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Auf silbernen Gefilden

Zweiter Teil (continued 3)

Kasimir Lodygowski translation

Dann wandte sie sich zu mir:

— Du wirst ihnen immer ein Vormund sein, nicht wahr?

— Ja, antwortete ich mit tränenerstickter Stimme.

— Und du wirst sie niemals verlassen?

— Nein.

— Schwörst du mir das?

— Ja, ich schwöre es.

Sie streckte die Hand nach mir aus:

— Du bist gut, mein Freund, flüsterte sie, nun kann ich ruhig sterben, weil ich weiß, daß du sie nicht verlassen wirst.

Ich ergriff ihre Hand und preßte sie leidenschaftlich an die Lippen. Ihre Finger zitterten leicht, als wenn sie meine Hand drücken wollte. Eine so eisige Kälte entströmte ihnen, daß meine heißen Lippen sie nicht mehr erwärmen konnten.

— Ich wollte dir, begann sie nach einer Weile, noch vor dem Tode sagen, daß du mir ... teuer warst. Ich machte mir darüber größere Vorwürfe, als daß ich Peters Weib wurde ... Vielleicht, wenn ich dir angehört hätte, statt ihm, vielleicht wäre mein Leben auf dem Monde in eine andere Bahn gelenkt, glücklicher und länger gewesen ...

Sie sagte das alles ruhig, mit einer sanften, erlöschenden Stimme, in mir aber erhob sich ein Sturm; ich heulte weinend auf und ihre Hände sinnlos mit Küssen bedeckend, brachen aus meiner Brust von Tränen erstickte, unzusammenhängende Worte der Liebe hervor — der Liebe, die ich so lange verbergen und zurückhalten mußte und die jetzt mit Allgewalt überschäumte, gegenüber der Sterbenden.

Sie neigte sich leise zu mir und legte die Hand auf mein Haupt.

Ruhig, sagte sie, ruhig ... Ich weiß ... Weine nicht ... es ist so besser ... Du warst mir teuer durch deinen Edelmut, durch deine Liebe für Tom, ich weiß es selbst nicht, wodurch ... Aber trotz alledem, vielleicht wäre ich nicht gut zu dir gewesen, wenn du zwischen mich und den Verstorbenen getreten wärst, der allein ein Recht auf mich hatte. Ruhig, weine nicht, du weißt es schon. Ich denke, daß Tomas es mir verzeihen wird, daß ich das für dich fühlte und es dir jetzt in der Todesstunde sage.

Ich war maßlos unglücklich.

Sie verstummte erschöpft, und ich, mein Gesicht an ihrer Brust verbergend, zitterte am ganzen Körper, von einem inneren Schluchzen geschüttelt.

Martha versuchte abermals zu sprechen:

— Mag es sein ... ich werde jetzt alles sagen. Ich spreche ja heute das letztemal zu dir ... an jenem Mittag ...

Die Sterbende brach ab, als wenn ein Gefühl der Scham ihre Stimme ersticken machte, aber ich wußte wohl, von welchem Mittag sie sprach!

Sie schwieg eine Zeitlang und bewegte nur leicht die Lippen. Plötzlich rief sie, wie verzweifelt ausbrechend:

— Warum hast du Peter nicht getötet?

In diesem Augenblick hörte ich ein unterdrücktes Stöhnen hinter mir. Ich wandte mich um; in der Tür stand, die Hand an die Pfosten gestützt, Peter, blaß wie eine Leiche, und blickte auf uns mit weit geöffneten Augen. Er mußte schon ziemlich lange dort stehen und hörte wahrscheinlich alles, was Martha zu mir sagte.

Als er sah, daß ich ihn bemerkte, machte er schwankend einige Schritte nach vorn und stammelte etwas Unverständliches.

Martha kehrte sich mit einem unterdrückten Schrei des Ekels zur Wand.

— Verzeihung, wimmerte Peter, Verzeihung; es war unabsichtlich ... Ich wollte nicht ...

Da ertönten im Nebenzimmer helle Stimmen.

— Die Kinder! rief Martha und streckte die Hände aus. Aber die Mädchen waren befangen und blieben in der Tür stehen, nur Tom stürzte zu ihr; sie nahm seinen Kopf in ihre zitternden Hände und drückte ihn an sich.

Peter beobachtete sie und trat an mich heran:

— Du hast ihr versprochen, er deutete mit einer Bewegung auf Martha, für alle Kinder zu sorgen ... für alle! In gleicher Weise ... Bevor ich, durch diese seltsamen Worte überrascht, antworten konnte, war er nicht mehr im Zimmer.

Durch die am Fenster vorübergleitenden Nebel drang schon der erste Sonnenstrahl, verwandelte die obern Scheiben in Stücke leuchtenden Goldes und eilte in hellen Lichtgarben durch die dumpfe Atmosphäre des Zimmers. Martha lag regungslos, mit erlöschendem Blick in den Streifen des Sonnenlichts starrend, der immer tiefer herunterglitt an der Wand und sich wie ein herabsteigender Engel ihrem Bette näherte. Die Mädchen schlichen auf den Fußspitzen heran und schauten erstaunt auf die blassen, unbeweglichen Züge der Mutter.

Mir war es schwül; im Munde fühlte ich eine trockene Bitterkeit. Dieser anbrechende Tag kam zu mir wie ein erbarmungsloser, schmerzlicher Hohn, denn ich wußte, daß mit ihm eine endlose Leere und ein Bangen nach der Vergangenheit beginnt. Die Minuten flossen in Schweigen dahin ...

Plötzlich schrie Tom:

— Onkel, Onkel, ich ängstige mich! Mütterchen blickt so furchtbar!

Ich wandte mich um: ein Lichtstrahl, der auf das Kissen fiel, erleuchtete Marthas Züge; die verglasten, erloschenen Augen starrten in die Sonne.

— Eure Mutter ist gestorben, sagte ich mit einer würgenden, mir selbst fremden Stimme zu den Kindern, die sich erstaunt und verängstigt um das Lager drängten. Dann beugte ich mich über sie, um ihre Augenlider zu schließen.

In demselben Moment ertönte ein Schuß.

Ich stürzte zur Tür: Peter lag im benachbarten Zimmer am Boden, mit zerschmettertem Schädel, den rauchenden Revolver in der Hand.

Ich wankte wie ein Betrunkener.

Heute liegen beide schon im Grabe ... Ich habe ihnen den letzten Dienst erwiesen: Ihre Körper wickelte ich in große, aus Pflanzenfasern gewebte und mit Harz getränkte Tücher und trug sie auf meinen Armen in das Boot, das sie auf die Friedhofinsel fahren sollte. In dem Boot saßen neben mir und den Leichen vier Kinder. Die drei älteren drängten sich um die Mutter. Tom, durch den Anblick des Todes betroffen und verschüchtert, saß schweigend zu Füßen der Leiche; Lilli und Rosa griffen mit den Händchen nach dem Tuch und riefen weinend nach der Mutter, als wenn sie noch die ihnen gebührenden Liebkosungen verlangten, mit denen sie die Mädchen im Leben so spärlich bedachte. Die Leiche Peters lag verlassen in dem Boote. Nur die Jüngste näherte sich ihr, und das Tuch streichelnd, flüsterte sie leise:

— Armes Väterchen, armes ...

Unserer traurigen Fahrt war ein günstiges Wetter beschieden. Die Sonne, die noch nicht hoch über dem Horizont stand, erleuchtete golden die mächtige, ruhige, kaum von einem leichten Winde in zarte Furchen gepflügte Meeresfläche, auf der vor uns, in der Ferne, die Inseln auftauchten, in durchsichtigen blauen Nebel gehüllt. Und niemals im Leben empfand ich so bitter diese erbarmungslose, grausame Ironie, die in der sich immer gleichbleibenden Schönheit der Natur liegt, der Freude wie dem Schmerze des Menschen gegenüber gleichgültig! Denn ich fuhr doch in diesem Kahn die zwei letzten menschlichen Wesen, die mit mir auf diesen Globus gekommen waren und wie ich meine heimatliche Erde kannten; ich fuhr sie hierher, um sie in dem Grabe zu betten, das ich für mich gebaut hatte, um dann für immer allein zu sein! Und trotzdem leuchtete die Sonne erhaben und herrlich, genau so wie damals, da ich als glückliches Kind auf jenem in diesem Augenblick so weit von mir entfernten Planeten in ihrem warmen Scheine sorglos spielte.

Von dem Boote aus trug ich sie beide auf dem Rücken zum Grabe, das ich auf der Höhe in der schönsten Gegend der Insel erbaut habe. Die Leichen waren leicht, sechsmal so leicht als sie auf der Erde sein würden, und ich beugte mich dennoch unter ihrer Last ... Das war freilich kein Wunder! Trug ich doch das letzte meines bitteren Glückes zu Grabe!

Martha habe ich in dem Grabe gebettet, das ich für mich bestimmt hatte. Für Peter errichtete ich eine andere Ruhestätte, etwas tiefer gelegen.

Und ich muß weiterleben ... Manchmal zwar, wenn mich die Last der Sehnsucht zu Boden drückt, packt mich die Versuchung, von diesem Globus fortzugehen, auf dem Wege, den schon die andern sechs vor mir gegangen sind: O’Tamor, die beiden Remogners, Woodbell, Varadol und Martha; aber dann denke ich an den Schwur, den ich der Sterbenden geleistet habe, daß ich die Kinder nicht verlassen werde. Für sie muß ich leben. Ich bin jetzt zum Leben verurteilt, wie ich — so lange sie lebte, zur Liebe verurteilt war. Und diese zwei höchsten Güter des Menschen sind mir zur Qual, zur namenlosen Qual geworden.

Meine Tage gehören diesen Kindern. Ich bemühe mich mit allen Kräften, stets an sie zu denken, beschäftige mich mit ihnen, lehre sie, nehme sie mit mir, schütze und pflege sie, denn, bei Gott, auf mir Kinderlosem lastet die geistige Vaterschaft des Mondgeschlechtes.

Aber während der Nächte kehre ich auf die Erde zurück und spreche mit den Toten.

Etwas ist wohl in meinem Hirne zerstört und unterbrochen, oder die Trauer hat mein Denken in Nebel gehüllt, denn die Wirklichkeit erscheint mir als Traum, und die Träume de Schlafes sind für mich wirkliches Leben.

Ich sehne mich nach den Träumen. In ihnen wandle ich auf der Erde und küsse voll Rührung ihre Bäume und Blumen, sogar den Staub und die Steine, und es ist mir dann, als hätte mich niemals das wahnsinnige Verlangen nach Erkenntnis, der Wunsch, die Geheimnisse des sternenbesäten Weltenraumes zu erforschen, von ihr fortgerissen.

Manchmal auch kommen sie zu mir, die verstorbenen Kameraden. Voran geht der greise O’Tamor und beschuldigt sich, er, der die Güte selbst war, daß er uns leichtsinnig auf diesen öden Globus, der wie eine Lampe für die Erde zwischen den Himmeln hängt, hinausgeführt hat. Dann sehe ich die Remogners. Sie beklagen sich, daß sie uns gefolgt sind und dadurch den Tod gefunden hätten. Woodbell erscheint blaß und fragt, was wir mit Martha getan haben. Ob sie glücklich mit uns war. Und Peter erzählt mir im Traum alles, was ich in den letzten Jahren seines Lebens aus seinen Augen gelesen habe: von seiner wilden, leidenschaftlichen Liebe zu Martha, die ihn verzehrte wie das Feuer eine Handvoll Holzspäne, von dem furchtbaren Schicksal, das ihm nicht einen einzigen Augenblick des Glücks gegeben hat! Wie er die langen Jahre hindurch nur Ekel, Widerwillen und Verachtung in dem angebeteten, so heiß begehrten Weibe erwecken konnte. Wie er all seine Liebe in sich ersticken, allen Schmerz hinunterwürgen mußte, wie sich die beleidigte Manneswürde in ihm aufbäumte. Er erzählt mir, was in jener letzten Nacht in seiner Seele vorgegangen ist, als er mich, das Gesicht an ihrer Brust verborgen, sah, und später, als er den Revolver an die Schläfe setzte.

Diesen traurigen Geisterreigen beschließt Martha. Sie erscheint mir — still, mit einem schmerzlichen Lächeln auf den Lippen — und dankt mir, daß ich ein Mensch war, und manchmal will es mir wieder scheinen, als mache sie mir einen Vorwurf, daß ich es nicht war ... Mein ganzes Innere ist ein Abgrund von Leid und Trauer ...

So sprechen die Geister mit mir. Und obwohl sie mir nichts Frohes zu sagen haben, ist es mir doch heimatlich mit ihnen und heimlich und gut zumute, weil sie meinem Herzen nahe stehen.

Das neue Mondgeschlecht, das um mich heranwächst, ist so anders. Es sind noch Kinder und dennoch fühle ich, daß sie schon jetzt eine besondere Welt für sich bilden, die mir, dem von der Erde Gekommenen, immer fremd sein wird, wie meine Welt ihnen, den auf dem Monde Geborenen, verschlossen ist.

Und doch muß ich, der Bruder dieser sechs Gräber, die auf dem Monde verstreut liegen, mit denen leben, für die dieser Globus die Heimat ist — und wer weiß, wie lange noch ... wie lange ...

Ende des zweiten Teiles.

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