II. Kapitel Die Askese
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Sahen wir im vorigen Kapitel, wie der Geist durch die Autorität der Bibel und Kirche geknechtet wurde, so wenden wir uns nun der Mißhandlung des Körpers unter dem Einfluß der gleichen Faktoren zu.
Daß die sinnlichen Begierden viel Unheil in der Welt anrichten und ihre Zügelung eine der wichtigsten Aufgaben der sittlichen Persönlichkeit sei, ist ganz zweifellos richtig. Jeder strebende Mensch wird danach trachten, sich von den Ketten der Sinnenlust zu befreien, seinen Verstand und Willen über das Triebhafte in ihm Herr werden zu lassen.
Dieser durchaus gesunde Gedanke, den alle hochstehenden Religionen mehr oder minder klar aussprechen, bedarf aber, wie jeder, zur Durchführung der Intelligenz. Wo diese fehlt, wird ein teils widerliches, teils komisches Zerrbild daraus. Aus dem berechtigten Bestreben, seine Sinne zu zügeln, wird das törichte sie überhaupt zum Schweigen bringen. Hat eine verständige Selbstzucht das Ziel durch Beherrschung der Sinne, Kräfte für höhere Zwecke frei zu machen, wird in den Händen der Dummen die Ertötung des Fleisches Selbstzweck, sie führen einen Kampf, in dem sie ihre gesamte Kraft absorbieren. Sollen wir durch Abhärtung, Bedürfnislosigkeit, Erlangung einer gleichmäßigen Heiterkeit der Seele uns widerstandsfähiger machen gegen die nur allzugroßen und allzuvielen Leiden, die uns das Leben bringt, es erreichen, daß nicht jede bagatellmäßige Unbequemlichkeit uns derart stört, daß wir zu ernster Arbeit oder verständiger Lebensfreude unfähig werden, so bereitet der Asket sich absichtlich größere Leiden, als sie normalerweise je das Leben ihm bringen wird.
Gewiß gibt es eine Weltanschauung des traurigsten Pessimismus, die das ganze Leben als eine ununterbrochene Leidenskette betrachtet. Niemand hat sie in eine tiefere Lehre gebracht, als Buddha. Aber selbst dieser erhabene indische Weise ist weit davon entfernt, Askese zu fordern. Mögen wir aus den vielen Unzulänglichkeiten des Daseins folgern, daß es höhere Werte gibt, als Sinnengenuß, daß es nicht ratsam ist, sein Herz allzusehr an Vergängliches zu hängen, darum auf die ohnehin bescheiden zugemessenen Freuden zu verzichten, ist etwa geradeso töricht, als wollte der Frierende noch seine letzten Kleidungsstücke abwerfen, statt die wenigen, die er hat, desto fester um sich zu nehmen.
Zweck der Askese, der Genügsamkeit und Bedürfnislosigkeit kann doch nur sein dadurch glücklicher oder besser zu werden, höhere oder dauerhaftere oder leichter zu beschaffende oder auch unschädlichere Genüsse an die Stelle der gegenteiligen zu setzen. Der Soldat, der Hochtourist, der Nordpolfahrer, werden gut tun, sich an Entbehrungen zu gewöhnen, um auch ohne schwer zu beschaffende materielle Genüsse zufrieden sein zu können. Der Seemann wird versuchen müssen, das Heimweh zu bekämpfen, der körperlich Leidende wird seine Freuden vornehmlich auf dem Gebiete des Gemütes und Geistes suchen, statt seinen Schmerzen nachzugeben. Nicht der ist weise, der aus Furcht ein Glied verlieren zu können, sich selbst verstümmelt, aus Angst vor dem Tode Hand an sich legt, sondern die starke Seele, die beim Verlust der Augen froh ist, noch das Gehör zu besitzen, die sich mit der linken Hand begnügt, wenn die rechte verloren ging, die überhaupt nicht das Fehlende, sondern das Vorhandene betrachtet und mit diesen Mitteln das Möglichste zu erreichen versucht.
Besonders einfältig aber sind Menschen, die auf den Gebrauch irgendeines Gutes verzichten, weil sie sich nicht die Willensstärke zutrauen, es mäßig und eines Gebildeten würdig zu verwenden. Dazu gehört etwa die Abstinenzbewegung unserer Tage. Es ist die gleiche Barbarei auf den Alkohol zu verzichten, weil man sonst unmäßig sein würde, als sich zu betrinken, während es klug wäre eine Dosis zu ermitteln, die angenehme Wirkungen hervorruft, ohne dem Körper zu schaden und willensstark — wenn wir dieses hochtrabende Wort auf eine so selbstverständliche Sache anwenden dürfen — dieses zulässige Quantum nicht zu überschreiten, wenn das Verlangen danach auch noch so groß sein mag.
Ein Blick auf die Geschichte des Christentums — allerdings auch auf die anderer Religionen — lehrt uns, wie weit Theorie und Praxis vom Vernünftigen abwichen. Um die Skylla zu vermeiden fiel man allgemein in die Charybdis.
Betrachten wir zunächst die Askese des Fastens und des Speiseverbotes.
Im 4. und 5. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung gab es Asketen, die gekochte Speisen verabscheuten und lange Zeit oder gar ihr Leben lang sich ausschließlich von Gras, Kräutern, Baumfrüchten, rohen Getreidekörnern usw. ernährten. Jakob von Nisibis war einer dieser »Omophagen«. Eine andere Spezies dieser Narretei wurde von den »Krithophagen« repräsentiert, sonderbaren Heiligen, die nur von in Wasser aufgeweichter Gerste oder, wie Eusebius, von entsprechend präparierten Bohnen oder Kichererbsen lebten. In diese Kategorie gehört auch die Linsenesserin Domnina. Noch weiter in der Frömmigkeit des Magens bzw. im »Vergnügen, an Dingen, welche wir nicht kriegen«, um mit Busch zu sprechen, gingen die Hungerkünstler Markianos, der das ganze Jahr hindurch nur einmal täglich aß, oder Symeon Stylites der Ältere (bevor er seine Säule bestieg) und die Beröenserinnen Marana und Kyra, die bald das 40tägige Fasten Christi nachahmten, bald das dreiwöchige Daniels. Den Rekord aber stellt Elpidius auf, der 25 Jahre hindurch nur an Samstagen und Sonntagen aß oder gar der fromme Johannes der — wer's nicht glaubt, bezahlt 'nen Taler — eine Reihe von Jahren nur von der Eucharistie lebte. Allerdings verwandte man damals zu diesem Zweck Brot statt Oblaten.
Daß ein solches Leben nicht gerade die Disposition zu den Freuden der Liebe steigert, ließe sich eigentlich annehmen. Das Verhalten der Einsiedler widerspricht dem aber. Wie ließe es sich sonst verstehen, daß Evagrius nicht nur auf geistige Getränke verzichtet, sondern sogar seine Schüler vor dem Wassertrinken warnt, da es »majores phantasias generat et largiora daemonibus receptacula praebet«. Als diesen Asketen einst der Dämon der Unkeuschheit peinigte, sprang er zur Winterszeit in einen Brunnen und mußte zur Kühlung seiner Glut dort die ganze Nacht zubringen. Was diesen Frommen an Intelligenz gebrach, scheint demnach durch ihre »Männlichkeit« reichlich wettgemacht worden zu sein[1]!
Die Askese der esoterischen Manichäergemeinde, des Ordens der »Wahrhaftigen« oder »Erwählten«, bestand nach den übereinstimmenden Angaben der Kirchenväter, wie der orientalischen Quellen vor allem in der Übernahme der »drei Siegel« (signacula). Das sind: 1. die Enthaltung des Mundes von jeder Art unreiner Speise und unreiner Worte (signaculum oris). 2. Die Enthaltung der Hände von jedweder die Lichtwelt schädigenden Beschäftigung, namentlich vom Abbrechen von Baumfrüchten usw. (signaculum manum), 3. Die Enthaltung des Busens von aller sinnlichen Unlauterkeit, besonders allem Geschlechtsverkehr, auch der Ehe (signaculum sinus). Die Mundversiegelung verpflichtete den vollkommenen Manichäer zur Vermeidung nicht nur jeglichen Fleischgenusses, sondern auch aller nicht reiner Vegetabilien. Nur »reine« Pflanzenkost bestehend aus Melonen, Öl und anderen (angeblich an Lichtbestandteilen besonders reichen) Baumfrüchten war gestattet. Getreideprodukte, namentlich Brot, durfte von ihnen nur ausnahmsweise genossen werden und auch dann war es keinesfalls zulässig, daß sie es selbst zubereiteten oder brachen. Die manichäischen Laien hatten keine so strengen Kostgesetze, immerhin mußten sie durch die Fürsprache eines »Elektus« göttliche Verzeihung erwirken. Der Elektus redete das ihm überreichte Brot, um seine Unschuld an dessen Zubereitung zu beteuern, folgendermaßen an: »Ich habe dich nicht geschnitten, nicht gemahlen, nicht geknetet, nicht in den Backofen gelegt, sondern ein anderer hat das getan; ich esse dich ohne Schuld usw.« Übrigens galt ihnen die Tötung von Tieren als noch schlimmeres Vergehen, als diese Pflanzenverletzungen, weil die Tiere dämonischer Abkunft seien, ihre Schlachtung also einen Eingriff ins Reich der Dämonen bedeute. Auch die Bereitung und der Genuß von Wein war ein Kapitalverbrechen, denn der Wein sei die Galle des Fürsten der Finsternis.
Die Beschränkungen des »Händesiegels« fallen weniger unter den asketischen Gesichtspunkt, als unter den einer abergläubigen Reinlichkeitsobservanz. Die Busenversiegelung aber war eine Maßnahme, die die »Erwählten« zwar in den Augen derer, die nicht alle werden, zu höheren Wesen stempelten, im übrigen aber keine größere Torheit forderte, als die Mönchs- und Nonnenorden bis zum heutigen Tage, ja als die Kirche von ihrem gesamten Klerus[2].
Das Fastenverbot, das ja bekanntlich im ganzen Mittelalter und zum Teil heute noch bestand, wurde besonders in Frankreich mit außerordentlicher Strenge gehandhabt. Wie Bodin erzählt (Démon des sorciers, p. 216), ließen die Zivilgerichte von Angers im Jahre 1539 diejenigen, die des Fleischgenusses am Freitag überführt waren, lebendig verbrennen, wenn sie ohne Reue blieben, aber aufhängen, wenn sie bereuten[3].
Diese Zwangsmaßregeln beweisen zur Genüge, wie wenig bereitwillig man es handhabte. Auf die einfältigen Spitzfindigkeiten es zu umgehen — daß man etwa den Biber zu den Fischen rechnete — sei nur andeutungsweise hingewiesen.
Die Fastenaskese wird noch heute in alter Stärke in der griechisch-orthodoxen Kirche gehandhabt. Einige an der Sonne gedörrte Baumfrüchte mit etwas Brot und Wasser bilden die einzige Kost für die strenger lebenden Athos-Asketen. Dabei wohnen sie in finsteren Schluchten unter elenden Obdächern von Lehm, Baumzweigen usw. Ein gewissenhafter anatolischer Christ hat sich im Jahre mindestens an 180 Tagen des Fleischgenusses zu enthalten, ja an ungefähr 140 Tagen darf er auch keine Fische genießen. Im orthodoxen Rußland aber hat für die strengeren Fastenzeiten das Priestertum eine Art Überwachungsrecht sogar über die Ärzte. Nur auf Grund besonderer vom Popen ausgestellter Erlaubnisscheine dürfen den Kranken dann kräftigere Speisen, wie Fleisch, Fleischbrühe, Eier, Butter usw. ärztlich verordnet werden[4].
Geradezu wahnwitzig ist der Kampf, den der Gläubige gegen die Sinnenlust führen muß. Zugegeben, daß sie da und dort die Gedanken von Wichtigerem und Höherem ablenken mag, so lehrt doch gerade die Geschichte der Asketen die Unmöglichkeit oder doch Unzweckmäßigkeit dieses Ringens mit einer Naturgewalt. Mit etwas mehr Intelligenz begabt, hätte der Asket hie und da der Natur nachgegeben, statt vor unbefriedigter Sinnlichkeit keinen anderen Gedanken fassen zu können.
Makarius, der Lehrer des Evagrius, wurde einst derart vom Dämon der Wollust geplagt, daß er sich nur durch eine ganz erleuchtete Kriegslist helfen konnte: er hielt sich sechs volle Monate hindurch splitternackt in einer Sumpfgegend seiner Wüste auf, bis die Stechmücken seinen Körper bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet hatten und man ihn, über und über verschwollen und wie ein Aussätziger aussehend, nur mehr an seiner Stimme erkannte.
Ammonios mußte auch zu einer Gewaltkur greifen, um seiner Sinne Herr zu werden. Sobald er ein menschliches Rühren verspürte, verbrannte er sich bald an diesem, bald an jenem Gliede. Daß sein Körper mit Brandmalen über und über bedeckt war, läßt Schlüsse auf sein Innenleben zu.
Kein Wunder, daß diese Männer im wahrsten Sinne des Wortes — hatten sie doch schon in der Einsamkeit ihrer Einsiedelei genug auszustehen — den Anblick eines weiblichen Wesens nicht ertragen konnten. So riß einer der Altväter Cassians, Paulus mit Namen, beim Anblick einer Frau plötzlich aus, als würde er von einem Löwen verfolgt. Die Beschaffenheit der Frau spielte gar keine Rolle. Diese armen, an Satyriasis leidenden Trottel — denn wie ließe sich ihr Verhalten anders als durch diese Krankheit erklären? — wurden sogar durch den Anblick der eigenen Schwester in Wallung versetzt. Ein gewisser Pior mußte erst von seinem Bischof den strikten Befehl erhalten, seine Schwester aufzusuchen. Er kürzte aber den Besuch möglichst ab, betrat nicht einmal ihr Haus, sondern stellte sich ihr nur auf der Türschwelle zu kurzer Betrachtung vor. Dann kehrte er spornstreichs in seine Zelle zurück.
Wie doch nichts erfunden wird, bevor sich das Bedürfnis dazu einstellt! Was hätte man damals mit Yohimbin angefangen!
Die weiblichen Reize wirkten ja sogar noch im Grabe! Wenigstens existiert eine Legende vom keuschen Abte Thomas — wie der gute Mann zu dem Epitheton ornans keusch kommt, wird ihm wohl selbst ein Rätsel sein! — dessen Gebeine noch im Grabe keine weibliche Leiche neben sich dulden konnten[5]!
Der Geist dieser Heiligen muß auch in den frommen Leuten in Schweden gewirkt haben, als sie die Unterdrückung von Linnés System forderten, weil es sich auf die Entdeckung der Geschlechter der Pflanzen gründe und demnach darauf berechnet sei, die Einbildung der Jugend zu erhitzen[6]!
Gegenüber den oben genannten, recht unbequemen Gewaltkuren, ist entschieden die folgende Form der Askese geschmackvoller oder doch amüsanter.
Evagrius schildert sie mit Bewunderung: gewisse Mönche in Palästina seien durch »ein ganz vortreffliches und göttliches Leben« so sehr Herr ihrer Leidenschaften geworden, daß sie gewöhnt waren, mit den Frauen zusammen zu baden. Denn weder der Blick, noch die Berührung, noch die Umarmung einer Frau konnte sie in ihren natürlichen Zustand wieder zurückfallen lassen. »Unter Männern wollten sie Männer, unter Frauen Frauen sein« (Hist. Eccl. I, 21).
Damals wohnten auch Jungfrauen und Mönche oft in demselben Hause beisammen und erklärten mit einer Heuchelei von seltener Kühnheit, sie hätten ihre natürlichen Leidenschaften so beherrscht, daß sie in Keuschheit dasselbe Bett teilten[7].
Die, eingangs erwähnte, an sich sicherlich ganz berechtigte Lehre, daß man sich nicht durch persönliche kleinliche Rücksichten, vermeidbare Schwächen, dazu verleiten lassen darf, große Ziele aufzugeben, daß man nicht früh genug die jugendliche Sentimentalität abstreifen soll und, ohne sich über das Notwendige hinaus zu verhärten, gegen Heimweh und Trennungsschmerz schon deshalb ankämpfen muß, weil es unvermeidliche Übel sind, Tatsachen, mit denen der Weise fertig werden muß, führten zu recht widerlichen Konsequenzen bei unseren Asketen. Hartherzigkeit, Unempfindlichkeit gegen menschliche Leiden, Undankbarkeit gegen erwiesene Wohltaten gehören wohl sicherlich zu den abstoßendsten menschlichen Fehlern. Gewiß muß der Feldherr, ohne sich durch das Jammern der Verwundeten, das Röcheln der Sterbenden erweichen zu lassen, unter Umständen Tausende opfern. Er hat das größere Ziel, die Erhaltung des Vaterlandes, im Auge. Weichen Regungen hier nachzugeben, die Schonung von Tausenden auf dem Schlachtfelde mit der Auslieferung von Hunderttausenden daheim an einen siegreichen Gegner zu erkaufen, wäre eine Pflichtwidrigkeit. Sicherlich muß der Operateur ohne Rücksicht auf die Schmerzen des Patienten seine blutige Kunst ausüben, wenn es Höheres gilt, die Erhaltung des Lebens. Der Missionar darf nicht an die Lieben daheim denken, so wenig wie der Forschungsreisende, wenn er in die Ferne zieht zur Ausübung seines schweren und entsagungsvollen Berufes. Höhere Rücksichten müssen eben immer und überall den minder hohen vorangestellt werden. Zu den schwierigsten im Leben zu erlernenden Künsten gehört sicherlich, sich jederzeit über das, worauf es ankommt, über das Essentielle, klar zu sein.
Sonach kann man es auch gewiss verstehen und gutheißen, wenn Christus seinen Jüngern anbefiehlt, ihre Familien zu verlassen, um ihm in die Fremde zu folgen. Zu Hause sitzend, hätten sie eben die Lehre unmöglich verbreiten können. Was aber wurde aus diesem in der Natur der Sache liegenden Gebot?
Was macht die Dummheit aus ihm?
Wer zweifeln sollte, daß die Hartherzigkeit kirchliches Gebot war, wird eines Besseren belehrt durch die Geschichte, die Gregor der Große (Dial. II, 24) erzählt: Ein Knabe war in ein Kloster eingetreten. Die Liebe zu seinen Eltern übermannte ihn aber derart, daß er eines Nachts sie heimlich besuchte. Er starb jedoch am Tage seiner Rückkehr, und als er begraben wurde, weigerte sich die Erde, einen so schändlichen Verbrecher aufzunehmen. Seine Leiche wurde wiederholt aus dem Grabe geschleudert und konnte erst in Frieden ruhen, als der heilige Benedikt ihr das Sakrament auf die Brust gelegt hatte[8].
Das ist ja natürlich nur eine Legende, aber eine mit recht trauriger Moral! Welche Unsumme von Herzensroheit steckt in ihr! Aber diese Roheit ist lediglich eine Ausgeburt der Dummheit. Als ob die kindliche Pietät des Knaben ein dauerndes Hindernis seines neuen Berufes gewesen wäre! Und wie mußte diese brutale Dummheit auf das Volk wirken!
Doch wir brauchen uns keineswegs an Legenden zu halten. Die Geschichte der »Heiligen« bietet genug Material. Und das Traurige ist, daß es sich nicht etwa um menschliche Schwächen handelt, die einfach registriert werden, sondern um vorbildliche Taten!
Das möge aus folgendem hervorgehen:
Der uns schon bekannte Wüsteneinsiedler Evagrius erhielt nach geraumer Zeit Briefe von seinen Eltern. Da er es aber nicht ertragen konnte, daß seine Gedanken durch Erinnerung an diejenigen, die ihn liebten, gestört wurden, warf er die Briefe ungelesen ins Feuer.
Der heilige Pömen und seine sechs Brüder hatten ihre Mutter verlassen, um ein asketisches Leben zu führen. Die alte, durch Krankheit gebeugte Mutter ging nun, uneingedenk des Undankes ihrer Söhne, allein in die Wüste, um die zärtlichgeliebten Kinder noch einmal zu sehen. Sie erblickte sie gerade, als sie aus ihrer Zelle in die Kirche gehen wollten. Sie liefen aber sofort in die Zelle zurück und einer der Söhne warf die Türe vor ihr zu, so daß sie draußen bleiben mußte und bitterlich weinte. Pömen kam nun an die Türe, öffnete sie aber nicht und sprach: »Warum weinst und schreist du so sehr, bist du nicht schon genug vom Alter geplagt?« Als sie die Stimme ihres Sohnes erkannte, antwortete sie: »Es geschieht, weil ich euch, meine Söhne, zu sehen verlange. Was könnte es euch schaden, wenn ich euch sehen würde? Bin ich nicht eure Mutter? Säugte ich euch nicht? Ich bin jetzt eine alte und verwelkte Frau, aber der Ton deiner Stimme hat mein Herz so erregt, daß ich mein Verlangen, euch zu sehen, nicht bewältigen kann.« Die heiligen Brüder weigerten sich trotzdem, die Türe zu öffnen. Sie sagten der Mutter, sie würde sie nach dem Tode sehen, und der Lebensbeschreiber erzählt, sie sei dann fortgegangen, zufrieden mit dieser Aussicht[9].
So ehrt man seine Eltern.
Ein gewisser Mutius verließ einst in Begleitung seines einzigen Kindes, eines achtjährigen Knaben, sein Besitztum und bat um Aufnahme in ein Kloster. Die Mönche willfahrten seiner Bitte und begannen damit sein Herz zu disziplinieren. »Er hatte bereits vergessen, daß er reich war; er mußte nunmehr vergessen lernen, daß er Vater war,« sagt Cassian, der uns die erbauliche Geschichte überliefert. Man trennte also das Kind von ihm, hüllte es in schmutzige Lumpen, schlug es, trat es mit Füßen und mißhandelte es auf jede Art. Tag um Tag mußte der Vater sehen, wie das Kind sich vor Kummer verzehrte. »Aber,« sagt der bewundernde Biograph, »obgleich er dies Tag für Tag sah, war doch die Liebe zu Christus und zur Tugend des Gehorsams so groß, daß das Vaterherz starr und unbewegt blieb.« »Er dachte wenig an die Tränen seines Kindes, er war einzig um seine eigene Demut und Vollkommenheit in der Tugend bekümmert.« Endlich befahl ihm der Abt, das Kind zu nehmen und in den Fluß zu werfen. Er ging ohne Murren und ohne sichtbaren Schmerz, das Gebot zu vollziehen. Erst im letzten Augenblicke traten die Mönche dazwischen und retteten das Kind am Rand des Flusses. Mutius erlangte später eine hohe Stellung unter den Asketen und wurde mit Recht als einer betrachtet, der das Gemüt eines Heiligen zu großer Vollkommenheit entfaltet hatte.
Ob die Geschichte wahr ist oder nicht, ist wie bei fast allen Heiligengeschichten recht gleichgültig und von minimaler Bedeutung gegenüber der Tatsache, daß die damalige Kirche diese Herzlosigkeit und alles menschliche Gefühl mit Füßen tretende Verhalten lobte. Was hat doch die Dummheit der Askese und die um jeden Preis Gehorsam fordernde klerikale Herrschsucht aus dem einfachen »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« gemacht!
Daß jemand aus Gehorsam um ein Haar zum Mörder wird, was nicht zum mindesten die spätere Heiligsprechung veranlaßt, ist durchaus kein vereinzelter Fall.
Einst kam ein Thebaner zum Abte Sisös und bat ihn Mönch zu werden. Der Abt fragte ihn, ob er Angehörige hätte. Auf die Antwort »einen Sohn« entgegnete der Abt, »Nimm deinen Sohn und wirf ihn in den Fluß und dann kannst du ein Mönch werden«. Der Vater hätte den Befehl vollzogen, wenn nicht im letzten Augenblicke ein von Sisös abgesandter Bote ihn widerrufen hätte[10].
Die Beispiele ließen sich ins Unendliche vermehren. Verlassen wir aber lieber diese häßlichen Bilder, jedoch nicht ohne noch eines hinzuzufügen, das Zeugnis ablegt von der Skrupellosigkeit der Mittel, deren sich »Christen« zur Erreichung ihrer Zwecke bedienten und von der Herzensroheit, die sich dabei offenbart.
Der fromme Kirchenvater Tertullian verbot den Gläubigen den Besuch der Theater, dafür stellte er ihnen aber ein desto herrlicheres Schauspiel in Aussicht, nämlich — die Todesqualen der Sünder in der Hölle. »Von welcher Größe wird dieses Schauspiel sein? Wie werde ich es bewundern? Wie werde ich lachen? Wie werde ich mich freuen? Wie werde ich frohlocken, wenn ich so viele und so große Könige, von denen es heißt, sie seien in den Himmel aufgenommen worden, mit Jupiter in eigener Person und denen, die für ihn zeugten, in der tiefsten Finsternis werde jammern sehen! Dann werden die Verfolger des Namens unseres Herrn in einem grausameren Feuer schmelzen, als das war, das sie angezündet hatten für die Christen ... Dann werden die Tragödienspieler in ihrem eigenen Schmerz größere Weherufe ausstoßen, als einst auf der Bühne. Dann werden die Schauspieler erst richtig geschätzt werden können dank der größeren Geschmeidigkeit, die ihnen das Feuer verleiht. Dann wird man den Wagenlenker erblicken ganz feuerrot in feurigem Wagen; dann werden die Athleten ein Schauspiel bieten, aber nicht wie sie gymnastischen Übungen, sondern dem Feuer erliegen usw.« Der Mann, der ein solch glänzendes Zeugnis seiner Menschenliebe ablegt, schließt das 30. Kapitel seiner Schrift de Spectaculis mit den Worten: »Wenn du solche Schauspiele betrachtest, darüber in ausgelassene Freude gerätst, was kann dir dagegen ein Prätor oder Konsul, ein Quästor oder hoher Priester bei all seiner Freigebigkeit bieten[11]?«
Welch ein Geist, der daraus atmet! Und auf diese Weise wollte Tertullian zur Religion der Nächstenliebe erziehen!
Gegen diese häßlichen Bilder von mit Dummheit gepaarter Roheit wirken körperliche Peinigungen noch harmlos.
In ihnen war man recht erfinderisch. Die Übungen hatten keineswegs nur den Zweck, den Leib abzutöten, als vielmehr dazu nach den höheren durch Nachahmung der Leiden Christi zur Entsühnung der Menschheit beizutragen.
Die ganze Lehre vom Sühnetode Christi ist ja merkwürdig genug. Daß Christus sterben mußte, wenn seine Religion nachhaltig auf die Gemüter wirken sollte, ist klar. Die tiefe Tragik seines Martyriums war eine Voraussetzung der weltgeschichtlichen Bedeutung seines ganzen Auftretens. Das hat aber nur sehr wenig mit der kirchlichen Sühnelehre zu tun, in der Gott-Vater eine merkwürdige Rolle zugewiesen ist. Machen wir uns die alte Opferlehre zu eigen, daß man das Beste seiner Herde, seines Besitzes dem Gotte opfert, um ihn günstig zu stimmen, so können wir ja schließlich auch verstehen, daß der Asket das Beste was er hat diesem Zwecke widmet, bzw. das tut, was ihm am meisten Mühe macht oder am schmerzlichsten ist. Nur was an dieser Ansicht christlich ist — von der Naivität des Glaubens ganz abgesehen — will nicht recht einleuchten.
Gottes Hinopferung seines Sohnes ist entschieden schwieriger zu begreifen. Ein Vater ist beleidigt worden, was Gottes Kränkung durch die sündige Menschheit entspricht. Um nun an den Beleidigern eine edle Rache zu nehmen, bringt der Vater seinen Sohn um, bzw. — was bei Gottes Allmacht auf das Gleiche hinaus läuft — er duldet, wie sein Sohn, noch dazu der einzige, umgebracht wird. Dadurch ist das Verbrechen der Beleidiger gesühnt. Gewiß, eine merkwürdige Logik, die wohl niemand ins Praktische umsetzen möchte.
Doch sei dem wie ihm wolle: die Asketen glaubten — und in den Mönchsorden glaubt man es heute noch — daß die Selbstpeinigung nicht nur Wert habe als Disziplinierungsmittel, sondern auch dazu beitrage, den kirchlichen Gnadenschatz zu vermehren. Je mehr Übles sich also ein solcher Heiliger zufügt, desto größere Verdienste erwirbt er sich um die Christenheit. Wir können diese Anschauung nicht gerade als ein Wunder der Intelligenz betrachten. Wenn wir aber in einem späteren Kapitel sehen werden, welches Unheil sie im Volke anrichtete, dann werden wir sie sicherlich nicht glimpflicher beurteilen.
Da man sich nun auf normale Weise die nötige Pein nicht beibringen kann, verfielen ingenieuse Köpfe auf die Ausbildung einer besonderen Technik, und man muß ihnen lassen, daß sie dabei Erfolg hatten. Wer wird das bestreiten wollen, wenn er folgende erbauliche Geschichte hört?!
Ein gewisser Dominicus Loricatus hatte die Spezialität, als Stellvertreter von anderen gewisse Bußzeiten durch von Geißelschlägen begleitetes Psalmensingen zu absolvieren. So absolvierte er beispielsweise hundert Bußjahre, indem er zwanzig von der entsprechenden Zahl Geißelhieben begleitete Psalter rezitierte. Auf diese 20 Psalter kamen 300000 Geißelhiebe, die er sich während der sechs Tage, die diese Prozedur dauerte, beizubringen hatte. Damiani, der uns von diesem sonderbaren Heiligen berichtet, erläutert den Vorgang folgendermaßen: »Da 3000 Geißelschläge nach unserer Regel ein Bußjahr ausmachen, und, wie es oft erprobt ist, beim Hersingen von 10 Psalmen 1000 Hiebe stattfinden, so ergeben sich für die Disziplin eines Psalters (also für 150 Psalmen begleitet von 15000 Hieben) fünf Jahre Buße; und wer 20 Psalter mit der Disziplin hersingt, kann überzeugt sein, 100 Bußjahre vollgemacht zu haben« (20mal 15000=300000). Welche Mathematik der Buße! Loricatus konnte es aber auch schneller, als in sechs Tagen. Er soll einmal binnen 24 Stunden über 12 Psalter mit den obligaten Hieben erledigt und damit den Beweis geliefert haben, daß er die 20 Psalter nötigenfalls schon binnen zwei Tagen zu absolvieren imstande war. Einst erledigte er während einer einzigen Quadragesima, ohne die 40 Tage ganz zu gebrauchen, das Zehnfache des obigen Betrages, also 1000 Bußjahre, mittels Absingen von 200 Psaltern, und indem er sich drei Millionen Geißelhiebe eigenhändig versetzte. Hierbei pflegte er den ganzen Körper zu geißeln mittels einer Vereinigung der disciplina sursum (betreffend Kopf und Rücken) und der disciplina deorsum (betreffend Hüften und Beine). Weil die anfänglich von ihm viele Jahre lang benutzten Ruten nicht genug Blut fließen ließen, ließ er gegen sein Lebensende an deren Stelle die stärker schmerzenden und verwundenden Geißelriemen oder Peitschen treten[12].
Wie sein leuchtendes Vorbild auf die, welche nicht alle werden, wirkte, werden wir in anderem Zusammenhange kennen lernen.
Doch die Selbstgeißelung wollte anderen Frommen nicht genügen. Sie zerbrachen sich den Kopf, wie sie sich auf noch wirksamere Weise Unannehmlichkeiten zur höheren Ehre Gottes zufügen und damit der Menschheit noch dienlicher sein könnten. Und siehe da: ihr Eifer wurde von Erfolg gekrönt! Da war besonders einer, der es auf diese Weise zu einer gewissen Unsterblichkeit in der Geschichte der menschlichen Narrheit bringen durfte. Denn seiner Askese, deren Neuheit, wenigstens für das Abendland, noch ein gewisser Einschlag von Sensation eine pikante Note verlieh, blieb die Nachahmung ähnlich hochstrebender Seelen nicht versagt.
Der Eremit Symeon war selbst für seine Zeit ein wunderlicher Heiliger. Als frommer Hirtenknabe war er fürs Mönchleben erzogen worden und hatte bereits während eines dreijährigen Einsiedlerlebens zu Telanissos beispiellose Proben von Selbstkasteiungen abgelegt, mit Stricken um den Leib, mit Ketten, Fasten bis zu 40 Tagen und anderem. Aber das alles genügte ihm nicht. Er wollte dem verhaßten Getriebe dieser sündigen Welt möglichst fern bleiben und erreichte diesen seinen Zweck auf die einfachste und genialste Weise: Zuerst stellte er sich auf eine Säule von 6 Ellen Höhe, dann wählte er eine doppelt so hohe, später eine von 18 Ellen um endlich eine von fast 40 Ellen zu dauerndem Wohnsitz zu erküren. Hier führte er 36 Jahre lang ein luftiges Andachtsleben, um es um das Jahr 460 zu beschließen. Sein Leben machte Schule und es soll noch gar nicht so lange her sein, daß der letzte dieser Säulenheiligen seine Seele — Geist hatte er vermutlich nie besessen — aushauchte[13].
Ein Nachahmer dieses Säulenasketen, Symeon der Jüngere († 596) soll gar 68 Jahre in der Höhe zugebracht haben. Tatsächlich konnten solche Drohnen mit sich auch gar nichts Besseres anfangen, als sich möglichst aus jeder menschlichen Gemeinschaft auszuschließen.
Betrachten wir noch einige Formen dieser erfindungsreichen Männer Gottes! Da war das ewige Schweigen, heute noch von den Trapisten geübt, jeglicher Verzicht auf Körperpflege und Waschwasser, Schlafentziehung usw.
Merkwürdiger als dauerndes Schweigen — schließlich das klügste, was diese Geisteshelden tun konnten — und als die anderen Formen der Selbstpeinigung ist die Askese des ewigen Weinens, die seit den Zeiten Justinians modern wird. Reichlichstes Tränenvergießen schien diesen Männern — einem Isidor von Melitene, Paul von Anarzarbus, Georg von Skythopolis u. a. — zum höchsten geistlichen Lebensbedürfnis unerläßlich. Köstliches wird da vom Abte Joseph von Bêth Abhê berichtet: so oft er Gras und Blumen sah, konnte er seinen Tränenstrom kaum zurückhalten, weil ihm Jesaj. 40, 6 und 1. Pet. 1, 24 in den Sinn kamen[14]!
Übrigens war die Kunst, immer weinen zu können, wann man wollte, die gratia lacrimarum, das ganze Mittelalter hindurch hoch geschätzt.
Wohl die armseligste Art der Askese ist die, welche die Freude an der Natur in Acht und Bann tut. So wird von einem Mönch in den ersten christlichen Jahrhunderten erzählt, daß er sich, sooft er in den Garten ging, das Gesicht verhüllte, damit der Anblick der Bäume nicht seinen Geist störe[15]!
Welch trauriger Tropf!
Aber gerne geben wir zu, daß jeder Grashalm, jedes Sandkörnchen mehr Reiz bietet, als die damalige Art über religiöse Gegenstände nachzudenken. Wem das vorige Kapitel diese Erkenntnis nicht beigebracht hat, dem ist nicht zu helfen.
Übrigens ist man noch im 16. Jahrhundert auf den Pfaden des obigen idiotenhaften Mönches gewandelt, wie ja die Dummheit mit der Wahrheit das gemeinsam zu haben scheint, daß beide unsterblich sind.
Der Jesuit Petrus Canisius warnte davor, die Schönheit einer Gegend zu bewundern, da aus zu großer Freiheit der Seele Gefahren entstehen. Das Leben ist ein Kampf; bestehen kann ihn nur, wer mit scheuem und gesenktem Blick, unter Abtötung und Kasteiung, auf dieser Erde wandelt. Der gefährlichste Gegner der Seele ist der Leib, an den sie gekettet. Das vornehmste Werkzeug des Teufels das Weib, die personifizierte Verführung, gegen die nur die äußerste Vorsicht schützen kann. »O wie große Narren sind diejenigen, die aus diesem Jammertal ein Paradies machen wollen!« Der Mensch darf sich an nichts freuen und ergötzen, da alles ein Werk des Teufels sein könnte[16].
Hier sehen wir noch einmal in der einfachsten Formel dieselben Gedankengänge, die zu Resultaten führten, wie wir sie oben kennen lernten! So wenig vermag die Dummheit Mittel und Absicht zu unterscheiden! Aus dem berechtigten Bestreben durch Bekämpfung der Sinnenlust Kräfte für höhere Aufgaben freizumachen, wird ein unausgesetztes Ringen mit der Sinnlichkeit, ein Kampf, der für nichts anderes mehr Kräfte frei läßt. Aus dem Wunsche, sich abzuhärten, an Entbehrungen und Schmerzen zu gewöhnen, um dadurch nicht durch kleine Unbequemlichkeiten sich ständig den Lebensgenuß zu trüben, also aus der Absicht einer Steigerung des Lebensgenusses, wird dessen völlige Unterdrückung. Und endlich führte Christi Lehre, die durch den Auferstehungsglauben die Todesfurcht bekämpfen sollte, also im eminentesten Sinne dazu bestimmt war, das Leben freudig zu machen, da es den Gedanken an dessen Ende, das ja manchem Hasenfuß jedes Mahl gleich dem Schwerte des Damokles vergällen mag, fortnahm, dazu, daß die Menschen ein solches Dasein führten, daß sie den Tod nur als willkommene Erlösung betrachten konnten.
So gewaltig ist die Macht der Dummheit!
Nun wollen wir noch zum Schlusse dieses Abschnittes an einer Klosterregel zeigen, wie alle die oben angeführten Torheiten zu einem System vereint mit Hinzunahme der blödesten Gebetsaskese dazu bestimmt waren, das ganze Leben auszufüllen und dadurch zu zerstören. Wie diese Denkweise aus Leuten, die vielleicht Brauchbares hätten leisten können und jedenfalls hinter dem Pflug oder in der Spinnstube auch geleistet hätten, Drohnen erzog, denen als besonderes göttliches Gnadengeschenk eine so groteske Dummheit verliehen war, daß sie nicht nur meinten ein Gott wohlgefälliges Werk zu tun, ihre Seele auf unermeßliche himmlische Freuden vorzubereiten, sondern auch noch die Sünden der Menschheit abzubüßen sich berufen fühlten.
Bei Aufhebung der Klöster, und vielleicht da und dort noch heute, war der Tageslauf einer Nonne, wenigstens bei den Klarissinnen in München, folgender:
Nachts um 1/212 Uhr wird die Nonne geweckt, punkt 12 Uhr beginnt die Matutin, die fünfviertel Stunden, an Festtagen aber volle zwei Stunden dauert, weil dann die Laudes und das Te Deum gesungen werden. Nach 2 Uhr müssen alle Nonnen wieder in ihren Betten liegen und zwar bis 51/4 Uhr. Dann werden alle geweckt und müssen das hochwürdigste Gut besuchen.
Um 3/46 Uhr gibt die Priorin das Zeichen zur Meditation (Betrachtung). Sie geht sogleich von Zelle zu Zelle um nachzusehen, ob jede Nonne vor ihrem Altärchen kniet und ihren Betrachtungen obliegt. Diese dauern eine halbe Stunde, an Feiertagen aber eine viertel Stunde, weil die Prim um 6 Uhr beginnt.
Die Prim fängt täglich um ein Viertel nach 6 Uhr an, an Sonn- und Feiertagen aber pünktlich um 6 Uhr. Nach derselben wird in das Kapitel gegangen, wo die Abgestorbenen vorgelesen und für sie das Seelen-Offizium (Officium de profundis) gebetet wird.
Die Kapiteltage sind Montag, Mittwoch und Freitag, ferner Samstag, falls an diesem Tage nicht gebeichtet wird.
Das Zeichen zur ersten heiligen Messe wird mit der Glocke um Viertel nach 7 Uhr gegeben, an Sonn- und Feiertagen aber pünktlich um 7 Uhr.
Um 8 Uhr ist die Terz, die während des ganzen Jahres gesungen wird, darauf folgt die zweite heilige Messe und darauf werden die Sext und die Non psalliert. Hierauf kann jede Nonne bis um 101/4 Uhr ihrem Amt oder Arbeit nachgehen oder in ihrer Zelle arbeiten.
An Sonn- und Feiertagen tritt insofern eine Änderung ein, als nach der Terz eine Predigt mit Hochamt gehalten wird. An den Ordensfesten wird nach dem Gottesdienst eine Exhortation im Speisesaal vom Beichtvater gehalten. An den Festtagen werden die Laudes, Prim, Vesper und Komplet gesungen, während an den Werktagen die Äbtissin oder Priorin das Recht hat von einer gesungenen Vesper zu dispensieren und sie nur beten zu lassen.
Um ein Viertel nach 10 Uhr wird das erste Glockenzeichen zu Tisch gegeben, worauf jede Nonne in ihrer Zelle das »Partikular-Examen« macht, das die Priorin, wie bei der Meditation, von Zelle zu Zelle wandernd kontrolliert. Nach Beendigung dieses Examen besuchen alle das hochwürdigste Gut und begeben sich dann in den Speisesaal.
Um 1/211 Uhr setzen sich alle an die Tische und bleiben dort eine oder höchstens fünfviertel Stunden lang. Während des Mittagsmahles werden die Ordensregeln, die Lebensgeschichten der Heiligen und auch Predigten gelesen.
Wird nicht vom Lesen dispensiert, was einmal die Woche geschieht, dann muß eine Frau bei Tisch bedienen. In letzterem Falle darf nur eine Viertelstunde lang gelesen werden und die bei Tisch bedienende Frau wird von einer Schwester abgelöst.
Nach beendetem Mittagsmahl wird wieder das hochwürdigste Gut besucht und dann geht jede Nonne an ihr Amt oder ihre Arbeit.
An Fasttagen wird unter dem Beten des Psalmes Miserere nach dem Chor gegangen und dort das Tischgebet vollendet. Nach demselben nehmen die Nonnen ihr Tischzeug weg und verwahren es, während die jüngeren Frauen abnehmen und alles in Ordnung bringen.
Wenn eine lange Vigil gehalten wird, so fängt sie um 2 Uhr an, worauf die Laudes gesungen werden, die Vesper aber nur psalliert wird.
Alle Tage ist die Vesper gewöhnlich um 3 Uhr nachmittags.
An Sprechtagen dürfen die Klosterfrauen ohne besondere Anfrage bei der Priorin im Garten spazieren gehen, sooft sie Zeit haben, auch dürfen sie im Winter im Winterrefektorium (Speisesaal) und im Sommer im Sommerrefektorium sich zur Arbeit versammeln und erhalten dann ihren Abendtrunk. An Fasttagen aber darf keine Frau im Garten spazieren gehen ohne besondere Erlaubnis der Priorin. Das gleiche gilt auch von der Versammlung im Refektorium. Eine solche Versammlung findet nachmittags von halb drei bis 3 Uhr statt, wenn die Äbtissin einen Abendtrunk bewilligt.
An den Muttergottestagen findet um 1/23 Uhr Prozession statt, danach musikalische Vesper nebst Litanei. Nach deren Beendigung ist bis halb 5 Uhr Gebetstunde.
Wird nur eine kurze Vigil gehalten, dann wird sie nach der Vesper psalliert. An allen Schweigetagen wird die Gebetstunde von 3/44 Uhr bis 1/25 Uhr gehalten und zwar von jeder Klosterfrau in ihrer Zelle. Die Priorin gibt hierzu das Zeichen und sieht in den Zellen nach. Im Winter, sowie an Beicht- und Kommuniontagen wird diese Gebetstunde im Chor gehalten.
Um 1/25 Uhr wird das erste Zeichen zum Nachtmahl gegeben, worauf das hochwürdigste Gut wieder besucht wird. An Schweigetagen wird um 3/45 Uhr, an den Sprechtagen um 5 Uhr zu Tisch gegangen.
An den Schweigetagen wird zweimal zu den besonderen Schweigestunden geläutet. Diese Stunden sind von 1-2 Uhr nachmittags und vom Abend 6 Uhr bis zum anderen Morgen nach der Prim. Binnen dieser Zeit darf niemand etwas sprechen.
An allen Beichttagen, dann an Sonn- und Feierabenden, ist die Gebetstunde zum zweiten Mal bis 1/27 Uhr auf dem Chor und dann die Lektion im Konvent. Diese dauert eine halbe Stunde und auf sie folgt die Komplet.
Alle Nonnen müssen wöchentlich einmal beichten und kommunizieren, falls aber in eine Woche ein Feiertag fällt, so auch an diesem. Abwechslungsweise müssen aber alle Tage drei Nonnen beichten und die Kommunion empfangen.
Nach beendetem Komplet wird das nächtliche Examen eine Viertelstunde lang gehalten und zwar in der Zelle einer jeden Klosterfrau und unter der Kontrolle der Priorin. Hierauf wird das höchste Gut zum letzten Male besucht.
Um 8 Uhr abends müssen alle Nonnen in ihren Betten ruhen, was ebenfalls die Priorin kontrolliert. Sie sieht auch manchmal während des Schlafens nach und weckt diejenigen liebreich aus dem Schlafe, die allenfalls unanständig in ihren Betten liegen. Geschieht das bei einer oder der anderen Nonne öfters, so wird sie gebüßt.
Es war verboten im Bett auf dem Rücken zu liegen, vielmehr sollte die Nonne auf der rechten oder auf der linken Seite schlafen.
Der Gebrauch des Papiers auf dem Abort ist nicht erlaubt[17].
An Strafen gab es zur Ertötung der Fleischeslust — die schon dadurch bekämpft wurde, daß die Klarissinnen niemals Fleisch aßen — die große Disziplin, bestehend in 300 Geißelhieben und die kleine Disziplin mit 36 Geißelhieben. Außerdem wurde der stachliche Bußgürtel auf den bloßen Leib gelegt.
Außer den anbefohlenen Bußen war jede Nonne gehalten bei Jahresanfang der Äbtissin schriftlich anzuzeigen, welche Bußen und guten Werke sie noch freiwillig auf sich nehmen wolle. Zur Einhaltung der freiwillig übernommenen Verpflichtungen war sie bei schwerer Sünde in ihrem Gewissen verpflichtet.
Das Formular einer solchen Anzeige lautete:
Ich nehme mir mit der Gnade Gottes vor, nebst der Verrichtung der sonst alle Jahre gewöhnlichen Gebete, Klosterandachten, Abstinenzen und Bußwerke in den Fasten
1. wöchentlich einmal die Bußpsalmen und die Litanei von allen Heiligen, auch einmal den Kreuzweg zu beten,
2. alle Mittwoch, Freitag und Samstag des Salates mich zu enthalten, wie auch mir einen kleinen Abbruch im Essen zu machen,
3. in jeder Woche an einem Tage den Bußgürtel zu tragen, alle 14 Tage die kleine, am heiligen Karfreitag aber die große Disziplin zu machen usw.
Außer den Fasten
1. inner- und äußerliche kleine Abtötungen,
2. alle 14 Tage einmal den Bußgürtel ein oder zwei Stunden lang zu tragen,
3. an gewöhnlichen Festtagen und jenen meiner besonderen Patrone die kleine Disziplin vorzunehmen usw.[18]
Übrigens leistete auch der Protestantismus bisweilen Erkleckliches auf dem Gebiete der künstlichen Lebensverschandelung.
So gab es Pietisten, die nicht nur Theaterbesuch, weltliche Spiele und regelmäßigen Besuch von Wirtshäusern verboten, sondern auch das Tabakrauchen, den fröhlichen Trunk im Freundeskreise, ja man focht das Lachen und das Spazierengehen als mit dem christlichen Lebensernst unverträglich an. A. H. Francke aber verbot den Kindern sogar das Spielen, wenigstens in den Räumen des Schulgebäudes[19].