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Auf silbernen Gefilden

Erster Teil (continued 3)

Kasimir Lodygowski translation

Er verstummte erschöpft, und uns erfaßte eine seltsame Beklemmung. Ich bin in tiefstem Herzen überzeugt, daß das alles nur eine Täuschung war, wie jene Stadt selbst, die ich heute ebenfalls für eine Täuschung, hervorgerufen durch eine seltsame Gruppierung der Felsen, halte, aber ich wagte nicht recht, ihm das zu sagen.

Und übrigens ... weiß ich es? ... Uns umgeben so unlösbare Rätsel — so unerforschliche Geheimnisse! ... Auf diesen erloschenen Globus sind Menschen gekommen, ist der Tod mit ihnen gekommen; vielleicht ist dem Menschen und seinem unzertrennlichen Begleiter, dem Tode, auch jenes Etwas, jenes Unbekannte, das seit ewigen Zeiten auf Erden jedem Wissen, jeder Forschung getrotzt hat, gefolgt ...

Tomas schlief nach dieser Erzählung ein. Als er aufwachte frug er wo wir seien. Ich sagte ihm, daß wir uns dem Ende des Quertales näherten und bald auf das Mare Frigoris gelangen würden. Er hörte zu, als wenn er meine Worte nicht verstünde.

— Ah, ja! antwortete er endlich, ja, ja ... ich träumte, daß ich auf der Erde war ...

Dann wandte er sich zu Martha:

— Martha, erzähle mir, wie es auf der Erde ist.

Und Martha begann zu erzählen:

— Auf der Erde ist blaue Luft und über sie dahin wandeln die Wolken. Auf der Erde ist viel, viel Wasser, ganze mächtige Meere. Am Strande der Meere ist Sand, und verschiedenfarbige Muscheln liegen dort verstreut, und dann gibt es Wiesen, auf denen süße, wonnige Blumen blühen, und Vögel singen in den Wäldern. Wenn der Wind sich erhebt, so heult das Meer auf, und die Wälder brausen, und die Blätter säuseln ...

So erzählte sie ihm mit kindlicher Einfachheit, und wir hörten ihren Worten zu, wie dem schönsten Zaubermärchen ... Der Kranke bewegte langsam die Lippen, als wenn er wiederholen wollte: und die Wälder brausen, und die Blätter säuseln ...

— Wir werden nie mehr dort sein, sagte er endlich laut.

Ein herzzerreißendes Schluchzen Marthas antwortete ihm. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen. Die Stirn an den Rand des Lagers gedrückt, erbebte sie in krampfhaftem verzweifelten Weinen.

— Ruhig, ruhig, sagte Tomas, leicht mit der Hand ihr Haar berührend.

Aber auch ihn packte die Furcht. Er wandte sich mit dem Gesicht zu uns und begann wieder mit abgebrochener Stimme, die wie mit großer Anstrengung aus der Brust hervordrang, zu sprechen:

— Rettet mich, habt Mitleid, rettet mich! Ich will nicht sterben! Nicht hier! Hier ist’s so entsetzlich! Rettet mich! Ich will ... leben, noch ... leben ... Martha ...

Er weinte wie ein Kind und streckte jammernd die dürren Hände nach uns aus.

Was sollten wir ihm antworten? ...

Wir nähern uns dem Ausgang des Tales, und die Fläche des Mare Frigoris liegt schon vor uns. Ich habe die schmerzliche Gewißheit, daß wir sie allein zurücklegen werden — ohne Tomas!

Auf Mare Frigoris, dritter Mondtag, dreiundzwanzig Stunden nach Sonnenuntergang.

Ich sehe auf die letzten Worte, die ich niederschrieb; sie haben sich bewahrheitet. Auf die Ebene Mare Frigoris fuhren wir allein. Tomas Woodbell ist heute bei Sonnenuntergang gestorben.

Eine fürchterliche Leere! Wir werden immer weniger; nur mehr drei sind geblieben ... Ich kann an nichts anderes denken als an diesen stillen, entsetzlichen Tod Woodbells.

Die Sonnenscheibe berührte bereits mit dem unteren Rande den Horizont, als wir endlich, nach einer Woche Weges, aus dem Felsengang fuhren. Vor uns erstreckte sich eine glatte, von den letzten Sonnenstrahlen vergoldete Flachebene. Ich sage vergoldete, weil die Sonne, was wir bei ihren früheren Untergängen nicht bemerkt haben, sich dem Horizont zuneigend, eine gelbliche Farbe annahm und das Rund des schwarzen Himmels um sich herum ein wenig erleuchtete. Das ist ein zweifelloses Zeichen, daß die Atmosphäre hier dichter ist. Wir stellten auch einen zweiten, sehr günstigen Umstand fest: Das Mare Frigoris ist ganz mit Sand bedeckt, was darauf schließen läßt, daß diese Ebene tatsächlich einstmals Meeresgrund gewesen ist.

Unsere Herzen waren voll Zuversicht, vor allem, weil Tomas sich scheinbar ein wenig besser fühlte. Wir wurden schon hoffnungsvoller; es schien uns, daß wir im Fluge diese Ebene durcheilen, und ehe die neue Sonne aufgeht, mit Tomas zusammen im Reiche des Lebens sein würden! Daß wir das Wehen des Windes fühlen, das Rauschen des Wassers hören, das Grün der Wiesen wiedersehen sollten ...

Allein wie anders wollte es das Schicksal!

Wir waren kaum einige Meter auf der Fläche gefahren, als Tomas uns bat, den Wagen anzuhalten. Die kleinste Bewegung quälte ihn unsagbar ...

Ich will ausruhen, sagte er mit schwacher Stimme, und auf die Sonne schauen, bevor sie untergeht.

Wir hielten also an und er blickte mit glanzlosen Augen zur Sonne, die ihre letzten goldenen Strahlen auf sein totenbleiches Gesicht herabfließen ließ. Er starrte eine Zeitlang unbeweglich in ihr Leuchten, dann wandte er sich zu Martha:

— Martha, wie ist das: „Sonne, du lichter Gott“ ... Wie geht das weiter?

Und Martha stellte sich, wie bei dem ersten vom Monde aus gesehenen Sonnenuntergang, in den vollen Glanz, streckte die Hände aus und die tränenvollen Augen zu dem schwindenden Lichte erhebend, begann sie halb sprechend, halb singend eine seltsame, in Rhythmen tönende Hymne:

Sonne, du lichter Gott, du wandelst von uns zu Ländern, die wir nicht kennen!

Sonne, du Leuchte des Himmels, du Wonne der Erde, du gehst, unsere Augen in Trauer zurücklassend, um denen zu leuchten, die schon aus der irdischen Hülle erlöst sind ...

Die, aus den Körpern erlöst, noch keine neue Gestalt annahmen, wie Gefangene, die man für eine Spanne Zeit freiließ, damit sie einen Tag der Stille und Ruhe genießen, ehe sie zum Gefängnis, in ihre Ketten zurückkehren.

Gut ist ER, gut ist der Urewige, Unfaßbare, der einen Tag der Stille zwischen Kampf und Sorgen geschaffen hat ...

In Ihm ist der Ursprung und der Ausgang aller Dinge; in Ihm sind die Seelen derjenigen erlöst, die den Kampf schon beendet haben, dahin heimkehrend, von wo sie vor grauen Zeiten ausgegangen sind.

Oh, Sonne, lichter Gott, du gehst von uns, und wir bleiben in Trauer zurück — mit unserer Sehnsucht ...

Woodbell hörte zu und schien einzuschlafen. Plötzlich rief er angstvoll:

— Martha, O’Tamor ist gestorben?

— Ist gestorben.

— Die Remogners sind gestorben?

— Sind gestorben.

— Ich werde auch sterben ... und sie ... sie ... er deutete mit den Augen auf uns.

— Du wirst leben, sagte sie wieder mit dieser seltsamen tiefen Überzeugung.

— Ah, ja ... flüsterte der Kranke, aber was hilft es mir ...

Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Selena legte ihre Vorderpfoten auf das Lager und leckte die herabhängende Hand ihres Herrn. Er blickte auf sie und machte eine Bewegung, als wenn er das treue Tier streicheln wollte, aber scheinbar fehlten ihm schon die Kräfte.

— Meine, meine Hündin ... flüsterte er nur.

Dann sagte er, daß er auf die Erde schauen wolle. Wir legten ihn so, daß er sie vor sich hatte. Sie stand gerade im ersten Viertel über den Felsen im Süden. Er blickte lange, die Hände ausstreckend, in heißem Verlangen auf diesen am Himmel leuchtenden Halbkreis, den gerade der Schatten des Indischen Ozeans, mit dem hellen, sich in seine Fluten erstreckenden Dreieck Indiens langsam durchglitt.

— Sieh, sieh, dort ist Travancore! rief der Kranke.

— Dort ist Travancore, wiederholte Martha wie ein Echo.

— Dort waren wir glücklich ...

— Ja, glücklich.

Der Kranke begann wieder unruhig zu werden.

— Martha, werde ich dorthin kommen, nach dem Tode? ... Denn sieh, ich will nicht ... hier herumirren ... auf dieser Wüste ... in dieser Totenstadt ... Martha, werde ich dorthin kommen ...

Martha schwieg und ließ den Kopf sinken, Tomas drängte wieder und wieder ...

— Martha, werde ich dorthin kommen ... nach dem Tode ... auf die Erde?

Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper, aber sie überwand sich und antwortete mit tränenerstickter Stimme:

— Du wirst hinkommen, auf einen Augenblick, für einen Tag der Stille ... aber dann wirst du zu mir zurückkehren.

Seine Augen verschleierten sich; die schlaff herunterhängenden Hände waren bläulich und kalt. Er zuckte noch einmal und flüsterte kaum hörbar:

— Martha, wie ist es auf der Erde? ...

Und Martha erzählte von neuem vom rauschenden Meer, von blühenden Wiesen, von duftenden Blumen!

Um seine Lippen lagerte sich ein schmerzliches, aber ruhiges Lächeln und die Augen begannen sich langsam zu schließen. Noch einmal öffnete er sie für einen Augenblick, schaute auf die Erde und auf die Sonne, von der nur noch ein schmaler Streifen über der Wüste sichtbar war — seufzte leise und verschied mit dem letzten Leuchten des erlöschenden Tages ...

In der Dunkelheit haben wir ein Grab gegraben und ihm die Augen mit Sand bedeckt.

Und wiederum sind wir seit fast zwanzig Stunden unterwegs.

Wir fahren auf ebener, sandiger Wüste und passierten schon beim Ausgang aus dem Quertale den fünfzigsten Parallelkreis; die Erde erhebt sich nur noch 40° über dem Horizont, aber zum Glück gibt es auf dieser Fläche keine schattenwerfenden Erhöhungen. Wenn es geht, wollen wir die ganze Nacht ohne Unterbrechung vorwärtseilen.

Eine namenlose Trauer bedrückt uns. Martha sitzt ganz erschlafft da, fast wahnsinnig vor Schmerz, und zu ihren Füßen heult Selena nach ihrem verstorbenen Herrn. Wir geben dem Tier zu fressen, um es zu beruhigen, aber Selena nimmt nichts; sie war gewöhnt, nur von Tomas gefüttert zu werden.

Auf Mare Frigoris, 0° 6’ östlicher Länge, 55° nördlicher Mondbreite, nach Mitternacht, zu Beginn des vierten Tages.

Wir wenden uns direkt nach Norden, zum Pol. Seit hundertsiebzig Stunden, das heißt, seit dem Tode Woodbells, bewegten wir uns in nordwestlicher Richtung. Jetzt ist sein Grab schon weit zurückgeblieben, sehr weit ... Auf der Erde ist bereits eine Woche verflossen, seit wir ihn begraben haben.

Die ganze Zeit über fließt der Sand durch die Räder unseres Wagens, während nur das Zischen des Motors die lautlose Stille und das bleierne Schweigen unterbricht, das auf uns lastet. Martha weint nicht; sie sitzt da, stumm, mit zusammengepreßten Lippen und weit aufgerissenen Augen, in denen die Tränen schon vertrocknet sind.

Selena lebt nicht mehr. Seit Woodbells Tod wollte sie nicht mehr fressen, heulte stundenlang und lief im Wagen herum, alle ihm gehörigen Gegenstände und was seine Hand nur einmal berührt hatte beschnüffelnd. Schließlich legte sie sich in eine Ecke, wurde schwach und knurrte, wenn einer von uns sich nähern wollte. Wir fürchteten, daß sie die Tollwut bekäme, und mußten sie töten, obwohl es uns unendlich leid tat. Übrigens bin ich überzeugt, daß sie auch so nicht mehr lange gelebt hätte.

Ach, es ist so entsetzlich still in unserem Wagen, denn wir — was können Peter und ich miteinander sprechen? Es ist etwas Furchtbares geschehen. Der Tod Woodbells bedeutet in diesem Falle nicht nur den Verlust eines Menschen, eines treuen und teuren Freundes: nein, dieser Tod ist ein unermeßliches Unglück, — eine wahnsinnige Ironie des Schicksals, das zwischen uns beide diese Frau geworfen hat, die wir in gleichem Maße heiß begehren. Ich kann nicht auf sie sehen, ohne daß mich ein Schauer erfaßt und gleichzeitig empfinde ich den ganzen Ekel dieser — Schändung, gegenüber dem frischen Grab des Freundes. Es scheint mir, daß Woodbells Geist uns noch nahe ist, daß er mir ins Herz sieht, diese meine Gedanken lesend, aber ich kann dennoch nicht widerstehen — ich kann nicht! Das Fieber verzehrt mein Hirn, das Blut rast wild durch alle Adern, und mein Inneres ist so ganz voll von ihrem Bilde, daß ich sie vor mir sehe — immer — mit einer furchtbar unerhörten Deutlichkeit, auch wenn ich die Augen schließe. Ich versuche meine Gedanken von ihr abzulenken, sie mit Gewalt zurückzudrängen wie eine Meute toller Hunde, aber sie reißen sich los von der Kette meines Willens, werfen sich auf sie, reißen ihr die Kleider herunter, reiben sich an ihren Formen, schlängeln sich um ihren Leib und beschmutzen ihn mit den lüsternen Schnauzen, und da sie sehen, daß sie unnahbar und kalt ist, beginnen sie zu bellen, mit den Zähnen zu fletschen, nach ihr zu beißen und sie hin und her zu zerren ... Oh, diese schändlichen Gedanken, wie sie mich peinigen und quälen!

Varadol ergeht es ebenso; ich weiß, ich fühle, ich sehe es! Und er weiß ebenfalls, was in mir vorgeht. Daher dieser stumme, verbissene Haß zwischen uns. Weshalb soll man sich täuschen, weshalb die Dinge mit schönen Namen belegen, wir sind beide schlecht und gemein, denn sie steht zwischen uns. Wir sind nur zu zweit auf dieser fürchterlichen Welt, und es schreit etwas in der Tiefe unserer Seele, daß einer von uns zu viel ist. Wir sprechen nicht miteinander und sehen uns nicht in die Augen. Manchmal nur begegne ich verstohlen Varadols Blick, seinem entsetzlichen Blick, aus dem der Tod leuchtet wie ein Brand durch die Fenster eines im Innern flammenden Hauses.

Ob ich ihn fürchte? Nein, nein, tausendmal nein! Obwohl ich weiß, daß er mich jeden Augenblick, ohne zu wissen, was er tut, hinterrücks niederschlagen und morden kann, wie zum Beispiel jetzt, während ich schreibe und er hinter mir steht und meinen entblößten Nacken sieht. Ein Schauer durchläuft mich, aber ich wende mich nicht um, ich will seinem Blick nicht begegnen, in dem ich, wie in einem Spiegel, meine eigene Gemeinheit sehe.

Im übrigen fürchte ich mich absolut nicht vor einem plötzlichen, unerwarteten Tode! Der Tod ist nur dann über allen Ausdruck furchtbar, wenn er sich langsam nähert und unabwendbar. Ich weiß das aus Erfahrung. Ich fürchte nur eins, daß er diese Frau besitzen könnte, auf die er kein größeres Recht hat als ich; daß er vielleicht ihre vom Kummer noch bleichen Wangen durch Küsse röten, ihre Brust, die noch in ungestilltem Schluchzen bebt, zu schnellen, leidenschaftlichen Seufzern zwingen kann. Ah, ich darf nicht daran denken! Wir verfolgen uns gegenseitig so mit unserer Eifersucht, daß sie, solange wir beide leben, ohne jegliche Gefahr ist!

Aber manchmal packt mich die Wut. Ich möchte mir ins Gesicht speien und dann vor ihn hintreten und sagen: Komm, schlagen wir uns um sie! Beißen wir uns, wie zwei tolle Wölfe um eine Wölfin, unsicher des kommenden Tages, unsicher des Lebens, verbannt auf diese entsetzensvolle Welt, kämpfen wir um die Geliebte unseres toten Freundes, die für uns nichts fühlt als Gleichgültigkeit und Verachtung. Komm, schlagen wir uns heute um sie, ehe wir morgen sterben!

Aber ich bin zu sehr Hypokrit und zu feige, um das zu tun. Oh, wie ich mich verachte!

Und ich verachte und hasse auch sie! Es gibt Augenblicke, in denen ich fähig wäre, mich auf sie zu werfen und ihren schweigenden, traurigen Mund durch Schläge zum Schreien zu zwingen, um dann diesen Schrei zugleich mit dem Leben zu ersticken! Vielleicht wäre das besser ... Wir würden allein bleiben, ohne Ziel, ohne Verlangen zu leben, am Ende dann sogar freiwillig sterben, aber zum wenigsten würde nichts zwischen uns sein ...

Wozu lebt sie? Was hält sie hier? Wie kann sie noch leben, wenn sie diesen Menschen so geliebt hat, und wenn er für sie alles gewesen ist und mit ihm für sie alles geendet hat? Wir sind gemein, aber auch sie ist gemein! Das Tier, die unvernünftige Hündin, hat mehr Anhänglichkeit gezeigt, denn sie konnte den Tod ihres Herrn nicht überleben. Und diese Hündin hat doch nicht den hundertsten Teil der Liebkosungen gekostet, hat nicht den tausendsten Teil der Liebe genossen, mit der er diese Frau überhäuft hat! Aber die Frau lebt ... und wer weiß, wer weiß, vielleicht wirft sie aus diesen Augen, die scheinbar im Schmerz erkaltet und erloschen sind, schon auf einen von uns verstohlene Blicke, vielleicht keimt in ihrem Hirn, das noch voll ist vom Bilde jenes Toten, schon der Gedanke: Welchen von diesen zwei Lebenden soll ich wählen, um das ewige Werk des Weibes zu erfüllen? ...

Vielleicht, vielleicht ist in alledem irgendein ursprünglicher, elementarer, durch die Natur in unser Wesen gelegter, also heiliger Trieb des Seins und des Zeugens, der uns nicht zurückblicken, mit der Vergangenheit nicht rechnen, noch an die Zukunft denken läßt. Und dennoch ist für mich das alles so ekelhaft — so widerwärtig — ungeheuerlich! ...

Ah, warum lebt dieses Weib? Warum?

Und ich fühle, daß ich trotz alledem ihren Tod niemals verwinden könnte.

Auf Mare Frigoris, 0° 30’ östlicher Länge, 61° nördlicher Mondbreite, vierter Tag, einhundertzweiundsiebzig Stunden nach Mitternacht.

Martha hatte recht, als sie zu Tomas sagte: Du wirst leben! Ach, daß ich das damals nicht gleich verstanden habe!

Es waren fast drei Viertel der Nacht verstrichen, als ich, am Steuer sitzend, bemerkte, daß Peter sich fortgesetzt um mich herum zu schaffen machte, mit einer Miene, als wenn er eine Unterredung beginnen wollte. Mich wunderte das, weil wir immer nur das Notwendigste besprachen, aber gleichzeitig freute es mich auch. Ich fühlte, daß die Zeit endlich gekommen war, dieser unerträglich drückenden Situation durch eine Aussprache ein Ende zu machen.

Ich frug ihn also so höflich wie nur möglich:

— Wünschst du etwas von mir?

— Ja, ja, sagte er schnell, sich neben mich setzend, ich wollte mit dir reden ...

Ich bemerkte, daß er sich zu einem Lächeln zwang, aber seine Züge zuckten krampfhaft dabei. Unwillkürlich blickte ich auf seine Hände. Und er, als wenn er meinen Blick verstanden hätte, errötete und zog die Hände leer aus den Taschen, sie auf seine Knie legend. Dann begann er etwas stockend:

— Ja, ja, siehst du, ich wollte mit dir ... denn es scheint, daß wir diese Nacht nicht anzuhalten brauchen, da die Kälte nicht so empfindlich ist und der Weg eben und hell genug, obwohl die Erde niedrig am Horizont steht; im übrigen wirst du zugeben, daß man sich eilen muß, also ...

Ich wendete keinen Blick von ihm ab, und er wurde immer verwirrter. Plötzlich änderte er den Ton und schrie heftig:

— Zum Teufel! Wir fahren ohne Unterbrechung nach Norden?

— Ja ... pflichtete ich bei, mich zur Ruhe zwingend.

Dann folgte ein Augenblick qualvollen Schweigens. Varadol sprang auf und begann unruhig auf und ab zu gehen. Ich war mir klar darüber, was in ihm vorging; ich wußte, wovon er mit mir sprechen wollte, und daß er über gleichgültige Dinge redete, weil er das Wort nicht hervorbringen konnte, das uns Auge in Auge der Entscheidung gegenüberstellte, die früher oder später schließlich fallen mußte. Eine Zeitlang empfand ich eine boshafte Freude über seine Hilflosigkeit, aber dann tat er mir plötzlich so unendlich leid, daß ich fähig gewesen wäre, mich ihm an den Hals zu werfen und ihn bei unserer alten Freundschaft zu beschwören, ihm alles mögliche zu sagen, daß ich ihm das Weib abtreten wolle, — oder ihn zu bitten, sich mit ihrem Tode einverstanden zu erklären — ah, ich weiß selbst nicht mehr, was ich beginnen wollte, aber ich beherrschte mich sofort; das führt absolut zu nichts. Ich fühlte indes, daß es unmöglich war, die endgültige Auseinandersetzung noch weiter hinauszuschieben.

— Wolltest du weiter nichts, fragte ich ihn unvermittelt.

Er blieb stehen, scheinbar durch den freundlichen Ton in meiner Stimme betroffen, und sah mir forschend in die Augen. Dann lächelte er traurig und fuhr mit der Hand über die Stirn. Ich bemerkte, daß seine Hand wie im Fieber zitterte.

— Ja, in der Tat, ich wollte — überdies ...

Er brach ab und blickte auf Martha; nach einigem Zögern sagte er mit abgebrochener, rauher Stimme in deutscher Sprache, damit sie ihn nicht verstehen konnte:

— Was werden wir mit diesem Weibe tun?

Ich erwartete diese Worte, aber trotzdem trafen sie mich wie ein Keulenschlag! Ich bremste gewaltsam den Wagen; das Blut klopfte mir in den Schläfen und verschleierte mir die Augen. Mein Herz schlug zum Zerspringen; die Lippen waren wie ausgetrocknet. Der entscheidende Augenblick war gekommen.

Ich sah auf Varadol. Er stand vor mir, blaß wie eine Leiche und starrte mir hartnäckig in die Augen. Diesen Blick werde ich bis zu meinem Tode nicht vergessen! Es lag eine Angst darin und ein fast hündisches Flehen — und gleichzeitig wieder eine entsetzliche Drohung.

Ohne zu antworten, schob ich ihn beiseite und ohne mir klar darüber zu sein, was ich tat, trat ich an Martha heran, die still dasaß und irgend etwas nähte. Er folgte mir.

— Warum lebst du, Weib? Diese unerhörte und, wie mir jetzt scheint, lächerliche Frage, obwohl ich damals keine Lust zum Lachen hatte, stieß ich ganz unvermittelt hervor.

Martha schaute uns erstaunt an, dann wurde sie feuerrot und sagte langsam mit leicht zitternder Stimme, als wenn sie sich rechtfertigen wollte:

— Ich warte auf Tomas’ Rückkehr ...

Eine rasende Wut packte mich.

— Genug der albernen Redereien! schrie ich, ihr die Arbeit, über die sie sich neigte, aus den Händen reißend. Ich weiß nicht, was weiter geschehen wäre, wenn ich nicht in diesem Moment einen Blick auf das Stück Leinwand, an dem sie nähte, geworfen hätte: Es war ein Kinderhemd.

Ich verstand plötzlich alles. Unfähig, ein Wort hervorzubringen, streckte ich nur die Hand aus, Peter darauf aufmerksam machend. Er schrie leise auf und ging schnell zum Steuer des Wagens.

Also darum sagte sie zu dem sterbenden Tomas mit einer solchen Überzeugung: Du wirst leben! Darum folgte sie ihm nicht!

Nach dem Glauben ihres Volkes geht in das nach dem Tode des Vaters geborene Kind die Seele des Verstorbenen über. Sie wartet also, fest überzeugt, daß Tomas in dem Kinde zu ihr zurückkehren wird, nachdem er als Geist die Erde umkreist, die ihn beim Sterben mit so namenloser Sehnsucht erfüllte! Sie mußte ihm die „frohe Kunde“ gebracht haben, daß sie in diesem Kinde seiner warten werde, wohl damals, als sie kurz vor seinem Tode malabarisch zu ihm gesprochen hatte. Das alles durchfuhr mich wie ein Blitz.

Ich blickte auf sie: sie weinte still, das Gesicht in dieses kleine Hemdchen verborgen, das aus der Wäsche des Verstorbenen zurechtgeschnitten war.

Und plötzlich geschah etwas Seltsames mit mir. Ich hatte das Gefühl, als wenn in meinem Herzen etwas zersprungen wäre, irgendein widerwärtiges Geschwür und gleichzeitig fiel es mir wie ein Schleier von den Augen. Martha erschien mir als ein anderes Wesen. Ich schaute auf sie mit einem Staunen, als wenn ich sie zum erstenmal sähe! Das war nicht mehr das Weib, um dessen Besitz ich noch vor einem Augenblick mit meinem Freund und einzigen Kameraden auf dieser einsamen Welt ringen wollte. Das war die Mutter des neuen Geschlechts, der siegende Tod durch das große Geheimnis des Lebens und der Liebe.

Eine unaussprechliche Dankbarkeit erfüllte meine Seele; Dankbarkeit dafür, daß wir durch sie nun hier nicht mehr allein sein werden, und daß sie sich mit der Heiligkeit der Mutterschaft vor uns schützte, vor uns, die wir — blind! — in ihr nur das begehrenswerte Erbe des Toten gesehen haben. Ich neigte mich, ohne es zu wissen, und küßte ihre Hand. Sie zuckte zusammen und verstand anscheinend meine stumme Huldigung, denn sie erhob ihr Gesicht, das noch verweint war, aber schon von Stolz über die neue und anerkannte Würde aufleuchtete.

Wie unbegreiflich ist doch die Seele des Menschen! Das alles löst ja die uns quälende Frage durchaus nicht, sondern rückt sie nur für eine bestimmte Zeit in die Ferne und trotzdem sind wir beide jetzt so ruhig, als wenn die ganze Angelegenheit erledigt wäre. Wir haben die Überzeugung, daß dieses Weib keinem von uns Lebenden gehört, sondern demjenigen, der gestorben ist, und wir ehren und achten sie, ganz vergessend, daß vielleicht die Zeit wieder kommen wird, wo ...

Aber nein, nein, ich will nicht daran denken!

Jetzt nur nach Norden, immer nur nach Norden!

Unter dem Timaeus, nach Sonnenaufgang des vierten Mondtages.

Noch kein Sonnenaufgang hat eine solche Freude in uns geweckt und eine solche Hoffnung! Es war ihm ein Glanz vorausgegangen, eine Erscheinung, wie wir sie hier auf dem Mond noch nicht gesehen hatten.

Die Nacht war gerade zu Ende und wir hofften jeden Augenblick, daß der Gipfel des Berges, der im Lichte der Erde vor uns emporstieg, in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne aufleuchten würde. Jedoch bevor dies geschah, nahm der schwarze Himmel im Osten eine etwas hellere Farbe an, als wenn ihn ein opalweißer Nebel umhüllte. Zuerst glaubten wir, daß sich unter dieser bedeutenden Breite — wir passierten bereits den sechzigsten Parallelkreis — das Zodiakallicht, das in der Nähe des Äquators und vor Sonnenaufgang sichtbar ist, in so seltsamer Weise zeige. Aber nein, das war nicht das Zodiakallicht; der Himmel färbte sich weit und breit leicht silbern über dem Horizont und die Sterne verblaßten in diesem weißen Glanze. Bald blitzten auch die Gipfel des Timaeus — jener Krater, dem wir uns näherten, — in der Sonne auf, aber — o Wunder! sie waren auf dem Hintergrunde der Nacht wie zart erglühende Rosen erblüht. Es war unmöglich noch länger daran zu zweifeln, daß diese Dämmerung und dieses rosige Licht uns dichtere Luft verkündeten, die schon genügte, durch die sie durchgleitenden Sonnenstrahlen zu leuchten und ihre Farben zu röten.

Eine berauschende Freude erfaßte uns; ich lächelte Peter zu, der mit der ganzen Seele in diese Erscheinung versunken war; dann wandte ich mich zu Martha.

— Sieh, rief ich, dein Kind wird dort zur Welt kommen, wo wir atmen können wie auf der Erde!

Sie erhob das Haupt und schaute nach Osten, wo sich alles mit einem traumhaft zarten Gold überzog, das den ganzen Horizont erfüllte — wie unsere Herzen die Hoffnung eines neuen Lebens ...

Die Sonne ging langsam auf, langsamer noch als die vorhergehenden Tage, denn sie stieg nicht gerade in die Höhe, sondern erhob sich hinter dem stark nach Süden geneigten und niedrig über dem Horizont hängenden Bogen der Erde. Nachdem sie ganz hervorgekommen war, stand sie am Himmel in einem großen Kreise wie von weißem Nebel, der langsam ins Blaue überging und sich allmählich in dem schwarzen Hintergrund verlor. In der Nähe der Sonne waren keine Sterne mehr sichtbar; sie glänzten nur noch weiter von ihr entfernt am Firmament, und die Verschiedenheit ihrer Farbe ist geschwunden; sie ähneln immer mehr jenen glitzernden Flämmchen, mit denen sich der nächtliche Himmel über der Erde schmückt.

Noch ein, höchstens zwei Mondtage, und wir werden diesen Wagen verlassen können und mit voller Brust zum erstenmal die Mondluft einatmen!

In der letzten Nacht legten wir ein bedeutendes Stück Wegs zurück! Die Nachtkälte ist hier in der Nähe des Pols bedeutend geringer als am Äquator, da die Sonne nicht so tief unter den Horizont fällt; wir brauchten uns infolgedessen nicht aufzuhalten und fuhren bei Sonnenuntergang auf das Mare Frigoris, das wir jetzt bereits hinter uns haben. Im Westen beginnt gebirgiges Land vor uns aufzusteigen; der Timaeus ist ein Grenzpfahl, den wir gerade passieren.

Vor uns, nach Norden zu, erstreckt sich eine Flachebene, die, einer breiten Bucht gleich, in das Gebirge einschneidet und, wie die Karten zeigen, bis zum achtundsechzigsten Parallelkreis reicht. Sie ist nicht so eben wie das Mare Frigoris, im Gegenteil, ganz mit kleinen und gleichlaufenden Hügeln besät, die uns jedoch die Reise nicht erschweren werden, da sie sanfte Abhänge haben. Wir müssen diese Strecke zurücklegen, bevor der Tag zu Ende geht, so daß wir beim Anbruch der nächsten Nacht schon im Gebirge sind. Dann trennen uns noch gegen sechshundert Kilometer vom Pole. Aber was bedeuten sechshundert Kilometer, nachdem wir schon so viele zurückgelegt haben!

Wir sind voll Hoffnung und Zuversicht! Alle Feindseligkeiten zwischen uns sind verflogen; der quälende Alp, der während der Nacht auf uns lastete, ist wie Nebel im Glanz der aufgehenden Sonne verschwunden. Der Gedanke, daß wir zu dem ersehnten Ziele unserer schweren Pilgerfahrt den Keim eines neuen Lebens tragen, stärkt uns und macht uns so froh und ruhig, daß es uns manchmal vorkommt, als wenn wir um die verlassene Erde nicht mehr trauerten ...

Warum ist Tomas nicht unter uns? Er teilte unsere Qualen; was würde ich dafür geben, wenn wir mit ihm die Hoffnung des Lebens teilen könnten! ...

Vierter Mondtag, achtundsiebzig Stunden nach Sonnenaufgang, 0° 2’ östlicher Länge, 65° nördlicher Mondbreite.

Eine seltsame Niedergeschlagenheit befällt mich. Ich weiß nicht, woher sie kommt und was sie von mir will. Die Reise geht schnell vonstatten, der Himmel überzieht sich langsam mit dunklem Blau, durch das die bis jetzt strahlenlosen Sterne zu flimmern beginnen, alles verkündet die Nähe jener „versprochenen Erde“, wo wir endlich nach allen, nun schon vier Monate währenden Mühen ausruhen sollen, und ich, statt mich zu freuen, bin traurig, unsagbar traurig und niedergedrückt. Was ist daran schuld? Vielleicht diese Erde, die sich immer mehr zum Horizonte neigt und die wir in einigen hundert Stunden schon ganz aus den Augen verlieren werden, vielleicht diese Gräber, die unseren Weg durch die entsetzliche, luftlose Mondwüste bezeichnen, vielleicht diese inneren Erlebnisse, von denen sich meine Seele noch nicht erholen kann, vielleicht auch der Gedanke an dieses Kind des Verstorbenen, das in einem unbekannten Land für ein unbekanntes Schicksal geboren werden soll.

Ich bin ruhig, — nur diese unerträgliche Traurigkeit und diese Ermattung! Unsere Augen sind halb blind von den blendenden Sonnenstrahlen; der Anblick der endlosen Flächen und zerklüfteten Berge ermüdet mich unsagbar ... Wenn nur ein kleines, ganz kleines Wässerchen, ein Teich, ein grüner Zweig, ein wenig Gras zu sehen wäre ...

Die uns umgebende Gegend ist wie ein mächtiger Kirchhof. Wir fahren auf dem Grunde eines seit Urzeiten ausgetrockneten Meeres, auf darauf angesetzten, an der Oberfläche zerbröckelten Kalkbänken, aus denen sich die Reste ursprünglicher Ringfelsen erheben, die vom Wasser zerspült worden sind.

Was ist aus diesem Meer geworden, das einst hier flutete, den gebogenen Nacken der Erde entgegenstreckend, die damals wie eine goldene Scheibe zwischen den Wolken, die über den Wassern dahinzogen, sichtbar war? Nur der Strand erhebt sich noch über der ausgetrockneten Mulde, steil, riesenhaft, ausgefressen durch die Brandung der nicht mehr vorhandenen Wogen ... Wind und Sturm haben seine zu Staub zerriebenen Überreste verweht, jetzt gibt es auch diese nicht mehr — nur Leere und Starrheit ...

Ich sehne mich so unbeschreiblich danach, endlich Leben zu sehen! Oh, nur so schnell wie möglich, die Kräfte könnten erlahmen!

Martha ist die geduldigste von uns dreien; aber das ist natürlich! Sie hat ihre Welt jetzt in sich und es scheint, daß sie an diese Welt sogar mehr denkt als an den verstorbenen Geliebten. Ich sehe oft, wie sie, über der Arbeit sitzend, plötzlich die Hände sinken läßt und in die Zukunft schaut, ihren eigenen Gedanken zulächelnd. Ich bin überzeugt, daß sie dann mit den Augen der Seele das kleine rosige Kind sieht, wie es die Händchen nach ihr ausstreckt. Manchmal verscheucht wohl ein tiefer Seufzer dieses glückselige Lächeln, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Das ist die Erinnerung an Tomas, der sein Kind niemals sehen wird ... Aber dann lächelt sie wieder, denn sie weiß, daß seine Seele nicht in ihrem Kinde zu ihr zurückkehren könnte, wenn er am Leben geblieben wäre.

Martha ist immer mit ihren Gedanken beschäftigt und spricht wenig mit uns; nur einmal sagte sie zu mir:

— Es ist gut, daß ich Tomas hierher gefolgt bin, denn ich werde ihm aufs neue das Leben geben ...

Wie sollte sie sich nicht glücklich fühlen, wenn sie so von sich sprechen kann?

Vierter Tag, siebzehn Stunden nach Mittag auf der Hochebene vor dem Goldschmidt, 1° 3’ östlicher Länge, 69° 3’ nördlicher Mondbreite.

Die Ebenen haben ein Ende genommen; wir sind in den Bergen, die sich bis zum Pole hinziehen. Diese Hochebene ist ganz eigentümlich; sie ist wie übersät mit einzelnen kreisförmigen Bergen, zwischen denen sich hohe, weit ausgedehnte Bergringe erheben, wie zum Beispiel der vor uns liegende mächtige Goldschmidt und der sich mit ihm im Osten berührende und noch höhere Barrow. Es kommt mir jetzt erst zum Bewußtsein, wie seltsam es ist, daß wir hier Berge und Länder vorfinden, die noch kein menschlicher Fuß betreten hat, und die doch schon von Menschen bezeichnet sind ... Ein sonderbarer Gedanke.

Der Mittag sah uns heute auf dem Gipfel des Grenzwalles der Hochebene. Wenn wir hinter uns blickten, würden wir über dem Horizont der Wüste die verblaßte Erde, die durch einen leichten Luftschleier verhüllt ist, bemerken. Der leuchtende Ring der Atmosphäre glänzte durch diese Verhüllung noch blutiger als an den vorhergehenden Tagen. Dicht über der Erde, ihre mächtige schwarze Kugel fast berührend, stand die Sonne.

Ich habe den Eindruck, daß die Erde sich im Verlauf dieser vier Monate vom Zenite dem Horizonte zu gesenkt hat und nur wir, uns dem Pole nähernd, von ihr geflohen sind. Das Klima ist hier ein gänzlich anderes. Die nachmittagliche Sonne, die nicht hoch über dem Horizonte steht, quält uns nicht mehr mit ihrer Glut, blendet uns nicht mit ihrem Glanze. Traurig und müde scheint diese Sonne zu sein, so wie wir ... Rings auf der Hochebene lagern tiefe Schatten ... Der Himmel färbt sich nach Norden zu immer bläulicher, die Sterne sieht man nicht mehr in dieser Richtung, obwohl sie im Süden noch blaß und weißlich scheinen, in einem breiten Kreise um Erde und Sonne zerstreut.

Ich bin über alle Beschreibung müde. Trotz der Leichtigkeit des eigenen Körpers auf dem Monde habe ich manchmal das Gefühl, daß Kopf und Hände und Füße aus Blei sind. Ich habe Angst, daß ich krank werde. So unendlich lang erscheint mir die Reise! Ich beginne, trotzdem wir die sichersten Zeichen dafür haben, daß sie bald beendet ist, zu zweifeln, ob wir überhaupt jemals ans Ziel gelangen werden ... Übrigens — Ziel? Welches Ziel? Ach, alles ist so ermüdend und traurig!

Martha ist von einer maßlosen Güte. Ich glaube, wenn sie nicht wäre, hätte ich nicht mehr die Energie, die Hand zu rühren, um das Steuer des Wagens nach dem Pole zu lenken, dem wir mit solcher Anstrengung entgegeneilen. Aber sie sieht meine grenzenlose Ermüdung und versteht es, mir mit lieben, herzlichen Worten Mut zuzusprechen und mich aufrecht zu erhalten. Wodurch habe ich so viel Güte ihrerseits verdient? Etwa durch das Unrecht, das ich ihr durch meine schändlichen Gedanken zugefügt habe? Ich bin so müde, daß mir alles gleichgültig ist, mit Ausnahme, so wahr mir Gott helfe, des Glückes dieser Frau. Ich möchte leben, um ihr irgendwie von Nutzen zu sein ... Und wer weiß, ob ich leben werde.

Vor uns Berge, große steile Berge. Man muß sie überwinden. Diese und andere und wieder andere, denn zum Pol ist es noch weit ... Ich habe keine Kräfte mehr, ich kann nicht einmal schreiben. Die Worte fehlen mir, ich bringe sie nicht recht zusammen; ich vergesse immer, was ich sagen wollte. Ich möchte mich am liebsten auf der Hängematte ausstrecken und unter den halbgeschlossenen Augenlidern auf Martha schauen, die immerfort lächelt — im Gedanken an ihr Kind. Die Glückliche!

Auf der Einsattelung zwischen Goldschmidt und Barrow, einhunderteinundsechzig Stunden nach Mittag des vierten Mondtages.

Ich kämpfe mit dem Rest meiner Kräfte gegen die mich überfallende Ermüdung an. Ich fühle, daß ich krank bin und habe Angst davor. Wie werden sie sich zu zweit helfen können — ohne mich? Der Weg wird immer beschwerlicher, und die Nacht, eine lange Nacht, ist nahe. Ob ich ihr Ende erleben werde? Vielleicht kommt nach O’Tamor und Woodbell nun die Reihe an mich? Sie haben doch vorausgesagt ...

Es wäre mir hart, jetzt sterben zu müssen. Ich möchte das Kind noch sehen, das geboren werden soll, ich möchte, wenn auch nur noch einmal, mit voller Brust aufatmen können.

Ach, wann wird dieser Weg ein Ende nehmen! Nach den Karten zu urteilen, sind die Berge, durch die wir uns eben hindurcharbeiten, das letzte große Hindernis, das uns vom Pol trennt. Wenn wir uns von der Einsattelung, auf der wir uns augenblicklich befinden, herabgelassen haben, werden wir uns, in einer breiten Klamm fahrend, nach Westen wenden, längs den nördlichen Abhängen des Goldschmidt, dann wieder in nördlicher Richtung die Ringe Challis und Main passieren, im Osten den Ring Gioja umkreisen, seine niedrige Abzweigung, die sich dem Parallelkreis zu erstreckt, überfahren und auf eine Ebene gelangen, die von dem Polarlande nur mehr durch eine einzige schmale Gebirgskette getrennt ist.

So stellt sich unser Weg nach den Karten dar. Aber die Karten dieser Gegenden, die von der Erde aus schlecht zu sehen sind, erweisen sich als ungenau. Dazu kommt, daß der größte Teil des Weges in der Nacht, die schon beginnt die Berge zu verhüllen, zurückgelegt werden muß.

Von unserer Höhe sehen wir bereits ein Stück dieser Welt vor uns, aber nur die Gipfel der rötlich in der Sonne erglänzenden Berge. Die Tiefen überflutet ein schwarzes Schattenmeer. Wenn wir dort hinunterkommen, werden die Sterne unsere einzigen Führer sein.

In meinem Kopfe ist etwas zerstört oder unterbrochen, nur mit der größten Willensanstrengung vermag ich klar zu denken. Träume im Halbschlaf, Angstgefühle, Wahnvorstellungen wechseln in meinem Hirne. Habe ich etwa Fieber? Ich beiße in meine Finger, um zur Besinnung zu kommen, aber auch das hilft nichts. Alle Bilder zerrinnen mir vor den Augen; ich sehe ein Meer der Dämmerung mit darauf schwimmenden blutigen Berggipfeln. Unser Wagen erscheint mir wie ein Schiff, das wir jeden Augenblick in diese Untiefe hinabstoßen werden ... Ich bin so entsetzlich müde. Wohin sollen wir durch diesen schwarzen Ozean segeln? Vielleicht zur Erde? ... Ach, es ist wahr, die Erde ist weit hinter uns geblieben, weit im Weltenraum; dorthin werden wir niemals zurückkehren, niemals! ...

In meinem Kopfe klappert eine furchtbare Mühle; ich glaube, ich habe Fieber.

Nach Sonnenuntergang in Schluchten zwischen Bergen.

Ich habe mich doch vom Lager geschleppt. Martha sagte mir, ich solle mich niederlegen, aber was weiß sie! Ich hatte noch etwas zu tun oder zu schreiben — ich weiß es nicht mehr, aber ich muß mich daran erinnern. Ich bin überzeugt, daß wir in der Dunkelheit versinken, wenn ich es nicht tun werde ... Aber was wollte ich tun? Warum ist es hier so dunkel? Irgendeine Bombe ist mir scheinbar im Kopf zerplatzt, muß zerplatzt sein, denn der Kopf dehnt sich mehr und mehr, schwillt an, wächst; ist jetzt so groß wie der Mond ... Wie unterhaltend das ist, daß wir auf dem Monde sind; aber vielleicht träume ich es nur? Denn wo in aller Welt kämen denn die Hunde her? Wo ist Woodbell? Es ist etwas mit ihm geschehen, aber ich weiß nicht was. Tomas hieß er mit Vornamen ...

Jemand steht bei mir und sagt, daß ich mich hinlegen müsse, weil ich Fieber habe ... Ah, einerlei! Warum soll ich es nicht haben ... Ist es mir nicht erlaubt? ...

Die Feder wird zentnerschwer, aber auch meine Finger sind wie Blei ... Ich weiß nicht, was das alles bedeutet — ich höre nur zwei Stimmen neben mir — ich kann nicht mehr ...

Ende des ersten Teiles.

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