Zweiter Theil. (continued 3)
Julius Seybt translation
Einen Augenblick lang hielt er das liebliche Gesicht zwischen den beiden Händen, um sich noch einmal den wohlbekannten Ausdruck auf der Stirn zu betrachten, und legte dann das schöne goldne Haar an seine kleine braune Perrücke mit einer ächt innigen Liebe und einem Zartgefühl, welche, wenn solche Dinge altmodisch sind, so alt waren wie Adam.
Die Thür von des Doctors Zimmer ging auf und er trat mit Charles Darnay heraus. Er war so todtenbleich — was nicht der Fall gewesen war, als sie mit einander in das Zimmer gegangen waren — daß man auf seinem Gesichte auch keine Spur von Farbe sah. Aber in der Gefaßtheit seines Wesens war er unverändert, außer daß dem scharfen Blick Mr. Lorry’s eine schattenhafte Andeutung nicht unbemerkt blieb, daß der alte Ausdruck scheuen Zurückweichens und bangen Grauens vor Kurzem über ihn hinweggegangen war wie ein kalter Wind.
Er gab seiner Tochter den Arm und führte sie die Treppe hinab an den Wagen, den Mr. Lorry zu Ehren des Tages gemiethet hatte. Die Uebrigen folgten Alle in einem zweiten Wagen, und bald waren in einer nahen Kirche, wo keine fremden Augen neugierig zuschauten, Charles Darnay und Lucie Manette zu einem glücklichen Ehepaare vereint.
Außer den herben Thränen, welche durch das Lächeln der wenigen Versammelten glänzten, als die Ceremonie vorbei war, funkelten einige schöne Juwelen — kaum erlöst aus der finstern Nacht einer der Taschen Mr. Lorry’s — an der Hand der Braut. Sie kehrten zum Frühstück nach Hause zurück und Alles ging gut, und im gehörigen Verlauf der Zeit mischte sich das goldne Haar, das sich in der Dachstube in Paris unter die silbernen Locken des Schuhmachers gemengt hatte, wieder mit ihnen im Morgensonnenschein auf der Thürschwelle bei’m Scheidegruß.
Es war ein schwerer Abschied, obgleich nicht auf lange Zeit. Aber ihr Vater tröstete sie und sagte endlich, indem er sich sanft aus ihren Armen losmachte: „Nehmen Sie sie, Charles! Sie ist die Ihrige!“ Und aufgeregt winkte ihm ihre Hand noch aus dem Kutschenfenster zu — und sie war fort!
Da die stille Ecke kein Sammelplatz der Unbeschäftigten und Neugierigen war und die Vorbereitungen sehr einfach gewesen waren, blieben der Doctor, Mr. Lorry und Miß Proß ganz allein zurück. Als sie in den willkommenen Schatten der kühlen alten Halle zurückkehrten, bemerkte Mr. Lorry, daß eine große Veränderung in dem Doctor vorgegangen, als ob der dort emporgehobene goldene Arm ihm einen vergifteten Streich versetzt hätte.
Er hatte sich natürlich großen Zwang angethan und darauf war ein Rückschlag nur zu erwarten. Aber es war der alte scheue verlorene Blick, der Mr. Lorry beunruhigte; und als sie oben angekommen waren und der Doctor in zerstreuter Weise sich an den Kopf griff und niedergedrückt und schlaff in sein Zimmer schlich, mußte Mr. Lorry an Defarge, den Weinschenken, und die Fahrt durch die sternenhelle Nacht denken.
„Ich glaube“ flüsterte er Miß Proß nach reiflicher und sorgenerfüllter Ueberlegung zu, „ich glaube, es ist das Beste, wir reden ihn jetzt gar nicht an und stören ihn überhaupt nicht. Ich muß einmal nach Tellsons sehen; ich werde daher jetzt hingehen und gleich wieder da sein. Dann machen wir eine Spazierfahrt auf’s Land, essen dort und Alles wird wieder gut sein.“
Es war leichter für Mr. Lorry zu Tellsons hin zu gehen, als wieder von ihnen weg zu kommen. Er wurde zwei Stunden dort festgehalten. Als er zurückkehrte, ging er allein die alte Treppe hinauf ohne sich mit Nachfragen bei dem Diener aufzuhalten, trat in das Zimmer des Doctors und blieb erschrocken stehn, als er ein dumpfes Klopfen hörte.
„Guter Gott!“ sagte er, „was ist das?“
Mit bleichem Gesicht stand Miß Proß neben ihm. „O Gott! o Gott! Alles ist verloren!“ — rief sie händeringend. „Was soll ich meinem Herzblättchen sagen? Er kennt mich nicht und macht Schuhe!“
Mr. Lorry bemühte sich, sie zu beruhigen und ging selbst in das nächste Zimmer. Die Bank war dem Lichte zugekehrt wie damals, wo er zuerst den Schuhmacher hatte arbeiten gesehen. Er hatte den Kopf über die Arbeit gebeugt und war sehr fleißig.
„Dr. Manette! Lieber Freund! Dr. Manette!“
Der Doctor sah einen Augenblick zu ihm auf — halb fragend, halb als ob es ihn ärgerte, angeredet zu werden — und beugte sich wieder über seine Arbeit. Er hatte Rock und Weste abgelegt; das Hemd war vorn offen, wie immer, wenn er sich mit dieser Arbeit beschäftigte, und selbst das alte hohlwangige welke Gesicht war wieder da. Er arbeitete angestrengt — ungeduldig — als ob er einigermaßen fühlte, unterbrochen worden zu sein.
Mr. Lorry warf einen Blick auf die Arbeit, die er unter der Hand hatte, und bemerkte, daß es ein Schuh von der alten Größe und Form war. Er nahm den andern, der neben dem Arbeitenden lag und fragte diesen was es sei.
„Ein Promenadenschuh für eine junge Dame“ brummte er vor sich hin ohne aufzublicken. „Er sollte längst fertig sein. Lassen Sie ihn liegen.“
„Aber Dr. Manette! — Sehen Sie mich an.“
Er gehorchte in der alten mechanischen unterwürfigen Weise, ohne sich in der Arbeit zu unterbrechen.
„Sie kennen mich, bester Freund? Besinnen Sie sich. Dies ist nicht Ihre wahre Beschäftigung. Besinnen Sie sich, werther Freund!“
Nichts konnte ihn bewegen, wieder zu sprechen. Er blickte auf, aber nur eine Sekunde lang, wenn man es verlangte; aber keine Ueberredungskunst vermochte ihm ein Wort abzupressen. Er arbeitete, arbeitete und arbeitete stumm fort; Worte machten auf ihn denselben Eindruck, wie auf einen Menschen ohne Gehör oder auf die Luft. Der einzige Hoffnungsstrahl, den Mr. Lorry entdecken konnte, war, daß er manchmal verstohlen aufblickte ohne aufgefordert zu werden. Darin schien sich eine schwache Regung von Neugier und Verlegenheit auszudrücken — als ob er versuchte, einige innerliche Zweifel mit einander zu versöhnen.
Zweierlei prägte sich Mr. Lorry sofort vor allem Andern ein; erstens, daß dies vor Lucien geheim gehalten werde, und zweitens, daß es Allen seinen Bekannten ein Geheimniß bleiben müsse. Im Verein mit Miß Proß that er sofort Schritte, um für letzteres zu sorgen, indem er den Nachfragenden sagen ließ, der Doctor sei nicht wohl, und bedürfe einige Tage vollständigste Ruhe. Um den gutgemeinten Betrug, der an der Tochter verübt werden sollte, zu unterstützen, sollte Miß Proß ihr melden, daß er zu einer Consultation auf einige Tage verreist sei, und sich dabei auf einen fingirten Brief von zwei oder drei Zeilen beziehen, den er selbst mit derselben Post an sie abgeschickt.
Diese Maßregeln, die in jedem Falle rathsam waren, ergriff Mr. Lorry in der Hoffnung, daß er sich wieder erholte. Geschah dies bald, so hatte er noch einen andern Ausweg im Rückhalte, nämlich eine gewisse Autorität die er für die beste hielt, über des Doctors Fall zu Rathe zu ziehen.
In der Hoffnung auf seine Genesung, und weil alsdann der dritte Weg möglich ward, beschloß Mr. Lorry ihn sorgfältig, mit so wenig Aufsehen als dabei möglich war, zu beobachten. Er traf daher Einrichtung, zum ersten Mal in seinem Leben von Tellsons wegbleiben zu können, und bezog seinen Posten bei dem Fenster in demselben Zimmer.
Die Entdeckung ließ nicht lange auf sich warten, daß es schlimmer und unnütz war, ihn anzureden, da er, wenn man ihn drängte, unruhig und ärgerlich wurde. Er gab schon den ersten Tag diesen Versuch auf und beschloß, für alle Fälle fortwährend vor seinen Augen zu bleiben, als stummer Verwahrung gegen die Täuschung, in die er verfallen, oder verfiel. Er blieb daher auf seinem Platz in der Nähe des Fensters, mit Lesen und Schreiben beschäftigt, und in so mannichfaltiger und natürlicher Weise als er ersinnen konnte, zu verstehen gebend, daß er sich an einem Jedermann zugänglichen Ort befinde.
Dr. Manette nahm an diesem ersten Tage Speise und Trank an, wie sie ihm gereicht wurden, und arbeitete fort bis es zu finster ward um zu sehen — arbeitete noch als schon seit einer halben Stunde Mr. Lorry um keinen Preis im Stande gewesen wäre, noch zu lesen oder zu schreiben. Als er sein Handwerkszeug als nutzlos bis zum Morgen hinlegte, stand Mr. Lorry auf und sagte zu ihm:
„Wollen Sie ausgehen?“
Er blickte rechts und links neben sich auf den Fußboden, blickte auf, und wiederholte mit gedämpfter Stimme, alles in der alten Weise:
„Ausgehen!“
„Ja; wir wollen zusammen spazieren gehen; warum nicht?“
Er machte keine Anstrengung zu sagen warum nicht, und sprach kein Wort weiter. Aber Mr. Lorry glaubte zu bemerken, wie er sich in der Dämmerung, mit dem Ellenbogen auf den Knien und mit dem Kopfe in den Händen auf seiner Bank vorbeugte, und in einer verwirrten Weise fragte: „Warum nicht?“ Der Scharfblick des Geschäftsmanns bemerkte hier einen Vortheil und beschloß weiter darauf zu bauen.
Miß Proß und er theilten die Nacht in zwei Wachen und beobachteten ihn von Zeit zu Zeit von dem anstoßenden Zimmer aus. Er ging lange Zeit, ehe er sich hinlegte, auf und ab, aber als er sich niederlegte, schlief er ein. Des Morgens stand er frühzeitig auf, ging geraden Wegs nach seiner Bank und arbeitete.
An diesem zweiten Tage grüßte ihn Mr. Lorry beim Namen, und redete zu ihm von Gegenständen, die ihm in der letzten Zeit geläufig gewesen. Er gab keine Antwort, aber es war klar, daß er hörte was man sagte, und daß er darüber nachdachte, wenn auch verwirrt. Dies ermuthigte Mr. Lorry, mehrere Mal des Tags auch Miß Proß mit ihrer Arbeit in der Stube anwesend sein zu lassen, wo sie dann von Lucien und ihrem anwesenden Vater ganz ruhig und als ob nichts geschehen wäre, sprachen. Dies geschah still, und frei von aller Auffälligkeit, welche ihn hätte etwa beunruhigen können; und es erleichterte Mr. Lorry’s wohlwollendes Herz zu glauben, daß er öfters aufschaute, und daß ihm dabei einige Unverträglichkeiten der Umgebung mit den ihn beherrschenden Vorstellungen aufzufallen schienen.
Als es wieder dunkel ward, fragte ihn Mr. Lorry wie am Tage vorher:
„Wollen Sie ausgehen?“
Wie früher gab er zur Antwort: „Ausgehen?“
„Ja, wir wollen zusammen spazieren gehen. Warum nicht?“
Da auch diesmal Mr. Lorry keine Antwort bekommen konnte, stellte er sich als ob er ausginge, und kehrte erst nach einer Stunde zurück. Unterdessen hatte der Doctor Platz im Fenster genommen, und dort hinunter auf die Platane gesehen; aber als Mr. Lorry wieder kam, schlich er wieder nach der Bank.
Die Zeit verging sehr langsam, Mr. Lorry’s Hoffnung verdüsterte sich, und sein Herz wurde wieder schwerer, und wurde schwerer jeden Tag. Der dritte Tag kam und ging, der vierte, der fünfte. Fünf Tage vergingen, sechs Tage, sieben Tage, acht Tage, neun Tage.
Mit immer mehr schwindender Hoffnung und immer schwerer werdenden Herzen verlebte Mr. Lorry diese sorgenvolle Zeit. Das Geheimniß ward gut bewahrt, Lucie wußte nichts und war glücklich; aber er konnte sich nicht verbergen, daß der Schuhmacher, dessen Hand anfangs etwas aus der Uebung gekommen zu sein schien, schrecklich geschickt wurde, und daß er nie auf seine Arbeit so aufmerksam, daß seine Hände nie so flink und sicher gewesen, als in der Dämmerung des neunten Abends.
Ende des zweiten Theils.
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.
Boz (Dickens)
Sämmtliche Werke.
Hundertundfünfter Band.
Zwei Städte.
Dritter Theil.

Leipzig
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.
1859.
Zwei Städte.
Eine Erzählung in drei Büchern.
Von
Boz (Charles Dickens).
Mit
Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.
Aus dem Englischen von Julius Seybt.