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Verstand schafft Leiden

Dritter Akt.

Georg Julius Schultz translation

Eleganter Saal.

Erste Scene.

Tschatzki, etwas später Sophie.

Tschatzki.

Erwarten will ich sie —; ich muß sie sehn. Sie muß es mir gestehn Wen sie denn liebt. Ist es der Sekretair, Ist es der Oberst — oder wer? Moltschálin? dieses gute Tröpfchen! Ein so armseliges Geschöpfchen! Wie kam er zu Verstand? — und Jener? lieber Gott! Solch heis’res, halberwürgtes Baßfagott! — Gewohnt als Sternbild stolz zu glänzen Bei den Maneuvern und Masurkatänzen! Geschick der Liebe, du — Spielst mit uns blinde Kuh!

(Sophie tritt auf.)

Sie sind’s? Wie mich’s erfreut Ich wünscht’ es grad!

Sophie (bei Seite).

Zu äußerst ungelegner Zeit!

Tschatzki.

Mich suchten Sie zwar nicht?!

Sophie.

O nein!

Tschatzki.

Und freilich mag es nicht ganz passend sein, Doch — einerlei — ich muß Sie drum befragen: Wen lieben Sie? — Ich bitt’ es mir zu sagen!

Sophie.

Ach Gott! die ganze Welt!

Tschatzki.

Doch wer am besten Ihnen drin gefällt Das sagen Sie.

Sophie.

Gar viele, — die mit mir verwandt — —

Tschatzki.

Und Alle mehr als ich?

Sophie.

Ja — einige! — —

Tschatzki.

Entschieden also ist’s! Was ist dabei zu machen — Mich bringt’s zum Rasen — Sie zum Lachen!

Sophie.

Versteh’n Sie Wahrheit zu ertragen? — Ich möchte Ihnen nur zwei Worte sagen: Warum ist Ihre Lust so groß Giebt sich ein andrer etwas bloß? Ist etwas lächerlich — Sie werden’s gleich gewahr, Und selbst —

Tschatzki.

Ich selbst bin lächerlich? Nicht wahr?

Sophie.

Ja — dieser böse Blick — der scharfe Ton, In jedem Worte bittrer Hohn, — Und — Sie besitzen Unzähl’ge Eigenheiten noch, Und Strenge gegen sich — die könnte Ihnen nützen.

Tschatzki.

Ich eigen? Gut! So sagen Sie mir doch Wer keine Eigenheiten zeigt? Moltschálin wohl, der einem Dummkopf gleicht So wie ein Ei dem andern? — Wie?

Sophie.

Die alten Beispiele! Ich kenne sie! Klar ist’s, Sie sind gestimmt, auf Alle Zu gießen Ihre schwarze Galle. Ich — stör’ Sie ungern drin.

(Will fort.)

Tschatzki (hält sie auf).

Sie wollen fort? O hören Sie nur noch ein einz’ges Wort!

(Bei Seite.)

Einmal will heucheln ich — und mich bezwingen.

(Laut.)

Den Streit — den lassen wir — vor allen Dingen — Sie haben Recht! Es thut mir Leid, Und gegen ihn, Moltschálin, ging ich wohl zu weit. Es sind verflossen fast drei Jahr, Er ist vielleicht ein andrer, als er war. Auf Erden sieht man vieles sich verändern, Verfassungen und Sitten und Verstand, Das Clima selbst von ganzen Ländern! Gar wicht’ge Leute, wohlbekannt, Die wurden früher Dummköpfe genannt, Schlecht als Soldaten und Poeten; Noch andre — nun, ich fürcht’ mich sie zu nennen Sie werden sie — wie alle Welt — ja kennen — Von diesen hat man nun erfahren, Daß in den letzten Jahren Sie ganz gewaltig wurden klug. Mag sein, Moltschálin ist — ein solches Kraftgenie, Doch frag’ ich eins, versteht er Sie? Und brennt in ihm ein solches Feuer, Daß ihm auf Erden nichts so theuer Und nichts so heilig ist, als Sie? Sein Herz — wird es mit schnellern Schlägen Bei Ihrem Anblick sich bewegen? Sind Sie die Seele seines Strebens? Sind Sie der Endzweck seines Lebens? Und so fühl’ ich — doch kann ich’s nicht beschreiben. Allein die stumpfe Wuth, die bittren Schmerzen In meinem wundzerriss’nen Herzen, Die wünsch’ ich meinem Todfeind nicht! — — — Und er? — Er schweigt Und neigt Das Köpfchen auf die Seite, Natürlich ist er zahm, denn solche Leute Die kennen edle Hitze nicht! Gott weiß, was für ein Schatz in ihm verborgen liegt! Gott weiß, mit was für Eigenschaft, Mit welcher hohen Geisteskraft Sie ihn geschmückt! — Er dachte nicht daran. Sie haben alles das aus ihm gemacht Was Ihre Phantasie sich liebend ausgedacht; Er ist an gar nichts schuld — Sie sind’s allein. Nein, nein! Ich gebe zu, was man auf Erden Nur irgend kann. Mag er doch klug sein, stündlich klüger werden; Doch ist er Ihrer werth? Das muß ich Sie nur fragen, Um den Verlust mit kaltem Blut zu tragen. — Hierüber geben Sie mir Licht, Als einem Bruder, einem Freund, Der’s immer ehrlich doch mit Ihnen hat gemeint. Der einst mit Ihnen auferzogen Und dem Sie doch als Kind gewogen; Sobald ich überzeugt von Ihrem künft’gen Glück, So zieh’ ich mich sogleich zurück. Dann will ich mich bemüh’n Dem Wahnsinn zu entflieh’n. Dann eil’ ich in die Welt hinein Um zu vergessen, um mich zu zerstreun Und nie will ich mehr an die Liebe denken.

Sophie (bei Seite).

Da hab’ ich einen toll gemacht Und ohne daß ich dran gedacht.

(Laut.)

Was soll ich’s läugnen? Es konnte sich was Schreckliches ereignen — Moltschálin konnt’ um seinen Arm erst kommen, Und lebhaft hab’ ich Antheil dran genommen; Doch Sie vergaßen etwas zu bedenken: Kann man nicht jedem Antheil schenken Und ohne Ansehn der Person? Doch könnte schon In dem — was Sie vermuthen — Wahrheit sein, Und eifrig will ich seinem Schutz mich weih’n. Sie nehmen ihrer Zunge wenig wahr, Sie achten niemand — offenbar! Und selbst der sanfteste — kann’s nicht vermeiden. Er muß von Ihrem Zorne leiden Und wird mit Spott von Ihnen überhäuft: Wenn man ihn nennt — wenn ihn Ihr Blick nur streift — So werden Sie gleich bitter Und hageln ein Gewitter Von Witz und Bosheit auf ihn los! Ist wirklich der Genuß so groß? Nur Scherz und immer Scherz! Welch ein Vergnügen! Kann solches Ihrem Geiste wohl genügen?

Tschatzki.

Mein Gott — gehör’ ich wirklich zu den Schwachen, Die nichts im Leben thun, als lachen? Ich lache — ja — Wenn ich recht lächerliche Leute sah, Doch öfter noch sind sie mir ennuyant.

Sophie.

Vergeblich weisen Sie den Vorwurf von der Hand, Und schieben andern zu, was Ihnen selbst gebührt; Moltschálin hat Sie sicher niemals ennuyirt, Denn wer, wie ich, ihn oft und näher sah —

Tschatzki (bitter).

Wie traten Sie ihm denn so nah?

Sophie.

Ich sucht’ ihn nicht, der Himmel hat’s gewollt Und hier im Hause ist ihm jeder hold. Bei meinem Vater dient er nun drei Jahr, Oft schilt der ihn, denn es ist wahr — Das Alter macht so eigen, Doch stets entwaffnet er ihn durch sein Schweigen; Verzeiht ihm alles — weil er seelengut; — Er könnte doch, wie mancher andre thut Auf Lustbarkeiten sich zerstreun Doch nein! Nie geht er aus. Beim Alten bleibt er stets zu Haus Und wenn wir andern lachen Und scherzen, Possen machen, Sitzt er beim Vater oft zu ganzen Tagen, Es mag ihm — oder mag ihm nicht behagen, Und spielt mit ihm. —

Tschatzki.

Er spielt, und wenn man schilt So bleibt er ewig sanft und mild?

(Bei Seite.)

Nein, einen solchen Wicht Den liebt sie nicht!

Sophie.

Zwar jenen Geist wird man in ihm nicht finden können, Den einige Genie — doch andre Pest benennen, Und den nach kurzem Glanz wir überdrüssig werden, Der tadelt was geschieht — im Himmel und auf Erden, Damit die Welt ihn nennt auf einen Augenblick; Doch gründet solch ein Geist Familienglück?

Tschatzki.

Soll das Moral — soll das Satyre sein?

(Bei Seite.)

Sie liebt ihn nicht, nein, nein!

Sophie.

Man kann Bewunderung ihm nicht versagen: Wie nachgiebig, wie fein ist sein Betragen! Nie hat sich seine Stirn in Falten je gelegt, Selbst ruhig, läßt er andre auch in Ruh’ Und schlägt nicht gleich die Kreuz und Quere zu. Und grade das, daß er so viel erträgt, Das macht es, daß ich ihm gewogen.

Tschatzki (bei Seite).

Sie scherzt — sie liebt ihn nicht — sie hat mich nur betrogen!

(Laut.)

Ich kenn’ Moltschálin; sparen Sie Sein Bild zu malen sich die Müh’ — — Doch Scalosúb — das ist ein Mann Bei dessen Anblick schon man sich vergessen kann. Für unser Heer Steht wie ein Felsen er, Und ist durch seines Basses Allgewalt Durch seine Taille und Gestalt Ein Held —

Sophie (schnell).

Nicht im Romane meines Lebens.

Tschatzki.

Sie zu errathen ist vergebens.

Zweite Scene.

Die Vorigen. Lisette.

Lisette (leise zu Sophie).

Mein Fräulein, kommen Sie herein, Moltschálin wird sogleich bei Ihnen sein.

Sophie (leise zu Tschatzki).

Verzeihen Sie, wenn ich von Ihnen eile.

Tschatzki.

Wohin denn?

Sophie.

Zum Friseur.

Tschatzki.

Ei, das hat gute Weile!

Sophie.

Die Lockeneisen würden kalt.

Tschatzki.

Ei, immerhin!

Sophie.

Die Gäste kommen bald.

Tschatzki.

Nun Gott verzeih’s! Sie lassen mich zurück Mit einem Räthsel! — Doch auf einen Augenblick Erlauben Sie, daß ich in Ihr Zimmer gehe, Damit ich jene Räume wiedersehe — Wo alles mir so lieb! — Erwärmen möcht’ ich mich, Aufathmen möchte ich Nur einmal wieder, Der Zeit gedenkend, die dahin! Ich bleib’ nur zwei Minuten drin. Und dann — bedenken Sie — Mitglied bin ich vom Clubb — Zum Dank will ich, zu aller Welt Erstaunen Tagtäglich ausposaunen, Daß klug Moltschálin ist, und geistreich Scalosúb.

(Sophie zuckt mit den Achseln, geht ab und schließt die Thür hinter sich. Lisette ist ihr gefolgt.)

Dritte Scene.

Tschatzki, bald darauf Moltschálin.

Tschatzki.

Sophie! Ist wirklich dir bestimmt ein solcher Tropf? — — — Und warum nicht? — Er hat nicht viel im Kopf, Allein zur Vaterschaft Wem fehlt es da an Geisteskraft! Gefällig ist er — artig — und hat rothe Wangen.

(Moltschálin schleicht herein und nähert sich zuerst Sophiens Thür, als er aber Tschatzki bemerkt bleibt er stehn und macht sich was zu schaffen.)

Da ist er — auf den Zeh’n! Und stumm, — wie hat er’s angefangen Sich in Sophiens Herz zu stehlen? Wie war es möglich den zu wählen?

(Zu Moltschálin.)

Sieh’ da! Herr Sekretair! Wie geht’s denn Ihnen? Wir konnten uns noch nicht zwei Worte sagen. Es geht doch gut? — Ich brauch’ Sie kaum zu fragen.

Moltschálin (näher tretend).

Ganz nach dem Alten stets — zu dienen.

Tschatzki.

Das heißt?

Moltschálin.

Nun heut’ wie gestern — Tag für Tag.

Tschatzki.

Und immer pünktlich mit dem Schlag? Am Tag die Feder, Abends die Parthie, Gleich Fluth und Ebbe? — Wie?

Moltschálin.

Ich bin hier beim Archiv drei Jahr im Dienst Und für etwaiges Verdienst, Und meinen Eifer zu belohnen Erhielt ich dreimal Gratificationen.

Tschatzki.

Sie lockt der Glanz der Ehrenstellen?

Moltschálin.

Nein! Allein — Da jeder Mensch so sein Talentchen hat —

Tschatzki.

Sie haben — —?

Moltschálin.

Zwei! Ich bin bescheiden und bin accurat.

Tschatzki.

Nun, meiner Treu! Das sind Talente wunderbar! — — Doch — es ist wahr — Sie wiegen all’ die unsern auf.

Moltschálin.

Sie hatten nicht viel Glück in Ihres Dienstes Lauf?

Tschatzki.

Nicht jeder dienet sich herauf. Durch Menschen wird der Rang erreicht, Und Menschen täuschen sich so leicht.

Moltschálin.

Wir wunderten uns sehr! Wie konnte das geschehn?

Tschatzki.

Ich kann hierin nichts wunderbares sehn!

Moltschálin.

Bedauert wurden Sie.

Tschatzki.

Sie konnten sparen diese Müh’.

Moltschálin.

Tatjána Júrjewna, die Excellenz Erzählt’ bei ihrer Rückkehr aus der Residenz, Sie wären gut von wicht’gen Männern aufgenommen, Doch plötzlich sei dazwischen was gekommen.

Tschatzki.

Geschwätz von Frauenzimmern! Was hat sich doch die Alte drum zu kümmern?

Moltschálin.

Tatjána Júrjewna, die Excellenz?

Tschatzki.

Ich kenn’ sie nicht!

Moltschálin.

Tatjána Júrjewna?! Die Excellenz?

Tschatzki.

Daß wir uns nicht gesehn, ist ewig lange her. Doch hörte ich, daß abgeschmackt sie wär’.

Moltschálin.

Die Excellenz? Um’s Himmelswillen — nein — Das muß wohl eine andre sein. Die Excellenz ist ja befreundet und verwandt Mit allen, die in Moskau dienen, Ich rathe Ihnen Ihr einmal die Visite doch zu machen.

Tschatzki.

Ich dächte gar! Es wär’ zum Lachen!

Moltschálin.

Wir finden Gönner oft Wo wir es kaum gehofft.

Tschatzki.

Ich schätze, glauben Sie’s, die Damen nicht geringe, Und mache gern den Hof — allein um andre Dinge.

Moltschálin.

Wie ist sie gut und wie gefällig, Wie ist ihr Haus gesellig! Den ganzen Winter giebt sie Bälle Man kann nichts prachtvolleres sehn.

Tschatzki.

Ich werde über ihre Schwelle Gewiß nicht gehn!

Moltschálin.

Im Sommer giebt sie Gartenfeste.

Tschatzki.

Ich bin nicht von der Zahl der Gäste.

Moltschálin.

Bedenken Sie, — es kann doch dazu führen Hier froh zu leben und zu avanciren!

Tschatzki.

Mein Herr, bin ich im Dienst, so bin ich ganz dabei, Und trenne streng davon jedwede Narrethei. Zwar giebt’s gescheute Leute — hier zumal — Die beides zu vereinigen verstehn, Doch wie Sie sehn, — Gehör’ ich nicht zu ihrer Zahl.

Moltschálin.

Verzeihen Sie — ich seh’ darin noch kein Verbrechen; Sie werden, denk’ ich, einst gewiß noch anders sprechen. Phomá Phomítsch, zum Beispiel, den Sie kennen —

Tschatzki.

Nun was?

Moltschálin.

Bei drei Ministern dient’ er schon Und stets als Chef bei einer Section, — Und jetzt — — Ist er aus Petersburg hierher versetzt.

Tschatzki.

Nun das ist mir ein Mann von Kopf! Ein Mensch, ganz ohne Geist — ein leerer Tropf!

Moltschálin.

Erlauben Sie, von aller Welt Wird hier sein Styl als Muster aufgestellt. Sie haben ganz gewiß noch nichts von ihm gelesen?

Tschatzki.

So närrisch bin ich nie gewesen; Nie las ich dummes Zeug und Musterdummheit gar!

Moltschálin.

Was ich so las schien mir vorzüglich — zwar Schriftsteller bin ich nicht —

Tschatzki.

Ja, das ist klar, An allem merkt man es.

Moltschálin.

Nie würd’ ich mich erfrechen Ein eignes Urtheil auszusprechen.

Tschatzki.

Warum denn so geheim?

Moltschálin.

Gott mög’ in meinen Jahren Vor eigner Meinung mich bewahren!

Tschatzki.

Mein Gott, Sie sprechen ja, als wären Sie noch Kind! Als ob nur Meinungen von andern heilig sind!

Moltschálin.

Abhängig muß man doch einmal von andern sein.

Tschatzki.

Und weßhalb muß man’s sein?

Moltschálin.

Ei nun — mein Rang ist klein.

Tschatzki (halb laut).

Mit solcher Denkungsart, mit solchem Geist ihn lieben, Sie hat mich nur getäuscht und ihren Scherz getrieben!

Vierte Scene.

Im Grunde öffnen sich mehrere Thüren auf einen zweiten Saal, alles ist erleuchtet, Diener treten auf. Moltschálin geht ab. Tschatzki bleibt im Vordergrunde.

Ein älterer Diener.

He Philipp, Thomas, rührt euch, frisch! Hierher noch einen Kartentisch, Bringt Lichte, Bürsten her und Kreide!

(Er klopft an Sophiens Thür.)

Mamsell Lisette, hören Sie, Sie können nur dem Fräulein sagen: Natalie Dmítrewna ist hier Mit ihrem Mann, und vor der Thür Hält schon ein zweiter Wagen.

(Ab.)

Fünfte Scene.

Tschatzki. Natalie Dmítrewna. Goritscheff.

Natalie Dmítrewna.

Wie, seh’ ich recht — ja — es sind seine Züge! Herr Tschatzki, wenn ich mich nicht trüge?

Tschatzki.

Sie seh’n mich zweifelnd an, vom Kopf bis zu den Füßen. Es wär’ doch wunderbar, Daß mich verändert so drei Jahr!

Natalie Dmítrewna.

Ich dacht’ mir alles andre ehr Als Sie in Moskau zu begrüßen. Nun woher? Wann sind Sie angelangt?

Tschatzki.

So eben.

Natalie Dmítrewna.

Das ist schön! Und auf wie lang?

Tschatzki.

Ich werde sehn! Doch Sie? Ich kann nicht zu mir vor Erstaunen kommen. Sie haben unbegreiflich zugenommen. Was haben Sie nur angefangen? Welch Gliederspiel und welche rothe Wangen! Verjüngt, voll Geist, im Blicke welche Laune? Was ist geschehen? Ich erstaune!

Natalie Dmítrewna.

Ich habe mich vermählt.

Tschatzki.

Das mußten längst Sie sagen!

Natalie Dmítrewna.

Mein Mann, ein einz’ger Mann — ich darf mich nicht beklagen — Gleich ist er hier. — Nicht wahr — ich mache Sie bekannt?

Tschatzki.

Ich bitt’ Sie drum!

Natalie Dmítrewna.

Gewiß, Sie finden ihn charmant. Ein Blick genügt.

Tschatzki.

Ich glaub’s! Es ist Ihr Mann.

Natalie Dmítrewna.

O deßhalb nicht allein, Man kann nicht liebenswürd’ger sein. Durch eignen Werth, durch Geist und durch Verstand Ist mein Platon als ganz vorzüglich anerkannt. Er ist jetzt Civilist, war früher Militair, Er dient nicht mehr, und alle Welt bedauert dieses sehr. Denn dient’ er weiter — sehen Sie — Bei solcher Tapferkeit und dem Genie So meinen alle — die ihn früher kannten — Er hätt’s in Moskau hier gebracht Ganz sicher bis zum Commandanten.

Sechste Scene.

Die Vorigen. Platon Goritscheff.

Natalie Dmítrewna.

Da ist er, mein Platon Michailowitsch!

Tschatzki.

Was, der? Mein alter Freund! Nun sieh’, welch Ungefähr!

Platon.

Ah! — — — Willkommen Bruder, bist Du wieder da!

Tschatzki.

Platon mein Freund — es macht Dir Ehre, Du führst Dich ja vorzüglich, wie ich höre!

Platon.

Ja — sieh — was alles noch aus einem werden kann. In Moskau leb’ ich jetzt und bin ein Ehemann.

Tschatzki.

Und jene Zeit, wo Du im Felde standst Und höchste Lust im Lärm des Lagers fandst — Der Trommel und Trompete Ton — Vergessen also alles schon? Ich glaub’ Du liegst jetzt auf der faulen Bank, Und trankst in vollen Zügen Lethe?

Platon.

O nein, ich übe jetzt auf meiner Flöte Ein großes Duo in A-moll.

Tschatzki.

Nun, das ist toll, Das übtest Du bereits in deiner Jugend! Indeß bei einem Ehemann Ist’s gut — wenn man doch rühmen kann Beständigkeit als seine erste Tugend.

Platon.

Freund — denke an mein Wort: Wird Dir einst eine Frau zu Theile, Du pfeifst gewiß vor Langerweile Ein und dasselbe immerfort.

Tschatzki.

Wie Langeweile — ei, das ist nicht gut! Zahlst Du ihr wirklich schon Tribut?

Natalie Dmítrewna.

Mein Mann war früher an Beschäftigung gewöhnt, Das fällt jetzt weg. — Revue’n und die Parade, Und dann die Reitbahn fehlt ihm Morgens nachgerade.

Tschatzki.

Was hält Dich ab, mein Freund? Zum Regiment mit Dir, Such eine Eskadron — Du bist wohl Stabsoff’zier?

Natalie Dmítrewna.

Ach nein, zu kränklich ist mein armer Mann!

Tschatzki.

Ist’s möglich, wie, Du kränklich und seit wann?

Natalie Dmítrewna.

Er leidet an rheumatischen Beschwerden Und auch am Kopf.

Tschatzki.

Hier wird’s nicht besser werden. Beweg’ Dich, reite mehr, zieh’ in den Süden hin. Die Landluft ist allein schon ein Gewinn.

Natalie Dmítrewna.

Mein Mann liebt Moskau gar zu sehr! Er muß genießen doch sein Leben — Was soll er in die Wildniß sich begeben!

Tschatzki.

Du liebst die Stadt? Wer hätte das gedacht! Entsinne Dich, wie oft hast Du sie nicht verlacht.

Platon.

Ach Freund, die alten Zeiten sind nicht mehr.

Natalie Dmítrewna.

Mein Männchen, komm recht fort! Hier ist’s so frisch — hör’ doch ein Wort — Dein Rock ist aufgeknöpft und auch die Weste —

Platon.

Ich bin nicht was ich war!

Natalie Dmítrewna.

Komm, knöpf’ sie feste! Hör’ doch, mein Engelchen —

Platon (ruhig).

Ja, ja!

Natalie Dmítrewna.

Komm von der Thüre doch hierher, Hier zieht der Wind.

Platon.

Ja Bruder, ich bin nicht der alte mehr.

Natalie Dmítrewna.

So höre doch ein Wort, Um’s Himmelswillen komm von der Thüre fort!

Platon.

Ach liebes Kind!

Tschatzki.

Nun das geht weit! Verwandelt in so kurzer Zeit? Bei’m Regiment im vor’gen Jahr Warst Du ja noch der wackerste Husar! Bei Tagesanbruch schon zu Pferde Verspottetest Du jegliche Beschwerde. — Wie oft — mit ungestümer Lust Sah man auf wildem Hengst, mit offner Brust Dem Herbst-Sturm Dich entgegenreiten!

Platon.

Ach Camerad’, das waren schöne Zeiten!

Siebente Scene.

Die Vorigen. Fürst Tugoúchoffski nebst Gemahlin und sechs Töchtern.

Natalie Dmítrewna (aufkreischend).

Fürst Peter Illjitsch, ah’ die liebe Fürstin! Und ah mon Dieu — Sisi, Mimi, die Lieben!

(Geräuschvolle Begrüßung, auch Tschatzki verbeugt sich. Die Damen setzen sich links in einen Halbkreis und betrachten einander von oben bis unten.)

Erste Fürstin (zu Natalie).

Wie allerliebst ist die Façon von Ihrem Kleide!

Zweite Fürstin.

Mit Garnitur besetzt —

Erste Fürstin.

Und welche schöne Seide!

Natalie Dmítrewna.

Mein Atlastürluru — das sollten Sie erst seh’n!

Dritte Fürstin.

Es hat mir eine Schärpe der Cousin gebracht, Nein, — die ist wunderschön!

Vierte Fürstin.

Ach ja, — und von barège, eine Pracht!

Fünfte Fürstin.

Ganz köstlich ist sie.

Sechste Fürstin.

Herrlich, ja!

Die alte Fürstin (zu Natalie).

Wer ist der junge Mann im Winkel da, Er grüßte uns, als wir in’s Zimmer traten? Ich hab’ schon hin und her gerathen.

Natalie Dmítrewna.

Ein Angereister — Tschatzki.

Die alte Fürstin.

Ah! Hat er den Dienst verlassen?

Natalie Dmítrewna.

Ja, Vom Ausland kehrt er eben erst zurück.

Die alte Fürstin.

Ist ledig er?

Natalie Dmítrewna.

Ja, noch garçon.

Die alte Fürstin (zum Mann).

Erlaucht, Erlaucht, — auf einen Augenblick! Geschwinder.

Der Fürst (nähert sich mit seinem Hörrohr).

O! — hm? —

Die alte Fürstin.

Den jungen Herrn dort Natalie Dmítrewna’s Bekannten — den da — Lad’ ein zu unserm Ball, am Dienstag — mach’ nur fort!

Der Fürst.

I—hm!

(Er schleicht um Tschatzki herum und hustet.)

Die alte Fürstin.

So geht es, wenn man Kinder hat! Ein Ball ist einmal ihr Vergnügen; Man quält sich müd’, man quält sich matt, Und weiß oft Tänzer nicht zu kriegen! — Er ist doch Kammerjunker?

Natalie Dmítrewna.

Nein.

Die alte Fürstin.

Doch reich?

Natalie Dmítrewna.

O, nein!

Die alte Fürstin (so laut als möglich).

Erlaucht, Erlaucht, zurück, zurück sogleich!

Achte Scene.

Die Vorigen. Die Gräfin Chrumin und ihre Großtochter.

Die junge Gräfin.

Ah! grand-maman! Wer kommt denn auch so früh! Wir sind die ersten hier!

(Beide entfernen sich in einen andern Saal.)

Die alte Fürstin (zu Natalie).

Nun hören Sie! Sehr artig das! Die ersten hier! Uns zählt sie nicht; ei welch ein Vornehmthun! Ein boshaftes Geschöpf; und alte Jungfer nun Schon eine Ewigkeit! Nun Gott verzeihe ihr!

Die junge Gräfin

(kommt zurück und nähert sich lorgnettirend Tschatzki).

Ah! Monsieur Tschatzki hier? Wer hätte das gedacht! Und noch der alte stets?

Tschatzki.

Warum sollt’ ich mich ändern?

Die junge Gräfin.

Sie sind ja doch gereist in vielen fremden Ländern Und haben keine Frau vom Ausland mitgebracht!

Tschatzki.

Vom Ausland?

Die junge Gräfin.

Ja! Bei diesen fremden Damen, Da fragt man nicht nach Herkunft, Stand und Namen, Und unsre jungen Herrn, wenn sie nach Hause kehren, Die pflegen uns gewöhnlich zu bescheren Mit Schwägerinnen und Cousinen Aus Modemagazinen.

Tschatzki.

Die Unglücksel’gen — ja! — Von Damen, Die sich Modistinnen zum Muster nahmen, Da werden sie nun ausgeschmählt, Daß sie, statt der Copien — Originale sich gewählt!

Neunte Scene.

Die Vorigen. Mehrere neue Gäste, darunter Sagorétzki. Die Herren scharren, grüßen und gehen weiter oder auf und ab. Sophie kommt aus ihrem Zimmer, Alle ihr entgegen.

Die junge Gräfin (zu ihr).

Eh bonsoir, vous voilà! Jamais trop diligente, Vous nous donnez toujours le plaisir de l’attente.

Sagorétzki (zu Sophien).

Zu morgen — haben Sie Schon ein Billet zur Komödie?

Sophie.

Ach nein!

Sagorétzki.

Hier ist eins — wenn Sie mir erlauben! Allein Sie können es mir glauben Vergeblich hätte Ihnen Ein anderer versucht darin zu dienen; Wie bin ich aber deshalb auch gelaufen! Erst wollt’ ich’s an der Kasse kaufen — Doch — auf mein Ehrenwort — Es war schon alles fort. Nun fuhr ich zum Direktor hin, Da ich sein guter Freund ja bin — Umsonst! — Was glauben Sie! Am Abend schon vorher konnt’ niemand mehr was kriegen! Zu dem — zu jenem ging es nun in Einem Lauf — Ich hetzte Alle auf! Um dieses endlich mußt’ ich einen Freund betrügen, Ich nahm es gradzu mit Gewalt. Es ist ein Stubenhocker, schwach und alt, Was konnt’s ihm nützen Er mag zu Hause ruhig sitzen.

Sophie.

Ich danke Ihnen für’s Billet recht sehr, Für Ihre Mühe aber noch viel mehr.

(Es kommen neue Gäste. Sagorétzki geht zu den Herren rechts.)

Sagorétzki (zu Platon).

Ah, guten Abend!

Platon.

Scher’ Dich fort! Geh pack’ Dich dort Zu deinen Damen, Um deine Lügen auszukramen! Wenn ich Dich schildre wie Du bist, So kann von Dir ich manche Wahrheit sagen, Die schlimmer wohl als jede Lüge ist. —

(Zu Tschatzki.)

Hier präsentir’ ich Dir den Herrn Antón Antónitsch Sagorétzki. — Ich wüßte gern, Wie man, doch ohne grob zu sein, Dergleichen Leute fein Und dennoch wahr bezeichnen könnte! Er ist ein Weltmann und gewandt — Als Schelm von allen anerkannt —! Nimm Dich in Acht vor ihm, denn was Du sagst Das hört er mit besondern Ohren; Und wenn Du gar zu spielen mit ihm wagst, So bist Du ganz und gar verloren.

Sagorétzki.

Origineller Murrkopf Du! Nun — schimpf’ nur zu, Kein Tröpfchen Galle ist in Deinen Scherzen.

Tschatzki.

Drum nehmen Sie sich’s nicht zu Herzen! Auch außer Ehrlichsein giebt es der Freuden viel, Hier schimpft man, dort erreichet man das Ziel.

Platon.

Ach Bester, nein Man schimpft bei uns Und — ladet dennoch ein.

(Sagorétzki verliert sich im Hintergrunde.)

Zehnte Scene.

Die Vorigen. Madame Chlestow.

Madame Chlestow (zu Sophien).

Na! Leicht ist’s nicht mit fünf und sechzig Jahren So weit zu Deinem Ball zu fahren. Ich brauchte eine ganze Stunde von Pokrow.

(Setzt sich links in den Vorgrund neben Sophie.)

Ich kann nicht mehr! — Ach Nichtchen, welche Plage — Und dunkel ist’s wie einst am jüngsten Tage. Aus Langerweile nahm ich mit Mein Mohrenmädchen und den Spitz — ich bitt’ Befiehl, man soll sie heut’ beim Abendessen Zu füttern nicht vergessen. — Gott grüß’ Sie, Fürstin! — Ja, Sophie, ich sage Dir Die Mohrin ist ein Wunderthier. Ein Krauskopf — krumm das Schulterblatt und Tatze — Voll Zorn und Bosheit — ganz Manieren einer Katze. Und ach wie schwarz und ach wie häßlich — Was hat doch alles Gott der Herr erschaffen! Ich sag’ Dir gräßlich! Frappant der Satanas! — Willst Du sie sehn?

Sophie.

Es kann ein andermal geschehn.

Madame Chlestow.

Und stell’ Dir vor, wie wilde Thiere So führt man sie herum, um sie zu zeigen. Man hat mir das erzählt, da ist so eine Stadt In der Türkei, der Name klingt so eigen — Und rath’ wer mir sie zum Präsent gemacht? — — Der Sagorétzki hat sie mir gebracht.

(Sagorétzki horcht auf und kommt näher.)

Er lügt ein bischen, spielt auch falsch und ist ein Dieb —

(Sagorétzki geht eilig fort.)

Allein er thut doch einem viel zu lieb. Ich hatte mir schon ausgebeten Er sollt’ nicht über meine Schwelle treten, Da bringt vom Jahrmarkt er die Mohrin mir — Er sagte zwar, daß er gekauft sie hätte, Ich glaub’ es aber nicht, — ich wette Er hat gewonnen sie Im Kartenspiele irgendwie! Gott schenk’ Gesundheit ihm dafür.

Tschatzki (zu Platon lachend).

Von solchem Lob pflegt man nicht zu gesunden! Selbst Sagorétzki hielt’s nicht aus und ist verschwunden.

Madame Chlestow.

Wer ist der lust’ge Mann, der dort so laut gelacht? Weß Stand’s?

Sophie.

Der Tschatzki ist’s —

Madame Chlestow.

Das hab’ ich gleich gedacht! Was kann der Narr denn da zu lachen finden? Es ist gewiß die größte aller Sünden Sich über alte Leute lustig machen Und graue Haare auszulachen. Ich weiß, mit ihm hast Du als Kind getanzt, — Ich hab’ ihn oft curanzt Ich zupft’ ihn an den Ohren tüchtig, Allein noch viel zu wenig, das ist richtig!

Elfte Scene.

Die Vorigen. Famussoff.

Famussoff (sehr laut).

Sieh’ da, Erlaucht — und Sie sind hier? Und im Portraitsaal warten wir! Ist denn der Oberst Scalosúb nicht hier, Sergeí Sergéitsch? Wie? In aller Welt Es ist ja doch ein Mann, der in die Augen fällt, Der Oberst Scalosúb!

Madame Chlestow.

Gott helfe mir! Er hat mich ganz betäubt und schreit ja Zeter, Und lärmt ja ärger noch als ein Trompeter!

Zwölfte Scene.

Die Vorigen. Scalosúb. Später Moltschálin.

Famussoff.

Ah, ah, ah, ah! Herr Oberster, zu spät! — Nach zehn!? Wir warteten und warteten! — Nun das ist schön! Erlauben Sie — hier meine Schwägerin — Die Sie dem Rufe nach schon lange kennt.

Madame Chlestow.

Sie dienten — glaub’ ich — hier — beim Regiment — Wie heißt es gleich? Da bei den Grenadiren?

Scalosúb.

Sie meinen Seiner Hoheit Regiment Von Neuland — bei den Musketiren.

Madame Chlestow.

Ich hab’ es nicht zur Meisterschaft gebracht Um all’ die Unterschiede zu begreifen.

Scalosúb.

Dazu sind formgemäße Streifen; Die Litzen, Latzen und Lampassen An den Monturen muß Man ganz zuerst ins Auge fassen.

Famussoff.

Sergeí Sergéitsch, kommen Sie! Wir wollen gleich ein Whistchen machen; Ich sage Ihnen, die Parthie Ist wirklich um sich todt zu lachen.

(Zum Fürsten.)

Erlaucht, ich bitte, folgen Sie!

Madame Chlestow (zu Sophie).

Nun, Gott sei Dank — fast wäre ich erstickt! Dein Vater ist ja rein verrückt, Und scheint bezaubert von dem Goliath zu sein. So, mir nichts, Dir nichts, macht er uns bekannt, Und fragt nicht ob’s mir lieb, ob es mir ennuyant.

Moltschálin (mit einer Karte).

Madame, ich bracht’ für Sie Zusammen Ihre Whistparthie. Phomá Phomítsch und Monsieur Kock und — ich.

Madame Chlestow.

Ach, tausend Dank, mein Lieber!

(Steht auf und nimmt Moltschálin’s Arm.)

Moltschalin.

Ihr Spitz ist doch ein einz’ger Spitz! Er ist ja wie ein Fingerhütchen klein Ich streichelt’ ihn, sein Fellchen ist so fein Wie das von einem Biber. —

Madame Chlestow.

Ach, tausend Dank, mein Lieber.

(Sie gehen ab, mehrere Gäste folgen ihnen.)

Dreizehnte Scene.

Tschatzki. Sophie. — Im Hintergrunde einige Gäste.

Tschatzki.

Bravissimo! Die Wolke ist zerstoben!

Sophie.

Ich bitte —

Tschatzki.

Ei, was fürchten Sie? Den Zorn der Alten hat er ja gewendet, Ich wollte ihn gerad’ drum loben!

Sophie.

Mit einer Bosheit hätt’ es doch geendet.

Tschatzki.

Soll ich jetzt sagen, was ich dachte? Die alten Weiber sind verdrießlich, Und darum ist’s ersprießlich Wenn man recht einen dienstbefliss’nen Mann An ihre Seite stellen kann. Moltschálin der erschien ja plötzlich Dem Blitzableiter gleich. Es war ergötzlich! Wer sänftigte wie er, so friedlich Zank und Streit? Wer streichelt’, so wie er, den Mops zu rechter Zeit? Wer präsentirt’ mit Scharfsinn und Geschick Das Kärtchen in dem rechten Augenblick? Nein, auf mein Wort, In ihm lebt Sagorétzki einstmals fort. — Sie haben Mir alle seine Gaben Erst hergezählt; Doch glaub’ ich, daß noch vieles fehlt.

(Ab.)

Vierzehnte Scene.

Sophie allein, dann Herr N. N.

Sophie.

Ach dieser Mensch, wie er mich stets verstimmt, Wie beißend ist er, wie ergrimmt, Wie voller Neid Und Bosheit und Hochmüthigkeit!

N. N.

So in Gedanken! Wie?

Sophie.

Ich dacht’ an Tschatzki.

N. N.

Wie finden Sie ihn denn nach seiner Reise?

Sophie.

Ich finde ihn verrückt!

N. N.

Verrückt, wahrhaftig? Ist es möglich?

Sophie (nach einer kleinen Pause).

Nun toll — das grade nicht!

N. N.

Doch merkt man etwas, wenn er spricht?

Sophie.

Mir scheint es so.

(Sieht nach der Thür wo Tschatzki abging.)

N. N.

In seinen jungen Jahren Wie konnt’ ihm solch’ ein Unglück widerfahren?

Sophie.

Ja, es ist schlimm! — (bei Seite) Er glaubt daran! Ah Tschatzki —! And’re stets zu necken Das lieben wir! — Nun mag er’s selber schmecken!

(Ab.)

Fünfzehnte Scene.

Herr N. N. Herr D.

N. N.

Verrückt — so scheint es ihr! Sehr möglich dünkt die Sache mir, Wie wär’ sie sonst auch drauf gekommen!

(Zu D.)

Ah, hast Du schon vernommen?

Herr D.

Und was?

N. N.

Von Tschatzki.

Herr D.

Nein, kein Wort!

N. N.

Er ist verrückt.

Herr D.

So geh’ doch fort!

N. N.

Ich sag’ es nicht, ich hab’ es nur gehört.

Herr D.

Und bist nur froh, es weiter gleich zu tragen.

N. N.

Es wäre doch der Mühe werth Auch noch bei andern nachzufragen.

(Ab.)

Sechzehnte Scene.

Herr D. allein, dann Sagorétzki.

Herr D.

Ja, glaubt den Schwätzern nur! Da hören sie das dümmste Zeug Und wiederholen es sogleich.

(Zu Sagorétzki.)

Hast Du von Tschatzki was gehört?

Sagorétzki.

Was denn?

Herr D.

Daß er gestört?

Sagorétzki.

Ich weiß, ich weiß, wie sollt’ ich das nicht wissen! Wie oft schon hab’ ich’s hören müssen! Es ging ja ganz besonders dabei her: Dem pfiffigen Oheim ward’s nicht schwer Im Narrenhause ihn zu betten; Sie banden ihn und nun sitzt er in Ketten.

Herr D.

Erbarme Dich, er war ja eben hier, Vor einem Augenblick sah ich ihn neben Dir.

Sagorétzki.

Dann ist’s gewiß Daß er sich los von seiner Kette riß.

Herr D.

Nun, liebster Freund — mit Dir Ist weiter keine Zeitung nöthig; Doch will ich gleich und ohne Säumniß Die andern dort befragen. Doch darfst Du es beileibe niemand sagen — Noch ist es ein Geheimniß.

(Ab.)

Siebzehnte Scene.

Sagorétzki, dann Natalie Dmítrewna.

Sagorétzki.

Was kann das für ein Tschatzki sein? Verbreitet ist der Name — Mit einem Tschatzki war ich einst bekannt —

(Zu Natalie Dmítrewna.)

Sie wissen’s doch Madame?

Natalie Dmítrewna.

Was denn?

Sagorétzki.

Von Tschatzki, nun, er stand noch eben hier.

Natalie Dmítrewna.

Ich weiß — er sprach mit mir.

Sagorétzki.

So gratulir’ ich Ihnen — er ist toll!

Natalie Dmítrewna.

Was?

Sagorétzki.

Ja; man sagt mir er verlor So eben den Verstand.

Natalie Dmítrewna.

Nun stellen Sie sich vor! Ich merkt’ es auch schon und was gilt die Wette, Daß gleich das nämliche gesagt ich hätte.

Achtzehnte Scene.

Die Vorigen. Die alte Gräfin.

Natalie Dmítrewna.

Nein das ist wunderbar, das ist was neues! Gestört? Frau Gräfin haben Sie gehört Von dem malheur, das hier gescheh’n — Das ist doch einzig — das ist schön!

Die alte Gräfin.

Mein Schatz, es liegt mir in den Ohren heut’, Du mußt mir’s etwas lauter sagen.

Natalie Dmítrewna.

Ich hab’ dazu durchaus nicht Zeit, Ich muß die andern ja befragen. Il vous dira toute l’histoire.

(Ab.)

Neunzehnte Scene.

Die alte Gräfin. Sagorétzki.

Die alte Gräfin.

Wie, — was, es ist hier doch nicht Feuer ausgebrochen?

Sagorétzki.

Nein — Tschatzki hat den Sturm erregt.

Die alte Gräfin.

Was? Tschatzki hat man in den Thurm gelegt?

Sagorétzki.

In der Türkei ist er verwundet worden Beim Aug’ und wurde davon toll.

Die alte Gräfin.

Freimaurerorden? Was, oder ist er Türk’ geworden?

Sagorétzki.

Der bringt man es nicht bei!

(Ab.)

Die alte Gräfin.

Antón Antónowitsch! Auch er läuft fort! Erschreckt und außer sich scheint alles dort Zu sein —

Zwanzigste Scene.

Die alte Gräfin. Der Fürst.

Die alte Gräfin.

Erlaucht, Erlaucht! Ach Gott —! der alte Mann Auf Bällen, wenn man kaum noch kriechen kann! Na, haben Sie gehört?

Der Fürst.

A? hm? —

Die alte Gräfin.

Er hört auch gar nichts mehr! Vielleicht hat er’s gesehn, Was hier gescheh’n — War nicht die Polizei im Haus?

Der Fürst.

E? hm? —

Die alte Gräfin.

Wer brachte Tschatzki hier hinaus?

Der Fürst.

I! hm? —

Die alte Gräfin.

Ja, Tschatzki wird Soldat — Ist das ein Spaß? Er ist ein Renegat. Er wurde ja Mahomedaner! So ein verdammter Voltairianer! Was? — ah? — Taub Alterchen? — Sie hören schwer? So geben Sie Ihr Rohrchen her. Ach nein! Es ist doch arg so taub zu sein!

Einundzwanzigste Scene.

Die ganze Gesellschaft, später Famussoff, zuletzt Tschatzki.

Mad. Chlestow.

Verrückt? Nun bitt’ ich Sie! Wie ist das so ganz plötzlich denn gekommen. Sophie — Hast Du es schon vernommen?

Platon.

Wer bracht’ nur das Gerede aus?

Natalie Dmítrewna.

Ach, liebes Männchen — Alle!

Platon.

Nun freilich in dem Falle Da muß ich hier Wohl schweigen; Doch zweifelhaft erscheint es mir.

Famussoff (kommt rasch hinzu).

Wie? Was? Von Tschatzki ist die Rede? Und jemand zweifelt noch? Ich hab’s zuerst entdeckt, Und wunderte mich längst, daß er nicht eingesteckt. Probier’ es einer nur den Rücken Vor irgend jemand tief zu bücken Und sei der Mann auch noch so groß und mächtig — Ja, wär’ es der Monarch — Gleich nennt er’s niederträchtig.

Mad. Chlestow.

Ein Spötter ist er noch dabei: Ich sagte erstlich was, da fing er an zu lachen.

Die junge Gräfin.

Mich wollt’ er zur Modistin machen!

Moltschálin.

Mir sagte er — ich rathe Ihnen In Moskau beim Archive nicht zu dienen.

Natalie Dmítrewna.

Und meinem Mann rieth er in Moskau nicht zu leben, Er sollte fort und sich auf’s Land begeben.

Sagorétzki.

Aus allem klar: — verrückt — verrückt!

Die junge Gräfin.

Ich hab’ es gleich in seinem Aug’ erblickt.

Famussoff.

Er schlägt der Mutter nach. — Es ist bekannt Achtmal verlor die Sel’ge den Verstand.

Mad. Chlestow.

Was fällt nicht alles vor auf Erden! In seinem Alter toll zu werden! Er trank gewiß Nicht im Verhältniß seiner Jahre.

Die alte Fürstin.

Gewiß!

Die junge Gräfin.

Das muß es sein!

Mad. Chlestow.

Champagner goß er gläserweis hinein.

Natalie Dmítrewna.

Oh, nein, — ich kann’s betheuern In Flaschen und dazu in ungeheuern!

Sagorétzki (eifrig).

Was Flaschen, nein, ich weiß es besser Er trank, Gott straf’ mich, ganze Fässer.

Famussoff.

Ach geht mir doch — ein großes Unglück das, Guckt eine Mannsperson auch etwas tief in’s Glas, Nein, nein — der Unterricht — das ist die wahre Seuche, Gelehrsamkeit die macht’s, daß jetzt in unserm Reiche Der Wahnsinn um sich greift und solche Schändlichkeiten Und arge Meinungen sich mehr und mehr verbreiten.

Mad. Chlestow.

Und grad’ heraus — wie könnt’ es anders sein? Verrückt wird man schon ganz allein Von dieser ungeheuren Zahl Von Schulen und Pensionen und — Geschichten, Lyceen und Landkartenschulen allzumal Wo sie sich wechselseitig unterrichten.

Die alte Fürstin.

Ach nein! Mir ist ein Institut in Petersburg bekannt, Das Pä—da—go—gische, so, glaub’ ich, wird’s genannt, Die Professoren legen sich dort recht auf Ketzerei’n! Ein junger Mann, verwandt mit unserm Haus, Studirte dort und kam vor kurzem erst heraus. Was glauben Sie? Er könnte auf der Stelle In jeder Apotheke sein Geselle! Er flieht die Damen — mich sogar — der Spötter —! Die Ränge haßt er, denken Sie! Und treibt Botanik und Chymie — Fürst Theodor, mein Vetter!

Scalosúb.

Ich will Sie allgesammt erfreun Mit einer Neuigkeit: Ganz allgemein Sagt man, wie es im Werke sei, Daß mit Gymnasien und Schulen und Lyceen Ein großer Fortschritt soll geschehn: Man wird dort lehren jetzt auf unsre Art: — eins — zwei! Die Bücher aber hebt man auf Für feierliche Fälle.

Famussoff.

Nein, Feuer drunter auf der Stelle! Will man vom Bösen sich befrein, So muß es mit der Wurzel sein.

Sagorétzki (mit affectirter Bescheidenheit).

Bitt’ um Vergebung sehr, Die Bücher muß man unterscheiden. Wenn ich, zum Beispiel, Censor wär’, Die Fabeln würde ich nicht leiden! O Gott, die sind mein Tod! die ew’gen Witzelein Auf Löw’ und Adler da — wie sie nach Raube dürsten — Man sage, was man will, es sind doch immer Fürsten.

Mad. Chlestow.

Ach meine Herrn, mir scheint es wirklich einerlei, Wenn man verrückt wird, — ob Gelehrsamkeit, Ob Trinken Schuld dran sei! Um Tschatzki thut’s mir leid, Aus Christenpflicht muß man ihn schon bedauern Er hatte Mutterwitz und — hat dreihundert Bauern.

Famussoff.

Vierhundert!

Mad. Chlestow.

Nein, mein Bester, drei!

Famussoff.

Vierhundert hat er.

Mad. Chlestow.

Drei!

Famussoff.

In dem Kalender steht’s —

Mad. Chlestow.

Ach die Kalender lügen!

Famussoff.

Vierhundert auf ein Haar — Das Schrei’n und Streiten ist nun Ihr Vergnügen.

Mad. Chlestow.

Es ist nicht wahr! Dreihundert sind es — drei — Als ob ich das nicht weiß, was andre Menschen haben.

Famussoff.

Begreifen Sie denn nicht! Vierhundert sind’s.

Mad. Chlestow.

Nein, drei, drei, drei!

Zweiundzwanzigste Scene.

Die Vorigen. Tschatzki.

Natalie Dmítrewna.

Da kommt er selbst herbei!

Die junge Gräfin.

Scht!

Alle.

Scht!

(Ziehen sich zurück.)

Mad. Chlestow.

Nun, wenn er seinen Raptus kriegt, So kommen wir noch alle vor’s Gericht.

Famussoff (bei Seite).

Ach! Gott sei mir jetzt gnädig!

(Laut.)

Mein liebster Freund — Es scheint — Du bist nicht recht bei Laune. Nach einer Reise braucht man Ruh’. Zeig’ deinen Puls — ich glaube Du Bist nicht ganz wohl? Geh’ recht nach Haus.

Tschatzki.

Ich halt’s auch nicht mehr aus! Ich hab’ so viel umarmen heut’ gemußt, Mir schmerzt davon die Brust; Die Füße sind erlahmt vom Scharren und vom Bücken, Die Ohren thun mir weh vom Schreien und Entzücken. Und ach der Kopf ist fast Verrückt von all dem dummen Zeuge!

(Er nähert sich Sophien.)

Mein Geist erliegt des Kummers Last; Ich bin in dieser Menge wie verloren. Warum ging ich nach Moskau hin, Wo ich nicht mehr ich selber bin!

Mad. Chlestow.

Ei, hört doch an! Nun ist gar Moskau Schuld daran.

Famussoff (giebt Sophien Winke).

Geh’ nicht so nah’ Sophie! —

(Bei Seite.)

Sie hört nicht, was ich sage!

Sophie (zu Tschatzki).

Was hatten Sie denn nun für eine neue Plage?

Tschatzki.

Ach, eine Kleinigkeit! Ein wind’ger Franzmann aus Bordeaux Erzählt’ dort ein’gen Damen froh, Wie er sich früher unser Land gedacht, Und was er für Ideen sich gemacht, Und wie er fest geglaubt, daß wir Barbaren wären. Doch alle Angst sei nun vorbei, Man sollte, sagt’ er, wirklich schwören, Daß Moskau noch in Frankreich sei; Denn Sitte, Sprache, so wie Moden Versetzten ihn auf vaterländ’schen Boden. Ihn freut’ es ohne Gleichen, — Uns kann’s zur Freude nicht gereichen. Kaum endete der kleine Mann, Als alle Welt zu seufzen laut begann: Ah, Frankreich, einzig Land, ach göttliches Paris, Ja Frankreich ist das ird’sche Paradies! So stöhnten zwei geschminkte Damen, Die mir so vor wie Papageien kamen, Zwei Fürstinnen, die ihre Lection Herplapperten aus der Pension. Wo sollt’ ich hin vor diesen Fürstinnen! Ich stand unweit und äußerte bescheiden, Doch laut genug, daß sie’s gehört, Gott möge diesen Geist, von dem wir so bethört, Der blinden, knechtischen Nachahmung Sitte, Ausrotten bald aus unserer Mitte. — Er mögte doch in irgend eine Brust, Die selbstbewußt, Ergießen Muth und Kraft, Durch Beispiel und durch Wort Zu zügeln unsere Leidenschaft, Dies Schmachten nach der Fremde! Und möcht’ man einen Finsterling mich schelten, Altgläubig möcht’ ich ihnen gelten, Mir schiene es — der Geist in unserm Norden Sei von der Zeit an schlecht geworden Seitdem wir unserer Sprache Herrlichkeit Und unsre alten herrlichen Gebräuche Vertauscht mit dieser neuen Seuche. Die schöne Volkstracht wurde abgelegt, Damit nun jeder wie ein Narr sich trägt; Sind wir mit diesem Schwalbenschweif Nicht gradezu für’s Tollhaus reif? Ein lächerlicher Ausschnitt in der Mitten, Und kaum kann man sich frei bewegen. Und dann die Haare kurz verschnitten, Vernunft und Klima gleich entgegen! Wie lächerlich erscheint ein Graubart nicht, Der sich rasirt das Greisenangesicht! Kurzum — ich mußt’ gestehn, — ich fand So Haar als Kleider kurz, wie den Verstand. Und müßt’ es sein — und sind wir einmal schon geschaffen Zu fremder Völker Affen, O möchten wir denn doch von den Chinesen lernen Die fremden Sitten zu entfernen! Ach, machen wir uns je wohl frei Von fremder Moden Tyrannei, Daß unser Volk, das bravste in der Welt Uns unsrer Sprache nach nicht mehr für Fremde hält! „Allein wie kann man denn Europas Sitten,“ Brummt’ einer da aus ihrer Mitten, „Mit Nationalgebräuchen Und Volksgewohnheit wohl vergleichen! Nun übersetzen Sie mir schnell Madame oder Mademoiselle? Sie werden doch nicht „„Herrin““ sagen? Und haha! — Herrin —! ach wie häßlich! Und haha! — Herrin! — ach wie gräßlich!“ So wurd’ auf meine Kosten nun gelacht; Natürlich hat mich das doch aufgebracht, Und eben — auf mein Wort — Wollt’ ich die derbste Antwort geben, Da liefen alle fort —! Das ist begegnet mir, Und so was sehen täglich wir, In Moskau und in Petersburg Und in dem ganzen Reich geht das so durch — Kommt so ein Männlein aus Bordeaux So drängt sich Alles um ihn froh, Und alle Damen in der Runde, Die hängen wie an seinem Munde. — Die Fürstinnen vor allen Die haben dran ein Wohlgefallen. Doch wer in unsern Residenzen Es nicht versteht durch allerlei Gezierte Redensart und Narrethei Zu glänzen — Wer die verschriebenen Gesichter Nicht leiden kann, Und wer zum Unglück fünf bis sechs Gedanken, Wodurch er aus der Menge ragt, Frei auszusprechen wagt — Der sehe zu!

(Er sieht sich um, die Tänze haben begonnen, die älteren Personen haben sich zu den Kartentischen gesetzt — er zieht sich zurück. — Zum Schluß eine französische Quadrille und Mazurka mit Grotesktouren aus der Zeit des französischen Krieges. — Der Vorhang fällt.)

Ende des dritten Akts.

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