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Auf silbernen Gefilden

Zweiter Teil

Kasimir Lodygowski translation

Auf der andern Seite.

I.

Ich werde niemals den Eindruck vergessen, als ich nach der langen Krankheit, die mir das Bewußtsein geraubt hatte, gegen Ende jener entsetzlichen Reise durch die luft- und wasserlose Mondwüste die Augen wieder öffnete. Heute, wo ich das Niederschreiben unserer Erlebnisse auf diesem Globus wieder aufnehmen will, steht mir dieser Augenblick so lebhaft in der Erinnerung, als wenn kaum einige Stunden seitdem verflossen wären. Und dennoch, wenn ich die Mondtage zähle, sehe ich, daß auf der Erde bereits das elfte Jahr seit jener Zeit, da wir auf die Mondoberfläche gefallen sind, vorübergegangen ist und zehn Jahre, seit wir den Wagen verließen, in dem wir fast ein halbes Jahr eingeschlossen waren. Jetzt atmen wir längst wieder mit voller Brust, unter freiem Himmel, genau so wie auf der Erde, am Strande eines wirklichen Meeres, und blicken auf Wälder von Pflanzen, die uns seltsam und fremd erscheinen, aber ebenfalls grün und voll von eigenem Leben sind. Hundertvierunddreißigmal hat die Sonne vor unseren Augen diese Welt, an die wir uns fast schon gewöhnt haben, umkreist. Unser Haar beginnt zu ergrauen, und neben uns wächst das neue Geschlecht heran, ein Geschlecht von Menschen, die die Geschichte ihrer Vorväter, wie diese einst von der Erde hierhergelangten, von jenem fernen Stern, der in der Gestalt einer mächtigen leuchtenden Kugel vor ihnen am Horizont emporsteigen wird, wenn sie zu den Grenzen der luftlosen Wüste vordringen sollten, für eine Mythe halten werden. Ihnen wird dieses Himmelslicht eine selten gesehene, interessante Erscheinung am Himmelsdome sein, für uns ist es die Mutter, die wir für immer verlassen und verloren haben. Aber den einzigen und stärksten Faden, der uns noch mit ihr verbindet, konnten wir nicht zerreißen — die bis zum letzten Atemzuge in uns lebende Sehnsucht.

Es werden noch einige zehn oder mehr Mondtage vorübergehen, und wir werden alle sterben, die wir auf der Erde geboren sind. Das neue Geschlecht wird mein Tagebuch lesen und es wahrscheinlich lange Zeit hindurch für ein heiliges Buch halten, Exodus, bis hier ein „Kritiker“ erscheint und unzweifelhaft nachweist, daß die Überlieferung von der Erdenherkunft des Menschen nur eine Phantasie grauer Zeiten ist.

Ich denke daran wie an eine ganz natürliche Sache; erscheint mir doch schon vieles von dem, was ich selbst erlebt habe, nur noch wie ein phantastischer Traum. Vor allem hat die Krankheit, während der ich einen ganzen Mondtag hindurch ohne Bewußtsein daniederlag, in meinem Leben eine seltsame Unterbrechung geschaffen, so daß es mir zuerst schwer wurde, das, was vorher geschehen ist, mit dem zu verbinden, was ich sah und erlebte, als ich wieder zu mir kam, die Wirklichkeit von den Fieberträumen zu unterscheiden. Aber wahrhaftig, mein Erwachen war überaus seltsam.

Ich öffnete die Augen und konnte absolut nicht verstehen, wo ich mich befand. Mich umsehend, gewahrte ich eine weit ausgedehnte Wiese, von Hügeln umgeben, die mit frischem üppigem Grün bedeckt waren. Und alles von einem eigenartigen Halblicht überflutet, den Dämmerungen auf der Erde ähnlich, wenn sich die Sonne am Horizont erhebt. Nur die kahlen Gipfel der hohen Berge glühten in vollem roten Lichte. Über ihnen wölbte sich der blaßblaue Himmel, mit einem leichten Nebelschleier überzogen. Ich schaute und schaute und konnte noch immer nichts begreifen. Da erblickte ich auf der Wiese zwei Menschen, die langsam gingen und sich jeden Augenblick bückten, als wenn sie etwas suchen wollten. Um sie herum sprangen zwei Hunde, fröhlich bellend.

Ich glaubte zuerst, daß ich auf der Erde sei, in irgendeiner unbekannten Gegend, und ich dachte nach, wie ich wohl hierher gekommen, als ich mich plötzlich unserer Mondexpedition erinnerte und der langen Fahrt in dem geschlossenen Wagen durch die Mondwüsten. Ich blickte noch einmal rings umher, soweit ich dies tun konnte, ohne den Kopf zu erheben, der schwer war, als wenn er mit Blei angefüllt wäre. Wo ist der Wagen geblieben, wo sind diese grotesken Landschaften, die ich durch seine Fenster gesehen habe? Ich wollte die Menschen rufen, die sich in der Nähe befanden, aber plötzlich überfiel mich eine so starke Ermattung, daß ich keinen Laut hervorbringen konnte. Im übrigen begann ich anzunehmen, daß alle diese unerhörten Erlebnisse nur ein Traum waren. Ich sollte eine Expedition auf den Mond mitmachen und bin irgendwo auf einer Wiese eingeschlafen, wer weiß, wie lange ich schon geschlafen habe. Und es träumte mir nur, daß ich wirklich dorthin gelangte, daß ich mit furchtbaren Schwierigkeiten kämpfte, Kameraden verlor, dem Tode ausgesetzt war ... Das eine ist nur merkwürdig, daß ich diese Gegend nicht kenne.

Eine unklare Erinnerung an eine schwere, überstandene Krankheit tauchte in meinem Gedächtnis auf. Ja, wahrscheinlich hatte ich Fieber, und in Fieberträumen wandelte ich auf dem Mond. Ah, wie gut, daß diese Phantasiegespinste vorüber sind. Ich fühlte eine wahre Erleichterung bei dem Gedanken, daß das alles nur ein Traum war, daß ich mich auf der Erde befinde und niemals gezwungen sein werde, sie zu verlassen. Es überkam mich ein wohliges, glückseliges Gefühl, nach einer Weile empfand ich, daß ich abermals zu träumen beginne.

Als ich zum zweitenmal erwachte, bemerkte ich, daß über mein Lager gebeugt zwei Menschen standen, die vorher gesehenen Gestalten, und halblaut miteinander sprachen. Ich glaubte den leisen Ausruf zu hören: er schläft, worauf die zweite Stimme antwortete: er wird leben. Das wunderte mich sehr, aber ich wollte sie nicht merken lassen, daß ich wach war und nur unbeweglich dalag und begann sie unter den halb geschlossenen Lidern aufmerksam zu beobachten. Obwohl ich, wie es mir schien, ziemlich lange geschlafen, hatte sich die Beleuchtung der Gegend nicht geändert; es war mir daher schwer, in dem unsicheren Scheine die über mich geneigten Gesichter zu erkennen. Nach einiger Zeit, als meine Augen sich an dieses schwache Licht gewöhnt hatten, schienen mir diese Menschen bekannt zu sein, ich konnte mich nur nicht auf ihre Namen besinnen. Langsam wandte ich meinen Blick von ihnen zu den Bergen, die an der Grenze des Horizontes sichtbar waren und deren Gipfel immer gleich beleuchtet blieben, obwohl, wie ich bemerkte, der Schein von einer anderen Seite auf sie fiel.

In diesem Augenblick sah ich etwas, das meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Über der tiefen Einsattelung, zwischen zwei hohen Bergen, stand ein mächtiger grauweißer Reifen, zur Hälfte aus dem Horizont geneigt. Ich starrte ihn lange an, bis mir alles klar wurde: das war die Erde — dort, am Himmel leuchtend!

Das Bewußtsein, daß ich mich tatsächlich auf dem Mond befinde, kehrte in seiner ganzen Klarheit zurück und durchlief mich wie ein eisiger Schauer. Ich stieß einen Schrei aus und sprang vom Lager auf. Peter und Martha — sie waren es, die ich vor einer Weile über mich gebeugt gesehen hatte — kamen mit lebhafter Freude herbei, aber ich fühlte nur einen Schwindel und verlor abermals die Besinnung.

Das war die letzte Ohnmacht im Verlauf meiner langen Krankheit; ich begann langsam gesund zu werden, obwohl noch über hundert Stunden verflossen, ehe ich es vermochte, mich zu erheben und allein wieder gehen zu können. Peter und Martha pflegten mich mit geradezu rührender Fürsorge, und ich, noch zu schwach, um zu fragen und zu sprechen, dachte nur darüber nach, was um mich vorging, und was sich alles zugetragen hatte. Ich wußte nun, daß wir während meiner Krankheit das so ersehnte Land, wo es Luft und Pflanzen gab, erreichten, aber daß dies auf ganz natürliche Weise geschehen sei, konnte ich mir noch lange Zeit hindurch nicht klar machen. Es fiel mir nämlich schwer, daran zu glauben, daß ich einen vollen Erdenmonat bewußtlos gelegen, und der Wagen, sich indessen immer nach Norden bewegend, endlich zum Pole gelangte, der noch einige hundert Kilometer von uns entfernt war, als mich das Fieber aufs Lager geworfen hatte.

Wir befanden uns also auf dem Nordpol des Mondes. Ein seltsames Land! Ein Land, zugleich des ewigen Lichtes und der Dämmerung, wo es keine Himmelsrichtungen gibt, weder Osten noch Westen, nicht Süden, nicht Norden. Die Mondachse steht fast senkrecht zur Erdbahn, daher sinkt die Sonne hier nicht unter den Horizont, noch erhebt sie sich am Himmel, sondern scheint sich nur in alle Ewigkeit am Horizont hinzuschleppen. Besteigt man einen Berg, deren es mehrere in der Nähe gibt, erscheint diese Sonne wie eine rote feurige Kugel, die sich träge direkt am Horizont bewegt. Die Gipfel der Berge leuchten ewig im rosigen Lichte, das stets von einer anderen Seite auf sie fällt; seitdem die Welt besteht, gibt es für diese Berge keine Nacht. Aber dafür haben die grünen Täler zu ihren Füßen niemals die Sonne gesehen. Sie liegen im Schatten dieser Berge, in immer gleicher, zarter Dämmerung. Ihr frisches dunkles Grün sieht nur den Abglanz der kahlen, von der Sonne geröteten Gipfel, die einem mächtigen Kranze blasser Rosen ähnlich sind. Nur selten, während einiger Erdenmonate, blitzt die Sonne, infolge der Libration des Mondes etwas über dem Horizont erhoben, in irgendeinem tiefen Felsenspalt mit einem flammend roten Antlitz auf und steht so einen Augenblick im Tor der Berge, wie ein in gleißendes Gold gehüllter Cherub. Dann ergießt sich ein mächtiger Lichtstrom durch die Klamm, fällt in Kaskaden von den Felsen herab und malt auf der dämmerigen Wiese einen breiten goldroten Streifen. Einige Stunden gehen vorüber, die Sonne versteckt sich hinter den Bergen, und wiederum überflutet ein sanftes Dämmern das stille Tal. Manchmal nur wird diese Dämmerung von der der Sonne entgegengesetzten Seite her durch ein seltsames, schwaches, einem breiten, schillernden Regenbogen ähnlichen Leuchten unterbrochen — das ist die Morgenröte auf dem Mondpol. Sie verhält sich zu derjenigen auf der Erde wie ein Traum zur Wirklichkeit; wie ein Traum, der schön und rein und traurig ist.

Es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem schwachen Licht der Polarländer des Mondes. Ich erinnere mich, daß ich bei ihrem Anblick die Empfindung hatte, als wenn ich mich im Traume auf einem elysäischen Zaubergefilde befände. Leichte Nebelschleier irren dort wie Geister über die Erde; kein Laut unterbricht die tiefe, unheimliche Stille. Ein immerwährender, herrlicher, wenn auch kühler Frühling herrscht in diesem Lande, das wir schon über ein halbes Jahr bewohnen und während dieser Zeit hat sich der blaßblaue Himmel nur einmal mit Wolken überzogen. Es regnet fast niemals und infolgedessen gibt es auch kein Wasser, keine Quellen, keine Bäche. Die Luft ist jedoch so mit Wasserdampf angefüllt, daß diese Feuchtigkeit für die Entwicklung der Pflanzen vollständig genügt. Unsere Gräser, Bäume und Blumen würden hier wahrscheinlich vertrocknen, aber diese Länder am Mondpol haben eine besondere, den Verhältnissen angepaßte Flora ...

Die hiesigen Wiesen bestehen aus saftigen Pflanzen, die dem Moose auf der Erde ähnlich sind und wie jenes die Eigenschaft haben, die Feuchtigkeit der Luft aufzusaugen, nur in weit erhöhtem Maße. Sie nehmen so viel Wasser in sich auf, daß wir durch Ausdrücken der Pflanzen die zum Leben nötige Quantität dieser Flüssigkeit erhalten. Das Getränk gewinnen wir also auf bequeme Weise, aber mit dem Essen ist es schon schwieriger. Wir fanden zwar einige Gattungen saftiger, dafür verwendbarer Pflanzen und eine reichliche Anzahl eigenartiger Lebewesen, die großen Schnecken ohne Schalen ähneln, doch hatten wir nichts, uns eine Nahrung daraus zu bereiten. Unser von der Erde mitgenommener Vorrat an Brennmaterial war bald erschöpft und in der ganzen weiten Gegend nichts zu sehen, womit wir es hätten ersetzen können. Sogar die dickeren, verholzten Moosstengel waren so mit Feuchtigkeit gesättigt, daß wir sie unmöglich zum Feuermachen verwenden konnten und an ihr Austrocknen in dieser Dampfbad-Atmosphäre war gar nicht zu denken. Der Torf, den wir in großen Mengen vorfanden, triefte ebenfalls von Wasser, wenn man ihn nur in der Hand zusammendrückte.

Ich war schon kräftiger und konnte das in aller Eile hergestellte Zelt verlassen, um auf der Ebene spazieren zu gehen, als wir durch diesen vollständigen Mangel an Brennmaterial bedroht wurden. Wir pflogen diesbezüglich große Beratungen und machten verschiedene vergebliche Versuche zur Abhilfe. Peter kam mit dem Vorschlag, man solle die stärkeren, zerspaltenen Zweige und den ausgepreßten Torf auf die Berge tragen, da er hoffte, daß sie dort in der Sonne leichter trocknen würden, wie in diesem immer gleich dämmerigen Tale. Aber auch auf den Höhen war die Wärme der Sonnenstrahlen zu schwach. Nach kurzer Zeit nahm der ausgepreßte Torf durch die Dämpfe der Luft von neuem so viel Feuchtigkeit auf, daß die Arbeit sich als vergeblich erwies.

Wir opferten also alles, was wir von den mitgebrachten Holzgegenständen irgend entbehren konnten und schürten damit ein letztes großes Feuer an, um das in der Gegend gesammelte Brennmaterial auszutrocknen. Wäre uns das gelungen, konnten wir ein stetes Feuer unterhalten, das immer mit neuem, durch sich selbst ausgetrockneten Brennmaterial versorgt wurde. Aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Wir erhielten, nachdem wir alles verbrannt hatten, kaum eine kleine Handvoll trockener Äste und Torf. Es zeigte sich, daß zum Austrocknen einer gewissen Menge von Brennmaterial das Dreifache nötig gewesen wäre. Unser „ewiges Feuer“ erlosch nach einigen Stunden ... Wir hatten nur den Vorteil davon, daß wir die Maschine in Bewegung setzten, die die Akkumulatoren des Wagens lud.

So hieß es also ohne Feuer auszukommen! Die von Wasserdampf durchtränkte, immer gleichmäßig temperierte Luft bewahrte aufs glänzendste die spärliche Sonnenwärme, so daß uns die Kühle nichts anhaben konnte. Doch fiel es uns sehr schwer uns an die Rohkost zu gewöhnen. Die Reste der Vorräte an künstlichen, für die Verdauung entsprechend zubereiteten Eiweiß- und Zuckerpräparaten hoben wir für den Fall, bei der weiten Reise in eine Gegend zu kommen, die uns gar keine Nahrung liefern sollte, sorgfältig auf. Wir ließen nämlich die Absicht niemals fallen, noch weiter nach der Mitte der von der Erde abgekehrten Halbkugel des Mondes vorzudringen. Jedoch hielten uns drei Gründe von der Ausführung dieses Planes zurück: vor allem war ich nach der überstandenen Krankheit noch zu schwach, um die Beschwerden der Reise ertragen zu können, und auch Martha, die in Kürze der Geburt des Kindes entgegensah, durfte sich keinen Gefahren aussetzen. Schließlich gesellte sich noch, infolge des Mangels an Brennmaterial, die Angst vor den langen, kalten Nächten hinzu, die über uns hereinbrechen würden, sobald wir uns nur von dem Pol, dem Land des ewig gleichmäßig fahlen Lichtes, entfernten.

Trotz aller Entbehrungen und Befürchtungen sind die auf dem Pol verbrachten Monate die einzigen schönen Erinnerungen meines Lebens auf dem Monde. Das Zelt, das wir von der Erde mitnahmen, stellten wir genau am Polpunkt auf, so daß wir die Konstellation des Drachen, wo der Polarstern des Mondes leuchtet, direkt über uns hatten. Diesen Stern, der uns lange als Wegweiser diente, sahen wir nur einmal, während der Sonnenfinsternis, am Zenit, als wir die weitere Reise antreten wollten. Die Sterne, die auf der luftlosen Wüste Tag und Nacht sichtbar sind, zeigen sich hier niemals, ausgenommen wenn die Sonne hinter der Erdscheibe untergeht und diese Länder der ewigen Dämmerung in kurze Nacht versinken.

Das Zelt benützten wir nur noch zum Schlafen. Unsere Hauptzeit verbrachten wir unter freiem Himmel und berauschten uns an der Landschaft, die, obwohl sie uns schon vertraut geworden, ihren eigenartig ergreifenden Reiz nicht für uns verloren hat. Alles ist so seltsam harmonisch auf einen gleichmäßig ruhigen Ton gestimmt: grüne und rosige Berge unter blauem Himmel und diese frische, kühle, mit dem balsamischen Duft der Pflanzen durchtränkte Luft! In unsere Seelen zog ein tiefer Frieden ein ... Warme Herzlichkeit herrschte in unserm kleinen Kreise. Alle Kränkungen, Leidenschaften, Bitterkeiten und Mißverständnisse lagen weit hinter uns, wie jene furchtbaren Wüsten, die wir durcheilen mußten und die uns noch in der Erinnerung mit Schaudern erfüllten.

Die Zeit floß unmerklich dahin, während wir uns ganze Stunden lang von der Erde unterhielten, deren Segment sich nur noch manchmal zur Zeit des Vollseins in Gestalt einer grauweißen Wolke über dem Horizont zeigte; dann von den teuren Kameraden, die in den stillen Gräbern der Wüsten schliefen, dann wiederum von der unbekannten Zukunft, die unserer wartete. Wir sprachen von dem Kinde, das zur Welt kommen sollte, von Ländern, die wir sehen würden, von allem, mit Ausnahme einer einzigen Sache ... Wir berührten niemals wieder die Frage, wem von uns nun in Zukunft Martha gehören solle. Es klingt seltsam, aber ich glaube wirklich, daß wir in jener Zeit nicht einmal daran dachten. Wenigstens dachte ich nicht daran. Heute, nach Jahren, kann ich es mir eingestehen ... ich liebte diese Frau, ich liebte sie mehr, als ich es heute auszudrücken fähig bin, aber diese Liebe war seltsam ...

Wenn ich sie ansah, ihr liebliches, so schmal gewordenes Gesicht, das immer ein träumerisches Lächeln umspielte, ihre zarten weißen Hände, die stets mit irgendeiner Arbeit beschäftigt waren, schien sie mir jener Martha, die ich einst kannte, so unähnlich zu sein, und ich fühlte eine ganze Welt von Zärtlichkeit für dieses so sanfte, gute und bedauernswerte Wesen. Wie gern hätte ich oftmals mit der Hand ihr Haar berührt und ihr gesagt, daß ich bereit sei, alles für sie zu tun und zu opfern, auf alle eigenen Wünsche zu verzichten, damit nur sie ein wenig glücklich wäre — aus Dankbarkeit, daß ich sie sehen darf.

Auf der Erde würde man über eine solche Liebe lachen; wenn ich heute daran zurückdenke, bin ich nur unsagbar traurig, denn ich weiß, daß ich nichts für sie zu tun vermochte, obwohl ich das größte Opfer gebracht habe, das ein Mensch zu bringen imstande ist.

Und sicherlich, wenn ich lebe, so habe ich es nur ihr zu verdanken. Als mich damals das Fieber befiel, hat mir nur ihre Pflege die Gesundheit wiedergegeben, und auch heute hält mich allein der Gedanke an sie aufrecht. Dieser Gedanke ist schmerzvoll, aber dort auf dem Pol ahnte ich noch nicht, wie sich alles gestalten würde, und daher sagte ich mit Recht, daß das die glücklichste Zeit meines Lebens auf dem Monde war. Ich hatte Martha stets um mich. Während meiner Krankheit wachte sie über mir; als ich wieder gesund war, machten wir zusammen Ausflüge in das Tal und suchten Schnecken zu Mittag oder sammelten duftende Kräuter, mit denen sie dann das Innere des Zeltes schmückte.

Als ich wieder zu Kräften gekommen war, erkletterte ich mit Peter die Berge, um die Sonne zu sehen und den mächtigen blassen Reifen der Erde am Horizont, und mit neugierigem Auge auf unbekannte und geheimnisvolle Länder zu schauen, die noch kein menschlicher Blick erreichte, und zu denen wir vordringen wollten. Martha blieb dann im Zelte zurück; sie durfte sich um diese Zeit derartige Anstrengungen nicht mehr zumuten.

Bei einem solchen Ausfluge zeigte mir Peter vom Berge aus den Weg, auf dem wir in dieses Tal gekommen waren, und erzählte mir von all den Schwierigkeiten, mit denen er in diesem bergigen Lande zu kämpfen hatte, in eine undurchdringliche Nacht gehüllt, mit mir, dem schwer Kranken, und mit Martha, die noch von dem Schmerze über den Verlust des Geliebten halb von Sinnen war.

— Ich mußte alles allein machen, sagte er, und es gab Stunden, wo mich die Verzweiflung packte. Einige Male verlor ich den Weg in den Felsen oder mußte zurückfahren, weil ich in eine Klamm ohne Ausgang geraten war. Oft dachte ich, daß wir nicht lebend ans Ziel kämen. In solchen Momenten erfüllte mich der Anblick des Barometers, der sich stetig hob, mit neuer Zuversicht. Aber einer sicheren Hoffnung gab ich erst Raum, nachdem wir die Ebene hinter dem Gioja erreicht hatten. Die Astronomen der Erde ahnten, als sie jenen Berg mit diesem Namen belegten, gewiß nicht, daß er für uns eine wörtliche Bedeutung haben würde, daß uns nach den unermeßlichen Mühen und Qualen hier tatsächlich endlich die Freude lächeln sollte ...

Die Nacht hatte sich hier schon erhellt. Wir waren dem Pol so nahe, daß das in der ziemlich dichten Atmosphäre zerstreute Licht der Sonne, die nicht tief unter dem Horizont verborgen lag, eine Art grauer Dämmerung hervorbrachte, bei der man die Gegenstände unterscheiden konnte. Dort wagte ich es auch zum erstenmal, den Wagen ohne Luftbehälter zu verlassen. Im selben Augenblick befiel mich ein Schwindel; die Atmosphäre war noch dünn, und ich mußte kräftig mit der Brust arbeiten, um atmen zu können; aber ich werde niemals das Gefühl vergessen, als ich zum ersten Male Mondluft schöpfte.

Er erzählte mir dann weiter, welche ungeheuren Mühen er beim Durchdringen der letzten Gebirgskette bestehen mußte, die die Ebene unter dem Gioja vom Polarlande trennte. Auf die Hilfe Marthas konnte er nicht rechnen, vor allem weil ich, zwischen Leben und Tod schwebend, unaufhörlich ihrer Pflege bedurfte; er mußte daher bei dem schwachen Lichte den Wagen allein auf dem steilen Abhang führen, der mit verwitterten Steinen übersät war.

Ungefähr achtzig Stunden nach Mitternacht war er auf der Einsattelung angelangt. Von dort aus sah er das Polarland schon vor sich liegen.

— Es schien mir, sagte er, daß ich die „versprochene Erde“ sehe; vor meinen Blicken, die nur noch an wilde Felsen und Wüsten gewöhnt waren, breitete sich diese mächtige grüne Ebene aus ... Die Freude hielt mir fast den Atem in der Brust zurück, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Durch Freudentränen schaute ich auf die dämmerigen Wiesen und auf die rote Sonne, die von meiner Höhe aus über ihnen sichtbar war, obwohl noch sehr viel an der Zeit fehlte, bis sie auf diesem Meridian aufgehen mußte.

Als er das sagte, wandten wir uns unwillkürlich der Sonne zu. Sie stand am Horizont in der Himmelsrichtung, die für uns bis jetzt Norden war und von nun ab Süden werden sollte. Auf der der Erde abgekehrten Halbkugel des Mondes war es Tag.

Da packte mich zum erstenmal der unbezwingliche Wunsch, diese geheimnisvollen Länder, über denen gerade die Sonne stand, kennen zu lernen. Nach unserer Rückkehr von dem Berge dachte ich nur noch daran und begann im Zelte sogleich die Pläne der weiteren Fahrt zurechtzulegen.

Peter war ebenfalls der Meinung, daß man nach Süden, zur Mitte der unbekannten Halbkugel vordringen müsse.

— Hier haben wir es gut, sagte er, und wir könnten hier schließlich das ganze Leben verbringen, aber leben könnten wir noch ruhiger auf der Erde. Wir sind auf den Mond gekommen, um seine Geheimnisse zu erforschen!

So wurde also die neue Expedition im Prinzip beschlossen. Im Augenblick hielt uns nur die Rücksicht auf Martha zurück. Auf den Zeitpunkt wartend, da es möglich sein würde, die Reise fortzusetzen, trafen wir unsere Vorbereitungen und sammelten Vorräte.

Vor allem haben wir den Wagen genau geprüft und Veränderungen vorgenommen. Es hätte keinen Zweck gehabt, eine so schwere Maschine mit uns zu führen. Wir wollten zunächst seine obere Hälfte abnehmen, wodurch er einem tiefen Boote auf Rädern ähnlich geworden wäre. Aber der Gedanke, daß wir in Gegenden mit kalten Nächten geraten könnten, wo uns der dicht geschlossene und geheizte Wagen unentbehrlich sein würde, hielt uns davon zurück. Wir entfernten infolgedessen nur den ganzen hinteren Teil, der sich abschrauben ließ und bis dahin unsere Magazine enthielt. Zum Verschließen der so entstandenen Öffnung hatten wir eine Aluminiumplatte, die vorher den Verschluß der Magazine von innen her bildete. Außerdem beseitigten wir alle Metallteile, die zur Verstärkung der Wände dienten und jetzt unnötig waren. Den einst den unglücklichen Brüdern Remogner genommenen Motor haben wir, soweit es ging, ausgebessert und im Wagen aufgestellt, falls der unsrige beschädigt werden sollte.

Alle diese Vorbereitungen wie die Fertigstellung der Nahrungs- und Wasservorräte, die wir mühsam aus dem Moos auspressen mußten, nahmen mehr als drei Monate in Anspruch. Schließlich war alles zur Weiterreise bereit.

Das fünftemal schon stand die Erde seit unsrer Ankunft auf der Polarebene voll am Firmament, als ich, von einem weiteren Ausflug zurückkehrend, im Zelte das Schreien eines Kindes vernahm. Kein Laut ist mir im Leben so zu Herzen gegangen wie dieses schwache Stimmchen! Gehörte es doch jenem winzigen kleinen Wesen, das unsern Kreis zu vergrößern und unsere Einsamkeit freudiger zu gestalten kam. Als ich es hörte, warf ich die Bündel mit dem gesammelten Eßmoos hin und stürzte in das Zelt. Da lag Martha blaß und erschöpft, aber vor Freude strahlend. Sie schien sogar meine Ankunft nicht bemerkt zu haben. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem kleinen Geschöpf, das in weiße Tücher gewickelt war und aus Leibeskräften schrie. Sie drückte es mit wahrer Leidenschaft an sich und flüsterte fortwährend: Mein Tom, mein Tom, mein schöner, lieber Sohn! Dabei lächelte sie glückselig durch ihre Tränen. Neben ihr am Lager schwänzelten beide Hunde und streckten die neugierigen Schnauzen aus, um den ihnen unbekannten kleinen Schreier zu beschnuppern.

Ich sah mich nach Peter um und war erstaunt über seine finstere Miene. Er saß in einer Ecke des Zeltes in tiefes Nachdenken versunken, ohne auf Martha zu achten, aber ich dachte im Augenblick nicht weiter darüber nach. Ich lief zu ihr und wollte ihr sagen, wie ich mich über ihr Kind freue, wie ich sie segne für dieses Geschenk des Lebens, aber ich konnte kein Wort hervorbringen.

Ich ergriff nur ihre zarte, magere Hand und stammelte etwas Unverständliches. Sie blickte mich an, als wenn sie mich jetzt erst bemerkt hätte. Ich empfand ein Stechen im Herzen, denn ihr Blick sagte mir, daß ich ihr so gleichgültig bin, wie nur ein Mensch dem andern sein kann. Eine große Traurigkeit erfaßte mich und sie bemerkte dies scheinbar, denn sie lächelte mir zu, als wenn sie die mir unabsichtlich zugefügte Kränkung wieder gut machen wollte, und sagte, auf das Kind zeigend:

— Sieh, Tomas ist zurückgekehrt, mein Tomas ...

Da verstand ich, daß keiner von uns jemals einen Platz im Herzen dieser Frau einnehmen konnte, denn es wird immer nur diesem Kinde gehören, in dem sie nicht nur ihr eigenes Fleisch und Blut, sondern die Seele des Verstorbenen liebt.

Schweigend machte ich mich an die Zubereitung der Nahrung für Martha. Peter ging mit mir aus dem Zelte.

— Was denkst du von alledem? fragte er mich, als wir draußen waren.

Ich wußte zunächst nicht, was ich antworten sollte.

— Nun ja, Woodbells Sohn ist zur Welt gekommen ... murmelte ich nach einer Weile.

— Ja, ja, Woodbells Sohn, wiederholte Peter und verstummte.

Ich wollte nicht weiter fragen, ich wußte, woran er dachte. Wie aus Furcht das zu berühren, was alle unsere Gedanken beschäftigte, sprachen wir von jetzt ab fast ausschließlich von der bevorstehenden Reise. Martha kam schnell zu Kräften, die Gesundheit des kleinen Tom weckte keine Besorgnisse, so beschlossen wir also, vor dem nächsten ersten Viertel der Erde die Fahrt anzutreten. Das war die beste Zeit, da auf dem mittleren Meridian, der entgegengesetzten Halbkugel des Mondes, dem entlang wir uns dem Äquator zu bewegen wollten, gerade mit dem ersten Viertel der Tag beginnt. Wir würden demnach zwei Erdenwochen hindurch Licht vor uns haben und könnten, falls wir keine günstigen Bedingungen vorfinden sollten, vor Einbruch der Nacht zum Polarland zurückkehren.

Indessen verblaßte zwei Wochen nach Toms Geburt die Erde, und währenddem hatten wir Sonnenfinsternis, die zweite, die wir auf dem Monde sehen sollten.

Der ersten, dort auf der Wüste, während wir, von der Angst vor dem uns drohenden Erstickungstode gefoltert, dahinjagten, hatten wir gar keine Aufmerksamkeit zugewendet. Jetzt wollten wir die Gelegenheit besser wahrnehmen. Wir packten daher die astronomischen Instrumente in einen kleinen, von den Hunden gezogenen Wagen und erstiegen einen Hügel, der dem Pol am nächsten gelegen war, von wo man die Erde und die Sonne sehen konnte.

Das Schauspiel war erhaben, aber die Forschungsversuche blieben resultatlos. Der niedrige Stand der Erde über dem Horizont, bei einer mit Wasserdampf gesättigten Atmosphäre, ließ keine genauen Messungen zu und störte die Beobachtungen derartig, daß wir einige Minuten nach Untergang der Sonne hinter die Erdscheibe die astronomischen Instrumente hinwarfen, um mit bloßem Auge das Zauberspiel des Lichtes am Horizont zu bewundern. Die Erde leuchtete auf dem blutiggoldenen Hintergrunde der Morgenröte in Gestalt eines mächtigen schwarzen Halbkreises, von dem dunkel erglühenden, mit Sternen übersäten Himmel umgeben. Ein Anblick, als wenn am nächtlichen Firmament eine riesige Feuersbrunst flammte oder jenes flackernde Polarlicht, das auf der Erde in der Nähe der Pole glüht, plötzlich hierherversetzt, erstarrt und, sich vor unsern Blicken ins Ungeheure dehnend, erloschen wäre.

Gerade jetzt steht mir die Erinnerung daran so lebhaft vor Augen. Es schien mir damals, als wenn sich mir der verkohlte Leichnam der Erde im Feuer zeigte, es war darin etwas Furchtbares und seltsam Erschütterndes. Heute noch, wenn ich an die Erde denke, erscheint sie mir oft in dieser entsetzlichen schwarzen Gestalt, wie ich sie damals gesehen habe, und dann muß ich meine ganze Vorstellungskraft anstrengen, um sie mir als eine silberne, leuchtende Scheibe zu denken.

Ich konnte diesen über allen Ausdruck erhabenen, aber schmerzlichen Anblick nicht lange ertragen und wandte den Blick zu den Sternen, die ich seit einigen Monaten nicht gesehen hatte. Sie leuchteten alle über mir, scharf glitzernd, wie manchmal bei uns auf der Erde in klaren Winternächten. Ich blickte mit heißem Verlangen auf sie, wie auf gute alte Bekannte; ich suchte mir seit den Kinderjahren bekannte Konstellationen auf und frug sie in Gedanken, was es dort auf meinem heimatlichen Globus, der jetzt wie Schlacken auf einer flammenden Feuersbrunst vor mir lag, wohl Neues zu hören gäbe.

Plötzlich bemerkte ich, daß die Sterne verblaßten; ich rieb mir die Augen, weil ich glaubte, die Tränen, die diese Erinnerung mir entlockte, verschleierten mir den Blick. Aber nein, es war keine Täuschung: die Sterne wurden immer schwächer und schwächer. Auch Peter bemerkte es, und wir beunruhigten uns, da wir für diese Erscheinung keine Erklärung fanden. Die Sterne verschwanden gänzlich, ja sogar die Morgenröte wurde in der Richtung, in der die Sonne hinter der Erde unterging, immer undeutlicher und wie verwischt. Einige Minuten später hüllte uns eine sternenlose Nacht ein; nur in südlicher Richtung war noch ein leichter roter Schein am Himmel zu erkennen. Da plötzlich fühlten wir einen starken Windstoß, etwas in dieser Gegend für uns vollständig Neues. Vor Schreck und Staunen wagten wir nicht, uns von der Stelle zu rühren.

Endlich wich die Finsternis, und die Sonne schaute hinter der Erdkugel hervor. Wir schlossen wenigstens nach dem wiederkehrenden Tage darauf, denn wir konnten trotz der Helligkeit weder die Sonne noch die Gegend erkennen. Alles versank in einem dichten milchweißen Nebelschleier ...

Jetzt erst verstanden wir diesen Vorgang. In dem Polarlande fällt weder Regen noch bilden sich Wolken, weil die Luft immer gleichmäßig erwärmt ist; es fehlt also die Anregung für das Ausscheiden des Wasserdampfes.

Dies gilt sozusagen unter gewöhnlichen Bedingungen, aber heute fiel während der Finsternis plötzlich die Temperatur, wodurch sich der Wind erhob und der Wasserdampf sich in kälterer Luft zu Nebel verdichtete.

Diese natürliche Erklärung der erstaunlichen Erscheinung beruhigte uns zwar, jedoch wurde unsere Lage dadurch nicht besser. Eine empfindliche Kälte schüttelte uns, und in dieser Dämmerung war es unmöglich, den Weg ins Tal zu entdecken, wo das Zelt stand. Dazu quälte mich der Gedanke an Martha. Aber es blieb nichts übrig, wir mußten uns setzen und besseres Licht abwarten ....

Bald begann sich denn auch der Nebel zu heben. In nicht ganz einer halben Stunde öffnete sich der Blick auf das Tal; nur noch die Gipfel höherer Berge waren in Wolken getaucht, die mit jedem Augenblick dichter wurden. Es war ohne Zweifel Regen in Aussicht und wir begannen in größter Eile den Abstieg vom Hügel. Ehe wir jedoch den Weg nur zur Hälfte zurückgelegt hatten, blitzte es über uns auf und fast gleichzeitig sauste mit dem dumpfen Echo eines Donners eine wahre Sündflut auf uns nieder. In einigen Sekunden waren wir vollständig durchnäßt. Durch den niederströmenden dichten Regen konnte man absolut nichts sehen; die Blitze und Donner setzten nicht einen Augenblick aus.

So ging es ungefähr zwei Stunden lang, während deren wir uns, durchkältet und durchnäßt, mit den Hunden unter den Vorsprung eines Felsens, der uns übrigens nur einen sehr schwachen Schutz gewährte, flüchteten. Als der Regen aufhörte, wollten wir sofort den Rückweg antreten, aber kaum hatten wir das schützende Felsdach verlassen, als sich uns ein Anblick darbot, der uns das Blut in den Adern gerinnen ließ. An Stelle der grünen Mulde lag ein breiter See zu unseren Füßen.

Mein erster Gedanke war: Was ist aus Martha und dem Kinde geworden? Die Stelle, wo das Zelt stand, muß überschwemmt sein. Ich stürzte zum See, ohne auf Peter zu achten, der mich zurückhalten wollte. Als ich das Wasser erreicht hatte, versuchte ich, hindurchzuwaten; zunächst war es nicht tief, aber bald ging es mir bis an die Hüften. Einen Augenblick zögerte ich, ob ich weiterwaten oder umkehren sollte, indessen war Peter hinter mir ins Wasser gesprungen, packte mich mit aller Kraft und zwang mich, an das Ufer zurückzukehren.

Meine Situation war fürchterlich. Eine wahnsinnige Angst um Martha trieb mir den Schweiß auf die Stirne, und doch mußte ich Peter recht geben, daß ich mein Leben riskierte, ohne ihr damit zu helfen.

— Wenn Martha die Überschwemmung rechtzeitig bemerkt hat, sagte er, und sich auf dem Hügel in Sicherheit brachte, ist unsere Hilfe augenblicklich nicht nötig; es ist Zeit genug, sie zu suchen, wenn das Wasser gefallen ist. Hat sie indessen die Flucht nicht mehr ergreifen können, so kommen wir, ob jetzt oder in einigen Stunden, auf alle Fälle zu spät.

Er sagte das ganz ruhig, sogar mit einer gewissen Grausamkeit, die mich schaudern machte. Ich sah ihm in die Augen, und ich glaubte den furchtbaren Gedanken darin zu lesen: „Lieber soll sie zugrunde gehen, als jemals dein sein!“ ...

— Ich werde ihr zu Hilfe eilen, trotz alledem! rief ich.

— Geh, antwortete er und setzte sich gleichgültig ans Ufer.

Ich wollte wirklich gehen, aber das war leichter gesagt als getan. Und übrigens — wohin sollte ich gehen? Auf die Mitte dieses Sees? Sie unter dem Wasser suchen?

Ich setzte mich neben Peter, wütend und verzweifelt, und starrte ratlos ins Wasser. Auf seiner Oberfläche schwammen hier und da abgerissene Moosstengel, im übrigen war es ruhig und glatt, von keinem Windstoß getrübt. Ich dachte eben darüber nach, wie in so kurzer Zeit so unendlich viel Wasser aus der Atmosphäre herabfließen konnte und wie lange Stunden vergehen würden, ehe dieses Meer austrocknet und wir die Leichen Marthas und des Kindes finden (ich zweifelte gar nicht mehr daran, daß sie umgekommen waren), als ich plötzlich bemerkte, daß die Moosstengelchen alle ziemlich schnell in einer Richtung flossen, also anscheinend vom Strom getragen wurden, ein Zeichen, daß das Wasser irgendwo einen Ausgang aus der Mulde gefunden hatte. Diese Beobachtung beruhigte mich unendlich, da sie mich hoffen ließ, daß wir auf das Fallen des Wassers nicht allzu lange würden warten müssen. Um mich von der Richtigkeit dieser Annahme zu überzeugen, ging ich das Ufer entlang, den anscheinenden Lauf der Strömung verfolgend.

Nachdem ich einige Kilometer gegangen war, kam ich an eine Art Bach, den ich durchwatete. Ich war von dem Vorhandensein eines Abflusses hinter diesem Bach überzeugt, da ich auf der Oberfläche erhabenere Stellen sah, die aus der Flut wie flache grüne Inselchen hervortauchten.

Dies alles bot einen schönen, äußerst interessanten Anblick, vor allem, daß sich in der glatten Scheibe des Wassers, inmitten der grünen Inseln, die am Ufer gelegenen kahlen Berge, die bereits wieder von der Sonne rosa beleuchtet waren, spiegelten. Aber ich achtete nicht im geringsten auf diese Landschaft, weil mich nur ein einziger Gedanke beschäftigte: Martha. Ich fühlte wohl damals zum erstenmal, wie unendlich teuer mir diese Frau war, und was ich durch ihren Tod verlieren würde ... Ich konnte diesen Gedanken auch gar nicht fassen und obwohl ich keine Ahnung hatte, auf welche Weise sie sich hätte retten können, fühlte ich im tiefsten Herzen den Rest einer unbegreiflichen Hoffnung, daß sie leben müsse und eilte immer schneller vorwärts, als wenn ihre Rettung davon abhinge, daß ich so bald als möglich den Abfluß dieses Wasser erreichte. Aber ich war zu aufgeregt, um logisch denken zu können. Nur eines fühlte ich klar, daß ohne dieses Weib, das nicht mir gehörte und ohne dieses Kind, das ebenfalls nicht mein war, mein Leben wert- und ziellos vor mir lag. Ich schwor in meinem Innern, sie niemals für mich zu verlangen, wenn ich sie dadurch retten könnte ... Wer weiß, ob das Schicksal nicht manchmal die stillen Gelöbnisse des Menschen hört ...

Zwölf Stunden waren schon vergangen seit ich Peter verlassen hatte, als mich ein brausender Fluß am Weitergehen hinderte. Durch eine breite Klamm, die, von uns bis jetzt unbemerkt, ein Tor der Polarmulde gegen die unbekannte Seite der Mondkugel bildete, ergossen sich diese Wassermassen. Ermattet und hungrig setzte ich mich an das Ufer und wußte nicht, was ich nun beginnen sollte.

Die Zwecklosigkeit meines Suchens und Jagens wurde mir jetzt erst klar. Übermüdet streckte ich mich, fast gedanken- und willenlos, auf dem Moose aus, das noch von dem frischgefallenen Wasser triefte und starrte in den Himmel, der sich wieder so ruhig und blaß über mir wölbte wie vor jener verhängnisvollen Sonnenfinsternis.

Da war es mir, als wenn mich jemand beim Vornamen riefe; ich sprang auf und horchte gespannt. Nach einer Weile vernahm ich die Stimme abermals, doch schon deutlicher. Als ich mich umsah, bemerkte ich auf der anderen Seite der zu einem Fluß verwandelten Klamm Martha, die mir von ferne Zeichen gab, mit dem Kinde auf dem Arm. Ein wahrer Freudentaumel erfaßte mich. Ohne auf die Gefahr zu achten, warf ich mich ins Wasser und stand bald neben ihr. Das Übermaß des Glücks erstickte mir die Stimme, ich konnte nur ihre Hände mit Küssen bedecken, was sie mir, selbst stark erschüttert, nicht wehrte.

— Mein Freund, mein guter, teurer Freund, wiederholte sie öfter mit blassen, aber lächelnden Lippen.

Als wir uns beide etwas beruhigt hatten, erzählte sie mir, wie sie während des Unwetters die herannahende Überschwemmung bemerkte und es ihr, als das Wasser schon das Zelt unterspülte, noch gelang mit dem Kinde und den für uns wertvollsten Gegenständen in den Wagen zu flüchten, der in der Nähe stand. Der dichtverschlossene Wagen war nach Beseitigung vieler Teile, die ihn vorher beschwerten, leicht genug, um sich auf der Oberfläche des Wassers zu halten, das durch den kolossalen Regenguß und die sich in Kaskaden von den Bergen herabwälzenden Bäche immer gewaltiger anwuchs. Beim Donnern und Aufleuchten unaufhörlicher Blitze trieb der Wagen auf den Fluten dahin wie einst die Arche Noah, ihr um so ähnlicher, als auch er das menschliche Geschlecht auf diesem Globus vor dem Untergang bewahrte.

Marthas Lage war geradezu entsetzlich. Da sie keine Möglichkeit hatte, ihr improvisiertes Schiff zu steuern, wurde der Wagen wie eine Schale hin und her geworfen. Zu ihrer eigenen Angst gesellte sich noch die Sorge um uns und unser Schicksal. Nachdem der Regenguß endlich nachließ und das Wasser aufhörte zu schwellen, bemerkte Martha, daß der Wagen in einer bestimmten Richtung schwimme. Sie dachte sich, daß ihn der Strom eines abfließenden Wassers mitriß, was ihre Angst noch vergrößerte. Der Wagen konnte auf diese Weise in eine Spalte geschleudert oder in eine entfernte Gegend fortgetrieben werden, wo es uns vielleicht unmöglich gewesen wäre, ihn wieder zu finden.

Sie atmete erst auf, als nach einigen Stunden die Spitzen der Hügel aus dem fallenden Wasser wieder hervortauchten. Alle ihre Anstrengungen jedoch, das Fahrzeug nach einer dieser Spitzen hinzulenken, waren vergeblich. Sie hörte schon das Sausen des Stromes, der durch diese Klamm abfloß, über der ich sie antraf, und war auf das Schlimmste vorbereitet, als durch einen glücklichen Zufall der Wagen plötzlich von einem hervorspringenden Felsen angehalten wurde. Martha benützte mit Geistesgegenwart diesen Augenblick, ein Seil durch das geöffnete Fenster auf die Felsspitze zu werfen und brachte ihr Schifflein auf diese Weise in Sicherheit. Als ich kam, war die Gefahr schon vorüber und das Wasser so gesunken, daß der Wagen auf einer trockenen Stelle Halt gefunden hatte. Einige Stunden später waren nur noch kleine Tümpel vorhanden, die wie Glasscheiben inmitten der grünen Wiesen aussahen.

Auf Peter mußten wir noch geraume Zeit warten, schließlich führten ihn die Hunde zu uns, die meiner Spur gefolgt waren. Er maß uns mit einem mißtrauischen Blick, und ohne ein Wort zu sprechen, machte er sich an die Untersuchung der geretteten Vorräte und Instrumente. Ein merkwürdiger Mensch! Schon elf Erdenjahre lebe ich hier mit ihm zusammen und es kommen immer wieder Momente, wo ich mir keine Rechenschaft über seinen Charakter geben kann, der eine sonderbare Mischung von Kühnheit, Aufopferung und Entschiedenheit, von Leidenschaft und Egoismus, von Eifersucht und Verschlossenheit ist. Nur das eine weiß ich bestimmt: er ist gänzlich unberechenbar.

Die Katastrophe hat uns bedeutenden Schaden zugefügt. Wir haben bei der Überschwemmung viele notwendige Gegenstände verloren; andere mußten wir mühevoll in der breiten Mulde suchen. Das vom Wasser davongetragene Zelt konnten wir zunächst nicht finden. Es war ein Glück, daß sich in Anbetracht der seit langem getroffenen Vorbereitungen zur Weiterreise der größte Teil unserer Habseligkeiten zur Zeit der Überschwemmung schon im Wagen befand. Und außerdem hat uns dieses Unwetter einen ungeheueren Nutzen gebracht, indem uns nämlich das abfließende Wasser den Weg zeigte, auf dem wir weiter nach Süden fahren sollten.

Unsere diesbezügliche Berechnung war sehr einfach: wenn das Wasser so schnell abfließen konnte, mußte die Klamm zu tiefer gelegenen Stellen führen, wo wir aller Wahrscheinlichkeit nach eine größere Wasseransammlung vorfinden würden, einen See oder das Meer, und infolgedessen auch vom Regen benetzte Strecken, also sicherlich die nötigsten Lebensbedingungen. Längere Zeit vor dem uns gesetzten Termin der Abfahrt waren wir vollständig reisefertig. Der Wagen stand mit allem versehen am Ausgang der Klamm, die sich vor uns wie ein zur neuen Welt geöffnetes Tor auftat; man brauchte nur den Elektromotor mit Hilfe der Akkumulatoren, die von der Zeit her geladen waren, wo wir noch Feuerung besaßen, in Bewegung zu setzen. Wir hatten sogar ein Stück Wegs im voraus erforscht, indem wir zu Fuß in der Klamm vordrangen. Sie bot durchaus keine feste Straße, vor allem, weil die letzten Wassermassen den Boden stellenweise tief aufgerissen hatten, aber immerhin konnte man hier ruhig fahren, ohne sich größeren Schwierigkeiten auszusetzen. Wir warteten also nur eine günstige Zeit ab, um diesen Wasserspuren, die nach Süden wiesen, zu folgen — in ein unbekanntes Land der Wunder, dessen lange Nächte die silberne Scheibe der Erde, die über den Wüsten leuchtet, niemals erhellt.

II.

Vierzig Stunden vor dem ersten Viertel der Erde haben wir die Fahrt angetreten. Auf der unbekannten Halbkugel des Mondes, wohin wir eilten, war noch Nacht, aber bald sollte die Sonne diese Länder erleuchten.

Nicht ohne ein Gefühl der Wehmut, ja sogar der größten Besorgnis haben wir das Polarland verlassen. Wir kannten es schon und wußten, was es uns geben konnte, während alles, was uns nun erwartete, wieder in Geheimnis gehüllt und nur eine Vermutung war. Wir sollten uns wiederum den brennenden langen Tagen und nächtlichen Kälten aussetzen, wir sollten von neuem Schluchten, Berge und vielleicht auch Wüsten durchdringen auf der Fahrt zu dem Lande, von dem wir absolut nicht wußten, ob es uns aufnehmen wird und ernähren kann. Überdies beunruhigte uns der Mangel an Brennmaterial. Was würde geschehen, dachten wir, wenn die Ladung unserer Akkumulatoren zu Ende geht, bevor wir neues Brennmaterial finden und die Maschine nicht mehr in Bewegung setzen könnten. Werden wir dann zu Fuß vor der hereinbrechenden Nacht zum Polarlande zurückzukehren imstande sein, um uns vor der Kälte, die um so bedrohlicher für uns wird, weil wir kein Feuer haben, in Sicherheit zu bringen? Es gab, kurz nachdem wir die Reise angetreten hatten, Augenblicke, wo wir schon infolge dieser Befürchtungen auf die mit Moos bewachsene Polarwiese zurückkehren wollten, um auf ihr das ganze Leben zu verbringen, uns an den schwachen, in der Atmosphäre zerstreuten schrägen Sonnenstrahlen wärmend und uns, wie die Tiere der Erde, von rohen Schnecken und Pflanzen nährend. Aber das Zaudern dauerte nicht lange, Neugierde und Hoffnung waren stärker. Die Nahrungsvorräte konnten für lange Zeit ausreichen; wir nahmen auch etwas ausgepreßten Torf mit, weil wir hofften, daß es uns in sonnigen Gegenden gelingen würde, ihn so weit auszutrocknen, um Feuer machen zu können. Übrigens haben wir für den schlimmsten Fall, nach Verbrauch der halben Ladung der Akkumulatoren, die Rückkehr zum Polarlande beschlossen.

In den ersten zehn Stunden der Fahrt geschah nichts Bemerkenswertes. Die Klamm war zu Ende und wir kamen auf eine Ebene, die der am Pole ähnlich sah, nur bedeutend größer war. Hier mußte ebenfalls kürzlich eine Überschwemmung gewesen sein; in den Strahlen der eben aufgehenden Sonne waren hier und da noch große, flache Tümpel zu sehen. Sehr verwunderte uns die bereits gänzlich veränderte Flora, obwohl wir vom Pol kaum einige zehn Kilometer entfernt waren. Zwischen den uns bekannten Pflanzen, die nur kleiner waren als die auf dem Pol und mit rostiger Farbe überzogen, schossen trockene Stengel, vereinzelt wachsend und spiralförmig gewunden wie bei uns die jungen Wedel der Farrenkräuter, aus der Erde. Die Kälte machte sich empfindlich bemerkbar, während der Nacht, die diese Gegenden schon haben, obwohl sie eher einer Dämmerung gleicht, da die Sonne kaum einige Fuß unter den Horizont sinkt. Wir erwärmten uns, indem wir die Arme zusammenschlugen, wie es auf der Erde die Arbeiter tun, als Martha auf die Idee kam, jene Stengel abzupflücken und zu versuchen, ob man Feuer damit machen könne.

Wir gingen sofort an die Arbeit; wie groß war aber mein Staunen, als der erste Stengel bei der Berührung mit der Hand sich zu strecken, dann wiederum zu krümmen begann, ganz wie ein lebendes Wesen. Ich ließ ihn unwillkürlich mit einem Schrei fallen. Nachdem ich mich von dem Schreck erholt hatte, begann ich diese sonderbaren Pflanzen zu untersuchen. Ich schnitt eine davon mit dem Messer ab und überzeugte mich, daß es große, längliche und fleischige Blätter waren, doppelt zusammengerollt nach vorn zugespitzt, wie eine Trompete, und dann schneckenförmig gewunden, ähnlich den Rollen englischen Tabaks. Auf der äußeren, hellgrünen Seite sah man zahlreiche rosige Äderchen. Die ganze Pflanze war, solange sie lebte, mit der Fähigkeit der Bewegung ausgestattet, ungefähr wie unsere Mimosen. Am meisten aber wunderte mich der Umstand, daß diese zusammengerollten Blätter bedeutend wärmer waren als die Umgebung; scheinbar erzeugte ihr Organismus durch irgendwelche chemobiologischen Prozesse sich selbst die Wärme, die ihm während der langen Nächte fehlte. Alles das war sehr interessant, aber die Hoffnung auf die Ausnützung dieser Pflanzen zum Feuern wieder zunichte. Wir wandten daher unsere Augen mit Sehnsucht der roten Sonne zu, wartend, ob ihre geizigen Strahlen bald die Gegend erwärmen würden.

Zu der Kälte gesellte sich noch eine andere Sorge; wir wußten nicht, welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Wir sollten in der Richtung fahren, in der die Wasser abgeflossen waren, aber es war schwer, dies auf der Ebene, die während der Überschwemmung ganz überflutet war, zu erkennen. Als wir noch darüber nachdachten, bemerkte Peter in der Entfernung von einigen hundert Metern einen großen weißen Gegenstand. Wir fuhren neugierig darauf zu und fanden unser Zelt, das, von den Wassern davongetragen, sich erst hier auf einem kleinen Hügel festgesetzt hatte. Wir freuten uns über dieses Wiederfinden doppelt, erstens weil uns das Zelt, das einzige, das wir besaßen, tatsächlich unentbehrlich war, und zweitens wurden wir auf diese Weise über die Richtung des abgeflossenen Wassers orientiert. Das Zelt kam durch die Klamm, die wir eben zurückgelegt hatten, auf diese Ebene und wies uns daher die Linie, die von dem Ausgang der Klamm zu der Stelle, an der wir uns befanden, gezogen war, d. h. die ungefähre Richtung des abfließenden Wassers. Diese Linie lief durch die Flachebene nach Süden, mit einer kleinen Biegung nach Westen.

Als wir uns in dieser Richtung weiter fortbewegten, trafen wir auf eine kleine gewundene Gebirgsklamm und nachdem wir noch eine flache Mulde passiert hatten, gelangten wir in ein breites grünes Tal, das sich direkt nach Süden erstreckte.

Zu seinen beiden Seiten erhoben sich hohe Bergketten mit zahlreichen, in ihrem Massiv steckenden Kratern, denen ähnlich, die die luftlose Halbkugel des Mondes anfüllen. Die Gipfel der Berge waren mit Schnee bedeckt; der Schnee, der scheinbar in der Nacht gefallen war, lag auch noch stellenweise im Tal und taute erst durch die Strahlen der nicht hoch am Horizont stehenden Sonne auf. Die von den Bergen herabtriefenden Wasser bildeten einen ansehnlichen Bach, der in zahlreichen Biegungen schnell dahinfloß.

Wir beschlossen, uns eine Zeitlang in diesem Tale aufzuhalten, nachdem wir uns überzeugt hatten, daß der weitere Weg nach Süden uns bei so früher Tageszeit einer empfindlichen Kälte in den Gegenden aussetzen würde, wo der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Wärme des Tages und der Nacht immer intensiver wird.

Als wir wieder aufbrachen, hatte die Sonne fast schon den dritten Teil ihres täglichen Weges zurückgelegt. Es war warm und hell. Der Schnee im Tal war gänzlich verschwunden, und jene zusammengerollten Stengel, die wir hier zwischen den kleinen Pflänzchen vorwiegend fanden, begannen sich unter dem Einfluß der Sonnenwärme schnell zu mächtigen, in verschiedenen grünen Schattierungen gemalten Blättern zu entfalten. Ihre Form war überaus mannigfaltig; die einen sahen großen Fächern ähnlich, die mit zarten, flatternden Fransen behängt waren, andere wieder, mit allerhand Farben betupft — unter denen Rot und Dunkelblau am meisten hervortraten — erinnerten an die Pracht der Pfauenfedern. Es gab auch solche, deren Ränder in Formen eines Akantusblattes ausgeschnitten und mit Dornen übersät waren und wieder andere, die, unten zusammengerollt, einen Trichter bildeten, auch glatte, schimmernde oder mit langem goldgrünen Haar, das zu beiden Seiten bis zur Erde herabfiel, bedeckte, — mit einem Wort, die größte Verschiedenheit der Farben und Formen, und alles lebend, beweglich, sich bei der leisesten Berührung krümmend.

Am Ufer des Baches wanden sich, halb in seine Kristallflut getaucht, langgezogene Wasserpflanzen wie rostgrüne Schlangen oder Fäden, mit Blumen von starkem berauschenden Duft behängt. An anderen Stellen, wo das Wasser sich ausbreitete und die Strömung aufhörte, entwickelten sich zarte Wasserlinsen, die in Kugelform den nächtlichen Frost überstanden, das Wasser mit einem leichten, zitternden Netz bedeckend, den feinsten Spitzengeweben aus violetter und grüner Seide vergleichbar.

Wir waren ganz hingerissen von der Pracht dieser Pflanzenwelt; bei jedem Schritt bemerkten wir Neues und Staunenerregendes. Aus dem Dickicht krochen, von der Sonne hervorgelockt, wunderbare Geschöpfe, langen Eidechsen mit einem Auge und vielen Füßen ähnlich. Sie schauten neugierig nach uns aus und verschwanden schnell beim Herannahen des Wagens. Auf eines dieser Tiere stürzten sich die Hunde und fingen es. Wir nahmen ihnen diese Beute ab, aber das Tier war schon tot. Wir konnten also nur den ungemein interessanten Bau am leblosen Körper bewundern, der von den Organismen auf der Erde grundverschieden war. Das Knochengerüst erstreckte sich bis zu dem länglichen Ring, der sich aus beweglichen Reifen zusammensetzte, die zu beiden Seiten direkt unter der Haut lagen. Den ganzen Schädel bildeten nur zwei starke Kiefer. Das Hirn lag unter dem Kamm, innerhalb des Ringes. Das was wir für die Füße hielten, waren nur zwei Reihen elastischer Borsten, vermittelst derer sich das Tier auf dem Boden mit ungeheurer Schnelligkeit bewegte.

Bedeutend später fanden wir auf dem Monde noch viele andere merkwürdige Geschöpfe, aber keins hat uns so interessiert wie dieses erste, das überaus typisch für die hiesige Fauna ist.

Überhaupt war unsere ganze Reise durch jenes Tal wie ein Märchentraum, voll von unerwarteten und phantastischen Bildern. Die Stunden flossen schnell dahin und immer von neuem änderte sich der Blick. Stellenweise verengerte sich das Tal, felsige Pässe bildend, durch die wir mit Mühe dicht am Ufer des Baches, der schon zu einem breiten schäumenden Strom angewachsen war, hindurchdrangen; dann fuhren wir wieder auf die weite, kreisförmige Ebene, wo das Wasser sich zu einem großen See ausbreitete mit bewachsenen oder sandigen Ufern. Wir fanden immer mehr Tiere vor. In den Tiefen des Wassers schwammen sonderbare kleine Ungeheuer; in der Luft schwirrten fliegende Eidechsen, die von fern wie Vögel mit dicken Hälsen und langen Schwänzen aussahen. Aber das seltsamste ist, daß alle Tiere auf dem Monde stumm sind. Es fehlen hier diese unzähligen Stimmen des Lebens, die auf den Wiesen und in den Wäldern der Erde tönen; nur wenn der Wind weht säuseln die Blätter der Pflanzen, zugleich mit dem Rauschen des Stromes die ewige Lautlosigkeit unterbrechend.

Die üppige Vegetation erschwerte uns das Vordringen bedeutend. Jeden Augenblick mußten wir stehen bleiben und die um die Achsen geschlungenen Farrenkräuter abwickeln, die die Bewegung der Räder hemmten; manchmal wieder fuhren wir durch so starkes Dickicht, daß der Wagen fast darin stecken blieb. Über diese Verzögerungen waren wir nicht gerade erfreut, besonders da die Fahrt auch so schon sehr langsam vonstatten ging, weil wir öfter anhalten mußten, um zu schlafen oder uns zu stärken, auch die Gegend zu erforschen oder Nahrung und Brennmaterial zu suchen. Nahrung fanden wir genügend vor. Unschätzbare Dienste erwiesen uns hierbei die Hunde. Immer herumsuchend und -schnüffelnd, fanden sie eßbare fleischige Pflanzen oder schmackhafte Molusken. Schlimmer stand es jedoch mit dem Brennmaterial. Der aus dem Polarlande mitgenommene Torf war zwar ausgetrocknet und brannte ganz gut, aber wir mußten sparsam damit umgehen, denn der Vorrat war nicht groß, und in der ganzen Gegend war nichts zu finden, womit wir hätten Feuer machen können. Bäume, wie sie auf der Erde sind, gibt es hier überhaupt nicht und jene breiten Blätter sind so saftig, daß sie im Feuer kochen, statt zu brennen, und den Torf, der fast die ganze Strecke des Polarlandes bedeckte, hatten wir weit hinter uns gelassen.

Indessen näherte sich der Mondmittag und wir mußten uns schließlich entscheiden, ob wir weiterfahren oder infolge Feuermangels vor der Nacht zu dem Polarlande zurückkehren sollten. Zunächst hatten wir die Absicht, das letztere zu tun; vor allem drängte Martha, die den starken Frost mit Rücksicht auf Tom fürchtete, zur Rückkehr. Ich war ebenfalls dafür, aber Peter redete entschieden dagegen.

— Jetzt umkehren, sagte er, hieße uns zu einem ewigen Aufenthalt in dem Polarlande verurteilen. Überlegt, daß wir gegenwärtig die Akkumulatoren noch geladen haben und diese Füllung für den Rückweg ausreichen wird; aber was weiter? Wenn wir wieder einmal in andere Gegenden des Mondes aufbrechen wollten, könnten wir die verbrauchten Akkumulatoren nicht laden, wenn wir keine Möglichkeit zum Feuermachen hätten.

— Aber die Fahrt nach Süden führt ebenfalls zu nichts, bemerkte ich, denn wir setzen uns damit der nächtlichen Kälte aus, die wir ohne Feuer nicht überstehen würden ...

— Vor der Nacht können wir noch Brennmaterial finden ...

— Wir können es aber auch ebensogut nicht finden.

— Ja, aber das ist nur eine Vermutung, während wir mit vollster Sicherheit wissen, daß wir es am Pol niemals finden werden. Übrigens haben wir noch etwas Torf. Mit diesem Vorrat können wir im äußersten Falle noch die Nacht durchhalten und den ganzen folgenden Tag werden wir dem Suchen widmen.

Wir konnten gegen Peters Ausführungen nichts einwenden und fuhren infolgedessen weiter in der Richtung des Äquators.

Einige Stunden nach Mittag überzog sich der Himmel mit Wolken und es fiel reichlicher Regen, der für uns ein sehr erwünschter Gast war, da er die glühende und schwüle Luft erfrischte. Kaum war der Regenguß herabgefallen und die Sonne aus den Wolken hervorgetreten, als wir ein seltsames Brausen vernahmen.

Wir hielten dies zunächst für das Rauschen eines angeschwollenen Flusses, aber bald überzeugten wir uns von dem eigentlichen Grund dieser Erscheinung. Wir waren gerade an einer Stelle angelangt, wo das Tal, nach Westen abbrechend, ein Knie bildete, so daß man das Ende nicht übersehen konnte. Als wir jedoch an die Biegung kamen, bot sich uns ein über alle Beschreibung prachtvoller Anblick.

Einige hundert Meter vor uns brach das Tal plötzlich ab, in breiten Terrassen zu einer unübersehbaren Ebene herabfallend, die sich bis an die Grenze des Horizontes erstreckte. Der Fluß stürzte in schäumenden Kaskaden über diese Terrassen herab, eine Reihe immer tiefer gelegener Teiche bildend, bis er die Fläche der Ebene erreichte und sie in einem gewundenen silbernen Bande durchfloß, das sich endlich in unermeßlicher Ferne verlor. Soweit das Auge reichte, war das Land eben und flach, nur in der Nähe der angrenzenden Berge erhoben sich einzeln zerstreute Ringhügel, die mit Wasser angefüllt waren, wie dafür geschaffene Behälter. Derartige kleine und runde Gewässer waren überall auf der ganzen Ebene verstreut. Die näher gelegenen sahen wie große Pfauenaugen aus, die weiter entfernten glichen Perlen, die auf bläulichgrünem Plüsch aufgenäht sind. Dazwischen wieder wanden sich silberne Bäche und größere Flüsse.

Wir verließen den Wagen und blickten, auf dem Rande der Terrasse stehend, lange in tiefem Schweigen auf dieses eigenartige Land!

Endlich sagte Martha:

— Fahren wir dort hinunter, dort ist es so schön! ...

In der Tat war es schön, aber wird es dort auch gut sein? Wir stellten uns unwillkürlich diese Frage, während wir uns zum Hinabfahren über die steilen Terrassenabhänge vorbereiteten.

Als wir nach vielen Mühen unten anlangten, ließen wir den Wagen am Ufer des Flusses stehen und machten uns sofort auf die Suche nach Brennmaterial. Wir durchquerten die ganze Ebene der Breite und Länge nach, gruben tiefe Löcher, in der Hoffnung, Torf anzutreffen oder irgendeine Steinkohlenader, pflückten verschiedene Pflanzen, um zu versuchen, ob sie nicht zum Brennen geeignet wären, aber alles vergeblich. In ungefähr zehn Stunden sollte schon die Sonne untergehen, als wir gänzlich erschöpft das fruchtlose Suchen aufgaben.

Unsere Lage war überaus trostlos, und wir begannen schon zu bereuen das Polarland so leichtsinnig verlassen zu haben. Die Angst schüttelte uns bei dem Gedanken, was uns die Nacht bringen würde. Torf hatten wir nicht viel; wir mußten außerordentlich sparsam damit umgehen, damit er für die ganze Nacht ausreichte. Als wir uns den Vorrat ansahen, zeigte es sich, daß auf vierundzwanzig Stunden kaum eine Handvoll fiel, die nicht einmal für einen kleinen transportablen Ofen genügte.

— Aber wir werden ja sterben, wenn wir so sparsam heizen müssen, sagte Martha, als wir ihr die vorbereiteten Rationen zeigten.

Peter zuckte die Achseln:

— Wenn wir mehr verbrennen, werden wir erst recht erfrieren, da wir keinen Torf haben; wir müssen uns gut zudecken.

— Weshalb haben wir das Polarland verlassen? erwiderte Martha. Tom wird die Kälte nicht ertragen, er ist so klein und zart.

— Ach, Tom! zischte Peter ärgerlich durch die Zähne.

Schon öfter hatte ich bemerkt, daß jede Erwähnung des Kindes ihn erregte. Ich empfand das doppelt schmerzlich, erstens weil ich selbst das prächtige Kind unaussprechlich lieb hatte und dann Marthas wegen. Sie hing mit ganzer Leidenschaft an dem Sohne, und oft gewahrte ich, wie sie den Blick, in dem sich ein bitterer Vorwurf mit instinktiver Angst vereinte, auf Peter richtete. Sie ließ das Kind auch niemals bei Peter allein, während sie es mir anvertraute, wenn sie mit etwas beschäftigt war.

— Tom ist nicht die wichtigste Person, brummte Peter weiter, und wenn er auch erfrieren sollte ...

Martha ertrug ähnliche Bemerkungen für gewöhnlich schweigend, aber heute sprang sie plötzlich auf und stürzte mit flammenden Augen auf Peter zu.

— Höre! rief sie mit gedämpfter Stimme, Tom ist die wichtigste Person und wird nicht erfrieren, denn erst werde ich dich töten und mit deinen Knochen diesen Ofen heizen!

Bei diesen Worten schwang sie ein kleines indisches Stilett, dessen Spitze man dort gewöhnlich vergiftet, vor seinen Augen. Wir wußten bis zu dieser Zeit gar nicht, daß sie diese gefährliche Waffe bei sich führte.

Peter wich unwillkürlich zurück. Dann versuchte er zu lächeln, aber in der Stimme und im Blick der Malabarin lag eine so grausam unerbittliche Drohung, daß er erblaßte und sich vergeblich bemühte seine Verwirrung zu verbergen ...

Ich lachte laut auf, wenn auch etwas gezwungen, um die Erregung abzuschwächen.

— Martha sorgt für ihr Söhnchen, kein Wort mehr, rief ich. Komm, Peter, wir wollen nachdenken, wie wir uns vor dem nächtlichen Frost in Sicherheit bringen, ohne die eigenen Knochen zum Heizen zu verwenden!

Mein Plan war ziemlich einfach. Mit gemeinsamen Kräften gruben wir ein tiefes Loch aus, in dem der Wagen bequem Platz hatte und nachdem wir ihn dort hineingelassen bedeckten wir ihn von oben mit Erde und abgeschnittenen Blättern. Auf diese Weise konnten wir hoffen, daß der Wagen nicht allzuviel Wärme verlieren würde und sich dementsprechend leichter erwärmen ließe.

Die Sonne war schon untergegangen, als wir die Arbeit beendet hatten. Wir gingen jedoch noch nicht in den Wagen. Nach dem langen Tage war die Luft warm und angenehm; eine breite, feurige Abendröte erleuchtete die sich langsam in Dämmerung hüllende Ebene, auf der die näher gelegenen Seen schimmerten, wie mit flüssigem Silber gefüllte Pokale oder, wenn man gegen die Morgenröte auf sie schaute, wie mit Blut angefüllt ...

Wir setzten uns zusammen auf den Hügel, aber die Unterhaltung wollte nicht recht in Fluß kommen. Der letzte Vorfall hatte einen zu starken Eindruck hinterlassen; wir verstummten, und die Stille wurde bald nur noch von dem Rauschen der nahen Kaskaden und der damit zusammenfließenden Stimme Marthas, die dem Kinde weiche, gedehnte indische Wiegenlieder sang, unterbrochen. Ich lauschte diesen Tönen, auf die in der Dämmerung verschwimmende Scheibe des Sees blickend, als mich plötzlich ein leiser Schrei Peters aus meinen Gedanken aufschreckte. Ich sah ihn fragend an und er streckte die Hand in der Richtung nach der Ebene aus:

— Sieh, sieh!

Auf der Ebene geschah etwas Seltsames. In dem Maße, wie der Himmel sich verdunkelte, erhellte sich der Boden. Zunächst schien es, als wenn eine Handvoll kleiner, bläulichglänzender Funken am Ufer des Flusses ausgestreut wären. Und dieser Funken wurden immer mehr; sie flammten rechts, links, vor uns, überall auf. Eine halbe Stunde später schimmerte die ganze Ebene, als wenn sie mit einem blauen, sternenbesäten Nebelschleier überzogen wäre. Die Seen sahen darauf wie schwarze Flecke aus.

Martha hörte auf zu singen und schaute mit uns wie gebannt auf dieses bezaubernde Bild.

Nachdem wir uns von unserem Staunen über diese Erscheinung erholt hatten, überzeugte ich mich, daß sie auf einer Phosphoreszierung jener seltsamen Blattpflanzen beruhte, die diese ganze Fläche bedeckten. Die innere Oberfläche dieser Blätter glänzte wie morsches Holz im Dickicht unserer Wälder.

Aber dieser märchenhaft schöne Anblick verschwand so schnell, daß wir keine Zeit hatten, uns daran sattzusehen. Die Flämmchen erloschen, eins nach dem andern; die Blätter schlossen sich und rollten sich unter dem Einflusse der Kälte zu einem zweiwöchentlichen Schlaf zusammen.

Reichlicher Tau begann zu fallen; und es war höchste Zeit, uns in den schützenden Wagen zu flüchten.

Die Nacht war kalt, aber nicht die schlimmste, die wir überstanden, dank unserm Torfvorrat und der getroffenen Vorsichtsmaßregeln. Den Wagen verließen wir keinen Augenblick, um nichts von der Wärme einzubüßen. Was draußen vorging, konnten wir nicht sehen, da er, wie ich schon bemerkte, ganz mit Erde und Blättern zugedeckt war. Durch diese zwei Nachtwochen waren wir somit von der Außenwelt gänzlich abgeschnitten. Erst als unsere Kalenderuhren die Zeit des Sonnenaufgangs anzeigten, wagte ich, hinauszugehen. Um mich vor der Kälte zu bewahren, zog ich den Luftbehälter an, dessen Stärke und entsprechend konstruierte Wände einen vorzüglichen Schutz bildeten. Draußen angelangt, überzeugte ich mich, daß meine Vorsicht durchaus nicht überflüssig war.

Die Ebene konnte ich in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne zunächst nicht erkennen. Alles war von einer dichten Schneeschicht, die vom Froste schimmerte, bedeckt. Die Seeoberflächen waren zum Teil unter dem Schnee verschwunden, zum Teil glänzten sie in matten Eisscheiben. Es schien mir, als wenn ich plötzlich in arktische Länder hinübergetragen wäre.

Ich kehrte schnell mit der Nachricht zum Wagen zurück, daß man noch nicht hinausgehen dürfe. Dieser Winter weckte in uns keine freudige Stimmung, da der Torfvorrat an der Neige war. Tatsächlich hatten wir die ganze Nacht hindurch nicht so sehr unter der Kälte gelitten als bei Tagesanfang, ehe es „Frühling“ wurde. Noch drei Erdentage mußten wir auf ihn warten und, soweit es ging, ohne Feuer auskommen. Aber nach siebzigstündigem Kampfe mit dem Froste siegte endlich die Sonne! Der Schnee floß in Strömen, die Seen traten aus den Ufern, alle Bäche schwollen an und als wir uns nach einiger Zeit hinauswagten, reckten sich auf der vom Wasser triefenden Ebene schon mächtige verschieden geformte Blätter der Sonne entgegen und nur die Gipfel der Berge bedeckte noch ein weißer Schleier.

Den Aufbruch zur Weiterreise, an die wir immer dachten, mußten wir noch verschieben, bis die Gegend etwas ausgetrocknet war. Indessen machten wir uns aufs neue auf die Suche nach Brennmaterial. Während einem der vielen Ausflüge, die wir zu diesem Zweck nach allen Richtungen hin unternahmen, kamen wir zufällig an ein tiefes Loch, das wir am vorhergehenden Mondtage in der Hoffnung, Torf oder Kohle dort anzutreffen, ausgegraben hatten. Das Loch war bis zu den Rändern mit Wasser angefüllt. Ich ging gleichgültig daran vorüber, aber Peter, scheinbar durch etwas Ungewöhnliches aufmerksam geworden, blieb stehen und begann sich die Öffnung genauer anzusehen. Ich war schon ein Stück Wegs weitergegangen, als ich seine Stimme hörte:

— Jan, komm! Jan, komm so schnell wie möglich und sieh!

Ich traf ihn kniend an; mit der einen Hand stützte er sich auf den Rand des Loches, mit der anderen gab er mir Zeichen. Sein Gesicht, das über die Öffnung geneigt war, brannte vor Erregung.

— Was ist geschehen?

Statt zu antworten, schöpfte er mit der Hand das Wasser heraus, das von sonderbarer, schmutziggelber Farbe war und hielt es mir unter die Nase.

— Petroleum! rief ich, den bekannten scharfen Geruch einziehend.

Peter nickte mit triumphierendem Lächeln. Um mich zu überzeugen, ob wir uns nicht täuschten, tauchte ich ein Taschentuch in die Flüssigkeit und steckte es an. Es flackerte in einer hellen roten Flamme empor, auf die wir beide starrten wie auf einen Regenbogen, der uns neues Leben verkündete.

Wir beeilten uns, Martha diese frohe Nachricht zu bringen.

Die Auffindung der Petroleumquelle hatte für uns eine ungeheure Bedeutung.

Jetzt konnten wir weiter nach Süden fahren oder hier bleiben, ohne die kalten Nächte zu fürchten noch den Mangel an gekochten Speisen. Einige zehn Stunden widmeten wir dem Sammeln eines großen Vorrates dieser gesegneten Flüssigkeit. Wir gruben zu diesem Zweck noch andere tiefe Löcher aus und sammelten den darin befindlichen Inhalt, soweit es nur irgend möglich war. Vor Mittag hatten wir schon alle Reservoirs gefüllt. Jetzt hielten wir großen Rat ab, was weiter zu tun sei. Am vernünftigsten wäre es hier zu bleiben, in der Nähe der Petroleumquellen, aber wir konnten der Versuchung nicht widerstehen uns weiter zum Meere zu begeben, das nach allen Mutmaßungen nicht weit entfernt sein konnte. Außer der Neugierde sprach für die Reise auch der Umstand, daß wir am Strande infolge der großen Wasseransammlung ein bedeutend milderes und beständigeres Klima antreffen mußten, obwohl wir uns dem Äquator näherten. Im übrigen hatten wir nun einen so bedeutenden Vorrat an Brennmaterial, daß wir es wagen konnten, die Reise auch nur versuchsweise anzutreten, da wir sicher waren, im Falle ungünstiger Verhältnisse zu den Petroleumquellen zurückzufinden, wenn wir uns hinaufzu hinter dem Laufe des Stromes halten würden.

Diesen Tag und die nächste Nacht verbrachten wir noch an derselben Stelle der See-Ebene, wie wir jene große Fläche genannt haben, in der Absicht, den Antritt der Reise bis zum nächsten Tage zu verschieben, da es bedeutend angenehmer wäre, über dreihundert sonnige Stunden vor uns zu haben, während deren wir die Fahrt infolge der Nacht und der Kälte nicht zu unterbrechen brauchten. Aber statt dessen brachen wir früh, sowie nur die erste Dämmerung den Schnee rosig färbte, auf, nicht einmal den Sonnenaufgang erwartend, obwohl sich der Frost empfindlich fühlbar machte.

Die morgendlichen, oder wie man hier besser sagen müßte: Frühjahrswasserfluten, trafen uns bereits zirka hundert Kilometer von der Stelle entfernt, wo wir, nach Erdenzeiten rechnend, über sechs Wochen gestanden hatten. Zunächst beunruhigte uns das Schmelzen des Schnees ungemein; der Boden war so erweicht, daß die Fahrt geradezu unmöglich wurde. Zum Glück erinnerten wir uns rechtzeitig, daß sich der Wagen nach Anbringen eines entsprechenden Steuers und Einfügen von Schaufeln in die Räder leicht in ein schwimmendes Fahrzeug verwandeln ließe, und wir demnach eine Überschwemmung nicht zu fürchten brauchten; im Gegenteil, wir konnten sogar aus ihr Nutzen ziehen, indem wir uns den Fluten des hochgehenden Stromes anvertrauten. Dieser Gedanke war überaus glücklich, vor allem, weil der Strom sowieso der Wegweiser für uns war, der uns zum Meere führen sollte. Zum Überfluß sparten wir dabei eine Unmenge Brennmaterial, da die starke Strömung uns von selbst so schnell davontrug, daß wir, um den Lauf zu beschleunigen, die Schaufelräder gar nicht benötigten.

Den ganzen langen Mondtag verbrachten wir so auf dem Wasser, nur selten ans Ufer fahrend, um auszuruhen oder irgendeine interessante Gegend näher zu besichtigen.

Bevor die Fluten sanken, hatten wir uns schon so weit vorwärtsbewegt, daß der Fluß sich in einen Strom verwandelte, dessen Bett mehr als tief genug für unser kleines Fahrzeug war.

Der Anblick und Charakter der Landschaft änderte sich unaufhörlich. Eine Zeitlang fuhren wir über eine breite und, wie es schien, trockene Steppe, von einer kleinen, zarten Pflanzenwelt belebt, gänzlich verschieden von den blättrigen Gebüschen, die höher am Strome wuchsen. Es war etwas unermeßlich Trauriges in der Eintönigkeit dieser Gegend.

Die Ringberge, bis an den Rand mit Wasser gefüllt, und die runden Seen mit den felsigen, wenig über die Oberfläche erhobenen Ufern zwischen aufgeworfenen Hügeln, ließen wir schon weit hinter uns zurück. Jetzt erstreckte sich zur Linken und zur Rechten eine rostgrüne Flachebene, von der sich nur stellenweise fast violette Wiesen mit winzigen Pflanzen oder gelbe Sandbänke abhoben, die die unbedeutenden Erhebungen anfüllten. Der Strom breitete sich hier aus und floß so träge, daß wir den Motor in Bewegung setzten, um mit Hilfe der Schaufelräder schneller vorwärts zu kommen.

Es war schon etwas nach Mittag, als wir uns der Kette der felsigen Berge näherten, die jene Steppe nach Norden abschloß. Der Fluß war hier auf einer Strecke von einigen Kilometern so von Felsen zusammengepreßt, daß die Fahrt höchst gefahrvoll wurde. Die Strömung riß uns jeden Augenblick fort und warf das Fahrzeug an die Felsen. Nur dem starken Bau des Projektils, das jetzt in ein Schiff verwandelt war, haben wir es zu verdanken, daß wir so davongekommen sind.

Hinter diesem Felsentor ergoß sich der Strom in einen großen See. Seine Ufer bildeten kleine Hügel, mit einer unerhört üppigen Flora bedeckt und von zahlreichen Bächen durchzogen. Einer der schönsten Anblicke, die wir bis jetzt auf dem Monde antrafen.

Wir hatten den See noch nicht durchfahren, als der Himmel, der jetzt fast immer heiter war, sich plötzlich mit dunklen Wolken überzog. Im ersten Augenblick waren wir froh darüber, da die unerträgliche Hitze uns schon empfindlich zusetzte, aber bald begannen wir uns zu beunruhigen, das Herannahen eines Gewitters ahnend. Man hörte schon von weitem das dumpfe Rollen des Donners, und der Himmel flammte seit Mittag in blutigen Blitzen auf. Wir hatten kaum so viel Zeit uns, seitwärts abbiegend, in einer kleinen, von Bergen geschützten Strömung in Sicherheit zu bringen, als das Gewitter sich entlud.

Ich kannte auf der Erde die furchtbaren Gewitter der Tropenländer, aber so etwas Ungeheuerliches hätte ich mir nie vorstellen können. Betäubende Donner flossen in ein unaufhörliches Dröhnen zusammen; vor unseren Augen standen die Blitze wie die Saiten einer flammenden Harfe, die dicht nebeneinander zwischen Himmel und Mond gespannt sind. Und der Regen ... Nein, das war kein Regen mehr! Die Sündflut des aus den Wolken herabstürzenden Wassers verwandelte die ganze Atmosphäre in einen hängenden, von wütenden Stürmen hin und her geschleuderten See. Die Luft, mit Regen und den vom Sturme aufgepeitschten Fluten vermischt, war so mit Elektrizität geladen, daß sie aus sich selbst aufblitzte, — ein seltsames, höllisches Schauspiel: unter den von unten blutig geröteten Wolken war die Atmosphäre mit einem Feuer von faustgroßen Tropfen angefüllt, die triefendem zerschmolzenem Metall glichen.

Manchmal ließ das Gewitter plötzlich nach; die Wolken öffneten sich wie ein nach beiden Seiten auseinandergehender Vorhang, eine Aussicht auf den blauen Himmel und die Sonne gewährend, aber kaum hatten wir Zeit, aufzuatmen, verfinsterte sich der Himmel von neuem, und wiederum begannen, begleitet von einem furchtbaren Orkan, der von Süden daherstürmte, die Donner zu krachen und Ströme von Wasser herabzustürzen.

Das alles dauerte mit kleinen Unterbrechungen fast vierzig Stunden. Erschöpft, verängstigt und betäubt schauten wir auf die ungeheure Ansammlung von Feuer, Wasser und Luft. Trotzdem wir das Fahrzeug mit Seilen an Wurzeln, die am Ufer hervorragten, befestigt hatten, fürchteten wir, daß die Strömung, die sich wie ein wildes Tier in der Agonie hin und her warf, uns auf den stürmenden See hinausschleudern könnte, den Winden und Wellen zum Fraß.

Endlich wurde alles ruhig und der Himmel erhellte sich; nur die hochgehenden Bäche zwischen den Hügeln rauschten noch dahin, die stürmische Oberfläche des Sees aufwühlend. Die Wasser hatten enorm zugenommen. Wir mußten noch über zwölf Stunden warten, bevor sie wenigstens so weit gefallen waren, daß wir die Fahrt wieder aufnehmen konnten. Wir trieben jetzt bedeutend schneller, da die Strömung des hochgehenden Flusses um vieles stärker geworden war. Unterwegs trafen wir überall Spuren einer furchtbaren Vernichtung an: ganze Länderstriche waren weggespült, mächtige seltsame Pflanzen, die hier schon dichte Wälder sonderlich verflochtener Blätter und langer, dicker, fleischiger Stengel bildeten, lagen vom Sturm in Stücke gerissen am Boden. Aus jeder Spalte schossen Kaskaden trüben Wassers; auf den Ebenen standen flache Tümpel, über denen sich eine Unmenge der verschiedensten Tierarten ansammelte, die den Insekten ähnlich waren.

Heute, wo wir uns schon auf dem Monde akklimatisiert haben, wissen wir, daß diese furchtbaren Stürme hier eine tägliche Erscheinung sind, in des Sinnes wörtlicher Bedeutung. Sie entstehen infolge der unerhörten Hitze in der Nachmittagszeit und sind für diese Welt, trotz ihres Grauens, eine Wohltat, da sie die Atmosphäre erfrischen und den Boden austrocknen. Ohne sie wäre das Leben hier eine Unmöglichkeit.

Ich werde unsere Nachmittagsreise nicht beschreiben, da sie ohne besondere Ereignisse war. Nur die Landschaft änderte sich stetig und mit ihr auch die Flora, obwohl ich bemerken muß, daß die Flora auf diesem Globus, der keine klar umgrenzten Zonen hat, bedeutend eintöniger ist als auf der Erde.

Der Abend näherte sich bereits, als wir an die Stelle gelangten, an der der Strom sich auszubreiten und unzählige Flachstellen zu bilden begann, die unsere Fahrt sehr erschwerten. Wir nahmen an, daß dies die Vorboten der nahen Mündung sein müßten.

— Wir werden das Meer sehen, sagten wir uns, die Augen der Sonne zuwendend, als wenn wir uns vergewissern wollten, ob der Tag noch ausreichen würde, um zu diesem ersehnten Ziel der Reise zu gelangen.

Indessen wurde die Fahrt immer schwieriger. Wir blieben einige Male auf seichten Stellen stecken, so daß wir endlich beschlossen, das Schiff wieder in einen Wagen umzuwandeln und auf dem Lande weiterzufahren.

Der Sonnenuntergang traf uns am Fuße niedriger, spärlich mit Gras bewachsener Sandhügel an. Wir fühlten die Nähe des Meeres, wir glaubten sogar, ein mächtiges gedämpftes Rauschen zu vernehmen und den scharfen Duft des Meerwassers einzuatmen. Wir unterbrachen daher, von der Neugierde getrieben, trotz der hereinbrechenden Dämmerung die Fahrt nicht.

Die Dunkelheit wurde bedeutend dichter, als wir auf den Gipfeln jener Sandhügel angekommen waren. Wir strengten den Blick an, um das Meer zu sehen, aber es war unmöglich, etwas zu unterscheiden. Vor uns schimmerte nur gespensterhaft die mit phosphoreszierenden Pflanzen bedeckte Tiefebene. Im Osten war das unbestimmte Murmeln und Rauschen eines flutenden Wassers zu hören, es glitten dichte weiße Nebel oder Wolken vorbei, wie irrende Geister auf leuchtenden Wiesen. Wir wußten im Augenblick nicht, was wir tun sollten, die ganze Nacht hindurch auf der Anhöhe bleiben oder wieder herunterfahren, als sich plötzlich ein Wind erhob und einen von einer Wolkenkette bedeckten Bach enthüllte, der zirka zehn Schritte vor uns auf steinigen Absätzen in natürliche Bassins floß, die stufenweise in einer Reihe lagen. Diesen Anblick hatten wir nur während einer Sekunde, da eine dichte Wolke das Wasser sofort aufs neue verhüllte und abermals nur das Rauschen und Murmeln an unsere Ohren drang. Die ungewöhnliche Menge und Dichte der Wolken setzte uns in Erstaunen, und wir brachen in der Richtung der Bassins auf. Bald befanden wir uns in einem dichten warmen Nebel. Die Räder des Wagens dröhnten auf steinigem Boden.

Als der Wind den Nebel abermals auseinanderwehte, bemerkten wir, daß wir uns am Rande eines jener Bassins befanden, von dem aus uns feuchte warme Luft entgegenwehte.

— Warme Wasserquellen, riefen wir wie aus einem Munde.

In der Tat mußten sich in der Nähe heiße Quellen befinden, da das Wasser, das im Strome abfloß und sich in den Bassins ausbreitete, zwanzig und einige Grad Celsius hatte. Es war nicht an der Zeit, in der Dunkelheit die Gegend zu erforschen; wir beschlossen nur, aus diesem glücklichen Vorfall Nutzen zu ziehen und die kalte Nacht am Wasser zu verbringen, das uns eine beträchtliche Menge Wärme spendete. Die Nacht war ziemlich unruhig. Vier Erdentage nach Sonnenuntergang fiel dichter Schnee, und es wehte ein so kalter Wind, daß wir, um uns vor der Kälte zu schützen, den Wagen auf das warme Wasser des Bassins hinabstoßen mußten. Die Dunkelheit war undurchdringlich. Manchmal nur, wenn der Wind für Augenblicke die sich aus dem Wasser erhebenden Nebel auseinandertrieb, sahen wir die in der Höhe leuchtenden Sterne. Dann zeigte sich uns auch im Süden ein Streifen blauen Lichtes, der sich längs der Grenzen des Horizontes erstreckte. Wir wunderten uns über diese Erscheinung, die dauernd in der Nacht anhielt, obwohl die phosphoreszierenden Pflanzen, die wir anfänglich für die Ursache dieses Lichtes hielten, sich schon lange geschlossen hatten. Der uns unerklärliche Schein erlosch erst nach Mitternacht, als die Kälte, fern von den warmen Quellen, schon äußerst heftig sein mußte.

Noch eine andere Wahrnehmung beschäftigte und beunruhigte uns. Gegen Mitternacht machte sich eine starke Bewegung des Wassers fühlbar, zu der sich ein dumpfes unterirdisches Donnern gesellte. Fast gleichzeitig bemerkten wir durch den Nebel im Osten einen blutigroten, sich säulenartig erhebenden Brand. Nach einigen Stunden war er erloschen, aber bald flammte er wieder auf und blieb mit wenigen Unterbrechungen vier irdische Tage hindurch am Himmel stehen, einem höllischen Geist, der sich im Nebel und in der Nacht über der schneebedeckten Wüste zeigt, vergleichbar. Die Temperatur des Wassers im Bassin, das durch die fortwährenden Erschütterungen des Grundes gärte, hob sich noch erheblich, so daß wir eher am Überfluß als an Mangel an Wärme zu leiden hatten.

Schon in der Nacht, während der Dauer der Erscheinung, die uns anfänglich beunruhigte, ahnten wir, daß sich irgendwo in der Nähe ein Vulkan befinde, dessen Ausbruch wir gerade vor uns haben. Es sprach dafür auch das Vorhandensein der Warmwasserquellen, die meistens in vulkanischen Gegenden vorkommen. Der anbrechende Tag bestätigte unsere Vermutungen. Wir konnten zunächst trotz der Helligkeit nichts sehen, da die Nebel uns die Aussicht verhüllten. Erst vierzig Stunden nach Sonnenaufgang verließen wir den Wagen, nachdem wir bereits seit Mittag an dem steinigen Ufer hielten. Noch einige Schritte gingen wir im dichten Nebel, — da plötzlich, als wenn sich ein Zaubervorhang gehoben hätte, eröffnete sich uns ein breiter Ausblick! Wir standen wie erstarrt, erschüttert vor Bewunderung und Freude.

Einige Meter tiefer, in einer Entfernung von zwei bis drei Kilometern von der Stelle, wo wir standen, lag — das Meer. Es waren seine von kleinen Lebewesen phosphoreszierenden Fluten, die über dem blassen Glanze in der Nacht durch Nebel und Schatten leuchteten.

Jetzt hatten wir es deutlich vor uns! Die unübersehbare, an den Ufern durch das Eis noch abgeschnittene, aber weiter schon flutende und bewegliche, von der Sonne vergoldete Wasserfläche erstreckte sich von unseren Füßen bis an die Grenzen des Horizontes.

Wir waren von diesem so überaus sehnsüchtig herbeigewünschten Anblick so begeistert, daß wir lange die Augen nicht abwenden konnten. Erst nach geraumer Zeit, nachdem wir uns an der seit dem Verlassen der Erde nicht bewunderten Majestät sattgesehen hatten, begannen wir uns die Gegend näher zu betrachten. Im Westen, zwischen weiten Ebenen, glänzte die breite, von zahlreichen Sandbänken unterbrochene Mündung des Stromes, auf dessen Fluten wir den größten Teil der Reise der vorhergehenden Tage zurücklegten. Im Osten war die Landschaft außerordentlich wild und mannigfaltig. Vor allem zog der mächtige, mit Schnee bedeckte Kegelgipfel eines Vulkans, der in der Entfernung von einigen zehn Kilometern über den benachbarten Felsenbergen thronte, unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die südlichen Abhänge dieser sich zum Meere neigenden Berge waren von dichten Wäldern sonderbarer großer, seltsam ineinandergewundener blättriger Stauden und Lianen, die gerade aus dem nächtlichen Schlaf zum Leben zu erwachen schienen, besetzt; näher vor uns spritzten zwischen phantastisch übereinandergetürmten Felsen und kleinen rauchenden Seen zahlreiche perlende, in eine weiße Nebelwolke gehüllte Geiser. Der von ihnen abfließende Bach sprang über Terrassen, wälzte sich in die Bassins, floß von den Felsstücken, immer tiefer murmelnd, hernieder, bis er zuletzt in dem Dickicht der Flora verschwand, zum Meere eilend.

So sollte unsere Odyssee enden ...

III.

Zehn Erdenjahre sind verflossen, seit wir an den Strand des Meeres gekommen sind, wo wir heute noch wohnen. Und wenig hat sich in all dieser Zeit geändert. Das Meer braust ebenso, und ebenso leuchtet uns die lange Nacht mit den erglühten Fluten; in gewissen Zeitabschnitten wiederholen sich die Ausbrüche des Vulkans, den wir zur Erinnerung an unsern teuren Freund „Otamor“ genannt haben. Ebenso sprudeln die Geiser, und der Bach murmelt, über die Steine springend; nur über dem einen der Bassins erhebt sich jetzt auf Pfählen ein Winterhäuschen und tiefer am Meeresstrande eine Laubhütte, die uns als Sommerwohnung dient. Und an dem sandigen Strande oder auf den Wiesen spielen vier Kinder mit einigen Hunden, die schon auf dem Monde zur Welt gekommen sind, oder sammeln Muscheln und Blumen. Auch wir haben uns längst an diese Welt gewöhnt. Wir staunen nicht mehr über die langen kalten Nächte noch über die Tage, während denen die träge Sonne Feuer vom Himmel herabsendet; die nachmittäglichen furchtbaren Gewitter, die regelrecht alle siebenhundertneun Stunden über uns dahinziehen, haben aufgehört uns zu schrecken. Auf die wilde, phantastische Landschaft, die Pflanzenwelt, die von der irdischen so verschieden ist, und die ungeschickten Mondtiere blicken wir wie auf gute alte Bekannte. Dafür wird die Erde in unserer Erinnerung immer mehr einem Traume ähnlich, der vorübergezogen und nur eine nicht greifbare Spur in unseren sehnsüchtigen Herzen zurückließ. —

Wir sitzen manchmal am Meeresstrande und sprechen über sie — lange, lange! Wir erzählen uns viel von den kurzen Tagen, den Wäldern, dem Gesang der Vögel, von Ländern und von Menschen, die sie bewohnen, von einer Menge kleiner und bekannter Dinge wie von etwas ungemein Interessantem, und als wenn alles nur ein schönes Märchen wäre. Tom ist schon ziemlich groß und vernünftig und hört, aufmerksam folgend, wie einem wirklichen Märchen zu. Er war niemals auf der Erde ...

Schließlich haben wir uns das Leben hier ziemlich erträglich eingerichtet. Zu Füßen des Otamor, auf dem zerbröckelten vulkanischen Grunde entdeckten wir Stauden, deren Stämme und mächtige Wurzeln genügendes Material bieten, das uns im Notfalle die Bäume ersetzen kann. Die ausgetrockneten und von den verholzten Schuppen gereinigten großen Blätter, die überaus fest und dauerhaft sind, liefern uns das Leder und aus den Fasern der anderen verfertigen wir eine Art starker und weicher Leinwand. Auf der Ebene hinter dem Flusse fanden wir nach langem Suchen einen Braunkohlenflötz, und ebenso entdeckten wir Petroleumquellen, die bedeutend näher liegen als die ersten. Eisen, Silber, Kupfer, Schwefel und Kalk sind hier in ziemlich reichlicher Menge vorhanden. Das Meer liefert uns zur Genüge brauchbare Muscheln und Bernstein, der sich von dem irdischen nur durch eine flammendrote Farbe unterscheidet.

Aus dem Meer fischen wir auch vorwiegend unsere Nahrung. Es leben die verschiedensten eßbaren Muscheltiere und eine Art von Fisch und Eidechse darin, die ganz schmack- und nahrhaft sind. Außerdem sammeln wir im Sande oder Dickicht Eier; keins von den hiesigen Geschöpfen kommt lebend auf die Welt, sondern alle Tiere pflanzen sich durch Eierlegen fort. Diese Eier sind gegen den Frost unglaublich widerstandsfähig und überaus schnell in der Sonnenwärme ausgebrütet. Wir bereiten auch gute, kräftige Speisen aus verschiedenen Pflanzengattungen, die hier reichlich gedeihen.

Im Anfang fiel es uns schwer, ohne Fleischnahrung auszukommen, aber jetzt haben wir uns schon vollständig daran gewöhnt. Alle hiesigen Tiere haben ein zähes, übelriechendes Fleisch, das ungenießbar ist. Nur die Hunde verachten es nicht.

Einige Mondtage gingen vorüber, bevor wir uns hier irgendwie zurechtfanden. Zuerst machten wir uns auf die Suche nach Bau- und Brennmaterial, worauf wir auf Pfählen, die aus starken Wurzeln gefertigt wurden, ein Winterhäuschen zu bauen begannen, auf demselben Teiche der Warmwasserquellen, auf dem wir im Wagen die erste Nacht verbrachten. Nach Beendigung dieser wichtigsten Arbeit machten wir Ausflüge in die Umgegend, die wir vorwiegend zu Fuß zurücklegten. Ein Wägelchen mit Vorräten und Werkzeugen, von den Hunden gezogen, nahmen wir immer mit uns. Die Hunde sind hier unsere einzigen Arbeitstiere; von den Mondgeschöpfen züchten wir nur eine gewisse Art von großen beflügelten Eidechsen, die nahrhafte, wohlschmeckende Eier legen.

Manchmal fuhren wir auf das Meer hinaus, uns längs dem Ufer haltend. Der Strand nach Westen ist flach und sandig, im Osten dagegen erheben sich zahlreiche, aus vulkanischen Bergen gebildete Vorgebirge, die durch tiefe, landeinwärts einschneidende Buchten getrennt sind. Fast ein jeder solcher Ausflug, ob zu Wasser oder zu Land, brachte irgendwelchen Nutzen mit sich; wir fanden immer etwas Neues oder lernten wenigstens die Eigentümlichkeiten und Geheimnisse der Gegend kennen, in der wir wohl nun bis zum Tode bleiben werden.

Nach dreizehn Mondtagen, das heißt nach einem Erdenjahr, unseres Aufenthaltes am Meere, waren wir mit dem Lande schon ganz vertraut. Außer dem Wohnhause hatten wir Werkstätten, eine kleine Hütte, Magazine, einen Stall für die Hunde, mit einem Worte, alles, was uns für das Leben hier unentbehrlich war. Die Zeit der fieberhaften, angestrengten Arbeit nahm ein Ende, und langsam kam die Langeweile und, was noch schlimmer war, die Sehnsucht nach der verlassenen Erde über uns. Das waren qualvoll fürchterliche Zeiten; ich erinnere mich, daß wir unserer bedrückten Stimmung und unserem Heimweh ganz ratlos gegenüberstanden. Am Tage zerstreute uns noch dies und jenes, wir irrten auf den Bergen herum oder sammelten Nahrungsvorräte; aber während der Nacht packte uns die Verzweiflung. In dem kleinen Häuschen über dem warmen Teiche eingeschlossen, tatenlos und träge, bemühten wir uns, nur so viel wie möglich zu schlafen.

Aber auch das gelang uns nicht immer. Dann saßen wir schweigend da, erschöpft von Langerweile und Sehnsucht, einander feindselig betrachtend. Es ist unzweifelhaft wahr, daß nichts die Menschen gegenseitig so verbittert wie das Unglück und die Langeweile. Ich hatte leider Gelegenheit, das mehrfach bestätigt zu finden.

Man hätte sich wohl mit so manchem beschäftigen, irgendwelche Verbesserungen einführen, für die Zukunft sorgen können, aber der Gedanke, daß wir hier zum Aussterben verurteilt waren, machte uns dazu absolut unfähig. Die Menschen auf der Erde denken gar nicht daran, daß sie den größten Teil ihrer Energie, wenn auch unbewußt, dem Gefühl verdanken, daß sie nicht nur für sich, sondern auch für diejenigen, die nach ihnen kommen werden, arbeiten. Der Mensch will leben, das ist alles. Und indessen steht ihm immer der unerbittliche Tod vor Augen, und wenn er keinen Ausweg, keine Möglichkeit der Ablenkung, kein Mittel, ihn oder vielleicht auch nur sich selbst zu betrügen, findet? Bei Gott, ich glaube, daß kein anderer Gedanke außer diesem einen furchtbaren: ich werde sterben, in seinem Kopfe Raum hätte! Es gibt verschiedene Heilmethoden: Den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, den Glauben an die Unsterblichkeit der Menschheit und der menschlichen Werke. Der Mensch verlängert sein Dasein durch seine Taten; denn wenn er an jene Zeiten denkt, wo er nicht mehr sein wird, so stellt er sich vor, daß auch dann noch eine Spur seiner Arbeit übrig bleibt, und so wird er in seinen Gedanken selbst dieser Zukunft teilhaftig, die er mit lebendigen Augen nicht mehr schauen kann. Aber dafür muß er wissen, daß nach ihm Menschen existieren werden, die, wenn sie auch seinen Namen nicht erwähnen und kennen, doch wenigstens, ohne es zu wissen, von seinem Lebenswerk Nutzen ziehen. Das ist die absolute Grundlage des Lebens und seiner Tatkraft. Denn die Werke der Menschen sind wie die Menschen selbst: sie leben oder sterben. Das Werk, das in keinem Bewußtsein einen Wandel hervorruft, ist tot.

Das sind alles außerordentlich einfache und natürliche Folgerungen, aber ich bin mir erst auf dem Monde, während jener langen taten- und hoffnungslosen Tage im Anfang unseres Aufenthaltes am Meere so recht klar darüber geworden.

Manchmal dachte ich: Es wäre gut, die Grenzen dieses großen Wassers zu erforschen, das Land in seiner Länge und Breite zu durchqueren, seine Berge und Flüsse kennen zu lernen, Karten anzufertigen, die Pflanzen zu beschreiben, die Tiere und Mineralien, aber da tauchte in meinem Innern die höhnische Frage auf: Und wer wird etwas davon haben? Ja, wahrhaftig, wer wird etwas davon haben? Wem soll ich erzählen, was ich kennen lernen werde, wem das zurücklassen, was ich niederschreiben will? Tom? ... Aber der kleine Tom wird ebenfalls sterben wie ich, zwar etwas später, aber das ändert nichts an der Sache. Er wird der letzte Mensch auf dieser Welt sein, auf der wir die ersten gewesen sind. Mit ihm wird alles ein Ende nehmen ...

Dieses Bewußtsein lähmte jedwede Tatenlust in mir! Ob ich nun dieses staunenerregende Land erforschen wollte oder dieses Meer, mit dem der Mond angefüllt ist wie ein silberner Becher, der seinen äußeren Boden der Erde zukehrt, oder wenn ich an das Erbauen eines dauerhafteren Hauses dachte, an die Einrichtung von neuen und besseren Werkstätten, an die Anlage eines Gartens und Tierkäfigs, mit einem Worte, an die Hebung des Wohlstandes unserer kleinen Wirtschaft.

Und so erwuchs in Peter und mir zugleich das Gefühl der Notwendigkeit, hier eine neue Menschheit ins Leben zu rufen, und unsere Augen wandten sich wiederum auf Martha. Ich versuche heute mich vor mir selbst zu rechtfertigen, denn ich weiß, daß es Verbrechen und Egoismus war. Auch damals wußte ich es, aber ... aber ... Der Mensch will leben, um jeden Preis und auf jede Art, nur leben — das ist alles!

Es war etwas Ungeheuerliches in unserm Beschluß, vor allem, weil wir ihn kalt und nüchtern faßten, wenigstens was mich betrifft ...

Ich hatte mich an Martha mit einer großen Liebe gewöhnt, einer stillen, selbstlosen, und jene Zeit, da ich sie für mich begehrte, für meine Sinne und mein Glück, war lange vorbei und, wie es mir schien, unwiderruflich. Ich weiß es nicht einmal, warum sie vorbei war ... Ich glaube, der Grund lag in der Überzeugung, daß sie mich nicht wiederliebte und niemals lieben würde, stets nur mit all ihren Gedanken an jenem Toten, in ihrem Sohne Wiedergeborenen, hängend.

Nicht an Martha habe ich in jener Zeit gedacht, sondern an Kinder, an kleine frohe Mädchen, die Tomas, wenn sie erwachsen sind, heiraten könnte, auf diese Weise einer neuen Menschheit das Leben gebend. Ich erträumte mir das als höchstes Glück, denn dann war unsere Arbeit nicht vergebens. Alles, was wir entdeckten und schufen würde denjenigen, die nach uns von Geschlecht zu Geschlecht auf dem Mondglobus leben sollten, Früchte tragen.

Ich will nicht sagen, daß diese meine Träumereien gänzlich unpersönlich waren. Im Gegenteil, indem ich an die Kinder dachte, stellte ich mir unwillkürlich vor, daß es meine Kinder wären und hinter ihren fröhlich lachenden Gesichtchen sah ich die liebe Gestalt Marthas, — meiner Martha ... Das waren erschlaffende, fast schmerzliche Gedanken, denn ihre Verwirklichung schien mir so seltsam unmöglich zu sein ...

Und dann machte ich mir, die ungastliche und nicht für Menschen geschaffene Mondwelt betrachtend, wieder Vorwürfe. Wie wird, dachte ich, das Schicksal der zukünftigen Menschheit sein, die hier leichtsinnig von uns geschaffen, um unsern Taten einen Zweck und unserm eigenen Leben eine Berechtigung zu geben? Ich hatte die Bedingungen dieses Globus genügend kennen gelernt, um zu wissen, daß sich die Menschheit auf ihm niemals würde entwickeln können wie auf der Erde. Der Mensch wird hier immer nur der Eindringling sein, der ungebeten und — zu spät gekommen ist. Ja, zu spät. Der Mond ist, wie wir die Sache auch ansehen mögen, ein absterbender Globus.

Auf das hiesige Leben blickend, das einen so unerhört kleinen Teil der Oberfläche des ganzen Gestirns einnimmt, auf die Pflanzenwelt, die großartig und üppig ist, aber viel weniger Lebenskraft als die irdische besitzt, auf die seltsamen Tiere, die degeneriert und gebrechlich sind, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß ich auf die Pracht einer untergehenden Sonne schaue. Hier hat das Leben bereits aufgehört sich zu entwickeln. Es ist reif, überreif sogar, und wartet auf das Ende. Und diese Natur, die hier seit unvergleichlich längeren Zeiten arbeitet als auf der Erde (da der Mond, als kleineres Gestirn, früher als sie erkaltet und früher „Welt“ geworden ist), hat es nicht vermocht, ein vernünftiges Wesen zu schaffen, und wenn sie es geschaffen haben sollte, ist seine Zeit unwiderruflich vorbei. Den besten Beweis liefert vor allem die Tatsache, daß dieser Globus heute nicht mehr für derartige Wesen geeignet ist.

Dem Menschen wird es hier immer zu eng sein! Derartige Reflexionen stiegen wohl in mir auf, aber das Gefühl ist stärker als der abstrakte Gedanke; trotz allem begehrte ich mit ganzer Seele, daß hier nach uns Menschen leben sollten. Manchmal betrog ich mich selbst und versuchte mir einzureden, daß ich die Menschheit für Tom wolle, um ihn vor dem schrecklichen Schicksal zu bewahren, in der Einsamkeit der letzte Mensch zu sein. Aber das ist nicht wahr; ich wollte ein neues Geschlecht für mich, um meiner selbst willen.

Ich weiß nicht, wie Peter dachte und fühlte; aber sicher ist, daß ihn dieselbe Sehnsucht beherrschte. Es ging viel Zeit vorüber, ehe wir beide uns aussprachen. Ich erinnere mich, es war gegen Sonnenuntergang. Martha war mit Tom auf dem Arme zu den warmen Quellen gegangen und wir beide saßen schweigend am Meeresstrande.

Peter blickte Martha, als sie sich entfernte, lange nach, und dann zählte er leise die Mondtage, die wir schon durchlebt hatten.

— Der dreiundzwanzigste Sonnenuntergang, sagte er endlich laut.

— Ja! antwortete ich gedankenlos, der dreiundzwanzigste; wenn wir auch die Tage rechnen, die wir auf dem Pole verbrachten und während denen wir in Wirklichkeit keine Untergänge hatten ...

— Und was weiter? fragte Peter.

Ich zuckte die Achseln.

— Nichts. Noch einige Untergänge, vielleicht einige zehn oder hundert, und dann wird es zu Ende sein. Tom wird allein bleiben.

— Nicht um Tom geht es mir, sagte er, und nach einer Weile fügte er hinzu:

— Jedenfalls steht es schlecht.

Wir schwiegen lange, dann begann Peter von neuem:

— Martha ...

— Ah, ja, Martha, wiederholte ich.

— Man muß etwas beschließen!

Mir schien es, daß in seiner Stimme derselbe Ton vibrierte, an den ich mich aus jener furchtbaren Fahrt durch das Mare Frigoris nach Woodbells Tod erinnerte. In mir empörte sich etwas. Ich sah ihm fest in die Augen und sagte mit Nachdruck:

— Man muß.

Er lächelte seltsam und antwortete nichts.

An diesem Tage sprachen wir nicht mehr über diese Angelegenheit. Die lange Nacht verging in Schweigen und Langerweile. Tom war nicht ganz wohl und Martha sehr beunruhigt, immer nur mit ihm beschäftigt. Wir beobachteten ihre grenzenlose, mütterliche Zärtlichkeit, und wer weiß, ob nicht gerade damals, wenn auch unbewußt, der schändliche, widerwärtige Plan der Ausnützung ihrer Liebe für das Kind in uns aufkeimte, um sie unseren Wünschen geneigt zu machen. Jedenfalls bestärkte uns diese Nacht der Leere und Langweile darin, daß man absolut „etwas beschließen“ müsse.

Am Morgen des folgenden Tages begab ich mich mit Peter in die Wälder zu Füßen des Otamor. Während dieses Ausfluges wurde die Angelegenheit endgültig besprochen. Einer von uns sollte Martha zur Frau nehmen und der andere sich verpflichten, ihm niemals in den Weg zu treten.

Einer von uns! Ich wiederholte in Gedanken diese Worte mit einer sehnsuchtsvollen und schmerzlichen Unruhe. In Peters Munde klangen sie, als er sie aussprach, fast wie eine Drohung. Ich weiß nicht, vielleicht täuschte ich mich auch, aber mir schien es so ... Die Wahl zwischen uns beiden sollten wir Martha überlassen, und erst wenn sie keine Wahl treffen wollte, sollten wir Lose ziehen. Peter meinte zwar, daß eine sofortige Entscheidung durch das Los ratsamer sei, da Martha sich weigern würde, zu wählen, aber ich lehnte mich entschieden dagegen auf und erreichte so viel bei ihm, daß er wenigstens damit einverstanden war, Martha zuerst die Entscheidung anheimzustellen. Er gab, wie ich bemerkte, nur ungern nach und als er endlich „ja“ sagte, hatte er ein eigenartiges Lächeln auf den Lippen und seine Augen flammten seltsam tückisch.

Zu Hause angekommen, schoben wir die entscheidende Unterredung noch lange hinaus, denn wir waren uns gewiß darüber, daß Martha uns nur mit Widerstreben anhören würde. Peter ging nachdenkend und finster auf und ab und stellte sich, als wenn er mit etwas beschäftigt wäre; ich irrte am Meere herum, das Herz von einer unklaren, quälenden Angst erfüllt. An diesem Tage sollten sich unsere Schicksale entscheiden.

Und endlich kam der Mittag, schwül und heiß. Die Sonne, die seit hundertdreißig Stunden am Himmel leuchtete, sengte die Gegend mit einer unerträglichen Glut, die Pflanzen verdorrend, die auf den erfrischenden Regen warteten. Am Himmel, in südöstlicher Richtung, wo die Sonne schon über den Äquator gezogen war, türmten sich dichte schwarze Wolken auf. In geringen Zwischenräumen, während denen die Luft erkaltet und schwer über uns hing, erhob sich ein kurzer, heftiger Sturm. Er warf die Meeresfluten an den Strand, ließ die Wälder erbrausen, brach die perlenden Fontänen der Geiser und heulte zwischen den Felsen, die tägliche Gewitterzeit verkündend.

Wir siedelten aus dem Sommerhäuschen am Strande zu der Höhle in der Gegend der Geiser über, die uns für gewöhnlich als Schutz während des Gewitters diente. Wir saßen alle drei vor ihrem Eingang, der kleine Tom spazierte, sich an den Knien der Mutter haltend, auf eigenen Füßen um diesen Stützpunkt herum, als Peter mir einen bedeutsamen Blick zuwarf und sich dann mit dem Ausdruck eines plötzlichen Entschlusses zu Martha wandte.

Mein Herz schlug so heftig, daß ich es im Halse fühlte. Das herannahende Gewitter wirkte immer erregend auf uns. An diesem Tage gesellte sich noch die Aufregung der bevorstehenden Entscheidung hinzu. Vor allem befand sich Peter in einem anormalen Zustand: Seine weit aufgerissenen Augen flackerten unruhig, die Brust hob und senkte sich in ungleichmäßigen Atemzügen und auf seinen Wangen brannten dunkle Flecke. Ich blickte ihn in ängstlicher Erwartung an, er aber fragte sie, ohne jegliche Einleitung und Vorbereitung, ganz unvermittelt:

— Martha, welchen von uns beiden würdest du wählen?

Martha, durch diese plötzliche Frage überrascht, schien zuerst nicht zu verstehen, um was es sich handelte ... Sie sah erstaunt erst mich, dann Peter an, dann wiederum mich und zuckte verächtlich die Achseln.

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