Zweites Buch
Reading edition
Vor den offenen Arkaden des Collegio di Spagna lösten sich die Sänften und Karossen der Bologneser in ununterbrochener Folge ab und entleerten sich ihres lebendigen Inhalts. Schöne Frauen schlüpften heraus in kostbarsten, duftigen Gewändern, das liebliche Antlitz den gaffenden Zuschauern unter einem leichten Schleier verbergend. Würdenträger schritten die Stufen hinan in ihrer reichen Amtstracht. Würdige Gelehrte, Geistliche im schlichten dunklen Gewande, kühn blickende Jünglinge in der modischen Tracht der Zeit, sie alle hatten dasselbe Ziel: die Festgemächer in dem spanischen Kollegium der Universität, in denen heute, wie alljährlich, der neue Dekan seinen Amtsantritt festlich beging.
Im Empfangssaale, dessen kristallene Kronleuchter das Gold der Decke wie das Marmorgetäfel der Wände widerspiegelten, wartete der Hausherr mit seiner Familie der Gäste und begrüßte sie, je nach Rang und Stand, mit besonderer Höflichkeit oder freundlicher Herablassung, aber immer mit der unnachahmlichen Zuvorkommenheit und Würde, die dem Spanier vor anderen eignet.
Ein lebhaftes Stimmengewirr in vielen Sprachen durchzog bald den Raum, gedämpft indes durch die Rücksicht, die man sich und den anderen schuldete, um nicht als unhöflich aufzufallen.
Das Festmahl, das in einem herrlich geschmückten, großen Saale vor sich ging, sah alles vertreten, was die alte Stadt an Anmut und Würde, an Reichtum und Gelehrsamkeit in ihren Mauern barg. An der Tafel wechselten die auserlesensten Gerichte, in den Kelchen funkelte edler Wein.
Wo die Jugend saß, ging die Unterhaltung am lebhaftesten vor sich. Perlend flossen die Neckereien vom Munde der schönen Damen, mit witziger Anmut übten die Herren die Gegenwehr aus. Ernster floß der Rede Strom, wo Gelehrte über Fragen der Zeit das Wort führten. Hier schwärmte ein Jünger im Apoll seiner Dame von der Schönheit Petrarkischer Sonette vor, dort bewies ein Kriegsmann in glänzendem Gewande, daß sein Beruf der allein des strebenden Menschen würdige sei.
Gisela von Wendelin mit ihren Eltern zählte zu den Gästen. Ihr Kavalier, der Sohn des Podesta, unterhielt sie lebhaft, aber sie schenkte ihm nur zerstreut Gehör. Ihre Gedanken eilten über die Alpen in die norddeutsche Stadt, wo der heimlich Geliebte, nie Vergessene nun schon seit langem weilen mußte. Noch hatte sie kein Lebenszeichen von ihm wieder erhalten. Und außerdem lastete es auf ihr wie ein Druck, wie die Vorahnung kommenden Unheils, ohne daß sie sich Aufschluß über ihre Gefühle zu geben vermochte. Ihre Blicke kreuzten sich mit dem des Vaters, der ihr in einiger Entfernung gegenübersaß. Gütig lächelnd nickte er ihr zu, da wuchs auch ihr wieder die Zuversicht.
Die Freude des Abends stieg mit der Dauer des Festes; sie schimmerte wieder in den glänzenden Augen der Damen, sie erklang aus den frohen angeregten Gesprächen der Männer. Da ging noch ein letzter, einsamer Gast in das Haus. Unhörbaren Schrittes und ungesehen schritt er an der Reihe der Diener vorüber, ungesehen betrat er den Saal.
Sein glühender Blick überflog die Gäste. Dann näherte er sich der Festtafel. Hinter der schönsten der Damen hielt er an und beugte sich zu ihr nieder. Sie erblich unter seinem Hauch, und der zarte Leib erschauerte in Entsetzen. Und weiter ging der Gast. Dieses Mal war ein würdiger Ritter sein Ziel. Der zuckte zusammen und griff nach dem Herzen, aber er behielt sein Geheimnis für sich. Und weiter schritt der Unheimliche und beugte sich hier und beugte sich da. Und wo immer sein Hauch das Antlitz eines Gastes streifte, da erblichen die Wangen und erlosch die Freude. Und dann ging der Fremde davon, wie er gekommen, ungesehen und ungehört von den Dienern und nicht erkannt von der Menge der Gaffer. Das Fest aber wurde abgebrochen, weil, unbegreiflich und unerklärlich, ein Unwohlsein die Gäste befiel, die der Fremde gezeichnet. Am nächsten Tage schon in der Frühe, da wisperte es in der Stadt und raunte und ging in laute Wehklagen über: »Der Schwarze Tod ist da, die Pest ist in der Stadt!«
Wir nüchternen und klugen Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts wissen, wo diese Geißel des Menschengeschlechts ihre Heimat hat, wenn wir ihrer auch noch nicht Herr geworden sind. Zwischen dem Tianschan-Gebirge und dem Altai, im fernen Asien, im Osten auf das Sandmeer der Wüste Gobi blickend, im Westen auf die Kirgisensteppe herabschauend, erhebt sich der Tarbagatai, das Murmeltiergebirge, nach dem Tarbagan, dem Murmeltier, benannt. Dieses Tierchen, das zu Millionen dort haust, ist der Träger des Pestkeimes. Und wenn es selbst dieser Seuche erlegen, wirkt noch sein kleiner Leichnam als Überträger an allem, was in seine Nähe kommt, Tier und Mensch. Die Menschen fliehen aus ihren Siedlungen und tragen den Krankheitsstoff zu ihren Nachbarn. Und alles muß der Schrecklichen dienen, was Bewegung hat, Wind und Wasser, um ihre Herrschaft auszubreiten.
Unsere Vorfahren standen dem furchtbaren Würger in ohmächtigem Grausen und Entsetzen gegenüber; nichts anderes wußten sie ihr entgegenzusetzen als dumpfe Verzweiflung, wildes Wehklagen, brünstige Frömmigkeit oder tierische Lust. Wehe dem Ort, den diese Geißel überfallen, wehe der Stadt, in deren enge Gassen und dumpfe Häuser sie Einkehr hielt.
Sie kam nicht ohne Vorzeichen, so wußte es das Volk: Geflügelte Rosse am nächtlichen Himmel, mit seltsamen Reitern auf ihren Rücken, zogen unter Horrido mit der Meute auf den Wolken dahin. Öffnete man einen Rosenapfel, so entwich daraus wohl eine winzige Spinne. Dann war die Pest nahe. Sie wurde von Teufeln und bösen Geistern in die Brunnen gepflanzt; auch schlimme Menschen, Hirten, Hexen, Zigeuner und Juden vergifteten das Wasser.
Man suchte sie abzuwehren durch verdoppelte Frömmigkeit, Fürbitten der Heiligen und Wallfahrten. Aber eines guten Tages war der unheimliche Gast da. Wer es konnte, floh von der Stätte, wo sie einbrach, doch er war seines Lebens darum nicht viel sicherer; denn die anderen draußen erschlugen ihn, wenn sie erfuhren, daß er aus einem verseuchten Orte kam, um mit dem Träger die Krankheit am Vordringen zu hindern.
Wehe, dreimal wehe aber den Kranken selbst und den Häusern, in die der Schwarze Tod Einzug gehalten! Sie wurden gezeichnet, versperrt, daß niemand hinaus oder herein könne. Der Kranke mit seinen Angehörigen war von aller Welt abgeschlossen, und sie konnten verhungern, wenn sich nicht eine barmherzige Seele fand, die ihnen heimlich Nahrung zutrug.
In Bologna wütete die Seuche wie nie zuvor. Anfangs kündeten noch die Glocken, daß wieder ein Bewohner der Stadt ihr zum Opfer gefallen sei; aber dann schwiegen auch sie, denn ihr klagendes Gewimmer hätte sonst den Tag und die Nacht durchgellt. Die Stadt war tot. Vermummte Träger durchzogen mit Bahren und Karren die Straßen und lasen die Toten auf, die aus den Fenstern gestürzt wurden. Es lag auch wohl einmal einer unter ihnen, aus dem noch nicht alles Leben entflohen war: sie achteten des nicht, wer auf den Bahren und Karren lag, wanderte auch in die großen, mit Kalk gefüllten Gruben vor den Toren.
Die Pest, die wie ein hungriges Raubtier sich auf die unglückliche Stadt gestürzt hatte, zog nach Monden wie ein satter Gläubiger davon, der dem armen Schelm den Rest der Schuld stundet, bis es ihn gelüstet, wiederzukehren, um sich auch das Letzte als verfallenes Pfand zu holen. Verödet lagen die Häuser, verlassen die Straßen. Familien waren ausgetilgt, Geschlechter erloschen. Noch wich der Nachbar dem Nachbarn aus, wenn er ihn von fern sah. Aber leise, leise regte sich doch die Hoffnung, daß der Würger gegangen, und langsam keimte die Freude, daß der eigene Leib nicht von der Geißel geschlagen sei.
Giselas Vater war einer der ersten gewesen, welche dem grausigen Gaste auf seinen Wink folgten. Wenn das Wort nicht trügt, daß die Ängstlichen der Krankheit am ersten verfallen, so bewahrheitete es sich auch an der Mutter. Scheu hielt sie sich von dem einst so sehr geliebten Gatten fern, und laut ertönte ihr Jammern, als die ersten Anzeichen der Seuche sich auch bei ihr zeigten.
»Ich will nicht sterben, ich will nicht sterben!« so gellte ihr klagender Ruf durch das Haus. Aber vergeblich erklang ihr Flehen und Wimmern, auch sie trugen die schwarzen Männer nach einigen Tagen davon.
Nun war Gisela ganz allein in dem großen, leeren Hause. Sie hatte den Vater gepflegt, und sein letzter, dankbarer und trauriger Blick galt der treuen Tochter. Sie wich auch nicht vom Lager der Mutter, bis diese die Augen schloß. Unheimlich war es in dem öden Hause. Die Diener geflohen, die Mägde gestorben oder davongelaufen. Sie wäre verhungert, hätte ihr nicht eine fromme Frau aus dem Kloster der Ursulinen, erwiesener Guttaten eingedenk, heimlich Nahrung gebracht. Als die Sperre von den Häusern genommen wurde, als die Tore sich öffneten, da fand sie sich als eine einsame Waise unter Fremden; die Befreundeten und Verwandten tot, die Bekannten, soweit sie lebten, an fernen Orten. Hilflos, einsam wohnte sie im Hause der Eltern und hätte des Trostes mitleidiger Menschen doch so sehr bedurft.
Was hielt sie noch in dieser Stadt, die ihr fremd geworden, wo die gespenstig leeren Häuser und Straßen ständig an das Unglück gemahnten, das sie betroffen? — Da stieg die Sehnsucht in ihr auf nach dem fernen Deutschland, nach der liebevollen Base und die Erinnerung an den Mann im selben Lande, dem ihr Herz noch in gleicher Liebe entgegenschlug wie einst. Und sie faßte den Plan, der Freundin zu schreiben, sie um Obdach zu bitten, und so kam dieser Plan zur Ausführung.
Nachdem das Gebirge die Oker aus der engen Haft entlassen hat, in der sie sich, vom Bruchberge herabhüpfend, zwischen steilen Bergen und jäh abstürzenden Felswänden dahinwand, lacht bei dem rauchigen Hüttenort Oker die Freiheit. Fröhlich eilt sie in die lockende Weite, und über dem Staunen ob der neuen, fremden Welt, entgleitet ihr alles, was sie tändelnd und spielend an sich hielt, glattrunde Kiesel und feinkörniger Kies. Denn die Wasserfrauen haben ihr ins Ohr geraunt, da draußen, unter den Menschen, müsse man sich ehrbar und gesittet benehmen, wolle man Achtung genießen.
So wird aus dem wilden Gebirgskinde ein ruhig dahinziehendes Wasser. Aber hat es die Wildheit abgetan, so ist ihm dafür die Eitelkeit in die Glieder gefahren. Kokett sich drehend und windend, als wolle es mit eigenen Augen die rückwegige Schönheit bewundern, durchmißt es das Stück von Börßum bis nordwärts Braunschweig. So geht der Weg dahin zwischen flachbordigen Talwangen, bis es weiter nordwärts in die Heide kommt und nun sich vollends den Erwachsenen zurechnet. Unter dem ernsten Heidevolke ist auch die Oker ein stilles, ernstes Gewässer geworden.
Doch bevor sie das beschauliche Dasein eines besinnlich und bedächtig seines Weges schreitenden Alten erreichte, hatte sie schon zu jener Zeit nützliche Arbeit unter den Augen der Menschen zu leisten. Vor der Festung Wolfenbüttel wurde sie in viele Arme zerteilt, die das Schloß der braunschweigischen Herzöge, wie die Festung selbst mit einem schützenden Wassergraben umzogen oder in der Stadt die Mühlen trieben.
Gleiche Dienste fielen ihr auch in der einige Wegstunden nordwärts gelegenen Stadt Braunschweig zu. Suchte sich der Herzog gegen Angriffe von seinesgleichen zu schützen, so trieb die Braunschweiger bei der Sicherung ihrer Stadt, je länger, desto ausgesprochener, der Wille und Wunsch, dem eigenen Landesherrn Trutz bieten zu können. Wenn der Welfe auf die Höhe des Lechelnholzes ritt, eine halbe Stunde nordwärts seines eigenen Schlosses, konnte er den Turm von St. Andreas in die Lüfte ragen und die Stümpfe des Domes Sankt Blasius, wie das Heer der anderen Kirchen sich erheben sehen. Dann wallte wohl in ihm der Groll auf über die ungehorsame Tochter, die sich ihm verschloß und seine Gesandten abschlägig beschied auf sein an den Rat gerichtetes Ansinnen oder sie gar mit höhnischer Antwort heimschickte.
Und dabei mußte er seinen Zorn in sich hineinwürgen, denn es gab kein Mittel, um die Widerspenstige zu zähmen oder zu überwinden, im Gegenteil, die Erfüllung dieses Wunsches rückte in immer größere Fernen, je mehr die Macht der Stadt stieg. Übel lohnte sie es den Nachfolgern Heinrichs des Löwen, der ihr die erste Befestigung gegeben und den prächtigen Dom errichtet hatte, so mochte der Nachfolger selbst urteilen.
Aus der kleinen Siedlung, die der Herzog Bruno zur Zeit der Karolinger gegründet haben sollte, war ein mächtiges und volkreiches Menschenzentrum geworden. Die große Heerstraße, die nördlich des Harzes und hart am Südrande der menschenleeren, unwirtlichen Lüneburger Heide das Deutsche Reich von Westen nach Osten durchzog, wie die Wege nordwärts zu den Handelsplätzen der Nord- und Ostsee schrieben ihr die Rolle vor, die sie zu spielen berufen war. Der Anschluß an die Hansa, deren Quartierstadt im niedersächsischen Kreise sie bald wurde, hob ihr Ansehen und ihre Schönheit.
Mit Goslar, zu dem es viele Handelsbeziehungen unterhielt, verbanden es freundnachbarliche Bande, die um so enger wurden, je mehr der Ärger des Herzogs auf sie selbst und sein Neid auf die reiche Stadt am Harz, ihr Bergwerk und ihre Forsten offenbar wurde und gleiche Gefahr für beide kündete.
Der Reichtum seiner Bürger war fast sprichwörtlich geworden, und sie steuerten davon gern und willig nach den Schatzungen ihres Rates, um die Selbständigkeit der Stadt zu sichern. Wohl ausgestattete Arsenale, eine stattliche Zahl von Söldnern unter kriegserprobten Offizieren, denen im Falle der Not die wehrhafte Bürgerschaft sich noch zugesellte, hatte sie befähigt, den Herzögen auch im offenen Felde mehr als einmal standzuhalten.
Groß war die Zahl seiner Einwohner, zu groß fast für die Enge der Mauern und die Erwerbsmöglichkeit. Daher zogen viele seiner Söhne hinaus in die Fremde, um als tapfere Landsknechte Beute und Reichtümer zu erwerben. Ganze Fähnlein marschierten aus den Toren, unter heimischen Hauptleuten. Viele gingen in den Wirren und Kämpfen auf den Kriegsschauplätzen in aller Herren Länder zugrunde. Manche kehrten zurück nach einem Leben der Wanderung und Mühsal, um in der Heimat, fern dem Kampfeslärm, ihre Wunden zu heilen und der Ruhe zu pflegen; wenige nur unter ihnen sahen ihre Träume erfüllt.
Von den Offizieren stieg mancher zu hohem Ansehen. Der Name ›Braunschweigischer Hauptmann‹ hatte draußen einen guten Klang. Mehr als einer von ihnen führte ein Regiment oder war gar zum General aufgerückt. Verschlang sie nicht der Krieg, so kehrten sie wohl zuletzt auch in die Heimatstadt zurück, um in behaglicher Ruhe von erkämpften Siegen und gewonnenem Ruhm zu träumen. Zu ihnen gehörte auch der Obrist von Walldorf, dessen Damen in Bologna den neugebackenen Doktor juris Johannes Hardt von dem Hause Wendelin Abschied nehmen sahen.
Die Walldorfs wohnten in einem behaglichen Patrizierhause an der Echternstraße. Die Wallfahrt nach Rom hatte gute Dienste getan, und Glück und Zufriedenheit herrschten in dem gastlichen Hause. Johannes hatte einmal bei ihnen vorgesprochen. Er war schon seit Jahresfrist in den Dienst seiner Stadt getreten, und der Rat schickte ihn, in Erinnerung seiner bewiesenen Zuverlässigkeit, mit einem wichtigen Schreiben an die Braunschweiger dorthin.
Wenn Johannes gehofft hatte, bei dieser Gelegenheit etwas von Gisela zu hören, so sah er sich in dieser Erwartung getäuscht, denn es war noch kein Lebenszeichen von den Wendelins über die Alpen gekommen, seit die Damen zurückkehrten.
Trauer bemächtigte sich seiner, wenn er sah, wie die Erfüllung seiner Hoffnungen in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt blieb, während alle diejenigen daheim, denen er nahestand, dem Ziele ihrer Wünsche nahegekommen oder es erreicht hatten. Venne Richerdes war dem Heinrich Achtermann verlobt, und es schien nur noch eine Frage von kurzer Zeit, daß die Hand des Priesters sie zusammengab. Erdwin Scheffer hatte seine Monika heimgeführt und war wohlbestellter Weibel des Rates. Wenn die Zeit es erlaubte und die Gäste im ›Goldenen Adler‹ sie nicht zu sehr in Anspruch nahmen, schlüpfte Immecke Rosenhagen in die Wohnung des jungen Paares, um sich des Glücks ihrer Kinder zu freuen und das kleine Großtöchterchen auf ihren Armen zu wiegen, das das leibhafte Ebenbild ihrer Monika zu werden versprach. Allen hatte das Glück seine Tore geöffnet, nur ihm blieben sie verschlossen. Traurig und niedergeschlagen kehrte Johannes nach Goslar zurück.
Wenige Wochen darauf traf in Braunschweig der Brief Giselas mit der erschütternden Kunde des Todes ihrer Eltern ein. Die Antwort, daß sie bei den Walldorfs herzlich willkommen sei, ging sogleich nach Bologna ab, aber es verlief doch der Winter, ehe sie selbst ankam.
Richenza hielt es für selbstverständlich, an Johannes Hardt sogleich Nachricht von der bevorstehenden Ankunft der Geliebten gelangen zu lassen. Aber hieß es für ihn sich in Geduld fassen, bis der hoffentlich nicht ferne Tag gekommen, wo er sie selbst von Angesicht zu Angesicht schauen würde. Als dann der Ruf der Freundin kam, fand er ihn voller Ungeduld. Dieses Mal wartete er keinen besonderen Auftrag des Hochmögenden Rates ab, sondern er brach nach Braunschweig auf, sobald es sich einrichten ließ. Bevor er abreiste, sprach er mit den Eltern über seine Pläne und Wünsche.
Des Vaters Absichten gingen andere Wege. Er hätte es lieber gesehen, daß der Sohn eine Einheimische freite, aus alter Familie, deren Einfluß und Ansehen dem Sohn gewiß auch für seine weitere Laufbahn förderlich gewesen wäre. Aber sein Zureden scheiterte an der Entschlossenheit des Sohnes, der erklärte, daß er Gisela zum Weibe wolle oder gar keine. Mit einem Seufzer gab jener zuletzt nach. Ob er einen besonderen Wunsch dabei zu Grabe trug, blieb Johannes verborgen.
Noch war er freilich auch der Zusage Giselas selbst nicht sicher. Wenn er aber des Abschieds in Bologna gedachte, schwanden alle Zweifel. Zu offen hatte ihr Herz ihm damals entgegengeschlagen, und er durfte hoffen, daß kein anderer inzwischen von ihm Besitz ergriffen hatte, sonst hätte sie wohl kaum den Weg nach dem fernen Deutschland eingeschlagen.
Die Brust geschwellt von seliger Erwartung und im Herzen tiefes Mitleid mit der vom Schicksal so Schwergeprüften, brach er nach der alten Stadt an der Oker auf.
Johannes war erschüttert, als er der Geliebten zuerst entgegentrat: Was hatte die Zeit aus dem lebensfrohen, lieblichen Geschöpf gemacht, das er vor einigen Jahren in Bologna verließ? Ein blasses Gesichtchen, aus dem die dunkeln Augen von tiefen Schatten umlagert, Mitleid heischend und hilfesuchend ihn anblickten, tauchte vor ihm auf. Als sie den Langersehnten, immer Geliebten vor sich sah, den Zeugen ihrer glücklichen Jugend im trauten Familienkreise, kamen ihr die Tränen aufs neue. Ein stilles Schluchzen erschütterte ihren zarten Körper. Johannes trat zu ihr und ergriff stumm ihre Hände. Aber als sie allein waren, da fanden sie Worte. Vor ihm entrollte sich das furchtbare Bild der Seuche in Bologna, und er vernahm aus ihrem Munde, wie grausig das Ende ihrer Eltern gewesen war. Da hielt er nicht länger an sich. Sanft zog er sie an sein Herz und träufelte ihr süßen Trost in die schmerzerfüllte Brust.
»Habe Vertrauen zu mir, Geliebte. Unter meinem Schutz wirst Du vergessen lernen, und die Vergangenheit liegt bald wie ein böser Traum hinter Dir. Mein Mütterchen wird Dich an ihr Herz schließen als zweite Tochter, und in der Schwester gebe ich Dir eine Freundin, die mir beistehen wird, den letzten Gram in Deiner Brust zu tilgen.« Da lächelte sie ihn unter Tränen an. Doppelt liebreizend war sie in ihrer rührenden Hilflosigkeit. Aber eine leise Röte der Zuversicht und Freude stieg in die blassen Wangen.
»Oh, wie danke ich dem Himmel, daß er Dich mir schenkte. Ich weiß nicht, wie ich die furchtbare Bürde allein weiter hätte tragen sollen. Habe Dank mein einzig Geliebter, habe Dank!«
Innig drückte sie sich an ihn, und Johannes besiegelte seine Schwüre mit einem heißen Kuß.
Diesmal war der Abschied für ihn nicht so schwer. Er ließ die Geliebte in treuer Hut zurück. Es galt nur noch, das Nest zu bereiten für ihr Glück. Bald, so hoffte er und vertraute sie, hatte auch für sie die Zeit der Trennung ein Ende für immer.
Neben den Beziehungen freundschaftlicher und politischer Art, die zwischen den Städten Braunschweig und Goslar bestanden, liefen Fäden hin und her vom Schlosse des Welfenherzogs zu Wolfenbüttel nach der alten Reichsstadt am Fuße des Rammelsberges, von denen der Rat nichts wußte oder die doch so geheim gesponnen wurden, daß er sie nicht zerschneiden konnte. Nach Wolfenbüttel und noch nach einer anderen Stätte hin reichten sie, die wiederum nur dem Herzog und seinem Vertrauten und einigen wenigen bekannt waren. Die aber hüteten sich weislich, mit ihrer Kenntnis hervorzutreten; denn es wäre ihnen nicht nur eine angenehm fließende Geldquelle dadurch verschüttet worden, sondern sie hätten sich auch der Gefahr ausgesetzt, daß sich Meister Rotmantel ihrer annahm, der in jener Zeit, wie seine Berufsgenossen andernorts, in Goslar sein gutgehendes Geschäft ausübte, darin bestehend, daß er die Neugier eines wohlweisen Rates über ihre Tätigkeit in Gegenwart von den Bevollmächtigten des Rats zu befriedigen suchte, wobei er nur durch freundliches, aber dringendes Zureden zur Antwort mahnte.
Es gab da allerhand Mittel und Mittelchen, um auch die Schweigsamsten zum Reden zu bringen, von den Daumenschrauben bis zum Strecken des Körpers, wobei die Glieder allerdings aus ihren Gelenken gerissen wurden. Und half das noch nichts, so griff man noch zu gröberen Mitteln, die wir auszuführen Bedenken tragen, um nicht die nächtlichen Träume leicht erregbarer Leserinnen mit allerhand fragwürdigen Gestalten zu erfüllen.
Im übrigen ging alles nach einer peinlich festgesetzten Ordnung, auch das Bezahlen. Der Henker wußte genau, was er nach getaner Arbeit vom Säckelmeister eines Hochmögendes Rates zu erwarten hatte oder was er, nachdem das Erforderliche der Frau Eheliebsten abgeliefert war, in der Herberge oder im Ratskeller aus dem angeketteten Becher sich zugute tun durfte.
Zu solchen Personen, welche ihre Tätigkeit vor der Neugier des Rates ängstlich verbargen, gehörte zum Beispiel die Gittermannsche aus der Dröwekenstraße, wie ihr Vetter, der Schäfer Hennecke Rennenstich, der »Up den Ymminghove« Wohnung und Beschäftigung fand.
Von dem Nordabhang des Lindthalskopfes, der seine steile Stirnseite dem tiefen Graben des Innerstetales zukehrt, hüpft eilenden Laufes der Steimkerbach herab. Die Sonne bekommt dieser muntere Geselle erst zu sehen, wenn er den Gebirgswald verläßt; denn bis dahin überschatten ernste Tannen und laubdunkle Buchen und Eschen sein schmales Bett. Verträumt blinzelt er auf und eilt dann, im vollen Lichte des Tagesgestirns und doch ungesehen, unter Lattich und hängenden Weidenbüschen durch die Wiesen dahin, bis unfern des Dorfes Lutter am Barenberge er sich der Neile vermählt.
Frei geboren und frei geblieben bis zu der Stelle, wo er seinen Lauf beendet, darf das Wässerchen von sich rühmen; denn des Menschen Hand hat ihm kein Joch auferlegt. Dasselbe gilt auch von dem Dolgerbach, der in kurzem Lauf mit dem Kiefbach zusammen den Steimkerbach aufsucht. Aber der Dolgerbach war nicht immer frei. Vor Jahrhunderten, als noch das Dorf Dolgen stand, mußte er eine Mühle treiben, die unweit des Dorfes gelegen war.
Damals war das Tal des Steimkerbaches noch düsterer und finsterer als heute. Urwaldartig deckte der Wald die Hänge und die Talsohle, und den Eingang am Waldessaum versperrte dichtes Gestrüpp. Nur der Hirsch, der zur Tränke zog, und der Eber, der in seinem Sumpf suhlte, störten die Stille, welche das Tal füllte. Menschen verirrten sich nicht dorthin, und selbst der herzogliche Jäger, der im Dorf Dolgen hauste, mied die Stätte, denn es war dort nach seinen eigenen Wahrnehmungen nicht geheuer. Wer Mut besaß, die Geister zu bestehen, die dort ihren Spuk treiben sollten, der fand an diesem Tal eine Stätte, in die ihm keines Fremden Neugier folgte. Und es gab solche Männer, die einen Unterschlupf fanden, wenn ihnen der Boden draußen in der Ebene zu heiß wurde, wilde Gestalten, denen das Wasser ein Feind und der Bartscherer eine unbekannte Größe waren.
Man mußte wohl eine Stunde weit das Tal hinaufdringen und durfte ein zerschundenes Gesicht nicht scheuen, wollte man an das seltsame Heim dieser Menschen gelangen. Aber dann war man auch überrascht über das, was die Wildnis bot. Unter einem überhängenden Felsen, etwas abgekehrt vom Bache, erhob sich eine feste Hütte, aus Stämmen roh aufgeführt, die Fugen mit Moos verstopft.
Kleine Öffnungen, die verschlossen werden konnten, ließen etwas Helligkeit in das Innere, aber man war unabhängig davon: Fackeln und Kerzen ersetzten das Tageslicht, und wenn man nicht allzu große Ansprüche stellte, konnte man es sogar wohnlich drinnen finden. Die Wände waren mit Teppichen verhängt; mit Teppichen verschloß man auch die Fensteröffnungen im Winter, noch hinter den vorgelegten Läden, um die kalte Luft abzuwehren. An den Seiten liefen Bänke entlang, vor denen festgefügte Tische standen. Ebenso rohgezimmerte Holzschemel vervollständigten die Inneneinrichtung, abgesehen von einem offenen Herde, in dessen Nähe eisernes Kochgeschirr, Bratpfannen und irdene Näpfe verrieten, daß man ihn zu benutzen verstehe.
Der Rauch suchte sich einen Ausweg nach oben, wo und wie es ihm gefiel. Freiheit zu tun und zu lassen, was dem einzelnen beliebte, war überhaupt oberster Grundsatz in dieser Behausung. Wer schlafen wollte, erhob sich vom Tisch und suchte sein Lager auf Heu und Decken, wo es ihm gefiel und wo ein Platz sich bot. Nur ein kleiner Verschlag blieb davon ausgenommen, wo die Hausfrau ihr Lager aufschlug. Diesen Raum wagte ohne besondere Erlaubnis keiner der Gesellen zu betreten, denn die Eigentümerin war eine Respektsperson, selbst für diese wilden Männer.
Ein seltsames Frauenzimmer, das mit ihnen hier in der Wildnis wirtschaftete. Mit Schönheit war die Frau nicht überladen. Aus verrunzeltem Gesicht blickten schwarze, scharfspähende Augen den Besucher an. Die beiden gelben langen Eckzähne, die ihr von dem einstmaligen Reichtum geblieben, trugen auch nicht gerade zur Erhöhung ihrer äußeren Reize bei.
Hätte sie unter Menschen gelebt in einer Stadt, so wäre sie durch den Leumund der lieben Nächsten gewiß schon der Hexerei geziehen und dem hochnotpeinlichen Gericht wie dem Henker vorgeführt worden. Danach trug sie aber kein Verlangen, denn sie war Meister Rotmantel schon einmal überantwortet gewesen. Damals hatte man ihr allerlei Untugenden vorgehalten, wie zum Exempel, daß sie es mit der Ehrbarkeit nicht allzu genau nehme; sie war gestäupt und gebrannt worden, und man entließ sie mit der ernstlichen Vermahnung, immer eine gewisse Entfernung zwischen sich und der Stadt zu beobachten.
Diesen Rat befolgte Luke Meyse ehrlich, denn ihr lag wenig daran, sich bei Meister Rotmantel und seinen Knechten noch einmal in Behandlung zu geben.
Luke Meyse war wirklich einmal schön gewesen, sehr schön sogar, aber die Schönheit wurde ihr zum Verderben. Sie stieg ihr so sehr zu Kopfe, daß sie, ehrlicher, einfacher Leute Kind, meinte, sie sei zu etwas Höherem geboren, als des Nachbars Sohn Tyle zu freien. Es kam auch ein Höherer und nahm sich ihrer Schönheit an, ein richtiger Edelmann. Aber als er sie genossen hatte, warf er sie beiseite. Nun war sie auch Tyle nicht mehr schön genug, und sie ging mit ihrer Schande auf und davon. Es fanden sich auch nachher noch Männer, denen die Reste ihrer Schönheit zusagten, doch sie sank dabei immer mehr, bis der Henker ihr das Mal aufbrannte.
Nun lebte sie schon seit vielen Jahren in dieser Wildnis, und ihre Gesellschaft waren Gesellen, die vor einer Berührung mit den Behörden oder mit Meister Rotmantel nicht minder bescheiden zurückwichen. Ihre Zahl schwankte je nach der Jahreszeit und ihren »Geschäften«. Nur selten erlitt sie auch eine plötzliche Einbuße, weil einem ihrer Genossen bei seinen »Geschäften« ein Stück Blei zwischen die Rippen gefahren war oder er seine Widerstandsfähigkeit gegen einen Hieb mit Schwert oder Hellebarde überschätzt hatte. Dann blieb sein Platz unbesetzt, oder ein anderer rückte an seine Stelle. Lange Gedächtnisreden wurden nicht gehalten. Ein Fluch über das Mißgeschick, und die Sache war abgetan. Kehrte einer oder der andere mit einer Wunde zurück oder litt er sonst an einer Gebreste, so brachte ihn Luke wieder zuwege.
Langeweile litt Luke Meyse nicht; denn einer oder der andere der Gesellschaft war immer anwesend, mindestens der einarmige Brand Cramer, dem sie bei einem Zusammentreffen mit Bauern dieses wertvolle Körperglied zerschmettert hatten. Er war Schaffner des Hauses und Stallmeister in einer Person. Denn auch Pferde fanden in einem an den Felsen gelehnten Schuppen Unterkunft.
Und dann gab es da noch ein junges Ding, Ylsebe genannt. Wie sie sonst noch hieß, wußte niemand. Man hatte sie an der Straße aufgelesen, wo sie neben der erschlagenen Mutter jämmerlich schrie. Sie war der Liebling Luke Meyses und der Verzug der ganzen Bande. Wild und lustig, mit krausem Haar und schwarzfunkelnden Augen, bildete sie das belebende Element der Hütte. Übergriffe gegen sie wußte Luke kurz und bündig abzuweisen. Wurde es Ylsebe zu langweilig im Steimkerbachtale, dann eilte sie wohl auf einen Sprung und einige Stunden nach der Dolgermühle zu ihrer Freundin, der roten Aleke Swarte, des Müllers Tochter, die ihr an Wesen gleichkam.
In der Dolgermühle traf sie sicher auch noch andere lustige Gesellschaft, denn dort fand sich auch gemeinlich allerlei Volk zusammen, ähnlich dem im Tale des Steimkerbaches. Die Mühle war verwahrlost, die Bauern gingen mit ihrem Korn lieber zur entfernten Pöbbeckenmühle, wo sie schneller und redlicher bedient wurden. Der Müller zürnte ihnen deshalb nicht allzu sehr, denn an der Ausübung seines Handwerks lag ihm wenig: Wozu sollte er die Mahlgänge bedienen, nachts den Schlaf versäumen, wenn er auf andere Weise bequemer und lustiger zu Gelde kam? Denn lustig ging es her bei ihm bei Essen und Zechen und Würfeln. Die Besucher ließen sich nicht lumpen für die schönen Sachen, die ihnen des Müllers Weib briet oder der Müller selbst aus dem versteckten Keller hinter der Scheune vorsetzte. Aber das waren nur die Nebeneinnahmen.
Den Hauptteil warfen die »Geschäfte« ab, die mit den Besuchern von ihm als vollgültigem Partner abgeschlossen wurden. Bei ihm wurde nämlich alles geplant, was heranreifte oder was sich zufällig bot. Wenn irgendwo in der Umgebung ein Überfall vor sich ging, ein Haus in Flammen aufloderte, ein reicher Bauer in seinem Bett erschlagen aufgefunden wurde, wenn die Städter mit ihren Herden in Seesen und Goslar geschatzt, ihre Wagenzüge angehalten und überfallen wurden, so war der Plan dazu sicher in der Dolgermühle ausgeheckt worden.
Hin und wieder tauchte ein Mann auf, der ein besonderes Ansehen besaß. Daß er unter den Gesellen eine bevorrechtete Stellung einnahm, ging schon aus der Anrede hervor. Er wurde als »Herr Hermann«, auch »Herr Raßler« angesprochen. Raßler war ein Mann von gedrungener Gestalt, dem die wilde Entschlossenheit aus den Augen leuchtete. Das gebräunte Gesicht wäre hübsch zu nennen gewesen ohne eine tiefe Narbe, welche die Stirn fast wagerecht durchzog. Er besaß alle Eigenschaften eines Führers: scharfes Urteil, schnelle Beobachtungsgabe und einen großen Mut.
Als Sohn eines Arztes in Hildesheim hatte er das juristische Studium ausüben sollen, wurde aber durch viele böse Streiche anfangs schon aus dieser Bahn herausgeschleudert und relegiert; doch er war kein Verbrecher von gewöhnlichem Schlag wie seine Leute. Er sah in sich ein Rachewerkzeug gegen die menschliche, verderbte Ordnung. Auf den Erwerb von Beute und Reichtum legte er nur insoweit Wert, als sie ihn befähigten, seinen Weg zu gehen.
Deshalb, weil er nie einen besonderen Anteil beanspruchte und seine Hilfsbereitschaft jederzeit sich äußerte, erkannten sie in ihm die Führernatur, die ihnen Gewähr bot, daß die ausgeheckten Pläne meistens ohne große Opfer durchgeführt werden konnten.
Hermann Raßler war kein Wegelagerer gewöhnlichen Schlages. Das erwies sich aus der Kühnheit seiner Pläne, wie der Art ihrer Durchführung. Er selbst trat nur bei den großen und wichtigen Sachen in Tätigkeit, die Kleinigkeiten überließ er seinen zahlreichen Helfershelfern. Wo sein eigentlicher Wohnsitz war, wußten nur wenige Vertraute. Er kam und verschwand, und niemand fragte, wo er bleibe. Daß er zur rechten Stunde zur Stelle sein werde, war ihnen Gewähr genug.
Die kleinen Untaten fielen nicht eigentlich auf sein Konto; er duldete sie, weil er seine Leute bei Laune halten mußte. Meistens richteten sie sich gegen Menschen, die sich durch Habsucht oder eine ähnliche Untugend verhaßt gemacht hatten. Sie bedauerte er nicht; denn er gefiel sich je länger desto mehr in der Rolle des Schicksalswalters, der berufen war, über die Ungerechtigkeit der Welt zu Gericht zu sitzen.
Raßler war ein weithin gefürchteter Bandenführer, und der Ruf seiner kühnen Streiche veranlaßte mehr als einen der Großen, sich seiner Dienste zu bedienen, um einem Gegner im geheimen Abbruch zu tun an seinem Eigentum. Kleine Städte und reiche Dörfer sollten ihm, so hieß es, um sich seiner Huld zu versichern, Tribut zahlen.
Zu seinen »Kunden« zählte auch der Herzog von Braunschweig. Er bediente sich seiner gegen die Stadt Braunschweig, namentlich aber gegen das reiche Goslar, um die Bürger mürbe zu machen zur Annahme seines fürstlichen Schutzes. Raßler übernahm diese Aufgabe besonders gern und willig, denn mit dem Rate in Goslar hatte er ein Hühnchen zu rupfen. Die Goslarer hatten ihm nicht nur, wie bei dem Treffen im Hohlwege bei Riechenberg, wertvolle Leute erschlagen oder aufgeknüpft, sondern er war ihnen besonders deshalb gram, weil bei einer dieser Gelegenheiten auch sein einziger, wirklicher Freund, der gleich ihm aus der Bahn geriet, in ihre Hände fiel und schimpflich gerichtet wurde.
Im Schlosse zu Wolfenbüttel war Raßler keine unbekannte Persönlichkeit, wenn er dort auch unter anderem Namen aus- und einging. Durch des Herzogs Spione in Goslar, die zum Teil recht angesehene Bürger waren, wie auch aus eigenen Quellen wurde Raßler über die Vorgänge in der Stadt immer im voraus gut unterrichtet. In seiner Kühnheit hatte er sich auch mehrmals selbst in die Höhle des Löwen gewagt, um an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen. Allerlei geschickte Verkleidungen ermöglichten es ihm, ungefährdet und unerkannt in die Stadt zu gelangen und aus ihr wieder zu entweichen. Verrat von der Seite seiner Spießgesellen in Goslar brauchte er nicht zu fürchten, denn im Falle der Entdeckung war ihr eigener Kopf auch verwirkt.
Um Magda Richerdes, die Ehefrau des Bergherren, stand es nicht gut. Auf eine geringfügige Besserung, kurz nach Vennes Verlobung, folgte bald eine Verschlimmerung ihres Zustandes. Der Arzt war ratlos, die Familie nicht weniger. Venne ging mit verweintem Gesicht einher; auch der Zuspruch ihres Verlobten vermochte sie nicht über die Angst und Sorge um das Leben der Mutter wegzubringen.
Die Kunst der Ärzte jener Zeit stand nicht hoch. Soweit sie sich über den Rahmen bloßer Scharlatanerie erhob, reichte sie doch nicht im geringsten aus, um durch eine von Sachkenntnis getragene Diagnose und die danach anzusetzenden Mittel eine Krankheit zu bekämpfen, deren Wesen nicht durch äußere Merkmale sich von selbst verriet.
Die Reinigung des Blutes durch Purganzen aller Art galt als Mittel zur Verhütung von Krankheiten, wie zur Erhaltung der Gesundheit. Schlimm wurde es erst, wenn der Aberglaube im Verein mit der Dummheit auf der Seite der Kranken diese einem der dunklen Kurpfuscher in die Hände gab, die mit albernen Beschwörungsformeln und Mitteln aus pflanzlichen und anderen Stoffen heilen wollten, deren Wirkung auf den Körper des Menschen durchaus nicht feststand.
Überall im Lande saßen die Männer und Frauen, die auf die Unerfahrenheit und die Angst um die Erhaltung des Lebens ihrer Nächsten spekulierten und ein Wissen ärztlicher Art vortäuschten, das günstigstenfalls nichts nützte, oft aber die vielleicht noch heilbare Krankheit in lebenslängliches Siechtum verwandelte oder gar den Tod herbeiführte. Der Scharfrichter, die Schäfer, alte Weiber üblen Rufes, denen man Umgang mit dem Bösen, auch übernatürliches Wissen nachsagte, das waren die am meisten begehrten Berater der Kranken jener Zeit.
Auch in Goslar gab es solche »Wissende«, und zu ihnen zählte die Gittermannsche in der Fröweckenstraße, wie auch der Schäfer Hennecke Rennenstich auf dem Ymminghove. Ihre Kunst und ihr Wissen gründeten sich auf überkommene Sprüche und Tränke aller Art, zu denen sie die Kräuter selbst suchten oder sich zu verschaffen wußten. Ihre Hauptberaterin und Lieferantin war Luke Meyse vom Steimkerbach, die einstmals von Goslar einen wenig befriedigenden Abschied nehmen mußte.
Die Zeit hatte die Beziehungen zwischen ihr und der Gittermannschen nie ganz zerstört, und die geheimen Boten, welche Goslar von Zeit zu Zeit im Auftrage Hermann Raßlers aufsuchten, sorgten dafür, daß die Fäden zwischen diesen beiden würdigen Frauenzimmern und Freundinnen nicht zerrissen. Sie überbrachten auch jeweils Mittel, die von der Gittermannschen bei ihren Gewaltkuren benutzt wurden.
Venne wie den Vater bedrückte es über die Maßen, daß der Mutter nicht geholfen werden konnte, und als der Arzt seine Ohnmacht erklärte, waren sie bereit, wenigstens Venne, auch andere Mittel zu nehmen, wenn es hülfe. Zunächst wurde Immecke Rosenhagen zu Rate gezogen, von deren heilkundiger Hand sie von den Hardts gehört hatten. Immecke kam, besah sich die Kranke, gab auch einige schmerzlindernde Mittel an, gestand aber im übrigen, daß sie des Leidens nicht Herr werden könne. Da verfiel die alte Katharina, die nächst Venne ihrer Herrin über alles zugetan war, auf den Plan, die Gittermannsche zu befragen, die ihr von guten Bekannten empfohlen wurde.
Katharina mußte die Art der Krankheit genau beschreiben, doch erklärte jene, es sei äußerst wichtig, daß sie die Kranke selbst sehe und spreche. Da wurde die treue Alte vor dem eigenen Mut bange, denn sie handelte ja ohne Ermächtigung ihrer Frauen. Doch die Liebe zu diesen und der brennende Wunsch, der Kranken Heilung zu verschaffen, überwog zuletzt die Bedenken. Was sie aber selbst noch an Mißtrauen gegen die geheimnisvolle Frau hegte, verscheuchte sie durch die drohenden Worte: »Das sage ich Euch, Gittermannsche, tut Ihr meiner Frau ein Leid an, so habt Ihr es mit mir zu tun, und mit mir ist nicht zu spaßen.«
Jene antwortete nur mit einem überlegenen Lächeln, als ob ihre Kunst für sie außer Zweifel stehe.
Venne schalt die alte Magd tüchtig, als sie von dem Besuche hörte, und die Kranke weigerte sich, mit der Frau in Berührung gebracht zu werden, die doch eine Hexe sei. Aber das Leiden wurde schlimmer, und Katharina kam hartnäckig immer wieder auf die Sache zurück. Schließlich gaben die beiden nach, und man einigte sich, daß zunächst Venne mit der Getreuen — im Dunkel des Abends natürlich — die Gittermannsche aufsuchen solle.
Die alte Vettel war von einer überraschenden Liebenswürdigkeit, denn ihr lag viel daran, in dem angesehenen Hause Zutritt zu erhalten. Auf Venne wirkte indes gerade diese Art widerlich und abstoßend, aber sie bezwang ihren Abscheu, um der Mutter zu helfen. Mit großer Zungenfertigkeit pries die Gittermannsche ihre Kunst und zählte tausend Mittel und Sprüche auf, die unfehlbar, schnell oder langsam helfen müßten.
Venne wirbelte der Kopf von all dem Gehörten, aber sie gewann doch die Hoffnung, daß das Weib vielleicht die Heilung in der Hand habe. Es wurde also verabredet, daß sie auf besondere Botschaft hin kommen solle. Nun galt es noch, der Mutter endgültige Zustimmung zu erlangen. Der Vater wurde nicht ins Vertrauen gezogen; man hoffte es so einrichten zu können, daß er nichts von dem Besuche erfuhr. Später, wenn, wie Venne hoffte, eine Besserung eingetreten war, sollte auch er davon hören.
Als die Gittermannsche an dem verabredeten Abend vorkam, hätte Venne ihre Zusage am liebsten zurückgenommen, denn sie sah hier in der sauberen Wohnung fast noch unheimlicher und schmutziger aus als in ihrer Behausung. Die Mutter tat ihr doppelt leid, die sich von diesem Geschöpf behorchen und befühlen lassen mußte. Aber die ließ alles so teilnahmslos über sich ergehen, daß sie die Einzelheiten gar nicht wahrzunehmen schien.
Als die Megäre mit der Untersuchung fertig war, sann sie nach, wobei sie den schmutzigbraunen Finger an die Nase legte. Venne sah ihr angstvoll zu, als ob ihr eigenes Leben von dem Ausspruch abhänge. Dann kramte jene ihre Weisheit aus.
»Der Fall liegt schwer; doch ich hoffe, das Übel mit der Wurzel zu fassen. Habt Ihr, Frau, etwa böse Neider oder eine Feindin, die Euch das Übel angetan hat? Denn ohne Zweifel seid Ihr versehen worden.«
Frau Richerdes antwortete, sie sei sich nicht bewußt, sich jemandes Feindschaft zugezogen zu haben, auch wisse sie keinen Menschen, dem sie so Böses zutrauen könnte. Da legte sich aber Katharina ins Wort. »Ihr vergaßet das Zigeunermensch, das wir damals fortjagten, weil die Frau, als sie, Euch wahrzusagen, sich in die Stube gedrängt hatte, es verstand, sich ein seidenes Tuch anzueignen, das in ihrer Nähe lag. Ihr waret gutmütig genug, sie straflos laufen zu lassen. Aber ich erinnere mich noch genau des bösen Blickes, den sie auf Euch warf, und geheime Worte murmelte sie auch im Weggehen.«
»Dacht' ich mir's doch,« sagte die Gittermannsche. »Die Zigeunerinnen verstehen sich besonders auf die Kunst des bösen Blickes, und einen Zauberspruch wird sie Euch auch noch auf den Hals geschickt haben, ohne daß Ihr es merktet. Da werden wir es gleich mit kräftigen Mitteln versuchen müssen, um der Sache Herr zu werden. Und es soll mit dem Teufel zugehen, wenn es uns nicht gelingt.«
Bei dem Worte ›Teufel‹ fuhren die Frauen zusammen, und die ängstliche Katharina erklärte energisch: »Wir sind gute Christen und wollen mit dem Gottseibeiuns nichts zu tun haben.«
»Ach, geht mir mit Euren Einwänden,« entgegnete die Gittermannsche. »Meint Ihr, ich habe mit dem Teufel zu tun oder will Euch ihm verschreiben? Aber was von ihm kommt, muß zu ihm zurück. Das werdet Ihr doch auch wohl gelten lassen, oder wollt Ihr's für Euch behalten? Ich werde Euch eine Brühe kochen, mit der Ihr Eure Schwelle besprengt. Daneben reibt Ihr der Kranken die Herzgrube mit der Salbe, die Ihr gleichfalls bekommen sollt. Die Salbe ist wunderlich zusammengesetzt, und ihr Geheimnis behalte ich für mich. Die Brühe aber mögt Ihr selbst kochen; also wisset, wie man's macht.
Kauft in Gottes Namen eine Muskatnuß, ohne um den Preis zu feilschen, schneidet sie durch und zerstoßt sie mit Buchenasche, die im Sommer gewonnen ist. Kocht das Ganze in einem Eimer fließenden Wassers und gießet es an einem Donnerstag in Gottes Namen auf Eure Schwelle, indem Ihr also sprecht:
›Dat et nu vorgae unde dem duvel nicht bestae. Im Namen des vaders unde des sones unde des hilghen gheistes.‹ Handelt genau nach meiner Vorschrift und wartet die Wirkung ab.«
Eine Belohnung wollte die Gittermannsche nicht nehmen, nein, es war ihr nur um die christliche Barmherzigkeit zu tun, und sie freue sich, einer so ansehnlichen Frau zu helfen. Katharina aber sorgte dafür, daß ihre Schürze in der Küche mit allen möglichen nützlichen und schönen Sachen gefüllt wurde.
So gewann die Gittermannsche Zutritt und Einfluß im Hause Richerdes. Hätte die gute Katharina geahnt, welchem Unheil sie damit die Tür öffnete, sie hätte jene nicht gerufen, selbst nicht um den Preis der Wiederherstellung ihrer Frau.
Auf dem Vater Vennes lasteten noch mehr Sorgen als die Krankheit der Frau. Was er damals dem Ratsherrn Achtermann zugesagt hatte, war in Verhandlungen mit dem Rate der Stadt herangereift. Richerdes wollte sein Grubenrecht um zweitausend Mark lötigen Silbers abtreten. Es handelte sich noch darum, die genaue Abgrenzung seiner Gerechtsame im Berge markscheiderisch festzulegen. Solange ging der Betrieb auf seine Kosten weiter.
Er konnte sich nicht verhehlen, daß der Ertrag immer geringer und zweifelhafter wurde, und es fiel ihm schwerer und schwerer, die Löhne und Gelder für Grubenholz aufzubringen. Der Silvane Bandelow, der ihm so viel von Freundschaft und nachbarlicher Gesinnung vorgeredet hatte, drohte mit der Einstellung der Holzlieferungen. Die Verhandlungen mit dem Rat kamen ihm dabei als Ausrede sehr gelegen. »Er habe ja abgeredet, zu verkaufen; ja, wenn Richerdes das Werk weiterbehalten wolle, aber so ...« Es mußte also Geld beschafft werden. Die Bekannten zeigten sich nicht geneigt, zu helfen; auch Achtermann gab unter allerhand Ausreden nichts her. Da blieb kein anderer Weg offen, als sich an die gewerbsmäßigen Herleiher zu wenden, wenn es auch vielleicht unchristliche Zinsen kostete.
Der Zuzug der Juden nach Goslar wurde von dem Rat immer von Fall zu Fall und mit zweckdienlicher Zurückhaltung geregelt. Er hatte sich dabei bislang immer durchaus als ein guter Geschäftsmann gezeigt, der eine Leistung nicht tut ohne Gegenleistung. Das bedeutet für die vielgejagten und verfolgten Kinder Israels nichts anderes, als daß sie zahlen und nochmals zahlen mußten, um die Erlaubnis zur Ansiedlung zu erlangen. Und da der Kaiser auch für seinen Schutz noch eine besondere Steuer ihnen auferlegte, so ergab sich für diese Schutzjuden des Rates und des Kaisers die Pflicht, zu zahlen und zu zahlen, um nur ein Obdach zu haben. Was Wunder also, daß sie daraus für sich die Erlaubnis ableiteten, zu nehmen, wo sich's ihnen bot, das heißt, ihren christlichen Mitmenschen ihre Hilfe in Form von Darlehen um Zinsen zu gewähren, bei denen jenen leicht der Atem ausgehen konnte.
Das Ghetto der goslarschen Juden war die Hokenstraße. Dort hausten sie zusammen, so viele oder so wenige ihrer in der großen Reichsstadt wohnten, gemieden von den Einwohnern, nur sich selbst lebend und ihren Geschäften. Verirrte sich ein Christ in diese enge, dunkle Straße, so geschah es sicher nur, um die Hilfe der Hebräer in Geldsachen in Anspruch zu nehmen.
Es war dem ehrenfesten, angesehenen Bürger und Bergherrn Richerdes ein hartes Angehen, den Weg zu dem Juden Asser anzutreten. Dieser wohnte mit seinem Weibe Lusse in einem dunklen Hause nach dem Fleischscharren zu.
Er trat dem ernsten Mann, der da in der Dämmerung ins Haus trat, mit all der unterwürfigen Geschmeidigkeit entgegen, die den Leuten seines Stammes eignet im Verkehr mit anderen, vor deren Stellung und Person sie sich noch eine Förderung oder Schädigung ihrer Interessen versehen.
Auf dem Untergrunde seiner lebhaften, dunklen Augen glomm ein Schimmer wilder Freude, daß wieder einer der Andersgläubigen den Weg zu ihm, dem Verachteten, Geschmähten, fand in seiner Not und daß er auch in dessen Schicksal werde eingreifen können, um, wenn die Stunde gekommen war, den Anteil seiner Rache an dem verfluchten Christenvolk zu üben, zu der die ein Leben lang getragene Schmach und der durch Jahrhunderte vererbte Wunsch, den unauslöschlichen Haß zu löschen, trieben. Über die mißliche Lage seines Gegenübers, den er mit vollendeter Höflichkeit auf den Ehrenplatz nötigte, war er längst unterrichtet.
Asser — die Juden hatten zu jener Zeit noch nicht das Recht, sich andere Namen zuzulegen — hörte den Bergherrn ruhig an. Nur das nicht bezwungene Spiel seiner Augen verriet, daß er bei der Sache war. Richerdes schloß fast barsch: »Also, Jude, willst Du mir Geld leihen oder nicht? — Daß es Dein Schade nicht sein wird, weißt Du selbst am besten.«
Auf einmal war Asser ganz zurückhaltender, kühler Geschäftsmann, wenn er auch in seinen Worten der geschmeidige, unterwürfige Jude blieb.
»Herr, es ist mir eine große Ehre, die Ihr mir Unwürdigem wollt antun; aber ich fürchte, ich werde Euch müssen enttäuschen. Jahve hat meiner Hände Arbeit gesegnet, das ist wahr. Aber was Euch erzählt haben andere Menschen von meinem Reichtum, ist Fabel. Gott der Gerechte soll mich strafen an meinem Samen, wenn ich habe in Besitz, was Ihr begehrt. Ihr wißt, daß der Hohe Rat, daß der Herr Kaiser in Wien haben auferlegt den armen Juden, große, schwere Lasten zu tragen, als wie will heißen, daß wir müssen zahlen große Summen, nur daß wir dürfen wohnen an solchem Ort wie Goslar. Wie soll ich da kommen zu Geld, um es zu geben Ew. Edelgeboren!
Auch ist mir bekannt, wie ich habe gehört, daß Eure Sach' nicht stehet zum besten, daß Euer Bergwerk nicht mehr lohnt die Kosten. Wie heißt da Geschäft, wenn nichts ist da, als womit man kann sich assekurieren gegen Verlust?«
Richerdes schwoll die Ader über dieses Wort, die seine Zahlungsfähigkeit in Frage stellte.
»Glaubst Du, verfluchter Jude, ich wäre zu Dir gekommen, um Dich zu betrügen?«
»Gott soll mich bewahren, daß ich sollte haben solch schwarzen Gedanken,« antwortete der andere geschmeidig, »aber man wird doch dürfen sprechen vom Für und Wider, wenn es sich handelt um ein Geschäft. So muß handeln ein ehrlicher Jud, der ich bin gewesen all mein Leben lang, und so wird sprechen jeder Kaufmann, der etwas versteht vom Geschäft. Mag sein, daß man mir hat geschildert viel zu schwarz Eure Lage, aber ich muß rechnen, was spricht dafür und was spricht dagegen.
Doch ich will Euch helfen, beim Gotte Abrahams, was steht in meinen Kräften. Wieviel wollt Ihr haben? Vielleicht, daß ich bringe zusammen das Geld von Freunden unter unseren Leuten. Doch müßt Ihr Euch begnügen mit weniger. Was wünschtet Ihr doch zu haben, günstiger Herr, daß ich's noch mal höre?«
»Hundert Mark Silber«, entgegnete Richerdes kurz, doch etwas besänftigt.
»Hundert Mark«, klagte der Jude. »Wo sollte ich hernehmen hundert Mark! Sagen wir fünfzig, fünfzig Mark. Das ist eine ansehnliche, glatte Summe, mit der Ihr werdet wirtschaften, bis daß es Euch geht besser oder Ihr habt Euer Geld vom Hochweisen Rat.«
»Was weißt Du, Jude, von meinen Verhandlungen mit dem Rat?« fragte der Bergherr unangenehm überrascht. »Nun nichts für ungut, Ew. Gnaden«, wandte Asser demütig ein. »Aber man hört ja dies und jenes; es braucht ja nicht immer zu sein wahr, aber man weiß doch gern, was geht vor sich.«
»Also, dann her mit dem Geld«, begehrte Richerdes barsch.
»Gott der Gerechte,« jammerte da der Jude, »wie soll ich kommen zu so grausam viel Geld, und wenn ich wollte kehren um mein Haus vom Dach bis zum Keller. Ich muß es mühselig mir selbst borgen zusammen. Kommt also morgen oder übermorgen, es abzuholen. Und, daß es nicht werde vergessen, der Ordnung halber, bringt auch gleich mit das Geschriebene, daß ich mag ruhig schlafen.«
»Es ist gut, Asser, ich werde morgen hier sein. Halte das Geld bereit, der Pfandschein soll Dir nicht fehlen.«
Auch das Geld des Schutzjuden Asser vermochte den Lauf der Dinge nicht aufzuhalten. Das Erzlager in der Richerdesschen Grube lief immer spitzer zu, und es war der Tag abzusehen, wo sie gänzlich zum Erliegen kommen würde.
Mit dem geliehenen Gelde konnte der Bergherr noch einige verzweifelte Versuche machen, durch Seitenschläge eine andere Erzader zu erschließen; doch auch diese Anstrengungen verliefen erfolglos. Nun drängte Richerdes selbst darauf, daß der Rat den Ankauf vollziehe, aber die Ratsherren waren auch über die Sachlage unterrichtet und trugen Bedenken, ein so unvorteilhaftes Geschäft für die Stadt abzuschließen. Vergeblich wies Richerdes darauf hin, daß der Verkauf ohne Vorbehalt hätte abgeschlossen werden sollen; vergebens auch bemühte er sich, darzutun, daß in vielen anderen Fällen schon neben einem sich totlaufenden Lager eine neue Ader gefunden sei, daß mindestens Aussicht bestehe, auf einer tieferen Sohle zu finden, was auf der jetzigen abgebaut sei; die Herren blieben bei ihrer Ansicht bestehen, daß der Vertrag noch nicht abgeschlossen sei und also die daraus für Richerdes erwachsenden Vorteile nicht gewährt zu werden brauchten.
Was der Ratsherr Heinrich Achtermann ihm früher als drohendes Gespenst vorgehalten hatte, um ihn zu einem Verkauf gefügig zu machen, das trat jetzt trotz seiner Nachgiebigkeit ein: Richerdes, der angesehene Bürger und Montane, war ruiniert, zahlungsunfähig.
Das lauteste Geschrei erhob der Schutzjude Asser, der sich um sein Geld sorgte. Jetzt, wo er glaubte, keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen auf den einst angesehenen Bürger und Christen, zeigte sich der ganze aufgespeicherte Haß seines Volkes. Er raufte sich das Haar, nannte sich den unglücklichsten aller Söhne Abrahams und schimpfte seinen Schuldner einen abgefeimten Spitzbuben und Betrüger. Diese Tonart wurde ihm allerdings bald verleidet durch eine Buße von mehreren Mark Silber, die der Rat über ihn verhängte wegen Kränkung eines Christen und bis dahin unbescholtenen Bürgers.
Er erhielt auch sein Geld, und zwar zahlte ihn der Ratsherr Heinrich Achtermann aus. Das geschah allerdings nicht aus christlicher Barmherzigkeit; er tat es auch nicht der nahen verwandtschaftlichen Beziehungen wegen, die durch das Verlöbnis nach der Anschauung jener Zeit als damit bestehend angesehen wurden. Er zahlte, weil er nicht wollte, daß der Vater der mit seinem Sohne verlobten Tochter in den Schuldturm wandere. Über die weitere Entwicklung der Dinge war er sich für seine Person völlig im klaren. Im übrigen sicherte er sich gegen Verlust durch ein Pfand auf das Anwesen des Bergherren.
Richerdes war durch das Unglück völlig niedergebrochen. In diesen Tagen, da das Unheil wie eine schwere Wolke über dem Hause in der Bergstraße lastete, zeigte sich Venne als eine wahre Heldin. Sie suchte den Vater aufzurichten, und sie pflegte die Mutter, deren Zustand sich infolge der Aufregungen immer mehr verschlimmerte.
Venne hatte niemand, um ihm ihr übervolles Herz auszuschütten, als die alte Vertraute ihrer Kindheit, die brave Katharina. Noch einmal wurde die Gittermannsche zu Rate gezogen, noch einmal versuchte es diese mit einer neuen Salbe, einem neuen kräftigen Spruch; aber das Ende war nicht aufzuhalten. Als die Blätter im lustigen Todestanze zur Erde wirbelten, schloß auch diese müde Erdenpilgerin die Augen für immer. Und es war zu erkennen, daß der Vater, an dem die Schmach der unschuldig erlittenen Verarmung und Erniedrigung zehrten, sie nicht lange überleben würde.
Auch die tapfere Venne drohte dem ungleichen Kampfe mit dem widrigen Schicksal, in dem sie allein auf dem Plan stand, zu unterliegen. Die einzige Wohltat, die ihr in dieser Zeit widerfuhr, war die treue Freundschaft, welche ihr von den Hardts entgegengebracht wurde.
Auch Immecke Rosenhagen bewies in diesen Tagen der Not, daß sie zur Stelle sei, wenn man sie brauchen konnte. Sie hatte längst erkannt, daß der Mutter nicht zu helfen war. Sie half mit einem stärkenden Trank, mit einer schmerzstillenden Salbe. Was die Gittermannsche anpries, war in ihren Augen und nach ihren Worten Schwindel. Sie redete den Frauen auch ab, sich mit der Person einzulassen, da man daraus Unannehmlichkeiten haben könne. Wenn Venne gegen ihren Rat handelte, so geschah es aus dem heißen Wunsche heraus, das teure, schwindende Leben so lange festzuhalten, wie sie konnte.
Und wo blieb Heinrich Achtermann, der Verlobte Vennes?
Seine Liebe war nicht geschwunden. Der Schmerz, der über dem süßen Antlitz Vennes lagerte, je trostloser der Zustand der Mutter wurde, machte sie ihm noch begehrenswerter. Doch die Pflege der Mutter nahm sie so in Anspruch, daß sie nur selten Gelegenheit fand, ihn zu sprechen. In heißem Mitleid schloß er sie dann in die Arme.
»Mein armes Herz, was kann ich nur tun, um Dir die Last tragen zu helfen, die Dich erdrücken muß? Laß mir doch den mir gebührenden Anteil an Deinem Leid. Du weißt, geteilter Schmerz ist halber Schmerz.«
Venne lächelte ihm dankbar unter Tränen zu. »Du kannst mir nicht helfen, jetzt noch nicht. Wer weiß, ob es nicht noch schlimmer kommt. Versprich mir nur das eine, daß Du mich nie verlassen wirst.«
»Deine Worte verdienen eigentlich Strafe,« zürnte Heinrich. »Hältst Du mich für einen solchen Schurken, daß ich Dich im Unglück aufgeben könnte?«
Beseligt nickte Venne ihm zu: Nein, sie war beruhigt, Heinrich Achtermann war einer solchen Sünde wider göttliches und menschliches Recht nicht fähig!
Der junge Achtermann, dem die Ratsherrnwürde in der Reichsstadt Goslar so sicher zufallen mußte wie das Erbe seines Vaters, war von der Aufrichtigkeit seiner Worte selbst völlig durchdrungen. Er liebte Venne mit all der Innigkeit und Glut, mit der er zuerst die Holde an sein Herz gezogen hatte. Wer ihm gesagt hätte, er werde die Braut verlassen, den würde er als persönlichen Feind behandelt haben. Aber er konnte nicht hindern, daß der Vermögensverfall des Vaters seiner Venne auch ihn in seine Kreise zog. Es fanden sich gute Freunde, die ihm unter dem Mantel teilnehmender Worte das Gift ihres Hohnes einträufelten. Manche vermeintliche oder wirkliche Kränkung, die ihnen von Venne in der harmlosen Sieghaftigkeit ihrer jugendlichen Anmut unbewußt zugefügt war, manche Zurücksetzung, die ihretwegen neidische Freundinnen erfahren hatten, fanden jetzt Gelegenheit zu unschöner Vergeltung.
Heinrich Achtermann widerstand tapfer; er wies alle Andeutungen, daß er Venne aufgeben müsse, entrüstet zurück. Aber der Stachel blieb doch sitzen, und die Überlegung in den stillen Stunden der Nacht konnte jenen nicht unbedingt unrecht geben: Hatten sie nicht recht, war es nicht eine sehr zweifelhafte Sache, die Tochter eines verarmten Mannes zu freien, welcher der schimpflichen Schuldhaft nur durch die Hilfe des Vaters entgangen war? Und würde es je gelingen, die Lästermäuler zum Schweigen zu bringen? — alles Gedanken, deren Gewicht er nicht verkannte. Ein gewichtiger Helfer aber erwuchs denen, die aus Bosheit oder Rachsucht das Band zwischen ihm und Venne Richerdes zu zerreißen suchten, im Vater.
Der Ratsherr Heinrich Achtermann hatte selbst den Freiwerber für seinen Sohn gemacht, so hätte ihm Richerdes entgegenhalten können. Er zeigte sich der Vereinigung geneigt, denn die hübsche Venne tat es auch ihm mit ihrem Liebreiz an. Zwar war der Bergherr kein reicher Mann, aber das brauchte bei der eigenen Vermögenslage kein Hindernis zu sein. An Ansehen standen ihm die Richerdes nicht nach; auch ihre Familie hatte der Stadt mehr als einen Ratsherrn und Bürgermeister gegeben.
Das alles änderte sich indes, als der angehende Schwäher ein armer Mann wurde mit all den unglückseligen Begleitumständen, die wir kennen. Wandte er auch mit eigenem Gelde das Schlimmste von jenem ab, so kam der Montane als Verwandter für ihn nicht mehr in Betracht. Sein Patrizierstolz hätte es nie verwunden, daß man hinter der Schwiegertochter, wenn auch im geheimen, herzischelte als der Tochter eines fallit gewordenen Bürgers.
Achtermann hoffte, daß der Sohn selbst so viel Einsicht haben werde, das Band zu lösen; er, der Vater, wäre dann wohl auch noch zu besonderen Opfern bereit gewesen, um die Angelegenheit möglichst geräuschlos zu regeln. Als er aber zum ersten Male mit Heinrich darüber sprach, brauste dieser auf und erklärte, er werde nun und nimmer die Braut im Stich lassen. Der Vater ließ ihn ruhig reden, in der Überzeugung, daß der Überschwang seiner Gefühle sich unter dem Einfluß der Zeit schon ausgleichen werde.
Es war dem Sohne, als ob die kühlen Worte des Vaters, der die Sache wie ein Geschäft behandelte, Venne selbst in ihrer Abwesenheit träfen, und er suchte noch am selben Abend Gelegenheit, die Geliebte seiner unwandelbaren Treue zu versichern. Er fand sie nicht, denn der Zustand des Vaters — die Mutter hatte man wenige Wochen vorher zu Grabe getragen — erschien ihr gerade an diesem Abend besonders besorgniserregend. Heinrich ging davon, etwas verstimmt, daß seine gute Absicht nicht zur Ausführung kam.
Auch Venne selbst war die Sorge gekommen, ob die Vereinigung mit dem Geliebten werde zustande kommen; denn auch ihr blieben natürlich die Demütigungen nicht erspart und versteckte Anspielungen, es sei ihre Pflicht, den Ratsherrnsohn freizugeben. Es tauchte ihr auch wohl selbst der Gedanke auf, das Opfer nicht anzunehmen, und herber Trotz gegen alle Welt, auch gegen den Geliebten, ließ sie mit dem Gedanken spielen, Verzicht zu leisten. Aber dann quoll die Angst um so heißer in ihr auf und die Sehnsucht nach dem Geliebten.
In diesem Widerspruch der Empfindungen traf sie eine Botschaft des alten Achtermann ins Herz, der ihr zuraunen ließ, sie möge den Sohn freigeben, er werde sich die Sorge um ihre Zukunft angelegen sein lassen. Das wirkte wie ein Schlag ins Gesicht auf die stolze Venne. In ungebändigtem Trotz ließ sie dem Ratsherrn sagen, sie werde sich dem Sohn nicht an den Hals werfen; das Anerbieten aber, für sie sorgen zu wollen, weise sie als eine besondere Kränkung zurück. Der Alte ließ sich dadurch nicht beirren, »Mädchenüberschwang«, dachte er. »Das wird sich schon zurechtgeben.«
Heinrich, der Sohn, wußte von dem Vorgehen des Vaters nichts. Er versuchte mehrmals die Geliebte zu sprechen, erfuhr aber durch Katharina jedesmal eine mehr oder weniger mürrische Abweisung. Da setzte er es einmal doch durch, daß er vorgelassen wurde. Venne empfing ihn mit verweinten Augen. Auf seine Frage, was ihr sei, hielt sie zunächst zurück. Doch dann durchbrach das aufgehäufte Weh und der Zorn über die Demütigung die Schranken, und sie klagte mit bitteren Worten den Vater an. Heinrich war erschrocken und empört, und er bat Venne, ihm zu vertrauen.
»Ich schwöre Dir bei allem, was mir heilig ist, daß ich von dieser Niedertracht nichts weiß und nichts ahnte. Glaube mir doch, Geliebte, ich stehe zu Dir, und wenn sich alles gegen Dich vereint.«
Mit heißen Küssen besiegelte er seine Schwüre, und in Venne stieg ein Gefühl des Glückes auf, blieb ihr doch wenigstens dies Allerschwerste erspart!
Zu Hause stellte Heinrich den Vater zur Rede. Der Ratsherr leugnete gar nicht, daß er wirklich die Botschaft geschickt habe.
»Wenn die Kinder die Vernunft verlieren, müssen die Eltern für sie denken und handeln.«
Heinrich begehrte auf und erklärte, daß er nie und nimmer von Venne lassen werde, der Vater blieb ganz kühl und ruhig.
»Vorläufig ist es bei uns noch Sitte und Gesetz, daß die Eltern bestimmen, was aus ihren Kindern werden soll, und ich lasse mir dieses Recht nicht schmälern.«
»Und doch wirst Du mich nicht zwingen. Zuletzt steht mir der Weg in die Welt offen, und ich werde mit Venne davongehen«, antwortete Heinrich um so erregter. Da lachte der Vater spöttisch auf: »Das gäbe eine nette Wandergesellschaft: Du ein Junker Habenichts und sie eine Jungfer Bettlerin. Da werdet Ihr Euch allabendlich Euer Nest am Straßenrain bereiten müssen. Aber wir wollen das Thema heute abbrechen, es führt im Augenblick doch zu nichts.« — Er wußte, daß die Zeit für ihn arbeiten werde.
Das Leben des Bergherrn Richerdes war seit dem Hinscheiden seiner Frau nur noch ein langsames Sich-zu-Tode-Quälen. Der schon in gesunden Tagen hagere, große Mann war abgemagert zum Skelett. In gelblichen Falten lagerte die Haut auf dem Gesicht, aus dem die spitze Nase drohend hervorragte. Neuerdings litt er an Verfolgungsideen, in denen der Jude Asser, Achtermann und Karsten Balder die Schreckgestalten waren. Er weigerte sich, Nahrung zu nehmen, weil er seine Schulden nicht vermehren wolle; dann wieder hielt ihn der Argwohn davon ab, seine Feinde könnten Gift hineingetan haben. Die arme, tapfere Venne durchlebte eine Zeit schlimmsten Martyriums. Endlich, ein halbes Jahr fast nach dem Heimgange der Frau, glitt auch ihm der Pilgerstab aus den müden Händen. In seinen letzten, lichten Augenblicken mahnte er noch Venne, sie solle sein Recht dem Rat gegenüber nie vergessen. »Bedenke, mein Kind, daß Du es meinem Andenken schuldig bist, dieses Recht zu verfechten. Versprich es mir in die Hand, es nie aufzugeben, damit ich ruhig sterben kann.«
Nun war Venne ganz allein in ihrer Trostlosigkeit und dem Bewußtsein, daß sie aus dem Kreise aller derer ausscheide, bei denen sie bis zu dem Unglück ihres Vaters ein gern gesehener und umworbener Gast gewesen.
Das alles hätte sie noch ertragen, wäre nicht die Angst und die quälende, beschämende Sorge gewesen, daß auch Heinrich, der Verlobte, ihr entgleite. Noch halten ihn seine Schwüre, noch kommt er, sie zu sehen, noch ist er voller Liebe und Mitleid. Sie trinkt seine Küsse wie eine Verdürstende, wenn er sie umschließt, und hängt an seinem Munde, um von ihm immer wieder zu hören, daß er sie noch liebe. Begütigend, tröstend, voll zarter Teilnahme streicht er über ihr Haar und versichert sie seiner Treue. Und immer wieder drängt es sich aus ihrem Munde: »Verlaß mich nicht, bleibe mir treu!«
Und er schwört ihr mit neuem, heiligem Schwur, daß nichts sie trennen soll, nicht der Vater, nicht die hämische, neidige Welt. Dann seufzt sie glücklich, wie aus tiefster Seele befreit, auf, und sie schwört ihm und sich selbst zu, Vertrauen zu haben. Aber kamen dann die dunklen Stunden der Nacht, lag sie schlaflos auf ihrem Lager, dann stürzten sich die Zweifel wie gierige Wölfe auf sie und zermarterten ihr armes Herz.
Seit dem Tode des Vaters hauste sie allein mit Katharina in dem großen, leeren Hause. Die Mägde waren entlassen, die Knechte gegangen. Sie fürchtete sich und hatte die alte Magd gebeten, bei ihr zu schlafen. Katharina hörte, wie die von ihr über alles geliebte Herrin sich ruhelos auf ihrem Lager wälzte, sie vernahm ihre Seufzer und ihr stilles Schluchzen. Sie wäre für Venne in den Tod gegangen, hätte sie ihr damit das Glück erkaufen können. Verzweifelt drängte sie in Venne, ihr zu sagen, was sie bedrücke, Venne schwieg.
»Ist Heinrich Achtermann auch von Dir abgefallen?« fragte sie mit verbissenem Grimm.
»Nein, nein, er ist mir treu und wird mich nicht verlassen, wenn man ihn nicht dazu zwingt.«
»Wie soll man ihn zwingen, wenn er selbst nicht will? Oder meinst Du, man könne ihm im geheimen Zwang antun?«
Venne antwortete nicht darauf, aber Katharina schloß daraus, daß diese Befürchtung zutreffe.
»So wird man unsererseits darauf sehen müssen, daß er nicht von Dir lassen kann«, murmelte sie für sich. Und es ward ihr zur fixen Idee, daß sie alles daransetzen müßte, um Heinrich bei ihrer Venne zu halten. Dieser durfte sie von ihren Plänen nichts sagen, Venne würde es ihr verbieten; aber sie wußte, was sie zu tun hatte. Klang ihr nicht ein Wort der Gittermannschen in den Ohren: »Ich habe auch Mittel anderer Art zu Gebote; gilt es zum Beispiel den ungetreuen Liebsten zurückzubringen oder einen, den man begehrt, an sich zu fesseln, so ist die Gittermannsche da mit ihrem Spruche.«
Damals belächelte Katharina diese Anpreisung ihrer Kunst, sie, wie Venne: Wie sollte sich für diese je die Notwendigkeit bieten, von der Gittermannschen dunkler Kunst Gebrauch zu machen, da doch Venne auf dem Gipfel der Glückseligkeit zu stehen und ein Sturz von dieser Höhe unmöglich schien.
Jetzt aber war es so weit, und sie suchte die verrufene Alte aufs neue auf. Zunächst sperrte sie sich und redete von Undank und Gefahr, in die man sie bringe, denn die alte Katharina hatte ihr, als ihre Mittel sich bei Frau Richerdes doch nicht bewährten, mit drastischen Worten ihre Meinung gesagt. Als sie indes vor den Augen der habgierigen Hexe ein Stück Geld glänzen ließ, änderte sich Wort und Miene der Gekränkten. Man verabredete die Einzelheiten.
Natürlich müsse sie den Namen desjenigen wissen, dem das Mittel gelte. Ungern nannte Katharina den Namen Heinrich Achtermanns, aber die Gittermannsche bestand darauf.
»Dachte ich's mir doch«, höhnte die Alte. »Solange das Täubchen im Glück saß und sein Gefieder goldig schimmerte, war das Herrlein begeistert; nun, da der Glanz erblichen ist, tritt er den Rückzug an.«
»Ihr tut ihm vielleicht unrecht«, warf Katharina ein. »Nach dem, was meine Venne meint, ist es vielmehr der Vater, der sie trennen will.«
»Natürlich, der dickgeschwollene Protz fürchtet, daß sein Geldsack eine Falte bekommt, wenn er dem armen Mädchen beisteht. Doch zum Glück sind wir noch da, wir, die Gittermannsche, und wir wollen es ihm schon zeigen. Also, die Sache ist so: was ich Euch geben werde, muß Eure Venne dem Liebsten heimlich beibringen.«
»O nein, o nein,« wehrte Katharina ab, »das ist schon gefehlt. Die Venne bringe ich nie dazu, daß sie Heinrich Achtermann etwas eingibt, um ihn zu fesseln. Das verbietet ihr der Stolz und auch ihr Trotz.«
»Ei, ist die Schöne noch so wenig kirre?« höhnte das Weib. »Ja, da wird wenig zu machen sein, wie ich's im Augenblick übersehe. Ich kenne es bis jetzt nicht anders, als daß das Liebchen sich selbst der Sache annimmt. Und ich begegnete auch bisher nie einem Widerstreben. Im Gegenteil, keine hätte einem anderen anvertraut, was ihr selbst dienen sollte.«
»Sie ist auch nicht ›keine andere‹, sondern meine stolze Venne,« entgegnete Katharina, »und was auf andere zutrifft, paßt auf sie noch lange nicht. Also besinnt Euch, ob es nicht einen anderen Weg gibt, sonst muß ich auf Euren Dienst verzichten.« Damit ließ sie das Geld in ihrer Tasche verschwinden.
Habgierig folgten die Augen der unholden Frau ihrer Bewegung. »Nun, vielleicht geht's doch, laßt mir nur einen Augenblick Zeit zum Nachdenken. — Doch, so wird es sich machen lassen. Venne ist, so sagt Ihr, dem Verlobten in heißer Liebe zugetan; ihre Gedanken bewegen sich um ihn. Da kommt es darauf an, daß sie zu der Stunde, wo dem Bräutigam mein Trank gegeben wird, all ihr Sinnen auf ihn richtet. Vermögt Ihr das, indem Ihr selbst das Gespräch auf Heinrich Achtermann bringt, so ist uns geholfen. Und dann bedarf es natürlich noch, was die Hauptsache ist, einer zuverlässigen dritten Person, die jenem den Trank verabreicht. Habt Ihr oder kennt Ihr jemand im Hause Achtermann, dem wir das anvertrauen können?«
»Daran habe ich schon gedacht, als ich zu Euch kam. Eine alte Bekannte von mir lebt als Magd im Hause der Achtermanns. Wie ich die kenne, so hat sie den Heinrich großgewartet. Ihr darf ich mich anvertrauen, und sie wird sich bereit finden, ihm den Trank zu reichen, vorausgesetzt, daß er nichts die Gesundheit Schädigendes enthält. Dann würde übrigens auch ich dazu die Hand nicht bieten«, antwortete Katharina.
»Meint Ihr, ich wolle mich selbst um den Hals bringen? Vielleicht setzt es ein wenig Bauchgrimmen; aber auch das ist bei dem kräftigen Mann nicht zu befürchten. Übrigens sollt Ihr, damit Ihr wißt, daß nichts Giftiges hineinkommt, das Rezept erfahren, und Ihr mögt, wenn Ihr wollt, den Trank selbst brauen. Also hört nun.«
»Nicht doch,« rief Katharina erschrocken, »des vermäße ich mich nicht. Meine alten Augen möchten mich trügen oder die Hände zittern bei dem Zumessen der Sachen. Macht ihn nur fertig, ich will das Weitere schon besorgen.«
»Ach,« sagte die Gittermannsche, »stellt Euch nicht zimperlich an. Wollt Ihr es nicht, so tue ich es. Sorgt dann aber, daß er auch von dem Rechten genossen wird. Immerhin mögt Ihr wissen, was darinnen sein wird.
Ihr holt in der ersten Nacht des abnehmenden Mondes einen Eimer fließenden Wassers, das über Steine floß, und kocht es über drei Steinen, aus demselben fließenden Wasser genommen. Von dem kochenden Wasser mischt Ihr, wenn es wieder kalt geworden ist, in etwas Bier, tut dazu einiges von der Blume Fatur, nehmt auch neun Fliegen, Erde von dem Kirchhofe und ein Stückchen von der Haut einer Natter, — ich kann sie Euch verschaffen. Diesen Trank laßt Ihr dem Bräutigam reichen.
Da Eure Venne nicht selbst handelnd auftreten soll, so will ich den Spruch so wählen, daß alles ohne ihr Zutun sich abspielen kann. In der Nacht darauf, nachdem der Trank gekocht ist, soll ihn Heinrich Achtermann vorgesetzt bekommen. Ihr aber geht in derselben Stunde unter einen Ahornbaum und sprecht zugleich, während Ihr in einem von Euch dort angemachten Feuer stochert, wobei Ihr an Heinrich Achtermann denkt:
›Ahorn du blôte, ik bidde dik dorch dine sote, Dat ik moge affbreken unde heime dragen Sin barnede leve in Vennes Schragen.‹«
Mit einem leisen Grauen hörte Katharina der Frau zu, die mit dumpfer Stimme den Spruch hersagte. »Ist es auch wirklich nichts Böses, was ich da tun soll? Und schadet es den beiden nicht?« fragte sie ängstlich.
Da fuhr sie jene zornig an: »Nun hört aber endlich auf mit Eurem Gefasel von ›Schaden tun‹. Ich werde Euch den Trank geben, ob Ihr ihn dann ausschüttet oder weitergebt, soll mir gleich sein, wenn ich nur mein Geld bekomme.«
Venne Richerdes wußte nichts von dem, was die gute Katharina ersonnen, um Heinrich Achtermann unauflöslich an sie zu ketten. Sie saß in ihren Gram versenkt in dem düsteren Hause und nahm keinen Anteil an dem Leben außerhalb desselben. Vom Vater hatte sie den verderblichen Hang geerbt, im Unglück sich in sich zurückzuziehen, sich mit einer Regung wollüstiger Gier in die Rolle des Märtyrers zu versenken, ohne ihn wirklich spielen zu wollen. Sie vergaß, daß sie selbst es war, die eine Mauer um sich aufbaute durch ihr herbes Sichabschließen gegen die Nächsten.
Die Mitmenschen, die gutherzigen, sind wohl geneigt, uns mit ihrem Trost beizustehen. Nur wenige von ihnen aber geben sich die Mühe, hinter dem Wall verbitterten Stolzes das wunde Herz aufzusuchen, es in die Hand zu nehmen und ihm in gütiger Geduld Heilung zu bringen. Sie urteilen nach dem Schein: Sie will nichts von uns wissen, also mag sie für sich bleiben!
Zum Glück für Venne Richerdes lebten ihr aber wahre Freunde in der Stadt, die sich durch ihre Herbheit nicht abschrecken ließen, sondern zu ihr durchdrangen und sie, je nach ihrer Gemütsart, durch ruhigen, sanften Zuspruch oder durch herzhaftes Zugreifen aus ihrem Trübsinn herauszureißen versuchten. Da war zum Beispiel die gute Immecke Rosenhagen. Wem die einmal ihr Herz geöffnet hatte, der behielt seinen Platz darinnen, und die Scheelsucht und Schmähsucht der Welt steigerte höchstens noch ihre Zuneigung zu dem Mädchen, das es ihr mit seiner Schönheit, vor allem aber mit seinem freimütigen, gar nicht stolzen Wesen ihr gegenüber angetan hatte. Jetzt mußte sie ihre Zeit teilen zwischen dem ›Goldenen Adler‹, wie den unbändigen Enkelkindern und der einsamen Frau in der Bergstraße.
Ihr gutes Herz erkannte Venne den Löwenanteil zu. Jeden Tag hockte sie in dem Hause, das jetzt so still dalag, und suchte Venne aufzuheitern mit drastischem Zuspruch und weichem, lindem Trost. Merkwürdig, selbst ihre barschen Worte, wenn sie einmal ungeduldig mahnte, jene solle nun endlich das Kopfhängen lassen, erreichten mehr als vielleicht die mitleidig klingende Äußerung eines anderen, der aber nach Vennes Argwohn die innere Wahrheit fehlte.
Bei der alten Dienerin erkundigte sie sich nach vielen Einzelheiten, um den Schlüssel zu der abgrundtiefen Verzweiflung zu finden, in die Venne versunken war. Katharina verhehlte ihr nicht, daß ihr Verhältnis zu dem Verlobten wohl der Hauptanlaß sei, und es entschlüpfte ihr auch wider Willen eine Andeutung über ihr Vorhaben, zu dem die Gittermannsche die Hand bot. Immecke war erschrocken und riet dringend ab: »Von der Frau kommt nichts Gutes. Und was sie Euch vorredet von ihrer schwarzen Kunst, ist eitel Geschwätz. Ihr nützt nichts, richtet aber vielleicht großes Unheil an.«
Da wurde Katharina wieder schwankend, denn sie hielt von dem Urteil der weitgereisten und weltklugen Immecke Rosenhagen viel. Als dann indes die unheimliche Frau mit ihrem Trank kam, ließ sie sich doch überreden, ihn ihrer guten Freundin im Hause Achtermann zu geben.
Aber Immecke war nicht die einzige, die sich der armen Venne annahm. Auch das Haus Hardt bewies ihr in diesen Tagen, wessen wahre Freundschaft fähig ist.
Seit Jahresfrist weilte auch Gisela von Wendelin in der Stadt am Harz. Sie hatte liebevollste Aufnahme gefunden im Schoße der Familie Hardt. Auch der Vater, der Arzt, erschloß ihr bald sein ganzes Herz, nachdem er kurze Zeit die Fremde, die aus weiter Ferne her, gegen das Herkommen, Einlaß in die goslarsche Gemeinschaft heischte, etwas zurückhaltend beobachtet hatte. ›Heischte‹ hieß ihr übrigens unrecht tun; denn sie kam, obwohl die Liebe ihres Johannes sie umhegte, wie ein schüchternes, verscheuchtes Vöglein, das sein Nest verloren hat. Gerade diese hilflose Schüchternheit, die sich der Anmut nicht bewußt war, in die sie gekleidet, gewann ihr die Herzen im Fluge.
Als Gisela in Goslar eintraf, war im Hause Richerdes noch das Glück zu Gaste. Zwar siechte die Mutter, aber selbst ihr Leiden wurde verklärt durch die frohe Erwartung, die sich auf dem Antlitz Vennes widerspiegelte. Auch der Vater war trotz manchen täglichen Ungemachs gehobener Stimmung, bestand doch die Aussicht, daß mit dem Verkauf an die Stadt die Quelle aller Widerwärtigkeiten gänzlich verstopft werden würde. Dann brach das Unglück über sie herein. Die Bekannten zogen sich zurück. Freunde, auf die man gerechnet hatte, erwiesen sich als treulos. Da enthüllte sich die Lauterkeit Giselas am reinsten und schönsten. War sie schon vorher mit Venne befreundet, so wurde sie ihr jetzt eine starke Stütze. Sie kannte selbst die Schule des Leides; sie hatte es an sich selbst erlebt, was es heißt, in der bittersten Not einsam und verlassen zu sein. Unendliches Mitleid mit der Mitschwester erfüllte ihr Herz und ließ sie alles versuchen, jene aufzurichten.
Ihr gegenüber sprach Venne auch von Heinrich Achtermann und ihren Sorgen. Gisela hatte nur Worte zuversichtlicher Hoffnung. »Wenn er Dich lieb hat, wie Du es sagst, und wenn er so ist, wie Du ihn schilderst, verstehe ich Deine Bedenken nicht. Er wird Festigkeit genug in sich fühlen, um auch den Widerstand des Vaters zu besiegen. Nimm aber auch Du ihm nicht die Hoffnung, daß Du selbst nicht in dem Kampfe unterliegen wirst. Mir will es scheinen, als ob Deine Zurückhaltung ihn kränken, in ihm die Meinung hervorrufen muß, daß Deine eigene Liebe zu erkalten drohe. Wecke diese Stimmung nicht in ihm, es könnte zuletzt der Trotz in ihm erwachen und dem Vater ein wertvoller Bundesgenosse werden.«
Venne versprach, ihrem Rate zu folgen, und als Heinrich wieder bei ihr anklopfte, gab sie sich unter dem Eindruck der Zuversicht, welche Gisela in ihr geweckt hatte. Heinrich, der unter dem Widerstand des Vaters und der herben Zurückhaltung der Geliebten in einen Widerspruch der Gefühle gekommen war, der ihn aufs tiefste bedrückte, atmete auf. Sie verlebten eine Stunde ungetrübten, reinen Glücks. Und Heinrich schied von ihr mit dem zuversichtlichen: »Du sollst sehen, meine einzige Venne, auch uns lacht wieder die Sonne.« Da verdarb die gute Katharina vollends, was sie ehrlich bemüht war, gutzumachen.
Zu Worms, wo Siegfried um die Burgundentochter gedient und gefreit, wo Kriemhilde dem meuchlings Erschlagenen dreizehn Jahre nachgetrauert hatte, ehe sie in ihrem brennenden Schmerze, zur Sättigung ihrer Rache, sich dem Hunnen Etzel vermählte, zu Worms, der großen Kaiser- und Reichsstadt, war alles Leben und Bewegung. Wie so oft seit den Tagen, in denen sich die Rüstungen der reisigen Burgunder in den Fluten des Rheins spiegelten, war die Stadt ein gewaltiges Heerlager. Aus allen Gauen des gewaltigen Reiches kamen die Ritter und Herren, die Grafen und Fürsten, die Äbte, Bischöfe und Erzbischöfe mit ihrem Gefolge, ihren Gewappneten und dem Troß ihrer Knechte. In der volkreichen Stadt fanden längst nicht alle Unterkunft. Man schlug außerhalb ihrer Mauern Zelte auf, um die Gäste unterzubringen. In den Herbergen und Gasthöfen herrschte ein Leben, wie es selbst Worms kaum gesehen.
Reichstag! — Reichstage waren in Worms keine Seltenheit seit Jahrhunderten. Aber noch nie hatte einer die Welt derart in Spannung gehalten wie der des Jahres 1521. Eine neue Welt stieg empor. Die alte stand bereit, ihre Nebenbuhlerin zu bekämpfen und, war es möglich, zu zertrümmern. Und die Machtmittel der alten waren trotz Verfalls noch so gewaltig, schrecklich, daß Menschenmut und Menschenkraft nicht auszureichen schienen, sie zu bezwingen. Woher nun nahm der unscheinbare Dominikanermönch zu Wittenberg, von dessen Dasein vor wenig Jahren noch weder Kaiser noch Päpste eine Ahnung gehabt hatten, den abenteuerlichen Mut, gegen die größten Gewalten der Welt, seitdem die Menschen sich Fürsten gesetzt und der Autorität einen Thron errichtet hatten, anzugehen?
Luther betrat eine Bahn, die nur für ihn selbst neu war. Er wurde in sie hineingestoßen nach schweren, inneren Kämpfen. Nicht Effekthascherei, nicht die Sucht nach einem deklamatorischen Theatererfolge führten ihn nach Worms, sondern die kindliche Gewißheit, sich mit seinem Gott eins zu fühlen, von seinem Geist und Willen Zeugnis ablegen zu müssen für das lautere Gotteswort, ließ ihn mit schier fröhlicher Zuversicht den Weg in die Höhle des Löwen antreten.
»Mönchlein, Mönchlein, Du gehst einen schweren Gang!« — Jeder, der die Unbekümmertheit kannte, mit der die Gewalthaber der römischen Kirche über Bedenken irdischer Art sich wegzusetzen gewohnt waren, wenn es galt, das Erbe Petri zu schützen; wie vor ihrem Willen auch ein kaiserliches Wort sich bog und gebrochen wurde, mochte die Worte des wackeren Frundsberg verstehen, als er den armseligen Mönch in den Kreis seiner Feinde treten sah.
Hätte er freilich die Millionen zu seinem Schutze um sich gehabt, denen seine Lehre aus dem Herzen gesprochen war, ihm hätte trotz des Machtaufgebots, das ihn in Worms waffenstarrend erwartete, nicht bange zu sein brauchen. Nicht nur der gewaltige Kreis der Jünger, bei denen sein Wort in wenigen Jahren wie eine Fackel gezündet, standen bereit, sondern die Millionen in allen Ländern des Abendlandes, die unter dem unerträglichen Joch ihrer Zeit seufzten. Es hatte sich bei dem armen Bürgersmann wie bei dem Bauern seit Jahrhunderten ein Haß aufgespeichert, gegen den selbst die sozialen Gegensätze unserer Tage wie ein Kinderspiel anmuten mögen. Es war der Haß des städtischen wie des ländlichen Proletariats gegen die Besitzenden, Bevorrechteten, die Reichen in jeder Gestalt, vornehmlich aber die Geistlichen. Das ›Pfaffenstürmen‹ fand schon lange vor Luther hier und da begeisterte Anhänger. Schaurig hallten die Verse der Bauern wider, welche durch die Aufruhrpredigt des ›Pfeiffers von Niklashausen‹ in Bewegung gesetzt waren:
»Wir wollen Gott im Himmel klagen, Kyrie eleison, Daß wir die Pfaffen nit sollen zu Tode schlagen, Kyrie eleison.«
Die Kirche wankte indes darum noch nicht in ihren Grundfesten, es waren Vorgänge von lokaler Bedeutung. Wehe aber, wenn sich der Mann fand, der alle diese Kräfte auf ein Ziel hin in Bewegung zu setzen verstand! Und wehe ihr, wenn er zu diesem Haufen verzweifelnder Existenzen auch noch das Heer derer gesellte, die nicht um irdischer Vorteile willen, sondern, um ihr Herz von dem inneren Widerstreit der Gefühle zu befreien, auf den Rufer harrten, der sie anführe zum Kampf gegen die verrottete Kirche.
Die Schäden hatte auch Ernesti, der kluge und weitgereiste Kaufmann, erkannt und zugestanden; um den endgültigen Sieg der Kirche war ihm nicht bange. Und doch erwies sich sein Urteil als kurzsichtig. Das Klagelied von der Pfaffen Übermut und Üppigkeit, von ihrer Unbildung und Verrohung, von der Priester wie der Mönche und Nonnen Unflätigkeiten, dieses Lied, das auch die Päpste zu nennen sich nicht scheute, erklang allüberall und wurde gern gehört und mitgesungen.
Vielleicht hatten den armen Bergmannssohn zu Eisleben diese Töne schon umklungen, und sie waren in ihm nachgehallt, als er in brünstigem Gebet sich in seiner Zelle zu Erfurt wand und um Erleuchtung flehte. Die Erkenntnis von der Verderbtheit der Diener der Kirche kam ihm, als er in Rom den Sündenpfuhl sah, in dem jene sich wälzten, und die Erleuchtung über das, was seine Aufgabe sei, in Wittenberg angesichts des schamlosen Treibens jenes Ablaßkrämers von Papstes Auftrag, und durch sein ehrliches, frommes Streben, die Wahrheit zu ergründen. Er fand sie in seinem Verkehr mit Gott und in dem Worte Gottes, wie es von den Vätern aufgezeichnet stand. Und im schlichten Vertrauen auf die Güte seiner Sache folgte er der kaiserlichen Ladung.
Im Januar schon war der Reichstag einberufen, im Frühjahr brach Luther gen Worms auf. Überall unterwegs fand er die Spuren der Tätigkeit gegen sich, die der Kaiser eigenhändig gegen ihn gezeigt hatte.
Noch dicht vor Worms warnte ihn sein Freund und Landesvater, der Kurfürst, er solle umkehren, das Schicksal Hus' würde auch das seinige sein. Aber: »Ich will hinein, und wenn so viel Teufel auf mich zielten, als Ziegel auf den Dächern sind.«
Einer der größten Tage der Geschichte brach mit dem 18. April des Jahres 1521 an, als Luther gegen Abend zum anderen Male, nachdem er schon tags vorher vor die Reichsversammlung geführt war, in den bischöflichen Palast geleitet wurde. Im Saale brannten die Fackeln, als er hineintrat. Vor ihm saß die ganze Herrlichkeit des Reiches und der Kirche. Der Kaiser mit seinem Bruder Ferdinand, sechs von den sieben Kurfürsten, achtundzwanzig Herzöge, dreißig Prälaten, viele Fürsten, Grafen und städtische Abgeordnete.
Am Tage vorher hatte sich an dem Mönche eine gewisse Befangenheit und Unsicherheit kundgetan; heute, so glaubte man, werde er widerrufen.
Die Spannung war ungeheuer bei allen. Mochte auch der junge Kaiser verächtlich zum Bruder sagen: »Der soll mich nicht zum Ketzer machen«, er konnte sich, je länger Luther sprach, dem Eindruck nicht entziehen, daß ein außergewöhnlicher Mensch da vor ihm stehe, ein Mensch jedenfalls, der irdische Furcht nicht kannte.
»Der Mönch redet unerschrocken und kühn«, entschlüpfte es ihm während der Verhandlung wider Willen.
Ja, wahrlich, der Mann hatte nicht Menschenfurcht in sich. Der Offizial des Erzbischofs von Trier, Johannes Eck, benahm sich durchaus gemessen und vornehm, als er Luther die formulierte Frage vorlegte. Man hoffte, wenigstens einen teilweisen Widerruf zu erreichen. Aber der Mönch dachte nicht an Widerruf. Mehr und mehr gewann seine Stimme an Zuversicht, je länger der Disput dauerte. Man sah, hier half kein Disputieren mehr, kein Zureden noch Freihalten eines Rückzugweges für den Ketzer, hier mußte die Entscheidung klipp und klar gefordert und gegeben werden. Und so verlangte denn Eck eine bestimmte, deutliche Antwort. Und Luther gab sie: »Weil denn Ew. Kaiserliche Majestät und Ew. Gnaden eine schlichte Antwort verlangen, so will ich eine Antwort ohne Hörner und Zähne geben ...«
Atemlose Spannung lag auf den Zügen der Versammlung, die meisten standen, um sich kein Wort, keine Miene des Mannes da vor ihnen entgehen zu lassen. Verklärte Freude die einen, verbissene Wut die Gegner auf dem Gesicht, so lauschten sie, bis das Schlußwort kam, jenes gewaltige, das sich wie ein brünstiges Gebet und Bekenntnis von seinen Lippen rang: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen!«
Totenbleich war das Antlitz des kühnen Streiters, als er sich vor der Versammlung verneigte und den Saal verließ, aber es war nicht die Blässe der Furcht. Überirdisch leuchtete sein Auge: So blickte nur einer drein, der nicht Menschenfurcht in seinem Herzen trägt, sondern der weiß, daß Gott in ihm und um ihn ist.
Gewaltig war der Eindruck seiner Worte auf die Hörer. In vieler Augen glühte die Begeisterung über den unerschrockenen Gotteskämpfer. In der äußersten Ecke, wo die Vertreter der Stadt und einige andere Zuschauer standen, lief ein gedämpftes Flüstern durch die Reihen. »Unglaublich, dieser Mut«, »herrlich, herrlich«, so klang es aus ihrem Munde.
Unter den Zuschauern stand auch ein gedrungener Mann, an den sich eine Frau lehnte, von deren Gesicht man wenig sehen konnte. Der Gestalt nach war es ein junges Mädchen, das sich wohl auf den Vater stützte. Unentwegt hatte der Mann dem Mönch ins Auge geblickt, solange er redete; aufmerksam lauschte die Frau. Die Erregung teilte sich auch ihnen mehr und mehr mit. Bei den letzten Worten durchlief ein Schauer die Gestalt der Frau. Besorgt legte der Begleiter ihren Arm in den seinigen. »Laß uns gehen,« schlug er vor, da schon ein Teil der Zuschauer sich still entfernte, »es greift Dich an, wie ich sehe.«
»Ja, laßt uns gehen«, fiel sie eilig ein und drängte zum Ausgange.
Draußen umfächelte sie die Kühle des Aprilabends; beide atmeten in tiefen Zügen die frische Luft ein.
Es waren Venne Richerdes aus Goslar und ihr Oheim Ernesti aus Soest, die hier in Worms auf die Straße traten, um nach ihrer Herberge zu gehen. »Das ist ein wahrhaft furchtbarer Mann«, unterbrach Ernesti das Schweigen.
»Sagt das nicht, Ohm«, fiel ihm Venne ins Wort. »Wäre es nicht ein Ketzer und Ketzerei, was er betreibt, so möchte ich rufen: Welch ein herrlicher, großer Mann! Sahet Ihr nicht die glühende Begeisterung, die sich auf seinem Gesicht ausprägte? Merktet Ihr nicht, daß ihm jedes Wort aus dem tiefsten Herzen kam? — So spricht kein Lügner und abtrünniger Mönch, der sich seiner Gelübde um irdischer Vorteile willen entzieht.«
»Um so schlimmer für ihn und für uns«, antwortete Ernesti fast feierlich. »Weil er mit den Waffen deutscher Schlichtheit und Einfachheit ficht, wirkt er um so ansteckender und verheerender. Einem bloßen Worthelden würde bald der Atem ausgehen und die Gefolgschaft aufgesagt werden. Wieviel Ärgernis ist durch diesen Mönch schon über die Kirche gekommen! Das wird er vor dem höchsten Richter zu verantworten haben, wenn er der irdischen Gerechtigkeit entgeht. — Aber die Kirche wird doch zuletzt siegen, weil sie von Gott ist«, schloß er mit fast demselben Wort, das er einst dem jungen Goslarer gesagt hatte.
»Aber wenn er recht hat, müssen doch seine Gegner sich irren,« fuhr sie zweifelnd fort, »und Ihr sagt doch selbst, daß seine Schlichtheit Euch gepackt habe. Mir sollte es leid tun, wenn dieser edle Mönch in dem Kampf zerbrochen würde.«
»Bist Du auch schon auf dem Wege zu ihm?« fragte er grollend. »Hüte Dich, solche Gedanken laut werden zu lassen; sie möchten Dir teuer zu stehen kommen. Denn Du weißt, wir sind aus anderen Ursachen hier, und die Sache eines Abtrünnigen wird dem gut katholischen Kaiser nicht sehr am Herzen liegen.«
»Seid nicht böse, Ohm,« lenkte Venne ein, »Ihr wißt, daß ich so gut wie Ihr treu zur alten Lehre stehe. Aber ich kann doch nicht dafür, daß dieser Mann aus Wittenberg einen solchen Eindruck auf mich macht. Ich bin manchmal fast irre an mir selbst. Ich will bei dem Glauben bleiben, dem ich mich als Kind gelobt habe, in dem Vater und Mutter gestorben sind; doch sehe ich, wie alles um mich wankt. Denn auch in Goslar hängen schon viele der neuen Lehre an. Die Masse des Volkes jubelt dem Reformator zu. In vielen Häusern zerfällt die Familie in Zwiespalt, weil die einen noch glauben, was die anderen schon ablehnen. Soll ich da nicht auch schwankend werden. Zu den schweren Sorgen, die mich schon bedrücken, ist jetzt noch diese Herzenspein hinzugekommen. Oh, rettet mich doch aus dieser Not oder, wenn Ihr es könnt, befreit mich von diesem schrecklichen Zwiespalt.«
Ernesti sah sie mitleidig an. »Du tust mir von Herzen leid, mein Kind, helfen aber kannst Du Dir nur selbst. Mit Deinem Gott mußt Du allein fertig werden. Nimm Dein Herz fest in Deine Hand, blicke nicht rechts und nicht links; sage Dir immer wieder: Ich will meinem Glauben treu bleiben! Und Du wirst die Palme erringen.«
In der Herberge gingen sie bald zur Ruhe, denn sie verspürten keine Lust, noch an dem lebhaften Meinungsaustausch teilzunehmen, der über den Mönch und sein Auftreten entbrannt war.
Vieles war in Goslar vor sich gegangen, seit wir zuletzt Gisela Hardt und Immecke Rosenhagen bemüht sahen, Venne in ihrem Schmerz zu trösten. Der Rat hatte neue Scherereien mit dem Herzog Heinrich dem Jüngeren, der aus dem 1519 erneuerten Schutzvertrage die Verpflichtung für die Stadt ableitete, ihm zur Vollziehung der über den Bischof von Hildesheim vom Kaiser verhängten Acht Mannschaft und Geld zu liefern. Sie mischten sich höchst ungern in diese Sache, denn der Rat hatte mit der Unruhe in der Stadt genug zu tun.
Es gor unter dem gemeinen Volk; die Lehre von Wittenberg war auch nach Goslar gedrungen, und wenn sie noch keine offenen Anhänger fand, zeigte sich doch die Wirkung in dem Verhalten der Einwohner gegen die Pfaffen und die Kirche. Bürger wie Proletarier spotteten laut über die heiligen Reliquien, die zum Peter-Pauls-Tage feierlich gezeigt wurden. Den Priestern tönten höhnende Worte in die Ohren, wenn sie sich sehen ließen, und ein paar Nonnen wurde der Schleier abgerissen und der Rosenkranz weggenommen, als sie in ihr Kloster zurückkehren wollten. Der Rat ließ die Täter gefangensetzen, aber die Quelle der Unruhe war damit nicht verstopft. Auch die Fahrt der Venne Richerdes, die natürlich nicht verborgen blieb, erweckte Unbehagen. Denn, wenn man sich auch im Rechte ihr gegenüber wußte, so blieb es doch unbequem, vor dem Reichstage hingestellt zu werden als eine Stadt, die ihren Bürgern Unbilliges zumute.
Aber ebenso tief wurzelte in Venne die Überzeugung von ihrem Recht. Ihr Vater war sein Leben lang ein Ehrenmann gewesen, dem niemand nachsagen konnte, daß er fremdes Gut an sich gebracht habe. Auf dem Sterbebette noch beteuerte er, daß der Rat ihm zu Unrecht die Kaufsumme vorenthalte, und sie hörte seine Mahnung: »Vergiß nicht, Dir mein Recht zu holen, daß ich ruhig sterben kann.« Sie hatte zunächst in Goslar alles versucht, um zum Ziele zu kommen.
Die Rechtslage war zweifelhaft. Der Oheim der Hardts nahm sich ihrer an und verfocht ihre Sache vor dem Rate, aber er erreichte nichts. Johannes riet ihr ab, weitere Schritte zu unternehmen; seine Frau Gisela schloß sich ihm an.
»Du gehst daran zugrunde, Liebste, laß den Streit. Komm zu uns, bis Du Heinrich angehören darfst.«
Doch Venne blieb eigensinnig bei ihrer Absicht, alle Mittel zu erschöpfen, um dem Vater ihr Wort zu halten.
Den unmittelbaren Anstoß zu dem Appell an die höchste Stelle im Reich gab ihr eine jener Äußerungen, die Übelgesinnten so leicht und schnell vom Munde gleiten. Mit scheinbarem Mitleid, unter dem sich aber die Schadenfreude nur schlecht verbarg, fragte eine der ewig lästersüchtigen Nachbarinnen Venne, nachdem sie schon jene über dieses und jenes auszuforschen versucht hatte, wovon sie denn eigentlich lebe und weshalb sie sich eine Dienerin halte. Venne, die schon über die ganze Art der Fragestellerin ungehalten war, gab ihr eine kurze, ablehnende Antwort. Darauf antwortete jene sehr spitz: »Nun, nur nicht so hochmütig, Jungfer Obenhinaus, wir haben doch keinen Anlaß, so stolz zu sein, als Tochter eines Bettlers, der noch dazu die Stadt Goslar um viel Geld betrügen wollte.«
Venne ließ die Boshafte hochmütig stehen, aber als sie nach Hause gekommen war, brach ihre mühsam bewahrte Haltung zusammen, und ein wildes Schluchzen ließ ihren Körper erbeben: So weit war es also gekommen, daß man ihres Vaters Ehrlichkeit anzutasten wagte.
Nun gab es kein Besinnen mehr; sie wollte die höchste Stelle im Reich um ihr Recht angehen. Wieder riet der Oheim Johannes', der Notar, ab, und auch jener widersprach ihrer Absicht, doch dieses Mal blieb sie unbeirrbar bei ihrem Vorhaben. Die Ehre ihres Vaters durfte sie nicht antasten lassen. Die Freunde wußten sich keinen anderen Rat, als Heinrich Achtermann ins Vertrauen zu ziehen. Er war in der letzten Zeit mehrmals im Auftrage des Vaters verreist gewesen und hatte deshalb Venne längere Zeit nicht gesehen. Heinrich zeigte sich sogleich bereit, auf Venne einzureden, denn auch er lehnte innerlich den Plan ab.
Es war eine leichte Entfremdung zwischen den beiden eingetreten, die der Verlobte auf die herbe Zurückhaltung Vennes zurückführte, während diese, in ihrer Empfindlichkeit und in ihrem fast krankhaften Argwohn, überall Geringschätzung und Ablehnung zu wittern, bei ihm die ersten Anzeichen dafür zu merken glaubte, daß auch Heinrich den Einflüsterungen Gehör schenke.
Heinrich gab sich alle Mühe, unbefangen und herzlich zu sein. Auch Venne konnte sich seiner Aufrichtigkeit nicht entziehen und verlor allmählich ihre Verstimmung. Als er aber dann auf den eigentlichen Zweck seines heutigen Besuches zu sprechen kam, nahm sie sogleich wieder eine kriegerische Haltung an. Was er auch gegen ihre Absicht anführte, sie kehrte immer wieder zu dem eigensinnigen Einwande zurück: »Ich habe es dem Vater versprochen und bin es seiner Ehre schuldig.«
»Venne, tue es mir zuliebe«, bat er sie. »Du schaffst nur noch Hindernisse für unsere Vereinigung. Der Vater, der im Rat ist und gewiß an dem Spruch gegen Deinen Vater mitgewirkt hat, wird es sicher als besondere Kränkung empfinden, wenn Du jenen verklagst. Ich bitte Dich herzlich, laß ab von Deinem Vorhaben, dessen Erfolg zudem noch sehr zweifelhaft ist, wie mir auch die Hardts gesagt haben.«
Aber sie blieb unerschütterlich. »Hat Dein Vater gegen uns geurteilt, so muß er überzeugt werden, daß er unrecht tat. Wenn der Spruch, wie ich hoffe, gegen die Stadt ausfällt, wird er als Ehrenmann doch hoffentlich eingestehen, daß er irrte.«
Heinrich sah ein, daß nichts zu erreichen war. Ihm lag daran, mit ihr noch etwas zu besprechen, was vielleicht sie bewegen konnte, doch von ihrem Vorhaben abzustehen. Sein Vater hatte nur noch selten mit ihm über sein Verhältnis zu Venne gesprochen, aber aus allem, was der Ratsherr sagte, konnte der Sohn klar erkennen, daß derselbe an nichts weniger dachte als ein Zurückziehen seines Widerspruches.
In der Tat war Achtermann der Ältere mehr denn je entschlossen, das Verhältnis zu lösen. Einstweilen hoffte er noch, die Zeit werde ihm zu Hilfe kommen; Heinrich wußte indes, daß der Vater zur Not auch vor Gewalt nicht zurückschrecken werde. Die beste Hilfe versprach sich der Ratsherr von einer längeren Trennung der beiden. Und es kam ihm der Gedanke, Heinrich von Goslar zu entfernen. Seine Geschäfte reichten bis London, und es war ihm ein leichtes, einen Grund zu finden, der die Notwendigkeit des Aufenthaltes des Sohnes dort oder in einem anderen, entfernten Ort auch diesem als berechtigt erscheinen lassen konnte. Nun hatte er beiläufig mit Heinrich darüber gesprochen, und dieser, der die wahre Absicht des Vaters durchschaute, stellte Venne vor, daß ihre Anwesenheit ihm am Herzen liege, um dem Vater gegenüber die Festigkeit zu bewahren.
Sie war erschrocken, aber ihr Trotz verbot ihr, nachzugeben. »Wenn Du mich liebst, wie Du beteuerst, wirst Du auch ohne mich dem Vater widerstehen. Vielleicht kommt Dir der Befehl des Vaters ganz gelegen«, schloß sie in wieder erwachendem Argwohn.
Da wurde auch der Geliebte zornig. »Du sprichst wie ein ungezogenes Kind, Venne. Ich habe Dir, denke ich, noch nie den geringsten Anlaß zu Mißtrauen gegeben. Doch Du machst es mir schwer, unsere Sache zu verteidigen. Statt bei Dir Unterstützung zu finden in dem Kampf gegen den Starrsinn des Vaters, setzt auch Du Deinen Trotzkopf auf und behandelst mich, als hätte ich nicht ein Fünkchen vertrauensvoller Liebe verdient. Willst Du nicht auf mich hören, so trägst Du die Schuld an allem, was folgt. Ich gehe jetzt, denn es hat keinen Zweck, gegen Deine Unvernunft noch länger anzureden.«
Da brach Venne in haltloses Weinen aus, daß Heinrichs Zorn in Mitleid zerschmolz. Zärtlich umarmte er sie und sprach ihr tröstend zu. »Ist es denn so schwer, meine gute, süße Venne, das Trotzköpfchen zu beugen?«
»Ach, mein Einziger, sei mir doch nicht böse. Ich bin gewiß oft häßlich und lieblos zu Dir, aber glaube nicht, daß meine Liebe sich gemindert hat. Du kannst ja nicht in mein Inneres sehen und weißt nicht, wie ich unter dieser elenden Lage leide. Laß mich noch diesen einzigen Versuch machen; dann will ich gewiß nichts mehr von der Sache reden.«
Heinrich sah, daß er nachgeben mußte; so sagte er nur: »Gut, Liebste, so wollen wir es gelten lassen. Du mußt jedoch damit rechnen, daß Du mich nicht triffst, wenn Du zurückkehrst. Dann verliere nicht den Mut, das mußt Du mir versprechen. Ich hoffe, daß wir den Widerstand des Vaters eher besiegen, wenn ich ihm jetzt zu Willen bin. Sieht er, daß auch die Trennung unserer Liebe keinen Abbruch tun konnte und bringst Du vielleicht noch einen Dir günstigen Bescheid mit, so muß er zuletzt nachgeben.« So endete der Abend mit einer vollen Versöhnung der beiden, und sie nahmen von einander in alter Zärtlichkeit Abschied.
Venne traf alle Vorbereitungen zur Reise. Johannes Hardt, der Rechtsgelehrte, hatte ihr gesagt, daß man gegen reichsunmittelbare Stände, zu denen die Stadt Goslar als Reichsstadt gehörte, bei dem Reichskammergericht Einspruch und Klage erheben könne. Er riet indes zu dem schneller wirkenden Mittel, sich an den Kaiser selbst zu wenden, was in besonderen Fällen anging.
Der Reichstag in Worms war für das Jahr 1521 angesetzt. Dort mußte sich Gelegenheit bieten, ihre Sache vorzubringen, statt sie vor dem sehr langsam arbeitenden Reichskammergericht zu Frankfurt am Main entscheiden zu lassen.
»Habt Ihr einen Fürspruch an dem kaiserlichen Hofe,« sagte Johannes, »so wird es Euch nicht fehlen, vor den Kaiser gelassen zu werden.«
Wer konnte da besser helfen als der Ohm Ernesti in Soest! Daher beschloß Venne, den Umweg über Westfalen zu wählen, um jenen dort aufzusuchen und ihn zu bitten, sie nach Worms zu begleiten.
Ernesti war vor geraumer Zeit in Goslar gewesen und hatte verlauten lassen, daß er künftig weniger in der Welt umherreisen werde, da das Alter auch ihn allmählich drücke. Sie durfte also hoffen, ihn zu Hause zu treffen. Und sie zweifelte nicht, daß er ihretwegen sich noch einmal der Mühe einer Reise unterziehen werde.
Venne Richerdes reiste ab. Bald nach ihr verließ auch ihr Bräutigam Goslar. Vor seiner Abreise ereignete sich jedoch noch etwas, was alle Zukunftspläne über den Haufen werfen sollte. Die alte Katharina hatte zwischen dem Wunsch, ihrer Venne zu helfen, und dem Zweifel, ob sie recht tue, der Gittermannschen zu folgen, ihr Vorhaben noch nicht ausgeführt, obwohl die alte Vettel ihr immer wieder zuredete.