Zweiter Akt.
Georg Julius Schultz translation
Ein Empfangzimmer mit mehreren Thüren, links ein Fenster.
Erste Scene.
Famussoff. Ein Diener.
(Die Mittelthür wird von einem vorangehenden Diener rasch geöffnet und Famussoff tritt, elegant gekleidet, herein; an der Thür bleibt er etwas stehen, um den Diener zu mustern.)
Famussoff.
Hör’! Peter, hör’! An Dir ist stets was neu! Nun ist am Ellenbogen wieder was entzwei! (Setzt sich) Nimm den Kalender. — Doch den liest er Gerade wie ein alter Küster! Lies mit Gefühl, Verstand, und dann und wann Bei Punct und Komma halte an. — Doch schreib erst lieber Auf jenem leeren Blatte da, Der nächsten Woche gegenüber: „Am Dienstag zur Baronin Fladen „Bin auf Forellen ich geladen!“ — Wie ist die Welt doch wunderbar creirt! Wenn man darüber erst philosophirt, So schwindelt der Verstand. — O je, o je! Da nimmt man sich in Acht, und dann kommt ein Dinér! Drei volle Stunden muß man kauen, Und in drei Tagen kann man’s kaum verdauen! Bemerk’ am selben Tag — ach nein, Am Donnerstag wird das Begräbniß sein! O Menschenvolk — mit deinem leichten Sinn! — Wir müssen Alle doch dahin! — — — In jenen Kasten kommt doch jedermann, In dem man weder stehn noch sitzen kann. Doch will sich jemand Lob und Ruhm erwerben: Hier nehm’ ein Beispiel er! Der Sel’ge war ein achtungswerther Kammerherr — Er hatte hinten ja den Schlüssel, Schafft’ auch den Schlüssel seinem Sohn; Selbst reich, ich weiß das ganz genau, Vermählt’ er sich mit einer reichen Frau, Und fand Parthie’n für alle seine Töchter. Nun ist er todt! Als Frommer und Gerechter Ist er aus dieser Welt geschieden, Und — ruht in Frieden! Und wird beweint von Kind und Kindeskind — Die all das schöne Gut nun von ihm erben. — Was doch in unserm Moskau hier Für wicht’ge Männer sind Und leben hier und — sterben! — Am Donnerstag, schreib eins zum andern, Peter — Doch könnt’s auch Freitag sein, Wer weiß, vielleicht auch später, Muß ich zur Doktorswittwe gehn Gevatter stehn; Zwar habe ich noch nichts vernommen, Allein mir däucht es muß so kommen Wenn meine Rechnung richtig —
Zweite Scene.
Die Vorigen. Tschatzki.
Famussoff.
Ah! — Alexander, Du bist da! Nun — setze Dich.
Tschatzki.
Es scheint mir, Sie beschäft’gen sich —
Famussoff (zum Diener).
Geh, Peterchen.
(Der Diener geht ab.)
Ich merkt’ Geschäfte an, Die, Gott behüt’s, man leicht vergessen kann.
(Pause.)
Tschatzki.
Hab’ ich die Stunde etwa schlecht gewählt? Ich hoffe nicht, daß Ihrer Tochter etwas fehlt! — Ja, Sie sind mißvergnügt! Nicht wahr? Ich seh’ es am Gesicht, an Ihren Mienen, Was fehlet Ihnen?
Famussoff.
Ach, bester Freund, was ist da sonderbar? In meinem Alter — ei es ist zum lachen! — Soll ich noch Capriolen machen?
Tschatzki.
Davon ist nicht die Rede, — sagen Sie Mir nur — was macht Fräulein Sophie? —
Famussoff.
Daß Dich! — — Nun Gott verzeih! Fünftausend mal Dasselbe Lied zu meiner Qual Und stets das alte Einerlei: Bald von dem schönen Fräulein Tochter Bald von dem kranken Fräulein Tochter Und nichts im Kopf, als meine Fräulein Tochter! Sag mir, — Du hast Dich lang herumgetrieben, Und jetzt, so scheint mir’s — willst Du Dich verlieben, Und angelst gar nach meiner Tochter Hand?
Tschatzki.
Wozu die Frage?
Famussoff.
Ei, mir scheint sie passlich! Denn sieh’, ich bin ein Bischen doch mit ihr verwandt! Man hat zum Vater mich — das ist doch fasslich, Nicht grad’ ins Blaue so hinein ernannt.
Tschatzki.
Und wollt’ ich um die Tochter frein, Was würd’ des Vaters Antwort sein?
Famussoff.
Ich sagte Dir zuerst: sei kein Phantast! Verwalte besser, was Du hast; Allein vor allen Dingen Mußt Du’s im Dienste weiter bringen.
Tschatzki.
Dem Staate dient’ ich gern — allein Ich möcht’ Nicht Knecht Nicht Diener darum sein.
Famussoff.
Na! Da haben wir den lieben Hochmuth ja! Du solltest lieber fragen Wie unsre Väter es gemacht, Und mancher da in alten Tagen Es so erstaunlich weit gebracht. Wie kann man sich zu dienen schämen? Ein Beispiel solltest Du am sel’gen Oheim nehmen: Ja sieh’ — das war ein Mann, Den man zum Muster nehmen kann! Er speiste nicht auf Silber — nein auf Gold! Es wimmelte bei ihm von Dienern und Lakei’n, Es mochten wohl an hundert sein! Mit Orden ganz bedeckt kam er zu Hof gerollt. Wenn man so sah — wie ihn im langen Zug Zum Pallast die Carosse trug, Man wurde in Bewunderung versetzt. Er lebte stets bei Hof — und das war nicht wie jetzt — Das war vor Zeiten noch, ja ja! Das war ein Hof — wie nie die Welt ihn sah! Und Männer gab’s zu jener Zeit Von centnerschwerer Wichtigkeit. Du hättest Dich, wer weiß, wie tief gebückt, Sie hätten kaum mit dem Toupé genickt, Und war’s ein Günstling, ein Bojar, So ist’s gewiß, daß es noch ärger war; Sie aßen, tranken — ganz von uns verschieden, Nicht so, wie andre Sterbliche hienieden. Der Ohm? Was sind jetzt Fürst und Graf dagegen! Ein ernster Blick, ein stolzes Wesen War stets auf seiner Stirn zu lesen. Doch hätt’ ich den wohl sehen mögen Der, wenn es Noth that sich zu schmiegen, So wußte sein Genick zu biegen! — An einem Gallatag, vor allen Leuten Hatt’ er das Unglück auszugleiten, Und so — daß er sich fast den Hals gebrochen. Der Alte ächzt und krächzt — Und wie er endlich aufgekrochen, Hat Ihre Majestät zu lächeln ihm geruht; Ein Allerhöchstes Lächeln!! — Und was thut Der Schlaukopf nun! er macht’s noch bunter Und fällt zum zweitenmal und ärger noch herunter. Man lacht noch mehr, es schallt der Saal, Und er steht auf und fällt zum drittenmal! Nun, wie gefällt das Euch? Wir nennen’s einen klugen Streich! Krank fiel er hin, stand aber auf gesund. Denn seit der Frist Wen lud man öfter ein zum Whist? — Und wer hat schmeichelhafteres gehört? Wer wurde so wie er geehrt? Der Onkel! Und das nennt ihr Kleinigkeit! Wer wußte so wie er mit Rängen zu belohnen? Der Onkel, ja! Wer schaffte so wie er Pensionen? Der Onkel! Ah? — Und nu! Ihr da, von heute, was sagt Ihr dazu?
Tschatzki.
Ja, in der That, Sie können seufzend sagen: Die Menschheit sei verdummt in unsern neusten Tagen. Wie kann man auch — nach solchen Streichen Die neue mit der alten Zeit vergleichen! Zwar frisch ist noch die Kunde: Doch klingt sie glaublich nicht im Munde: Daß der zu Würden kam, Der nur die meisten Bücklinge geschnitten, Der nicht des Kriegs ruhmvolle Narbe trug, Nein, am Parquette sich die Stirn zerschlug! Der jedem Niederen — und lag’ er auf den Knieen, Begegnet’ unerträglich stolz, Doch wo ein Mächtiger erschien, In Artigkeiten fast zerschmolz! — — Man kann mit Recht bezeichnen jene Zeit Als die der Furcht und Niedrigkeit: Die niedrigsten und die gemeinsten Triebe Maskirten sich als Unterthanenliebe; — Ich rechne Ihrem Onkel dies nicht zu, Und lasse seine Asche gern in Ruh’ — Doch sagen Sie, wer wohl in unsern Tagen — Und möcht’ ihm Kriecherei auch noch so sehr behagen — Wer würd’ es wagen Auf’s Spiel zu setzen sein Genick Für einen gnäd’gen Lächelblick? Allein in jener Zeit Erregt’ ein solcher Purzelbaum noch Neid, Und mancher alte Herr hat still bei sich gedacht: O hätt’ ich’s doch so klug gemacht! Ja, Kriecherseelen giebt’s auch jetzt auf Erden Doch fürchtet jeder lächerlich zu werden; Und nicht umsonst wird jetzt, da sie nun wen’ger kühn, Von oben solchen Herrn auch weniger verlieh’n.
Famussoff (bei Seite).
Du großer Gott, er muß ein Carbonari sein!
Tschatzki.
Von solchen Flecken ist die heut’ge Welt wohl rein.
Famussoff.
Gefährlich ist der Mensch!
Tschatzki.
Jetzt athmet man doch frei, Und Niemand drängt zum Heer der Narren sich herbei.
Famussoff.
Was spricht er da — und redet wie gedruckt!
Tschatzki.
Beim Gönner dann die Decke anzugähnen! Geduldig warten, höflichst schweigen. Kratzfüsseln und den Rücken beugen, Dann, fiel ein Schnupftuch zu den Füssen Begierig los drauf schießen, Nach Stühlen laufen, um am Gönnertisch zu speisen! —
Famussoff.
Das also holt’ er sich von seinen Reisen? Die Freiheit predigt er! Nun eine saubre Führung! —
Tschatzki.
Wer auf den Gütern lebt, wer in das Ausland reist —
Famussoff.
Mein Gott, was ist doch Deine Zunge dreist, Du sprichst ja gegen die Regierung!
Tschatzki.
Und wer sich gar erkühnt, Daß er dem Chef nicht, nur der Sache dient!
Famussoff.
Wär’ ich Monarch, ich hielte solche Herrn Von meiner Hauptstadt fern Auf einen Büchsenschuß.
Tschatzki.
Ich lasse Sie zufrieden endlich.
Famussoff.
Nicht auszuhalten ist es — schändlich!
Tschatzki.
Ich schalt erbarmungslos auf Ihre Zeit, Auf die Vergangenheit; Doch hören Sie, wir wollen uns vergleichen; Sie können einen Theil von all dem Tadel streichen Und unsrer Zeit als Ueberschuß verleih’n, Ich würde nicht darüber schrei’n.
Famussoff.
Ich habe nichts mit Ihnen mehr zu schaffen, Irrlehren sind’s, und solche leid’ ich nicht.
(Er hält sich die Ohren zu.)
Tschatzki.
Ich streckt’ ja schon die Waffen, Und niemand widerspricht.
Famussoff.
Gut, gut, ich halt’ die Ohren zu!
Tschatzki.
Weshalb? Ich lass’ Sie ja in Ruh’.
Famussoff (heftig).
Durchschnüffeln da den ganzen Erdenball, Maulaffen überall — Dann geht’s nach Haus, nun sag’ mir einer offen, Von solchen soll man was solides hoffen!
Tschatzki.
Ich hörte auf.
Famussoff.
Um Gotteswill’n lass’ Dich bedeuten!
Tschatzki.
Ich wünsch’ nicht weiter mehr zu streiten.
Famussoff.
Erbarme Dich, lass’ mich in Ruh’!
Dritte Scene.
Die Vorigen. Ein Diener.
Diener.
Der Oberst Scalosúb.
Famussoff (ohne zu hören).
Nur zu, nur immer zu! Du kommst noch unter’s Halsgericht! Das ist gewiß, wie zwei mal zwei macht vier.
Tschatzki.
Es ist da jemand angekommen.
Famussoff.
Ich höre nichts! Vor’s Halsgericht!
Tschatzki.
Sie haben falsch vernommen: Es ist ein Fremder vor der Thür.
Famussoff.
Vor’s Halsgericht, vor’s Halsgericht mit Dir!
Tschatzki.
So kehren Sie sich um, Sie kriegten einen Gast.
Famussoff (dreht sich um).
Was? Krieg? Rebellion? Auf Sodoms Schicksal bin ich längst gefasst.
Diener.
Der Oberst Scalosúb hält vor der Thür, Befehlen Sie ihn zu empfangen?
Famussoff.
Schaafskopf! Natürlich! sagt’ ich’s Dir Nicht hundert mal schon? Schneller, lauf — Bitt’ ihn ergebenst gleich herauf, Sag’, daß ich hocherfreut, sag’ Wort für Wort, Sag’, daß ich ihn erwarte, — pack Dich fort! —
(Diener ab.)
(Zu Tschatzki.)
Ich bitte Dich Mosje, folg’ einmal mir: Es ist ein angeseh’ner Offizier Hat, für sein Alter unerhört — Schon einen Rang beneidenswerth, Hat Orden ohne Zahl, Ist heute oder morgen General, Dazu ist er solid in seiner Denkungsart; Ich bitt’ Dich, nimm Dich jetzt zusammen.
(Kopfschüttelnd.)
Ach, lieber Tschatzki, — nein! Nicht alles ist mit Dir — so wie es sollte sein! — — Er ist recht oft und gerne hier — Du weißt empfangen wird ja jedermann von mir. Die Leute hier vergrößern alles gleich; Da spricht man in der ganzen Stadt, Daß er ein Aug’ geworfen hat Auf mein Sophiechen — dummes Zeug —! Nun — möglich wär’s — Sophie ist frisch und roth, Allein sie ist noch jung; — ich sehe keine Noth So bald die Tochter aus dem Haus zu geben. Er mag sie wohl — wenn mich nicht alles trügt, Doch übrigens, wie es der Himmel fügt. Ich bitt’ Dich, kommt er her, So streite nicht die Kreuz und Quer. Erwäge doch ein jedes Wort Und wirf die albernen Ideen fort. Indeß wo bleibt er denn? Was kann das sein? Er ging gewiß zu mir, auf jene Seit’, hinein.
(Geht eiligst ab.)
Vierte Scene.
Tschatzki (allein).
Was kommt ihm an! Warum wohl so in Feuer! Und wie steht’s mit Sophie? Das ist bestimmt ein Freier. Wann that sie je so fremd mit mir, Und warum ist sie noch nicht hier? Wer ist der Scalosub? Dem Vater scheint er ja gewaltig theuer, Doch ach, es könnte sein Dem Vater nicht allein! ... Ja, bleibt drei Jahre nur von Haus, Dann ist’s mit Lieb’ und Treue aus.
Fünfte Scene.
Famussoff. Scalosúb. Tschatzki (im Hintergrunde).
Famussoff.
Herr Oberster hierher, zu uns, hierher! Hier ist es wärmer, bitte sehr! Friert Sie? — Die Wärme kann man gleich vermehren, Ich öffne schnell die Ofenröhren.
Scalosúb (im Bass).
Was, selbst zu klettern, nein, das gebe ich nicht zu! Auf Offiziersparol, das kann ich nicht erlauben.
Famussoff.
Sie wollen nicht, daß ich für Sie was thu’! Mein theurer Freund, Sie können glauben Für Sie, für einen Freund ist alles angenehm. Nun — machen Sie’s sich recht bequem, Den Hut hierher, fort mit dem Degen! Wir wollen ihn bei Seite legen; Hier ist ein Sopha, federweich.
Scalosúb.
Wo Sie befehlen — mir ist’s gleich.
(Sie setzen sich.)
Famussoff.
Ach, bester Freund, hier ist es grad’ am Ort! Von unseren Verwandten erst ein Wort, Zwar nur entfernt, zur Erbschaft kommt es nicht — Ihr guter Vetter gab mir unlängst drüber Licht — In welchem Grade ist verwandt Natalja Nikolajewna mit Ihnen?
Scalosúb.
Damit kann ich nicht dienen, Das ist mir nicht bekannt, Wir dienten nicht bei einem Regimente.
Famussoff.
Herr Oberst! Wenn ich Sie nicht kennte! Nein, wer mit mir verwandt, Den such ich auf und wär’s Im Grund des Meers! Da hab’ zum Beispiel jetzt Die ganze Kanzelei mit Vettern ich besetzt Ich nehme selten Leute, die mir fremd — Sie wissen ja, die Haut ist näher, als das Hemd! — Mein Secretair allein ist nicht mit mir verwandt, Ich nahm ihn wegen seiner schönen Hand. — Kommt nun die Zeit heran der Gratificationen, Da giebt es Kreuzchen hier zu Land, Und kleine Aemtchen — allerhand — Wie sollte man Verwandte nicht belohnen! Doch wollen wir zurück auf Ihren Vetter kommen Der Ihrer Protection so viel im Dienst verdankt.
Scalosúb.
Ja, Anno dreizehn war’s, wir thaten uns hervor, Zuerst im zweiten, dann im sechsten Corps.
Famussoff.
Beglückt der Vater, dem ein solcher Sohn geworden, Mich dünkt, im Knopfloch trug er einen Orden?
Scalosúb.
Ja, für den dritten Mai, Sie haben recht gesehn, Wir saßen fest in den Transcheen; Da galt’s! — Er kriegt’s im Knopfloch — ich am Hals!
Famussoff.
Ein lieber Mann, Man sieht ihm gleich den Helden an — Ein prächt’ger Mensch ist Ihr Herr Vetter!
Scalosúb.
Er hat sich leider jetzt Gott weiß was in den Kopf gesetzt! Er wäre eben avancirt, Da hatt er grad’ den Dienst quittirt, Und ließ im Stiche Rang und Orden. Drauf ging er auf sein Landgut hin Und ist ein Bücherwurm geworden.
Famussoff.
Ja, ja, das Lesen — o der jungen Thoren! Was geht dadurch nicht später oft verloren! Für Sie ist mir, was das betrifft, nicht bange; Längst sind Sie Oberster und dienten doch nicht lange.
Scalosúb.
Ich hatt’ mit meinen Cameraden sehr viel Glück: Vacanzen fanden sich fast jeden Augenblick, Da wurden ältre aus dem Dienst geschlossen, Und andre — plötzlich — todtgeschossen.
Famussoff.
Ja, ja, nur der besteht, Den Gott erwählet und erhöht!
Scalosúb.
Doch mancher hat noch größres Pferde-Glück! Wir gehn nicht weit zurück — Da nehmen Sie doch nur einmal Hier in der funfzehnten Division Zum Beispiel den Brigadegeneral!
Famussoff.
Mein Gott, Sie müssen es doch selber sagen: Sie können sich wahrhaftig nicht beklagen!
Scalosúb.
Ich thu’s auch nicht, allein dennoch — Sie wissen — Ich habe nach dem Regiment Zwei lange Jahre laufen müssen.
Famussoff.
Zwei Jahre laufen — Element! Dafür in andern Dingen Die Sie erreicht Ist es Sie einzuholen wohl nicht leicht.
Scalosúb.
Ja, freilich wird im Corps man ältre finden. Ich trat erst ein Im Jahre achtzehnhundert neun. Allein um rasch befördert sich zu sehn, Kann man verschiedne Wege gehn, Und hierin bin ich Philosoph, Ein jeder Weg ist mir egal Wenn er nur führt zum General.
Famussoff.
Sie haben so vollkommen Recht zu denken. Gott mög’ Gesundheit Ihnen schenken, Und dann den General, Und haben Sie den Rang einmal — Dann müssen Sie — was soll das Zaudern sein? Nach einer Generalin frei’n.
Scalosúb.
Ich sag’ durchaus nicht nein!
Famussoff.
Und das ist doch so leicht, mein Bester! Da hat der eine Schwester, Der eine Tochter hier am Ort. Die Bräute bringt man nicht aus Moskau fort, Sie mehren sich mit jedem Jahr. Ach lieber Freund, Sie müssen selbst gesteh’n Wo kann man in der Welt ein zweites Moskau sehn!
Scalosúb.
Ja, ungeheure Plätze giebt’s zum Exerciren.
Famussoff.
Nicht doch! ich meine den Geschmack und treffliche Manieren, Die Sitten, die von Alters her noch rühren. Zum Beispiel nur — man ehrt den Sohn Hier um des Vaters willen schon. Ist auch nicht viel an ihm, es wird ihm doch nicht fehlen, Besitzt er erblich nur so ein paar tausend Seelen — Der Bräutigam ist fertig — Und wär’ er noch so widerwärtig. Ein andrer, sei er auch gescheut Voll Klugheit und Belesenheit Und vollgepfropft mit hohen Dingen, Er wird in unsere Verwandtschaft doch nicht dringen; Denn darin sind wir ohne Tadel Wir halten noch allein auf alten ächten Adel. Und das ist’s nicht allein! — was Gastfreiheit betrifft! Wer hat vollkommner sie gefunden, Und hätt’ er auch die ganze Welt umschifft —! Die Thür ist auf — zu allen Stunden; Geladen oder nicht, es strömt der Gäste Menge, Den Wirth erfreut besonders das Gedränge, Ausländer, die natürlich ganz voran — Es sei ein Schelm, es sei ein Ehrenmann, Das ist uns ziemlich gleich, in jedem Falle Steht unser Mittagstisch gedeckt für Alle. Ja — wie man uns betrachten möge, Vom Hacken bis zum Nacken — Wir Moskowiter haben ein absonderlich Gepräge. Da, nehmen Sie zum Beispiel unsre Jugend Die junge Welt, die Söhnchen, Enkelein; O, die sind fein! Zwar predigen wir streng Moral und Tugend, Und doch kann oft mit funfzehn Jahren Der Lehrer viel von ihnen schon erfahren. Dann unsere alten Herren, welche Geister! Im Disputiren sind sie Meister. Wenn es so losgeht über Staat und Krone, So sprechen sie wie lauter Salomone. Ein jeder weiß, er ist aus altem Haus, Was andre denken, was macht er sich draus! Und die Regierung, wie mit der sie fahren! Wenn’s jemand hörte, lass’ uns Gott bewahren! — Nicht daß sie grad’ was neues wollten — nein Behüte Gott; allein sie schrei’n Und streiten über dies und das Und wissen selber oft nicht — was. So geht es fast bei jedem Schmaus, Man lärmt und tobt und — fährt nach Haus. Wahrhaftig, lauter Kanzler außer Diensten!
(Leiser.)
Und im Vertraun — noch unreif ist die Zeit — Doch ohne diese Herrn kommt man gewiß nicht weit. — Die Damen gar, das sind die höchsten Richter, Doch richt’ sie einer nur, da machen sie Gesichter, Und wenn beim Kartenspiel die Stimme sie erheben Da giebt es oft Tumult, Daß wirklich alle Fenster beben. Mit Frauen schenk’ uns Gott Geduld, Ich weiß es leider ganz genau Ich selber hatt’ ja eine Frau! Wir haben Frau’n, wahrhaftig desperat! Sie sind in allem firm, schickt sie in den Senat, Schickt vor die Fronte sie; zum Beispiel da Irina Wlássjewna, Lukérja Alexiéwna, Tatjana Júrjewna, Pulcheria Andréewna! Dann unsere Töchter! Ist’s nicht wahr? Die königliche Majestät im vor’gen Jahr Als sie geruht zu uns zu kommen zum Besuch, Konnt’ sich verwundern nicht genug. Sie fand sie grad’ nicht klassisch schön, Doch klassisch wohlerzogen. Und wahrlich, unsere Töchter sind’s auch — ungelogen — Wie sie verstehen sich zu kleiden, In Mousselin und Sammt und Seiden! Sie können selbst — es ist ein Ohrenschmaus Französische Romanzen singen, Und von den Noten zwingen Die allerhöchsten sie heraus. — Besonders hängen sie am Militair, Das — kommt vom Patriotismus her. Ja, ja, man suche nach in allen Reichen, Man forsche nach von Land zu Land, Nichts ist mit Moskau zu vergleichen.
Scalosúb.
Ja wohl, und seit dem großen Brand Ist unser Moskau ganz charmant.
Famussoff.
O nichts davon! Da haben uns geklungen Die Ohren schon genug! Ja, was für Neuerungen Seitdem sieht doch ein jedes Haus, Trottoirs und Straßen anders aus.
Tschatzki (in den Vordergrund tretend).
Die Häuser wurden neu, die Vorurtheile blieben! — Sie brauchen sich nicht zu betrüben. Was können Moden, Jahre, Brand und Krieg! Den Vorurtheilen blieb der Sieg.
Famussoff (leise).
Mach’ Dir doch einen Knoten zum Gedächtniß. Zu schweigen bat ich Dich so sehr, Wird Dir denn das so schrecklich schwer?
(Zu Scalosúb.)
Herr Oberst — hier — wenn Sie erlauben — Des seel’gen Tschatzki, meines Freundes, Sohn, Er dient nicht — sollten Sie es glauben! Ein Eigensinn! Das heißt — er sieht im Dienste nicht Gewinn. Doch wenn er wollte, könnt’ er vieles leisten. Er schreibt vortrefflich, übersetzt — Schad, schade das, — das muß man sagen!
Tschatzki.
Recht schade — daß Sie nicht wen anders so beklagen, Denn selbst Ihr Lob hat mich verletzt. —
Famussoff.
So richt’ ich nicht allein, ich höre es von Allen.
Tschatzki.
Und wer sind diese Richter? Wie? Sind es nicht etwa die, Die ihrer Glatze wegen schon allein Uns Jugendsinn und Freiheit nicht verzeih’n? Sie schlagen in Journälen nach Und möchten alles Alte gleich vergöttern. Sie schöpfen Urtheil aus vergessnen Zeitungsblättern, Aus jener Zeit, die von Otschákoff sprach Und der Eroberung der Krimm. — Woher der ew’ge Haß und Grimm? Das neue lassen sie nicht gelten Und singen stets das alte Lied, Stets fertig sind sie nur zu schelten Und sie bekritteln, was geschieht, Und merken’s an sich selber nimmer Das: um so älter um so schlimmer! Wer nicht so denkt wie sie — den nennen sie Verräther! Wo sind sie denn, des Landes Väter, Von denen man als Muster spricht! Ich seh’ sie nicht! — Ist’s etwa der? Ein Millionär Durch Dieberei geworden? Und der mit vollem Sack und seiner Brust voll Orden Dem Schwerdt der Themis trat entgegen? Natürlich sank der guten Göttin Degen Herab, so viel Verdienst zu lieb, Und sehen Sie — nun baut der Dieb Sich einen prächtigen Pallast Wo festlich er mit dem gestohlnen Gute prasst, Die Gäste strömen hin zu Hauf; Doch stände wohl ein Gast Als Kläger seines Wirthes auf? Wer würde wohl in Moskau sich erfrechen So weit zu gehn Von irgend jemand schlecht zu sprechen, Der Bälle giebt und Assembleen? — Ist wohl mein Richter der, vor dem ich einst den Rücken In meiner Kindheit mußte bücken? Gott weiß aus welchen räthselhaften Gründen! — Der Nestor — alt und grau in Sünden, Der seine Diener oft verwettet Wenn er im Zorne und berauscht: Und den, der Ehre ihm und Leben oft gerettet Weil es ihm so gefällt, mit einem Windhund tauscht? — Ist’s jener, der zu ganzleibeigenem Ballet Die Kinder von den Aeltern reißt Und sie nach Moskau kommen heißt? Sie werden auch in großen Schaaren Und fuderweis hierher gefahren Wo er, der nur vom Zephyr träumt Und Amoretten-Reigen Stolz ist der Stadt sein Werk zu zeigen. Doch leider steckt er sehr in Schulden, Die Gläub’ger woll’n sich nicht gedulden Und all die Seelen da, von ihm getauft Zu Amoretten und Zephyren Sie werden nun nach Rechtsgebühren Stückweise unterm Hammerschlag verkauft! — — — — Da haben Sie’s! Und das sind unsre Richter! Das sind die Sterne und die Lichter! Das sind die Alten und die Weisen Die Sie mir stets als Muster preisen. Und was geschieht? Versuch’s ein junger Mann, Der nicht das Kriechen leiden kann — Und lege sich mit ganzer Kraft Allein nur auf die Wissenschaft: Er will nicht Stellen, will nicht Rang, Er fühlt nun einmal einen andern Drang — Der Himmel goß vielleicht in seine Brust Des künstlerischen Schaffens Lust, Sogleich erhebt man ein Geschrei Mordjo! Verrätherei! Man fliehet ihn, wie einen tollen Hund Und munkelt von geheimem Bund. — Die Uniform — nur sie, ja! ja! — In frührer Zeit Hat ihre Stickerei manch Eselsohr bedeckt. Wie viel Verächtlichkeit Wird unter ihrem Glanz versteckt! Und wir, wir sollen nun dieselben Wege gehn? Es ist nicht auszustehn! Und eben die Manie kann man ja schau’n Bei unsern Mädchen, unsern Frau’n! Ich selbst war unlängst noch verliebt in die Livrei, Doch jetzo lach’ ich über solche Narrethei. Doch anders ging es damals her, Wer war nicht ganz vernarrt in’s Militär? Einst bei’m Besuch von Gardeoffizieren Schien unsre Damenwelt die Sinne zu verlieren: Sie schrien Hurrah! Kaum ist’s zu glauben, Und warfen in die Luft die Hauben.
Famussoff (bei Seite).
Es wird ihm noch gelingen In’s Unglück mich zu bringen! —
(Laut zu Scalosúb.)
Verzeihen Sie, Herr Oberst, ich muß fort, Doch ich erwarte Sie im Kabinette dort.
(Geht ab.)
Sechste Scene.
Scalosúb und Tschatzki.
Scalosúb.
Was mich besonders intressirt Ist, wie Sie so geschickt berührt Die Vorurtheile unsrer Stadt Die man hier für die Garde hat. Die Garde — das ist ihre Wonne! Man schaut sie an wie eine Sonne. Warum zieht man sie vor Zum Beispiel unserm ersten Corps? Worin blieb dieses vor der Garde je zurück? Hat’s schlecht’re Taillen etwa und Geschick? Was wollen diese Evastöchter, Sitzt unsre Uniform denn schlechter? Ich kann gleich ein’ge Offiziere nennen Die selbst französch parliren können.
Siebente Scene.
Scalosúb. Tschatzki. Sophie (stürzt zum Fenster). Lisette.
Sophie.
Ach Gott — er fiel — er ist verloren! ah!
(Sinkt hin auf einen Stuhl.)
Tschatzki.
Wer fiel?
Scalosúb.
Sag’, was geschah?
Tschatzki.
Vor Schreck liegt sie in Ohnmacht ja!
Scalosúb.
Wer denn! Woher! Was ist passirt?
Tschatzki.
Hat sie sich weh gethan? Stieß sie wo an? Was ist geschehn?
Scalosúb.
Ist was dem Alten arrivirt?
Lisette (immer bei Sophien beschäftigt).
Ach seinem Schicksal kann man nicht entgehn! Moltschálin stieg zu Pferde Es bäumte sich, er stürzt’ zur Erde Und grade Kopfvoran.
Scalosúb.
Zu straff zog er die Zügel an, Ja, so ein Sonntagsreiter vom Civil! Ich will doch hören wie er fiel Ob seitwärts oder ob nach vorne.
(Geht ab.)
Achte Scene.
Tschatzki. Lisette. Sophie (in Ohnmacht).
Tschatzki.
Wie soll man helfen, sage schneller!
Lisette.
Dort steht ein Glas auf einem Teller.
(Tschatzki läuft fort und holt Wasser — alles wird halbleise und schnell gesprochen.)
Schnell gießen Sie ’s ins Glas!
Tschatzki.
Das ist schon lang gescheh’n! Lös ihr das Mieder! — Die Schläfen reib’ mit Essig doch! Besprenge sie mit Wasser noch! So, so — sie athmet wieder Nun fächle sie. — Sophie?
(Sophie seufzt.)
Lisette.
Da seufzte sie!
Tschatzki.
Sieh’ aus dem Fenster — da — Da steht Moltschálin ja! Und diese Kleinigkeit konnt’ sie erschrecken!
Lisette.
Es muß in Damen-Nerven stecken. Das Fräulein kann es nicht ertragen, Fällt Jemand über Kopf und Kragen.
Tschatzki.
Besprenge sie mit Wasser doch, So recht — noch einmal — noch!
Sophie.
Ach! Was ist geschehn, mir ist so schwach! Wer ist um mich?
(Springt auf, heftig.)
Wo ist er, sprich? Was ist’s mit ihm?
Tschatzki.
Ei, welch ein Ungestüm! Ich wollt’ er hätte sich den Hals gebrochen, Er schreckte Sie zu Tode fast.
Sophie.
Das war unmenschlich doch gesprochen, Sie wollen es, daß man Sie haßt!
Tschatzki.
Ich sollte mich auch noch mit ihm befassen?
Sophie.
Ja! eilen, laufen, ihn erretten!
Tschatzki.
Und Sie in Ohnmacht liegen lassen?
Sophie.
Was sind Sie mir? Doch war es fremdes Unglück ja! Und läg’ der eigne Vater da, Sie rührt’ es nicht.
(Zu Lisette.)
Komm’ schnell, was stehst Du noch?
Lisette (führt Sophie zum Fenster).
Wohin, besinnen Sie sich doch! Er lebt, es ist ihm nichts geschehn, Sie können ihn hier aus dem Fenster sehn.
(Sophie eilt zum Fenster.)
Tschatzki (bei Seite).
Entsetzen, Ohnmacht, Zorn! — So kann man nur empfinden Wenn den Geliebten man verliert!
Sophie (zu Lisette).
Siehst Du, wie sie den Arm ihm binden! Er kommt, er wird herauf geführt!
Tschatzki.
Ich wollt’, ich hätt’ mit ihm den Hals gebrochen!
Lisette.
Per compagnie! Nun das ist brav gesprochen.
Sophie.
Ach, lassen Sie’s beim Wunsch!
Neunte Scene.
Die Vorigen. Scalosúb. Moltschálin (den Arm in der Binde).
Scalosúb.
Da ist er! Er erstand! Und unverletzt! — Nur seine Hand Bekam was ab und etwas hier der Arm Das ganze war „un faux allarm!“
Moltschálin.
Ich habe Sie erschreckt? Ach nein? Mein Gott, Sie werden doch verzeih’n!
Scalosúb.
Ich glaubte nicht — auf Ehre! Daß man durch solche Kleinigkeit Codille gleich verlöre! Sie stürzten her in großer Eile, Und ich erschrak, so wahr ich ehrlich bin! Sie fielen gar in Ohnmacht hin Und alles für die Langeweile! Für nichts und wieder nichts.
Sophie (ohne aufzublicken).
Ich seh’ es ein — und doch Am ganzen Leibe zittr’ ich noch.
Tschatzki (bei Seite).
Und zu Moltschálin nicht ein Wort?
Sophie (wie oben).
Es fehlt mir nicht an Muth Wirft auch der Wagen um, ich fahr’ gleich weiter fort — Doch konnt’ ich nie mit kaltem Blut Es sehn, wenn andre in Gefahr, Und wenn es gleich ein Unbekannter war. — Und wenn der Schaden auch geringe Es ist unmöglich, daß ich mich bezwinge.
Tschatzki (bei Seite).
Will sie bei jenem sich vielleicht Entschuldigen, daß sie Gefühl gezeigt Für irgend einen in der Welt!
Scalosúb.
Erlauben Sie, da fällt Mir ein Histörchen ein; Die Fürstin Lassoff hier ist Reiterin, Ob Wittwe zwar, von Profession, Doch meistens reitet sie allein, Den Cavalieren scheint sie nicht sehr zu gefallen. Die Arme ist in diesen Tagen Vom Pferd gefallen Und hat sich arg zerschlagen; Die Schuld lag an dem Tölpel von Jokei, Er zählte Mücken wohl und sprang nicht schnell herbei! Sie soll schon ohnedem sehr unbeholfen sein, Nun, sagt man, soll ihr eine Rippe fehlen — Und darum möcht’ sie wieder sich vermählen, Und sucht jetzt eifrig einen Mann Der sie als Rippe stützen kann.
(Er lacht.)
Sophie.
Mein Gott, Herr Tschatzki, das ist was für Sie! Was meinen Sie zu der Parthie? Sie sollten recht so menschenfreundlich sein, Als Rippe sich der Wittwe weih’n — Denn fremdes Unglück rührt Sie ja so ungemein!
Tschatzki.
Sie haben Recht! Ich hatte ja das Glück Und rief zum Leben Sie zurück, Als bleich und athemlos Sie hier in Ohnmacht lagen; Allein für wen ich’s that, das weiß ich nicht zu sagen.
(Nimmt den Hut und geht ab.)
Zehnte Scene.
Die Vorigen ohne Tschatzki.
Sophie (zu Scalosúb).
Nun heute Abend — sehn wir Sie?
Scalosúb.
Wie früh?
Sophie.
Ich bitte nicht zu spät — wir haben unser Kränzchen, Und zum Klavier macht man ein Tänzchen, Sie wissen ja, der Trauerfall Gestattet jetzo keinen Ball, Sie werden Freunde nur vom Hause sehn.
Scalosúb.
Sehr wohl — doch muß ich jetzt zu Ihrem Vater gehn; Ihr Diener!
Sophie.
Adieu!
(Verbeugung und Abschiednehmen. Scalosúb geht ab, schüttelt aber erst Moltschálin die Hand.)
Elfte Scene.
Die Vorigen ohne Scalosúb.
Sophie.
Moltschálin, sprechen Sie, was haben Sie gemacht! Ich weiß nicht, wie ich noch bei Sinnen, Ach hätten Sie an mich gedacht, Sie setzten nicht Ihr — mir so theures Leben So muthwillig auf’s Spiel. Doch sagen Sie — wie ist’s mit Ihrem Arm? Hat sich der Schmerz gegeben? Zum Doktor schicken Sie vor allen Dingen, Soll man nicht Tropfen bringen?
Moltschálin.
Seitdem der Arm in dieser Binde So schmerzt er nur noch ganz gelinde.
Lisette.
Es ist ja nichts, ich will gleich wetten! Die Binde steht ihm nur so gut — Doch wer kann Sie vor bösen Zungen retten, Ich bitt’ Sie, sei’n Sie auf der Hut. Denn Tschatzki — ach, der kann’s schon machen, Daß über Sie die Leute lachen; Und wenn der Oberst erst sich in die Haare fährt Um sein Toupé recht schön Zurecht zu drehn, Dann fängt er sicher an, die Ohnmacht zu erzählen Und an Verschönerungen wird’s nicht fehlen. Selbst dieser Mensch will witzig sein! Ach Gott! Wer ist nicht witzig heut zu Tage!
Sophie.
Als ob nach diesen Zwei’n ich frage! Wer mir gefällt, den mag ich Und was ich will, das sag’ ich. Moltschálin ach, wie hab’ ich mich bezwungen! Als Sie in’s Zimmer traten, Mich um Verzeihung baten, Wie hab’ ich da im Innersten gerungen! Vor jenen durft’ ich es nicht wagen Sie anzusehn, Sie zu befragen.
Moltschálin.
Und doch — Sie müßten besser sich verstellen.
Sophie.
Wie sollt’ ich das, wenn alle Pulse schwellen! Ich wollt’ hinaus zum Fenster springen, Ich war halb todt und sollte mich bezwingen. Es mag die Herrn da ärgern und verdriessen, Was geht’s mich an, was mach’ ich mir aus diesen, Aus irgend jemand, aus der ganzen Welt! Mag sie doch reden, wie es ihr gefällt?
Moltschálin.
Möcht’ diese Offenheit uns nur nicht Schaden bringen!
Sophie.
Man wird Sie doch nicht zum Duelle zwingen?
Moltschálin.
Ach schlimmer wohl als Degen und Pistolen Sind scharfe Zungen.
Lisette.
Bei Ihrem Vater sind die Beiden drin, Wie wär’s, Sie gingen gleich dahin Und stellten sich ganz unbefangen, Wir glauben gern, was wir verlangen. — Den Tschatzki müssen Sie vor allen Dingen Zum Schwatzen bringen — Indem Sie jene Jugendzeit berühren. Ein bischen Liebelei, ein Wort, ein Blick Damit kann man zum Glück Bequem Verliebte an der Nase führen.
Moltschálin.
Ich wage Ihnen nicht zu rathen —
(Küßt Sophiens Hand.)
Sophie.
Wie? Auch Sie? Sie wollen’s also auch? Ach, liebenswürdig sein, mit Augen ganz in Thränen? Ich kann mich an Verstellung nicht gewöhnen, Es fällt mir nichts so schwer. Was schickte Gott doch diesen Tschatzki her!
(Geht ab.)
Zwölfte Scene.
Die Vorigen ohne Sophie.
Moltschálin.
Du Engel, allerliebster Engel Du!
Lisette.
Mein Gott, ihr seid schon zwei, laßt mich doch nur in Ruh!
Moltschálin.
Welch ein Gesichtchen! Höre: Ich bin verliebt in Dich, auf Ehre!
Lisette.
In mich — verliebt? — Sind Sie gescheut? Ich denke doch — Sophie, Das Fräulein lieben Sie.
Moltschálin.
Dienstpflicht und Schuldigkeit; Allein zu Dir fühl’ ich die reinste Liebe —
Lisette.
Aus Langerweile? Ja — Ich kenne diese heißen Triebe! Ich bitte Sie — nur nicht zu nah — Nein, nein, nur fort!
Moltschálin.
Hör’ nur — ein Wort! Ich habe drei ganz allerliebste Sachen, Sie könnten manche glücklich machen; Hör’ nur Lisette: Vor allem eine Toilette Von einer Arbeit — wunderfein! Ein kleiner Spiegel drauf, ein kleiner Spiegel drin. Und alles ringsum ächt vergoldet. Ein Kissen, ganz mit Perlen ausgenäht Und allerlei perlmutternes Geräth, Und Nadelbüchsen gar zu niedlich! Und Scheeren, alles so apptitlich! Zerriebne Perlen — Schminke auch dabei Und dann auch sonst noch allerlei. Verschiedene Pomaden Für Lippensprung und andre Schaden.
Lisette.
Sie wissen es — ich bin nicht intressirt — Doch sagen Sie, woher das rührt, Daß Sie so blöd beim Fräulein sind, Und bei der Zofe recht ein Sausewind?
Moltschálin.
Ich bin heut’ krank und komme nicht zum Essen, Du schleiche zu mir unterdessen Ich sag’ Dir alles heimlich dort.
(Geht ab.)
Dreizehnte Scene.
Lisette. Sophie.
Sophie.
Ich komm’ vom Vater, Beide waren fort; Ich bin nicht wohl und will nicht speisen mit dem Alten, Geh’ zu Moltschálin hin Und bitte ihn Daß er herauf kommt, mich zu unterhalten.
(Geht ab.)
Vierzehnte Scene.
Lisette allein.
Nun das ist eine tolle Wirthschaft hier! Das ist ergötzlich. Sie läuft nach ihm, und er nach mir, Und ich — ich fürcht’ die Liebe ganz entsetzlich, — — Doch, — — unser Diener beim Büffet, Der Peter — ist doch gar zu nett!!
(Der Vorhang fällt.)
Ende des zweiten Akts.