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Venne Richerdes

Erstes Buch (continued 3)

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Als der Tanz zu Ende war, brach lauter Jubel los, und die umstehenden Bürger beteiligten sich ebenfalls wacker an dem Beifall.

»Ein hübsches Paar, unsere Kinder,« flüsterte der Ratsherr Achtermann dem Bergherrn Richerdes zu. »Wie geschaffen füreinander. Und zum Sichfinden scheint es bei den beiden auch nicht mehr weit zu sein. Sollen wir abwiegeln oder helfen, Nachbar?«

»Es schlüge den Tatsachen ins Gesicht, wollte ich Euch widersprechen, Ratsherr, und dazu bin ich als Vater nicht bescheiden genug. Gewiß, ein stattliches Paar, und was das andere anbetrifft, so wird unsere Zustimmung den beiden sicher nicht ungelegen kommen. Aber da ist noch manches zu reden.«

»Gewiß,« fiel ihm Achtermann in die Rede, »doch ich hoffe, daß sich's ausgleichen läßt.«

»Nachbar,« sagte darauf Richerdes nicht ohne Ernst, »die Aufnahme meiner Tochter in Eurem Hause ehrt mich. Aber auf eins laßt mich mit allem Nachdruck hinweisen. Ihr seid reich, ich demgegenüber kaum wohlhabend. Ich will nicht, daß meiner einzigen Tochter später aus diesem Mißverhältnis Ärger erwächst. Könnt Ihr mir das versprechen, so mag die Sache ihren Lauf haben.«

»Ihr sprecht wie ein Mann, Richerdes, das ehrt Euch. Aber Ihr schickt Eure Tochter ja nicht mit leeren Händen. Wäre Venne arm, so würde ich aus demselben Grunde der Heirat widerraten; denn ist es schon bedenklich, wenn ein reiches Mädchen einen armen Schlucker freit, so taugt es niemalen und nimmer, wenn die Braut als Jungfer Habenichts einem reichen Mann die Hand reicht. Darüber seid also beruhigt. Könntet Ihr mich nur auch in diesem Augenblick befriedigen betreffs Eurer Gruben.«

»Ich habe mir auch die Sache inzwischen durch den Kopf gehen lassen«, sagte Richerdes, »und finde, daß Ihr vielleicht nicht unrecht habt. Doch da ist noch manches Beding zu erfüllen.«

»Das ist vortrefflich, Nachbar, das freut mich,« antwortete Achtermann, »das Weitere überlaßt nur mir. Sind wir über die Hauptsache im reinen, werden wir über Kleinigkeiten nicht stolpern. Nun aber kommt, hier ist unsere Arbeit getan. Wir wollen dem einen wie dem anderen einen edlen Trunk weihen. Seid mein Gast, Schwäher.«

Sie traten in das Zelt Achtermanns ein, und bald saßen sie hinter dem Becher mit funkelndem Wein und pflegten freundschaftliche Zwiesprache.

Auf dem Platze gingen die Reigen zu Ende. Noch war die Königin des Festes zu küren. Es gab kein langes Beraten unter den Richtern, wem sie den Preis zuerkennen sollten.

»Venne Richerdes ist die Schönste, Venne Richerdes soll Maienkönigin sein!«

Ein Jubel ohnegleichen erhob sich bei diesem Urteilsspruch. Freudig umdrängten sie die Freundinnen. Nur wenige standen mit einer Regung des Neides beiseite. Zu ihnen gehörte auch Alheid Karsten, die Tochter des Bürgermeisters. Nicht neidete sie Venne, daß sie die Schönste sein sollte; auch sie hätte ihr den Preis zuerkannt. Aber alles vereinte sich, um jene begehrenswert zu machen in den Augen der Männer, und dieses Lob heute trug noch mehr dazu bei, den von ihr heimlich Geliebten, Heinrich Achtermann, an sie zu ketten.

In lieblicher Verwirrung hielt Venne dem Ansturm der Jünglinge und Freundinnen stand. Heinrich Achtermann trat als letzter zu ihr heran.

»Nun, Königin, seid Ihr zufrieden? Die Herrscherin seid Ihr im Reiche der Schönheit, die Gebieterin im Bereiche der Grazie und Anmut. Nun werdet Ihr's glauben müssen, und nun begehre ich mein Recht.«

Venne tat überrascht. »Euer Recht? Wofür?«

»Muß ich Euch mahnen an den Abend im neuen Turm am Rosentore? Da wurde es abgemacht und von Euch zugestanden; würde das Menuett von Euch getanzt, gleich einer Pariserin, so sollte ich mir die Buße von Euren Lippen holen.«

»Aber ich bin der Ansicht, daß der Richter irrte und falsch urteilte«, widersprach sie errötend.

»Nicht auf Euch kommt es an, Venne, Euer Urteil ist befangen, Ihr seid Partei; ich halte mich an den öffentlichen Spruch und begehre mein Recht!« Er trat einen Schritt näher, als ob es ihm ankomme, schon jetzt sich die Buße einzulösen. Erschrocken wehrte Venne ab. »Aber Ihr wollt doch nicht hier vor allen Leuten ...«

»Nein, Venne, holde Venne«, flüsterte er ihr mit heißem Blick zu. »Wenn ich Deinen süßen Mund küsse, soll kein neidischer Lauscher zugegen sein. Heute aber, heute abend noch wird's geschehen!«

Erschauernd hörte Venne ihm zu. In seliger Ohnmacht ließ sie seine Worte über sich ergehen. Ja, sie wußte es, heute abend würde sie die Seine werden!

Immer höher gingen die Wogen der Freude. In den Zelten herrschte Bacchus unumschränkt; seine Jünger hatten ihm geopfert, daß die Köpfe zu zerspringen drohten. Auch die Jugend war in einen wilden Rausch des Weines und der Freude gesunken. Die Besonnenen mahnten zum Aufbruch, und als die Schatten des Abends herabsanken, zog der lange Zug in die Stadt zurück in toller, ungebändigter Lust.

Venne ging versonnen und schweigsam neben Heinrich, die Brust geschwellt von süßen Schauern. Es war schon dunkel, als die Trennung von Freund und Freundin auf dem Marktplatz vor sich ging. Nun schritten Venne und Heinrich still nebeneinander dahin. Kein Laut störte die laue, wunderbare Nacht. Als sie aber das Dunkel der Bulkengasse aufnahm, da riß Heinrich die Holde an sich und raubte ihr hundertfältig, was ihm doch nur einmal zustand. Selig seufzend ergab sich Venne dem Liebessturm.

»Venne, meine einzige Königin, meine holde geliebte Venne!«

Da durchbrach auch die Liebe bei ihr die lange gezogene und mühsam gehaltene Schranke.

»Geliebter, mich dürstet nach Deinen Küssen!«

In einem süßen Taumel vergingen die Minuten. Endlich löste sich Venne aus seinen Armen.

»Wir müssen scheiden«, flüsterte sie, aber Heinrich widersprach ungestüm. »Habe ich so lange gedarbt, um Dich nach einem Augenblick schon wieder zu verlieren!« Da warf sie sich ihm in die Arme: »Heinrich, mein Einziger, ich liebe Dich, liebe Dich mehr, als Du ahnst. Aber schwöre mir in dieser seligen Stunde, daß Du mich nie verlassen willst; es bräche mir das Herz!« Ein heißer Kuß war die Antwort. »Du siehst die Sterne da oben am Himmelszelt; eher werden sie aus ihrer ewigen Bahn gerissen, als die Liebe zu Dir aus meiner Brust.«

Aber dann kam doch der Abschied. In einem langen Kuß trank ihre Sehnsucht sich satt; Venne schlüpfte ins Haus. Zum ersten Male seit langem eilte sie an der Kammer der Mutter vorbei, ohne ihr noch gute Nacht zu wünschen; ihr Herz war zum Zerspringen voll von dem, was sie erlebt. Geräuschlos gewann sie ihr Stübchen. Doch eine wachte noch wie immer im Hause und kam, um ihr beim Auskleiden zu helfen. Katharine war es, die alte Magd, die sie als Kind schon gewartet hatte. Trotz des Widerspruchs Vennes machte sie sich daran, die Bänder zu lösen und die goldenen Schnallen der Schuhe zu öffnen. Versonnen lächelnd blickte Venne in die Weite, die Hand auf das ungestüm pochende Herz gedrückt.

»Du bist so seltsam heute«, unterbrach die alte Vertraute die Stille. »Darf Deine alte Katharine nicht wissen, was Dich bewegt?«

»Ach, Katharine, Du verstehst mich doch nicht, was soll ich Dir also bekennen?«

Da entgegnete die Alte unwillig: »Ich soll Dich nicht verstehen, da ich doch Deine Regungen und Gefühle von Deinem ersten Tage an in Dir habe entstehen und sich regen sehen? Meinst Du, ich bin blind? Also, hat er endlich gesprochen, der Herr Heinrich?«

Erschrocken blickte Venne sie an. »Aber woher weißt Du denn ...?« »Also habe ich doch recht«, fuhr Katharine unbewegt fort. »Seine Wünsche kenne ich von anderen, und was Du für ihn empfindest, war mir auch längst bewußt. Aber er soll sich hüten,« fuhr sie fast drohend fort, »sich Deiner unwert zu zeigen oder Dich zu kränken, dann komme ich über ihn.« Lächelnd, voller Zuversicht wehrte Venne ab: »Wie kommst Du zu solchem Argwohn, Katharine?«

»Ich hatte einen bösen Traum. Aber es steht bei ihm, daß der Traum sich nicht erfülle.« Damit verließ sie die Glückliche.

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