Vierter Theil. (continued 2)
Julius Seybt translation
Er beugte sich über die Kleine herab und legte ihre blühende Wange an sein Gesicht. Dann schob er sie sanft bei Seite und betrachtete ihre bewußtlos daliegende Mutter.
„Ehe ich gehe,“ sagte er und stockte. — „Darf ich sie küssen?“
Man erinnerte sich später, daß, als er sich über sie beugte und ihre Stirne mit seinen Lippen berührte, er halblaut einige Worte gesprochen. Die kleine Lucie, die ihm zunächst stand erzählte später, und erzählte noch ihren Enkeln, als sie eine schöne alte Dame war, daß sie ihn sagen hörte: „ein Leben das Sie lieben.“
Als er hinaus in das nächste Zimmer gegangen war, wendete er sich plötzlich zu Mr. Lorry und ihren Vater um, die ihm folgten und sagte zu letzterem:
„Dr. Manette, Sie hatten noch gestern großen Einfluß; machen Sie noch einen Versuch. Diese Richter und alle diese Machthaber sind Ihnen sehr befreundet und für Ihre Dienste sehr dankbar; nicht wahr?“
„Nichts, was sich auf Charles bezog blieb mir verborgen. Ich hatte die stärksten Zusicherungen, daß ich ihn retten würde; und es gelang mir.“ Er gab die Antwort in großer Unruhe und sehr langsam.
„Versuchen Sie noch einmal. Es sind nur wenige kurze Stunden bis morgen Nachmittag, aber machen Sie den Versuch.“
„Ich gedenke den Versuch zu machen. Ich will keinen Augenblick zögern.“
„Das ist gut. Ich habe erlebt, daß Energie wie die Ihrige große Dinge ausgerichtet hat — obgleich,“ setzte er zugleich mit einem Lächeln und einem Seufzer hinzu, „noch nie so große Dinge. Aber machen Sie den Versuch! So wenig werth das Leben ist, wenn wir es schlecht anwenden, so ist es doch diese Bemühung werth. Wenn das nicht der Fall wäre, kostete es kein Opfer es hinzugeben.“
„Ich gehe auf der Stelle zu dem Ankläger und dem Vorsitzenden,“ sagte Dr. Manette, „und noch zu anderen, die ich lieber nicht nennen will. Ich will auch schreiben und — aber halt! es ist eine öffentliche Festlichkeit und Niemand wird vor Dunkelwerden zu Hause zu finden sein.“
„Das ist wahr. Nun, es ist im besten Falle eine verzweifelte Hoffnung und nicht viel verzweifelter, wenn sie bis Dunkelwerden aufgeschoben wird. Ich möchte gern wissen, was Sie ausrichten; obgleich ich sagen muß, ich hoffe nichts! Wann denken Sie diese Leute gesehen zu haben, Dr. Manette?“
„Unmittelbar nach Dunkelwerden, hoffe ich. In den nächsten ein oder zwei Stunden.“
„Es wird bald nach Vier finster. Nehmen wir die längste Frist an. Wenn ich um 9 Uhr zu Mr. Lorry komme, werde ich dann von unserm Freunde oder von Ihnen selbst hören können, was Sie ausgerichtet haben?“
„Ja.“
„Ich wünsche Ihnen viel Glück!“
Mr. Lorry folgte Sydney nach der Saalthür, legte die Hand auf seine Schulter als er gehen wollte, und veranlaßte ihn dadurch sich umzudrehen.
„Ich habe keine Hoffnung,“ sagte Mr. Lorry mit gedämpfter und bekümmerter Stimme.
„Ich auch nicht.“
„Wenn einer von diesen Männern, oder alle geneigt wären ihm das Leben zu lassen — was eine starke Voraussetzung ist; denn was ist ihnen sein oder jedes anderen Menschen Leben! — so bezweifle ich, daß sie es, nach der Demonstration im Gerichtssaale, wagen dürften.“
„Das thue ich auch. In diesem Geheul hörte ich den Fall des Beiles.“
Mr. Lorry lehnte sich mit dem Arm gegen das Thürgewände und legte sein Gesicht darauf.
„Lassen Sie den Muth nicht sinken,“ sagte Carton sehr sanft, „weinen Sie nicht. Ich bestärkte Dr. Manette in diesem Vorsatze, weil ich fühlte, daß der Gedanke daran ihr eines Tages tröstlich sein würde. Sonst könnte sie denken: „„sein Leben wurde leichtsinnig hingegeben“ und das könnte ihr Kummer machen.“
„Ja, ja, ja“ entgegnete Mr. Lorry, und trocknete sich die Augen, „Sie haben Recht. Aber er wird sterben; es ist keine Hoffnung mehr.“
„Ja. Er wird sterben; es ist keine Hoffnung mehr,“ gab Carton zurück. Und ging mit festem Schritte die Treppe hinab.
Zwölftes Kapitel. Nacht.
Sydney Carton stand auf der Straße, ohne recht zu wissen, wohin er gehen sollte. „In Tellsons Comptoir um 9 Uhr,“ sagte er nachdenklich. „Ist es gut, wenn ich mich unterdessen zeige? Ich glaube. Es ist das Beste, daß diese Leute wissen es ist ein Mann wie ich bin, hier. Es ist eine gute Vorsichtsmaßregel und kann eine nothwendige Vorbereitung sein. Aber ruhig, ruhig! Ich muß es erst ausdenken.“
Er hemmte seine Schritte, die sich bereits seinem Ziele zugewendet hatten, ging noch einigemal in der bereits dunkel werdenden Straße auf und ab und verfolgte den Gedanken bis in seine letzten Consequenzen. Sein erster Eindruck ward nur bestätigt. „Es ist das Beste,“ sagte er zuletzt, „wenn diese Leute wissen, daß ein Mann wie ich bin, hier ist.“ Und er wendete seine Schritte St. Antoine zu.
Defarge hatte sich bei Gelegenheit der Gerichtsverhandlung „Inhaber eines Weinschanks in der Vorstadt St. Antoine“ genannt. Für einen der die Stadt kannte war es nicht schwer, sein Haus zu finden, ohne weiter zu fragen. Nachdem sich Carton seiner Lage vergewissert, verließ er wieder diese engeren Straßen, speiste bei einem Restaurant und sank nach dem Essen in einen gesunden Schlaf. Zum ersten Male seit vielen Jahren hatte er kein starkes Getränk genossen. Seit gestern Nacht hatte er nichts getrunken als ein paar Glas leichten, dünnen Wein, und vorige Nacht hatte er den Branntwein langsam auf Mr. Lorry’s Heerd ausgegossen, wie Jemand, der damit nichts mehr zu thun hat.
Es war 7 Uhr als er erfrischt aufwachte, und auf die Straße hinaustrat. Auf dem Wege von St. Antoine blieb er vor einem Ladenfenster stehen, wo sich ein Spiegel befand und band sein loses Halstuch etwas anders, zog sich den Rockkragen zurecht und ordnete sein Haar. Als er damit fertig war, suchte er Defarge’s Weinschank auf und trat ein.
Es war zufällig kein Gast im Laden als Jaques Drei mit den ruhelosen Fingern und der krächzenden Stimme. Dieser Mann, den er unter den Geschwornen gesehen hatte, stand vor dem kleinen Ladentische in Gespräch mit den beiden Defarge’s. Der Racheengel nahm an der Unterhaltung Theil, wie ein ordentliches Mitglied der Wirthschaft.
Als Carton eintrat, Platz nahm und (in ziemlich schlechtem Französisch) ein Glas Wein verlangte, warf Madame Defarge erst einen achtlosen Blick auf ihn, dann einen aufmerksameren, und dann einen noch aufmerksameren, und trat dann selbst an seinen Tisch und fragte ihn, was er bestellt habe.
Er wiederholte was er schon gesagt hatte.
„Engländer?“ fragte Madame Defarge, indem sie fragend ihre dunkeln Augenbrauen in die Höhe zog.
Nachdem er sie angesehen, als ob er selbst ein einzelnes französisches Wort nur langsam verstände, gab er mit seinem früheren, stark ausgeprägten, fremden Accent zur Antwort: „Ja Madame, ja. Ich bin Engländer.“
Madame Defarge kehrte an den Ladentisch zurück um den Wein einzuschenken, und als er eine Jakobinerzeitung nahm und sich stellte, als ob er mit schwerem Bemühen sie zu verstehen versuchte, hörte er sie sagen: „ich schwöre es euch, ganz wie Evrémonde.“
Defarge brachte ihm den Wein und sagte ihm „guten Abend.“
„Wie?“
„Guten Abend.“
„Ah! guten Abend, Bürger,“ sagte er und schenkte dabei sein Glas ein. „Ah! und guter Wein. Es lebe die Republik!“
Defarge trat an den Ladentisch zurück und sagte: „er sieht ihm allerdings ein Wenig ähnlich.“ Madame erwiderte mit Entschiedenheit: „ich sage Dir, er sieht ihm sehr ähnlich.“ Jaques Drei bemerkte friedenstiftend: „Das kommt daher, daß Ihr soviel an ihn denkt, Bürgerin.“ Der liebenswürdige Racheengel setzte lachend hinzu: „ja meiner Treu! und Du freuest Dich so sehr darauf ihn morgen noch einmal zu sehen!“
Carton folgte den Zeilen und Worten seiner Zeitung mit langsamem Zeigefinger und aufmerksamem und in sich versunkenem Gesicht. Sie lehnten alle mit den Armen auf dem Ladentische und steckten, leise sprechend, die Köpfe zusammen. Nach einem Schweigen von einigen Augenblicken, während welchem sie ihn Alle angesehen hatten, ohne daß er sich dadurch in seiner Lectüre stören ließ, setzten sie ihr Gespräch fort.
„Es ist richtig, was Madame sagt,“ bemerkte Jaques Drei. „Warum aufhören? Darin liegt viel Wahres. Warum aufhören?“
„Nun ja,“ warf Defarge ein, „aber einmal aufhören muß man doch. Im Grunde ist die Frage immer noch wo?“
„Mit der Ausrottung,“ sagte Madame.
„Prächtig,“ krächzte Jaques Drei. Auch der Racheengel gab höchst befriedigt seine Zustimmung.
„Ausrottung ist ein guter Grundsatz, Frau,“ sagte Defarge etwas beunruhigt; „im Allgemeinen sage ich Nichts dagegen. Aber dieser Doctor hat viel gelitten; Ihr habt ihn heute gesehen; Ihr habt sein Gesicht beobachtet, wie das Papier gelesen ward.“
„Ich habe sein Gesicht beobachtet!“ wiederholte Madame verächtlich und zornig. „Ja, ich habe sein Gesicht beobachtet. Ich habe gesehen, daß es nicht das Gesicht eines wahren Freundes der Republik ist. Er mag sein Gesicht in Acht nehmen.“
„Und Du hast den Schmerz seiner Tochter gesehen,“ sagte Defarge in begütigendem Tone, „der schrecklicher Schmerz für ihn sein muß!“
„Ich habe seine Tochter gesehen!“ wiederholte Madame; „ja, ich habe seine Tochter gesehen, mehr als einmal. Ich habe sie heute beobachtet und habe sie zu andern Zeiten beobachtet. Ich habe sie beobachtet im Gerichtssaal und ich habe sie auf der Straße beim Gefängniß beobachtet. Ich brauche nur den Finger aufzuheben —!“ Sie schien ihn aufzuheben (Cartons Augen verließen die Zeitung nicht) und ihn mit einem Klirren auf dem Tisch vor sich fallen zu lassen, als ob das Beil gefallen wäre.
„Die Bürgerin ist herrlich!“ krächzte der Geschworene.
„Sie ist ein Engel,“ sagte der Racheengel und umarmte sie.
„Was Dich betrifft,“ fuhr Madame in unversöhnlichen Tone zu ihrem Gatten gewendet, fort, „so würdest Du, wenn es von Dir abhinge — was glücklicher Weise nicht der Fall ist — noch heute diesen Mann retten.“
„Nein!“ protestirte Defarge. „Nicht wenn es durch Indiehöhenehmen dieses Glases geschehen könnte! Aber ich würde dabei stehen bleiben. Ich sage, hört hier auf.“
„Seht Ihr also, Jaques,“ sagte Madame Defarge zornig „und siehe auch Du mein Racheengel! Jetzt hört! Wegen anderer Verbrechen als Tyrannen und Volksbedrücker habe ich dieses Geschlecht seit langer Zeit auf meinem Register verurtheilt zur Vernichtung und Ausrottung. Fragt meinen Mann, ob es nicht an dem ist.“
„Es ist an dem.“ sagte Defarge ohne gefragt zu werden.
„Im Anfang der großen Tage, als die Bastille fiel, findet er das heutige Papier und bringt es mit nach Hause. Und mitten in der Nacht, wo hier alles fort und alles draußen zugeschlossen ist, lesen wir es hier auf dieser Stelle bei dem Scheine dieser Lampe. Fragt ihn, ob es nicht an dem ist.“
„Es ist an dem,“ stimmte Defarge bei.
„Diese Nacht sage ich ihm, als wir das Papier gelesen haben und die Lampe ausgebrannt ist, und der Tag über diese Laden und durch diese eisernen Gitter hereinscheint, daß ich nun ein Geheimniß mitzutheilen habe. Fragt ihn, ob es nicht an dem ist.“
„Es ist an dem,“ stimmte Defarge wieder bei.
„Ich theile ihm dieses Geheimniß mit. Ich schlage mit diesen beiden Händen diese Brust, wie ich es jetzt thue und sage zu ihm. „„Defarge, ich ward unter den Fischern am Meeresstrand erzogen und diese von den beiden Evrémondes so schwer verletzte Bauernfamilie, von der dieses Papier erzählt, ist meine Familie. Defarge, diese Schwester des tödtlich verwundeten Knaben war meine Schwester, dieser Gatte war meiner Schwester Gatte, dieses neugeborne Kind war ihr Kind, dieser Bruder war mein Bruder, dieser Vater war mein Vater, diese Todten sind meine Todten und diese Ladung, sich wegen dieser Sachen zu verantworten, habe ich geerbt. Fragt ihn, ob es an dem ist.“
„Es ist an dem,“ stimmte Defarge noch einmal bei.
„Dann gebietet dem Sturme und dem Feuer Stillstand,“ entgegnete Madame, „aber nicht mir.“
Ihre beiden Zuhörer schienen einen köstlichen Genuß in dem todtbringenden Charakter ihres Hasses zu finden — Carton konnte fühlen wie bleich ihr Gesicht war, ohne sie zu sehen — und beide zollten ihr hohe Lobsprüche. Defarge, eine schwache Minorität, sagte einige Worte zur Erinnerung an die mitleidige Gemahlin des Marquis, aber brachte von seiner Frau weiter nichts heraus, als eine Wiederholung ihrer letzten Antwort: „gebiete dem Sturme und dem Feuer Stillstand; nicht mir!“
Gäste traten ein und die Gruppe löste sich auf. Der englische Gast bezahlte, was er genossen hatte, zählte das Geld, was er herausbekam, nach, ohne sich damit zurecht finden zu können, und fragte als Fremder nach dem Wege nach dem Nationalpalast. Madame Defarge brachte ihn bis an die Thür, nahm seinen Arm und wies ihm die Richtung. Der englische Gast dachte dabei, daß es eine gute That sein könnte, diesen Arm zu packen, ihn empor zu heben, und scharf und tief darunter zu stoßen.
Aber er ging seines Weges und war bald in dem Schatten der Gefängnißmauer verschwunden. Zur bestimmten Stunde kam er aus demselben hervor um wieder in Mr. Lorry’s Zimmer zu erscheinen, wo er den alten Herrn in ruheloser Angst auf- und abgehend fand. Er sagte, er wäre bis vor kurzem bei Lucien gewesen und hätte sie nur auf wenige Minuten verlassen, um der Verabredung gemäß hier zu sein. Ihr Vater war, seitdem er das Bankhaus gegen 4 Uhr verlassen, nicht wiedergesehen worden. Sie hatte einige schwache Hoffnung, daß seine Vermittlung Charles retten könnte; aber sie war sehr schwach. Er war jetzt mehr als fünf Stunden vom Hause weg: wo konnte er sein?
Mr. Lorry wartete bis Zehn; da aber Dr. Manette nicht zurückkehrte und er Lucien nicht allein lassen wollte, so kamen sie überein, daß er wieder zu ihr gehen und um Mitternacht noch einmal nach dem Bankhause kommen sollte. Unterdessen wollte Carton allein bei dem Feuer auf den Doctor warten.
Er wartete und wartete und die Uhr schlug Zwölf; aber Dr. Manette kehrte nicht zurück. Mr. Lorry kam wieder und brachte keine Kunde von ihm. Wo konnte er sein?
Sie besprachen noch diese Frage und waren fast geneigt den Schatten einer Hoffnung auf seine verlängerte Abwesenheit zu bauen, als sie ihn auf der Treppe hörten. So wie er in das Zimmer trat war es offenbar, daß Alles verloren war.
Ob er wirklich bei Jemandem gewesen war, oder ob er während dieser ganzen Zeit die Straßen durchwandert hatte, ist nie bekannt geworden. Wie er dastand und sie anstierte, wendeten sie sich mit keiner Frage an ihn; denn sein Gesicht sagte ihnen Alles.
„Ich kann sie nicht finden,“ sagte er, „und ich muß sie haben. Wo ist sie?“
Kopf und Hals waren bloß und wie er einen hülflosen Blick ringsum schweifen ließ, zog er seinen Rock aus und ließ ihn auf den Fußboden fallen.
„Wo ist meine Bank? Ich habe sie überall gesucht und kann sie nicht finden. Wo habt Ihr meine Arbeit hingethan? Die Zeit drängt: ich muß die Schuhe fertig machen.“
Sie sahen sich einander an und die letzte Hoffnung entschwand aus ihrem Herzen.
„Bitte, bitte!“ sagte er mit weinerlicher Stimme; „gebt mir meine Arbeit.“
Da er keine Antwort erhielt, raufte er sich das Haar und stampfte mit dem Fuße auf den Boden, wie ein Kind das seinen Willen nicht hat.
„Quälen Sie nicht einen armen, unglücklichen Mann,“ bat er dann mit einem herzzerreißenden Aufschrei; „geben Sie mir meine Arbeit! Was soll aus uns werden, wenn diese Schuhe heute Nacht nicht fertig werden?“
Von Sinnen, rein von Sinnen!
Es war so offenbar nutzlos ihm verständig zuzusprechen, oder zu versuchen ihn zu sich zu bringen, daß jeder von den Beiden, wie auf Verabredung, eine Hand auf seine Schulter legte und ihn durch das Versprechen, sie wollten ihm seine Arbeit schaffen, bewogen, vor dem Feuer Platz zu nehmen. Er sank in den Stuhl, stierte in die Kohlen und fing an zu weinen. Als ob Alles, was seit der Dachstubenzeit geschehen war ein flüchtiger Traum gewesen, sah Mr. Lorry ihn zu derselben Gestalt zusammenschrumpfen, die Defarge unter seiner Obhut gehabt hatte.
Gerührt und zugleich erschrocken über diesen plötzlichen Zusammensturz, wie sie alle beide waren, hatten sie doch nicht Zeit sich solchen Empfindungen hinzugeben. Seine alleinstehende Tochter, ihrer letzten Hoffnung und Stütze beraubt, sprach zu mächtig zu ihnen. Wieder sahen sie sich wie verabredet mit einem und demselben Worte auf den Lippen an. Carton sprach zuerst:
„Die letzte Hoffnung ist hin; sie war nicht groß. Ja; es ist das Beste Sie bringen ihn hin zu ihr. Aber wollen Sie, bevor Sie gehen, mir noch für einen Augenblick aufmerksames Gehör schenken? Fragen Sie nicht nach dem Warum der Bedingungen die ich stellen werde, und des Versprechens das ich zu fordern gedenke; ich habe einen Grund — einen triftigen Grund.“
„Ich bezweifele es nicht,“ gab Mr. Lorry zur Antwort. „Fahren Sie fort.“
Die Gestalt auf dem Stuhle zwischen ihnen wiegte sich unterdessen stöhnend vorwärts und rückwärts. Sie sprachen in demselben Tone, wie wenn sie des Nachts bei einem Krankenbette wachten.
Carton bückte sich um den Rock aufzuheben, der fast unter seinen Füßen lag. Während er dies that, fiel ein Brieftäschchen heraus, in welchem der Doctor gewöhnlich seine Tagesbesuche verzeichnete. Carton hob es auf und fand ein zusammengebrochenes Papier darin. „Wir sollten Das wohl ansehen?“ sagte er. Mr. Lorry nickte zustimmend. Er schlug es auseinander und rief aus. „Gott sei Dank!“
„Was ist es!“ fragte Mr. Lorry begierig.
„Einen Augenblick! ich komme gleich darauf. Erstlich,“ er steckte die Hand in die Tasche und brachte ein anderes Papier heraus, „hier ist das Certificat, welches mir erlaubt, diese Stadt zu verlassen. Sehen Sie es an. Sie sehen — Sydney Carton, ein Engländer?“
Mr. Lorry hielt es aufgeschlagen in seiner Hand und sah in sein ernstes Gesicht.
„Heben Sie es bis Morgen für mich auf. Ich sehe ihn morgen, wie Sie wissen und es ist besser ich nehme es nicht mit in’s Gefängniß.“
„Warum nicht?“
„Ich weiß nicht; es ist mir lieber so. Jetzt nehmen Sie dies Papier, das Dr. Manette in seiner Tasche trug. Es ist ein ähnliches Certificat, welches ihn und seine Tochter und ihr Kind in den Stand setzt zu jeder Zeit zum Thor hinaus und über die Grenze zu kommen. Nicht wahr?“
„Ja!“
„Vielleicht hat er es sich gestern als letzte und äußerste Vorsichtsmaßregel verschafft. Von welchem Tage ist es datirt? aber das thut nichts zur Sache; sehen Sie nicht erst nach; legen Sie es sorgfältig zu meinem und zu Ihrem Paß. Jetzt merken Sie wohl auf! Erst in den letzten paar Stunden wurde ich ungewiß, ob er einen solchen Erlaubnißschein hätte oder haben könnte. Er ist gut bis er zurückgenommen wird. Aber er kann zurückgenommen werden und ich habe Grund zu glauben, daß Dies sehr bald geschehen wird.“
„Sie sind nicht in Gefahr?“
„Sie sind in großer Gefahr. Sie sind in Gefahr einer Anklage von Madame Defarge. Ich weiß es von ihren eigenen Lippen. Ich habe heute Abend von dieser Frau Aeußerungen belauscht, welche mir ihre Gefahr als sehr nahe und bedrohlich darstellten. Ich habe keine Zeit verloren und seitdem mit dem Spion gesprochen. Er bestätigt meine Befürchtung. Er weiß, daß ein Holzhacker, der nicht weit von dem Gefängniß wohnt, mit den Defarges in Verbindung steht und von Madame Defarge verhört worden ist und ihr gesagt hat, daß er gesehen hätte, wie sie“ — er nannte nie Luciens Namen — „mit Gefangenen Zeichen und Signale gewechselt hat. Es ist leicht vorauszusehen, daß der Vorwand der gewöhnliche sein wird, eine Gefängnißverschwörung, und daß ihr Leben auf dem Spiele steht — und vielleicht das ihres Kindes — und vielleicht das ihres Vaters — denn man hat beide mit ihr an jenem Orte gesehen. Machen Sie kein so entsetztes Gesicht. Sie können sie noch Alle retten.“
„Der Himmel gebe es, Carton! aber wie?“
„Das will ich Ihnen gleich sagen. Es kommt ganz auf Sie an und es kann auf keinen bessern Mann ankommen. Diese neue Anklage wird jedenfalls erst nach dem morgenden Tage eingereicht werden; wahrscheinlich erst zwei oder drei Tage später; noch wahrscheinlicher eine Woche später. Sie wissen, es ist ein todteswürdiges Verbrechen ein Opfer der Guillotine zu betrauern. Sie und ihr Vater würden unzweifelhaft sich dieses Verbrechens schuldig machen, und diese Frau (deren Unversöhnlichkeit und Ausdauer im Haß ich gar nicht beschreiben kann) würde warten, um damit noch ihre Sache zu verstärken und den Erfolg doppelt sicher zu machen. Sie folgen mir?“
„So aufmerksam und mit so viel Vertrauen auf Das, was Sie sagen, daß ich für den Augenblick selbst dieses Unglück vergesse,“ erwiederte er, auf den Doctor deutend.
„Sie haben Geld, und können für die schnellsten Mittel, die Küste zu erreichen, sorgen. Ihre Vorbereitungen, nach England zurückzukehren, sind schon seit einigen Tagen vollendet. Morgen beizeiten halten Sie Ihre Pferde bereit, daß sie um 2 Uhr Nachmittags reisefertig dastehen.“
„Es soll geschehen!“
Es lag Etwas so inbrünstiges und Muth einflößendes in seinem Tone, daß die Stimmung auf Mr. Lorry überging und er so rasch war wie ein Jüngling.
„Sie sind ein Mann von edlem Herzen. Sagte ich nicht, daß wir uns auf keinen bessern verlassen könnten? Theilen Sie ihr noch heute Abend mit, was Sie von der Gefahr wissen, die sie und ihr Kind und ihren Vater bedroht. Heben Sie letzteres besonders hervor; denn sie würde ihr schönes Haupt gern und willig neben dem ihres Gatten unter das Beil legen.“ Seine Stimme zitterte einen Augenblick; dann fuhr er ruhiger fort. „Um ihres Kindes und ihres Vaters willen prägen Sie ihr die Nothwendigkeit ein, mit diesen Beiden und mit Ihnen zu dieser Stunde Paris zu verlassen. Sagen Sie ihr, es sei ihres Gatten letzte Anordnung gewesen. Sagen Sie ihr, daß mehr darauf ankommt, als sie zu glauben oder zu hoffen wagen darf. Sie glauben, daß ihr Vater, selbst in diesem traurigen Zustande, sich ihr fügen wird; meinen Sie nicht?“
„Ich bin dessen überzeugt.“
„Ich dachte mir es. Treffen Sie in aller Stille und Vollständigkeit alle diese Vorbereitungen hier im Hofe so, daß Sie sogar alle schon im Wagen sitzen. Sowie ich komme, nehmen Sie mich auf und fahren fort.“
„Ich warte also unter allen Umständen auf Sie?“
„Sie haben mein Certificat mit den übrigen, wie Sie wissen und heben mir meinen Platz auf. Warten Sie blos darauf, daß mein Platz besetzt ist und dann nach England!“
„Nun, dann hängt doch nicht alles von einem alten Manne ab, sondern ich werde einen jungen und eifrigen Mann neben mir haben,“ sprach Mr. Lorry und drückte seine eifrige, aber doch so ruhige und feste Hand.
„Mit Gottes Hülfe, ja! Versprechen Sie mir auf das Feierlichste, daß Sie sich durch nichts bestimmen lassen einen andern Weg einzuschlagen, als wir uns jetzt versprochen haben zu wählen.“
„Durch nichts, Carton.“
„Erinnern Sie sich morgen an die Worte: die geringste Abweichung von dem verabredeten Plane, oder der geringste Verzug — aus welchem Grunde es immer sei — kann verursachen, daß nicht ein Leben gerettet werden kann und viele Leben unvermeidlich geopfert werden müssen.“
„Ich werde ihrer gedenken. Ich hoffe meinen Theil getreulich auszuführen.“
„Und ich hoffe dasselbe zu thun. Nun leben Sie wohl!“
Obgleich er Dies mit einem ernsten Lächeln sagte und sogar die Hand des Alten an seine Lippen drückte, schied er doch noch nicht von ihm. Er half ihm die sich immer noch vor dem verlöschenden Feuer wiegende Gestalt soweit zu wecken, daß man ihr einen Mantel umthuen und einen Hut aufsetzen und sie zum Fortgehen bewegen konnte, um die Bank und die Arbeit zu suchen, nach der sie so kläglich verlangte. Er ging auf die andere Seite der Gestalt und geleitete sie bis in den Hof des Hauses, wo das betrübte Herz — so glücklich in jener denkwürdigen Zeit, wo er ihm sein eigenes verödetes Herz enthüllt hatte — die schreckliche Nacht durchwachte. Er blieb noch allein ein paar Augenblicke in dem Hofe stehen und blickte hinauf zu dem lichterhellten Fenster ihres Zimmers. Ehe er fortging, sendete er noch ein segnendes Wort hinauf und ein Lebewohl.
Dreizehntes Kapitel. Zweiundfünfzig.
In dem schwarzen Gefängniß der Conciergerie erwarteten die Verurtheilten des Tages ihr Schicksal. Es waren so viele, wie es Wochen im Jahre giebt. Zweiundfünfzig sollten an diesem Nachmittag den Lebensstrom der Stadt hinunter in die grenzenlose, ewige See schwimmen. Ehe sie ihre Zellen verlassen hatten, waren schon neue Bewohner derselben bezeichnet; ehe ihr Blut sich mit dem gestern vergossenen Blute vermischt hatte, war das Blut, das morgen sich mit den ihrigen vermischen sollte, bereits ausgesucht.
Zweiundfünfzig waren abgezählt. Von dem Generalpächter von siebenzig Jahren, dessen Reichthümer sein Leben nicht erkaufen konnten, bis zur Nähterin von zwanzig, deren Armuth und Unbedeutendheit sie nicht zu retten im Stande war. Physische Krankheiten, durch menschliche Laster und Versäumnisse erzeugt, suchen sich Opfer jeden Standes aus; und die schreckliche moralische Seuche, geboren von unsagbaren Leiden, unerträglichem Druck und herzloser Gleichgültigkeit, traf ebenfalls ohne Unterschied.
Charles Darnay, allein in seiner Zelle, hatte sich mit keiner schmeichelnden Selbsttäuschung getröstet, seitdem er aus der Gerichtssitzung zurück war. In jeder Zeile der vorgelesenen Erzählung hatte er sein Todesurtheil gehört. Er hatte vollständig begriffen, daß ihn kein persönlicher Einfluß retten, daß er in Wirklichkeit von Millionen verurtheilt war und daß Einzelne nichts für ihn thun könnten.
Dennoch war es nicht leicht, mit dem Gesicht seiner geliebten Gattin noch frisch vor ihm, sich gefaßten Sinnes auf Das vorzubereiten, was seiner wartete. Das Band, das ihn mit dem Leben verknüpfte, war stark und es war sehr, sehr schwer zu lösen; allmälich und nach langen Bemühungen hier ein wenig gelockert, schloß es sich dort um so fester; und wenn er seine ganze Kraft gegen die eine Hand wendete und diese nachgab, schloß sich die andere wieder. Es herrschte auch ein wildes Treiben in allen seinen Gedanken, ein stürmisches und erhitztes Bewegen in seinem Herzen, das Resignation nicht dulden wollte. Wenn er sich für einen Augenblick resignirt fühlte, schienen seine Gattin und sein Kind, die ihn überleben sollten, dagegen Protest zu erheben und die Entsagung zu einem selbstischen Gefühl zu machen.
Aber dies Alles war blos ein Anfang. Es dauerte nicht lange, so stellte sich die Erwägung ein, daß keine Schande in dem Schicksal sei, dem er entgegen ging, daß jeden Tag Viele denselben Weg, ungerecht verurtheilt, wandelten und ihn mit festem Schritte gingen. Zunächst kam der Gedanke, daß es von höchster Wichtigkeit für den zukünftigen Seelenfrieden der Theueren, die er auf der Erde zurückließ, sei, ruhige Fassung zu zeigen. So wurde allmälich sein Gemüth ruhiger und gerieth in eine Stimmung, wo seine Gedanken sich viel höher erhoben und er Trost von Oben holen konnte.
Bevor es am Abend seiner Verurtheilung dunkel geworden, war er so weit auf seinem letzten Wege gekommen. Man hatte ihm gestattet, Schreibmaterialien und ein Licht zu kaufen, und er setzte sich hin um zu schreiben bis zu dem Zeitpunkt, wo das Licht in den Gefängnissen ausgelöscht werden mußte.
Er schrieb einen langen Brief an Lucien, in welchem er ihr erzählte, daß er von ihres Vaters Haft nichts gewußt, bis er davon durch sie gehört, und daß es ihm ebenso wenig wie ihr selbst bekannt gewesen, daß sein Vater und sein Oheim Schuld an diesem Unglück gewesen, bis das Papier verlesen worden. Er hatte ihr bereits auseinandergesetzt, daß es ihr Vater — warum, sei jetzt wohl einzusehen — zur einzigen Bedingung bei ihrer Verlobung gemacht und es sich an ihrem Hochzeitsmorgen noch besonders habe versprechen lassen, ihr den Namen zu verheimlichen, den er aufgegeben hatte. Um ihres Vaters willen bat er sie, niemals nachzuforschen, ob ihr Vater das Vorhandensein des Papieres vergessen, oder ob er daran erinnert worden durch die Geschichte aus dem Tower, an jenem längst vergessenen Sonntage unter dem lieben Platanenbaume im Garten. Wenn er eine bestimmte Erinnerung an dasselbe gehabt, so sei er jedenfalls überzeugt gewesen, daß es mit der Bastille verbrannt sei, als er es unter den Reliquien von Gefangenen, welche die Stürmenden dort gefunden und welche in allen Zeitungen beschrieben worden, nicht erwähnt gefunden hatte. Er bat sie — obgleich er hinzusetzte, daß er recht wohl wisse wie überflüssig das sei — ihren Vater damit zu trösten, daß sie ihm bei jeder Gelegenheit in der schonendsten Weise die Wahrheit einpräge, daß er nichts gethan habe, weßwegen er sich begründete Vorwürfe zu machen habe, sondern stets um ihrer beider willen in Selbstvergessenheit voran gegangen sei. Nachdem er sie noch einmal gebeten, sich seiner letzten dankbaren Liebe und seines Segens ewig zu erinnern und ihren Schmerz zu überwinden, um für ihr geliebtes Kind zu sorgen, beschwor er sie nächst diesem, ihren Vater zu trösten.
An diesen schrieb er in derselben Weise; aber er sagte ihm noch, daß er ausdrücklich seine Gattin und sein Kind seiner Obhut übergebe. Und er sagte ihm Dies sehr eindringlich in der Hoffnung, ihn dadurch vor Niedergeschlagenheit oder einem gefährlichen Rückfall in den alten Zustand, der nur zu sehr zu befürchten war, zu bewahren.
Mr. Lorry legte er alle seine Lieben an’s Herz und setzte seine irdischen Angelegenheiten auseinander. Nachdem dies mit vielen Aeußerungen dankbarer Freundschaft und warmer Zuneigung geschehen, war Alles fertig. An Carton dachte er nicht ein einziges Mal. So voll war seine Seele von den Anderen.
Er hatte Zeit diese Briefe zu beenden, bis die Lichter ausgelöscht wurden. Als er sich auf sein Strohbett streckte, glaube er mit dieser Welt abgeschlossen zu haben.
Aber sie winkte ihn zurück in seinem Schlummer und zeigte sich ihm in leuchtenden Gestalten. Frei und glücklich, wieder in dem alten Hause in Soho (obgleich es ganz anders aussah als das wirkliche Haus), in unerklärlicher Weise befreit und der Sorgen entledigt, war er wieder mit Lucien vereint und sie sagte ihm, daß alles ein Traum und er nie fortgewesen sei. Eine Pause des Vergessens und dann hatte er geduldet und dann war er wieder bei ihr, todt und in Frieden und doch war kein Unterschied in ihnen. Noch eine Pause der Vergessenheit und er wachte in düsterer Morgenstunde auf, ohne zu wissen wo er war und was geschehen, bis es ihm wie ein Blitz durch den Kopf fuhr, dies ist mein Sterbetag!
So war er durch die Stunden zu dem Tage gekommen, wo die zweiundfünfzig Köpfe fallen sollten. Und jetzt, wo er gefaßt war und hoffte, seinem Ende mit ruhigem Heldenmuthe entgegen gehen zu können, nahmen seine wachenden Gedanken eine neue Richtung an, die sehr schwer zu bewältigen war.
Er hatte nie das Instrument gesehen, das ihm das Leben nehmen sollte. Wie hoch es über dem Boden war, wie viele Stufen es hatte, wo man ihn hinstellen und wie man ihn anfassen würde, ob die Hände, die ihn anfaßten, roth gefärbt sein würden, nach welcher Seite man ihm das Gesicht wenden, ob er vielleicht der Erste oder Letzte sein würde: diese und viele ähnliche Fragen, von seinem Willen ganz und gar unabhängig, drängten sich ihm unzählige Male auf. Mit Furcht hatten sie nichts zu thun: er war sich keiner Furcht bewußt. Sie rührten eher von einem merkwürdigen, sich immer wieder aufdringenden Wunsche her, zu wissen was zu thun sei, wenn die Zeit kam; ein Wunsch, der in riesenmäßigem Mißverhältniß zu den wenigen kurzen Augenblicken stand, auf die es sich bezog; ein verwundertes Fragen, welches mehr dem Regen eines anderen Geistes in dem seinigen, als ihm selbst angehörte.
Die Stunden vergingen, wie er auf- und abging, und die Thurmglocken schlugen die Stunden, die ihm nie wieder schlagen sollten. Neun Uhr war vorbei für immer, Zehn vorbei für immer, Elf vorbei für immer, Zwölf sollte zum letzten Male schlagen. Nach einem harten Kampfe mit der excentrischen Stimmung, die ihm zuletzt zu schaffen gemacht, hatte er sie überwunden.
Er ging auf und ab und wiederholte sich halblaut ihre Namen. Der schwerste Kampf war vorüber. Er konnte auf- und abgehen, frei von störenden Gedanken und für sich und für sie beten.
Zwölf für immer vorüber.
Man hatte ihm gesagt, die letzte Stunde werde Drei sein und er wußte, daß man ihn etwas früher abholen würde, da die Wagen schwer und langsam durch die Straßen rumpelten. Deßhalb beschloß er an Zwei als an die Stunde zu denken, und sich in der Zwischenzeit so zu stärken, daß er hernach im Stande sei andere zu stärken.
Regelmäßig, mit über der Brust gekreuzten Armen auf- und abgehend, ein ganz anderer Mann wie der Gefangene der in La Force auf- und abgegangen war, hörte er ohne Ueberraschung, wie es Eins von ihm weg schlug. Die Stunde war so lang gewesen, wie die meisten anderen Stunden. Dem Himmel fromm dankbar für seine wiedergewonnene Fassung, dachte er: nur noch eine Stunde, und wendete sich, um wieder auf- und abzugehen.
Draußen vor der Thür, in dem gemauerten Gange, hörte man Schritte. Er blieb stehen.
Der Schlüssel klirrte im Schloß und wurde umgedreht. Ehe die Thür aufging, oder wie sie aufging, sagte ein Mann mit gedämpfter Stimme auf Englisch: „er hat mich hier nie gesehen; ich bin ihm aus dem Wege gegangen. Gehen Sie allein hinein; ich warte hier. Verlieren Sie keine Zeit!“
Die Thür wurde rasch geöffnet und wieder zugemacht und vor ihm stand, ruhig, gefaßt, mit einem Lächeln auf dem Gesicht und den Finger warnend auf den Lippen, Sydney Carton.
Es lag etwas so helles, so strahlendes und merkwürdiges in dem Ausdrucke seines Gesichts, daß der Gefangene für den ersten Augenblick ungewiß war, ob die Erscheinung nicht ein Geschöpf seiner Phantasie sei. Aber er sprach und es war seine Stimme; er ergriff die Hand des Gefangenen und es war der Druck einer wirklichen Hand.
„Von allen Menschen auf der Welt hätten Sie mich am wenigsten zu sehen erwartet?“ sagte er.
„Ich konnte nicht glauben, daß Sie es wären. Ich kann es jetzt kaum glauben. Sie sind nicht verhaftet?“ Diese Befürchtung kam ihm plötzlich in den Sinn.
„Nein. Ich besitze zufällig eine Macht über einen der Schließer hier und durch Anwendung derselben stehe ich vor Ihnen. Ich komme von ihr — von Ihrer Gattin, lieber Darnay.“
Der Gefangene drückte ihm feurig die Hand.
„Ich überbringe eine Bitte von ihr.“
„Welche?“
„Eine höchst ernste, dringende und nachdrückliche Bitte, an Sie gerichtet in dem rührendsten Tone der Ihnen so theueren Stimme, deren Sie sich so gut erinnern.“
Der Gefangene wendete sein Gesicht halb weg.
„Sie haben keine Zeit zu fragen, warum ich sie bringe und was sie zu bedeuten hat; ich habe keine Zeit es Ihnen zu sagen. Sie müssen sie erfüllen — ziehen Sie Ihre Stiefeln aus und ziehen Sie dafür meine an.“
Es stand ein Stuhl an der Wand der Zelle hinter dem Gefangenen. Mit Blitzesschnelle hatte Carton ihn hineingedrückt und stand vor ihm in Strümpfen.
„Ziehen Sie meine Stiefeln an, rasch, rasch!“
„Carton, es ist kein Entfliehen hier möglich; es ist nicht durchzuführen. Sie werden nur mit mir sterben. Es ist Wahnwitz.“
„Es wäre Wahnwitz, wenn ich Sie aufforderte zu entfliehen; aber thue ich Das? Wenn ich Sie auffordere zu dieser Thür hinauszugehen, so sagen Sie mir es ist Wahnwitz und bleiben Sie. Tauschen Sie mit mir die Halsbinde und den Rock. Unterdessen gestatten Sie mir dies Band von Ihren Haaren loszubinden und Ihre Haare auseinander zu schütteln wie diese!“
Mit wunderbarer Raschheit und mit einer Kraft des Willens und der That, die wunderbar erschien, zwang er ihm alle diese Veränderungen auf. Der Gefangene war in seinen Händen wie ein kleines Kind.
„Carton! lieber Carton! es ist Wahnwitz. Es ist nicht durchzuführen, es kann nicht geschehen; es ist versucht worden und immer fehl geschlagen. Ich bitte Sie durch Ihren Tod nicht die Bitterkeit des meinigen zu vermehren.“
„Fordere ich Sie auf, lieber Darnay, zur Thür hinaus zu gehen? so wie ich Das thue, sagen Sie Nein. Hier ist Feder und Tinte und Papier auf dem Tische. Ist Ihre Hand ruhig genug zum Schreiben?“
„Sie war es als Sie eintraten.“
„So schreiben Sie, was ich Ihnen vorsage. Rasch, Freund, rasch!“
Darnay drückte die Hand vor seine brennende Stirn und setzte sich an den Tisch. Carton, die rechte Hand in der Brust, stand dicht neben ihm.
„Schreiben Sie genau, was ich Ihnen vorsage.“
„An wen adressire ich es?“
„An Niemanden.“
Carton hatte immer noch die Hand in der Brust.
„Datire ich es?“
„Nein.“
Der Gefangene blickte bei jeder Frage auf. Carton, mit der Hand in der Brust neben ihm stehend, sah auf ihn herab.
„„Wenn Sie sich““ diktirte Carton, „„der Worte erinnern, welche wir vor langer Zeit mit einander gesprochen haben, so werden Sie dies leicht begreifen, wenn Sie es sehen. Ich weiß Sie erinnern sich derselben. Es liegt nicht in Ihrer Art zu vergessen.““
Er zog die Hand aus der Brust, aber gerade jetzt blickte der Gefangene in seiner wirren Verwunderung auf und die Hand blieb, Etwas gefaßt haltend, stecken.
„Sie haben geschrieben „„zu vergessen?““ sagte Carton.
„Ja. Ist das eine Waffe in Ihrer Hand?“
„Nein, ich bin nicht bewaffnet.“
„Was haben Sie in der Hand?“
„Sie sollen es gleich wissen. Schreiben Sie weiter; es sind nur noch wenige Worte. Er diktirte wieder. „„Ich danke Gott, daß die Zeit gekommen ist, wo ich sie beweisen kann. Daß ich es thue verursacht mir weder Schmerz, noch Reue.““ Wie er diese Worte, die Augen auf den Schreibenden geheftet, sprach, brachte er die Hand langsam und vorsichtig bis dicht an das Gesicht des Schreibenden.
Die Feder fiel Darnay aus der Hand und er blickte verstört um sich.
„Was ist das für ein Dunst?“ fragte er.
„Dunst?“
„Etwas, das an mir vorbeigeschwebt ist?“
„Ich habe Nichts bemerkt; es kann hier nicht sein. Nehmen Sie die Feder wieder und schreiben Sie. Rasch, rasch!“
Als ob sein Gedächtniß geschwächt, oder sein Geist gestört wäre, machte der Gefangene eine Anstrengung seine Aufmerksamkeit zu sammeln. Wie er Carton mit bewölkten Augen und kürzeren Athemzügen ansah, blickte ihn dieser — die Hand wieder in der Brust — fest in’s Gesicht.
„Rasch, rasch!“
Der Gefangene beugte sich noch einmal über das Papier.
„„Wenn es anders gewesen wäre““; Cartons Hand bewegte sich von neuem vorsichtig und langsam niederwärts; „„so hätte ich nie die längere Gelegenheit benutzt. Wenn es anders gewesen wäre““; die Hand war vor dem Gesichte des Gefangenen, „„so hätte ich nur um so mehr zu verantworten. Wenn es anders gewesen wäre““ — Carton sah nach der Feder und bemerkte, daß sie nur noch unlesbare Zeichen auf das Papier machte.
Er bewegte die Hand nicht wieder nach der Brust. Der Gefangene sprang mit vorwurfsvollen Blick auf, aber Cartons Hand lag dicht und fest auf seinen Nasenlöchern und sein linker Arm hatte ihn um die Hüfte gefaßt. Einige kurze Augenblicke versuchte er schwach sich des Mannes zu erwehren, der gekommen war um sein Leben für ihn hinzugeben; aber nach vielleicht einer Minute lag er bewußtlos auf dem Boden.
Rasch, und ohne zu zögern zog Carton die Kleider des Gefangenen an, kämmte sein Haar zurück und band es mit dem Bande, das der Gefangene getragen hatte. Dann rief er leise: „Dort draußen, herein! herein!“ und der Spion erschien.
„Seht Ihr ihn?“ sagte Carton aufblickend, wie er auf einem Knie neben dem Bewußtlosen kniete und ihm das Papier in die Brust schob; „ist Eure Gefahr sehr groß?“
„Mr. Carton,“ gab der Spion, furchtsam mit dem Finger schnippend, zur Antwort, „das ist in dem Geschäftsdrange hier die Gefahr für mich nicht, wenn Sie Ihren ganzen Plan getreulich ausführen.“
„Macht Euch keine Sorge um mich. Ich halte treu aus, bis zum Tode.“
„Das müssen Sie auch, Mr. Carton, wenn die Zahl 52 richtig sein soll. Wenn Sie sie in diesem Anzuge vollzählig machen, habe ich keine Furcht.“
„Fürchtet Nichts! ich werde bald außer Stande sein Euch zu schaden und die übrigen werden, will’s Gott, bald weit weg von hier sein. Jetzt ruft Leute und bringt mich nach dem Wagen.“
„Sie?“ sagte der Spion voller Unruhe.
„Ihn, mit dem ich getauscht habe. Ihr geht zu demselben Thore hinaus, zu dem wir hereingekommen sind?“
„Natürlich.“
„Ich war schwach und angegriffen, als ich kam und bin jetzt, wo ihr mich fortbringt, noch angegriffener. Der Abschied hat mich überwältigt. So Etwas ist hier oft, nur zu oft geschehen. Rasch, ruft Leute!“
„Ihr schwört, mich nicht zu verrathen?“ sagte der zitternde Spion, als er noch einmal stehen blieb.
„Mensch, Mensch!“ entgegnete Carton und stampfte mit dem Fuße; „habe ich noch nicht feierliche Eide genug geschworen dies durchzuführen, daß Ihr jetzt die kostbaren Augenblicke verschwendet? Bringt ihn selbst nach dem Hofe, den Ihr kennt, schafft ihn selbst in den Wagen, zeigt ihn selbst Mr. Lorry; sagt ihm selbst, ihm kein anderes Wiederbelebungsmittel, als frische Luft zukommen zu lassen und meiner Worte und seines Versprechens von gestern Abend zu gedenken und von dannen zu fahren!“
Der Spion entfernte sich und Carton setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hände. Der Spion kehrte gleich darauf mit zwei Männern zurück.
„Ah, ah, ah!“ sagte einer derselben, als er den auf den Boden Gesunkenen sah. „So betrübt zu erfahren, daß sein Freund einen Gewinn in der Lotterie der heiligen Guillotine gezogen hat?“
„Ein guter Patriot,“ sagte der andere, „könnte kaum betrübter sein, wenn der Aristokrat eine Niete gezogen hätte.“
Sie hoben den Bewußtlosen auf, legten ihn auf eine Tragbahre, die sie vor der Thür stehen hatten und bückten sich um ihn fortzutragen.
„Die Zeit ist kurz, Evrémonde“, sagte der Spion in warnendem Tone.
„Ich weiß es,“ gab Carton zur Antwort. „Tragt Sorge für meinen Freund, bitte ich Euch nochmals, und verlaßt mich.“
„So kommt,“ sagte Barsad zu dem anderen. „Tragt ihn hinunter!“
Die Thür schloß sich und Carton war allein. Mit gespanntester Aufmerksamkeit horchend, lauschte er auf jeden Ton, der Verdacht oder Allarm anzeigen könnte. Man vernahm keinen. Man hörte Schlüssel sich drehen, Thüren rasseln, Tritte durch entlegene Gänge schallen, aber kein ungewöhnliches Geschrei oder Lärmen machte sich vernehmlich. In einer kleinen Weile athmete er freier auf, setzte sich an den Tisch und horchte wieder, bis es zwei Uhr schlug.
Töne vor denen er sich nicht fürchtete, denn er errieth was sie bedeuteten, machten sich jetzt hörbar. Mehrere Thüren wurden hintereinander geöffnet und zuletzt seine eigene. Ein Schließer, mit einem Verzeichniß in der Hand, blickte herein, sagte blos „folgt mir, Evrémonde!“ und er folgte ihm in eine große dunkele Halle. Es war ein trüber Wintertag und die Dunkelheit drinnen und draußen machte, daß er die anderen die hereingebracht wurden, um hier gebunden zu werden, nicht gut erkennen konnte. Einige standen, Einige saßen, Einige jammerten und gingen ruhelos auf und ab; aber das waren wenige. Die große Mehrzahl war ruhig und stumm, und sah starr auf den Boden.
Wie er an der Wand in einer dunkeln Ecke stand, während noch einige von den Zweiundfünfzig nach ihm hereingebracht wurden, blieb einer im Vorbeigehen bei ihm stehen, um ihn als Bekannten zu umarmen. Ein angstvoller Gedanke, entdeckt zu werden, fuhr ihm durch die Seele; aber der andere ging weiter. Ein paar Augenblicke später stand ein schwächlich gebautes Mädchen, mit lieblichem, aber abgezehrtem Gesicht, auf welchem keine Spur Farbe sichtbar war, und großen, weit offenen, geduldigen Augen von der Bank auf, wo er sie sitzen gesehen hatte, und trat an ihn heran.
„Bürger Evrémonde,“ sagte sie, und berührte ihn mit ihrer kalten Hand. „Ich bin eine arme kleine Nähterin und war mit Euch in La Force.“
Er murmelte vor sich hin: „richtig. Ich vergesse weshalb Ihr angeklagt waret?“
„Wegen Verschwörung. Obgleich der gerechte Himmel weiß, daß ich unschuldig bin. Ist es wahrscheinlich? Wer soll auf den Einfall kommen mit einem armen, schwachen Geschöpf, wie ich bin, zu complotiren?“
Das trübe Lächeln, mit dem sie dies sagte, rührte ihn so, daß Thränen seine Augen füllten.
„Ich fürchte mich nicht, zu sterben, Bürger Evrémonde, aber ich habe Nichts gethan. Ich sterbe nicht ungern, wenn die Republik, welche uns Armen soviel Gutes bringen soll, durch meinen Tod gewinnt; aber ich begreife nicht, wie das zugehen soll, Bürger Evrémonde. Ein so armes, kleines schwaches Ding!“
Als das letzte auf Erden, wofür sein Herz warm und sanft fühlen sollte, trat ihm dieses arme Mädchen entgegen.
„Ich hörte Ihr wäret freigelassen, Bürger Evrémonde, ich hoffte es sei wahr?“
„Ich war frei. Aber man hat mich wieder verhaftet und verurtheilt.“
„Wenn ich mit Euch fahre, Bürger Evrémonde, wollt Ihr mir dann erlauben Eure Hand zu nehmen? Ich fürchte mich nicht, aber ich bin klein und schwach und dies wird mir mehr Muth geben.“
Wie die geduldigen Augen ihm ins Gesicht blickten, sah er darin sich erst Zweifel und dann Staunen ausdrücken. Er drückte die abgezehrte, jugendliche Hand und legte die Finger an die Lippen.
„Ihr sterbt für ihn?“ flüsterte sie.
„Und für seine Frau und sein Kind. Still! Ja.“
„Oh, wollt Ihr mir erlauben, Eure wackere Hand zu nehmen, Fremder?“
„Still! Ja, arme Schwester; bis zuletzt.“ —
Dieselben Schatten die auf das Gefängniß fallen, fallen zu derselben Stunde des frühen Nachmittags auf die Barriere, mit dem Menschengedränge um dieselbe herum, als eine Paris verlassende Kutsche vorfährt, um examinirt zu werden.
„Wer ist d’rin? Papiere!“
Die Papiere werden herausgegeben und gelesen.
„Alexander Manette, Arzt. Franzose. Welcher ist es? Das ist er; dieser hülflose, halbe Worte murmelnde, in halben Irrsinn versunkene alte Mann.“
„Allem Anscheine nach ist der Bürger Doctor nicht recht bei Sinnen? Das Revolutionsfieber ist viel zu hitzig für ihn gewesen?“
„Viel zu hitzig.“
„Ha! viele leiden daran. Lucie. Seine Tochter. Französin. Welche ist sie?“
„Das ist sie.“
„Muß wohl sein. Lucie, Gattin Evrémondes; nicht wahr?“
„He! Evrémonde hat eine Bestellung anders wohin. Lucie, ihr Kind. Die Kleine da?“
„Sie und keine andere.“
„Gieb mir einen Kuß, Evrémondes Kind. Jetzt hast Du einen guten Republikaner geküßt; Etwas Neues in Deiner Familie; vergiß es nicht! Sydney Carton, Advocat. Engländer. Welcher ist es?“
„Er liegt dort in der Ecke des Wagens.“ Auf ihn zeigt man den Fragenden.
„Allem Anscheine nach ist der englische Advocat ohnmächtig geworden?“
„Man hofft er werde sich in frischer Luft wieder erholen. Er ist schwach von Gesundheit und der Abschied von einem Freunde, der sich das Mißfallen der Republik zugezogen hat, hat ihn sehr erschüttert.“
„Weiter Nichts? Das ist nicht viel! Viele haben sich das Mißfallen der Republik zugezogen und müssen zu dem kleinen Fenster hinaussehen. Jarvis Lorry, Bankier. Engländer. Welcher ist es?“
„Ich bin es. Natürlich, da ich der letzte bin.“ Jarvis Lorry ist ausgestiegen und steht am Kutschenschlage, von einer Gruppe Beamten verhört. Sie gehen langsam um den Wagen herum und steigen gemächlich auf denselben hinauf, um zu sehen was für Gepäck auf dem Dache liegt. Das Landvolk steht umher, drängt sich an die Kutschenthüren und stiert neugierig hinein; ein kleines Kind, auf dem Arme seiner Mutter, streckt, von dieser angeleitet, seine Aermchen aus, damit es das Weib eines Aristokraten berühre, der unter der Guillotine gestorben ist.
„Hier sind Eure Papiere, Jarvis Lorry.“
„Kann man abreisen, Bürger?“
„Man kann abreisen. Vorwärts Postillon! Glückliche Reise!“
„Lebt wohl, Bürger. — Und die erste Gefahr wäre hinter uns!“
Das sind wieder die Worte Jarvis Lorry’s, wie er die Hände faltet und zum Himmel blickt. Es ist Angst im Wagen und Weinen und das schwere Athmen der bewußtlosen Reisenden.
„Fahren wir nicht zu langsam? Können wir sie nicht bewegen schneller zu fahren?“ fragte Lucie angstvoll den Alten.
„Das würde zu sehr wie Flucht aussehen. Wir dürfen sie nicht zu sehr treiben; es würde Verdacht erwecken.“
„Sehen sie sich um, ob wir verfolgt werden.“
„Die Straße ist frei, liebe Lucie. Bis jetzt werden wir nicht verfolgt.“
Häuser zu zweien oder dreien, einsame Pachthöfe, verfallene Gebäude, Färbereien, Gerbereien und ähnliches offenes Land, Alleen von laublosen Bäumen, ziehen an uns vorbei. Das harte holprige Pflaster ist unter uns, der weiche tiefe Schlamm zu beiden Seiten. Manchmal lenken wir in den Schlamm hinüber, um von den Steinen weg zu kommen, die uns bis auf die Knochen schütteln, und manchmal bleiben wir dort in tiefen Gleisen und Löchern stecken. Die Qual unserer Ungeduld ist dann so groß, daß wir in unserer verstörten Angst und Eile lieber aussteigen und laufen oder uns verstecken möchten — Alles, nur nicht Halt machen.
Hinter uns wieder offenes Land, ringsum wieder verfallene Gebäude, einsame Pachthöfe, Färbereien, Gerbereien und ähnliches, Häuser in Gruppen von zwei oder drei, Alleen von laublosen Bäumen. Haben diese Leute uns hintergangen und fahren sie uns auf einem andern Wege zurück? Ist das nicht derselbe Ort, den wir schon einmal sahen? Gott sei Dank, nein. Ein Dorf. „Sehen Sie sich um, sehen Sie sich um ob wir verfolgt werden! Still! das Posthaus.“
In Muße werden die vier Pferde ausgespannt; in Muße bleibt die Kutsche auf der kleinen Straße stehen ohne Pferde und ohne alle Wahrscheinlichkeit, daß sie jemals wieder in Bewegung kommen werde; in Muße werden die neuen Pferde einzeln sichtbar; in Muße kommen auch die neuen Postillone und binden langsam neue Knoten in ihre Peitschen; in Muße zählen die alten Postillone ihr Geld, verrechnen sich und sind unzufrieden mit dem Resultat. Während der ganzen Zeit schlagen unsere übervollen Herzen mit einer Schnelligkeit, welche den schnellsten Lauf des schnellsten Pferdes, das jemals geboren worden, übertreffen würde.
Endlich sitzen die neuen Postillone im Sattel und die alten sind hinter uns. Wir sind durch das Dorf, den Berg hinauf, wieder hinab und fahren durch die feuchte Niederung. Plötzlich fangen die Postillone an mit lebhaften Geberden miteinander zu reden und die Pferde werden heftig angehalten. Wir werden verfolgt!
„He da! im Wagen drinnen, he da!“
„Was giebts?“ fragte Mr. Lorry zum Fenster heraus.
„Wie viele, sagten sie?“
„Ich verstehe Euch nicht — auf der letzten Post.“
„Wie viele heute unter der Guillotine?“
„Zweiundfünfzig.“
„Ich sagte es ja! eine schöne Zahl! mein Mitbürger hier, wollte blos von Zweiundvierzig wissen; zehn Köpfe mehr sind schon des Habens werth. Die Guillotine arbeitet schön. Ich liebe sie. Vorwärts. Vorwärts!“
Die Nacht breitete ihre dunkeln Schleier aus. Er bewegt sich wieder; er fängt an lebendig zu werden und verständlich zu sprechen; er findet sich wieder unter den Seinen; er fragt ihn bei seinem Namen, was er in der Hand hat. O, hab’ Erbarmen, gnädiger Himmel und hilf uns! Seht hinaus, seht hinaus, ob wir nicht verfolgt werden.
Der Wind fährt hinter uns her, und die Wolken fliegen uns nach, und der Mond schwimmt hinter uns her, und die ganze stürmische Nacht scheint uns zu verfolgen; aber soweit werden wir von nichts Anderem verfolgt.
Vierzehntes Kapitel. Ausgestrickt.
Zu derselben Zeit, wo die Zweiundfünfzig ihr Schicksal erwarteten, hielt Madame Defarge eine heimliche, nichts Gutes bedeutende Berathung mit dem Racheengel und Jaques Drei von der revolutionären Jury. Nicht im Weinschank berieth sich Madame Defarge mit diesen Ministern, sondern unter dem Schuppen des Holzhackers, der früher Straßenarbeiter gewesen war. Der Holzhacker selbst nahm nicht an der Conferenz Theil, sondern hielt sich in einiger Entfernung, wie ein fern stehender Trabant, der nicht sprechen oder seine Meinung sagen darf, ehe man ihn auffordert.
„Aber unser Defarge ist jedenfalls ein guter Republikaner?“ sagte Jaques Drei, „nicht wahr?“
„Es giebt keinen besseren in Frankreich,“ betheuerte der zungenfertige Racheengel mit schriller Stimme.
„Still, Racheengel,“ sagte Madame Defarge, indem sie mit leichtem Stirnrunzeln ihre Hand der Sprechenden auf den Mund legte. „Laß mich sprechen. Mein Mann, Mitbürger, ist ein guter Republikaner und ein Mann voll Muth; er hat sich um die Republik wohl verdient gemacht und besitzt ihr Vertrauen. Aber mein Mann hat seine Schwächen, und er ist schwach genug, mit diesem Doctor Mitleid zu fühlen.“
„Es ist sehr schade,“ krächzte Jaques Drei, indem er zweifelnd den Kopf schüttelte und mit seinen grausamen Fingern an seinem hungrigen Munde spielte; „es ist nicht ganz wie ein guter Bürger; es ist zu beklagen.“
„Seht,“ sagte Madame, „mir ist dieser Doctor gleichgültig. Er mag seinen Kopf behalten oder verlieren, ich kümmere mich nicht darum; mir ist es einerlei. Aber die Evrémondes müssen alle ausgerottet werden und das Weib und das Kind müssen dem Gatten und Vater folgen.“
„Sie hat einen schönen Kopf dazu,“ krächzte Jaques Drei. „Ich habe blaue Augen und goldenes Haar dort gesehen und sie sahen reizend aus als Sanson sie in die Höhe hielt.“ Der blutgierige Wüthrich sprach wie ein Epikuräer.
Madame Defarge schlug die Augen nieder und dachte ein Wenig nach.
„Auch das Kind,“ bemerkte Jaques Drei mit nachdenklichem Genießen seiner Worte, „hat goldenes Haar und blaue Augen. Und wir haben selten ein Kind dort. Es ist ein hübscher Anblick!“
„Mit einem Worte,“ sagte Madame Defarge wieder aufblickend, „ich kann meinem Manne in dieser Sache nicht trauen. Ich fühle nicht nur seit letzter Nacht, daß ich ihm die Einzelheiten meiner Pläne nicht mittheilen darf, sondern ich fühle auch, daß bei längerem Warten Gefahr vorhanden ist, daß er sie warnt und daß sie entfliehen.“
„Das darf nicht sein,“ sagte Jaques Drei; „Niemand darf davon kommen. Wir haben noch nicht halb genug wie es jetzt geht. Wir sollten jeden Tag Hundertzwanzig haben.“
„Mit einem Wort“ fuhr Madame Defarge fort, „mein Mann hat nicht meinen Grund diese Familie bis zur Ausrottung zu verfolgen, und ich habe nicht seinen Grund mit diesem Doctor Mitleid zu fühlen. Ich muß daher für mich handeln. Kommt her, kleiner Bürger.“
Der Holzhacker, der sie mit dem Respect und der Unterwürfigkeit tödtlicher Furcht betrachtete, trat, mit der Hand an seiner rothen Mütze, heran.
„Was diese Signale betrifft, kleiner Bürger,“ sagte Madame Defarge mit Strenge, „die sie mit dem Gefangenen gewechselt hat; seid Ihr bereit heute noch als Zeuge dafür aufzutreten?“
„Ja, ja, warum nicht!“ erklärte der Holzhacker. „Alle Tage, in jedem Wetter von Zwei bis Vier, immer signalisirend, manchmal mit der Kleinen, manchmal ohne dieselbe. Ich weiß, was ich weiß, mit meinen Augen habe ich es gesehen.“
Während er sprach, machte er allerlei Geberden, wie in zufälliger Nachahmung einiger wenigen von den vielen Signalen, die er nie gesehen hatte.
„Offenbar Complot,“ sagte Jaques Drei. „Nicht zu bezweifeln!“
„Sind die Geschwornen sicher?“ fragte Madame Defarge, und sah ihn mit einem düstern Lächeln an.
„Verlaßt Euch auf die patriotischen Geschworenen, Bürgerin. Ich stehe für meine Mitgeschworenen.“
„Jetzt laßt uns noch einmal sehen,“ sagte Madame Defarge überlegend. „Kann ich diesen Doctor für meinen Mann entbehren? Ich habe Nichts für und Nichts gegen ihn. Kann ich ihn entbehren?“
„Er würde als ein Kopf zählen,“ bemerkte Jaques Drei mit gedämpfter Stimme. „Wir haben wirklich nicht Köpfe genug; es wäre schade, sollte ich meinen.“
„Er wechselte mit ihr Signale, als ich sie sah,“ erwiederte Madame Defarge; „ich kann von den Einen nicht sprechen, ohne den Anderen zu erwähnen; und ich darf nicht stumm sein und die ganze Sache diesem kleinen Bürger hier überlassen. Denn ich bin kein schlechter Zeuge.“
Der Racheengel und Jaques Drei wetteiferten mit einander in leidenschaftlichen Betheuerungen, daß sie die vortrefflichste und bewunderungswürdigste aller Zeuginnen sei. Um nicht zurückzubleiben, nannte sie der kleine Bürger „eine himmlische Zeugin.“
„Er muß sehen wie er fährt,“ sagte Madame Defarge. „Nein; ich kann ihn nicht entbehren! Ihr seid beschäftigt um drei Uhr; Ihr geht zu der Hinrichtung. — Ihr?“
Diese letzte Frage galt dem Holzhacker, der hastig mit Ja antwortete und die Gelegenheit ergriff um hinzuzusetzen, daß er der eifrigste aller Republikaner sei und der unglücklichste aller Republikaner sein würde, wenn ihm Jemand den Genuß raubte, seine Nachmittagspfeife zu rauchen, und dabei dem drolligen Nationalbarbier zuzusehen. Er betheuerte Dies mit soviel Nachdruck, daß man ihn in Verdacht hätte haben können, (und vielleicht hatten ihn auch die schwarzen Augen der Madame Defarge, die verächtlich auf ihn herabsah, in diesem Verdachte) er hege jede Stunde des Tages seine kleinen besonderen Befürchtungen für seine persönliche Sicherheit.
„Ich muß auch hin,“ sagte Madame. „Nachdem es vorbei ist — sagen wir um 8 Uhr Abends — kommt ihr zu mir nach St. Antoine, und wir reichen dann die Anzeige gegen diese Leute bei meiner Section ein.“
Der Holzhacker sagte, er werde sich stolz und geschmeichelt fühlen, der Bürgerin Befehl auszuführen. Die Bürgerin blickte ihn an, er wurde verlegen, wich ihrem Blicke aus, wie es ein Hündchen gethan haben würde, zog sich unter sein Holz zurück und versteckte seine Verwirrung hinter dem Griffe seiner Säge.
Madame Defarge winkte dem Geschwornen und dem Racheengel etwas näher an die Thür zu kommen, und setzte ihnen dort ihre weiteren Pläne mit folgenden Worten auseinander:
„Sie wird jetzt zu Hause sein und den Augenblick seines Todes erwarten. Sie wird trauern und weinen. Sie wird in einem Gemüthszustande sein, die Gerechtigkeit der Republik in Zweifel zu ziehen. Sie wird voller Sympathien für ihre Familie sein. Ich werde zu ihr gehen.“
„Welch bewundernswerthes Weib, welch anbetungswürdiges Weib!“ rief Jaques Drei entzückt aus. „Ach Herz meines Herzens!“ rief der Racheengel und umarmte sie.
„Nimm Du mein Strickzeug,“ sagte Madame Defarge und legte es in die Hände ihrer Adjutantin, „und halte es für mich bereit auf meinem gewöhnlichen Platze. Sorge für meinen gewöhnlichen Stuhl. Geh geraden Weges hin, denn es wird wahrscheinlich heute größerer Zulauf sein, als gewöhnlich.“
„Ich führe mit Freuden die Befehle meiner Vorgesetzten aus,“ erwiederte der Racheengel und küßte sie auf die Wange. „Du wirst nicht zu spät kommen?“
„Ich werde vor dem Anfange dort sein.“
„Und ehe die Wagen ankommen. Sorge ja dafür, mein Herz, daß Du da bist ehe die Wagen ankommen!“ rief ihr der Racheengel nach; denn sie war schon auf der Straße draußen.
Madame Defarge winkte mit der Hand zum Zeichen, daß sie verstanden hatte und sicher zur rechten Zeit da sein werde, und ging dann die schmutzige Straße entlang und um die Ecke der Gefängnißmauer. Der Racheengel und der Geschworene sahen ihr nach, voll von stillem Lobe ihrer schönen Gestalt und ihrer ausgezeichneten sittlichen Eigenschaften.
Es gab damals viele Frauen, auf welche die Zeit ihre entsetzlich entstellende Hand legte; aber es war vor allen keine mehr zu fürchten, als diese erbarmungslose Frau, welche jetzt durch die Straßen ging. Von starkem und furchtlosem Charakter, scharfem und raschem Verstande, großer Entschlossenheit, ausgestattet mit jener Schönheit, die nicht nur ihrer Besitzerin Festigkeit und Unversöhnlichkeit einzuflößen schien, sondern auch andere zu einer instinktmäßigen Anerkennung dieser Eigenschaften brachte, war sie ein Charakter, wie er in dieser wilden Zeit unter allen Verhältnissen zur Geltung kommen mußte. Aber von Kindheit an über dem bitteren Gefühl erlittenen Unrechts brütend und erfüllt von unversöhnlichem Haß gegen Eine Klasse, war sie durch die Gelegenheit der Zeit zu einer Tigerin geworden. Sie war ohne alles Mitleid. Wenn sie jemals diese Tugend besessen hatte, so war sie ganz aus ihr verschwunden.
Es war ihr Nichts, daß ein Unschuldiger für die Sünden seiner Väter sterben sollte; sie sah nicht ihn, sondern sie. Es war ihr Nichts, daß seine Gattin eine Wittwe und seine Tochter eine Waise wurde; das war unzureichende Strafe, weil sie ihre natürlichen Feinde und ihre Beute waren und als solche kein Recht hatten zu leben. Ganz hoffnungslos war es, sie zu erweichen, weil sie kein Mitleid kannte, nicht einmal mit sich selbst. Wenn sie in einem der vielen Tumulte, an denen sie betheiligt gewesen, auf der Straße erschlagen worden wäre, so hätte sie sich gewiß nicht bemitleidet; ja, wenn man sie morgen zur Guillotine verurtheilt hätte, so wäre sie mit keinem sanfteren Gefühle zum Tode gegangen, als einem grausamen Wunsche mit dem, der sie in den Tod schickte, den Platz zu tauschen.
Ein solches Herz trug Madame Defarge unter ihrem groben Kleide. So sorglos es angelegt war, stand ihr das Kleid doch in einer gewissen unheimlichen Weise und ihr dunkles Haar sah schön aus unter der groben, rothen Mütze. In ihrem Busen versteckt war ein geladenes Pistol. In ihrem Gürtel versteckt befand sich ein scharfes Messer. So angethan und mit der Zuversicht eines solchen Charakters und der geschmeidigen Sicherheit einer Frau einherschreitend, die in ihrer Kindheit gewohnt gewesen, barfuß und barbeinig über den feuchten Meeresstrand zu gehen, suchte Madame Defarge ihren Weg durch die Straßen.
Als man vorige Nacht den Plan der Abreise der Kutsche ausgesonnen, die in diesem Augenblicke gerade die Vervollständigung ihrer Ladung erwartete, hatte die Schwierigkeit, Miß Proß mit darin aufzunehmen, Mr. Lorry viel Kopfzerbrechen verursacht. Es war nicht blos wünschenswerth, die Kutsche nicht so schwer zu belasten, sondern auch von der höchsten Wichtigkeit, die von dem Durchsuchen und dem Verhör der Reisenden beanspruchte Zeit bis auf das Aeußerste zu beschränken, da ihre Rettung von der Ersparniß weniger Sekunden an diesem und jenem Orte abhängen konnte. Zuletzt schlug er, nach sorgfältiger Erwägung, vor, daß Miß Proß und Jerry, welche die Stadt zu allen Zeiten verlassen konnten, um drei Uhr in dem leichtesten der damals üblichen Fuhrwerke abreisen sollten. Nicht belästigt mit Gepäck, konnten sie die Kutsche bald einholen, dann vorausfahren und auf den Stationen im Voraus Pferde bestellen. So waren sie im Stande die Reise während der kostbaren Nachtstunden, wo Verzug am Gefährlichsten war, erheblich zu beschleunigen.
Da Miß Proß in dieser Anordnung die Hoffnung sah, in dieser drängenden Noth wirkliche Dienste zu leisten, begrüßte sie dieselbe mit Freuden. Sie und Jerry hatten die Kutsche abfahren sehen, hatten gewußt wer es war, den Salomo brachte, hatten zehn Minuten in allen Qualen der Spannung verlebt, und beendigten nun ihre Vorbereitungen um der Kutsche zu folgen, während Madame Defarge, immer noch durch die Straßen wandelnd, der im übrigen verlassenen Wohnung, wo sie jetzt zu Rathe gingen, immer näher kam.
„Nun, was meinen Sie, Mr. Cruncher,“ fragte Miß Proß, deren Aufregung so arg war, daß sie kaum sprechen oder stehen konnte, „was meinen Sie dazu, wenn wir nicht von hier abfahren? Daß heute hier schon ein anderer Wagen weggefahren ist, könnte Verdacht erwecken.“
„Meine Meinung, Miß, ist, daß Sie Recht haben,“ antwortete Mr. Cruncher. „Und auch, daß ich zu ihnen halten will, im Recht oder im Unrecht.“
„Furcht und Hoffnung für unsere liebe Herrschaft lassen mich so wenig zum Bewußtsein kommen,“ fuhr Miß Proß mit hellen Thränen fort, „daß ich außer Stande bin einen Plan zu fassen. Können Sie einen Plan fassen, mein guter Mr. Cruncher?“
„Was meine zukünftige Lebensweise betrifft, Miß,“ entgegnete Mr. Cruncher, „so hoffe ich es. Was den gegenwärtigen Gebrauch dieses meines alten Kopfes betrifft, so glaube ich nicht. Wollen Sie mir den Gefallen thun, Miß, sich zwei Versprechen und Gelübde zu merken, die ich in dieser jetzigen Krisis machen möchte?“
„Ach, um des Himmels Willen,“ rief Miß Proß immer noch laut weinend, „nur gleich heraus mit der Sprache, damit wir mit ihnen fertig werden.“
„Erstlich,“ sagte Mr. Cruncher, der am ganzen Leibe zitterte und mit leichenblassem und feierlichem Gesicht sprach, „wenn unsere arme, gute Herrschaft glücklich heraus ist, will ich es nie wieder thun, nie, nie wieder thun!“
„Ich bin fest überzeugt, Mr. Cruncher,“ entgegnete Miß Proß, „daß Sie es nie wieder thun werden, was es auch sein mag, und ich bitte Sie, es nicht für nothwendig zu halten näher darauf einzugehen, was es ist.“
„Nein, Miß,“ gab Jerry zurück, „Sie sollen weiter Nichts davon hören. Zweitens, wenn meine gute arme Herrschaft glücklich herausgekommen ist, so will ich gar nie mehr Etwas gegen Mrs. Crunchers Rutschen sagen, nie, nie wieder!“
„Was das immer für eine Wirthschaftseinrichtung sein mag,“ sagte Miß Proß, indem sie versuchte sich zu fassen, „so bezweifle ich nicht, daß es das Beste ist, Sie überlassen es ganz und gar Mrs. Crunchers eignem Belieben — ach meine gute Herrschaft!“
„Ich gehe soweit zu sagen,“ fuhr Mr. Cruncher mit einer beunruhigenden Neigung, wie von einer Kanzel herunter zu predigen, fort — „und merken Sie sich meine Worte und überbringen Sie dieselben der Mrs. Cruncher — ich gehe sogar soweit, zu sagen, daß meine Meinung von dem Rutschen sich verändert hat, und daß ich nur von ganzem Herzen hoffe, Mrs. Cruncher rutschte zur gegenwärtigen Zeit.“
„Gewiß, gewiß! ich hoffe sie thut es, mein Guter,“ rief Miß Proß ganz außer sich, „und ich hoffe, es entspricht allen ihren Erwartungen.“
„Verhüte der Himmel“ fuhr Mr. Cruncher mit vermehrter Feierlichkeit und Langsamkeit und verstärkter Neigung zu predigen fort, „verhüte der Himmel, daß Etwas, was ich jemals gesagt oder gethan habe, den angelegentlichen Wünschen entgolten wird, die ich jetzt für meine gute Herrschaft habe! Verhüte es der Himmel, wenn wir auch nicht alle rutschen, um sie aus dieser schrecklichen Gefahr zu retten! Verhüte es der Himmel, Miß! Verhüte es der Himmel!“ Das war Mr. Crunchers Schluß, nachdem er sich vergeblich einige Zeit besonnen hatte, einen bessern zu finden.
Und immer noch kam Madame Defarge, ihr Ziel durch die Straßen verfolgend, näher und näher.
„Wenn wir jemals in unsere Heimath zurückkehren,“ sagte Miß Proß, „so können Sie sich darauf verlassen, daß ich Mrs. Cruncher alles mittheile, was ich von dem, was Sie so eindringlich gesagt haben, mir erinnern kann und verstanden habe; und jedenfalls können Sie überzeugt sein, daß ich bezeuge, wie ernstlich Sie es in dieser schrecklichen Zeit gemeint haben. Aber jetzt lassen Sie uns überlegen! Mein geschätzter Mr. Cruncher, lassen Sie uns überlegen!“
Und immer noch kam Madame Defarge, ihr Ziel durch die Straßen verfolgend, näher und näher.
„Wenn Sie vorausgingen,“ sagte Miß Proß, „und ließen die Pferde und den Wagen nicht hierher kommen, sondern wo anders auf mich warten, wäre Das nicht das Beste?“
Mr. Cruncher meinte, es könne das Beste sein.
„Wo könnten Sie auf mich warten?“ fragte Miß Proß.
Mr. Cruncher war so verwirrt, daß er auf keine andere Oertlichkeit kommen konnte, als auf das Temple-Thor. Ach, Temple-Thor war 100 Meilen weit und Madame Defarge war schon sehr nahe.
„An der Thür der großen Kirche,“ sagte Miß Proß. „Wäre es viel aus dem Wege, wenn ich an der Thür der großen Kirche, zwischen den beiden Thürmen, einstiege?“
„Nein, Miß“, gab Mr. Cruncher zur Antwort.
„Dann seien Sie ein guter Mensch“ erwiederte Miß Proß, „und gehen geraden Weges nach dem Posthaus und bestellen es so.“
„Ich möchte Sie nicht gerne verlassen, sehen Sie,“ sagte Mr. Cruncher zögernd und den Kopf schüttelnd. „Man weiß nicht, was geschehen kann.“
„Der Himmel weiß, daß wir es nicht wissen,“ entgegnete Miß Proß, „aber haben Sie meinetwegen keine Furcht. Warten Sie auf mich an der großen Kirche um 3 Uhr und es ist jedenfalls besser, als wenn wir hier einsteigen. Ich bin fest überzeugt davon. Der Himmel segne Sie, Mr. Cruncher! Denken Sie nicht an mich, sondern an die Menschenleben, die von uns beiden abhängen können!“
Dieser Schluß und daß Miß Proß ihm beide Hände in schmerzlichsten Flehen entgegenstreckte, entschied Mr. Cruncher. Mit einem ermuthigendem Kopfnicken ging er auf der Stelle fort um den Wagen an den bezeichneten Ort zu bestellen, und überließ es ihr auf die verabredete Weise zu folgen.
Eine Vorsichtsmaßregel vorgeschlagen zu haben, die bereits in der Ausführung begriffen, war ein großer Trost für Miß Proß. Die Nothwendigkeit ihr Aeußeres so einzurichten, daß ihre Aufregung keine besondere Aufmerksamkeit auf der Straße auf sich zog, war eine andere Erleichterung. Sie sah nach der Uhr und es war zwanzig Minuten über 2 Uhr. Sie hatte keine Zeit zu verlieren, und mußte sich gleich fertig machen.
In ihrer großen Aufregung, von Furcht erfüllt durch die Einsamkeit der verlassenen Zimmer und der halbeingebildeten Gesichter, die hinter jeder offenen Thür hervor hereinblickten, holte Miß Proß ein Waschbecken voll kaltes Wasser und fing an sich die Augen zu waschen, die ganz dick und roth waren. Von ihren fieberhaften Befürchtungen gequält, konnte sie es kaum ertragen, wegen des herunterfließenden Wassers ein oder zwei Minuten lang nicht sehen zu können, sondern hielt fortwährend inne und sah sich um, ob sie Niemand beobachte. In einer dieser Pausen fuhr sie erschrocken zurück und schrie laut auf; denn sie sah eine Gestalt im Zimmer stehen.
Das Waschbecken fiel zerbrochen zur Erde und das Wasser floß auf Madame Defarge zu. Auf merkwürdigen, rauhen Wegen und durch viel vergossenes Blut waren diese Füße diesem Wasser entgegen gekommen.
Madame Defarge sah sie kalt an und sagte: „wo ist die Gattin Evrémondes?“
Es fiel Miß Proß ein, daß die Thüren sämmtlich offen standen und durch ihr Offenstehen die Flucht verrathen könnten. Ihr Erstes war, sie zuzumachen. Es waren ihrer vier im Zimmer und sie machte sie alle zu. Dann stellte sie sich vor die Thür des Gemachs, welches Lucie bewohnt hatte.
Madame Defarges dunkle Augen folgten ihr während dieser raschen Bewegung, und hefteten sich auf sie, als sie fertig war. Miß Proß war nichts weniger als schön; die Jahre hatten ihr schroffes, eckiges Wesen nicht gemildert; aber sie war in ihrer Weise auch eine entschlossene Frau, und sie maß Madame Defarge mit ihren Augen vom Kopf bis zu den Füßen.
„Dem Aussehen nach könntest Du Lucifers Frau sein,“ sagte Miß Proß, während sie verschnaufte. „Dennoch sollst Du mich nicht bewältigen. Ich bin eine Engländerin.“
Madame Defarge sah sie geringschätzig an, aber doch mit einer Ahnung von demselben Gefühle, daß Miß Proß erfüllte: daß sie kampfbereit gegenüber stand. Sie sah eine energische, unnachgiebige, kräftige Frau vor sich, wie Mr. Lorry vor vielen Jahren in derselben Gestalt ein Weib mit starker Hand gesehen hatte. Sie wußte recht gut, daß Miß Proß die treuergebene Dienerin der Familie war; Miß Proß wußte recht gut, daß Madame Defarge der tückische Feind der Familie war.
„Auf meinem Wege dorthin,“ sagte Madame Defarge, mit einer leichten Handbewegung nach dem Hinrichtungsplatze, „wo sie mir meinen Stuhl und mein Strickzeug aufheben, komme ich herauf, um ihr meine Aufwartung zu machen. Ich wünsche sie zu sprechen.“
„Ich weiß, daß Du böse Absichten hast,“ sagte Miß Proß, „und Du kannst Dich darauf verlassen, ich behaupte meinen Platz gegen Dich.“
Jede sprach in ihrer Sprache; keine verstand die andere; Beide waren voll gespannter Aufmerksamkeit, um aus Blicken und Geberden zu errathen, was die unverständlichen Worte sagten.
„Es ist nicht gut für sie, wenn sie sich in diesem Augenblicke vor mir versteckt,“ sagte Madame Defarge. „Gute Patrioten wissen, was Das zu bedeuten hat. Ich muß sie sprechen. Sagt ihr, daß ich sie sprechen will. Hört ihr?“
„Und wenn Deine Augen Schraubenschlüssel wären,“ erwiderte Miß Proß, „und ich eine englische Bettstelle, so solltest Du nicht einen Splitter von mir locker kriegen. Nein, Du bösartige, fremde Katze; ich kann es mit Dir aufnehmen.“
Madame Defarge verstand natürlich nicht die Worte der anderen; aber sie sah doch so viel, daß man ihr Trotz bot.
„Einfältiges Weib!“ sagte Madame Defarge mit Stirnrunzeln. „Ich beruhige mich nicht bei einer Antwort von Dir. Ich muß sie sprechen. Entweder sage ihr, daß ich sie sprechen will, oder tritt weg von der Thür und laß mich hinein!“ Dies sagte sie mit einem zürnenden Wink ihrer Hand, Platz zu machen.
„Ich hätte mir nicht gedacht,“ sagte Miß Proß, „daß ich jemals wünschen sollte, Deine unsinnige Sprache zu verstehen; aber ich gäbe Alles, was ich besitze, außer den Kleidern, die ich auf dem Leibe habe, wenn ich wüßte, ob Du die Wahrheit ahntest oder einen Theil davon.“
Keine ließ nur für einen einzigen Augenblick die andere aus den Augen. Madame Defarge hatte sich noch nicht von der Stelle bewegt, wo sie gestanden als Miß Proß sie zuerst gewahr geworden war; aber jetzt trat sie einen Schritt näher.
„Ich bin eine Engländerin,“ sagte Miß Proß weiter, „ich bin desperat. Ich kümmere mich kein englisches Zweipfennigstück um mich. Ich weiß, je länger ich Dich hier fest halte, desto besser ist es für mein Herzblättchen. Ich lasse Dir nicht eine Hand voll von Deinen schwarzen Haaren auf dem Kopfe, wenn Du mich mit einem Finger anrührst.“
So sprach Miß Proß mit einem Kopfschütteln und einem Blitzen in ihren Augen zwischen jedem raschen Satz, und jedem raschen Satz in einem Athem. So sprach Miß Proß, die nie in ihrem Leben einen Schlag geführt hatte.
Aber ihr Muth war von der leicht gerührten Art, daß er ihr nicht zurückzuhaltende Thränen in die Augen brachte. Das war ein Muth, den Madame Defarge so wenig begriff, daß sie ihn für Schwäche hielt. „Ha, ha!“ lachte sie, „armseliges Weib! was bist Du werth! Ich wende mich jetzt an den Doctor.“ Dann erhob sie ihre Stimme und rief laut: „Bürger Doctor! Frau Evrémondes! Kind Evrémondes! irgend jemand, nur nicht diese lächerliche Thörin, antworte der Bürgerin Defarge!“
Vielleicht das Schweigen, das jetzt eintrat, vielleicht ein Etwas in dem Ausdruck von Miß Proß’ Gesicht, vielleicht eine plötzliche Ahnung, unabhängig von Allem, was sie sonst sah, flüsterte Madame Defarge zu, daß sie fort seien. Drei von den Thüren machte sie rasch auf und blickte hinein.
„Diese Zimmer sind alle in Unordnung, man hat in Eile gepackt, es liegt allerlei auf dem Boden zerstreut. Es ist Niemand in dem Zimmer hinter Euch. Laßt mich hinein sehen!“
„Nie!“ sagte Miß Proß, welche die Aufforderung so vollkommen verstand, wie Madame Defarge die Antwort.
„Wenn sie nicht in jenem Zimmer sind, so sind sie fort und können verfolgt und zurückgebracht werden,“ sagte Madame Defarge sich selbst.
„Solange Du nicht weißt, ob sie in diesem Zimmer sind, oder nicht, weißt Du nicht was Du thun sollst,“ sprach Miß Proß zu sich, „und Du sollst es nicht erfahren, wenn ich es Dir verwehren kann; und ob Du es weißt oder nicht weißt, sollst Du doch hier nicht wegkommen, solange ich Dich halten kann.“
„Ich habe mich noch von Nichts aufhalten lassen, ich zerreiße Dich in Stücken, aber weg von dieser Thür mußt Du,“ sagte Madame Defarge.
„Wir sind allein, im obersten Stock eines hohen Hauses, in einem einsamen Hofe, es ist sehr unwahrscheinlich, daß uns Jemand hört und ich bitte Gott um Kraft Dich hier fest zu halten, wo jede Minute, die Du hier bist, hunderttausend Guineen für mein Herzblatt werth ist,“ sprach Miß Proß.
Madame Defarge ging auf die Thür zu. Miß Proß, von der Eingebung des Augenblickes getrieben, packte sie mit beiden Armen um den Leib und hielt sie fest. Vergeblich sträubte sich und schlug Madame Defarge; mit der kraftvollen Zähigkeit der Liebe, die immer so viel stärker ist als der Haß, hielt Miß Proß sie fest und hob sie sogar während des Ringens in die Höhe. Die beiden Hände der Madame Defarge schlugen und zerkratzten ihr Gesicht; aber Miß Proß, den Kopf niedrig haltend, hielt sie fest um den Leib und klammerte sich an sie mit der Verzweiflung einer Ertrinkenden.
Bald hörten Madame Defarges Hände auf zu schlagen und fühlten nach ihrem Gürtel. „Es ist unter meinem Arm,“ sagte Miß Proß mit halberstickter Stimme, „Du sollst es nicht heraus kriegen. Ich bin stärker als Du, Gott sei Dank. Ich halte Dich fest, bis einer von uns Beiden in Ohnmacht fällt oder stirbt!“
Madame Defarges Hand war in ihrem Busen. Miß Proß blickte auf, sah was es war, schlug darnach, schlug einen Blitz und einen Knall heraus und stand allein — blind vom Rauche.
Alles Dies dauerte nur eine Sekunde. Wie sich der Rauch verzog, eine unheimliche Stille zurücklassend, schwand er hinaus in die Luft, wie die Seele des wüthenden Weibes, dessen Körper leblos auf den Fußboden lag.
In der ersten Angst und im ersten Schrecken ihrer Lage, ging Miß Proß der Leiche im Vorbeigehen so weit als möglich aus dem Wege und lief die Treppe hinab um unnütze Hülfe zu rufen. Zum Glück dachte sie an die möglichen Folgen ihres Thuns Zeit genug, um sich anders zu besinnen und wieder umzukehren. Es war schrecklich wieder in die Stube zu gehen; aber sie ging hinein und wagte sich selbst in die Nähe der Leiche, um ihren Hut und ihre anderen Sachen zu holen. Nachdem sie sich draußen auf der Treppe angekleidet, schloß sie die Thür zu und nahm den Schlüssel mit. Alsdann setzte sie sich ein paar Augenblicke auf die obersten Stufen um Athem zu schöpfen und zu weinen, und dann stand sie auf und eilte fort. Zum Glücke hatte sie einen Schleier an ihrem Hute, oder sie hätte kaum über die Straße gehen können, ohne angehalten zu werden. Ebenfalls zum Glücke war sie von Natur so eigenthümlich in ihrer Erscheinung, daß Ungewöhnliches bei ihr weniger auffiel, als bei anderen. Es war gut so; denn die Finger der Wüthenden hatten ihr Gesicht zerkratzt, ihr Haar war zerzaust und ihre hastig und mit aufgeregten Händen angelegten Kleider waren nach allerlei Richtungen gezogen und gezerrt.
Als sie über die Brücke ging, warf sie den Schlüssel in den Fluß. Sie kam einige Minuten vor ihrem Begleiter an der Kirchthüre an und mußte dort warten. Ach, dachte sie, wenn man den Schlüssel in einem Netze gefunden, wenn man ihn erkannt, wenn man die Thür geöffnet und die Leiche entdeckt hätte, wenn ich am Thore angehalten, ins Gefängniß geschickt und des Mordes angeklagt würde! Inmitten dieser aufregenden Gedanken, erschien der Begleiter, nahm sie in den Wagen auf und fuhr mit ihr fort.
„Ist Lärm auf der Straße?“ fragte sie.
„Der gewöhnliche Lärm,“ gab Mr. Cruncher zur Antwort und sah sie an, erstaunt über die Frage und ihr Aussehen.
„Ich höre Sie nicht,“ sagte Miß Proß. „Was sagten Sie?“
Vergeblich wiederholte Mr. Cruncher seine Antwort noch einmal. Miß Proß konnte ihn nicht hören.
— So will ich mit dem Kopf nicken, dachte Mr. Cruncher, jedenfalls wird sie Das sehen. Und sie sah es.
„Ist jetzt Lärm auf der Straße?“ fragte Miß Proß noch einmal nach kurzer Weile.
Wieder nickte Mr. Cruncher mit dem Kopfe.
„In einer Stunde taub geworden,“ sagte Mr. Cruncher nachdenklich und mit sehr beunruhigtem Gemüth; „was ist ihr zugestoßen?“
„Mir ist“ sprach Miß Proß, „als wäre ein Blitz und ein Knall gewesen und dieser Knall wäre das Letzte, was ich in meinem Leben hören würde.“
„Wenn Das nicht ein curioser Zustand ist,“ sagte Mr. Cruncher, mehr und mehr verwundert. „Was mag sie nur zu sich genommen haben um ihren Muth aufrecht zu erhalten? Hört! da kommen diese schrecklichen Karren gerumpelt! Das können Sie doch hören, Miß?“
„Ich kann Nichts hören,“ sagte Miß Proß, die an der Bewegung seines Mundes sah, daß er sprach, „ach guter Jerry, erst war ein großer Krach und dann eine große Stille und diese Stille scheint fest und unveränderlich zu sein, eine Stille, die nie wieder aufhören soll, so lange mein Leben dauert.“
„Wenn sie nicht das Rumpeln dieser schrecklichen Karren hört, die jetzt dem Ziele ihrer Reise sehr nahe sind,“ sagte Mr. Cruncher mit einem Blicke über die Schulter, „so ist meine Meinung, daß sie wahrhaftig nie wieder Etwas auf dieser Welt hören wird.“
Und wirklich war sie von dieser Zeit an taub.
Fünfzehntes Kapitel. Die Schritte verhallen für immer.
Die Straßen von Paris entlang rumpeln die Todtenkarren hohl und schwer. Sechs Karren führen den Wein des Tages der Guillotine zu. Alle gierige und unersättliche Ungeheuer, welche die menschliche Phantasie jemals ersonnen hat, sind in dieser einen Gestalt, Guillotine, verschmolzen. Und doch giebt es in Frankreich, mit seiner reichen Verschiedenartigkeit an Boden und Klima keinen Halm, kein Blatt, keine Wurzel, keinen Zweig, kein Pfefferkorn, das unter natürlicheren Bedingungen gereift wäre, als dieser Schrecken gereift ist. Zerdrücke die Menschheit noch einmal unter ähnlichen Hämmern und sie wird von selbst dieselben gequälten Gestalten und Formen anzunehmen suchen. Säet dieselbe Saat habgieriger Ausschweifung und Tyrannei und sicherlich wird sie wieder dieselbe Frucht nach ihrem Ursprung tragen.
Sechs Karren rumpeln durch die Straßen. Verwandle sie wieder zu Dem, was sie waren, mächtige Zauberin Zeit, und sie werden sich darstellen als die Karossen unumschränkter Monarchen, die Equipagen von Feudalherren, die prächtigen Toiletten geschminkter Jesabels, die Kirchen die nicht „meines Vaters Haus“ sind, sondern Diebeshöhlen, die Hütten von Millionen halbverhungerten Bauern! Nein; die große Zauberin, welche in erhabener Ruhe die vorbestimmte Ordnung des Schöpfers ausarbeitet, verändert nie seine Gestaltungen. Wenn du durch den Willen Gottes in diese Gestalt gewandelt worden, sagen die Seher zu den Verzauberten in dem weisen, arabischen Mährchen, so bleibe so! Aber wenn du diese Gestalt nur durch eine vorübergehende Beschwörung empfangen hast, so nimm deine frühere wieder an! Unveränderlich und hoffnungslos rumpeln die Karren vorüber.
Wie die Räder der sechs Karren sich umdrehen, scheinen sie eine lange krumme Furche unter dem Volke in den Straßen zu ziehen. Raine von Gesichtern werden zu beiden Seiten aufgeworfen und die Pflüge gehen ruhig weiter. So gewöhnt sind die regelmäßigen Bewohner der Häuser an das Schauspiel, daß in manchen Fenstern keine Leute stehen und in anderen die Beschäftigung der Hände gar nicht unterbrochen wird, während die Augen die Gesichter in den Karren betrachten. Hie und da ist Besuch um das Schauspiel zu sehen; alsdann zeigt der Inwohner des Zimmers fast mit der Selbstgefälligkeit des Directors einer öffentlichen Anstalt, oder eines autorisirten Erklärers diesen Karren und jenen Karren und scheint zu erzählen, wer gestern d’rin saß und wer vorgestern.
Von denen in den Karren sehen einige diesen und allen anderen Erscheinungen auf ihrer letzten Fahrt mit gleichgültig stierem Auge zu; andere mit einem Rest von Theilnahme am menschlichen Treiben. Einige lassen den Kopf in stummer Verzweiflung sinken; andere wieder sind so auf ihr Aussehen bedacht, daß sie auf die Menge Blicke werfen, wie sie in Theatern und auf Bildern gesehen haben. Mehrere machen die Augen zu und denken, oder suchen ihre herumschweifenden Gedanken zusammen. Nur Einer, ein elendes Geschöpf von halbverrücktem Aussehen, ist von Furcht und Todesangst so gebrochen und berauscht, daß er singt und zu tanzen versucht. Kein einziger von Allen wendet sich mit Blick oder Geberde an das Mitleid des Volkes.
Eine Wache von einigen Reitern umgiebt die Karren und öfters sehen Gesichter zu ihnen empor und erkundigen sich bei ihnen. Es scheint immer dieselbe Frage zu sein; denn nach der Antwort drängt sich immer das Volk um den dritten Karren. Die Reiter neben diesem Karren zeigen mit ihrem Säbel häufig auf einen Mann. Alles will wissen wo er ist; er steht hinten im Karren und sieht herab auf ein Mädchen, das neben ihm sitzt und seine Hand hält und mit dem er spricht. Die übrige Umgebung kümmert ihn nicht und er unterhält sich fortwährend mit dem Mädchen. In der langen St. Honoré-Straße wird hie und da Geschrei gegen ihn laut. Wenn er sich überhaupt davon bewegen läßt, so ist es blos zu einem stillen Lächeln, wie er sein Haar ein wenig lockerer um sein Gesicht schüttelt. Er kann sein Gesicht nicht berühren, denn die Hände sind ihm gebunden.
Auf der Vortreppe einer Kirche steht, in Erwartung der Karren, der Spion. Er blickt in den ersten: er ist nicht drin. Er blickt in den zweiten: er ist nicht drin. Er fragt sich schon, hat er mich geopfert? als sein Gesicht bei dem Erblicken des dritten Karrens sich aufhellt.
„Welches ist Evrémonde?“ fragt ein Mann hinter ihm.
„Der dort. Hinten im Karren.“
„Der seine Hand dem Mädchen gegeben hat?“
„Ja.“
Der Mann schreit: „Nieder mit Evrémonde! Unter die Guillotine alle Aristokraten.“
„Nieder mit Evrémonde.“
„Still, still!“ bittet ihn der Spion schüchtern.
„Warum soll ich nicht, Bürger?“
„Er bezahlt seinen Einsatz; in fünf Minuten ist es vorbei. Laßt ihn in Frieden fahren.“
Da aber der Mann fortfuhr zu schreien: „Nieder mit Evrémonde!“ wendet sich ihm für einen Augenblick Evrémondes Gesicht zu. Jetzt sieht auch Evrémonde den Spion, sieht ihn aufmerksam an und fährt vorüber.
Es ist gleich drei Uhr und die durch das Volk gepflügte Furche wendet sich, um auf den Hinrichtungsplatz auszumünden. Die Raine, die zu beiden Seiten aufgeworfen worden, fallen jetzt wieder zusammen und schließen sich hinter dem letzten Pfluge, wie er vorbei ist, denn alle folgen nach der Guillotine. Ihr gegenüber sitzen auf Stühlen, wie in einem öffentlichen Garten, wo Concert ist, eine Anzahl Frauen, eifrig mit Stricken beschäftigt. Auf einen der vordersten Stühle steht der Racheengel und sieht sich nach der Freundin um.
„Therese!“ ruft sie in ihrer gellenden Stimme. „Wer hat sie gesehen? Therese Defarge!“
„Sie hat noch nie gefehlt,“ sagt eine Strickschwester neben ihr.
„Nein; und sie wird auch heute nicht fehlen,“ sagt der Racheengel ärgerlich. „Therese!“
„Lauter,“ empfiehlt die andere.
Ja! Lauter, Racheengel, viel lauter und dennoch wird sie dich schwerlich hören. Noch lauter, Racheengel, vielleicht mit einem Fluche verstärkt und doch wirst du sie kaum herbei schaffen. Schicke andere Frauen aus um sie zu suchen, wo sie verweilt; und obgleich deine Boten Schreckliches gethan haben, ist es doch fraglich, ob sie freiwillig weit genug gehen werden, um sie zu finden.
„Wie ärgerlich!“ rief der Racheengel aus und stampfte mit dem Fuße; „und da kommen die Karren! und Evrémonde wird in einem Nu hingerichtet sein und sie ist nicht da! Hier habe ich ihr Strickzeug in der Hand und ihr leerer Stuhl steht neben mir. Ich möchte vor Verdruß und Aerger weinen!“
Wie der Racheengel von seiner Höhe herabsteigt, um Dies zu thun, fangen die Karren an, sich ihrer Ladung zu entledigen. Die Priester der heiligen Guillotine haben ihr Gewand angethan und stehen bereit. Krach! — ein Haupt wird in die Höhe gehalten und die Strickerinnen, die kaum aufgeblickt haben um es vor einer Sekunde anzusehen, wo es noch denken und sprechen konnte, zählen Eins.
Der zweite Karren entleert sich und fährt weiter; der dritte kommt heran. Krach! — und die Strickerinnen, die sich ihrer Arbeit nicht stören lassen, zählen Zwei.
Der vermeintliche Evrémonde steigt aus und die Nähterin wird gleich hinter ihm herabgehoben. Er hat beim Heraussteigen ihre geduldige Hand nicht losgelassen, sondern hält sie immer noch, wie er versprochen hat. Sanft wendet er sie so, daß sie der Maschine, die sich fortwährend rasselnd auf und nieder bewegt, den Rücken zukehrt, und sie sieht ihm dankend ins Gesicht.
„Ohne Euch, lieber Fremder, wäre ich nicht so gefaßt; denn ich bin von Natur ein armes kleines Geschöpf von zaghaftem Herzen; noch wäre ich im Stande gewesen meine Gedanken zu ihm zu erheben, der den Tod erlitten hat, damit wir heute Hoffnung und Trost haben. Ich glaube der Himmel hat Euch mir gesendet.“
„Oder auch mir,“ sagte Sydney Carton. „Wendet Eure Augen nicht von mir, liebes Kind, und achtet auf weiter Nichts.“
„Ich achte auf Nichts, so lange ich Eure Hand halte. Ich werde auf Nichts achten, wenn ich sie los lasse, wenn es schnell geht.“
„Es wird schnell gehen. Fürchtet Euch nicht.“
Die Beiden stehen in dem immer dünner werdenden Gedränge der Opfer, aber sie sprechen als ob sie allein wären. Auge in Auge, Hand in Hand, Herz an Herz, sind sich diese beiden Kinder der allgemeinen Mutter, sonst so weit getrennt und so verschieden von einander, auf der dunkeln Straße zum Tode begegnet, um mit einander nach der Heimath zu gehen und an ihrem Busen zu ruhen.
„Edler und großmüthiger Freund, wollt Ihr mir eine letzte Frage erlauben? Ich bin sehr unwissend und es beunruhigt mich — ein klein wenig.“
„Sagt mir was es ist.“
„Ich habe eine Base, meine einzige Verwandte und eine Waise, wie ich, der ich sehr gut bin. Sie ist fünf Jahre jünger als ich und sie wohnt auf einem Pachtgute, unten im Süden. Armuth hat uns auseinander gerissen und sie weiß nicht, was aus mir geworden ist — denn ich kann nicht schreiben — und wenn ich’s könnte, wie sollte ich es ihr mittheilen! es ist besser so, wie es ist.“
„Ja, ja; es ist besser so, wie es ist.“
„Was ich gedacht habe, wie wir hierher fuhren und was ich immer noch denke, wie ich in Euer freundliches und doch muthiges Gesicht sehe, das mich so aufrecht erhält, ist Folgendes: — wenn die Republik wirklich den Armen gut thut und sie weniger zu hungern brauchen, und sie in jeder Weise weniger leiden, so kann sie lange leben; sie kann sogar zu hohen Jahren kommen.“
„Was weiter, liebe Schwester?“
„Meint Ihr“ — die Augen die so voll stiller Duldung gewesen, füllten sich mit Thränen und die Lippen öffnen sich etwas weiter und zittern ein wenig — „meint Ihr, daß es mir lange vorkommen wird, während ich auf sie in dem bessern Lande warte, wo, vertraue ich, Ihr und ich barmherzige Aufnahme finden werden.“
„Es kann nicht sein, Kind; dort giebt es keine Zeit und keinen Kummer.“
„Ihr tröstet mich so sehr! ich bin so unwissend. Soll ich Euch jetzt küssen? Ist der Augenblick da?“
„Ja.“
Sie küßt seinen Mund; er küßt sie; sie geben sich feierlich den Segen. Die abgezehrte Hand zittert nicht, wie er sie los läßt; das stille Gesicht trägt keinen andern Ausdruck als den lieblicher, hoffender Standhaftigkeit. Sie geht ihm zunächst voraus — ist hinüber; die Strickerinnen zählen: Zweiundzwanzig.
„Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubet, der wird ewiglich leben, ob er auch stürbe; wer aber lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“
Das Murmeln vieler Stimmen, das Emporrecken vieler Gesichter, das Drängen von den äußersten Rändern des Gewühls, so daß es in einer Masse vorwärts wogt, wie eine große Meereswelle, sind alle wie ein Blitz vorüber. Dreiundzwanzig.
Sie sagten von ihm in der Stadt an jenem Abend, daß es das friedlichste Menschengesicht gewesen, das jemals dort erblickt worden. Manche setzten hinzu, daß er erhaben und prophetisch ausgesehen.
Eines der bemerkenswerthesten Opfer desselben Beiles — eine Frau — hatte nicht lange vorher am Fuße desselben Schaffots um Erlaubniß gebeten, die Gedanken, die sie erfüllten, niederschreiben zu dürfen. Hätte er seine Gedanken aussprechen können, und sie waren prophetisch — so hätten sie so gelautet:
„Ich sehe Barsad und Cly, Defarge, den Racheengel, die Geschworenen, die Richter, lange Reihen von neuen Tyrannen die nach der Vernichtung der alten entstanden sind, durch dieses selbige vergeltende Instrument untergehen, ehe diese Blutzeit vorüber ist. Ich sehe eine schöne Stadt und ein glänzendes Volk aus diesem Abgrunde sich erheben, und in seinen Kämpfen wahrhaft frei zu sein, in seinen Siegen und Niederlagen durch eine lange, lange Reihe von Jahren, das Böse dieser Zeit und der Vergangenheit, deren natürlicher Sprößling die Gegenwart ist, allmälich Sühne für sich thun und verschwinden.
„Ich sehe die Menschenleben, für die ich mein Leben hingebe, in friedlichem und segenspendendem Glücke in dem England, das ich nie wieder sehen werde. Ich sehe sie, mit einem Kinde an der Brust, das meinen Namen trägt. Ich sehe ihren Vater, alt und gebeugt, aber sonst wieder hergestellt und allen Menschen ein hülfreicher Arzt und mit sich im Frieden. Ich sehe den guten Alten, ihren langjährigen Freund, nach Ablauf von zehn Jahren ihnen sein ganzes Vermögen vermachen und ruhig hinüber gehen zu seinem Lohne.
„Ich sehe, daß ich ein Heiligthum in ihren Herzen und in den Herzen ihrer Nachkommen noch nach Menschenaltern inne habe. Ich sehe sie, eine alte Matrone, mich bei der Wiederkehr dieses Tages beweinen. Ich sehe sie und ihren Gatten nach vollendeter Laufbahn nebeneinander in ihrer letzten irdischen Ruhestätte liegen, und ich weiß, daß keines der beiden Herzen das andere mehr geehrt und heilig gehalten, als diese beiden mich.
„Ich sehe das Kind, das an ihrer Brust lag und meinen Namen trug, zum Manne werden, und sich glücklich auf der Lebenslaufbahn vorwärts arbeiten, die einst die meinige war. Ich sehe ihn so siegreich am Ziele stehen, daß mein Name durch den Glanz des seinigen berühmt wird. Ich sehe die Flecken, die ich darauf brachte, verschwinden. Ich sehe ihn, als den ersten unter gerechten Richtern und geehrten Männern, einen Knaben meines Namens mit einer Stirn die ich kenne und goldenem Haar an diese Stelle führen — die dann freundlich aussehen wird und frei von jedem entstellenden Flecken dieses Tages — und ich höre ihn, wie er dem Kinde mit weicher und zitternder Stimme meine Geschichte erzählt.
„Was ich thue ist etwas viel, viel Besseres, als ich jemals gethan; die Ruhe zu der ich eingehe ist viel seliger, als ich sie jemals gekannt habe.“
Ende.
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber in Leipzig.
Die Liebe.
Von
J. Michelet
Mitglied der französischen Akademie.
Deutsche, vom Verfasser autorisirte Ausgabe,
übersetzt von
F. Spielhagen.
Zweite durchgesehene Auflage.

Ein Werk des Auslandes, das, noch bevor es in einer deutschen Uebersetzung erschien, die Federn unsrer Journalisten in so lebhafte Bewegung versetzte, hier die wärmste Anerkennung fand, dort lebhaften Widerspruch hervorrief, überall aber das größte Interesse erweckte — ein solches Werk muß wohl ein bedeutendes sein. Und das ist J. Michelet’s Buch über „die Liebe“ im eigentlichsten Sinne des Wortes, bedeutend durch seinen Gegenstand, der die tiefsten Fragen der Menschheit berührt, an denen Jedermann betheiligt ist, bedeutend durch seinen Verfasser, der ein so altes Thema so neu behandeln konnte, daß der größte der jetzigen Kritiker unter den Franzosen das Buch, „das wahre Hohe Lied der Liebe“ nennt und gesteht, daß so noch Niemand über diesen Gegenstand gesprochen habe. In gleich anerkennender Weise spricht sich Gutzkow in den „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ über das Werk aus und das Londoner Athenäum sagt über dasselbe: „Die Ehe in ihrem reinsten und christlichsten Sinne ist der Gegenstand dieses Buches, das mit unendlicher und reizendster Zartheit und Feinheit lehrt, wie man sich ein glückliches Haus schaffen, wie man den Honigmond verlängern, wie man Hand in Hand den Berg des Lebens hinaufgehen und das Thal desselben hinabsteigen kann. Voll von vortrefflichen und beseligenden Gedanken, glänzend und oft tiefsinnig wie es ist, sucht es die Heiligkeit der natürlichen Triebe wieder herzustellen und die Liebe in ihrer Reinheit und Treue zur Religion des Herzens zu erheben“. Aber lassen wir den Verfasser mit seinen eignen Worten den erhabenen Standpunkt angeben, von dem aus er das weite Feld überblickte, das zu bearbeiten er vor Allen berufen war.
„Der ausführliche Titel dieses Buches, der seinen Zweck, Sinn und seine Bedeutung vollständig ausdrückte, wäre: Die moralische Befreiung durch die wahre Liebe. Diese Frage der Liebe gährt gewaltig und dunkel unter den Tiefen des menschlichen Lebens. Sie trägt die Grundfesten selbst, auf denen das Leben ruht. Die Familie stützt sich auf die Liebe, und die Gesellschaft auf die Familie. So ist denn die Liebe die erste unter ihnen. Wie die Sitten, so der Staat. Die Freiheit wäre ein leerer Schall, wenn der Bürger Sclavensitten bewahrte. Wir suchten hier ein Ideal, aber ein solches, das sich heute realisiren kann, nicht eins, das man für eine bessere Gesellschaft aufsparen müßte. Es ist die Reform der Liebe, die den andern Reformen vorausgehen muß, und sie überhaupt erst möglich macht.“
Um den überreichen Inhalt des Buches einigermaßen überschauen zu können, wird es genügen, die Ueberschriften der Kapitel zu geben.
Von der Schaffung der Geliebten.
Von der Frau. — Die Frau ist eine Kranke. — Die Frau darf nur wenig arbeiten. — Der Mann muß für Zwei verdienen. — Wie soll die Braut sein? — Soll man eine Französin heirathen? — Die Frau will die Stetigkeit und Vertiefung der Liebe. — Du mußt deine Frau schaffen. — Was bin ich, um das zu vermögen?
Einweihung und Vereinigung.
Die Ehe. — Die Hochzeit. — Das Erwachen. — Die junge Hausfrau. — Ihr dürft den Kreis der Häuslichkeit nicht zu groß ziehen. — Der Tisch. — Die Bedienung. — Diätetik. — Von der intellectuellen Befruchtung. — Von der moralischen Zeitigung.
Von der Fleischwerdung der Liebe.
Empfängniß. — Die Schwangerschaft und der Stand der Gnade. — Der Nebenbuhler. — Entbindung. — Wochenbett und erster Ausgang.
Von dem Hinschwinden der Liebe.
Das Kind vereinigt und trennt. — Die Liebe zur Abwechselung. — Trennung der jungen Mutter von ihrem Sohne. — Die große Welt draußen. — Ist der Werth des Mannes gesunken? — Die Fliege und die Spinne. — Die Versuchung. — Eine Rose als Gewissensrath. — Heilung der Seele. — Heilung des Körpers.
Die Verjüngung der Liebe.
Zweite Jugend der Frau. — Die gute Circe. — Sie verfeinert den Geist und facht die Flamme der Begeisterung wieder an. — Es giebt keine alten Frauen. — Was der Herbst nimmt und bringt. — Ist die Einigkeit erreicht? — Der Tod und die Trauer. — Die Liebe über das Grab hinaus.
☞ Die deutsche Ausgabe von Michelet’s Werk über die Liebe in eleganter Ausstattung ist durch jede Buchhandlung zum Preis von 1 Thlr. zu beziehen.
Leipzig, J. J. Weber.
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck).
Literarische Anzeige.
Im Verlage des Unterzeichneten ist erschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen:
Aus dem
Leben eines Musikers.
Von
J. C. Lobe.

Der Bildungsgang des als Virtuos, Componist, Theoretiker und ästhetischer Schriftsteller bekannten Professors Lobe, der in allen genannten Fächern fast ein reiner Autodidakt ist, war ein so eigenthümlicher und in vieler Beziehung belehrender, daß ausübende Musiker und Musikfreunde seiner Künstlerlaufbahn mit Theilnahme folgen werden. Musiker, die mehr oder weniger auf Selbstbildung angewiesen sind, giebt es viele, aber wenige darunter haben Muth und Beharrlichkeit genug, die Mittel aufsuchen und gebrauchen zu lernen, welche die entgegentretenden Hindernisse zu beseitigen vermögen. Es ist mit der Zweck des Verfassers, durch das Beispiel seines Lebens die Talente gegen ihre eigene Schwäche und gegen feindliche Verhältnisse zu stählen. Außerdem bringt das Buch Erinnerungen aus Weimar, dem Geburtsort des Verfassers, die ein allgemeineres Interesse beanspruchen dürfen. Und so hoffen wir, daß die Gabe, unterhaltend und belehrend zugleich, den Beifall der Musikfreunde in einem Grade gewinnen möge, der uns ermuthigen kann, diesem ersten Bande einen weitern folgen zu lassen.
Aus dem Inhaltsverzeichniß:
I. Mein erstes Auftreten als Virtuos.
II. Meines ersten musikalischen Werkes Aufführung.
III. Meine erste Oper.
IV. Die Probe von Turandot.
V. Gespräch mit Hummel.
VI. Gespräch mit Goethe und Zelter. 1. Gespräch mit Goethe. 2. Gespräch mit Zelter. 3. Gespräch mit Goethe.
VII. Eine Philippka.
VIII. Vierundzwanzig Takte aus dem Wasserträger.
IX. Osmins Lied in Mozarts Entführung aus dem Serail.
X. Die Ouverture zu Mozarts Don Juan.
XI. Felix Mendelssohn-Bartholdy.
XII. Das Ideal.
XIII. Keine schlechten Operntexte mehr.
XIV. Cousin, der französische Philosoph über Musik.
Preis: 1 Thlr. 15 Ngr.
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber in Leipzig.
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck).