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Zwei Städte

Vierter Theil.

Julius Seybt translation

Verzierung
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Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

1860.

Achtes Kapitel. Gute Karte.

In glücklicher Unbekanntschaft mit dem neuen Schicksalsschlag zu Hause, ging Miß Proß durch sehr enge Straßen auf der neuen Brücke über den Fluß, während sie beständig innerlich die verschiedenen Einkäufe herzählte, die sie zu machen hatte. Mr. Cruncher mit dem Korb ging neben ihr. Sie blickten beide rechts und links in die meisten der Läden, an denen sie vorbeigingen, beobachteten mit vorsichtigem Auge alle Volkshaufen, und wichen jeder allzu aufgeregten Gruppe von Sprechenden aus. Die Abendluft war rauh und kaum verstattete der Nebel über dem Flusse, auf welchem flackernde Lichter schimmerten und lautes Getöse erdröhnte, die Boote zu erkennen, die den Gewehre für die Armee der Republik anfertigenden Schmieden zur Werkstätte dienten. Wehe dem Manne, der dieser Armee Streiche spielte oder unverdiente Beförderung darin erlangte! Besser für ihn, wenn sein Bart niemals gewachsen wäre, denn das Nationalrasirmesser rasirte ihn glatt weg.

Fertig mit dem Ankauf einer kleinen Anzahl Küchenbedürfnisse und eines Maßes Oel für die Lampe, dachte Miß Proß an den Wein den sie brauchte. Nachdem sie einen forschenden Blick in verschiedene Weinläden geworfen, blieb sie vor dem Schild „des guten Republikaners Brutus“ stehen, nicht weit vom Nationalpalast, ehedem und später wieder die Tuilerien, das ihr seinem Aussehen nach so ziemlich gefiel. Der Laden sah stiller aus als die anderen, an denen sie bisher vorbeigekommen und war, obgleich roth genug von Patriotenmützen, doch nicht so roth wie die Uebrigen. Nachdem Miß Proß Mr. Cruncher zu Rathe gezogen und ihn von gleicher Meinung gefunden, trat sie in seiner Begleitung in den „guten Republikaner Brutus“ ein.

Nicht ohne einen forschenden Blick auf die qualmenden Kerzen, auf die mit der Pfeife im Munde mit schmierigen Karten und gelben Dominosteinen Spielenden, auf den rußgeschwärzten Arbeiter mit nackter Brust und nackten Armen, der eine Zeitung vorlas, während die anderen zuhörten; auf die Waffen die viele im Gürtel trugen, andere einstweilen abgelegt hatten; auf die zwei oder drei mit dem Kopfe auf den Tische Schlafenden, die in dem damals üblichen hochschultrigen kurzen, zottigen, schwarzen Spenzer, in dieser Stellung wie schlafende Bären oder Hunde aussahen, näherten sich die beiden Fremden dem Ladentisch um zu kaufen was sie brauchten.

Als ihr Wein ausgemessen ward, verabschiedete sich ein Mann von einem andern in einer Ecke und stand auf um zu gehen. Er mußte an Miß Proß vorbei. Kaum hatte diese sein Gesicht erblickt, so stieß sie einen Schrei aus und schlug die Hände zusammen.

Illustration from Zwei Städte

Zwiefaches Erkennen.

In einem Augenblicke war die ganze Gesellschaft aufgesprungen. Daß Jemand ermordet worden, weil er einem Andern nicht hatte recht geben wollen, war das Wahrscheinlichste. Jedermann erwartete Jemanden auf den Boden sinken zu sehen, sah aber nur einen Mann und eine Frau, die sich mit weitaufgerissenen Augen anstarrten; der Mann dem ganzen äußeren Ansehen nach ein Franzose und ein gesinnungstüchtiger Republikaner; die Frau eine Vollblutengländerin.

Was die Zöglinge des „guten Republikaners Brutus“, als sie sich so enttäuscht sahen, sagten, hätte für Miß Proß und ihren Beschützer ebenso gut hebräisch oder chaldäisch sein können und wenn sie ganz Ohr gewesen wären. Aber sie hatten in ihrem Erstaunen für Nichts Gehör. Denn es muß hervorgehoben werden, daß nicht blos Miß Proß vor Erstaunen und Aufregung außer sich war; sondern daß auch Mr. Cruncher — obgleich wie es schien auf seine eigene und besondere Rechnung — sich vor Verwunderung nicht fassen konnte.

„Was giebt’s?“ sagte der junge Mann, der Miß Proß gegenüber stand, in ärgerlichem schroffem Tone (obgleich leise) und auf englisch.

„Ach Salomo, lieber Salomo!“ rief Miß Proß und schlug ihre Hände wieder zusammen; „nachdem ich so viele Jahre nichts von Dir gesehen oder gehört habe, Dich endlich hier zu finden!“

„Nenne mich nicht Salomo. Willst Du mir den Tod auf den Hals schicken?“ fragte der Mann in verstohlener und verschüchterter Weise.

„Bruder, Bruder!“ rief Miß Proß mit hellen Thränen aus; „bin ich jemals so hartherzig gegen Dich gewesen, daß Du mir so Etwas zutrauen kannst?“

„Dann halte Dein geschwätziges Maul,“ gebot Salomo, „und komm auf die Straße hinaus, wenn Du mit mir sprechen willst? Bezahle Deinen Wein und komm. Wer ist der da?“

Miß Proß schüttelte ihr liebendes und bekümmertes Haupt über ihren keineswegs liebreichen Bruder und gab durch Thränen zur Antwort: „Mr. Cruncher.“

„Er mag auch mit herauskommen,“ sagte Salomo. „Hält er mich für ein Gespenst?“

Allem Anschein nach war Mr. Cruncher dieser Meinung, wenigstens nach seinem Aussehen zu urtheilen. Er sagte jedoch kein Wort und Miß Proß, die Tiefen ihres Strickbeutels mit großer Beschwerde durch ihre Thränen durchforschend, bezahlte den Wein. Während sie dies that, wendete sich Salomo an die Zöglinge des guten Republikaners Brutus und sprach auf französisch einige erklärende Worte zu ihnen, die sie Alle veranlaßten ihre früheren Plätze wieder einzunehmen und sich ihren eben unterbrochenen Beschäftigungen von Neuem zu widmen.

„Nun, was willst Du von mir?“ fragte Salomo, als er an der dunkeln Straßenecke stehen blieb.

„Wie hart von einem Bruder, von dem ich nie meine Liebe abgewendet habe,“ rief Miß Proß aus, „mich so zu bewillkommnen und so kalt zu bleiben.“

„Da. Hols der Kukuk! Da,“ sagte Salomo, und stieß mit seinem Mund auf die Lippen der Schwester. „Bist Du nun zufrieden?“

Miß Proß schüttelte nur den Kopf und weinte stille Thränen.

„Wenn Du erwartest, daß ich überrascht sein soll,“ sagte ihr Bruder Salomo, „so täuschest Du Dich; ich wußte daß Du hier warst; ich erfahre nur von wenigen nicht, wenn sie nach Paris kommen. Wenn Du wirklich nicht wünschest, mein Leben zu gefährden — was ich halb für möglich halten könnte — so geh’ so bald als möglich Deinen Weg und laß mich meinen gehen. Ich habe viel zu thun. Ich bin Beamter.“

„Mein englischer Bruder Salomo,“ sagte Miß Proß mit einem trauervollen Aufblick ihrer thränenschweren Augen gen Himmel, „der in sich das Zeug hatte einer der besten und größten Männer seines Vaterlandes zu werden, ein Beamter unter Ausländern, und solchen Ausländern! Fast lieber hätte ich den lieben Jungen in seinem —“

„Sagte ich’s nicht!“ unterbrach sie ihr Bruder heftig. „Ich wußte es ja! Du willst mein Tod sein. Meine eigene Schwester wird mich verdächtig machen. Gerade wie es mir anfängt besser zu gehen!“

„Der gnädige und barmherzige Himmel verhüte das!“ rief Miß Proß aus. „Viel lieber möchte ich Dich nicht wiedersehen, lieber Salomo, obgleich ich Dir immer von Herzen gut gewesen bin und es immer bleiben werde. Sage mir nur ein liebreiches Wort und gieb mir nur die Versicherung, daß keine Entfremdung zwischen uns herrscht und ich will Dich nicht länger aufhalten.“

Gute Miß Proß! als ob die Entfremdung zwischen ihnen ihre Schuld gewesen wäre. Als ob Mr. Lorry es nicht schon vor Jahren in der stillen Ecke in Soho gewußt hätte, daß dieser kostbare Bruder ihr Geld durchgebracht und sie dann sitzen gelassen hatte!

Er sagte jedoch das liebreiche Wort mit einer viel trotzigeren Herablassung und Gönnermiene, als er hätte zeigen können, wenn das thatsächliche Verhältniß zwischen den beiden gerade umgekehrt gewesen wäre, so wie es stets überall geschieht, so groß die Welt ist, als Mr. Cruncher die Hand auf seine Schulter legte und mit heiserer Stimme die unerwartete und eigenthümliche Frage stellte:

„Hört ’mal! mit Verlaub! Heißt ihr eigentlich John Salomo, oder Salomo John?“

Der Beamte wandte sich mit plötzlichem Mißtrauen gegen ihn. Er hatte vorher kein Wort gesprochen.

„Na, sprecht nur!“ sagte Mr. Cruncher. „John Salomo oder Salomo John? Sie nennt Euch Salomo und sie muß es wissen, da sie Eure Schwester ist. Und ich weiß, daß Ihr John heißt, wißt Ihr. Welcher von den beiden Namen kommt zuerst? und wie steht es mit dem Namen Proß? So hießt Ihr nicht über dem Wasser.“

„Was meint Ihr?“

„Na ich weiß nicht alles, was ich meine; denn ich kann mich nicht besinnen, wie Ihr über dem Wasser drüben geheißen habt.“

„Nicht?“

„Nein. Aber ich will schwören es war ein Name von zwei Sylben.“

„Wirklich?“

„Ja. Der andere Name war einsylbig. Ich kenne Euch. Ihr waret als Spion Zeuge in Old Bailey. Wie hießt Ihr nur damals im Namen des Lügenvaters, der Euer eigener Vater ist?“

„Barsad,“ fiel eine andere Stimme ein.

„Das ist der Name für eintausend Pfund!“ rief Jerry.

Der eben gesprochen hatte, war Sydney Carton. Er hatte die Hände unter den Schößen seines Reitrocks auf den Rücken gelegt und stand so nachlässig neben Mr. Cruncher, wie er sich in Old Bailey zu zeigen pflegte.

„Erschrecken Sie nicht, meine gute Miß Proß. Ich überraschte gestern Abend Mr. Lorry mit meiner Ankunft; wir kamen überein, daß ich mich nirgendwo zeigen sollte bis Alles in Ordnung war oder bis ich mich nützlich machen könnte; ich komme hierher, um ein paar Worte mit Ihrem Bruder zu sprechen. Ich wollte Ihr Bruder betriebe ein besseres Geschäft als dieser Mr. Barsad. Ihretwegen wünschte ich, Mr. Barsad wäre kein Schaf der Gefängnisse.“

„Schaf der Gefängnisse“ war damals unter den Kerkermeistern ein Spitzname für einen Spion. Der Spion, der blaß war, wurde noch blässer und fragte ihn wie er wagen könnte —

„Das will ich Ihnen erklären,“ sagte Sydney. „Ich sah Sie zufällig, Mr. Barsad, aus dem Conciergerie-Gefängnisse kommen, während ich mir vor ein oder zwei Stunden die Mauern betrachtete. Sie haben ein Gesicht, das auffällt, und ich habe ein gutes Gedächtniß für Gesichter. Daß ich Sie dort sah, erweckte meine Neugier und da ich einen Grund habe (der Ihnen nicht unbekannt ist), Sie mit dem Unglück eines jetzt sehr unglücklichen Freundes in Verbindung zu bringen, so ging ich Ihnen nach. Ich trat gleich hinter Ihnen in den Weinschank hier und setzte mich in Ihre Nähe. Aus Ihrer ganz rückhaltlosen Unterhaltung und dem, was unter Ihren Bewunderern von Mund zu Mund ging, ward es mir nicht schwer zu errathen, womit Sie sich beschäftigen. Und allmälich bekam das, was ich auf’s Geradewohl gethan hatte, einen gewissen Zweck, Mr. Barsad.“

„Was für einen Zweck?“ fragte der Spion.

„Es wäre beschwerlich und vielleicht gefährlich ihn hier auf der Straße auseinander zu setzen. Können Sie mir nicht ein paar Minuten zu einer vertraulichen Unterredung schenken — in Tellsons Bank vielleicht?“

„Drohen Sie?“

„O, sollte ich das gethan haben?“

„Warum soll ich also mit Ihnen gehen?“

„Wahrhaftig, Mr. Barsad, das kann ich Ihnen nicht sagen, wenn Sie es nicht thun können.“

„Sie wollen es mir nicht sagen, Sir?“ fragte der Spion unentschlossen.

„Sie haben ganz das Richtige getroffen, Mr. Barsad. Ich will es Ihnen nicht sagen.“

Cartons nachlässiges und doch bestimmtes Wesen kam seiner Raschheit und Gewandtheit bei dem, was er im Geheimen vorhatte und bei einem solchen Manne wie dieser war, mächtig zu Hülfe. Sein geübtes Auge sah es und beutete es auf das Beste aus.

„Na, ich sagte Dir’s gleich,“ sagte der Spion mit einem vorwurfsvollen Blick auf seine Schwester; „wenn mir daraus ein Unglück erwächst, so bist Du daran schuld.“

„Ach kommen Sie nur, Mr. Barsad!“ rief Sydney aus. „Seien Sie nicht undankbar. Ohne meine Achtung für Ihre Schwester, hätte ich vielleicht nicht auf so angenehme Weise einen kleinen Vorschlag eingeleitet, den ich Ihnen zu unserer gegenseitigen Zufriedenheit zu machen gedenke. Gehen Sie mit mir nach der Bank?“

„Ich will hören was Sie zu sagen haben. Ja, ich will Sie begleiten.“

„Ich schlage vor erst Ihre Schwester bis an die Ecke Ihrer Straße zu bringen. Erlauben Sie mir Ihren Arm, Miß Proß. Es ist für Sie nicht gerathen um diese Zeit in dieser Stadt ohne Schutz auszugehen, und da Ihr Begleiter Mr. Barsad kennt, will ich ihn mit zu Mr. Lorry nehmen. Sind wir fertig? So wollen wir gehen!“

Nicht viel später, und noch bis an das Ende ihres Lebens erinnerte sich Miß Proß, daß, wie sie ihre Hand auf Sydney’s Arm legte, und ihn mit einem bittenden Blick ansah Salomo nichts zu Leide zu thun, ein energischer Wille in seinem Arm und eine Art Begeisterung in den Augen lag, die nicht nur im Widerspruch mit seinem sorglosen Wesen stand, sondern auch den Mann veränderten und erhoben. Sie war damals mit Besorgnissen um ihren Bruder, der ihre Liebe so wenig verdiente und mit Sydney’s beruhigenden Versicherungen zu sehr beschäftigt, um das, was sie sah, gehörig zu beachten.

Sie verließen sie an der Ecke der Straße und Carton schlug dann den Weg nach Mr. Lorry’s Comptoir ein, das nur noch wenige Minuten entfernt war. John Barsad oder Salomo Proß ging neben ihm.

Mr. Lorry hatte eben gegessen und saß vor einem gemüthlichen kleinen Holzfeuer. Vielleicht sah er in den Flackern der Flamme das Bild des jüngeren ältlichen Herrn von Tellsons, der nun vor vielen Jahren in die glühenden Kohlen im König Georg in Dover geschaut hatte. Er sah sich um als sie eintraten und zeigte sich überrascht, als er einen Fremden erblickte.

„Miß Proß’ Bruder, Sir,“ sagte Sydney. „Mr. Barsad.“

„Barsad?“ wiederholte der alte Herr, „Barsad? ich muß den Namen kennen — und das Gesicht.“

„Ich sagte Ihnen Sie hätten ein Gesicht, das man nicht leicht vergißt, Mr. Barsad,“ bemerkte Carton kühl. „Bitte nehmen Sie Platz.“

Als er selbst einen Stuhl nahm, half er Mr. Lorry’s Gedächtniß dadurch nach, daß er zu Mr. Lorry mit gerunzelter Stirn sagte: „Zeuge bei jener Gerichtsverhandlung.“ Mr. Lorry erinnerte sich nun sofort und betrachtete seinen neuen Gast mit unverholenem Abscheu.

„Miß Proß hat Mr. Barsad als den zärtlichen Bruder erkannt, von dem Sie gehört haben,“ sagte Carton, „und er hat die Verwandtschaft anerkannt. Ich habe noch eine schlimmere Nachricht. Darnay ist von Neuem verhaftet.“

Voll Bestürzung rief der alte Herr aus: „Was sagen Sie da! Ich verließ ihn vor zwei Stunden in Sicherheit und frei, und will jetzt wieder zu ihm gehen!“

„Trotzdem verhaftet. Wann ist es geschehen, Mr. Barsad?“

„Jetzt eben, wenn überhaupt.“

„Mr. Barsad ist die beste Autorität die man haben kann, Sir,“ sagte Sydney, „und ich erfuhr es aus Mr. Barsad’s Aeußerungen gegen einen Freund und Mitspion, bei einer Flasche Wein, daß die Verhaftung stattgefunden. Er verließ die Gerichtsboten an der Thür und sah wie der Portier sie einließ. Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß er wieder verhaftet ist.“

Mr. Lorry’s geschäftsmännisches Auge las in dem Gesichte des Sprechenden, daß es reiner Zeitverlust sei bei diesem Punkte zu verweilen. Verwirrt, aber sofort fühlend, daß Etwas auf seine Geistesgegenwart ankommen könnte, beherrschte er sich und hörte in schweigender Aufmerksamkeit zu.

„Nun will ich hoffen,“ sagte Sydney zu ihm, „daß der Name und Einfluß Dr. Manette’s ihm ebenso hülfreich sei morgen — Sie sagten er würde morgen vor Gericht erscheinen, Mr. Barsad?“ —

„Ja; ich glaube.“

„— Ihm ebenso hülfreich sein wird, wie heute. Aber vielleicht ist es nicht der Fall. Ich gestehe Ihnen, Mr. Lorry, ich bin in meiner Zuversicht dadurch wankend geworden, daß Dr. Manette nicht die Macht gehabt hat, seine Verhaftung zu verhindern.“

„Er hat vielleicht vorher Nichts davon gewußt,“ sagte Mr. Lorry.

„Gerade das ist sehr beunruhigend, wenn wir die eigenthümlichen Verhältnisse bedenken, in denen er zu seinem Schwiegersohne steht.“

„Das ist wahr,“ mußte Mr. Lorry anerkennen, während er die Hand unruhig an das Kinn legte und die Augen voller Unruhe und Sorge auf Carton heftete.

„Mit einem Worte,“ sagte Sydney, „es ist eine verzweifelte Zeit, wo verzweifelte Partien um verzweifelte Einsätze gespielt werden. Der Doctor mag auf die Gewinnchance spielen; ich spiele auf die Verlustchance. Keines Mannes Leben ist des Kaufens werth. Wer heute im Triumph vom Volke nach Hause getragen wird, kann morgen verurtheilt sein. Der Einsatz um den ich im schlimmsten Falle zu spielen entschlossen bin ist ein Freund in der Conciergerie. Und der Freund, den ich mir selbst zu gewinnen hoffe, ist Mr. Barsad.“

„Da müssen Sie gute Karten haben, Sir,“ sagte der Spion.

„Ich will sie einmal ansehen. — Mr. Lorry, Sie kennen meine Schwäche; geben Sie mir einen Schluck Branntwein.“

Er wurde gebracht und er trank ein Glas — noch ein Glas — und schob dann die Flasche gedankenvoll bei Seite.

„Mr. Barsad,“ fuhr er in dem Tone eines Mannes fort, der wirklich das Spiel, das er in der Hand hat, durchmustert; „Schaf der Gefängnisse, Emissär republikanischer Ausschüsse, bald Schließer, bald Gefangener, immer Spion und geheimer Angeber, hier um so werthvoller als Engländer, da ein Engländer weniger den Verdacht der Bestechung in einem solchen Charakter ausgesetzt ist, als ein Franzose, stellt sich seinen Brodherren unter einem falschen Namen vor. Das ist ein sehr guter Trumpf. Mr. Barsad, jetzt von der republikanischen französischen Regierung angestellt, stand früher im Dienste der aristokratischen englischen Regierung, des Feindes Frankreichs und der Freiheit. Das ist ein sehr hoher Trumpf. Die Sache ist klar wie der Tag in diesem Lande des Mißtrauens, daß Mr. Barsad, immer noch bezahlt von der aristokratischen englischen Regierung, der Spion Pitts ist, der verrätherische, an ihrem Busen sich wärmende Feind der Republik, der englische Verräther und Anstifter alles Unheils, von dem soviel gesprochen wird und der so schwer zu finden ist. Das ist ein Trumpf, der gar nicht zu überstechen ist. Kennen Sie nun meine Karte, Mr. Barsad?“

„Ich weiß nicht wie Sie sie spielen werden,“ entgegnete der Spion etwas unruhig.

„Ich spiele mein As, Denunciation Mr. Barsads bei dem nächsten Sectionscomité. Sehen Sie sich Ihre Karten an, Mr. Barsad, was Sie dagegen haben. Nehmen Sie sich Zeit.“

Er griff nach der Flasche, schenkte sich abermals ein Glas Branntwein ein und trank es. Er sah, daß der Spion zu fürchten anfing, er könnte sich in eine Aufregung trinken, die ihn bewöge seine Anzeige sofort zu machen. Wie er dies bemerkte, schenkte er sich noch ein anderes Glas ein und trank es.

„Sehen Sie sich Ihre Karten genau an, Mr. Barsad. Nehmen Sie sich Zeit.“

Die Karten waren schlechter, als selbst Carton glaubte. Mr. Barsad sah Verlustkarten, von denen Sydney Carton Nichts wußte. Gezwungen sein ehrenhaftes Gewerbe in England aufzugeben, weil er gar zu zuversichtlich und zu oft falsch geschworen, — nicht weil man ihn nicht mehr brauchte; unsere englischen Gründe uns der Oeffentlichkeit und der Abwesenheit von Spionen zu rühmen, sind neuern Ursprungs — war er über den Canal gegangen und hatte eine Anstellung in Frankreich angenommen; zuerst als Versucher und Aushorcher unter seinen dortigen Landsleuten; allmälich auch als Versucher und Aushorcher unter den Eingeborenen. Er wußte, daß er unter der gestürzten Regierung als geheimer Agent zum Spioniren in St. Antoine und dem Weinschank Defarge’s gedient hatte; daß er von der wachsamen Polizei soviel Einzelnheiten über Dr. Manette’s Einkerkerung, Befreiung und Geschichte mitgetheilt erhalten, als er zur Anknüpfung einer vertraulichen Unterhaltung mit den Defarges brauchte; daß er bei Madame Defarge den Versuch gemacht und in glänzendster Weise abgefallen war. Er erinnerte sich immer mit Furcht und Zittern, daß dieses schreckliche Weib gestrickt hatte, während sie mit ihm sprach und ihn Unheil verkündend angesehen hatte, wie sich ihre Finger bewegten. Er hatte sie seitdem in der Section St. Antoine gesehen, wie sie immer und immer wieder ihre gestrickten Register vorbrachte und Leute anklagte, die dann unwiderruflich der Guillotine verfielen. Er wußte, daß jeder der gleich ihm beschäftigt war, nie sicher war; daß Flucht unmöglich sei; daß er unter den Schatten des Beiles festgebunden, und trotz der niederträchtigsten Gefügigkeit und des schwärzesten Verrathes im Dienste des herrschenden Schreckensregiments ein einziges Wort das Beil zum Fallen bringen könnte. Einmal angeklagt und auf so schwere Gründe hin, wie sie ihm jetzt einfielen, sah er voraus, daß das schreckliche Weib, von deren erbarmungslosem Charakter er so viele Beweise gesehen, gegen ihn das verhängnißvolle Register vorlegen und die letzte Möglichkeit seiner Rettung vernichten würde. Abgesehen davon, daß alle, die ihr Wesen im Heimlichen treiben, leicht einzuschüchtern sind, hatte er schlechte Karten genug in seinem Spiele, um Grund zu haben einigermaßen blaß zu werden, als er sie durchging.

„Ihre Karten scheinen Ihnen nicht besonders zu gefallen,“ sagte Sydney mit der größten Ruhe. „Halten Sie die Partie?“

„Ich glaube, Sir,“ sagte der Spion kriechend, indem er sich an Mr. Lorry wendete, „ich darf einen Herrn von Ihren Jahren und Ihrem Wohlwollen bitten, diesem andern viel jüngeren Herrn vorzustellen, ob er es unter irgend welchen Verhältnissen für seine Stellung passend finden kann das erwähnte As zu spielen. Ich gebe zu, daß ich ein Spion bin und daß spioniren als ein unehrenhafter Beruf betrachtet wird — obgleich sich ihm Jemand widmen muß; aber dieser Herr ist kein Spion und warum sollte er sich so weit erniedrigen, freiwillig die Rolle zu übernehmen?“

„Ich spiele mein As, Mr. Barsad,“ sagte Carton, indem er die Antwort auf sich nahm und nach der Uhr sah, „ohne mich im Mindesten zu bedenken und in wenigen Minuten.“

„Ich hätte gehofft,“ sagte der Spion immer noch mit einem Blick auf Mr. Lorry, um ihn womöglich in das Gespräch zu ziehen, „daß die Achtung, welche sie beide Herren für meine Schwester fühlen“ —

„Ich könnte Ihrer Schwester keinen besseren Beweis von meiner Achtung für sie geben, als wenn ich sie von ihrem Bruder endlich erlöste,“ sagte Sydney Carton.

„Meinen Sie wirklich, Sir?“

„Ich bin in diesem Punkte fest entschlossen.“

Das geschmeidige Wesen des Spions, das so seltsam von der zur Schau getragenen Grobheit seiner Kleider und wahrscheinlich auch von seinem gewöhnlichen Benehmen abstach, sah sich so vollständig geschlagen von der Undurchdringlichkeit Cartons — der ein Geheimniß für ehrlichere und weisere Männer war — daß er ganz und gar unsicher ward. Während er noch unentschlossen dasaß fing Carton wieder an, immer noch als ob er sein Spiel durchmusterte:

„Und wahrhaftig, wenn ich mir es näher überlege, sollte ich fast meinen, ich hätte noch eine andere gute Karte hier, die ich noch nicht aufgezählt habe. Dieser Freund und Mitspion, der wie wir sagten in der Provinz angestellt ist; wer war das?“

„Ein Franzose. Sie kennen ihn nicht,“ sagte der Spion rasch.

„Ein Franzose?“ wiederholte Carton nachdenklich und als ob er gar nicht auf ihn hörte, obgleich er das Wort wiederholte. „Hm; wohl möglich.“

„Er ist ein Franzose, auf mein Wort,“ sagte der Spion; „obgleich es nicht von Wichtigkeit ist.“

„Obgleich es nicht von Wichtigkeit ist,“ wiederholte Carton in derselben mechanischen Weise — „obgleich es nicht von Wichtigkeit ist — nein, es ist nicht von Wichtigkeit. Nein. Und doch kenne ich das Gesicht.“

„Ich glaube nicht. Ganz gewiß nicht. Es ist unmöglich,“ sagte der Spion.

„Unmöglich,“ sagte Sydney Carton, halblaut und nachdenklich vor sich hin, während er sich noch ein Glas (es war zum Glück ein kleines) einschenkte. „Unmöglich! Sprach gut Französisch. Aber doch mit einem fremden Accent, wie mir vorkam.“

„Mit einem Accent aus der Provinz,“ sagte der Spion.

„Nein. Mit einem fremden Accent!“ rief Carton aus und schlug mit der offenen Hand auf den Tisch, wie es auf einmal hell in ihm wurde. „Cly! verkleidet, aber derselbe Mann. Wir hatten den Menschen in Old-Bailey vor.“

„Diesmal übereilen Sie sich, Sir,“ sagte Barsad mit einem Lächeln, das seiner Adlernase eine Extrawendung nach einer Seite gab; „hier räumen Sie mir wirklich einen Vortheil über Sie ein. Cly (von dem ich jetzt, da es so lange her ist, unverholen sagen kann, daß er mein Compagnon war) ist seit mehreren Jahren todt. Ich habe ihn in seiner letzten Krankheit gepflegt. Er ist in London begraben, auf dem Kirchhofe von St. Pancratz im Felde. Seine damalige Unpopularität bei dem ungezogenen Pöbel hielt mich ab seiner Leiche zu folgen, aber ich habe ihn mit in den Sarg gelegt.“

Hier bemerkte Mr. Lorry von seinem Sitz aus einen höchst merkwürdigen, spukhaften Schatten an der Wand. Seiner Entstehung nachgebend, entdeckte er daß sein Ursprung ein plötzliches, außerordentliches Emporsträuben und Steiferwerden aller ohne dies schon emporgesträubten und steifen Haare auf Mr. Crunchers Haupt war.

„Lassen Sie uns verständig und billig sein,“ sagte der Spion. „Um Ihnen zu zeigen wie sehr Sie sich irren und wie unbegründet Ihre Annahme ist, will ich Ihnen ein Certificat über Cly’s Beerdigung vorlegen, das ich zufällig in meinem Taschenbuche habe“ — er holte es mit unruhiger Eile aus der Tasche und machte es auf. „Da ist es, o sehen Sie es an, sehen Sie es an! Sie können es in die Hand nehmen; es ist keine Fälschung.“

Hier sah Mr. Lorry, wie der Schatten an der Wand länger wurde und Mr. Cruncher aufstand und vortrat.

Ungesehen von dem Spion stand er neben demselben und legte wie ein Polizeidienergespenst die Hand auf seine Schulter.

„Diesen Roger Cly, Master,“ sagte Mr. Cruncher mit einem undurchdringlichen Gesichte. „Den haben Sie in den Sarg gelegt?“

„Jawohl.“

„Wer hat ihn denn herausgenommen?“

Barsad sank in seinen Stuhl zurück und stotterte: „was wollt Ihr damit sagen?“

„Ich will sagen,“ versetzte Mr. Cruncher, „daß er gar nicht d’rin gewesen ist. Nein, ganz gewiß nicht! Ich will mir den Kopf abhacken lassen, wenn er jemals d’rin gewesen ist.“

Der Spion sah die beiden Herren der Reihe nach an; beide betrachteten mit sprachlosem Erstaunen Jerry.

„Ich will’s Euch sagen,“ versetzte Jerry, „Pflastersteine und Erde habt Ihr in dem Sarge begraben. Kommt mir nicht mit Eurer Geschichte, Ihr hättet Cly begraben. Das war reiner Leim. Ich und zwei andere wissen es.“

„Woher wißt Ihr es?“

„Was geht das Euch an? Teufel,“ prahlte Mr. Cruncher, „mit Euch habe ich es also von alter Zeit her zu thun wegen Eurer schändlichen Betrügereien an ehrlichen Gewerbsleuten! Ich will Euch bei der Kehle packen und erdrosseln für eine halbe Guinee.“

Sydney Carton, der mit Mr. Lorry bei dieser neuen Wendung vor Staunen verstummt war, forderte jetzt Mr. Cruncher auf, sich zu mäßigen und sich zu erklären.

„Ein andermal, Sir,“ entgegnete dieser ausweichend „es ist jetzt keine gute Zeit zum Erklären. Wobei ich bleibe, ist, daß er recht gut weiß, daß Cly niemals im Sarge gelegen hat. Wenn er nur mit einem Wort von einer einzigen Silbe behaupten will, er hätte d’rin gelegen, so packe ich ihn entweder an der Kehle und erdrossele ihn für eine halbe Guinee“ — Mr. Cruncher wiederholte das, als ob es ein ganz großmüthiges Anerbieten sei — „oder ich gehe fort und zeige ihn an.“

„Hm! eins ist gewiß,“ sagte Carton. „Ich habe noch eine Trumpfkarte, Mr. Barsad. Unmöglich können Sie hier, in diesem wüthenden Paris, wo Argwohn die Luft erfüllt, eine Anklage überleben, wenn Sie im Verkehr mit einem andern aristokratischen Spion stehen, der dieselben Antecedenzien hat wie Sie, und bei dem außerdem der verdächtige Umstand zu bedenken ist, daß er sich todt gestellt hat, und wieder lebendig geworden ist! Ein Complot in den Gefängnissen, angezettelt von dem Ausländer gegen die Republik. Eine hohe Karte — eine sichere Guillotinenkarte! Halten Sie die Partie?“

„Nein!“ entgegnete der Spion. „Ich gebe sie auf. Ich gebe zu, daß wir so unpopulär bei dem zuchtlosen Pöbel waren, daß ich nur auf die Gefahr hin, in einer Pferdeschwemme ertränkt zu werden, England verlassen konnte, und daß Cly so hin und her gehetzt ward, daß er ohne diesen Betrug gar nicht lebendig fortgekommen wäre. Aber wie dieser Mann weiß, daß es ein Gaukelspiel war, ist mir ein Wunder über alle Wunder.“

„Zerbrecht Euch nicht den Kopf über diesen Mann,“ entgegnete der streitfertige Mr. Cruncher; „es wird Euch Mühe genug machen diesem Herrn Eure Aufmerksamkeit zu schenken. Und merkt’s Euch noch einmal!“ — Mr. Cruncher ließ sich nicht abhalten seine Großmuth etwas auffällig zur Schau zu tragen — „ich packe Euch an der Kehle und erdrossele Euch für eine halbe Guinee.“

Der Spion wendete sich von ihm an Sydney Carton und sagte mit mehr Entschiedenheit: „wir müssen zum Abschluß kommen. Ich muß bald auf meinen Posten und meine Zeit pünktlich einhalten. Sie sagten, Sie hätten mir einen Vorschlag zu machen; wie lautet er? Ich erkläre Ihnen von vorn herein, es nützt Ihnen Nichts, zuviel von mir zu verlangen. Verlangen Sie Etwas von mir in meiner amtlichen Stellung, was meinen Kopf in außerordentliche Gefahr bringt, so will ich mein Leben lieber auf die Chancen einer abschläglichen, als einer zustimmenden Antwort wagen. So würde ich meine Wahl treffen. Sie sprachen von Verzweiflung. Wir alle hier sind verzweifelt. Vergessen Sie nicht! ich kann Sie anklagen, wenn ich es für gut finde und ich kann mich durch steinerne Mauern hindurchschwören und Andere können das auch. Nun sagen Sie, was wollen Sie von mir?“

„Nicht sehr viel. Sie sind Schließer in der Conciergerie?“

„Ich sage Ihnen ein für allemal, es ist durchaus kein Entweichen möglich,“ sagte der Spion fest.

„Warum sagen Sie mir Etwas wonach ich nicht gefragt habe? Sie sind Schließer in der Conciergerie?“

„Zuweilen.“

„Sie können es sein wann Sie wollen?“

„Ich habe zu allen Zeiten freien Zutritt dort.“

Sydney Carton schenkte noch ein Glas Branntwein ein, goß es langsam auf die Asche aus und sah zu wie sich die Flüssigkeit verlief. Als der letzte Tropfen den Boden erreicht hatte, stand er auf und sagte:

„Soweit haben wir von diesen beiden Herren gesprochen, weil ich wünschte, daß die Stärke meines Spiels nicht blos uns zweien bekannt sei. Kommen Sie hier in das dunkele Zimmer, wo ich noch ein letztes Wort mit Ihnen zu sprechen habe.“

Neuntes Kapitel. Das Spiel ist gemacht.

Während Sydney Carton und der Spion in dem dunklen Nebenzimmer waren und so leise miteinander verhandelten, daß man auch keinen Ton hörte, sah Mr. Lorry Jerry mit nicht geringem Zweifel und Mißtrauen an. Die Art, wie dieser ehrliche Gewerbsmann sich dabei benahm, war nicht geeignet, Vertrauen einzuflößen; er wechselte das Bein auf welchem er stand so oft, als ob er fünfzig dieser Gliedmaßen hätte und sie alle nacheinander versuchte; er besah sich die Fingernägel mit sehr verdächtiger Aufmerksamkeit; und so oft er Mr. Lorry’s Blick begegnete, befiel ihn der eigenthümliche, trockene Husten, der die hohle Hand vor den Mund zu führen pflegt und selten, wenn jemals, eine mit vollkommener Offenheit des Charakters verbundene Schwäche ist.

„Jerry,“ sagte Mr. Lorry, „tretet näher.“

Mr. Cruncher näherte sich ihm seitlings, die eine Schulter vor.

„Was seid Ihr noch gewesen außer Ausläufer?“

Nach einigem Nachdenken, begleitet von einem gespannten Blick auf seinen Gönner, kam Mr. Cruncher auf den glänzenden Einfall zu antworten: „agriculturischer Charakter.“

„Ich habe eine schlimme Ahnung,“ sagte Mr. Lorry und drohte ihm zürnend mit dem Zeigefinger, „daß Ihr das respectable und große Haus Tellson als falsches Schild benutzt habt und einer ungesetzlichen Beschäftigung der verworfensten Art nachgegangen seid. Wenn das der Fall gewesen ist, so erwartet nicht, daß ich ein gutes Wort für Euch einlege, wenn wir nach England zurückkehren. Wenn es der Fall gewesen ist, so erwartet nicht, daß ich Euer Geheimniß achte. Ich kann nicht dulden, daß Tellson’s hintergangen werden.“

„Ich hoffe, Sir,“ bat der beschämte Mr. Cruncher, „daß ein alter Herr wie Sie, dem ich die Ehre gehabt habe Ausläuferdienste zu leisten bis ich grau davon geworden bin, sich es zweimal überlegen wird, selbst wenn es an dem wäre — ich sage nicht daß es ist, eben selbst wenn es wäre. Und was dabei zu bedenken ist, daß, wenn es wäre, selbst dann nicht alle Schuld auf eine Seite fiele. Es sind zwei Seiten bei der Sache. Es könnte Aerzte geben zur gegenwärtigen Stunde, die ihre Guineen verdienen, wo ein ehrlicher Gewerbsmann nicht seinen Dreier verdient. — Dreier! Nein, noch nicht seinen halben Dreier — halben Dreier! Nein, noch nicht seinen Vierteldreier — die ihr Bankconto haben wie Dampf bei Tellsons, und verstohlen mit ihren medicinischen Augen den Gewerbsmann anzwinkern, während sie aus der Bank kommen und in ihren Wagen steigen — Ah! auch mit Dampf, wenn nicht noch mit mehr. Na, das hieße auch Tellsons hinter’s Licht führen. Denn man kann nicht zur Gans Sauce geben und zum Gänserich keine. Und dann kommt Mrs. Cruncher oder kam wenigstens in der Altenglandzeit und würde morgen bei der ersten Veranlassung gegen das Geschäft in einer Weise rutschen, die ruinirlich wäre — rein ruinirlich. Während die Weiber dieser Aerzte nicht rutschen — die lassen’s bleiben! oder wenn sie rutschen, rutschen sie wegen mehr Patienten und wie kann man die Einen haben ohne die Anderen? Und dann sorgen die Leichenbesorger und die Kirchspielschreiber, und die Todtengräber, und die Privatwächter (alle geizig und alle dabei) dafür, daß ein Mann nicht viel dabei verdient, selbst wenn es so wäre. Und das Wenige, was ein Mann verdient würde ihm nie gedeihen, Mr. Lorry. Ja, es würde ihm nie gedeihen; er möchte immer gern das Geschäft aufgeben, wenn er nur wüßte wie er herauskommen sollte, wenn er einmal d’rin ist — selbst wenn es so wäre.“

„Pfui!“ sagte Mr. Lorry, der trotzdem den Verbrecher mit milderem Auge ansah. „Schon der Gedanke empört mich, wenn ich Euch ansehe.“

„Um was ich Sie eben demüthig bitten wollte, Sir,“ fuhr Mr. Cruncher fort, „selbst wenn es so wäre, und ich sage nicht, daß es so ist“ —

„Keine Hinterzüge,“ sagte Mr. Lorry.

„Nein, ganz gewißlich nicht,“ entgegnete Mr. Cruncher, als ob seinen Gedanken oder seinem Thun nichts ferner läge — „ich sage nicht, daß es so ist — um was ich Sie demüthig bitten wollte ist Folgendes. Auf dem Stuhle wissen Sie, dort bei dem Temple-Thor drüben, sitzt mein Junge, auferzogen und aufgewachsen um bald ein Mann zu sein, der Ihnen Botenlaufen und Alles für Sie thun kann, bis Ihre Hacken sind, wo jetzt Ihr Kopf ist, wenn Sie es sonst wünschen. Wenn es so wäre, was ich noch gar nicht sage, (denn ich will keine Hinterzüge machen, Sir,) so lassen Sie diesen Jungen seines Vaters Stelle einnehmen und für seine Mutter sorgen; verrathen Sie den Vater dieses Jungen nicht — thuen Sie es nicht, Sir, und lassen Sie den Vater einen ordentlichen Gräber werden, und wieder gut machen, was er schlecht gemacht hat durch Ausgraben — wenn es so wäre — indem er sie ordentlich und richtig einscharrt und ein verfluchter Kerl sein will, wenn er sie wieder ausgraben läßt. Das, Mr. Lorry,“ sagte Mr. Cruncher, und wischte sich die Stirn mit dem Rockärmel ab, zum Zeichen, daß er sich dem Schlusse seiner Rede näherte, „das ist’s, um was ich Sie bitten wollte, Sir. Der Mensch kann hier nicht ersehen wie schrecklich es zugeht, was Subjecte ohne Köpfe betrifft — Gott! reichlich genug vorhanden, um den Preis herunter zu drücken bis auf’s Trägerlohn und kaum das, — ohne seine ernsten Gedanken zu bekommen. Und das wären meine Gedanken, wenn es so wäre und ich bitte Sie nicht zu vergessen, daß ich das, was ich gesagt habe, in der guten Sache gesagt habe, wo ich hätte schweigen können.“

„Das wenigstens ist wahr,“ sagte Mr. Lorry. „Schweigen wir jetzt davon. Vielleicht werdet Ihr noch meine Fürsprache haben, wenn Ihr sie verdient und in Werken bereut — nicht in Worten. Ich brauche keine Worte mehr.“

Mr. Cruncher fuhr mit den Knöcheln an die Stirn, als Sydney Carton und der Spion aus dem dunkeln Nebenzimmer erschienen. „Leben Sie wohl, Mr. Barsad!“ sagte der erstere; „unsere Verabredung ist getroffen und Sie haben Nichts weiter von mir zu fürchten.“

Er setzte sich auf einen Stuhl vor dem Kamin, Mr. Lorry gegenüber. Als sie allein waren, fragte Mr. Lorry, was er ausgerichtet habe?

„Nicht viel. Wenn es mit den Gefangenen schlimm gehen sollte, habe ich mir für einmal Zutritt zu ihm gesichert.“

Auf Mr. Lorry’s Gesicht sprach sich traurige Enttäuschung aus.

„Es ist Alles, was ich thun konnte,“ sagte Carton. „Zuviel verlangen hieße dieses Mannes Kopf unter das Beil bringen und wie er selbst sagt, es könnte ihm nichts Schlimmeres geschehen, wenn wir ihn denuncirten. Das war offenbar die schwache Seite unseres Spiels. Dem läßt sich nicht abhelfen.“

„Aber Zutritt zu ihm,“ sagte Mr. Lorry, „wenn es schlimm vor Gericht gehen sollte, kann ihn nicht retten.“

„Das habe ich nie gesagt.“

Mr. Lorry’s Augen suchten allmälig das Feuer; seine Theilnahme für Lucien und der schwere Schlag dieser zweiten Verhaftung, schwächten sie allmälig; er war jetzt ein alter Mann, in der letzten Zeit von vielem Kummer bedrückt, und Thränen rollten seine Wangen herab.

„Sie sind ein guter Mensch und ein treuer Freund,“ sagte Carton in einem andern Tone als bisher. „Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Bewegung bemerke. Ich könnte nicht meinen Vater weinen sehen und achtlos dabei sitzen. Und ich könnte Ihren Schmerz nicht mehr achten, wenn Sie mein Vater wären. Doch dieses Unglück ist Ihnen erspart.“

Obgleich er diese letzten Worte mit einem Anklang seiner gewöhnlichen blasirten Weise sprach, war doch sowol im Tone seiner Stimme, wie in seiner Rührung so viel ächtes Gefühl und Achtung, daß Mr. Lorry, der ihn nie von seiner bessern Seite gesehen, ganz davon überrascht war. Er reichte ihm die Hand und Carton drückte sie sanft.

„Um wieder auf den armen Darnay zu kommen,“ sagte Carton. „Sagen Sie ihr nichts von dieser Zusammenkunft oder dieser Verabredung. Es würde sie nicht in den Stand setzen ihn zu sehen. Sie könnte glauben, es sollte im schlimmsten Falle dazu dienen ihm die Mittel zukommen zu lassen, dem Urtheil vorzugreifen.“

Mr. Lorry hatte daran nicht gedacht und er warf auf Carton einen raschen Blick, um zu sehen ob er so etwas im Sinne habe. Es schien so; er gab den Blick zurück und verstand ihn offenbar.

„Sie könnte sich tausenderlei denken,“ sagte Carton, „und jeder dieser Gedanken würde nur ihre Seelenangst vermehren. Sprechen Sie nicht zu mir von ihr; wie ich Ihnen sagte, als ich zuerst zu Ihnen kam: es ist besser, daß ich sie nicht sehe. Auch ohne das kann ich ihr die kleinen Hülfen leisten, zu denen sich vielleicht Gelegenheit findet. Sie gehen jedenfalls zu ihr? Ich bedaure sie aufrichtigst.“

„Ich gehe jetzt hin.“

„Das freut mich. Sie hängt so fest an Ihnen und verläßt sich so fest auf Sie. Wie sieht sie aus?“

„Bekümmert und unglücklich, aber sehr schön.“

„Ach!“

Es war ein langer, schmerzdurchdrungener Ton, wie ein Seufzer — fast wie ein Schluchzen. Es veranlaßte Mr. Lorry’s Augen Carton anzusehen, dessen Gesicht dem Feuer zugewendet war. Ein Licht oder ein Schatten (der alte Herr hätte nicht sagen können, welches von beiden) verschwand von demselben so rasch, wie an einem stürmischen und doch schönen Tage ein Lichtwechsel über einen Wiesenhang fliegt, und er hob den Fuß um eins der kleinen brennenden Holzscheite, das von dem Heerde fallen wollte, zurückzuschieben. Er trug den weißen Reitrock und die Stolpenstiefeln, die damals Mode waren und der Gegensatz dieser hellen Tracht zu seinem langen braunen, zwanglos und fast ungeordnet um das Gesicht hängendem Haar, machte ihn sehr blaß aussehend. Seine Unbekümmertheit um Feuerschaden war merkwürdig genug, um Mr. Lorry zu einem warnenden Wort zu veranlassen; er hatte den Stiefel immer noch auf die sprühenden Kohlen des brennenden Scheites gesetzt, als es unter dem Gewicht seines Fußes zerquetscht wurde.

„Ich hatte es vergessen,“ sagte er.

Mr. Lorry mußte ihn wieder ansehen. Wie er die Angegriffenheit der von Natur schönen Züge bemerkte, konnte er nicht umhin, an den den Gefangenengesichtern eigenen Ausdruck zu denken, der ihm ja jetzt so oft vor Augen kam.

„Und Ihre Geschäftsobliegenheiten hier sind jetzt zu Ende, Sir?“ sagte Carton jetzt zu ihm.

„Ja. Wie ich Ihnen gestern Abend sagte, als Lucie so unerwartet kam, habe ich endlich Alles hier gethan, was gethan werden konnte. Ich hoffte sie in vollkommener Sicherheit zurückzulassen und dann von Paris abzureisen. Ich habe meinen Passirschein. Ich war reisefertig.“

Beide schwiegen.

„Sie können auf ein langes Leben zurücksehen, Sir,“ sprach Carton endlich sinnend.

„Ich stehe in meinem 78. Jahre.“

„Sie sind Ihr ganzes Leben lang von Nutzen gewesen; ausdauernd und beständig beschäftigt; mit Vertrauen, mit Achtung und Verehrung angesehen?“

„Ich bin Geschäftsmann gewesen seitdem ich Mann bin. Ja, ich kann wohl sagen schon als Jüngling.“

„Und sehen Sie, welche Stelle Sie mit 78 Jahren einnehmen. Wie viele Leute werden Sie vermissen, wenn sie leer ist!“

„Ein einsamer alter Junggeselle,“ gab Mr. Lorry kopfschüttelnd zur Antwort. „Niemand wird mir eine Thräne nachweinen.“

„Wie können Sie das sagen? Würde sie nicht um Sie weinen? und ihr Kind nicht?“

„Ja, ja, Gott sei Dank. Ich nahm’ es nicht so genau mit meinen Worten.“

„Es ist ein Grund, Gott dafür zu danken; nicht?“

„Gewiß, gewiß.“

„Wenn Sie heut Nacht zu Ihrem einsamen Herzen sagen müßten „„ich habe die Liebe und Zuneigung, die Dankbarkeit oder Achtung keines menschlichen Wesens gewonnen; kein Herz denkt zärtlich an mich; Niemand erinnert sich meiner wegen eines Dienstes oder einer Hülfe die ich ihm geleistet habe!““ so wären Ihre 78 Jahre achtundsiebenzig schwere Flüche; würde das nicht der Fall sein?“

„Sie haben Recht, Mr. Carton; es würde so sein.“

Sydney sah wieder in das Feuer und fuhr nach einer Pause von einigen Augenblicken weiter fort:

„Ich möchte Ihnen wol eine Frage vorlegen: — scheint Ihnen Ihre Kindheit weit zurück zu liegen? Erscheinen Ihnen die Tage, wo Sie auf Ihrer Mutter Schoos saßen, als Tage einer längst entschwundenen Vergangenheit?“

Auf seinen herzlicheren Ton eingehend gab Mr. Lorry zur Antwort.

„Vor zwanzig Jahren, ja; gegenwärtig Nein. Denn wie ich dem Ende immer näher komme, wandere ich im Kreise und der Anfang tritt mir immer näher. Es scheint dies eine der freundlichen Erleichterungen und Vorbereitungen des Abgangs zu sein. Mein Herz kennt jetzt viele, lange Zeit schlummernde Erinnerungen an meine hübsche junge Mutter (und ich so alt jetzt!) und an die Tage, wo das, was wir die Welt nennen, mir noch nicht so wirklich erschien und meine Fehler noch nicht zur Gewohnheit geworden waren.“

„Ich verstehe das Gefühl!“ rief Carton aus, und eine helle Röthe flog über sein Gesicht. „Und Sie fühlen sich besser davon?“

„Ich hoffe es.“

Carton brach hier das Gespräch ab, indem er aufstand und dem andern seinen Ueberrock anziehen half; „aber Sie,“ sagte jetzt Mr. Lorry, „Sie sind noch jung.“

„Ja,“ sagte Carton. „Ich bin nicht alt, aber die Art wie ich jung gelebt habe, war nicht der Weg zum Altwerden. Genug von mir.“

„Und gewiß auch von mir,“ sagte Mr. Lorry. „Gehen Sie aus?“

„Ich will Sie bis an ihre Hausthür begleiten. Sie kennen ja meine Lust am Herumstreifen und meine Ruhelosigkeit. Wenn ich mich lange Zeit in den Straßen herumtreiben sollte, so machen Sie sich keine Sorge; ich werde früh schon wieder da sein. Sie gehen morgen in die Gerichtssitzung?“

„Ja, leider.“

„Auch ich werde da sein, aber unter den Zuschauern. Mein Spion verschafft mir einen Platz. Nehmen Sie meinen Arm, Sir.“

Mr. Lorry that dies und sie gingen die Treppe hinab und traten auf die Straße. Wenige Minuten brachten sie an Mr. Lorry’s Bestimmungsort. Dort verließ ihn Carton, blieb aber in einiger Entfernung stehen und kehrte nach dem Thorweg zurück, als er geschlossen war, und legte die Hand daran. Er hatte gehört, daß sie jeden Tag nach dem Gefängniß ging. „Hier ist sie herausgekommen“ sagte er, „diesen Weg ist sie gegangen, diese Steine muß sie oft betreten haben. Ich folge ihrem Wege.“

Es war 10 Uhr Nachts als er vor dem Gefängniß La Force, wo sie hundertmal gestanden hatte, ankam. Ein kleiner Holzhacker, der seinen Laden zugemacht hatte, rauchte vor demselben seine Pfeife.

„Guten Abend, Bürger,“ sagte Sydney Carton im Vorbeigehen stehen bleibend; denn der Mann sah ihn forschend an.

„Guten Abend, Bürger.“

„Was macht die Republik?“

„Ihr meint die Guillotine? Es geht nicht schlecht. Dreiundsechszig heute. Wir müssen bald auf ein volles Hundert kommen. Samson und seine Leute klagen manchmal, sie würden müde. Ha, ha, ha! er ist ein so drolliger Kerl, dieser Samson. Solch’ ein Barbier!“

„Geht Ihr oft hin?“ —

„Ihn rasiren zu seh’n? Immer. Jeden Tag. Solch’ ein Barbier! Ihr habt ihn arbeiten sehen?“

„Nie.“

„So geht ja hin und seht zu, wenn er einmal volle Arbeit hat. Denkt es Euch nur, Bürger, er rasirte heute Dreiundsechszig in weniger als zwei Pfeifen! In weniger als zwei Pfeifen. Auf Ehrenwort!“

Wie das grinsende kleine Ungeheuer die Pfeife in die Höhe hielt, die er rauchte um zu zeigen, wie er die Zeit des Scharfrichters controllirte, fühlte Carton einen so lebhaften Wunsch in sich rege werden, ihn todt zu seinen Füßen niederzustrecken, daß er sich weg wendete.

„Aber Ihr seid kein Engländer,“ sagte der Holzhacker, „obgleich Ihr wie ein Engländer angezogen seid.“

„Doch“, sagte Carton, indem er wieder still stand und sich über die Achsel umsah.

„Ihr sprecht wie ein Franzose.“

„Ich habe früher hier studiert.“

„Ah ha, ein vollkommener Franzose! Gute Nacht, Engländer.“

„Gute Nacht, Bürger.“

„Aber vergeßt ja nicht hinzugehen und Euch den drolligen Kerl anzusehen,“ rief ihm der kleine Mann noch nach. „Und nehmt eine Pfeife mit!“

Sydney war kaum um eine Ecke, so blieb er mitten auf der Straße unter einer düster brennenden Laterne stehen und schrieb mit dem Bleistift Etwas auf einen Zettel. Dann ging er mit dem entschlossenen Schritt eines Mannes, der seinen Weg recht gut kennt, durch mehrere dunkele und schmutzige Gassen — viel schmutziger als gewöhnlich; denn selbst die vornehmsten Straßen blieben in dieser Schreckenszeit ungereinigt — und blieb vor einem Apothekerladen stehen, den der Besitzer eben mit eigenen Händen schließen wollte. Es war ein kleiner trüber, eckiger Laden in einer krummen, bergaufgehenden Straße, gehalten von einem kleinen, trüben, eckigen Manne.

Mit einem „Guten Abend, Bürger“ trat Carton an den Ladentisch und gab dem Apotheker den Zettel. „Hui!“ pfiff dieser leise, als er ihn las. „Hi, hi, hi!“

Sydney Carton beachtete dies nicht und der Chemiker sagte:

„Für Euch, Bürger?“

„Für mich!“

„Ihr werdet Sorge tragen sie nicht unter einander zu mischen, Bürger? Ihr wißt was die Folgen sind, wenn sie untereinander kommen?“

„Vollkommen.“

Der Apotheker bereitete verschiedene Pulver und übergab sie ihm in kleinen Packetchen. Er steckte sie einzeln in die Brusttasche seines Leibrocks, zählte das Geld dafür auf den Tisch und verließ gelassenen Schrittes den Laden. „Es ist vor Morgen nichts mehr zu thun,“ sagte er zum Monde aufblickend. „Ich kann nicht schlafen.“

Es war nicht der alte, verletzend blasirte, oder an sich selbst verzweifelnde Ton, mit dem er diese Worte sprach. Er sprach vielmehr in der mit sich abgeschlossenen Weise eines müden Wanderers, der nach langer anstrengender Irrfahrt endlich den richtigen Weg gefunden hat und sein Reiseziel vor sich sieht.

Vor langer Zeit, als er unter seinen Mitschülern als ein Jüngling von großen Hoffnungen berühmt gewesen, war er seines Vaters Leiche gefolgt. Seine Mutter war schon vor Jahren gestorben. Die feierlichen Worte, die der Geistliche an seines Vaters Grab gelesen, traten jetzt, wie er durch die dunkeln Straßen in dem schweren Schatten der Nacht ging, während hoch über ihm die Wolken hastig über den Mond flogen, vor seine Seele. „Ich bin die Auferstehung und das Leben, sagt der Herr, wer an mich glaubet der soll ewig leben, ob er auch stürbe: und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“

In einer, von der Guillotine beherrschten Stadt, in nächtlicher Einsamkeit, mit natürlicher Theilnahme an dem Schicksale der Dreiundsechszig, welche an diesem Tage hingerichtet worden und an das der Opfer des morgenden Tages, die ihr Schicksal in den Gefängnissen erwarteten, und der Opfer noch so vieler zu erwartenden Morgen, war die Ideenverbindung, welche ihm diesen Spruch in’s Gedächtniß brachte leicht zu finden. Er suchte sie nicht, sondern wiederholte den Spruch und ging weiter.

Mit einem feierlichen Interesse an den erleuchteten Fenstern, wo Leute schlafen gingen, ein paar stille Stunden hindurch die sie umgebenden Schrecken vergessend; an den Thürmen der Kirchen, wo keine Gebete zum Himmel drangen, denn so weit auf dem Wege zur Selbstvernichtung war im Volke die Reaction durch lange Jahre priesterlichen Truges, priesterlichen Plünderung und Ausschweifung zurückgeprallt; an den entlegenen Friedhöfen, jetzt, wie über dem Eingang stand „dem ewigen Schlummer gewidmet“; an den übervollen Kerkern; und an den Straßen, durch welche die Verurtheilten schockweise zu einem Tode fuhren, der so alltäglich und handgreiflich geworden war, daß das Volk an all dieses blutige Arbeiten der Guillotine nicht einmal eine Gespenstersage zu knüpfen wußte; mit einem feierlichen Interesse an dem ganzen Leben und Sterben der Stadt, die allmälich in die kurze nächtliche Unterbrechung ihres täglichen Wüthens versank, ging Sydney Carton wieder über die Seine, um die helleren Straßen aufzusuchen.

Man sah nur wenige Kutschen; denn wer in Kutschen fuhr ward leicht verdächtig, und Vornehmheit setzte auf den Kopf eine rothe Nachtmütze und zog schwere Schuhe an und ging zu Fuß. Aber die Theater waren alle gefüllt und die Leute strömten in heiterer Stimmung heraus, wie er vorbeiging, und begaben sich plaudernd nach Hause. An der Thür eines der Theater stand ein kleines Mädchen mit einer Mutter, die einen Uebergang über die Straße durch den Schmutz suchten. Er trug die Kleine hinüber und bat sie, ehe der schüchterne Arm sich von seinem Hals los machte, um einen Kuß.

„Ich bin die Auferstehung und das Leben, spricht der Herr, wer an mich glaubet der wird ewig leben, ob er auch stürbe: und wer lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“

Jetzt wo die Straßen still waren und die Nacht sich eingestellt hatte, klangen die Worte aus dem Widerhall seiner Schritte und aus der Luft. Vollkommen ruhig und gefaßt sprach er sie manchmal vor sich hin wie er seines Weges ging; aber er hörte sie immer.

Die Nacht verging und wie er auf der Brücke stand und dem Wasser lauschte, das an den Uferrändern der Insel von Paris plätscherte, wo die malerische Verwirrung von Häusern und Dom hell im Mondlichte schien, kam kalt der Tag und sah wie ein Leichengesicht aus dem Himmel herunter. Da wurde die Nacht mit dem Mond und den Sternen blaß und starb, und für eine kurze Zeit schien die Schöpfung der Herrschaft des Todes übergeben zu sein.

Aber die herrliche Sonne ging auf und schien diese Worte, welche die ganze Nacht ihn umklungen hatten mit ihren langen und hellen Strahlen gerade und warm ihm in’s Herz zu senden. Und wie er voll Ehrfurcht das Auge zum Himmel erhob, schien sich eine Lichtbrücke zwischen ihm und der Sonne durch die Luft zu wölben, während der Strom unter ihm funkelte.

Die starke Strömung, so schnell, so tief und so sicher, war in der Morgenstille wie ein gleich gestimmter Freund. Er ging den Fluß entlang weit von den Häusern, und schlummerte in dem warmen Sonnenscheine am Ufer ein. Als er wieder erwachte und aufstand, blieb er noch eine kleine Weile stehen und sah einem Wirbel zu, der sich zwecklos bis der Strom ihn verschlang drehte, um ihn hinaus in’s Meer zu tragen. — „Gleich mir!“

Ein Boot mit einem Segel von der Farbe eines halbgebleichten, todten Blattes kam jetzt langsam den Fluß herunter, trieb vor ihm vorbei und verschwand in der Ferne. Wie auch die Furche, die es im Wasser gezogen, verschwunden war, schloß er das Gebet um barmherzige Erwägung seiner Fehler und Irrthümer, das sich aus seinem Herzen losgerungen, mit den Worten: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

Mr. Lorry war bereits ausgegangen als er zu ihm kam und es war leicht zu vermuthen, wo der gute Alte war. Sydney Carton trank nur eine Tasse Kaffee, aß ein wenig Brot und begab sich, nachdem er sich gewaschen und die Wäsche gewechselt, nach dem Gerichtssaal.

Dort war schon Alles lebendig und laut, als das schwarze Schaf — vor dem viele scheu zurückwichen — ihn in eine dunkle Ecke unter den Zuschauern drängte. Mr. Lorry war da und Dr. Manette war da. Sie war da, und saß neben ihrem Vater.

Als man ihren Gatten hereinführte, sah sie ihn mit einem Blick an, so tröstend, so ermuthigend, so voll bewundernder Liebe und zärtlichem Mitleid und doch so muthvoll um seinetwillen, daß er ihm das gesunde Blut in das Antlitz rief, seine Blicke strahlen machte und sein Herz mit neuem Leben erfüllte. Wäre Jemand dagewesen um die Wirkung ihres Blickes auf Sydney Carton zu beobachten, so hätte er genau dieselben Folgen gesehen.

Vor diesem ungerechten Gericht gab es keine, oder so gut wie keine Ordnung im Verfahren, welche dem Angeklagten angemessenes Gehör sicherte. Es hätte gar keine solche Revolution stattfinden können, wenn alle Gesetze, Formen und Ceremonien nicht erst so ungeheuerlich mißbraucht worden wären, daß die selbstmörderische Rache der Revolution von selbst auf den Gedanken kam, sie alle in den Wind zu schlagen.

Die Augen Aller wendeten sich auf die Geschworenen. Dieselben gesinnungstüchtigen Patrioten und guten Republikaner, wie Gestern und Vorgestern und Morgen und Uebermorgen. Hervorstechend war einer unter ihnen, ein Mann mit einem gierigen Gesicht, dessen Finger sich beständig um seine Lippen bewegten und dessen Aussehen die Zuschauer sehr befriedigte. Ein mordlustiger, cannibalenhaft aussehender, blutdürstiger Geschworener war dieser Jacques Drei von St. Antoine. Die ganze Jury sah aus wie eine Jury von Hunden, eingeschworen um Wild zu verurtheilen.

Aller Augen wendeten sich nun auf die fünf Richter und den öffentlichen Ankläger. Dort war heute keine Milde zu erwarten. Grausame, unnachgiebige, mörderische Geschäftsgesichter. Dann suchte jedes Auge ein anderes Auge im Gedränge und wechselte mit ihm einen beifälligen Blick; und Köpfe nickten sich einander zu, bevor sie mit gespannter Aufmerksamkeit sich vorwärtsdrängten.

Charles Evrémonde, genannt Darnay. Gestern freigelassen, von Neuem angeklagt und wieder verhaftet. Anklage ihm gestern Nacht übergeben. Verdächtig und angeklagt als Feind der Republik, Aristokrat, Mitglied einer Tyrannenfamilie, eines Geschlechts das geächtet, weil es seine abgeschafften Privilegien zur schändlichen Bedrückung des Volkes gebraucht. Charles Evrémonde, genannt Darnay, in Folge dieser Aechtung unbedingt todt vor dem Gesetz.

So ungefähr in ebenso wenig oder weniger Worten sprach der öffentliche Ankläger. Der Präsident fragte, ob der Angeklagte offen oder geheim denuncirt sei?

„Offen, Präsident.“

„Von wem?“

„Von drei Stimmen. Ernest Defarge, Weinschenk in St. Antoine.“

„Gut.“

„Therese Defarge, seine Frau.“

„Gut.“

„Alexander Manette, Arzt.“

Ein großer Lärm entstand im Saale und in demselben sah man Dr. Manette blaß und zitternd von seinem Platz aufspringen.

„Präsident, ich protestire mit Entrüstung gegen diese Angabe als eine Fälschung und einen Betrug. Ihr wißt, daß der Angeklagte der Gatte meiner Tochter ist. Meine Tochter und die zu ihr gehören sind mir lieber als das Leben. Wo und wer ist der falsche Verschwörer, welcher sagt, daß ich den Gatten meines Kindes anklage?“

„Seid ruhig, Bürger Manette. Der Autorität des Gerichts den Gehorsam verweigern, würde Euch selbst außerhalb des Gesetzes stellen. Was Ihr da sagt vom theurer sein als Euer Leben, so kann einem guten Bürger Nichts so theuer sein wie die Republik!“

Lauter Beifall begrüßte diese Zurechtweisung. Der Präsident klingelte und begann mit Wärme von Neuem.

„Wenn die Republik von Euch das Opfer Eures eigenen Kindes verlangte, so hättet Ihr keine andere Pflicht, als es zu opfern. Hört auf das, was der Ankläger zu sagen hat. Bis dahin schweigt.“

Wüthender Beifall ertönte ringsum. Dr. Manette nahm seinen Platz ein während er sich mit zitternden Lippen umschauete; seine Tochter drängte sich dichter an ihn heran. Der gierige Mann unter den Geschworenen rieb sich die Hände und brachte dann von Neuem die Finger an den Mund.

So wie die Ruhe soweit hergestellt worden war um eine Fortsetzung des Verfahrens möglich zu machen, ward Defarge aufgerufen, der in kurzen Worten auseinander setzte, daß er als bloßer Knabe noch im Dienste des Doctors gestanden, als dieser verhaftet worden, und dann über seine Befreiung und über den Zustand in welchem ihm der Doctor nach seiner Freilassung übergeben worden, berichtete. Darauf folgte noch ein kurzes Verhör, denn das Gericht verrichtete seine Arbeit schnell.

„Ihr habt gute Dienste bei der Einnahme der Bastille geleistet, Bürger?“

„Ich glaube.“

Hier kreischte ein aufgeregtes Weib aus dem Gedränge heraus: „Ihr waret dort einer der besten Patrioten. Warum soll man es nicht sagen? Ihr bedientet an jenem Tage ein Geschütz und waret unter den ersten die in das verwünschte Nest eindrangen. Patrioten, ich spreche die Wahrheit!“

Es war der Racheengel, der, stürmisch gelobt von dem lauten Beifall der Zuhörer, sich so in die Verhandlung mischte.

Der Präsident klingelte; aber der Racheengel, durch die ihm zu Theil gewordene Aufmunterung warm geworden, kreischte: „was geht mich die Klingel an!“ wofür er wiederum rauschendes Lob erntete.

„Erzählt dem Gericht, was Ihr an jenem Tage in der Bastille gethan habt, Bürger.“

„Ich wußte,“ sagte Defarge, während er hinab auf seine Frau sah, die unten an den Stufen stand, auf die er getreten war und ihn fest im Auge behielt; „ich wußte daß dieser Gefangene, von dem ich spreche, in einer Zelle, genannt 105 Nordthurm, gesessen hatte. Ich wußte das von ihm selbst. Er kannte sich selbst bei keinem andern Namen als 105 Nordthurm, als er unter meiner Obhut Schuhe machte. Als ich meine Kanone an jenem Tage bediente, nahm ich mir vor, wenn wir den Platz einnehmen sollten, die Zelle zu untersuchen. Wir nahmen ihn ein. Mit einem Mitbürger, der sich unter den Geschworenen befindet, begebe ich mich, von einem Kerkermeister geleitet, nach der Zelle. Ich durchsuche sie ganz genau. In einem Loch im Schornstein, wo ein Stein herausgearbeitet und wieder hineingesetzt worden, finde ich ein beschriebenes Papier. Dies ist das beschriebene Papier. Ich habe es mir zur Obliegenheit gemacht, mehrere Proben der Handschrift Dr. Manette’s zu besichtigen. Dies ist die Handschrift Dr. Manette’s. Ich lege dies Papier, geschrieben von der Hand des Dr. Manette in die Hände des Präsidenten.“

„Man lese es vor.“

Unter tiefstem Schweigen, wobei der vor Gericht gestellte Gefangene zärtlich seine Gattin ansah, seine Gattin nur ihre Augen von ihm abwendete, um mit bekümmerter Theilnahme ihren Vater zu betrachten, Dr. Manette seinen Blick auf den Vorleser geheftet hielt, Madame Defarge die ihrigen nie von dem Gefangenen abwendete, Defarge mit seinem Auge nie das schon im Vorgenusse schwelgende Auge seiner Frau verließ, und alle anderen Blicke sich gespannt auf den Doctor wendeten, der Niemanden ringsum sah, ward das Papier verlesen.

Zehntes Kapitel. Das Wesen des Schattens.

„Ich, Alexander Manette, unglücklicher Arzt, geboren in Beauvais und später wohnhaft in Paris, schreibe diese traurige Geschichte in meiner Jammerzelle in der Bastille im letzten Monat des Jahres 1767. Ich schreibe es auf den Raub, in seltenen Zwischenräumen, unter jeder Schwierigkeit. Ich gedenke es in der Schornsteinwand zu verstecken, wo ich langsam und mühsam einen sicheren Platz für dasselbe hergestellt habe. Dort findet es vielleicht eine mitleidige Hand, wenn ich und mein Schmerz unter der Erde sind. Ich schreibe diese Worte nur mit einem verrosteten Nagel und mit abgeschabtem Ruß aus dem Schornstein, untermischt mit Blut, im letzten Monat des zehnten Jahres meiner Gefangenschaft. Hoffnung ist ganz aus meiner Brust verschwunden. Ich weiß aus schrecklichen Symptomen die ich an mir bemerkt habe, daß mein Geist nicht lange mehr ungeschwächt bleiben wird, aber ich erkläre feierlich, daß ich gegenwärtig noch im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte bin — daß mein Gedächtniß gut und zuverlässig ist — und daß ich die Wahrheit schreibe, so wahr ich für diese, meine letzten niedergeschriebenen Worte, mögen sie von menschlichen Augen gelesen werden oder nicht, vor dem ewigen Gott Rechenschaft ablegen muß.

„In einer bewölkten Mondscheinnacht in der dritten Woche des Decembers (ich glaube es war der zweiundzwanzigste dieses Monats) im Jahre 1757, ging ich um frische Luft zu schöpfen auf einem abgelegenen Theile des Seine-Quais ungefähr eine Stunde Wegs von meiner Wohnung in der Straße der medicinischen Schule spazieren, als ein Wagen sich mir in sehr raschem Laufe näherte. Wie ich zur Seite trat um den Wagen vorbeizulassen, da er mich sonst hätte umfahren können, sah ein Kopf zum Fenster heraus und eine Stimme rief dem Kutscher zu zu halten.

„Der Wagen hielt, sowie der Kutscher die Pferde zügeln konnte, und dieselbe Stimme rief mich beim Namen. Ich antwortete. Der Wagen war jetzt mir soweit voraus, daß zwei Herren Zeit hatten die Kutschenthür zu öffnen und auszusteigen ehe ich sie erreichte. Ich bemerkte, daß beide in Mäntel gehüllt waren, wie es schien um nicht erkannt zu werden. Wie sie nebeneinander, nicht weit von dem Wagentritt, standen, bemerkte ich auch, daß sie beide von meinem Alter sein mochten, oder eher jünger und daß sie sich sehr ähnlich waren im Wuchs, in der Haltung, in der Stimme und soweit ich sehen konnte, auch im Gesicht.

„„Sie sind Dr. Manette?“ sagte der Eine.

„„Ja.“

„„Dr. Manette, früher in Beauvais,“ sprach der Andere; „„der junge Arzt, ursprünglich ein geschickter Chirurg, der seit den letzten paar Jahren in Paris zu solchem Ruf gelangt ist?“

„„Meine Herren,“ gab ich zurück, „„ich bin der Dr. Manette von dem sie in so schmeichelhaften Ausdrücken sprechen.“

„„Wir waren in Ihrer Wohnung,“ sagte der Erste, „„und da wir nicht so glücklich waren Sie dort zu finden und hörten, daß Sie wahrscheinlich in dieser Gegend spazieren gingen, fuhren wir hierher in der Hoffnung Ihnen zu begegnen. Wollen Sie gefälligst in den Wagen steigen?“

„Die Manier beider war gebieterisch und während des eben erwähnten Gesprächs hatten sich beide so gestellt, daß sie zwischen mir und der Wagenthür standen. Sie waren bewaffnet. Ich nicht.“

„„Meine Herren,“ sagte ich, „„verzeihen Sie mir; aber ich erkundige mich gewöhnlich, wer mir die Ehre erweist, meine Hülfe in Anspruch zu nehmen und von welcher Beschaffenheit der Fall ist, wo ich Hülfe leisten soll.“

„Die Antwort die ich darauf von dem erhielt, der als Zweiter gesprochen hatte, war: „„Doctor, Ihre Clienten sind Leute vom Stande. Was die Beschaffenheit des Falls betrifft, so sagt uns unser Vertrauen auf Ihre Kunst, daß Sie denselben viel besser durch eigene Anschauung kennen lernen werden, als wir ihn Ihnen beschreiben können. Genug. Wollen Sie gefälligst in den Wagen steigen?“

„Ich konnte Nichts thun als mich fügen und stieg schweigend ein. Beide folgten mir und der Letzte sprang herein, nachdem der Tritt aufgeklappt war. Der Wagen ward gewendet und fuhr mit der früheren Schnelligkeit davon.

„Ich wiederhole diese Unterredung genau so, wie sie vor sich ging. Ich bezweifle nicht, daß sie Wort für Wort dieselbe war. Ich beschreibe Alles genau so, wie es sich zutrug und zwinge meinen Geist, nicht von seinem Gegenstande abzuschweifen. Wo ich die Zeichen mache, die hier folgen, breche ich vor der Hand ab und verberge meine Papiere im Versteck. ****

„Der Wagen hatte die Straße bald hinter sich, fuhr zur Nord-Barriere hinaus und auf der Landstraße weiter. Ohngefähr drei Viertelstunden vor der Barriere — ich schätzte damals die Entfernung nicht ab, aber bei einer spätern Gelegenheit — lenkte der Wagen von der Hauptstraße ab und hielt gleich darauf vor einem einsam gelegenen Hause. Wir stiegen alle Drei aus und gingen auf einem weichen, feuchten Fußwege durch einen Garten, wo ein vernachlässigter Springbrunnen übergelaufen war, nach der Hausthür. Auf das Schellen mit der Glocke ward sie nicht sofort geöffnet und einer meiner Führer schlug den Mann, der an die Thür kam, mit einem schweren Reithandschuh ins Gesicht.

„Es war nichts in dieser Handlung, was meine besondere Aufmerksamkeit erregte; denn ich hatte gemeine Leute öfter wie Hunde schlagen sehen. Aber der Andere von den Brüdern, der ebenfalls ärgerlich war, schlug den Mann auch und dabei waren die Brüder in Haltung und Aussehen so vollkommen gleich, daß ich jetzt gewahr wurde, es waren Zwillingsbrüder.

„Schon wie wir am äußern Thor (das verschlossen war und das einer der Brüder, um uns einzulassen, geöffnet und dann von Neuem zugeschlossen hatte) abgestiegen waren, hatte ich ein lautes Schreien von einem obern Zimmer her gehört. Man führte mich geradewegs nach diesem Zimmer; das Schreien wurde immer lauter, wie wir die Treppe hinauf stiegen, und ich fand eine Kranke im hitzigen Fieber auf einem Bett liegen.

„Die Kranke war ein Weib von großer Schönheit und jung; jedenfalls nicht viel über Zwanzig. Ihr Haar war wirr und zerzaust und ihre Arme mit Schärpen und Taschentüchern niedergebunden. Ich bemerkte, daß diese Binden alle von Herrenkleidern herrührten. Auf einer derselben, einer mit Fransen besetzten Schärpe für einen Festanzug, sah ich ein adliches Wappen und den Buchstaben E eingestickt.

„Ich sah dies in der ersten Minute, wo ich vor der Kranken stand; denn in ihren ruhelosen Bewegungen hatte sie sich auf dem Rande des Bettes auf das Gesicht gelegt, das Ende der Schärpe in den Mund bekommen und lief Gefahr zu ersticken. Mein Erstes war, meine Hand auszustrecken, um ihr freies Athmen zu verschaffen, und wie ich die Schärpe auf die Seite schob, fiel mein Blick auf die Stickerei in dem Zipfel.

„Ich wendete sie sanft um, legte meine Hände auf ihre Brust, um sie zu beruhigen und sah ihr in’s Gesicht. Ihre Augen standen weit offen und waren ganz verstört, und sie stieß fortwährend durchdringendes Geschrei aus und wiederholte die Worte: „Mein Mann, mein Vater und mein Bruder!“ und zählte dann bis zwölf und sagte: „„still!“ Einen Augenblick und nicht länger hielt sie inne, um zu horchen, und dann fing sie wieder an zu schreien und wiederholte die Worte: „„Mein Mann, mein Vater und mein Bruder!“ und zählte bis zwölf und sagte „„still!“ Immer in derselben Ordnung und in derselben Weise. Es fand auch keine Unterbrechung statt außer der einzigen, regelmäßigen kurzen Pause und immer wieder fing die Reihe der Schmerzensrufe von vorn an.“

„„Wie lange hat dies gedauert?“ fragte ich.

„Zur Unterscheidung will ich die Brüder den älteren und den jüngeren nennen; mit dem Aelteren meine ich denjenigen, der die meiste Autorität ausübte. Der Aeltere antwortete jetzt: „„seit ungefähr dieser Stunde in letzter Nacht.“

„„Sie hat einen Mann, einen Vater und einen Bruder?“

„„Einen Bruder.“

„„Ich spreche nicht mit ihrem Bruder?“

„Er antwortete mit großer Verachtung: „„Nein.“

„„Ihre Gedanken müssen neuerlich mit der Zahl 12 zu thun gehabt haben?“

„Der jüngere Bruder warf ungeduldig ein: „„mit 12 Uhr.“

„„Sehen Sie, meine Herren,“ sagte ich, während ich immer noch die Hände auf ihrer Brust ruhen ließ, „„wie unnütz ich so, wie sie mich hergebracht haben, hier bin. Wenn ich gewußt hätte, was ich hier finden würde, hätte ich mich versorgen können. So geht unwiederbringliche Zeit verloren. In diesem abgelegenen Hause sind jedenfalls keine Arzneien zu haben.“

„Der ältere Bruder sah den jüngern an, welcher gleichgültig zur Antwort gab: „„es ist ein Medizinkasten hier“ und ihn aus einem Alkoven brachte und auf den Tisch stellte. ****

„Ich machte einige von den Fläschchen auf, roch daran und brachte den Stöpsel an die Lippen. Wenn ich etwas Anderes als narkotische Arzneien, die für sich schon Gift waren, hätte anwenden können, so durfte ich diese nicht gebrauchen.“

„„Trauen Sie den Arzneien nicht?“ sagte der jüngere Bruder.

„„Sie sehen, Monsieur, daß ich von ihnen Gebrauch machen will,“ gab ich zur Antwort und sagte weiter Nichts. Mit großer Schwierigkeit und nach vielen Bemühungen gelang es mir der Kranken die gewünschte Dosis einzuflößen. Da ich sie nach einiger Zeit wiederholen wollte und ihre Wirkung beobachten mußte, setzte ich mich neben das Bett nieder. Als Aufwärterin diente ein verschüchtertes und gedrücktes Weib (die Frau des Mannes, der uns geöffnet hatte), das in einer Ecke stand. Das Haus war feucht und verfallen, mittelmäßig ausgestattet — offenbar vor kurzem erst und nur vorübergehend bewohnt. Die Fenster waren mit dicken, alten Tapeten zugenagelt um den Schall des Schreiens abzudämpfen. Dieses dauerte immer noch in seiner regelmäßigen Reihenfolge fort, das Geschrei: „„mein Mann, mein Vater und mein Bruder!“ das Zählen bis 12 und „„still!“ Die Kranke raste so heftig, daß ich mir nicht getraute die Binden von den Armen zu entfernen; aber ich hatte nachgesehen, daß sie nicht schmerzten. Das Einzige, was mich bei dem Fall ermuthigte, war, daß meine Hand auf der Brust der Leidenden so viel besänftigenden Einfluß hatte, daß minutenlange Unterbrechungen in den krampfhaften Bewegungen des Körpers eintraten. Auf das Geschrei machte dies keinen Eindruck; kein Pendel konnte regelmäßiger sein.“

„Weil meine Hand diese Wirkung hervorrief, hatte ich wol eine halbe Stunde neben dem Bett gesessen und die beiden Brüder waren im Zimmer geblieben, bevor der Aeltere sagte:

„Es ist noch ein anderer Kranker da.“

„Ich erschrak und sagte: „„ist es ein dringender Fall?“

„„Es ist besser Sie sehen selbst nach,“ gab er gleichgültig zur Antwort und nahm einen Leuchter. ****

„Der andere Kranke lag in einem Hinterzimmer, zu dem eine zweite Treppe führte, eigentlich in einer Art Bodenraum über einem Stalle. Ein Theil desselben war mit einer niedrigen Gypsdecke versehen; das Uebrige war oben offen bis zu dem Hahnebalken des Daches und nur einzelne Balken vertraten die Stelle der Decke. In diesem Theile lagen Heu und Stroh, Reißbündel als Feuerholz und ein Haufen Aepfel im Sande. Ich hatte durch diesen Theil zu gehen um in den andern zu gelangen. Mein Gedächtniß ist genau und treu. Ich stelle es in diesen Einzelnheiten auf die Probe und sehe sie alle in dieser meiner Zelle in der Bastille fast am Ende des zehnten Jahres meiner Haft, wie ich sie in jener Nacht sah.

„Auf einem Heubündel auf dem Boden, mit einem Kissen unter dem Kopf geschoben lag ein hübscher Bauernbursch — ein halber Knabe noch von kaum 17 Jahren. Er lag auf dem Rücken, die Zähne fest zusammengebissen, die rechte Hand auf die Brust gepreßt und mit den funkelnden Augen gerade in die Höhe sehend. Ich konnte nicht entdecken wo die Wunde war, wie ich neben ihm niederkniete und mich über ihn beugte; aber ich konnte sehen, daß er an einer Wunde von einem scharfen spitzen Instrument starb.

„„Ich bin Arzt, armer Junge,“ sagte ich. „„Laß mich Deine Wunde untersuchen.“

„„Ich mag sie nicht untersuchen lassen,“ gab er zur Antwort; „„laßt sie sein.“

„Sie war unter seiner Hand und ich besänftigte ihn so, daß er mir die Hand wegzunehmen gestattete. Die Wunde war ein Degenstich, zwanzig oder vierundzwanzig Stunden alt, aber kein Arzt hätte ihn retten können, wenn auch sofort darnach gesehen worden wäre. Er näherte sich jetzt rasch seinem Ende. Wie ich meine Augen auf den älteren Bruder heftete, sah ich wie er auf diesen hübschen, sterbenden Burschen herabblickte, als wäre er ein verwundeter Vogel oder ein Hase, oder ein Kaninchen; durchaus nicht als ob er ein Mitmensch wäre.

„„Wie ist dies zugegangen, Monsieur?“ sagte ich.

„„Ein wahnwitziger Hund von einem Bauer, ein Leibeigener, zwang meinen Bruder den Degen zu ziehen und ist von meines Bruders Degen gefallen — wie ein Cavalier.““

„Keine Spur von Mitleid, Schmerz oder menschlichem Mitgefühl war in dieser Antwort zu hören. Der Sprecher schien zuzugeben, daß es unangenehm sei, daß diese andere Art von Creatur hier im Sterben lag und daß es besser gewesen, wenn er in dem gewöhnlichen dunkeln Lauf seines Ungezieferlebens gestorben wäre. Er war ganz unfähig Mitleid mit dem Knaben oder seinem Schicksale zu fühlen.

„Die Augen des Burschen hatten sich langsam ihm zugewendet, als er gesprochen hatte und richteten sich jetzt langsam auf mich.

„„Doctor, sie sind sehr stolz, diese Edelleute; aber wir gemeines Volk sind manchmal auch stolz. Sie berauben uns, beleidigen uns, prügeln uns, schlagen uns todt, aber dennoch bleibt uns manchmal ein klein wenig Stolz übrig. Sie — haben Sie sie gesehen, Doctor?“

„Man hörte das Schreien hier, obgleich durch die Entfernung gedämpft. Er bezog sich darauf, als ob sie in diesem Raume läge.

„Ich sagte: „„ich habe sie gesehen.“

„„Es ist meine Schwester, Doctor. Diese Edelleute haben ihre schändlichen Rechte auf die Schamhaftigkeit und Tugend unserer Schwestern viele Jahre lang ausgeübt, aber wir haben noch gute Mädchen unter uns. Ich weiß es und von meinem Vater habe ich es auch sagen hören. Sie war ein gutes Mädchen. Sie war Braut eines guten jungen Mannes; eines seiner Pächter. Wir waren alle seine Pächter — dieses Mannes der dort steht. Der Andere ist sein Bruder, der Schlimmste eines schlimmen Geschlechts.“

„Nur mit der größten Schwierigkeit sammelte der Knabe körperliche Kraft genug um zu sprechen; aber seine Seele sprach mit schrecklichem Nachdruck.

„„Wir wurden von diesem Mann, der dort steht, so ausgeplündert, wie es alle diese höheren Wesen mit uns gemeinen Hunden thun — ohne Erbarmen von ihm besteuert, gezwungen ohne Lohn für ihn zu arbeiten, gezwungen unser Korn auf seiner Mühle zu mahlen, gezwungen Heerden von seinen zahmen Vögeln mit der kümmerlichen Frucht unserer Felder zu füttern, während wir bei Lebensstrafe nicht ein einziges Huhn für uns selbst halten durften, ausgeplündert und ausgesaugt bis zu dem Grade, daß, wenn wir einmal ein Stückchen Fleisch hatten, wir es bei verschlossener Thür und zugemachten Laden voller Angst aßen, damit seine Leute es nicht sähen und es uns wegnähmen — ich sagte, wir wurden so ausgesaugt, und niedergehetzt und gepeinigt, daß unser Vater sagte, es sei eine schreckliche Sache ein Kind in die Welt zu setzen und wir sollten lieber beten, daß unsere Weiber unfruchtbar blieben und unser elendes Geschlecht ausstürbe!“

„Ich hatte vorher nie das Gefühl des Unterdrücktseins wie eine Flamme hervorbrechen sehen. Ich hatte vermuthet, daß es irgendwo bei dem Volke verborgen schlummern müsse; aber ich hatte es nie hervorbrechen sehen, bis ich es bei diesem sterbenden Knaben sah.

„„Aber doch verheirathete sich meine Schwester, Doctor. Der Arme kränkelte damals und sie heirathete ihren Geliebten, damit sie ihn in ihrer Hütte pflegen könnte — in unserer Hundehütte, wie sie dieser Mann nennen würde. Sie war noch nicht viele Wochen verheirathet, als dieses Mannes Bruder sie sah und Gefallen an ihr fand und dieser Mann bat, sie ihm zu leihen — denn wozu sind Ehemänner unter uns da! Er war bereitwillig genug, aber meine Schwester war gut und tugendhaft und haßte seinen Bruder mit einem nicht minder starken Hasse als ich. Was thaten diese beiden nun um ihren Mann zu bewegen, sie zu bereden, ihm den Willen zu thun?“

„Die Augen des Knaben die bis jetzt mich angesehen hatten, wendeten sich jetzt langsam dem andern zu und ich sah in den beiden Gesichtern, daß Alles wahr war. Selbst jetzt noch in dieser Bastille kann ich die beiden entgegengesetzten Arten von Stolz sehen; bei dem Cavalier lauter nachlässige Gleichgültigkeit; bei dem Bauer lauter niedergetretenes Gefühl und leidenschaftliche Rache.

„„Sie wissen, Doctor, daß es zu den Rechten dieser Edelleute gehört uns gemeine Hunde in Karren einzuspannen, und mit uns zu fahren. So spannten sie ihn ein und fuhren mit ihm. Sie wissen es ist eins von ihren Rechten, uns die ganze Nacht in ihren Gärten wachen zu lassen um die Frösche zum Schweigen zu bringen, damit ihr edler Schlaf nicht gestört werde. Sie ließen ihn die ganze Nacht hindurch im ungesunden Nebel wachen und schickten ihn des Morgens wieder in das Geschirr. Aber er ließ sich nicht bewegen. Nein! Als sie ihn eines Mittags ausspannten, damit er esse — wenn er Etwas zu essen finden konnte — schluchzte er zwölfmal, einmal für jeden Schlag der Glocke, und starb an ihrem Busen.“

„Nichts als der Entschluß alles erlittene Unrecht zu erzählen, hätte den Knaben noch am Leben erhalten können. Er zwang die sich sammelnden Schatten des Todes zurück, wie er seine geballte rechte Faust zwang geballt zu bleiben und die Wunde zuzuhalten.

„„Dann entführte sie der Bruder mit der Erlaubniß und selbst mit der Hülfe dieses Mannes; trotz dem, was sie seinem Bruder gesagt haben muß — und was das war wird Ihnen nicht lange unbekannt bleiben, Doctor — sein Bruder nahm sie zu sich zu seinem Kurzweil auf einige Tage. Ich sah sie auf der Straße vorbeifahren. Als ich die Nachricht nach Hause brachte, brach meines Vaters Herz; er sprach nie eines der Worte, welche es erfüllten. Ich brachte meine junge Schwester (denn ich habe noch eine), an einen Ort außer dem Bereich dieses Mannes und wo sie wenigstens ihm nie lehnspflichtig sein wird. Dann spürte ich den Bruder hier auf und stieg vorige Nacht ein — ein gemeiner Hund, aber mit den Degen in der Hand. — Wo ist das Dachfenster? Es muß hier herum sein?“

„Das Zimmer verdunkelte sich vor seinem Blick; die Welt schloß sich enger um ihn zusammen. Ich sah mich um und bemerkte, daß das Heu und Stroh auf dem Fußboden zertreten war, als ob ein Kampf stattgefunden hätte.

„„Sie hörte mich und kam hereingestürzt. Ich gebot ihr uns nicht zu nahe zu kommen, bis er todt sei. Er kam und warf mir erst einige Stücken Geld hin; dann schlug er mit der Peitsche nach mir. Aber ich, obgleich ein gemeiner Hund, schlug ihn so, daß er den Degen ziehen mußte. Er mag ihn in noch so viele Stücke brechen, den Degen, den er mit meinem gemeinen Blute gefärbt hat; er zog ihn um sich zu vertheidigen — wehrte sich mit seiner ganzen Kunst um sein Leben.“

„Mein Blick war erst vor wenigen Secunden auf einen zerbrochenen Degen unter dem Heu gefallen. Es war ein Cavalierdegen. An einer andern Stelle lag ein alter Degen, wie ihn die Soldaten tragen.

„„Jetzt richten Sie mich auf, Doctor; richten Sie mich auf. Wo ist er?“

„Er ist nicht hier,“ sagte ich, in der Meinung, daß er von dem Bruder spreche.

„Er! so stolz diese Edelleute sind, fürchtet er sich doch vor meinem Anblicke. Wo ist der Mann der hier war? Wenden Sie ihm mein Gesicht zu.“

„Ich that es, indem ich den Kopf des Knaben auf mein Knie legte. Aber für den Augenblick mit außerordentlicher Kraft ausgestattet, stand er ganz auf und zwang mich dasselbe zu thun, sonst hätte ich ihn nicht stützen können.

„„Marquis,“ sagte der Knabe mit hocherhobener rechter Hand und mit den weitgeöffneten Augen ihn ansehend, „„für den Tag, wo für alle diese Sachen Rechenschaft abgelegt werden muß, lade ich Euch und die Eurigen bis zu dem Letzten Eures schlimmen Geschlechts vor, Euch wegen dieser Thaten zu verantworten. Ich zeichne Euch mit diesem blutigen Kreuze zum Gedächtniß meiner Ladung. Auf den Tag, wo für alle diese Thaten Rechenschaft abgelegt werden muß, lade ich Euren Bruder, den Schlimmsten Eures schlimmen Geschlechts, vor, sich noch besonders wegen dieser Thaten zu verantworten. Ich zeichne ihn mit diesem blutigen Kreuze zum Gedächtniß meiner Ladung.“

„Zweimal griff er mit der Hand nach der Wunde in die Brust und machte mit dem Zeigefinger ein Kreuz in die Luft. Mit noch erhobenen Finger blieb er eine Weile stehen, und wie die Hand niedersank, sank er mit ihr und ich legte seine Leiche auf den Fußboden hin. ****

„Als ich wieder an das Bett des jungen Weibes trat, fand ich es ganz in derselben Reihenfolge wie vorhin und ohne die mindeste Linderung im Fieber phantasirend. Ich wußte, daß dies viele Stunden dauern könnte und wahrscheinlich mit dem Schweigen des Todes enden würde.

„Ich gab ihr die frühere Dosis noch einmal ein und blieb neben dem Bett sitzen, bis die Nacht weit vorgerückt war. Das Durchdringende ihres Geschreies nahm nie ab, nie wurden ihre Worte weniger deutlich und nie ordneten sie sich in einer anderen Folge. Immer lauteten sie: „„mein Mann, mein Vater und mein Bruder! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, eilf, zwölf. „Still!“

„Dies dauerte 26 Stunden von der Zeit an, wo ich sie zuerst gesehen. Ich war zweimal gekommen und gegangen und saß wieder neben ihr, als sie schwächer zu werden anfing. Ich that was ich unter diesen Verhältnissen thun konnte und allmälig sank sie in eine Lethargie und lag wie todt da.

„Es war, als ob nach einem langen und schrecklichen Unwetter Wind und Regen sich endlich gelegt hätten. Ich band ihre Arme los und rief die Frau mir beizustehen um sie in die gehörige Lage zu bringen und die Kleider, die sie zerrissen hatte, zu ordnen. Jetzt erst bemerkte ich, daß sie in einem Zustande war, wo vor kurzem erst Mutterhoffnungen in ihr entstanden waren; und nun verlor ich die wenige Hoffnung, die ich bis dahin noch gehabt hatte.

„„Ist sie todt?“ fragte der Marquis, den ich immer noch den älteren Bruder nennen werde, wie er gestiefelt und gespornt vom Pferde in das Zimmer trat.

„„Nicht todt,“ sagte ich; „„aber sie liegt im Sterben.“

„„Welche Lebenskraft diese gemeinen Menschen besitzen!“ sagte er und blickte mit einiger Neugier auf die Sterbende herab.

„„Es liegt eine wunderbare Kraft im Schmerz und in der Verzweiflung,“ gab ich zur Antwort.

„Er lachte erst und runzelte dann die Stirn. Er schob mit dem Fuß einen Stuhl neben den meinigen, befahl der Frau hinauszugehen und sagte mit gedämpfter Stimme:

„„Doctor, ich fand meinen Bruder in diese Verlegenheit verwickelt und empfahl ihm, Ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen. Ihr Ruf ist groß und als junger Mann, der noch eine Zukunft vor sich hat, werden Sie wahrscheinlich Ihr eigenes Interesse nicht aus den Augen setzen. Was Sie hier gesehen haben sind Sachen, die man sehen, aber nicht besprechen darf.“

„Ich lauschte dem Athem der Kranken und vermied es, eine Antwort zu geben.

„„Beehren Sie mich mit Ihrer Aufmerksamkeit, Doctor?“

„„Monsieur,“ sagte ich; „„in meinem Berufe werden Mittheilungen von Patienten immer als Vertrauenssache betrachtet.“ Ich war vorsichtig in meiner Antwort; denn was ich gesehen und gehört hatte, machte mich sehr unruhig.

„Ihr Athem wurde so leise, daß ich nach dem Puls und nach dem Herzen fühlte. Es war gerade noch Leben in ihr, und nicht mehr. Als ich mich umsah, fand ich, daß beide Brüder mich mit gespannten Blicken beobachteten. ****

„Das Schreiben wird mir so schwer, die Kälte ist so streng, ich bin so voller Angst entdeckt und in eine unterirdische, finstere Zelle gebracht zu werden, daß ich diese Erzählung abkürzen muß. Mein Gedächtniß ist wie immer noch so treu wie zu Anfang; es kann sich jedes Wortes, das zwischen mir und diesen Brüdern gewechselt ward erinnern und könnte es niederschreiben.

„Sie schleppte sich noch eine Woche hin. Gegen das Ende konnte ich, wenn ich das Ohr dichter an ihre Lippen legte, ein paar Silben verstehen, die sie an mich richtete. Sie fragte mich, wo sie sei, und ich sagte es ihr; wer ich sei, und ich sagte es ihr. Vergeblich fragte ich sie nach ihrem Familiennamen. Sie schüttelte den Kopf auf dem Kissen und behielt ihr Geheimniß, wie der Knabe.

„Ich hatte keine Gelegenheit ihr eine Frage vorzulegen bis ich den Brüdern gesagt hatte, sie sei ihrem Ende nahe und könnte nicht noch einen Tag erleben. Bis dahin hatte, obgleich die Kranke nur wußte, daß die Frau und ich da waren, stets einer oder der andere der Brüder argwöhnisch hinter dem Vorhange zu Häupten des Bettes gesessen, so lange ich da war. Aber als es soweit gekommen war, schien es ihnen gleichgültig zu sein, was ich noch mit ihr sprechen könnte; als ob — der Gedanke kam mir in den Sinn — ich auch im Sterben läge.

„Ich bemerkte stets, daß sich ihr Stolz empfindlich davon verletzt fühlte, daß der jüngere Bruder (wie ich ihn nenne) den Degen mit einem Bauersmann, und noch dazu mit einem bloßen Knaben, gekreuzt hatte. Die einzige Erwägung, welche wirklich die Seele der Brüder zu belästigen schien, war, daß dies höchst entwürdigend für die Familie und lächerlich sei. So oft ich den Blicken des jüngeren Bruders begegnete, sagte mir sein Ausdruck, daß er einen tiefen Groll gegen mich hege, weil ich diesen Umstand von dem Knaben erfahren hatte. Er war geschmeidiger und höflicher gegen mich als der ältere; aber dies sah ich. Ich sah auch, daß ich in den Augen des älteren ein Stein des Anstoßes war.

„Meine Kranke starb zwei Stunden vor Mitternacht — der Zeit nach nach meiner Uhr fast in derselben Minute, wo ich sie zuerst gesehen. Ich war allein bei ihr als ihr armes junges Haupt sanft auf eine Seite sank und alle ihre irdischen Leiden und Schmerzen vorbei waren.

„Die Brüder warteten in einem Zimmer im Erdgeschoß, voller Ungeduld fortzureiten. Während ich allein neben dem Bett saß, hatte ich gehört, wie sie mit der Reitpeitsche an die Stiefeln schlugen und auf- und abgingen.

„„Endlich ist sie todt?“ sagte der ältere als ich eintrat.

„„Sie ist todt,“ sagte ich.

„„Ich wünsche Dir Glück, Bruder,“ waren seine Worte als er sich umdrehte.

„Er hatte mir vorher schon Geld angeboten, das ich nicht angenommen hatte. Er legte mir jetzt eine Rolle Geld in die Hand. Ich nahm sie, legte sie aber auf den Tisch. Ich hatte mir die Sache überlegt und war entschlossen Nichts zu nehmen.

„„Bitte, entschuldigen Sie,“ sagte ich; „„unter diesen Verhältnissen, nein.“

„Sie sahen einander an, aber erwiderten meine Verbeugung, als ich mich vor ihnen verneigte und wir schieden, ohne daß einer von uns nur ein Wort weiter sprach. ****

„Ich bin müde, müde, müde — niedergedrückt von so vielem Jammer. Ich kann nicht lesen, was ich mit dieser abgezehrten Hand geschrieben habe.

„Am nächsten Morgen in der Frühe wurde die Rolle Geld in einem Kästchen mit meiner Adresse darauf an meiner Thür abgegeben. Ich hatte vom ersten Augenblicke mir ernstlich überlegt, was ich thun sollte. An diesem Tage entschloß ich mich in einem Privatschreiben an den Minister zu berichten, bei was für Patienten und an welchem Orte man meine Hülfe in Anspruch genommen; mit einem Worte, alle Umstände anzugeben. Ich wußte was Hofeinfluß war und welche Vorrechte der Adel hatte und erwartete, daß man von der Sache nie wieder hören werde; aber ich wollte mein Gewissen einer Last entledigen. Ich hatte die Sache streng geheim gehalten, selbst vor meiner Frau; und auch dies beschloß ich in meinem Briefe zu melden. Eine wirkliche Gefahr für mich fürchtete ich nicht; aber ich wußte, daß es Andern gefährlich werden könnte, wenn sie wußten, was ich wußte.

„Ich war diesen Tag sehr in Anspruch genommen, und konnte meinen Brief diesen Abend nicht beenden. Um ihn zum Schlusse zu bringen, stand ich nächsten Morgen lange vor meiner gewöhnlichen Zeit auf. Es war der letzte Tag des Jahres. Der Brief lag eben vollendet vor mir, als man mir meldete, daß eine Dame mich zu sehen wünsche. ****

„Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, geht jeden Tag mehr über meine Kräfte. Es ist so kalt, so finster, meine Sinne sind so stumpf und die düstere Stimmung die mich bedrückt ist so schrecklich.

„Die Dame war jung, einnehmend und schön, aber nach ihrem Aeußeren nicht bestimmt, lange zu leben. Sie stellte sich mir als die Gattin des Marquis A. Evrémonde vor. Ich brachte den Titel, mit welchem der Bauerbursche den älteren Bruder angeredet hatte mit dem Anfangsbuchstaben, den ich auf der Schärpe gestickt gesehen, in Verbindung und kam unschwer zu dem Schlusse, daß ich diesen Edelmann vor sehr kurzer Zeit gesehen hatte.

„Mein Gedächtniß ist immer noch zuverlässig, aber ich kann die Worte unserer Unterredung nicht niederschreiben. Ich argwöhne, daß ich strenger beobachtet werde als bisher, und weiß nicht, zu welcher Zeit man mich beobachtet. Sie hatte die Hauptthatsachen der traurigen Geschichte ihres Gatten und daß man mich zu Rathe gezogen theils errathen, theils entdeckt. Sie wußte nicht, daß das Mädchen todt war. Sie hatte gehofft, wie sie mir mit großer Betrübniß sagte, ihr heimlich die mitfühlende Theilnahme eines Frauenherzens zu zeigen. Sie hatte gehofft, den Zorn des Himmels von einem Hause abzulenken, das seit langen Jahren dem schwerduldenden Volke verhaßt war.

„Sie hatte Gründe, zu glauben, daß noch eine jüngere Schwester lebte, und ihr heißester Wunsch war, dieser Schwester zu helfen. Ich konnte ihr weiter Nichts sagen, als daß wirklich eine solche Schwester vorhanden sei; weiter wußte ich Nichts. Gerade in der Hoffnung, daß ich ihr den Namen und den Aufenthalt der Schwester angeben könnte, hatte sie sich unter dem Siegel des Vertrauens an mich gewendet. Während ich bis zu dieser traurigen Stunde beide nicht kenne. ****

„Die Zettel gehen mir aus. Einer wurde mir gestern mit einer Drohung weggenommen. Ich muß meine Aufzeichnung heute zu Ende bringen.

„Sie war eine gute Dame, von einem mitleidigem Herzen und nicht glücklich in ihrer Ehe. Wie konnte Dies auch sein! Der Bruder mißtrauete ihr und haßte sie, und wendete allen seinen Einfluß gegen sie; sie fürchtete ihn und fürchtete auch ihren Gatten. Als ich sie hinunter bis an die Thür begleitete, saß ein Kind, ein hübscher Knabe von zwei bis drei Jahren in ihrem Wagen.

„„Seinetwegen, Doctor,“ sagte sie, und wies mit thränenden Augen auf ihn, „„möchte ich soviel gut machen, als ich mit meinen schwachen Kräften kann. Es kann ihm sein Erbe sonst nie zum Segen gereichen. Ich habe eine Ahnung, daß wenn keine andere Sühne der Schuld dargebracht wird, man es ihm eines Tages anrechnet. Was ich mein nennen kann — es ist wenig mehr als ein paar Juwelen — soll er — es soll das erste Gebot seines Lebens sein, — mit dem Mitleid und dem tiefen Bekümmerniß seiner todten Mutter dieser schwer verletzten Familie geben, wenn die Schwester entdeckt werden kann.“

„Sie küßte den Knaben und sagte, ihn liebkosend: „„es ist um Deiner selbst willen, lieber Sohn. Du wirst es thun, Charles?“ Der Knabe erwiderte mit frischem Muthe: „„Ja!“ Ich küßte ihr die Hand und sie schloß ihn in ihre Arme und fuhr, ihn liebkosend, fort. Ich habe sie nie wieder gesehen.

„Da sie den Namen ihres Gatten in der Meinung gesagt hatte, daß ich ihn kenne, erwähnte ich ihn in meinem Briefe weiter nicht. Ich siegelte meinen Brief und gab ihn noch an demselben Tage selbst ab, da ich ihn keinen andern Händen anvertrauen wollte.

„An diesem Abend, den letzten Abend des Jahres, klingelte ein Mann in schwarzem Anzuge an meiner Thür, verlangte mich zu sprechen und folgte leise meinem Bedienten, Ernest Defarge, einem jungen Burschen, die Treppe hinauf. Als mein Bedienter in das Zimmer trat, wo ich mit meiner Gattin saß — o meine Gattin, Geliebte meines Herzens! meine schöne, junge englische Gattin! — sahen wir den Mann, den er an der Hausthür zurückgelassen zu haben glaubte, stumm hinter ihm stehen.

„„Ein dringender Fall in der Straße St Honoré,“ sagte er. Er würde mich nicht lange aufhalten, ein Wagen wartete auf mich.“

„Er brachte mich hierher, er brachte mich in mein Grab. Als ich aus dem Hause heraus getreten war, warf man mir von Hinten ein schwarzes Tuch über das Gesicht und zog es fest über den Mund zusammen und band mir die Arme. Die beiden Brüder kamen aus einer dunkeln Ecke über die Straße herüber und identifizirten mich mit einer einzigen Handbewegung. Der Marquis zog aus seiner Tasche meinen Brief hervor, zeigte ihn mir, verbrannte ihn an dem Lichte einer Laterne, die ihm ein Bedienter hinhielt und trat die glimmende Asche mit dem Fuße aus. Kein Wort ward gesprochen. Man brachte mich hierher, man brachte mich in mein lebendiges Grab.

„Wenn es Gott gefallen hätte, es während all’ dieser schrecklichen Jahre dem harten Herzen eines dieser Brüder einzugeben, mir Nachricht von meinem geliebten Weibe zukommen zu lassen — mir nur ein einziges Wort zu sagen, ob sie lebendig oder todt sei, so hätte ich glauben können, daß er sie noch nicht ganz verlassen hätte. Aber jetzt glaube ich, daß das Blutzeichen des Kreuzes verhängnißvoll für sie ist und daß sie an seiner Gnade keinen Theil haben. Und sie und ihre Nachkommen bis zum Letzten ihres Geschlechts klage ich, Alexander Manette, unglücklicher Gefangener in dieser letzten Nacht des Jahres 1767 in meiner unerträglichen Seelenqual den Zeiten an, wo für alle diese Dinge Rechenschaft gegeben werden muß. Ich klage sie an vor dem Himmel und vor der Erde.“

Wuthgeheul ertönte, als dieses Document zum Schluß gelesen war. Es war ein wildes, leidenschaftliches Geheul, aus dem nichts herauszuhören war, als die Gier nach Blut. Die Erzählung weckte die rachgierigsten Leidenschaften der Zeit und es gab kein Haupt in der Nation, das dieser Rache nicht gefallen wäre.

Wozu noch vor diesem Gericht und diesem Publicum hervorheben, wie die Defarges das Papier nicht mit den andern in der Bastille gefundenen Denkschriften veröffentlicht, sondern es behalten hatten, um die rechte Zeit abzuwarten? Wozu noch hervorheben, daß der Name dieser verabscheuten Familie längst von St. Antoine in den Bann gethan und in das verhängnißvolle Register gestrickt war? Der Mann lebte nicht, dessen Tugenden und Verdienste ihn an diesem Tage und an dieser Stelle gegen eine solche Anklage aufrecht erhalten hätten.

Und um so schlimmer war es für den Angeklagten, daß der Ankläger ein wohlbekannter Bürger, sein eigener vertrauter Freund, der Vater seiner Gattin war. Eine der wahnwitzigen Begierden der Volksmasse galt Nachahmungen der zweifelhaften öffentlichen Tugenden des Alterthums und Opfern des eignen Ich’s auf dem Altar des Volks. Als daher der Vorsitzende sagte (sonst hätte sein eigener Kopf auf seiner Schulter gewackelt), daß der gute Arzt der Republik sich durch Ausrottung einer verhaßten Aristokratenfamilie noch verdienter um die Republik mache, und daß er jedenfalls ein wonniges Gefühl heiliger Freude empfinden würde, indem er seine Tochter zur Wittwe und ihr Kind zu einer Waise machte, da herrschte wilde Aufregung, patriotische Inbrunst im Saale, keine Spur menschlichen Mitgefühls.

„Viel Einfluß hat der Doctor hier, nicht wahr?“ sagte Madame Defarge halblaut vor sich hin und lächelte den Racheengel an. „Rettet ihn nur, Doctor, rettet ihn!“

Bei jeder Abstimmung eines Geschworenen brauste es wie wildes Meerestosen durch den Saal. Noch eine Stimme und noch eine Stimme. Immer lauteres Tosen.

Einstimmig verurtheilt. Von Herzen und der Abstammung nach ein Aristokrat, ein Feind der Republik, ein notorischer Volksbedrücker. Zurück in die Conciergerie und den Tod binnen vierundzwanzig Stunden!

Elftes Kapitel. Dämmerung.

Die unglückliche Gattin des Unschuldigen, der zum Tode verurtheilt worden, sank unter dem Spruch zusammen, als wäre sie tödtlich getroffen. Aber kein Laut kam über ihre Lippen; und so stark war die Stimme in ihr, welche ihr vorstellte, daß sie vor Allen in der Welt ihn in seinem Jammer aufrecht halten müsse und ihn nicht vermehren dürfe, daß diese Stimme sie selbst von diesem Schlage rasch wieder emporhob.

Da die Richter an einer öffentlichen Straßenfestlichkeit Theil zu nehmen hatten, vertagte sich das Gericht. Der Lärm und die rasche Bewegung des sich durch viele Ausgänge leerenden Saales hatte noch nicht aufgehört, als Lucie, Nichts als Liebe und Tröstung im Gesicht, aufrecht dastand und die Arme nach ihrem Gatten ausstreckte.

„O, wenn ich ihn anrühren könnte! Wenn ich ihn nur einmal umarmen könnte! Ach gute Bürger, wenn ihr soviel Mitleid mit uns haben wolltet!“

Es war außer den zweien von den vieren, die den Angeklagten gestern verhaftet hatten, nur noch ein Schließer da, und Barsad. Die Zuhörer waren alle hinausgeströmt um das Schauspiel auf den Straßen anzusehen. Barsad schlug den Uebrigen vor, „laßt sie ihn umarmen; es ist ja nur ein Augenblick.“ Stillschweigend gaben die Andern ihre Einwilligung und sie geleiteten sie über die Bänke im Saale nach einer erhöheten Stelle, wo er, wenn er sich über die Schranken der Anklagebank vorbog, sie in seine Arme schließen konnte.

„Leb’ wohl, Liebling meiner Seele. Meinen letzten Segen auf Dein Haupt. Wir werden uns wiedersehen, wo die Müden Ruhe finden.“

Das waren die Worte ihres Gatten als er sie an seine Brust schloß.

„Ich kann es tragen, lieber Charles. Der Herr hält mich aufrecht; gräme Dich nicht um meinetwillen. Einen letzten Segen für unser Kind.“

„Ich schicke ihn durch Dich. Ich küsse es durch Dich. Ich sage ihm Lebewohl durch Dich.“

„Mein Gatte. Nein! Noch einen Augenblick!“ Er riß sich von ihr los. „Wir werden nicht lange getrennt bleiben. Ich fühle, daß dies bald mein Herz brechen wird; aber ich werde meine Pflicht thun, so lange es geht, und wenn ich sie verlasse, so wird Gott unserer Tochter Freunde erwecken, wie er sie mir erweckt hat.“

Ihr Vater war ihr gefolgt und wäre vor Beiden auf die Knie gefallen, wenn ihn nicht Darnay bei der Hand gefaßt und ausgerufen hätte:

„Nein, nein! was haben Sie gethan, daß Sie vor uns knieen sollten! Wir wissen jetzt, welchen Kampf Sie vor Zeiten zu bestehen hatten. Wir wissen jetzt, was Sie zu dulden hatten, als Sie meine Herkunft argwöhnten und als Sie Gewißheit darüber erhielten. Wir wissen jetzt, welche natürliche Antipathie Sie ihretwegen bekämpften und besiegten. Wir danken Ihnen aus vollem Herzen und mit all unserer Liebe und Pflicht. Der Himmel sei mit Ihnen!“

Des Vaters einzige Antwort war, mit den Händen in die weißen Haare zu fahren und sie mit lautem Jammern zu ringen.

„Es konnte nicht anders sein,“ sagte der Gefangene, „Alles hat so zusammengewirkt wie es gekommen ist. Es war das stets vergebliche Bestreben meiner armen Mutter Gebot nachzukommen, was mich zuerst in verhängnißvolle Berührung mit Ihnen brachte. Aus so Bösem konnte nie Gutes kommen, und ein glücklicheres Ende lag nicht in dem Wesen eines so unglücklichen Anfangs. Trösten Sie sich und verzeihen Sie mir. Der Himmel segne Sie!“

Als man ihn fortführte, lies ihn seine Frau los und sah ihm nach mit zum Gebet gefalteten Händen und mit einem strahlenden Ausdruck auf ihrem Antlitz, in welchem selbst ein tröstendes Lächeln war. Als er durch die Gefangnenthür verschwand, wendete sie sich um, legte ihren Kopf zärtlich an ihres Vaters Brust, versuchte zu sprechen und sank bewußtlos zu seinen Füßen nieder.

Da trat aus der dunkeln Ecke, die er nie verlassen hatte, Sydney Carton hervor und hob sie auf. Nur ihr Vater und Mr. Lorry waren bei ihr. Sein Arm zitterte als er sie in die Höhe hob und ihren Kopf unterstützte. Aber in seinem Gesicht sprach sich nicht blos Mitleid aus, — es lag auch ein Anflug von Stolz darin.

„Soll ich sie nach einem Wagen tragen? Ich fühle ihre Last nicht.“

Er trug sie leichten Schrittes nach der Thür und legte sie mit zärtlicher Sorgfalt in eine Kutsche. Ihr Vater und ihr alter Freund stiegen hinein und er nahm neben dem Kutscher Platz.

Als sie den Thorweg erreichten, wo er vor wenigen Stunden noch gestanden um sich im Dunkeln auszumalen, auf welche Steine des rauhen Pflasters sie den Fuß gesetzt, hob er sie wieder aus dem Wagen und trug sie die Treppe hinauf in ihre Wohnung. Dort legte er sie auf ein Lager, wo ihre Tochter und Miß Proß über sie weinten.

Illustration from Zwei Städte

Nach der Verurtheilung.

„Bringen Sie sie nicht zum Bewußtsein,“ sagte er leise zu der Letzteren, „sie befindet sich besser so; bringen Sie sie nicht zu sich, so lange sie nur an Ohnmachten leidet.“

„Ach Carton, Carton, lieber Carton!“ rief die kleine Lucie, indem sie ihn in einem leidenschaftlichen Ausbruche des Schmerzes mit ihren Aermchen umschlang. „Jetzt, wo Du gekommen bist, wirst Du gewiß Etwas thun um Mama zu helfen und Papa zu retten! Ach siehe sie nur an, lieber Carton! Kannst Du, von allen Leuten, die sie lieb haben, ertragen, sie so zu sehen?“

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