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Auf silbernen Gefilden

Dritter Teil

Kasimir Lodygowski translation

Das neue Geschlecht.

I.

Im Polarlande.

Es reift schon heran, dieses Geschlecht, und ich bin ihm immer weniger nötig und immer trauriger ... Ich bin nach dem Polarland gegangen, um auf die Erde zu schauen und allein zu sein.

Seit unserem EXODUS von unserer verlorenen Erde sind schon zweihundertneunzehn Mondtage verflossen und siebenundsechzig seit dem Tode Marthas und Peters.

Ich wundere mich, daß ich nicht sterbe ...

*

Ich wohne also wieder auf dem Pol. Die grenzenlose Sehnsucht nach meiner Heimat, der Erde, quält mich immer mehr. Sie läßt mich sogar dieses Geschlecht vergessen, das mir von Martha in ihrer Todesstunde übergeben wurde, aber es lebt dort am Meere und ist glücklich. Als ich fortging, erwachten Frühlingsgefühle der Liebe in mir! Zu wonnig und zu ... schmerzlich war es für mich, auf diesen Frühling zu schauen ...

Hier ist Stille und Einsamkeit und Erinnerung ...

*

Es war wiederum eine Sonnenfinsternis und die schwarze Erde wie eine verkohlte Leiche über dem goldenen Regenbogen und Güsse und Überschwemmungen ...

Seit unserem EXODUS zweihundertsechsundzwanzig Mondtage.

Die Sorge um Marthas Kinder lastet auf mir. Ich werde zurückkehren müssen an das Meer und sehen, ob sie mich brauchen.

Ich schlief so unruhig und sah Martha im Traume ...

*

Ich war in dem Lande der Warmen Teiche, nach siebenmondtägiger Abwesenheit. Die Sorge um Marthas Kinder hat mich hingeführt.

Tom ist der Mann seiner Schwestern Lilli und Rosa.

Es ist erstaunlich, wie diese Menschen auf dem Monde degenerieren! Tom ist schon erwachsen, reicht mir aber nicht einmal bis an die Schulter. Ada, glaube ich, wird noch kleiner.

Während meines Aufenthaltes am Meere war ein furchtbarer Ausbruch des Otamor, der größte von allen, an die ich mich erinnern kann. Die südliche Seite des Kraters ist ins Meer gesunken. Es war dies der zweihundertachtunddreißigste Mondtag seit unserem EXODUS — vierzehn Stunden nach Mittag hat der Ausbruch begonnen.

Als ich fortging, erwartete Rosa Nachkommenschaft. Ada habe ich mit mir genommen — sie war dort so verlassen. Sie bedarf jetzt meines Schutzes mehr als je. Es ist furchtbar, daß es mir noch immer nicht erlaubt ist, zu sterben!

Ich kam zum Polarland zweihunderteinundfünfzig Mondtage nach unserem EXODUS. Tom bemühte sich, mich zurückzuhalten, aber ich fühlte trotzdem, daß er froh war, als ich fortging. Tom ist selbstherrlich und sieht ungern meine Achtung seinen Frauen gegenüber. Es ist ihm auch lieb, daß Ada mit mir gegangen ist, denn er mag sie nicht leiden, weil sie sich ihm nicht ergeben will, obwohl sie fast noch ein Kind ist.

*

Fahl und kühl ziehen die Stunden vorüber, wie dieses Licht der unsichtbaren Sonne auf dem Pol — eine lange, lange, unendliche Reihe von Stunden ...

Nur mit Mühe halte ich die Rechnung der Zeit aufrecht; ich spreche nicht viel und Ada ist immer schweigsam. Sie sitzt ganze Stunden auf dem grünen Moos und ihre traurigen Kinderaugen irren über die rosa beleuchteten Gipfel der Berge.

Und ich? ...

Seit langem habe ich aufgehört der Gegenwart zu leben und noch mehr der Zukunft. Ich sehe zurück und schaue unaufhörlich meinen Erinnerungen in die Augen. Eine trübselige Gesellschaft! Traurig bin ich dort am Meer und traurig hier, wo ich die Erde sehe am Horizont.

*

Eine lange Zeit ist vorübergegangen, seit ich die letzten Notizen niederschrieb. Ada wird größer und beginnt sich nach den Geschwistern zu sehnen. Ich merke ihr das an, obwohl sie selbst es nicht zugeben will.

Auch ich denke, daß es trotz allem Zeit ist, an das Meer zurückzukehren. Ich werde älter, und wenn ich in dieser Einsamkeit sterben sollte, wäre Ada zum Tode verurteilt. Ihretwegen will ich zurückkehren, obwohl Gott weiß, wie gern ich hierbleiben und sterben möchte, auf die Erde schauend!

Und ich fürchte fast, daß dieses Kind schon zu lange mit mir, dem Schweigenden, traurig Einsamen, gelebt hat. Seltsam ist dieses Kind — und auch das ist seltsam, daß wir uns in dieser Einsamkeit, statt uns zu nähern, gegenseitig immer fremder werden. Sie blickt auf mich mit weit geöffneten Augen, und ich fühle, daß sie vieles denkt, worüber sie nicht zu mir spricht.

Ich muß es mir selber eingestehen, so lange ich auch mit diesem Mädchen zusammen bin, es ist mir unmöglich, mich an sie zu gewöhnen, im Gegenteil, sie reizt mich durch ihre Gegenwart. Allein möchte ich sein und ungestört über die Vergangenheit nachdenken ... über die Erde ...

Und dennoch muß ich zurückkehren ... zu Tom, zu Toms Kindern, die mit Staunen und Furcht auf mich schauen werden, auf den alten Menschen, der einstmals von der Erde gekommen ist und jetzt lange in der Einsamkeit lebte. Ich muß zurück ... wir müssen zurück — Ada ...

Es ist mir noch nicht vergönnt, zu sterben ...

II.

Am Meere bei den warmen Teichen.

Seit unserem EXODUS sind vierhundertzweiundneunzig Mondtage verflossen, das heißt, fast achtunddreißig Erdenjahre. Schon lange habe ich nichts mehr auf diesen Blättern niedergeschrieben, heute nehme ich sie zur Hand, um den Tod Rosas zu notieren.

Sie ist gestorben, es ist furchtbar, durch die Schuld ihres Mannes und Bruders, meines geliebten einstigen Zöglings Tom, der sie im Zorn mit einem Stein erschlagen hat!

Die zweite Frau Toms und seine älteren Kinder haben diese Tat schweigend hingenommen. Anscheinend glaubt er, das Recht zu haben, alle zu töten, die ihm nicht gehorchen. Die einzige, Ada, die sich stets von der Familie Toms ferngehalten hat, ist gegen diesen Verbrecher aufgetreten. Ohne Worte, ohne einen Gefühlsausbruch, nur mit drohender Miene und erhobenen Händen ging das Mädchen auf ihn zu, und er wich ängstlich zurück, obwohl er sie mit einem Faustschlag hätte niederschmettern können, weil er größer und stärker ist. Sie blieb zwei Schritte von ihm entfernt stehen, und mit der einen Hand auf die Leiche der Frau zeigend, erhob sie die andere über seinem Haupte und rief:

— Für das Blut dieser Frau verfluche ich dich im Namen des Alten Menschen!

(„Alter Mensch“ ist der Name, den dieses neue Geschlecht mir gegeben hat.)

Tom erschrak zuerst; dann sah er mich mit einem finsteren Blick an und sagte zu Ada, indem er sich bemühte, seinen Worten einen harten, herrischen Klang zu geben:

— Rosa war mein Weib. Es stand mir frei, mit ihr zu tun, was ich wollte ... sie zu ernähren oder zu töten. Warum war sie unfolgsam?

Dieser entsetzliche Vorfall und dieses unfreiwillige Verbrechen, denn ich glaube bis zu diesem Augenblick nicht daran, daß Tom seine Frau mit der Absicht sie zu töten getroffen hat, haben mir plötzlich drei Dinge klar gemacht, über die ich mir bis jetzt keine genügende Rechenschaft gab.

Ich sehe vor allem die Brutalität Toms und glaube, daß ich sie verschuldete, denn ich habe ihn erzogen und es nicht verstanden, seinen Charakter anders zu formen. Ferner hätte ich nicht einsame Jahre auf dem Pol verbringen und diese Menschen hier allein ihrem Schicksal überlassen dürfen, und endlich versetzt mich Ada in Staunen. Ich sehe jetzt aus ihrem ganzen Auftreten und aus vielen Dingen, an die ich mich erst nachträglich erinnere, so manches, worauf ich nicht genügend achtgegeben habe, vor allem ihre sonderbare Beziehung zu dem Bruder und seiner Familie. Es scheint mir, daß sie sich gegenseitig hassen, und trotzdem fürchten jene dieses Mädchen, das jüngste aus dem ersten Geschlecht dieser Menschen. Sie hält sich fern von ihnen und lebt unter ihnen wie eine Priesterin, obwohl ich nicht weiß, ob dieses Wort ihr Verhältnis zu den andern richtig ausdrückt. Ada tut mir leid, denn sie ist einsam und wird, glaube ich, immer einsam bleiben auf dieser Welt, so wie ich, sie tut mir um so mehr leid, weil ich ihr nicht das sein kann, was ich ihr eigentlich sein müßte: ein Vater und guter Freund. Aber auch in ihrer Beziehung zu mir liegt mehr eine abergläubische Verehrung als Liebe. Auch daran scheine ich selbst schuld zu sein ...

Und das dritte, was mich am meisten entsetzt hat, weil es mich am nächsten angeht: sie halten mich für ... Aber nein, vielleicht täusche ich mich nur! Was ist’s, daß Ada Tom in meinem Namen verflucht hat? Ich bin doch der Älteste, also wahrscheinlich nur deswegen ... Und dennoch, wenn es so wäre? Sollte ich auch dieses ... Götzentum verschuldet haben?

Wie seltsam sie alle diesen Namen aussprechen, mit dem sie mich belegten: „Der Alte Mensch“ ...

*

Ich hatte heute wieder einen Traum, der mich schon seit Jahren unaufhörlich quält und es mit sich bringt, daß ich mich in dieser Welt immer fremder fühle ...

Ich träumte, daß ich auf der Erde war.

Aber heute war das ganz besonders seltsam.

Ich war in der Gesellschaft von Menschen, mit denen ich über die Angelegenheiten des Staates, der Völker, des Fortschritts sprach. Man sagte mir, daß sich die Grenzen einiger Länder veränderten, seit der Zeit, da ich die Erde verlassen habe, daß jetzt andere Rechte herrschen und vieles von dem früheren Glauben hinfällig wurde. All das hatte mich interessiert und ich wollte nach langer Abwesenheit die Erde mit eigenen Augen besichtigen, um mich zu überzeugen, wie es dort aussieht.

Ich machte mich also auf den Weg und ging durch mir einst bekannte Gegenden und Städte. Es hatte sich tatsächlich vieles geändert. Wie ein Vogel durchflog ich die Länder und wunderte mich, daß an Stelle der alten Metropolen Trümmer waren, an Stelle blühender Fluren sah ich Wüsten und Brandstätten, und dort, wo sich einst Wüsten ausdehnten, traf ich Wasser an oder bestellte Felder und Wiesen, die neue Residenzstädte umgaben, in denen starkes Leben pulsierte. Ich machte manchmal halt, um mir bekannte Häuser und Menschen aufzusuchen; ich frug nach Dingen, die sich zu meinen Zeiten zugetragen hatten, aber niemand konnte mir darauf antworten. Man schüttelte nur die Köpfe und sagte: „Wir wissen nichts davon“, oder: „Wir haben es vergessen.“

Entsetzen packte mich und ein unaussprechliches Leid, denn ich sah, daß diese Erde anders geworden ist und der nicht mehr ähnlich sah, die ich gekannt habe.

Scheinbar, so dachte ich im Schlafe, sind nicht nur Jahre, sondern Jahrhunderte verflossen, seit ich von hier gegangen bin; auf dem Monde ist es schwer, die langen, einander ähnlichen Tage zu zählen, ich habe ihrer wohl viele aus dem Gedächtnis verloren ... Ich komme auf die Erde, die ich nicht kenne und die auch mich nicht mehr kennt.

Und plötzlich fühlte ich mich so namenlos unglücklich! Fremd auf dem Monde, auf dem ich mich nicht einleben kann, und fremd auf der Erde, auf die ich durch irgendein Wunder zurückgekehrt bin — zu spät! Wo ist noch Raum für mich, wo werde ich Ruhe finden?

Ich eilte also weiter durch die Lüfte, eine grenzenlose Leere im Herzen — und nach dem kurzen Tage sank schon die Nacht hernieder. Die ersten Sterne erglänzten am Himmel, als ich mich, durch einen inneren Drang vorwärtsgetrieben, schon über der uferlosen Fläche des Ozeans befand. Unter mir wälzten sich die Fluten wie sich in Windungen schlängelnde Seeungeheuer mit glatter schillernder Haut. Und die goldenen Himmelslichter spiegelten sich in den durchsichtigen Wogen.

Meine Blicke irrten rings umher: hier allein hatte sich nichts geändert. Das Meer war unermeßlich wie früher und ebenso wild bewegt und veränderlich.

Aber während ich noch darüber nachdachte, bemerkte ich, daß sich das Wasser seltsam zu dehnen begann und seine Fluten zu mir emporsandte. Jetzt erst sah ich auch, daß direkt über mir der Vollmond stand. Ich erschrak über die Erscheinung dieser Mondwelt dort in der Höhe und wollte fliehen, irgendwohin, wo ihr Glanz mich nicht erreichte; aber plötzlich fehlten mir die Kräfte. Ich fühlte, daß ich auf die sich immer höher hebenden Fluten hinabfiel; sie aber stiegen und stiegen, warfen mich nach oben, dem Monde entgegen, streckten sich zu ungeheuren, endlos langen Hälsen, heulten in einem wilden Lachen und wurden höher und immer höher. In wahnsinnigem Entsetzen blickte ich nach dem Monde: Er wuchs vor meinen Augen, dehnte sich, nahm schon den halben Horizont ein; der ganze Himmel war von ihm bedeckt, wie mit einem silbergrauen Schleier. Es schien mir, daß in seiner Scheibe die sich herausneigenden Köpfchen der degenerierten Nachkommenschaft Marthas sichtbar wurden und ich ihr boshaftes Rufen hörte:

— Kehre zu uns zurück! Kehre zu uns zurück! Alter Mensch, du bist nicht von der Erde!

Verzweiflung, Entsetzen, Ekel und ein grenzenloses Verlangen, auf der Erde zu bleiben, wenn sie mich auch nicht mehr kennen wollte, alles das durchlief im Sturme meine Seele. Ich stieß einen gellenden Schrei aus und strengte meine ganzen Kräfte an, um gegen die mich in den Weltenraum schleudernden Fluten anzukämpfen. Ich griff mit den Händen nach dem Wasser, schlug mit den Füßen die Luft ...

Vergebens! Ich fühlte plötzlich, daß die Erde statt unter meinen Füßen schon über meinem Haupte war und ich wieder auf den Mond zurückfalle ...

Ein furchtbarer Traum! Eine furchtbarere Wirklichkeit ...

*

Seit unserm EXODUS fünfhundertundein Mondtag.

Tom hat mit seinen beiden ältesten Söhnen zu Schiff die Fahrt nach dem Süden angetreten. Aus seinen Erzählungen schließe ich, daß sie fast bis zum Äquator vorgedrungen sind. Von der weiteren Fahrt hielten sie furchtbare tropische Meeresstürme zurück. Und so mußten sie resultatlos umkehren.

Tom redete nach der Rückkehr lange mit mir. Er sprach viel von seiner Mutter und von Rosa und bedauerte ihren Tod. Dann erzählte er mir von der Expedition und schilderte die Kämpfe und Mühen, die er zu bestehen hatte. Schließlich verfiel er in Nachdenken und sagte, er fürchte, daß dies seine letzte Fahrt gewesen sei.

Ich sah ihn an und konnte es nicht begreifen. Dieser junge Mensch, kaum halb so alt wie ich, ist schon ein Greis. Auf der Erde wäre er jetzt in der Blüte der Jahre. Hier werden die Menschen bedeutend früher reif und altern früher. Desto erstaunlicher ist es, daß ich lebe.

Ich sagte ihm das; er blickte mir in die Augen und antwortete nach einer Weile des Zögerns:

— Ja, aber Ada und meine Kinder sagen, daß du der Alte Mensch bist.

Seltsam klangen diese Worte aus seinem Munde.

— Aber du, entgegnete ich, du, der du mich von deiner Kindheit an kennst, was sagst du über mich?

Tom konnte mir keine Antwort geben.

*

Vierzehn Mondtage nach dem Tode Rosas starb Tom. Er hinterließ zwölf Kinder, fünf von der verstorbenen Frau und sieben von Lilli. Ich habe ihn selbst auf der Friedhofinsel begraben neben den andern Gräbern. Dort ruhen nun schon Martha, Peter, Rosa und Toms jüngstes, dreizehntes Kind, das kurz nach der Geburt gestorben ist.

Lilli ist verzweifelt über den Tod ihres Mannes. Es scheint mir, daß auch sie ihm bald folgen wird.

Nur Ada ist still und gleichgültig.

Der Patriarch des Mondvolkes ist jetzt Jan, der älteste Sohn Rosas und Toms, verheiratet mit der Tochter Lillis.

Ada sagte mir heute mit tiefer Überzeugung, daß ich niemals sterben würde ... Ich weiß nicht, ob sie wahnsinnig geworden ist und mit ihr dieses ganze Mondgeschlecht, das auf sie hört und ihr scheinbar glaubt, oder bin ich wirklich eine seltsam unerhörte Ausnahme zwischen diesen Menschen? ...

Denn in der Tat — woher lebe ich noch?

*

Lilli ist gestorben.

Von dem ersten Mondgeschlecht lebt nur noch Ada.

Seit unserm EXODUS fünfhundertsiebzehn Mondtage ...

*

Die Angst packt mich, denn um mich herum geschieht etwas, das ich nicht verstehen kann und nicht verstehen will, nicht will! ... Dieses Völkchen kam während des Sturmes, der heute noch furchtbarer tobte als gewöhnlich und zu dem sich ein drohender Ausbruch des Otamor gesellte, dieses Völkchen kam zu meiner Behausung mit Opfern, die wahnsinnige Priesterin Ada, der scheinbar der lange Aufenthalt und die Einsamkeit damals im Polarland die Sinne verwirrten, an der Spitze. Schon seit dem an Rosa begangenen Mord, der sie furchtbar erschütterte, bemerkte ich eine Verstörtheit an ihr, jetzt sehe ich, daß sie wirklich geisteskrank ist. Aber ich bin der einzige, der das bemerkt! Die andern verehren sie und halten sie für geheiligt! Und heute, unter ihrer Führung, — es ist furchtbar, es auszusprechen! — beteten sie zu mir, daß ich die Stürme niederwerfen und die unter ihren Füßen wankende Erde beruhigen sollte! Also sie halten mich wirklich für ... Oh, wie grauenhaft einsam bin ich in dieser Gemeinschaft der Irrsinnigen und Degenerierten!

*

Ich habe mich heute an das Ordnen der seit lange verstaubten Bibliothek und meiner Papiere gemacht, und plötzlich überkam mich der Wunsch, alles zu verbrennen — auch dieses Tagebuch.

Ich habe nichts verbrannt. Aber die Bücher und Papiere blieben zerstreut auf dem Boden liegen, und ich habe keine Lust, auch nur die Hand auszustrecken, um sie aufzuheben.

Mögen sie so liegen bleiben. Wenn ich sterbe, wird sie wahrscheinlich niemand mehr anrühren ...

III.

So viele Tage, so viel unendlich lange Tage und Nächte ... Ich glaube, daß ich die Zeitrechnung verloren habe ... Es ist so schwer, die Tage zu zählen, die einander so ähnlich sind wie Wassertropfen; Tage, denen meine alte Erdenuhr nicht nachkommen kann und im Laufe stehen bleibt, ehe die Sonne sich zum Mittag erhebt. Nur mein Herz zeichnet mit seinem Pochen jeden kleinsten Abschnitt der Zeit und wenn ich es frage, welche Stunde es ist, so antwortet es mir: die Stunde der unermeßlichen Sehnsucht! Und wenn ich es frage, wieviel solcher Stunden vorübergegangen sind, antwortet es nur: zu viel! zu viel! So ist es, du mein banges, einsames Herz! Zu viel dieser Stunden, zu viel der Sehnsucht, zu viel schon des Lebens ...

Meine Haare sind lange grau ... Wie lange? Ich weiß es nicht. Dort auf der Erde müssen wohl zwanzig oder mehr Jahre verflossen sein, seit ich die Gräber auf der Friedhofinsel grub und Peter und Martha darin bettete. Dieser Gräber sind es nun schon mehr geworden. Ich habe Ruhestätten für Tom, für Lilli und Rosa gegraben, die noch Kinder waren, als ich mich bereits beugte unter der Last der Jahre. Um mich herum wachsen Urenkel derjenigen auf, die einst mit mir von der Erde auf diese Welt kamen, und ich lebe noch immer.

Das ist so erstaunlich, daß ich mein Wesen schon selbst nicht mehr begreife und fast fähig wäre, mit an diese unter dem Mondgeschlecht verbreitete Legende zu glauben, daß ich niemals sterben werde ...

Ich erinnere mich, auf der Erde, auf meiner geliebten, für immer verlorenen Erde, las ich einmal in dem Buche eines bekannten Naturforschers, daß der Tod eine unbegreifliche und zufällige Erscheinung sei, die sich nicht absolut aus den Bedingungen des Lebens ergeben muß. Die Angst schüttelt mich, wenn ich denke, daß er mich vielleicht vergessen hat und nicht kommen könnte.

*

Wenn ich recht zähle, sind schon fünfzig Jahre vorübergegangen, seit ich mit den verstorbenen Kameraden die Erde verlassen habe.

Von den Menschen, die ich kannte, leben heute wahrscheinlich nur noch wenige; diejenigen, die in der Kindheit von den Wahnsinnigen, die auf den Mond gefahren sind, hörten, werden längst grau sein und die Namen jener Reisenden vergessen haben, die man damals schon für tot und verloren hielt.

Fünfzig Jahre! Wie vieles muß sich seit dieser Zeit auf der Erde geändert haben! Vielleicht würde ich mir einst vertraute Gegenden nicht mehr erkennen. Auch mein Gedächtnis wird schwächer ... Es hat eine Unmenge Einzelheiten aufbewahrt, mit denen ich in den langen Stunden des Nachdenkens spiele, aber ich sehe, daß die Bilder der Erinnerung immer loser werden, einer Mosaik wertvoller, durch meine Sehnsucht glänzender Steine gleich, die schon zerbröckelt und auseinanderfällt.

Ich lege diese Mosaik in Gedanken immer wieder von neuem zusammen; die Steine, die ich im Lauf der langen Jahre verloren habe, ergänze ich durch irgendein trauriges Traumgebilde, und wiederum verändere ich die Bilder und spiele im Alter mit diesen Schätzen der Erinnerung wie ein Kind mit einem Kaleidoskop.

Und wie schimmernde Perlen sind diese Erinnerungen, wenn ich durch meine Tränen auf sie blicke!

Oh, nur ein Tag, eine Stunde dort, auf der Erde! Nur einmal noch Menschen sehen, wirkliche, mir ähnliche Menschen! Gott, wenn ich das Rauschen der Wälder hören könnte, der Tannen und Eichen; noch einmal die im Winde flatternden Blätter der Birke sehen, das Gras auf den Wiesen, den Duft irdischer Pflanzen und Blumen einatmen, dem Gesang der Vögel lauschen, wenn ich nur ein einziges Mal noch die grünen Fluren im Frühling oder im Sommer die goldene Ährenflut sehen dürfte!

Ja, vieles muß sich auf der Erde geändert haben, aber die Menschen sind dieselben geblieben und auch die Bäume, die Blumen und die Vögel!

Manchmal erinnere ich mich an das goldene Märchen, daß die menschliche Seele, vom Körper befreit, nach Gutdünken in den Welten herumwandern könne, auf Sternen und Sonnen. Als ich noch ein kleiner Knabe war, der auf der Erde wohnte, träumte ich davon und dachte an die Reisen im sternenbesäten Weltenraum. Jetzt möchte ich nur noch auf der Erde sein, ewig, ewig auf der Erde! Und wenn mich manchmal die Angst überfällt, daß die Erde heute so anders ist als da ich sie vor fünfzig Jahren kannte, dann erinnere ich mich, daß dort doch auch jetzt noch Menschen sind und Wälder und singende Vögel, daß es dort blühende Fluren und duftende Blumen gibt! Das genügt meinem Geiste, dorthin zu ziehen, wenn er die Freiheit erlangt hat.

Wie lange habe ich den Gesang der Vögel nicht gehört! Und ich erinnere mich an wonnige Maienmorgen, die ganz von Vogelgesang erfüllt waren ... Die Dämmerung beginnt, der Himmel verblaßt, dann färbt er sich allmählich im Osten in zartes Rosa. Eine tiefe, andächtige Stille! Nur das Geräusch der von den Blättern der Bäume herabfallenden großen Tauperlen ist vernehmbar. Da plötzlich das erste kurze, abgebrochene Gezwitscher; das zweite von einer anderen Seite, das dritte, vierte ... Noch eine kleine Weile der Ruhe und dann, als wenn alle Bäume und Sträucher erwacht und lebendig geworden wären: rings umher ein Pfeifen, Singen, Schlagen, Jubilieren! Zunächst kann man die einzelnen Laute noch gar nicht unterscheiden; hier läßt sich die Amsel vernehmen, dort aus dem Walde tönt das Schreien des Habichts, wieder näher die Meisen, die Bachstelzen und Drosseln, die ihre Stimmchen erheben. Hoch oben die Lerche, die in den Lüften schmettert, und in lauschigen Büschen schlägt die Nachtigall. Ein jubelnder Chor, und die Luft, die Blätter und Blumen und Gräser erzittern ... Die Welt hat sich indessen erhellt, der Himmel wird röter und röter, bis endlich die goldene Sonne am Firmament emporsteigt ...

Hier schleicht sie langsam und träge, diese Sonne! Man könnte fast glauben, daß sie sich nicht beeilt, weil keine süßen Stimmen sie rufen. Die mehrstündige graue Dämmerung, während der die Gegend in Frost und Schnee erstarrt und traurig daliegt, belebt kein Vogelgesang ... Hier erhebt sich die Sonne über einer toten Welt, die in eine grauenhafte Stille gehüllt ist. Nur der Mensch, der von einem fernen Gestirn gekommen, unterbricht die bange Lautlosigkeit durch seine Gegenwart; ein Kind, das erwacht, weint leise, oder ein verwilderter Hund heult in der Höhle, aus der er irgendein kleines Mondungeheuer verjagt hat, um vor der Kälte Schutz zu suchen. Still ist es, still, während des ganzen langen, unendlich langen Tages! Ein Sturm, der sich erhebt, das Meer, das um die Felsen braust, oder das entfernte Dröhnen eines Vulkans, sonst nichts, nichts ...

*

Heute steht mir alles, was ich erlebt habe, so klar vor der Seele! Ich durchwühle die vergilbten Blätter des Tagebuches, und wenn ich für eine Minute die Augen schließe, so scheint es mir, daß ich das Geräusch des Wagens höre, der uns durch die fürchterlichen Mondwüsten fährt, daß ich diesen grundlosen Himmel über mir sehe und die in seiner Dunkelheit leuchtende Erde. Die mächtigen Berge, die sich im Schatten im tiefsten Schwarz der Kohle malen und im Glanz der Sonne, die strahlenlos zwischen den verschiedengefärbten Sternen zu der eine immer engere Sichel bildenden Erde wandelt, in allen Regenbogenfarben spielen. Und dann tauchen die ersten Jahre, die ich hier am Meeresstrande verlebte, vor meiner Erinnerung auf. Durch die geschlossenen Augenlider sehe ich Martha, traurig und blaß, und Peter und diese wonnigen Kinder, die heute schon nicht mehr sind. Nur Ada ist noch am Leben, aber sie scheint sich nicht mehr an die Eltern zu erinnern, obwohl sie das, was sie durch mich von ihnen gehört hat, mit phantastischen Zutaten vermischt, dem neuen Geschlecht erzählt. Sie war noch so klein, als sie gestorben sind. Heute ist sie nach mir die älteste auf dieser Welt, und diese Zwerge verehren sie fast ebenso wie mich, nur mit dem Unterschied, daß sie mich auch noch fürchten, obwohl ich, Gott ist mein Zeuge, nicht weiß weshalb, denn ich habe ihnen niemals etwas zuleide getan.

Eins ist wahr. Ich kann nicht mit ihnen umgehen wie mit mir gleichen Geschöpfen. Manchmal machen sie sogar den Eindruck von seltsam einfältigen Tieren auf mich. Schon das erste hier geborene Geschlecht war von uns, den von der Erde Gekommenen, grundverschieden. Tom und seine Schwestern sahen als erwachsene Menschen neben mir wie Kinder aus. Ihre Größe wie ihre Kräfte haben sich schon den Bedingungen dieser Welt angepaßt: ihren kleineren Maßen und dem verringerten Gewicht der Dinge. Dem heutigen Geschlecht gegenüber bin ich ein wahrer Riese. Die Enkel Marthas, schon erwachsene Menschen, die hier erstaunlich früh reifen, reichen mir kaum bis zu den Hüften und beugen sich unter der Last von Gegenständen, die ich mühelos mit einer Hand aufhebe. Trotz des überaus zarten Körpers sind sie jedoch von robuster Gesundheit und gegen Hitze und Kälte abgehärtet.

Die langen Nächte verschlafen sie zum größten Teil, aber wenn es nottut, arbeiten sie auch bei der empfindlichsten Kälte mit einer Ausdauer, die meine Bewunderung erregt.

Die geistige Entwicklung dieser Zwerge ist gänzlich zurückgeblieben. Die armseligen Brocken der Zivilisation, die wir von der Erde mit hierhergebracht haben, was ist aus ihnen geworden? Ich blicke um mich und habe den Eindruck, mich unter Wesen zu befinden, die auf die Bezeichnung „Mensch“ kaum einen Anspruch mehr haben. Sie können lesen und schreiben, aus Erz Metalle schmelzen und Fallen stellen und Kleider nähen; sie bedienen sich des Feuers, wissen sogar mit der Verwendung verschiedener Meßinstrumente Bescheid, sprechen mit mir in ziemlich reinem Polnisch und verstehen so leidlich den Inhalt französischer und englischer Bücher, aber untereinander reden sie ein erbärmliches Kauderwelsch, das sie sich aus polnischen, englischen, malabarischen und portugiesischen Worten zusammenwürfeln. Unter ihren engen Schädeln fließen die Gedanken träge und schwerfällig und es scheint, daß sie sie nur mit der größten Anstrengung zu Worten formen, dabei mit den Händen gestikulierend und Grimassen schneidend, wie Wilde irgendwo im Innern Afrikas oder auf den südlichen Grenzen des amerikanischen Kontinents ...

Und eine unermeßliche Trauer erfüllt mich, wenn ich auf diese dritte Generation der von der Erde hierhergekommenen Menschen blicke! Und diese Trauer wird dadurch um so größer, daß ich mich in dem Gefühl des eigenen Höherstehens einer gewissen Nichtachtung diesen armen Halbmenschen gegenüber nicht erwehren kann und mich gleichzeitig als Mitschuldiger an dem hier begangenen Verbrechen betrachten muß. Denn wir haben tatsächlich verbrecherisch die Würde des Menschengeschlechts geschändet, indem wir ihm erlaubten, sich auf diesem für seine Entwicklung nicht geeigneten Globus fortzupflanzen. Die Natur ist ebenso unerbittlich da, wo sie im Triumphzuge vorwärtsschreitet und, ihr Werk des Emporstrebens erfüllend, immer neue und immer höhere Formen schafft, wie auch dort, wo sie beleidigt zurückweicht und das widerruft und verneint, was sie geschaffen hat. Vergeblich habe ich mit ihr gerungen, vergebens versucht, dieses Mondgeschlecht auf der geistigen Höhe zu erhalten, die die Menschen auf der Erde erklommen haben. Das einzige und unerwartete Resultat all meiner Bemühungen ist diese mit heiliger Furcht vermischte Verehrung, die sie mir entgegenbringen. Ich bin für sie nicht nur ein Riese, sondern ein geheimnisvolles Wesen, das weiß, was sie nicht wissen, und versteht, was sie zu verstehen nicht fähig sind.

Und dabei erzählt ihnen Ada immer wieder von neuem, daß im Norden ein Land liegt, wo die Sonne nicht untergeht, daß sich eine grenzenlose Wüste dort erstreckt und über dieser Wüste ein mächtiger goldener Stern leuchtet, von dem ich auf den Mond gekommen sei. Ist das nicht genug, um die Köpfe dieser armen Degenerierten zu verwirren? Sie waren niemals dort und haben die leuchtende Erde nie gesehen, aber Ada war mit mir im Polarlande und erzählt ihnen Wunder, und sie hören ihr mit angehaltenem Atem zu und blicken ängstlich auf mich, auf meine im Verhältnis zu ihnen riesenhafte Gestalt.

Und so bin ich vereinsamt unter ihnen!

*

Es ist Nacht. Ich kann leider nicht dreihundert Stunden hintereinander schlafen wie diese Mondleutchen, und bin nun allein mit meinen trüben Gedanken.

Ich sitze verlassen in dem alten Hause, das ich einst mit Martha und Peter erbaut habe; am Tage schleichen diese Zwerge um den Teich herum und schauen mir neugierig zu. Obwohl sie mich seit ihrer Kindheit kennen, wagt es keiner von ihnen, zu mir hereinzukommen. Nur Ada erscheint regelmäßig zu bestimmten Tageszeiten, bringt mir meine Nahrung, ordnet was notwendig ist, und wenn sie mich zu Hause antrifft, stellt sie mir immer dieselben gleichgültigen Fragen; dann sitzt sie noch einige Stunden schweigend auf der Schwelle und entfernt sich, mich wieder meinen Gedanken überlassend.

Es scheint, daß sie diese Besuche als eine Art Pflicht mir gegenüber und gewissermaßen als Zeremonie, die dem „Alten Menschen“ gebührt, auffaßt.

Diese Frau, die scheinbar vollständig klar und bei Sinnen ist, lebt in einem seltsamen Wahn. Sie hält mich für ein übermenschliches Wesen, das diese Mondwelt beherrscht, und bildet sich ein, meine Priesterin und die Prophetin dieses Volkes zu sein, das unerschütterlich an sie glaubt.

Sie verkündet den Kindern Toms eine neue phantastische Religion, die sich aus der Heiligen Schrift, meinen Erzählungen von der Erde und unserer Ankunft hier zusammensetzt. Anfangs versuchte ich, auf alle erdenkliche Art der Verbreitung dieser Irrlehren, in deren Mittelpunkt ich selber stehe, entgegenzuarbeiten, aber ich überzeugte mich schließlich, daß ich in dieser Beziehung vollständig machtlos bin. Ich setzte Ada lang und breit auseinander, daß ich genau derselbe Mensch sei wie all die andern auf dem Monde und wie auch ihre Eltern es gewesen, an die sie sich ja noch erinnern müsse. Ich versuchte ihr klar zu machen, daß meine der späteren Generation überlegene Kraft und Körpergröße nur darin ihren Grund haben, daß ich auf einem anderen, größeren Planeten, nämlich auf der Erde geboren bin. Sie hörte aufmerksam und schweigend zu, und als ich endlich ungeduldig wurde, flüsterte sie, mich mit einem flüchtigen Lächeln streifend:

— Und wie konntest du, Alter Mensch, von der Erde hierher gelangen und meine Eltern hierher bringen, was kein anderer gekonnt hätte? Woher weißt du, was kein anderer weiß? Und vor allem, warum stirbst du nicht wie die andern?

Ich schalt sie und verbot ihr ein für allemal, derartige Märchen von mir zu verbreiten, aber alles war vergebens. Einige Stunden später hörte ich, wie sie zu Jan, der jetzt der Mondpatriarch ist, und der gerade zu mir gehen wollte, sagte:

— Der Alte Mensch ist unwillig; der Alte Mensch will nicht, daß man wisse, daß er ... ein Alter Mensch ist.

Jan wurde traurig.

— Das ist schlimm, das ist sehr schlimm, denn ich wollte ihn gerade bitten, einen Stein unter mein Haus zu schieben, den ich mit meinen Söhnen zusammen nicht von der Stelle bringen kann.

— Man muß ihn durch Bitten umstimmen, sagte Ada. Bringt nur viel Schnecken, Salat und Bernstein, das werde ich ihm geben. Und vor allem, — hier legte sie den Finger an den Mund — sprecht nichts vor ihm! Wehe! Denn er will es nicht.

Ich trat aus der Ecke, von der aus ich der ganzen Unterredung zuhörte, hervor, machte Ada abermals Vorwürfe und begab mich zu Jans Haus, um ihm den Dienst zu erweisen, von dem er gesprochen hatte. Beim Fortgehen hörte ich noch, wie Ada dem bekümmerten „Patriarchen“ zuflüsterte:

— Siehst du, er hört und weiß alles!

Wie ist in Adas Gehirn dieser Wahnsinn entstanden? Ich weiß es nicht, bin aber fest überzeugt, daß er den Inhalt ihres ganzen Wesens bildet und der Grund des großen Ansehens ist, das sie unter dem Mondvolke genießt. Rosa und Lilli fürchteten sie, so lange sie lebten, ja sogar Tom, der ihr gegenüber nicht immer zum Nachgeben geneigt war, zitterte vor ihr. Heute würden seine Kinder es nicht wagen, sich irgendeinem ihrer Befehle zu widersetzen. Mich empört es, daß sie diese Verwirrung in den armen Köpfen der bedauernswerten Zwerge anrichtet und gleichzeitig empfinde ich das innigste Mitleid mit ihr, denn ich fühle, daß sie in ihrem Irrsinn lichte Momente hat, während deren sie sich anscheinend klar darüber ist, daß sie in Hirngespinsten lebt, und dadurch entsetzlich leidet ...

Ich erinnere mich an einen Vorfall, der mir das so recht zum Bewußtsein brachte: Es war bereits nach Mitternacht, als Ada zu mir kam. Ich staunte über ihren Besuch zu so ungewöhnlicher Zeit, vor allem der empfindlichen Kälte wegen, während der man das Haus des Nachts nicht gut verlassen konnte.

Sie traf mich über ein Buch geneigt und da sie mich nicht zu unterbrechen wagte, setzte sie sich still auf eine Bank in der Ecke des Zimmers. Ich sah, daß sie mit mir sprechen wollte, aber ich tat absichtlich, als wenn ich sie nicht bemerkte. Ada saß eine Zeitlang schweigend da, bis sie sich mir endlich näherte und leise, ganz leise meine Schulter mit der Hand berührte:

— Herr ...

Ich wandte mich schnell zu ihr; so hatte sie mich noch niemals angeredet. Sie nannte mich immer nur „Alter Mensch“, und als ich jetzt das Wort Herr hörte, stiegen geteilte Empfindungen in mir auf. Halb war es Freude darüber, daß jemand in altgewohnter menschlicher Weise zu mir sprach, und andererseits empörte mich wiederum diese Anrede.

— Herr ... kam es von neuem von Adas Lippen.

— Was willst du, Kind? fragte ich so sanft ich nur konnte. Ich mußte diese Frage einige Male wiederholen, bis sie mir endlich antwortete.

— Ich wollte fragen, ich wollte wissen ...

— Was?

— Herr, ich weiß nichts! rief sie plötzlich mit einer Verzweiflung in der Stimme und in den auf mich starrenden Augen, daß ich die Vorwürfe, die ich ihr abermals wegen ihrer dem Mondvolk erteilten falschen Lehren machen wollte, gewaltsam zurückdrängte. Sie indessen fuhr fort:

— Ich weiß absolut nichts ... und ich wollte dich bitten, daß du mir endlich sagen mögest, was das alles bedeutet; wer du eigentlich bist und was wir sind? Ich sehe dich unter uns, einsam und alt, stark und groß, aber ich glaube, soweit ich mich noch an meine Eltern erinnere, daß sie ebenfalls anders waren als wir heute, dir ähnlich ....

Sie verstummte, und nach einer Weile wiederholte sie, mir in die Augen schauend:

— Sage, wer du bist und was wir sind?

Und in meiner Brust drängten sich die widerstreitendsten Gefühle. Es schien mir zwar, daß ich ihr auf diese Frage schon oft und vor langer Zeit geantwortet habe, aber trotzdem gärte in mir ein Verlangen, zu sprechen, menschlich zu sprechen zu diesem Weibe, das endlich einmal menschlich denkend und fühlend vor mir stand. Eine tiefe Rührung kam über mich; mein Herz wurde weich, und Tränen traten mir in die Augen und schnürten mir die Kehle zu, daß ich zunächst keinen Laut hervorbringen konnte. Nach einer Weile wiederholte ich ihre Worte wie ein Echo:

— Wer ich bin! ...

Es schien mir, daß ich es eigentlich selbst nicht mehr recht wußte ... Und Ada fragte abermals:

— Ja, wer du bist, Herr ... Wir nennen dich alle der „Alte Mensch“, aber ich dachte heute lange nach ... und bin zu dir gekommen, dich anzuflehen, sage mir die Wahrheit, ob du wirklich der Alte Mensch bist?

Diesen meinen Namen, den sie selbst hier verbreitet hatte, sprach sie jetzt mit einer abergläubischen Furcht aus und dämpfte dabei geheimnisvoll ihre Stimme.

— Ich will wissen, sagte sie weiter, ob du wirklich von dort, von jener Erde, die ich gesehen habe, hierhergekommen bist und du alles tun kannst, was du willst. Und ob du niemals sterben wirst und wir, wenn du uns, auf die Erde zurückkehrend, verläßt, der Vernichtung anheimfallen, so wie wir es denken?

Sie sagte das alles fast in einem Atemzug, und ihre glänzenden, unruhig flackernden Augen starrten auf mich.

Und was sollte ich ihr antworten? Vor einem Augenblick noch wollte ich ihr mein ganzes Innere enthüllen, noch einmal so recht von Herzen sprechen, ihr alles sagen, was ich schon so oft gesagt hatte, und von der Erde reden, von unserer Ankunft hier, von meinen verstorbenen Kameraden, aber als ich ihre Worte hörte, stieg plötzlich die Überzeugung in mir auf, daß alles vergeblich sein würde. Sie will nun einmal in dem Glauben bestärkt sein, daß ich der „Alte Mensch“ sei, das heißt, nach ihren Begriffen ein übernatürliches Wesen.

Ich suchte und konnte lange keine Worte finden.

— Warum fragst du mich, sagte ich endlich. Ich habe es dir doch schon so oft erklärt.

— Ja ... aber ich möchte, daß du mir ... die Wahrheit sagst!

Ich erinnerte mich, daß vor vielen, vielen Jahren der kleine Tom ähnlich zu mir gesprochen hatte, als ich ihm die Erde zeigte und erzählte, daß ich von dort gekommen wäre. „Onkel, sage mir jetzt die Wahrheit!“ hatte er mir damals geantwortet.

— Sage mir, drängte Ada weiter, sage, ob es wahr ist, daß du mit meinen Eltern von jenem mächtigen Stern gekommen bist, den du Erde nennst.

Sie faßte mich bei der Hand und starrte mich mit flammenden Augen an. Niemals hatte ich sie so gesehen.

— Sage es mir! rief sie, denn ich wiederhole es diesen Leuten und sie glauben an dich!

Die letzten Worte stieß sie wie einen Angstschrei hervor, der mich geradezu entsetzte. Ich hätte niemals gedacht, daß in diesem stillen, halb geisteskranken alternden Mädchen noch derartige Seelenkämpfe toben und ein so heißes Gefühl flammen kann. „Sie glauben an dich!“ Darin faßte sie in diesem Augenblick die ganze Tragödie ihres Lebens zusammen. Sie hat dem Mondvolke einen neuen phantastischen Glauben geschaffen, und jetzt, da sich in ihr plötzlich der Zweifel an dem regte, was sie selbst verkündete, kam sie zu mir, um aus meinem Munde die Bestätigung ihrer Lehre zu hören. „Und sie glauben an dich!“ In diesem Schrei lag etwas wie eine Klage darüber, daß diese Menschen so arm und so elend mir gegenüber sind, und zugleich auch die flehentliche Bitte, ihnen nicht das Höchste, ihren Glauben, zu nehmen.

Ich blickte sie lange an und es schien mir, daß in ihren Augen Tränen glänzten.

— Ada, willst du daran glauben, was ich dir jetzt sagen werde?

— Ich will glauben, ich will glauben!

Ich zögerte einen Augenblick: Sollte ich vielleicht die irdische Herkunft verleugnen? Wenn ich in ihnen den Glauben erweckte, daß ich auf dem Monde geboren bin wie sie, würden sie am Ende aufhören, mich für ein höheres Wesen zu halten? Aber plötzlich erschien es mir als etwas so Ungeheuerliches, die Erde zu verleugnen, daß mir bei dem bloßen Gedanken daran der Schweiß auf die Stirne trat. Mag kommen was will; ich beschloß, Ada auseinanderzusetzen, daß ich zwar ein alter Mensch bin, aber durchaus nicht „der Alte Mensch“, wie sie es verstehen, und daß sie das endlich begreifen müßten, wenn ihnen auch der Verlust ihres Glaubens oder besser des unter ihnen verbreiteten Aberglaubens schmerzlich wäre.

— Ich bin in der Tat von der Erde hierhergekommen, begann ich, aber Ada ließ mich nicht zu Ende sprechen.

— Also das ist wahr, rief sie, das ist wahr?

Ich nickte schweigend mit dem Kopfe. In diesem Augenblick warf Ada sich mir zu Füßen und umschlang meine Knie.

— Ich danke dir, Alter Mensch, und bitte dich, mir zu verzeihen, daß ich es wagte ... jetzt weiß ich, daß du der Alte Mensch bist!

Ich sah sie erstaunt an. In ihren Augen, die eben noch klar und verständig auf mir geruht hatten, brannte jetzt wieder dieses unheimliche Feuer; ihre Hände zitterten, und ihre Wangen bedeckten rote Fieberflecke.

— Ich danke dir, Alter Mensch, wiederholte sie, ich werde gehen und es dem Volk verkünden ...

Ehe ich mich noch von dem Erstaunen über diese unerwarteten Worte Adas erholen konnte, war sie verschwunden. Es blieb mir keine Zeit, sie zurückzuhalten oder zu rufen.

Diese Frau ist zweifellos wahnsinnig, und ich wundere mich nur, daß die Nachkommenschaft Toms ihren Worten so bedingungslos glaubt; ich wundere mich, daß all diese Märchen einen so ergiebigen Boden bei diesen Degenerierten gefunden haben.

Ich denke oft darüber nach, wie das alles gekommen ist. Ich bin wohl auch zum Teil selbst daran schuld: Ich hatte mich zu sehr von dem neuen Mondgeschlechte zurückgezogen, und als ich bemerkte, daß es meine Person mit einer Legende umgab, hielt ich das zuerst für eine Kinderei und bemühte mich nicht genügend, sie im Keim zu ersticken. Als ich endlich die Tragweite zu ermessen begann und dagegen auftreten wollte, war es zu spät.

Schon zu Toms Lebzeiten bemerkte ich, daß unter seinen Kindern phantastische Gerüchte über mich herumgingen. Aus zufällig gehörten Worten entnahm ich, daß sie mein Wissen und meine im Verhältnis zu ihnen ungewöhnliche Kraft für etwas Übernatürliches hielten. Ich galt in ihren Augen zum wenigsten für einen mächtigen Gaukler. Tom hat zwar diese Ansicht nicht verbreitet, ihr aber, soviel ich weiß, auch nicht widersprochen.

Mir selbst erschien das anfangs als eine harmlose Unterhaltung, bis nach dem Tode Toms die Dinge eine ernste Bedeutung annahmen. Ich fürchte, daß ich heute für dieses Volk weit mehr bin als ein Gaukler. Sie glauben, daß ich alles weiß und kann und wenn ich nicht immer das tue, was sie von mir erbitten, so geschieht das in ihren Augen nur, weil ich es nicht will. Haben sie mich doch in allem Ernste gebeten, die Stürme zu beschwichtigen und mir gesagt, daß Ada dies leider nicht gelinge, trotzdem sie in meinem Namen die Elemente beschwört. Und sie sandten sie zu mir, denn — ich kann alles!

Ein anderes Mal fragte mich Jan ganz geheimnisvoll, wann ich sie zu verlassen und auf die Erde zu gehen beabsichtige. Ada hat ihnen prophezeit, daß dies unzweifelhaft geschehen wird, und sie fürchten mein Fortgehen!

Aber wie dem auch sei, ich sehe mit tiefem Schmerz auf das, was in den Köpfen dieses Geschlechts vorgeht. Ich kann nichts daran ändern; vielleicht bin ich auch zu träge, den Kampf mit dieser Naivetät aufzunehmen. Alles quält mich, alles drückt mich zu Boden. Ich bin froh, wenn ich einen Augenblick vergesse, wo ich bin und was um mich herum geschieht, und mit geschlossenen Augen wachend von der Erde träumen kann.

Dort sind Menschen, wirkliche Menschen, und Wälder, Vögel, Wiesen, duftende Blumen ...

Oh, dort! ...

Und ich sehne mich immer glühender, auf ewig von hier fortzugehen!

Ach, wenn ich es könnte, wie sie denken, auf die Erde zurückkehren! Ich bin ganz erfüllt von diesem Gedanken an die Erde. Womit ich mich auch beschäftige, er kehrt immer wieder und läßt mir am Tage und in der Nacht keine Ruhe. Wenn ich einschlafe, gleiten phantastische Bilder an meinen Augen vorüber, aber alle sind Variationen des einen Motivs: Erde! Erde! Erde! ...

Einst, als ich noch dort lebte, waren das für mich verschiedene Länder, verschiedene Erdteile und Völker und Gesellschaften, jetzt hat sich alles zu einem Gedanken verschmolzen, zu einer einzigen Liebe und Sehnsucht. Ich kann aus der Entfernung nicht mehr die Jahre, die Grenzen der Staaten, noch die Völker verschiedener Zungen und Glaubensbekenntnisse unterscheiden. Die ganze Menschheit fließt in meiner Seele zu einem unzertrennlichen Ganzen, mit Tieren, Pflanzen und dem Erdball selbst zusammen, und alles das leuchtet und glänzt und strahlt in meinen Gedanken wie dort am schwarzen Himmel über den Wüsten!

Erde! Erde! Erde!

*

Ich erinnerte mich heute an Tom, an jene glücklichen Zeiten, als er noch ein Kind und mein unzertrennlicher Kamerad und Freund war. Und jetzt in der stillen kalten Mondnacht tauchen vor den Augen des Verlassenen, Einsamen farbenschillernde bunte Bilder aus seinen Knabenjahren auf.

Und wenn ich so sehnsüchtig an ihn zurückdenke, empfinde ich klar und schmerzlich, daß er der einzige Mensch aus dem neuen Geschlecht war, den ich wirklich liebte. Und wie lebhaft interessierte mich alles, was ihn betraf!

Er entwickelte sich erstaunlich schnell, scheinbar unter den Einwirkungen der Bedingungen dieser Welt. Als er vierzehn Jahre zählte, war er bereits ein erwachsener, reifer Mensch. Die beiden älteren Schwestern wuchsen auch schon heran. Ich blickte auf sie wie auf blühende Blumen, die ihrer Reize noch unbewußt, aber schon wonnig und vielleicht instinktiv fühlen, daß sie reizvoll sind, — daß sich in ihnen ein Geheimnis erfüllt, eine unerklärliche Macht von ihnen ausgeht, durch die sie wertvoll und begehrenswert sind.

Ihr Verhalten Tom gegenüber änderte sich vollständig. Früher waren sie zwei Dienerinnen, zwei kleine Schmetterlinge, die um seinen hellen Kopf herumflatterten, nur die Gelegenheit suchend, ihm zu gefallen oder ihm nützlich zu sein. Er dagegen, seine große Übermacht über die Schwestern fühlend, hielt dieses Verhalten der Mädchen ihm gegenüber für etwas ganz Natürliches. Er machte sich auch nicht viel aus ihnen, und wenn er wirklich einmal in einer zärtlichen Anwandlung die üppigen weichen Haare einer der Schwestern streichelte oder gar küßte, so tat er dies immer mit der herablassenden Miene eines gütigen Herrschers, der die Anhänglichkeit seiner Untertanen zu belohnen geruht, aber auch dafür Sorge trägt, daß sie nicht etwa durch zu viele Beweise seiner Gunst und Zufriedenheit übermütig werden. Dieses Verhältnis Toms zu den Schwestern empfand ich oft peinlich und unangenehm und ich ermahnte den Knaben wiederholt, wenn ich sah, daß er den Schwestern gegenüber egoistisch und rücksichtslos war und dafür von ihnen noch verlangte, daß sie ihn lieben sollten. Ich ahnte nicht, daß sich das, für eine gewisse Zeit wenigstens, vollständig ändern würde.

Bald begannen nämlich die Mädchen ihren Stiefbruder zu meiden und in ihren Liebesäußerungen zurückhaltender zu sein. Manchmal nur, wenn er es nicht sah, blickten sie heimlich und verstohlen nach ihm und erröteten, wenn er sich ihnen näherte. Im Verhältnis wie sie Tom gegenüber kühler wurden, wuchs ihre Herzlichkeit untereinander.

Diese Veränderung ging so schnell und unmerklich vor sich, daß ich mir, als ich sie bemerkte, nicht klar darüber war, wie und wann sie eigentlich begonnen hatte. Nur das eine fühlte ich, wenn ich diese drei ... die noch Kinder waren, nach irdischen Begriffen urteilend, betrachtete, daß sich hier vor meinen Augen eine vollständige Umwälzung vollzog, von der Natur, die zeugen will, bewirkt, obwohl sie sich später an den Werkzeugen und Werken ihres eigenen Willens grausam rächen sollte.

Das waren keine Geschwister mehr: das waren zwei Frauen und ein Mann ... Sie selbst verstanden das natürlich noch nicht. Tom bemühte sich mit den Schwestern wie früher zu verfahren, aber es wurde ihm immer schwerer den rechten Ton zu finden. Er verlor die Sicherheit und wurde verwirrt in ihrer Gesellschaft. Diese stillen, schmächtigen Mädchen hatten jetzt entschieden das Übergewicht über den zukünftigen Herrscher der Mondwelt erlangt. Jetzt diente er ihnen, statt sie als Dienerinnen zu benützen. Er brachte ihnen Nahrung, kümmerte sich um ihre Bekleidung, ihre Bequemlichkeiten und Zerstreuungen; er sammelte bunte Muscheln und Bernstein für sie, die sie sich dann in die Haare flochten, oder fuhr sie zu schönen Tageszeiten im Kahn aufs Meer hinaus. An diesen Ausflügen nahm ich gewöhnlich teil, denn, es ist seltsam, die Mädchen, die mit Tom erzogen waren und bisher die ganzen Tage mit ihm verbracht hatten, wollten durchaus nicht mehr allein mit ihm sein. Manchmal schlug ich Tom vor, mich, weil ich stärker und erfahrener war, rudern zu lassen, aber er ließ es nie zu. Ich bemerkte wohl, daß ihm nicht daran lag, mich zu schonen, sondern vielmehr sich vor seinen Schwestern in seinen Kraftleistungen und in seiner Geschicklichkeit zu zeigen.

Eine uralte, ewig neue Komödie spielte sich vor mir ab, und ich sah ihr gerne zu. Es schien mir, daß ich drei Vögel vor mir habe und meine Hand auf ihre pochenden Herzen halte; ich weiß genau, wie diese Herzen schlagen: und verstehe sogar, was sie selbst noch nicht verstehen. Ich glaube, daß dies die einzige Zeit seit Marthas Tod war, wo ich mich fast glücklich fühlte.

Von diesen Kindern, in denen sich das große Geheimnis des Lebens und der Liebe vollzog, wehte es zu mir wie frische Frühlingsluft. Und das sind heute schon alte Erinnerungen! Voll Rührung rufe ich sie mir ins Gedächtnis zurück, denn ich habe auf diesem Globus nicht viel Tage erlebt, an die ich mich mit Freude und ohne Schmerz erinnern könnte. Nur eins — und das ist wieder die furchtbare Ironie des Lebens! Die Liebe Toms zu Lilli und Rosa, denn beide liebte er gleich, deren Anblick mein Herz höher schlagen ließ und neu belebte, brachte auch dieser Welt das degenerierte Geschlecht, mit dem sich nun langsam die Gegend der Warmen Teiche bevölkert.

So oft mir das in den Sinn kommt, schüttle ich mich, als wenn ich in einem Rosenkorb plötzlich ekelhafte Würmer gefunden hätte.

Übrigens bin ich vielleicht ungerecht diesen Zwergen gegenüber. Sie sind vor allem arm, so arm, daß mein ganzes Inneres sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ich sie nur ansehe. Tom stand himmelhoch über ihnen. Oft denke ich an seine zarte, schmiegsame Gestalt ... Er war energisch und verständig und hatte in den Augen noch das, was ich vergebens in den Blicken seiner Kinder suche: die Seele.

Das alles ist so schmerzlich für mich, daß es mir fast schwer fällt, es niederzuschreiben.

Und warum mußte es so geschehen und nicht anders? Eine schwerwiegende Frage, auf die es keine Antwort gibt! Weil wir hierhergekommen waren, weil Tomas starb und Martha mit uns beiden zurückließ, weil ich auf sie verzichtet habe, obwohl ich ihrem Herzen näher stand, weil sie gestorben ist und ich leben blieb, das heißt, immer diese eiserne, unerbittliche Notwendigkeit, die die Sterne leuchten läßt und wieder auslöscht und sich um die Wünsche und das Glück des Menschen kümmert wie der Wind um ein Körnchen des Sandmeeres, das er davonträgt.

*

Ich lese, was ich auf diesen Blättern in der letzten Nacht niedergeschrieben habe und frage mich unwillkürlich, warum und für wen ich das niederschreibe ...

Damals, als ich die Erlebnisse während der Fahrt durch die öde Wüste notierte, als ich unsere ersten Jahre auf dem Monde beschrieb, dachte ich, daß ich dieses Tagebuch den Mondvölkern zurücklassen würde, damit ihre künftigen Geschlechter erfahren, wie wir hierhergelangt und was wir alles erdulden und durchkämpfen mußten, bis es uns gelungen ist, erträgliche Lebensbedingungen zu finden. Aber heute ... Das ist doch lächerlich — dieser Gedanke! Die Mondvölker, so wie sie sind, werden das niemals lesen. Und ich will nicht einmal, daß sie es lesen sollen. Was geht das sie an? Was gehen sie meine Erlebnisse, Gefühle, Schmerzen an? Könnten sie sie verstehen? Würden sie in diesen Blättern etwas mehr als eine phantastische und für sie unklare Erzählung erblicken? Und übrigens, warum sollen sie, wenn sie es begreifen könnten, wissen, daß sie degenerierte Nachkommen einer erhabenen Rasse sind, die mit ihrem Geiste über ein fernes und schönes Gestirn herrscht? Von dem Tage an, wo sie das erfahren würden, könnten sie nur noch Sehnsucht, Scham und Schmerz empfinden, so wie ich, wenn ich sie betrachte. Möge denn die hiesige Menschheit lieber gänzlich vergessen, was sie einst auf einem anderen Planeten gewesen ist und von keiner „metaphysischen Sehnsucht“ gequält werden.

Heute schreibe ich dieses Tagebuch so recht eigentlich nur für mich. Wenn ich davon träumen dürfte, es durch irgendein Wunder auf die Erde zu befördern, würde ich es wie einen Brief an meine früheren Brüder richten und auf jeder Seite die blühenden Fluren grüßen und segnen; die Getreidefelder, Blumen und Früchte, die Wälder und Gärten, die Menschen und Tiere und alles, alles, was mir in der Erinnerung so namenlos teuer ist!

Aber ich weiß nur zu gut, daß dies niemals geschehen wird, daß ich nicht ein einziges kleines Wort auf die Erde schicken kann, zu der ich mich nur in Gedanken und mit den Augen erhebe, wenn ich manchmal, von der Sehnsucht getrieben, nach dem Polarlande pilgere, um meine über den Wüsten leuchtende Heimat zu sehen.

Ich schreibe also für mich, ich plaudere mit mir selbst wie alle Greise. Und wenn es mir hier und da gelingt, mich für einen Augenblick der Täuschung hinzugeben, daß ich das alles den Menschen mitteile, die auf der Erde geblieben sind, dann schlägt mein Herz schneller und meine Augen leuchten, denn es scheint mir, daß ich einen Faden spinne zwischen mir und diesem Hunderttausende von Kilometern entfernten heimatlichen Planeten!

Dann möchte ich gern die kleinsten Einzelheiten aus meinem armen Leben hier erzählen, meine Gedanken beichten und meine Schmerzen klagen und über die seltenen kurzen Freuden Bericht erstatten ...

Ach ... dieser Freuden gab es wahrlich nicht viele!

*

Dann schrieb ich ausführlich über den einzigen Frühling, den ich auf diesem traurigen Globus erlebte, indem ich mich der erwachenden Liebe zwischen Tom und den Mädchen erfreute.

Vielleicht hätte ich bei ihnen bleiben sollen, aber ich glaubte, wenn ich für einige Zeit von ihnen ginge, jenen zauberischen Frühling zu verlängern, und ich wollte erst zu der Zeit des Jahres zurückkehren, wo ich die reife Frucht vorfände.

Ich alter Narr! Es wäre kein kleineres Wunder gewesen, einen herabfallenden Stein dadurch aufzuhalten, daß man sich von ihm abwendet. Das Leben ging seinen gewöhnlichen Gang!

Als ich nach einigen Mondtagen, die ich im Polarlande verbracht hatte, ans Meer zurückkam, begrüßte mich Tom mit einer seltsamen Würde und führte mich in das alte Haus, das wir vorher gemeinsam bewohnt hatten.

— Hier ist dein Haus, sagte er, so wie du es verlassen hast. Wir haben nichts angerührt. Nur Ada hat während deiner Abwesenheit hier gewohnt und deine beiden alten Hunde, die du zurückgelassen hast.

— Und du? frug ich, und die älteren Mädchen? Wo seid ihr gewesen?

Tom sah sich um. Ich folgte seinem Blick und bemerkte jetzt erst, daß sich nicht weit, am Ufer des höheren warmen Teiches, ein beinahe fertiges neues Häuschen erhob.

— Ich habe mir ein neues Haus gebaut, sagte Tom.

— Wozu? frug ich mit unverhüllter Verwunderung.

Tom zögerte einen Augenblick, dann wies er auf die sich uns gerade nähernden Mädchen und sagte, mir fest in die Augen blickend:

— Das sind meine Frauen!

— Welche? frug ich fast unbewußt.

Tom schwieg eine Weile, erhob den Kopf, und die Mädchen schauten uns ängstlich an.

— Welche von ihnen? frug ich abermals.

— Ich liebe beide, antwortete er, und beide sind mein!

Mit diesen Worten nahm er die Mädchen bei den Händen und führte sie zu mir.

— Segne uns, Alter Mensch!

Damals hat er mich zum erstenmal bei diesem Namen genannt, der heute schon für immer mit mir verwachsen ist.

Seit dieser Zeit erfuhr unser Leben eine gewisse Veränderung, die scheinbar unwesentlich und dennoch sehr eingreifend war. In unserem kleinen Kreis vollzog sich eine Spaltung. Tom bildete mit seinen Frauen eine eigene, in sich geschlossene Familie, deren Bande in dem Maße enger wurden, wie seine Nachkommenschaft sich vermehrte.

Mit jedem Tage fühlte ich mehr, daß ich auf dieser Welt unnötig wurde, und mit jedem Tage wuchs in mir die Sehnsucht nach jener anderen, die so entfernt, ach, so ferne war! Und das Leben floß dahin, immer unaufhaltsam seinen alten Lauf!

Nicht gerne denke ich an das weitere Zusammenleben Toms mit den Schwestern. Er war nicht gut zu ihnen, obwohl sie ihn unveränderlich bis zum letzten Atemzug liebten. Er verlangte zu viel von ihnen und war zu despotisch. Sogar ich hatte den alten Einfluß auf ihn verloren. Zum Teil waren diese unerquicklichen Verhältnisse auch die Veranlassung, daß ich zum zweitenmal nach dem Polarlande wanderte und diesmal Ada mit mir nahm.

Nach meiner abermaligen Rückkehr beginnt schon, wie ich glaube, der Anfang dieses letzten Aktes meiner Mondtragödie, der bis auf den heutigen Tag dauert. Der furchtbare Tod Rosas, Adas Wahnsinn, später der Tod Toms und Lillis bedrücken mich unsagbar. Die Sehnsucht nach der Erde und die entsetzliche Einsamkeit martern und quälen mich mit jedem Tage mehr, obwohl die Zahl der Menschen hier auf dem Monde immer größer wird.

Tom hatte mit seinen beiden Frauen eine zahlreiche Nachkommenschaft, sechs Söhne und sieben Töchter, von denen die jüngste einige Mondtage nach der Geburt gestorben ist. Noch zu Lebzeiten der Eltern Jans hat sich der älteste Sohn Rosas, ungefähr fünfzehn Jahre zählend, mit der Tochter Lillis verheiratet; später haben sich alle in dem Maße des Zuwachses gepaart. Heute, nach dem Tode Toms, sind sechsundzwanzig Enkel vorhanden, darunter zwei Urenkel, die Kinder von Jans ältestem Sohn, der schon seit zwei Jahren verheiratet ist, also zusammen zweiundvierzig Menschen, die diesen Globus bevölkern. Ihre Niederlassungen errichten sie längs dem Meeresstrande nach Westen zu, und mit ihrem Aufblühen schreitet auch die „Zivilisation“ vorwärts. Häuser erheben sich, Schmieden und Hundezwinger.

Ich blieb in dem alten Haus an den warmen Teichen und werde hier wohl bis zum Tode bleiben, den ich so heiß herbeisehne! Und so bin ich schon eine Ausnahme auf dieser seltsamen Welt, wo die Menschen, von der Erde verpflanzt, so früh reif werden und so früh sterben ...

IV.

Ich glaube, ich wäre ruhiger, wenn ich den Menschen auf der Erde ein Zeichen geben könnte, daß ich hier lebe und an sie denke. Das ist so wenig, und es würde mich so namenlos glücklich machen!

Es ist doch furchtbar, wenn ich bedenke, daß mich viele Hunderttausende von Kilometern, eine interplanetarische Strecke, die noch niemals zurückgelegt wurde, von dieser Scholle aus Stein und Lehm, auf der ich geboren bin, trennen!

Wie viel zufriedener müssen diese Zwerge hier sein, deren Gedanken nur damit beschäftigt sind, ob die Fischerei auf dem Meere reichlich ausfällt, der Salat gut aufwächst und die verwilderten Hunde nicht die eiertragenden Eidechsen in den Umzäunungen zerreißen ...

*

Heute habe ich einige Stunden auf der Friedhofinsel zugebracht ... Früher, vor vielen Jahren, saß ich dort gerne und dachte über die Vergangenheit des heute erloschenen Mondglobus nach; jetzt zieht es mich wieder oftmals dorthin, aber wenn ich auf dem mit Gräbern bedeckten Hügel am grünen Meere sitze, denke ich nur an Martha, Peter, Tom und an mich selbst und wann ich wohl endlich, endlich neben ihnen ruhen werde. Gerade heute, als ich so dort bei ihnen saß und auf die stille Meeresoberfläche blickte, überfiel mich ein so grenzenloses Leid, ein so trostloses Weh, daß ich wie ein Kind zu weinen begann und die Hände ausstreckte zu den Gräbern und sie bat, sich zu öffnen und zu mir zu sprechen oder mich in ihre Gesellschaft aufzunehmen.

Ich fühlte, daß es mir unmöglich ist, länger zu leben. Was hält mich auch noch auf dieser Welt? Schmerz, Leid, Sehnsucht, die furchtbarste Vereinsamung, alles das habe ich zur Genüge ausgekostet; seit langem bin ich niemandem mehr unentbehrlich: Nun ist es Zeit zum Fortgehen!

Ja, es ist Zeit! Ich will nur einmal noch die Erde sehen, auf diese helle Kugel schauen, die am Himmel hängt, auf die Erdteile, die langsam darüber kreisen und die dahingleitenden weißen Flecke der Wolken. Ich will noch einmal das Auge anstrengen, vielleicht erkenne ich das Land, wo ich geboren bin, und dann ...

Als ich zum Strande zurückruderte, war mein Entschluß gefaßt. Ich werde zum Polarlande gehen, um auf die Erde zu schauen.

Ich näherte mich meinem Hause und legte mir in Gedanken die ganze Fahrt und die dafür nötigen Vorbereitungen zurecht. Auf der Schwelle des Sommerhäuschens fand ich Ada. Sie war zu der gewöhnlichen Stunde gekommen, und als sie mich nicht antraf, wartete sie geduldig auf meine Rückkehr.

Mein Herz war so voll von der Hoffnung, die Erde, wenn auch nur von ferne, wiederzusehen, daß ich mich nicht zurückhalten konnte, Ada meine Absicht mitzuteilen.

— Höre! rief ich, als sie mich begrüßte, bald werde ich von euch gehen!

Sie sah mich mit dieser geheimnisvollen Würde an, die sie mir gegenüber stets bewahrt, und antwortete nach einem kleinen Zögern:

— Ich weiß, daß du fortgehst, wenn du willst, Alter Mensch ... aber ...

Noch niemals hatte mich die seltsame Art dieser Geschöpfe, mit mir umzugehen, an die ich mich schließlich schon hätte gewöhnt haben müssen, derartig aufgebracht. Im ersten Augenblick schnürte sich mir das Herz im Gefühl der Vereinsamung und Bitterkeit zusammen und dann packte mich ein unbezwinglicher Zorn.

— Genug dieser Narrheiten, rief ich, mit dem Fuß stampfend. Ich werde fortgehen, wann es mir gefällt und wann ich will, aber daran ist nichts Geheimnisvolles, nichts Ungewöhnliches! Geh zu Jan und sage ihm, daß ich morgen früh die Hunde für den Wagen haben will; ich fahre zum Polarland.

Ada sprach kein Wort und entfernte sich, um meinem Befehl nachzukommen.

Ungefähr zwei Stunden später bemerkte ich eine ungewöhnliche Bewegung vor meinem Hause. Jan und die Kinder, mit einem Wort, alle, die Frauen nicht ausgenommen, hatten sich versammelt und standen entblößten Hauptes, schweigend und ängstlich auf meine Tür blickend. Ada trat aus ihrer Gruppe heraus und blieb auf meiner Schwelle stehen. Sie war in feierlicher Kleidung: einen Kranz in den Haaren, von dem Halse bis zu den Hüften herab hingen Schnüre von blutigrotem Bernstein und blaue Perlen; in der Hand hielt sie einen Stab, aus den Wirbeln eines Hundes, die geglättet auf einen langen Kupferdraht gesteckt waren.

— Alter Mensch, wir wollen zu dir sprechen!

Eine unbeschreibliche Wut erfaßte mich. Ich wollte die an der Wand hängende Riemenpeitsche ergreifen und diese Horde, die mit einem solchem Pomp zu mir gekommen, auseinandertreiben; aber dann taten sie mir wieder leid. Was können sie dafür.

Ich hielt mich zurück und trat vor das Haus, in der Absicht, noch einmal den Versuch zu machen, ihnen vernünftig zuzureden. Der wilde Lärm des Beipflichtens, der sich nach Adas Ansprache erhoben hatte, verstummte sofort, als ich auf der Schwelle erschien. Man hörte in der Stille nur noch den jüngsten Enkel Jans leise weinen und das erstickte Flüstern der Mutter: Still, still, der Alte Mensch wird unwillig ...

Da überkam mich das Gefühl eines grenzenlosen Mitleids.

— Was wollt ihr von mir? sagte ich, Ada zur Seite schiebend.

Jetzt trat Jan vor. Er schaute mir eine Zeitlang mit dem Blick eines ratlosen, verängstigten Zwerges in die Augen und sagte schließlich, nachdem er sich umgesehen, um aus den Mienen der Kameraden Mut zu schöpfen:

— Wir wollten dich bitten, Alter Mensch, daß du noch nicht von uns fortgehen möchtest.

— Ja, ja, gehe noch nicht von uns! wiederholten flehend über dreißig Personen.

Es lag eine solche Angst und eine derartig inständige Bitte in ihren Worten, daß ich mich von einer tiefen Rührung ergriffen fühlte.

— Und was liegt euch daran? sagte ich, diese Frage mehr mir selbst als ihnen vorlegend.

Jan dachte eine Weile nach und begann dann langsam, mit sichtlicher Mühe, seine unklaren Gedanken und Empfindungen zusammenzufassen:

— Wir wären allein ... Es würde die lange Nacht und die große Kälte kommen. Oh, die böse Kälte, die wie ein Hund beißt, und wir würden allein sein ... Dann würde die Sonne aufgehen, und du wärest nicht bei uns, Alter Mensch ... Ada — hier blickte er auf die neben ihm stehende „Priesterin“ — Ada sagte uns, daß du dich mit der Sonne kennst und noch mit einem anderen Stern, der größer ist als die Sonne und geheimnisvoll und manchmal schwarz und dann wieder hell erscheint, den sie gesehen hat, als sie mit dir dort war im Norden ... Sie sagte, daß du von dort gekommen bist, und wenn du ihn siehst, zu diesem Sterne sprichst, in einer heiligen Sprache, dieselbe, in der wir zu dir sprechen müssen. Wir fürchten uns, daß du von dort nicht wieder zu uns zurückkehren könntest, denn wir würden allein bleiben. Wir bitten dich also ...

— Ja, ja, wir bitten dich, bleibe bei uns! riefen die Zwerge, den Satz Jans beendend.

Eine Zeitlang stand ich ratlos, ohne zu wissen, was ich ihnen antworten sollte. Die Männer und Frauen umringten mich, streckten die Hände aus und baten mit angstvollen Stimmen:

— Bleibe bei uns, bleibe!

Ich fühlte, daß es zwecklos wäre, ihnen jetzt zu wiederholen, was ich ihnen schon so oft gesagt hatte, daß ich ein gewöhnlicher Mensch sei, durchaus mit keinen geheimnisvollen Kräften begabt und ebenso wie sie alle dem Tode verfallen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte; in den Ohren tönte es mir nur unaufhörlich, gleichmäßig wie eine Litanei: Bleibe bei uns!

Ich schaute auf Ada. Sie stand abseits in ihrem Priestergewande, mit einer außerordentlichen Würde in der ganzen Gestalt, aber es schien mir, daß ich auf ihren Lippen ein Lächeln bemerkte — halb spöttisch, halb wehmütig ...

— Weshalb hast du sie hierhergeführt? frug ich.

Sie lächelte wieder und erhob die bis jetzt gesenkten Augen.

— Du hörst doch, Alter Mensch, was sie von dir wollen.

Rings umher dröhnte es unaufhörlich: Bleibe bei uns.

Das war mir zu viel.

— Nein, rief ich hart, ich werde nicht bleiben! Ich werde nicht bleiben, denn ...

Und abermals wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Wie konnte ich ihnen erklären, daß ich gehe, um die Erde zu sehen, den mächtigen und hellen Stern, nach dem ich mich so grenzenlos sehne, ohne sie in dem wahnsinnigen Irrtum zu bestärken, daß ich ein übernatürliches Wesen bin? ... Inzwischen war es still geworden. Ich blickte auf die Versammelten und bemerkte, daß diese Zwerge weinten! Sie weinten bei dem Gedanken, daß ich sie verlassen würde! Sie riefen nicht mehr, sie baten nicht, aber in ihren tränenvollen, auf mich starrenden Augen lag die Demut eines Hundes und ein Flehen, das lauter sprach als alle Worte. Sie dauerten mich unbeschreiblich.

— Ich werde von euch gehen, sagte ich mit weicher Stimme, aber noch nicht jetzt. Ihr könnt ruhig schlafen!

Ich hörte etwas wie ein Seufzen der Erleichterung, das sich ihren Kehlen entrang ...

— Und wenn ich einmal die Reise antrete, fügte ich hinzu, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, die Reise, dort nach Norden, wo der schönste Stern leuchtet, von dem ihr von mir und von Ada gehört habt, dann werde ich auch euch mit mir nehmen, damit ihr ihn seht und später euren Kindern und Kindeskindern davon erzählen könnt.

— Du bist groß, Alter Mensch, groß und gnädig! antworteten mir zahlreiche freudige Stimmen. Gehe nur nicht von uns auf diesen Stern, von dem du sprichst!

— Wenn ich fortgehen könnte, seufzte ich unwillkürlich, aber leider bin ich nur ein Mensch, so wie ihr.

In der Gruppe der Zwerge entstand eine Bewegung. Sie schauten sich untereinander an, und es schien mir, daß ich auf ihren breiten Lippen etwas bemerkte, das einem schnellen Lächeln des Einverständnisses glich und sagen wollte: Wir wissen schon, wir wissen! Ada hat uns gesagt, daß der Alte Mensch aus irgendeinem unerklärlichen Grunde nicht will, daß wir wissen sollen, daß er ... der Alte Mensch ist ... Von neuem erfaßte mich der Mißmut; ich wandte mich um und ging in das Zimmer. Vor dem Hause entstand Lärm. Ich sah durch das Fenster, wie sich alle um Ada scharten, die lebhaft etwas erzählte, wahrscheinlich von mir und meiner Übernatürlichkeit.

Augenblicklich ist es nicht weit bis zum Sonnenuntergang, und das Mondvölkchen hat sich schon längst in seinen Häusern zerstreut, die sich in langer Reihe an den steinigen, nach Südwesten laufenden Ufern der warmen Teiche erheben. In einigen Stunden werden sie sich zu einem langen Schlafe niederlegen und wahrscheinlich von der ihnen vom Alten Menschen versprochenen Fahrt träumen und von der Erde, dem mächtigen, seltsamen und unbekannten Stern, den sie nur aus den Erzählungen kennen ...

*

In einigen Stunden werde ich das einzige wachende Wesen auf dem Monde sein.

Aber jetzt ist überall noch Leben. Ich sehe durch das Fenster, wie sich vor dem Hause Jans seine Söhne zu schaffen machen; nicht weit davon beenden die Frauen in aller Eile das Einsammeln der Nahrung vor der bald hereinbrechenden Nacht.

Ich weiß nicht, ob ich gut daran tue, mich noch länger unter diesem Völkchen aufzuhalten; aber da gibt es kein Überlegen mehr, denn ich habe ihnen versprochen, daß ich noch bleibe.

Und nur einen Trost fühlt mein altes, schwergeprüftes Herz — lange wird es nicht mehr schlagen müssen. Noch einige Tage, einige Mondtage höchstens, und dann ziehe ich gen Norden, zum Polarland, um dort das Leben zu beenden, — den Blick auf die geliebte Erde gerichtet.

Diese Zwerge werden sich an mein Versprechen erinnern, ich weiß es, und mich begleiten wollen. Und so werde ich einige von ihnen mitnehmen auf diesen letzten Weg; mögen sie die Erde sehen und dann zu den Brüdern zurückkehren — ohne mich.

Eine quälende Sehnsucht drückt mich. Es tut mir leid, daß ich nachgegeben und ihnen versprochen habe, noch hier zu bleiben. Der Gedanke ängstigt mich, es könne mir in kurzer Zeit vielleicht schon an Kraft und Leben fehlen, die Reise nach dem Lande, wo ich die Erde vor Augen habe, anzutreten.

Aber nein, meine Kräfte werden noch genügen! Ich wundere mich manchmal selbst über die Frische und Unverbrauchtheit meines Organismus. Ich nähere mich nun fast dem hundertsten Jahre, und es scheint, daß mich jeder Tag, statt meine Kräfte zu erschöpfen und meine Gesundheit zu untergraben, nur noch mehr stärkt und fester macht.

Und wiederum denke ich unwillkürlich an jene zugleich lächerliche und entsetzenerregende Überlieferung, die unter diesem Volke verbreitet ist, daß ich niemals sterben werde.

Ein furchtbarer Gedanke! Denn leider kann sich nur die physische Natur des Menschen an ihr Widersprechendes gewöhnen, die Seele niemals! Mein Schmerz und meine Sehnsucht werden nie verblassen, im Gegenteil, sie wachsen unaufhörlich ins Ungeheure, Riesenhafte.

Ich jage diesen Gedanken von mir und denke nur noch mit einem heißen Glücksgefühl daran, daß ich in einigen Mondtagen die Erde sehen werde. Das Herz schlägt mir dabei, als wenn ich ein zwanzigjähriger Jüngling wäre, der zu einem Stelldichein mit einer erträumten und über alles geliebten Beatrice geht, mit der er bisher nur in Träumen zu sprechen gewagt hat.

Aber ich weiß, meine Geliebte wird kalt sein, stumm und unerreichbar; ich werde sehnsuchtsvoll die Arme nach ihr ausbreiten und sie durch die undurchdringlichen Himmelsräume rufen, sie wird weder meine Stimme hören noch mir irgendeinen Gedanken, noch eine Erinnerung weihen.

Es ist etwas Seltsames und zugleich Ungeheuerliches, den Gegenstand seiner Sehnsucht am Himmel zu haben. Es dünkt mich, daß ich an diesen entfernten, von hier aus unsichtbaren heimatlichen Stern mit einem langen Faden, der um mein Herz geschlungen ist, gebunden bin, der sich in die Unendlichkeit ausdehnen, aber niemals reißen kann. Und so an diese unerreichbare Welt gebunden, fühle ich, daß mir der Boden unter den Füßen fremd ist und immer fremd bleiben wird.

Ja, es ist etwas Furchtbares um die Liebe zu den Sternen! Denn die Erde ist für mich nur noch ein Stern, den ich über alles liebe. Wenn es Geister gibt, die von erhabeneren und lichteren Welten, von flammenden Sonnen vielleicht auf dunkle Planeten herabfallen, so erdulden sie in der Tat, wenn sie die Erinnerung bewahrt haben, die schrecklichsten Qualen, wie auch ich sie erdulden muß.

Wie oft am Tage wiederhole ich mir, daß jenes armselige, von mir so bemitleidete Mondvölkchen der Zwerge, das fast im Staube vor mir, dem Alten Menschen, kriecht, doch tausendmal glücklicher ist als ich.

Jetzt, nachdem sie ihre Arbeit beendet haben, gehen diese Leutchen um ihre kleinen Häuser herum, unterhalten sich, lächeln einander zu und sind heiter und zufrieden. Jan, der durch das natürliche Recht des Ältesten ihr Oberhaupt ist, ruft sie vor dem Abend, wie ich das ein für allemal vor Jahren angeordnet habe, zwecks gemeinsamen Lesens einiger Abschnitte aus den ihnen von mir bezeichneten Schriften, zusammen. Früher, zu Toms Lebzeiten, als Jan noch ein kleiner Knabe war, habe ich diese Abendversammlungen gewöhnlich geleitet, ihnen die Bibel oder andere zum Lesen bestimmte Bücher erklärt und von der Erde erzählt und von den Menschen; aber jetzt zeige ich mich nicht einmal mehr am Versammlungsort, dort unter dem Kreuze, dessen Bedeutung sie kaum verstehen. Warum soll ich zu ihnen sprechen, da sie sich jedes meiner Worte doch nur nach ihrem Sinne deuten und jede Wahrheit durch phantastische Legenden entstellen und verwirren?

Und dennoch, ich muß es mir immer wieder sagen: Sind sie schuld daran? Ist es ihre Schuld, daß sie alles, was sie hören, auf sich beziehen, unfähig, sich in Gedanken über diesen Landstreifen zu erheben, den sie bewohnen? Sind sie schuld daran, daß sie beim Lesen der Bücher der Genesis an ihren Großvater Peter denken, dessen Grab sie auf der Friedhofinsel kennen, und die Augen mit dem Ausdruck einer Götzenanbetung auf mich richten? Daß Menschen eine andere Welt bewohnen können, einen Stern, der denjenigen gleicht, die in der Nacht über ihnen leuchten, halten sie für etwas, woran man glauben muß, weil ich es gesagt habe, aber was sich vorzustellen unmöglich ist.

Ich habe alles getan, um in diesen Menschen die Seele zu wecken, und erst dann meine Bemühungen aufgegeben, als ich mich von der gänzlichen Unmöglichkeit überzeugt hatte. Ich sollte mir daher also keine Vorwürfe machen, und trotzdem fühle ich die auf mir lastende furchtbare Verantwortung für diesen Fall des menschlichen Geschlechts, das mir anvertraut war. Und wiederum die Ironie des Lebens: Sie sind in ihrer Weise glücklich, und ich gräme mich ihretwegen und vergrößere durch eine quälende Sorge um sie meinen nagenden Schmerz und meine Sehnsucht ...

V.

Wieder sind Jahre auf der Erde verflossen, seit ich zum letztenmal diese Blätter in Händen hatte. Heute öffne ich das Tagebuch, um das Datum zu notieren, wo ich dieses Land am Meer für immer verlasse. Ich gehe endlich zum Polarland!

Seit unserm EXODUS sechshunderteinundneunzig Mondtage.

*

Alles ist schon bereit. Unsern alten Wagen, bis zur Hälfte kleiner gemacht und verbessert, habe ich mit Lebensmitteln und Brennmaterial versehen, die mir für eine lange Zeit des Aufenthaltes im Polarland genügen werden — länger vielleicht, als ich es benötige ... denn ich bin alt ... Ich sollte heute früh aufbrechen, aber es ist ein Umstand eingetreten, der meine Reise wohl um einen Mondtag verzögern wird.

Die Sache verhielt sich so: Seit Toms Expedition nach Norden zum Äquator, die er fast mit dem Leben bezahlen mußte, hatte ich streng verboten, derartige Reisen zu unternehmen, denn ich war fest überzeugt, daß sie zu keinem Ziel führen und die Teilnehmer nur unnötig in Gefahr bringen. Bisher befolgte man diese meine Anordnung aufs genaueste und ich glaubte bestimmt, daß es immer so bleiben würde, besonders in Anbetracht des geringen Unternehmungsgeistes dieses Mondvolkes, das mit seinem ganzen Interesse nur an den praktischen und alltäglichen Dingen und Lebensbedürfnissen hängt.

Und dennoch habe ich mich getäuscht. Es scheint selbst hierher ein Hauch jenes Feuergeistes von der Erde gedrungen zu sein und verborgen in der Brust dieser Zwerge zu leben; jenes Geistes, der dort den Fortschritt bewirkt und die Menschen zur Entdeckung neuer Weltteile im Ozean fortgerissen hat. Seit einiger Zeit schon bemerkte ich, daß einige der Männer mit sehnsüchtigen Augen nach Norden schauen, über das weite Meer. Sie frugen mich einst, was wohl dort sein könne hinter dem großen Wasser, und ich antwortete ihnen, daß ich es nicht weiß. Sie aber, wie in ihren Mienen deutlich zu lesen war, glaubten nicht daran. Sie hatten mich vielmehr im Verdacht, daß ich es ihnen nur nicht sagen wollte.

Die letzte Nacht verbrachte ich mit Jan an den nahen Petroleumquellen, mit der Zubereitung der Vorräte für die Reise zum Polarland beschäftigt. Als ich am Morgen ans Meer zurückkehrte, mich von dem Mondvolke zu verabschieden, um fern von diesen Gegenden mein Leben zu beenden, erfuhr ich, daß drei Männer, die kräftigsten und kühnsten, meine Abwesenheit benützend, nach Norden gefahren sind, wie mir ihre Frauen erzählten. Sie bauten sich einen Schlitten, brachten darin den zweiten Elektromotor unter und nahmen außer den nötigen Lebensmitteln zwei Hunde und verschiedene Pelze mit. Sie fuhren in der Nacht auf das festgefrorene Meer hinaus, um noch vor dem Morgen an das gegenüberliegende Ufer auf der nördlichen Halbkugel zu gelangen.

Ein wahnsinniges Unternehmen! Ich bin überzeugt, daß sie niemals zurückkehren werden, aber indessen muß ich den Bitten Jans und Adas nachgeben und noch einen Tag warten, um sie zu segnen, wenn sie heimkommen sollten, ehe ich fortgehe.

Ich frug die Frau Kaspars, des ältesten der drei Abenteurer, weshalb sie nach Norden gegangen wären. Sie antwortete, daß sie sehen wollten, was dort sei ... Darüber hinaus konnte sie mir keine Erklärung geben.

Schade um diese Menschen, denn sie werden unzweifelhaft zugrunde gehen und sind tüchtig, wie sie es bewiesen haben.

*

Endlich kommt der Tag der Abreise heran! Die Sonne ist seit einigen Stunden aufgegangen, und das Eis beginnt zu schmelzen, bald werde ich den Wagen besteigen und nach Norden aufbrechen.

So ohne Leid nehme ich von diesem Lande Abschied, obwohl ich doch weiß, daß ich fortgehe, um nie mehr wiederzukehren.

Ich sehe mich noch einmal nach dem Grabe Marthas, auf der entfernten Insel, um, und es ist mir seltsam weh zumute ...

Gestern vor dem Abend habe ich einige Stunden an diesem Grabe verbracht. Es war mir schwer, mich von ihm zu trennen: Das ist das einzige, was ich auf dieser Welt liebe. Ich habe ein wenig Erde von diesem kleinen Hügel mitgenommen, die will ich an die Lippen pressen, wenn ich allein im weiten Lande sterben werde.

Es ist Zeit, daß ich aufbreche ... Das Mondvolk sammelt sich, um mir Lebewohl zu sagen. Sie murren nicht, sie widersetzen sich nicht, sie wissen, daß es so sein muß. Ada, Jan und zwei seiner Brüder sollen mich zum Polarlande begleiten. Ich konnte ihnen das nicht abschlagen.

Die drei andern sind noch nicht heimgekehrt und werden wohl auch niemals heimkehren. Aber ich will nicht mehr länger warten. Übrigens sind alle meiner Abreise wegen so niedergedrückt, daß sie nicht einmal an sie denken.

Nur Jan hat heute bei Sonnenaufgang ihre Namen erwähnt und hinzugefügt:

— Es ist ihnen ein Unglück zugestoßen, denn sie sind aufgebrochen, ohne den Alten Menschen um Rat zu fragen.

Ein Schluchzen der Versammelten antwortete ihm.

— Von jetzt ab werden wir niemanden mehr zu fragen haben, klagten sie und drängten sich weinend um mich.

Fast scheint es mir, daß diese Menschen mich lieben. Eine seltsame Entdeckung — in diesem letzten Augenblick ...

Aber das alles ist gleichgültig! Es ist Zeit für mich, aufzubrechen!

*

Unterwegs auf der See-Ebene.

Ach, wie erleichtert atme ich auf, wenn ich bedenke, daß nun das Mondleben hinter mir liegt und vor mir nur noch ein kurzer Aufenthalt im Polarland — unser erster Aufenthalt einst auf diesem Globus — und dann — der Tod im Angesicht der Erde, meiner geliebten, am Himmel leuchtenden Heimat.

Langsam wird alles Traum für mich, mein vergangenes Leben und diese Menschen, die ich dort am Meere zurückgelassen habe; alles das zerrinnt in einen schillernden Traumnebel, durch den in meinem Geiste nur noch das flammende Rund der Erde glänzt.

Ich bin schon voller Ungeduld und möchte sie so schnell wie möglich sehen, da ich die Sehnsucht nicht mehr bemeistern kann. Es ist Nacht und der Schlaf will sich nicht auf meine Lider senken. Ich versuche durch Schreiben die langen Stunden zu verkürzen.

Wir haben zur Nacht hier haltgemacht, wo Peter einst die ersten Petroleumquellen entdeckte. Wie viele Jahre sind seitdem verflossen! Und wieder kehre ich in Gedanken zu diesem Leben zurück, das schon so weit hinter mir liegt. Meine verstorbenen Kameraden stehen mir vor Augen und Martha und ihre ersten Kinder, die ebenfalls nicht mehr leben ...

Ach, fort mit diesen quälenden Erinnerungen, jetzt, da ich meine Kräfte anspannen muß, das Land zu erreichen, von wo ich die Erde sehen werde!

Ich sehnte mich so unsagbar nach dieser Reise und dennoch muß ich zugeben, daß mir die letzten Augenblicke des Abschieds schwer wurden. Wie seltsam ist doch das menschliche Herz und wie stark die Macht der Gewohnheit! Man kann sich, scheint’s, selbst an die Gitter des Gefängnisses gewöhnen ...

Am letzten Morgen, als ich kaum die vorhergehende Notiz niedergeschrieben hatte, bemerkte ich, wie sich vor meinem Hause die ganze Bevölkerung dieser Welt versammelte. Sie kamen schweigend, finster und traurig und warteten. Ich zählte sie, am Fenster stehend; es waren alle, mit Ausnahme jener drei. Der Wagen stand bereit.

Ich ließ meinen Blick noch einmal über diese Räume gleiten, in denen ich fünfzig Jahre lang gehaust habe und da ich nicht wollte, daß man diese Wohnstätte als Aufenthalt des Alten Menschen etwa abergläubisch verehrt, steckte ich sie mit allem, was noch darin zurückgeblieben ist und was ich einst gebraucht hatte, eigenhändig in Brand und ging hinaus zu den mich Erwartenden. Eine helle Flamme leuchtete hinter mir durch Tür und Fenster. Es war mein eigener Scheiterhaufen.

Aus dem Munde der Versammelten brach ein gedämpfter kurzer Schrei. Sie schauten auf das brennende Haus und dann auf mich, und keiner rührte sich, um das Feuer zu löschen: Sie fühlten, daß ich es so wollte ... und alle schwiegen.

— Ich bin heute zum letztenmal unter euch, begann ich, um etwas zu sagen, da mich in dieser Stille, die nur durch das Knistern des Feuers unterbrochen wurde, Wehmut und Trauer befielen. Ich gehe von euch, sagte ich weiter, zu dem Lande, wohin ich schon lange zu gehen beabsichtigte. Ich zweifle daran, daß ich jemals hierher zurückkehren werde, ihr aber, wenn ihr wollt, könnt mich dort aufsuchen, solange ich nicht sterbe.

Die Zwerge schauten immer in Schweigen auf die flammenden Balken des Daches und auf mich; ich sah, daß einigen von ihnen Tränen über die Wangen liefen.

Ich atmete schwer; ich hatte das Gefühl, als wenn eine drückende Last sich auf meine Brust wälzte.

— Ihr seid alle unter meinen Augen aufgewachsen, begann ich wieder, mit Mühe nach Worten suchend, ihr wart mit mir bis zu diesem Augenblick, und von jetzt ab sollt ihr euch allein regieren. Denkt daran, daß ihr Menschen seid, denkt daran!

Die Stimme versagte mir und ich konnte nur mit äußerster Anstrengung fortfahren:

— Ich gab euch manche Lehren, vergeßt sie nicht! Ich lasse euch das Buch zurück, das heilige Buch, das ich von der Erde mitgebracht habe, das von der Erschaffung der Welt und von der Erlösung und Bestimmung des Menschen erzählt; lest es oft und lebt, wie es sich gehört.

Ich brach wieder ab, da ich fühlte, daß ich zwecklose Dinge redete.

Da trat ein junges Weib aus dem Kreise hervor und sprach:

— Alter Mensch, ehe du fortgehst sage, ob es recht ist, daß der Mann die Frau schlägt?

Diese Worte waren wie eine Losung. Im nächsten Augenblick umringten mich Frauen und Männer und begannen mit traurigen Stimmen zu fragen:

— Alter Mensch, sage, ob es recht ist, daß der ältere Bruder den jüngeren zur Arbeit zwingt, weil er schwächer ist?

— Sage, ob die Kinder das Recht haben, die Eltern aus der Hütte zu treiben, die sie einst selbst erbaut haben?

— Sage, ob es billig ist, daß einer aus dem Volke spricht: „Das sind meine Felder!“ und anderen nicht erlaubt, die Ernte davon einzubringen.

— Ob es recht ist, daß einer dem andern die Frau nimmt?

— Daß er die Handwerkszeuge beschädigt?

— Daß er sich für die ihm zugefügte Unbill rächt?

— Daß er zum eigenen Vorteil lügt?

— Sage, ob das recht ist!

— Sage es, ehe du fortgehst, denn sowohl du wie die Bücher haben gelehrt, daß man das alles nicht tun solle, und trotzdem geschieht es täglich in unserer Mitte!

Ein stechender Schmerz schnürte mir die Brust zusammen. Dieses Volk verlassend, sah ich nur zu klar, auf welchen Bahnen seine Entwicklung schreiten wird. Vieles vom menschlichen Geiste ist auf dem Wege zum Mond verloren gegangen, aber der menschliche Jammer ist mit uns von der Erde hierhergekommen!

— Das ist schlimm! antwortete ich endlich. Wenn unter meinen Augen derartige Dinge geschehen sind, was wird erst sein, wenn ich fortgehe?

— Weshalb gehst du also fort? antwortete man mir.

Diese Frage war so einfach und so furchtbar zugleich. Warum ich fortgehe?

Ich ließ den Kopf sinken wie ein Schuldbewußter, ohne zu wissen, was ich erwidern sollte.

Nur das Knistern des brennenden Hauses war in der Stille zu hören und ein dumpfes, entferntes Dröhnen des Vulkans.

Die Zwerge standen schweigend um mich herum. Sie fühlten scheinbar dasselbe, was ich in jenem Augenblick empfand, daß meine Abfahrt das unabwendbare Schicksal ist, dem man sich vergebens widersetzen würde.

— Vielleicht werde ich noch einmal zu euch zurückkehren. Lebt indessen in Frieden und menschlich, murmelte ich und wußte gar wohl, daß ich ihnen die Unwahrheit sagte, wie mir selbst.

— Du wirst nicht zurückkehren, rief Ada, die bis jetzt kein Wort gesprochen hatte.

Und dann, sich zu den Anwesenden wendend, fügte sie mit erhobener Stimme hinzu:

— Der Alte Mensch verläßt euch!

Es war etwas Grauenhaftes in diesem Schrei, der alle Versammelten wie mit einem Schauer überlief.

— Es muß so sein! sagte ich dumpf.

Eine Stunde später befand ich mich im Wagen und eilte mit Ada und drei ihrer Neffen gen Norden ...

*

Den vierten Mondtag sind wir schon unterwegs. Als die Sonne heute aufging, erhob sie sich nicht mehr gerade zur Höhe steigend, sondern schleppte sich am Horizont, gerötet kaum einige Fuß über der bläulichen Linie der Berge im Südosten. Das ist ein Zeichen, daß wir uns dem Ziel unserer Fahrt nähern. Im Norden taucht eine Bergkette vor mir auf; ich unterscheide schon mit bloßem Auge die höchsten, ewig von der Sonne beleuchteten Gipfel und die Schlucht, die das Tor zu der Polarmulde bildet.

Das Herz schlägt mir zum Zerspringen ...

Der heutige Tag wird kein Ende haben, denn in dem Augenblick, da die Sonne auf dieser Halbkugel untergehen müßte, werden wir schon auf dem Pol sein, im Land der ewigen Dämmerung, wo zu jeder Stunde gleichzeitig Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht für die verschiedenen Meridiane ist, deren Knotenpunkt man dort unter den Füßen hat.

Und dort — werde ich die Erde sehen!

*

Im Polarlande.

Nach vier Mondtagen der Fahrt, gerade zu der Stunde, da die Sonne in den Gegenden an den Warmen Teichen untergehen sollte, kam der große Augenblick. Wir sind durch die Schlucht der Bergkette hindurchgekommen, die die Grenzmauer der Polarmulde bildet.

Mit einer tiefen Rührung betrat ich dieses Land, die Augen nach der Himmelsrichtung lenkend, wo sich mir bald die Erde zeigen sollte, und als ich sie plötzlich in der Spalte der Felsen erblickte, war ich so bis ins Innerste der Seele erschüttert, daß ich zunächst meine Begleiter ganz vergessen hatte. Erst nach einer Weile, als ich mich von den Knien erhob (denn kniend begrüßte ich sie, meine geliebte Heimat, und mit ausgestreckten Händen, wie sie ein Kind der Mutter entgegenstreckt), sah ich auf meine Umgebung. Jan und sein ältester Sohn wie seine beiden Brüder, die mit mir hierhergekommen sind, standen mit entblößten Häuptern, wie versteinert, mit einer heiligen Furcht in den Zügen, die starren Blicke auf das Halbrund der Erde gerichtet; vor ihnen Ada, die Arme zu dem Sterne der Wüste erhoben. Geraume Zeit ging vorüber, bis sie sich endlich zu ihren in Nachdenken versunkenen Kameraden wandte:

— Von dort ist er gekommen, sagte sie mit gedämpfter Stimme, als wenn sie nicht wollte, daß ich es höre, und dorthin wird er zurückkehren, wenn die Zeit erfüllt ist. Werft euch zu Boden.

Und sie warfen sich zu Boden vor dem Anblick der Erde, auf der ihre Väter einst gelebt haben ...

Nachdem sie sich erhoben hatten, wagten sie es nicht, sich mir zu nähern, und ich rief sie zu mir und begann ihnen mit vor Rührung zitternder Stimme die Erscheinung zu erklären, die sie vor sich hatten. Sie drängten sich um mich, verängstigt, von Grauen geschüttelt, als wenn sie unsicher wären, ob ich mich nicht im nächsten Augenblick über ihre Köpfe erheben und durch die blasse Luft zu diesem hellen Sterne fliegen würde!

Ach, wenn ich es könnte!

Und als ich so zu ihnen sprach, so gänzlich unverstanden, beschäftigte mich plötzlich dieser Gedanke derartig, daß ich unwillkürlich verstummte, auf die Erde starrte und nur noch fühlte, daß ich diesen Menschen hier nichts mehr zu sagen hatte.

Und sie schwiegen lange, bis sie sich endlich, etwas näher zusammentretend, mit den Ellbogen zu stoßen begannen und, auf die Erde zeigend, flüsterten:

— Sieh, sieh, er ist von dort gekommen.

— Damals, als es hier noch niemanden gab ...

— Ja ... Er hat den Großvater Peter hierhergebracht und seine Frau Martha ... Und einen, der der Vater unseres Großvaters war, hat er auf der Wüste tot zurückgelassen ... so lehrt Ada.

— Das steht nicht in der Heiligen Schrift. Dort ist nur die Rede von Adam, das ist sozusagen Peter, und von ...

— Still, die Heilige Schrift ist anders ... Die Heilige Schrift hat er ebenfalls von dort mitgebracht.

— Ja, alles hat er geschaffen; für die ersten Menschen hat er hier Meer und Sonne und Teiche geschaffen ...

Ich wandte mich, als ich diese letzten Worte hörte, schnell um und die halblaut geführte Unterhaltung verstummte sofort.

Ich wollte sie tadeln, aufklären, aber es fiel mir wieder ein, wie vergebliche Mühe das wäre. Ich sagte ihnen deshalb nur, daß sie das Zelt aufschlagen möchten, da wir hier längere Zeit bleiben würden. Und seitdem fließen die Stunden, von der unsichtbaren Sonne auf den rosagefärbten Berggipfeln aufgezeichnet, fließen für sie, scheint es, langsam, für mich aber viel zu schnell dahin!

So teuer ist mir dieses Polarland, daß Angst und Schmerz mich bei dem Gedanken schütteln, dorthin zurückzukehren, dorthin zu den Warmen Teichen. Hier verweilend habe ich den Eindruck, daß ich mich schon im letzten Vorzimmer befinde, fast auf der Schwelle der Mondwelt, daß von hier nur noch ein Schritt durch den interplanetarischen Weltenraum zur Erde ist, und bei Gott, sie lockt mich mehr, diese endlose, tote Wüste hinter den Bergen dort vor mir, als jenes fruchtbare Land, wo ich so lange gelebt habe.

Sogar das Grab Marthas auf der Friedhofinsel zieht mich jetzt nicht mehr dorthin. Ich habe ja hier so viel mehr von ihr um mich als dort ... Hier hat sie mir gehört, obwohl wir niemals miteinander davon gesprochen haben; hier stand sie über meinem Lager gebeugt, als ich krank war, hier wandelte sie mit mir auf den grünen üppigen Wiesen oder kletterte auf die rosigen Berggipfel, und dort ... war sie die Frau eines andern, dort schaute ich nur auf ihren Schmerz und auf ihre Demütigung, selbst gedemütigt und von Schmerz zerrissen.

Wohl ist es mir hier im Polarland, so wohl wie es nur einem Menschen sein kann, der alles verloren hat, sogar die Erde unter seinen Füßen, und, auf einem silbernen Globus zwischen den Himmeln hängend, nur der Vergangenheit lebt und der Ferne und dem Gedanken an das, was unwiederbringlich dahin ist ...

Still, still, du altes, unverbesserliches, ruheloses Herz! Hier hast du das lichte Rund der Erde vor dir, dieselben Wiesen, auf denen sie, die Tote, wandelte, und auch das Grab ist sicher nicht mehr fern — was willst du noch?

*

O meine Brüder, dort auf der hellen Kugel, die in diesem Augenblick vor meinen Augen leuchtet!

O meine fernen Brüder! O meine unbekannten und über alles teuren Brüder!

O Erde, lichter Stern, Freude meiner Augen, flammende Leuchte über den Wüsten!

Erde, du Paradies der höchsten Wonnen! Wahrhaftes Kleinod, lichter Smaragd, in die lasurblauen Meere gefaßt, o herrlichste Blume, duftender Weihrauch! Wie Vogelstimmen tönende Harfe!

O Erde! Erde! Heimat! Verlorene Mutter!

Schluchzen hebt mir die sehnsuchtsvolle Brust, und ich habe keine Tränen mehr, dich zu beweinen, Stern, über Wüsten leuchtend! Welt, über alle anderen der glühendsten Liebe wert!

Zu dir strecke ich meine Arme aus, ich, der dir so Ferne, der unglücklichste deiner Söhne und der einzige, dem du dich jetzt in deiner goldenen Gestalt zu zeigen geruhst! Stern unter den Sternen am Himmel!

Ich bete zu dir, einsam und verlassen, ich, den du als Kind kanntest, und der grau geworden ist, nicht auf deinem Mutterschoß:

Erde!

Vergib, daß ich mich von dir abwandte, durch die Begierde nach Erkenntnis, die du selbst in mir großgezogen, getrieben und verwirrt. Von dem Silbergesicht dieses toten Globus verführt, den du vor Zeiten von dir geworfen, daß er deine Nächte erleuchte und deine Meere einwiege!

Ich flehe zu dir, dein für ewig verlorener Sohn, dem du alles Gute gegeben, die menschliche Gestalt und den denkenden Geist, Blumen, die seine Augen erfreuen, und Vögel, an deren Gesang er sich laben konnte, und Brüder, daß er Schmerz und Freude mit ihnen teile; der verlorene, grausam bestrafte, nie mehr zu dir zurückfindende Sohn und der Kinder schlechtestes auf deinem breiten Schoße:

Erde!

Vergiß mich nicht! Leuchte meinen Augen, ehe sie der Schleier des ersehnten Todes umhüllt! ...

Ich trinke, verschlinge mit der ganzen Seele dein Licht! Berausche mich mit deinem gesegneten Lichte!

Dein Licht, zurückgeworfen vom Lasurblau der Meere, von schneeigen Gipfeln und grünen Gefilden, von den kleinen schimmernden Blättern der Bäume, von blühenden Kelchen, vom Tau, der auf den Wiesen dort leuchtet, von Bauernhütten und von ragenden Türmen der Kirchen, von menschlichen Zügen, die in Nachdenken versunken zum Himmel schauen, Hunderttausende von Meilen hat es durchflogen, durch die ewige Wüste zu mir eilend, und ist mir jetzt alles: das Lasurblau deiner Meere und das Grün deiner Fluren, des Taues Glanz, wie der Blumen prächtigste Farbe und des menschlichen Geistes Widerschein, der sich in den zum Himmel gewandten Augen spiegelt!

O Erde, meine Erde!

Wann wird mein Geist, von der körperlichen Hülle befreit, endlich auf diesen leuchtenden Saiten, die zwischen dir und der furchtbaren Welt hier gespannt sind, zu deinem Mutterschoß zurückgelangen und in balsamischen Lüften alles mit Küssen bedecken, was er geliebt und wonach er sich so grenzenlos sehnt!

O Erde!

VI.

Ich habe seltsame Ahnungen, daß ich bald sterben werde. Dieser Gedanke umkreist mich beständig; die Luft ist voll von ihm und die blutigen Sonnenstrahlen, der Himmel erscheint gleich einem weichen Schleier, und die Erde leuchtet wie eine silberne Lampe im Grabe. Niemals fühlte ich so wie jetzt, daß der Tod nahe ist.

Ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Unruhe denke ich daran, aber — was erstaunlicher ist — auch ohne Freude, die doch die endlich nahende Erlösung in mir erwecken müßte ...

Es scheint, daß mir noch etwas zu tun übrig bleibt, etwas ungemein Einfaches und ungeheuer Wichtiges, worauf ich jedoch nicht kommen kann. Und das bedrückt mich, und das ist die Ursache, daß ich ihn nicht mit Freuden begrüße — den Tod-Erlöser!

Im Traume höre ich, wie sie mich rufen von der Erde. Und ich, ebenfalls im Traume, antworte ihnen jedesmal: Ich sehne mich so maßlos danach, zu euch zu gehen, aber ich finde mich nicht zurecht ...

Führt nicht der Weg auf die Erde dort durch die luftlose Wüste? ...

*

Ich war vor kurzem auf dem Berge, von dem aus ich mit Peter auf die Sonnenfinsternis geschaut habe und dann auf den See, der plötzlich die ganze Polarmulde überflutete.

Ich habe Ada auf diesen Ausflug mitgenommen; sie bat mich darum, als sie gesehen, daß ich öfter auf die benachbarten Berge steige, um auf die Erde oder die Wüste zu blicken, die hier schon an der Grenze des Horizontes sichtbar ist. Sie drängte mich, daß ich sie einmal mitnehmen möchte, damit auch sie betrachten könne, worauf ich schaue und wonach ich mich sehne. Als sie heute mit mir ging, legte sie die feierlichsten Priestergewänder an und sagte zu Jan, daß sie auf die Heimat des Alten Menschen schauen werde. Unterwegs mußte ich über ihre Würde lachen; wenn man sie ansah, schien es, daß sie auf diesen Berg schreite, um ein heiliges Opfer darzubringen. Ich glaube, daß die Leute, die wir in dem Zelt im Tal zurückließen, zum wenigsten davon überzeugt waren. Sie blickten ihr mit Bewunderung und Ehrfurcht nach. Schweigend erstiegen wir den Berg. Das Lachen, das sich unwillkürlich in mir geregt hatte als ich Adas Priestergewänder gewahrte, ist davongeflogen, weit, weit fort von mir; ich habe sogar vergessen, daß dieses Geschöpf hinter mir ging. Ich sah nur noch die Erde, die sich langsam, je nachdem ich vorwärtsschritt, über dem Horizonte erhob, und auf die Sonne, die, hier schon sichtbar, wie eine rote Kugel auf der gegenüberliegenden Seite des Horizontes stand. Unter meinen Füßen breitete sich ein wahrer Teppich von Pflanzen, die dem Heidekraut ähnlich und von der Sonne rosig gefärbt waren, über meinem Haupte der blasse, erloschene Himmel.

Eine seltsame Empfindung überkam mich! Es schien mir, daß ich mich, diesen Berg ersteigend, schon für immer von den Mondleuten entfernte und von dieser ganzen mir so widerwärtigen Welt; es schien mir, daß ich wirklich ein geheimnisvoller Alter Mensch bin, der sein schweres Werk vollbracht hat und jetzt zu der Heimat zurückkehrt, dort inmitten der Sterne ... Und die rotglühende Sonne liegt schon in meinem Rücken und nimmt Abschied von mir auf dieser Welt, die mir nur Mühe und Schmerz und Qual gewesen, und die Erde erhebt sich vor mir, mächtig, hell erstrahlend, bereit, mich in ihren lichten Schoß aufzunehmen ...

Ich stand auf dem Gipfel des Berges und erkannte, mich in den Anblick der Erdscheibe versenkend, in der klaren Luft den vorübergleitenden hellen Keil Europas. Er war deutlich sichtbar, obwohl Wolken, die über Frankreich und England glitten, seine Konturen von dieser Seite her verwischten ... Aber die breiten polnischen Ebenen im Osten glänzten wie ein glatter silberner Spiegel, von der einen Seite an den dunklen Streifen des Baltischen Meeres gelehnt, von der anderen an die Kette der Karpathen, deren Gipfel jetzt wie eine Schnur kostbarer Perlen schimmerten. Die Erscheinung meiner Heimat an dem blauen Himmel war so unerwartet und bezaubernd für mich, daß ich einen Augenblick mit zurückgehaltenem Atem, ganz Auge geworden, dastand, bis ich plötzlich wie ein Kind in Weinen ausbrach und auf mein Antlitz fiel — dort oben auf dem Gipfel des Mondberges.

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