Dritter Theil. (continued 2)
Julius Seybt translation
Sein Entschluß war gefaßt. Er mußte nach Paris.
Ja. Der Magnetfelsen zog ihn an und er mußte vorwärts segeln bis er auf die Klippe lief. Er wußte von keinem Felsen; er sah kaum eine Gefahr. Die Beweggründe, aus denen er gehandelt hatte, wie er gethan, selbst wenn er es nur halb gethan, zeigten ihm sein Thun in einem Lichte, das ihn über die möglichen Folgen beruhigte. Dann erschien vor seinen Augen der herrliche Traum, Gutes thun zu können, der so oft die sanguinische Täuschung guter Menschen ist, und er sah sich sogar im Besitz von genügendem Einfluß, um diese wild gewordene Revolution, die so stürmische Pfade wandelte, zu leiten.
Wie er mit bereits gefaßtem Entschluß auf- und abging, überlegte er, daß weder Lucie noch ihr Vater vor seiner Abreise etwas erfahren durften. Lucien mußte der Trennungsschmerz erspart bleiben; und ihr Vater — immer abgeneigt, sich mit den gefährlichen Erinnerungen aus alter Zeit zu beschäftigen — durfte den Schritt erst als einen bereits geschehenen, über den jeder Zweifel beseitigt ist, erfahren. Wie viel von der Halbheit seiner Lage ihrem Vater in Folge der Abgeneigtheit desselben, alte Erinnerungen an Frankreich in seiner Seele zu wecken, zuzuschreiben war, besprach er jetzt nicht bei sich. Aber auch dieser Umstand hatte Einfluß auf seinen Entschluß.
Er ging, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, auf und ab bis es Zeit war, wieder zu Tellsons zu gehen und von Mr. Lorry Abschied zu nehmen. Gleich nach seiner Ankunft in Paris wollte er seinen alten Freund aufsuchen; aber jetzt durfte er von seiner Absicht nichts wissen.
Ein Wagen mit Postpferden stand vor der Thür des Geschäfts und Jerry reisefertig daneben.
„Ich habe den Brief abgegeben,“ sagte Charles Darney zu Mr. Lorry. „Ich konnte nicht einwilligen, Sie mit einer schriftlichen Antwort zu belästigen, aber vielleicht nehmen Sie eine mündliche mit.“
„Das will ich — und gern, wenn es nicht gefährlich ist.“
„Durchaus nicht, obgleich Sie an einen Gefangenen in der Abbaye gerichtet ist.“
„Wie heißt er?“ fragte Mr. Lorry mit dem geöffneten Taschenbuche in der Hand.
„Gabelle.“
„Gabelle. Und was habe ich an den armen Gabelle im Gefängniß auszurichten?“
„Einfach: „„daß er den Brief empfangen hat und kommen wird.““
„Eine Zeit genannt?“
„Er wird morgen Abend seine Reise antreten.“
„Jemandes Namen zu nennen?“
„Nein.“
Er half Mr. Lorry, sich in eine Anzahl Ueberröcke und Mäntel einhüllen und begleitete ihn aus der warmen Atmosphäre des alten Comptoirs hinaus in die neblige Luft von Fleetstreet.
„Lucien und der kleinen Lucie meinen zärtlichsten Gruß!“ sagte Mr. Lorry beim Abschied; „und nehmen Sie sich ja recht in Acht bis ich wieder komme.“ Charles Darnay schüttelte den Kopf und lächelte zweifelnd wie der Wagen von dannen fuhr.
Diese Nacht (es war der 14. August) blieb er spät auf und schrieb zwei Briefe voller Innigkeit; — den einen an Lucien, in welchem er ihr auseinandersetzte, welch eine unumgängliche Pflicht ihn nach Paris treibe und warum er fest vertraue, dort für seine Person keine Gefahr zu laufen; — den andern an den Doctor, welcher Lucien und ihr geliebtes Kind seiner Obhut anempfahl und mit den stärksten Versicherungen von denselben Gegenständen sprach. Beiden schrieb er, daß er unmittelbar nach seiner Ankunft zum Beweis seiner Sicherheit Briefe abschicken werde.
Es war ein schwerer Tag — dieser Tag, zum erstenmal mit einem Geheimniß vor seinen Lieben unter ihnen zu verweilen. Es hielt schwer, den unschuldigen Betrug aufrecht zu erhalten, von dem sie auch nicht das Mindeste ahneten. Aber ein zärtlicher Blick auf seine glückliche und geschäftige Gattin befestigte ihn in dem Entschluß, ihr von dem Bevorstehenden nichts zu sagen (er war halb dazu geneigt gewesen, so seltsam erschien es ihm, etwas ohne ihre stille Beihülfe zu thun) und der Tag ging rasch vorüber. Zu zeitiger Abendstunde umarmte er sie und ihre kaum weniger geliebte Namensschwester, nahm unter dem Vorwand baldiger Rückkehr flüchtigen Abschied und trat dann mit schwerem Herzen in den dicken Nebel der Straße hinaus. Die unsichtbare Kraft zog ihn jetzt rasch an sich heran und alle Strömungen und Winde gingen entschieden in dieser Richtung. Er übergab seine beiden Briefe einem zuverlässigen Boten mit dem Befehl, sie eine halbe Stunde vor Mitternacht — und nicht eher — abzugeben, nahm Postpferde nach Dover und trat seine Reise an.
„Um der Liebe des Himmels willen, um der Gerechtigkeit, der Großmuth, der Ehre Ihres adeligen Namens willen!“ Mit diesem Ausruf des armen Gefangenen stärkte er manchmal seinen sinkenden Muth, als er Alles, was ihm auf Erden theuer war, verließ und widerstandslos auf den Magnetfelsen zutrieb.
Drittes Buch. Des Sturmes Wüthen.
Erstes Kapitel. Zu geheimer Haft.
Der Reisende der im Jahre 1792 von England nach Paris sich begab, kam langsam vorwärts. Mehr als zur Genüge schlechte Wege, schlechte Wagen und schlechte Pferde hätten ihn aufgehalten, wenn auch der gestürzte und unglückliche König von Frankreich noch in allem seinem Prunk auf dem Throne gesessen hätte; aber der Wechsel der Zeiten hatte noch andere Verhältnisse als diese geschaffen. In jedem Thor der Städte und in jedem Einnahmehause der Dörfer stand eine Schaar von Bürgern und Patrioten mit ihren Nationalgewehren in höchst schußbereitem Zustand, die alle Kommenden und Gehenden anhielt, sie der Kreuz und der Quer fragte, ihre Papiere besichtigte, nach ihren Namen in selbst angelegten Verzeichnissen suchte, sie zurückschickte oder gehen ließ, oder sie anhielt und in’s Gefängniß steckte, wie es ihr launenhaftes Urtheil oder ihre Einbildung zum Besten der einen und untheilbaren Republik und für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod! für gut fand.
Charles Darnay hatte nur wenige Meilen auf seiner Reise in Frankreich zurückgelegt, als er zu bemerken anfing, daß auch ihm in diesem Lande keine Hoffnung auf Rückkehr mehr leuchtete, bevor er nicht in Paris als guter Bürger anerkannt worden. Was jetzt immer geschehen mochte, er mußte seine Reise zum Ziele führen. Kein ärmliches Dorf schloß sich hinter ihm, kein gewöhnlicher Schlagbaum senkte sich hinter ihm über den Weg, von denen er nicht wußte, daß sie neue eiserne Thore in der Reihe derer waren, welche sich zwischen ihm und England schlossen. Die allgemeine Wachsamkeit umgab ihn so vollkommen, daß wenn er in einem Netz gefangen gewesen oder nach dem Orte seiner Bestimmung in einen Käfig geschafft worden wäre, er sich des Verlustes seiner Freiheit nicht vollständiger hätte bewußt sein können.
Diese allgemeine Wachsamkeit hielt ihn nicht nur auf der Landstraße zwanzigmal auf einer Station an, sondern hemmte auch sein Vorwärtskommen zwanzigmal dadurch, daß man ihm nachritt und zurückholte, ihm vorausritt und für sein Angehaltenwerden sorgte, oder mit ihm ritt und über ihn Wache hielt. Er hatte bereits mehrere Tage unterwegs in Frankreich zugebracht, als er in einer kleinen Stadt an der Landstraße, immer noch weit von Paris, todtmüde zu Bett ging.
Nichts als die Vorzeigung von Gabelles betrübten Brief aus seinem Gefängniß in der Abbaye hätte ihn so weit bringen können. An der Thorwache dieses kleinen Ortes hatten sie so viel Schwierigkeiten gemacht, daß er fühlte, in seiner Reise mußte jetzt ein kritischer Wendepunkt eintreten. Und es überraschte ihn daher verhältnißmäßig sehr wenig, als er in dem kleinen Gasthaus, wohin man ihn bis zum Morgen gewiesen hatte, in der Mitte der Nacht geweckt wurde; geweckt von einem schüchternen Mitglied der Ortsbehörde und drei bewaffneten Patrioten in grobwollenen rothen Mützen und mit Pfeifen im Munde, die sich auf das Bett setzten.
„Emigrant,“ sagte der Beamte, „ich werde Sie unter Escorte nach Paris schicken.“
„Bürger, ich verlange nichts mehr als nach Paris zu gelangen, obgleich ich die Escorte entbehren könnte.“
„Still geschwiegen!“ murrte eine Rothmütze und schlug mit dem Flintenkolben auf die Bettdecke. „Still geschwiegen, Aristokrat!“
„Es ist so wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der schüchterne Beamte. „Sie sind ein Aristokrat und müssen eine Escorte haben — und müssen dafür bezahlen.“
„Ich habe keine Wahl,“ sagte Charles Darnay.
„Wahl! Hört ihn nur!“ rief dieselbe grollende Stimme der Rothmütze wieder. „Als ob es keine Begünstigung wäre, Schutz vor der Laterne zu finden!“
„Es ist immer so, wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der Beamte. „Stehen Sie auf und ziehen Sie sich an, Emigrant.“
Darnay gehorchte und wurde nach der Thorwache zurückgebracht, wo andere Patrioten in rothen Mützen bei einem Wachtfeuer rauchten, tranken und schliefen. Hier bezahlte er schweres Geld für seine Escorte und mußte dann mit derselben um drei Uhr früh auf der regendurchweichten Landstraße weiter. Die Escorte bestand aus zwei berittenen Patrioten in rothen Mützen mit dreifarbigen Cocarden, und bewaffnet mit Gewehren und Säbeln aus dem Nationaleigenthum. Die Patrioten hatten Darnay in der Mitte, welcher sein eigenes Pferd lenkte; aber am Zaume desselben war ein Strick befestigt, den einer der Patrioten um die Hand geschlungen hatte. In diesem Aufzuge traten sie die Reise an, während der kalte Regen ihnen in’s Gesicht schlug und ritten mit schleppendem Trott über das schlechte Straßenpflaster der Stadt und hinaus auf die Landstraße, die nur einen Morast bildete. Ohne einen anderen Wechsel als in der Gangart der Pferde legten sie so im knietiefen Schlamm die Meilen zurück, die sie noch von der Hauptstadt trennten.
Sie reisten in der Nacht, machten ein oder zwei Stunden nach Tagesanbruch Halt und lagen still bis zur Abenddämmerung. Die beiden Patrioten waren so dürftig gekleidet, daß sie Stroh um ihre nackten Beine wickelten und auf die zerlumpten Schultern Stroh legten, um sie vor der Nässe zu schützen. Abgesehen von der persönlichen Unannehmlichkeit so begleitet zu werden, und von Besorgnissen für die Gegenwart, welche der Umstand erweckte, daß einer der Patrioten chronisch betrunken war und mit seinem Gewehr sehr leichtsinnig umging, ließ Charles Darnay trotz des ihm aufgelegten Zwanges keine ernstliche Furcht in seiner Brust emporkommen; denn er redete sich ein, daß dies nichts zu thun haben könnte mit der Gerechtigkeit einer individuellen Sache, die noch nicht vorgebracht war und mit Vorstellungen die, bestätigt von dem Gefangenen in der Abtei, noch zu machen waren.
Aber als sie die Stadt Beauvais erreichten — es war gegen Abend und die Straßen waren voller Leute — konnte er sich nicht verhehlen, daß die Dinge einen sehr beunruhigenden Anstrich annahmen. Unheil verkündende Gesichter umdrängten ihn, als er vor dem Posthaus abstieg, und viele Stimmen riefen laut aus dem Gewühl: „Nieder mit dem Emigranten!“
Eben im Absteigen begriffen, setzte er sich wieder in den Sattel als den sichersten Platz und sagte:
„Emigrant, meine Freunde! seht Ihr mich nicht hier in Frankreich aus eignem freien Willen?“
„Ihr seid ein verfluchter Emigrant,“ schrie ein Hufschmidt und drängte sich mit dem Hammer in der Hand wüthend in den Vordergrund; „und Ihr seid ein verfluchter Aristokrat!“
Der Postmeister stellte sich zwischen diesen Mann und den Zaum des Reiters (den jener offenbar im Auge hatte) und sagte besänftigend: „Laßt ihn; laßt ihn! er wird in Paris gerichtet.“
„Gerichtet!“ wiederholte der Hufschmidt und schwang den Hammer. „Ja! und verurtheilt als Verräther.“ Ein diesen Worten beistimmendes Geheul ertönte aus der Menge.
Dem Postmeister wehrend, welcher das Pferd in den Hof lenken wollte (der betrunkene Patriot saß ruhig im Sattel und sah zu, den Strick um die Hand gewickelt) sagte Darnay, sowie er seine Stimme vernehmbar machen konnte:
„Ihr täuscht euch oder ihr seid getäuscht worden, gute Freunde. Ich bin kein Verräther.“
„Er lügt!“ rief der Schmidt. „Er ist ein Verräther seit dem Decret. Sein Leben ist dem Volke verfallen. Sein verfluchtes Leben ist nicht mehr sein!“ In dem Augenblick, wo Darnay in den Augen der Menge sah, daß sie im Begriff stand auf ihn loszustürzen, lenkte der Postmeister sein Pferd in den Hof, die Escorte schloß sich ihm dicht an, und der Postmeister verschloß und verriegelte die wackeligen Thorflügel. Der Hufschmidt schlug mit dem Hammer dagegen und der Volkshaufen heulte, aber weiter geschah nichts.
„Was ist das für ein Decret, von dem der Schmidt sprach?“ fragte Darnay den Postmeister als er ihm gedankt hatte und im Hofe neben ihm stand.
„Ein Decret welches den Verkauf des Emigranteneigenthums anordnet.“
„Wann erlassen?“
„Am Vierzehnten.“
„Den Tag meiner Abreise von England!“
„Jedermann sagt, es wäre blos eins von mehreren und andere würden nachfolgen — wenn sie nicht schon da sind — welche alle Emigranten verbannen und die zurückkehrenden zum Tode verurtheilen. Das war es was er meinte, als er sagte, Ihr Leben gehörte nicht mehr Ihnen.“
„Aber diese Decrete sind noch nicht da?“
„Was weiß ich!“ sagte der Postmeister mit einem Achselzucken; „sie können da sein oder auch nicht. Es ist alles einerlei. Was wollen Sie mehr?“
Sie schliefen auf einer Streu unter dem Dach bis Mitternacht und brachen dann wieder auf als die ganze Stadt im Schlafe lag.
Unter den vielen an gewöhnlichen Dingen zu bemerkenden seltsamen Veränderungen, welche diesem seltsamen Ritt einen traumartigen Charakter gaben war nicht die mindeste, daß fast Niemand zu schlafen schien. Nachdem sie lange und einsam öde Landschaften entlang geritten waren, erreichten sie eine Gruppe armseliger Hütten, nicht in Dunkel gehüllt, sondern von Lichtern erglänzend, deren Bewohner mitten in der stillen Nacht in gespensterhafter Weise um einen verdorrten Freiheitsbaum tanzten, oder sich aufgestellt hatten und ein Freiheitslied sangen. Zum Glück jedoch schlief man diese Nacht in Beauvais so fest, daß sie sicher aus dem Thor gelangen konnten und sie befanden sich bald von Neuem auf der einsamen Landstraße. Sie ritten durch die frühzeitig eingetretene Nässe und Kälte dahin, an ausgesogenen Feldern vorbei, welche dieses Jahr keine Frucht getragen, und an rauchgeschwärzten Trümmern ausgebrannter Häuser vorüber und der einsame Ritt erhielt eine gelegentliche Abwechselung durch das plötzliche Hervorbrechen von Patriotenpatrouillen, welche auf allen Straßen Wache hielten und mit allen Vorüberreisenden ein Verhör anstellten. Mit Tagesanbruch standen sie endlich vor den Mauern von Paris. Das Thor war geschlossen und stark bewacht, als sie an dasselbe heranritten.
„Wo sind die Papiere des Gefangenen?“ fragte ein entschlossen aussehender Mann, dem Ansehen nach ein Vorgesetzter, den die Wache herausgerufen hatte.
Charles Darnay, dem das unangenehme Wort natürlich auffiel, machte dem Sprechenden bemerklich, daß er ein freier Reisender und französischer Bürger sei, geleitet von einer Escorte, welche ihm der anarchische Zustand des Landes aufgezwungen und die er bezahlt habe.
„Wo sind die Papiere des Gefangenen?“ fragte dieselbe Person ohne im mindesten auf ihn zu achten.
Der betrunkene Patriot hatte sie in der Mütze und gab sie hin. Als der Andere Gabelle’s Brief überlas, zeigte er einige Verwirrung und Ueberraschung und sah Darnay mit großer Aufmerksamkeit an.
Er verließ jedoch Escorte und Escortirten ohne ein Wort zu verlieren, und ging in die Wachtstube; unterdessen hielten sie immer noch im Sattel draußen vor dem Thore.
Charles Darnay sah sich während dieser Pause um und bemerkte, daß das Thor von einer gemischten Wache von Soldaten und Patrioten besetzt war, von denen jedoch die letzteren an Zahl bedeutend überwogen; auch fiel ihm auf, daß, während Wagen vom Lande mit Lebensmitteln und für ähnlichen Verkehr leicht genug Einlaß fanden, das Hinauskommen selbst für die harmlosesten Leute sehr schwer war. Ein bunter Haufen von Männern und Weibern, zu geschweigen von Thieren und Fuhrwerken mancherlei Art, wartete auf das Oeffnen des Thores; aber so genau wurde nach Namen und Herkunft der Personen gefragt, daß sie nur einzeln und sehr langsam hinaus gelangten. Einige dieser Leute wußten, daß sie noch so lange würden warten müssen, ehe man sie in’s Verhör nahm, daß sie sich auf die Erde ausstreckten, um zu schlafen oder zu rauchen, während andere mit einander sprachen oder herumstanden. Die rothe Mütze und die dreifarbige Cocarde waren allgemein sowohl bei Männern wie bei Frauen.

Zu geheimer Haft.
Als Darnay auf diese Weise wohl eine halbe Stunde gewartet hatte, trat wieder die vorige Autoritätsperson heraus und befahl der Wache das Thor zu öffnen. Dann übergab er der Escorte einen Empfangsschein für den Escortirten und forderte ihn auf abzusteigen. Das that Darnay, und die beiden Patrioten, sein müdes Pferd am Zügel führend, machten kehrt und ritten von dannen, ohne einen Fuß in die Stadt zu setzen.
Darnay folgte seinem Führer in eine nach schlechtem Wein und Tabak riechende Wachtstube, wo verschiedene Soldaten und Patrioten, schlafend oder wachend, betrunken oder nüchtern, oder in verschiedenen neutralen Zuständen zwischen Schlafen und Wachen, Trunkenheit und Nüchternheit, herumstanden und lagen. Die Erleuchtung der Wache, halb von den verlöschenden Oellampen der Nacht und halb von dem trüben Tage herrührend, war von entsprechend ungewissem Character. Einige Register lagen auf einem Pulte und ein Offizier von gemeinem finstern Aussehen saß vor denselben.
„Bürger Defarge,“ sagte er zu Darnay’s Begleiter, als er einen Zettel nahm, um darauf zu schreiben, „ist dies der Emigrant Evrémonde?“
„Das ist er.“
„Ihr Alter, Evrémonde?“
„Siebenunddreißig.“
„Verheirathet, Evrémonde?“
„Ja.“
„Wo verheirathet?“
„In England.“
„Richtig. Wo ist Ihre Frau, Evrémonde?“
„In England.“
„Richtig.“
„Sie sind in das Gefängniß La Force consignirt, Evrémonde.“
„Gerechter Himmel!“ rief Darnay. „Nach welchem Gesetz und wegen welchen Vergehens?“
Der Offizier sah einen Augenblick von seinem Zettel auf.
„Wir haben neue Gesetze, Evrémonde, und neue Vergehen seitdem Sie hier waren.“ Er sagte das mit einem harten Lächeln und schrieb weiter.
„Ich bitte Sie zu bemerken, daß ich freiwillig hierher gekommen bin, veranlaßt durch diese schriftliche Bitte eines Landsmannes, die vor Ihnen liegt. Ich verlange weiter nichts als Gelegenheit ihm ohne Aufschub zu Hülfe zu kommen. Ist das nicht mein Recht?“
„Emigranten haben keine Rechte, Evrémonde,“ lautete die gleichgültige Antwort. Der Offizier schrieb bis er fertig war, überlas noch einmal was er geschrieben, streute Sand darauf, und übergab den Zettel Defarge mit den Worten „zu geheimer Haft.“
Defarge winkte dem Gefangenen mit dem Papier, ihn zu begleiten. Der Gefangene gehorchte und eine Wache von zwei Patrioten begleitete ihn.
„Sind Sie es,“ fragte Defarge mit gedämpfter Stimme als sie die Stufen vor der Wache herab und nach der Stadt hineingingen, „der die Tochter Doctor Manette’s, ehemaligen Gefangenen in der Bastille, die nicht mehr ist, geheirathet hat?“
„Ja,“ gab Darnay mit überraschtem Blick zur Antwort.
„Ich heiße Defarge und besitze einen Weinschank im Quartier Saint Antoine. Vielleicht haben Sie von mir gehört.“
„Meine Frau kam in Ihr Haus, um ihren Vater abzuholen. Ja!“
Das Wort Frau schien in Defarge eine düstere Erinnerung zu wecken, und er fuhr mit plötzlicher Ungeduld auf: „Im Namen des scharfen Frauenzimmers das eben geboren und La Guillotine getauft worden ist, warum kommen Sie nach Frankreich?“
„Sie haben eben erst gehört warum. Glauben Sie nicht daß es wahr ist?“
„Schlimm genug für Sie, wenn es wahr ist,“ sagte Defarge, der während er sprach die Stirn runzelte und gerade vor sich hinsah.
„Ich sehe wohl, ich bin hier verloren. Alles ist hier so völlig anders geworden und geschieht so plötzlich und in so unbilliger Weise, daß ich unbedingt verloren bin. Wollen Sie mir eine kleine Hülfe leisten?“
„Nein.“ Defarge sprach immer noch, während er gerade vor sich hinsah.
„Wollen Sie mir eine einzige Frage beantworten?“
„Vielleicht. Je nachdem sie ist. Fragen Sie nur.“
„Werde ich in dem Gefängniß, in welches man mich so ungerechter Weise wirft, noch einigen freien Verkehr mit der Außenwelt haben?“
„Das werden Sie sehen.“
„Soll ich darin, im Voraus verurtheilt, und jedes Rechts zu meiner Vertheidigung beraubt, begraben liegen?“
„Das werden Sie sehen. Aber was liegt daran? Andere Leute haben in ähnlicher Weise in früheren Zeiten in schlimmeren Gefängnissen gelegen.“
„Aber nicht durch meine Schuld, Bürger Defarge.“
Defarge sah ihn blos finster an, und ging in hartnäckigem Schweigen neben ihm her. Je tiefer er in dieses Schweigen versank, desto schwächer wurde die Hoffnung — so dachte Darnay wenigstens — daß er sich erweichen lassen würde. Er beeilte sich daher fortzufahren.
„Es ist für mich von der größten Wichtigkeit (Sie wissen, Bürger, sogar besser als ich, von welcher Wichtigkeit) daß ich Gelegenheit bekomme, Mr. Lorry von Tellsons Bank, einem Herrn aus England, der gegenwärtig in Paris ist, die einfache Thatsache ohne weitere Bemerkung mitzutheilen, daß ich im Gefängniß La Force sitze. Wollen Sie das für mich thun?“
„Ich will nichts für Sie thun,“ gab Defarge mit mürrischem Trotz zur Antwort. „Meine Pflicht gehört dem Vaterlande und dem Volke. Ich bin der geschworne Diener Beider, gegen Sie. Ich mag nichts für Sie thun.“
Charles Darnay fühlte wie nutzlos es war weiter in ihn zu dringen, und außerdem war sein Stolz verletzt. Wie sie schweigend neben einander herschritten, konnte er nicht umhin zu bemerken, wie sehr das Volk daran gewöhnt war Gefangene durch die Straßen führen zu sehen. Selbst die Kinder beachteten ihn kaum. Ein paar Vorübergehende sahen sich um und einige drohten ihm mit der Faust als einem Aristokraten; im Uebrigen war es nicht merkwürdiger, einen gut gekleideten Mann in’s Gefängniß führen, als einen Arbeiter in seiner Arbeitsjacke auf Arbeit gehen zu sehen. In einer engen, dunkeln und schmutzigen Straße, durch welche sie kamen, sprach ein aufgeregter Redner von einem Stuhl zu einer aufgeregten Zuhörerschaft von den Verbrechen des Königs und der königlichen Familie gegen das Volk. Aus ein paar Worten, die er von den Lippen dieses Mannes im Vorbeigehen erhaschte, erfuhr Charles Darnay zuerst, daß der König eingekerkert sei, und die fremden Gesandten sämmtlich Paris verlassen hätten. Auf der Reise (außer in Beauvais) hatte er buchstäblich gar nichts erfahren. Die Escorte und die allgemeine Wachsamkeit hatten ihn vollkommen isolirt.
Daß er jetzt von viel größeren Gefahren umringt war als sich entwickelt hatten, wie er von England abreiste, wußte er natürlich jetzt. Daß diese Gefahren sich rasch um ihn vermehrt hatten, und sich noch rascher und rascher vermehren konnten, wußte er nun ebenso. Er konnte nicht umhin, sich zu sagen, daß er diese Reise nicht angetreten haben würde, wenn er die Ereignisse einiger wenigen Tage hätte voraussehen können. Und dennoch waren seine bösen Ahnungen nicht so düster, wie sie bei dem Lichte unserer spätern Zeit betrachtet, aussehen würden. So trübe die Zukunft war, war sie doch eine unbekannte Zukunft und ihre Dunkelheit erlaubte noch die Hoffnung der Ungewißheit. Von der entsetzlichen Metzelei mehrerer Tage und Nächte, welche, bevor noch der Zeiger viele Male das Zifferblatt umkreist hatte, ein großes blutiges Zeichen auf die gesegnete Erntezeit setzen sollte, wußte er ebenso wenig, als hätte sie erst in hunderttausend Jahren sein sollen. Das „scharfe Frauenzimmer, vor Kurzem geboren und La Guillotine getauft,“ war ihm oder der Masse des Volks kaum den Namen nach bekannt. Die Greuelthaten, die bald verübt werden sollten, waren vielleicht nicht einmal in den Köpfen derer, die sie verübten, geboren. Wie konnten sie einen Platz finden in den Vorahnungen eines sanften Gemüthes?
Daß er in langer Haft und harter Behandlung und in grausamer Trennung von Frau und Kind Unrecht werde erdulden müssen, sah er als wahrscheinlich oder gewiß voraus, aber darüber hinaus fürchtete er nichts Bestimmtes. Mit diesen Sorgen auf seiner Seele, schwer genug, sie in einen unheimlichen Gefängnißhof mitzunehmen, kam er im Gefängniß La Force an.
Ein Mann mit einem aufgedunsenen Gesicht öffnete das schwere Pförtchen, welchem Defarge „den Emigranten Evrémonde“ vorstellte.
„Was der Teufel! wie viele sollen noch kommen!“ rief der Mann mit dem aufgedunsenen Gesicht aus.
Defarge nahm den Empfangschein ohne den Ausruf zu beachten und entfernte sich mit seinen beiden Patrioten.
„Was der Teufel, sag ich noch einmal!“ rief der Kerkermeister aus, der jetzt mit seiner Frau allein war. „Wie viele sollen noch kommen!“
Die Frau des Kerkermeisters, die keine Antwort auf diese Frage hatte, erwiederte blos: „Man muß Geduld haben, mein Guter!“ Drei Schließer, welche auf ein Klingeln hereintraten, wiederholten den Rath und Einer setzte hinzu „um der Liebe zur Freiheit willen“; was an diesem Ort wie ein unpassender Schluß klang.
Das Gefängniß La Force war ein schauerliches Gefängniß, finster und schmutzig, und mit einem schrecklichen Geruch von ungesundem Schlaf darin. Es ist merkwürdig, wie bald sich der ekelhafte Dunst eingekerkerten Schlafs in allen solchen Orten, die nicht gut gehalten werden, bemerklich macht.
„Obenein zu geheimer Haft,“ murrte der Kerkermeister, wie er einen Blick auf den Zettel warf. „Als ob es nicht schon zum Ueberlaufen voll wäre.“
Uebellaunig reihete er das Papier zu vielen andern auf eine Nadel auf, und Charles Darnay erwartete sein weiteres Belieben wohl eine halbe Stunde lang, während welcher Zeit er abwechselnd in dem hochgewölbten Raume auf und ab ging oder auf einer steinernen Bank ausruhte, denn er wurde mit Absicht aufgehalten, damit der Oberschließer und dessen Untergebene sich sein Aussehen gehörig einprägten.
„Folgen Sie mir, Emigrant,“ sagte der Kerkermeister endlich, indem er nach einem Bund Schlüssel langte.
Durch das unheimliche Kerkerzwielicht folgte ihm der Gefangene durch Corridore und mehrere Treppen hinauf, und mehrere Thüren schlugen rasselnd hinter ihm zu, und wurden verschlossen, bis sie in ein großes niedriges gewölbtes Zimmer kamen, gedrängt voll von Gefangenen beiderlei Geschlechts. Die Frauen saßen an einem langen Tisch, lasen und schrieben, strickten, näheten und stickten; die Männer standen meistens hinter ihren Stühlen oder bewegten sich im Zimmer umher.
In dem unwillkürlichen Zusammendenken von Gefangenen mit entehrenden Verbrechen und Schande fühlte sich der neue Ankömmling von dieser Gesellschaft abgestoßen. Aber die alles übertreffende Unwirklichkeit seines langen fast dem Traumleben angehörenden Rittes war, daß sie alle auf einmal aufstanden und ihn mit aller Feinheit der damaligen Zeit und mit der ganzen gewinnenden Anmuth und Höflichkeit der vornehmen Welt begrüßten.
So seltsam getrübt war dieses Wesen durch das Kerkerleben und das Kerkerdüster, so gespenstig wurde es in dem dagegen schreienden Schmutz und Jammer, von dem es begleitet war, daß Charles Darnay sich vorkam, als ob er in einer Gesellschaft von Todten stände. Lauter Gespenster! das Gespenst der Schönheit, das Gespenst der Vornehmheit, das Gespenst der Anmuth, das Gespenst des Stolzes, das Gespenst der Frivolität, das Gespenst des Witzes, das Gespenst der Jugend, das Gespenst des Alters, sie warteten Alle auf ihre Entfernung von dem unwirthlichen Strande und sahen ihn an mit Augen, welche der Tod verändert hatte, den sie beim Eintritt in diesem Raum gestorben waren.
Er blieb erstarrt stehen. Der neben ihm wartende Kerkermeister und die andern sich im Zimmer herum bewegenden Schließer, die in der gewöhnlichen Ausübung ihres Amtes gut genug ausgesehen haben würden, sah so entsetzlich gemein aus neben den hier anwesenden bekümmerten Müttern und blühenden Töchtern — neben der Coquette, der jungen Schönheit und der gereiftern vornehm erzogenen Frau — daß die Verkehrung aller Erfahrung und Wahrscheinlichkeit, welche dieses Bild aus dem Schattenreich darstellte, den höchsten Grad erreichte. Gewiß lauter Gespenster! Gewiß war der lange traumhafte Ritt eine Krankheit gewesen, die ihn unter diese düstern Schatten gebracht!
„Im Namen der versammelten Leidensgefährten,“ sagte ein Herr von höfischem Aussehen und Benehmen, indem er vortrat, „habe ich die Ehre Sie in La Force willkommen zu heißen und mit Ihnen das Unglück zu beklagen, das Sie zu uns gebracht hat. Möge es von kurzer Dauer sein! Es wäre anderwärts eine Unhöflichkeit, ist es aber hier nicht, nach Ihrem Namen und Stand zu fragen?“
Charles Darnay raffte sich auf und beantwortete die gestellte Frage in so angemessenen Worten als er finden konnte.
„Aber ich hoffe,“ sagte der Herr, indem er den Oberschließer, welcher nach dem anderen Ende des Zimmers ging, mit den Augen folgte, „Sie sind nicht in geheimer Haft?“
„Ich weiß nicht was dieses Wort zu bedeuten hat, aber ich habe so sagen hören.“
„O, wie schade! wir beklagen das so sehr! aber fassen Sie Muth; verschiedene Mitglieder unserer Gesellschaft sind Anfangs in geheimer Haft gewesen, aber es hat nur kurze Zeit gedauert.“ Dann, setzte er mit lauterer Stimme hinzu: „es thut mir leid die Gesellschaft benachrichtigen zu müssen — in geheimer Haft.“
Ein Gemurmel der Theilnahme ließ sich vernehmen, als Charles Darnay durch das Zimmer nach einer Gitterthür ging, wo der Schließer seiner harrte und viele Stimmen — aus denen die sanften und mitleidigen Frauenstimmen vor allen hervorklangen — gaben ihm gute Wünsche und Trost mit. Er kehrte sich an der Gitterthür um, den innigsten Dank seines Herzens auszusprechen; sie schloß sich hinter dem Kerkermeister und die Erscheinungen verschwanden vor seinen Augen für immer.
Die Thür öffnete sich auf eine steinerne aufwärts führende Treppe. Als sie vierzig Stufen gestiegen waren (der Gefangene von einer halben Stunde zählte sie bereits), schloß der Kerkermeister eine niedrige schwarze Thür auf und sie traten in eine leere Zelle. Die Luft war kalt und feucht, aber der Raum war nicht finster.
„Ihre Zelle,“ sagte der Schließer.
„Warum werde ich allein eingesperrt?“
„Was weiß ich!“
„Kann ich Feder, Tinte und Papier kaufen?“
„Das steht nicht in meiner Instruction. Der Inspector wird Sie besuchen, und den können Sie fragen. Vor der Hand können Sie sich Ihr Essen kaufen und weiter nichts.“
Ein Stuhl, ein Tisch und eine Strohmatratze befanden sich in der Zelle. Als der Schließer vor dem Fortgehen einen musternden Blick auf diese Gegenstände und die vier Wände warf, kam eine wirre Phantasie über den an die kalte Mauer sich lehnenden Gefangenen, daß dieser Schließer in Gesicht und Leib so unnatürlich geschwollen wäre, daß er aussähe wie ein Mann der ertrunken und mit Wasser angefüllt sei. Als der Schließer fort war, dachte er in derselben wirren Weise, „nun bin ich allein als wäre ich todt.“ Wie er dann stehen blieb, um die Matratze zu besehen, wendete er sich mit Ekel davon ab und dachte: „Und hier in diesem kriechenden Gewürm spukt der Zustand des Körpers nach dem Tode vor.“
„Fünf Schritte lang und viereinhalb Schritt breit, fünf Schritt lang und viereinhalb Schritt breit, fünf Schritt lang und viereinhalb Schritt breit.“ Der Gefangene ging auf und ab in seiner Zelle, maß sie aus und das Brausen der Stadt tönte wie gedämpfte Trommeln, untermischt mit einem wilden Geheul von Stimmen. „Er machte Schuhe, er machte Schuhe, er machte Schuhe.“ Der Gefangene zählte wieder die Schritte und schritt schneller, um seine Gedanken von dieser letzten Wiederholung abzulenken. Die Gespenster, welche verschwanden, als das Pförtchen sich schloß. Eine Gestalt war darunter, eine schwarz gekleidete Dame, welche in einer Fenstervertiefung lehnte, und ein Sonnenstrahl fiel auf ihr goldenes Haar und sie sah aus wie **. Um Gottes willen, laßt uns weiter reisen durch die erleuchteten Dörfer, wo die Leute alle wach sind! ** Er machte Schuhe, er machte Schuhe, er machte Schuhe. ** Fünf Schritt lang und viereinhalb Schritt breit. Während solche abgerissene Vorstellungen aus den Tiefen seines Geistes emporstiegen und in seinem Kopfe wirbelten, schritt der Gefangene schneller und schneller auf und ab, und zählte und zählte hartnäckig; und das Brausen der Stadt veränderte sich so, daß es immer noch klang wie gedämpfte Trommeln, aber das Rauschen und Brausen durchzogen klagende Stimmen die er kannte.
Zweites Kapitel. Der Schleifstein.
Tellsons Bank im Quartier Saint Germain von Paris befand sich in dem Flügel eines großen Hauses, zu dem man über einen von der Straße durch eine hohe Mauer und ein starkes Thor abgeschlossenen Vorhof gelangte. Das Haus gehörte einem großen Herrn, der darin gewohnt hatte bis er vor den bösen Zeiten in den Kleidern seines eigenen Koches flüchtete und glücklich über die Grenze kam. Ein vor Jägern fliehendes gehetztes Wild war er immer noch in seiner Metempsychosis derselbe Monseigneur, der, bevor er seine Chocolade an die hohen Lippen brachte, dazu die Kräfte von drei starken Männern in Anspruch nahm, ohne den Koch zu rechnen.
Als Monseigneur fort war, und die drei starken Männer für die Sünde, von ihm hohen Lohn bezogen zu haben, sich damit Absolution gaben, daß sie mehr als bereit und willig waren, ihm auf dem Altar der kommenden einen und untheilbaren Republik von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod, den Hals abzuschneiden, war Monseigneurs Haus erst sequestrirt und dann confiscirt worden. Denn alles ging so schnell und Decret folgte auf Decret mit so wilder Hast, daß jetzt am dritten Abend des Herbstmonates September patriotische Gerichtspersonen Monseigneurs Haus in Besitz genommen und es mit der dreifarbigen Fahne bezeichnet hatten und in seinen Staatszimmern Branntwein tranken.
Ein Geschäftslocal in London wie Tellsons Geschäft in Paris hätte das Haus bald von Sinnen und auf das Verzeichniß der Fallirten gebracht. Denn was würde gesetzte englische Verantwortlichkeit und Respectabilität gesagt haben zu Orangenbäumen in Kübeln in dem Vorhof einer Bank, oder gar zu einem Cupido über dem Zähltisch? Und doch gab es solche Dinge. Tellsons hatten den Cupido übertüncht, aber er war immer noch erkennbar in der Decke, wo er, auf das sparsamste mit Leinenzeug bedacht, von Früh bis Abends mit seinem Pfeil auf Gold zielte — wie er es ja sehr oft macht. In Lombardstreet in London hätte dieser junge Heide unvermeidlich Bankerot zur Folge gehabt, und dieselbe traurige Wirkung hätte ein verhangener Alkoven hinter dem unsterblichen Knaben und ein in die Wand eingelassener Spiegel, und endlich die durchaus nicht alten Commis hervorgebracht, welche auf die leiseste Aufforderung öffentlich tanzten. Jedoch französische Tellson’s konnten bei allen diesen Dingen vortrefflich bestehen, und so lange die Zeit überhaupt zu ertragen war, hatte sich Niemand darüber entsetzt und sein Geld aus der Bank gezogen.
Wie viel Geld in Zukunft aus Tellsons Bank gezogen und wie viel dort verloren und vergessen liegen bleiben würde; was für Silberzeug und Juwelen in Tellsons versteckten Koffern blind werden würden, während die, welche sie dort niedergelegt hatten, im Gefängnisse schmachteten, oder bald eines gewaltsamen Todes sterben sollten; wie viele Conti bei Tellsons in dieser Welt nie abgeschlossen werden konnten und in die andere Welt übertragen werden mußten, das konnte an diesem Abend Niemand sagen, ebenso wenig wie Mr. Jarvis Lorry, obgleich er über diese Fragen besorgt nachdachte. Er saß vor einem frisch angebrannten Holzfeuer (das schlimme und unfruchtbare Jahr war vor der Zeit kalt) und auf seinem ehrlichen und muthvollen Gesicht lag ein trüberer Schatten, als die Hängelampe werfen oder ein Gegenstand im Zimmer verzerrt wiedergeben konnte — ein Schatten des Grausens.
Er bewohnte in seiner Treue für das Haus, von dem er ein Theil geworden war, wie tief gewurzelter Epheu, Zimmer in der Bank. Sie erfreuten sich in Folge der patriotischen Besitznahme des Hauptgebäudes einer gewissen Art von Sicherheit, aber der wackere alte Herr dachte nie daran. Alle solche Nebensachen waren ihm gleichgültig, wenn er nur seine Pflicht that. Am anderen Ende des Vorhofes unter einer Colonade befand sich ein Wagenschuppen, und es standen sogar noch einige Kutschen Monseigneurs dort. An zwei von den Pfeilern waren zwei große helllodernde Fackeln befestigt, und im Schimmer derselben stand unter freiem Himmel ein großer Schleifstein: eine roh zugerichtete Maschine, welche man aus einer nahen Schmiede oder anderen Werkstatt in Hast hieher geschafft zu haben schien. Mr. Lorry war aufgestanden und hatte aus dem Fenster einen Blick auf diese harmlosen Gegenstände geworfen; aber ein Schauder überlief ihn und er kehrte wieder auf seinen Sitz vor seinem Feuer zurück. Er hatte nicht nur das Glasfenster, sondern auch die Jalousien davor geöffnet, und sie beide wieder zugemacht, und ein Schauer überlief seinen ganzen Körper.
Von den Straßen jenseits der hohen Mauer und des festen Thores tönte das gewöhnliche nächtliche Brausen der großen Stadt herüber, in welches sich dann und wann ein unbeschreiblich unirdischer Ton mischte, als ob ungewohnte Klänge haarsträubender Art hinauf zum Himmel tönten.
„Gott sei Dank,“ sagte Mr. Lorry und faltete die Hände, „daß Niemand von denen, die meinem Herzen nahe stehen, heute Nacht in dieser schrecklichen Stadt ist. Möge er sich aller derer erbarmen, die in Gefahr sind!“
Bald darauf läutete die Glocke an dem großen Thor und er dachte „sie sind wieder da!“ und lauschte. Aber es brach kein lärmender Haufe in den Vorhof, wie er erwartet hatte, und er hörte das Thor wieder zufallen und alles war still.
Die Unruhe und Bangigkeit, welche ihn befingen, erzeugten jene unbestimmte Sorge um die Bank, die bei so hochgespannten Gefühlen eine große Verantwortlichkeit von selbst zur Folge hat. Sie war wohl bewacht und er stand auf, um die zuverlässigen Leute zu besuchen, welche Wache hielten, als seine Thür plötzlich aufging und zwei Gestalten hereinstürzten, deren Anblick ihm vor Erstaunen zurücktreten machte.
Lucie und ihr Vater! Lucie, die Arme ihm entgegenstreckend und mit jenem alten Aussehen tiefen Ernstes so verstärkt, daß es schien als ob es ihrem Gesicht ausdrücklich aufgeprägt wäre, um ihm in dieser einen schweren Stunde ihres Lebens Kraft und Ausdruck zu verleihen.
„Was ist das!“ rief Mr. Lorry verwirrt und athemlos aus. „Was giebt es? Lucie! Manette! was ist vorgefallen? was bringt Euch hierher? Was giebt es?“
Mit starr auf ihn geheftetem Auge und bleichem und verstörtem Gesicht stöhnte sie flehend in seinen Armen „ach, mein Freund! mein Gatte!“
„Ihr Gatte, Lucie?“
„Charles.“
„Was ist mit Charles?“
„Er ist hier.“
„Hier in Paris?“
„Er ist hier seit einigen Tagen — seit dreien oder vieren — ich weiß nicht wie viel es sind — ich kann meine Gedanken nicht sammeln. Ein edelmüthiges Unternehmen hat ihn zu der Reise bewogen, ohne daß ich davon wußte; man hat ihn am Thore angehalten und in’s Gefängniß geschickt.“
Unwillkürlich schrie der Alte laut auf. Fast in demselben Augenblick läutete die Glocke an dem großen Thore von Neuem und schreiend und tobend hörte man einen Menschenhaufen sich in den Vorhof wälzen.
„Was ist das für ein Lärm?“ fragte der Doctor und stand auf, um an das Fenster zu treten.
„Sehen Sie nicht hinaus!“ rief Mr. Lorry. „Sehen Sie nicht hinaus! Manette, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, öffnen Sie das Fenster nicht!“
Der Doctor wendete sich um, mit der Hand auf dem Fensterwirbel und sagte mit einem kühlen muthigen Lächeln:
„Lieber Freund, in dieser Stadt habe ich ein gefeites Leben. Ich bin Gefangener in der Bastille gewesen. Es giebt keinen Patrioten in ganz Paris — in ganz Paris sage ich? in Frankreich, der, wenn er erfährt, daß ich Gefangener in der Bastille gewesen bin, mich nur anrühren würde, außer um mich mit Umarmungen halb zu ersticken, oder mich im Triumphe auf den Schultern zu tragen. Mein altes Leiden hat mir eine Macht verliehen, die uns zum Thore hereingebracht und uns dort Nachrichten von Charles verschafft, und uns hierher geführt hat. Ich wußte, daß es so sein würde; ich wußte, daß ich Charles aus aller Gefahr retten könnte; ich sagte dies Lucie. Was ist das für ein Lärm?“ Er legte wieder die Hand an den Fensterwirbel.
„Sehen Sie nicht hinaus,“ rief Mr. Lorry in vollster Verzweiflung. „Nein, gute Lucie, auch Sie nicht!“ Er umschlang sie mit seinen Armen und hielt sie zurück. „Erschrecken Sie nicht so, Gute. Ich schwöre Ihnen auf das Heiligste, daß ich von nichts Schlimmen weiß, was Charles zugestoßen ist; daß ich nicht einmal eine Ahnung von seiner Anwesenheit in dieser unseligen Stadt hatte. In welchem Gefängnisse ist er?“
„In La Force!“
„In La Force! liebe, liebe Lucie, wenn Sie jemals in Ihrem Leben ein Mädchen von Herz und Brauchbarkeit gewesen sind — und Sie waren immer beides — so müssen Sie sich jetzt fassen und genau so thun wie ich Ihnen heiße; denn vielmehr hängt davon ab, als Sie sich denken können oder ich Ihnen zu sagen vermag. Mit eigner Thätigkeit können Sie heute Nacht für Charles nichts ausrichten; Sie dürfen um keinen Preis ausgehen. Ich sage Ihnen dies, weil das, was ich von Ihnen um Charles Willen verlangen muß, das Schwerste von Allem ist. Sie müssen von diesem Augenblick an gehorsam und stumm sein, und sich still verhalten. Sie müssen mir erlauben, Ihnen ein Hinterzimmer in diesem Hause anzuweisen. Sie müssen Ihren Vater und mich auf zwei Minuten allein lassen und dürfen, da es Leben und Tod giebt in der Welt, nicht zögern.“
„Ich will Ihnen unbedingt gehorchen. Ich sehe in Ihren Gesicht, daß Sie wissen, es bleibt mir nichts anderes zu thun übrig. Ich weiß, daß Sie es gut meinen.“
Der Alte küßte sie und schob sie in sein Zimmer und drehte den Schlüssel hinter ihr um; dann eilte er zu dem Doctor zurück, öffnete das Fenster und zum Theil die Jalousie, legte die Hand auf den Arm des Doctors und sah mit ihm auf den Hof hinaus.
Sah hinaus auf einen Haufen Männer und Frauen; nicht zahlreich genug, noch lange nicht, um den Hof zu füllen, nicht mehr als vierzig oder fünfzig in Allem. Die, welche das Haus in Besitz genommen, hatten sie zum Thorweg hereingelassen und sie waren hereingeströmt, um an dem Schleifstein zu arbeiten, der offenbar für ihren Gebrauch hier als an einem passenden und vom Gewühl entlegenen Ort aufgestellt war.
Aber solche entsetzliche Arbeiter und solche entsetzliche Arbeit!
Der Schleifstein hatte eine doppelte Kurbel, und diese drehten in wahnwitziger Hast zwei Männer, deren Gesichter, wie ihr langes Haar zurückflog, so oft das Drehen des Schleifsteins die Gesichter empor brachte, einen gräßlicheren und wilderen Ausdruck trugen, als die Gesichter der wildesten Wilden in ihrer gräulichsten Verkleidung. Falsche Augenbrauen und falsche Schnurrbärte hatten sie sich aufgeklebt und ihre scheußlichen Gesichter waren ganz von Blut und Schweiß bedeckt und krampfhaft verzerrt von wüstem Heulen, und die von viehischer Aufregung und Mangel an Schlaf aus dem Kopfe tretenden Augen leuchteten in unheimlicher Gluth. Wie diese Wüthriche den Stein drehten und drehten und ihre verfilzten Locken bald nach vorn über die Augen, bald rückwärts auf die Schultern fielen, hielten einige Frauen ihnen Wein an die Lippen, daß sie trinken möchten, und von dem niedertropfenden Blut und dem niedertropfenden Wein, und dem Funkenregen, der aus dem drehenden Stein herausstob, schien die ganze Atmosphäre Blut und Feuer zu sein. Kein menschliches Wesen konnte das Auge in dem Haufen entdecken, das unbefleckt von Blut war. Einer den Andern drängend, um an den Schleifstein zu gelangen, standen bis an die Hüften nackte Männer, denen Arm und Brust mit Blut beschmiert waren; Männer in allerlei Lumpen, mit Blut auf diesen Lumpen; Männer, in teuflischer Lust geputzt mit Spitzen und Seidenzeug und Band von Frauenkleidern, alles befleckt und getränkt mit Blut. Aexte, Messer, Bayonnette, Säbel, die alle zum Schärfen an den Schleifstein gebracht wurden, waren roth von Blut. Einige hatten sich die schartigen Säbelklingen mit Streifen Leinwand oder Fetzen von Kleidungsstücken an die Hand fest gebunden, und auch diese Bänder, so verschieden sie waren, waren alle in dieselbe Farbe getaucht. Und wie die von Tollwuth erfüllten Besitzer dieser Waffen sie aus dem Funkenregen herausrissen und fort auf die Straße stürzten, glänzte dieselbe rothe Farbe in ihren tollwüthigen Augen; — Augen, welche mit einer gut gezielten Kugel zu versteinern jeder noch nicht entmenschte Zuschauer zwanzig Jahre seines Lebens gegeben hätte.
Alles dieses sahen sie in einem Augenblick, wie ein Ertrinkender oder jedes Menschenkind in jacher Todesgefahr eine Welt sehen könnte, wenn sie da wäre. Sie traten von dem Fenster zurück und der Doctor blickte fragend in seines Freundes todtenbleiches Gesicht.
„Sie ermorden die Gefangenen,“ flüsterte Mr. Lorry ihm zu, während er einen scheuen Blick auf die verschlossene Thür warf. „Wenn Sie Ihrer Sache sicher sind; wenn Sie wirklich die Macht haben, welche Sie zu besitzen glauben — und ich glaube Sie haben sie — so nennen Sie sich diesen Teufeln und lassen sie sich von ihnen nach La Force bringen. Es ist vielleicht zu spät, ich weiß das nicht, aber warten Sie keine Minute länger!“
Doctor Manette drückte ihm die Hand, eilte baarhäuptig aus dem Zimmer und war schon im Hofe, als Mr. Lorry wieder an das Fenster trat.
Sein langes weißes Haar, sein eigenthümliches Gesicht und die ungestüme Zuversicht, mit der er die Waffen bei Seite schob, brachten ihn in einem Augenblick bis mitten in den Haufen, wo der Schleifstein stand. Ein paar Secunden lang war eine Pause, dann entstand ein Drängen, und man vernahm ein Gemurmel und den unverständlichen Klang seiner Stimme; und dann sah Mr. Lorry, wie er inmitten des dichten Haufens mit dem Rufe „Hoch der Bastillengefangene! Hülfe für den Verwandten des Bastillengefangenen in La Force! Platz dort vorn für den Bastillengefangenen! Rettet den Gefangenen Evrémonde in La Force.“ und tausend antwortenden Rufen hinausgetragen ward.
Er schloß die Jalousien wieder mit bangem Herzen, machte das Fenster und den Vorhang zu, eilte zu Lucien und theilte ihr mit, daß ihr Vater Beistand bei dem Volke gefunden habe und fort sei, um ihren Gatten zu suchen. Er fand ihr Kind und Miß Proß bei ihr; aber es fiel ihm gar nicht ein über ihren Anblick zu erstaunen, bis lange Zeit nachher, wie er in solcher Stille, als dieser Nacht gestattet war, sie beobachtend dasaß.
Unterdessen war Lucie in dumpfer Betäubung vor ihm auf den Fußboden gefallen und hielt krampfhaft seine Hand fest. Miß Proß hatte das Kind auf Mr. Lorry’s Bett gelegt und ihr Kopf war allmälig auf das Kissen neben ihren kleinen Schützling gesunken. Ach die lange, lange Nacht, mit dem Gestöhn der armen Lucie! Und ach, die lange, lange Nacht, ohne daß ihr Vater mit Nachrichten zurück kam!
Noch zweimal in der Finsterniß läutete die Glocke und wieder strömten Volkshaufen herein und der Schleifstein drehte sich und sprühte Funken. „Was ist das?“ rief Lucie erschreckt. „Still! die Soldaten schleifen ihre Säbel,“ sagte Mr. Lorry. „Das Haus ist jetzt Nationaleigenthum und wird gewissermaßen als Waffenschmiede benutzt.“
Noch zweimal und nicht mehr, und das letzte Mal ging die Arbeit matt und unterbrochen vor sich. Bald darauf begann der Tag zu grauen, und er machte sich sanft von der ihn immer noch krampfhaft festhaltenden Hand los und schaute wieder vorsichtig hinaus. Ein Mann, so mit Blut befleckt, daß er ein schwer verwundeter Soldat hätte sein können, der unter den Leichen auf einer Wahlstatt wieder zum Bewußtsein kommt, stand von dem Pflaster neben dem Schleifstein auf und sah sich mit verstörtem Blick um. Gleich darauf wurde der thatenmüde Mörder im ungewissen Dämmerschein des Morgens eine der Kutschen Monseigneurs gewahr, wankte auf die Prachtcarosse zu, stieg hinein und machte die Thür hinter sich zu, um auf ihren üppigen Polstern auszuschlafen.
Der große Schleifstein, die Erde, hatte sich gedreht als Mr. Lorry wieder hinaus sah, und die Sonne schien roth in den Hof. Aber der kleinere Schleifstein stand dort einsam in der stillen Morgenluft mit einem Roth darauf, welches die Sonne ihm nicht gegeben hatte und nicht wegnehmen konnte.
Drittes Kapitel. Der Schatten.
Eine der ersten Erwägungen, welche mit den Geschäftsstunden in dem Geschäftsmanne Mr. Lorry sich geltend machte, war, daß er kein Recht habe, Tellsons Geschäft durch Aufnahme der Gattin eines eingekerkerten Emigranten unter dem Dache der Bank in Gefahr zu bringen. Sein eignes Vermögen, seine Sicherheit und sein Leben hätte er ohne einen Augenblick zu zögern für Lucien und ihr Kind auf’s Spiel gesetzt; aber hier handelte es sich nicht um sein Eigenthum, und in dieser Geschäftsangelegenheit war er im strengsten Sinne ein Geschäftsmann.
Zuerst dachte er an Defarge, den er in dem Weinschank aufsuchen und über den sichersten Aufenthalt bei dem ungeordneten Zustand der Stadt zu Rathe ziehen wollte. Aber dieselbe Erwägung, welche ihn auf diesen Mann brachte, rieth auch wieder von ihm ab; denn er wohnte in dem am meisten fanatisirten Viertel und war jedenfalls dort von großem Einfluß und tief verstrickt in seine gefährlichen Umtriebe.
Da der Mittag kam und der Doctor noch nicht zurückkehrte und jede Minute Verzug Tellsons mehr gefährden konnte, ging Mr. Lorry mit Lucie zu Rathe. Sie sagte, daß ihr Vater davon gesprochen habe, in diesem Viertel in der Nähe des Bankhauses eine Wohnung auf kurze Zeit zu miethen. Da vom Geschäftsstandpunkte nichts dagegen einzuwenden war und Mr. Lorry voraus sah, daß, selbst wenn alles mit Charles gut ging und er wieder frei wurde, er doch keinesfalls die Stadt verlassen könnte, so ging er aus, um eine solche Wohnung zu suchen und fand eine passende weit hinten in einer abgelegenen Nebenstraße, wo die geschlossenen Jalousien aller andern Fenster eines hohen melancholischen Häuserblocks verkündeten, daß alles verlassen sei.
Nach dieser Wohnung brachte er sofort Lucien und ihr Kind und Miß Proß, und richtete sie dort so comfortabel ein, als ihm selbst mit Aufopferung seines eigenen Comforts möglich war. Er ließ ihnen Jerry, als einen Mann zum Ausfüllen des Thorwegs, der einen tüchtigen Schlag auf den Kopf aushalten konnte, und kehrte dann zu seinen eigenen Geschäften zurück. Vielfach zogen Unruhe und schwere Sorgen seine Aufmerksamkeit davon ab und langsam verstrich ihm der Tag.
Der Tag war zu Ende und mit ihm Mr. Lorry’s Arbeitsfähigkeit, als die Bank geschlossen ward. Er war abermals in demselben Zimmer wie gestern Abend allein, und überlegte was zunächst zu thun sei, als er Jemanden die Treppe herauf kommen hörte. Wenige Augenblicke darauf stand ein Mann vor ihm, der ihn mit einem scharf beobachtenden Blick beim Namen nannte.
„Ihr Diener,“ sagte Mr. Lorry. „Kennen Sie mich?“
Es war ein kräftig gebauter Mann mit dunklem Lockenhaar, fünfundvierzig bis fünfzig Jahre alt. Als Antwort wiederholte er ohne den Ton zu verändern:
„Kennen Sie mich?“
„Ich habe Sie irgend wo gesehen.“
„Vielleicht in meinem Weinschank?“
Voller Spannung und Aufregung sagte Mr. Lorry „Sie kommen von Doctor Manette?“
„Ja. Ich komme von Doctor Manette.“
„Und was sagt er? was schickt er mir?“
Defarge legte einen offenen Zettel in die ihm entgegengestreckte Hand. Es stand darauf von des Doctors Hand geschrieben:
„Charles ist sicher, aber ich kann diesen Ort noch nicht mit Sicherheit verlassen. Es ist mir die Vergünstigung zugestanden worden, dem Ueberbringer ein paar Zeilen von Charles an seine Frau mitgeben zu dürfen. Lassen Sie den Ueberbringer seine Frau sehen.“
Der Zettel war von La Force datirt vor einer Stunde.
„Wollen Sie mich nach der Wohnung seiner Frau begleiten,“ sagte Mr. Lorry mit erleichtertem Herzen als er den Zettel laut gelesen hatte.
„Ja,“ entgegnete Defarge.
Mr. Lorry beachtete kaum bis dahin, in welch seltsam zurückhaltendem und mechanischem Tone Defarge sprach, sondern setzte seinen Hut auf und ging mit ihm hinunter auf den Hof. Dort fanden sie zwei Frauen; eine mit Stricken beschäftigt.
„Wahrhaftig, Madame Defarge!“ sagte Mr. Lorry, der sie genau in derselben Stellung vor ungefähr siebzehn Jahren verlassen hatte.
„Sie ist’s,“ bemerkte ihr Gatte.
„Geht Madame mit uns?“ fragte Mr. Lorry, als er sah, daß sie sich ebenfalls in Bewegung setzte.
„Ja. Damit sie die Gesichter sehen und die Personen anerkennen kann. Es geschieht ihrer Sicherheit wegen.“
Dem Buchhalter fing Defarge’s Art und Weise an aufzufallen, und er heftete einen zweifelnden Blick auf ihn und ging voraus. Die beiden Frauen folgten; die andere war der Racheengel.
Sie gingen durch die dazwischen liegenden Straßen so rasch als möglich, stiegen die Treppe der neuen Wohnung hinauf, wurden von Jerry eingelassen und fanden Lucien allein und in Thränen. Sie gerieth fast außer sich über die Nachricht, welche Mr. Lorry ihr von ihrem Gatten gab, und drückte mit Wärme die Hand, die ihr den Zettel brachte, nicht ahnend was sie in der Nacht in der Nähe ihres Gatten gethan, und ohne einen bloßen Zufall ihm hätte anthun können.
„Geliebteste — fasse Muth. Ich befinde mich wohl und Dein Vater hat Einfluß in meiner Umgebung. Du kannst hierauf nicht antworten. Küsse unser Kind für mich.“
Weiter stand nichts auf dem Zettel. Es war jedoch so viel für die Empfängerin, daß sie sich von Defarge an seine Frau wendete und eine der strickenden Hände küßte. Es war eine leidenschaftliche, dankbare, aus dem Herzen kommende Handlung, aber die Hand gab keine Antwort, sondern fiel kalt und schwer wieder herunter und fing von Neuem an zu stricken.
Es war etwas in der Berührung der Hand, was Lucien auffiel. Sie wollte eben den Zettel in ihren Busen stecken und hielt inne, um mit aufgescheuchtem Blick Madame Defarge anzusehen. Madame Defarge erwiederte ihren Blick mit kaltem gleichgültigen Gesicht.
„Liebe Lucie,“ mischte sich Mr. Lorry erklärend ein, „es sind häufig Volksaufläufe auf den Straßen; und obgleich es nicht wahrscheinlich ist, daß sie jemals Sie beunruhigen werden, so wünscht doch Madame Defarge diejenigen zu sehen, welche sie durch ihren Einfluß in solchen Zeiten beschützen kann, um sie zu kennen. Ich glaube,“ sagte Mr. Lorry, der in seinen beruhigenden Worten unsicher stecken blieb, als das gleichgültig harte Wesen der drei Andern ihm mehr und mehr auffiel, „ich glaube so verhält es sich, Bürger Defarge?“
Defarge warf einen finstern Blick auf seine Frau und gab keine andere Antwort als ein mürrisch zustimmendes Brummen.
„Es wäre besser, liebe Lucie,“ sagte Mr. Lorry, um nichts zu versäumen was gewinnen oder versöhnen konnte, „wenn Sie auch die Kleine hereinkommen ließen, und unsere gute Proß. Unsere gute Proß, Defarge, ist eine englische Dame und versteht nicht französisch.“
Die fragliche Dame, deren tief eingewurzelte Ueberzeugung es mit jedem Ausländer mehr als aufnehmen zu können, nicht durch Noth oder Gefahr zu erschüttern war, trat mit über einander geschlagenen Armen ein und sagte auf englisch zu dem Racheengel, auf den ihre Blicke zuerst fielen: „Du mit dem frechen Gesicht könntest mir wohl gefallen! ich hoffe Du befindest Dich recht wohl!“ Sie bedachte auch Madame Defarge mit einem britischen Husten, aber keine von Beiden beachtete sie besonders.
„Ist das sein Kind?“ fragte Madame Defarge, indem sie zum ersten Male in ihrer Arbeit inne hielt und mit der Stricknadel auf die kleine Lucie deutete, als wäre sie der Finger des Schicksals.
„Ja, Madame,“ gab Mr. Lorry zur Antwort; „dies ist unseres armen Gefangenen geliebte Tochter und einziges Kind.“
Der Madame Defarge und ihren Begleitern folgende Schatten schien so düster und drohend auf das Kind zu fallen, daß die Mutter unwillkürlich neben dasselbe auf den Fußboden niederkniete, und es an die Brust drückte. Der Madame Defarge und ihren Begleitern folgende Schatten schien dann düster und drohend auf Mutter und Kind zu fallen.
„Es genügt, Defarge,“ sagte Madame Defarge. „Ich habe sie gesehen. Wir können gehen.“
Aber das zurückhaltende Wesen hatte drohendes genug — nicht sichtbar und zur Schau getragen, sondern undeutlich und mehr zu ahnen — um Lucien zu veranlassen zu sagen, während sie mit ihrer bittenden Hand Madame Defarge’s Kleid anfaßte:
„Sie werden gut sein gegen meinen armen Gatten? Sie werden ihm nichts Böses zufügen? Sie werden mich zu ihm bringen, wenn Sie können?“
„Mit Ihrem Gatten habe ich hier Nichts zu thun,“ entgegnete Madame Defarge und sah mit einer nicht aus dem Gleichgewicht zu bringenden Ruhe auf sie herab. „Blos die Tochter Ihres Vaters ist es, die mich hieher führte.“
„So haben Sie um meinetwillen Erbarmen mit meinem Gatten. Um meines Kindes willen! Es soll seine Händchen falten und Sie bitten, Erbarmen zu haben. Wir fürchten Sie mehr als jene Andern.“
Madame Defarge nahm dies als eine Schmeichelei auf und sah ihren Mann an. Defarge, der sich verlegen den Daumennagel zerbissen und sie angesehen hatte, zog sein Gesicht in strengere Falten zusammen.
„Was schreibt Ihr Mann auf dem Zettel?“ fragte Madame Defarge mit einem lauernden Lächeln. „Einfluß? Er sagt etwas von Einfluß?“
„Daß mein Vater in seiner Umgebung viel Einfluß hat,“ sagte Lucie, indem sie den Zettel hastig aus den Busen hervorholte, aber ihre besorgten Blicke nicht auf das Papier, sondern auf die Fragende heftete.
„Das wird ihn schon frei machen!“ sagte Madame Defarge. „Ganz gewiß.“
„Als Weib und Mutter,“ flehte Lucie sie aus tiefsten Herzen an, „bitte ich Sie, Erbarmen mit mir zu haben, und die Macht, die Sie besitzen, nicht gegen meinen schuldlosen Gatten, sondern für ihn zu verwenden! O, denken Sie als ein Kind desselben großen Vaters an mich, denken Sie meiner als Weib und als Mutter!“
Madame Defarge sah die Flehende so kalt wie vorhin an, und sagte dann zu ihrer Freundin, dem Racheengel:
„Die Frauen und Mütter, die wir gesehen haben, seit wir so klein waren wie dieses Kind, und kleiner noch, sind nicht sehr berücksichtigt worden, wie ihre Männer und Väter in den Kerker geworfen wurden und dort lange bleiben mußten? Haben wir nicht unser ganzes Leben lang unsere Schwestern in sich und ihren Kindern Armuth, Nacktheit, Hunger, Durst, Krankheit, Elend, Bedrückung und Vernachlässigung jeder Art erleiden sehen?“
„Wir haben nichts anderes gesehen,“ entgegnete der Racheengel.
„Wir haben dies lange getragen,“ sagte Madame Defarge, zu Lucien gewendet. „Urtheilen Sie selbst! Ist es wahrscheinlich, daß der Kummer einer Frau und Mutter jetzt bei uns von vielem Gewicht sein würde?“
Sie begann wieder zu stricken, und ging hinaus; der Racheengel folgte. Defarge bildete den Schluß und machte die Thüre zu.
„Muth, meine liebe Lucie,“ sagte Mr. Lorry, wie er sie aufhob. „Muth! Muth! so weit geht alles gut — viel, viel besser als es in letzter Zeit vielen Armen gegangen ist. Fassen Sie Muth und danken Sie Gott.“
„Ich vergesse nicht Gott zu danken, hoffe ich, aber dieses schreckliche Weib scheint einen Schatten auf mich und auf alle meine Hoffnungen zu werfen.“
„Beruhigen Sie sich,“ sagte Mr. Lorry. „Woher die Muthlosigkeit in diesem tapfern Herzchen? Es ist in der That ein Schatten! kein Wesen darin, Lucie.“
Aber der Schatten, den das Benehmen dieser Defarges verbreitete, fiel trotz alledem auch auf ihn, und in seinem innersten Herzen war er sehr besorgt darüber.
Viertes Kapitel. Eine Pause im Sturm.
Dr. Manette kehrte erst am Morgen des vierten Tages seiner Abwesenheit zurück. So viel von dem was in jener schrecklichen Zeit geschehen, als Lucien nur verschwiegen werden konnte, blieb ihr so vollkommen fremd, daß sie erst viel später, als Frankreich und sie weit von einander getrennt waren, erfuhr, daß elf hundert wehrlose Gefangene beider Geschlechter und jedes Alters von dem Volke ermordet, vier Tage und Nächte mit dieser Schreckensthat geschändet worden waren, und daß die Luft, die sie einathmete, die letzten Seufzer der Erschlagenen aufgenommen hatte. Sie wußte nur, daß ein Angriff auf die Gefängnisse stattgefunden, daß alle politischen Gefangene in Gefahr gewesen waren, und daß der Pöbel einige herausgeschleppt und ermordet hatte.
Mr. Lorry erzählte dem Doctor unter der Bedingung strengsten Schweigens, auf der er nicht mit Nachdruck zu verweilen brauchte, daß ihn der Menschenhaufe mitten durch das mordende Gewühl nach dem Gefängniß La Force gebracht hatte. Dort im Gefängniß fand er ein selbsternanntes Gericht sitzen, welchem man die Gefangenen einzeln vorführte, und welches in rascher Folge Befehle ertheilte, sie fortzuschaffen, um sie niederzumetzeln oder sie frei zu lassen, oder (in seltenen Fällen) sie in ihre Zellen zurückzubringen. Von seinen Führern vor dieses Gericht gebracht, hatte er sich demselben als denjenigen genannt, der achtzehn Jahre lang im Geheimen und unverhört Gefangener in der Bastille gewesen; und einer von den zu Gericht Sitzenden war aufgestanden und hatte ihn recognoscirt, und dieser eine war Defarge gewesen.
Darauf hatte er sich in den auf dem Tische liegenden Verzeichnissen versichert, daß sein Schwiegersohn noch unter den lebenden Gefangenen war, und hatte dem Gericht — von welchem einige Mitglieder schliefen, einige wachten, einige befleckt von Mord und einige rein, einige nüchtern waren, und andere nicht — die dringendsten Vorstellungen gemacht, ihm Leben und Freiheit zu schenken. In den ersten tollen Demonstrationen, mit denen er als ein ausgezeichnetes Opfer des gestürzten Systems begrüßt worden war, hatte man ihm die Vorführung und das Verhör Charles Darnay’s vor dem selbst eingesetzten Gericht zugestanden. Er hatte auf dem Punkte gestanden, freigelassen zu werden, als in der zu seinen Gunsten herrschenden Stimmung plötzlich eine dem Doctor nicht verständliche Wendung eingetreten war, welche zu einer kurzen geheimen Berathung geführt hatte. Der Vorsitzende hatte dann Doctor Manette mitgetheilt, daß der Gefangene verhaftet bleiben müßte, aber um seinetwillen für unverletzlich erklärt werden solle. Gleich darauf war auf ein Zeichen der Gefangene wieder in das Innere des Gefängnisses geschafft worden; aber der Doctor hatte so nachdrücklich um Erlaubniß gebeten, da bleiben und sich versichern zu dürfen, daß sein Schwiegersohn weder durch bösen Willen noch durch bösen Zufall den Mordgesellen überliefert würde, deren Geheul vor dem Thore oft die Verhandlungen übertönte, daß er die Erlaubniß erlangte und in der Nähe des Blutgerichts verweilt hatte, bis alle Gefahr vorüber war.
Was er dort neben den kurzen Unterbrechungen von Essen und Schlafen gesehen, soll unerzählt bleiben. Die wahnwitzige Freude über die geretteten Gefangenen hatte ihn kaum weniger in Erstaunen gesetzt, als die wahnwitzige Grausamkeit, mit der die anderen in Stücke zerhackt wurden. Von einem Gefangenen erzählte er, der als frei von dem Gericht entlassen wurde, den aber aus Irrthum ein Wüthrich beim Hinausgehen mit der Pike verwundet hatte. Gebeten ihm beizuspringen und die Wunde zu verbinden, war der Doctor zu demselben Thor hinausgegangen und hatte ihn in den Armen einer Gesellschaft Samariter gefunden, die auf den Leichen ihrer Opfer saßen. Mit einer Inconsequenz, die so ungeheuerlich wie alles andere in dieser wie ein böser Traum verschwimmenden Nacht war, hatten sie dem Arzt geholfen und den Verwundeten mit sanfter Hand gepflegt — hatten eine Tragbahre für ihn gemacht und ihn sorglich von dannen getragen — und dann wieder zu ihren Waffen gegriffen, und von Neuem eine so gräßliche Metzelei begonnen, daß der Doctor sich die Augen mit den Händen zugedeckt hatte und in Ohnmacht gesunken war.
Wie Mr. Lorry sich dieses erzählen ließ, und das Gesicht seines jetzt zweiundsechzig Jahre alten Freundes beobachtete, entstand in ihm eine bange Besorgniß, daß so schaudererregende Erlebnisse die alte Gefahr zurückbringen könnten. Aber er hatte seinen Freund noch nie in seiner gegenwärtigen Erscheinung gesehen; er hatte ihn nie in seinem gegenwärtigen Charakter gekannt. Zum erstenmale fühlte jetzt der Doctor, daß sein Leiden Stärke und Macht war. Zum erstenmale fühlte er, daß er in diesem scharfen Feuer langsam das Eisen geschmiedet hatte, womit er die Kerkerthür des Gatten seiner Tochter aufbrechen und ihn befreien konnte. „Es hat alles zu einem guten Ziele geführt, mein Freund; es war nicht alles rein verloren. Wie mein geliebtes Kind mir geholfen hat, mich selbst wieder zu finden, will ich ihr jetzt helfen, ihr das liebste was sie hat zurückzugeben; mit Gottes Hülfe will ich es ausführen!“ so sprach Dr. Manette. Und als Jarvis Lorry die funkelnden Augen, das entschlossene Gesicht, die ruhige selbstbewußte Haltung des Mannes sah, dessen Leben, wie es ihm immer schien, wie eine Uhr so viele Jahre still gestanden, und dann wieder mit einer Energie zu gehen angefangen, die, während sein nützliches Wirken unterbrochen war, geschlummert hatte, da glaubte er es.
Größeres als dem Doctor damals zu bekämpfen oblag, hätte vor seiner Ausdauer nachgegeben. Während er an seinem Posten blieb als ein Arzt, der mit Menschen jeder Art, mit Gefangenen und Freien, mit Reichen und Armen, Guten und Schlimmen zu thun hat, benutzte er seinen persönlichen Einfluß so klug, daß er sehr bald der inspicirende Arzt von drei Gefängnissen und unter diesen von La Force war. Er konnte jetzt Lucien versichern, daß ihr Gatte nicht länger allein saß, sondern sich unter der allgemeinen Gesellschaft der Gefangenen befand; er sah ihren Gatten allwöchentlich und überbrachte ihr unmittelbar von seinem Munde zärtliche Botschaften; manchmal schickte er ihr einen Brief (obgleich nie durch Vermittelung des Doctors), aber sie durfte ihm nicht wieder schreiben; denn unter den vielen abenteuerlichen Besorgnissen vor Verschwörungen in den Gefängnissen, wiesen die allerabenteuerlichsten auf Emigranten hin, die Freunde und dauernde Verbindungen im Auslande hatten.
Dies neue Leben des Doctors war allerdings ein sorgenvolles Leben; aber der scharfblickende Mr. Lorry erkannte, daß ein neuer ihn aufrecht erhaltender Stolz damit verbunden war. Nichts unzukömmliches hatte dieser Stolz; es war ein natürliches und würdiges Gefühl; aber er beobachtete ihn als eine Merkwürdigkeit. Der Doctor wußte, daß bisher in den Gedanken seiner Tochter und seines Freundes seine Einkerkerung sich nicht von seinen persönlichen Leiden und Schwächen hatte trennen lassen. Jetzt war dies anders geworden und er wußte sich durch diese alte Prüfung mit Kräften ausgestattet, von welchen sie Beide für Charles Sicherheit und Freiheit erwarteten, und diese Veränderung hob seinen Geist so, daß er die Anführung und Leitung übernahm und von ihnen, als den Schwachen, verlangte ihm, als den Starken, zu vertrauen. Die Stellung, welche er und Lucie früher gegen einander einnahmen, war umgekehrt, aber nur wie die lebhafteste Dankbarkeit und Liebe sie umkehren konnten, denn er hätte sich nur erhoben fühlen können, ihr einen Dienst zu leisten, die ihm so viel geleistet hatte. „Ein merkwürdiges Schauspiel,“ dachte Mr. Lorry in seiner liebenswürdig schlauen Weise, „aber ganz natürlich und richtig; also übernehmen Sie die Führung, bester Freund, und behalten Sie dieselbe; sie könnte nicht in bessern Händen sein.“
Aber obgleich der Doctor keine Anstrengungen sparte, und nie zu versuchen aufhörte Charles Darnay die Freiheit zu verschaffen, oder ihn wenigstens vor Gericht zu bringen, so ging doch die allgemeine Strömung der Zeit zu schnell und stark gegen ihn. Die neue Aera begann; der König war gerichtet, verurtheilt und enthauptet; die Republik Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod, stand für Sieg oder Tod gegen die Welt in Waffen; die schwarze Fahne wehete Tag und Nacht von den großen Thürmen von Notre-Dame; dreihunderttausend Mann, aufgerufen sich gegen die Tyrannen zu erheben, erhoben sich aus allen den verschiedenen Landstrichen Frankreichs, als ob die Drachenzähne mit voller Hand ausgesäet worden und überall, im Thal und auf den Bergen, auf dem Fels, im Sand und im Schlamm, unter dem lächelnden Himmel des Südens, und unter den Wolken des Nordens, in Wald und Haide, in Weinbergen und Olivengärten, unter dem verkümmerten Gras und den Stoppeln, auf den fruchtbaren Ufern der breiten Ströme, und dem Geröll des Seestrandes Frucht getragen hätten. Welche Privatsorge konnte gegen die Sündfluth des Jahres Eins der Freiheit Stand halten — gegen die Sündfluth, die von unten in die Höhe stieg, und nicht von oben kam, vor der die Fenster des Himmels geschlossen waren, nicht offen standen!
Es war kein Stillstand, kein Erbarmen, kein Friede, kein Zwischenraum abspannender Rast, kein Abmessen der Zeit. Obgleich Tage und Nächte so regelmäßig ihren Kreislauf verfolgten, als damals, wo die Zeit noch jung war und aus Abend und Morgen der erste Tag ward, gab es doch keine andere Zeitrechnung. Der Sinn dafür ging in dem rasenden Fieber eines ganzen Volkes verloren, ganz so wie es in dem Fieber eines einzelnen Kranken geschieht. Jetzt ward das unnatürliche Schweigen einer ganzen Stadt unterbrochen, und der Scharfrichter zeigte dem Volke den Kopf des Königs — und jetzt, es schien fast in demselben Athemzuge, den Kopf seiner schönen Gemahlin, deren Haar in acht langen Monaten eingekerkerter Wittwenschaft voller Jammer und Noth grau geworden war.
Und dennoch, gehorsam dem seltsamen Gesetz des Widerspruchs, welches in allen solchen Fällen herrscht, war die Zeit lang, während sie so rasch vorbei sauste. Ein Revolutionsgericht in der Hauptstadt und vierzig oder fünfzigtausend Revolutionsausschüsse über das ganze Land verbreitet; ein Verdächtigengesetz, welches alle Sicherheit für Freiheit oder Leben wegnahm, und jeden Guten und Unschuldigen in die Hand jedes Schlechten und Schuldigen gab; Gefängnisse, vollgestopft von Leuten, die kein Verbrechen begangen hatten und kein Gehör erlangen konnten; alles dieses wurde festbegründete Ordnung und sich von selbst verstehendes Herkommen, und schien alter Brauch zu sein, bevor es viele Wochen alt war. Vor allem wurde das Auge mit einem scheußlichen Anblick so vertraut, als hätte es ihn vom Anfang der Welt an alle Tage gesehen — mit dem Anblick des scharfen Frauenzimmers, genannt La Guillotine!
Es war der allgemein beliebte Gegenstand für Scherze; sie war das beste Mittel für Zahnweh, sie war ein unfehlbarer Schutz vor dem Grauwerden der Haare, sie gab der Gesichtsfarbe eine eigenthümliche Zartheit, sie war das Nationalrasirmesser, welches sehr glatt rasirte; wer La Guillotine küßte, gukte durch das Fensterchen, und nießte in den Sack. Sie war das Zeichen der Wiedergeburt des Menschengeschlechts. Sie trat an die Stelle des Kreuzes. Kleine Guillotinen trugen Leute auf der Brust, von welchen das Kreuz verschwunden war, und man beugte sich vor der Guillotine und glaubte an sie, wo man das Kreuz verleugnete.
Sie hatte so viele Köpfe abgeschlagen, daß ihr Gestell und die Stelle, wo sie am meisten wüthete, von Blut durchtränkt war. Sie wurde auseinander genommen, wie ein künstliches Spielzeug für einen jungen Teufel, und wieder zusammengesetzt, wo man sie brauchte. Sie brachte den Beredtsamen zum Schweigen, schlug den Mächtigen nieder, vernichtete die Schönen und Guten. Zweiundzwanzig Freunden von hohem Ansehen im öffentlichen Leben, einundzwanzig Lebendigen und einem Todten, hatte sie an einem Morgen in ebenso viel Minuten die Köpfe abgeschlagen. Der oberste Beamte, der sie in Bewegung setzte, hatte den Namen des starken Mannes im alten Testament geerbt; aber so bewaffnet war er stärker als sein Namensvetter und blinder, und trug alltäglich die Thore von Gottes eignem Tempel fort.
Unter diesem Schrecken und dem Gezücht, das davon lebte, wandelte der Doctor in ruhiger Fassung einher — voller Vertrauen in seine Macht, vorsichtig ausdauernd in seinem Ziel, nie bezweifelnd, daß er Luciens Gatten schließlich retten werde. Aber der Strom der Zeit schoß so stark und tief vorbei, und riß die Zeit so ungestüm mit sich fort, daß Charles bereits ein Jahr und drei Monate im Gefängniß schmachtete, als der Doctor immer noch so voll ruhiger Zuversicht war. So viel bösartiger und wüthender war die Revolution in diesem Decembermonat geworden, daß die Flüsse im Süden sich von den Leichen der während der Nacht gewaltsam Ertränkten verstopften, und unter der südlichen Wintersonne Gefangene in Reihen und Vierecken niedergeschossen wurden. Immer noch wandelte der Doctor unter den Greueln mit ruhiger Fassung dahin. In dem Paris jener Zeit war Niemand besser als er bekannt; Niemand war in einer seltsameren Stellung. Schweigsam, menschenfreundlich, unentbehrlich im Hospital und Gefängniß, seine Kunst gleichmäßig unter Mördern und Opfern ausübend, war er ein Mann für sich. In der Ausübung seiner Kunst schied ihn das Aussehen und die Geschichte des Bastillegefangenen weit von allen andern Menschen. Er wurde nicht verdächtig oder in Frage gestellt, ebenso wenig als ob er vor etwa achtzehn Jahren auferstanden wäre, oder als Geist sich unter den Sterblichen bewegte.
Fünftes Kapitel. Der Holzmacher.
Ein Jahr und drei Monate. Während dieser ganzen Zeit war Lucie jede Stunde jedes Tages nicht sicher, ob nicht am nächsten Morgen das Haupt ihres Gatten unter der Guillotine fallen würde. Jeden Tag rollten durch die gepflasterten Straßen schwerfällig die Karren mit Verurtheilten angefüllt. Schöne Mädchen, glänzende Frauen mit braunen, schwarzen und grauen Locken; Jünglinge; kräftige Männer und Greise; Edelleute und Bauern; lauter rother Wein für La Guillotine, alltäglich an’s Tageslicht gebracht aus den dunkeln Kellern der scheußlichsten Gefängnisse und ihr durch die Straßen zugeführt, damit sie ihren verzehrenden Durst lösche. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod; — letzterer am allerleichtesten von dir zu schaffen, o Guillotine!
Wenn das plötzliche Eintreten des Unglücks und die brausenden Räder der Zeit die Tochter des Doctors so betäubt hätten, daß sie den Ausgang in thatloser Verzweiflung abgewartet hätte, so wäre es ihr wie vielen andern gegangen. Aber von der Stunde an, wo sie in der Dachkammer Saint Antoine das weiße Haupt an ihren frischen Busen gedrückt, war sie ihren Pflichten treu geblieben. Sie war ihnen am treuesten in der Prüfungszeit, wie es bei allen im Stillen guten und loyalen Herzen immer sein wird.
Sobald sie in ihrer neuen Wohnung sich eingerichtet hatten, und ihr Vater von Neuem alltäglich seinem Berufe lebte, ordnete sie den kleinen Haushalt genau so als ob ihr Gatte bei ihnen sei. Alles hatte seinen bestimmten Ort und seine bestimmte Zeit. Der kleinen Lucie gab sie so regelmäßig Unterricht, als wären sie alle in ihrem englischen Heimwesen vereinigt. Die kleinen Kunstgriffe, mit welchen sie sich selbst in einen Schein des Glaubens hineinheuchelte, daß sie bald wieder bei einander sein würden — die kleinen Vorbereitungen für seine baldige Wiederkehr, das Hinsetzen seines Stuhles, und das Hinlegen seiner Bücher — diese und Abends das inbrünstige Gebet für einen geliebten Gefangenen insbesondere unter den vielen Unglücklichen im Kerker und im Schatten des Todes — waren fast die einzigen ausgesprochenen Erleichterungen, die sie ihrem schweren Herzen gönnte.
In ihrem Aussehen veränderte sie sich wenig. Die einfachen dunkeln Kleider, fast wie Trauertracht, in welchen sie und ihr Kind einhergingen, waren so schmuck und gut gehalten, wie die prächtigern Kleider glücklicherer Tage. Sie verlor an Farbe, und der alte Ausdruck der Spannung war fortwährend und nicht gelegentlich auf ihrem Gesicht zu sehen, im Uebrigen blieb sie sehr hübsch und anmuthig. Manchmal, wenn sie des Nachts den Vater küßte, brach der Schmerz hervor, den sie den ganzen Tag unterdrückt hatte, und sie sagte ihm, daß er unter dem Himmel ihr einziger Verlaß sei. Er antwortete immer entschlossen: „Nichts kann ihm geschehen, ohne daß ich es weiß, und ich weiß daß ich ihn retten kann, Lucie.“
Sie hatten noch nicht viele Wochen ihr neues Leben geführt, als ihr Vater eines Abends beim Nachhausekommen zu ihr sagte:
„Meine Gute, es ist im Gefängniß ein hohes Fenster, zu welchem Charles um drei Uhr Nachmittags manchmal Zutritt finden kann. Wenn er hin gelangen kann — was von vielen Ungewißheiten und Zufälligkeiten abhängt, — könnte er, glaubt er, Dich auf der Straße sehen, wenn Du Dich an einen gewissen Ort stellst, den ich Dir zeigen kann. Aber, meine arme Lucie, Du wirst ihn nicht sehen können, und selbst wenn es der Fall wäre, wäre es gefährlich für Dich ein Erkennungszeichen zu geben.“
„O, zeige mir die Stelle, Vater, und ich will jeden Tag hingehen.“
Von dieser Zeit an wartete sie dort in jeder Witterung zwei Stunden. Mit dem Glockenschlag Zwei war sie dort, und um Vier ging sie resignirten Gemüthes nach Hause. Wenn es nicht zu naß oder zu kalt für ihr Kind war, nahm sie es mit, zu andern Zeiten war sie allein; aber sie blieb keinen einzigen Tag aus.
Die Stelle war die dunkle und schmutzige Ecke eines krummen Gäßchens. Die Hütte eines Mannes, der Brennholz zersägte, war das einzige Haus an diesem Ende; alles übrige war Mauer. Am dritten Tage ihres Hinkommens nahm er Notiz von ihr.
„Guten Tag, Bürgerin.“
„Guten Tag, Bürger.“
Diese Form der Anrede war jetzt durch Decret vorgeschrieben. Sie war schon vor einiger Zeit unter den gesinnungstüchtigen Patrioten freiwillig eingeführt worden, war aber jetzt für Jedermann Gesetz.
„Gehen wieder hier spatzieren, Bürgerin?“
„Wie Sie sehen, Bürger!“
Der Holzmacher, der ein kleiner Mann von lebhaftem Geberdenspiel war (er war früher einmal Straßenarbeiter gewesen), sah hinauf nach dem Gefängniß, deutete mit dem Finger hin, hielt dann seine zehn Finger vor das Gesicht, um Eisenstäbe darzustellen, und blickte lachend hindurch.
„Aber es ist nicht meine Sache,“ sagte er und sägte weiter.
Am nächsten Tag erwartete er sie, und redete sie an sowie sie kam.
„Was! wieder hier spatzieren gehen, Bürgerin?“
„Ja, Bürger!“
„Ah! und mit einem Kinde. Deine Mutter, nicht wahr, kleine Bürgerin?“
„Soll ich ja sagen, Mama?“ flüsterte die kleine Lucie, und drängte sich dichter an die Mutter.
„Ja, liebes Kind.“
„Ja, Bürger.“
„Ach! aber es ist nicht meine Sache. Meine Arbeit ist meine Sache. Sehen Sie meine Säge! Ich nenne sie meine kleine Guillotine. La la la! la la la! und runter ist sein Kopf!“
Das abgesägte Stück Holz fiel zu Boden, wie er sprach, und er warf es in einen Korb.
„Ich nenne mich den Samson der Brennholz-Guillotine. Sehen Sie wieder her! Lu lu lu; lu lu lu! und runter ist ihr Kopf! Jetzt ein Kind. La la la; la la la! und runter ist sein Kopf. Die ganze Familie!“
Lucien überlief ein Schauder, wie er noch zwei Holzstücke in den Korb warf, aber wenn sie überhaupt herkommen wollte, während der Holzmacher arbeitete, mußte sie in seinem Gesichtsbereich sein. Daher redete sie ihn von nun an stets zuerst an, und gab ihm oft ein Trinkgeld, das er gern annahm, um ihn bei guter Stimmung zu erhalten.
Er war ein neugieriger Bursch, und manchmal, wenn sie ihn über dem Hinsehen auf die Gefängnißdächer und Gitter und im Erheben ihres Herzens zu ihrem Gatten ganz und gar vergessen hatte, entdeckte sie plötzlich, daß er, die Knie auf die Bank gestützt und die Säge ruhen lassend, sie betrachtete. „Aber es ist nicht meine Sache!“ sagte er meistens bei diesen Gelegenheiten, und fing rasch wieder zu sägen an.
In jedem Wetter, im Schnee und in der Kälte des Winters, in den schneidenden Winden des Frühlings, im heißen Sonnenschein des Sommers, im Regen des Herbstes, und wieder im Schnee und in der Kälte des Winters, verbrachte Lucie alltäglich zwei Stunden auf dieser Stelle; und jeden Tag beim Fortgehen küßte sie die Gefängnißmauer. Ihr Gatte sah sie (wie sie von ihrem Vater erfuhr) vielleicht alle fünf- bis sechsmale; zuweilen zwei- oder dreimal hintereinander; zuweilen aber auch eine Woche oder vierzehn Tage gar nicht. Es war genug, daß er sie, wenn alles gut ging, sehen konnte und sah, und auf diese Möglichkeit hin hätte sie die ganze Woche lang jeden Tag bis zum Abend ausgeharrt.
So verging die Zeit bis zum December, unter dessen Schrecken ihr Vater ruhigen Muthes einher ging. Eines Nachmittags als es ein wenig schneiete, traf sie an ihrer gewöhnlichen Ecke ein. Es war ein Tag wilden Jubels und ein Festtag. Auf dem Hinweg hatte sie die Häuser mit kleinen Piken, auf welche kleine rothe Mützen gesteckt waren, geschmückt gesehen; auch mit dreifarbigen Bändern und mit der überall sichtbaren Inschrift (dreifarbige Buchstaben waren die beliebtesten) „Eine und untheilbare Republik, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod!“
Die elende Bude des Holzmachers war so klein, daß ihre ganze Fläche für diese Inschrift sehr kärglichen Raum darbot. Er hatte sie jedoch sich von Jemanden schreiben lassen, der „Tod“ mit höchst unangemessener Schwierigkeit hineingequetscht hatte. Auf dem Dache prangte Pike und Mütze, wie es sich für einen guten Bürger geziemte, und in einem Fenster stand seine Säge, von der Aufschrift seine „kleine heilige Guillotine“ genannt — denn das Volk hatte jetzt das große scharfe Frauenzimmer kanonisirt. Sein Laden war geschlossen, und er war nicht da, was eine Erleichterung für Lucien war, und ihr gestattete allein zu bleiben.
Aber er war nicht weit weg, denn gleich darauf hörte sie das Lärmen und Brüllen eines sich nähernden Menschenhaufens, das sie mit Bangen erfüllte. Einen Augenblick später strömte ein wildes Gewühl um die Ecke der Gefängnißmauer, und in der Mitte desselben sah man den Holzmacher mit dem Racheengel Hand in Hand. Es konnten nicht weniger als fünfhundert Menschen sein, und sie tanzten wie fünftausend Dämonen. Sie hatten keine andere Musik, als ihren eigenen Gesang. Sie tanzten nach dem beliebten Revolutionslied in einem wilden Takt, der einem Zähneknirschen im Einklange glich. Männer und Frauen tanzten mit einander, Frauen tanzten mit einander, Männer tanzten mit einander, wie der Zufall sie zusammengeführt hatte. Anfangs war es blos ein Gewühl von rothen Mützen und schlechten wollenen Lumpen, aber wie die Straße voll wurde und der Tanz sich Lucien näherte, wurde das schauerliche Gespenst einer toll gewordenen Tanztour unter dem Haufen sichtbar. Die Einzelnen avancirten, retirirten, schlugen sich einander an die Hände, packten einander bei dem Kopfe, drehten sich allein im Kreise, faßten einander und drehten sich paarweise, bis viele von ihnen erschöpft hinsanken. Während diese liegen blieben, gaben sich die Uebrigen die Hand, und alle tanzten im Kreise herum; dann löste sich der Reigen, und in besonderen Kreisen von Zweien und Vieren drehten sie sich weiter, bis alle auf einmal still standen, wieder anfingen, in die Hände klatschten, sich packten und fortrissen, und dann in umgekehrter Richtung fortwirbelten. Plötzlich blieben sie wieder stehen, fingen mit einem neuen Takt an, bildeten Reihen die Straße entlang, und schossen mit tiefgesenkten Köpfen, und hoch in die Luft gehobenen Händen, wild heulend von dannen. Es war so in vollstem Sinne ein gefallener Tanz — ein ehedem unschuldiges Ding, das jetzt jeder Teufelei anheim gegeben war — eine ehedem gesunde Zerstreuung, jetzt zu einem Mittel geworden, das Blut zu entzünden, die Sinne zu verwirren, und das Herz zu verhärten. Die Grazie, die sich dabei noch zeigte, machte es nur um so häßlicher, denn sie verrieth, wie verkehrt und verderbt alle von Natur guten Dinge werden können. Der in diesen Tanz entblößte Jungfrauenbusen, der fast noch dem Kindesalter angehörige hübsche Kopf, der sich in dem Wahnwitz erhitzte, der zarte Fuß, der in diesem Sumpf von Blut und Schmutz tänzelte, waren Typen der aus den Gliedern gerenkten Zeit.
Das war die Carmagnole. Wie sie vorübersauste und Lucie mit Schrecken erfüllt und verwirrt in der Thür des Holzmachers stehen blieb, schwebten die Schneeflocken so ruhig herunter, und lagen so weich und weiß da, als ob das Ding nie gewesen wäre.
„Ach, mein Vater!“ denn er stand vor ihr, als sie die Augen wieder aufschlug, die sie eine Secunde mit der Hand zugedeckt hatte, „ein so entsetzliches, schlimmes Schauspiel.“
„Ich weiß, meine Liebe, ich weiß. Ich habe es viele Male gesehen. Beruhige Dich! keiner von ihnen würde Dir ein Leid zufügen.“
„Ich bin meinetwegen nicht unruhig, Vater. Aber wenn ich an meinen Gatten denke, und an die Barmherzigkeit dieser Leute —“
„Er wird sehr bald von ihrer Barmherzigkeit absehen können. Ich verließ ihn, als er zum Fenster hinaufkletterte, und ich komme es Dir zu sagen. Es kann uns hier Niemand sehen. Du kannst dort nach jenem höchsten schrägen Dach eine Kußhand schicken.“
„Ich thue es, Vater, und schicke ihm meine Seele mit hinauf!“
„Du kannst ihn nicht sehen, meine arme Lucie?“
„Nein. Vater,“ sagte Lucie mit heißen Thränen ihre Hand küßend, „nein.“
Schritte im Schnee. Madame Defarge. „Ich grüße Sie, Bürgerin,“ vom Doctor. „Ich grüße Sie, Bürger.“ Dies im Vorbeigehen. Nichts weiter. Madame Defarge ist verschwunden wie ein Schatten über den weißen Weg.
„Gieb mir den Arm, liebe Lucie. Geh seinetwegen mit heiterem und muthigem Gesicht von hier fort. Das war gut gemacht!“ Sie hatten den Ort verlassen; „es ist nicht umsonst. Charles ist für Morgen vorgeladen.“
„Für Morgen!“
„Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich bin gut vorbereitet, aber es sind Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, die nicht ergriffen werden konnten, bevor er nicht wirklich vor Gericht gefordert war. Er hat die Ladung nicht bekommen, aber ich weiß, daß er sie noch in dieser Stunde erhalten, und nach der Conciergerie gebracht werden wird; ich habe frühzeitige Nachrichten. Du fürchtest Dich nicht?“
Sie konnte kaum antworten, „ich vertraue auf Dich.“
„Du kannst das unbedingt thun. Die Ungewißheit ist nun bald vorüber, mein Herz; Du wirst ihn binnen wenigen Stunden wiedersehen; ich habe ihn mit jedem möglichen Schutz umgeben. Ich muß Lorry sprechen.“
Er hielt inne. Man hörte ein dumpfes Rollen von Wagen in der Nähe. Beide wußten nur zu gut, was es bedeutete. Eins. Zwei. Drei. Drei Karren fuhren dahin über den weichen Schnee, mit ihrer dem Tode geweiheten Ladung.
„Ich muß Lorry sprechen;“ wiederholte der Doctor, indem er mit ihr in einer andern Richtung fortging.
Der wackere alte Herr war immer noch auf seinem Vertrauensposten, hatte ihn überhaupt nie verlassen. Er und seine Bücher wurden häufig über confiscirtes und zum Nationalgut geschlagenes Eigenthum zu Rathe gezogen. Was er den Eigenthümern retten konnte, rettete er. Es gab keinen unter den Lebenden, der besser bei dem aushielt, was Tellsons in Verwahrung hatten, und zu schweigen verstand.
Ein trüber roth und gelber Himmel, und ein von der Seine aufsteigender Nebel verkündete die nahende Dunkelheit. Es war fast Nacht, als sie die Bank erreichten. Der stattliche Palast Monseigneurs war ganz und gar verödet und verlassen. Ueber einem Haufen Staub und Asche im Hofe las man die Inschrift: „National-Eigenthum. Eine und untheilbare Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod.“
Wer mochte das sein bei Mr. Lorry — der Besitzer des Reitüberrockes auf dem Stuhle — der nicht gesehen werden durfte? Von welchem neuen Ankömmling kam er heraus, aufgeregt und überrascht, um seinen Liebling in die Arme zu schließen? Wem wiederholte er ihre gestammelten Worte, als er mit gehobener Stimme, und den Kopf nach der Thür des Zimmers wendend, aus dem er gekommen war, sagte: „Nach der Conciergerie gebracht und für Morgen vorgeladen!“
Sechstes Kapitel. Triumph.
Das gefürchtete Tribunal von fünf Richtern, dem öffentlichen Ankläger und den kurz weg sich entschließenden Geschworenen, saß jeden Tag. Jeden Abend erließen sie ihr Requisitionsverzeichniß, das von den Schließern der verschiedenen Gefängnisse ihren Gefangenen vorgelesen ward. Der stehende Schließerwitz war: „Ihr da drinnen, kommt heraus, und hört die Abendzeitung vorlesen!“
„Charles Evrémonde, genannt Darnay!“
So begann endlich die Abendzeitung in La Force.
So wie ein Name gerufen war, stellte sich sein Besitzer auf eine Denjenigen vorbehaltene Stelle, welche auf der verhängnißvollen Liste verzeichnet standen. Charles Evrémonde, genannt Darnay, hatte Grund die Sitte zu kennen; er hatte Hunderte so verschwinden sehen.
Der Schließer von aufgedunsenem Aussehen, der zum Lesen eine Brille trug, sah über dieselbe hinweg, um sich zu vergewissern, daß er auf seinen Platz getreten war, und las das Verzeichniß zu Ende, wobei er bei jedem Namen eine ähnliche kurze Pause machte. Es waren dreiundzwanzig Namen, aber nur zwanzig meldeten sich dazu; denn einer von den vorgeladenen Gefangenen war in dem Gefängniß gestorben und vergessen worden, und zwei waren bereits guillotinirt und ebenfalls vergessen. Das Verzeichniß wurde in dem gewölbten Raume verlesen, wo Darnay in der Nacht seiner Ankunft die versammelten Gefangenen gesehen hatte. Diese waren sämmtlich in der Metzelei umgekommen; jedes Menschenkind, um das er sich seither gekümmert, und das er seither hatte scheiden sehen, war auf dem Schaffot gestorben.
Es wurden einige Worte des Lebewohls und der Freundschaft gewechselt, aber der Abschied war bald vorüber. Es war ein alltägliches Ereigniß, und die Gesellschaft von La Force war mit Vorbereitungen zu Pfänderspielen und einem kleinen Concert für diesen Abend beschäftigt. Sie drängten sich an die Gitter und vergossen dort Thränen, aber es waren zwanzig Rollen in der beabsichtigten Abendunterhaltung neu zu besetzen, und die Zeit war nur kurz bis zur Schlußstunde, wo die gemeinsamen Zimmer und Corridore den großen Hunden überlassen wurden, welche dort während der Nacht Wache hielten. Die Gefangenen waren durchaus nicht gefühllos oder hartherzig; ihr Benehmen entstand nur in Folge der Bedingungen des Lebens jener Zeit. Ebenso, obgleich mit einem feinen Unterschied, war eine Art Begeisterung oder Rausch, der einige, wie wohl bekannt ist, verlockt hat, unnöthiger Weise die Guillotine herauszufordern, und durch sie zu sterben, nicht bloße Prahlerei, sondern manchmal Ansteckung der merkwürdig erschütterten öffentlichen Stimmung. In Pestzeiten fühlen sich manche Menschen im geheimen von der Krankheit angezogen, und fühlen einen entsetzlichen Drang, daran zu sterben. Und wir alle haben in unserer Brust ähnliche Wunder verborgen, die nur auf die geeigneten Umstände warten, um geweckt zu werden.
Der Weg nach der Conciergerie war kurz und dunkel; die Nacht in ihren von Ungeziefer behafteten Zellen war lang und kalt. Am andern Morgen erschienen funfzehn Gefangene vor den Schranken, ehe Charles Darnay aufgerufen ward. Alle Funfzehn wurden verurtheilt, und ihr Proceß hatte keine anderthalb Stunde gedauert.
Charles Evrémonde, genannt Darnay, erschien endlich vor Gericht.
Seine Richter saßen in Federhüten auf der Bank; aber die grobwollene rothe Mütze und die dreifarbige Cocarde waren der im Uebrigen vorherrschende Kopfputz. Wenn er die Geschwornen und die lärmende Zuhörerschaft betrachtete, hätte er meinen können, daß die gewöhnliche Ordnung der Dinge verkehrt sei, und die Verbrecher über die ehrlichen Leute zu Gericht säßen. Der niedrigste und grausamste Pöbel einer Stadt, die nie ohne eine Masse von niedrigen, grausamen und bösartigen Elementen ist, spielte die Hauptrolle, mischte sich lärmend in die Verhandlung, theilte Beifall und Tadel aus, und beschleunigte das Resultat ohne daß ihm Jemand hemmend in den Weg trat. Von den Männern war der größte Theil auf verschiedene Weise bewaffnet: von den Frauen trugen einige Messer, andere Dolche, einige aßen und tranken, während sie zusahen, viele strickten. Unter diesen letztern befand sich eine, die, während sie arbeitete, ein Stück gestricktes Zeug in Vorrath unter dem Arme hatte. Sie saß in der vordersten Reihe neben einem Manne, den er seit seiner Ankunft im Thore nicht wieder gesehen, den er aber sogleich als Defarge erkannte. Er bemerkte, daß sie ihm ein- oder zweimal in’s Ohr flüsterte, und daß sie seine Frau zu sein schien; aber was ihm an den beiden Gestalten am meisten auffiel, war, daß sie, obgleich sie in seiner nächsten Nähe saßen, ihn niemals anblickten. Sie schienen mit trotziger Entschlossenheit auf Etwas zu warten, und sahen die Geschwornen an, aber sonst Niemanden. Unter dem Präsidenten saß Doctor Manette in seiner gewöhnlichen einfachen Tracht. So weit der Gefangene sehen konnte, waren er und Mr. Lorry außer dem zum Gericht gehörigen Personen die Einzigen, welche ihre gewöhnlichen Kleider trugen, und nicht in der Carmagnolentracht einhergingen.
Charles Evrémonde, genannt Darnay, ward von den öffentlichen Anklägern vor Gericht gestellt als Emigrant, dessen Leben kraft des Decretes, welches alle Emigranten bei Todesstrafe verbannte, der Republik verfallen war. Es war gleichgültig, daß das Decret nach seiner Rückkehr nach Frankreich erlassen war. Hier war er, und dort war das Decret; er war in Frankreich festgenommen worden, und man verlangte seinen Kopf.
„Schlagt ihm den Kopf ab!“ brüllte die Zuhörerschaft. „Er ist ein Feind der Republik!“
Der Präsident klingelte, um das Geschrei zu beschwichtigen, und fragte den Gefangenen, „ob es nicht wahr sei, daß er viele Jahre in England gelebt habe?“
„Allerdings war dies der Fall.“
„Ob er nicht damals ein Emigrant gewesen? Wie er sich genannt habe?“
„Nicht Emigrant im Sinne und Geiste des Gesetzes, hoffe er.“
„Warum nicht?“ wünschte der Präsident zu wissen.
„Weil er freiwillig einen Titel und eine Stellung aufgegeben, die ihm Abneigung eingeflößt, und sein Vaterland verlassen habe — er erlaube sich zu bemerken, bevor das Wort Emigrant in seinem gegenwärtig von dem Gericht angenommenen Sinne in Gebrauch gewesen sei — um lieber von seiner eignen Arbeit in England, als von der Arbeit eines überbürdeten Volkes in Frankreich zu leben.“
„Welche Beweise er dafür habe?“
Er nannte die Namen von zwei Zeugen. Theophil Gabelle und Alexander Manette.
„Aber er habe sich in England verheirathet?“ erinnerte ihn der Präsident.
„Allerdings, aber nicht mit einer Engländerin.“
„Mit einer Bürgerin von Frankreich?“
„Ja, von Geburt.“
„Ihr Name und ihre Familie!“
„Lucie Manette, einzige Tochter des Doctor Manette, des guten Arztes, der dort sitzt.“
Diese Antwort machte einen glücklichen Eindruck auf die Versammlung. Ausrufe zum Wohle des wohlbekannten guten Arztes erschütterten den Gerichtssaal. So launenhaft war das Volk bewegt, daß sofort Thränen aus mehreren grausamen Augen rollten, die eben noch den Gefangenen wüthend angestiert hatten, als brennten sie vor Ungeduld, ihn auf die Straße hinauszuschleppen und todt zu schlagen.
Auf diesen wenigen Schritten seines gefährlichen Weges hatte Charles Darnay seinen Fuß genau nach Doctor Manette’s wiederholten Verhaltungsbefehlen gesetzt. Derselbe vorsichtige Rathgeber lenkte jeden Schritt, der noch vor ihm lag, und hatte jeden Zoll seines Weges vorbereitet.
Der Präsident fragte „warum er nach Frankreich, gerade zu diesem Zeitpunkte, und nicht früher zurückgekehrt sei?“
„Er sei nicht eher zurückgekehrt,“ gab er zur Antwort, „einfach weil er keine andern Subsistenzmittel, außer den aufgegebenen in Frankreich, besessen habe; während er in England sich durch Unterricht ertheilen in der französischen Sprache und Literatur ernährt habe. Er sei zurückgekehrt auf die dringende und schriftliche Bitte eines französischen Bürgers, der ihm gemeldet habe, sein Leben sei durch seine Abwesenheit gefährdet. Er sei zurückgekehrt, um das Leben eines Bürgers zu retten, und auf jede persönliche Gefahr hin Zeugniß für die Wahrheit abzulegen. Sei dies ein Verbrechen in den Augen der Republik?“
Der Pöbel rief voller Begeisterung „nein“ und der Vorsitzende schellte, um Schweigen zu erlangen, was ihm nicht gelang, denn er fuhr fort zu schreien „nein“ bis er nach eigenem Belieben aufhörte.
Der Präsident verlangte den Namen dieses Bürgers zu wissen? Der Angeklagte erklärte dieser Bürger sei sein erster Zeuge. Er berief sich auch zuversichtlich auf den Brief des Bürgers, den man ihn am Thore abgenommen und den man jedenfalls unter den vor dem Vorsitzenden liegenden Papieren finden werde.
Der Doctor hatte Sorge getragen und sich versichert, daß er dort war — und in diesem Stadium der Verhandlung wurde er vorgelegt und verlesen. Der Vorsitzende rief den Bürger Gabelle auf, damit er sich zu dem Briefe bekenne, und er that es. Bürger Gabelle deutete mit außerordentlicher Zartheit und Höflichkeit an, daß er in Folge des Geschäftsdranges, unter welchem das Gericht in Folge der großen Zahl der von ihm zu verurtheilenden Feinde der Republik lebe, einigermaßen in seinem Gefängnisse in der Abtei vergessen worden — thatsächlich fast ganz aus den patriotischen Erinnerungen des Gerichts verschwunden sei — bis vor drei Tagen, wo man ihn vorgeladen und ihn auf die Erklärung der Geschwornen, daß nach ihrer Ansicht die Anklage, soweit sie ihm gelte, durch die freiwillige Stellung des Bürgers Evrémonde, genannt Darnay, beantwortet sei, in Freiheit gesetzt habe.
Die Reihe im Verhör kam zunächst an Dr. Manette. Seine große persönliche Beliebtheit und die Bestimmtheit seiner Antworten machten einen bedeutenden Eindruck; aber als er fortfuhr, als er erzählte, daß der Angeklagte nach seiner Befreiung aus so langer Kerkerhaft sein erster Freund gewesen, daß der Angeklagte in England geblieben sei, und seine Tochter und ihn während ihrer Verbannung mit aufopfernder Liebe unterstützt habe; daß er, weit entfernt von der aristokratischen Regierung dieses Landes mit wohlwollenden Augen betrachtet zu werden, von derselben als ein Feind Englands und ein Freund der vereinigten Staaten vor Gericht gestellt worden — wie er diese Umstände mit dem größten Takt und der unmittelbaren Kraft der Aufrichtigkeit und Wahrheit darstellte, wurden die Geschwornen und das versammelte Volk eines Sinnes. Endlich, als er sich mit Namen auf Monsieur Lorry, einen mitanwesenden Herrn aus England, bezog, der gleich ihm Zeuge bei dieser englischen Gerichtsverhandlung gewesen und seine Aussage darüber bestätigen könne, erklärten die Geschwornen, sie hätten genug gehört und seien bereit abzustimmen, wenn der Vorsitzende ihre Stimmen entgegen nehmen wolle.
Jede Abstimmung (die Geschwornen stimmten laut und einzeln ab) begrüßte der Pöbel mit jauchzendem Beifall. Alle Stimmen waren zu Gunsten des Angeklagten und der Vorsitzende erklärte ihn für frei.
Jetzt begann einer jener außerordentlichen Auftritte, in welchen der Pöbel zuweilen seiner Launenhaftigkeit oder seinen bessern Regungen der Großmuth und Barmherzigkeit Genüge that, oder die es als eine Art Gegenrechnung gegen sein hoch aufgelaufenes Conto von blutiger Grausamkeit betrachtete. Niemand kann jetzt entscheiden, welchen Beweggründen solche außerordentliche Auftritte zuzuschreiben waren; wahrscheinlich ein Gemisch von allen dreien, wobei der zweite vorherrschte. Kaum war das freisprechende Urtheil ausgesprochen, als Thränen so reichlich flossen, wie zu andern Zeiten Blut und der Gefangene so viel brüderliche Umarmungen von so vielen Personen beiderlei Geschlechts als ihn erreichen konnten, auszuhalten hatte, daß er nach so langer und angreifender Einkerkerung in Gefahr kam vor Erschöpfung in Ohnmacht zu sinken; deshalb nicht weniger, weil er recht gut wußte, daß dieselben Leute unter dem Einfluß einer andern Strömung mit derselben Wuth auf ihn losgestürzt wären, um ihn in Stücke zu zerreißen und diese in den Straßen zu verstreuen.
Erst als man ihn entfernte, um den andern Angeklagten Platz zu machen, sah er sich von diesen Liebkosungen für den Augenblick befreit. Zunächst erschienen fünf zusammen vor Gericht, angeklagt als Feinde der Republik, weil sie derselben nicht durch Wort oder That beigestanden hatten. So eilig war das Gericht, sich und die Nation für die verlorne Gelegenheit zu entschädigen, daß diese fünf, verurtheilt binnen vierundzwanzig Stunden zu sterben, herunterkamen, ehe er den Ort verlassen hatte. Der erste derselben sagte es ihm mit den in den Gefängnissen üblichen Zeichen für den Tod — einem erhobenen Finger — und sie setzten alle laut hinzu „lange lebe die Republik!“
Bei diesen fünf hatte allerdings keine Zuhörerschaft die Verhandlungen verlängert; denn als er und Doctor Manette aus dem Thorwege heraustraten, war dort ein großer Volkshaufe versammelt, unter dem sich jedes Gesicht, das er im Gerichtssaal gesehen, zu befinden schien — mit Ausnahme von zweien, nach denen er sich vergeblich umschaute. Als er heraustrat, stürzte der Haufen wieder auf ihn zu, weinte, umarmte und jauchzte vor Wahnwitz, bis sogar der Strom, an dessen Ufer das tolle Schauspiel vor sich ging, toll zu werden schien, wie das Volk an seinem Gestade.
Sie setzten ihn auf einen Lehnsessel, den sie entweder aus dem Gerichtssaal selbst oder aus einem der Zimmer oder Gänge des Gebäudes geholt hatten. Ueber den Sessel hatten sie eine rothe Fahne geworfen und an die Rückenlehne eine Pike mit einer rothen Mütze darangebunden. Selbst des Doctors Bitte konnte nicht verhindern, daß er in diesem Triumphsessel auf den Schultern der Menge nach Hause getragen ward, während ein wildes Meer rother Mützen ihn umwogte und aus den stürmischen Wogen zuweilen solche Gesichter emporwarf, daß er sich mehr als einmal fragte, ob er etwa nicht recht bei Sinnen sei und in dem Karren nach der Guillotine fahre.
Wie im Traume fühlte er sich von dannen getragen, während sie jeden, dem sie begegneten umarmten und triumphirend auf den vom Tode Geretteten wiesen. So trugen sie ihn in den Hof des Gebäudes, wo er wohnte. Ihr Vater war vorausgeeilt, um Lucie vorzubereiten und als ihr Gatte vor sie trat, sank sie ihm bewußtlos in die Arme.
Als er sie an sein Herz drückte und ihr schönes Antlitz abwendete von den lärmenden Volkshaufen, daß seine Thränen und ihre Lippen sich ungesehen mit einander verschmelzen könnten, fingen einige von den Untenstehenden zu tanzen an. Augenblicks fielen auch alle Uebrigen in den Tanz ein und in dem ganzen Hofe wirbelte die Carmagnole. Dann setzten sie in den leeren Stuhl ein junges Mädchen aus dem Gewühl, um sie als Freiheitsgöttin von dannen zu tragen und dann, wie der Haufe sich in die benachbarten Straßen ergoß und das Gestade des Flusses entlang und über die Brücke, zog die Carmagnole sie alle in ihren Wirbel und riß sie mit fort.
Nachdem Charles Darnay des Doctors Hand gedrückt, wie er siegesbewußt und stolz vor ihm stand, nachdem er Mr. Lorry die Hand gedrückt, der von dem Kampf gegen die wüthende Fluth der Carmagnole athemlos hereintrat; nachdem er die kleine Lucie geküßt, die man zu ihm hinaufgehoben, damit sie die Aermchen um seinen Hals lege; und nachdem er die immer eifrige und getreue Proß umarmt, die das Kind emporgehoben, nahm er seine Gattin in seine Arme und trug sie hinauf in ihre Zimmer.
„Lucie! geliebtes Herz! ich bin in Sicherheit.“
„O, geliebter Charles, laß uns Gott dafür danken auf meinen Knieen, wie ich ihn darum gebeten habe.“
Voller Ehrfurcht beugten sie sich vor dem Herrn. Als sie wieder in seinen Armen lag sagte er zu ihr:
„Und jetzt rede mit deinem Vater, Geliebteste. Kein anderer Mann in ganz Frankreich hätte thun können, was er für mich gethan hat.“
Sie legte ihr Köpfchen an die Brust ihres Vaters, wie vor langer, langer Zeit sein greises Haupt an ihrem Busen geruht hatte. Er fühlte sich glücklich, daß er ihr so hatte vergelten können, er war belohnt für sein Leiden, er war stolz auf seine Kraft. „Du darfst nicht so schwach sein, liebes Herz,“ nickte er ihr zu; „Du darfst nicht so zittern. Ich habe ihn gerettet.“