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Venne Richerdes

Zweites Buch (continued 2)

Reading edition

Als sie nun aber erfuhr, daß Heinrich eine große Reise antrete, schwanden alle Bedenken. Wer wußte, welche Gefahren draußen auf ihn lauerten, um seine Liebe zu ertöten! Daher besprach sie mit ihrer Freundin im Achtermannschen Hause alles Erforderliche, und diese gab dem jungen Herrn den Zaubertrunk. Doch die Wirkung war eine andere, als Katharina erwartete. Heinrich erkrankte heftig, so daß man an eine Vergiftung glaubte. Das war es wohl auch in der Tat.

Die alte Magd bei Achtermanns erschrak aufs tiefste, denn sie hing an Heinrich nicht weniger als Katharina an ihrer Venne. Von Angst getrieben, bekannte sie, was sie angerichtet habe. Der Vater war außer sich vor Zorn. Er maß natürlich alle Schuld Venne bei.

»Da siehst Du, mit was für einer Person Du es noch hältst«, höhnte er. »Wie eine Troßdirne buhlt sie um Deine Gunst. Sie schämt sich nicht des Umganges mit Hexen und Dunkelmännern. Den Trunk hat ihr gar wohl der Henker gebraut, zu dem ja alle feilen Dirnen in ihrer Brunst laufen. Aber die soll mir wiederkommen und auf Deine Hand Anspruch erheben. Vor das Peinliche Gericht bringe ich sie, den Prozeß lasse ich ihr machen!« so tobte er.

Der Sohn versuchte, seine Braut zu verteidigen. »Vater, Du tust Venne gewiß unrecht. Sie weiß, daß sie sich meiner Liebe nicht erst durch Zauberei zu versichern braucht. Urteile nicht, bis sie selbst sich verteidigen kann.«

Doch da kam er schlecht an. »Meinst Du, das Weibsbild werde ich noch eines Wortes würdigen. Für mich ist die Sache erledigt, und wehe ihr, wenn sie es wagt, an der Vergangenheit zu rühren.«

Heinrich sah ein, daß jetzt nichts zu hoffen war. Nun konnte auch er allein von der Zeit eine Besserung erwarten. Er war von Vennes Unschuld überzeugt, aber er grollte ihr doch, daß sie ihn in dieser Stunde, wo ihr Glück in Scherben zu gehen drohte, allein gelassen hatte. Tief bekümmert traf auch er seine Anstalten zur Abreise. Er sollte in der Tat nach London fahren, um am Stahlhof die Achtermannschen Geschäfte wahrzunehmen. Es galt, sich auf eine lange Abwesenheit einzurichten. Aber er hoffte, daß bei seiner Wiederkehr die Wetterwolken verzogen waren. Er würde jedenfalls, das nahm er sich vor, nicht von Venne lassen.

Der Ohm war bereit, Venne zu begleiten. Auch er entschied sich für Übergehung des Reichskammergerichtes. »Wenn wir die Sache dort anhängig machen, ist Aussicht vorhanden, daß vielleicht Deine Enkel einmal den Entscheid erhalten. Der Gerichtshof ist mit so vielen ungleich wichtigeren Sachen überlastet, daß sich auf die Akten Deines Prozesses der Staub von Jahrzehnten lagern würde. Wir wollen also versuchen, in Worms vorgelassen zu werden. Ist uns das Glück hold, so gelingt es mir, einen der fürstlichen Prokuratoren des Gerichts zu gewinnen, die ja selbstverständlich auf dem Reichstage auch anwesend sein werden.«

Obwohl der Reichstag schon Ende Januar eröffnet worden war, kamen sie doch noch zeitig genug. Zunächst sollten die weltlichen großen Angelegenheiten erledigt werden. Da galt es zuerst eine Sache des Herzogtums Württemberg zu behandeln, dessen Herzog Ulrich der Schwäbische Bund vertrieben hatte; ferner tauchte zum soundsovielten Male die italienische Frage wieder auf.

Zur Abwechselung hielt diesmal der Franzosenkönig Franz I., einer der Mitbewerber Karls um die Kaiserkrone, das Reichslehen Mailand besetzt. Das bedeutete eine Minderung des kaiserlichen Ansehens, die der junge Kaiser nicht hinnehmen wollte. Gegen eine entsprechende Gegenleistung bewilligten ihm die Kurfürsten zwanzigtausend Mann Fußvolk und viertausend Reiter zu einem Römerzuge. Für den Kaiser aber stand im Vordergrunde die religiöse Frage.

Karl V. stand zu dem Vorgehen Luthers anders als sein Vorgänger. Maximilian I., der 1519 starb, hatte die Anfänge der Reformation erlebt. Er fühlte eine gewisse Schadenfreude darüber, daß der römischen Kurie, mit der er nicht besonders stand, durch den Mönchshader eine große Verlegenheit erstand. Den Mönch Luther gegen den Papst auszuspielen, das war die kaiserliche Politik.

Anders Karl. Er empfand den gewaltigen Zulauf, den der Wittenberger überall fand, als persönliche Kränkung. Zudem darf nicht vergessen werden, daß er, ehe er deutscher Kaiser wurde, König war des streng katholischen Spaniens. Nun war der Mönch gehört worden, er hatte nicht widerrufen. Leider mußte man ihn auf Grund des kaiserlichen Wortes ziehen lassen. Aber schon am 8. Mai erfolgte durch das Wormser Edikt seine Ächtung.

Während Luther auf dem Heimwege von Reisigen des Kurfürsten aufgegriffen und auf die Wartburg entführt wurde, gingen in Worms die Verhandlungen weiter. Noch immer kam Venne Richerdes nicht an die Reihe. In ihrer Herberge wohnte auch der Geheimschreiber des Bischofs von Hildesheim, ein Herr von Woltwiesche, der mit einigen Domherren beim Kaiser wegen Aufhebung der kaiserlichen Acht vorstellig werden sollte. Der Geheimschreiber war ein Mann von bestrickender Liebenswürdigkeit und weltmännischer Gewandtheit.

Die schöne Goslarerin machte auf ihn vom ersten Augenblick an einen tiefen Eindruck. Er hatte bald erfahren, was sie nach Worms führte, und bot ihr seine Unterstützung an zur Förderung ihrer Sache. Insonderheit erklärte er sich bereit, ein Gesuch an den Kaiser abzufassen für den Fall, daß sie nicht Gelegenheit finde, ihre Sache persönlich vorzutragen.

Ernesti sprach die bestimmte Erwartung aus, daß dies doch möglich sein werde; immerhin konnte es nichts schaden, wenn der Fall auch schriftlich geschickt behandelt wurde. Der Geheimschreiber beeilte sich also, das Gesuch niederzuschreiben, und der Ohm gestand Venne, daß es ein Meisterwerk in seiner Art sei. Venne nahm diese Dienste des Herrn von Woltwiesche mit gemischten Gefühlen an. Ihr gefiel der Mann nicht recht, trotz aller höflichen Zuvorkommenheit. Sie fing hin und wieder einen Blick von ihm auf, der voll glühender Begier zu sein schien. Freilich versuchte er immer sogleich mit einer harmlosen Wendung seine Ungebühr zu bemänteln. Nie vergaß er bei einem Wort, das er an sie selbst richtete, die Form peinlichster Höflichkeit und Ritterlichkeit.

Endlich kam der große Tag für Venne.

Sie war sehr befangen, als der Augenblick nahte, da sie vor den mächtigsten Herrscher des Abendlandes treten sollte. Der Oheim sprach ihr Mut zu, und auch Herr von Woltwiesche suchte sie zu beruhigen.

Der Kaiser hatte einen leidenden, gequälten Zug im Gesicht. »Was will dieses Volk der Deutschen eigentlich alles von mir?« so konnte man seinen müden Blick deuten. »Will es mich schon auf diesem einen und ersten Reichstage, den ich abhalte, mit seinen Angelegenheiten zu Tode quälen?« Immerhin bot die Sache eine Abwechselung, da zum erstenmal eine Frau als Beschwerdeführerin auftrat.

Ein Prokurator unterrichtete ihn kurz von dem Inhalt der Beschwerde. »Also soll sie reden!« ordnete er an. Aber zunächst ergriff Ernesti das Wort. Der Kaiser blickte erstaunt auf: »Wer ist der Mann?« — Ein neben ihm Sitzender, es war der Kurfürst-Erzbischof von Mainz, flüsterte ihm zu, es sei ein sehr einflußreicher Deutscher, der auch dem hochseligen Herrn Maximilian wohlbekannt gewesen und ihm manche wichtige Dienste geleistet habe. Geduldig hörte Karl ihn an. Dann erhielt Venne das Wort.

Während der Rede ihres Oheims hatte sie Zeit gefunden, sich zu sammeln. Aber noch jagten sich Erröten und tiefe Blässe auf ihrem Gesicht, als sie mit leiser Stimme zu sprechen begann.

Der Kaiser sah sie unverwandt an, und seine Ratgeber merkten, daß ihm die schöne Frau offensichtlich gefiel. Frei blickte auch Venne dem Mächtigen ins Gesicht. Mehr und mehr gewann ihre Stimme an Festigkeit. Sie schilderte die Demütigungen, die ihr widerfahren, die Armut, der sie durch das Verhalten des Rates von Goslar ausgeliefert sei. Zuletzt schwoll ihre Stimme zu edler Entrüstung an.

»Also klage ich den Rat der Stadt Goslar und insonderheit den Bürgermeister, Herrn Karsten Balder, an, daß sie mir und meinem Vater gegenüber fleißig und absichtlich das Recht gebeugt haben, auch üble Nachrede über meinen ehrenwerten Vater und mich ungehindert haben verbreiten lassen.

Ich bitte Euch, Großmächtigster Herr Kaiser,« schloß sie endlich, »Ihr wollet mir armen Waise Euren gnädigen Schutz nicht versagen und dazustehen, daß mein Recht gewahrt und meines Vaters Ehre wiederhergestellt werde.«

Mit einer tiefen Verneigung trat sie einige Schritte zurück. Der Kaiser blickte ihr einige Augenblicke sinnend nach. Dann besprach er sich kurz mit seinen Räten. Man sagte ihm, die Sache sei wohl juristisch nicht ohne weiteres zugunsten der Bittstellerin zu entscheiden; indes die Verdienste ihres Ohms und die Gutgläubigkeit bei den Vertragsverhandlungen, bei denen der Vater jedenfalls ohne Arglist vorgegangen war, wie auch endlich der Umstand, daß durch den Kauf des Richerdesschen Bergwerksanteils die reiche Stadt Goslar nicht wesentlich geschädigt werde, zumal man ja nicht wissen könne, ob nicht trotz der augenblicklichen Lage doch noch bergbauliche Werte darin enthalten seien, alles dieses lasse es mindestens zu, dem Rate dringend zu empfehlen, die Sache erneut zu prüfen und in einer die Erbin befriedigenden Weise zu Ende führe.

Karl war über diesen Vorschlag erfreut; es hätte ihm leid getan, die kühne und schöne Bittstellerin abschlägig bescheiden zu müssen. Mit leutseligen Worten eröffnete er ihr das Ergebnis, gleichzeitig mit dem Bedeuten, daß sie die schriftliche Ausfertigung schon in aller Kürze aus der kaiserlichen Kanzlei erhalten könne. Außerdem werde der Rat noch durch ein besonderes Schreiben unterrichtet werden.

Voll innigen Dankes eilte Venne zum Kaiser vor, kniete vor ihm nieder und küßte ihm die Hand mit dem großen Siegelring. Karl war überrascht, doch lächelte er ihr huldvoll zu; die Beisitzer blickten ebenso sprachlos drein: so etwas war angesichts der strengen Etikette bis dahin unerhört. Aber auch sie fanden sich mit dem hübschen Zwischenfall ab.

Aufatmend verließ Venne den Saal. Draußen fiel sie in überströmendem Dank dem Oheim um den Hals. »Das habe ich Euch in erster Linie zu verdanken, teurer Oheim!«

»Nun, nun, diese Form der Danksagung lass' ich mir schon gefallen; doch ich glaube,« fuhr er mit einem leisen Lächeln fort, »Dein spitzbübisch hübsches Gesicht hat auch ein wenig Anteil an dem Siege. Und dann vergiß auch hier den Herrn von Woltwiesche nicht, der uns manch trefflichen Wink gab!« — So reichte sie auch diesem die Hand. Ehrerbietig neigte er sich darüber und flüsterte mit leiser, heißer Stimme: »Wollte Gott, ich dürfte noch mehr für Euch tun. Mein Leben sollte ein einziges Dienen um Eure Huld sein.« Da wandte sie sich verletzt von ihm ab.

Venne trat die Rückreise mit wesentlich leichterem Herzen an, als sie nach Worms gekommen war. Mit dem Spruche des Kaisers, so meinte sie, war alles Unheil ausgetilgt. Nun mußte auch der stolze Patrizier Achtermann seine Bedenken gegen eine Verbindung seines Sohnes mit ihr aufgeben. Die Wolken, die so düster und unheilschwanger über ihrem Haupte hingen, begannen sich zu zerteilen! Ihre Gedanken eilten zu Heinrich: Wo mochte er wohl sein, wenn sie zurückkehrte? Sie gestand sich ein, daß sie ihm doch wohl oft unrecht getan habe mit ihrer ewigen Verärgertheit, und sie nahm sich vor, ihn durch verdoppelte Liebe zu entschädigen.

Bis Frankfurt reiste sie zusammen mit dem Oheim. Dann nahm er Abschied von ihr, um durch das Rheintal den nächsten Weg in die Heimat zu suchen. »Jetzt herrscht hoffentlich bald wieder gut Wetter in Goslar«, scherzte er. »Übers Jahr spätestens hoffe ich eine Einladung zu Deiner Hochzeit zu erhalten.« Errötend nickte ihm Venne zu, er traf ja mit seinen Worten nur ihre eigenen, innigsten Wünsche!

Vor der Abreise empfahl er seine Nichte dem Schutze ihrer Reisegefährten, besonders dem des Hildesheimers. Woltwiesche beeilte sich, zu versichern, daß er sein möglichstes tun wolle, um ihr die Reise so bequem wie möglich zu machen. Er werde auch den kleinen Umweg über Goslar nicht scheuen, um sich zu überzeugen, daß sie heil und unversehrt zu Hause angelangt sei.

Die Reisegesellschaft war klein. Neben dem Bischöflichen bestand sie aus einigen Kaufleuten und dem alten Ratsherrn Bertold Sachs aus Magdeburg. Dieser würde den Weg mit ihr bis fast in die Heimat zurücklegen. Das war Venne ein wahrer Trost.

Sie wollte dem Oheim nicht ins Wort fallen, als er den Geheimschreiber im besonderen zu ihrem Ritter ernannte. Ohne sich im einzelnen über das Gefühl ihrer Abneigung Aufschluß geben zu können, konnte sie doch diese innere Ablehnung des ganzen Mannes nicht loswerden. War es sein geschniegeltes, geziertes Wesen, stieß sie seine übergroße, fast devote Höflichkeit ab? — Sie wußte es nicht, aber sie war willens, sich ihm so fern zu halten, wie es möglich sei. Deshalb schloß sie sich auch vom ersten Tage an mehr dem Ratsherrn an, dessen väterlich gütiges Wesen ihr Vertrauen weckte.

»Sahet Ihr auch den Wittenberger?« brachte er am ersten Tage das Gespräch auf die Wormser Vorgänge. Venne bejahte und gab ihrer Bewunderung für den unerschrockenen Mönch Ausdruck.

»Euch hat es vor allem, wie es scheint, sein Mut angetan. Der war auch zum Verwundern groß; ich weiß freilich nicht, ob er sich der Gefahr bewußt gewesen ist, in die er sich begab. Er soll ja, so hört man, freies kaiserliches Geleit zugesichert erhalten haben; indes wundern würde es mich nicht, wenn der Mann seine Heimat nicht wiedersieht.«

»So meint Ihr, daß der Kaiser ihm das Wort nicht hält?« fragte sie erschrocken, denn ihrem Herzen gab es einen Stoß, daß derselbe Mann, der sich ihr so gnädig und gütig erwiesen hatte, in diesem Falle gegen seine Ehre handeln könne.

»Der Kaiser braucht es nicht zu sein,« fuhr der Magdeburger fort. »Es gibt ihrer auch ohne den Kaiser genug, die ihm das Leben nicht gönnen werden, ja sie sind seine Todfeinde. Und ehe sie ihre Macht durch einen armseligen Mönch zertrümmern lassen, werden sie ihn selbst zu beseitigen suchen. Den Kaiser braucht darob nicht einmal der geringste Vorwurf zu treffen; denn wie soll er es verhüten, daß in seinem weiten Reiche ein Menschlein verschwindet. Schade freilich wäre es um diesen Mann.«

»So seid Ihr auch der Meinung, daß er eine gute Sache vertritt?« forschte sie.

»›Auch‹, — demnach hat er es Euch also angetan?« — Venne errötete ein wenig, aber der Ratsherr kam ihr zu Hilfe. »Ihr braucht Euch ob Eurer Teilnahme nicht zu schämen, noch weniger bedarf sie der Erklärung. Wer einer Wallung in seiner Brust fähig ist, dem mußte das Herz bewegt werden bei so viel tapferem Freimut und glühender Begeisterung. Ob er irrt, wer mag es wissen; aber heilige Überzeugung sprach aus jedem seiner Worte, und seine Worte haben die Herzen derer gepackt, die ihn hörten, es sei denn, daß sie sich mit Fleiß dagegen verhärteten.«

»Das trifft auch auf den Oheim Ernesti zu, wie ich merkte«, fügte Venne schüchtern ein. »Er war ganz wild, als ich ihm zu erkennen gab, daß der Luther mich erschüttert habe.« Und dann erzählte sie, wie jener ihre Begeisterung für Luther aufgenommen habe.

»Das glaube ich,« erwiderte Sachs, »hätte es bei ihm, den ich auch kenne, nicht anders erwartet. Er ist ja aber auch mit dem Papst und seiner Sache besonders eng verbunden, wie ich weiß. Und den rechten Starrkopf hat er obendrein.

Endlich aber ist er, das wollet nicht vergessen, einer von den Alten, die so leicht nicht umlernen. Mir ist's ähnlich gegangen: Man wirft nicht ohne weiteres über Bord, woran man ein langes Leben sein Herz gehängt. Und vollends nun, wenn es das Beste, Heiligste ist, auf das man in dieser irdischen Kümmerlichkeit seine Hoffnung setzte.

Ihr Jungen springt vielleicht mit Jauchzen in das neue Land, aber wir Abgängigen zaudern, den einen Schritt zu tun, der uns Befreiung bringen kann von aller Unwahrhaftigkeit und Seelennot, der uns aber auch trennt von all dem, was uns an das alte Gestade kettet.

Mir ging ein treues Weib dahin, sie starb im alten Glauben. Wir begruben gemeinsam drei prächtige Kinder. Es war der Trost meiner Lebensgefährtin in ihrer Todesstunde, daß sie da oben ihre Lieblinge wiederfinden würde. Sie wartet auf mich mit gleicher Zuversicht. Soll ich sie, darf ich sie enttäuschen? Scheide ich mich für ewig von ihnen, wenn ich den neuen Glauben annehme? Meine Seele drängt zu Luther, mein Herz bebt zurück vor der möglichen Trennung. Wer löst mich von der Pein?«

Wer löst mich von der Pein? — Das war auch die Last, die ihr eigenes Herz bedrückte: Der Vater, die Mutter, sie hatten nacheinander den Pilgerstab aus der müden Hand gelegt und waren durch das dunkle Tor gegangen, das ihnen, wie sie glaubten und hofften, das Wiedersehen in einer lichten Welt schenken würde. Und sie, die Tochter, sollte sie nicht zur Seite ihres Mütterleins stehen, nicht mit dem geliebten Vater die seligen Freuden des Jenseits genießen dürfen? Und noch ein irdisches Bangen hemmte ihren Entschluß: Der Geliebte. Die Achtermanns hingen noch mit aller Zähigkeit am alten Glauben, und Heinrich? Ja, Heinrich liebte sie, und sie hoffte, in Worms die Hindernisse aus dem Wege geräumt zu haben, die sich ihrer Vereinigung entgegenstellten. Errichtete sie nicht eine neue, unübersteigbare Schranke, wenn sie der Regung ihres Innern nachgab? Und dann auch wieder der Zweifel: War das nun auch der rechte Weg? Freilich, gedachte sie der feurigen Worte des Mönches, sah sie seinen weltentrückten Blick vor sich, so fühlte sie sich als seine Jüngerin, und auch in ihr klang es wieder: »Ich kann nicht anders, Gott helfe mir! Amen!«

Der Ratsherr sah die Kämpfe in ihrem Innern; das junge Weib dauerte ihn, aber Hilfe konnte auch er ihr nicht bringen. »So ist es nun,« murmelte er, »Licht will er uns bringen, Erlösung, der Feuerkopf, und stürzt uns doch in das Dunkel der Herzenskämpfe!« Und er ritt, in ernste Gedanken versunken, fürbaß.

Venne und ihre Begleiter waren eine geraume Zeit nach Luther von Worms aufgebrochen. Er saß längst auf der Wartburg in sicherm Gewahrsam, als man ihn im Reich noch frei wähnte.

In der Umgegend des Überfalls aber, der von Freunden zu seiner Sicherheit ausgeführt wurde, lief das Gerücht um, der Mönch sei aufgehoben und fortgeführt worden, von den Kaiserlichen natürlich, oder Papisten, so wähnte man. Andere wieder mutmaßten, es sei eine Finte, die von Freunden und Gesinnungsgenossen ins Werk gesetzt worden sei, um die Feinde irrezuführen.

Auch die Reisenden erreichte das Gerücht, als sie sich der Grenze des Hessenlandes näherten. Venne war tief niedergeschlagen. Sachs seufzte auf.

»So haben sich meine Befürchtungen schneller erfüllt, als ich annahm. Schade um den Mann! — So schnell also erlosch das Licht, das uns in der Finsternis aufging!«

Bei Venne brach sich der Zorn Bahn. »Das ist abscheulich vom Kaiser, wenn er es veranlaßt hat. Nie hätte ich ihm diese Doppelzüngigkeit zugetraut!«

»Es muß ja nicht der Kaiser gewesen sein«, begütigte der Ratsherr. »Ich sagte Euch: die anderen, die Päpstlichen, sind ihm noch viel ärger gram. Endlich bleibt noch die geringe Hoffnung, daß die recht haben, die da meinen, nicht Feinde, sondern gute Freunde hätten ihn zu seinem Besten den Streich gespielt. Möge es so sein,« schloß er, »sonst ist der Menschheit ein großer Verlust widerfahren.«

»Möchte es so sein!« — das wünschte auch Venne in ihrem Herzen, und ihr Gebet am Abend schloß mit der innigen Bitte: »Lieber Gott, erhalte uns den Mann und errette ihn vor seinen Widersachern!«

Während der ersten Tage war der bischöfliche Schreiber durchaus der aufmerksame Reisemarschall, der sich bemühte, der ihm Anvertrauten das Reisen so angenehm wie möglich zu machen. Aber als in Fulda einige der Reisegefährten zurückblieben und sie nunmehr auf den alten Sachs aus Magdeburg neben Woltwiesche angewiesen war, von dem Diener des Ratsherrn abgesehen, änderte sich sein Benehmen. Daß er den ganzen Tag über fast unausgesetzt an ihrer Seite zu bleiben suchte, konnte er mit dem Auftrage des Oheims begründen, auf seine Nichte Obacht zu geben. Doch er mißbrauchte jede Gelegenheit, um ihr seine Gefühle für sie immer eindeutiger zu zeigen. Für eine andere hätte vielleicht diese Art der Huldigung seitens des adligen Schreibers einen Reiz gehabt, aber Venne, der auch der ganze Mann widerstand, empfand sie als eine Belästigung. Als er ihr dann eines Tages unverblümt seine Neigung gestand, ließ sie ihn sehr ungnädig ablaufen.

Ihre Ablehnung aber stachelte seine Glut noch mehr an. »Was habt Ihr gegen mich?« fragte er. »Kann ich Euch nicht ein angenehmes Leben bieten mit einer Stellung, welche die Eurige in Goslar weit überragt? Und es muß Euch doch auch daran liegen, aus der leidigen Stadt herauszukommen, wo Euch alles auf Schritt und Tritt an erlittene Kränkungen erinnert. Folgt mir nach Hildesheim, Ihr werdet es nicht bereuen.«

»Spart Eure Worte, Herr von Woltwiesche, sie sind vergebens gesprochen, und sie beleidigen mein Ohr. Wollt Ihr aber den Hauptgrund meiner Ablehnung wissen, so denkt an die Äußerung meines Oheims. Ihr wißt, ich bin verlobt, und Ihr habt die Rechte eines Dritten zu achten.«

»Der Teufel hole diesen Dritten, der Euch mir vorweg stahl. Hat er sich um Euch gekümmert, als Ihr in Worms um Euer Recht kämpftet? Ich stand Euch zur Seite, er nicht!« antwortete er grollend.

»Es ist nicht vornehm von Euch gehandelt, mir Eure Dienste, die ich zudem nicht beansprucht habe, so ins Gesicht zu rühmen. Aber meinem Bräutigam tut Ihr unrecht. Hätte er gekonnt, so würde er gewiß dort nicht gefehlt haben. Doch er ist zur Zeit außer Landes«, wies sie ihn zurecht.

»Ha, ha, ha,« lachte der Schreiber höhnisch, »das ist mir der rechte Liebhaber, der auf Reisen geht, während die Braut um ihr Leben kämpft!«

Zornig fiel ihm Venne ins Wort: »Was erfrecht Ihr Euch, Herr, so über den Mann zu sprechen, dem ich verlobt bin! Was wißt Ihr von den Gründen, die ihn fernhalten? Dankt Eurem Schöpfer, daß er nicht hier ist, Eure Rede würde Euch schlecht zu stehen kommen.«

Da in diesem Augenblick der Ratsherr, der vorangeritten war, hielt, um sich nach ihr umzusehen, brachen sie das Gespräch ab, der Geheimschreiber voller Unwillen, über Venne wie über den Störenfried. Sie hielt sich künftig, soweit das ging, noch mehr in der Nähe des älteren Begleiters. Der Schreiber erkannte ihre Absicht und knirschte mit den Zähnen, voller Wut, daß seine Absicht durchkreuzt wurde. Er war durch die Worte Vennes nicht abgeschreckt, sondern wartete nur auf einen günstigen Augenblick, um seine Pläne wiederaufzunehmen.

Diese Gelegenheit bot sich erst einige Tage später, als man schon in die Nähe des Harzes gekommen war. Unversehens drängte er sein Pferd an das ihrige, und als sie es, unwillig über die erneute Frechheit, antrieb, fiel er ihr in den Zügel.

»Ihr müßt mich anhören, und Ihr werdet mich hören«, sprach er entschlossen und mit wildglühendem Blick.

Venne war erschrocken über die lodernde Gier, die ihr aus seinem Auge entgegenfunkelte; doch sie bezwang ihre Furcht und fragte spöttisch lächelnd: »Habt Ihr an der Absage von neulich noch nicht genug? Ich meine, Eure Würde als Edelmann sollte Euch abschrecken, eine neue Demütigung zu erleiden.«

Aber unbeirrt fiel er ihr ins Wort: »Laßt den Hohn, Venne, Ihr wißt nicht, welch gefährlich Spiel Ihr treibt. Ihr habt es mir angetan, daß ich nicht von Euch lassen kann. Könntet Ihr in mein Herz sehen, so würde Euch mein jämmerlicher Zustand allein schon Mitleid einflößen. Stoßt mich nicht zurück, Venne, Ihr treibt mich sonst zum Äußersten.«

»Ich kann meinem Herzen nicht gebieten, daß es Euch gewogen sein soll«, wehrte Venne ab. »Schämt Euch, daß Ihr Euch von einer flüchtigen Regung des Augenblicks so knechten laßt, um darüber zu vergessen, was eines Mannes und Ritters würdig ist.«

In ihrer Entrüstung erschien sie ihm nur noch schöner und begehrenswerter. Das Blut stieg ihm in den Kopf, und er verlor die Besinnung über sich.

»Was schiert mich Rittertum, was Manneswürde, Dich will ich haben, Du schönstes Weib!« Damit beugte er sich zu ihr herüber und riß sie an sich. Venne fühlte seine Lippen auf ihrem Munde brennen. Aber im nächsten Augenblick riß sie sich los. Zornbebend blitzte sie ihn an und schlug ihn mit der Reitgerte ins Gesicht. »Schuft!« rief sie ihm zu, dann sprengte sie davon zu den übrigen.

Einen Augenblick war der Gezüchtigte wie betäubt, dann aber brannte ihn die Schmach, die er erlitten. »Das sollst Du mir büßen, Teufelsweib! Verschmähst Du meine Liebe, so soll Dich meine Rache um so sicherer treffen!«

Den Ratsherrn bat Venne, mit ihr künftig allein weiterzureisen, da der Geheimschreiber sich ungebührlich gegen sie benommen habe. Sachs wollte jenen zur Rede stellen, aber Venne hieß ihm, davon abzulassen. »Wir wollen voranreiten, er wird uns nicht folgen.« So geschah es.

Bei ihren Freunden und besonders bei der alten Katharina herrschte freudige Überraschung, als Venne in Goslar wieder eintraf. Kurz vor dem Ende ihrer Reise erlebte sie noch ein Abenteuer, das sich böse anließ, aber doch harmlos verlief. Sie hatte für den letzten Teil des Weges Gesellschaft und Schutz an einer Anzahl von Reisenden gefunden, die über Goslar weiter nach dem Osten wollten.

Jenseits des Städtchens Seesen, wo die Straße am Fuße der Harzberge dahinzog, wurden sie plötzlich am hellen Tage von bewaffneten Reitern angehalten. Da die Angegriffenen sich zur Wehr setzten, wäre es gewiß zu einem Blutvergießen gekommen. Als die Männer noch in erregtem Wortwechsel begriffen waren, trat plötzlich ein neuer Ankömmling auf, der sich durch seine Kleidung von den Angreifern vorteilhaft unterschied. Überrascht sah er auf die schöne Frau, die erblaßt inmitten des Tumultes stand.

Er war der Anführer oder besaß jedenfalls das Ansehen eines solchen, denn bei seinen ersten Worten gehorchten die wilden Männer sogleich. »Hört auf«, befahl er. »Die Leute sollen ungestört weiterziehen.«

Als einer der Räuber nicht sogleich von seiner Beute abließ, fuhr er ihn mit harten Worten an:

»Wirst Du Schuft gehorchen, oder willst Du meine Klinge spüren?«

Sofort stand der Mann von seinem Vorhaben ab. Die Wegelagerer sahen sich erstaunt an: Was war denn in den gefahren? Das war ja das erstemal, daß er ihnen einen schon gelungenen Fang entgehen ließ. Sie murrten leise untereinander, aber, ihm gegenüber an blinden Gehorsam gewöhnt, zogen sie ab.

Die Reisenden wollten für die unerwartete Hilfe danken, doch er wehrte ihnen ab. Sein Auge hing immer noch an Venne: »Vergebt, schönes Fräulein, so darf ich Euch doch nennen, daß Ihr die Belästigung erleiden mußtet; haltet es dem Mangel an Umgang mit Damen zugute, wenn sie sich ungeschliffen und tölpelhaft benahmen. Aber Ihr seht ja, es sind im Grunde nur ungeleckte Bären.«

Nun die Gefahr vorüber war, gewann auch Venne ihre Fassung wieder. Die Sache kam ihr beinahe belustigend vor, und sie antwortete mit einem Lachen: »Ich möchte aber doch diesen Bären nicht begegnen, wenn ihr Führer fehlt. Euch gebührt jedenfalls mein Dank, daß Ihr Euch zur rechten Zeit einfandet, um sie tanzen zu lehren statt zu brummen. Doch ist es nötig, daß ich meinen Dank an Herrn ›Niemand‹ richte, oder darf man Euren Namen wissen, ohne neugierig zu sein?«

»Wollet gestatten, Fräulein, daß ich für Euch der Herr ›Niemand‹ bleibe. Was ist ein Name? Ich führe ihrer viele. Der eine aber, den ich Euch nennen könnte, würde Euch wahrscheinlich schrecken. Also begnügt Euch mit dem Bewußtsein, daß Ihr einem Abenteuer anheimfielet, bei dem ein Unbekannter Euch geringe Dienste leisten konnte, ein Unbekannter,« fuhr er leiser fort, »dem es Eure Schönheit auf den ersten Blick antat und der vieles darum geben würde, könnte er Euch einmal in einer wirklich großen Not beistehen. Ich will nicht hoffen, daß ein solcher Augenblick eintritt. Aber habt Ihr einen Helfer nötig, so ruft mich, und ich bin zur Stelle.«

Venne hörte dem Unbekannten mit einer gewissen Neugier zu. Merkwürdig, die freimütige Art, in der er ihr huldigte, verletzte sie nicht annähernd so, wie die zierlichen Redewendungen des Herrn von Woltwiesche es von Anfang an getan hatten. Sein offener Blick schien trotz des düsteren Handwerks, mit dem er in Verbindung stand, nichts Falsches zu kennen. Als er geendet hatte, sagte sie, immer noch in einem fröhlichen, freundlichen Ton: »Aber wo finde ich denn den Herrn Unbekannt, wenn ich ihn nötig habe?«

Der Fremde neigte sich zu ihr: »Dann fragt nur bei den Brüdern im Kloster zum Grauen Hofe nach; dort wird man Euch bescheiden können. Ihr seht also,« schloß er scherzend, »ich bin nicht immer in so verwahrloster Gesellschaft.«

Als Venne den Goslarer Freunden von ihrem Abenteuer berichtete, wobei sie das Verhalten des Führers, oder was er gewesen, rühmend hervorhob, sagte Johannes Hardt sogleich: »Das war Hermann Raßler. Der hat gewiß geglaubt, uns wieder einen Tort antun zu können. Und Du darfst froh sein, daß Du als Goslarerin so glimpflich davonkamest.« Venne widersprach: »Ich glaube, daß er mich auch gleich ritterlich behandelt haben würde, hätte er gewußt, wer ich bin.«

Die Freude über ihre glücklich erfolgte Heimkehr erlitt einen jähen Stoß, als sie von dem Unfall hörte, der Heinrich Achtermann vor seiner Abreise betroffen hatte. Und sie war vollends entsetzt, als sie die Einzelheiten vernahm, die ihn herbeiführten. Tränen der Scham und der Verzweiflung füllten ihre Augen. »Wie konntest Du mir das antun, Katharina! Nun ist alles aus zwischen Heinrich Achtermann und mir. Was wird er gedacht haben, daß ich ihn an mich kuppeln wollte, wie eine feile Dirne sich ihren Liebhaber sichert!«

Katharina war untröstlich über den Schmerz, den sie, die es doch so gut gemeint hatte, ihrer Herrin bereitete. »Aber ich habe ja längst versucht, die Sache richtigzustellen und will gern mit dem Ratsherrn selbst sprechen, wenn Du es verlangst«, wimmerte sie.

Doch Venne wehrte ab: »Laß um Gottes willen Deine Hände davon. Du würdest nur noch mehr verderben, als schon geschehen ist. Was noch zu tun ist, liegt mir selbst ob.«

Entrüstet und bekümmert erzählte sie den Hardts, was Katharina angerichtet habe. Diese hatten davon noch nichts gehört. Achtermann mußte also verboten haben, darüber zu sprechen. Johannes wollte darin ein günstiges Zeichen sehen, doch Venne teilte diese Auffassung nicht. »Ihr kennt den Mann nicht in seinem Starrsinn, der an Bosheit grenzt. Wäre wenigstens Heinrich da, daß ich mich vor ihm rechtfertigen könnte, dann möchte es sich vielleicht noch zurechtgeben. Aber aufgeklärt werden muß die Sache, und da ich beschuldigt bin, werde auch ich selbst diese Aufklärung herbeiführen.«

Daneben erhob sich die Frage, wie nun ihre Angelegenheit mit dem Rat behandelt werden müsse. Johannes Hardt stellte sich ihr zur Verfügung, riet aber, abzuwarten, bis das Schreiben des Kaisers eingetroffen sei. Inzwischen führte Venne ihren Vorsatz aus und suchte den Ratsherrn Achtermann auf. Es bedurfte ihrer ganzen Willenskraft, um nicht im letzten Augenblick umzukehren. Denn das Bewußtsein, daß sie dem Manne gegenübertreten sollte, der für das Scheitern ihres Lebensglücks verantwortlich zu machen war, lastete mit erdrückender Schwere auf ihr. Sie hatte einige Zeit zu warten, bis der Gefürchtete und beinahe Verhaßte durch eine kleine Seitentür ins Zimmer trat. Sein kühler, abweisender Blick sagte ihr, daß sie nichts Gutes von ihm zu erwarten habe.

»Wie komme ich zu der zweifelhaften Ehre, Euch in meinem Hause zu sehen?« fragte er mit schneidender Kälte. Venne schoß das Blut ins Gesicht.

»Ihr habt kein Recht, mich in dieser verletzenden Art und Weise zu empfangen, Herr Achtermann«, antwortete sie, sich mühsam beherrschend. »Ohne triftigen Grund sähet Ihr mich freilich nicht hier. Aber ich will mich gegen Verleumdungen verteidigen, die man über mich in meiner Abwesenheit in Umlauf setzte und an denen auch Ihr, wie ich höre, nicht unbeteiligt seid.«

»Ich bin gespannt auf diese Verteidigung, wenngleich sie vor mir wenig angebracht ist«, sagte er mit unverändertem Hohn.

Venne beteuerte, daß sie von dem ganzen Vorhaben nichts gewußt und erst jetzt davon gehört habe, zu ihrer großen Beschämung.

»Ihr müßt schon einen Dümmeren suchen, als Ihr in mir findet, der Euer Märlein glaubt. Euch auf die Harmlose hinauszuspielen, steht Euch schlecht an.«

Da verließ auch Venne die Ruhe: »Daß Ihr ein hartherziger Vater waret, wußte ich. Daß ihr ein elender Verleumder und Ehrabschneider seid, erfahre ich zur Stunde. Ich will nicht um Eure Gnade betteln. Sagt mir nur noch eins auf Euer Gewissen: Teilt Euer Sohn Eure Meinung von mir?«

Dem Ratsherrn schwoll bei den kühnen und furchtlosen Worten des Mädchens die Zornesader. »Hütet Euch, mich noch zu reizen, Jungfer Richerdes; es möchte Euch teuer zu stehen kommen. Noch bewahre ich Eure Tat bei mir. Gebt mir nicht Anlaß, sie der Öffentlichkeit preiszugeben; es möchte Euch wenig frommen. Und was meinen Sohn anbetrifft, so könnt Ihr Euch sein Urteil selbst ausmalen. Eins sollt Ihr wenigstens wissen: Ehe Ihr in mein Haus als Schwieger einzieht, töte ich meinen Sohn mit eigener Hand. Aber daß das nicht nötig ist, dafür laßt mich allein sorgen.«

Venne war leichenblaß geworden. »Ich danke Euch trotz allem für Eure Mitteilung. Nun sehe ich wenigstens klar, und Ihr mögt unbesorgt sein, daß ich Euer Haus je wieder betrete; doch für Eure Kränkungen und Beleidigungen«, fuhr sie mit erhobener Stimme fort, »sollt Ihr mir Rechenschaft geben, Herr Achtermann!«

»Versucht das lieber nicht«, antwortete er grollend. »Seid froh, wenn ich Euch dazu nicht auffordere. Ich warne Euch vor unbedachten Schritten; es geht dabei um mehr, als Ihr zu wissen scheint oder wissen wollt.«

Zornbebend verließ Venne das Haus. Sie vermochte kaum die Tränen der Wut und der Empörung zurückzuhalten. Zu Hause aber ließ sie ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung freien Lauf. Es überfiel sie ein Weinkrampf, und ihre klagende Stimme gellte durch das leere Haus. Die gute Katharina wußte sich keinen Rat, und sie weinte aus Erbarmen ebenfalls zum Herzzerbrechen.

Zufällig kam Gisela Hardt um diese Stunde. Sie war zunächst ratlos gegenüber dieser wilden Verzweiflung, ihrem milden Trost und Zuspruch gelang es doch zuletzt, Venne etwas zu beruhigen. Sie hielt die Unglückliche in ihrem Arm und tröstete sie, wie man ein weinendes Kind zur Ruhe bringt. Als sie schied, ging sie mit schwerem Herzen davon. Denn hier versagte zuletzt wirklicher Trost, der auch das Mittel zur Heilung anzugeben weiß.

Als die Botschaft aus Worms eingetroffen war, erhielt Venne eine Vorladung vor den Rat. Sie fühlte sich durch den Vorgang im Hause des Ratsherrn so zermürbt, daß ihr alles gleichgültig geworden war. Aber jetzt feuerte Johannes Hardt sie an, ihr Recht zu wahren. Er erbot sich, ihr mit allen seinen Kräften zur Seite zu stehen, und er hielt dieses Versprechen auch ehrlich bis zuletzt, auf die Gefahr hin, daß sein mannhaftes Eintreten ihm für seine weitere Laufbahn schaden könne.

Das kaiserliche Schreiben an den Rat war maßvoll gehalten, und es ließ die Verhandlung zwischen beiden Teilen zu. Man erwog das Für und Wider, und schon schien es, als ob die Angelegenheit eine für Venne befriedigende Lösung finden werde. Da machte Achtermann alle Geneigtheit zunichte durch seinen rücksichtslosen Widerspruch. Er bewies noch einmal, daß sich die rechtliche Grundlage nicht zugunsten des Richerdesschen Anspruches geändert habe, und forderte unter Hinweis auf die Folgen eines solchen Präzedenzfalles Zurückweisung des Anspruches trotz des kaiserlichen Schreibens. Sein Einfluß siegte, und Venne erhielt den Bescheid, daß man nicht gesonnen sei, zu zahlen.

Das Geld würde sie verschmerzt haben, wenngleich sie für die Zukunft bitterer Armut ausgesetzt war. Daß es ihr jedoch nicht gelingen sollte, die Ehre ihres Vaters rein zu waschen, das erfüllte sie mit namenlosem Zorn. Sie hockte in ihrem Zimmer, allein mit ihrer Verzweiflung und ihrem Grimm. Immer wieder stiegen ihr die Tränen auf in Erinnerung an all die Schmach, die man ihr angetan, und das Unglück, das sie unschuldig traf. Johannes Hardt wies sie zurück, und auch Gisela vermochte mit ihrem sanften Trost nichts über sie. »Laßt mich, Ihr könnt mir nicht helfen. Ich muß versuchen, allein durchzukommen.«

Sie berührte kein Essen, immer tiefer fraß sie sich in ihre verbissene Wut. Von aller Welt kam sie sich verlassen vor, verhöhnt, gehetzt; es war die richtige Stimmung, um den Menschen zu verzweifelten Schritten zu verleiten.

In dieser Stimmung besann sie sich der Worte jenes Fremden, der Hermann Raßler sein sollte. Er haßte gleich ihr den Rat von Goslar. Bei ihm würde sie Verständnis für ihre Lage finden. So machte sie sich auf den Weg zu dem in Waldeseinsamkeit gelegenen Kloster der Grauen Brüder, dem heutigen Grauhof.

Man war dort über ihren Prozeß unterrichtet, und es schien, als ob auch der Fremde schon von ihrer Lage gehört hatte, denn er hatte genaue Anweisung für den Fall gegeben, daß Venne Richerdes nach ihm frage.

»Ihr trefft, den Ihr sucht, in Wolfenbüttel in der Herberge zum ›Anker‹. Fragt dort nach Herrn Starke, so wird Euch weitere Auskunft werden.«

So trat Venne die Reise nach der herzoglichen Residenz an. Daheim und den Freunden gegenüber verschwieg sie alles, was sie vorhatte.

Im Schlosse zu Wolfenbüttel residierte Herzog Heinrich der Jüngere, wenn er nicht mit seinen Reisigen im Felde lag gegen den Hildesheimer Bischof, gegen die Vettern seines eigenen Stammes im Kalenbergschen, im Göttinger Lande oder wo immer Bellona einen Vorteil verhieß und die Austragung alter Gegensätze erlaubte. Die Mauern und Wälle der guten Stadt Wolfenbüttel dünkten ihm und seinen Vorfahren noch nicht Schutzes genug gegen Gelüste, sich an seiner fürstlichen Person zu vergreifen.

Dem Rat von Braunschweig, wie jedem einzelnen Braunschweiger, traute er ohne weiteres die Frechheit zu, daß sie, wenn sie es vermöchten, ohne ehrerbietigen Gruß bei ihm eindringen und ihn als gute Prise mit sich schleppen würden. So war das Schloß, das sich als ein gewaltiges Gebäudegeviert um einen kleinen Binnenhof lagerte, noch wieder eine Festung für sich, umspült von dem breiten Graben eines Okerarmes und in sich geschützt durch mächtige Mauern und starke Türme, an denen sich diejenigen, die dennoch die Stadt bezwungen hätten, erst noch ihre Dickköpfe einrennen mochten, ehe sie vor ihm selbst mit ihren unhöflichen Forderungen auftreten konnten.

Im Schlosse selbst lag eine starke Guardia, eine Leibwache, einquartiert, unter dem Befehl eines Hauptmanns. An den zwei Toren, die den Einlaß zum Hofe und zum inneren Schlosse freigaben, standen Wachen, die jeden Ein- und Ausgehenden auf seine Zuverlässigkeit hin musterten. Ohne genügenden Ausweis gelangte kein Fremder durch das Tor.

Der Ankömmling, der in diesem Augenblick die Wache unangehalten passierte, mußte also allen wohlbekannt sein, denn weder machte er Anstalt zu einer Legitimation, noch wagte einer der Wachleute ihn zu befragen. Auf dem Kopfe trug er eine dunkle Lederkappe, die mit einem Reiherstoß geschmückt war. An der Seite hing ihm in goldverziertem Gehänge der Degen.

Die Wachen sahen ihm mit schlecht verhehltem Neide und Unwillen nach. »Das spreizt sich, als ob er des Herzogs leibhaftiger Vetter wäre«, murrte der Korporal Schünemann, der Wachthabende, zu dem Doppelsöldner Karsten Süßkind. »Unsereiner ist Luft für den Herrn, als ob man nicht mit Ehren seine Kampagnen hinter sich hätte.«

»Er ist ja auch mehr als Ihr und ich, Korporal«, höhnte Süßkind. »Wir beide haben es noch nicht zum Hauptmann gebracht. Möchte freilich nicht mit ihm tauschen, denn zum Räuberhauptmann ist sich meiner Mutter Sohn doch zu schade.«

»Der Herr Herzog nimmt aber keinen Anstoß daran,« mischte sich ein dritter ein, »ebensowenig wie der Herr Kriegsrat Tewes, der ja oft mit ihm konferiert.«

»Herzog Heinrich wird schon seine Gründe haben, weshalb er den Raßler so oft bei sich sieht,« verteidigte der Korporal seinen Herrn, »und er wird mit dem Manne sich nicht weiter einlassen, als sein Interesse es fordert.«

Der, von dem die Rede war, bog indes rechts ab in das Schloß und stieg die Treppe hinauf. Er mußte genau Bescheid wissen, denn er fand sein Ziel, ohne jemand zu fragen. An dem Zimmer, in welchem der Geheime Kriegsrat Tewes über Akten und Plänen saß, klopfte er kurz an und trat auf das »Herein« sofort mit energischem Schritt ein. Tewes blickte auf. Er ging dem Ankömmling sogleich entgegen. »Sieh da, Herr Raßler,« sagte er höflich, »das trifft sich gut. Wir hatten Sehnsucht nach Euch«, setzte er scherzend hinzu.

Der Herr Kriegsrat galt als hochmütig, und es sprach für die Wertschätzung, welche Herr Raßler in dem Schlosse genoß, wenn er ihm das Prädikat »Herr« zuerkannte.

»Da treffen sich die Wünsche gegenseitig,« entgegnete Raßler, »denn auch mich trieb es hierher.«

»Famos, famos,« hüstelte das vertrocknete Männchen, »da können wir gleich ›in medias res‹, wie der Lateiner sagt, gehen.«

»Nicht doch, Herr Tewes,« unterbrach ihn Raßler kurz. »Dieses Mal will ich zuvor mit dem Herzog sprechen. Nachher stehe ich Euch zur Verfügung.«

Es gab dem Höfling einen Stich durch das Herz, daß der Unverschämte den ihm gebührenden Titel einfach unterschlug; aber er wußte, was der Mann beim Herzog galt, der ein für allemal angeordnet hatte, ihn recht glimpflich zu behandeln. So zwang er seinen Unwillen nieder und sagte höflich: »Der Herr Herzog sind im Augenblick sehr beschäftigt und würden eine Störung unliebsam empfinden. Vielleicht kommt Ihr zu gelegener Stunde morgen wieder.«

»Ich denke, Ihr habt Euch nach mir gesehnt, Herr Rat,« fragte Raßler spöttisch, »da darf doch keine Minute verloren werden; und denkt Euch, was ich auf dem Herzen habe, erlaubt auch keinen Aufschub.«

»So will ich versuchen, den Herrn zu melden«, fuhr Tewes gekränkt fort.

»Tut das, Herr Tewes, aber nehmt es nicht übel, wenn ich alsdann allein mit dem Herzog zu sprechen wünsche.«

Raßler fand den Herzog mit einem Apparat beschäftigt, der sein ganzes Interesse in Anspruch nahm.

»Sieh da, der Raßler«, sagte er mit kurzem Aufblicken. »Wartet ein Weilchen; ich bin dabei, diese wunderbare Einrichtung zu studieren. Wißt Ihr, was es darstellt« fragte er dann, während seine Hände noch immer an Schrauben und Rädchen drehten und stellten.

»Es muß wohl mit den Sternen zu tun haben, wie ich sehe. Wohl eines der neumodischen Dinger, von denen man jetzt so viel reden hört«, antwortete Raßler.

»Ganz recht,« fiel ihm Heinrich ins Wort, »es ist ein Astrolabium, mit dem man sich und anderen das Horoskop stellt, um das eigene oder fremde Schicksal zu erkunden. Wäre es Abend, so könnte ich Euch ansagen, was Eurer harrt.«

»Ich danke, Ew. Gnaden«, antwortete Raßler. »Gebt Euch die Mühe nicht. Mich verlangt es nicht, im voraus zu wissen, was aus mir wird. Das nimmt nur die Sicherheit und trübt den Blick.«

»Wie Ihr wollt, wie Ihr wollt«, sagte der Herzog etwas gekränkt, daß der Besuch so wenig Gewicht auf seine Neuerwerbung legte. »Mir ist es jedenfalls von hohem Wert, daß ich im voraus weiß, woran ich bin. Ich finde mich leidlich mit dem Apparat zurecht. Lieber freilich wäre es mir, ich hätte einen tüchtigen Astrologen, der würde mir alles noch zuverlässiger deuten können.«

»Vielleicht bleibt mir einmal ein solches Menschenkind im Netz, dann bringe ich ihn spornstreichs hierher.«

»Sehr gut,« erwiderte Heinrich, »und Ihr könnt unseres Dankes sicher sein. Übrigens«, fuhr er fort, »kommt Ihr wie gerufen, wir hatten uns schon nach Euch erkundigt, haben eilige Arbeit für Euch.

Da ist die Hildesheimer Sache. Die will nicht recht vom Fleck. Ihr wißt ja, wir haben die Reichsacht auszuführen gegen den störrischen Bischof. Sehr ehrenvoll, uns den Auftrag zu geben, aber die Mittel zu finden, überließ man großmütig uns. So sitzt der Herr mit seinem Krummstab ruhig in Hildesheim und lacht uns aus. Der vertrackte Rat von Goslar leistet nur widerwillige und mangelhafte Hilfe. Werden uns der Herren Pfeffersäcke wieder einmal etwas annehmen müssen, um sie kirre zu machen. Inzwischen sollt Ihr uns helfen, sollt dem Bischof mit Euren Leuten eine Laus in den Pelz setzen, daß er sich vor Jucken nicht zu helfen weiß.«

»Ich stehe Euch zu Diensten, Herr Herzog«, antwortete Raßler. »Ich habe gerade einen tüchtigen Wurf entschlossener Männer zur Hand, mag sich wohl rund auf ein Fähnlein belaufen. Doch ich habe dieses Mal auch einen besonderen Wunsch an Eure Gnaden.«

Der Herzog, der fürchten mochte, daß er besonders zahlen solle, wehrte ab.

»Ihr wißt, Raßler, daß bei dem Handel für uns nichts weiter als die Ehre abfällt. Eure Leute mögen sich am Beutemachen schadlos halten.«

Aber Raßler entgegnete: »Ihr irrt, Herr Herzog. Mir selbst ist es zeitlebens wenig um Schätze zu tun gewesen. Wo ich zuschlug, hatte es andere Gründe. Doch ich bin es müde, wie ein Wegelagerer durch das Land zu fahren. Ich habe mich immer als ein ehrlicher Kriegsmann gefühlt und als solcher gehandelt. An meinen Händen klebt kein Blut, das nicht in ehrlichem Kampfe Mann gegen Mann verspritzt wäre, und auch meine Leute hielt ich an, so zu verfahren. Taten sie es nicht immer, so ist es mir leid, und wo ich es erfuhr, bin ich übel dreingefahren, das dürft Ihr mir glauben. Nun aber bin ich der Sache überdrüssig. Und ich will fürderhin auch äußerlich sein, was ich innerlich immer gewesen bin. Kurz, ich bitte Euch, Herr Herzog, leiht mir Euren Beistand dazu und macht mich zu Eurem Hauptmann.«

Der Herzog war überrascht. Das zu hören, hatte er nicht erwartet. Aber die Sache kam ihm sehr ungelegen. »Das wird doch seine Schwierigkeiten haben. Seht, Raßler, wir haben doch Rücksichten zu nehmen. Ihr wißt doch ...«

»Ich weiß, Herr Herzog.« fiel ihm jener ins Wort, »daß ich als Räuberhauptmann gelte. Doch Ihr habt nie Bedenken gehabt, mit diesem zu verhandeln, und ließet Euch seine Dienste gern gefallen. Kommt es zuletzt auf den Namen an und erscheint Euch der Name ›Raßler‹ zu abgenutzt, nun, Ihr habt Vollmacht und Namen genug, um einen solchen auszuwählen, mit dem sich Euer neuer Hauptmann sehen lassen kann.«

»Aber das ist ja Unsinn, den Namen ändern, Hauptmann werden«, zürnte der Herzog. »Plagt Euch denn der Ehrgeiz auf einmal, daß Ihr etwas Besonderes prästieren wollet, oder hat es sonst einen Grund?«

»Einen Grund hat es schon,« antwortete der Gefragte, »aber Ehrgeiz ist es nicht oder doch nur zu einem Teil.«

»Nun so wird er auch wieder vergehen«, meinte Heinrich. »Über ein kurzes werdet Ihr selbst über Euren Unsinn lachen.«

»Seid überzeugt, Herr Herzog, daß ich das nicht tun werde. Und nun Eure Antwort.«

»Und wenn ich ›Nein‹ sage?« forschte Heinrich.

»So müßt Ihr Euch zur Stunde einen anderen suchen, der Euch hilft. Ich rühre keine Hand mehr für Euch.«

»Teufel,« fluchte der Fürst, »das nenne ich dreist. Ich kann Euch zwingen und werde Euch zwingen, zu gehorchen.«

»Das glaubt Ihr selbst bei Hermann Raßler nicht, Herr Herzog«, fiel jener spöttisch ein. »Also noch einmal, Eure Antwort! Erfüllt meine Bitte, und Ihr sollt Eure Freude an mir haben. Der Herr Bischof soll fluchen lernen, als ob er nie das Vaterunser gebetet habe, und Eure Freunde in Goslar sollen sich ärgern, daß sie platzen. Mit ihnen habe ich zwischendurch sogar noch ein besonderes Stücklein zu erledigen. Aber erst Eure Antwort!«

»So schert Euch an die Arbeit. Ist sie getan, so werde ich Euren Wunsch erfüllen.«

»Euer Wort?« versicherte sich Raßler.

»Auf mein Fürstenwort«, antwortete Heinrich. Da ging Hermann Raßler vergnügt davon.

Im »Anker« erfuhr Raßler, daß ein Frauenzimmer nach ihm gefragt habe. Das Fräulein, oder was es sei, habe den Anstand und das Auftreten einer Dame. Er dachte sogleich an Venne, und sein Herz schlug freudig erregt, daß er sie wiedersehen und ihr vielleicht Hilfe bringen sollte. Bald darauf kehrte Venne zurück und wurde zu ihm gewiesen. Er begrüßte sie mit ehrerbietiger Freude.

»Das nenne ich eine frohe Überraschung, Jungfer Venne Richerdes«, sagte er mit glänzenden Augen.

»Ihr kennt meinen Namen?« fragte sie überrascht.

»Wie Ihr merkt«, antwortete er. »Seit ich Euch sah, bin ich nicht müßig gewesen, zu erkunden, wer die schöne Unbekannte sei, der ich unweit Seesen begegnete.«

»So wißt Ihr wohl auch schon, was mich zu Euch führt?« forschte sie weiter.

»Ich glaube es zu wissen«, erwiderte er ernst. »Und Ihr mögt glauben, daß ich Euch zur Verfügung stehe mit allem, was ich habe und kann.«

Dann erzählte Venne, wie übel man ihrem Vater und ihr mitgespielt habe. Raßler unterbrach sie nicht, aber die Ader schwoll auf seiner Stirn, und seine Fäuste ballten sich bei jeder Kränkung, die ihr widerfahren war.

»Das ist abscheulich, das ist gemein gehandelt,« rief er, als sie geendet, »und dieser Achtermann ist der größte Schuft, den ich je gesehen. Aber gnade Gott ihm, wenn er mir unter die Fäuste gerät. Euch wird Euer Recht werden, Jungfer Venne, glaubt es mir, und sollte ich es vom Himmel herabholen!«

Hermann Raßler war indes nicht der Mann langer Gefühlsergüsse, wenn es die Tat galt. Und so fand er sich von seinem Zornesausbruch sehr bald wieder zum praktischen Leben zurück.

»Was soll nun geschehn? Habt Ihr schon einen Plan gefaßt?« fragte er Venne.

»Nein,« antwortete sie bedrückt, »ich kam zu Euch, um mir Rat zu holen.«

»Den sollt Ihr haben, und zwar kurz und bündig. Er lautet: Sagt der verfluchten Stadt auf, werft ihr den Fehdehandschuh hin, und ich werde das Werkzeug sein, sie Eure Rache fühlen zu lassen.«

Venne erschrak vor dem Vorschlag: sie sollte ihre Heimatstadt mit Krieg und Kampf bedrohen? Der Gedanke kam ihr zu fürchterlich vor. Aber Raßler verstand es, ihre Bedenken zu zerstreuen. Wieder und wieder ließ er die Demütigung vor ihren Augen erstehen, deren Opfer sie unschuldigerweise geworden war. Und außerdem beschwichtigte er sie über das Blutvergießen, das bei dem Austrag der Fehde eintreten könnte.

»Nicht darauf kommt es an, daß Menschenleben verlorengehen, sondern daß den reichen Protzen der Geldsack geschmälert wird. Laßt mich nur machen. Wo ich sie fassen kann, sollen sie bluten. Ob es nun ihre Herden sind oder ihre Waren. Nichts, nichts soll sich jetzt noch ungestraft außerhalb ihrer Mauern sehen lassen. Und selbst in ihrem Neste will ich ihnen einheizen, daß ihnen der Atem ausgeht.«

»Aber dann bin ich ja für allezeit von meiner Heimat ausgeschlossen«, wandte Venne ein.

»Für längere Zeit ja, für immer aber braucht das nicht zu sein. Ihr wäret nicht die erste, die einem Orte aufsagt und später doch wieder in seinen Mauern wohnt. Doch ich sollte meinen, Euch wäre der Appetit auf Goslar vergangen. Auf jeden Fall sehe ich keinen anderen Weg, Euch zu Eurem Rechte zu verhelfen, als den der Gewalt.«

»Vergebt nur, Herr Raßler, wenn ich mich unvernünftig benehme, aber ich kann nicht so schnell von meinen Gefühlen loskommen. In Goslar ist alles, was sich für mich mit dem Begriff ›Leben‹ verbindet; dort sind die Gräber meiner Eltern, dort leben mir auch jetzt noch wahre, treue Freunde. Alles das soll ich aufgeben, um heimatlos in der Welt zu stehen? Nein, das kann ich nicht, kann ich wenigstens im Augenblick nicht. Ich muß, ehe das Schlimme vor sich geht, was Ihr vorschlagt, alles geordnet haben, will auch noch versuchen, ob ich nicht wenigstens eine Ehrenrettung des Vaters in irgendeiner Form erreichen kann. Schlägt auch das fehl, so bin ich zum Äußersten bereit.«

»Ich kann Euch nicht halten, aber ich will Euch nicht verschweigen,« entgegnete Raßler, »daß ich in Sorge um Euch bin, solange Ihr in Goslar weilt. Was Ihr mir von Achtermann erzähltet, läßt mich noch Schlimmeres befürchten, als es der Zwang ist, den sie Eurem Recht antaten. Auf jeden Fall bleibt nur so lange dort, als es unerläßlich nötig ist. Ich warte Eurer indessen. Und wenn Ihr die Stadt verlaßt, so begebt Euch zum Kloster Riechenberg. Dort werdet Ihr einigermaßen sicher sein. Dort findet Ihr auch mich selbst oder erfahrt den Ort, wo ich zu treffen bin. Es wird in der Nähe sein.«

Venne Richerdes kam nicht dazu, aufs neue Verhandlungen anzuknüpfen mit dem Rate oder der Stadt. Von Johannes Hardt erfuhr sie, daß inzwischen ein Schreiben des Geheimschreibers vom Bischof von Hildesheim, Woltwiesche, eingetroffen sei, in welchem er sie beschuldigte, den Rat von Goslar, insonderheit den Bürgermeister Karsten Balder, vor dem Kaiser in Worms gröblich verleumdet und beschuldigt zu haben.

»Der Schuft!« das war alles, was Venne zu dieser Niedertracht sagte. Aber Johannes war in großer Sorge um sie. »Ihr müßt die Stadt verlassen, denn ich fürchte, daß der Rat Euch verklagen und Euch den Prozeß machen wird. Und das geistliche Gericht wird Euch vollends seine Macht fühlen lassen!«

»Diese schlimmen Männer,« klagte Gisela, »wollen sie denn die arme Venne gar nimmer in Ruhe lassen? Können wir sie nicht bei uns verbergen?« meinte sie dann zu Johannes gewendet.

»Das würde ein schlechtes Versteck sein«, erwiderte ihr Gatte. »Bei uns sucht man sie zuerst, wenn sie auf der Bergstraße nicht zu finden ist. Ich fürchte, man wird sie noch anderer, schlimmerer Dinge bezichtigen. Man will Venne in Wolfenbüttel gesehen haben und vermutet, daß sie mit dem Herzog konspirierte. Auch murmelte Achtermann noch von besonderen Sachen, die er vorzubringen habe. Wir mögen uns vorstellen, was er meint. Und rücksichtslos und nachträglich, wie er ist, kann er allein aus der Zaubertrankgeschichte Venne ein schlimmes Gebräu zurichten. Ich rate also, Venne, verlaßt die Stadt, sobald Ihr könnt, am besten noch heute, ehe man nach Euch fragt.«

Venne war erblaßt, aber aus ihren Augen blitzte düstere Entschlossenheit. »Ich danke Euch, Johannes, und Dir, liebe Gisela, für alles, was Ihr für mich getan habt. Ihr habt recht, Johannes, mir bleibt nichts übrig, als zu fliehen. Was ich hier vernehme, erleichtert mir allerdings den Entschluß, den ich zu fassen habe. Ich breche alle Brücken hinter mir ab, und der Rat mag die Verantwortung für das tragen, was kommt.«

»Was hast Du vor?« fragte Gisela ängstlich, und Johannes warnte: »Venne, begeht keine Unbesonnenheit. Es handelt sich jetzt nur darum, Euch in Sicherheit zu bringen. Ich werde Eure Sache vertreten und hoffe, daß Ihr über ein kurzes wieder friedlich unter uns weilen könnt.«

Venne lächelte düster zu den Worten Johannes'. »Was ich plane, Gisela, muß ich für mich behalten. Ich fürchte, die Heimat verliere ich für immer mit dem Augenblick, wo ich jetzt Goslar verlasse. Aber einmal muß ich noch in die Bergstraße, um vom Vaterhause und der guten Katharina Abschied zu nehmen. Ich sah sie noch nicht, seit ich zurückkehrte, und sie soll wissen, daß ich hier war. Um sie tut es mir besonders leid. Wollt Ihr mir einen letzten Dienst erweisen, so nehmt Euch der treuen Seele an, wenn ich fort bin.«

Die gute Alte war außer sich, als sie hörte, Venne wolle von ihr fort. »Und ich bin allein schuld an dem ganzen Unheil«, klagte sie sich mit bitteren Tränen an.

»Meine gute Katharina,« beruhigte sie Venne, »Du bist nicht schuldig. Schuld trägt die Bosheit und Schlechtigkeit unserer Feinde und Widersacher. Soll ich mich denn wehrlos in deren Hände geben? Das kannst Du nicht wollen, also gib Dich zufrieden und mache mir den Abschied nicht zu schwer. Ich hoffe, daß wir uns bald wiedersehen. Inzwischen halte hier gut haus. Und was Du auch über mich hören wirst, Du weißt, Deine Venne tut nichts, was sie nicht glaubt vor ihrem Gewissen verantworten zu können.«

Sie nahm die arme Alte fest in die Arme und streichelte die haltlos Schluchzende. Dann verließ sie das Haus ihrer Väter. Um ganz sicherzugehen, wartete sie die Dämmerung ab und schlüpfte dann durch das Mauerpförtchen an der Frankenberger Kirche, wo sie die Frau des Wärters ohne Arg hinausließ.

Ein kurzer Weg führte sie über die Landwehr nach dem Kloster Riechenberg. Dort wartete ihrer beim Pförtner die Nachricht, daß Raßler im Kloster sei. Er wurde geholt. In seinen Augen glomm die Freude über ihre Ankunft.

»Ich hatte schon Sorge um Euch. Aber nun ist alles gut. Wir werden noch eine Strecke heute abend zurücklegen müssen, da Euch als Frau der Zutritt zum Kloster verwehrt ist. Im Amtshause zu Langelsheim, eine Wegstunde von hier, finden wir Unterschlupf für die Nacht, und morgen bringe ich Euch an einen Ort, wo wir in aller Sicherheit und Ruhe erwägen können, welche Schritte zu unternehmen sind.«

So geschah es. Der herzogliche Vogt in Langelsheim zeigte sich beflissen, alles nach den Wünschen Raßlers einzurichten. Man merkte, auch hier galt dessen Wille fast ebensoviel wie das Wort des Herzogs selbst.

Am nächsten Morgen brachen sie zu Pferde auf. Venne achtete nicht darauf, daß einige Reiter nach ihnen ebenfalls aus dem Orte ritten. Es war die Nachhut, die Raßler sich folgen ließ, um gegen jede Überraschung gesichert zu sein. Bei dem Dorfe Dolgen verließen sie die Landstraße und bogen rechts ab, einem kleinen Weiler zu, der in Waldeinsamkeit träumte. Es war Rohde, eine Siedlung, die aus einigen Häusern bestand. Auf dem einzigen Hofe kehrten sie ein. Wieder zeigte sich die Fürsorge Raßlers, denn die Leute waren unterrichtet und hatten ein Zimmer hergerichtet, in dem trotz aller Einfachheit das Behagen wohnte.

Ermattet von dem Ritt in der Sonne, ließ sich Venne am Tische nieder. Raßler empfahl sich: »Ich lasse Euch allein, damit Ihr Euch ausruhen könnt. Wenn Ihr etwas nötig habt, ruft nur, die Wirtin wird Euch zur Verfügung stehen. Mich selbst könnt Ihr zu jeder Stunde erreichen. Beliebt es Euch, werde ich die Mahlzeit mit Euch einnehmen. Wollt Ihr allein speisen, so sagt es ruhig. Mir liegt daran, daß Ihr wieder ins Gleichgewicht kommt. Morgen sprechen wir über alles Weitere.«

Venne war ihm dankbar, daß er sie allein ließ. Müde streckte sie sich auf das bereitete Lager nieder. Wild stürmten die Gedanken auf sie ein, aber allmählich schlief sie infolge der Müdigkeit ein. Doch es war kein erquickender Schlummer. Wilde Träume durchjagten ihr Gehirn, und zuletzt wachte sie mit einem Schrei auf. Es hatte ihr geträumt, sie solle gefoltert werden. Achtermann war der Henker und näherte sich ihr mit glühender Zange, um sie zu brennen. Auf den Schrei trat die Wirtin herein und fragte, ob ihr etwas fehle. Venne schämte sich ihrer Schwäche und bat um das Abendbrot, da sich der Tag dem Ende neigte. Es war ihr noch ganz unheimlich zumute von dem bösen Traum, und die Einsamkeit und Stille lastete auf ihr wie ein Druck. Deshalb ließ sie Raßler ersuchen, er möge mit ihr zusammen essen.

Raßler bewies, daß er über durchaus gute Manieren verfügte. Er fiel weder durch eine ungeschickte Bewegung, noch durch ein Wort auf. Zwar konnte er es nicht hindern, daß sein Blick immer wieder mit Bewunderung auf ihr ruhte, aber diese Huldigung offenbarte sich so achtungsvoll, daß sie nichts Verletzendes für Venne enthielt. Es kam bei ihr noch das Gefühl des Dankes für den Mann hinzu, der sich ihrer in dieser Stunde der höchsten Not uneigennützig annahm.

Am nächsten Tage legte er ihr einen Absagebrief an Goslar in aller Form vor. Er lautete:

»So sagen wir Euch denn, Stadt und Rat von Goslar, auf; erklären auch, Euch fleißig heimsuchen zu wollen, wo immer wir können. Auch beauftragen wir mit der Ausübung unserer Absage den Herrn Hermann Raßler, als welcher von heute ab, als dem Tage nach St. Antonius, in meinem Dienste zu stehen sich erkläret.

Datum zu Rohde, am 10. Tage des Mondes Maji 1500 und im zwanzigsten und zweyten Jare,

Venne Richerdes.«

Dieser Fehdebrief haftete schon am nächsten Morgen am St.-Viti-Tore zu Goslar und rief in der Stadt ungeheure Aufregung hervor. Man wußte, wessen man sich von Raßler zu versehen hatte, und Fluchen und Klagen erscholl überall. Im Rate vernahm man die Absage mit Wut und Grimm, und Achtermann schwur, wenn man Venne Richerdes ergreife, sie dem Henker als gemeine Hexe übergeben zu wollen. Wie ernst es dieser aber, wie vor allem Raßler mit der Ausübung der Fehde war, zeigte sich schon am Abend, als vor dem Breiten Tore zwei Feldscheunen in Flammen aufgingen. Man schimpfte auf den Rat, man fluchte auf Venne Richerdes und Hermann Raßler, aber man hatte sie nicht, um Vergeltung zu üben.

Venne erfuhr gar nicht, wie inzwischen ihr Beauftragter sein Amt ausführe. Sie saß im stillen Rohde und ließ die Einsamkeit und Ruhe auf sich wirken. Am Tage beschäftigte sie sich auch gern mit den Kindern des Bauern, die, nachdem sie die erste Scheu überwunden hatten, mit stürmischer Zärtlichkeit an ihr hingen. Das Kleinste saß auf ihrem Schoß und hielt die Ärmchen um sie geschlungen, als einmal Raßler dazukam. Überrascht blickte er auf die liebliche Gruppe, dann aber quoll es heiß in ihm auf: Das war das Bild, das ihm vorschwebte für die Zukunft. Wenn er diese Frau gewönne, wäre alles ausgetilgt, was ihm an Häßlichem und Niedrigem im Leben widerfuhr. Dieser Traum war auch der Anlaß gewesen, weshalb er den Herzog bat, ihn zum ehrlichen Kriegsmann zu machen. Alles Edle in ihm drängte zum Licht. Er wollte heraus aus dem Schmutz, in dem er bis an die Knie gewatet hatte, seitdem man ihn wegen der Jugendstreiche aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

»Venne, werde die Meine«, das war sein Sehnen. Aber er zwang das Wort nieder, das sich ihm auf die Lippen drängte. Er wollte das Mädchen nicht beunruhigen, das sich vertrauensvoll in seinen Schutz begeben hatte. Erst für sie kämpfen, ihr Recht verschaffen, dann würde er vor sie hintreten und sie um sein Urteil bitten, das ihn zum glücklichsten Menschen machen oder der Verzweiflung für immer in die Arme treiben mußte. Das alte Leben würde er nicht wieder aufnehmen, eine Kugel im ehrlichen Kampfe sollte auch ihm dann die Erlösung bringen.

Vier Wochen schon weilte Venne in dem stillen Rohde. Kein Lärm störte die Einsamkeit. Für die Sicherheit sorgten Posten, die in unauffälliger Weise den Ort bewachten. Nichts gemahnte sie daran, daß sie im Kampf lag mit ihrer Heimatstadt. Raßler kam, so oft er konnte. Auf ihre Frage, wie es in Goslar stehe, antwortete er nur immer kurz.

»Es steht gut. Alles andere mag Euch nicht bekümmern. Ist es an der Zeit, so sollt Ihr schon hören, was vor sich geht. Jetzt denkt nur daran, Euch zu pflegen. Ihr seht mir immer noch etwas mitgenommen aus.«

Venne blickte ihn sinnend an: »Was seid Ihr nur für ein Mensch, daß Ihr Euch für mich aufopfert. Und Euch sagt man so viel Schlechtes nach! Könnte ich Euch doch meinen Dank abstatten. Aber ich werde immer in Eurer Schuld bleiben.«

»Vielleicht mache ich einmal meine Forderung geltend. Hoffentlich schreckt Ihr dann nicht vor der Größe derselben zurück!« antwortete er. Dabei sah er ihr mit einem innigen Blick ins Auge. Venne errötete, sagte aber nichts.

In Goslar war derweilen ihr Name und der Raßlers auf aller Lippen. Fast keine Woche verging, in der man nicht über irgendeinen Schaden zu klagen hatte. Da war ein Warenzug trotz reisiger Bedeckung überfallen und weggenommen worden, dort ein Teil der Herde weggetrieben. Klagen und Jammern, wohin man hörte; es wagte sich fast niemand mehr aus der Stadt heraus. Johannes Hardt und sein Weib waren tief bekümmert über die Vorgänge, denn Venne versperrte sich damit den Weg der Rückkehr für alle Zeit. Und es erschütterte sie, daß jene sich in die Hand des Räubers gegeben und so viel Unheil über ihre Vaterstadt gebracht hatte und noch anrichtete.

»Das hätte sie nie und nimmer tun dürfen,« sagte Johannes. »Lieber Unrecht leiden, denn Unrecht tun. Sie kann sich jetzt nicht mehr beklagen, daß man ihr übel mitgespielt habe. Was sie der Stadt angetan hat, wiegt den Schaden hundertfältig auf, den sie erlitt. Sie soll sich nur hüten, sich noch einmal in die Hände des Rates zu geben; ihr kann niemand mehr helfen.«

Auch Gisela war tieftraurig, daß die Freundin diesen Weg gegangen. Und auch ihre selbstlose Liebe fand kaum noch eine Entschuldigung für Venne.

Bei dieser selbst regte sich langsam die Sehnsucht nach der Heimat.

»Oh, könnte ich nur einmal noch die Türme meiner Heimat sehen; einmal nur noch die trauten Räume des Vaterhauses betreten!« seufzte sie in stillen Stunden. Noch zwang sie das Heimweh nieder, aber es pochte immer gebieterischer an ihr Herz.

Als sie Raßler eine Andeutung machte, wehrte er erschrocken ab: »Ihr ahnt nicht, welche Stimmung in Goslar gegen uns herrscht. Man würde Euch steinigen, bekäme man Euch zu Gesichte.«

Da schwieg sie betrübt, doch die Sehnsucht war nicht verflogen.

Wieder verstrichen die Wochen, und immer tiefer wurden die Seufzer und immer größer der Schmerz um die verlorene Heimat. Da sagte sie eines Tages entschlossen zu Raßler: »Ich halte es nicht länger aus. Schafft, daß ich nur einmal, und sei es nur auf eine Stunde, nach Goslar komme und die alte Katharina sehe und spreche, dann will ich gern wieder still sein.«

Raßler wehrte mit aller Entschiedenheit ab. »Um Gottes willen, Venne, steht ab von Eurem Vorhaben. Es ist Euer Verderben. Die Goslarer sind mehr denn je auf der Hut und werden Euch erkennen. Ich kann Euch nicht Euren Feinden ausliefern, denn Euer Tod wäre auch der meinige.« Verzweiflung klang aus seinem Wort, und die treueste Hingebung war auf dem Grunde seiner Augen zu lesen.

»Und dennoch bitte ich Euch, laßt mich hin. Ich verspreche Euch, alles zu tun, wie Ihr es für gut befindet, und mich der größten Vorsicht zu befleißigen. Nur laßt mich hinein nach Goslar!«

»Hinein kommt Ihr schon, Venne Richerdes,« sprach er erschüttert, »aber heraus findet Ihr nicht. Man wird Euch greifen, Euch töten, und das, Venne, überlebe ich nicht. Venne, tut es mir zuliebe. Ihr ahnt nicht, was ich in Euch verliere!« In wilder Angst fast wurden die Worte ausgestoßen. Venne traten die Tränen in die Augen: »Hermann Raßler, es schmerzt mich, daß ich Euch Kummer mache. Ihr habt es wahrlich nicht um mich verdient, Ihr, der Ihr mir der treueste, uneigennützigste Freund waret in dieser Zeit. Glaubt nicht, daß ich Euch das je vergesse. Noch sind die Wunden frisch, die man mir geschlagen, aber es kommt wohl einmal die Zeit, wo sie verharscht sind. Dann will ich auch Euch Antwort geben auf Eure stumme Frage.«

»Venne«, jubelte er, doch dann bezwang er sich. »Ihr habt recht, noch ist es nicht Zeit, Wünsche zu äußern. Aber laßt mir die Hoffnung, dann will ich mich gern gedulden.

Ich werde Euch selbst nach Goslar begleiten und in die Stadt bringen. Mir sind die Wege bekannt, wie man ungesehen hineingelangt.«

Das Käuzchen schrie in der sternlosen Septembernacht vor dem Thomaswall am Dicken Zwinger. Einmal, zweimal, zehnmal wiederholte es seinen klagenden Ruf, daß die guten Bürger hinter der Stadtmauer sich gruselnd die Decken über die Ohren zogen, denn den Todesvogel hört niemand gern. Aber bald öffnete sich leise und geräuschlos ein Mauerpförtchen, und ein verschlafener Kopf lugte heraus. »Wer ist's, der Einlaß begehrt?« war die leise Frage. »Gut Freund«, hieß es ebenso leise. Zwei Gestalten schlüpften durch die Lücke und folgten dem Öffnenden in die warme Stube. Dort traf das Licht der trübe brennenden Kerze die Gäste. Erschrocken fuhr der Wärter zusammen. »Um Gott, Herr Raßler, Ihr hier? Wißt Ihr nicht, was man Euch zugedacht hat? Und Eure Begleiterin?« Damit leuchtete er der zweiten Gestalt unter die Kapuze. »Alle Teufel, Ihr seid ein nettes Paar. Euch, Venne Richerdes, gilt es fast noch mehr als diesem da. Macht nur eilends, daß Ihr wieder aus dem Loche kommt, das ich Euch öffnete, sonst ist's um Euch geschehen.«

Raßler ließ sich ganz behaglich in dem gichtbrüchigen Sessel nieder. »Vorerst denken wir nicht daran, die gute Stadt Goslar zu verlassen. Wir fühlen uns bei Dir sicher wie in Abrahams Schoß.«

»Aber um Gottes willen, wenn man Euch bei mir findet,« wimmerte er ängstlich, »dann geht es auch mir an den Kragen.«

»So sorge dafür, daß wir nicht gefunden werden, dann kannst Du Dein edles Haupt weiter durch die Straßen von Goslar tragen«, fuhr Raßler gemütlich fort. »Jetzt aber wollen wir ruhen, denn unsere Besorgungen können wir doch erst morgen verrichten.« Der Wächter sah schon, hier war nichts mehr zu ändern, daher bereitete er oben im Turm schnell ein Lager.

Am nächsten Tage wurde er mit geheimer Botschaft zu Katharina geschickt. Eilfertig und zitternd kam das alte Weiblein angetrippelt. Der Bote hatte ihr wohl schon gesagt, wen sie treffen werde, denn mit allen Zeichen der Aufregung und Angst trat sie in das Zimmer. »Venne, meine Venne,« schluchzte sie, »wie konntest Du mir das antun!«

»Still,« herrschte Raßler, »wollt Ihr zum Verräter werden?« Da bezwang sie ihre Erregung, aber noch lange zitterte ihr gebrechlicher Körper unter verhaltenem Schluchzen. Dann begann das Fragen hin und her. Venne wollte wissen, wie es Hardts gehe, wie der guten Immecke Rosenhagen und ihren Kindern, und Katharina wieder forschte, wie und wo ihr Herzblatt lebe. Darüber war die Zeit verflossen, und es schlug die Stunde des Abschieds. Wieder konnte die gute Alte sich nicht fassen, bis Raßler nachdrücklich zum Aufbruch mahnte. Noch eine letzte Umarmung, dann schritt die Alte davon, gebeugt von ihrem Gram und das Weinen mühsam bekämpfend.

War die Einladung Katharinas auch mit aller Vorsicht erfolgt, es konnte doch nicht unbemerkt bleiben, daß die Magd der Richerdes in der stillen Gasse auftauchte. Neugierige Blicke folgten ihr, als sie in das Haus des Wächters hastete, und neugierige Augen geleiteten sie, als sie wieder fortging. Was hatte die hier zu tun, und was verursachte ihre Tränen? Hatte sie Nachricht von ihrer Herrin, der verruchten Venne, bekommen? Die Zungen ruhten nicht. Wußte der eine, daß sie die Nachricht vom Tode der Richerdes erhalten habe, so fügte der zweite und dritte schon hinzu, daß sie jene selbst gesprochen, und sie wußten doch nicht, wie nahe sie der Wahrheit kamen!

Es dauerte nicht lange, und die Menschen versammelten sich vor dem Hause, Stadtsoldaten marschierten auf, das Gebäude war von den freien Seiten umzingelt.

Die beiden beabsichtigten, mit dem Anbruch der Dunkelheit wieder zu verschwinden. Sie unterhielten sich noch mit dem Mann, der sie eingelassen hatte, da traf Stimmgewirr ihr Ohr. Raßler warf einen Blick durch das kleine Fensterchen und fuhr erschreckt zurück. »Wir sind verraten«, flüsterte er. Venne erblaßte. An sich dachte sie zuletzt. »Oh, nun habe ich Euch auf dem Gewissen«, klagte sie.

»Sorgt Euch nicht um mich,« wehrte er ab, »Euch gilt es zu retten, denn ich fürchte, Ihr seid ihnen im Augenblick wichtiger als ich.«

Verzweifelt spähte er umher: Gab es denn gar keinen Ausweg aus der Falle? Es war ausgeschlossen, denn auf der Rückseite, nach dem Walle zu, lehnte sich das Häuschen an die Stadtmauer. Verflucht, so war man den Pfeffersäcken ins Garn gegangen, ohne daß sie es ausgespannt hatten! — Fieberhaft arbeitete sein Gehirn: Sollte er versuchen, durchzubrechen? Er allein würde sich nicht besonnen haben. Aber Venne. Kein Ausweg, keine Rettung! Wieder irrte sein Blick über den Platz, wieder überlegte er, doch es ging nicht, er mußte Venne für den Augenblick aufgeben, nicht um sie den Goslarern zu überlassen, sondern um sie bald, morgen, in wenigen Tagen zu befreien. Er teilte ihr seinen Entschluß mit.

»Verzagt nicht. Solange noch ein Atemzug in mir ist, wartet Euer die Rettung.« Dann traf er die Anstalten zum Durchbruch.

Absichtlich zeigte er sich an einer Giebelöffnung, als ob er von dort aus entkommen könne. Sofort erhoben sich die Stimmen: »Da ist er, dort will er entfliehen!« In wenigen Sätzen stand er an der Tür, riß sie auf und warf sich auf die überraschten Nächststehenden. Es war ihm ein leichtes, sie zu überrennen. Ehe noch die Menge wußte, was geschehen, rannte er davon und verschwand. Venne aber wurde ergriffen und im Triumph in festes Gewahrsam geführt.

Luthers kräftige Stimme wider den Ablaßmißbrauch, die zuerst im Jahre 1517 ertönte, fand in Goslar vielstimmigen Widerhall. Denn auch hier hatte man Tetzel reichlich gespendet, und ein in der St.-Jakobi-Kirche stehender Armenkasten führte noch lange den Namen ›Tetzelkasten‹. Aber noch bekannte man sich nicht offen zu der neuen Lehre. Der Rat im besonderen hielt noch einmütig am alten Glauben fest. Als jedoch im Sommer 1521 die heldenmütige Standhaftigkeit Luthers zu Worms vor Kaiser und Reichstag bekannt wurde, da war auch in Goslar die Bewegung nicht mehr einzudämmen. Es fanden die ersten Predigten in lutherischem Geiste statt, und der Vikar Johann Klepp lieh ihm von der Kanzel der St.-Jakobi-Kirche das Wort. Der Oheim Hardts, der Pleban an dieser Kirche, setzte beim Rate durch, daß jenem das Predigen in dieser Kirche verboten wurde. Da zog Klepp in die Kirche zum Heiligen Grabe, und seine Anhänger mehrten sich von Tag zu Tag.

Zuletzt wurde ihm das Reden in allen Kirchen verboten, doch der Stein, der ins Rollen gekommen war, konnte nicht mehr aufgehalten werden. An Klepps Stelle traten andere, und was man in den Gotteshäusern nicht mehr verkünden durfte, fand auf den öffentlichen Plätzen das Ohr einer noch größeren Zuhörerschaft. Magister Schmiedecke predigte auf dem Lindenplan, und seine Anhänger, ›die Lindenbrüder‹, gewannen ihm neue Gefolgsleute. So groß war der Zulauf, daß die Kirchen und Kapellen bald leer standen.

Die Stadt war voll innerer Unruhe; die Masse des niederen Volkes stand gegen die Besitzenden, besonders den Rat, in ablehnender Kampfstimmung. Der Funken glühte; wer ihn zu entfachen vermochte, konnte große Verwirrung über die Stadt bringen.

Hermann Raßler war über diese Zustände wohlunterrichtet, und er baute darauf seine Befreiungspläne. Seit einigen Tagen lebte er wieder unerkannt in den Mauern der Stadt, und seine Agenten bearbeiteten das Volk, um es für seine Ziele einzuspannen. In geschickter Weise wurde die Stimmung aufgepeitscht durch die Verquickung der religiösen Spannung mit dem wirtschaftlichen Elend. Raßlers Plan ging dahin, einen Auflauf des Volkes zu verursachen und während dieser Zeit die Gefangene zu befreien. Die Zusammenrottung fand planmäßig statt. Große Mengen schreienden und brüllenden Volkes drängten sich auf dem Marktplatz zusammen. »Fort mit den Pfaffen! Heraus mit dem Rat! Brot! Brot! Der Bürgermeister soll kommen!« so tobte und schrie es durcheinander. Nur Achtermann verlor die Ruhe nicht. »Laßt die Kartaunen abbrennen, schickt ihnen Vollkugeln auf den Wanst, daß sie satt werden«, riet er höhnisch.

Das Gesicht Karsten Balders war in ernste Falten gelegt. Er übersah das Unwetter, das heraufzog, in seiner ganzen Schwere. Es handelte sich nicht nur darum, die Ruhestörer vom Marktplatz zu verscheuchen, einigen Dutzend Schreiern den Mund zu stopfen, sondern eine Bewegung zu bekämpfen, die das gesamte Volk bis in seine Tiefen hinein erregte und die, wenn sie Wurzel faßte, die Stadt in ausgesprochenen Gegensatz zu Kaiser und Papst bringen und damit den katholischen Herzögen den Weg frei machen mußte, um ihr Mütchen an ihr zu kühlen. Er entschloß sich, auf den Altan zu treten und beruhigend zu der Menge zu reden.

Als er erschien, schrien einige: »Still, der Bürgermeister will zu uns reden. Ruhe für Karsten Balder!«

»Soll das Maul halten!« brüllten andere. Es drohte zu einem Handgemenge zwischen den beiden Parteien zu kommen.

Die Leute Raßlers, geschickt auf den Platz verteilt, hetzten die einen gegen die anderen, und der Tumult schien sich in sich selbst verzehren zu wollen. Der Bürgermeister, der ein paarmal vergeblich versuchte, sich Gehör zu verschaffen, wollte wieder wegtreten.

Während des Lärmens und Tobens hatte Raßler selbst sich mit einigen handfesten Leuten Eintritt von der Seite der Marktkirche ins Rathaus verschafft, in dessen Keller Venne Richerdes schmachtete. Da er durch seine Späher auch über die Örtlichkeit genau unterrichtet war und alles vorgesehen hatte, um bis zu ihr vorzudringen, stand er bald in ihrem Kerker. Sie war schon oft zum Verhör vorgeführt worden und glaubte, man wolle sie wieder vernehmen. Da erklang es hastig: »Kommt, die Befreiung naht.«

Venne erkannte Raßler und warf sich ihm aufschreiend in die Arme. »Gott sei Dank, daß Ihr kommt. Ich glaubte schon, ich sei von allen verlassen.«

Einen Augenblick ruhte sie an seinem Herzen, und seine Arme umschlossen die geliebte Gestalt; dann aber ermannte er sich. »Fort, keinen Augenblick verlieren!«

Durch Gänge und Türen stolperte sie an seiner Hand bis auf den Hof hinauf. Das Licht der Sonne, das sie seit Wochen nicht geschaut hatte, blendete so, daß sie die Augen mit der Hand schützen mußte.

Noch hatte niemand die Flucht bemerkt, denn aller Aufmerksamkeit war den Vorgängen auf dem Markt zugewandt, und sie wäre auch wohl weiter zunächst unbeachtet geblieben, wenn nicht zufällig ein Ratsherr aus der rückwärts mit Fenstern versehenen Stube gesehen hätte, wie das Paar eilig aus dem Hofe hastete. Er schlug sofort Lärm, und der Ruf: »Venne Richerdes ist entflohen!« ertönte weithin. Dieser Ruf, ins Volk geworfen, bewirkte, was weder der Bürgermeister noch andere erreichen konnten: Der ganze Haufe setzte sich nach dem Hohen Wege in Bewegung, wohin das Paar gelaufen war.

Die beiden hatten einen ziemlichen Vorsprung, und es wäre Raßler bei seiner Kenntnis aller Winkel und Ecken wohl gelungen, sie in dem Gewirr der Gassen am Liebfrauenberge in Sicherheit zu bringen, wenn nicht Venne von der langen Haft geschwächt gewesen und ihre Kleider ihr beim Laufen hinderlich gewesen wären. Einige leichtfüßige Burschen hefteten sich an ihre Fersen. Um sie abzuwehren, mußte Raßler sich wiederholt umkehren. So verlor er kostbare Minuten. Der Haufe kam immer näher, die Wut funkelte aus aller Augen, dumpfe Schreie tönten an ihr Ohr.

Einige Leute Raßlers, die in Erkenntnis der Gefahr mit der Menge vorgestürzt waren, warfen sich ihr entgegen; auch Raßler selbst zog sein Schwert. Aber ihre Tapferkeit zerschellte an der Wucht der Masse. Ein klobiger Rademacher, der ein Stück Holz am Wege aufgegriffen hatte, schmetterte es auf Raßlers Kopf hernieder, daß er zu Boden sank. Alles war verloren; da wollten die Knechte wenigstens ihren Hauptmann retten. »Laßt das Weib, der Hauptmann ist uns mehr wert.«

Während die einen noch kämpften, schleppten die anderen den todwunden Mann davon. Venne blieb in den Händen ihrer Verfolger und wurde im Triumph zum Rathaus zurückgebracht. So endete der Befreiungsversuch, und der Rat trug fortan durch verdoppelte Wachsamkeit Sorge, daß man nicht ohne seinen Willen wieder zu ihr gelangen konnte.

Johannes Hardt bewahrte seine Treue gegen Venne auch jetzt noch, obwohl sie ihn durch ihre Verbindung mit Raßler schwer enttäuscht hatte. Er übernahm die Verteidigung der Angeschuldigten, und er unterließ nichts anzuführen, was zu ihrer Entlastung dienen konnte, verhehlte sich indes nicht, daß keine Aussicht bestand, sie zu retten. Gisela, die von tiefem Kummer über das Los der Freundin erfüllt war, beschwor ihn, nichts unversucht zu lassen. Sie erwog sogar den Plan, Venne heimlich freizulassen durch Bestechung der Wärter. Auch Immecke Rosenhagen und Erdwin Scheffer waren dafür gewonnen, aber Johannes erhob nachdrücklich Einspruch. Sein Pflichtgefühl litt es nicht, daß er, der im Solde der Stadt stand, etwas duldete oder sogar förderte, was ihn mit seinem geschworenen Eide in Konflikt brachte. Außerdem erkannte er, daß der Plan doch zum Scheitern verurteilt war. »Ich habe nur noch eine Hoffnung,« sagte er zu Gisela, »sie beruht auf Ernesti, an den ich schon vor langer Zeit eilige Botschaft schickte. Er ist mächtig und einflußreich; sein Wort gilt auch bei dem Rate viel. Gelingt es ihm nicht, Venne frei zu bekommen, so weiß ich keinen Rat mehr.« Seufzend ergab sich Gisela in das Unabänderliche.

Ernesti kam; Johannes besprach mit ihm alles, und auch jener erkannte den furchtbaren Ernst der Lage. Doch er wollte nichts unversucht lassen. Schon am nächsten Tage begab er sich auf das Rathaus und hatte mit Karsten Balder eine ernste Besprechung.

»Herr Karsten Balder,« sagte er, »ich verstehe Euren Zorn gegen mein Niftel; ich will auch zugestehen, daß sie sich schwer gegen die Stadt vergangen hat. Aber laßt ihr auch Gerechtigkeit widerfahren. Bedenkt, wie schwer sie gekränkt war, wie man sie und ihren Vater gehetzt hat, bis sie so weit kam. Ihre Begriffe von Recht und Unrecht mußten sich verwirren; die Hauptschuld trägt der Ratsherr Achtermann, wie Ihr nicht bestreiten werdet. Ich will von dem Geschwätz absehen, das er über sie ausstreute, sie sei eine Hexe. Ihr selbst als vernünftiger Mann werdet das nicht glauben, denn Heinrich Achtermann war ihr in treuer Liebe zugetan, und es steht fest, daß er bis zuletzt nie an ihr gezweifelt hat. Wie sollte also dieses reine, keusche Mädchen dazu kommen, sich solcher buhlerischen Mittel zu bedienen, um etwas zu gewinnen, was sie schon besaß? Ein anderes ist es um den Schaden, den sie oder Raßler, vielleicht ohne ihre Kenntnis und Einwilligung, Eurer Stadt zugefügt hat. Er mag groß sein, aber er ist zu ersetzen, und ich bin reich genug, um dafür einzustehen.«

Karsten Balder hatte ihn sprechen lassen; unbewegten Antlitzes hörte er ihm zu. Dann nahm er mit ernster Stimme das Wort: »Ihr wißt, Herr Ernesti, daß Venne Richerdes wie ihr Vater mir die Hauptschuld an dem beimessen, was sie an Ungemach betraf. Sie taten mir bitter unrecht damit, aber ich habe geschwiegen. Meine Hand ist rein von Schuld gegen sie. Mein Mund hat nichts geredet, das ich nicht verantworten könnte. Sie taten mir unrecht, aber es soll ihnen nicht vorbehalten bleiben. Doch anders ist es mit dem, was der Stadt widerfuhr. Für diese tat ich, was jene mir als persönlich gemeinte Kränkung auslegten; für diese muß ich geschehen lassen, was jetzt über die Tochter kommt. Sie tut mir leid, die Venne, ich will es Euch gestehen, und was der Achtermann ihr antut, mag kleinlich, verächtlich, verabscheuungswürdig sein. Aber es steht mir nicht zu, über ihn zu Gericht zu sitzen. Hätte sie sich früher an mich gewandt, so wäre vielleicht manches anders geworden; jetzt ist es zu spät.«

»Herr Bürgermeister,« entgegnete Ernesti, der noch nicht alle Hoffnung aufgeben wollte, »ich bin, wie Ihr wißt, ein Freund Eurer Stadt. Ihr selbst nanntet mich so. Ich habe — wiederum gebrauche ich Eure Worte — ihr Dienste geleistet, für die mir Dank zugesichert wurde. Wohlan, jetzt ist die Stunde der Vergeltung gekommen. Ich begehre nichts als die Befreiung Venne Richerdes'. Sie soll Euch Urfehde schwören; ich will sie mit mir nehmen, daß Ihr sie nie wieder zu Gesicht bekommt, aber laßt sie gehen.

Ich habe Euch geholfen, ich werde Euch helfen. Ich sorge, Ihr werdet diese Hilfe gut gebrauchen können. Gebt sie mir. Sie ist nur mein Niftel, aber Ihr seid selbst Vater, habt eine blühende Tochter. Sagt, wie täte es Euch, wenn man sie töten wollte. Würdet Ihr nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um sie zu retten?«

»Wenn ich an Eurer Stelle wäre, Herr Ernesti, sicher. Wäre ich der Bürgermeister Karsten Balder, nein! Ich stehe hier für die Stadt, der ich geschworen habe. Ihr mahntet mich an die unruhige Zeit, in der wir leben; wie sollte ich es verantworten, gäbe ich die Schuldige frei, um vielleicht demnächst ein Dutzend armer Schelme dem Gericht zu überantworten. Solange ich über Recht und Gerechtigkeit in der Stadt Goslar zu wachen habe, wanke ich nicht. ›Fiat justitia, pereat mundus!‹ Die Gerechtigkeit soll ihren Lauf haben auch in diesem Falle.«

Bleich waren beide Männer, die sich jetzt gegenüberstanden.

»Ihr hattet meine Freundschaft, Karsten Balder,« sagte Ernesti mit düsterer Stimme, »so nehmt meine Feindschaft. Daß ich einen Fehdebrief schreibe, wollet nicht erwarten, aber die Absage sollt Ihr merken!«

»Ich muß es gelten lassen«, sagte Karsten Balder tiefernst; damit schieden die beiden Männer.

Den Hardts berichtete er von seinem Mißerfolge. Venne wollte er nicht mehr sehen. »Es geht über meine Kraft, vor sie zu treten«, sagte er, »mit dem Bewußtsein, daß der Tod hinter ihr steht, und ihr leere Trostworte zuzuraunen. Sagt ihr auch nicht, daß ich hier gewesen.«

Dann brach er auf. Von Goslar fuhr er geradeswegs nach Wolfenbüttel, um mit dem Herzog zu verhandeln; darauf kehrte er in seine Heimat zurück.

Auch Herzog Heinrich versuchte noch einmal, zugunsten Vennes zu vermitteln; es war vergebens. Mit fast ingrimmiger Festigkeit lehnte der Bürgermeister die Einmischung des Welfen ab. So nahm der Prozeß gegen Vene Richerdes seinen Lauf.

Auf dem Rosenberge, in einsamer Lage, wohnte der Henker der Stadt Goslar, Meister Henning Voß, mit Weib und Kind und mit seinen Knechten. In den Akten der Stadt führt er den harmlos klingenden Namen »Suspensor«. Für den armen Delinquenten, der ihm überantwortet wurde, war es indes gleich, ob der Rat Meister Henning seine sechzehn Groschen lötigen Silbers als »Henker« oder als »Suspensor« zahle.

Die Amtseinnahmen des Henkers waren nicht immer glänzend. Zwar flossen ihm neben den Einnahmen aus seinem blutigen Beruf auch sonst noch manche Sporteln zu, die ihm für allerlei unsaubere Arbeit zustanden, wie Reinigen der Gruben bei den Herren Ratsleuten, Abholen und Vernichten der Kadaver gefallener Tiere; aber es wäre doch in manchem Jahre Schmalhans Küchenmeister bei ihm gewesen, wenn sich ihm nicht noch andere einträgliche Einnahmequellen erschlossen hätten. Er war bekannt als Besitzer mancher dunklen Wissenschaft, geheime Tränke zu brauen, krankes Vieh zu besprechen, Liebe zu sichern und zu stören zwischen jungen Pärchen. Das alles fiel in den Bereich seiner Kunst. An manchem dunklen Abend pochte es an das Tor des Gehöfts, und ein zitternd Jüngferlein oder ein beherzterer Bursche holte sich Rat bei Meister Voß.

Als bestellter Henker hatte er auch dem Peinlichen Gericht seine Dienste zur Verfügung zu stellen. Und mancher, dem seine Rute den Rücken gestrichen oder dem er das Schandmal aufgebrannt hatte, sandte ihm im stillen und aus der Ferne seine Segenswünsche zu. Jetzt stand wieder einmal eine große Sache an, bei der es etwas zu verdienen gab. Daß es sich dabei um die Tochter eines Vornehmen handelte, erhöhte noch den Reiz der Arbeit.

Das Peinliche Gericht tagte in der Stadtfronei, die zur Zeit unter der Sankt-Ulrichs-Kapelle in der Kaiserpfalz untergebracht war. Dort hingen an den Wänden all die Geräte, mit denen man schweigsame Leute zum Reden brachte. Und dort bereitete jetzt auch Meister Voß und seine Leute alles vor, um die Angeklagten gehörig behandeln zu können. Es waren eingezogen außer Venne die alte Katharina und die Gittermannsche. Die beiden letzteren traf der Vorwurf des Zauberns und der Beihilfe zu diesem Verbrechen. Venne Richerdes hatte sich außerdem wegen Hochverrats und Mordes, begangen an ehrsamen Bürgern, zu verantworten, wie auch dafür, daß sie mit Hermann Raßler, der Stadt abgeschworenem Feinde, gemeine Sache gemacht habe.

Noch war der Henker mit seinen Knechten allein in dem düsteren Raume. Die Folterkammer entbehrte nicht des frommen Apparates, um auch keines der Mittel unversucht zu lassen, die auf das schon über die Maßen erregte Gemüt des peinlich zu Befragenden von Wirkung sein konnte. Der Freitag, der Sterbetag des Heilandes, galt den Inquisitoren als furchtbarster Erntetag. So wählte man ihn auch in Goslar. Das Gemach war schwarz ausgeschlagen; ein riesengroßes Kruzifix an der Wand trug nicht minder zur Erhöhung der düsteren Stimmung bei.

Meister Voß war ein frommer Mann, so ungereimt das auch manchem vorkommen mag. Er hatte das Geschäft vom Vater überkommen, wie dieser vom Großvater. Morgens sprach man in seinem Hause den Frühsegen, und der Abend fand nicht sein Ende, ohne daß dem lieben Gott gedankt wurde für das Gute, das er den Tag über beschert hatte, und war auch etwas Ungemach dazwischen gewesen. Daß dem Herrn der Heerscharen seine kleinen außerberuflichen Nebenbeschäftigungen vielleicht nicht ganz genehm sein möchten, kam ihm in seiner christlichen Einfalt nicht in den Sinn.

Lag ein besonderes Werk vor, so folgte dem Morgengebet noch ein zweites, in dem er den Herrn um eine sichere Hand anflehte und den Himmel bat, ihm die Tat nicht vorzubehalten, die er im Namen eines wohlweisen Rates zu tun berufen war. So geschah es auch heute, obschon es nur galt, die peinliche Frage zu tun, wenn die Angeklagten nicht jetzt vor dem Gericht geständig waren. Er nahm die Kappe ab, die Knechte taten ein gleiches, der eine ein wenig langsam und grinsend. Da unterbrach Meister Voß für einen Augenblick die schon begonnene Andacht, und seine Faust saß dem Säumigen im Nacken. »Willst Du Hund unserem Herrgott nicht den nötigen Respekt erweisen?« Der Gemaßregelte ließ sich willig belehren, und das Gebet verlief nach dem Fürspruch des Meisters.

Während dieser Zeit tagte über ihnen noch in einem Gemach das Gericht. Hinter einem schwarzbehangenen Tische, auf dem ein großer Kruzifixus zwischen zwei Kerzen stand, saßen schweigsamen und düsteren Antlitzes der Inquisitor und die Schöffen. An der Seite wartete der Aktuarius mit sorgsam zugeschnittenem Federkiel darauf, die Angaben niederzuschreiben. Es läutete dem Herkommen gemäß gerade die Angelusglocke, als die Beschuldigten von dem Büttel hereingeführt wurden. Das Malefizverfahren schrieb vor, daß die Tortur, die sich etwa anschließen konnte, die Übeltäter mit nüchternem Magen antreffe. So war es auch hier.

Als erste kam die Gittermannsche. Das häßliche Weib überfiel den Gerichtshof sogleich mit einem Schwall von Beteuerungen ihrer Unschuld. Die Magd habe ihr überhaupt nicht gesagt, daß der Trank für einen Menschen sei; er gelte einem Hunde, so sei ihr gesagt worden. Der Richter unterbrach sie strenge und ermahnte sie, zu schweigen und nur auf die Fragen zu antworten. Da sie bei ihrer Behauptung blieb, brach man das Verhör ab.

Katharina gestand unumwunden, daß sie zur Gittermannschen gegangen sei, um sich einen Liebestrank für Heinrich Achtermann zu holen. Die Gittermannsche, welche ihr empfohlen sei, habe durchaus gewußt, wem es gelte. Sofort fiel diese mit einem Schwall von greulichen Flüchen und Verwünschungen über sie her, so daß das Gericht ihr schon jetzt mit Auspeitschen drohen mußte, wenn sie das Verhör noch weiter störe. Da begnügte sie sich, den beiden anderen Frauen giftige Blicke zuzusenden. Die alte Magd beteuerte bei allen Heiligen, daß ihre Herrin nichts von der ganzen Sache gewußt habe.

Auch Venne erzählte den Vorgang so. Der Richter schüttelte den Kopf. »Und Ihr behauptet allen Ernstes und mit Vorbedacht, daß Ihr von dem ganzen bösen Handel nichts wußtet?«

Venne antwortete kurz und bestimmt: »Nein.«

»Bedenkt, es steht ein gewichtiger Zeuge gegen Euch, der Ratsherr Achtermann. Er behauptet das gerade Gegenteil.«

»So spricht er die Unwahrheit«, beharrte Venne trotzig.

»Ich warne Euch«, drängte der Vorsitzende. »Euch kann allein ein offenes Geständnis vor der peinlichen Frage bewahren.«

»Soll ich etwas gestehen, was ich nicht tat«, entgegnete sie mit Tränen.

»Das ist Eure Sache«, antwortete der Richter geschäftsmäßig kühl. Da drängte sich die alte Katharina vor. »Aber ich schwöre Euch, sie ist unschuldig. Wie könnt Ihr glauben, daß Venne Richerdes dazu jemals ihre Zustimmung gegeben haben würde!«

»Führt sie hinaus«, befahl der Unerbittliche streng. »Sie mag reden, wenn sie wieder befragt wird. Und die andere, die Anstifterin, nehmt auch mit.«

»Also, Ihr wollt nicht gestehen?« wandte er sich wieder an Venne. »Gut, so brechen wir damit ab.«

»Man redet Euch auch nach, daß Ihr gegen den wahren Glauben unserer Kirche gesprochen, Euch auch zu dem Apostaten, dem sündigen Mönch Luther, bekannt habet. Wie steht es damit?«

»Das ist der schuftige Schreiber des Bischofs, der uns belauschte und Halbgehörtes entstellte.«

»Ich nehme es für eine Absage,« entgegnete der Richter mit einem stummen Lächeln. »Doch darüber wird Euch etwa noch ein anderer vernehmen. Aber nun erklärt Euch zu Hermann Raßler«, fuhr er dann mit erhobener Stimme fort. »Leugnet Ihr auch hier die Gemeinschaft?«

»Ich leugne nicht, was ich getan habe«, antwortete Venne ruhig. »Ich nahm ihn mir zum Helfer, um mir mein Recht zu verschaffen, das der Rat mir vorenthielt. Daß er Goslar und seinen Bürgern so zugesetzt, wußte ich nicht, und es tut mir leid. Hätte ich es gewußt, ich würde meine Zustimmung nimmer gegeben haben.«

»Und die Beleidigung des Rates und Bürgermeisters Karsten Balder vor des Kaisers Majestät? Wie steht es damit? Leugnet Ihr oder gesteht Ihr?«

»Ich leugne nicht, daß ich sie in Worms vor Kaiser und Reichstag der Beugung des Rechts geziehen habe gegen mich und meinen Vater. Ist das eine Sünde, so muß ich sie tragen. Aber sagt selbst, konnte ich anders, da man mir hier in Goslar die Türen verschloß?«

»Auf meine Ansicht dabei kommt es nicht an«, wehrte der Inquisitor kühl ab. »Also Ihr gesteht. Bleibt noch eins, nicht minder sündhaft. Man sagt Euch nach, daß Ihr den Schädling Hermann Raßler durch listige Überredung gewonnen, auch Euch ihm hingegeben und buhlerisch mit ihm gehauset habt. Stimmt das?«

Flammende Röte schoß Venne ins Gesicht. »Das ist gemein, das ist so niederträchtig, daß ich darauf nichts entgegnen will«, schloß sie mit Zusammenraffen des letzten Stolzes, obschon alles in ihr zitterte.

»Also schreibt, Aktuarius«, fuhr der Grausame ungerührt und kalt fort. »Die Angeklagte Gittermann gesteht ein, den Zaubertrunk bereitet, leugnet aber, ihn für Menschen bestimmt zu haben. Die Angeklagte Katharina, Magd der Venne Richerdes, hat den Trunk geholt, leugnet aber, ihrer Herrin davon Kenntnis gegeben zu haben. Und Venne Richerdes endlich will von dieser Angelegenheit nichts wissen, leugnet auch die Buhlschaft mit Hermann Raßler, wie die beleidigenden Äußerungen vor des Kaisers Majestät. Sie gesteht indes zu, mit selbigem Hermann Raßler der Stadt Goslar aufgesagt und derselben fleißig Schaden zugefügt zu haben.«

Venne wurde abgeführt; darauf beriet das Gericht, wie weiter zu verfahren sei. Man kam sehr bald zu dem einstimmigen Urteil, daß die drei über die bestrittenen Punkte peinlich zu befragen seien. Es wurde die Reihenfolge festgesetzt, beginnend mit den leichteren Graden.

Wenn all der Scharfsinn, den man im dunklen Mittelalter darauf verwendet hat, Werkzeuge zu ersinnen, welche die eigenen armen Mitmenschen bewegen sollten, Schandtaten zu gestehen, die sie doch niemals begangen haben konnten, wenn diese Tüfteleien darauf eingestellt worden wären, der Menschheit nützliche Dinge zu ersinnen, manche der Erfindungen, deren unsere aufgeklärte Zeit sich rühmt, wären uns von jenen schon vorweggenommen. Die ›Daumenschrauben‹, der ›Spanische Stiefel‹, die ›Pommersche Mütze‹, der ›Halskragen‹, der ›Leibgürtel‹, ein mit Eisenstacheln besetztes Korsett, in welches die Büste der Angeklagten hineingepreßt wurde, der ›Bock‹, ein in scharfer Schneide auslaufender Holzbock, auf welchen die ›Hexe‹ rittlings gesetzt wurde, stellen nur eine kleine Auslese der Marterinstrumente dar, mit deren Anwendung man die Armen zum Geständnis zu bringen suchte.

Man begann bei den Angeklagten mit dem Auspeitschen. Gräßlich hallte das Geschrei der Gittermannschen durch den Raum. Unbeweglich sahen der Richter und die Schöffen zu. Das Weib wand sich unter den unbarmherzigen Streichen, die ihren Rücken zerfetzten. Sie schrie, sie wolle gestehen, sie widerrief, und wieder sausten die Streiche herab. Da brach ihr Widerstand endlich.

Venne kämpfte mit einer Ohnmacht während des gräßlichen Schauspiels, und doch galt es bisher nur einer Fremden, einem widerwärtigen alten Weibe, dem mit dieser grausamen Behandlung vielleicht eine gerechte Buße auferlegt wurde für viele heimliche Sünden.

Als aber ihre alte Katharina, ihre treue Pflegerin und Behüterin seit den Tagen der sonnigen Kindheit, an den Pfahl gebunden und ihr Rücken sich unter den Streichen des Henkers blutig rötete, da war sie zu Ende mit ihrem Widerstand.

»Haltet ein, haltet ein, sie ist unschuldig, ich will gestehen!«

Katharina hatte bis dahin alles ertragen, nur ein Ächzen rang sich über die welken Lippen; jetzt aber, da die Herrin sich für sie opfern wollte, schrie sie dazwischen: »Glaubt ihr nicht, sie sagt die Unwahrheit; ich war's allein.«

Der Richter kehrte sich nicht an ihr Geschrei. Ihm lag vielmehr an dem Geständnis der einen, der Hauptperson, die als ein ruchloses Scheusal dem Volke vorgeführt werden mußte, sollte die Strafe allen als gerecht erscheinen.

Ihre Freunde waren bei dem Prozeß zu der Rolle der ohnmächtigen Zuschauer verurteilt. Immecke Rosenhagen saß voller Ingrimm im ›Goldenen Adler‹. Die Gäste litten unter ihrer Laune. In ihrer alten Entschlossenheit suchte sie den Bürgermeister auf und bedeutete ihm, er könne doch unmöglich an das hirnverbrannte Zeug glauben; sie wies darauf hin, daß es nicht guttue, ein Mitglied einer alten Patrizierfamilie in dieser Weise bloßzustellen, denn die gemeine Masse ziehe daraus leicht ihre Schlüsse auf die Qualität der Vornehmen überhaupt. — Es war vergebens. Noch höher stieg ihr Groll, wenn sie darauf kam, daß der Ratsherr Achtermann, der am meisten Schuldige, triumphiere.

Erdwin Scheffer, der Stadtweibel, fraß seinen Grimm in sich hinein, wenigstens draußen. Zu Hause mußten die Kinder seine Laune büßen, wenn sie sich irgendwie laut machten.

Johannes Hardt war in seiner Rolle als Verteidiger sehr beschränkt. Bei der vorgefaßten Meinung der Richter verhallten seine eindringlichen Worte. Man wollte ein Opfer, und Venne sollte es sein!

Schon als die Folter bestimmt wurde für den Fall, daß sie nicht gestehe, erwies sich die Voreingenommenheit. Nach der bestehenden Gerichtsordnung konnten graduierte Personen, wie Doktoren, Lizentiaten, Professoren, Advokaten, und Leute von Stand, wie aus vornehmen Bürgergeschlechtern, die denen des Adels gleichzusetzen seien, von der Folter befreit werden; man ließ die Vergünstigung für Venne nicht zu. Als das Urteil gefällt war, das für die Gittermannsche auf den Feuertod, für Katharina auf erneutes Auspeitschen und Verweisung aus der Stadt und für Venne Richerdes endlich auf den Tod durch das Schwert lautete, versuchte Johannes Hardt noch einmal, sie zu retten. In einer Eingabe an den Rat wies er darauf hin, daß ein Appell an den Kaiser Begnadigung erwirken könne. Man verweigerte es. Die Stadt habe das Recht über Leben und Tod, also lasse sie sich von niemand dreinreden. Mutlos kehrte Johannes zu den Seinen zurück. Unaufhörlich flossen die Tränen Giselas; das harte Los Vennes konnte sie nicht ändern. Es wurde von dem Rate als eine besondere Vergünstigung hingestellt, daß man sie nicht wie eine gemeine Hexe verbrennen lasse, sondern sie durch das Schwert aburteilen wolle.

Venne Richerdes saß in strenger Haft. Man suchte einen abermaligen Befreiungsversuch durch geeignete Maßnahmen unmöglich zu machen. Sie war jetzt in Wahrheit von aller Welt abgeschlossen und bekam Menschen nur bei gelegentlichen Verhören noch zu sehen, die aber immer von kurzer Dauer waren, da ihr Geständnis vor dem Inquisitor als ausreichend angesehen wurde. Auch wollte man keinerlei Gelegenheit zu einem Widerruf bieten.

Venne dachte allerdings gar nicht an einen solchen, denn er würde das gräßliche Schauspiel erneuern, das ihr fast die Besinnung nahm. Lieber wollte sie aber den Tod selbst erleiden, ehe sie ihre alte, gute Katharina noch einmal den Henkersknechten auslieferte! Der Tod aber war ihr gewiß, so viel wußte auch sie von der grausamen Rechtspflege ihrer Zeit. Keine Rettung, nachdem Raßlers Versuch gescheitert war.

Der Keller des Goslarer Rathauses, der heute noch in seiner Urform zu sehen ist, ist vor anderen Anlagen gleicher Art ausgezeichnet durch seine ungewöhnlichen Höhenausmaße. Wie gewaltige Höhlen erstrecken sich die Gewölbe unter dem alten Gebäude dahin. Das Auge sieht die Wölbungen in unerreichbarer Höhe über sich, das Tageslicht dringt durch schmale, fast ebenso hoch liegende Schlitze in geiziger Sparsamkeit hinein und läßt das Dunkel des Raumes nur noch um so gespenstiger und grauenhafter erscheinen.

In einem dieser schauerlichen Verließe saß Venne Richerdes und wartete auf ihren Spruch. Kein Mensch nahte ihr als der Kerkermeister, der ihr die Speisen brachte und grußlos und schweigsam kam und ging. Kein Laut der Außenwelt drang zu ihr, sie war schon jetzt für ihre Mitmenschen tot.

Auch Johannes Hardt erhielt nicht länger Zutritt zu ihr, aber einer vergaß sie nicht, die Kirche. Sie, die sich von ihr als Abtrünnige gekränkt glauben konnte, wollte doch versuchen, die irrende Seele zu retten. So schickte sie ihren Boten, und bei der Auswahl erwies sich's, daß sie die Seelenkunde als vornehmste Waffe gegen den Unglauben zu verwenden verstand. Es kam nicht ein Eiferer, nicht ein ungestümer Hitzkopf, der mit dem Donner seines Wortes die Arme zu gewinnen suchte, sondern ein alter, würdiger Pater, ein Franziskaner, bei dem sie, wie die Mutter, bisweilen gebeichtet hatte. Aus seinem Wesen sprachen Güte und Nachsicht.

Mit einem freundlichen, milden Wort begrüßte er sie, als er ihr die Hand reichte. Nichts von Vorwurf, nichts von Geringschätzung.

»Auf Dir lastet ein schweres Geschick, meine Tochter. Wie findest Du Dich damit ab?« begann er teilnehmend.

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