Bemerkungen über das vorliegende Stück.
Georg Julius Schultz translation
Über jedem ächten Kunstwerke liegt der Hauch der Ursprünglichkeit gebreitet, den der Mechanismus des Copirens, der Nachbildung abstreift. — Aber wer eine Statue, ein Bild copirt, arbeitet wenigstens in dem nämlichen Stoff; — der Übersetzer dagegen soll den geistigen Stoff in einem ganz anderen Material, in einer anderen Sprache wiedergeben, und Übersetzungen gleichen daher, wie der sonst verständige, tolle Junker von la Mancha sagt, — verkehrten Tapeten. Am schwierigsten erscheint nun die Übersetzung eines dramatischen Stückes, wenn die Sprache je nach den Characteren eine ganz verschiedene ist, und wenn verschiedene Bildungsstufen und Zustände eigenthümlicher, ja lokaler Art dargestellt sind. Und dieses ist der Fall mit dem vorliegenden Drama Gribojädoff’s. Es ist nicht schwer die Sprache von Sophie oder Tschatzki wiederzugeben: sie sprechen die Sprache aller gebildeten Menschen; wer aber vermöchte in einer andern Sprache solche eigenthümliche Erscheinungen wiederzugeben, wie einen Famussoff, einen Scalosúb, einen Repetíloff. Jeder von ihnen führt eine verschiedene Sprache, welche die verschiedenen Bildungsstufen bezeichnet, auf der jeder sich befindet.
Noch einer andern Schwierigkeit muß ich erwähnen: Oft ruft der Gegensatz von Fremdwörtern mit der familiären Sprache eine unwiderstehliche Komik hervor, die also nicht sowohl im Sinne als in der Wortstellung liegt. Von solchen Stellen wimmeln die Reden Famussoff’s, und wie selten kann die treue Übersetzung zugleich mit einer ähnlichen Wortstellung verbunden werden!
Nach diesen Ansichten von Übersetzungen, nach diesem Bekenntniß des Unvermögens wird man mir hoffentlich nicht die Absicht unterschieben wollen, als ob ich diese Übersetzung unternommen hätte, um solchen, die nicht russisch verstehen, das Original zu ersetzen.
Mein Endzweck war ein ganz anderer. Ich schrieb diese Übersetzung nicht sowohl für Deutsche oder solche die deutsch und nicht russisch verstehen, sondern vor allen Dingen für — Russen. Man verstehe mich nicht unrecht. Jeder wird mir zugeben, daß es angenehm wäre eine Sprache zu erlernen ohne das Lexicon immerfort aufschlagen zu müssen. Wenn nun ein Russe z. B. deutsch lernen wollte, so würde er, glaube ich, dieses am bequemsten aus getreuen Übersetzungen derjenigen russischen Meisterwerke, die er bereits im Original auswendig kennt. Hierzu rechne ich Kryloff’s Fabeln, Puschkin’s Onägin und das vorliegende Drama. In meiner Übersetzung habe ich, dem Original Vers für Vers folgend, die Redeweisen durch ähnliche deutsche wiederzugeben versucht. Hierbei ist nicht zu vergessen, daß die Sprache des Stücks die gewöhnliche Umgangssprache ist, und ich hoffe, daß man mir nicht den Vorwurf machen wird, eine andere als die bürgerliche Conversationssprache in der Übersetzung gebraucht zu haben. Der Russe wird also aus ihr deutsch sprechen lernen und zwar mit den eigentlichsten Redeweisen an ihrem Ort.
Aber auch demjenigen, der russisch erlernen will kann ich keinen besseren Rath ertheilen, als Gore ot uma zu lesen, denn die Sprache ist, wie gesagt, die Umgangssprache und durch die gebundene Rede ist der Werth der Sylben, die Betonung, der Accent sogleich gegeben. Solchen würde denn meine Übersetzung eine willkommene Beihülfe werden zum Verständniß des Originals, da die dunkelsten Stellen nach sorgfältiger Kritik der verschiedenen Auslegungen übersetzt sind.
Die Idee, die diesem Stücke zu Grunde liegt, ist eine schon bekannte. Sie ist in einer Gellert’schen Fabel anmuthig und bündig gegeben.
„Du Narr willst klüger sein als wir? „Man zwang den Pez davon zu laufen.“
Goethe hat den nämlichen Gedanken in den schönen Versen im Faust ausgedrückt:
„Die Wenigen, die ihr Gefühl, ihr Schaun „Dem Pöbel offenbarten „Hat man von je gekreuzigt und verbrannt!“
Wir sehen im Gore ot uma einen strebenden, mit glühender Vaterlandsliebe begabten, jungen Mann von seinen Reisen zurückkehren; auf diesen hat er mit Verdruß erkannt, daß die Gesellschaft seiner Zeit in Rußland eine Copie darstellt, und dieser Gedanke erfüllt ihn auf’s schmerzlichste. Mit diesem Unfrieden im Herzen kehrt er ins Vaterland zurück, und findet zum Unglück noch seine Jugendgeliebte kalt und abgewendet. Seine Mißstimmung steigert sich dadurch, sein Mund geht über wovon sein Herz voll ist, er macht sich aller Welt verhaßt, und durch ein Mißverständniß, das jeder befördert, sieht er sich für verrückt erklärt und steht einsam da.
Der Dichter schwingt die unbarmherzigste Geissel des Spottes über die verderbten sozialen Zustände in einer Hauptstadt; alle Charactere sind aus dem Leben gegriffen und von einer solchen inneren, menschlichen Wahrheit, daß wir immer glauben bekannten Erscheinungen und Personen zu begegnen, und dem Verfasser daher immer von Herzen Recht und Beifall geben.
Ich theile übrigens nicht die Ansicht Vieler, als ob Gribojädoff geglaubt habe Russen zu schildern; wenn er diese Ansicht hatte, so ist es ihm ergangen wie Wilhelm Meister, der nur Schauspieler kannte, sich über sie bitter beschwerte und in ihrer Beschreibung auf’s treffendste, ohne es zu wissen, — Menschen schilderte. Ich glaube in jedem Lande in Europa und besonders in den größeren Provinzialstädten wird man ähnliche Erscheinungen mit geringer Modification, durch Nationalität bedingt, wiederfinden, und eine freie und gehörig modificirte Übersetzung würde daher gewiß in jedem Lande Beifall finden. Über den Werth des Stücks hat die Zeit bereits entschieden, die strengste Kritik muß entwaffnet werden durch die Thatsache, daß jedermann, ehe das Stück gedruckt wurde — es bereits in der Abschrift besaß und fast auswendig wußte, so daß nach Polewoi’s Ausdruck die Buchdruckerkunst für Gribojädoff nicht erfunden zu sein brauchte.
Die in den Namen der Personen in dem Wortlaut involvirte Bezeichnung der Charactere wäre etwa folgende:
Famussoff dürfte von famose abzuleiten sein, in ironischem Sinne, wie man z. B. sagt — ein famoses Subject oder ein sauberes Subject. Famussoff ist ein selbstzufriedener, geld- und titelsüchtiger gemeiner Büreaucrat.
Tschatzki (von чадъ — Dunst?), der einzige würdige Character im ganzen Stück. Sein Schicksal ist in dem Titel des Stücks ausgesprochen. Wollte der Dichter durch seinen Namen bezeichnen, daß er ein Träumer war? Tschatzki macht sich freilich Luftschlösser, er schwärmt — aber er ist ein edler Schwärmer.
Moltschálin (von молчать — stille sein, schweigen) ist ein armseliger Character; ein Mensch von niederer Herkunft und Gesinnung. Er spielt die Flöte und schreibt eine gute Hand.
Scalosúb (Zähneblecker, Spottvogel), ein bornirter Kamaschenheld, der keine Ahnung von der wahren Bedeutung eines Kriegers hat. — Bezeichnend ist es, daß er als Formenmensch nur immer Zahlen im Munde hat.
Goritscheff (von горесть — Herzeleid), ehemals ein tüchtiger Mensch, ist er durch eine sinnliche und herrschsüchtige Frau ganz verweichlicht; er fühlt das und ist daher verdrüßlich und melancholisch.
Repetíloff (von répéter), ein leerer, verlebter Wüstling, der selbst ohne Bedeutung sich an bedeutendere Naturen anhängt und repetirt was andere sagen. Er ist das Bild eines Mannes, der schon im vorgerückten Alter noch nicht zur Besinnung gekommen ist und der jung zu bleiben glaubt, wenn er die Thorheiten und Ausschweifungen der Jugend in sein Alter hinübernimmt.
Sagorétzki (von загорѣть — durch Brennen schwarz werden?), ein berüchtigter (gebrandmarkter) Spieler, Lügner und Dieb, der aber durch allerlei Gefälligkeiten, die ihm nichts kosten, in der Gesellschaft sich zu erhalten weiß. Ein Beweis von dem Mangel einer öffentlichen Meinung, von der laxen Moral großer Städte.
Mad. Chlestow (von хлесть — Spießruthe), eine alte, brutale zänkische Dame.
Chrumin (von хромѣть — lahm werden), eine abgelebte Dame, die sich von dem schaalen Treiben der Bälle nicht losmachen kann.
Tugoúchoffski (von туго und ухо — Steifohr), ein stocktauber und armer Fürst.