meister in der teuflischen Kunst. Bei dieser Gelegenheit verraten die Herren Inquisitoren so ganz nebenbei, daß alle, die sie einäschern ließen, in bezug auf die Schwarzkunst unfreiwillig waren! Da die »Hexen« unter der Folter natürlich aussagten, was man ihnen in den Mund legte, so gibt es keine Zeile dieses Buches, die nicht durch eidliche Aussagen der armen Opfer erhärtet wäre. Z. B. gestand eine Hexe, die dann natürlich, wie alle ohne Ausnahme, eingeäschert wurde, sie habe sechs Jahre mit dem Teufel Unzucht getrieben und zwar im Bett und an der Seite ihres Mannes.
Das III. Hauptstück führt aus, wie die Hexen von Ort zu Ort geführt werden. Bald tut das der Teufel in eigener Person, jedoch in Pferdegestalt. Auch das wurde natürlich gesehen. Bald geschieht es auf einem Stück Holz, das mit der aus Kindern gewonnenen Salbe bestrichen wird.
Das IV. Hauptstück handelt von der Art, in der sich die Hexen den Teufeln in Mannsgestalt hingeben. Die Teufel bedienen sich dabei eines Leibes aus Luft, den sie durch Dämpfe verdichten. Mit diesem Körper können sie sprechen, sehen, hören, essen und zeugen. Die durch den Beischlaf mit dem Teufel Gezeugten sind sehr stark und kräftig. Die Sache geht so vor sich: Ein Teufel in Weibsgestalt (succubus), der sich mit einem Manne abgegeben hat, nimmt den Samen von diesem Manne auf, er macht sich dann mit diesem Samen einem Weibe gegenüber zu einem Teufel in Mannsgestalt (incubus). Die Hexe ist entweder alt und unfruchtbar oder nicht. Im ersteren Falle gibt sich der Teufel mit ihr ohne männlichen Samen ab; denn auch der Teufel vermeidet Überflüssigkeiten. Ist sie aber der Schwangerschaft fähig, dann vermischt er sich mit ihr, wenn er irgendwoher männlichen Samen erhalten kann, zum Zwecke der Kindererzeugung. Gewiß ist, daß eine Ehefrau, wenn sie Hexe ist, und durch ihren Mann schwanger wird, ihre Schwangerschaft verstärken kann durch anderen Samen, den sie im Beischlaf mit dem Teufel erhält. Bei solchen Vermischungsakten sind die Hexen zwar immer sichtbar, die Erfahrung der Verfasser hat aber ergeben, daß die Teufel es nicht immer sind.
Das V. Hauptstück handelt von der Art, wie die Hexen ihre Künste durch die Sakramente der Kirche ausüben, das VI. von der Art, wie sie die Zeugungsfähigkeit hindern, das VII. wie die Hexen das männliche Glied entfernen.
Wo gibt es eine gleich höllische Ausgeburt von haarsträubendstem Blödsinn und abstoßendster ekelhaftester Schweinerei?
Ein Jüngling hatte sein Glied durch Zauberei verloren, »da ich es nicht glauben wollte, entblößte er sich, so daß ich die Wahrheit seiner Aussage sah. Er hatte eine Hexe in Worms in Verdacht. Ich trug ihm auf, zu ihr zu gehen. Nach einigen Tagen kam er wieder zurück, und ich überzeugte mich durch den Augenschein, daß er sein Glied wieder hatte. Die Glieder werden übrigens nicht ausgerissen, sondern nur verborgen.« Was ist aber darüber zu sagen, daß einige Hexen solche männliche Glieder in großer Zahl, bis zu zwanzig und dreißig, in einem Schranke aufbewahren, und daß die Glieder dort lebendig zu sein scheinen, wie dies viele gesehen haben? Es ist zu sagen, daß dies durch teuflische Vorspiegelungen geschieht. Es hat uns jemand erzählt, daß er, um sein verlorenes Glied wieder zu gewinnen, sich an eine Hexe gewandt habe. Sie hieß ihn einen Baum besteigen, auf dem er ein Nest fand, in dem mehrere männliche Glieder waren. Als er ein großes nehmen wollte, rief die Hexe: nein, das nicht, denn das gehört einem Geistlichen.«
An der Tatsächlichkeit dieses von den Hexen begangenen Verbrechens bzw. daran zu zweifeln, daß sie mit Impotenz schlagen können, ist völlig ausgeschlossen. Haben doch die Provinzialsynoden oder gar Konzilien von Troyes, Lyon, Mailand, Tours, Bourgos, Narbonne, Ferrara, St. Malo, Monte Cassino, Orleans und Grenoble, sowie die Rituale von Autun, Chartres, Perigueux, Evreux, Paris, Angers, Arras, Chalons, Bologna, Troyes, Bourges, Alet, Beauvais, Meaux, Reims usw., sowie die Dekrete unzähliger Bischöfe, die Hexen eben wegen dieses Deliktes in Bann taten. Wer würde es wagen der Autorität aller dieser Instanzen zu widersprechen[6]?!
Das VIII. Hauptstück setzt auseinander, wie Menschen in Tiere verwandelt werden, das IX. wie sich die Teufel in menschlichen Leibern aufhalten können. Dazu wird folgende erbauliche Geschichte u. a. berichtet: »Ein heiliger Mann erkannte einst durch den Geist Gottes, daß ein in einer Kirche sehr gut und fromm predigender Priester der Teufel sei. Nach der Predigt frug er ihn, warum er predige und erhielt zur Antwort: weil ich weiß, daß die Leute die Predigt nur hören, aber nicht befolgen, so wird Gott nur noch mehr beleidigt.«
Das X. Hauptstück führt aus, wie die Teufel mit Hilfe der Hexen in den Menschen wohnen, das XI. wie die Teufel Krankheiten, besonders schwere, verursachen können. Das geschieht z. B. durch verzauberte Wachs- oder Bleibilder. Durch Verwünschung oder Anhauchen kann die Hexe aussätzig machen.
Die fallende Krankheit rufen Hexen hervor durch Eier, die sie in Gräbern vergruben. Auch das XII. Hauptstück behandelt diese Materie. Das XIII. Hauptstück beantwortet die Frage, wie Hebammen als Hexen schweren Schaden zufügen, indem sie Kinder töten oder dem Teufel opfern. So hexte eine Person einer frommen Frau alle möglichen Dinge in den Leib, die furchtbare Schmerzen verursachten. Als sie ein natürliches Bedürfnis befriedigen mußte, kamen alle zum Vorschein: Holz, Knochen und handgroße Dornen. Einige Hebammen, die eingeäschert wurden, haben noch schlimmere Sachen gestanden. Der theologische Grund, weshalb die Hexen auf Anstiften des Teufels so viele ungetaufte Kinder töten, ist: Der Teufel weiß, daß die ungetauften Kinder nicht in den Himmel eingelassen werden. Das Reich Gottes aber, nach dessen Beginn er mit noch größerer Pein gestraft wird, bricht erst an, wenn eine ganz bestimmte Zahl von Menschen in den Himmel eingelassen ist. Die Erreichung dieser Zahl wird nun durch die Tötung von ungetauften Kindern hinausgeschoben. Deshalb werden sie vom Teufel besonders aufs Korn genommen. Kinder von acht Jahren, die dem Teufel geweiht worden sind, können schon Gewitter und Hagelschlag erzeugen.
Das XIV. Hauptstück behandelt die Frage, wie Hexen den Tieren schaden können. Am häufigsten werden die Kühe durch die Hexen der Milch beraubt und zwar folgendermaßen: Die Hexe stößt ein Messer in die Wand, ruft ihren Teufel und trägt ihm auf, diese oder jene Kuh trocken zu machen. Dann fängt sie an dem Messer zu melken an, worauf die Milch der betreffenden Kuh aus ihm herausfließt. Solches soll gepredigt werden, um Abscheu zu erregen. Man kann durch zauberische Künste auch vorzügliche Maibutter und Wein machen. Doch begnügen sich die Hexen oft nicht mit solchem Schabernack, sondern töten auch Tiere, wie zwei Hexen, die in Ravensburg eingeäschert wurden, von sich bekannten.
Das XV. Hauptstück beschreibt die Erzeugung von Gewitter und Hagel, das XVI., wie auf drei Arten Männer Schwarzkunst treiben. Besonders die schwarzkünstlerischen Pfeilschützen sind schlimm. Sie durchbohren am Karfreitag das Bild des Gekreuzigten mit ihren Pfeilen. Sie sind so sichere Schützen, daß sie einen Pfennig vom Kopf eines Menschen herabschießen können, ohne ihn zu verletzen. Der Herzog Eberhard mit dem Barte von Württemberg hatte einen solchen Schützen in seinem Gefolge. Er konnte täglich mit drei Pfeilschüssen jemand mit unfehlbarer Sicherheit töten, weil er täglich drei Pfeile in ein Kruzifix schoß. Auch der Tellschuß auf den Apfel geschah aus Zauberei.
Nunmehr geht das Buch auf die verschiedenen Arten, den Zauber zu beseitigen ein, um im dritten Teil ausführlich die richterliche Tätigkeit gegen Ketzer und Hexen zu behandeln.
Uns genügt das Mitgeteilte vollauf. Resümieren wir: Die Kirche — denn da die höchsten kirchlichen Autoritäten das Buch approbierten und jahrhundertelang als Leitfaden Kat' exochen für die Inquisition benutzten, so identifizierte sie sich mit den hier wiedergegebenen Ansichten — also: die Kirche bringt den haarsträubendsten Blödsinn, den je die Menschheit ersonnen hat, in ein System. Keiner der Fälle existiert in diesem teuflischen Buche, der nicht von »Hexen« unter der Folter bezeugt worden wäre, keiner, für den nicht so und so viele Unschuldige verbrannt wurden. Man stelle sich vor — nachdem doch überall der Unsinn gepredigt werden mußte, nachdem die Hinrichtungen in aller Öffentlichkeit stattfanden und jedermann ihren Grund kannte, nachdem ferner an allen Orten der Christenheit nach solchen Zauberern und Hexen gesucht wurde — welche furchtbare, mit nichts zu vergleichende Wirkung auf das Volk durch das alles hervorgerufen werden mußte. Verdummung und Verrohung mußte die Folge sein, zumal bei der ungeheuren Verbreitung dieses Schandbuches, das noch 1669 in neuer Auflage erscheinen konnte.
Wir werden in späteren Kapiteln sehen, wie dieser künstlich von der Kirche erzeugte Irrsinn Jahrhunderte im Volke fortwirkte und heute noch nicht erstorben ist. Wen wird das verwundern, da ja die Kirche bekanntlich unfehlbar ist, da sie sich gerade in dieser Frage, wenigstens im Kernpunkt, auf die unwiderlegliche Autorität des Neuen Testaments — vom Alten ganz zu schweigen — stützen kann?
Wann hat die Dummheit je größere Orgien gefeiert? Welchem Moloch sind mehr Hekatomben geschlachtet worden?
War der »Hexenhammer« auch das schlimmste Buch seiner Art, insofern es bei weitem die größte Autorität besaß, so war es keineswegs das einzige. Im Gegenteil ist die Literatur über diese blöde Materie erschreckend reich. Indem wir Interessenten auf die eingehende Untersuchung Hoensbroechs verweisen[7], begnügen wir uns, einige der wichtigsten Werke anzuführen.
Im Jahre 1522 veröffentlichte der Dominikaner Bartholomäus Spina eine »Abhandlung über die Hexen« (Quaestio de strigibus), in der er als Beweis für die Realität des Hexenglaubens die zahlreichen Bestrafungen und Todesurteile anführt. Gäbe es keine Zauberei, dann wären ja die Inquisitoren und die diese ernennende Kirche ungerecht, was ja unmöglich wäre. Um nur einige Perlen aus diesem Buche herauszufischen: Die Aussage der Hexen, daß sie vom Teufel durch die Luft entführt werden, ist durchaus glaubwürdig. Wenn trotzdem die gleiche Hexe von andern schlafend gesehen werde, so erklärt sich das daraus, daß ein Teufel ihre Gestalt angenommen hat.
Ein weiterer Beweis für die Wahrheit des Hexenglaubens ist seine allgemeine Verbreitung. Diese aber geht aus der großen Menge von Hexen hervor, die alljährlich von den Inquisitoren abgeurteilt werden!
Ein junges Mädchen, das in Bergamo wohnt, wurde — wenigstens berichtet Spina so — plötzlich eines Nachts nackt im Bett einer Verwandten in Venedig aufgefunden. Sie erzählte weinend folgendes: Als ich diese Nacht wach wurde, sah ich meine Mutter, die mich schlafend glaubte, aufstehen, ihr Hemd ausziehen und sich mit einer Salbe salben; dann ergriff sie einen Stock, setzte sich rittlings darauf und fuhr durch das Fenster. Ich stand auf, bestrich mich auch mit der Salbe und fuhr dann auch hinaus und kam hier in dies Zimmer, wo ich sah, daß meine Mutter ein Kind töten wollte. Als meine Mutter mich sah und ich den Namen Jesu und Maria aussprach, verschwand sie und ich blieb nackt zurück. Die Mutter hat dann auf der Folter dem Inquisitor von Bergamo alles gestanden.
Die Hexen töten unzählige Kinder und bereiten aus ihren Leichen eine Zaubersalbe. Gott läßt dies zur Strafe der Eltern zu, weil diese es vielleicht einige Male unterließen, die Kinder morgens und abends mit dem Zeichen des Kreuzes zu zeichnen!
Einer der berühmtesten Kanonisten des 16. Jahrhunderts, Paulus Grilandi, Auditor des päpstlichen Generalvikars für die Stadt Rom, ließ eine oft aufgelegte Schrift Tractatus de sortilegiis erscheinen. Natürlich trug sie die Druckerlaubnis und zwar hier des Magisters sacri apostolici Palatii, d. h. des unmittelbar unter dem Papste stehenden Bücherzensors. Er behandelt den gleichen Blödsinn wie die vorgenannten Bücher, führt aber als Novum an,. daß die Kirche die Lösung einer behexten Ehe, d. h. einer, in der Mann oder Weib verhindert sind, den Beischlaf auszuführen, gestatte und daß die Betreffenden eine andere Ehe eingehen können.
Folgende erbauliche Geschichte findet sich in diesem geistreichen Werke unter anderen ebenbürtigen. Mir hat ein geachteter und gebildeter Mann erzählt: kurz vor seiner Heirat wurde er von einer bekannten Hexe so behext, daß er in der Brautnacht und noch lange nachher die Ehe nicht vollziehen konnte, obwohl er den fleischlichen Akt früher sehr gut und mit größter Lust vollzogen hatte. Endlich ließ er einen berühmten Schwarzkünstler aus dem Sabinergebirge kommen, der gab ihm und seiner Frau einen Trank zu trinken. Auch befahl er ihnen, sich in der nächsten Nacht mit dem Zeichen des Kreuzes zu schützen, dann brauchten sie nicht zu fürchten, was auch geschehe. Gegen 10 Uhr nachts entstand um das Haus herum ein gewaltiges Unwetter mit Donner, Blitz und Erdbeben; dann drang eine ganze Schar von Hexen, darunter das Weib eines Nachbarn, in das Schlafzimmer und vollführte einen Höllenlärm. Der Bräutigam sah alles, seine Braut deckte er aber mit den Bettdecken zu. Eine halbe Stunde ungefähr dauerte der Lärm, dann trat plötzlich der Schwarzkünstler ein und die Hexen verschwanden. Der Schwarzkünstler rieb den Bräutigam an der Schulter und ging dann auch. Da fühlte der Bräutigam allmählich eine Wärme seinen Körper durchströmen und er konnte den ehelichen Akt vollziehen.
Im Jahre 1669 erschienen zu Lyon in der berühmten Druckerei von Bourgeat mit königlichem Privileg drei starke Quartbände, die sich ausschließlich mit Hexerei und Teufelei befassen. Der Gesamttitel dieses Sammelwerkes, das ausschließlich von bedeutenden Theologen und Kanonisten verfaßt ist, lautet: Daemonastrix seu adversus Daemones et Maleficos universi operis ad usum praesertim Exorcistarum. Es handelt sich also um ein Handbuch für Exorzisten. Eine dieser Abhandlungen von Pater Hieronymus Mengo »Strick für den Teufel« (Fustis Daemonorum) betitelt, behandelt die Besessenheit: Die Teufel verlassen den Menschen teils durch den Mund als Flamme, oder als kalter Wind, teils durch die Ohren als Ameisen, teils durch den After als Kot oder als Frösche oder Schlangen, teils als Blutstropfen aus der Nase.
»Als ich im Jahre 1575 in Reims war, geschah folgendes: eine Witwe war mit einer schweren Krankheit behext worden. Ich ging mit ihrem Arzt zu ihr und wir fanden in ihrem Bett ein aus Federn gefertigtes Bild in Menschengestalt; als das Bild verbrannt war, war die Frau geheilt.« Die teuflischen Zaubermittel werden meistens in den Betten versteckt. Ein gutes Mittel dagegen ist, in den vier Ecken des Bettes Weihrauch, Myrrhe, geweihtes Salz, geweihte Oliven und geweihtes Wachs niederzulegen.
Den Höhepunkt des Teufelwahns bilden neben dem »Hexenhammer« die Disquisitiones magicae des Jesuiten Delrio[8], eines Theologieprofessors an den Universitäten von Graz und Salamanca. Es umfaßt sechs Bücher auf über 1200 Druckseiten und trägt das Imprimatur des Jesuitenordens, sowie je eines päpstlichen und eines bischöflichen Zensors. Die Gutachten sind interessant genug, um wiedergegeben zu werden. Das des Oliverius Manaräus, eines der bedeutendsten Jesuiten des 16. und 17. Jahrhunderts vom 6. Juli 1598 betont ausdrücklich, daß die »sechs Bücher zauberischer Untersuchungen« durch das »Urteil gewichtiger und gelehrter Theologen« (des Jesuitenordens) gutgeheißen werden.
Die beiden anderen, nicht jesuitischen Zensoren schreiben: »Die zwei ersten Bücher der zauberischen Untersuchungen, verfaßt von Pater Martin Delrio, Theologen der Gesellschaft Jesu, halte ich, da sie vielseitige Gelehrsamkeit und nichts dem katholischen Glauben Widersprechendes enthalten, für wert, daß sie veröffentlicht werden. Gegeben zu Löwen, am 8. Februar 1599. Wilhelm Fabricius, Apostolischer und Königlicher Bücherzensor.«
Das andere lautet: »Die drei letzten Bücher der zauberischen Untersuchungen, verfaßt vom gelehrten Pater Martin Delrio, Priester der Gesellschaft Jesu halte ich wegen ihrer vielseitigen Gelehrsamkeit und wegen der Gediegenheit ihrer Lehre für sehr nützlich, besonders in unseren Zeiten. Ich halte dafür, daß sie zum großen Vorteil der Kirche veröffentlicht werden sollen. Gegeben zu Antwerpen, am 1. April 1599. Silvester Pardo, Licentiat der hl. Theologie, Domherr der Kathedralkirche und Bücherzensor.«
Das Buch tritt »wissenschaftlich« und »theologisch« im Namen Christi und seines »Statthalters« für das fernere Abschlachten der »Hexen« in einer Zeit ein, in der Denker und Forscher wie Kopernikus († 1543), Kepler (1631), Giordano Bruno († 1600), Montaigne († 1592) und andere teils schon gewirkt hatten, teils noch wirkten. Die profane Wissenschaft, das ist zu betonen sehr wichtig, war also keineswegs mehr im finsteren Aberglauben des Mittelalters befangen, vielmehr waren es die Theologen, die diese Dummheit künstlich aufrecht erhielten durch ihre »Wissenschaft« und das Beweismittel des Scheiterhaufens.
Delrio ist der Ansicht, daß die Schwarzkunst ständige Begleiterin und notwendige Folge der »Ketzerei« sei. In Deutschland sei ihr Bollwerk das Luthertum, in Frankreich, England, Schottland und Belgien aber sei die Hexerei durch den Kalvinismus rasch ausgebreitet worden. Die Gründe dafür liegen nach Delrio klar zutage: »Die Teufel haben in den Ketzern, wie einst in den Götzenbildern, ihre Wohnstätten; aus den Götzenbildern sind sie vertrieben worden, so haben sie sich in den Ketzern neue Wohnungen gesucht; auch die Teufel, die Christus austrieb, fuhren in die Schweine. Wie die Pest der Hungersnot folgt, so folgt die Hexerei der Ketzerei. Die Teufel bedienen sich der Ketzer ähnlich wie schöner Huren, um die Menschen zu betrügen.«
Während das I. Buch von der Zauberei im allgemeinen handelt, beleuchtet das zweite die teuflische Zauberei und ihre Wirksamkeit. Ihre Grundlage ist der Vertrag mit dem Teufel. Daß dieser in Wirklichkeit existiert, beweist Delrio aus der Übereinstimmung aller Theologen alter und neuer Zeit.
Wir machen hier wiederum die gleiche Erfahrung: weil eine Dummheit viele Verteidiger hat und sich Jahrhunderte in Kraft erhält, darum ist sie keine Dummheit. Sie wird aber zur höchsten Weisheit, wenn sich unter den für sie eintretenden Eideshelfern »Autoritäten« befinden, oder wenn sie gar durch Bibel und Dogma gestützt wird.
Die feierliche Zeremonie des Vertrages mit dem Teufel besteht, nach Verleugnung des Glaubens und der Jungfrau Maria, darin, daß der Teufel die Stirn der Vertragschließer mit seiner Kralle berührt und sie auf seine Art tauft. Sie erhalten andere Namen; innerhalb eines auf die Erde gezeichneten Kreises wird ein furchtbarer Eid geschworen; man verspricht dem Teufel monatlich durch Blutaussagen ein Kind zu töten; irgendeiner Stelle des Körpers, gewöhnlich einer geheimen, drückt der Teufel ein Zeichen auf, wodurch dieser Körperteil unempfindlich wird. Dann wird erzählt von Erregung von Unwettern, Vernichtung von Viehherden, Hervorrufung von Heuschreckenschwärmen durch ein teuflisches Pulver, das in die Luft gestreut wird usw. »Solche Geschehnisse sind alltäglich, ihre Wahrheit wird bezeugt durch das Ansehen der Päpste und ihre Bullen darüber; so die Bullen Innozenz VIII., Julius III., Hadrian VI.«
Auch Ungeheuer bringen die Teufel hervor. Es ist möglich, durch Vermischung zwischen Mensch und Tier solche Unholde zu erzeugen. Zehn Seiten widmet Delrio der Frage, ob sich die Teufel mit Menschen fleischlich vermischen. Die Tatsache bezweifelt er natürlich nicht: »Es ist dies die gemeinsame Ansicht der h. Väter, der Theologen und Philosophen, durch die Erfahrung vieler Jahrhunderte bestätigt. Von dieser Ansicht abzuweichen, ist ein Zeichen von Starrköpfigkeit und Verwegenheit.«
Aus dem geschlechtlichen Umgang zwischen Mensch und Teufel kann Nachkommenschaft entstehen. Die Schwierigkeit der Erklärung dieser Tatsache wird behoben, wenn man sich klar macht, daß der Teufel zwar keinen eigenen Samen hat, wohl aber ihn sich von einem Manne verschaffen kann. Weil er nun sehr rasch und geschickt ist, so kann er dem Samen die nötige Wärme erhalten und ihn im geeigneten Augenblick dem Weibe eingießen. Vater des entstehenden Kindes ist dann aber nicht der Teufel, sondern der Mann, der den Samen lieferte. Die Hexen gestehen, daß der Samen, den ihnen der Teufel eingießt, kalt sei und kein Lustgefühl hervorrufe.
Ketzer, wie Luther und Melanchthon behaupten, daß die Hexenfahrten nicht wirklich, sondern nur eingebildet seien. Die wahre Ansicht ist aber, daß die Hexen auf Ziegenböcken oder Besenstielen zu ihren Zusammenkünften reiten. Bei den Hexenzusammenkünften tanzt jeder Teufel mit dem ihm anvertrauten Weibe, und zwar lehnen die Tanzenden ihre Rücken gegeneinander. Nach dem Tanze wird Unzucht getrieben. »Wer behauptet, diese Dinge seien Träume und Phantasien, verfehlt sich zweifellos gegen die Ehrfurcht, die wir unserer Mutter, der Kirche, schulden. Denn die katholische Kirche bestraft keine Verbrechen, außer sie seien gewiß und offenbar, noch auch erklärt sie jemand für einen Ketzer, der nicht wirklich in Ketzerei verstrickt ist. Seit vielen Jahren hält aber die Kirche die Hexen für Ketzer und befiehlt, sie durch die Inquisitoren zu bestrafen und dem weltlichen Arm zu übergeben. Also entweder irrt die Kirche, oder ihre Gegner. Wer aber behaupten wollte, die Kirche irre in einer zum Glauben gehörigen Sache, der sei verflucht.«
Das zweite Buch behandelt dann weiterhin die Verwandlung der Hexen mit teuflischer Hilfe in Katzen, ob die Teufel bewirken können, daß die Seelen Abgestorbener den Lebenden erscheinen, über die Gespenster, von denen achtzehn verschiedene Arten unterschieden werden und führt endlich eine Fülle »Beweismaterial« an, eine Blütenlese von Blödsinn.
Das III. Buch, das u. a. ausführlich vom Liebeszauber handelt, enthält folgende schöne Geschichte, die sich »kürzlich« in Flandern, an einem Ort und in einem Orden, die Delrio bekannt sind, die er aber beide — wohl aus Schonung — verschweigt, zutrug: Drei Mönche eines Klosters lebten sehr ausschweifend. Eines Abends zechten sie lange, als sie nun endlich genug hatten, sagte der eine: Gott sei gedankt! Der andere aber sagte: Dem Teufel sei gedankt! Dann legten sie sich jeder mit einem Mädchen zu Bett. Plötzlich geht die Tür auf und ein Teufel in Gestalt eines Jägers von schrecklichem Äußeren kommt herein, begleitet von zwei anderen Teufeln in Gestalt von Köchen. Mit furchtbarer Stimme fragte er: wo ist der, der mir gedankt hat? Er zieht den zu Tode Erschrockenen aus dem Bett und befiehlt seinen Begleitern ihn am Feuer zu rösten. Das geschieht und das Zimmer wird mit dem Gestank des verbrannten Menschenfleisches erfüllt.
Während das IV. Buch über Wahrsagerei handelt, erörtert Delrio im V. die Obliegenheiten des Richters und das Prozeßverfahren den Hexen gegenüber.
Die brutale Grausamkeit des Verfahrens, das fast ausnahmslos mit dem Tode auf dem Scheiterhaufen endete — die Bußfertigen wurden vorher erdrosselt — gehört nicht hierher, wohl aber die theoretische Begründung: Wer die Schandtaten der Hexen, besonders ihre nächtlichen Zusammenkünfte, leugnet, huldigt dem Atheismus und widersetzt sich der Kirche. Denn das Haupt der Kirche, ihre Zunge und ihr Mund ist der Papst. Viele römische Päpste haben aber die Inquisitoren ermahnt, eifrig und streng gegen die Hexen vorzugehen und diese Pest auszurotten. Offen bekennen die Päpste, daß sie die Verbrechen der Hexen nicht für Wahnvorstellungen, sondern für tatsächliche Schandtaten halten.
Das geht nach Delrio nicht nur aus den päpstlichen Bullen hervor, sondern auch aus dem übereinstimmenden Urteil aller kirchlichen Gerichtshöfe in Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland. Da die Kirche definiert hat, Hexen seien als wirkliche Verbrecherinnen zu bestrafen, so kann kein weltlicher Richter dieses Urteil aufheben und sagen, eine Hexe, die sich als solche bekannt habe, habe sich getäuscht, sondern er hat sie einfach zu verurteilen. Die Kirche, welche die Säule der Wahrheit ist, und der römische Papst, der die Zunge und der Mund der Kirche ist, und auf dem das Versprechen ruht: dein Glaube wird nicht wanken, erklären sich für die Tatsächlichkeit der von den Hexen begangenen Verbrechen.
Das VI. und letzte Buch handelt vom Amte und Pflichten des Beichtvaters bei den Hexenprozessen. Seine Aufgabe ist es, sich genau über den Teufelsvertrag zu erkundigen. Da kann er dann allerdings mancherlei erfahren: Ein junges Mädchen hat im Jahre 1594 in Südfrankreich ausgesagt: sie sei früh von einem Italiener verführt worden. Ihr Verführer habe sie am Vorabend des Festes Johannis des Täufers zur Mitternachtszeit auf das Feld geführt, dort habe er mit einem Stabe einen Kreis gezogen und gewisse Worte aus einem schwarzen Buche gelesen. Da sei plötzlich ein großer schwarzer Ziegenbock erschienen, der gefragt habe, was sie hier wolle. Ihr Verführer habe geantwortet, sie wolle sich seinen Getreuen anschließen. Darauf mußte sie den Ziegenbock unter den Schwanz küssen. Später führte sie der Bock in ein benachbartes Gebüsch und vermischte sich mit ihr geschlechtlich. Bei diesem Akt habe sie keine Lust, sondern nur Schrecken gefühlt; die Samenergießung des Bocks habe in ihr eine eisige Empfindung erregt. Auch eine Messe sei in Gegenwart des Bocks gelesen worden. Über solche Einzelheiten des Verkehrs mit dem Teufel sind die Hexen vom Beichtvater zu befragen!
Es erfordert schon eine alles Menschliche übersteigende Portion von Verblendung nicht einzusehen, daß die Antworten durch Suggestion und Folter aus den Hexen herausgeholt wurden, nachdem die frommen Glaubensrichter den in ihrem eigenen Gehirn brodelnden Blödsinn in die armen Opfer hineingelegt hatten. Aber jahrhundertelang wollten die Inquisitoren und mit ihnen ihre Auftraggeberin, die Kirche, das nicht einsehen, sondern nahmen alles, was den armen Opfern erpreßt wurde, für bare Münze. Widerriefen aber die »Hexen« in den kurzen Zwischenpausen der Folter, dann war ihnen das nur ein erneuter Beweis für ihre Halsstarrigkeit und ihre Verbindung mit dem Satan!
Als Mittel gegen gewisse Zaubereien werden empfohlen: das vierblätterige Kleeblatt, das Blut eines schwarzen Hundes, das rechte Auge eines Wolfes, das Herz eines Hasen. Der Magnetstein versöhnt Mann und Weib usw. Ein natürliches Mittel gegen das durch Zauberei bewirkte geschlechtliche Unvermögen der Ehegatten ist nach Delrio: sie sollen vor dem Schlafengehen im Schlafzimmer die Galle eines Fisches auf glühenden Kohlen verbrennen.
In der Abhandlung »von den kirchlichen Heilmitteln gegen Behexung« entwickelt Delrio, daß sie von Christus, den Aposteln und ihren Nachfolgern eingesetzt seien, den Teufel peinigten und häufig zum Bekenntnis der Wahrheit zwängen. In der Jesuitenmission von Peru wollte sich ein Indianer taufen lassen. Teufel in Gestalt von Vögeln und niederfallenden Steinen hinderten ihn daran, ja noch in der Kirche zeigten sich Teufel auf dem Kopfe stehend, die Beine in der Luft und schreckliche Huhurufe ausstoßend. Als aber die Messe anfing, hörte das alles auf und nach der Taufe war der Indianer von den teuflischen Anfechtungen ganz befreit. Solche »wahre« Geschichten werden in Fülle mitgeteilt.
Der Bischof von Brescia, Guido von Lacha, war im Rufe der Heiligkeit gestorben. Die päpstlichen Inquisitoren erkannten aber aus gewissen Anzeichen, daß er ein Ketzer gewesen sei. Daher ließen sie, überfließend vom Geiste wahren Christentums und treu den Gepflogenheiten ihrer Kirche, den Leichnam ausgraben, um ihn zu verbrennen. Aber vom Scheiterhaufen weg hoben die Teufel — die jedoch niemand sehen konnte — den Körper in die Luft, so daß das Volk dies als ein Zeichen der Heiligkeit des Verstorbenen auffaßte. Doch die Inquisitoren ließen sich nicht beirren. Man ließt die Messe zu Ehren der hl. Jungfrau. Bis zur Wandlung schwebt der Leichnam noch immer in der Luft, da rufen plötzlich die Teufel: O Guido von Lacha, solange haben wir dich verteidigen können, jetzt ist ein Stärkerer da als wir. Und sogleich fiel der Körper auf den Scheiterhaufen zurück und verbrannte ohne weitere Schwierigkeiten.
Zum Schlusse wollen wir noch eine dieser erbaulichen Geschichten anführen: Im Jesuitenkollegium zu Graz trug sich folgendes zu: Am 22. März 1600 kam dorthin ein 22jähriger Jüngling, um einem der Patres zu gestehen, er habe sich vertraglich dem Teufel ergeben. Da er aber den Vertrag nicht gehalten habe, sei es ihm schlecht ergangen. Der Teufel erschien ihm darauf in Breslau wieder und versprach ihm 12 Jahre des größten Genusses, wenn er sich nach Ablauf dieser Zeit ihm mit Leib und Seele ergeben wolle. Der Jüngling schrieb darauf den Vertrag mit seinem eigenen Blut, das der Teufel ihm aus den Fingerspitzen preßte. Später erneuerte er den Vertrag wieder. Der Teufel schärfte dem Jüngling ein, besonders nie zu den Jesuiten zu gehen und schalt ihn, als er es doch getan hatte. Er versprach ihm sogar ein Buch, in dem die Namen aller Teufel eingetragen seien und die Art, jeden einzelnen herbeizurufen. Vom April bis Mitte Juni dauert nun der schreckliche Kampf der Jesuiten gegen den Teufel um den Jüngling, ein Kampf, in dem Erscheinungen und greuliche Unwetter miteinander abwechselten. Schließlich siegen aber die Jesuiten doch. Auf Befehl des Erzherzogs Ferdinand, nachmaligen Kaiser Ferdinand II. und des Bischofs von Sekau, wird am 18. Juni über die ganze Geschichte eine Predigt gehalten und der mit Blut geschriebene Teufelsvertrag öffentlich in der Jesuitenkirche verbrannt.
Ein andermal zwingt Maria auf eindringliche Gebete des Bekehrten hin, dem Teufel einen solchen Vertrag wieder auszuliefern. Er erscheint in schrecklicher Gestalt und tut es unter Fluchen und Heulen.
Recht instruktiv ist das lange Kapitel, in dem Delrio gegen die Gegner des Hexen- und Teufelsglaubens vom Leder zieht. Wir erfahren daraus, daß es zumeist »anmaßende« Ärzte, Philologen und streitsüchtige Rechtsverdreher sind, die von Theologie keine Ahnung haben und lügen, wenn sie den Eifer der katholischen Kirche nach dieser Richtung hin bekritteln. Stützt sich doch dieser Eifer auf Gottes Gebot und auf das Wort des Apostels. Sie lügen, wenn sie die kirchlichen Exorzismen abergläubisch nennen.
Der Wert dieser Konstatierung liegt in der einwandfreien Feststellung, daß auch hier nicht etwa Fachkreise aus sich heraus eine verhängnisvolle Dummheit ablegten, sondern daß Outsider, Naturforscher und Denker, nötig waren, einen Irrwahn zu beseitigen, der sich ohne diese Hilfe von außen in alter Kraft bis heute erhalten hätte. Ist es doch eine Tatsache, daß Delrios Werk nicht minder als das von Institoris und Sprenger, das eine drei, das andere vier Jahrhunderte in Geltung sein konnten, in ungezählten Auf lagen neu gedruckt wurden — Delrio erlebte deren zwanzig — ohne daß die »heilige apostolische, katholische und römische Kirche« auch nur ein Wort des Tadels gefunden hätte.