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Venne Richerdes

Erstes Buch (continued 2)

Reading edition

Der Argwohn erhielt aber neue Nahrung durch eine Mitteilung Erdwin Scheffers, dem es Monika Rosenhagen sagte. Sie hatte Römer mehrere Male im geheimen Gespräch mit einigen Landsknechten gesehen und dabei auch den Namen »Achtermann« deutlich vernommen. Da jener Wüstemann dabei gewesen war, dem die Mutter eine unreine Hand nachsagte, so nahmen sie an, daß irgendein Schelmenstück geplant werde. Man konnte aber zunächst nichts weiter tun, als die Augen offen halten. Und das taten Monika mit ihrer Mutter wie Erdwin Scheffer und Johannes Hardt seitdem noch mehr als Heinrich selbst.

Die Zahl der Landsknechte verringerte sich inzwischen mählich, aber stetig in dem Maße, wie die Heimat des einzelnen näher kam. Als man sich dem Harz zuwandte, waren es nur noch ihrer dreißig. Man mußte der wilden Schar nachrühmen, daß sie ihre Aufgabe auf der langen Reise redlich erfüllt hatte. Freilich hatten die Kaufleute tüchtig in den Beutel greifen müssen, aber die Vorsicht lohnte sich doch, und man konnte hoffen, die Mehrkosten wiedereinzubringen, sei es durch vorteilhafte Einkäufe in Goslar oder durch Aufschlag auf die Waren daheim. Ein Jauchzen rang sich von den Lippen Heinrichs, als die Berge des Harzes jenseits Gandersheim in der Ferne aufblauten.

»Die Heimat, Kinder, die Heimat winkt uns«, rief er den Gesellen zu, die in seiner Nähe gingen.

»Für Dich ja, aber für mich?« erwiderte Erdwin traurig. »Auch für Dich, guter Erdwin«, redete Johannes ihm tröstend zu. »Auch für Dich wird sich noch alles zum besten wenden. Jetzt freue dich mit uns, daß wir dem alten, lieben Goslar näher kommen.«

Man kam durch Ildehausen, wo ehedem Ernestis Ahnen hausten. Vor ihnen erhoben sich die Berge in immer machtvollerer Fülle, und dann zogen sie in das kleine Städtchen Seesen ein, das die letzte Raststätte vor Goslar sein sollte.

In Seesen verließen noch einige Landsknechte die Gesellschaft. Da man aber dem Ziel nahe war und die unsicheren Gebiete hinter sich wußte, glaubte man das Endstück der Reise unter dem Schutze der eigenen Bewaffneten und des Restes der Soldaten wohl zurücklegen zu können.

In diesem Städtchen verschwand auch Römer, und man trauerte dem unleidlichen Gesellen nicht nach. Erdwin Scheffer war noch immer nicht ganz beruhigt. »Ich kann mir nicht denken, daß der Kerl irgendeinen Plan hegte und nun ohne weiteres auf die Ausführung verzichtet, ohne den ernstlichen Versuch zu seiner Ausführung unternommen zu haben.« Aber Heinrich, wie jetzt auch Johannes, waren guten Mutes, und man verließ anderen Morgens die kleine Stadt. Sie hofften, schon in den frühen Stunden des Nachmittags in Goslar einzutreffen; doch ein Radbruch beim Neuen Kruge gab unliebsamen Aufenthalt, und es sanken schon die frühen Schatten des Novembertages herab, als man sich den Goslarer Bergen näherte.

Der Vogt des festen Hauses in Langelsheim, das den Braunschweigern gehörte, gab mürrischen Dank auf den Gruß, den man ihm bot.

»Wie seine Herren«, sagte Heinrich lachend, dessen frohe Ungeduld mit jedem Schritt wuchs. Vor ihnen verließen ein paar Bewaffnete den Ort, wahrscheinlich Knechte des Herzogs, die mit Botschaft nach Langelsheim gekommen waren oder solche mit sich nahmen. Sie ritten, daß die Funken stoben. »Die haben es eilig, daß sie unsere Gesellschaft meiden«, rief Erdwin hinter ihnen her.

Als man in den hohlen Fahrweg einbog, der das letzte Stück des Weges vor Goslar bildete und etwas westwärts vom Kloster Riechenberg begann, war die Dunkelheit völlig hereingebrochen. Der Weg führte in der tiefen Rinne dahin, die vom Wasser in der Hauptsache gegraben war und ihm auch weiter als Abflußrinne diente. Die Wagenknechte suchten fluchend die Laternen hervor und hieben auf die müden Gäule ein. Da durchschnitt plötzlich ein schriller Pfiff die Luft. An der Spitze des Zuges krachten Schüsse, und alles geriet ins Stocken. Von der Höhe sprangen Bewaffnete herab und schleuderten Feuerbrände in den Wirrwarr auf der Talsohle. Die Pferde scheuten und suchten durchzubrechen. Überall Kampfeslärm und Waffengeklirr. Man dachte zunächst nichts anderes, als daß man zuletzt doch noch das Opfer eines Überfalls von Strauchdieben geworden sei.

Heinrich ritt mit Johannes ziemlich an der Spitze des Zuges; denn die Ungeduld trieb sie voran. In ihrer Nähe war auch Erdwin Scheffer mit noch anderen Knechten. Sie wollten umkehren, um die Wagen zu schützen; aber da traten ihnen mehrere Bewaffnete entgegen. »Der da ist es«, rief einer der Fremden mit einer Stimme, die Heinrich bekannt vorkam. Sie warfen sich auf ihn und suchten ihn zu überwältigen. Heinrich wehrte sich kräftig, doch die Überzahl war zu groß. Ihm schwanden die Sinne, er merkte nur noch, daß ihm die Brusttasche entrissen wurde. Da kam Hilfe von Erdwin und Johannes, die sich bis jetzt selbst ihrer Gegner zu erwehren gehabt hatten. »Dachte ich's doch, daß der Schuft seine Hand im Spiele habe.« Damit warf er sich auf die Angreifer und drang bis zu Heinrich vor; denn er sah, daß der, den er meinte, es war der Helmstedter, mit seiner Beute davonwollte. Da holte diesen ein Schlag mit der Hellebarde herab. Mit gespaltenem Schädel sank er zu Boden.

Mit dem Falle des Anstifters schwand auch die Angriffslust der übrigen. Sie suchten nur noch ihren Rückzug zu decken und klommen kämpfend den steilen Hang hinan. Erdwin, in dem die alte Kampfeslust erwachte, drängte hitzig nach. Hier und da krachte noch ein Schuß, zersplitterte noch ein Lanzenschaft. Noch ein Feuerstrahl zuckte aus einer Hakenbüchse auf, er galt und traf Erdwin Scheffer. Als letzter im Kampfe sank er dahin. »Die Tasche!« flüsterte er noch dem Nächsten zu, dann brach er zusammen. Man hörte den Galopp von fortjagenden Reitern, dann blieb die Nacht allein mit den Überfallenen zurück. Man suchte zu ordnen, so gut das bei dem Wirrwarr und der Dunkelheit ging. Johannes war um Heinrich Achtermann bemüht, den er für schwerverletzt hielt; Erdwin Scheffer blieb zunächst sich selbst überlassen.

Der nächtliche Kampf hatte leider nicht nur blutige Köpfe gekostet, einige Knechte waren tot. Verwundete ächzten und riefen um Hilfe. Herabgezerrte Warenballen sperrten den Weg. Angstvoll suchte Monika im Hohlwege vorzudringen. Ihnen war nichts geschehen, der Angriff hatte sich von vornherein auf die Stelle gerichtet, wo man Heinrich Achtermann vermutete. Ihre Sorge galt Erdwin Scheffer, dem fröhlichen Gesellen mancher kurzweiligen Stunde im Tumult des Krieges, dem Geliebten ihres Herzens, wie sie in der Stunde der Gefahr mit blendender Klarheit erkannte. Ihr Fuß strauchelte über Wurzeln, sie versank in Rinnsale des Weges, aber sie ruhte nicht, bis sie ihn gefunden hatte. Und als sie ihn vor sich liegen sah, mit wunder Brust, aus dem der warme Strahl hervorsickerte, da sank sie mit einem Aufschrei über ihn hin.

»Erdwin, mein Erdwin, bleibe bei mir, verlaß mich nicht, Einziger Du!« Irre, hilfesuchend blickten ihre Augen umher im Dunkel der Nacht. War denn niemand da, der helfen konnte? Da kam die Mutter heran, die Vielerfahrene. »Laß ihn mir, Monika. Wenn ihm zu helfen ist, bringe ich ihm Rettung.«

Die steile Höhe des Erzweges hinauf, der vom Granetal über das Joch zwischen Hessenkopf und Thomas-Martinsberg ins Tal der Gose führt, erklangen die Glöckchen der Grautiere, die ihrer Last ledig waren, welche sie auf dem geduldigen Rücken von den Gruben des Rammelsberges zu den Erzrösten im Granetal geschleppt hatten. Rüstiger schritten sie aus, als die Höhe erreicht war. Auf dem Rückwege drückte nur leichte Bürde ihren Rücken: Kupferbarren, Bleibrote, der Gewinn aus der umständlichen und unvollständigen Art der Verhüttung, waren ihnen anvertraut. Vergnüglich klang das »I—ah« des Leitesels in die kühle Novemberluft, als wolle er seiner Freude Ausdruck geben über den warmen Stall und die gutgefüllte Krippe, die seiner harrten.

Unten im Granetal verhallten die letzten Axtschläge der Holzfäller an den Berghängen, die in den Waldungen der Silvanen, der Waldherren, das Holz fällten, welches zum Rösten und Sintern des Erzes nötig war. Vom Glockenbrunnen her, der das klare Wasser des Glockenberges dem Tage wiedergibt, lagerten sich die dicken Schwaden schwefligen Rauches über der Talsohle, wo die Rosthaufen des Erzes unter der Hut rußiger Wächter schwelten.

Zwei Männer verließen die Stätte und wandten sich ebenfalls dem Erzwege zu. Mager und langstelzig der eine, kurz und rundbäuchig der andere.

»Gemach, gemach, Nachbar Richerdes«, mahnte der kleine Dicke. »Wir wollen kein Wettrennen veranstalten. Ihr kommt noch rechtzeitig in der Bergstraße an, um Euch von der Eheliebsten den Abendtrunk kredenzen zu lassen.«

Der Lange verhielt etwas im Schritt, bis der Begleiter ihn wieder eingeholt hatte. »Wollte hoffen, es wäre so«, sprach der Hagere grämlich. »Aber Ihr wißt doch, daß die Frau seit Monaten siecht. Zu Hause sehe ich schon lange kein fröhliches Gesicht mehr.«

»Entschuldigt, Nachbar, es war nicht böse gemeint«, begütigte der Waldherr Ludecke Bandelow. »Ihr habt aber doch wenigstens die Venne; die muß Euch doch ein wahrer Augentrost sein in diesem Ungemach, Euch und Eurer Frau.«

»Ich will es nicht leugnen und danke Gott, daß er sie uns schenkte für diese Zeit der Trübsal, doch lange wird ihr jugendlicher Frohsinn auch nicht mehr vorhalten, fürchte ich. Die Mutter aufheitern und den grämlichen Vater beruhigen, das ist nicht Jugendarbeit auf die Dauer. Ihr seht, ich male mich selbst nicht schöner, als ich bin. Aber der Henker soll auch die gute Laune behalten bei all dem Ärger mit dem Berge und dem Rat.«

»Wie steht Ihr denn jetzt mit ihm?« forschte Bandelow.

»Das könnt Ihr Euch leicht vorstellen, solange Karsten Balder regierender Bürgermeister ist. Ihr wißt ja, wie er es, offen und versteckt, gegen mich hat, er wie seine Freunde. Sein Gelüste kenne ich, ihm steht der Sinn nach meiner Gerechtsamen; die Ursachen liegen tiefer: mich trifft er, aber eine andere will er treffen.«

»Ich weiß, ich weiß, es gilt Eurer ...«

»Wozu die Namen?« unterbrach ihn Richerdes, »das ändert nichts an der bestehenden Gegnerschaft. Die Hauptsache ist, daß man den Gegner als solchen kennt.«

»Ja, das ist das schlimme, daß es möglich ist, ehrsamen und pflichttreuen Bürgern das Leben schwer zu machen unter der Flagge der Fürsorge für die Stadt. Eine nette Fürsorge das, die darauf hinausläuft, einem das bißchen Eigentum zu nehmen. Das scheint ja freilich im Zuge der Zeit zu liegen; denn wie man bestrebt ist, Euch die Berg- und Grubengerechtsame abzujagen, so will man uns unsere wohlerworbenen Anrechte auf die Forst abnehmen. Aber gebt nicht nach, keinen Zoll breit. Mit uns hat es der wohlweise Rat ja ähnlich vor; solange ich jedoch da bin, erhält er nichts.«

»Nun, ›abjagen‹ ist vielleicht nicht das richtige Wort,« fiel Richerdes ein, »Ihr wißt ja, daß er mich und andere auskaufen will. Daß der Preis nicht zu hoch gehalten ist, dafür sorgt aber schon der Regierende. Es sei im Interesse der Stadt, der Allgemeinheit, so bemänteln sie es gar schön. Aber ich kann und will das nicht einsehen. Weshalb soll denn jetzt auf einmal verkehrt sein, was man vor nicht gar zu langer Zeit selbst betrieb. Damals, als es hieß, Geld zu finden, Gewerke zusammenzubringen, war mein Vater gut genug zur Hergabe des Geldes. Ich weiß von ihm selbst, wie er sich gesperrt und gesträubt hat, ehe er den Beutel zog. Damals drängte und mahnte der Rat, es sei eine Tat für das Gemeinwohl; jeder Bürger, der es könne, müsse einspringen. Jetzt wollen sie es nicht recht haben, jetzt, wo die Sache nach den vielen Scherereien und Opfern sich als ergiebig zeigt.«

»Das ist's, damit habt Ihr ins Schwarze getroffen: sie gönnen Euch den Gewinn nicht, und da muß das Gemeinwohl herhalten. Bleibt nur fest wie ich. Meinen Anteil an der Forst bekommen sie nicht, und wenn sie noch so viel darum tun. Recht muß Recht bleiben.«

So tauschten die beiden wackeren Bürger ihre Meinungen aus über den habgierigen Rat, wie sie sein Vorgehen deuteten, und stiegen von der Höhe herab, vorbei an der Ratsschiefergrube, die schon von den Werkleuten verlassen wurde; denn die Schatten des Abends sanken immer mehr herab. An der Gose entlang klapperten der Wassermühlen unermüdliche Räder.

An dem Stadtgraben trennten sie sich mit einem Handschlag, denn Bandelow hoffte noch durch das Mauerpförtchen an der Frankenberger Kirche Einlaß zu gewinnen, die ragend und dräuend von der Höhe durch das Grau des Abends herabdämmerte. Richerdes aber folgte der Fahrstraße zum Klaustor, die seiner Wohnung in der Bergstraße näher lag.

Das Haus in der unteren Bergstraße war schon versperrt. In der Dunkelheit des Abends konnte man von ihm nicht mehr erkennen als die gewaltigen Umrisse, die in der engen Straße doppelt stark wirkten. Ein großer Torweg zu oberst war schon verschlossen, wie Richerdes feststellte; also mußte er den Klopfer des Haustores in Bewegung setzen, daß ihm Einlaß wurde. Die Hausglocke schnepperte noch eine Weile in immer mehr verklingenden Tönen nach, als er über den mit Steinplatten abgedeckten Hausflur schritt, um noch einen Blick auf den Hof und in die Stallungen zu werfen.

»Ist Besonderes vorgekommen?« fragte er eine Magd, die ihm begegnete. »Nein, nur die Frau hat des öfteren nach Euch gefragt.« Da gab er sein Vorhaben auf und wandte sich sogleich der Wohnung zu, die um wenige Stufen höher, zur Seite des Flures lag. In dem großen Wohnzimmer sandten die Kerzen eines mehrarmigen Leuchters ihre Strahlen umher. Sie scheiterten indes bei dem Versuch, bis in die dunkeln Ecken des Gemaches zu dringen. So dunkel war es nach der Rückwand zu, daß man kaum die Tür bemerkte, welche dort in die Schlafkammer führte. Sie öffnete sich in diesem Augenblick, und Venne, die Tochter, trat heraus, um den Vater zu begrüßen, da sie die Hausglocke gehört hatte.

»Wie geht es der Mutter?« war die erste Frage.

»Sie ist etwas unruhig, seit Ihr fort seid. Ich war froh, daß in Eurer Abwesenheit Schwester Jutta vom Kloster Mariengarten hier war. Ihr wißt ja, daß sie auf Mutter immer einen wohltätigen Einfluß ausübt. Auch heute legte sich unter ihrem gütigen Zuspruch die Gespanntheit der Nerven. 's ist eine gute Frau, diese Jutta; wir schulden ihr einen Gotteslohn. Ist es nicht gerade, als ob unter ihrer kühlen Hand und dem gütigen Trostwort alles Ungemach davonfliege?«

»Ja, wir haben allen Anlaß, ihr dankbar zu sein in dieser schweren Zeit«, antwortete der Vater. »Ich weiß nicht, wer durch diese treue Freundschaft mehr geehrt wird, die Mutter, der die fromme Frau auch unter dem Schleier noch die Zuneigung bewahrt, oder jene selbst, deren edle Eigenschaften durch diese Pflege alter Beziehungen in ein um so schöneres, helleres Licht gerückt werden. Aber jetzt geht es ihr doch besser, der Armen, Leidgeprüften?« fragte er besorgt.

»Sie schläft. Ich mußte sie über Euer langes Ausbleiben beruhigen, wolltet Ihr doch schon am Nachmittage zurück sein.«

»Wollte ich auch, und wäre ich auch, wenn ich nicht den Montanen, Herrn Bandelow, getroffen hätte, mit dem es ein langes und breites über Holzleistungen und -lieferungen zu besprechen gab, und auch sonst ist noch manches zwischen uns beredet worden.«

»Dachte ich's mir doch, daß Ihr einem Schwätzer wie dem in die Hände gefallen wäret. Laßt Euch mit dem nur nicht zu sehr ein; ich werde die Sorge nicht los, daß Euch und uns durch seine Einmischung zuletzt noch Übles widerfährt«, hielt Venne dem Vater entgegen.

In Richerdes' Augen war ein froher Glanz getreten, als er die Tochter bei ihrem Eintritt ins Zimmer mit dem Blick umfaßte. Der ganze Mann schien geändert, seitdem er das Zimmer betreten hatte; nichts mehr von der düsteren, grämlichen Stimmung, die ihn im Gespräche mit Bandelow beherrschte. Es war für ihn ein ungeschriebenes Gesetz, alles, was er an Verärgerung draußen erlebte, nicht über die Schwelle des Hauses dringen zu lassen. Nur über seine Gegensätze zu dem regierenden Bürgermeister war die Tochter durch die Mutter unterrichtet. Darauf bezogen sich auch wohl ihre besorgten Worte. So lautete auch die Erwiderung auf Vennes letzte Worte mehr zärtlich freundlich als abweisend:

»Du gibst es ja Deinem alten Vater tüchtig, kleiner Schulmeister; doch sei unbesorgt, was ich mit Bandelow besprochen habe, brauchte nicht das Licht zu scheuen. Daß er den Mund gern etwas voll nimmt, weiß ich besser als Du und richte mich von vornherein darnach. Aber das Geschäftliche muß schon mit ihm beredet werden; und Du weißt ja, daß er mein hauptsächlicher Holzlieferant ist. Die Verhältnisse im Berge liegen leider so, daß ich mehr auf ihn angewiesen bin, als mir lieb ist. Doch nun genug vom Geschäft und seinem Ärger.«

Venne strich ihm zärtlich über das Haar. Es war ein großes, schlankes Mädchen, das hier von dem gelben Lichte der Kerze übergossen wurde.

Wer die Venne Richerdes nach dem Bilde sich vorstellte, welches Heinrich Achtermann von ihr mit in die Fremde nahm, würde sie kaum wiedererkannt haben. Nur die stolze Haltung des Köpfchens und die seelenvollen Augen, über die im Augenblick noch ein Schatten der Trauer um die kranke Mutter gebreitet lag, erinnerte an die Venne von ehemals. Aus der unscheinbaren Puppe hatte sich ein glänzender Schmetterling entwickelt. Nichts mehr gemahnte bei Venne an das eckige, unbeholfene Ding, das vor Heinrich Achtermann davongelaufen war.

Das lang herabwallende, faltige Hausgewand, das sich lose um die königliche Gestalt schmiegte, ließ die edlen Formen des Körpers erraten. Mit lässiger Anmut bewegte sie sich um den Vater, während sie mit der klangvollen Stimme ihm Rede und Antwort stand auf seine Fragen.

»Soll ich uns den Abendtisch decken lassen?« fragte sie weiter. In diesem Augenblick erklang durch die angezogene Tür des Schlafgemaches die Stimme der Kranken, die nach dem Vater fragte. Statt der Antwort trat dieser sogleich zu ihr herein. Behutsam beugte er sich zu ihr nieder, und alle Zartheit und Liebe, die er für diese Frau empfand, klang aus seiner Stimme. Sie mußte ehedem eine schöne Frau gewesen sein; jetzt lagen die Schatten der langen Krankheit auf ihrem blassen Gesicht. In Venne stand ihr verjüngtes Ebenbild vor ihr. Nur ein leichter, kritischer Zug um den Mund unterschied diese von der Mutter. An der Kranken war, von dem leidenden Zug abgesehen, der seine Runen in ihr Antlitz gegraben hatte, alles Weichheit, Hingabe, während Venne über eine nicht alltägliche Entschlossenheit gebot, die ihr, dem jungen Mädchen, den Gehorsam des Hauspersonals sicherte, vom letzten Eseltreiber bis zur alten Katharina in der Küche, ihrer Kindsmagd, mit der sonst niemand anzubinden wagte und von der selbst der gestrenge Hausherr ein Wort mehr annahm, als er sonst von irgend jemand gelten ließ.

»Wie geht es Dir, Liebste? Ich höre von Venne, daß Du wieder besonders mit Dir zu tun gehabt hast. Schwester Jutta hatte ja, wie so oft, ihr Bestes an Dir getan, aber soll ich nicht doch noch den Doktor Henning holen lassen?«

»Nein, nein, ich bitte Dich. Mir ist jetzt nach dem kurzen Schlaf sehr wohl. Es war auch weniger das Leiden, das mir zusetzte, als eine innere Unruhe, die wuchs, je länger Du ausbliebest. Es lag auf mir wie die Vorahnung von einem Unheil.«

»Nun bekomme ich von Dir auch noch eine Strafpredigt,« scherzte Richerdes gutlaunig. »Vorhin hat mich Venne schon ins Gebet genommen. Wenn ich nun Besserung gelobe für die Zukunft, willst Du dann auch mein braves Weib sein und Dich alsogleich völlig beruhigen?«

Ihm zärtlich von ihrer Lagerstätte zunickend, ließ sie den Blick an seiner hohen Gestalt emporgleiten. Ein leiser Seufzer entrang sich ihrer Brust. »Was hast Du noch?« fragte er aufs neue besorgt. »Nichts, es ist nur der Kummer, daß ich Euch das Leben mit meinem Siechtum belaste. Ihr könnt das gar nicht auf die Dauer ertragen.«

»Das ist mir das rechte Medikament«, rief der Gatte gutmütig polternd. »Jetzt habe ich meine ganze ungeschlachte Liebenswürdigkeit an diese eigensinnigste aller Frauen verschwendet, um nun zum Dank von ihr zu hören, daß sie uns lästig falle. Nun sprich Du ein Machtwort, Venne; vielleicht, daß Du Dir mehr Respekt verschaffst.«

Venne umschlang die geliebte Mutter zärtlich behutsam und barg ihr Gesicht an der Wange. »Ach, böses, liebes Mütterlein, der Vater hat nur zu recht. Wie sollten wir unsere Liebe zu Euch besser zum Ausdruck bringen, als daß wir Euch umhegen und umgeben mit unserer Pflege. Ihr sollt uns ja bald gesund sein und werdet uns gesunden; aber, daß ich's sage, Gott verzeihe mir die Sünde: ich wünschte nicht, daß Ihr krank gewesen wäret oder je wieder würdet; doch desungeachtet möchte ich, und der Vater gewiß mit mir, nicht diese Zeit missen, wo wir Euch Eure Liebe wenigstens zu einem kleinen Teile vergelten konnten. Nun fügt Euch nur noch eine kurze Zeit unserer strengen Vormundschaft, und dann wird eines Tages mein Mütterlein wieder rüstig und flink durchs Haus trippeln, und wir werden uns auf die Bärenhaut legen; gelt, Vater?«

Gerührt blickte die Kranke auf ihr Mägdelein, und eine Träne rann über die blasse Wange.

Ach, wenn es doch so käme, wie Venne es ihr prophezeite!

In diesem Augenblick wurden sie durch wirren Lärm von der Straße aufgescheucht. Stimmen und Schreie erklangen durcheinander, und alsbald erhob die Sturmglocke der benachbarten Marktkirche ihre wimmernde Stimme. Angstvoll schrak die kranke Frau zusammen und griff nach dem Herzen. Venne eilte ihr sogleich zu Hilfe. Auch ihr wie dem Vater war sehr bange, denn man glaubte nicht anders, als im nächsten Augenblick das gefürchtete »Feuerjo« draußen zu hören, welches verriet, daß der schlimmste Feind der mittelalterlichen Städte sein rotes Banner auf den Dächern der Stadt aufgepflanzt habe. Richerdes, der zu den Führern der Feuerwehr gehörte, die pflichtmäßig alle nicht bresthaften Bürger mit den ledernen Feuerlöscheimern zur sofortigen tätigen Hilfe bei Ausbruch eines Brandes veranlaßte, stürzte nach einem kurzen, hastigen Abschiedswort davon und ließ die Frauen in banger Spannung zurück. Der Lärm draußen verlor sich bald, und auch das Gewimmer der Glocke erstarb. Die Annahme, daß eine Feuersbrunst ausgebrochen war, schien demnach irrig zu sein; wahrscheinlich handelte es sich um irgendeinen Angriff oder Überfallversuch, wie die unruhigen Zeiten ihn nicht selten brachten. In angstvoller Erwartung harrten die beiden Frauen der Rückkehr des Vaters und Gatten. Endlich, viel zu spät für ihre Ungeduld, ertönte der Klopfer, und Venne beeilte sich, zu öffnen, da das Gesinde inzwischen zur Ruhe gegangen war. Der Überfall auf die flandrischen Kaufleute bei Riechenberg hatte den Tumult veranlaßt. Noch kannte man nicht alle Einzelheiten. Es sollte viele Tote und Verwundete gegeben haben und Plünderung der Waren, wie das Gerücht bei solchen Anlässen zu wüten pflegt. Die Kunde war von einem Knechte überbracht worden, der auf schweißbedecktem Roß vor dem Sankt-Viti-Tor in der Dunkelheit auftauchte und um eilige Hilfe und Schutz bat. Die Stadtsoldaten unter ihrem Hauptmann und ein großer Haufen bewaffneter Bürger waren sofort ausgezogen, und zur Stunde, so durfte man hoffen, hatten die Bedrängten schon Hilfe gefunden, und sie selbst waren unter sicherer Bedeckung im Anzuge gegen die Stadt.

Richerdes kehrte nur zurück, um die Frauen zu unterrichten und sie zu beruhigen. Er verließ bald darauf wieder das Haus, um den Ausgang und weitere Aufklärung des Falles zu erfahren. Auch bei ihm sprach seit Jahren einer der Kaufleute vor, der auch dieses Mal dabeisein mußte. Noch mehr Grund also, zur Stelle zu sein, wenn die Überfallenen ankamen, um dem alten Geschäftsfreunde zugleich hilfreich zur Seite zu stehen, wenn er die Stadt betrat.

Im Kamin prasselte ein lustiges Feuer und verbreitete eine angenehme Wärme über den Raum, in dem die Familie Richerdes am reichgedeckten Frühstückstisch mit dem Gaste, Herrn Emile Delahaut aus Dinant, saß. Das Gespräch drehte sich natürlich um den gestrigen Überfall. Er war so weit geklärt, daß man wußte, das Stücklein ging, wie man gleich vermutete, von dem berüchtigten Bandenführer Hermann Raßler aus, der, wie jedermann bekannt war, im geheimen Dienste des Herzogs von Braunschweig stand und die Goslarer schatzte, daß ihnen der Atem auszugehen drohte. Zwei seiner Knechte, mit denen er den frechen Überfall gewagt hatte, blieben verwundet in den Händen der Goslarer, und aus ihrem Munde erfuhr man alle Einzelheiten. Demnach war der eigentliche Urheber des verruchten Planes jener Händler aus Helmstedt, der selbst bei der Tat seinen Lohn erhalten hatte. Er traf morgens in aller Frühe in Riechenberg ein, wo man ihm den Schlupfwinkel Raßlers anzeigte. Die Knechte, die beim Herannahen des Zuges in Langelsheim so eilig Fersengeld gaben, waren Kundschafter, die melden sollten, wann mit dem Eintreffen am Hohlwege zu rechnen sei. Es stellte sich nunmehr als sicher heraus, daß der ganze Überfall nicht den Kaufleuten, sondern Heinrich Achtermann gegolten hatte und jedenfalls dazu dienen sollte, ihm das wichtige Dokument abzunehmen. Was unterwegs mit List nicht gelungen, das wollte man zum Schluß mit Gewalt herbeiführen.

Damit war auch der Auftraggeber ohne weiteres erkannt: es konnte nur der Braunschweiger sein, dem an der Vernichtung des päpstlichen Schreibens allein lag. Durch seine Spione in der Stadt mußte er irgendwie von dem Auftrage und dem Wege der Heimreise Heinrichs Kunde erhalten haben und hatte danach seine Maßnahmen getroffen. Sein unmittelbarer Vorfahre, Heinrich der Ältere, hatte den besonderen Schutz der Stadt Goslar noch für 400 Gulden im Jahre 1497 auf zehn Jahre übernommen. Die Herzöge Philipp und Erich ließen sich noch vom Jahre 1500 ab zehn Jahre lang für die gleiche Leistung 1200 Gulden im voraus geben. Heinrich der Jüngere trat in diesen Vertrag ein. Das hinderte ihn aber nicht, im geheimen seine Blut- und Beutehunde gegen die Stadt loszulassen. Der Streich war mißglückt, doch man wußte, wessen man sich in Goslar von dieser Seite zu versehen hatte trotz aller Schutzbriefe. Da der Angriff auf herzoglichem Gebiete erfolgte, der Nachweis geführt war, daß Raßler der Anstifter gewesen und offenbar bei den dem Herzoge befreundeten Mönchen von Riechenberg Unterstützung genossen hatte, ging ein geharnischter Protest des Rates nach Wolfenbüttel ab, wo der Herzog residierte. Der Erfolg war freilich vorauszusehen. Der Herzog lehnte mit der für diesen Fall gebotenen Entrüstung jede Mitwissenschaft und Teilnahme ab. Die wirklich Leidtragenden waren die beiden Schelme, die man gefangen hatte; sie baumelten bald darauf am Galgen, der sein Gerüst auf dem Georgenberge drohend ins Land reckte.

Auch der Fremden wegen erhob man den Einspruch beim Herzoge, um ihnen zu zeigen, daß man alles tue, um ihnen Genugtuung zu geben. Denn sie führten natürlich auch ihrerseits, sei es auch nur, um ihr Geschäft günstig zu beeinflussen, bewegliche Klage über die erlittene Unbill und die Unsicherheit der Wege in unmittelbarer Nähe der Stadt; Schaden an Eigentum war kaum erlitten, abgesehen von einigen Warenballen, die von den Wagen gestürzt und etwas beschädigt waren. Dem Anschein nach hatten die Raubgesellen, obwohl ihr Auftrag nur dahin ging, sich des goslarschen Gesandten zu bemächtigen, doch ihrer oft bewiesenen Beutelust nicht widerstehen können, zu nehmen, was sich ihnen bot. Der steile Hang und der fluchtartige Rückzug hinderten sie dann aber an der Mitnahme.

Über der Besprechung des gestrigen Ereignisses vergaß man nicht, den guten Sachen Ehre anzutun, die der Tisch bot. Venne ging ab und zu, um nach der Mutter zu sehen und den Mägden eine Anweisung zu geben. Im hellen Licht des Tages sah man erst, welch vollendete Schönheit sie war. Die Anmut ihrer Bewegungen, der Wohllaut ihrer Stimme vereinigten sich gleichermaßen, um den Fremden gefangenzunehmen.

»Wetter noch einmal,« warf er dem Gastfreunde zu, als Venne sich auf einen Augenblick entfernt hatte, »ist das ein Mädel geworden, seit ich sie zuletzt sah! Wie das den Kopf trägt und sich bewegt! Wahrhaftig, wenn ich nicht schon ein alter Knabe wäre, könnte mich Eure Venne noch zu Abenteuern verleiten. Verwahrt den Schlüssel zu ihrem Herzen gut, sonst fliegt sie Euch über Nacht davon. Lange werdet Ihr sie sowieso nicht mehr halten, sonst müßten Eure Jungen hier Fischblut in den Adern haben.«

Richerdes lächelte behaglich zu dem Lobe der Tochter: »Vorläufig scheint ihr selbst noch wenig an dem Ausfluge aus dem Elternhause zu liegen, dazu hält sie die Pflege der kranken Mutter viel zu fest. Findet sich aber einmal der Rechte, so werden wir sie nicht halten wollen. Denn es ist der Eltern wie der Kinder Los, sich trennen zu müssen, wenn sie des anderen Wert erkennen.«

Man kam noch einmal auf das gestrige Abenteuer zu sprechen und auf die Goslarer, die dabei zu Schaden gekommen, Heinrich Achtermann und Erdwin Scheffer. Dieser, der Sohn eines achtbaren Mitgliedes der Schustergilde, war am übelsten davongekommen, und man wußte nicht, ob er am Leben bleiben werde. Heinrich Achtermann dagegen hatte, wie es hieß, keinen ernsten Schaden erlitten. Durch das Würgen der Angreifer und den Sturz auf einen Stein verlor er die Besinnung. Als die Hilfe aus der Stadt kam, war er schon wieder zum Bewußtsein zurückgekehrt.

Nach dem Frühstück gingen die Herren zum Geschäftlichen über. Da schlüpfte Venne aus dem Hause, um sich in der Stadt umzuhören und bei den Achtermanns vorzusprechen, die mit ihrer Familie befreundet waren. Sie wurde beim Eintritt ins Haus von der Schwester Heinrichs begrüßt. Von ihr vernahm sie, daß es dem Bruder schon wieder leidlich gehe, und sie konnte sich selbst davon überzeugen, denn sie traf ihn im Zimmer, wo er mit den Eltern und dem flandrischen Gastfreunde zusammen saß. Die überstandene Gefahr hatte keine Spur zurückgelassen, außer einer leichten Blässe im Gesicht.

Als Venne ihn unvermutet vor sich sah, war sie einen Augenblick befangen, denn die Stunde stand ihr vor Augen, als sie zuletzt die Flucht vor ihm ergriff. Sogleich stieg auch der alte Trotz wieder in ihr auf, und das herzliche Wort, das sie ihm zur Begrüßung gönnen wollte, wurde zu einem kühlen Gruß. Heinrich glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen, als Venne eintrat, ja, er, der nie Verlegene, starrte sie einen Augenblick wie entgeistert an: War denn dieses Mädchen von vollendeter Schönheit das hagere, eckige Ding, das er vor langem verlassen hatte? Und er wäre nicht der Mann mit dem für Frauenschönheit empfänglichen Herzen gewesen, wenn nicht dieses holde Menschenkind sogleich in ihm höchste Bewunderung mit der Regung jener Sehnsucht gepaart hätte, die der Schönheit im eigenen Herzensschrein einen Altar zu errichten gewillt ist. Er war bisher der Schmetterling, der an allen Blüten naschte. Für die reizenden Bologneserinnen schwärmte er, der lebensfrischen Richenza Walldorf flog sein Herz entgegen, aber ihre Spur war verwischt, ausgelöscht vor dem wundersamen Geschöpf, das da vor ihm stand. Wie ein Schlag durchzitterte es seine Brust: Die hält Dein Schicksal in ihrer Hand, Venne Richerdes mußt Du besitzen oder keine!

So standen beide sich einen Augenblick verwirrt gegenüber. Venne sah seine Blicke auf sich gerichtet, aber sie ahnte nicht, welche Gefühle ihn durchzitterten. Da fand Heinrich zuerst das Wort. Um seine Befangenheit zu meistern, griff er zu dem alten Mittel tändelnden Scherzes und war dabei in Gefahr, alles schon im ersten Augenblick zu verderben.

»Euch trieb gewiß die Angst um mein Befinden hierher, aber Ihr seht ja, Unkraut vergeht nicht.« Venne suchte sich sogleich mit ihrer ganzen kühlen Unnahbarkeit zu wappnen. »Ihr irrt Euch; ich kam vor allem, um Eure Schwester zu besuchen. Daß mich auch Sorge um Euch erfüllte, will ich nicht leugnen; aber ich sehe ja, daß Ihr wohlauf seid, so will ich Euch auch mit meiner Teilnahme nicht lästig fallen.«

»Gut gegeben, Jungfer Dornenhag«, antwortete Heinrich munter lachend. »Aber um Euch zu versöhnen, will ich Euch auch etwas Angenehmes sagen. Ratet nur, was!«

»Ich bin nicht allzu begierig darauf, denn ich versehe mich keiner besonderen Schmeicheleien von Euren Lippen«, entgegnete Venne halb ablehnend.

»Eine Schmeichelei ist's auch nicht, aber ein schöner, herzlicher Gruß von Eurem Oheim Ernesti. Eigentlich sollte ich auch den dazugehörigen Kuß mit überbringen,« log er hinzu, »aber das habe ich als lebensgefährlich abgelehnt.« Venne achtete auf die letzten Worte kaum noch. »Vom Oheim Ernesti und der Muhme wahrscheinlich? Oh, das ist schön. Erzählt doch nur gleich, wo Ihr ihn trafet und wie Ihr sie fandet.« Und Heinrich berichtete ausführlich über sein Zusammensein mit dem Oheim und seine Aufnahme in Soest.

In diesem Augenblick trat Johannes Hardt ins Zimmer, der ebenfalls kam, um sich nach dem Befinden des Freundes zu erkundigen. Der Ratsherr forschte nach allen Einzelheiten der Reise und kam dann von Ernesti und dem gestrigen Überfall auf die Zeitläufte zu sprechen. Da überließ die Jugend die Alten ihren ernsten Gesprächen. Die Mädchen schlüpften hinaus in das Zimmer der Schwester. Für heute erhielten auch Heinrich und Johannes dort Zutritt, denn man war doch gar zu begierig, über ihre Erlebnisse im Wunderlande Italien Einzelheiten zu erfahren. Und die beiden Wanderer erzählten und erzählten, und ihre Zuhörerinnen wurden nicht müde, ihnen zuzuhören.

»Aber eins fällt uns auf,« warf Venne, zu Johannes gewendet, schalkhaft ein. »Von den schönen Bologneserinnen haben wir bis jetzt gar nichts vernommen. Sind sie ausgestorben, oder habt Ihr ihnen dauernd Eure Gunst vorenthalten? Das wäre ja ein gräßliches Verbrechen.« Einen Augenblick wollte der junge Mann erröten, aber schon kam ihm Heinrich zu Hilfe: »Es gibt ihrer noch genug,« antwortete er, »sogar recht liebreizende, aber unsere Beziehungen zu ihnen werden wir Euch erst enthüllen, wenn Ihr uns verratet, in welchen Herzen Ihr Vernichtung angerichtet habt.«

»Da werde ich lange auf Eure Enthüllungen warten können, denn ich bin mir nicht bewußt, irgendeinem Herzen Unglück zugefügt zu haben.«

»Na, na,« warf da die Schwester lächelnd ein, »glaubt ihr nicht so ohne weiteres. Sie ist eine Heimliche. Ich möchte die Seufzer nicht auf meinem Herzen tragen, die ihr nachgeklungen sind. Und sie ist auch selbst nicht unversehrt geblieben, will mir scheinen. Ich müßte sonst die mancherlei Fragen mißdeuten, die sie immer wieder über einen gewissen abwesenden jungen Herrn stellte. Soll ich Namen nennen, Venne?« fragte sie neckend.

»Daß Du Dich nicht unterstehst, du Garstige«, wehrte diese lachend ab, während ein tiefes Rot über ihre Wangen flammte. Die Verwirrung erhöhte noch ihre Lieblichkeit. »Zur Strafe für diese Verleumdung will ich auch gleich aufbrechen.« Aber sie gab doch dem Widerspruch der anderen nach; es hätte ja auch zu sehr nach einem Zugeständnis ausgesehen; und man blieb noch eine kurze Zeit in traulichen Gesprächen beisammen. Dann mußte sie Abschied nehmen, da die Mutter nicht lange ohne Wartung bleiben durfte. Auch für Johannes war es an der Zeit, sich festlich anzukleiden, denn er sollte mit Heinrich zusammen die besondere Ehre genießen, dem Hohen Rat die Schrift des Papstes, die sie mit Gefahr des Lebens verteidigt hatten, in der für die Mittagsstunde anberaumten Sitzung überreichen zu dürfen.

Die Mitglieder des Goslarer Rates hatten in feierlicher Amtstracht sich im Sitzungsraum versammelt, und nun warteten sie des päpstlichen Boten mit der Antwort auf ihr Begehren.

Die Jünglinge wurden von dem Ratsboten hineingeführt, die Ratsherren erhoben sich, und der regierende Bürgermeister, Karsten Balder, begrüßte sie mit freundlichen Worten.

»Ihr seid Träger der Botschaft vom Heiligen Vater, die uns Herr Henricus Ernesti freundwillig vermittelt hat. Wir hören,« wandte er sich dann im besonderen an Heinrich Achtermann, »daß Euch zuletzt noch arges Ungemach getroffen hat. Empfangt mit unserem Bedauern über die erlittene Unbill zugleich unseren Dank für den wichtigen Dienst, den Ihr Goslar geleistet habt.

Es geht um nichts Geringes in dem Schreiben, wie Ihr Euch denken könnt. Ihr habt das Geheimnis treulich an Eurer Brust gewahrt und mit Eurem Leibe verteidigt, so sollt Ihr und mit Euch Euer Freund auch der erste sein, der außer uns von dem Inhalt Kenntnis erhält.«

Damit öffnete der Bürgermeister und gab den Inhalt der päpstlichen Bulle preis.

Demnach versicherte Papst Leo X. seine fromme und getreue Stadt Goslar mit seinem Segen zugleich seines Schutzes, bestätigte in Erneuerung der Briefe des Königs Wenzel ihre ausschließlichen Vorrechte und Ansprüche auf das Bergwerk und die Forsten, versprach ihr seinen Beistand und drohte allen denen mit schweren Kirchenstrafen, welche sie im Genuß dieser Rechte stören oder sie ihnen streitig zu machen versuchten.

Das war ein voller Erfolg. Befriedigt sahen sich die Ratsherren an: Dieses Schriftstück lohnte den Eingriff in den Stadtsäckel, den man getan hatte, um Henricus Ernesti in den Stand zu setzen, sein Anliegen nachdrücklich zu unterstützen. Nun mochten die Braunschweiger kommen; diese Stunde machte die letzte Nichtswürdigkeit wett, deren man den Herzog hier im Rate offen zieh.

»Ihr habt Euch, Herr Heinrich Achtermann, und Ihr ingleichen, Herr Dr. Johannes Hardt, als ehrenfeste, tapfere Männer gezeigt. Der Stadt ist durch Eure Hilfe ein sehr wichtiger Dienst erwiesen, wie Ihr soeben hörtet. Sie wird sich ihres Dankes gegen Euch geziemend zu entledigen wissen. Ihr aber werdet, wie Euer Verhalten beweist, treue, zuverlässige Bürger sein, auf die sie allezeit mit Zuversicht zurückgreifen kann.«

Rot und stolz vor Freude verließen die Freunde das Rathaus und kehrten zu den Ihrigen zurück.

An ihre Stelle trat bald darauf eine Abordnung der fremden Kaufleute, um Beschwerde vorzubringen über den Unglimpf, der ihnen hart vor den Mauern der Stadt widerfahren war. Der Rat wies nach, daß der Überfall nicht auf Goslarer Gebiet vor sich gegangen sei, daß geharnischte Beschwerde an den Herzog abgehen, die ergriffenen Übeltäter hingerichtet werden würden und im übrigen er, der Rat, es als eine selbstverständliche Pflicht übernehme, allen erlittenen Schaden zu ersetzen. Daneben verhieß er tatkräftige Unterstützung bei dem Abschluß ihrer Handelsgeschäfte, bei denen der Rat ja zu einem großen Teile selbst in Frage kam. So zogen auch diese Männer befriedigt ab.

Am Nachmittage besuchte Heinrich den armen Erdwin Scheffer, der inzwischen von seiner tiefen Bewußtlosigkeit erwacht war, die, wie anfangs zu befürchten schien, unmittelbar in den Tod überzuführen drohte. Die Sonde des Arztes hatte das Geschoß gefunden und es mit aller Sorgfalt entfernt. Unter den schmerzhaften Verrichtungen des Arztes war er abermals in Ohnmacht gesunken; jetzt schlief er. Der Doktor hatte zwar die Verwundung für sehr schwer erklärt, aber doch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Nun mußte es sich zeigen, ob der junge, kräftige Körper dem Kranken zur Genesung verhelfen würde. Auch nach Monika erkundigte er sich: der Vater war unwirsch über die Dirne, die dem Sohne bis ins Haus nachlaufe. Sie sei schon am frühen Morgen dagewesen und habe angstvoll nach dem Kranken gefragt. Auch die Mutter, die in dem fremden Mädchen wenig mehr als eine fremde Landstreicherin sah, war ihr ablehnend begegnet. Nur Maria, die Schwester, hatte sich ihrer im Flur angenommen. Sie redete dem jungen Mädchen, das sich in seiner Angst und Sorge keine Hilfe wußte, herzlich zu.

»Ich werde Euch auf dem laufenden halten über die Entwicklung der Krankheit«, sagte sie, indem sie Monika an sich zog. »Will's Gott, so wird doch noch alles gut.«

Bald darauf fand sich auch Gelegenheit, die gute Immecke aufzusuchen. Sie hatte bei der Witwe eines ehrbaren Handwerksmeisters Wohnung gefunden. Noch war sie sich nicht schlüssig, wohin sie ihre Schritte lenken werde. Erst wollte sie abwarten, wie sich der Zustand Scheffers gestaltete, denn Monika erklärte, daß sie nicht von Goslar weichen werde, bis sie darüber im klaren sei. Die Wanderfahrt im Kriege hatte der braven Marketenderin manchen Gulden eingebracht, und wenn sie den Inhalt des Beutels wog, den sie wohlverwahrt hielt, war ihr um ihre und der Tochter Zukunft nicht bange.

Die Herren aus Flandern und Frankreich prüften die goslarsche Ware und fanden wenig auszusetzen. Die Stapel der erworbenen Metallbarren wurden immer größer, die Geldkatze immer magerer. Hier und da erfuhr sie eine vorübergehende Auffüllung durch günstigen Absatz der mitgebrachten flandrischen Waren: Teppiche, Gewebe, feine Tuchstoffe, die in den benachbarten Städten wie in Goslar selbst willige Käufer fanden. Neben dem Erwerb des kostbaren Metalls war indessen die Aufmerksamkeit der fremden Kaufleute noch auf ein anderes gerichtet.

Als der Rat von Goslar zur Wiederbelebung des namentlich durch Wassereinbrüche verunglückten Bergwerkes einen Zusammenschluß der Berechtigungen in einer Form erstrebte und ins Werk setzte, die man heute als Gewerkschaft bezeichnen würde, behielt er von vornherein das Ziel im Auge, die Anteile später durch stillen Ankauf in seine Hand zu bringen. Er wußte es daher mit Geschick zu erreichen, daß die Mehrzahl der Anteile, soweit er sie nicht selbst besaß, in den Händen von Bürgern blieb, von denen er sie später erwerben zu können hoffte. Daß er dabei bei mehr als einem auf hartnäckigen Widerstand traf, bewies der Montane Richerdes. Karsten Balder, derzeitiger regierender Bürgermeister, war durchaus nicht von der Voreingenommenheit gegen Richerdes beseelt, die dieser ihm unterschob. Zwar hatte er als Jüngling der schönen Mathilde von Hagen, des Ratsherrn und Silvanen von Hagen Tochter, gehuldigt, und sie als sein Eheweib heimzuführen, war sein sehnlicher Wunsch gewesen. Aber er fand sich längst damit ab, daß Richerdes ihm den Rang abgelaufen. Er lebte selbst in glücklicher, mit Kindern gesegneter Ehe, und sein gerader, ehrliebender Charakter hätte es nie zugelassen, seine Machtstellung in den Dienst der Willkür zu stellen, um für vermeintlich oder wirklich erlittene Unbill Vergeltung zu üben. Was er mit Richerdes wie mit anderen Berechtigten verhandelte, was er von ihnen forderte, lag im wohlverstandenen Interesse der Stadt. Er handelte schließlich nur als der Verwalter des von Werenberg hinterlassenen Erbes, wenn er dessen Pläne zur Ausführung zu bringen versuchte. Bei dem Argwohn, den ihm Richerdes von vornherein entgegenzubringen sich bemühte und den er auch seinen Angehörigen einzureden verstand, war es nicht zu verwundern, daß dieser in allem, was von Balder ausging oder vom Rathause kam, eine Falle witterte und daß der Verkehr mit dem Rate für ihn eine Quelle ständigen Ärgers war.

Damals, als der Bergbau im argen lag und der Rat mit großen Kosten fremde Techniker heranzog, wie Meister Nikolaus von Ryden, um des Wassers Herr zu werden, war auch der Ertrag des Bergbaus sehr gering, und statt eines Gewinnes hatten die Gewerke dauernd Zubußen zu zahlen. Das goslarsche Kupfer, das sich den Weltmarkt zu erobern im Begriff gewesen war, verschwand mehr und mehr, und sein Name erklang weniger in den Kreisen derer, die darauf angewiesen waren. Jetzt aber bildete es eine der Lebensnotwendigkeiten für den gewerbfleißigen Westen. Die Zahl der Käufer wuchs von Jahr zu Jahr. Was Wunder, wenn den Flamen und Holländern der Wunsch kam, die Quellen selbst mit ausschöpfen zu können, Mitbesitzer des Bergwerks durch die Erwerbung von Anteilen zu werden. Beim Rate hatte sie, wie sie bald merkten, auf Erfolg nicht zu rechnen, da er in zielbewußter Verfolgung seiner Politik im Gegenteil darauf aus war, alle Anteile in seiner Hand zu vereinigen. Aber auch bei den Bürgern stießen sie auf Widerstand. Vergeblich bewiesen sie dem Besitzer des Anteils, daß die aus dem Kapital sich ergebende Rente besser sei als das in seiner Ergiebigkeit unsichere Recht. Je eifriger sie zuredeten, desto größer wurde der Widerstand.

Auch der Gast- und Geschäftsfreund des Bergherrn Richerdes, Herr Emile Delahaut aus Dinant, suchte diesen zum Verkauf seiner Anteile oder eines Teiles derselben zu bewegen, doch auch er wandte vergeblich seine ganze Beredsamkeit auf. Richerdes wie die anderen Goslarer, deren Ansprüche die Freunde erwerben wollten, wurden durch das eifrige Werben nur um so mehr in ihrer Meinung von dem Werte ihrer Rechte bestärkt. So gelang es den Ostgängern, die alljährlich nach Goslar kamen, kaum, einen oder den anderen Anteil zu erwerben. Freilich waren Richerdes wohl einmal leichte Zweifel an dem dauernden Werte seines Anrechtes aufgestiegen, und letzthin hatten sie sich noch verstärkt. Wie er Ludecke Bandelow auf dem Heimwege vom Granetal her klagte, befriedigte der Erfolg seiner Grube seit längerer Zeit nur wenig; und einmal war er wirklich einen Augenblick schwankend geworden, vor nicht langer Zeit nämlich, als der Ratsherr Achtermann, ein Mann von großem Reichtum und Ansehen, bei ihm vorsprach, um mit ihm noch einmal über den Verkauf an die Stadt zu reden. Zunächst lehnte Richerdes, wie früher schon, schroff ab, aber Achtermann, vor dessen Geschäftstüchtigkeit auch jener große Achtung hatte, ließ sich nicht beirren.

»Ich will Eure verstockte Voreingenommenheit gegen Karsten Balder, die ich wohl kenne, einmal außer acht lassen; versucht Ihr dasselbe. Ihr könnt ja zuletzt doch tun und lassen, was Ihr wollt. Daß uns viel an dem Besitz liegt, wißt Ihr; weshalb, ist Euch ebenfalls bekannt, wie endlich auch, daß wir ihn nicht geschenkt haben wollen. Wir wissen beide, daß es mit dem Gewinn aus Euren Gruben nicht zum besten aussieht, im Augenblick wenigstens nicht«, warf er auf eine ablehnende Bewegung von Richerdes ein. »Sie kann wieder ergiebiger werden, die Erzader kann sich aber auch ganz erschöpfen oder als taub ausweisen. Was dann? Dann seid Ihr ein armer Mann.

Damit Ihr seht, daß ich es wirklich ehrlich meine, will ich ganz offen gegen Euch sein. Ihr habt eine hübsche Tochter, die Euch ans Herz gewachsen, ich einen Sohn, dem sie, wie ich glaube, nicht gleichgültig ist. Ich könnte mir vorstellen, daß hier etwas im Werden ist, das wir durch entschlossenes Eingreifen stören, durch stilles Gewährenlassen aber der Reife entgegenblühen sehen können. Ich will und werde mich nicht in Liebesgeschichten meines Sohnes einmischen; handelt Ihr ebenso, dann haben wir uns später nichts vorzuwerfen. Eure Venne ist mir lieb und wert und ich würde mich, ungeachtet der Unterschiede in unseren Verhältnissen, nicht bedenken, sie als Schwieger willkommen zu heißen. Ich werde aber nie einwilligen, daß mein Sohn die Tochter eines Bettlers heimführte. Entschuldigt das harte Wort, indes es muß gesprochen werden, denn Offenheit, zumal bei diesem heiklen Punkte, liebe ich vor allem.«

Damit weckte aber Achtermann alles, was an Trotz und Widerspruchsgeist in Richerdes schlummerte. »Ich dränge meine Tochter niemand auf, jetzt nicht und niemals. Wenn Ihr also keine weiteren Gründe für Euer Anliegen vorzubringen habt, so hättet Ihr Euch die Mühe ersparen können.«

»Nichts für ungut«, erwiderte Achtermann, ungerührt durch die Heftigkeit seines Gegenübers. »Ich sehe gern klare Verhältnisse vor mir.« Dann lenkte er, sich zum Aufbruch anschickend, mit einer teilnehmenden Frage nach dem Befinden der kranken Hausfrau auf ein anderes Gebiet über.

»Ich hörte kürzlich in Braunschweig von einem neuen Mittel, das bei Leiden der Art Wunder wirken soll. Ich habe es im Augenblick vergessen, will mich aber, kann ich Euch damit einen Gefallen erweisen, gern danach umtun. Im übrigen halte ich mich Eurer armen Frau Eheliebsten bestens empfohlen, bitte, ihr auch von meiner Frau die besten Grüße mit dem aufrichtigen Wunsch baldiger Genesung ausrichten zu wollen. Sie hofft, bei guter Gelegenheit nächstens sich selbst nach ihr umsehen zu können. Und nun,« damit schied der Einflußreiche und versetzte ihm einen leichten Schlag auf die Schulter, »alter Murrkopf, einen schönen Gruß auch dem Töchterlein!« Lächelnd schied er, und lächelnd gab ihm Richerdes das Geleite. Dann kehrte er in die Stube zurück.

Die Worte Heinrich Achtermanns gingen ihm durch den Kopf, und die Sorge wurde damit nicht geringer. Wenn die Befürchtungen des Ratsherren eintrafen, stand es allerdings schlecht mit ihm und den Seinen, und er selbst war dann, wenn kein Bettler, doch ein armer Mann, dessen Tochter zu freien, mancher sich scheuen würde. Was Achtermann von den Beziehungen zwischen den Kindern sagte, war ihm neu. Er beschloß, mit der treuen Lebensgefährtin auch dieses zu besprechen. Sie, die ihm so manches Mal schon guten Rat gewußt hatte, würde gewiß auch dieses Mal das Rechte treffen. Das Glück ihrer Venne stand beiden am höchsten, und diesem Glück sollte auch sein Eigensinn und sein Widerwillen gegen Karsten Balder nicht entgegenstehen; das nahm er sich vor.

Der Tribut des Alters an die Zeit ist Verblassen und Verblühen, ist Schwinden von Schönheit und Kraft. Was im Werden und Vergehen des Menschen gilt, hat auch im Leben der Städte nur allzuoft eine traurige Bestätigung gefunden. Von der Herrlichkeit einer alten großen Zeit zeugen heute nur noch kärgliche Reste, hier und da ein brüchiger Turm oder die ins Leere starrenden Zinken einer Turmruine, ein Stückchen Stadtmauer, eine hochragende Kirche, welche die Armseligkeit der sie umlagernden Häuserzeilen nur um so greller hervortreten läßt. Das ist das Schicksal so mancher Stadt geworden, die einst wohlgegürtet hinter Wall und Mauer ihre Rechte verteidigte und mit Herzögen und Königen auf der Stufe des Gleichberechtigten verhandelte. Das schien auch Goslars Los zu sein. Von der Höhe seiner mittelalterlichen Macht war es durch schlimme Kriegsläufe und, damit zusammenhängend, durch das Versiegen seiner Geldquellen, des Bergwerkes und der endlosen Forsten, Stufe um Stufe herabgeglitten. Was um die Wende des neunzehnten Jahrhunderts übrigblieb, wies alle Anzeichen eines schnellen unaufhaltsamen Verfalles auf. Die Zahl der Einwohner war erschreckend gesunken, in den weiten Mauern wohnte ein armseliges, müdes Geschlecht, das in seinem Elend mit dem Erbe einer großen Vergangenheit nichts Besseres anzufangen wußte, als daß es sich aus dem alten Gewande neue Stücke schnitt, um seine Blöße zu verbergen. Es ist die böse Zeit, wo die Brüderkirche niedergelegt, wo der ehrwürdige Dom auf Abbruch verkauft wurde. Die Domkapelle, die allein von dem alten Münster noch Zeugnis ablegt, läßt uns ahnen, was in jenen Jahren unwiederbringlich verlorenging. Gar manches Kapitäl oder Gesims, an verlorener Stelle in eine Gartenmauer eingefügt oder einem Speicher als Eintrittsschwelle dienend, erinnert an diese schlimme Zeit, wo das sterbende Goslar sich seines Schmuckes zu entkleiden begann, um als Bettler ins Grab zu steigen.

In dieser Zeit des Verfalles, und noch später, ist vieles dem Unverstande wie der Not zum Opfer gefallen, auch von den ehemals geschlossenen Festungsanlagen; aber vieles blieb doch auch erhalten und legt noch heute Zeugnis ab von dem wehrhaften Sinn der Altvordern, so die gewaltigen Tortürme, deren am Breiten Tore, die Stirn dem Braunschweiger zugewandt, gleich ein ganzes Rudel auftritt. Sie ragen noch heute ebenso trutzig wie zur Zeit ihrer Errichtung in die Lüfte.

Die stattlichsten unter ihnen, der große Turm am Breiten Tor, der Dicke Zwinger in der Nähe der Kaiserpfalz, dessen 24 Fuß starke Mauern noch heute das Staunen der Besucher erregen, der Papenzwinger, sie verdanken ihren Ursprung der Zeit, da unsere Geschichte spielt. Die Goslarer wollten ihre Stadt zu einer uneinnehmbaren Festung ausbauen. Sie hatten Anlaß dazu; denn die Zahl ihrer Feinde und Neider wurde größer in dem Maße, wie der Wohlstand und die Macht der Stadt wuchs. Ernesti hatte Johannes Hardt die Lage richtig geschildert, aber auch der Rat war sich der Gefahr wohl bewußt und suchte ihr durch geeignete Maßnahmen zu begegnen.

Schon im Anfang des neuen Jahrhunderts war der Grundstein gelegt zu einem weiteren, mächtigen Bollwerk. Um die Herstellung der Anlagen, besonders der Zwinger, hatten sich jeweils einige Bürger verdient gemacht; so war der Papenzwinger der Aufsicht des Worthalters der Gemeinen, wie die Versammlung der Vertreter der Bürgerschaft hieß, Kips anvertraut gewesen. Das neue Bauwerk, das am neuerbauten Rufzen- oder Rosentor sich zu dessen Verstärkung erheben sollte, unterstand dem Schutze des Ratsherrn Achtermann. Er war nicht nur um die Weiterführung besorgt, sondern steuerte auch zu den Kosten einen erheblichen Teil bei. Es entsprach daher nur einem Akt der Dankbarkeit, wenn man das gewaltige Bauwerk ihm zu Ehren als ›Achtermann‹-Zwinger benannte. Es ist der dicke, ungefüge Geselle, der dem Rosentor vorgelagert ist und heute noch die Besucher Goslars beim Eintritt in die Stadt als erster Zeuge seiner ehemaligen Wehrhaftigkeit begrüßt.

Mehrere Jahre hatte der Bau gedauert, einige Male mußte er unterbrochen werden. Jetzt stand er da, riesig und gewaltig, und das Ereignis der Beendigung sollte durch ein Fest besonders gefeiert werden. Die untere Halle, ein gewaltiger Rundraum, war mit Tannengrün festlich geschmückt. Kerzenglanz erhellte den düsteren Raum und ließ einen Abglanz auf den freudig erregten Gesichtern der Festteilnehmer.

Ein üppiges Festmahl, ohne das in jener genußfreudigen Zeit ein Fest schwer denkbar war, leitete die Feier ein. Der Wein floß in Strömen, und die fremden Gäste, die flandrischen Kaufleute, die vertreten waren, konnten sich von der Freigebigkeit ihrer Wirte überzeugen. Auch das Volk draußen, welches den Turm umlagerte, erhielt seinen Anteil, und nach der Stärke des Jubels und freudigen Lärms zu urteilen, mußte es gleichfalls befriedigt sein. Der Rat saß zu oberst an besonderer Tafel. Die Reden, welche gewechselt wurden, galten der Wichtigkeit des neuen Bauwerks und dem Mann, dessen Tatkraft es in erster Linie zu verdanken war.

Achtermann, der im Mittelpunkte der Feier stand, ließ die vielen Lobeserhebungen mit einem gewissen freudigen Gleichmut über sich ergehen; er wußte, was er geschaffen und weshalb er es geschaffen. Das neue Bollwerk bildete einen Markstein in der Befestigungskunst seiner Stadt, der Stadt, die er liebte, weil sie seine Heimat war und ihn zu Ehren und Ansehen gebracht hatte. Mit ihrer Wehrhaftigkeit, des war er sich in all dem Trubel sehr wohl bewußt, erhöhte er aber nicht nur ihre Sicherheit, sondern auch den Schutz des eigenen Besitzes, des Erbes der Väter, das er gut verwaltet und vermehrt hatte, so daß er es seinerzeit mit Stolz den Kindern überlassen konnte.

Je länger die Feier dauerte, desto größer wurde die Ungeduld der Jugend, die den langatmigen und gewichtigen Reden der Alten nur wenig Geschmack abzugewinnen wußte. Hier und da hatten sie sich zu Gruppen zusammengefunden, liebreizende, weißgekleidete Jungfrauen und hübsche Jünglinge, denen das grüne oder schwarze Samtjäckchen mit den Längspuffen und den lang herabwallenden Ärmelschlitzen trefflich zu Gesicht stand, wie der Degen, auf dessen goldenen Knauf sie die Linke stützten. Alte Bekannte hatten sich gefunden, Johannes Hardt, der mit der Tochter des Bürgermeisters lebhaft plauderte und von Heinrichs Schwester Maria geneckt wurde, Venne Richerdes, die wie eine Lichtgestalt aus dem Schatten der Seitenwand mit Heinrich Achtermann heraustrat, gleichfalls in ein angelegentliches Gespräch versunken. Langsam schreitend kamen sie durch die Halle auf die anderen zu. In Marias Augen blitzte es schalkhaft auf, während die Tochter Karsten Balders verstimmt zur Seite blickte. Ihr Herz schlug dem schlanken Jünglinge entgegen, der an Vennes Seite in anmutiger, jugendlicher Kraft daherschritt. Bitter stieg es in ihr auf, als sie die beredten Blicke sah, mit denen Heinrich Achtermann auf die blühende Gestalt an seiner Seite blickte: Warum blieb ihr versagt, was jener mühelos, wie es schien, zufiel? — Oder spielte sie nur die Spröde, um ihn um so sicherer an sich zu ketten?

»Nun, Ihr Unzertrennlichen,« redete Maria sie mit liebenswürdigem Spott an, »wollt Ihr uns auch einmal die Ehre schenken?«

Auf Vennes Stirn zeigte sich eine Falte des Unmutes. »Maria«, sagte sie nur vorwurfsvoll.

»Nun ja, nur nicht gleich so empfindlich, Närrin«, fiel Maria ein. »Ist's denn eine Beleidigung von mir oder eine Sünde von Euch, wenn ich Euch nachsage, daß Ihr die letzten Male, da wir uns trafen, oft zusammenhocktet?«

»Von mir ging das ›Zusammenhocken‹ sicher nicht aus«, erwiderte Venne empfindlich.

»Die Jungfer Venne hat recht«, mischte sich da Heinrich Achtermann ein. »Ihr kann niemand nachsagen, daß sie sich aufdrängt. Ich will also reumütig alle Schuld auf mich nehmen; auch für heut bekenne ich mich schuldig. Übrigens ist es kein Geheimnis, was wir verhandelten. Ich möchte sogar Eure Hilfe in Anspruch nehmen, um ein unparteiliches Urteil herbeizuführen.«

»Wir geloben feierlich, unbestechlich zu sein, selbst wenn es auf unsere, der Frauen, Kosten geht«, erklärte Maria übermütig, ehe noch die anderen ein Wort sagen konnten.

»Das ist gut,« entgegnete Heinrich Achtermann, »denn um sie handelte es sich tatsächlich. Wir waren nämlich dabei, die hochwichtige Frage zu lösen, ob wohl die hiesigen Jungfrauen den neuen französischen Reigen, von dem Herr Dehard so begeistert sprach, nicht ebenso zierlich aufführen möchten wie die Pariserinnen. Jungfer Venne bestreitet es; ich plädiere dafür, daß sie es können.«

»Natürlich können wir es«, rief Maria und andere junge Mädchen, die noch zu dem Kreise getreten waren. »Gebt uns nur einen richtigen Tanzmeister, dann werden wir es jenen schon gleichtun. Von Venne aber ist's eine Ketzerei, uns so herabzusetzen.«

»Ich bekenne mich schuldig,« rief sie lachend, »aber ich dachte dabei nur an meine Ungeschicklichkeit.«

»Ungeschicklichkeit, hört ihr's?« drohte Maria mit verstelltem Zorn, »ungeschickt sie, die uns immer voranschreitet im Reigen. Aber sie bekennet sich schuldig, und auf Schuld gehört Sühne. Wer nennt die Buße?«

»Einen Kuß«, rief der Chor. »Wem?« fragte eine andere. »Uns allen«, hieß es von anderer Seite. »Nein, mir«, begehrte Achtermann kühn. »Also ihm,« entschied Maria, »denn er hat die Beleidigung gehört.«

»Laß die Scherze«, sagte Venne unmutig. Aber Maria, welche die beiden zusammenbringen wollte, bestand darauf, auch daß die Buße heute abend noch gezahlt werden müsse. Da legte sich Heinrich selbst ins Mittel. »Ich schlage vor, daß wir den Ausgang abwarten. Zum Langen Tanz wird es sich zeigen können. Dann aber bestehe ich auf meinen Schein.«

»Ich für meinen Teil erlasse Euch die Strafe schon jetzt«, entgegnete Venne spöttisch.

Die Tafel war aufgehoben; die Jugend forderte nun ihr Recht. Die Paare traten zum Reigen an. Zunächst erschienen auch die Alten mit auf dem Plan. Wie die Ehre des Abends es gebot, führte den Reigen der regierende Bürgermeister, Karsten Balder. Ihm zur Seite schritt, der Auszeichnung sich wohl bewußt, die Frau des besonders zu Ehrenden, des Ratsherrn Achtermann.

Das stattliche Paar fesselte nach Gestalt wie Gewandung die Aufmerksamkeit aller. Der strengen Kleiderordnung entsprechend, deren Übertretung durch eine Puffe oder eine Verbrämung man streng ahndete, durften nur diese vornehmsten der Frauen an sich zeigen, was die Kleiderkünstler an Glanz und Pracht für die Umrahmung weiblicher Schönheit oder Schwäche ersonnen. Gar stolz schritt die Patrizierin einher, zierlich geführt von dem hochmögenden Partner. Die Linke hielt den Überwurf, der auf der Unterseite blau abgefüttert war, zugleich mit dem gleichfarbigen bauschigen Kleide gerafft empor, um ein Schreiten zu gestatten. Goldene Sterne über das Ganze gesät, hoben sich leuchtend von dem Untergrunde ab.

Die Büste war durch ein goldenes Band wirkungsvoll abgegrenzt. Um den weit ausladenden Halsausschnitt legte sich edles Geschmeide. Gleich kostbare Ketten hingen von der weißen, mit Goldstreifen verzierten Kappe herab, auf der ein goldener Bausch den stimmungsvollen Abschluß bildete.

Der Bürgermeister war angetan mit einem schweren, dunkelverbrämten Samtmantel, mit breitem, umgelegtem Kragen seltensten Pelzwerkes. Die Linke hielt den weiten Mantel über der Brust verschränkt, indes die Rechte, auf deren Zeigefinger ein gewaltiger Siegelring im Flimmer der Kerze strahlte, die Dame zierlich geleitete.

Langsam und stattlich bewegten sie sich dahin im Reigen. In bedächtigen Intervallen lud die Musik zum Schreiten, Sichneigen und Sichwenden, langsam, viel zu langsam für die Ungeduld der Jugend, die in verbotenem Übermut wohl das Kichern sich verbiß und sich heimlich stieß, in abfälliger Kritik über dieses oder jenes Paar der Würdigen, deren schlecht getragene Majestät der Bewegung ihre Lachlust reizte. Dann war dem Brauch Genüge geschehen, und das Alter wie die Würde zogen sich zurück zu der ihm besser anstehenden Art des Zuschauens. Die Herren verschwanden auch wohl in einer Ecke, einen ungestörten Trunk zu tun und in ernstem oder eifrigem Disput zu bereden, was ihnen am Herzen lag; wieder andere hockten an herbeigeholten Tischen, auf denen das Schachzabel aufgestellt wurde.

Die Reigen, welche die Jugend aufführte, waren die alten, schönen Tänze unserer Altvordern, die der Persönlichkeit freien Spielraum ließen, sich im Rhythmus auszugeben. Ein Sichneigen, Sichheben und Drehen mit der Anmut und Geschmeidigkeit der Jugend, ein Sichfinden und Sichmeiden, das die Gefühle der jungen Herzen in liebreizendster Weise verkörperte. Die Stadtzinkenisten bliesen, die Geigen seufzten und jubilierten in einem Atem, die Flöten tirilierten, als wollten sie zerspringen vor Lust über so viel Jugend und Anmut, die sich zu ihren Füßen im Saal im Rhythmus durcheinanderwand.

Immer höher stieg die Lust, immer kühner wurden die Blicke der Jünglinge, hingebender die Bewegungen der Jungfräulein; Terpsichore sank die Leier aus der Hand, Bacchus drohte die Herrschaft zu gewinnen, da gab Karsten Balder das Zeichen zum Schluß des Festes. Ungestüm bat und drängte die Jugend, man möge noch ein kleines verweilen; das eigene Töchterchen Karsten Balders wurde zum Ansturm auf das väterliche Herz vorgeschickt, aber der Angriff scheiterte an seinem Willen. Sein unbeugsames »Nein« verhinderte, daß das schöne Fest wie so viele seinesgleichen in jener Zeit wilden Genußlebens in eine Bacchanalie ausartete.

Sittsam brach man auf; die kalte Nachtluft verscheuchte die losen Geister, die im Saale die Vernunft zu unterjochen drohten. Die Jungherren geleiteten ihre Damen, die unter züchtig gesenktem Blick das Verlangen verbargen, das eben noch in ihnen aufgewallt war. Ehrbar klangen die Worte, die Ohren der begleitenden Eltern von der Wohlanständigkeit des Begleiters überzeugend. Ein geflüstertes Wörtchen, ein leise gehauchter und verstohlen gewährter Wunsch entging trotzdem ihrer Aufmerksamkeit.

Heinrich Achtermann schritt an der Seite Vennes. Der Vater war auf eigenen Wunsch daheim geblieben bei der kranken Mutter, trotz des Widerspruches Vennes. Sie sollte nicht um die Freuden der Jugend betrogen werden, da sie schon mehr als ihre Freundinnen Entsagung üben mußte durch die Pflege der geliebten Mutter.

An dem stillen Abend, den der Mann am Lager der Kranken verbrachte, kam manches zur Sprache. Auch der Besuch des Ratsherrn Achtermann wurde erörtert und sein Hinweis auf ein enges Band zwischen den beiden Familien.

»Wir sollten dem Glück unserer Venne kein Hindernis in den Weg legen«, meinte die Gattin. »Im Schoße des angesehenen Achtermanns ist sie nach irdischer Voraussicht wohl aufgehoben, und wir können, wenn wir abberufen werden, beruhigt die Augen schließen.«

Richerdes sah das wohl ein; auch gegen die Person des Bewerbers ließ sich nichts Ernstliches einwenden, wäre nur nicht die Bedingung des Ratsherrn gewesen. Auch hier riet die Frau zur Nachgiebigkeit. »Du hast doch selbst in letzter Zeit nicht selten über die zunehmende Unergiebigkeit der Grube geklagt. Wie nun, wenn zuletzt doch Achtermann recht behielte mit einem gänzlichen Zusammenbruch unserer Erwerbsquelle?«

»Aber Karsten Balder«, warf Richerdes ein.

»Ja, Karsten Balder ist der störende Flecken in dem Bilde«, gab sie zu. »Aber sein Triumph, wenn er's so auffaßt, sollte uns doch nicht blind machen gegen den eigenen Vorteil. Und wer weiß, ob wir ihm nicht doch zuletzt unrecht tun. Ich habe in stillen Nächten wohl darüber nachgesonnen. Wir können ihm keinen greifbaren Beweis seines Übelwollens nachweisen, und der Argwohn ist zuletzt ein schlechter Berater. Soll ich ehrlich sein, so weiß ich mich aus der früheren Zeit keines Zuges zu entsinnen, der auf Arglist oder Hinterhältigkeit hindeutet.«

»Daß er mich gern gemocht hat,« fügte sie mit einem errötenden Lächeln hinzu, das ihr Gesicht seltsam verschönte, »ist doch keine Todsünde, die ihm für immer vorbehalten bleiben müßte. Und über die Enttäuschung wird ihm gewiß seine Stellung wie das Glück in der Familie hinweggeholfen haben.«

»Nun gehst Du auch mit fliegender Fahne in des Feindes Lager über«, klagte Richerdes mit einer scherzhaften Resignation. »Da werde ich mich wohl auf eine ehrenvolle Kapitulation einrichten müssen. Nun wollen wir aber das schwerwiegende Gespräch abbrechen, das dich gewiß erregt. Ich will's beschlafen, Mathilde. Zuvor aber gib mir noch ein Weilchen Urlaub für den Schreibtisch. Die stille Stunde gibt mir erwünschte Muße, über Geschäftliches nachzusinnen. Bis dahin kehrt wohl auch Venne zurück.«

Venne war in der Begleitung einer befreundeten Familie zu dem Fest gegangen. Als man sich von ihr verabschiedet hatte, ging sie mit Heinrich Achtermann allein auf der nachtstillen Straße dahin.

»Könnt Ihr mir nicht sagen, Jungfer Venne, was Ihr gegen mich habt?« unterbrach Heinrich das anfängliche Schweigen. Dieses Mal war die Frage in einem Tone gestellt, dem alle leichte Neckerei fernlag.

Venne hatte den ganzen Abend über auch unter den Wogen immer höher gehender, jugendlicher Lust und Freude ihre herbe Sprödigkeit bewahrt, trotz allen heißen Werbens von seiten Heinrich Achtermanns. Es war ihre Natur, die Gefühle des Herzens in sich zu verschließen. Nur ein flüchtiges Lächeln bei den Scherzen aus seinem oder fremdem Munde huschte auch über ihre Züge. Hätte sie gewußt, wie entzückend dieses Lächeln gerade ihr zu Gesicht stand und wäre sie eitel gewesen wie manche ihrer Gefährtinnen, so hätte sie diesen freundlichen Schimmer sich dauernd zu eigen gemacht.

Venne war nicht kühl im Inneren, wie man ihr nachsagte und Heinrich Achtermann es den ganzen Abend empfunden hatte; sie verbarg nur unter dem Mantel jungfräulicher, spröder Ablehnung das warme Gefühl, um es vor fremden Blicken nicht zu entweihen. Auch in ihr pulste das Blut der Jugend, und sie hätte kein Weib sein müssen, wenn ihr nicht die offen zur Schau gestellte Huldigung des stattlichen, schönen Ratsherrensohnes geschmeichelt hätte. Und noch mehr regte sich in ihrem Herzen für den hübschen Gesellen, als sie sich jetzt noch selbst in ihrem Herzen zugestehen mochte. Sie standen vor ihrer Haustür. Die Frage Heinrichs zwang zu einer Antwort, und so wappnete sie sich mit doppelt kühler Zurückhaltung gegen eine unvorsichtige Äußerung.

»Ihr fragt kühn und begehrt viel zu wissen, Junker Achtermann«, suchte sie ihn zurückzuweisen. »Ließ ich mir irgendeine Unhöflichkeit zuschulden kommen, so wäre mir's leid.«

»Nein, daß muß Euch der Neid lassen, Jungfer Venne, darin laßt Ihr es nicht an Euch fehlen. Aber mir wäre es lieber, Ihr vergäßet Euch ein wenig und legtet einmal für einen Augenblick diese stolze Höflichkeit ab, wenigstens mir gegenüber.«

»Und weshalb soll ich gerade Euch gegenüber mich bezwingen und von meiner Art lassen?« — Kaum war die Frage dem Munde entflohen, als sie ihre Worte auch gern zurückgenommen hätte, denn sie mußten den Gefragten dazu bringen, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

»Weshalb fragt Ihr? Weil Ihr in meinem Herzen wohnt als die Göttin, der ich diene, die ich anbete. Ahnt Ihr nicht, wie es in mir aussieht, wie mein erster und mein letzter Gedanke Euch gilt?«

Venne unterbrach ihn. Um nicht schwach zu werden, nahm sie zum Spott ihre Zuflucht: »Die wievielte bin ich, der Ihr Eure Neigung gesteht?«

»Venne,« erwiderte er mit nachdrücklichem Ernst, den die Leidenschaft durchzitterte, »höhnt mich nicht noch, wollt Ihr mich nicht zur Verzweiflung treiben. Wahr ist es, ich tändelte hier und da und tauschte zärtliche Worte ohne tieferes Gefühl. Ihr seht, ich mache mich nicht besser, als ich bin. Aber laßt mir auch Gerechtigkeit widerfahren; ich bin zuletzt nicht schlechter als meine Freunde und Altersgenossen. Was ich bisher trieb, war jugendlicher Gefühlsüberschwang, leichte Tändelei. Bei Euch aber ist es anderes. Glaubt es mir, glaube mir, Venne Richerdes, Du hast es in der Hand, mich selig zu machen für immer oder mich zu verderben. Trage die Verantwortung dafür, wenn Du kannst, stelle mich auf die Probe, prüfe, aber weise mich nicht für immer zurück.«

In Venne quoll es heiß empor unter der Glut seiner Worte; ein Gefühl von Glückseligkeit durchschauerte sie. Es zog sie zu ihm. War das die große, große Liebe, von der die Dichter sangen? Weich wurde ihr Blick und senkte sich in seine Augen. Heinrich hatte ihre beiden Hände ergriffen. Leidenschaftlich erregt beugte er sich vor. Venne schloß die Augen, wie ein seliger Schwindel überflog es sie. Da ließ sich ein Geräusch im Hause hören. Sie entzog ihm ihre Hände und bat ihn: »Geht, daß man uns nicht sieht.«

Leise öffnete sie die Tür, mit einem traurigen Blick wandte sich Heinrich Achtermann ab. Da traf ein Flüsterton sein Ohr: »Geht, ich warte, daß Ihr die Probe besteht!« und mit einem leisen Kichern huschte sie ins Haus.

Heinrich Achtermann zog beglückt von dannen. Um die Probe war ihm nicht bang. Übers Jahr, so hoffte er, war Venne sein geliebtes Weib.

Im Schefferschen Hause am St.-Ägidien-Platz herrschte weiter drückende Sorge über dem kleinen Kreise, denn noch vermochte auch der Arzt nicht zu sagen, wie die schwere Verwundung Erdwins verlaufen würde. Die Lunge war durch den Schuß gestreift, und die dicke Winterluft bereitete dem schwer Atmenden große Pein. Langsam nur gewann er unter der liebevollen Pflege von Mutter und Schwester die verlorenen Kräfte wieder. Tiefe Blässe lag auf dem eingefallenen, einst so blühenden Gesicht.

Der alte Arzt war mit dem Erfolge seiner Kur nicht zufrieden und behauptete, es müsse noch etwas anderes, Seelisches sein, das die Heilung verzögere. Aber er erhielt auf seine Andeutung keine Antwort, denn den alten, ehrenfesten Handwerker mutete es, mochte er auch auf die Erfüllung seines Lieblingsplanes betreffs der Heirat mit der Nachbarstochter verzichten, wie ein ihm persönlich angetaner Schimpf an, daß im Herzen seines Sohnes ein hergelaufenes Mädchen, die Tochter einer fahrenden Frau, sich eingenistet habe.

Die Mutter wurde unter einem inneren Zwiespalt hin und her gezerrt. Im Herzen stand sie auf der Seite ihres Mannes; auch sie konnte sich von dem übererbten Vorurteil nicht frei machen, obwohl Monikas bescheidenes Wesen und der Liebreiz ihrer Erscheinung ihren Eindruck auf sie nicht verfehlten. Auf der anderen Seite jammerte sie der Zustand des Sohnes, der sich in Sehnsucht nach Monika verzehrte. Lange verbiß er den Schmerz, aber zuletzt brach er sich doch in herben Worten Bahn.

Von der Schwester hatte er vernommen, daß die Geliebte schon am ersten Tage dagewesen sei. Was die Schwester ihm nicht sagte, die Abweisung durch die Eltern, verriet ihm die Verlegenheit der Mutter, so oft er das Gespräch auf sie brachte, sowie des Vaters verschlossenes Gesicht. Wo Monika mit der Mutter Immecke lebte und wie sie hausten, konnte ihm wieder die Schwester berichten, die sie ohne Vorwissen der Eltern in der Badeleber Straße besucht hatte. Sie brachte die Grüße der Frauen mit und ihre herzlichen Wünsche, aber sie konnte den Anblick der Geliebten nicht ersetzen. Immer tiefer fraß sich die Sehnsucht in sein Herz, und größer wurde der Groll gegen die, welche ihm sein Glück vorenthielten. Zuletzt brach's sich über die Lippen Bahn der Mutter gegenüber.

»Eure Pflege ist zu nichts nutze. Laßt mich lieber schnell sterben, als daß ich mich langsam zu Tode quäle. Ich liebe Monika und lasse nicht von ihr. Glaubt doch nicht, daß Ihr mit Eurem Pfahlbürgerstolz trennen könntet, was in jahrelanger, ehrlicher Freundschaft und Liebe zusammengewachsen ist. Wollt Ihr sie weiter von mir getrennt halten, so laßt mich lieber aus dem Hause schaffen zu mitleidigen Menschen, auch auf die Gefahr hin, daß ich dabei mir den Tod hole. So ertrage ich's nimmer lange.«

Da griff der Mutter die Angst ans Herz, und sie versprach, mit dem Vater zu reden.

Der brave Meister Scheffer war höchst ungehalten über die Zumutung seiner Lebensgefährtin, er solle die hergelaufene Dirne in seinem Hause aufnehmen. Immer wieder wies er darauf hin, daß es Landstreichervolk sei, dem sie die Tür öffnen wolle. Aber sie blieb fest, aus Angst um das Leben des Sohnes, und sie erreichte endlich, daß er, wenn auch ingrimmig und grollend, seine Zustimmung gab. »Aber mich laßt aus dem Spiele«, entschied er unerbittlich. »Ich will mit der Narretei nichts zu tun haben und gehe aus dem Hause, wenn das Mädchen kommt.«

Monika kam. Meister Scheffer sah unbeobachtet durch ein Guckfenster, das auf der hofwärts gelegenen Werkstatt den Überblick über die Vorgänge auf der Hausdiele gestattete. Das Mädchen war nicht übel, sein Auftreten bescheiden, und ohne den Groll im Herzen und die Voreingenommenheit hätte er zuletzt wohl die eigenen Wünsche zurückgestellt; aber der Gedanke, was die in gleich strengen Anschauungen aufgewachsenen Nachbarn und Gildebrüder dazu sagen würden, verscheuchte die weiche Regung, und er verließ durch die Hoftür das Haus.

Das Wiedersehen zwischen Monika und Erdwin gestaltete sich erschütternd, obwohl die Schwester sie auf das Aussehen des Kranken vorbereitet und sie dringend gebeten hatte, jeden Gefühlsausbruch zu meiden. Als sie in das Zimmer trat und das bleiche Gesicht auf dem Lager sah, das sich von den bunten Kissen doppelt gespenstig abhob, sank sie mit einem Wehelaut am Lager des Geliebten nieder.

»Mein Erdwin, mein Einziger«, war alles, was sie unter verhaltenem Schluchzen hervorbringen konnte. Ein glückliches Lächeln huschte über das Gesicht des Kranken, und er reichte ihr die abgezehrte Hand, die sie mit Küssen bedeckte. Auch der Schwester rannen die Zähren über die Wange, und selbst die Mutter wischte sich mit einem Zipfel der Schürze die feucht gewordenen Augen. Sie sprachen nur wenig miteinander, aber die Blicke sagten den anderen, wie tief die Liebe im eigenen Herzen wurzele.

Die Mutter trieb zuletzt zum Aufbruch, aus Sorge, die Aufregung möchte dem Kranken schaden. Monika mußte versprechen, bald wiederzukommen.

»Gern,« sagte sie mit einem rührenden Lächeln, »wenn Deine Eltern es gestatten.«

Die Mutter war schon halb gewonnen und wiederholte auch ihrerseits die Einladung. Als der Vater heimkam, erzählte sie ihm von dem Wiedersehen und riet ihm dringend zur Nachgiebigkeit, aber noch blieb er halsstarrig und verstockt; es mußten noch andere Bundesgenossen kommen, um ihn gefügig zu machen.

Es waren einmal Heinrich Achtermann und Johannes Hardt, die des Fahrtgesellen nicht vergaßen.

Johannes fand Beschäftigung im Schreibzimmer des Oheims, der Pleban an der St.-Jakobskirche und Notarius publicus war. Er hoffte, demnächst in die Kanzlei des Rates einzutreten. Die erfolgreichen Studien wie der wichtige Dienst, den er der Stadt geleistet hatte, waren eine Empfehlung, die ihm den Weg zu dem vom Vater gewünschten Ziele bahnten. Er vergaß über den eigenen Plänen und Hoffnungen den treuen Reisegefährten und Jugendfreund nicht. Wenn sich die Gelegenheit bot, sprach er bei Scheffers vor und verbrachte ein Stündchen am Bette des Verletzten. So war er über den Zwist wohl unterrichtet, und er, der Monika selbst und ihre uneigennützige, selbstlose Liebe werten konnte, half, wo er konnte, den Gegensatz auszugleichen.

Neben der Angst um die Wiederherstellung, dem Gram um die Verirrung, wie Meister Scheffer die Liebe des Sohnes zur Tochter der Immecke Rosenhagen immer noch nannte, war es auch die Sorge um seine Zukunft, wenn er gesundet sei. Daß Erdwin für das Handwerk nicht in Frage kam, stand zu befürchten. Aber was sollte werden? Sollte er wieder hinaus in das wilde Leben, zu dem ihm nunmehr auch die körperlichen Vorbedingungen fehlten?

Johannes suchte die Eltern über diesen Punkt zu beruhigen. Wozu seine Bescheidenheit in eigener Sache nie ausgereicht hätte, das tat er für den Freund gern und freimütig. Er war schon beim Rate vorstellig geworden, man möge für den Verletzten, wenn er wiederhergestellt sei, eine Verwendung im Dienste der Stadt vorsehen.

Heinrich Achtermann hatte schon am Tage nach dem Überfall bei den Scheffers vorgesprochen und mit herzlicher Teilnahme von der Schwere der Verletzung gehört. Sein Mitleid galt nicht nur dem unerschrockenen Helfer in der Not, sondern es rang hier ein Menschenkind mit dem Tode, das ihm als lieber Jugendgespiele und Genosse tausend lustiger Streiche besonders ans Herz gewachsen war. Der gutmütige und weichherzige Heinrich sah keinen Abstand zwischen dem Sohn des Schuhmachers und sich, dem Abkömmling eines alten Patriziergeschlechtes. Er war daher bedacht, dem Kranken alle Hilfe zu verschaffen, die der Reichtum der Eltern gestattete, und immer wieder wanderten Körbe mit stärkenden Mitteln in das Haus am Ägidienplatz. Als sich die ersten Anzeichen der Genesung einstellten, lag er dem Vater in den Ohren, dieser möge darauf bedacht sein, für die Zukunft Erdwin Scheffers zu sorgen.

Es hätte des lebhaften Mahnens gar nicht bedurft, denn auch der Ratsherr war dem Burschen wohlgewogen, der seinem Einzigen so mannhaft zur Seite gestanden hatte. So konnte es nicht fehlen, daß auch der hochmögende Rat diesem Ansturm von verschiedenen Seiten ein geneigtes Ohr lieh.

Der regierende Bürgermeister, Karsten Balder, der überzeugt war, daß man die Rettung des kostbaren Schriftstücks nicht zuletzt dem Mut und der Umsicht Erdwin Scheffers verdanke, sprach selbst im Hause des Meisters vor und teilte dem matt Aufhorchenden die Belobigung und günstige Gesinnung des Rates mit. Aber trotz allem kam man nicht weiter. Wohl hatte sich der Kranke inzwischen so weit erholt, daß er, auf den Stock gestützt, vorsichtig im Hause umherwandeln konnte. Indes das Rot der Gesundheit wollte noch immer nicht in die blassen Wangen zurückkehren, und der alte Lebensmut fehlte nicht minder.

Monika litt noch mehr unter der gedrückten Stimmung. Trotz aller liebevollen Zärtlichkeit der Schwester Erdwins, obwohl auch die Mutter allmählich den Widerstand schwinden ließ und sie freundlich begrüßte, wenn sie, was nur selten geschah, kam, trug sie dennoch schwer an dem Gefühl, daß sie im Hause des Geliebten nur geduldet sei.

Die eigene Mutter litt mit ihr unter diesem schiefen Verhältnis, und sie, die tatkräftige und entschlossene Frau, die durch einen langen und ehrbaren Lebenswandel inmitten des rauhen und lockeren Kriegslebens reichlich gesühnt hatte, was ihr etwa ihr eigenes Gewissen an jugendlichem Leichtsinn vorwerfen konnte, trug doppelt schwer an der Lage, die sie zur Rolle des untätig wartenden Zuschauers verurteilte. Sie sah, daß das Gesichtchen Monikas täglich schmaler und blasser wurde. Sie hörte nachts, wenn sie schlaflos auf ihrem Pfühle lag, die Seufzer des geliebten Kindes. Das hielt sie nicht länger aus.

Immecke Rosenhagen hatte das Fähnlein des erschlagenen Hauptmanns über den Rhein und weiter bis Goslar begleitet. Sie war des unruhvollen Kriegslebens mit seinen Bildern wilden Blutvergießens und roher Sitten müde. Sie wollte ihre Ruhe haben auf ihre alten Tage, vor allem aber sollte ihre Monika eine Heimat haben. Daß dies Goslar sein müsse, kam ihr zunächst nicht in den Sinn. Aber ausruhen wollte sie hier von der Mühsal des Marsches. Wohin sie alsdann ihren Stab setzen würde, war ihr selbst noch verschlossen. In die Heimat, nach Salzwedel, zog sie nichts Besonderes. Die Eltern waren längst tot, nähere Verwandte lebten ihr dort nicht. Und selbst wenn das der Fall gewesen wäre, hätte sie dieses nicht zur Rückkehr dorthin verlocken können. Denn was ihr die Tage in Goslar verleidete, würde sie dort in der Beschränktheit der kleinen Stadt, wo man ihre etwas abenteuerliche Jugendgeschichte kannte, doppelt treffen.

Immecke war entschlossen, Goslar zu verlassen, denn sie wollte nicht länger untätig zuschauen, daß ihr Herzblatt sich abhärmte und dahinschwand. Doch als sie Monika gegenüber eine Andeutung dieser Art fallen ließ, traf sie auf einen so entschlossenen Widerstand, wie sie ihn von der schüchternen Tochter nie erwartet hätte.

»Ich weiche keinen Schritt von hier, ehe Erdwin nicht gänzlich hergestellt ist, und trifft ihn das Schlimmste, so soll sein Grab von meinen Tränen genetzt werden.«

»Nun, dann weiß ich auch, was ich zu tun habe«, antwortete die Mutter ebenso entschlossen. »Ich gehe selbst zu dem verdrehten und in seinem Bürgerstolz überspannten Scheffer und halte ihm seine Sünden vor.« Monika erschrak und bat die Mutter, davon abzusehen, aber alle Einrede war vergeblich.

Die Rosenhagens wohnten bei einer Witwe in der Badeleber Straße; von dort machte sich Immecke an einem der nächsten Tage auf den Weg nach St. Ägidien. Sie wollte zunächst im guten mit dem Scheffer reden, war aber entschlossen, die Sache zu irgendeinem Ende zu bringen, und dann sollte, scheiterte ihr Versuch, sie kein längerer Einspruch Monikas vom Aufbruch von Goslar fernhalten.

Es öffnete ihr die Schwester Erdwins, die sie von einem Besuch in der Badeleber Straße her kannte. Die Mutter wurde gerufen und mit ihr bekannt gemacht. Dann gingen sie zu Erdwin hinein. Es war das erstemal, daß Immecke ihn seit dem Tage von Riechenberg wiedersah. Auch sie erschrak, als sie ihn erblickte, obschon das Schlimmste längst überstanden war.

»Armer Schelm, wie haben sie Dir mitgespielt, aber nun heißt es schnellstens gesund werden, ich will das Meinige dazu beitragen und mit dem Vater sprechen.«

Erdwin stimmte lebhaft zu, die Mutter widerriet ängstlich, doch Immecke war entschlossen: »Ruft ihn also.« Aber die Mutter warnte, Erdwin der Aufregung auszusetzen.

»Gut, so suchen wir den Löwen in seiner Höhle auf«, sagte sie resolut und ließ sich von der Frau den Weg zur Werkstatt zeigen, wo Meister Scheffer wütend auf das Leder losklopfte, als solle es für alle Widerwärtigkeiten büßen, die ihm widerfuhren.

Sie klopfte, und ehe noch der Meister »Herein« gerufen hatte, stand sie schon im Zimmer. »Guten Tag, Meister Scheffer.« Er tat sehr erstaunt, aber sie hatte mit ihrem scharfen Auge wohl das Gesicht gesehen, das sich vorhin bei ihrem Kommen an das Guckfenster preßte, und da die Frau einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte, durfte sie annehmen, daß er den Besuch kenne.

»Wir kennen uns durch unsere Kinder,« ging sie auf die Sache los, »und ihretwegen komme ich.«

Meister Scheffer fühlte sich höchst unbehaglich unter dem scharfen, prüfenden Blick der Frau, die da so mir nichts, dir nichts bei ihm eindrang. Er hüstelte verlegen und suchte an ihr vorbeizublicken, als suche er nach einem Bundesgenossen. Aber Immecke Rosenhagen kannte ihre Leute und ließ ihn nicht aus den Augen.

»Meister Scheffer, ich bin zu Euch gekommen, um von Euch zu hören, was Ihr gegen mich und mein Kind habt. Daß ich sie Euch nicht aufdrängen will, brauche ich nicht zu sagen. Indes, ich will nicht länger zusehen, wie zwei Menschenkinder, die mir beide lieb sind, an Eurem Starrsinn zugrunde gehen. So oder so will ich Klarheit schaffen.«

»Ihr kommt einem arg grob«, meinte er ausweichend. »Was ich für Gründe habe? Nun, es wären ihrer mehrere. Wir kennen uns zu wenig, und Ihr seid nicht von hier.«

»Ist das alles, so ist das kein Grund, Eure Zustimmung zu versagen. Oder ist es bei Euch verboten, durch frisches Blut von draußen Eure Stockfischigkeit zu bessern? Mir scheint das sogar sehr vonnöten, wie Ihr selbst beweist«, fuhr sie in ihrer derben Offenheit fort.

»Nun ja, das mag sein, aber es wäre da noch so manches ...«

»Und unter dem ›Manchen‹ ist eines für Euch die Hauptsache, gesteht es nur ruhig zu. Wer nicht seßhaft, gilt in Euren Augen als fahrendes Volk, und ich im besonderen bin Euch wohl gar verdächtig wegen der Herkunft meines Kindes. Seid unbesorgt, sie ist im Ehebett geboren so gut wie Eure eigenen. Und hegt Ihr Zweifel, so lest hier den Trauschein des ehrenwerten Feldkaplans Carolus Wintinger.«

»Ja, ich sehe schon, da ist alles in Ordnung«, ächzte Meister Scheffer. »Aber da wäre doch noch, ich meine, es gilt doch auch die eigene Reputation; da sind zum Exempel die Nachbarn, was sollten sie, was werden sie ...« Schneidend lachend fiel ihm Immecke ins Wort, indes die Stirn sich vor Zorn rötete.

»Da wäre doch noch, da ist zum Exempel,« höhnte sie, »da ist das Marketenderweib, das sich erdreistet, vor Euch zu treten und den vermessenen Gedanken zu haben, als wäre sie, als könnte sie ... Pfui Teufel der Wohlanständigkeit, die ihr Genüge darin findet, braven Leuten die Ehre zu kürzen. Aber nun beruhigt Euch, jetzt will ich nicht. Macht's mit Euch und Eurem Gott ab, wenn Euer Sohn darüber zugrunde geht. Doch über eines will ich Euch noch beruhigen. Ihr hättet Eurer Ehre nichts vergeben mit meiner Monika. Mir haben mehr vornehme Herren die Hand gedrückt und dankbar geküßt, als Euch vielleicht zu Gesicht gekommen sind.

Was wißt Ihr hier in Eurem satten Behagen von dem Leben und Nöten draußen, den Nöten Eurer eigenen Kinder, die hinauslaufen, weil Ihr ihnen die Enge hier zu unerträglich macht.

Euer eigener Sohn rannte so davon vor Euch, Meister Pechdraht, weil Ihr bange waret, sein Horizont möchte den eigenen überschreiten, könnte über die Sicht Eurer Türme hinausreichen. So lief er davon wie so mancher gute, deutsche, ehrliche Knabe, der in die Fremde ging, um auf welschem Schlachtfelde für welsche Fürsten sein Herzblut zu verspritzen.

Ich habe sie gelehrt, daß es ein Vaterland gibt, ein Deutschland, dem unsere Kraft gehören müsse, ich habe ihnen diese Sehnsucht in das Herz gepflanzt. Ich habe sie in die Arme genommen, wenn das Heimweh sie packte und schüttelte, ich habe ihre Wunden verbunden, die welsche Waffen ihnen geschlagen; ich habe ihnen die Augen zugedrückt und sie in welscher Erde betten helfen wie die Mutter ihr Kind, ich, die Deutsche den Deutschen. Das ist die Marketenderin Immecke Rosenhagen vom Regiment Holzendorf. Und nun lebt wohl, unsere Wege scheiden sich.«

Sie war draußen, ehe sich der gute Meister Scheffer von seiner Bestürzung und Beschämung erholt hatte. Die Haustür flog zu, daß die Glocke ängstlich wimmerte. Grimmig lächelnd schritt Immecke dahin, der Badeleber Straße zu. Nun war es zu Ende, und nun hieß es, einen Strich unter die letzte Vergangenheit machen, für sich und für Monika.

Als die Tochter sie ins Zimmer treten sah, wußte sie schon, wie der Besuch verlaufen war. Sie brauchte gar nicht zu fragen, die Mutter begann sogleich zu erzählen. Und sie schloß mit der barschen Aufforderung: »So, nun ist's Schluß. Ich habe das Meinige getan. Nun hat das Herz zu schweigen, und die Vernunft tritt an seine Stelle.«

Monika war so verschüchtert, daß sie vorab keine Silbe zu antworten wagte. Aber in der Nacht brach der Kummer sich Bahn, erst in einem stillen Schluchzen, daß die Schultern erbebten, und dann, als die Mutter sie ansprach, in lautem Weinen, so daß Immecke ihr doch ein gutes, tröstendes Wort sagen mußte. Auch am anderen Tage stand indes ihr Entschluß noch fest, Goslar zu verlassen. Denn: ein rascher, fester Schnitt ist besser als ein langsames Sich-dahin-quälen, dachte sie. Einen Augenblick kam ihr auch wohl der Gedanke, das alte Handwerk wiederaufzunehmen; aber davon ging sie bald wieder ab, wenn sie Monikas sich erinnerte. Da wurde sie in ihrem Vorhaben schwankend gemacht durch Heinrich Achtermann, der bei Scheffers von Immeckes Besuch und ihrem Mißerfolg gehört hatte. Er ging zu den Frauen und machte ihnen einen Vorschlag, der sie in Goslar festhalten sollte.

»Ich habe gehört, daß der >Goldene Adler< an der Gudemannstraße zum Verkauf stehe. Es ist eine gutgehende, achtbare Herberge, die ihren Mann ernährt. Wie ich Euch kenne, wäret Ihr wohl imstande, ihr vorzustehen. Ihr könnt Euch ja einen Schaffner halten. Wie Ihr es mit der Anzahlung halten wollt, weiß ich nicht, aber vielleicht ist da auch manches zu machen durch Bürgschaft, die Euch von meinem Vater nicht fehlen würde.«

»Da seid ohne Sorge,« entgegnete Immecke, »ich bin nicht mittellos. Ich habe einen guten Spargroschen, ehrlich verdientes Geld, das anzunehmen sich kein Goslarer Bürger zu bedenken braucht. Auf jeden Fall danke ich Euch für Euren guten Willen. Ich will mir's überlegen und Euch Nachricht geben.«

Die Einbürgerung ortsfremder Personen, für welche die neue Zeit aus parteipolitischen Gründen heraus alle Schwierigkeiten zu beseitigen bestrebt ist, konnte früher nur schwer erreicht werden, und Immecke Rosenhagen hätte mit ihnen nicht weniger, ja, vielleicht sogar noch mehr zu kämpfen gehabt, als sie sich entschloß, den Vorschlag Johannes Hardts anzunehmen.

Wer das Bürgerrecht einer Stadt wie Goslar erhielt, gewann damit einen Kranz von Rechten auch wirtschaftlicher Natur, die eine Auslese der Zuwandernden als sehr berechtigt erscheinen lassen mußte, abgesehen davon, daß man in jener unruhigen Zeit, die schon in der Masse der eigenen Bürger Keime gärender Ungeduld und Mißstimmung auf vielen Gebieten barg, sich hütete, noch fremde Schößlinge, deren Wesen nicht genug zu erkennen war, in den eigenen Garten zu pflanzen. Der Nachweis dieser »Würdigkeit« ist ein Erfordernis, das sich bis in unsere Tage in der Stadt Goslar erhalten hat und beispielsweise heute noch von neu anzustellenden Beamten verlangt wird.

Diese »Würdigkeit« hatte also auch Immecke Rosenhagen zu erbringen, und sie konnte das in einer Weise, die sich für sie zu einer glänzenden Genugtuung gestalten sollte. Als sie zum Rathaus beordert wurde, mußte sie sich dort zunächst einem Verhör in der Kanzlei unterziehen, das durchaus nicht nach ihrem Geschmack war. Der Schreiber behandelte sie mit einer ausgesprochenen Nichtachtung, und als sie dann selbst auf sich aufmerksam machte, versuchte man sie in ein förmliches Kreuzverhör zu nehmen. Aber da kannten sie Immecke Rosenhagen!

»Euch Schreibersleute scheint die Neugier arg zu plagen, aber befriedigt sie an einem anderen Objekt als bei mir. Ich habe Besseres zu tun, als müßige Leute zu unterhalten. Ich will zum Bürgermeister Karsten Balder, und wenn Ihr den Weg nicht wißt, suche ich ihn mir selber.«

Das war eine im Rathause geradezu unerhörte Art des Auftretens, noch dazu von einem Frauenzimmer. Aber sie hatte durchschlagende Wirkung; man wies sie zum Regierenden. Dort brachte sie unwillig sogleich ihre Ansicht über diese Art von Behandlung vor, so daß auch Karsten Balder sie erstaunt anblickte.

»Ich soll also meine ›Würdigkeit‹ nachweisen,« hub sie dann an, »ich denke, das soll heißen, ob ich nicht gestohlen oder betrogen oder sonst eine Missetat auf dem Gewissen habe. Dieses hier wird Euch hoffentlich darüber beruhigen.«

Damit überreichte sie ihm zwei Schreiben, eines von dem Feldobristen von Walsrode im Regiment Holzendorf und das andere von dem Generallieutenant und Befehlshaber der gesamten deutschen Knechte in burgundischen Diensten, Herrn Friedrich von Uslar.

Beide bestätigten, daß Immecke Rosenhagen, Marketenderin im Regiment Holzendorf, nicht nur ein braves, ehrliches und tapferes Frauenzimmer sei, sondern sich auch besondere Verdienste um das Wohl und Wehe der deutschen Knechte erworben und ihnen allzeit hilfreich zur Seite gestanden habe. Sie verdiene höchste Achtung, und ihr Lebenswandel sei ein untadeliger.

Karsten Balder durchlas die Schreiben, dann trat er auf Immecke zu und reichte ihr die Hand:

»Immecke Rosenhagen, was die Herren hier von Euch schreiben, ehrt Euch mehr, als viele Eures Geschlechtes von sich sagen können. Ihr seid herzlich willkommen in Goslar. Ich wollte, wir hätten mehrere Eurer Art in unseren Mauern. Mit diesem Handschlag begrüße ich Euch als Bürgerin von Goslar. Nehmt es zugleich als einen Ausgleich für die kleine Unbill von vorhin, für die Ihr ja aber selbst gleich Buße auferlegt habt«, schloß er lächelnd.

Freimütig blickte ihm Immecke in die Augen. »Ich danke Euch, Herr Bürgermeister Karsten Balder, und ich hoffe, Ihr werdet Euer Wohlwollen nicht zu bereuen haben.«

So wurde die Marketenderin Immecke Rosenhagen Bürgerin der Freien Reichsstadt Goslar und Besitzerin des ›Goldenen Adlers‹ in der Gudemannstraße. Und es erweist sich noch, daß sie dem Bürgermeister Karsten Balder nicht zuviel versprach.

Über die Berge des Harzes hielt der Winter noch seine eisenharte Faust ausgestreckt, obwohl der Februar zu Ende war. Wohl brausten hin und wieder die Stürme des herannahenden Frühlings durch den düsteren Tann und nahmen den ragenden Waldbäumen die ungeduldig getragene Schneelast ab, aber der nächste Tag verdarb, was sein Vorgänger gutzumachen versuchte, und die gleichmäßige, weiße Kappe deckte wieder Wipfel und Strauch. Im Dickicht lagerte das abgemagerte Wild, dem der Weg zu den kärglichen Äsungsplätzen durch die hartgefrorene Eiskruste versperrt war. Und manch edler Geweihte lag mitsamt den Gefährtinnen im Wundbett, weil der nagende Hunger sie auf die Nahrungssuche getrieben und die Läufe beim Durchschreiten der Schneekruste von dieser aufgerissen waren.

Das Raubzeug fand an ihnen willkommene Beute. Und dennoch war auch bei diesen Schmalhans Küchenmeister. Nicht einmal ein Mäuslein lief dem leise durch den Wald schliefenden Fuchs in den Weg. Das Eichkätzchen saß ihm unerreichbar im warmen Kobel, und der Häslein gab es auch in guten Zeiten nur wenige im wilden, rauhen Gebirge.

Meister Reinekes größerer Bruder, der Wolf, stieg in die Ebene herab und fiel an, was ihm in den Weg kam. Bis in die Landwehr drangen sie vor, und, was seit Menschengedenken nicht vorgekommen, einmal verirrte sich sogar einer von diesen frechen Gesellen durch ein Mauerpförtchen, das über Mittag ein Viertelstündchen offen gestanden hatte, in die Stadt. Dort fielen die Hunde ihn wütend an, und er büßte sein Leben unter ihren Bissen ein trotz wilder Gegenwehr. Er war ein lebendiges Zeichen dafür, wie groß auch die Not unter dem Getier des Waldes sein mußte.

Mit Sorgen sah der Jäger den Folgen dieses unbarmherzigen Winters entgegen. Mit Sorgen blickte aber auch der Hausherr auf den ständig sich mindernden Vorrat an Spaltholz, das der nimmersatte Kamin mit gefräßiger Eile verlangte, wollte man nicht zähneklappernd im eigenen Hause sich der Kälte überliefern. Schlimm für die Armen, die ansonst auch im Winter ihren Bedarf an Leseholz sich im Walde sammeln konnten. Schlimm für alle, welche ihr Beruf aus der Stadt heraustrieb, wie die Erz- und Hüttenleute, welche im Granetal und anderen waldreichen Flußtälern die Erzroste bedienten. Es gab keine Möglichkeit, in den tiefverschneiten Forsten das nötige Holz zu fällen und zur Talsohle zu schaffen. Sie alle froren unfreiwillig schon seit Monaten, und der Hunger bleckte grimmig durch die kleinen Fensterscheiben ihrer Hütten.

Am Rammelsberge wurde der Grubenbetrieb notdürftig aufrechterhalten, denn seitdem das Pulver aufgekommen war, kam man immer mehr von dem uralten Brauch ab, das Erzgestein, welches abgebaut werden sollte, durch Feuer zu rösten und mürbe zu machen für den Angriff mit Spitzhaue und Brechstange. Aber das gewonnene Erz konnte nicht verhüttet werden und lag als lohnzehrendes, totes Material in Halden vor dem Berge.

Nur ein Teil der Menschen, die unter dem harten Joche des Winters litten, gewann ihm Freuden ab und wünschte, daß er noch länger sein Regiment ausübe: die Kleinen. Wenn sie der strengen Zucht des Magisters oder Schulmeisters entschlüpft waren, wenn sie der Aufsicht und den Mahnungen der Mutter auf einen Augenblick entwischen konnten, ertönte ihr Geschrei und Jubel auf der Straße. Wo immer ein Hang sich senkte, wo eine gefrorene Pfütze blinkte, da sausten sie auf den flachkufigen Bretterschlitten, auf umgekehrten Schemeln herab oder glitten auf des Schusters Rappen über die blanke Fläche in endlosem Kreislauf, einer den anderen anfeuernd und überschreiend. Mochte ein strenger und wohlweiser Rat, dessen Verbote sonst immer Beachtung fanden, noch so oft Erlasse gegen das Schlittern und Schlittenfahren in den Straßen geben, die Stadtweibel ihnen nachspüren, die Rangen lachten ihrer aus sicherer Entfernung und verschwanden nur um die Ecke, um an anderer Stelle das gesetzwidrige Spiel wiederaufzunehmen.

In den Häusern der Bürger war man des hartnäckigen Gesellen gleichfalls überdrüssig, nicht nur, weil der Holzvorrat zu Ende ging und die Erwerbsquellen vor den Toren für manche versiegt waren, auch die Jugend sehnte sein Ende herbei. Der Winter brachte zwar für das gesellige Leben in der reichen Stadt manche Gelegenheit, einander zu sehen und zu sprechen, neben dem Verkehr in den Familien, aber nachdem die Hauptfeier, das Festmahl des neugewählten Bürgermeisters, der mit dem andern im Amte verbleibenden für das nächste Jahr regieren sollte, begangen war, hatte der Winter für die Jugend, die flügge gewordene, seine Reize verloren, und sie harrte ungeduldig ihres Festes, des ›Langen Tanzes‹.

Er ging in seinen Anfängen bis in den Anfang des vierzehnten Jahrhunderts zurück und wurde um die Fastnacht gefeiert.

In gewöhnlichen Jahren war er der Vorbote des Lenzes, auch in Goslar. Heuer freilich sah es trübe aus, da der alte Griesgram Winter immer noch sein hartes Zepter schwang.

So gab er dieses Jahr auch nur ein klägliches Abbild der sonst dabei herrschenden Lust und Freude, denn die Kälte war just an dem Tage, auf den er fiel, grimmig. Die Jünglinge mochten ihr noch standhalten in warmgefütterten Wämsen, die Mägdelein aber scheuten die Teilnahme; denn welches Jungfräulein besitzt so viel Aufopferungsfreudigkeit, ein blaugefrorenes Näslein der Spottlust der männlichen Jugend auszusetzen. Gegen die Kälte konnte man sich auch schützen durch ein wärmendes Kolett, das, um die Schultern gelegt, den zarten Hals und die Brust schützte. Aber sollte man so das Geschmeide verdecken, das bestimmt war, die Schönheit der Trägerin zu heben. Und die duftigen Gewänder, die man sonst unter dem warmen Hauch der Frühlingssonne schon anzulegen wagen durfte, sie schieden für dieses Mal gänzlich aus.

Nur das geringere Volk, das nicht so empfindlich gegen die Unbilden der Witterung war, ließ sich sein Recht nicht nehmen. An der Spitze gingen die jungen Bergleute. Mit Zithern, Geigen und anderen Instrumenten zogen sie musizierend durch die Stadt, aber gar oft setzte einer der Musikanten aus, um die klamm gewordenen Hände zu wärmen. Auch die Lieder klangen dünn durch die harte Winterluft. Natürlich fehlte das alte Spottlied nicht, das auf die von Kaiser Karl IV. vollzogene Verpfändung Goslars an Graf Günther von Schwarzburg Bezug hatte:

»Kaiser Karolus hochgeboren, Der Goslar hät vom Rike einst verloren, Der Rammelsbereg hät einen silbernen Fot, Darummen tragen wir einen frischen Moht. Mit düssen hübschen Jünferlein Maken wir von Tannen ein Krenzelein Wents thaun andern Jahre, Sau tanzen wir mit twei Paare. Wie wilt woll darup denken, Wie wilt öhn dat wieder schenken.«

Da die Töchter und Söhne der vornehmen Bürger sich vom ›Langen Tanz‹ dieses Mal fernhielten, konnte auch der Streitfall zwischen Venne Richerdes und Heinrich Achtermann nicht entschieden werden; aber man hoffte, das Versäumte zum Maienfest nachzuholen.

Auch die Ostgänger aus Flandern waren dieses Mal durch den langen Winter in Goslar festgehalten worden, sobald jedoch der erste Lenzeshauch Wege und Stege von der winterlichen Sperre befreite, zogen sie davon. Während aber in der Ebene schon die Boten des Frühlings Einzug gehalten hatten, zeigten die Berge im Hintergrunde noch Reste des winterlichen Schmuckes. Der Tann ragte düster starr gen Himmel, der Frühlingswind wehte ungehemmt durch das kahle Geäst der Eichen im Gosetal.

Doch mählich regte sich's auch hier im Harzwalde. Überall rieselten die Bächlein des Schmelzwassers geschäftig zu Tal. Wo die Sonne lockte, wagte wohl ein Hälmlein sein duftiges Grün zu zeigen, hob ein Buschwindröschen das zierliche Glöckchen, um es zum Frühlingsgeläut zu stimmen. Die Meise hüpfte geschäftig durch das Gezweige des einsamen Tanns. Das Eichkätzchen verließ sein Winterquartier, fand, daß es recht mager geworden sei durch das lange Fasten. Es rasselte muckernd vom Stamm herab, um zu sehen, ob nicht ein Tannenzapfen übriggeblieben, um den nagenden Hunger zu stillen. Und wieder über ein kleines, da steckten die Tannen und Fichten grüne Spitzen auf und rote Kerzen zu Tausenden: Nun war der Lenz auch hier zur Macht und Herrschaft gekommen.

Maiengrün, Maienduft, welch unnennbarer Zauber umschließt das Wort. In den Tälern zu Rudeln vereint, im düsteren Tannenforst einzeln sich zum Lichte durchbrechend, grüßen die Birken von den Hängen mit ihrem ersten duftenden, hellgrünen Laub. Lenzesboten, sie sind's auch heute noch im winterharten Harz. Erst wenn die grünen Buschen und Bäume die Straßen und Häuser schmückten, ist dem Harzer das Bewußtsein ins Herz gepflanzt, daß der Frühling wirklich eingezogen ist.

In Goslar schickte man sich an, das Fest der Maienkönigin zu begehen. Draußen vor dem Tore, aber im Schutze der Landwehr, erhoben sich lustige Zelte, mit Maien geschmückt und mit Teppichen behängt; von ihrer Spitze flatterten lustig die schwarzgelben Wimpel.

Am Nachmittage zog die Jugend aus, die Mägdelein im duftigen Sommergewande. Die Jünglinge in prächtigen, enganliegenden Seidenwams, das Federbarett kühnlich auf dem Haupte, boten zwar der strahlenden Sonne ein willkommenes Objekt, aber kühn und zuversichtlich schritten sie an der Seite ihrer Dame einher. Lustig ließen die Stadtmusikanten ihre Weisen erklingen. Auf dem Plan vor dem Rufzentore sollte sich's entscheiden, wem heuer die Krone der Anmut und Schönheit zuerkannt werden würde.

Die Alten, die Väter namentlich, zogen sich auf dem Festplatze alsogleich in die Zelte zurück, in das eigene, das des Nachbarn oder in die, welche zur öffentlichen Bewirtung der Gäste harrten. Die Jugend aber bewies, nach Geschlechtern getrennt und im bunten Durcheinander der Jünglinge und Mägdelein, daß der lange Winter die Geschmeidigkeit der Glieder und die Anmut der Bewegung nicht hatte ertöten können.

Die Reigen lösten einander ab, und auch der neue französische Tanz wurde von einem kleinen auserlesenen Kreise vorgeführt. Ein durchreisender Tanzmeister aus Paris war in Goslar angehalten worden und hatte sein Bestes getan, um die Pariser Grazie auch im rauhen Deutschland nicht ins Gegenteil verkehren zu lassen. Durfte man seinem Urteil glauben, so tanzte die Goslarer Jugend dieses zierliche Menuett, das, aus dem schönen Poitou stammend, in Paris eine veredelte Gestalt erhalten hatte, trotz einem Pariser und einer Pariserin.

Heinrich Achtermann war der Partner Vennes. Voller Entzücken hingen seine Augen an ihr, die die verkörperte Lieblichkeit und Grazie schien. Bei den Reprisen fand sich auch wohl Gelegenheit, ihr ein Wort zuzuflüstern. Noch hielt sie ihn in Schranken mit einem unmerklichen, aber unwilligen Schütteln des Kopfes oder leicht gerunzelter Stirn; aber je höher die Wogen der Freude und Lust gingen, desto wärmer wurde auch ihr ums Herz, und ein schneller, froher Blick streifte ihrerseits den Gesellen.

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