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Weltreise. Erster Teil

Einleitung zur Weltreise. (continued 10)

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*Kreml, die Stadtburg und ältester Teil von Moskau, 43 m über dem l. Steilufer der Moskwa, umgeben von einer 1487 erbauten, 2 km langen, 20 m hohen Zinnenmauer mit 5 Toren und 18 Türmen. Es ist ein besonderer Stadtteil, »das Nationalheiligtum der Russen, dessen Gesamteindruck an Originalität die kühnsten Erwartungen übertrifft; Kirchen, Paläste und Klöster reihen sich in bunten Farben aneinander, keine Kuppel gleicht der andern; von seltener Pracht, einem kolossalen Gold-und Bilderreichtum ist das Innere der Kirchen«. (Elisabeth v. Öttingen.)

Man betritt den Kreml durch die »heilige Pforte« (Sspáßkija Woróta), auch Erlösertor genannt, über dessen Eingang als Heiligtum des Kremls ein Erlöserbild angebracht ist ( beim Durchschreiten des Tores nehme man den Hut ab!), und das auf den Zarenplatz, den Hauptplatz des Kremls, führt; hier r. die Michaelskirche, mit Relief des heil. Georg mit dem Drachen (Schutzpatron [und Wappen] von Moskau); dahinter das Wosneßenskij-Nonnenkloster (Himmelfahrtskloster), 1389 von der Großfürstin Eudoxia begründet; dann die blau gestrichene Katharinenkirche und im Klosterhof die Wosneßenskij-Kathedrale mit fünf goldenen Kuppeln (1519 erbaut), mit zahlreichen Grabmälern von Zarinnen und Großfürstinnen. Dann folgt r. das Kleine Palais, erbaut von Katharina II. L. gegenüber das große Denkmal Alexanders II. (1898), dahinter die Konstantinkirche. Westl. ans Kleine Palais schließt sich die Alexiuskirche, darin in silbernem Sarkophag die wundertätigen Gebeine des heil. Alexei; anstoßend das Tschudowkloster (Kloster der Wunder), 1358 vom Metropolitan Alexei gegründet, mit roten Mauern; und im Klosterhof die Kirche des Erzengels Michael von 1503.

Hand
Hand

Am Westende des Zarenplatzes der fünfstöckige, 97 m hohe Glockenturm *Iwan Welikij mit vergoldeter Kuppel, im Erdgeschoß zwei Kirchen; Besteigung des Turms bei klarem Wetter sehr zu empfehlen (doch nicht, wenn an Feiertagen die 33 Glocken des Turms geläutet werden!); man spende 20 Kop. in die Sammelbüchse; die *Aussicht über ganz Moskau ist märchenhaft fremdartig. Vor dem Turm steht die Riesenglocke Zar-Kolokol, 400 Zentner schwer, 8 m hoch, mit 20 m Umfang, am Unterrand 56 cm dick (größte Glocke der Erde: vgl. S. 153); daneben das 1737 beim Absturz der Glocke herausgesprungene Stück (über 2 m hoch). Hinter eisernem Gitter der Kathedralenplatz, dessen Hauptkirche die *Uspenskij-(Mariä Himmelfahrts-)Kathedrale, 1475-79 vom Bologneser Fioraventi erbaut, mit großer Mittelkuppel und vier kleinen Kuppeln; in ihr werden die Zaren gekrönt und die Metropoliten geweiht. Das Innere bunt und prächtig, aber geschmacklos. Südl. die Archangelskij-Kathedrale (des Erzengels Michael), mit den Grüften aller Großfürsten u. Zaren bis vor Peter d. Gr. Westl. auf der Höhe des Kremls die Blagowjeschtschenskij-(Mariä Verkündigungs-)Kathedrale, 1397 erbaut, die Tauf-und Trauungskirche der Zaren, mit dem *Großen Palast (Besichtigungserlaubnis erteilt der Polizeimeister, man nehme den Paß mit, im Notfall genügt Visitenkarte) verbunden, der, 1838-49 erbaut, drei große Paradesäle und 700 Zimmer enthält. Zum Großen Palast gehören: der Terem-(Belvedere-)Palast, 1636 erbaut; die Granowitaja Palata (Facettenpalast), 1491 erbaut, jetzt Bankettsaal bei der Kaiserkrönung; die *Schatzkammer (Oruscheinaja Palata, d. h. Rüstkammer; Mo. Mi. Fr. 10-1 Uhr) mit den Kronjuwelen, Rüstungen, Waffen etc.; im Hof die Spaßnaboru- (Erlösers am Walde-)Kirche, älteste Kirche des Kremls (13. Jahrh.). Südl. von der Schatzkammer das Borowizkija-Tor, durch das Napoleon I. 1812 einzog. Nördl. der Marstall und der grün gestrichene Potjeschnij Dworez (Vergnügungspalast), jetzt Kommandantur; gegenüber im Kavalierhaus die Kanzlei des Polizeimeisters. Dann folgt r., gegenüber dem Troizkija-Tor, die große Kremlkaserne, vor der 20 alte Kanonen stehen, darunter r. das»Einhorn«, 1670 gegossen, etwa 240 Zentner schwer, und l. die riesige »Zar-Puschka«, 1586 gegossen, 780 Zentner schwer, Kaliber ca. 1 m. Zwischen der Kaserne und dem großen Palast liegen die Häuser der Hofgrenadiere, die Hofküche, das Offizierhaus und östl. davon das große Synodalgebäude, 1450 als Patriarchenpalast gebaut, darin (2. Stock) die Zwölf-Apostelkirche, die Apostel-Philippskirche (darin ein Stück vom Kreuz und Rock Christi) und die Bibliothek. Nördl. das Arsenal, vor dem 875 eroberte Kanonen lagern (darunter 123 preußische und 366 französische); gegenüber das Gerichtsgebäude, 1771 von Katharina II. erbaut. Davor in der Mitte des Platzes ein Denkmal für den hier 1905 ermordeten Großfürsten Sergius Alexandrowitsch. Nördl. das Nikolskija-Tor, durch das man den Kreml verläßt und wieder auf den Roten Platz gelangt.

Andre Sehenswürdigkeiten sind das *Rumjanzewmuseum (Di. bis Sa. 11-3 Uhr; 20 Kop.), sw. vom Alexandergarten, ein stattlicher Säulenbau mit der Inschrift:»Dem Wohle der Aufklärung«; enthält Bibliothek (700000 Bände), Gemäldegalerie, Münzsammlung, *Nationaltrachten, Altertümer.—Sw. die *Erlöserkirche, 1839 bis 1883 von Thon erbaut, die schönste Kirche der Stadt, mit fünf vergoldeten Kuppeln, die Hauptkuppel 102 m hoch; ein Prachtbau mit reichem und schönem Schmuck.—Von da sw. durch die Pretschistenka und die Bolschaja Zarizynskaja, in der r. das Jungfernfeld (wo angeblich dem Tatarenchan die als Tribut zu liefernden Jungfrauen vorgeführt wurden), jetzt Volksfestplatz, auf dem die großen Universitätskliniken stehen.—Am Ende der Straße das *Nowo Djewitschij-(Jungfern-)Kloster, umgeben von hoher Mauer mit Schießscharten, Zinnen und Türmen, 1524 erbaut. Peter d. Gr. sperrte hier seine herrschsüchtige Schwester Sophie ein und ließ vor ihrem Fenster 300 Strelitzen aufhängen; Napoleon I. besuchte das Kloster 1812 und wollte die Kirche sprengen lassen, in der die Grabmäler von Eudoxia, der ersten Frau Peters d. Gr., und die seiner Schwestern Sophie und Katharina sind.—Dann fahre man südl. zur Fähre an der Moskwa, setze nach dem rechten Ufer über und steige in 20 Min. auf die *Sperlingsberge (Worobjewy Gory); oben bei dem guten Gasthaus Krynkin die schönste *Aussicht über die Stadt Moskau; Napoleon I. betrachtete von hier 14. Sept. 1812 zuerst die Stadt.—Von hier (event. mit der Straßenbahn) durch die Kaluschskaja zum *Neßkutschnypark, dem schönsten Park Moskaus, in dem das kaiserliche Alexandraschloß liegt.—Weiter nö. durch die Kaluschskaja über den Kaluschskajaplatz und durch die Bolschaja Jakimanka zur Kleinen Kamennybrücke, von der r., in die Wodootwodnaja einbiegend, in der fünften Quergasse r. die berühmte *Tretjakowgalerie (10-3 Uhr, außer Mo. und an hohen Feiertagen) in der Lawruschinskijgasse liegt; sie enthält viele Bilder russischer Maler, so von W. Wereschtschagin, Schischkin, Aiwasowskij, Ssurikow (franz. Katalog 40 Kop.). Weiter östl. über die Tschugunnybrücke und Moskworezkijbrücke, dann r. durch die Moskworezkaja zum Kaiserlichen Findelhaus (Do. u. So. 1-4 Uhr), 1764 von Katharina II. erbaut, erzieht auf Dörfern etwa 30000 Kinder und nimmt selbst etwa 2500 auf.—Nun nördl. über den Warwarskaja und Iljinskajaplatz, vorbei an der Plewnakapelle und dem Polytechnischen Museum, dann über den Lubjanskajaplatz zurück zum Theaterplatz.

Umgebung: Zum *Petrowskijpark (5-6 km nw. vom Theaterplatz) entweder mit Straßenbahn oder zu Wagen von der Iberischen Pforte nw. durch die 3 Werst lange Twerskaja, eine Hauptgeschäftsstraße Moskaus mit schönen Läden, vorbei am Palast des Generalgouverneurs (l.); beim Twerskija-Tor l. das Puschkindenkmal und r. gegenüber das Sstrastnoi-Nonnenkloster (1654 erbaut). Weiter durch die eintorige Triumphpforte zu Ehren Alexanders I. auf der St. Peterburgskoje Chaussee, vorbei am Rennplatz (l.) und dem großen Chodynskojefeld (wo beim Volksfest der Krönung Nikolaus' II. 1400 Menschen ums Leben kamen) zum *Petrowskijpark; Endpunkt der Straßenbahn vor dem Petrowskijschloß, umgeben von hoher Mauer mit Schießscharten und Türmen. Der Park hat sehr besuchte Restaurants (Mauretania, gut, aber teuer, ebenso Yard, Strelna), Sommertheater, Badehäuser und Landhäuser.

Von Moskau nach Charbin.

Die Sibirische Bahn. Von den großen Verkehrswegen, die Europa mit Ostasien verbinden, ist der Landweg ostwärts durch den asiatischen Kontinent hindurch der bei weitem kürzeste, aber trotzdem der jüngste. Seine späte Anlage ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, als was für ein unwirtliches, wenig versprechendes Land Sibirien früher galt, und wie große Kosten der Bau einer so langen Bahnlinie, die größtenteils durch wenig kultiviertes Gebiet führte, erfordern mußte. Als sich die russische Regierung zu dem gewaltigen Werk entschloß, hatte sie zwar, außer strategischen Zwecken, die Belebung des direkten Warenverkehrs zwischen Rußland und dem »fernen Osten« viel mehr im Auge als die wirtschaftliche Hebung Sibiriens und die Schaffung einer neuen Personenverkehrslinie; aber infolge der Verschiebung der politischen Verhältnisse durch den russisch-japanischen Krieg hat die Bahn für den Warenverkehr heute nur geringe Bedeutung, um so größern Wert dagegen für die wirtschaftliche Erschließung und Besiedelung der durchfahrenen Länderstrecken und für den Personen-und Postverkehr nach China und Japan erlangt.

Landschaftlich bietet die Sibirische Bahn nicht allzuviel; große Strecken müssen sogar als sehr einförmig bezeichnet werden, vor allem führt fast der ganze Westteil der Bahnstrecke bis ostwärts zum Ob, abgesehen von der Durchquerung des Uralgebirges, durch einförmiges Flachland, das nur durch die von den Flüssen geschaffenen breiten Täler ein wenig gegliedert wird. Das r. Steilufer der Wolga, dem man von Sysran bis Samara nahebleibt, bildet mit seinem etwa 300 m hohen Abfall die größte Unregelmäßigkeit im Relief dieser ganzen Strecke. Die Flußsysteme konnten in diesen großen Flachländern eine ungewöhnlich mächtige Ausbildung erfahren, und so bilden die großen Ströme, die man in Rußland wie in Westsibirien mehrfach zu überschreiten hat, die wichtigste Abwechselung in dem Einerlei der Landschaft. Die Überbrückung dieser breiten Ströme wurde durch den im Frühjahr einsetzenden Eisgang, der oft ein großartiges, wildes Schauspiel bietet, ganz besonders erschwert. Der Ostteil der Sibirischen Bahn führt großenteils durch Gebirgsland, das meist Mittelgebirgscharakter hat; nur die Gebirgsumrandung des Baikalsees ist ziemlich wild. Im größten Teil ihres Verlaufs, von Moskau bis Tschita, schwankt die Breitenlage der Bahn nur innerhalb enger Grenzen, die von denen Norddeutschlands kaum abweichen: der nördlichste Punkt, Atschinsk in Mittelsibirien, liegt etwas nördl. vom 56.°, der südlichste, im Chiloktal in Transbaikalien, etwas nördl. vom 51.° Erst von Tschita an wendet sich die Bahn südostwärts und erreicht schließlich südeuropäische Breite. Trotz dieser gleichmäßigen Breitenlage ändert sich das Klima längs der Bahn sehr stark, was sich am besten an den Mitteltemperaturen des wärmsten und des kältesten Monats erkennen läßt. Diese betragen: in Berlin 18,1° und-0,4°, in Warschau 18,8° und-3,4°, in Moskau 18,9° und -11,0°, in Tomsk in Westsibirien (etwas nördl. von der Bahnlinie) 18,7° und-19,6°, in Irkutsk 18,4° und -20,8°, in Nertschinskij Sawod (im transbaikalischen Bergland, 660 m ü. M.) 18,5° und-29,7°. Die Sommerwärme nimmt also ostwärts eher noch zu, während die Winterkälte viel strenger wird; das Klima wird also ostwärts immer extremer, immer kontinentaler. Das sibirische Klima ist übrigens bei weitem nicht so schlimm als sein Ruf, denn die Winterkälte ist leicht zu ertragen infolge der Windstille und Trockenheit der Luft bei meist klarem, heiterm Himmel und kräftigem Sonnenschein. Auch das Pflanzenkleid Sibiriens verrät wenig von den strengen Wintern, abgesehen von dem Fehlen der meisten Laubbäume. Je länger der Frost die Vegetation zur Ruhe verurteilt, um so kräftiger laufen die Lebensvorgänge im kurzen Sommer ab. Schon im Ural sind viele unsrer Wiesenpflanzen viel üppiger als bei uns entwickelt, und die Gegend von Irkutsk wie auch Transbaikalien sind berühmt wegen ihres fast die ganze warme Jahreszeit über andauernden Blütenflors. Das von der Bahn durchfahrene Gebiet eignet sich, soweit die Bodenbeschaffenheit es zuläßt, überall zum Getreidebau. Wie schon oben erwähnt wurde, hat die Sibirische Bahn einen ungeahnten Aufschwung in der Besiedelung Südsibiriens hervorgerufen, das sich bei weitem wertvoller und kulturfähiger erwiesen hat, als man noch vor kurzem geglaubt hatte. Die russischen Bauern strömen, seitdem sie nicht mehr mühselig auf dem »Großen sibirischen Trakt«, der alten Straße nach Sibirien, ostwärts wandern müssen, scharenweise in Russisch-Asien ein, zurzeit vor allem in dem äußerst fruchtbaren westsibirischen Schwarzerdebezirk und in Transbaikalien; aber auch in die Küstenprovinz am Stillen Ozean sucht die Regierung recht viele Einwanderer zu ziehen. Die wirtschaftliche Entwickelung Westsibiriens hat daher jetzt einen geradezu stürmischen Charakter, was sich am besten in dem raschen Anwachsen von Orten wie Omsk und Nowo Nikolajewsk erkennen läßt.

Eine starke Verschleuderung natürlicher Schätze Sibiriens und der östlichen Länder, vor allem des Waldreichtums, geht mit der raschen Besiedelung leider Hand in Hand. Auch die ursprüngliche, meist nomadische Bevölkerung Sibiriens wird immer weiter zurückgedrängt, zum Teil auch vom Russentum aufgesogen, und der eilige Reisende wird von ihr wenig mehr zu sehen bekommen als die Burjäten des Baikalgebiets, die sich am besten der neuen Kultur anpassen. Ebenso ist Sibirien lange nicht mehr in dem Maße wie früher Sträflingsland. Nicht nur treten die Deportierten an Zahl gegenüber den freien Ansiedlern immer mehr zurück, sie werden jetzt auch nach entferntern Gegenden, besonders Sachalin, verschickt. Trotzdem bilden die Gefängnisse noch heute wichtige Gebäude in den meist dorfähnlich gebauten sibirischen Städten. Baugeschichte. Die Sibirische Bahn, mit 8137 Werst (8682 km) die längste, etwa ein Drittel des Erdumfangs messende Bahnlinie der Welt (die Union Pacific 5357 km), wurde von der russischen Regierung 1891 begonnen; 1892 war die Strecke Ufa-Slatoust fertiggestellt; 1894 folgte die Überführung der Bahn über den Ural bis nach Tscheljabinsk, 1897 die Fortsetzung bis Tomsk, 1899 bis Irkutsk; 1897 wurde auch die Ussuribahn zwischen Chabarowsk und Wladiwostok fertig. In der Gebirgsgegend des Baikalsees entstanden große Schwierigkeiten; man führte die Bahn zunächst von Irkutsk zum Baikalsee, baute gleichzeitig vom gegenüberliegenden Ufer bei Myssowaja die Bahn weiter bis nach Strjetensk. Nun war die erste Verbindung bis Wladiwostok fertig, die zwar überall durch russisches Gebiet führte, aber noch mehrere Dampferstrecken einschloß: der Baikalsee wurde auf Dampfern gekreuzt, von Strjetensk führten flache Flußdampfer die Schilka abwärts in den Amur und von da bis Chabarowsk, dann fuhr man mit der Ussuribahn nach Wladiwostok. Aber die Unregelmäßigkeiten im Flußwasserstand machten diese Reise sehr langwierig. Ein 1896 mit China geschlossener Vertrag ermöglichte es den Russen, die Amurfahrt auszuschalten und die Mandschurische Bahn quer durch die Mandschurei über Charbin nach Wladiwostok zu bauen, mit der Abzweigung von Charbin über Mukden und Yinkou nach Dairen; letztere Strecke wurde am 1. August 1903 eröffnet. Die 3109 Werst (3317 km) lange Strecke von Sysran bis Kraßnojarsk ist in 11 Jahren, die 4016 Werst (4284 km) lange Strecke Kraßnojarsk-Dairen in 4 Jahren erbaut worden. Die Baukosten sollen durchschnittlich 100000 Rub. für 1 Werst, in Summa über 800 Mill. Rub. betragen. Spurweite ist die russische Normalspur von 1,524 m, die Strecke ist eingleisig, mit Steigungen bis 1:17. Während des russisch-japanischen Krieges wurde die Bahn um das Südende des Baikalsees (Baikalgürtelbahn, 244 Werst) herumgeführt, um das lästige Überführen der Reisenden und der Fracht über den mehrere Monate fest gefrornen See zu vermeiden. Seit 1906 ist die Strecke wesentlich verbessert; viele Ausweichestellen sind geschaffen, ein zweites Gleis ist zwischen Ufa-Slatoust und Omsk-Irkutsk im Bau. Ferner ist im Bau die Linie Tjumen-Omsk, wodurch direkte Verbindung nach St. Petersburg geschaffen wird. Nach dem Krieg ist die Strecke Changchun-Dairen als Südmandschurische Bahn (S. 323) unabhängig von Rußland geworden und steht unter japanischer Leitung.

Der sibirische Luxuszug (S. 302) verläßt Moskau auf dem Kursk-Nishnij-Nowgoroder Bahnhof (nahe dem Ostende der Ssadowaja); wegen Vorausbestellung des Platzes vgl. S. 302. Der Zug besteht nur aus einem Wagen I., zwei Wagen II. Kl. und einem Speisewagen und ist im Frühling und Herbst meist stark besetzt.—Nach der Abfahrt sieht man r. das malerische Andronow-Mönchskloster auf dem Steilufer der Jausa, 1366 vom Metropoliten Alexei begründet, mit fünf Kirchen. Der Zug fährt durch fruchtbares Land über (93 w) Sserpuchow (Bahnwirtschaft) nach (182 w) Tula (Bahnwirtschaft), Hauptstadt des Gouvernements Tula, mit 132000 Einw., Silberindustrie (Tulasilber ist kaukasisch und hier weniger als in Moskau zu haben) und Fabriken für Samowars und Zuckerbrot; Gewehrfabrik; Kreml aus dem 16. Jahrh.—Weiter (240 w) Uslowaja (Bahnwirtschaft). Die Bahn tritt in das Gebiet der südrussischen fruchtbaren »Schwarzerde«, der Wald tritt zurück.—(380 w) Rjashsk (Bahnwirtschaft), Kreisstadt mit 5000 Einw., an der Chupta.—An reichen Dörfern (mit berühmten Gestüten) vorüber.—(502 w) Morschansk (Bahnwirtschaft), Kreisstadt mit 26000 Einw., an der Zna.— Durch fruchtbares Land nach (753 w) Pensa (Bahnwirtschaft), Hauptstadt des Gouvernements Pensa, mit 67900 Einw., an der Mündung der Pensa in die Ssura schön gelegen; berühmt wegen der schönen Tücher aus Ziegenwolle; deutsch-luther. Kirche.—Hinter (989 km) Sysran (Bahnwirtschaft) nähert sich die Bahn der Wolga, tritt bei (1003 w) Batraki dicht an deren r. Ufer, das sogen. Bergufer, und kreuzt 8 w weiter die Wolga auf der mächtigen, 1435 m langen Alexanderbrücke (1876-80 erbaut). Der breite Strom ist stets von Dampfern, Kähnen und großen Holzflößen belebt, die bis zum Kaspischen Meere fahren. Am Ufer sind Behälter für Petroleum und Naphtha, die Heizstoff für Dampfer und Lokomotiven abgeben.— Auf dem flachen l., sogen. Wiesenufer weiterfahrend, erreicht man nach einigen Stunden (1120 w) Samara (Bahnwirtsch.; Gasthof: Bolschaja Zentrálnaja in der Dworjanskaja 125; deutscher Vizekonsul W. Koenitzer), Hauptstadt des Gouvernements Samara mit 96400 Einw., am l. Wolga-und r. Samaraufer, mit deutsch-luther. Kirche, lebhaftem Getreidehandel und berühmten Kumys-Kuranstalten auf den Hügeln in der Umgegend.—Die Bahn führt nun durch das Tal der Samara, das r. Berge zeigt, nach (1158 w) Kinel (Bahnwirtschaft); hier Abzweigung der Bahn über Orenburg, Taschkent, Samarkand und Merw nach Kuschk an der afghanischen Grenze.—Dann an mehreren unbedeutenden Stationen vorbei durch zum Teil sandiges Steppenland, außer von Russen auch von Baschkiren, Tataren, Kalmücken und Kirgisen bewohnt, und auf 640 m langer Brücke über die Bjelaja nach (1609 w) Ufa (Bahnwirtschaft: Verkauf uralischer Halbedelsteine; Vorsicht vor Gesindel in der Umgegend des Bahnhofs!), Hauptstadt des Gouvernements Ufa mit 58800 Einw., im 16. Jahrh. zum Schutz gegen die Baschkiren gegründet, am r. Steilufer der Bjelaja gelegen (schöner Landschaftsblick von der steilen Höhe über dem Birkenwäldchen beim Bahnhof); dicht beim Bahnhof viele Naphthabehälter, in der Nähe Herden der Baschkirennomaden. Die hölzernen Häuser der Stadt sind wie Schwalbennester an steile Hügel gesetzt, Treppen führen von Haus zu Haus. Ufa hat 27 Kirchen, 38 Schulen, 6 Banken, 3 Zeitungen und 1 Theater. —Hinter Ufa tauchen im O. die Vorberge des Ural auf, bedeckt von Tannenwäldern mit eingesprengten Birkenhainen; je mehr man sich dem Gebirge nähert, um so wilder wird die Gegend.— (1707 w) Ascha-Balaschewskaja (Bahnwirtschaft).—Vorbei an vielen Eisenhütten in malerischer Gegend durch das Tal des Sanjabachs, an dem sich im Halbkreis das große Dorf Menjardi hinzieht. Wilder Hochwald mit Anemonen, Dotterblumen, Himmelsschlüsseln von in Mitteleuropa unbekannter Üppigkeit begleitet die Bahn bergaufwärts; zwischen hohen Felseinschnitten gelangt man über (1793 w) Wjasowaja (323 m; Bahnwirtschaft) auf die Höhen des Uralgebirges nach—(1909 w) Slatoust (392 m; Bahnwirtschaft; mäßige Unterkunft bei Lusgin oder Frau Semjonowa, Z. 1 Rub., vorausbestellen!), hübscher Bergstadt (etwa 2 w vom Bahnhof) an dem Flüßchen Aï, das hier die Hauptkette des südl. Ural, den Taganai, durchbricht; 21000 Einw. Kaiserliche Eisen-, Gußstahl-und Waffenfabriken, von deutschen Schmiedemeistern eingerichtet. Arsenal (wochentags 9-3 Uhr Besichtigung gestattet). Deutsch-luth. Kirche.—Von Slatoust steigt die Bahn an Bergseen und schön mit Tannen bewaldeten Abhängen vorbei nach (1927 w) Urshum (564 m); etwa 1/4 w weiter steht r. der Grenzobelisk mit der Inschrift»Europa-Asia«(hier jedoch nur geographische, keine Verwaltungsgrenze!) auf dem höchsten Punkte der Bahn. Nun eilt der Zug in die westsibirische Ebene hinab, vorbei an (1970 w) Miaß am Ilmenskijsee, mit Goldgruben in der Nähe, und erreicht den eigentlichen Anfangspunkt der Sibiririschen Bahn

(2060 w) Tscheljabinsk (232 m; Bahnwirtschaft; Hôtel Eremitage), wo von l. die direkte Bahn von St. Petersburg (vgl. S. 301) über Perm und Jekaterinburg einmündet. Die Stadt, mit 39400 Einw., 4 w vom Bahnhof; am Bahnhof Auswandererbaracken für russische Bauern, die nach Sibirien übersiedeln. Viele Tataren, Sarten und Baschkiren betteln am Bahnhof. Lebhafter internationaler Verkehr; auf dem Markt (wohin man mit zweisitzigen kleinen Wagen, Tarantás, fährt) hat man Gelegenheit zum Einkaufen von Edelsteinen aus dem Ural (jedoch Vorsicht! vieles ist gefälscht); Volkstheater.

Von Tscheljabinsk fährt man zuerst durch die unwirtliche»Gorkaja«, unkultiviertes Steppenland mit Mooren und Salzseen; nach einiger Zeit beginnt aber fruchtbares, großenteils schon mit russischen Bauern besiedeltes Schwarzerdeland. Über (2177 w) Schumicha (Bahnwirtschaft) und Syrjanka, wo die Verwaltungsgrenze zwischen dem europäischen und dem asiatischen Rußland überschritten wird, nach (2301 w) Kurgan (Bahnwirtschaft), rasch aufblühender Stadt am l. Ufer des Tobol, 11/2 w vom Bahnhof; Kotzebues Verbannungsort 1800; lebhafter Butterhandel, von Dänen ins Leben gerufen.— Etwa 6 w weiter auf 470 m langer Brücke über den Tobol, dann durch Sumpfgegend nach (2550 w) Petropawlowsk (138 m; Bahnwirtschaft), 3 w vom Bahnhof die Kreisstadt Petropawlowsk mit 37900 Einw. (viele Mohammedaner), am r. Ufer des Ischim, 1752 begründet zum Schutz gegen die Kirgiskosaken. In der Stadt ein Tauschhof mit zahlreichen kleinen Läden; lebhafter Vieh-und Fellhandel, Schlächtereien, Gerbereien, Wollwäschereien; hübscher Stadtgarten; deutscher Apotheker. Viele kirgisische Nomadenkarawanen kommen aus der Steppe nach Petropawlowsk.—Nun folgt einförmige Steppe; (2677 w) Isil-Kul (Bahnwirtschaft).—Weiterhin über den Irtysch (Nebenfluß des Ob) auf 685 m langer Brücke.

(2806 w) Omsk (87 m; Bahnwirtschaft; Zweigbahn stündl. nach der 3 w südl. gelegenen Stadt; Tarantás dahin 50 Kop., Gasthöfe: Hotel Rossija, Saizew, Dworzowaja; Schtschepanowskij, Nikolskajaplatz), aufblühende Stadt mit 84400 Einw., Sitz der Verwaltung des Generalgouvernements der Steppe, mit starker Garnison, hat ein ethnographisches Museum auf dem Basarplatz; deutsch-luther. Kirche; deutscher Vizekonsul Oskar Nolte, Moskauer Reihe.— Handel mit Butter, Konserven aus Flußfischen, Getreide und Mehl. In Omsk verbüßte der Dichter Dostojewski 1849-53 seine Haft. In der Umgegend viele Kosakendörfer.

Dampfer von Omsk auf dem Irtysch abwärts in 4-5 Tagen nach Tobolsk (Gasthof Kommertscheskaja), Hauptstadt des Gouvernements Tobolsk mit 22000 Einw. und ethnographischem Museum im Jermakgarten.—Von Omsk den Irtysch aufwärts in 4-5 Tagen nach Semipalatinsk, Hauptstadt der gleichnamigen Steppenprovinz mit 31800 Einw. (die Hälfte Mohammedaner) und geographischem Museum; von hier Poststraße nach Taschkent.

Die Bahn führt von Omsk durch Malariagegend (gegen Mücken und Moskitos Schutzfenster schließen, Moskitonetz beim Schlafen benutzen!).—(2964 w) Tatarskaja (Bahnwirtschaft).—(3109 w) Kainsk (Bahnwirtschaft), Kreisstadt mit 6000 Einw., meist verbannten Israeliten, 12 w nördl. vom Bahnhof; Ackerbau, Viehzucht, Branntweinbrennerei und Gerberei.—Hinter (3384 w) Kriwoschtschekowo auf 792 m langer Brücke über den Ob nach (3392 w) Nowo-Nikolajewsk (Bahnwirtschaft) am r. Obufer, mit angeblich über 60000 Einw., mit amerikanischer Schnelligkeit wachsender Umschlagsplatz zwischen dem Verkehr auf der Sibirischen Eisenbahn und dem Dampferverkehr auf dem Ob. Dampfer laufen von hier nach Tomsk, Barnaul (Hauptort des altaischen Minenbezirks mit 30000 Einw., zahlreichen Hüttenwerken, Oberbergamt und Bergbauschule) und Biisk. Der Ob bildet ungefähr die Ostgrenze des Steppenlandes. Die Bahn führt, zum Teil durch dichten Urwald, nach (3606 w) Tajga (257 m; Bahnwirtschaft).

Zweigbahn in 31/2 St. nach (74 w) Mescheninowka, wo man aussteigt, weil der Stadt Tomsk näher als der Bahnhof (82 w) von Tomsk. Tomsk (148 m; Hôtel Rossija, empfohlen; Hôtel de l'Europe; Iswoschtschik bis 75 Kop.; Post und Tel.; Potschtamskaja; Russisch-Asiat. Bank), Hauptstadt des Deutschland an Größe gleichkommenden Gouvernements Tomsk mit ca. 100000 Einw., am r. Steilufer des Tom, die einzige Universitätsstadt Sibiriens (etwa 600 Studenten), mit tüchtigen, vielfach in Deutschland ausgebildeten Lehrkräften, verschiedenen Museen, technologischem Institut und andern modernen Fachschulen; Bischofssitz mit 20 russ. Kirchen. Die Stadt ist mit amerikanischer Regelmäßigkeit gebaut, hat einige große Geschäftshäuser (darunter mehrere deutsche), jedoch großenteils dorfartiges Aussehen. Lebhafter Flußverkehr. Im nahen Kolywanschen Erzgebirge am Ob, 368 m ü. M., ein Steinschleifwerk für Porphyr, Jaspis, Marmor.

Von Tajga (s. oben) weiter durch mit Urwald (russisch»Tajgá«) bedecktes kohlenreiches (aber noch nicht ausgebeutetes) Hügelland über (3745 w) Mariinsk (Bahnwirtschaft) nach (3933 w) Atschinsk (Bahnwirtschaft), Stadt mit 7000 Einw., die nördlichste von der Sibirischen Eisenbahn erreichte Stelle (in der Breitenlage des mittlern Jütlands), am Tschulym und an der Poststraße, die südl. nach (330 w) Minussinsk (Gasthof; Mittelpunkt des Getreidegebiets und Minenbezirks des südl. Gouvernements Jenisseisk) führt.

Das Hügelland geht in Gebirgsland, die Ausläufer des Sajanischen Gebirges, über, die Fahrt wird malerischer. Die niedrige (ca. 315 m hohe) Wasserscheide zwischen Ob und Jenissei überschreitet man erst ganz kurz vor letzterm Fluß bei der Station Katscha und erreicht bald darauf

(4100 w) Kraßnojarsk (d. h.»Rote Klippe«; 160 m; Bahnwirtschaft; Hôtel Rossija; Métropole, Familienhotel, Deutsch gesprochen; Iswoschtschik zur Stadt 40 Kop.; Internationales Telegraphenamt für Telegramme in europäischer (nicht russischer) Sprache; Russisch-Asiatische Bank), Hauptstadt des Gouvernements Jenisseisk am l., rotgefärbten Steilufer des Jenissei mit 30500 Einw., technische Eisenbahnschule, Stadtpark mit Wirtschaft, Museum; lutherische Kirche. Wichtiger Flußhafen für die Dampferfahrt auf dem Jenissei. Die Stadt (halbwegs zwischen Moskau und Wladiwostok) war früher großenteils mit Verbrechern besiedelt. In der Datsche Tarakanowka hat der Besitzer Judin eine Bibliothek von 100000 Bänden, insbesondere Literatur über Sibirien.

Der Jenissei, mit 4750 km Länge der größte Strom Sibiriens, entsteht in der nordwestlichen Mongolei und fließt als Ulukhem nw. zur russischen Grenze, wo er, das Sajanische Gebirge in Katarakten und Stromschnellen durchbrechend, sich nordwärts zum Eismeer wendet. Bei Kraßnojarsk ist der Jenissei durchschnittlich vom Mai bis Mitte November eisfrei. Schiffbar ist der fischreiche Strom, und mit Barken, Segelschiffen und Dampfern bis zur Mündung befahren, von Minussinsk an auf 2966 km. Die bedeutendsten Städte am Jenissei sind: Minussinsk, Kraßnojarsk, Turuchansk u. Dudinsk; der nördlichste dauernd bewohnte Ort ist Krestowsk, r. an der Mündung.

Von Kraßnojarsk führt eine prächtige, 925 m lange Brücke mit sechs Bogen über den Jenissei und dann durch moskitoreiche Gegend über (4327 w) Kansk (Bahnwirtschaft), Kreisstadt mit 8000 Einw. und Goldwäschereien, am Kan, und über diesen Fluß auf 255 m langer Brücke nach (4353 w) Ilanskaja (Bahnwirtschaft) und (4434 w) Kljutschinskaja (388 m), dann über die goldführende Birjussa nach (4633 w) Nishne-Udinsk (413 m; Bahnwirtschaft), Kreisstadt mit 6000 Einw., mitten in den Ausläufern des Sajanischen Gebirges, an der Uda.—Nun steigt die Bahn durch fruchtbares Land, von fleißigen buddhistischen Burjäten bevölkert, nach (4743 w) Tulun (498 m; Bahnwirtschaft), dem höchsten Punkte der Strecke Tscheljabinsk-Irkutsk. —Hinter (4873 w) Sima auf 468 m langer Brücke über die Oka und dann durch schwarzgrünen Tannenwald mit *Ausblick r. nach S. auf die schneebedeckten Berge des Sajanischen Gebirges (Grenzgebirge zwischen Sibirien und der Mongolei), über (5012 w) Polowina (538 m; Bahnwirtschaft; Kohlengebiet) ins Tal der Angara, des Ausflusses des Baikalsees, und talauf, vorbei am (r.) Wosneßenskij-Mönchskloster (1672 gegründet), nach

(5108 w) Irkutsk (445 m; Bahnwirtschaft; Grand Hôtel [Agentur der Internationalen Schlafwagengesellschaft]; Métropole; Iswoschtschik zur Stadt 75 Kop.; Internationales Telegraphenamt für Telegramme in europäischer [nicht russischer] Sprache; Russisch-Asiatische Bank), Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements, unter 52° 17' nördl. Br. (etwas südlicher als Berlin), am l. Ufer der Angara, in die hier der Irkut mündet, mit 84000 Einw. Irkutsk hat sehr rauhes Klima (bei einem Sommer wie Paris steigt die Winterkälte nicht selten bis-37°, das Jahresmittel beträgt nur-0,4°), breite Straßen, 23 griechisch-katholische (darunter schöne Kathedrale der Mutter Gottes von Kasan), eine römisch-katholische und eine deutsch-lutherische Kirche, Gymnasium, 3 höhere Mädchenschulen, 2 Technische Schulen, 1 Seminar, 2 Militärschulen, Theater, 5 Zeitungen, Arbeits-und Findelhaus, Stadtkrankenhaus (mit deutschem Leiter, Dr. v. Bergmann) und bedeutenden Handel zwischen Ostasien und Rußland. Im Dezember Messe. Irkutsk, das eine Sektion der Russischen Geographischen Gesellschaft mit vielen Sammlungen besitzt, gilt als geistiger Mittelpunkt Sibiriens.—Der Ort wurde 1652 als Handelsposten durch Kosaken begründet, wuchs schnell, hat aber, seit die Verschiffungen von chinesischem Tee nach baltischen Häfen zunahmen, an Bedeutung verloren. Durch eine Feuersbrunst wurde Irkutsk 1879 fast zerstört, ist aber schöner wieder aufgebaut.—Die Stadt gilt als sehr unsicher. Vom Bahnhof hat man den besten Überblick über die Stadt, zu der eine große Schwimmbrücke führt.

In Irkutsk beginnt die Transbaikalbahn, daher Wagenwechsel (die Strecke Irkutsk-Mandschuria ist von der Russisch-chinesischen Bahngesellschaft an die Schlafwagengesellschaft für die Expreßzüge verpachtet; auf dieser Strecke sollen häufig alte schmutzige Wagen laufen, auch Verspätungen um mehr als 6 St. bis Wladiwostok nicht selten sein.) Die Bahn bleibt jenseit Irkutsk am r. Ufer der aus dem Baikalsee kommenden Angara und erreicht bei (5170 w) Baikal den Baikalsee.

Der Baikalsee (russ. Swjátoje More, mongol. Dalai Nor, »heiliges Meer«), der drittgrößte Binnen-und größte Gebirgssee Asiens, 476 m ü. M., 623 km lang, 15-82 km breit, hat 34180 (Sachsen u. Württemberg zusammen 34507) qkm Fläche. Der langgestreckte, durchschnittlich 250 m tiefe See besteht aus zwei Becken, deren südlichstes bis 1430 m tief ist, so daß der Grund des Sees bis gegen 1000 m unter den Meeresspiegel hinabreicht. Der Baikalsee ist durch Einbruch entstanden; er wird von schroffen, 1400 m hohen Felswänden umrahmt, im W. vom Baikalgebirge, im O. vom 1800 m hohen Bauntigebirge, die in vielen Vorgebirgen in den See vorspringen. Von den in den See mündenden Flüssen verläßt die schiffbare untere Angara den See am SW.-Ufer wieder. Das Wasser des Sees hat im Juli in 4 m Tiefe eine Temperatur von 5°. An Fischen ist der See sehr reich, namentlich an Herbstlachsen (Salmo omul), die durch Jenissei und Angara aus dem Eismeer heraufkommen, und von denen jährlich etwa 500000 Stück gefangen werden (daher der tatarische Name Baikul, d. h. Reicher See). Von größern Wassertieren findet man eine Seehundsart (Callocephalus), deren Auftreten, 1000 km von der nächsten Meeresküste entfernt, sehr merkwürdig, aber auch heute noch nicht endgültig geklärt ist. Man neigt zu der Annahme, daß der See, der auch sonst eine sehr eigenartige Fauna beherbergt, mit dem heutigen Eismeer nicht in früherer Verbindung gestanden hat, sondern daß die Seehunde den Lachsen bis hier herauf nachgegangen sind. Der tektonische Ursprung des Sees bekundet sich durch häufige Erdbeben, so 1861 u. 1862. Die Schiffahrt wird durch heftige Winde gefährdet, doch verkehren Dampfer während der achtmonatigen eisfreien Zeit; der lebhafteste Verkehr findet aber im Winter auf der 1-1,5 m starken Eisdecke statt.

Während früher die Reisenden mit Fährdampfern (im Winter mit Schlitten) nach Myssowaja am Südufer des Sees übergesetzt wurden, führt seit 1906 die Baikalgürtelbahn um das felsige Südufer des Sees; sie ist mit großen Schwierigkeiten und sehr hohen Kosten hergestellt; allein auf der 85 km langen Strecke vom Bahnhof Baikal bis nach Kultuk sind 32 Tunnel von zusammen 6 km Länge und 210 Kunstbauten (Brücken, Durchlässe, Überführungen) errichtet. Man fährt von Baikal über (5359 w) Tanchoi (auf allen Bahnhöfen besonders dieser Strecke hüte man sich vor Diebstählen!) nach (5413 w) Myssowaja (477 m), auch Myssowsk genannt; die Bahn bleibt noch bis (5458 w) Possolskaja in der Nähe des Baikalsees und steigt dann im Tale der Selenga nach (5567 w) Werchne-Udinsk (544 m; Bahnwirtschaft; Gasthof), Kreisstadt mit 8000 Einw., mit großer Garnison und wichtiger Teemesse.

Von hier führt die alte Poststraße (nebst Telegraph) im Selengatal weiter aufwärts nach Troizkossawsk und (185 w) Kjachta (732 m), russische Grenzstadt und von 1689-1860 einziger russischer Grenzhandelsplatz, über den der Karawanentee aus der nur 200 m südlicheren chinesischen Grenzstadt Maimatschin geführt wurde. Die Poststraße, jetzt wenig benutzt, führt weiter über Urga (1290 m) durch die Wüste Gobi und über Kalgan (S. 296) nach Peking. Eine Bahn längs der Poststraße nach Kalgan ist geplant.

In romantischer Landschaft steigt die Bahn nun im Tale der Uda, dann südöstl. abbiegend weiter bis (5701 w) Petrowski sawod (803 m; Bahnwirtschaft), vorbei an Mongolen-und Burjätendörfern, dann im malerischen Tale des Chilok zu den sanftsteigenden Höhen des Jablonoi oder Apfelgebirges über (5840 w) Chilok (805 m; Bahnwirtschaft) und durchläuft hinter (5993 w) Sochondo (944 m) einen Tunnel, der am Westende die Inschrift: »Zum Atlantischen Ozean«, am Ostende: »Zum Großen Ozean« trägt, da der Bergkamm die Wasserscheide bildet zwischen dem Nördlichen Eismeer und dem Stillen Ozean (Jenissei und Amur). Nun senkt sich die Bahn über (6016 w) Jablonowaja (846 m; Bahnwirtschaft) durch das enge Ingodatal nach

(6086 w) Tschita (656 m; Bahnwirtschaft; Hôtel Métropole; Iswoschtschik zur Stadt 50 Kop.; Russisch-Asiatische Bank), 1851 gegründete Hauptstadt Transbaikaliens mit 55500 Einw., Maschinenwerkstätten und *Museum; die hübsche Umgebung erinnert an Heidelberg. —Dann fährt man über den Fluß Tschita auf 160 m langer Brücke und im Ingodatal abwärts über (6142 w) Makkawejewo (Bahnwirtschaft) nach (6180 w) Karimskaja (605m; Bahnwirtschaft), Bahnknotenpunkt.

Amurfahrt Strjetensk-Chabarowsk (2116 w). Von Karimskaja führt eine ältere Bahnlinie im Ingoda-und Schilkatal abwärts über (183 w) Nertschinsk (Bahnwirtschaft), das jetzt bedeutungslose, früher aber durch seine Blei-und Silberbergwerke berühmte, als Sträflingsort berüchtigte Städtchen, nach (266 w) Strjetensk (Bahnwirtschaft; Gasthof Dalnij Wostok; Mikulitsch, beide nahe der Dampferlandestelle; Iswoschtschik 1 Rub.; Banken: Sibirische Bank; Russisch-Asiatische Bank), Stadt mit 10000 Einw., am l. Ufer der Schilka. Von Strjetensk laufen Postdampfer auf der untern Schilka und dem Amur von Mai bis September alle 5 Tage in 6 Tagen bis Blagowjeschtschensk (Grand Hôtel; Banken: Kunst & Albers; Sibirische Bank; Russisch-Asiatische Bank), Hauptstadt der Provinz Amur mit 57500 Einw., am l. Ufer des Amur an der Sejamündung; von dort mit größern, bequemen Dampfern in 5 Tagen bis Chabarowsk (S. 333). Die Fahrt stromauf von Chabarowsk bis Strjetensk dauert etwa 12-13 Tage und ist nicht zu empfehlen. Der Amur entsteht aus dem Zusammenfluß der Schilka mit dem Argun beim Fort Ustj Strjelka; er bildet streckenweise die Grenze gegen China und mündet nach 4480 km langem Lauf unterhalb Nikolajewsk, gegenüber dem Nordende der Insel Sachalin. Geplant ist der Bau einer Amurbahn von Strjetensk nach Chabarowsk.

Die Transbaikalbahn führt von Karimskaja über einen 885 m hohen Bergrücken nach (6229 w) Burjatskaja (Bahnwirtschaft), dann durch gewelltes, ödes Steppenland, den Nordzipfel der Mongolei, von Kosaken und Burjäten bewohnt, über (6274 w) Aga (Bahnwirtschaft) und an einem buddhistischen Burjätenkloster vorbei über (6319 w) Olowjannaja (Bahnwirtschaft) und (6412 w) Borsa und über die russisch-chinesische Grenze nach

(6532 w) Mandschuria (Mandschuli; 650 m; Bahnwirtschaft; Gasthof Zentralnaja, nahe dem Bahnhof), chinesischer Grenzstadt mit 12000 Einw. (in der Mehrzahl Russen); hier bei der Hinfahrt chinesische, bei der Rückfahrt russische Zolldurchsicht.—Mandschuria ist der Anfang der in russischen Händen befindlichen Ostchinesischen Bahn (Chinese Eastern Railway), deren Gebiet die Mandschurei bis zur russischen Grenzstation Pogranitschnaja (S. 320), ferner die südliche Linie von Charbin bis Changchun (S. 324) mit Zweigbahn nach Kirin umfaßt und deren Bahnhöfe gegen die häufigen Angriffe der Chunchusen-(chinesischen Räuber-) Banden von russischen Soldaten bewacht werden und zum Teil befestigt sind. Von hier an wird nach Charbiner Zeit gerechnet, die 6 St. 24 Min. vor gegen Petersburger und 7 St. 25 Min. vor gegen M.E.Z. ist. Die Bahn führt durch gleichmäßiges Steppenland (man sieht Pferdeherden, Kamelkarawanen) über (6708 w) Chailar (Hailar; Bahnwirtschaft) und (6785 w) Jakschi, Wachtposten, allmählich das Chingangebirge, den Grenzwall zwischen der Mongolei und der Mandschurei, hinan; bei (6872 w) Irekte (875 m) wird noch eine Lokomotive vorgespannt wegen der nun starken Steigung, durch enge Täler nach (6881 w) Chingan; 4 w weiter führt ein 3 km langer Tunnel, 961 m ü. M., durch den höchsten Gebirgskamm unter dem 1060 m hohen Dschedynpaß; dann geht es steil abwärts nach (6904 w) Buchedu (Pu-ha-to; 673 m; Bahnwirtschaft), im Tale des Jali. Bevor man die Steppe wieder erreicht, noch malerische Ausblicke auf die Berge bei Barim. Dann durch größere Dörfer bei Tschalantun über (7049 w) Nin-zy-schan (264 m) und über den Nonni nach (7155 w) Stat. Zizikar (Tsitsihar oder Buchoi; Bahnwirtschaft; Gasthof) selbst, die Hauptstadt der chinesischen Außenprovinz Holungkiang, mit 80000 Einw., liegt 25 w nördl. am Nonni und ist durch Kleinbahn mit der Station verbunden. [Hier soll das chinesisch-amerikanische Bahnprojekt von Aigun (vom r. Amurufer nahe Blagowjeschtschensk in der Mandschurei) nach Kintschou (S. 318, an der Bahnlinie Mukden-Tientsin) von N. nach S. die Mandschurei durchschneiden.]—Dann durch wildreiche, fast unbewohnte Steppe mit unbedeutenden Haltestellen, aber vor Charbin durch gut bebautes Land und schließlich auf 948 m langer Brücke mit 8 Bogen über den mächtigen, von zahlreichen Dampfern belebten (auf 1180 km Länge schiffbaren) Súngari nach

(7408 w) Charbin (Harbin; 152 m; gute Bahnwirtschaft; Grand Hôtel; Métropol Hôtel; Orient Hôtel, sämtlich in der Neustadt, die beiden ersten nahe dem Bahnhof; Hôtel Sibir; Hôtel de Commerce, in der Geschäftsstadt, Verpflegung überall gut, Unterkunft mäßig; Bankgeschäft von Kunst & Albers; Russisch-Asiatische Bank [Korrespondent der Deutschen Bank]; Agentur der Internationalen Schlafwagengesellschaft: im Grand Hôtel; Direktion der [russischen] Ostchinesischen Bahn [Präsident General Horváth], Zweigbureau der Südmandschurischen Bahn; chinesischer Zollkommissar [Watson]; deutscher Konsul: L. Heintze; Handelshäuser: Kunst & Albers; Tschurin & Co.; Samsonowitsch & Agéjeff; Kommissionsgeschäft: Comptoir belge d'importation et d'éxportation; Spediteur A. G. Roubinraut), internationale Handelsstadt in der chinesischen Mandschurei, am r. Ufer des Sungari, 1896 gegründet als Eisenbahnknotenpunkt, früher ein Dorf, jetzt eine Stadt von über 50000 Einw. (buntgemischte Bevölkerung, in der die Russen und Chinesen überwiegen). Die Stadtverwaltung liegt in den Händen der Ostchinesischen Bahn. Die vollkommen russischen Charakter tragende Stadt zerfällt in drei Teile: die Altstadt, sö. vom Bahnhof, die erste Niederlassung aus Lehmhäusern für den Bahnbau, wozu einige Handelshäuser und eine kleine Kirche kamen. Die moderne Neustadt (Nowoje Charbina), westl. vom Bahnhof, auf einer vor dem Fluß geschützten Hochfläche, noch in der Entwickelung; für die Eisenbahnverwaltung, P u. T, Hospitäler, Beamtenwohnungen, Gasthöfe etc. bestimmt. Die Straßen und die sanitären Verhältnisse sind noch sehr schlecht. In der Hafenstadt (Pristan) hinter der Eisenbahnbrücke am Fluß sind Fabriken und Werkstätten für die Eisenbahn, kaufmännische Niederlassungen, der Sitz der Polizei etc.; hier herrscht das meiste Leben. Östl. vom Pristan liegt das durch den Pestausbruch 1910 berüchtigte Chinesenviertel Fudsjadjan (Fudatien). Haupthandel und Ausfuhr in Ölbohnen. Im russisch-japanischen Krieg war Charbin Hauptstützpunkt der russischen Armee.—Dampfer verkehren auf dem Sungari von Charbin talwärts bis Chabarowsk (S. 323) und bergwärts bis Kirin (S. 324).

Von Charbin nach Wladiwostok.

Vgl. die Karte bei S. 301.

Der sibirische Luxuszug (S. 302) führt vom Hauptbahnhof (smaragdgrün in einer Art von Sezessionsstil) in Charbin-Neustadt östl. über (9 w) Hst. Alt-Charbin durch weite Strecken gut (vor allem mit Rüben) bebauten Ackerlandes über (58 w) Aschichö, mit Zuckerfabrik, dann an einem Marmorbruch vorbei, durch Sumpfstellen mit mannshohem Wollgras und durch von Fasanen bevölkerte Gehölze nach (153 w) Imjampo, beliebtem Sommeraufenthalt mit Datschen (Landhäusern), guter Brauerei und Jagdgelegenheit auf Hochwild, weiter über den Gebirgszug Tschangkwanhai nach (255 w) Chandaochezy (Bahnwirtschaft), Ort mit 10000 Einw.; dann auf 300 m langer Brücke über den Mutankiang (nicht weit südl. die chinesische Handelsstadt Ninguta mit etwa 20000 Einw.; T) und nun ansteigend in schroffen Tälern des in der Nähe der Bahn schon großenteils entwaldeten ostmandschurischen Mittelgebirges durch drei Tunnel bis 640 m ü. M., dann wieder hinab nach (402 w) Mulin (Bahnwirtschaft). Die Landschaft wird immer schöner, bis man, die Mandschurei verlassend, den russischen Grenzort (512 w) Pogranitschnaja (460 m; Bahnwirtschaft; russische Zollbesichtigung), Endpunkt der Ostchinesischen und Anfang der Ussuribahn, erreicht; letztere führt durch sechs Tunnel abwärts über die Grenzfestung (538 w) Grodekowo in grüner Ebene nach (628 w) Ketrizewo (Bahnwirtschaft), Knotenpunkt, wo l. die Bahn nach Chabarowsk abzweigt; in 2 w Abstand sieht man die Kuppeln der Kathedrale von Nikolsk-Ussuriisk (Gasthof Koslow; Russisch-Asiatische, Sibirische Handelsbank; Warenhaus von Kunst & Albers), Kreisstadt mit 23000 Einw. und stärkster Garnison des Amurgebiets, in sehr fruchtbarer Gegend, mit guter Jagd auf Wildschweine, Maralhirsche etc. Dann steigt die Bahn im Felsental des Suifun in dichtbewaldete Höhenzüge; an einer scharfen Biegung erster *Blick auf die Amurbucht; l. hinter Nadeschdinskaja liegen Kohlenbergwerke; dann führt die Bahn am Strande der Amurbucht entlang, l. an den Datschen (Landhäusern) der reichen Wladiwostoker vorbei und durch die Chinesenstadt zu dem ganz nahe dem Hafenkai gelegenen Hauptbahnhof von

(730 w) Wladiwostok (Bahnwirtschaft), am Japanischen Meer. Der Bahnhof trägt die Aufschrift: »Von St. Petersburg bis Wladiwostok 9876 Werst« (Entfernung von Moskau 8137 w).

Ankunft zur See. Die Postdampfer steuern die Insel Askold mit rotem Leuchtturm an, laufen dann auf den weißen Leuchtturm der Insel Skrypleff zu und steuern durch den Östlichen Bosporus zwischen Kasakewitsch (Russeninsel) und dem Murawiew-Vorgebirge hindurch, biegen dann r. in eine der Kieler Förde sehr ähnliche, durch viele Küstenbefestigungen geschützte Bucht, in deren innerstem, nach O. gekrümmtem Teil, dem Goldenen Horn, der gegen Wind und Seegang geschützte Hafen von Wladiwostok liegt. An seiner Westseite ist nahe am Bahnhof ein Kai mit Liegeplätzen für etwa acht Dampfer. Die Postdampfer der Freiwilligen Flotte haben eignen Kai. Dampfer, die keinen Platz am Kai bekommen, ankern nahe vor der Stadt, Ausschiffung der Reisenden erfolgt dann mit Booten an bequemen Landungsbrücken. Gasthöfe: Hotel d'Allemagne (Deutsches Hotel), Mitte der Stadt, Ecke der Kitaiskaja-und Pekinskaja-Straße, modern eingerichtet, Pens. 8-9 Rubel, gelobt.—Grand Hôtel, am Bahnhof.— Goldenes Horn, Aleutskaja 45.—Zentralnaja, Swetlanskaja.—Restaurants: Deutsches Restaurant Müller, Swetlanskaja, gelobt.—Unterberger; Goldenes Horn; Swetlanka, sämtlich Swetlanskaja. —Cafés: Kokin.—Jegorow, Swetlanskaja. Post u. Tel. an der Swetlanskaja. Telegraphenkabel nach Nagasaki.— Wagen: Iswoschtschik vom Bahnhof zur Stadt 25 Kop. (Gepäck 20 Kop.), einzelne Fahrt 25 Kop., in die Vorstadt 50 Kop.; stündl. 80 Kop. Nachts doppelte Taxe.—Eisenbahn über Charbin nach Europa (S. 309): Expreßzüge: Mi. ab Wladiwostok der Transsibirien-Expreß in 91/2 Tagen bis Moskau, mit Anschluß an den Nordexpreß (S. 302) Moskau-Berlin (Fahrzeit 37 St.); außerdem So. ab Wladiwostok ein Zug bis Irkutsk (Wagenwechsel) mit Anschluß nach Moskau und ein Zug Fr. ab Wladiwostok wie vorher, doch mit Anschluß nach St. Petersburg; sämtlich Züge der Internationalen Schlafwagengesellschaft; nach Chabarowsk, S. 323; nach Dairen, S. 323; nach Peking, S. 328.—Dampfer: Hamburg-Amerika Linie über Hongkong monatlich (Agentur: Kunst & Albers);— Nippon Yusen Kaisha nach Nagasaki, Korea, Port Arthur und Schanghai wöchentlich;—Russische Freiwillige Flotte Do. und Sa. in 2 Tagen nach Tsuruga (Japan);—Sa. über Nagasaki (2 Tage) nach Schanghai in 4 Tagen;— Osaka Shosen Kaisha Di. in 2 Tagen nach Tsuruga (Reichskursbuch 705).

Plan von Wladiwostok.

Plan von Wladiwostok.
Plan von Wladiwostok.

Banken: Kunst & Albers, Swetlanskaja, Korresp. der Deutschen Bank.— Russisch-Asiatische Bank, Aleutskaja, Korresp. der Berliner Disconto-Gesellschaft, der Deutschen Bank und der Allgemeinen Deutschen Creditanstalt in Leipzig.—Theater: 3 russische und 3 chinesische; Singspielhalle im »Goldenen Horn« u. a.—Agent der Internationalen Schlafwagengesellschaft: Marcerou & Schreter, Swetlanskaja 60. —Konsulate: Deutsches Reich, Swetlanskaja, Konsul Dr. Stobbe.—Deutscher Gesangverein (es leben viele Deutsche in angesehenen Stellungen in Wladiwostok).—Polizeiamt: Pekinskaja. —Zollamt: Swetlanskaja.— Städtisches Krankenhaus.—Warenhaus großen Stils von Kunst & Albers, liefert jegliche Reiseausrüstung u. a.

Wladiwostok (»Beherrscherin des Ostens«, früher Port May) wurde 1860 gegründet, war 1868-1901 Freihafen und hat 90162 Einw. (davon über ein Drittel Chinesen, Japaner und Koreaner). Die Stadt liegt auf 43° 7' nördl. Br. (etwas südlicher als Florenz) auf der Halbinsel zwischen der Ussuribucht und der Amurbucht in malerischer Landschaft, deren natürliche Bergumwallung sehr stark befestigt ist (1500 Geschütze, die auf 80 km verteilt sind), da die Stadt der einzige gute Seehafen und Flottenstützpunkt Rußlands in Ostasien ist, denn überall weiter nördl. bis zur entlegenen Amurmündung ist die Küste durch das mauerähnliche Sichotaalingebirge vom Binnenlande völlig abgeschlossen und fast hafenlos. Nur hier am Südende der russischen Küstenprovinz ist der Küstengebirgsbogen unterbrochen und öffnet sich das Land mit einer buchtenreichen Küste (Riasküste) frei zum Meer. Leider ist der Hafen von Wladiwostok 4 Monate durch Eis gesperrt; als Kriegs-und Handelshafen ist er gut ausgerüstet. Längs der Nordküste des Goldenen Horns zieht sich die Hauptstraße Swetlanskaja; die Häuser sind meist aus Stein, nur zum Teil noch aus Holz gebaut. Die Neubauten zeigen modernern Renaissancestil, z. B. das Admiralitätsgebäude, der Palast des Gouverneurs, das Geschäftshaus von Kunst & Albers und das reichhaltige Museum (Di. Fr. So. 10-4 Uhr geöffnet). An der Südseite der Swetlanskaja liegt in hübschem Garten das Haus des Chefs der Marinestation, weiter östl. der Marineklub, mit Bootslandungsbrücken am Hafen. In der Hauptstraße die Uspenskij-Kathedrale. Das Institut für Ostasiatische Sprachen liegt an der Puschkinskaja; ebenda die deutsch-lutherische Kirche. Bei den Landungsbrücken am Hafen steht das Denkmal des Admirals Newelskoi, der die Amurmündung am 13. Aug. 1850 auf eigne Faust besetzte, mit der Inschrift: »Wo die russische Flagge weht, da soll sie nie wieder sinken« (Ausspruch des Zaren Nikolaus I.). Gegenüber dem Warenhaus der in ganz Ostasien bekannten deutschen Firma Kunst & Albers an der Swetlanskaja liegt ein schönes Wohnhaus für den Leiter des Geschäfts, mit großem Speisezimmer für die Angestellten des Geschäfts, mit Billards etc. In der Marinevorstadt das Marinehospital, daneben die großen Trockendocks und Werftanlagen der Marine.—Die Gewerbtätigkeit beschränkt sich auf Holzschneidemühlen, Ziegeleien, Maschinenwerkstätten, Brauereien. Der deutsche Einfuhrhandel ist sehr beträchtlich, es verkehren mehr deutsche als englische Schiffe im Hafen; ausgeführt werden Felle, Sauerkraut, Seekohl, Bauholz, Salzfische, Lebertran.—Das Goldene Horn ist etwa von Mitte Dezember bis Mitte April zugefroren, doch halten Eisbrecher eine Fahrrinne frei; aber außerhalb des Hafens behindern dann oft große Treibeismassen die Schiffahrt. Die Witterung entspricht etwa der von St. Petersburg, trotzdem Wladiwostok auf etwa derselben geographischen Breite wie Florenz liegt; Luftwärme im Januar-15° C, im Jahresmittel 4,3° C; im Sommer kommen etwa +30° C, im Winter etwa-30° C vor.—Rundgang. Man fahre durch die Swetlanskaja und besteige dann die steile Anhöhe oberhalb des Observatoriums, von wo prächtiger *Fernblick über das Goldene Horn, Stadt und Hafen; man sieht bis zur Insel Askold, die im SO. auftaucht. Dann besuche man den Wochenmarkt an der Amurbucht, am Westende der Swetlanskaja, und mache mit kleinem Hafendampfer eine Hafenrundfahrt (zweimal tägl., Fahrzeit etwa 21/2 St.), die bis zur Insel Kasakewitsch führt; auch lohnt eine Fahrt mit Dampfer oder Segelboot bei gutem Wetter nach der Insel Askold, wo die sibirischen Maralhirsche gehegt und gefüttert werden und Goldbergwerke im Betrieb sind.—Die Umgegend bietet Gelegenheit zu Fahrten in die landschaftlich sehr schönen Berge und Wälder; vor der Stadt ist eine gemütliche deutsche Brauerei.

Von Wladiwostok nach Chabarowsk führt die Ussuribahn in etwa 16 St. über (102 w) Ketrizewo (S. 320), von da nö. im Tale des Suifun, dann durch Steppenland und auf 255 m langer Brücke über den Ussuri nach (340 w) Murawjew-Amurskij (Bahnwirtschaft). Hinter der 255 m langen Imanbrücke bei (387 w) Iman (Bahnwirtschaft) tritt die Bahn in schöner Hügellandschaft dicht an die Grenze der Mandschurei und läuft im Tale des Ussuri r. über (498 w) Bikin (Bahnwirtschaft) durch Wald und über viele Brücken nach (716 w) Chabarowsk (96 m; Bahnwirtschaft; Gasthöfe: Deutsches Hotel und Restaurant von Peter Moller, empfohlen; Hotel Chabarowsk; Rossija; Iswoschtschik zur Stadt 60 Kop.; Banken: Kunst & Albers; Russisch-Asiatische Bank), Hauptstadt der Seeprovinz des russischen Amurgebiets, mit 25000 Einw. (1/4 Chinesen), am r. Steilufer des Amur, noch 800 km oberhalb seiner Mündung, zum Teil auf Felsterrassen erbaut. Nahe dem Palais des Generalgouverneurs liegt das *Museum der Russischen Geographischen Gesellschaft (Do. So. 12-4 Uhr); nahebei im Stadtgarten das Standbild des Grafen Murawjew-Amurskij. Die Stadt hat Kadettenschule, Eisenbahnschule und treibt wichtigen Pelzhandel (besonders Zobelfelle). Warenhaus: Kunst & Albers. Postdampfer von Chabarowsk Mitte Mai bis Anfang Oktober (andre Dampfer unregelmäßig): a) in 4 Tagen auf dem Amur abwärts nach (940 w) Nikolajewsk (Gasthof; Warenhaus: Kunst & Albers), Seehafenstadt mit 8000 Einw., nahe der Mündung des Amur in den Amurgolf; b) auf dem Amur aufwärts über Blagowjeschtschensk nach Strjetensk, vgl. S. 317.

Von Charbin nach Dairen.

Vgl. die Karten bei S. 215 u. S. 271.

Von Charbin zweigt eine Linie der Ostchinesischen Bahn nach S. ab (von den Russen bis Port Arthur, S. 327, gebaut, jetzt nur bis Changchun noch russisch; die Südstrecke ist im Frieden von Portsmouth 1905 an Japan abgetreten und bildet jetzt das Hauptstück der Südmandschurischen Bahn. Von den sibirischen Expreßzügen (S. 316) wird ein Wagen in Charbin abgezweigt und läuft durch bis Changchun; Durchreisende können in diesem Wagen in Charbin übernachten. Fahrzeit Charbin-Changchun 9 St., Changchun-Mukden 61/2 St., Mukden-Dairen 8 St. Über diese Strecke geht zurzeit der Hauptpersonenverkehr zwischen Europa und China (besonders nach Peking, Hankau, Schanghai, Tsingtau etc.), aber auch ein großer Teil des Verkehrs nach Japan (besonders nach Nagasaki). Über direkte Fahrkarten vgl. S. 302.

Vom Charbin-Hauptbahnhof (S. 318) führt die Bahn durch fruchtbares Land mit Weizen-, Kartoffel-, Raps-und Maisfeldern; zahlreiche Wachttürme schützen die Bahnstrecke; bei (115 w) Dalatschao führt eine 735 m lange Brücke über den Sungari.—(152 w) Jaomönn (Bahnwirtschaft). Nahe hinter der russischen Grenzstation Kwangtschöngtse mit russischer Garnison erreicht man (222 w) Changchun (Tschangtschun; Yamato Hotel, komfortabel, Pens. 9-12 Yen, gegenüber Bahnhof, mit Büfett;—Yokohama Specie Bank;—Russisch-Asiatische Bank), Knotenpunkt der Ostchinesischen, Südmandschurischen und Kirin-Changchun-Bahn. Von Charbin kommend hier umsteigen in den bereitstehenden Expreßzug der Südmandschurischen Bahn (I. Kl. vorzügliche Pullman-Wagen, II. Kl. entspricht der III. Kl. in europäischen Zügen). Zeitwechsel, südmandschurische Zeit ist 23 Min. später als Charbinzeit (S. 318). Die alte Stadt mit 130000 Einw., 6 w südl. vom Bahnhof, mit lebhaftem Vieh-und Bohnenhandel. Changchun hat chinesische Garnison; die neue, von den Japanern am Bahnhof angelegte Stadt in europäischem Stil entwickelt sich schnell und hat japanische Garnison. [Zweigbahn östl. nach (120 w) Kirin, wichtigster Handelsstadt der Mandschurei für Holz, Bohnen, Tabak, mit 100000 Einw., von Mauern umgeben, am Sungari.]

Hinter Changchun treten l. die Vorberge der Ostmandschurischen Gebirge an die Bahn; bei (39 M = Miles von Changchun) Gungchuling steigt die Bahn bis 209 m ü. M., senkt sich aber wieder bei (145 M) Tiahling, Handelsstadt mit 50000 Einw., am Liauho, und erreicht

(189 M) Mukden (chines. Fengtien), alte Hauptstadt des frühern mandschurischen Reiches (mit etwa 175000 Einw.) und daher Stammsitz der bisher in China herrschenden Mandschudynastie, deren erste Kaiser hier noch zeitweise residierten.

Gasthöfe: Astor House Hotel, in der innern Stadt, deutsche Leitung, 10 Z., recht gelobt, gute Küche, Pens. $ 8.—Yamato Hotel, japanische Leitung, im japanischen Stationsgebäude, Pens. 9-12 Yen. Wagen: Droschken, Rikschas, chinesische Karren.—Pferdebahn bis zur innern Mauer. Eisenbahnen: Südmandschurische Bahn (japanisch) nach Changchun (und mit der Ostchinesischen Bahn weiter nach Charbin), nach Dairen und nach Antung (von wo weiter nach Söul, Fusan); Nordchinesische Bahn (chinesisch) nach Tientsin und Peking. Japanischer wie chinesischer Bahnhof liegen 5 km westl. von der Stadt entfernt. Bank: Yokohama Specie Bank (Korrespondent der Deutschen Bank) in der innern Stadt. Deutsches Konsulat, Konsul Dr. Heintges, Dolmetscher Dr. Siebert.

Mukden ist Sitz des Generalgouverneurs (Vizekönigsj der Mandschurei, der zugleich Gouverneur der Provinz Fengtien ist, und eines Bannergeneralleutnants. Starke Garnison moderner Truppen. Rings um Mukden fanden Ende Februar und Anfang März 1905 die blutigen Kämpfe statt, in denen die Russen durch die Japaner zum Rückzuge nach dem Norden gezwungen wurden. Die äußere Stadt ist von einem 18 km langen Lehmwall, die innere von einer starken Mauer, mit je 8 Toren, umgeben. In der Nähe des japanischen Bahnhofs eine der vier Eckpagoden der Stadt von indischem Charakter, —Die größte Sehenswürdigkeit ist der *Kaiserpalast; er liegt in der innern Stadt, in der Nähe des Astor House Hotels. Der letzte Kaiser, der ihn zeitweilig noch bewohnt hat, war Chienlung (1736-96). Der Palast ist in den Jahren 1907-09 wieder vollständig neu aufgebaut worden. Im Thronsaal steht noch der alte, in Holz geschnitzte Thron. In einem besondern Gebäude wird die Chronik des kaiserlichen Hauses aufbewahrt, die aber unzugänglich ist; gezeigt werden einzelne Stücke aus dem kaiserlichen Schatz: Gewänder, Helme, Waffen des Kaisers Chienlung, Stickereien, Gemälde, Porzellane, Nephritsachen u. a., ferner in einer besondern Abteilung eine große Menge Porzellan des kaiserlichen Haushalts. Einlaßpässe sind durch die Konsulate zu besorgen. Östlich schließt sich an den Palast ein Pavillon, in dem die Kaiser Audienz erteilten, mit den zugehörigen Gebäuden an.

Ausflüge: Nach dem nördlichen Kaisergrab Peiling, etwa 6 km nördl. der Stadt, mit Droschke oder Rikscha, Einlaßpässe durch die Konsulate. Das Grab liegt in einem Walde, der hinter der Anlage schöne Nadelholz- und Eichenbestände hat. Durch die ziemlich verfallene äußere Tierallee zu dem meist verschlossenen Südtor, das mit seinen lebhaften Farben in der grünen Umgebung sehr malerisch wirkt. Man fährt nach l. um die Umfassungsmauer herum zum Westeingang, durch den man den von Strandkiefern gebildeten düstern *Grabhain betritt, in die innere, mit Platten belegte Tierallee, die an dem Südtor (s. oben) beginnt und von steinernen Säulen und Tierfiguren, Himmelshunden, Pferden, Kamelen und Elefanten, eingefaßt wird. Den Abschluß der Allee bildet ein Gebäude mit schöner Kassettendecke, das eine riesige, aus einem Kalkmarmorblock gehauene Schildkröte enthält, die auf ihrem Rücken einen zweiten Monolithen trägt,in den die Lebensgeschichte des hier ruhenden Kaisers Taitsung (gest. 1643), des Vaters des ersten chinesischen Kaisers aus der Mandschudynastie, in Mandschurisch, Mongolisch und Chinesisch eingehauen ist. —Durch ein von einem turmartigen Aufbau gekröntes Tor in den innern Hof, der von einer hohen, breiten Steinmauer mit Ecktürmen umgeben ist. Die Dächer sämtlicher Gebäude sind aus den gelben Ziegeln kaiserlicher Bauten hergestellt. R. und l. auf dem innern Hof einige Gebäude für Mitglieder des kaiserlichen Hauses. In der Mitte auf erhöhter Terrasse, zu der eine Drachentreppe führt, die Ahnenhalle mit den Tafeln Taitsungs und seiner Familie. Dahinter vor dem Eingang zum eigentlichen Grabe steht die sogen. Geistermauer mit aus Stein gefertigtem Opfergeräten; dann durch einen Gang durch die Mauer des innern Hofes zu dem vermauerten Eingang des Grabhügels. Man steigt nun auf die Mauer und gelangt zu einer Halle mit kassettierter Decke, die einen Stein mit dem Namen Taitsungs in den oben erwähnten drei Sprachen enthält.— Nach N. hat man den mit einem Rundgang versehenen Grabhügel vor sich; er ist von einem verkrüppelten Baum gekrönt, der eine alte Familienlegende des kaiserlichen Hauses versinnbildlicht; im Hintergrund eine künstliche, mit Bäumen bepflanzte Erdhügelkette, die den Einfluß der bösen Geister des Nordens abhalten soll.—Auf der Mauer geht man dann zum Eingang des innern Hofes zurück. Das Ostgrab Tungling in der Nähe des Dorfes Tungling ist von Mukden etwa 18 km entfernt und nur sehr beschwerlich zu Pferde oder mit chinesischer Karre zu erreichen. Die Anlage ist ähnlich wie die des »Peiling«, nur wirkt die ganze Umgebung malerischer durch die Lage auf natürlichen Hügeln und durch die Nähe des Hunho (Fluß). Begraben ist dort der Vater Taitsungs, Tientsung (gest. 1636).

Die Südmandschurische Bahn führt dicht hinter Mukden auf 736 m langer Brücke über den Hunho, Nebenfluß des Liauho nach (199 M) Suchiatun [von hier Zweigbahn über Chienchinchai nach (34 M) Fushun am Hunho, wo die großen Kohlengruben der Südmandschurischen Bahn mit modernen Einrichtungen bis zu 5000 t täglich Kohlen fördern; 1/4 St. vom Bahnhof, jenseit des Hunho, liegt die alte Stadt Fushun]. Weiterhin über den Shaho, an dessen l. Ufer (205 M von Changchun) Shaho, kleine, aus dem japanisch-russischen Krieg bekannte Stadt. [Von hier Ausflug zu Fuß ostwärts 3 St. am Shaho entlang zum Besuch der Schlachtfelder vorbei am Nowgorod-und Putilow-Hügel bis an den Fuß des Taschan (Turm-oder Pagodenberg genannt), dort fahre man von Station der Kleinbahn Mukden-Antung nach Mukden zurück.] Die Bahn führt weiter über (216 M) Yentai, dessen Kohlengruben, 10 km vom Ort, von der Bahngesellschaft ausgebeutet werden, nach (230 M) Liaoyang (Bahnwirtschaft), ältester Stadt der Mandschurei mit 55000 Einw. und schönem *Lama-Turm, erbaut im 3. Jahrh. n. Chr.; 1372 wurde die Stadt mit Mauern umgeben; berühmte Branntweinbrennerei (Samschu); Hauptquartier der japanischen Bahntruppen. In der Schlacht bei Liaoyang, 30. Aug. bis 4. Sept. 1905, führte Kuropatkin seinen berühmten Rückzug aus.— Weiter über Haicheng nach (256 M) Tangkangtzu (Stadt mit heißen Quellen; Gold Spring Hotel).

Ausflug (sehr lohnend) von Tangkangtzu etwa 16 km östl. von der Bahn zum Kloster *Chienshan (Tschienschan) mit etwa 60 sehr alten buddhistischen Tempeln auf felsigen Hügeln in sehr malerischer Landschaft; besonders sehenswert ist die Tempelanlage der Drachenquelle (Lungtschuankuan) und der Tempel der Mildtätigkeit (Wuliangkuan), beide mitten in Waldeseinsamkeit. Schon der Kaiser Taisung (627-649) der Tang-Dynastie soll die Naturschönheit des Tschienschan bewundert haben.

Weiter nach (288 M) Tashihchiao (Daschitschau; Bahnwirtschaft). Hier Zweigbahn r. nach (131/2 M) Yingkou (S. 328), nur bis ans l. Ufer des Liao, dort übersetzen (bei Eisgang im Winter zuweilen unmöglich) zum Anschluß an die Nordchinesische Bahn.

Die Bahn führt über (306 M) Kaiping (Kaitschou), Stadt mit wichtigem Handel in Puppen der wilden Seidenraupe und Seide, tritt nahe an die Küste des Liaotunggolfs und läuft am Westabhang der Gebirge der Liaotunghalbinsel entlang über (326 M) Hsiungyuehcheng (ganz guter japanischer Gasthof; heiße Quellen im Flußbett des Hsiungyueh), weiter, die Halbinsel schräg durchquerend, über (359 M) Teliszu (Niederlage des Generals Stackelberg 15. Juni 1904 gegen General Oku) und (371 M) Wafangtien (Bahnwirtschaft), zur unbedeutenden Hafenbucht (388 M) Pulantien (früher Port Adams) am Liaotunggolf, Grenzort des japanischen Südwestzipfels der Liaotunghalbinsel. —(414 M) Chinchou (Kintschou) an der gleichnamigen Bucht am Liaotunggolf, wo 26. Mai 1904 die erste Schlacht stattfand, die Port Arthur vom russischen Heer abschnitt, und weiter über den Isthmus, der zur Kwangtunghalbinsel führt, an der Bucht von Talienwan über (429 m) Choushuitzu, Zweigbahn nach Port Arthur (S. 327), nach

(436 M) Dairen (früher Dalny), wichtigem japanischen Handelshafen auf 38° 56' nördl. Br. (wie Kalabrien), an der großen Bucht Talienwan (Dairenwan) der Koreabai, mit etwa 60000 Einw. (die Hälfte Chinesen). Der Platz ist wichtig als Endpunkt der Südmandschurischen Bahn und für den Postdampferverkehr nach China und Japan im unmittelbaren Anschluß an die Expreßzüge der Sibirischen Bahn. Vgl. beifolgenden Plan.

Dairen.
Dairen.

Gasthöfe: Yamato Hotel der Südmandschurischen Bahn, komfortabel, sehr gelobt, Pens. 9-12 Yen; Rioto-Hotel; Iwaki-Hotel u. a.—Post u. Telegraph. —Wagen: Droschken, Hotelwagen, Rikschas. Straßenbahnen (elektr.) durchziehen die ganze Stadt. Eisenbahnen: Südmandschurische Bahn (S. 324) nach Mukden und Port Arthur. Dampfer der Südmandschurischen Bahn (South Manchurian Railway Co. in Dairen: Tel.-Adr.: »Mantetsu-Dairen«), Anschluß an jeden Expreßzug von Moskau nach Schanghai; Osaka Shosen Kaisha und Nippon Yusen Kaisha, Anschluß nach Korea, Nordchina und Japan mehrmals wöchentlich; Reichspostdampfer der Hamburg-Amerika Linie nach Tsingtau, Schanghai und Tientsin (S. 265). Geld wie in Japan s. S. 342.—Bank: Zentrale der Yokohama Specie Bank für die Mandschurei. Deutsches Konsulat geplant. Klubs: Internationaler Dairen Club; Dairen Golfing Association; Seemannsheim. Ärzte, tüchtige, Deutsch sprechende japanische Ärzte im modern eingerichteten Central Railway Hospital.

Dairen, von den Russen nach großartigem Plan unter Aufwendung großer Geldmittel, aber erst in den Grundzügen angelegt, ist zwar in den letzten Jahren unter japanischer Verwaltung als Hauptausfuhrhafen für die Südmandschurei stark aufgeblüht, doch macht auch heute noch ein großer Teil des Stadtgebiets mit den breiten, nur mit vereinzelten Häusern besetzten Straßen einen recht öden Eindruck. Nur die vom Hauptplatz ausstrahlenden zehn modernen Straßen sind voll bebaut und belebt. Hauptsächlich werden Kohlen und Bohnen ausgeführt. Schon 1909 führte Dairen etwa die Hälfte der mandschurischen Bohnenernte (geschätzt auf 1 Million Tonnen) aus; die Bohnen und Bohnenkuchen gehen nach Japan, Amerika und England in solchen Mengen, daß der Weltschiffahrtsmarkt der Trampdampfer bereits stark durch die Bohnenausfuhr beeinflußt wird. In Dairen sind die Generaldirektion und Werkstätten der Südmandschurischen Bahn. Die Stadt hat elektrische und Gasbeleuchtung sowie gute Straßen. Der Hafen ist mit Trockendock und modernen Kaianlagen ausgestattet, aber den Nordwinden ausgesetzt und noch nicht genügend ausgebaggert. Zementfabrik und große Bohnenmühlen nahe Choushuitzu, auch andre Fabriken. Mehrere ausländische Firmen, auch einige deutsche, sind in Dairen ansässig. Das Klima ist gesund, im Juli bis 33°, im Januar bis-17°. Außerhalb der eigentlichen Stadt liegen das Chinesenviertel und zwei Vergnügungsplätze für japanischen Geschmack: Fushimipark und Yoshiwara. Die Umgegend von Dairen bietet Seebäder am Gelben Meer im Sommerbadeort Star Beach (Strandhotel der Südmandschurischen Bahn, billig, gelobt), mit Sommerhäusern. Etwa 5 km sö. von Dairen liegt die Sommerfrische Laohutan (Roko-tan), etwa 8 km sw. Kokusekisho (Blackstone Rock), am Fuß des Berges Dairen Fuji, an sehr schönem Strand mit phantastischen Felsformen; gute Fahrwege führen zu diesen Plätzen.

Von Dairen nach Port Arthur führt die Bahn üher (7 M) Choushuitzu u. (15 M) Hsiachiahotzu (Kakakashi) mit sehr schönem Badestrand am Tschiligolf. (39 M) Port Arthur (japanisch Ryōjunkō; Gasthöfe: Yamato Hotel der Südmandschurischen Bahn in der Neustadt, komfortabel, gelobt, Pens. 9-12 Yen;

Astor House; Asahi Hotel; Seirinkan. —Yokohama Specie Bank; Droschken, Hotelwagen, Rikschas zu haben; japanische Dampfer nach Tschifu), starkbefestigter Kriegshafen (Photographieren und Zeichnen in der Nähe von Befestigungen ist streng verboten!) auf der Kwangtunghalbinsel, mit nur noch etwa 15000 Einw., davon 10000 Chinesen, aber fast keine Europäer, vom chinesischen Vizekönig Lihungtschang um 1880 angelegt, vom japanischen Heer unter Oyama am 24. Nov. 1894 erstürmt, dann 1895 an China zurückgegeben, 1898 von Rußland »gepachtet« und durch neue, fast sturmfreie Forts stark befestigt, im russisch-japanischen Krieg von den Japanern unter General Nogi seit 6. Juni 1904 belagert und nach schweren verlustreichen Kämpfen am 2. Jan. 1905 zur Übergabe gezwungen (General v. Stössel war der Führer, General Kondratenko [gefallen 1. Dez. 1904] die Seele der Verteidigung), wobei 546 Geschütze u. 20 Kriegsschiffe (darunter 4 Schlachtschiffe) erbeutet wurden. Jetzt ist die Stadt Sitz des japanischen Generalgouvernements und aller Militär-und Marinebehörden für das Kwangtunggebiet. Port Arthur liegt in einer tiefen Einbuchtung des Gelben Meeres mit nur 300 m breiter Einfahrt, auf 38° 48' nördl. Br. (etwa wie Lissabon). Der 4 qkm große, innere, das ganze Jahr eisfreie Hafen ist von Bergen umgeben, die nach der Seeseite starke Befestigungen tragen; er ist jetzt zum Teil als Handelshafen für Ausfuhr der Fushunkohlen (S. 325) freigegeben. Die Neustadt mit dem europäischen Stadtteil und Regierungsgebäuden liegt westl. vom Bahnhof (der dicht am Hafen liegt), ist aber jetzt fast völlig verödet, der Handel hat fast aufgehört; die Altstadt, zumeist Chinesenstadt, liegt östl. davon. In den Läden der Altstadt Kriegserinnerungen zu haben. Die Umgebung, insbesondere die Küsten, sind reich an schönen Landschaftsbildern. Die im Krieg von den Japanern erstürmten Befestigungen, besonders das Nordfort des Tungchikuanshan (Osthahnenkamm und der 203 m-Hügel sind sehr sehenswert. Nahe der Stadt ein japanisches Kriegsmuseum mit vielen Modellen und Erinnerungen; westl. davon das japanische Kriegerdenkmal, als Leuchtturm gebaut u. mit Tempel, und weiter nw. jenseit der Bahn das russische Denkmal (englischer Führer mit Karte: Descriptive and historical sketch of Port Arthur im Gasthof zu haben). Die teilweise nicht wieder aufgebaute Hauptlinie der Befestigungen wird, von Militärs aller Länder viel besucht. Nur die Seefront darf nicht besichtigt werden.

Von Charbin nach Peking.

Vgl. die Karten bei S. 215 und S. 271.

Ostchinesische Bahn von Charbin nach Changchun und von hier Südmandschurische Bahn nach Mukden, vgl. S. 324. Von Mukden nach (524 M) Peking zweigt die Nordchinesische Eisenbahn (Imperial Railways of North China) westwärts ab; Schnellzüge ab südmandschurischer Bahnhof in Mukden im Anschluß an die Expreßzüge von Charbin (S. 323), Fahrzeit Mukden-Peking 23 St., Fahrpreise I. $ 31,70, II. 19,85, Zuschlag für Luxusexpreß $ 7 bzw. 5. —Über direkte Fahrkarten Berlin-Peking (rund 11090 km) vgl. S. 302.

Bahnfahrt von Charbin nach Mukden vgl. S. 324. Von Mukden fährt die Nordchinesische Bahn in westl. Richtung durch die steppenartige Liaoebene, die nicht besonders fruchtbar, aber wichtig durch ihre riesigen Schweineherden ist, die bis Peking exportiert werden, und überschreitet den Liaoho. Dann südwestl. weiter in der Liaohoebene nach Koupangtze.

Zweigbahn südl. nach Yingkou, Inkau, Niutschwang (Hotel Manchuria House; 30 Z., Pens. $ 8), dem wichtigsten Handelsplatz der südl. Mandschurei, auf 40° 44' nördl. Br., etwa 26 km oberhalb der Mündung des Liaoflusses in den Golf von Liaotung in der mandschurischen Provinz Schöngking; Yingkou hat etwa 52000 Einw. und ist seit 1858 dem Fremdhandel geöffnet, aber nur für kleinere Seeschiffe erreichbar.

Landungsbrücken für Seeschiffe bei der europäischen Niederlassung am l. Ufer. Der Bahnhof der chinesischen Nordbahn liegt am r. Ufer, der Bahnhof der südmandschurischen Bahn (die 30 km östl. bei Tashihchiao in die Hauptlinie Charbin-Mukden-Port Arthur [S. 326] mündet) am l. Ufer. Russisch-Asiatische Bank; Yokohama Specie Bank (Korrespondent der Berliner Disconto-Gesellschaft), beide Korrespondenten der Deutschen Bank.—Deutsches Konsulat (Vizekonsul J. Jaspersen).— Dampfer der Nippon Yusen Kaisha nach Taku, Tschifu, Tschimulpo, Nagasaki, Moji etc.; China Merchants-Dampfer nach Taku, Tschifu und Schanghai wöchentlich Agenten des Norddeutschen Lloyd: Bandinel & Co. —Der Liaofluß ist für Flußfahrzeuge bis nach Mukden schiffbar. An ihm liegt 48 km stromaufwärts die alte Chinesenstadt Niutschwang (Ying-tse-kou), mit bedeutendem Handel.

Die Hauptbahn läuft von Koupangtze südwestl. weiter über Kintschou (Chinchowfu, vgl. S. 318) und Ningjuen durch die schmale, zwischen der Nordwestseite des Golfs von Liaotung und dem Gebirge sich entlangziehende hügelige Küstenebene (Liaohsi), die als einzige bequeme Verbindung zwischen der Mandschurei und der Großen Ebene eine wichtige Rolle in der Geschichte Chinas gespielt hat (vgl. unten).

(261 M) Schanhaikuan (Railway Hotel), nahe am Meer, stark befestigte, 1368 erbaute chinesische Grenzstadt; hier beginnt die große Chinesische Mauer (S. 296) und steigt in malerischen Zickzacklinien, mit Wachttürmen besetzt, auf die Kämme der Hügelketten im Hinterlande; Höhe der Mauer etwa 10 m, Breite oben 8 m und mehr. Die ebenfalls ummauerte Stadt liegt westl., also innerhalb der Großen Mauer. Einen bessern Schutz bieten jetzt fünf moderne Forts. Der Bahnhof liegt vor dem Südtore der Stadt und etwa 4 km vom Meer.

Mehrfach sind Völkerstämme, aus Norden und Nordosten stammend, in der Liaoebene zeitweise seßhaft geworden, dort erstarkt und später durch Liaohsi nach China vorgedrungen. So eroberte um 900 n. Chr. der Stamm der Kitan, tungusischer Herkunft, Nordchina und begründete dort die von 905-1125 regierende Liaodynastie, der bis 1234 die stammverwandte Kin-Dynastie folgte. Die später in China zur Herrschaft gelangten Mongolenkaiser suchten daher die schmalste Stelle von Lioahsi durch eine das Ostende der Großen Mauer bildende Befestigungsanlage, das »Große Tor« (Schanhaikuan) gegen weitere Einfälle vom Liaotale her zu schützen. Trotzdem wurde Liaohsi noch einmal die Einfallspforte für fremde Eroberer, nämlich für den jetzt noch in China herrschenden tungusischen Stamm der Mandschu, die 1584 ins Liaotal kamen, 1616 Mukden und 1644 an Stelle von Mukden Peking zu ihrer Hauptstadt machen konnten.

Bei (281 M) Stat. Tangho liegt Tshinwangtau (Resthouse Hotel, bequem, 9 Z., Pens. $ 5), seit 1898 dem Fremdhandel geöffneter kleiner Hafen mit guter Landungsbrücke, 5000 Einw.; im Winter (November bis März), wenn die Takubarre gefroren ist, landen hier die für Tientsin bestimmten Postdampfer.—Die Bahn entfernt sich nunmehr von der Küste und geht über Peitaiho (Seebad) und Tschangli nach Lwantschou (Lanchow), alter Hauptstadt der Han-Dynastie, am r. Ufer des Lwanho, an dem etwa 160 km flußauf Jehol (S. 298) liegt. [Etwa 17 km nördl. von Lwantschou liegt die alte große Stadt Yungpingfu.]—Dann folgt Kaiping und (355 M) Tangschan, Stadt mit 40000 Einw. und wichtigen Kohlenbergwerken der chinesischen Regierung. Nun weiter über Lutai und Peitang nach (394 M) Tongku. Weiterfahrt nach Peking S. 280 und 277.

16. Korea.

Vgl. die Karten bei S. 271 und 337.

Die Halbinsel Korea, im NW. durch das wegen seiner rostförmigen Gliederung schwer überschreitbare Gebirgsland von Liaotung und den Yalufluß, im NO. durch die bis 2450 m hohe Schranke des Tschangpaischan wirksam vom asiatischen Festland abgeschlossen, war seit alter Zeit ein Zankapfel zwischen China und Japan und zuletzt Rußland gewesen, hat sich aber meist selbständig erhalten, bis es 1910 japanische Kolonie geworden ist. Die ganze Ostseite der Halbinsel fällt steil, felsig und fast buchtenlos ins Japanische Meer ab, die Süd-und Westseite sind niedriger, offen, stark gegliedert und inselreich, aber schwer zugänglich, da alle die Felseninselchen und Buchtenränder in einen dicken Schlammantel gehüllt sind. Die Halbinsel hat drei verkehrsreiche Hafenplätze, Tschimulpo im W., Fusan im S., Gensan im O. Das Innere ist meist mit Hügel-und Gebirgsland erfüllt; von der Ostküste aus erhebt sich steil ein Gebirgszug, der nicht über 1500 m hoch ist und nach S. niedriger wird, aber wegen hoher (900-1000 m) Pässe auf große Strecken schwer überschreitbar ist. Nach W. fällt er in einem buckligen, einförmigem Berg-und Hügelland langsam ab. Größere Flüsse konnten sich auf der Halbinsel nicht entwickeln, und die auf der Westseite vorhandenen kommen als Wasserstraßen höchstens so weit in Betracht, als die hohen Gezeitenwellen des Gelben Meeres in ihnen aufwärtsdringen. Dazu ist ihre Wasserführung sehr schwankend, und die nördlichen frieren im Winter zu. Dies gilt auch für den Yalu, den 800 km langen Grenzfluß gegen NW., der sich an seiner Mündung auf 4 km verbreitert, aber nur auf 60 km schiffbar (auf eine viel größere Strecke allerdings flößbar) ist. Korea liegt in der Breite Unteritaliens und Algeriens, aber der Winter ist in Mittelkorea keineswegs so mild wie in Algier oder Malta, sondern so rauh wie in Königsberg. Freilich ist er in der Mandschurei und im Liaotale noch viel strenger, die Winterkälte nimmt südwärts rasch ab (Januartemperatur in Charbin-18,7°, in Mukden -13,6°, in Tschimulpo-2,6° [Königsberg i. Pr.-2,9°], in Fusan 4,2°; dagegen in Malta und Algier 11,9°). Nordkorea ist den ganzen Winter über in Schnee gehüllt, im S. fällt Schnee nur auf den Bergen. Die Sommer sind in ganz Korea, Nordchina und der Mandschurei ungefähr gleich heiß, mit einer Mitteltemperatur des Juli oder August von etwa 24-25°, und zugleich die Zeit der Hauptniederschläge, die von Juli bis September fallen. Das Pflanzenkleid der Halbinsel wechselt vom S. zum N. stark wegen der Verschiedenheit in der Strenge der Winter. Im Südteile erscheinen schon immergrüne Pflanzen, wie Kamelien und Bambus. Das Waldkleid der Berge ist aber schon sehr stark gelichtet, und im trocknen Winter sieht daher ganz Süd-und Mittelkorea steppenartig kahl aus, während der warmfeuchte Sommer eine üppige Vegetation hervorbringt. Wald-und wildreich sind noch die Gebirge des Nordteils der Halbinsel und besonders des Nordostens; sie tragen unten Laub-, oben Nadelwälder. Die Bevölkerung ist, entsprechend der zentralen Lage der Halbinsel zwischen der Mandschurei, China und Japan, eine mongolische Mischrasse von sehr alter, aber stark herabgekommener Kultur. Das einst hochstehende Kunstgewerbe (Porzellan und Metall) ist ganz verschwunden. Die Kleidung der untern Stände ist weiß, die der Vornehmen farbig; die Frauen leben streng abgeschlossen. Die obern und untern Stände unterscheiden sich sehr scharf durch Typus, Kleidung und Kasten. Die Vornehmen haben schöne, feine Gesichtszüge und für Mongolen stattliche Körpergröße und tragen bunte Gewänder; die Gesichtszüge des niedern Volkes, das helle Kleider tragen muß, sind viel gröber, im N. tungusenähnlich mit flacher Nase und vorstehenden Backenknochen. Die Koreaner haben eine eigne mehrsilbige Sprache mit chinesischen Lehnwörtern, aber Buchstabenschrift (vgl. Imbault-Huart: »Manuel de la langue coréenne parlée«; Paris 1889).

Die Sittenlehre des Kungfutsze ist weit verbreitet, doch auch der Buddhismus hat noch Bedeutung. Viele Mönchs-und Nonnenklöster findet man in den Gebirgen. Das Unterrichtswesen gleicht dem japanischen; die Kunst des Lesens und Schreibens ist allgemein verbreitet. Die Grundlage der koreanischen Volkswirtschaft bildet der Ackerbau, weniger die Viehzucht, sowie an der Küste der Fischfang. Da der Ackerbau ganz im Gegensatz zum chinesischen in sehr primitiver Weise betrieben wird, so ist die Volkszahl nicht groß; sie beträgt jetzt auf 218650 qkm 93/4 Mill. Menschen (davon 126168 Japaner, 12332 Chinesen, 464 Amerikaner, 153 Engländer, 87 Franzosen, 33 Deutsche, 40 andre Europäer). Angebaut werden vor allem Reis, Hülsenfrüchte und Getreide sowie im N. die vor allem in China als Allheilmittel sehr geschätzte Ginsengwurzel. Der Teestrauch wird nicht kultiviert, da die Koreaner, im Gegensatz zu den Chinesen und Japanern, keine Teetrinker sind; dagegen wird die Seidenraupe gezogen, und von Nutzpflanzen sind die Baumwolle und der Tabak im S. verbreitet. Geschichte. Die Legende vom Ursprung des Königreichs Korea greift bis 2333 v. Chr. zurück; später bestanden verschiedene, sich befehdende Königreiche, bis Korea von 109 v. Chr. bis 314 n. Chr. zum erstenmal unter chinesische Gewalt fiel. Seit 37 v. Chr. bis 668 n. Chr. kämpften drei Königreiche um ihre Unabhängigkeit gegen China und Japan, später mit Japan gegen China. Von 668-935 blühte das Land geeinigt auf; von 918-1392 wurde es von der eingebornen Wang-Dynastie beherrscht, wobei die buddhistischen Priester und der Adel zu großem Einfluß gelangten, was viele Aufstände erzeugte; gleichzeitig wurden die Herrscher durch Heiraten von Mongolenprinzessinnen allmählich zu Mandschus. Kriegsschauplatz fremder Mächte war Korea zuerst 1268-1280, als Kublai Chan gegen Japan kämpfte. Seit 1392 gelangte infolge eines Palastaufstandes eine ältere Dynastie zur Herrschaft, die das Land Tschausian nannte; 1394 wurde Söul Hauptstadt. 1592-98 blutiger Krieg mit den gelandeten Japanern; 1627 und 1637 überfielen die Mandschu das Land und brachten es in Abhängigkeit zur Tsing-Dynastie. Trotzdem verstand Korea sich nach außen abzuschließen. Erst 1876 wurden für Japan einige Häfen geöffnet, 1884 auch für europäische Staaten. 1894 wurde das Land japanischer Kriegsschauplatz gegen China (wobei 1895 die Mutter des Kaisers von Korea von Japanern ermordet wurde), 1904 gegen Rußland. Seit 1910 ist Korea japanische Kolonie unter dem Namen Chosen (spr. tschosön, d. h. Land der Morgenröte). Der Generalgouverneur residiert in Söul. Die führende Aristokratie wurde dem japanischen Adel angegliedert, der Kaiser von Korea nach Japan ins Exil geführt. Der Besitz Koreas war für Japan eine Lebensfrage; es braucht das wenig bevölkerte Land als Siedelungskolonie.

Von Mukden nach Söul.

NB. Bester Weg für Japanreisende, welche die Seefahrt scheuen, vgl. S. 334.

Mit der Südmandschurischen Bahn (S. 324) von Mukden nach Antung, 186 M, Fahrzeit 7 St., von da mit der Koreanischen Bahn (Korean Railway) über die seit 1912 betriebsfertige Eisenbahndrehbrücke über den Yalu nach Söul, 312 M von Antung, Fahrzeit 12 St. Die Strecke Mukden-Antung, während des russisch-japanischen Kriegs als Kleinbahn schnell gebaut, ist inzwischen auf normale Spurweite ausgebaut; durchgehende Züge von Mukden (wie für die Strecke nach Dairen, vgl. S. 324) sollen seit 1912 im Betrieb sein. Es wird empfohlen, sich für die Bahnfahrt mit Lebensmitteln für drei Tage und reichlich mit warmen Decken zu versehen. Sie führt durch das Gebirgsland des nördl. Liaotung, das, aus den verschiedensten Gesteinen aufgebaut, eine entsprechende Mannigfaltigkeit der Oberflächenformen zeigt und, um als landschaftlich schön bezeichnet werden zu können, nur des Waldmantels großenteils entbehrt.

Die Bahn führt von Mukden südostwärts, schneidet die Kohlenbahn nach Fushun (S. 325), dann über (47 M) Penchihu, eine ruhige Kleinstadt mit Kohlenfeldern in der Nähe, tritt ins Gebirge Föngschuiling mit sehr malerischer Landschaft zwischen (58 M) Chiaotou und (84 M) Lienshankuan; 16 km westl. davon der im Kriege hart umstrittene Paß Motienling.—In (98 M) Tsaohokou (Gasthöfe: Nisshin, japanisch, teuer; außerdem ein chinesischer, beide mäßig) bleibt der Zug liegen bis zum nächsten Morgen, dann über (120 M) Chiumuchuang und (136 M) Chikuanshan in steilem Gelände nach (150 M) Fenghuangcheng, Stadt mit 8500 Einw., in deren Landschaft man den vielgipfeligen Phönixberg (Fenghuang = Phönix) erblickt.—Bei (172 M) Wulungpei werden heiße Quellen passiert, dann erreicht man (186 M) Shahochen, chinesische Stadt mit 21490 Einw., und daneben, nur durch einen Graben von der alten Stadt getrennt, (189 M) Antung (Anju, Ngantung), die neue japanische Hafenstadt mit 5264 Einw., am r. Ufer, 8 km oberhalb der Yalu-Mündung; der Hafen wird von Dschunken und kleinen Küstendampfern viel besucht. Gasthöfe: Kikuya Hotel; Gempokan; Yokohama Specie Bank. Konsulate: Amerika, England und Japan sind vertreten. Chinesische Zollstation. Aus dem waldigen Hinterland werden auf dem Yalu große Mengen Holz herabgeflößt; Antung ist der Sitz der Yalu Timber Co. (japanisch-chinesischer Betrieb).—Das Flußgebiet des Yalu (Japan. Amunyoku Kan) ist mit Urwald bestanden und 90 km aufwärts von Antung bis Chanson (Changseng) für Küstendampfer, 370 km aufwärts bis Maserhshan trotz Stromschnellen für kleine Dschunken schiffbar.

Von Antung nach Söul. Die Koreanische Staatsbahn (Expreßzug nur an bestimmten Tagen, mit Speisewagen, Fahrpreis Antung-Söul etwa 20 Yen; koreanische Bahnzeit ist 30 Min. später als südmandschurische, vgl. S. 324), die dem japanischen Generalgouverneur in Söul unterstellt ist, führt von Antung (s. oben) über die neue Yalu-Brücke nach Shin-Gishu (New Wiju) am l. Yalu-Ufer, Stadt mit etwa 15000 Einw., davon 1/3 Japaner; Handel mit Goldsand, Fellen und Ginseng (Kraftwurzel); Hafen für Küstenfahrzeuge; in der Nähe Goldwäschereien. Bei Pingyang (Phyöngyang), Provinzialhauptstadt mit 43000 Einw., am r. Ufer des hier nur für kleine Fahrzeuge schiffbaren Taitongkang; von hier Zweigbahn nach dem Seehafen Chinampo an der wattenreichen Mündung des Taitongkang mit etwa 1000 Einw., dem Fremdhandel seit 1897 geöffnet, aber von geringer Handelsbedeutung; japanische Dampferlinien nach koreanischen, japanischen und nordchinesischen Häfen.—Die Hauptlinie führt über Kaiseng und Lungshan nach (312 M von Antung) Söul (S. 333).— Anschlußstrecke Söul-Fusan nebst Dampferanschluß nach Shimonoseki s. S. 337.

Hand
Hand

Tschimulpo.

Ankunft zur See. Von Tschifu (S. 278) kommend, fährt man an Weihaiwai (S. 278) vorbei und dann auf die bis 125 m hohen Inseln zu, die der koreanischen Küste auf etwa 371/2° nördl. Br. vorgelagert sind; man steuert dann durch schwieriges, klippenreiches Fahrwasser zwischen vielen Inseln hindurch auf die Reede, wo die großen Dampfer etwa 4 km sw. vom Hafen ankern, während kleine im innern Hafen nicht weit von der Landungsbrücke für die Boote ankern.

Man benutzt Sampan oder Dampfboot zum Landen, Preis etwa 1 Yen. Zollamt an der Landungsbrücke. Gasthöfe: Yinsen Club Hotel.—Steward Hotel.—Post u. Tel.—Rikschas, Tragstühle, Reitpferde sind zu haben. —Eisenbahn nach Söul, 7 Züge tägl. in 11/2 St.; Bahnhof im europäischen Stadtteil am Hafen. Agent der Internationalen Schlafwagengesellschaft für die Sibirische Bahn: L. Rondon & Co. Dampfer: Hamburg-Amerika Linie nur gelegentlich.—Nippon Yusen Kaisha 14tägig über Fusan, Nagasaki nach Kobe und nach Tschifu.—Andre japanische Dampferlinien nach Japan, Tschifu, Dairen, Port Arthur.—Agentur des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika Linie im Hause Karl Wolter & Co. Geld wie in Japan, vgl. S. 342. Banken: Karl Wolter & Co., Korresp. der Deutschen Bank, der Berliner Disconto-Gesellschaft und der Chartered Bank of India, Austr. & China.—Hongkong & Shanghai Banking Co.—Sprache: s. S. 330. Englisches Missionshospital und japanische Krankenhäuser.—Größtes Handelshaus ist die deutsche Firma Karl Wolter & Co.—Tschimulpo Club.

Tschimulpo (Japan. Chemurupo], als Seehafen für die Hauptstadt Söul die wichtigste Hafenstadt Koreas, ist seit dem russ.-japanischen Kriege bedeutend gewachsen und hat jetzt etwa 30500 Einw. (15000 Koreaner, 13100 Japaner, 2000 Chinesen, 50 Europäer), ist seit 1883 dem Fremdhandel geöffnet und war vorher ein armseliges Fischerdorf. Jetzt sind hier eine japanische, eine chinesische sowie eine internationale Niederlassung im Aufblühen. Letztere ist die größte, sie nimmt einen Teil der Wasserseite, wo der Bau eines mit Schleuse geschlossenen Hafenbeckens geplant ist, sowie das ganze Hinterland ein; hier liegt auf einem Hügel mitten in schönen Gartenanlagen das schloßartige Haus des Hrn. Wolter, Chefs des Handelshauses Karl Wolter & Co., sowie das neue stattliche Haus eines Engländers. Von der Höhe *Aussicht auf Stadt und Hafen. Die Umgebung ist gebirgig, doch gut bebaut. Die Flußfahrt nach Söul ist langwierig, doch stellenweise sehr malerisch. Etwa 10 km sö. von Tschimulpo liegt die alte Stadt Intschön, deren Mauern aus der Zeit vor Christi Geburt stammen.

Eisenbahn Tschimulpo-Söul (11/2 St. für I. 1,41, II. 0,94 Yen; Gepäck 15 sen für 20 Pfund, dann 5 sen für je 20 Pfund mehr). Abfahrt vom Hafenbahnhof in Tschimulpo; Hst. Saalij am SO.-Ende der Stadt, hinter der französischen Kirche, für das koreanische Viertel. Dann Fahrt durch die Ebene über Pup-hyöng nach (30 km) Eitoho, wo r. die Südkoreanische Bahn (S. 336) nach Fusan abzweigt. Hinter (34 km) Nodol auf einer Brücke mit 10 Bogen über den Hangangfluß. —(37 km) Yungsan, wichtiger Flußhafen, mit katholischer Kirche; dann mehren sich die Dörfer, die Bahn läuft in die Hauptstat. Nandaimun am Südtor und weiter zur (42 km) Endstat. Saidaimun am Westtor, dicht an der Stadtmauer von

Söul (sprich schaul, ssaul oder siul), d. h. Hauptstadt, japanisch Keijo, chinesisch Wangking.

Gasthöfe: Sontag Hotel, in der Legation Street, nahe den Konsulaten und gegenüber dem Club; 25 Z., französische Küche, Pens. 7-8 Yen.—Astor House Hotel (früher Station Hotel), am Bahnhof; 20 Z., Pens. 61/2-8 Yen.

Post u. Tel. japanisch.—Rikschas (50 sen stündl.), Sänften, Reitpferde sind zu haben.—Straßenbahnen: 1. Von der Westvorstadt durch die Hauptstraße und das Osttor zum Grabe der Kaiserin; 2. Von Tjongno nach Ryong-san.—Eisenbahnen: nach Tschimulpo (s. oben); Südbahn nach Fusan 750 km; Nordbahn über Pingyang nach Antung (S. 332) mit Anschluß an die Mukden-Antung-Linie der Südmandschurischen Bahn (S. 324) und damit an die Sibirische Bahn (S. 316). Bester Reiseweg für Japanreisende, die das Seefahren nicht vertragen und auf diesem Wege, indem sie von Söul mit Bahn weiter bis Fusan (S. 336) fahren, nur die kurze Überfahrt von Fusan nach Shimonoseki, etwa 7 St. Seefahrt, durchzumachen brauchen. Im Bau Zweigbahnen nach Kunsanpo und Mokpo in Südwestkorea sowie die strategische Linie Söul-Gensan (Wönsan). Geplant ist eine Querbahn von Pingyang nach Gensan. —Geld wie Japan (S. 342).—Banken: Bank von Korea, mehrere japanische. —Sprache: S. 330.—Konsulate: Deutsches Reich, Generalkonsul Dr. Krüger.—Internationaler Club.— Japanisches Krankenhaus.—Zeitung: »Seoul Preß« (Regierungsorgan). —Europäische Geschäfte und Agenturen.

Söul ist seit 1394 Hauptstadt und geistiger Mittelpunkt Koreas; es liegt auf etwa 37,5° nördl. Br. (wie Sevilla), etwa 4 km nördl. vom rechten Ufer des Hangang in einer kesselförmigen Mulde und ist von Bergen bis zu 800 m Höhe eingeschlossen, auf deren Abhängen sich die mächtigen steinernen Stadtmauern von mehr als 20 km Länge hinziehen. Innerhalb der Stadtmauern erhebt sich der steile, 400 m hohe Nordberg (Puksan) und der 260 m hohe, dichtbewaldete Südberg (Namsan), an dessen Fuß das japanische Stadtviertel liegt. Außerhalb der 8 Tore von Söul liegen noch große Vororte. Die Stadt ist sehr weitläufig gebaut, zwei Hauptstraßen führen von N. nach S. und von O. nach W. hindurch. Die Stadt hat 230939 Einw. (davon 35000 Japaner, 2000 Chinesen und 100 Europäer). Das Klima ist kontinental, bis 36° C im Sommer, -15° C im Winter; beste Jahreszeit zum Besuch sind Frühjahr und Herbst, da dann auch die Landschaft besonders schön und regenfrei ist.—Rundfahrt. Man besichtigt zunächst bei der Einfahrt vom Bahnhof die mächtige Stadtmauer nebst Torpagode des Südwesttors mit tiefer Torwölbung. Von dem Platz, auf dem der Himmelsaltar (Wenku) steht, gelangt man zum Neuen Kaiserpalast, mit Seitenflügeln, zwischen denen die Anfahrtstraße zum Haupteingang liegt; die Stirnwand hat 3 Torbogen, vor denen 2 riesige, bizarre Steinlöwen stehen; das geschwungene Dach hat dunkelgrüne Ziegel; im innern Hof l. ein Gartenpalast, r. Beamtenwohnungen (Adelsgenossenschaft).—Man fahre dann an den Häusern der fremden Gesandtschaften vorbei zum Westtor, bei dem nördl. der Maulbeerpalast (Kjenghökung) steht, 1616 erbaut, jetzt eine ausgebrannte Ruine.—Von da durch die östl. Hauptstraße zum Glockenpavillon Tjongno, dessen Glocke 1396 gegossen wurde und seitdem abends und morgens das Schließen und Öffnen der Stadttore ankündete; die Glocke hat etwa 3 m Durchmesser und 31/2 m Höhe. Der Glockenpavillon liegt in der Mitte der Stadt im koreanischen Geschäftsviertel; dort sind große Basare und die besten Kramläden. In der Nähe die alte weiße Marmorpagode mit 13 Stockwerken (14. Jahrh.) und im Hofe eines Hauses ein alter Grabstein auf dem Rücken einer Schildkröte.—Dann folgt man der östlichen Hauptstraße bis zum Ahnentempel Htaimyo, biegt dann l. und gelangt zum *Alten Kaiserpalast (Tschyangkekkung), dessen riesige Anlage sich bis zu den Hügeln beim Nordtor ausdehnt und viele prächtige Granitbauten in einem schönen Park enthält (zum Besuch vorher Erlaubnis durch den deutschen Konsul auswirken); der Palast ist der glänzendste Bau rein koreanischen Stils und enthält eine prachtvolle Audienzhalle, einen schönen Thronsaal und geschmackvolle Pavillons an den Lotosteichen des Parks. In dem Kiefernpark wurde auf einer Stelle, die einem Musikpavillon ähnelt, die Leiche der von den Japanern ermordeten Kaiserinmutter 1895 verbrannt.— Nö. vom Alten Palast liegt der 1764 erbaute Tempel Kyengmokung und nördl. von diesem der aus dem 14. Jahrh. stammende Kungfutszetempel (Munmyo Munsyeng Wangmyo), mit uralten Bäumen im Hofe.—In wenigen Minuten gelangt man nun zum prächtigen Nordosttore der Stadt, vor dem in dem Bonzenheim Höngtyen in einem Nebensaale sehenswerte Gemälde der buddhistischen Hölle (myeng pu tyen) sind.—Nur wenig weiter liegt das Grabmal einer Königin, Tjöngröng, die 1396 starb und 1409 dort beerdigt wurde, ein merkwürdiger Bau in schöner Lage.—Außerhalb der Stadtmauern liegen viele Königsgräber in entzückender Landschaft. Sehr lohnend ist ein Ausflug (3 St.) auf der westwärts laufenden Südmauer der Stadt bis an ihren höchsten Punkt; dort *Aussicht über Stadt, Gebirge und bis Tschimulpo.

Ausflüge in die landschaftlich reizvolle Umgebung zu Pferde, besonders nach den fünf Präfekturfestungen, werden sehr empfohlen. Nach Pukhan etwa 12 km nördl. vom Westtor; nach Kwangdschu (Zitadelle von Namhan) etwa 25 km sö. vom Südosttor von Söul auf einem Berge, 1626 erbaut, mit neun Klöstern kriegerischer Bonzen, einem Königspalast, verschiedenen Yamen und Tempeln. Man braucht 2 Tage, übernachte (gegen Geldgeschenk) in einem der gastfreien Klöster. Der Ausflug in die *Diamantberge erfordert etwa 8-14 Tage Zeit, Ausrüstung mit Reitpferd und etwa 2 Packpferden nebst Führer und Mundvorrat, Bettzeug etc. (Nach Fertigstellung der südl. Bahnstrecke der Linie Söul-Gensan benutze man diese bis Kimsöng.) Man reitet auf der großen Landstraße, die von Söul nordostwärts nach Gensan führt (Bahn im Bau), am 1. Tage 50 km bis Yongpöng, am 2. Tage etwa 60 km bis Kimsöng (d. h. Goldstadt), ein verfallener Ort. [Von hier 30 km wnw. lag das Goldbergwerk Tangkukae eines deutschen Syndikats in waldigen, wasserreichen Bergen, seit 1906 wieder aufgelassen.]—Von Kimsöng wende man sich zu Fuß östl. in die Berge über mehrere steile Pässe zum reißenden Fluß Thaetsingang, dann im Tale von dessen Nebenfluß nach NO.; bald führt ein schmaler Felspfad über eine Bergkette und wieder hinab in ein enges Tal, bis man auf dessen Paß die gewaltige Bergmasse der Diamantberge von Korea, mit dem höchsten Gipfel Kimkangsan (1830 m), erblickt, zu denen man auf ausgetretenen, aber doch oft schwierigen, von vielen Pilgern besuchten Felspfaden gelangt. Mehr als 100 buddhistische Tempel und Pagoden sind auf den Hängen und in den Tälern der Diamantberge, meist in sehr malerischer Lage. Die koreanischen Mönche, die dort teils als Einsiedler, meist aber in großen Klöstern hausen (sie griffen 1592 zu den Waffen und halfen die Japaner aus dem Lande schlagen), sind sehr gastfrei (aber arm und anspruchslos) und dienen gern als Führer. —Von Kimsöng bis zum Kloster Tschanganso (Tempel des ewigen Friedens) kann man Packpferde mitführen. Dort übernachte man und klettere am nächsten Morgen (in starken koreanischen Leinenstrümpfen mit zähen Bastschuhen und festem Bergstock) mit Führern am Bergstrom bergauf, zum Teil an fast senkrechten Felswänden empor und am Kloster Piohunsa (Tempel der Erklärung der Gebote) vorbei.

An der Felswand hoch über dem Weg haust in einem Tempelchen eine alte Nonne. Nach 3 St. Steigen gelangt man zu einem Kloster im Urwald. Bei einer Lichtung sieht man eine Buddhafigur an hoher Felswand, aus dem Felsen herausgehauen. Bald erreicht man den 1340 m hohen Kamm der Kette, der 790 m über dem Kloster Tschanganso liegt; einige felsige Kuppen in der Nähe sind noch höher. Wunderbare *Aussicht bis zum Japanischen Meer und über die Gebirgsketten. Anstrengender Abstieg durch prächtige Eichen-und Buchenwälder, vorbei an einem buddhistischen Friedhof in einer runden Lichtung, in dessen Nähe das größte und älteste Kloster *Yüchömsa (Tempel der Ulmenberge) liegt, wo man übernachtet.—Am 5. Tage auf bequemem Wege zurück nach Tschanganso, am 6. nach Kimsöng, am 8. oder 9. nach Söul.—Auf Gasthofsverpflegung muß man in dieser wilden Natur verzichten. (Nach Dr. O. Franke.)

Japan und Korea.
Japan und Korea.

Von Söul nach Fusan und Shimonoseki.

Mit der Südkoreanischen Bahn (Fusanbahn) nach Fusan, 445 km, Fahrzeit etwa 10 St., Fahrpreis I. 14,70, II. 10,29 Yen, gute Expreßzüge mit Speisewagen.—Von Fusan mit Dampfer der japanischen Staatsbahnen nach Shimonoseki, täglich früh und abends, 122 Seem., Überfahrtszeit 7-10 St.; große, bequeme Schiffe, direkter Anschluß. —Söul-Shimonoseki, Fahrzeit 22 St.; Fahrpreis I. 26,70, II. 17,29 Yen; Söul-Kobe, Fahrzeit 37 St. für I. 32,70, II. 21,79 Yen; Söul-Tōkyō, Fahrzeit 53 St., für I. 41,98, II. 26,46 Yen. Rückfahrkarten für diese Strecken 20 % weniger als das Doppelte.

Von Söul (Saidaimun, s. S. 333) führt die Bahn über (12 km) Eitoho (Abzweigung der Linie nach Tschimulpo, s. S. 333), (50 km) Suigen, ummauerte Stadt am Fuße bewaldeter Hügel, (93 km) Seikwan, mit Schlachtfeld aus dem japanisch-chinesischen Krieg von 1894; hinter der Stadt setzt die Bahn auf 116 m langer eiserner Brücke über den Anjogawa, weiter über (211 km) Shinsen, Sommerfrische mit 72 m hohem, schmalem Wasserfall, erreicht in (243 km) Shufurei den höchsten Punkt im Gebirge, dann (323 km) Taiku, große ummauerte Stadt mit etwa 46000 Einw. (davon 1000 Japaner).— Weiterhin folgt (428 km) Sanroshin.

Zweigbahn über den breiten Fluß Rakutōko nach (24 km) Masanpho (japanischer Gasthof), wichtigem, im Ausbau begriffenen japanischen Kriegshafen mit Marinewerft, Trockendocks, mit etwa 40000 Einw., in einer malerischen Förde, von Bergen umschlossen, mit vorzüglicher Reede.

Die Hauptlinie erreicht (445 km) Fusan (Pusan), den zweitwichtigsten Seehafen Koreas mit 46000 Einw. (die Hälfte Japaner); Hotel Oike, Hotel Fusan, in beiden Pens. etwa 6 Yen; zwei japanische Banken. Japanische Dampferlinien nach Shimonoseki, Nagasaki, Wladiwostok, koreanischen und nordchinesischen Häfen. Das deutsche Handelshaus Karl Wolter & Co. ist in Fusan vertreten; außerdem viele japanische, chinesische und einzelne europäische Firmen. In der japanischen Stadt Militärhospital, PT. Fusan ist mit saubern Straßen gut angelegt, mit Wasserleitung, elektrischer Beleuchtung, schönen Läden, großen Reisspeichern versehen und besitzt ein sehenswertes *Handelsmuseum. Ein Telegraphenkabel führt nach der japanischen Insel Kyūshū. Der Hafen ist durch Inseln geschützt, im Binnenhafen sind Anlegebrücken für die Postdampfer. Ausfuhr umfaßt hauptsächlich Reis und Bohnen. Das Klima ist sehr gesund, die Temperatur schwankt zwischen 35° und-5° C; Taifune sind selten. Fusan ist beliebt als Seebad. Die bergige Umgegend ist sehr malerisch; 2 km nördl. von der Stadt liegt nahe der Bahn bei Fusan-Chin ein ummauertes koreanisches Schloß aus dem 17. Jahrh.

Von Fusan nach Shimonoseki (Dampferverbindung vgl. S. 336) läuft der Dampfer mit osö. Kurs quer durch die 120 Seem. breite Koreastraße, die Verbindungsstraße zwischen Japanischem und Ostchinesischem Meer, passiert r. Maru saki, das Nordende der bis 666 m hohen Inselgruppe Tsushima, in deren Nähe 27. und 28. Mai 1905 die russische Flotte vom japanischen Admiral Togo fast völlig vernichtet wurde, und erreicht nach 7-10stündiger Fahrt (122 Seem.) Shimonoseki (S. 355).

Japan.

Das Kaiserreich Japan im äußersten Osten Asiens, das Nippon oder Nihon der Japaner, bei Marco Polo Zipangu genannt, chines. Dschipönnkwo, das »Land der aufgehenden Sonne«, erstreckt sich in einer langen, aus drei großen Bogen mit 3850 großen und kleinen Inseln und Klippen bestehenden Reihe zwischen den verhältnismäßig flachen ostasiatischen Randmeeren und dem rasch zu außerordentlich großen Tiefen (bis 8500 m) absinkenden Stillen Ozean über 30 Breitengrade, von Formosa bis Schumschir, der nördlichsten der Kurilen. Die Inselreihe gliedert sich in sechs Gruppen: 1) Alt-Japan zwischen Colnett-und Tsugarustraße, in ältester Zeit Ō-yashima (»die großen acht Inseln«) genannt, die Inseln Hondo (Honshū), Kyūshū, Shikoku, Awaji, Sado, Okishima, Iki und Tsushima umfassend. 2) Die Insel Yezo (Yeso), seit der Restauration Hokkaidō genannt, nördl. von Hondo zwischen der Tsugaru-und der Lapérousestraße. 3) Die Kurilen (Japan. Chishima, »Tausendinseln«), 36 größere Inseln zwischen Yezo und Kap Lopatka. 4) Die Ryū-kyū-Inseln (Luchu, Liukiu), amtlich Okinawa, zwischen der Colnettstraße und der Insel Formosa. 5) Die Insel Taiwan oder Formosa (S. 245) und die Pescadores (S. 245). 6) Die Bonininseln, jetzt Ogasa-wara-shima genannt, im Stillen Ozean. Hierzu kommen seit 1905 die Halbinsel Kwangtung mit Dairen (Dalny) und Port Arthur, die südliche Hälfte von Sachalin, sowie neuerdings Korea. —Die Gesamtfläche des Landes beträgt 454868 qkm (Deutsches Reich 540742 qkm).—Für den Besuch seitens der Weltreisenden kommt im allgemeinen nur der Süden und die Mitte von Alt-Japan, bis nordwärts zur Mitte von Hondo, in Betracht. Auf diese allein bezieht sich daher die nachfolgende kurze Schilderung der Landesnatur. —Alt-Japan ist ganz vorwiegend ein Gebirgsland von sehr mannigfaltiger Gesteinszusammensetzung u. sehr verwickeltem Bau, der schon in der unregelmäßigen und zerrissenen Gestalt der Inseln zum Ausdruck kommt. An dem Aufbau des Landes haben außer Massen-und Schichtgesteinen aller Altersstufen auch jungvulkanische Ablagerungen einen bedeutenden Anteil, Vulkankegel beherrschen im mittlern Hondo die Landschaft. In dem vulkanischen Gürtel, der den Stillen Ozean umgibt, bildet Japan ein wichtiges Glied mit etwa 20 ab und zu noch tätigen und Hunderten von erloschenen Vulkanen. Von erstern liegen Asotake und Kirishima (Ausbruch 1896) auf Kyūshū, Asamayama, Shirane-san und Bandaisan im mittlern Hondo, Komagatake auf Yezo. Zu den erloschenen oder ruhenden gehören viele Gipfel auf Hondo, wie der berühmte Fuji-no-yama, dessen beschneiter Gipfel in die Lüfte ragt (S. 384). Erdbeben sind sehr häufig und ein Zeichen dafür, daß die Verschiebungen in der Erdrinde, denen auch die Vulkane ihr Dasein verdanken, hier am Außenrande des asiatischen Festlandsockels noch fortdauern.

In Hondo erreicht das Land in einigen vulkanischen Gipfeln (Fuji-san oder Fuji-no-yama 3778, Ontake 3185 m) seine höchste Erhebung und in der Meridiankette zwischen den Provinzen Shinano und Hida, den »japanischen Alpen«, den großartigsten Gebirgscharakter; mauerartig ansteigender Granit und zerklüftete Porphyrmassen erheben sich hier im Yatsugatake, bis 2932 m, während die Paßübergänge (1800-1900 m) fast nie ganz schneefrei werden. Gipfel von 2200 m Höhe und mehr sind im mittlern Hondo zahlreich; dagegen bleiben alle Berge der Hauptinsel westl. des Biwasees und der Bucht von Owari unter 2000 m. Das Klima ist gesund. Es steht, wie in ganz Ostasien, unter der Herrschaft der Monsunwinde, also warmer, feuchter Südwinde im Sommer, kalter und lebhafter NW.-Winde im Winter. Von dem Klima des benachbarten Festlands unterscheidet es sich aber vorteilhaft durch wärmere Winter, die in erster Linie dem mildernden Einfluß der Meeresumgebung verdankt werden. Die Niederschläge sind nicht in dem Maße wie in Nordchina auf wenige Sommermonate zusammengedrängt, sondern mehr über das ganze Jahr verteilt und anderthalb bis dreimal so reichlich wie in Deutschland. Hauptregenzeiten sind Mitte Juni bis Mitte Juli sowie September und Oktober. Die dazwischen liegenden anderthalb Monate sind trockner und heiß (Mitteltemperatur des August im Süden und in der Mitte von Alt-Japan 25,5-27°, die Maxima erreichen etwa 37°). Die tiefsten im Winter vorkommenden Kältegrade sind durchaus mäßig (in Nagasaki-5°, in Kyoto -12°), aber für die Japaner in ihren unheizbaren Holzhäuschen immerhin empfindlich. Januar und Februar sind in Hondo etwa so warm, wie in Süddeutschland der März, in Kyūshū noch wärmer. Der Winter ist also bedeutend kühler als in den in gleicher Breite liegenden Mittelmeergebieten und bringt dem südl. Kyūshū (auf gleicher Breite mit dem Nildelta) gelegentlich noch Frostnächte und Schnee, den Gebirgen überall und im N. auch dem Flachlande große Schneemassen, doch keine hohen Kältegrade. Die Temperaturverhältnisse der Hauptbesuchsmonate April und Mai entsprechen etwa denen des Mai und Juni in Mittel-u. Süddeutschland. Der September ist erheblich wärmer, der Oktober nur wenig kühler als unser Juli. Das Pflanzenkleid Japans ist infolge der milden Winter und feuchtheißen Sommer üppiger als sonst irgendwo unter gleicher Breite. Die Vegetation der niedrigeren Teile von Kyūshū, Shikoku und der Südhälfte Hondos trägt subtropischen Charakter, gegen die Südspitze hin mit Anklängen an die Tropen. Immergrüne Sträucher (Kamelien, Teestrauch, Rhododendren, Buchsbaum etc.) und Bäume walten hier vor, daneben spielen Nadelbäume —Kiefern und die schönen Kryptomerien sowie der merkwürdige Gingkobaum —eine wichtige Rolle, außerdem der Lackbaum und im Süden der Bambus. Zwergpalmen kommen auf der Westküste von Hondo nordwärts bis Tōkyō fort, eigentliche Palmen nur im Süden am Kyūshū. Das Waldkleid ist zwar in der untern, subtropischen Zone bis auf schöne Tempelwälder großenteils beseitigt, aber in den Gebirgen noch überall erhalten. Die Bevölkerung betrug im eigentlichen Japan, ausschl. Formosa 1910: 50751919 Ew. Die Japaner sind, wenn man von den Ainu, den Ureinwohnern der Insel Yezo (vgl. S. 343), absieht, heute ein einheitliches Volk nach Sprache, Sitte und Lebensweise, ursprünglich aber wohl ein Mischvolk, da sich außer der mongolischen Grundmasse auch mancherlei malaiische Einflüsse nachweisen lassen. Sie sind von kleinem, kräftigem Wuchs. Wie in Korea kann man einen feinern, vornehmen und einen gröbern, gewöhnlichen Typus deutlich unterscheiden. In der Entwickelung des Volkes spielte die Trennung nach Ständen eine wichtige Rolle. Diesen Ständen nach gab es 1903: 5055 Kwazoku (Edle), 2167389 Shizoku (alte Kriegerkaste, Samurai) und 44560397 Heimin (spr. hēmin, gewöhnliches Volk). Die Kwazoku (»Blume der Familien«) sind entstanden aus der Vereinigung des frühern Hofadels (Kuge) mit dem Feudaladel (Daimyō).

Nach der Beseitigung des Feudalwesens wurden 1884 fünf Adelsrangstufen geschaffen; danach gab es im Jahre 1908: 15 Kō oder Fürsten, 36 Kō oder Marquis, 100 Haku oder Grafen, 374 Shi oder Vicomtes und 379 Dan oder Barone, im ganzen 904 (man sagt Kōshaku, Hakushaku etc.) Adelsfamilien. Die Shizoku (moderner Name für Samurai) waren bis zum Anfang der Meijizeit die Beamten und erblichen Krieger der Feudalherren, zu deren Vorrechten das Schwertertragen und das Bauchaufschlitzen (Harakiri oder Seppuku) als freiwilliger Selbstmord nach Ehrverletzung und als reinigende Selbstbestrafung nach verübtem Verbrechen gehörten; heute stellen sie zum Teil die Offiziere und höhern Staatsbeamten. Das gewöhnliche Volk, für das erst seit 1868 der Name Heimin im Gegensatz zu den Shizoku üblich ist, war in der Tokugawaperiode (1600-1868) in drei Klassen geteilt, dem Range nach von oben nach unten: Hyakushō (Bauern), Shokunin (Handwerker) und Akindo (Kaufleute). Unter dem Volk stand noch eine verachtete Pariaklasse, die Eta (Abdecker, Gerber, Lederarbeiter, Totengräber).—Die Japaner besitzen hervorragende geistige Eigenschaften. Zu rühmen sind der Reinlichkeitssinn (Waschen und heißes Baden ist sehr beliebt) und natürliche Anstand, das im allgemeinen höfliche Benehmen, das heitere Familienleben, die Ehrerbietung der Kinder gegen Eltern, die Freude an den Schönheiten der Natur, das hohe Bildungsstreben und die bewunderungswürdige Vaterlandsliebe. —Das japanische Haus macht mit seiner leichten, luftigen Bauart, den Eindruck, als ob es einem wärmeren Klima entstamme, denn es hat nur dünne Holzwände, keine richtige Heizung (nur Kohlenbecken) und anstatt fester Zimmerwände verschiebbare Mattenwände. Der Hausbau ist somit besser an die häufigen Erdbeben als an die klimatischen Bedingungen angepaßt. Der Hausrat beschränkt sich auf Schränke und wenige Gebrauchs-und Schmuckgegenstände (Matten; Vasen, Hängebilder). Große Brände sind in den Städten häufig.—Der Japaner lebt mäßig. Nahrungsmittel sind vornehmlich in Wasser gekochter Reis, Hirse (im Gebirge), Hülsenfrüchte, Knollengewächse und Pilze, ferner Fische, Krusten-und Weichtiere; Brot, Milch, Butter und Käse waren unbekannt, Fleischspeisen wenig in Gebrauch. Zur Würze dienen Sojabohnen und Curry, gesalzene Rettiche (Daikon), Früchte der Eierpflanze (Nazu), Gurken u. a., als Genußmittel grüner Tee ohne Zutat, Reisschnaps (Sake) und Tabak, den beide Geschlechter gern rauchen.—Die Kleidung der Landbevölkerung, aus Baumwollenstoff und mit Indigo gefärbt, besteht oft nur aus einem Kittel und engen Hosen; bei Regenwetter trägt der Bauer einen eigentümlich aussehenden Mantel aus Stroh. Bei den Wohlhabenden spielen hellfarbige, schön gemusterte Baumwollen-und Seidenstoffe die Hauptrolle. Ein schlafrockähnliches Oberkleid, der Kimono, wird von Männern und Frauen getragen, er ist das eigentliche Nationalgewand und nur im Schnitt der Ärmel und im Gürtel bei beiden Geschlechtern verschieden. Zur bessern Kleidung gehört eine weite Hose (Hakama) und ein halblanger paletotartiger Überwurf (haori); Schüler und Schülerinnen tragen gleichfalls Hakama. Die Füße sind entweder nackt, oder bei besserer Bekleidung in ganz kurze, nur bis zu den Knöcheln reichende weiße oder dunkelviolette Strümpfe (Tabi) gehüllt; als Schuhwerk dienen Holzschuhe (Geta) und Strohsandalen (zōri und waraji), deren Riemen vorn zwischen der großen und der zweiten Zehe festgehalten werden, weshalb bei den Tabi auch die große von den übrigen Zehen getrennt ist. Die vornehmere männliche Bevölkerung, besonders die Beamten, tragen mehr und mehr europäische Tracht. Ein unentbehrlicher Gebrauchsgegenstand der Frauen ist der Fächer. Religion. Die Japaner haben sich schon früh vom Natur-zum Ahnenkult erhoben, der in der göttlichen Verehrung der Kami oder Geister berühmter Fürsten, Helden, Gelehrter neben zahlreichen untergeordneten Göttern besteht. Im Gegensatz zu dem vom Ausland eingeführten Buddhismus (Butsu-dō) hat man der ursprünglichen Nationalreligion den Namen Shintō (»Weg der Götter«, shin = kami) gegeben.

Eine bestimmte Glaubens-und Sittenlehre fehlt dem Shintō ursprünglich; seine Sittenlehre ist vermischt mit der Moralphilosophie des Kungfutsze und andrer chinesischer Weisen. Die Shintōtempel oder »Schreine« (Miya, Yashiro, Jinja) reinen Stils, einfach und schmucklos, aus naturfarbenem oder rotgestrichenem Holz erbaut, bestehen aus zwei Teilen, dem Honden (Shinden) oder Sanktuarium mit dem Sinnbild der Gottheit, und dem Haiden (»Gebetshalle«). Auf dem Altartisch und anderswo stehen Gohei, Stöckchen mit zickzackförmigen weißen Papierstreifen, eigentlich symbolischer Ersatz für Opfergaben; vor den Schreinen galgenförmige Portale, Torii. Der in vielen Miya sichtbare Metallspiegel ist dem Buddhismus (Shingonsekte) entlehnt. Den Göttern werden Speise-und Trankopfer dargebracht; die Tempelfeste (Matsuri) sind vielfach große Volksfeste. Wer sich durch Tapferkeit, Gelehrsamkeit oder Wohltätigkeit auszeichnet, kann nach seinem Tod unter die Götter versetzt werden. Die Shintōpriester haben nur im Amt besondere Tracht, es gibt für sie kein Zölibat und keine Klöster; ihre Würde ist erblich. 1903 zählte man 196400 Shintōtempel und etwa 100000 Shintōpriester bei zwölf verschiedenen Sekten. Mächtigen Einfluß auf den Kamidienst hat der Buddhismus ausgeübt, der in der Mitte des 6. Jahrh. n. Chr. nach Japan gelangte, sich schnell verbreitete u. im 13. Jahrh. zur höchsten Macht entfaltete. 1903 gab es in Japan zwölf buddhistische Sekten mit 72000 Tempeln und gegen 200000 Bonzen. Hauptsitz der buddhistischen Hierarchie ist Kyōto (S. 369). Zwischen Shintōismus und Buddhismus bestand früher keine scharfe Scheidung, da der Shintō, wenige Kultstätten wie Yamada in Ise und Kizuki in Izumo ausgenommen, sich mit dem Buddhismus amalgamiert hatte (Ryōbu-Shintō). Erst seit der Meijizeit (S. 344) ist wieder eine reinliche Trennung vorgenommen und der Shintō zur Staatsreligion erklärt worden. Doch herrscht trotzdem kein Gewissenszwang. Der Kaiser ist als theoretischer Nachkomme der höchsten Shintōgottheit, der Sonnengöttin Ama-terasu, der shintōistische Oberpriester des Landes und fungiert als solcher bei gewissen Staatsfesten, die in der Heiligen Halle (Kashiko-dokoro) des Palastes stattfinden. —Eine prägnante Darstellung des Wesens des Shintō von Florenz und des japanischen Buddhismus von Haas in »Kultur der Gegenwart«, Abteilung Orientalische Religionen (Leipzig, Teubner, 1906).—Das Christentum wurde bereits 1549 durch den Jesuiten Franz Xavier nach Japan gebracht und verbreitete sich schnell, wurde aber, nachdem auch hier wie in China die Dominikaner und Franziskaner Unfrieden gestiftet hatten, bis 1638 wieder ausgerottet und bei Todesstrafe verboten. Jetzt werden der christlichen Mission keine Hindernisse bereitet, aber die Bekehrten gehören meist dem niedern Volk an, und man darf sagen, daß dem Christentum in Japan kaum eine Zukunft blüht. Japanische Kunst. Am wenigsten entwickelt ist die Architektur. Die buddhistischen Tempel gehen auf chinesische Vorbilder zurück; die Shintō-Schreine reinen Stils, wie die von Ise, Kizuki etc. lehnen sieh dagegen an die Struktur des primitiven japanischen Hauses an. Die Wohnhäuser sind meist aus Holz, Geflechten aus Bambusrohr und Fachwerk, mit Papierfenstern und Schiebetüren, bisweilen auf gemauertem Unterbau. Auch die Plastik hat sich, abgesehen von den Bildern buddhistischer Gottheiten, auf die Kleinkunst in Bronze, Ton, Elfenbein, Holz etc. beschränkt.—Ihre höchste Blüte hat die japanische Kunst in der Malerei erreicht, sowohl selbständig als für dekorative Zwecke (Porzellan, Fayence, Lackarbeiten), deren Anfänge vor mehr als 1000 Jahren aus China hierher gelangt sind. Die Raum-und Luftperspektive sind dem japanischen Maler fast unbekannt. Ferner fehlt das Verständnis für das Helldunkel. Das natürliche Spiel der Lichter und Schatten gibt der Japaner nicht wieder, er kennt keine Glanzlichter und Reflexe, sondern sucht durch konventionelle Schatten und Hilfsmittel den Gegenständen die Wirkung des Plastischen zu geben. Da er in einem schwarzen Gegenstand, einem Gewand, einem Vogel, nicht durch Abtönung des Schattens und Lichtes zu modellieren weiß, wird den Faltenlinien ein weißer Grund gegeben, oder es werden die Innern Umrisse weiß ausgespart.

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