Zweiter Teil (continued 2)
Kasimir Lodygowski translation
Peter wiederholte:
— Martha, wen von uns beiden wirst du wählen?
Sein hartnäckig auf sie gerichteter Blick mußte ihr mehr sagen als diese Frage, da sie plötzlich, alles verstehend, erblaßte und mit einem leichten Schrei von ihrem Sitze aufsprang. In ihrer Hand blitzte wieder das Stilett, mit dem sie Peter schon einmal gedroht hatte.
— Von euch niemanden! rief sie.
Peter trat ihr einen Schritt näher:
— Und dennoch mußt du wählen und ... und auswählen! sagte er mit Nachdruck.
Ihre Augen irrten in stummer Verzweiflung umher wie zitternde Vögel. Es schien mir, daß sie einen Augenblick, einen kurzen Augenblick, mit einem flehenden Ausdruck oder Zögern oder Sinnen auf mir ruhten. Aber nein, das mußte eine Täuschung sein, sicherlich schien es mir nur so, da sie im nächsten Moment die Hand mit dem Stilett erhob und hart sagte:
— Ich werde niemanden wählen, und ich bin neugierig, wer es von euch wagt, sich mir zu nähern! Ich will keinen von euch!
Und abermals schien es mir, daß die letzten Worte weicher von ihren Lippen kamen und ihre Augen meinem Blick begegneten, aber das war unzweifelhaft eine Täuschung. Ich war damals so erregt ... Mein Gott, ich will und muß glauben, daß es nur eine Täuschung war!
Als die Mutter aufgestanden war, setzte sich Tom auf die Erde und schaute interessiert der ganzen Szene zu.
Peter legte die Hand auf seinen Kopf. Martha bemerkte es.
— Fort! schrie sie ängstlich, fort! Komm’ ihm nicht zu nah’! Er ist mein!
Peter rührte sich nicht. Die Hand immer auf dem Kopf des Kleinen, starrte er Martha hartnäckig mit einem verächtlichen Lächeln an.
— Und was soll mit Tom werden? fragte er endlich.
Martha zögerte.
— Mit Tom? Was soll mit Tom werden? wiederholte sie fast verständnislos.
— Nun ja, wenn wir sterben und er allein bleibt ...
Diese Worte trafen sie wie ein Blitz. Sie riß die Augen weit auf, als wenn sie plötzlich vor einem Abgrunde stünde, den sie bisher nicht bemerkt hatte, seufzte tief und ließ sich auf einen Stuhl fallen, da sie anscheinend die Kräfte verließen.
— Ja, was wird mit Tom ... wiederholte sie flüsternd, mit ratloser Verzweiflung auf das Kind sehend.
Und Peter begann ihr auseinanderzusetzen und zu erklären, daß sie aus Liebe zu Tom einen von uns wählen müsse. Sie werde doch nicht ihren geliebten Sohn zu einem furchtbaren, einsamen Tod verurteilen und vor allem nicht zu einem noch furchtbareren Leben? Was soll nach unserem Tode aus ihm werden? Verlassen, verwildert, verzweifelt wird er auf diesen Bergen herumirren und am Strand dieses Meeres, der letzte Mensch, der einzige Mensch auf diesem Globus, nur an das eine, grauenhaft Unabwendbare denken: den Tod.
Er wird die Mutter verfluchen, die ihm das Leben gegeben hat. Zu ewigem Schweigen verurteilt, wird er, der zu niemandem sprechen kann, die menschliche Sprache vergessen; die Worte, die er von uns gelernt hat, wird er, eins nach dem andern, verlieren, wie man das Geld auf der Wüste zerstreut, wo man nichts dafür kaufen kann. Vielleicht werden ihm schließlich nur noch einige Worte in der Erinnerung bleiben, mit deren Klang er spielen und kosen wird; obwohl das furchtbare Worte sein müssen, die nichts als Grauen, Einsamkeit, Verlassenheit und Trauer ausdrücken. Wenn er verzweifelt, wird ihm niemand Linderung bringen; wenn er etwas braucht, wird ihm niemand helfen. Wenn er krank ist, wird an seinem Lager nur das grauenhafte, höhnisch grinsende Gespenst des Hungertodes stehen. Dann werden selbst die Hunde, glücklicher als er, weil sie sich hier vermehrten, ihren Herrn verlassen, der nicht mehr fähig ist, ihnen Befehle zu erteilen. Am Ende wird auch einer, ein treuer, der ihm in der Einsamkeit, in Ermangelung eines Menschen, Freund und Kamerad war, länger bei ihm bleiben, so lange, bis er endlich, entsetzt durch die in der letzten Verzweiflung starrenden Totenaugen, angstvoll gedehnt zu heulen beginnt. Und andere, schon verwilderte, werden auf diesen Laut zusammenlaufen ... und ... sich eine Mahlzeit bereiten aus der noch warmen Leiche des letzten Menschen auf dem Monde.
Er sprach noch lange, alle Greuel schildernd, zu denen Tom nach unserem Tode verurteilt sein wird, und ich, strafe mich Gott dafür, half ihm, sich an der Qual dieses Weibes zu weiden und versuchte ebenfalls die Ärmste zu überzeugen, daß sie um Toms willen einen von uns wählen müsse ...
Martha hörte das alles, ohne zu antworten. Nur in ihren Zügen malte sich anfänglich Erstaunen, dann der Reihe nach: Trauer, Angst, Verzweiflung, Resignation.
Seit Mittag grollten die fernen Donner des nahenden Gewitters ... Martha saß stumm da.
Als wir geendet hatten und Peter sie fragte, ob sie bereit sei, einen von uns zu heiraten, schien sie die Frage nicht gehört zu haben. Erst als er sie wiederholte, zuckte sie zusammen und erhob das Haupt, als wenn sie aus einem Traum erwacht wäre. Sie schaute uns an und sagte dann dumpf, mit Mühe die Worte hervorstoßend:
— Ich weiß, daß es euch nicht um Tom geht, aber das ist einerlei ... Ihr habt recht ... Ich werde ... für Tom ... alles tun ... Sie seufzte krampfartig und verstummte.
— Bravo! rief Peter, das läßt sich hören! Also, fügte er, sich zu ihr neigend, hinzu, welcher von uns ist dir lieber?
Ich stand abseits und blickte auf Martha. Sie wich unwillkürlich zurück, als wenn sie von Widerwillen geschüttelt würde, beherrschte sich aber sofort und schaute uns an. Und wieder, schon zum drittenmal, schien es mir, daß ihr Blick eine Sekunde lang auf mir ruhte, der bittende Blick eines armen, gehetzten, in die Enge getriebenen und um Mitleid flehenden Wildes.
Alles Blut drang mir aus dem zusammengepreßten Herzen zum Hirne. Auch Peter mußte ihren Blick aufgefangen haben, denn er erblaßte und wandte sich zu mir mit dem Ausdruck des unverkennbarsten Hasses.
In diesem Moment brach Martha in ein heftiges, lang anhaltendes Weinen aus, warf sich auf den Boden und wimmerte verzweiflungsvoll:
— Tomas, mein Tomas, mein guter, geliebter Tomas!
Sie rief den Toten an, als wenn er sie von den Lebenden erlösen könne. Peter trat ungeduldig einen Schritt zurück.
— Es ist Unsinn, noch länger zu reden oder zu warten, sagte er, ziehen wir Lose.
Ich wollte mich noch widersetzen. Es war mir schwül und furchtbar zumute. Die Wolken bedeckten schon den halben Himmel; über dem Meer flammten blendende Blitze auf.
Als der kleine Tom die Mutter weinen sah, begann er selbst zu weinen. Ich näherte mich ihm behutsam:
— Martha ... Martha, wiederholte ich, leicht mit der Hand ihre Schulter berührend.
— Fort! fort! schrie sie, ihr Widerwärtigen! ...
— Ziehen wir Lose! drängte Peter.
Ich sah mich um. Er stand hinter mir, in der geschlossenen Hand zwei Taschentuchenden haltend.
— Wer den Knoten zieht, der nimmt sie. Er deutete auf die noch immer am Boden Liegende.
In mir ging etwas Furchtbares vor. In meinem Kopf fühlte ich eine seltsame Klarheit; ich war sogar ruhig, es fehlte mir nur der Atem, als wenn jemand einen ganzen Berg auf meine Brust gewälzt hätte. Ich betrachtete die beiden Enden des Taschentuches, die aus Peters Hand hervorsahen, und zuerst beschäftigte mich die Einsäumung, die an einer Stelle etwas zerrissen war ... Dann erinnerte ich mich an eine Szene auf dem Mare Imbrium, wo wir ebenso Lose ziehen sollten — um den Tod ... wie jetzt um ... die Liebe!
Peter wurde ungeduldig.
— Zieh! rief er.
Ich blickte ihn an. Seine Züge waren verzerrt, seine Augen starr auf mich gerichtet. Ich verstand plötzlich alles. Wenn ich das Los ziehe, werde ich diesen Mann sofort töten müssen, da er, im entgegengesetzten Falle, mich ermordet. Unwillkürlich schob ich die Hand in die Tasche und suchte nach der Waffe. Aber da kam mir der Gedanke, daß ebensogut Peter das Los ziehen konnte, was dann? Werde ich dann die Kraft haben, auf dieses geliebte Weib zu verzichten, in dem Bewußtsein, daß nur ein elender Zufall alles entschieden hat? Werde ich mich nicht gegen ihn empören? Perlender Schweiß bedeckte mir die Stirn.
Wenn ich wüßte, daß Martha mich lieber hat, daß sie für mich auch nur ein ganz klein wenig mehr empfindet als für Peter, würde ich auf das Los nicht warten.
Aber so ...
Sie sagte doch vor einem Augenblick: Ihr Widerwärtigen ... Ihr!
Soll ich ihr Gewalt antun und dazu einen Menschen umbringen ... oder mich vor dem Zufall beugen?
Ich blickte Martha an, sie hatte aufgehört zu weinen und saß still da, auf das weite Meer starrend, als wenn sie nicht wüßte, daß wir hier, einige Schritte von ihr entfernt ...
Ein grenzenloses, herzzerreißendes Mitleid mit diesem Weibe erfaßte mich.
Dies alles dauerte kaum eine Sekunde. Unwillkürlich berührte ich wieder den Griff des Revolvers in meiner Tasche, wie irrsinnig um mich blickend, wen ich ermorden sollte: Peter, Martha, mich selbst oder Tom, den wir zum Werkzeug der Tortur für sie gemacht hatten.
Plötzlich ließ diese unerhörte Spannung der Nerven nach, und alles löste sich in meinem Innern. Es blieb mir nur noch die Gleichgültigkeit und — der Stolz. Ich öffnete die Hand, die schon den Revolver gepackt hatte.
— Zieh! zischte Peter mit erstickter Stimme.
— Nein! antwortete ich mit ruhigem Entschluß.
— Wie?
— Wir werden keine Lose ziehen.
Er konnte es noch nicht begreifen, schob schnell die Hand in die Tasche, und ich hörte das Knacken des Revolverabzuges.
Also auch er war vorbereitet; ich hatte mich nicht getäuscht. Mit einer blitzschnellen Bewegung packte ich ihn bei den Händen. Er beugte sich nach hinten und wand sich unter dem eisernen Druck meiner Fäuste; in seinen Augen flammte das höchste Entsetzen.
Ich hörte einen durchdringenden Schrei Marthas. Im ersten Augenblick schien es mir, daß in ihm etwas wie Freude zitterte, aber dann dachte ich, daß sie sich vielleicht um Peter ängstige. Ich schaute ihn an; er blickte mir in die Augen mit einer ohnmächtigen, verzweifelten Wut. Es schien mir, daß er den Tod erwartete. Ich lächelte und schüttelte den Kopf.
— Nein, das nicht, das ... Nimm sie dir, sagte ich und ließ ihn los.
Zuerst war er ganz starr vor Staunen. Er schaute mich irr an, und dann lächelte er gezwungen:
— Du bist edel, ja, ich danke dir ... Es ist wahr, ich bin jünger, also mit Recht ... Aber, hier wurde seine Stimme tiefer, aber, versprichst du mir, daß niemals ... niemals ...
Er zeigte mit einer Kopfbewegung auf Martha.
Ich sah ihm in die Augen.
— Ja, ich weiß, es ist nicht nötig ... Ich danke dir, du bist ... sagte er schnell.
Ein unbeschreiblicher Widerwille schüttelte mich. Peter zögerte, wandte sich dann schnell um und näherte sich Martha ... Auch ich schaute auf sie und wieder trafen sich unsere Augen, aber aus ihrem Blick sprach jetzt Haß und eine grenzenlose Verachtung.
— Martha, ich soll dein Mann sein, sagte Peter.
— Ich weiß es.
Ihre Worte klangen ganz gleichgültig.
— Martha ...
— Was?
— Das Gewitter kommt heran ...
— Ich sehe es ...
Peter seufzte nervös ...
— Komm, flüchten wir uns in die Höhle.
In seinen Augen glimmte eine tierische Leidenschaft; durch die krampfhaft zusammengepreßten Kiefer drangen nur mühsam die abgerissenen Sätze hervor und seinen Körper schüttelten Fieberschauer.
Ich wagte es nicht, Martha anzusehen. Ich hörte nur ihre gedämpfte, gleichgültige Stimme:
— Gut. Ich komme ...
Peter zögerte noch:
— Martha, gib mir zuerst das Stilett.
Sie warf es auf die Erde, daß die Schneide auf den Steinen klirrte, und ging, ohne sich umzusehen, in die Grotte. Peter ergriff Tom beim Händchen und lief ihr nach.
Ein blendender Blitzstrahl durchzuckte grelleuchtend den schwarzen Himmel; dumpfes, durch das Echo langgezogenes Dröhnen des Donners verkündete den Anfang des Gewitters. Strömender Regen stürzte herab und erfrischte die verbrannte, ausgetrocknete Erde!
Es schwindelte mir im Kopfe. Ich warf mich auf die Fliesen, in verzweifeltes, unmännliches Weinen ausbrechend ...
Über mir rollten die Donner, und die ganze Welt verfinsterte sich in endlosen Regengüssen.
So gestaltete sich unser Leben auf dem Monde.
IV.
Es begannen für mich dann einsame, traurige Zeiten ... Meine Beziehungen zu Peter waren niemals herzlich, und was Martha betrifft, konnte ich mich nicht überwinden, ihr so zu begegnen wie früher. Etwas stand zwischen uns; ein Schmerz oder ein Gefühl der Scham beiderseits oder sonst etwas. Auch sie hatte sich verwandelt, war eine andere geworden, kaum mehr zu erkennen. Abgemagert und blaß, fast häßlich, verschlossen, wenig sprechend, schien sie mich zu meiden. Lange Stunden brachte sie allein mit Tom zu. Lediglich der Anblick dieses Kindes konnte das Wunder bewirken, daß ihre finsteren Züge sich für einen Augenblick im Lächeln des Glücks erhellten. Der Sohn war für sie alles. Sie dachte nur an ihn. Sie nahm ihn oft auf den Schoß, liebkoste ihn leidenschaftlich oder erzählte ihm Geschichten, die er noch gar nicht verstehen konnte: von der Erde, die wir zurückgelassen, weit im Himmelsblau, von dem Vater, der in dem Grabe auf der furchtbaren Wüste schlief, von sich selbst ...
Peter war eifersüchtig. Er hatte von jeher eine Abneigung gegen das Kind, aber jetzt sah er es manchmal mit einem Blicke an, daß ich, der ich seinen Charakter kannte, zitterte, er könne ihm ein Leid antun. Übrigens war er auch auf mich eifersüchtig, obwohl ich alles vermied, was ihm dazu Veranlassung geben konnte. Nie begegnete ich Martha allein und auch in seiner Gegenwart sprach ich wenig mit ihr. Wenn ich aber hie und da ein Wort mit ihr wechselte, fühlte ich stets seinen unruhigen, haßerfüllten Blick.
Schwer und traurig war Marthas Leben und das meinige, aber ich glaube, er war der Unglücklichste von uns dreien. Martha hatte wenigstens einen Trost in dem Kinde, ich diese stolze Genugtuung, die uns die Erfüllung eines freiwillig gebrachten Opfers gibt. Aber er, Peter, lebte von Eifersucht gequält an der Seite des heißbegehrten, ihm kalt und gleichgültig gegenüberstehenden Weibes, nirgends einen Halt findend. Ich habe mich unwillkürlich von ihm zurückgezogen und Martha gab zwar allen seinen Wünschen nach, aber sie zeigte ihm in jeder Minute, daß sie ihn lediglich als das Werkzeug betrachtete, durch das sie dem geliebten Sohn den Segen der menschlichen Gesellschaft auf dem Monde sichern wollte. Ich habe niemals gehört, daß sie auch nur ein wärmeres, herzlicheres Wort zu ihm gesprochen hätte; wenn er ihre Hände oder ihr Antlitz mit Küssen bedeckte, wehrte sie es nicht, aber sie saß unbeweglich und gleichgültig, in ihren Augen einen Ausdruck der Ermüdung und ... des Ekels.
Und er liebte sie doch auf seine Art und tat alles, um bei ihr ein Gefühl für sich zu wecken, ihre Gegenliebe zu erzwingen, als wenn man Liebe erzwingen könnte! Es gab Augenblicke wo er ihr drohte und sich bemühte ihr seine Übermacht zu zeigen, aber sie schaute ihn auch dann gleichgültig und ruhig an und weder Angst, noch Lust sich ihm zu widersetzen, zeigte sich in ihren Zügen. Wenn er etwas befahl, tat sie es ohne zu murren, aber auch ohne zu lächeln, genau wie wenn er sie um etwas bat. Das brachte ihn zur Verzweiflung. Ich sah, daß er manchmal in ihr Haß und Empörung wachrufen wollte, nur um sie aus dieser furchtbaren Gleichgültigkeit herauszureißen. Er ergriff also das letzte Mittel: er verfolgte Tom. In meiner Gegenwart wagte er es nicht das Kind zu berühren; ich sagte ihm einmal, daß ich ihm den Schädel zertrümmern würde, wenn er dem Kinde das kleinste Unrecht zufügte und er wußte, daß ich seit jenem denkwürdigen Mittag den Revolver stets bei mir trug. Aber sobald ich fort war, schlug er Tom. Ich habe das erst viel später und zufällig erfahren. Martha drohte ihm in solchen Momenten, ohne ein Wort zu verlieren, mit dem Stilett, das ich aufhob und ihr zurückgab, nachdem sie es damals, in die Grotte gehend, zu Boden geworfen hatte.
Ein anderes Mal wieder warf sich Peter, von einem Extrem ins andere fallend, zu ihren Füßen und schluchzte und flehte um Erbarmen.
Einmal war ich unbemerkt Zeuge einer solchen Szene. Ich kehrte gerade von einem Ausflug zu den ziemlich entfernten Petroleumquellen zurück und hörte, als ich mich dem Hause näherte, lautes Sprechen und dann Peters Weinen. Martha saß auf der Bank im Garten, den wir auf dem Hügel angelegt hatten, von wo sich ein herrlicher Blick auf das Meer und die Berge eröffnete. Zu ihren Füßen im Sande lag Peter. Die zusammengefalteten Hände stützte er auf ihre Knie und betete förmlich zu ihr, mit flehendem Blick und erstickter Stimme.
— Martha, schluchzte er, Martha, erbarme dich meiner! Siehst du nicht, was mit mir vorgeht! Das ist doch grauenhaft ... Ich liebe dich bis zur Raserei, verliere die Sinne, und du ... und du ... Ein krampfhaftes Weinen unterbrach seine Worte.
Martha zuckte nicht einmal.
— Willst du etwas von mir, Peter? frug sie nach einer Weile.
— Ich will deine Liebe!
— Du bist mein Mann ...
— Liebe mich!
— Gut. Ich liebe dich ...
Sie sagte das alles langsam, ruhig und mit einer so furchtbaren Gleichgültigkeit, daß sogar mich ein frostiges Gefühl durchlief.
Peter sprang auf.
— Weib, reize mich nicht! schrie er außer sich.
— Ich werde dich nicht reizen.
Peter packte sie mit beiden Händen bei den Schultern; seine Züge hatten sich in ohnmächtiger Wut verzerrt. Unwillkürlich griff ich zum Revolver; mein Blut hämmerte in den Adern, aber ich fühlte, daß mir die Hand nicht zittern würde.
— Willst du mich schlagen, Peter? frug Martha wieder in einem Ton, als wenn sie sagte: Willst du Wasser trinken?
— Ja, ich werde dich schlagen, zerren, morden, bis ... bis ...
— Gut. Schlage mich ...
Er wimmerte und wankte wie ein Betrunkener.
Ich näherte mich, um durch meine Gegenwart diesem entsetzlichen Auftritt ein Ende zu machen.
Marthas immer gleiche Traurigkeit und Peters furchtbare innere Kämpfe mitanzusehen, war mir im höchsten Maße qualvoll, und da auch sie mich zum Teile mieden, wenn auch jedes von ihnen aus einem anderen Grunde, so ergab es sich, daß ich den größten Teil der langen Mondtage in vollster Einsamkeit verbrachte. Ich habe mich langsam daran gewöhnt. Übrigens konnte ich schon jetzt mit dem Gedanken an die Zukunft die Leere und Langeweile ausfüllen, zu der ich mich selbst freiwillig verurteilte. Wohl hatte ich mir die Ehe „eines von uns“ mit Martha anders vorgestellt: Ich träumte von einer heiteren, stillen, wenn auch von Sehnsucht nicht freien Idylle, von einem neuen herzlichen Band, das unsern kleinen Kreis vereinen könnte, von langen, mit gedämpfter Stimme geführten Plaudereien, die sich um das Glück und die Sorge und die Bequemlichkeit derjenigen, die nach uns kommen sollen, drehen würden. Aber wenn auch die Wirklichkeit all diese schönen Träume vernichtete, so hatte sie mir doch ein unschätzbares Gut gegeben: Die Hoffnung auf ein neues Geschlecht. Ich liebte das kommende Geschlecht, diese nicht von mir stammenden Kinder, noch ehe sie zur Welt kamen. Auf langen, einsamen Wanderungen dachte ich unaufhörlich an sie. Für sie sammelte ich Vorräte, erforschte die Gegend, schrieb die Beobachtungen nieder; für sie holte ich die von der Erde mitgenommene Bibliothek aus dem Staube hervor und ordnete die Bücher; für sie habe ich Ziegelsteine gefertigt und Kalk gebrannt, um ein gemauertes Haus zu bauen und ein kleines astronomisches Observatorium; für sie aus dem Erz Eisen geschmolzen oder aus dem Silber, das sich hier in großen Massen findet, verschiedene Geräte geschmiedet, Glas, Papier und andere für den zivilisierten Menschen unentbehrliche Gegenstände hergestellt. Ich habe mich so unaussprechlich auf diese Kinder gefreut, die erst geboren werden sollten! Ich glaubte, daß sich mit ihrem Erscheinen endlich alles zum Besseren wenden, ihr Lachen und ihre hellen Stimmchen diese drückend schwüle Atmosphäre verwehen müßten, die zwischen uns herrschte.
Und ich brauchte nicht allzu lange auf sie zu warten. In nicht ganz einem Jahre gebar Martha Zwillinge: zwei Töchter. Sie kamen in der Nacht zur Welt. Als ich vom Nebenzimmer, wo ich mit Tom saß, ihr erstes schwaches Weinen vernahm, sprang ich auf, von einer wahnsinnigen Freude erfaßt, aber in demselben Augenblick schnürte mir ein furchtbarer Schmerz das Herz zusammen und ich konnte nur mit Mühe die aufsteigenden Tränen zurückhalten. Tom schaute mich erstaunt an, ebenfalls den Stimmen lauschend, die aus dem anderen Zimmer herüberdrangen.
— Onkel (so nannte er mich stets), sagte er endlich, Onkel, was weint dort so? Etwa Mütterchen?
— Nein, Kind, nicht Mütterchen weint, das ... sind so kleine Kinder wie du, vielleicht noch kleiner.
Tom machte eine ernste Miene und begann nachzudenken.
— Und woher diese Kinder? Wozu diese Kinder? fragte er gespannt.
Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Er sah mich aufmerksam an.
— Onkel, und weshalb weinst du? fragte er plötzlich.
Ja, wahrhaftig, Tränen flossen mir aus den Augen. Weshalb weinte ich?
— Weil ich dumm bin! sagte ich auffahrend, mehr meinen Gedanken antwortend als ihm.
Das Kind schüttelte mit großer Würde den Kopf.
— Das ist nicht wahr! Ich weiß, Onkel, daß du nicht dumm bist. Mütterchen sagte nicht so. Mütterchen sagte, daß der Onkel gut ist, sehr gut, nur ... nur ...
— Nur was? Wie sagte dir Mütterchen?
— Ich habe vergessen ...
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle stand Peter. Er war blaß und sichtlich erschüttert. Er lächelte mir bitter zu, aber ehrlich, zum erstenmal seit einem Jahr, und sagte:
— Zwei Töchter ...
Und dann:
— Jan, Martha will, daß du ihr Tom bringst.
Ich ging mit Tom in das Zimmer. Als sie den Sohn erblickte, streckte sie beide Hände nach ihm aus.
— Tom, komm und sieh! Du hast zwei Schwesterchen, zwei auf einmal! Das ist für dich! Du wirst mir verzeihen, Tom, nicht wahr? Du wirst verzeihen ... Aber das ist für dich, nur für dich, mein Liebster, einziger, geliebter Sohn! Sie sagte das mit abgebrochener Stimme, das Kind an ihre Brust drückend.
Tom dachte nach.
— Mütterchen, was werde ich mit diesen Schwesterchen tun?
— Was du willst, mein Kleiner; du wirst sie schlagen, lieben, kratzen, küssen, alles, was du willst, und sie werden dir gehorchen und für dich arbeiten, wenn sie groß sind, hörst du?
— Martha, was sprichst du? schrie Peter. Martha, das sind meine Kinder!
Sie sah ihn kühl an:
— Ich weiß es, Peter, das sind deine Kinder ...
Peter machte eine Bewegung, als wenn er sich auf sie stürzen wollte, aber er hielt sich zurück und sich ihrem Lager nähernd, sagte er so sanft er konnte:
— Das sind unsere Kinder, Martha. Hast du für mich kein Wort? Nichts? ...
— O ja. Ich danke dir.
Darauf begann sie wieder das helle Köpfchen des Sohnes zu streicheln und leidenschaftlich zu küssen:
— Mein Tom, mein liebstes, geliebtes, goldenes Söhnchen ...
Peter stürmte wie wahnsinnig aus dem Zimmer und mir wurde es schwül und bange. Es war etwas Ungeheures in dieser ausschließlichen Liebe der Mutter.
Die Geburt dieser zwei Mädchen, Lilli und Rosa, änderte nicht viel in unserm Leben, ganz gegen unsere Erwartungen. Die Beziehungen Marthas und Peters blieben immer dieselben. Ich fühlte seit langem alles mit Martha; aber jetzt begann ich auch ein tiefes Mitleid für Peter zu empfinden. Er wurde stumm und finster. In jedem seiner Worte, in jeder seiner Bewegungen lag eine tödliche Ermüdung und Niedergedrücktheit. Einige Jahre jünger als ich, ging er gebückt, und sein Haar begann zu ergrauen. Die eingefallenen Augen flammten in einem ungesunden Glanz. Niemals hätte ich gedacht, daß ein Jahr des Lebens diesen unverbrauchten Organismus, der siegreich und kraftvoll am besten von uns allen die unerhörten Mühen der Reise durch die Wüste überstanden hatte, brechen könne. Der Grund war schließlich Martha, und doch konnte ich ihr keine Schuld geben ... Sie liebte nur diesen einen, der gestorben war; außer für ihn und für ihren Sohn gab es keinen Raum mehr in ihrem Herzen — das war das ganze Unglück.
Es schien mir sogar, daß sie die Töchter nicht liebte. Sie kümmerte sich zwar fürsorglich um sie, aber es war ersichtlich, daß sie dies nur mit dem Gedanken an Tom tat. Sie hatten für sie nur die Bedeutung wertvoller Spielzeuge für den Sohn, die man nicht beschädigen darf, seltener Tiere, die der Aufmerksamkeit und Pflege bedürfen, weil ihr Verlust kostspielig wäre. Sogar die Art, wie sie von den Töchtern sprach, bewies das, denn sie sagte stets: Toms Mädchen. Peter sah es ratlos mit an und wurde noch finsterer.
Jedesfalls bedurften diese Kinder vieler Sorgfalt und nahmen, vor allem in den ersten Monaten, Marthas ganze Zeit in Anspruch; auf diese Weise war Tom meist unter meiner Obhut. Ich hatte also einen Kameraden. Das Kind war sehr verständig und über sein Alter entwickelt. Er frug mich über alle möglichen Dinge aus und sprach mit mir wie ein Erwachsener. In kurzer Zeit hatte ich mich so an ihn gewöhnt, daß es mir unmöglich war, ohne seine Gesellschaft zu sein. Während meiner einsamen Mondtage war ich unaufhörlich herumgewandert; jetzt nahm ich auf alle, sogar die weiten Ausflüge Tom mit mir. Martha vertraute ihn mir auch gern an, denn sie wußte, daß er bei mir gut aufgehoben war, besser sogar wie zu Hause, da ihn der Stiefvater nicht leiden konnte.
Ich erbaute einen Wagen und lehrte sechs starken Hunden im Gespann zu gehen. In Anbetracht unserer Leichtigkeit auf dem Mond genügte uns dieses Gespann vollständig, bequem und schnell von einem Ort zum andern fahren zu können. Manchmal machten wir weitere Ausflüge, die zwei und mehr Mondtage dauerten. Dann nahm ich, mit Rücksicht auf die kalten Nächte, einen dicht verschlossenen, von einem Elektromotor getriebenen und heizbaren Wagen mit, den ich aus unserem alten Projektil hergestellt hatte, indem ich es bedeutend verkleinerte. Im Innern war außer für Tom und mich noch für zwei Hunde Platz, ebenso für reichliche Nahrungsvorräte und Brennmaterial.
Auf diese Art bereisten wir fast den ganzen nördlichen Strand des Mittelmeeres auf dem Monde und kamen nach Osten und Westen, und zwar so weit, bis uns die schon dünner werdende Luft an den Grenzen der Wüste zur Rückkehr zwang. Der am meisten nach Westen herausgerückte Punkt, wohin wir gelangten, war das Mare Humboltianum, eine Ebene, die ungefähr unter derselben Mondbreite gelegen wie das Mare Frigoris, manchmal von der Erde, während günstiger Librationen des Mondes, sichtbar ist wie ein kleines dunkles Wölkchen auf dem rechten Segment des oberen Teiles der silbernen Scheibe.
Und wir erblickten von dort aus die Erde, die über dem Horizont emportauchte. Ich habe mich eine ganze lange, zweiwöchige Nacht daselbst aufgehalten, um mich an dem Anblick dieser seit langem nicht gesehenen, seit länger noch verlorenen heimatlichen Welt zu laben.
Bei Sonnenaufgang stand die Erde in ihrer ganzen Fülle (wir befanden uns nämlich auf dem neunzigsten Meridian, der die Westgrenze der sichtbaren Halbkugel des Mondes bildet) vor uns! Als ich diese glühende, etwas gerötete Scheibe bemerkte und die über sie gleitenden hellen Linien Europas erkannte, packte mich eine unbezwingliche, heiße Sehnsucht nach diesem Globus, der am Himmel leuchtete. Es schien mir, daß ich, hinausgetrieben aus dem Paradies, nach einer langen, langen Wanderung für eine Sekunde seinen goldenen Schein erblickte, und ich streckte mit einer unverständigen beinah kindlichen, aber nicht zurückzuhaltenden Bewegung die Hände nach ihm aus: Noch einmal dorthin zu gelangen, wenn auch ... nach dem Tode. In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die Erde, so wie ich sie zum letztenmal im Polarlande gesehen hatte: schwarz, tot, auf dem Hintergrunde eines blutigen Brandes, und eine unbeschreibliche Traurigkeit kam über mich.
Aller Jammer, alles Unglück und Elend, alle wilden Leidenschaften, die dort seit ewigen Zeiten das menschliche Geschlecht vernichten, ja sogar der allbezwingende, unerbittliche Tod, sind uns hierher gefolgt auf diesen Globus, der bis jetzt still und ruhig in seiner Starrheit thronte. Überall lebt der Mensch in Qual und Schmerzen, denn überallhin trägt er in sich selbst den Keim des Unglücks.
Tom weckte mich aus meinem finsteren Grübeln. Er stand neben mir, eben aus einem langen Schlaf erwacht, und schaute auf das ihm unbekannte leuchtende Rund am Himmel.
— Onkel, was ist denn das? fragte er endlich, mit dem Händchen nach oben deutend.
— Du weißt doch, das ist die Erde, ich sagte dir öfter, daß ich dich hierherführen würde, um sie dir zu zeigen. Übrigens sahst du sie ja bereits, als wir hergekommen sind, erinnerst du dich nicht?
— Nein, nein, ich habe diese Erde nicht gesehen; die andere war anders, auf der einen Seite zackig und diese ist rund.
— Das ist dieselbe Erde, Kind. Tom dachte eine Weile nach.
— Onkel ...
— Was?
— Ich weiß es schon, sie ist wahrscheinlich gewachsen oder hat sich morgens entrollt wie diese großen Blätter.
Ich bemühte mich, ihm so gut ich konnte die Ursache der Veränderung der Erde zu erklären. Er hörte zerstreut zu und verstand scheinbar nicht, was ich sagte.
Endlich unterbrach er mich mit der Frage:
— Onkel, und was ist das, diese Erde?
Ich erzählte ihm dann, wohl zum hundertstenmal, daß dort Meere sind, Berge und Länder und Flüsse wie auf dem Monde, nur weit größer und schöner; daß es dort viele Häuser gibt, nebeneinanderstehend, die man Städte nennt und in diesen Städten viele, viele, unzählige Menschen wohnen und kleine Kinder. Ich erzählte, daß wir von dort auf den Mond gekommen sind: ich und die Mutter und Peter und sein Vater, der nicht mehr lebt, und sogar die beiden alten Hunde, Wotan und Leda, mit denen er so gerne spielt.
Als ich geendet hatte, machte Tom, der der Erzählung mit großem Interesse zuhörte, ein schlaues Gesicht und sagte, meinen Bart streichelnd:
— Das weiß ich schon alles, aber jetzt, Onkel, mach’ bitte keinen Spaß, sondern sage ganz vernünftig, was ist das, diese Erde?
Beide Hunde standen neben uns, und die Köpfe zur Seite biegend, schauten sie ebenfalls neugierig auf die am Himmel leuchtende Scheibe.
Einige Stunden nach Sonnenaufgang traten wir die Rückfahrt an. Die Erde, durch den Tagesglanz verblaßt, schien hinter uns nur noch wie eine aschgraue, kreisförmige Wolke, die über dem Horizont sichtbar war.
Ein anderes Mal machten wir einen weiten Ausflug nach Süden. Der Strand des Meeres, der sich in gebrochener Linie erstreckt, ungefähr zwischen dem fünfzigsten und sechzigsten Parallelkreis, weicht in der Gegend des 140.° östlicher Mondbreite gegen den Äquator zurück, eine mehrere Kilometer breite Halbinsel bildend und vielleicht auch eine Meerenge, die sich mit den Ländern der südlichen Halbkugel vereinigt. Ich wollte mich darüber orientieren und auf jener Halbkugel vordringen, aber dies gelang mir nur bis zum dreißigsten Parallelkreis. Weiter nach Süden zu war das Klima unmöglich zu ertragen. Die Nächte waren trotz der Nähe der Meere so kalt, daß sie mich an die Fröste erinnerten, die auf der luftlosen Halbkugel herrschten, und während der furchtbaren Glut des Tages hörten die ungeheuren Orkane fast gar nicht auf. Der Boden war felsig, vulkanisch und ganz kahl. Keine Pflanze, kein Leben, nichts — nur eine tote Wüste zwischen zwei feindlichen Meeren, aus denen die scharfen Spitzen vulkanischer Inseln herausragten, die nicht selten durch eine Rauchwolke oder eine blutige Feuersbrunst verhüllt waren. Öfter während dieses Ausfluges bedauerte ich schon, daß ich Tom mit mir genommen hatte, weil ich fürchtete, wir würden beide ums Leben kommen. Da wir der steilen Berge wegen in der Mitte jenes Landstreifens nicht vorwärtskamen, hielten wir uns an dem östlichen Strand, wo sich zu Füßen wilder und phantastischer Felsen eine etliche hundert Meter breite Ebene erstreckte. Es war schon gegen Mittag, und das Meer durch die Flut, die von der Anziehungskraft der hier sehr kräftigen Sonne hervorgerufen ist, so gestiegen, daß seine Oberfläche fast die Oberfläche des Strandes erreichte. Da ich eine Überschwemmung des Weges, den wir passierten, befürchtete, sah ich mich nach einem Ausgang zum Abhang der Felsen um, als sich ein Gewitter erhob, dem ein Orkan von Osten her vorausging. Die mächtigen Wogen ergossen sich über den Strand; eine davon traf unseren Wagen und warf ihn zurück, dicht an eine vorspringende Felsenecke. Es war keine Zeit zu verlieren. Ich befestigte den Wagen mit einer Kette an dem Felsen, und nachdem ich ihn von außen dicht geschlossen hatte begann ich, Tom auf die Schultern nehmend, den Vorsprung zu erklettern. Ich habe im ganzen Leben keine derartige Todesangst ausgestanden wie damals. Mit den Füßen und einer Hand hielt ich mich an dem verwitterten Felsen, mit der andern Hand hatte ich den Knaben gefaßt, der vor Entsetzen zitterte; unter mir das tobende, schäumende Meer und über mir eine Wolke, aus der sich die Donner entluden und strömender Regen herabstürzte. Zum Glück schützte mich der Felsvorsprung vor dem Orkan, sonst wäre ich unzweifelhaft mit den Steinblöcken, die, durch den Sturm vom Gipfel losgerissen, wie Hagel um meinen Kopf sausten, in die Tiefe geschleudert worden. Diese furchtbare Situation machte die Angst um den Wagen, der unten zurückgeblieben war, noch qualvoller. Wenn die Wellen die Kette losrissen und den Wagen davontrieben oder ihn an den Felsen zerschmettern, ja, wenn sie nur den Motor beschädigten, wären wir unrettbar dem Tode verfallen, da wir zu Fuß, ohne Lebensmittelvorräte, ohne Schutz vor der Kälte, unmöglich nach Hause gelangen konnten. Als ich die Stelle erreicht hatte, wo ich Tom unter einen Felsen setzen, zudecken und so festbinden konnte, daß er vor dem Sturme in Sicherheit war, kletterte ich sofort in die Tiefe zurück, um den Wagen besser zu befestigen. Nach vielen Mühen glückte es mir endlich, ihn in eine Kluft zu bringen, wo er vor den Wellen geschützt war.
Wieder bei Tom angelangt, saß ich einige Stunden mit ihm, das Ende des Gewitters abwartend. Das verängstigte Kind schmiegte sich an mich und frug weinend, warum wir hierhergekommen seien. Ich konnte ihm nicht antworten, weshalb wir hierherkamen, wie ich mir schon seit langem die Frage selbst nicht mehr beantworten kann, weshalb wir auf den Mond gekommen sind ...
Durch die Erfahrung betreffs der Rückkehr vorsichtiger geworden, wählte ich einen Weg, der hoch über dem Meeresspiegel führte.
Übrigens war dies der einzige Zwischenfall, durch den uns während der Reise eine ernste Gefahr drohte. Alle andern Ausflüge legten wir ohne Abenteuer in froher Stimmung zurück.
Wir hatten auch ein großes, starkes Boot. Den zweiten Elektromotor, der sich einst im Besitz der unglücklichen Remogners befand, haben Peter und ich ausgebessert und in der Schaluppe angebracht, zur Bedienung der treibenden Schraube. Die Schaluppe benützten wir zu Fischereiexpeditionen; auch fuhr ich öfter darin mit Tom des Vormittags oder in der Abendzeit aufs hohe Meer hinaus.
Während einem dieser Ausflüge entdeckte ich eine Insel, die in jeder Beziehung beachtenswert war. Schon von weitem erstaunte ich über ihre Gestalt ...
Alle Inseln, die ich bis jetzt kennen gelernt hatte, waren entweder durch Vulkane an die Oberfläche des Meeres gehoben, oder die Gipfel vom Wasser überfluteter Ringberge. Diese Insel dagegen machte auf mich sofort den Eindruck des Überrestes eines vom Meere verschlungenen Landes. Sie war groß und ziemlich flach, lediglich im Südwesten erhob sich eine niedere Bergkette, die seit uralten Zeiten von Regen und Sturm zerbröckelt schien. Ihre Ufer waren steil und scheinbar durch die Brandung zerfressen, denn das Meer war in einem großen Umkreis so flach und mit Sandbänken angefüllt, daß es uns schwer fiel, mit der nicht tiefgehenden Schaluppe zu landen.
Und wie viel Interessantes bot dieses neu entdeckte Stückchen Boden, das den uns bekannten Mondgegenden so gänzlich unähnlich war. Vor allem nahm uns die vollständig verschiedene Flora wunder. Weniger üppig wie anderswo, unterschied sie sich durch eine unendlich größere Verschiedenheit der Gattungen. Auf diesen paar Quadratkilometern Erde traf ich kaum mehr als drei oder vier Stauden an, die mir bereits bekannt waren, aber dafür eine Menge Pflanzen, die sonst an keiner anderen Stelle vorkamen. Alle waren seltsam traurig und degeneriert. Sie machten den Eindruck von Resten eines ausgestorbenen, überall ausgestoßenen Geschlechts, das hier noch, wie durch ein Wunder erhalten, existierte und von der Art des Lebens auf dem Monde vor alten, grauen Zeiten Kunde gab, als hier, wo jetzt das Meer wogt, Länder waren und das Wasser andere Gegenden überflutete. Dasselbe dachte ich, als ich die Tiere erblickte, die auf dieser seltsamen Insel hausten. Es waren nicht viel, und sie unterschieden sich ebenfalls von den mir bisher bekannten. Es lag etwas Greisenhaftes und Trauriges in ihrem Aussehen und Verhalten. Als ich mich näherte, krochen diese gebrechlichen, degenerierten Ungeheuer aus ihren Schlupfwinkeln heraus und schauten mich verständig und prüfend, aber ohne jedwede Furcht an. Erst der Hund, den ich mit mir genommen hatte, jagte ihnen Angst ein; sie ergriffen die Flucht vor ihm und stießen halb zornige, halb traurige Zischlaute aus. Wie ich mich überzeugte, waren das die einzigen Laute, die sie von sich geben konnten.
Tom war wie immer mit mir. Er wunderte sich über alles und blieb fortwährend stehen, mit einem farbigen Stein oder einer Muschel beschäftigt oder eine duftende Pflanze betrachtend, die durch die Stellung der Blätter an irdische Blumen erinnerte. Ich hatte mich gerade einige Schritte von ihm entfernt, als ich sein Rufen vernahm:
— Onkel, Onkel, komm her und sieh, was für schöne Stöcke!
Ich kehrte um und fand den Knaben auf der Erde sitzend, von einer Unmenge weißer dünner langer Knochen umgeben. Ich prüfte sie näher und wußte auf dem Monde kein Tier, von dem sie herrühren konnten.
Nach längerer Untersuchung bemerkte ich zwischen diesen Knochen einen merkwürdigen Gegenstand: es war ein Stück dicken, auf der einen Seite stark gebogenen Kupferblechs, das seiner Form nach an ein breites Messer erinnerte. Das Herz schlug mir heftig: wenn ich mich nicht irrte, wenn dies wirklich ein künstlich gefertigtes Instrument war, so hatten auf dem Monde einst verständige Wesen gelebt.
Ich erinnerte mich an jene Stadt der Toten, die einst auf dem Mare Imbrium vor uns auftauchte und die so denkwürdig war durch den entsetzlichen Vorfall, der den Tod Woodbells verursachte. Wir hatten damals jene Felsen, die Ruinen so täuschend ähnlich sahen, nicht näher betrachten können, und wunderbar, jetzt fand ich abermals etwas, das für die Existenz vernünftiger Geschöpfe hier lange, lange vor unserer Ankunft zu sprechen schien.
Ich besichtigte die Insel weit und breit, stieg in verschiedene zu Füßen der Bergkette liegende Grotten, fand aber nichts, was mich hätte von der Richtigkeit meiner Vermutungen überzeugen können. Zwar schien es mir, daß ich hier oder dort, in dieser oder jener Grotte Spuren einer zweckmäßig gefertigten Arbeit erkannte. Am Ufer des kleinen Teiches sah ich zwei, drei Stück versteinerter Wurzeln, die gewissermaßen Einschnitte hatten, und der Damm, der den Bach verhinderte sich in den Teich zu ergießen, schien mir künstlich erbaut zu sein. In einer anderen Richtung wieder lagen Steine aufeinander, wie der Überrest einer zertrümmerten Mauer; aber das alles konnte ebenso das Werk des Zufalls sein oder nicht verständiger, aber schlauer Tiere. Auf der Erde erheben doch zum Beispiel die Biber die interessantesten Bauten.
Ich konnte also dieses wichtige Rätsel nicht lösen, aber die vorgenommenen Untersuchungen bestärkten meine Vermutungen, daß diese Insel das Überbleibsel eines größeren, im Meere verschwundenen Stück Landes sei, und gaben ein annäherndes Bild von der Mondwelt und des sich auf ihr entwickelnden Lebens in grauen Zeiten, die der gegenwärtigen Epoche vorausgingen.
Ich nannte dieses Land die Friedhofinsel. Gern und oft kam ich hierher, um von den Berggipfeln auf das sich rings erstreckende, von der Sonne golden gefärbte Meer zu schauen, in dessen Fluten wahrscheinlich der Rest dieses Landes versank und ein wer weiß wie seltsames und reiches Leben.
Vor mir am Horizont leuchteten die Gipfel entfernter Vulkane, über denen der finstere, fast unaufhörlich mit einer Feuersbrunst umlohte, mächtige Otamor thronte. Das Meer schäumte, seine Wogen zu der am Himmel träge wandelnden Sonne emporschleudernd, und ich, von seinem dumpfen Brausen, das etwas vom Rauschen dahingegangener Äonen, etwas von der geheimnisvollen Stimme der menschlichen Seele an sich hatte, in Halbschlaf gewiegt, träumte, was wohl an diesem Globus vorübergezogen sein mag, vielleicht ohne denkende Zeugen und unwiederbringlich.
Wann hat hier das Leben begonnen? Vielleicht kühlte sich damals die Erde, in dem frostigen Weltenraum hängend, erst auf der Oberfläche ab, und die Sonne ging, infolge der schnelleren Drehbewegung des Mondklumpens, die im Laufe der Zeiten langsamer wurde, rascher über diese Länder und Meere, dem üppig erwachenden Leben kurze Tage und Nächte schenkend, die schnell aufeinander folgten, ohne Frost und ohne unerträgliche Gluten. Damals stand auch die Sonne nicht über der furchtbaren Wüste des Todes, sondern kreiste am Mondhimmel, auf- und untergehend ... Damals gab es vielleicht noch keine luft- und wasserlose Ebene.
Es konnten doch lange, unerhört lange Zeiten der Starre auf dieser Halbkugel, die, sich einmal dauernd zur Erde wendend, die Luft verlor und mit ihr das Wasser, so weit alle Spur des früheren Lebens verwischen, daß es heute scheint, als wenn sie eine Wüste gewesen wäre seit Anfang der Welt. Tomas hat das einst angenommen.
Ich schloß die Augen und stellte mir vor, daß ich in dem unaufhörlichen eintönigen Brausen die Stimmen jenes ursprünglichen Lebens vernehme. Wälder von hohen mächtigen Bäumen, die sich vor dem Froste der langen Nacht, die noch nicht existierte, nicht zu neigen brauchen, rauschen, ihre Wipfel im Winde wiegend; in ihrem Dickicht leben Tiere, kräftig, riesenhaft, die Vorfahren der heute auf dieser Welt degenerierten Nachkömmlinge; zwischen den Ästen schlagen die Flügel fliegender Eidechsen ... Es ist Abend, und der Wind legt sich, und dort über den Nebeln der feuerspeienden Berge erhebt sich das blutigrote helle Rund der Erde.
Und wer weiß, wer weiß, ob nicht auf dieses aufgehende Licht von den Mauern herrlicher Städte, von schlanken Türmen herab verständige Augen schauten? Ob sich nicht Hände diesem Lichte entgegenstreckten, um den silbernen Schutzengel, der die langen Nächte erleuchtet, zu grüßen?
Wer weiß, ob man nicht hier auf dem Monde einst vermutete, daß auf diesem mächtigen Globus, der zwischen den Himmeln hing, ebenfalls denkende Wesen sind, ob man nicht erriet, wie sie leben und aussehen?
Und unwillkürlich nahm meine Vorstellung eine andere Richtung; sie riß sich vom Monde los wie ein aus dem Käfig flatternder Vogel und eilte weiter, Hunderttausende Kilometer im Weltenraum, dorthin zu jener Erde, die mir die Sehnsucht so göttlich schön gestaltete und so zauberisch malte, wie die untergehende Sonne die schneeigen Gipfel der Berge.
Tom unterbrach gewöhnlich diese Träume auf der Friedhofinsel; das lange Schweigen machte ihn ungeduldig.
Dann kehrten wir nach Hause zurück, wo die Mutter den Kleinen sehnsüchtig erwartete.
Hier gehörte Tom nicht mehr mir. Die Mutter nahm ihn zärtlich in ihre Arme, und wenn die leidenschaftlichen Umarmungen und Küsse beendet waren, setzte sie sich mit ihm auf die Schwelle und begann ihre sich stets wiederholende Erzählung von dem jungen, schönen und guten Engländer, seinem Vater, dem sie auf den Mond gefolgt war, und der unter dem Sande der großen, stillen Mondwüste schlummerte. Eigentlich erzählte sie das mehr sich selbst als dem Sohne, und ihre heißen Tränen flossen auf das helle Köpfchen des Kindes.
Peter grübelte gebrochen und niedergedrückt im Hause über etwas nach oder ging nach den Mädchen zu sehen.
Meiner bedurfte niemand, und so zog ich mich zurück, um in der Einsamkeit zu träumen oder mich mit irgendeiner Arbeit zu beschäftigen.
Die Stunden zogen dahin, die Sonne ging auf und unter, die Erdenjahre schwanden, mühsam an den Mondtagen gezählt; Tom wurde größer und die Mädchen liefen schon hinter ihm her auf den Wiesen, aber für mich hat sich nichts geändert.
Nach alter Gewohnheit zog ich allein im wüsten Lande umher, verbrachte lange Stunden auf der Friedhofinsel, und wenn ich nach Hause kam, blickte ich auf Martha, die immer gleich traurig und schweigsam war, und auf Peter, der einem Gespenst mehr glich als einem lebenden Menschen ...
Und nur die Sehnsucht nach der Erde lebte allgewaltig in meinem Herzen und wuchs mit den Jahren, bis sie schließlich eine furchtbare, unerträgliche, mich zu Boden drückende Last wurde. Um mich vor ihr zu schützen, dachte ich an das neue Geschlecht, unternahm große Wanderungen, ergriff fieberhaft die Arbeit, aber in den Augenblicken der Unterbrechung, wenn ich müde und erschöpft niedersank, kehrte sie wieder — sieghaft, unabwendbar, grausam, zeigte mir die blassen Züge meiner Kameraden hier und gaukelte mir Träume vor von jenen dort, die ich auf ewig verlassen hatte ...
V.
Dort, wo es Jahre gibt, die der Wechsel der Jahreszeiten anzeigt und der Lauf der Sonne, deren Bahn sich hebt oder senkt am blauen Himmelsbogen, dort auf der Erde, näherte sich schon das siebente Jahr seinem Ende, seit unserer Ankunft auf dem Monde, als Martha zum drittenmal Mutter werden sollte. Sie erwartete die Geburt des Kindes mit Ungeduld, denn sie hoffte, daß es ein Sohn sein werde, den sie von vornherein Tom zum Begleiter versprach. Als die Zeit ihrer Niederkunft nach langer Unterbrechung heranrückte, sagte sie zu uns:
— Jetzt erst werde ich ruhig sein, wenn ich Tom endlich einen Diener und Sklaven gebe ...
Sie sagte das scheinbar gleichgültig, als wenn sie eine ganz natürliche Sache erwähnte, aber ich hatte das Gefühl, aus ihrem Ton noch etwas Unausgesprochenes herauszuhören ...
Es war wie der Schrei eines schwer erkauften Triumphes, wie das Stöhnen eines Arbeiters, der eine freiwillig aufgenommene Last von seinen Schultern wirft, von Ekel, aber auch von Freude erfüllt, daß er sie getragen hat, wie er beabsichtigte, und nicht unter ihrer Last zusammenbrach, sie auch nicht abwarf vor dem gesteckten Ziel.
Peter war vollständig gebrochen und in Marthas Grausamkeit ergeben. Sie verwundete ihn mit jedem Worte, mit jedem Blick, mit allem, was sie tat und sagte und dabei so unmerklich und so unerbittlich, als wenn es unbewußt geschähe und ein fataler, ungewollter Zufall sei. Aber damals, nach diesen Worten, schaute er sie mit erloschenem Blick an und lächelte verächtlich und dann streckte er die Hand nach Tom aus. Er faßte den Knaben bei der Schulter, und ihn zu sich heranziehend, blickte er ihn lange durchdringend an. Tom war geistig sehr entwickelt, aber für sein Alter auffallend schmächtig. Der Stiefvater schob den breiten Ärmel der Bluse des Kindes zurück und entblößte seine zarte Schulter, schlug leicht mit der Hand auf die schmalen Achseln, betastete die Hüften und Knie, klopfte auf die Brust, lächelte wieder höhnisch, und die Hand auf den Kopf des verängstigten Knaben legend, zischte er, Martha anstarrend, jedes Wort betonend, durch die Zähne:
— Ja ... Tom ist stark genug, um den Mädchen zu befehlen, aber sein Bruder kann stärker sein.
Martha erblaßte und schaute unruhig auf den Knaben. Aber ihre Besorgnis dauerte nicht lange. In den glänzenden Augen des Kindes las sie scheinbar das, was zu allen Zeiten in den Augen der Schöpfer einer neuen Ordnung geschrieben stand, denn sie lächelte nur und antwortete kurz:
— Tom wird stärker sein, wenn auch der andere größer sein sollte.
In der Tat verriet Tom schon damals, als kleiner sechsjähriger Knabe, ungewöhnlichen Scharfsinn und bewundernswerte Energie. Er entwickelte sich schnell und auf eine seltsame Art; in gewisser Beziehung ganz anders, wie sich für gewöhnlich das Gemüt der Kinder dort auf der Erde entwickelt. Beizeiten lernte er Selbständigkeit und hatte einen so ausgeprägt praktischen Sinn, daß wir manchmal staunten. Es war keine Spur einer kindlichen Schwärmerei an ihm zu entdecken; Tom war nüchtern, so entsetzlich nüchtern, daß es mir manchmal weh tat, wenn ich auf dieses helle Haupt des Kindes schaute, in dem die Gedanken, von keinerlei Träumereien getrübt, so ruhig und klar dahinflossen wie unter dem kahlen Schädel eines Greises. Der Knabe hatte trotz alledem viel Herz: er liebte die Mutter zärtlich und hing sehr an mir; nur Peter konnte er nicht leiden. Stets sicher und selbstbewußt, wie sein Vater, war er in Peters Gegenwart verängstigt und verwirrt. Übrigens weiß ich es nicht einmal, ob ich die Ausdrücke recht gewählt habe, um zu beschreiben, was in der Seele des Kindes in Gegenwart des Stiefvaters vorgehen mußte. Tom schwieg alsdann stets so hartnäckig, daß es schien, als wenn er lieber alle Qualen ausstehen würde als die Lippen öffnen. Nur die Augen irrten unruhig umher. In seinem Benehmen war Angst, aber auch Trotz, Verbissenheit, Haß und Widerwille lagen darin. Peter fühlte und sah das, und es schien mir, daß er schon damals dieses seltsame Kind fürchtete.
Martha hatte recht: Tom war keiner von denen, die zum Gehorchen geschaffen sind. Es war zu viel des entschiedenen, weltumfassenden Geistes der Engländer in ihm und zu viel flammendes Blut der stolzen Radschas aus Travancore.
Daher bin ich auch überzeugt, daß, wenn er einen Bruder bekommen sollte, der größer und stärker ist als er, dieser genau so hinter ihm herlaufen und ebenso demütig in seine Augen schauen würde, wie die beiden kleinen Schwestern Lilli und Rosa.
Aber Tom wurde kein Bruder geboren; es kam ein drittes Mädchen zur Welt, das wir Ada tauften.
Martha begrüßte ohne Freude und Rührung die Geburt dieses Kindes.
— Tom, sagte sie einige Stunden später, als wir auf ihren Wunsch den Knaben an das Lager gebracht hatten, Tom, du wirst keinen Bruder mehr haben, aber du hast dafür drei Schwestern. Sie müssen dir genügen als Ehefrauen, als Kameraden, als Dienerinnen ...
Tom fragte nicht mehr, wie bei der Geburt der ersten Mädchen, was er mit der neuen Schwester tun solle, sondern schaute sich nach Lilli und Rosa um, die sich in einer Ecke bei der Hand hielten und an dem Knaben wie gewöhnlich mit Augen voller Liebe und Bewunderung hingen; er berührte leise mit den Fingern das kleine aus Leibeskräften schreiende Geschöpf und sagte, ernst mit dem Kopfe nickend:
— Sie werden genügen, Mütterchen, sie werden genügen ...
— Tom, sagte ich darauf, durch Marthas Worte und das Benehmen des Kindes unangenehm berührt, du mußt gut zu ihnen sein.
— Weshalb? fragte er naiv.
— Damit sie dich lieb haben, antwortete ich.
— Sie lieben mich auch so ...
— Ja, wir lieben Tom sehr! riefen die beiden Mädchen fast einstimmig.
— Siehst du, Tom, sagte ich, sie sind besser als du, denn sie lieben dich, obwohl du es nicht immer verdienst. Aber diese Kleine könnte dich vielleicht auch nicht lieben ..
Tom antwortete nichts; ich bemerkte, daß er voller Mißmut auf das Neugeborene schaute und die zarten Augenbrauen zusammenzog.
Schließlich ist es ganz gut, daß Tom kein Bruder geboren wurde, er wäre sein Sklave oder — sein Feind geworden.
Ich verließ das Zimmer und dachte lange über die furchtbare Ironie des menschlichen Daseins nach, die uns von der Erde auf den Mond nachfolgte. Zu O’Tamor eilten meine Gedanken. Edler Träumer! Wie er es sich so schön vorstellte, daß hier auf dem Monde aus den Kindern Marthas und Tomas’, die vor dem schlechten Einfluß der irdischen „Zivilisation“ bewahrt blieben, ein neues, ideales Geschlecht erblühen würde, dem alles fremd und unbekannt wäre, was die ewige Ursache des menschlichen Unglücks auf der Erde ist! Ich blicke auf diese Kinder und denke mir, daß der kluge, edle O’Tamor nur eines vergessen hat, nämlich daß die Nachkommenschaft des Menschen sich stets aus menschlichen Wesen zusammensetzen wird, die in ihrer Brust den Keim alles dessen tragen, was der Jammer der menschlichen Geschlechter geworden ist. Und ist es nicht die grausamste Ironie, daß der Mensch seine Feinde in sich selbst sogar bis auf die Sterne hinüberträgt, die am fernen Himmel über ihm leuchten?
Es ist gut, daß Tom keinen Bruder hat, wenigstens wird dadurch die Zeit der Bruderkämpfe und Feindseligkeiten hinausgerückt, und wir werden vielleicht indessen sterben und sie nicht mehr mit anzusehen brauchen ...
Und die Mädchen? ... Es scheint mir, daß sie dazu geschaffen sind, ihm zu gehorchen. Sie werden am Ende nicht einmal das ihnen zugefügte Unrecht verstehen, sondern glücklich sein, wenn ihr Bruder, Gatte und Herr sich ihnen gegenüber manchmal gnädig zeigt ... Bezüglich Lilli und Rosa bin ich dessen bereits sicher; Ada hingegen ist noch zu klein, sie ist jetzt nach irdischer Zeitrechnung kaum drei Jahre alt, um irgendwelche Vermutungen bezüglich ihrer zukünftigen Stellung zu dem Stiefbruder auszusprechen. Ich bemerke nur, daß sie ihn nicht so liebt wie die älteren. Tom ist ihr gegenüber ebenfalls sehr gleichgültig.
Die aufmerksame Beobachtung des Heranwachsens und der geistigen Entwicklung dieser vier Kinder bildet in der letzten Zeit meine einzige, wenn auch traurige Zerstreuung. In physischer Beziehung haben sie sich den Bedingungen der Mondwelt, die für uns von der Erde Gekommenen immer fremd und unerträglich sind, obwohl wir schon so viele Jahre hier leben, vortrefflich angepaßt. Etwas ungemein Schwieriges ist zum Beispiel für uns die Regulierung des Schlafes. Während des langen Tages müssen wir fast ebensoviel schlafen wie während der Nacht. Das bringt das Unangenehme mit sich, daß wir den dritten Teil der Zeit, während der die Sonne am Himmel steht, durch den Schlaf verlieren; das ist etwas Unnatürliches und infolgedessen wenig Erfrischendes. Und dafür sitzen wir zwei Drittel der Nacht schlaflos da, von der Kälte, der Dunkelheit und, was noch schlimmer ist, von der Langenweile gequält. Die Kinder, die hier geboren sind, schlafen am Tage sehr wenig, kaum eine, höchstens zwei Stunden in zwanzigstündigen Pausen, aber dafür schlafen sie fast die ganze Nacht mit kleinen Unterbrechungen. Einige Stunden nach Sonnenuntergang überkommt sie schon ein unbezwinglicher Schlaf. Wenn sie in der Nacht aufwachen, so ist das nur auf zwei, drei, höchstens vier Stunden, worauf sie wieder einschlafen, wie bei uns auf der Erde die Zieselmäuse oder Vögel bis zu der Zeit schlafen, da die erste zarte Dämmerung am Himmel das Herannahen des Tages verkündet.
Sie vertragen auch das hiesige Klima unvergleichlich besser als wir. Die Hitze schwächt sie nicht in dem Maße und ruft nicht die Erregung noch den Schlaf hervor wie bei uns.
Aber am meisten wundert es mich, daß die Kinder auch gegen die Kälte viel abgehärteter sind als wir älteren. Am Morgen, wenn es am kältesten ist, laufen sie, eben vom langen Schlafe erwacht, oft hinaus und entfernen sich, sogar ziemlich weit, während wir uns alsdann nur im äußersten Notfalle ins Freie wagen.
Der Anführer dieser morgendlichen Ausflüge ist immer Tom. Die beiden älteren Mädchen laufen ihm nach, ebenso wie der alte Wotan, anscheinend von derselben blinden Anhänglichkeit geleitet. Dieser Hund und diese Mädchen bilden den ständigen Hof Toms.
Ich glaubte anfänglich, daß die Kinder im Schnee spielen gehen, der früh nach Sonnenaufgang schmilzt, oder sich auf der Eisbahn am Strande des in der Nacht zugefrorenen Meeres unterhalten. Aber bald habe ich mich überzeugt, daß die kleine Schar unter der Führung Toms in aller Frühe — auf die Jagd geht! Seltsam, daß wir noch nicht auf diesen Einfall gekommen sind! Alle hiesigen Tiere graben sich zum Schutze vor der Kälte in die Erde ein und schlafen während der Nacht.
Tom hat dies mit Hilfe Wotans, der eine vorzügliche Witterung hat, herausbekommen. Er suchte unter dem Schnee die Schlupfwinkel der verschiedenartigsten kleinen Ungeheuer auf und schlug sie tot, bevor sie aufwachten. Das Fleisch der hiesigen Landtiere ist zwar, wie ich schon bemerkte, nicht zu genießen, aber dafür liefern ihre Häute uns schöne dauerhafte Pelze oder Hornmaterial, das dem Schildpatt sehr ähnlich ist. Das Jagen ist während des Tages oft schwierig, da die Tiere uns wie auch den sie verfolgenden Hunden gegenüber mißtrauisch geworden sind. Wie groß war daher mein Erstaunen, als Tom eines Morgens mehrere Häute brachte, unter denen einige frisch waren und der Rest sehr sorgsam gegerbt! Diese letzteren stammten von früheren Jagden. Der Junge sah, wie wir die von den toten Tieren gerissenen Häute mit scharfen Muscheln gereinigt und mit Salz, das sich in ziemlicher Menge am Meeresstrande befand, gegerbt haben, und machte das alles auf eigene Faust und nicht viel schlechter als wir!
Es fehlte ihm nicht an Scharfsinn. Acht Jahre alt, kannte er schon genau unsere Fabriken und verstand den Zweck und die Bedeutung jeder Einrichtung, die Brauchbarkeit eines jeden Instrumentes und Materials. Ich habe die Pflicht auf mich genommen, ihn zu unterrichten, aber für Bücher zeigte er keine besondere Lust. Es interessiert ihn alles, was einen praktischen Wert hat, um andere Dinge kümmert er sich sehr wenig. Ich wollte ihn die Geographie der Erde lehren, die Geschichte der dortigen Völker, ihn mit den seinem Verstande zugänglichen Meisterwerken großer Schriftsteller bekannt machen, aber ich bemerkte sehr bald, daß ihn das absolut nicht interessierte, so großes Interesse er auf anderen Gebieten zeigte. Zunächst brach ich den Unterricht nicht ab, denn ich glaubte, daß ich in ihm einen historischen und ästhetischen Sinn wecken könne; erst als er mich während einer derartigen Lehrstunde einmal ganz unvermittelt fragte:
— Onkel, warum erzählst du mir das alles? — gab ich die diesbezüglichen Bemühungen auf.
Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, denn in der Tat, wozu? ... Und er sagte weiter:
— Das alles, was du mir da erzählst, soll wahrscheinlich auf der Erde sein, die ich, wie ich mich erinnere, während eines Ausfluges gesehen habe, wie eine große leuchtende Kugel, und von der du, Onkel, hierhergekommen sein sollst, nicht wahr?
— Ja, das ist auf der Erde, von der ich gekommen bin, und von der überhaupt die Menschen stammen.
Der Knabe sah mich an, als wenn er zögerte zu sagen was er dachte, und endlich kam es mit etwas schüchterner Miene heraus:
— Aber ich weiß nicht, Onkel, ob das alles wahr ist.
Ich war betroffen von dieser Bemerkung, obwohl sie bei einem Kinde, dem man Dinge erzählt, die sich auf einem entfernten und nur einmal von ihm gesehenen Planeten abspielen, ganz natürlich ist.
— Hast du dich jemals überzeugt, daß ich die Unwahrheit spreche?
— Nein, nein, niemals! rief er lebhaft, worauf er etwas leiser hinzufügte:
— Aber jetzt kann ich mich nicht davon überzeugen, daß du die Wahrheit sprichst ...
Ich nahm eine Uhr aus der Tasche.
— Weißt du, was das ist? Eine Uhr ... Glaubst du, daß ich oder Peter oder deine Mutter ein solches Werk herstellen können? Du siehst auch Bücher, die wir nicht gedruckt, astronomische Instrumente, die nicht wir gebaut haben. Woher also sollte das alles stammen, wenn wir es nicht von der Erde mitgebracht hätten? Und wenn wir von der Erde hierhergekommen sind, so müssen wir doch wissen, wie es dort ist und aussieht.
Der Knabe dachte nach.
— Aber ich, nicht wahr, ich werde niemals auf die Erde kommen?
— Nein, du wirst niemals auf die Erde kommen.
— Weißt du was, Onkel, dann lehre mich lieber solche Bücher und Vergrößerungsgläser machen und erzähle mir nicht mehr davon, wie man da von einem Europa nach Amerika fährt, oder was dieser Alexander der Große gemacht hat und der andere, Napoleon ...
Ich mußte in meinem Innern zugeben, daß Tom recht hatte. Er war doch niemals und wird niemals dort sein, wozu soll ich ihm also erzählen, was mich nur deswegen angeht, weil ich auf der Erde geboren bin? Diese Belehrungen sind nutzlos für ihn; und wenn er oder seine Nachkommenschaft einmal etwas von der Erde erfahren wollen, von der vielleicht nur die unklare Kunde zu ihnen dringt, daß man sie, die Mutter des menschlichen Geschlechts, am Himmel leuchtend von den Grenzen der toten Wüste aus sehen kann, so werden diese Bücher, die wir mitgebracht haben, den zukünftigen Mondbewohnern märchenhafter erscheinen als den Erdenkindern die phantastischsten Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“.
Seitdem beschloß ich, Tom nur das beizubringen, was in seinem zukünftigen Leben auf dem Monde einen realen Wert für ihn hat. Dazu zeigte er auch eine ungewöhnliche Lust.
Er verschlang gierig alle Lehren, sobald er nur einsah, daß sie ihm von Nutzen sein könnten. So interessierte ihn zum Beispiel anfangs die Astronomie sehr wenig, aber er beschäftigte sich mit wahrem Feuereifer mit ihr, als ich ihm den ganzen praktischen Nutzen klar machte, den man aus der Messung des Höhenstandes der Sterne ziehen kann.
Ich bin überzeugt, daß, wenn wir die Bücher nicht mit hierhergebracht hätten, die nach uns bleiben, den kommenden Generationen die ideale Seite dieses kleinen Teiles der von der Erde überlieferten geistigen Arbeit des Menschen verloren ginge; denn durch die Vermittlung des unzweifelhaft befähigten, aber unerhört nüchternen Tom würde sie sicher nicht fortleben. Und doch denke ich immer und immer an dieses künftige Geschlecht. Es soll, dahin geht mein ganzes Sinnen und Trachten, nicht wild aufwachsen und dahinleben, sondern wissen, daß der menschliche Geist mächtig ist, daß er Großes und Schönes schafft und seinen Gott über den goldenen Sternen sucht! Daß er unaufhaltsam vorwärtsdringt und in glühendem Begehren nach Wahrheit und Schönheit strebt. Daß dieser Geist die stärkste Waffe in dem Lebenskampfe des Menschen mit der ihn umgebenden Natur ist, und sie ihn schätzen lernen und aus seiner Kraft Nutzen ziehen.
Ich lechze geradezu danach, dies alles Tom zu sagen, obwohl er leider so wenig Verständnis dafür hat; ich lechze danach, als wenn ich fürchtete, daß mir die Zeit dazu fehlen wird. Denn wenn ich sterbe, wenn wir alle sterben, wir Erdenmenschen, wird der Lehrer und Prophet des Mondvolkes nur mehr er sein und diese alten Bücher, die zugleich mit den Menschen von dem fernen Planeten auf diese Welt geschleudert wurden.
Als ich ihm einst sagte, er müsse fleißig sein und alles lernen, nicht nur das, was ihm gefällt, denn er würde in Zukunft der Erzieher des neuen Geschlechts sein, schaute er mich erstaunt an und fragte:
— Und du, Onkel, was wirst du dann tun? Du kannst doch alles ...
— Ich werde dann nicht mehr leben.
— Wer wird dich töten?
Tom verstand nicht, daß es einen natürlichen Tod gibt. Er sah die getöteten Tiere und tötete sie selbst, aber er sah noch nie ein sterbendes Wesen. Ich begann ihm dann die Notwendigkeit des Todes zu erklären. Er hörte mir aufmerksam zu, dann unterbrach er mich plötzlich, indem er rief:
— Also wird auch Peter sterben?
— Er wird sterben wie ich, wie deine Mutter, wie schließlich du selbst ...
Tom schüttelte den Kopf:
— Ich werde nicht sterben, denn ... was hätte ich davon?
Ich lachte unwillkürlich über diese kindliche Bemerkung und setzte ihm abermals auseinander, daß der Tod nicht von dem menschlichen Willen abhänge, aber Tom war nicht bei der Sache und dachte scheinbar an etwas anderes. Endlich sagte er mit gedämpfter Stimme und wie zögernd:
— Onkel, wenn Peter sterben muß, so soll er früher sterben wie du, zuerst von uns allen, er soll bald sterben. Er ist doch vollständig unnötig. Dann würdest du allein mit uns und der Mutter bleiben und es wäre uns allen wohl ...
Ich erklärte dem Knaben, daß er niemandem den Tod wünschen dürfe und um so weniger Peter, der doch der Vater seiner Schwestern Lilli und Rosa sei. Er schaute finster drein und seufzte, dann sagte er vorwurfsvoll:
— Onkel, warum bist du nicht der Vater meiner Schwestern? Du bist mir viel lieber als Peter und auch der Mutter ... Peter ist überflüssig.
Ich fühlte die verborgensten tiefsten Fasern meines Herzens erbeben, und gleichzeitig packte mich Entsetzen, denn das war ein Gedanke, der in letzter Zeit auch mir öfter durch den Kopf fuhr. Ich kann mich nicht anklagen. Ich hielt den einmal gefaßten Entschluß und harrte auf dem freiwillig gewählten und so unerhört lächerlichen Posten eines gutmütigen Lehrers fremder Kinder aus, aber was ich gekämpft, was ich gelitten habe, das kann ich heute nicht mehr mit Worten schildern.
Denn ich hatte doch diese Frau, die mir so teure und einzige auf dieser Welt, stets um mich, ich sah, daß sie unglücklich war und manchmal redete ich mir sogar ein, daß sie mit mir glücklicher wäre. Es gab Tage, wo ich, auf Peter blickend, den Griff des Revolvers in der Tasche preßte, und andere, da ich mir den Lauf vor die Zähne hielt, weil ich glaubte, es nicht länger ertragen zu können.
Aber ich habe es dennoch ertragen! Ich habe es ertragen, obwohl mir das Blut oft den Blick verschleierte und der Krampf meine Brust zusammenschnürte, ich habe es ertragen, trotzdem mich die Versuchungen, die mich im Schlaf und im Wachen folterten und verfolgten, dem Wahnsinn nahe brachten.
An jenem unvergeßlichen Tage, als wir das Los um Martha ziehen sollten, dachte ich, auf ihren Besitz verzichtend, daß ich mit der Zeit ruhiger würde und vergessen könnte; aber vergeblich gingen die Jahre dahin, vergeblich irrte ich fern von ihr in der Einsamkeit, vergeblich widmete ich mich der Erziehung Toms und dem Gedanken an das künftige Geschlecht: Sie ist mir stets ebenso teuer wie damals, dort im Polarlande, als ich nach langer, dank ihrer Pflege glücklich überstandener Krankheit, mit ihr auf den wonnigen, in Dämmerung gehüllten Wiesen wandelte, über gleichgültige und so bedeutungsvolle Dinge sprechend.
Meine Muskeln und Sehnen sind kräftig und rüstig, aber mein Geist beginnt zu altern, ich fühle es; die Sehnsucht nach der Erde lastet auf meiner Seele und eine immer größere Trauer greift um sich in meinem Innern: Ich sehe nicht nur durch Tränen, nein, ich denke auch nur noch durch Tränen! Nur diese Liebe in meinem Herzen will nicht älter und schwächer werden, im Gegenteil, sie wächst mit dem Alter, zugleich mit der mich immer mehr bedrückenden Sehnsucht. Ich weiß, daß ich lächerlich bin, und ich kann nicht einmal über mich lachen.
Manchmal versuche ich es, zu spötteln. Ich wiederhole mir brutal, daß ich Martha nur deswegen liebe, weil sie die einzige Frau auf dem Monde ist und nicht mir gehört; daß dieses erhabene Gefühl ein nur in dem Prisma des menschlichen Geistes gebrochener, grober tierischer Drang ist, und viele, viele ähnliche Dinge; aber nachdem ich mir das alles zum hundertstenmal gesagt habe, suchen meine Augen unwillkürlich Martha und ich fühle, daß ich mich freudig ans Kreuz schlagen ließe, wenn ich dadurch ein einziges heiteres Lächeln auf ihre Lippen zaubern könnte.
Fest eingewurzelt im Menschen, auch in der Wildnis, sogar auf einem anderen Globus, bleibt neben allerhand Instinkten auch das Gefühl des Rechts. Ich weiß nicht, ob das auf den Folgen der Erziehung oder auf einer angeborenen geistigen Organisation beruht, aber sicher ist, daß es in uns lebt und sich laut vernehmen läßt, sogar da, wo es niemanden gibt, der ihm sein Schweigen vorwerfen könnte.
Martha gehörte zu Peter. Ich war damit einverstanden gewesen, und dieser Gedanke, mag es sein wie es will, hielt mich von manchem zurück, was ich sonst vielleicht getan hätte. Ich bemühte mich, sie zu meiden, um meinen Verdacht vor mir selbst, daß ich mich ihr zu gefallen bemühte, zunichte zu machen. Übrigens suchte auch sie nicht meine Gesellschaft; ich bemerkte sogar, daß meine Gegenwart sie stets mit Unruhe erfüllte. Aber das alles hat sich seit der Geburt des jüngsten Mädchens geändert, da es nach dieser zum vollständigen Bruch zwischen Martha und Peter gekommen ist.
Zwei Mondtage nach der Geburt dieses Kindes, etwas vor Sonnenuntergang, saßen wir beisammen, was sehr selten vorkam, und schauten schweigend auf das weite Meer. Die untergehende Sonne vergoldete seine Fluten, die, leicht vom Winde bewegt, schon im Schatten der Felsen zu phosphoreszieren begannen. Der Schnee auf dem Gipfel des Otamor war vollständig blutig gefärbt, auf der schwarzen Rauchwolke, die über dem Krater hing, leuchteten ebenfalls dunkelrote Reflexe.
Martha unterbrach das Schweigen. Ohne ihre Stellung zu verändern, ohne uns die Blicke zuzuwenden, die irgendwo in weite Fernen starrten, begann sie zu sprechen, scheinbar ruhig wie immer, obwohl es mir nicht entging, daß ihre Stimme anfangs zitterte.
— Ich habe ein großes Verbrechen begangen, sagte sie, denn ich hielt meinem verstorbenen Manne die Treue nicht, und gern werde ich dafür büßen, Hunderttausende von Jahren in verschiedenen Verkörperungen ... Aber ihr wißt, daß ich es lediglich meines Sohnes wegen getan habe, in dem er selbst wiedergeboren ist und für mich lebt. Ich habe niemals daraus ein Hehl gemacht. Was ihr gedacht und welche Absichten ihr hattet, geht mich nichts an; ich wollte, daß Tom Schwestern und einen Bruder bekommt, er hat nun zwar keinen Bruder, aber drei Schwestern, und ich denke, daß ich meine Pflicht erfüllt habe ... Eine schwere Pflicht, du weißt es, Peter. Du tust mir leid, denn du täuschtest dich, daß du mir etwas mehr sein könntest ... Es ist nicht meine Schuld ... Aber jetzt hat alles ein Ende. Ich kehre wieder zurück zur Freiheit! Ich frage nicht, ob ihr ... ob du, Peter, sie mir geben willst: ich nehme sie mir selbst, ich bin nicht mehr dein Weib ...
Sie seufzte tief auf und verstummte.
Wir waren so überrascht, sowohl durch ihre Worte, wie auch durch die Art, wie sie sie hervorbrachte, daß wir eine Weile schweigend dasaßen, ohne eine Antwort finden zu können. Was sollte man ihr auch erwidern? Sie wartete ja nicht einmal darauf ... „Ich nehme mir die Freiheit ... Ich bin nicht mehr dein Weib“ ... Einen ungeheuren Eindruck haben diese Worte auf mich gemacht. Eine Zeitlang dröhnten sie mir in den Ohren wie die Losung eines neuen Lebens, wie das Versprechen von etwas, das ich nicht einmal zu erträumen wagte, wie ... Nein, ich kann es nicht mehr schildern, was in meinem Innern vorging! Es schien mir, als wenn dieser eine Satz all das Traurige, das an mir vorübergegangen, verwischte und vernichtete; in der Brust empfand ich eine Fülle, ein Glücksgefühl; das Blut jagte mir durch die Adern und meine Pulse flogen.
Ich blickte auf Martha.
Sie saß unbeweglich und still da, auf das Meer starrend, nur ein unsagbar trauriges Lächeln zuckte um ihre Lippen, als wenn sie weinen wollte.
„Ich nehme mir die Freiheit“ ... so hatten diese Lippen vor kurzem gesprochen.
Aber ihre Augen und ihr Lächeln sagten jetzt deutlich, daß sie diese Freiheit nicht als Flügel betrachtete, die zum Fluge bestimmt sind, sondern als einen Schleier, der das Recht der Ruhe bedeutet. Daß diese Freiheit für sie keine Dämmerung ist, die den Tag verkündet, vielmehr eine Dämmerung, die dem Ausruhen vorangeht.
In ihren Augen erglänzten Tränen, und durch diese Tränen starrte sie unaufhörlich in die Ferne, auf das von der Sonne vergoldete Mondmeer.
Das Herz schnürte sich mir in schmerzhaftem Krampf zusammen, denn ich begriff endlich, daß man sich von der Vergangenheit abwenden kann, aber daß es unmöglich ist, sie auszulöschen.
Peter indessen sagte trocken:
— Mir ist alles einerlei.
Und nach einer Weile fügte er hinzu:
— Was beabsichtigst du jetzt zu tun?
Martha zuckte zusammen:
— Nichts ... Noch ein wenig für Tom zu leben, für die Kinder. Und dann ...
— Für die Kinder, wiederholte Peter wie ein Echo.
Vom Strande kamen gerade die beiden Mädchen gesprungen, lachend, strahlend, die Schürzchen voll gesammelter Steine, Muscheln und Bernstein. Sie riefen laut nach Tom, der auf dem nahen Bache Mühlen baute.
Peter folgte ihnen langsam mit den Augen.
— Für die Kinder ... wiederholte er noch einmal und stützte den Kopf auf die Hände.
Ich erinnere mich an diesen Augenblick wie heute. Die Sonne berührte schon den Horizont, und die Welt begann sich aus dem Gold in Purpur zu färben. Ein leichter Wind trug uns vom Meer den scharfen Duft der Wasserpflanzen zu, und in das Rauschen der sich auf dem Sande zerschlagenden Flut mischten sich die hellen singenden Stimmen der Kinder.
Plötzlich stand Martha auf und wandte sich zu Peter.
— Peter, vergib, sagte sie in einem tiefen, warmen Ton, wie ich ihn schon lange nicht mehr bei ihr gehört hatte, vergib, ich war vielleicht ... ungerecht ... vergib, aber ich ... siehst du, ich konnte nicht, kann nicht ... Es tut mir leid, daß du durch mich ... ein solches Leben hattest ...
Sie streckte ihm die Hand entgegen.
Peter erhob sich ebenfalls. Er blickte auf Martha, dann auf ihre ausgestreckte Hand, dann wieder in ihr Antlitz und brach plötzlich in ein furchtbares, krampfhaftes Lachen aus.
— Ha! ha! ha! Das ist vortrefflich! So, mit einem Wort, nach so viel Jahren, ha, ha, willst du Freiheit? Ein guter Gedanke. Vielleicht eine neue Wahl? Ha! ha! ha! „Peter vergib! Ich bin nicht mehr dein Weib.“
Er lachte wie toll und stieß verschiedene unverständliche Worte hervor. Dann brach er plötzlich ab, wandte sich um und schritt zum Hause.
Martha stand eine Weile verwirrt da, mit einem Ausdruck des Widerwillens und der Demütigung in den Zügen, bis ihr endlich die Nerven den Gehorsam verweigerten und sie in ein lautes Weinen ausbrach — zum erstenmal seit damals, als sie Peters Weib wurde.
Ich entfernte mich schweigend, noch niedergedrückter als gewöhnlich.
Die lange, vierzehntägige Nacht verbrachten wir fast ohne miteinander zu sprechen. Am andern Tage nahm scheinbar alles seinen alten gewohnten Lauf. Wir machten uns sofort am Morgen an die üblichen Tagesbeschäftigungen, sprachen sogar zusammen wie früher, die „Scheidung“ nicht erwähnend, die sich seit jenem Abend tatsächlich vollzogen hatte. Die bisherigen Beziehungen zwischen Peter und Martha waren derart, daß wir alle ihren Bruch als eine Erleichterung empfanden. Ich bemerkte vor allem eine vorteilhafte Veränderung in Marthas Stimmung. Ich will nicht sagen, daß sie heiterer war, aber der Druck, der immer auf ihr gelastet hatte, war verschwunden. Sie sprach freimütiger mit uns, war sogar zu Peter freundlicher, obwohl er die herzlichen Worte, die sie an ihn richtete, so brutal von sich wies.
Und was ging in ihm vor? Das wird mir wahrscheinlich immer ein Rätsel bleiben.
Scheinbar hatte er alles gleichgültig hingenommen, und das widerwärtige Lachen an jenem Abend, als Martha den Bruch herbeiführte, war die einzige Äußerung seiner verborgenen Gefühle. Und dennoch, wie viel Leid, wie viel Demütigung und Schmerz mußte sich in der leidenschaftlichen Seele dieses Mannes angehäuft haben! Und welche Kraft des Willens gehörte dazu, um all das herunterzuwürgen und in sich zu verschließen! Denn er liebte sie trotz alledem — und liebt sie bis zu diesem Augenblick; in dieser Beziehung hege ich absolut keinen Zweifel.
Am ersten Tag nach der Trennung kam er gegen Mittag zu mir, als ich gerade von einem Ausflug auf das Meer zurückkehrte und das Boot an einem Pfahl am Strande festband. Eine Zeitlang ging er unruhig auf und ab, als wenn er mir etwas sagen wollte, aber er fand anscheinend die Worte nicht. Dann, als wenn er plötzlich einen Entschluß gefaßt hätte, packte er mich bei der Hand und sagte, mir scharf in die Augen sehend:
— Erinnerst du dich an das Versprechen, das du mir damals, als ich Martha nahm, gegeben hast ...
Ich blickte ihn erstaunt an und wußte noch nicht, wo er hinauswollte.
— Du hast mir damals versprochen, daß du dich niemals darum bemühen willst, Martha für dich zu gewinnen — niemals! Erinnerst du dich?
Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.
Peter lächelte bitter.
— Übrigens wie du willst. Das ist lächerlich. Wie du willst. Aber erst ... knalle mich nieder.
Die letzten Worte sprach er dumpf und mit so schmerzlicher Leidenschaft, daß mich ein Schauer durchlief. Ich wollte ihm antworten, ihn beruhigen, aber er wartete es nicht ab, sondern wandte sich um und entfernte sich.
Seit dieser Zeit begannen für mich die furchtbarsten Kämpfe und Qualen. Martha gehörte in der Tat keinem von uns und dennoch fühlte ich, daß es ein zweifaches Verbrechen wäre, die Hand nach ihr auszustrecken: ein Verbrechen ihr gegenüber, die sich nur noch nach Ruhe sehnte, um der Erinnerung an den geliebten Verstorbenen zu leben, wie der Sorge um ihren Sohn und gegen Peter, der so niedergedrückt und unglücklich war, daß jedes ihm zugefügte Unrecht ein tausendfaches Unrecht gewesen wäre. Und dennoch gab es Augenblicke, wo ich meine ganze Energie aufbieten mußte, um Peter nicht niederzuknallen, wie er es sich selbst wünschte, und mit Martha ein neues Leben zu beginnen. Derartige Versuchungen quälten mich vor allem dann, wenn ich glaubte, bei Martha eine wachsende Zuneigung für mich zu entdecken. Sie lächelte mir oft zu und nannte mich wie früher ihren Freund. Und dann schwirrte es mir im Kopfe, und ich sagte mir, wenn Peter nicht wäre, könnten wir beide miteinander glücklich sein! Aber alsbald kam wieder die Ernüchterung. Martha ist mir, so dachte ich weiter, doch nur deswegen geneigt, weil ich niemals zwischen sie und die Erinnerung an diesen Verstorbenen, einzig Geliebten getreten bin, weil ich nie die Heiligkeit ihrer Gefühle verletzte, nie ihren Körper berührte noch ihre Seele, die sie für alle Ewigkeiten nur jenem geweiht hat, der unter dem Sande des Mare Frigoris schläft, für mich verlangte. Aber wenn ich etwas mehr gefordert hätte ...
Trotzdem war ich einer wahnsinnigen Tat nahe ...
Wir unternahmen zu dritt einen Ausflug auf den Gipfel des Kraters Otamor. Die Mädchen ließen wir zu Hause unter dem Schutze Toms, dem man sie schon anvertrauen konnte. Nachdem wir uns von der Meerseite aus durch das Gestrüpp der Lianen hindurchgearbeitet und ganze Wälder mächtiger verholzter Blattpflanzen passiert hatten, gelangten wir auf eine abschüssige Ebene, die einer weiten Alm ähnlich und mit flach am Boden wachsendem, großblättrigen Moos bedeckt war. Bis hierher hatte uns der Weg schon öfter geführt, jedoch wollten wir höher hinauf, wenn es möglich wäre, auf den Gipfel selbst gelangen, um den großartigen Anblick zu genießen, der sich von der Spitze dieses höchsten Berges der ganzen Gegend bieten mußte.
Das Vorwärtskommen war nicht leicht, denn man mußte ziemlich steil in die Höhe steigen, in einer tiefen Bergrinne, die zwischen den Felsen der erkalteten und verwitterten Lava ausgeschnitten und in ihrem oberen Teile bis an die Ränder mit Schnee verschüttet war. Hier auf dem Monde ist es zwar eher möglich, einen solchen Weg zurückzulegen als auf der Erde, wo der menschliche Körper sechsmal schwerer wiegt, aber trotzdem war es keine geringe Mühe.
Nach einigen Stunden der Anstrengung befanden wir uns direkt unter der Wand des Kraters, aber jede weitere Ersteigung erwies sich als vollständig ausgeschlossen. Oben auf der Höhe taute der Schnee durch die heißen Dämpfe, die unaufhörlich aus dem mächtigen Trichter, dessen Ränder jetzt über uns waren, emporstiegen und das herabtriefende Wasser gefror im Winde und bedeckte die Felsen mit einer glänzenden Eisdecke, auf der man sich nicht halten konnte. Nachdem wir uns von der Unmöglichkeit eines weiteren Emporklimmens überzeugt hatten, setzten wir uns in den Schnee, um uns vor der Rückkehr auszuruhen und die Gegend anzusehen.
Der Blick war unvergleichlich schön. Dicht vor uns, hinter den schwarzen Wäldern zu unseren Füßen, erstreckte sich das Meer in grenzenlose Fernen, alle Regenbogenfarben spielend und mit Inseln übersät, die kleinen schwarzen Punkten inmitten einer glitzernden Flachebene oder buntumränderten Pfauenaugen ähnlich sahen. Links, gegen Osten, zeigten sich hinter der sich erhebenden Kante geschwärzte Gipfel und Ringe kleinerer Krater, zwischen denen hie und da das blaue Band eines Baches glänzte. Zur Rechten, hinter den Geisern, von denen nur eine kleine weiße Nebelwolke zeugte, dehnte sich eine breite Ebene, von einem in Windungen dahinziehenden Strom durchschnitten, auf dem in der Ferne wie Perlen auf einer Schnur aneinandergereiht weite, klare, an die Kette von grünen Bergen angelehnte Seen leuchteten.
Wir saßen ziemlich lange, versunken in den zaubervollen Anblick, als uns ein dumpfes unterirdisches Rollen aufschreckte. Die Dämpfe, die sich über dem Krater erhoben, wurden schwärzer und drängten sich zu einem mächtigen Knäuel zusammen, aus dem bald feine erstickende Asche auf uns herniederzustäuben begann. Man mußte so schnell wie möglich umkehren, da anscheinend ein Vulkanausbruch in Aussicht war. Aber es gelang uns nicht mehr, rechtzeitig zu entkommen, denn kaum hatten wir den halben Weg in jener Bergrinne, die bei den Wiesen hinter den Wäldern endete, zurückgelegt, als plötzlich unter stärkerem unterirdischen Dröhnen die Felsen erbebten; von allen Seiten sausten Lawinen herab, und die bis dahin schwarze Rauchwolke flammte in blutigem Scheine auf.
Wir flüchteten uns zitternd in eine nahe Spalte, den Augenblick erwartend, wo wir uns weiter nach unten herablassen konnten. Der Himmel über uns war mit dichten Rauchknäueln bedeckt und glich einem feurigen Höllenrachen; das dumpfe Donnern setzte keinen Moment aus, und die von Schwefeldünsten und feiner Asche erfüllte Luft würgte uns und benahm uns den Atem. Von oben fielen schon größere heiße Schlacken herab, die den schmutzigen Schnee ringsum mit schwarzen Flecken bedeckten. Wir mußten uns aus der Bergrinne, in die sich jetzt das mit Asche und Erde gemischte Wasser des geschmolzenen Schnees ergoß, eiligst flüchten.
Der Ausbruch war ziemlich stark und die Erschütterungen des Bodens, die wir fühlen konnten, mußten eine große Ausdehnung auch am Fuß der Berge annehmen, denn als der Wind für kurze Zeit den erstickenden Dampf und den Aschenstaub auseinanderwehte, öffnete sich der Blick vor uns, und — wir sahen auf das stürmende, schäumende Meer.
Uns an die scharfe Spitze haltend, die sich wie eine Landzunge an der Stelle erhob, wo die Bergrinne nach unten mündend nach zwei Seiten auseinanderging, von oben durch die herausragenden Felsen etwas bedeckt, verbrachten wir einige Stunden, zwischen Tod und Leben schwebend. Martha zitterte für die Kinder. Tom war zwar mit dem Erdbeben bekannt, das oft und sehr gefahrvoll in diesen Gegenden auftrat und man konnte seiner Umsicht und Vernunft vertrauen, aber Martha und auch mich quälte der Gedanke, daß, im Fall unseres Todes, auch die Kinder, sich selbst überlassen, dem unabwendbaren Tode verfallen wären. Peter war gleichgültig und ruhig, oder wenigstens stellte er sich so.
Endlich wurde es etwas stiller. Der starke Wind, der sich plötzlich vom Meere erhob, reinigte die Luft und trieb die dünner werdenden Rauchwolken langsam auseinander. Der Regen von Asche und Schlacken hörte auf. Wir atmeten leichter und wollten gerade zur weiteren Rückkehr aufbrechen, als uns ein seltsames Zischen und Sausen über uns von neuem beunruhigte. Peter sprang zuerst aus dem Schlupfwinkel hervor um zu sehen, was das bedeute, aber kaum stand er auf dem vorspringenden Felsen, als er einen Schrei des Entsetzens ausstieß. Ein glühender Lavastrom stürzte dröhnend durch die Bergrinnen herab! Ich sah, daß Peter zu uns zurückkehren wollte, aber in diesem Augenblick erhob sich ein Orkan, der diesem Erguß des flüssigen Feuers voranging und fegte ihn vor unseren Augen fort, daß wir anfangs nicht wußten, was mit ihm geschehen war.
Eine unerträgliche, erstickende Glut wehte uns entgegen. Beide Bergrinnen waren bereits von einer flüssigen, rotleuchtenden Masse ausgefüllt, die sich dröhnend in ungeheuren Feuer- und Steinkaskaden in die Tiefe hinabwälzte. Es war keine Sekunde zu verlieren. Wenn der Feuerstrom stärker werden sollte, würde uns die Lava die Rückkehr abschneiden, die quergelegenen Vertiefungen zwischen den Rinnen ausfüllen oder, was schlimmer wäre, unsern Steinwerder zermalmen und davontragen, wie die Strömung eines hochgehenden Flusses lehmige Inseln davonträgt. Infolgedessen dachte ich nicht mehr an Peter, den ich im ersten Augenblick für verloren hielt, nahm Martha, die vor Schreck ohnmächtig geworden war, auf die Schultern und begann mich so schnell wie möglich herabzulassen, an dem zerrissenen Kamm der zwischen den Bergrinnen emporragenden Kante einen Halt suchend.
Noch heute ist es mir furchtbar, an diesen Abstieg zu denken! Die Felsen, an denen sich die höllische Flut brach, bebten unter meinen Füßen wie der Boden eines Schiffes, das mit voller Dampfkraft gegen den Wind fährt. Eine entsetzliche Glut drohte uns zu verbrennen, Martha hing ohnmächtig und schlaff auf meiner Schulter, was meine Bewegungen im höchsten Maße hemmte. Ich mußte alles tun, um nicht auszugleiten, denn jeder falsche Schritt bedeutete den Tod.
Durch welches Wunder ich, von der Glut fast erstickt, von dem heißen Rauch und dem Glanz der Lava geblendet, von einem gräßlichen Sausen betäubt und zerschlagen von den herabfallenden Steinen, mit Martha auf die Ebene gelangte, von der aus wir den Aufstieg angetreten hatten, kann ich heute nicht mehr sagen.
Wir waren jedoch gerettet. Die Lava floß irgendwo seitwärts durch die Wälder ab, die einen Moment aufrauchten, und hinterließ in der Mitte ein mächtiges freies Dreieck, dessen Spitze eine Wiese und eine über ihr sich erhebende Kante bildete, während die Basis der Meeresstrand schuf, der sich über tausend Meter unter uns erstreckte.
Ich machte mich vor allem an Marthas Wiederbelebung. Nachdem sie die Augen aufgeschlagen und sich überzeugt hatte, daß uns keine Gefahr mehr drohe, frug sie sofort nach Tom. Ich beruhigte sie, daß Tom zu Hause sei und wir ihn gewiß gesund und munter wiedersehen würden, noch ehe der Mittag naht. Da streckte sie mir beide Hände entgegen und sagte, wie damals im Polarlande, als ich sie nach der Überschwemmung gesucht hatte:
— Mein Freund, mein lieber Freund ...
In ihrer Stimme lag etwas unbeschreiblich Weiches und Süßes, das meinen Körper erschauern machte und mir die Kehle wie im Krampf zusammenschnürte. Ich neigte das Gesicht, damit mich meine Augen nicht verrieten.
— Ich schulde dir mein eigenes Leben und noch mehr, das Leben Toms, dem wir noch notwendig sind. Du bist gut ... flüsterte sie und preßte meinen Kopf an ihre Brust.
Als ich sie aus ihrer Ohnmacht erweckte, hatte ich ihr das Kleid unter dem Halse aufgerissen. Nun berührte ich mit der Stirn diese entblößte Brust, und gleichzeitig fühlte ich ihre Tränen mein Haar benetzen.
Da ergriff mich eine wilde Leidenschaft. Ich hatte dieses Weib, das noch so schön und so über alle Maßen begehrenswert war, vor mir; ich brauchte nur die Hand auszustrecken, sie an mich zu reißen, mit Küssen zu bedecken, in glühenden Umarmungen zu ersticken. Es wurde mir schwarz vor den Augen, in den Ohren dröhnte und sauste es, meine Pulse flogen; ich fühlte die Wärme und Weichheit ihres Körpers, sein Duft berauschte mich und machte mich wahnsinnig ...
Wir sind, blitzte es in mir auf, die einzigen Menschen auf diesem Globus, denn Peter liegt wahrscheinlich als Leiche zwischen den Steinen ...
Und übrigens, was geht mich Peter an, was geht mich die ganze Welt an, wenn nur sie ... Eine unaussprechliche Zärtlichkeit, ein unermeßliches Glücksgefühl überströmte mein ganzes Wesen.
Nein!
Ich raffte meine Willenskraft zusammen und wich zurück. Peter liegt vielleicht in diesem Augenblick irgendwo auf dem Felsen, blutig, halb tot und wartet auf Rettung, während ich ...
Martha schaute mich an und — verstand.
— Du hast recht, sagte sie, als wenn sie mir antwortete, obwohl ich kein Wort gesprochen hatte. Du hast recht, geh und suche Peter.
Dann erhob sie sich und drückte mir die Hand.
Ich fand Peter tatsächlich nicht weit von der Stelle, wo der Orkan ihn hinabgestoßen hatte. Er lag bewußtlos an einen spitzen Felsen gelehnt, der ihn vor dem Hinabsausen in den feuerflammenden Abgrund rettete. Wir trugen ihn nach Hause, und unsern gemeinsamen Mühen gelang es, ihm die Gesundheit wiederzugeben.
Geraume Zeit ist schon seit diesem Vorfall verflossen, und ich, an den Augenblick der Schwäche denkend, bemühe mich um so eifriger, mit meinem Willen stets über diesem Rest zu stehen, der mit ihm zusammen die menschliche Seele ausmacht.
Und Peter? ... Er sitzt wie immer schweigend und finster auf der Schwelle des Hauses und vielleicht, ich weiß es nicht, vielleicht tut es ihm leid, daß er auf den Abhängen des Otamor sein Leben damals nicht lassen durfte.
Mit mir ist scheinbar alles zu Ende. Bald werden auch diese Kinder meiner nicht mehr bedürfen. Ich will mir ein Grab errichten — auf der Friedhofinsel.
VI.
Nach sechs Tagen ...
Ich blicke auf die letzten Worte, die ich vor einigen Mondtagen niederschrieb und meine Augen trüben sich, nicht mehr von Tränen, denn die sind längst vertrocknet; nein, es ist, als wenn Entsetzen und Verzweiflung sie mir wie mit heißem Sande geblendet hätten. Nicht für mich habe ich das Grab auf der Friedhofinsel erbaut ...
Weshalb ... weshalb!
Eine ewig stumme, qualvolle Frage — ohne Antwort.
Ich bin allein geblieben.
Allein mit vier Kindern, die nicht meine Kinder sind. Ich bin der letzte Mensch auf dem Monde, der letzte derjenigen, die von der Erde gekommen sind. Die beiden andern, Martha und Peter, sind O’Tamor, den Remogners, sind Woodbell gefolgt. Und ich lebe.
Das ist das Schicksal, das ich am meisten gefürchtet und — am wenigsten erwartet habe.
Und wenn ich bedenke, daß das alles so schnell geschehen konnte! Sechs Mondtage, ein halbes irdisches Jahr! Wer hätte das damals geglaubt! Und zum drittenmal schon ist diese träge Sonne über diesem Meer aufgegangen, seit ich sie begraben habe. Ich bin allein, so furchtbar, so grauenhaft allein, daß ich während der finstern Nächte aufspringe und herumlaufe und am Tage jedes Geräusch und die Schatten der sich im Winde wiegenden Pflanzenungeheuer fürchte.
Ja, ich bin allein. Denn diese Kinder können mir nicht nahe stehen. Das sind Wesen aus einer anderen Welt, in des Wortes wahrster Bedeutung.
Was würde ich dafür geben, wenn auch nur für einen Augenblick, Martha oder Peter hier bei mir zu haben!
Als Martha krank wurde, hatte ich keine Ahnung, daß das so furchtbar enden sollte.
Ich bemerkte zwar schon lange, daß ihr Organismus erschöpft war von all dem, was sie durchgemacht hatte, daß Kummer und Trauer an ihrem Leben nagten, aber dieser Gedanke war doch so fern von mir, so fern!
Am letzten Mondtage begann Martha zu kränkeln. Noch stiller und nachdenklicher wie gewöhnlich, verbrachte sie fast die ganze Zeit mit den Kindern am Meeresstrande. Sie spielte mit Tom und liebkoste sogar die Mädchen, die sehr erstaunt waren über die so seltene Zärtlichkeit der Mutter. Gegen Mittag, als ich zum Strand ging, um ihr zu sagen, daß sie nach Hause zu den Teichen zurückkehren müsse, da die Gewitter im Anzuge seien, lächelte sie mir zu und wiederholte einigemal:
— Ja, es ist Zeit nach Hause zurückzukehren, es ist Zeit, zurückzukehren ...
All diese kleinen Einzelheiten sind mir so lebhaft im Gedächtnis, stehen so klar vor meiner Seele, daß ich sie jetzt beim Schreiben vor Augen habe, jede ihrer Bewegungen sehe, ihre Stimme höre und es nicht fassen kann, daß sie nicht mehr ist und ich sie nie mehr wiedersehen werde ...
Als sie nach Hause ging, nahm sie die Jüngste, Ada, bei der Hand und frug sie, ob sie Tom liebe. Das Kind schüttelte den Kopf:
— Nein, ich liebe ihn nicht.
Martha wurde traurig.
— Warum liebst du ihn nicht, warum, Ada?
— Weil Tom nicht gut ist. Tom will, daß ich ihm gehorche.
— Das ist unrecht, sagte die Mutter, du mußt Tom gehorchen und ihn lieben, denn du bist sein ...
— Nein. Ich gehöre nicht Tom. Lilli und Rosa gehören Tom. Ich bin mein.
Ich lachte laut über diese Antwort des Kindes, aber Martha traten die Tränen in die Augen.
— Es ist unmöglich, sich selbst zu gehören, unmöglich, flüsterte sie mehr zu sich selbst und küßte das Kind herzlich.
Nachmittags sprach sie lange mit Tom. Nachdem sie ihn zu sich gerufen hatte, erzählte sie ihm vom Vater, vielleicht zum tausendstenmal, eine Unmenge Einzelheiten wiederholend, die zusammengenommen ein seltsames Märchen bildeten, eine Hymne für den verstorbenen Geliebten. Tomas war ein tüchtiger, vortrefflicher Mensch, aber in den Erinnerungen Marthas wurde sein Bild göttlich, die Verkörperung von allem, was gut und groß und schön ist.
Sie ermahnte Tom, daß er zu seinen Schwestern gut sein müsse. Das setzte mich in Erstaunen, denn solche Lehren hatte ich nie aus ihrem Munde gehört.
Gegen Abend begann sie über eine allgemeine Schwäche zu klagen, über Schwindel und Schmerzen in den Gliedern. Gewöhnlich ertrug sie alle Unpäßlichkeiten schweigend, so daß wir nur aus ihren Zügen erraten konnten, wenn ihr etwas fehlte; nie kam ein Wehlaut über ihre Lippen, noch suchte sie je bei uns Mitleid oder Hilfe. Selbst wenn wir bemerkten, daß sie schlecht aussah und sie frugen, was ihr fehle, schüttelte sie den Kopf und sagte lächelnd:
— Es fehlt mir nichts ... Oder: Das geht vorüber, ich werde noch nicht sterben, denn ich bin Tom noch notwendig.
Infolgedessen beunruhigten mich ihre Klagen an diesem Abend um so mehr. Ich sah sie forschend an und bemerkte erst jetzt, beim Lichte des erlöschenden Tages, daß Fieberflecke auf ihren Wangen brannten und ihre Augen schwarz umrändert und eingefallen waren. Sie hatten nichts von dem früheren Glanz verloren: All die vergossenen blutigen Tränen vermochten nicht den Strahl dieser Augen zu trüben, aber sie leuchteten jetzt in einem ungesunden Feuer, das nichts gemein hatte mit jener früheren sternenklaren Helligkeit!
Als die Sonne untergegangen war, begann Martha, die sich niedergelegt hatte, mehr infolge der Schwäche als aus Schlaflosigkeit, unruhig zu werden. Sie sprang vom Lager auf, es war ersichtlich, daß sie fieberte. Sie rief die Kinder, die schon schliefen, dann rechtfertigte sie sich, kaum hörbar flüsternd, vor sich selbst oder auch vor dem Geiste des Verstorbenen, der ihr scheinbar vor Augen stand, ihres Lebens wegen und klagte sich der Geburt dieser armen Mädchen an, ja sogar wegen ihrer Liebe zu ihnen, die sie nicht hatte ganz unterdrücken können. Ich glaube, daß ihrer Überzeugung nach diese Mutterliebe ausschließlich ihrem Sohne gelten durfte und jede ihrer Äußerungen den Töchtern gegenüber ihr als ein Tom und dem Toten zugefügtes Unrecht erschien.
Nach einiger Zeit beruhigte sie sich ein wenig. Ich saß mit Peter an ihrem Lager, angstvoll und niedergedrückt; vor allem peinigte uns der Gedanke, daß wir keine Arzeneien hatten und dieser Krankheit gegenüber ganz ratlos waren. Martha schaute uns lange mit weit geöffneten Augen an und frug dann plötzlich, ob die Sonne schon untergegangen sei. Ich antwortete ihr, daß die lange Nacht auf dem Monde bereits begonnen habe.
— Ah, es ist wahr! sagte sie, wieder klarer bei Besinnung. Draußen ist es doch finster und hier brennen die Lichter ... Ich habe es nicht gleich bemerkt. Und dort auf dem Mare Frigoris, was ist jetzt dort?
— Dort ist jetzt Tag. Eben ist dort die Sonne aufgegangen.
— Ja, die Sonne ist aufgegangen und leuchtet jetzt über Tomas’ Grab, nicht wahr? Und dieselbe Sonne über diesem Grabe wird hierher zu uns am Morgen kommen?
Ich nickte schweigend.
— Dieselbe Sonne, sagte abermals die Kranke. Und wenn ich daran denke, daß diese Sonne täglich, so viele Mondtage hindurch, auf das Grab schaute und dann auf mich hier, die Lebende, und dann wieder zu dem Grabe zurückkehrte, ihm zu erzählen, was sie hier gesehen hat!
Sie bedeckte die Augen mit den Händen und begann am ganzen Körper zu zittern.
— Das ist furchtbar! wiederholte sie einige Male.
Peter ließ den Kopf sinken. Es schien mir, daß ich in seinem gelben, verdorrten Gesicht eine dunkle Röte aufsteigen sah, die sich bis in die gefurchte Stirne ergoß. Dies mußte auch Martha bemerkt haben, denn sie wandte sich zu ihm:
— Ich wollte dir nicht weh tun, Peter ... jetzt ... Übrigens bist du nicht schuld daran, wie hättest du mich zwingen können, dein Weib zu werden, wenn ich es nicht selbst gewollt hätte ... für Tom ...
Sie verstummte und atmete tief auf. Nach einer Weile sagte sie leise:
— Ich möchte den Morgen erwarten. Es ist so furchtbar, in der Dunkelheit herumzuirren und den Weg dort auf der Wüste zu suchen. Wenn hier der Tag beginnt, wird dort über dem Mare Frigoris die Erde leuchten. Ich will lieber bei ihrem Lichte an dem Grabe stehen, denn ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, in den vollen Glanz der Sonne zu schauen ...
Martha, was sprichst du? rief ich unwillkürlich.
Sie sah mich an und antwortete kurz:
— Ich werde sterben ...
Gegen Mitternacht stieg eine würgende Angst, daß sie wirklich sterben könne, in mir auf. Eine Krankheit, für die wir nicht einmal einen Namen fanden, raffte sie dahin. Wir bemerkten nur einen außerordentlich schnellen Kräfteverfall, der im Verein mit dem stets wiederkehrenden Fieber nichts Gutes ankündigte.
Übrigens, was bedeuten alle ärztlichen Benennungen! Ich weiß nur zu gut, welch eine Krankheit das ist, ich kenne sie zur Genüge, sie heißt Leben! Sie weckt den Menschen aus dem Nichtbewußtsein, sie kost mit ihm und spielt und tändelt, und während des Spielens reißt sie und zerrt an ihm herum und drückt und überwindet und vernichtet ihn schließlich. Mit dieser Krankheit kommen wir alle zur Welt, und es gibt für sie kein Heilmittel als den Tod!
Peter wich fast keinen Augenblick von Marthas Lager. Ich blickte auf seine finsteren, unbeweglichen Züge und dachte, trotz der tödlichen Angst, die mich erfaßt hatte, darüber nach, was für Gefühle sich unter dieser undurchdringlichen Maske verbergen könnten. Ich sollte es früh genug erfahren!
Am Morgen war Martha sehr unruhig, und erst die Dämmerung brachte ihr ein wenig Linderung.
— Ich werde die Sonne noch sehen! sagte sie und versuchte, mit blassen Lippen zu lächeln.
Jetzt saß ich allein bei ihr, denn Peter, von dem langen Wachen übermüdet, gab schließlich meiner Überredung nach und legte sich in dem benachbarten Zimmer schlafen. Die Morgendämmerung drang durch die Scheiben von dickem Glas, das wir auf dem Monde gefertigt hatten, herein, und das Licht der Lampen wurde immer gelber. Der Schnee lag auf den Feldern, wie immer, und als der Wind die Dämpfe, die sich stets über den Warmen Teichen erhoben, verweht hatte, sah man durch das Fenster eine große glitzernde Fläche.
In diesem scharfen und kalten, vom Schnee zurückgeworfenen Schein des nahenden Tages, der mit dem gelben, ersterbenden Licht der Lampe kämpfte, schaute ich auf Martha und zweifelte nicht mehr, daß sie in kurzer Zeit für immer von uns gehen würde. Ihr Gesicht war lang und blaß; die einst so vollen verführerischen roten Lippen nahmen die blaß-bläuliche Farbe des Todes an. Unter den gesenkten, fast durchsichtigen Lidern sahen erlöschende und über alle Beschreibung traurige Augen hervor.
Ich lehnte meinen Kopf an den Rand des Bettes und biß die Zähne zusammen, um nicht in lautes, unmännliches Weinen auszubrechen, das in meiner Brust zerrte wie ein Tier an der Kette.
Indessen wurde es draußen immer heller. Die bis vor kurzem grauen Nebel glitten jetzt, vom Winde getrieben, an den Fenstern vorüber wie weiße Gespenster. Manchmal verdichtete sich ihr Schleier und verhüllte die Welt; dann dehnten sie sich wieder zu langen, flatternden Gestalten, die plötzlich auftauchten, sich vor den Fenstern verneigten und weiterflogen. Auch schimmerten aus diesem Nebel weiße Felsstreifen und wolkenumhüllte, perlende Säulen der Geiser und weiter oben am Hintergrunde des hellblauen Himmels der Gipfel des Otamor, der sich in den ersten Strahlen der Sonne rötlich färbte.
Martha frug nach den Kindern; als sie hörte, daß sie noch schliefen, ließ sie sie jedoch nicht aufwecken.
— Mögen sie schlafen, flüsterte sie, ich werde sie noch sehen, bevor die Sonne aufgeht ... Indessen ist es gut, daß es so still ist.