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Urwald

VII. Das wirkliche Bild der Tropennatur

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So wie die sandbedeckten Wüsten und die arktischen Schneefelder sind auch die großen tropischen Wälder die Stätten des Staunens, wo der Mensch sich seiner Bedeutungslosigkeit und seiner Anmaßung bewußt wird. Am besten ist es hier, nicht unter die Oberfläche zu sehen; die Tiefe führt zum Wahnsinn. Nicht wenige brave Forscher sind so zugrundegegangen auf ihren Wanderungen durch die dämmerigen Hallen der Wälder, bis zur Brust im schlammigen Untergrund der Tausende von Kilometer langen Uferstrecken versinkend; oder sie wurden laut vor sich hinredend am Verhungern oder gestörten Geistes aufgefunden. Die Roosevelt-Expedition traf solch einen Verirrten Hunderte von Meilen fern von jeder Zivilisation; ein anderer starb im Candelaria-Krankenhaus; ein dritter ließ eine letzte, unzusammenhängende Botschaft an einem Baum am Rio Branco zurück ... Ein Grauen geht aus von den schlangenverseuchten Sümpfen, den ekelhaften Insekten, scheußlichen Krankheiten und Todesarten, den unverständlichen Kulten, den sonderbaren atmosphärischen Stürmen, dem unheimlichen Zwielicht, der drückenden Hitze und Lautlosigkeit, den giftmischenden Eingeborenen und den erstickenden Düften der Verwesung ringsum.

Mit solchen Worten faßt ein ausgezeichneter Reisender (Th. Domville) seinen Gesamteindruck über die fünf Millionen Geviertkilometer Amazonasurwald zusammen, die auf der Landkarte noch ein weißer Fleck sind und die er mit Recht den „verlorenen Erdteil“ nennt, auf dem sich die Verhältnisse nie ändern können.

Und das drückt auch meine Überzeugung aus. Ich habe die letzten Reste des europäischen Urwaldes im Osten und in den Alpen gesehen. Sie sind düster und menschenfeindlich. Ich habe alle großen Tropenwälder der Erde bereist. Sie sind noch düsterer und erniedrigen den Menschen, der in ihnen wohnt. Sie sind für den Naturforscher ein Paradies, für den Weißen aber, der in ihnen eine Heimat finden will, wirklich eine Stätte des Grauens und des Verderbens. Ich habe sie ebenso leidenschaftlich lieben gelernt, wie ich Entsetzen vor ihnen empfinde.

Das erlebte Bild des Tropenurwaldes, wie ich ihn sah, ist anders, als ich es erwartet hatte und aus dem Schrifttum der Reisenden und der Naturforscher kannte. Sie waren verliebt in ihre Abenteuer oder in ihre Wissenschaft und haben daher fast immer vor Bäumen den Wald nicht gesehen. Darum hat man uns die Tropennatur als ein Ideal geschildert, das heute Millionen von jungen und alten Europäerherzen begeistert und wie ein mit Sehnsucht und abenteuerlichen Gedanken lockender Traum sie verwirrt. Aber so ist die Tropennatur nicht, am wenigsten der Tropenurwald.

Amazonien, sein eigentlichstes Königreich, ist für jeden Reisenden, der die Wahrheit gesagt hat, ein Land der quälendsten Monotonie, und im Fieberwald von Papua, im indischen Dschungel, im Scrub ist es letzten Endes nicht anders. Die vielen tausend seltsamen, überraschenden, wunderbaren Naturentdeckungen sind nur dem Fachmenschen sichtbar und auch dem nur nach und nach in mühsamer Forschungsarbeit. Wenn man glaubt, der schöne, erquickende, zu allen Sinnen sprechende Maienwald der deutschen Heimat, der die Seele mit Wonne erfüllt und für den Wissenden der Lehrmeister des ganzen Lebens sein kann, sei die unterste Stufe von „Naturpracht“ und das steigere sich in einem fort, in dem Maße, in dem die Natur ungestörter, das Klima heißer und die Welt menschenleerer werde, dann verstrickt man sich tief im Irrtum. Schillers Wort, von der Welt, die vollkommen sei überall, wo der Mensch nicht hinkomme mit seiner Qual, konnte nur entstehen, weil sein Urheber niemals wilde unberührte Natur im Rohzustande gesehen hat. Das ganze 18. Jahrhundert wiegte sich in einer idyllischen, mit Schäferspielen tändelnden „Zurück-zur-Natur“-Stimmung, getäuscht durch die Zauberbilder, welche die damaligen Entdecker der Südseewelt von gewissen Inselnaturen mitbrachten. Man übertrug das dann fälschlich auf die gesamte Tropenwelt und alle Urwälder. Nach dem einfachen Rezept: ist schon unser Wald im Maiengrün so herrlich, wie schön muß erst der ganz jungfräuliche Urwald dort sein, wo ewiges Maiengrün herrscht! Weil Forster und Cook, Chamisso und Kotzebue auf Tahiti ein angenehmes Klima, eine harmlose und gezähmte Natur, schöne Berge und freundliche Inselmenschen mit netten Frauen fanden, erbaute man daraus das Märchen, in allen den blauen Tropenfernen sei noch das Paradies erhalten. Am wenigsten sei es bei uns. Und ein Rest dieser Märchenstimmung hat sich fortgepflanzt bis heute und wohnt noch in allen naturbegeisterten Seelen.

Aber die Wirklichkeit ist nicht so. Es trifft schon nicht mehr ganz zu für den deutschen Wald, daß er desto schöner sei, je weniger ihn der Mensch berühre. Die europäischen Urwälder, in denen der Steinzeitmensch nicht anders herumzog, ewig hungrig und tierhaft wie die auch in der Steinzeit lebenden Indianer und Melanesier, waren schreckhaft düstere, in Humus und Moor vergrabene Waldsümpfe. Das sieht man schon an den in den Gebirgen zurückgebliebenen Urwaldresten. Grämlich, einförmig, düster stehen dort uralte Bäume in einem metertief mit tiefschwarzem Humus bedeckten Boden, der das Wasser so zurückhält, daß alles in sumpffeuchtem Mulm stockt. Pestwurz bedeckt die Lichtungen mit Riesenblättern, Heerscharen von Verwesungspilzen überspinnen Strunk und Dämmer, gefallene Baumleichen versperren unten so Weg und Steg, wie oben Licht und Sonne durch das dichte Gezweig abgehalten ist. Das Vergehen hält dem Werden die Wagschale. Blumen, Lebenslust und jauchzendes Tierleben fehlen im Urwald der gemäßigten Klimate genau so wie in den heißen Zonen. Erhaben ist er, von einer gigantischen und ehernen Gesetzmäßigkeit, aber nicht des Menschen Freund.

Das liebliche, harmonische, die Sinne entzückende Waldbild entstand erst, als der Mensch seinen Ausgleich mit der Natur suchte und ihn fand. Wir sind eben das Harmoniewesen; schön und gesund ist uns nur, was nicht einseitig ist, nicht zu viel, nicht zu großartig, sondern harmonisch mit uns im Ausgleich. Waldesgrün, reine Luft, Abwechslung zwischen ernsten und heiteren Bildern, Blumen, Sträuche, daneben Ernst des Hochwaldes, so viel Urwuchs und Verfall, daß es unser Leben nicht störe, die Waldwiese darinnen und ab und zu Riesenstämme, ein in allem ausgeglichenes Lebensbild, das ist unser „menschliches“ Ideal vom Walde. Und ihm haben wir alle Wälder angenähert. Wir können auf die Dauer gut nur mit einer solchen „vermenschlichten“ Natur leben, im „Naturausgleich“.

Durch die Übervölkerung sind wir über das Ziel geschossen und haben die Wälder in Forste verwandelt, sie wieder in der anderen Richtung einseitig gemacht, künstlich verarmt. Oder man hat sie gar auf zu weitem Gebiet ausgerottet. Seitdem wir Deutschen nicht mehr 60 Prozent Wald im Lande haben, sprang die große Sehnsucht auf nach mehr Natur, nach Unberührtheit. Seitdem spielt die Seele wieder mit Urwaldträumen. Solange wir Urwälder hatten, tat sie es wahrlich nicht.

Illustration from Urwald

Waldbrand, ein in den ganzen Tropen immer wiederkehrendes Bild. Vom Verfasser nach der Natur gezeichnet

Aber ebensowenig wir in der Heimat wieder den Urwald herstellen können und sollen, kann auch der exotische Urwald die Sehnsucht stillen. Wer nicht nach Naturgesetzen und den Zauberdingen des Erkennens in ihm forscht, dem hat der Tropenurwald nach der ersten Stillung der Neugier und dem ersten Überwältigtsein der Seele vor so viel ungebändigter Lebenskraft eigentlich nichts zu sagen. Für jeden Tropeneuropäer verwandelt er sich bald in den „Busch“, den „Dschungel“, den er fürchtet und niederbrennt, dem er aus dem Wege geht, der ein Hindernis ist, das krankmachende, mit Gefahren drohende Hindernis des Lebens. Außer er sucht Jagd und Abenteuer und auch davon hat ein Normalmensch bald genug.

Das großartige Naturbild: Riesenbäume, Lianen, Überpflanzen, heilige Dämmerung, Gigantengewächse, Tierarmut außer stechenden, beißenden, brennenden Insekten, bleibt immer dasselbe. Der erste Tag ist der schönste und jeder folgende wiederholt die Bilder. Je länger die Waldwanderung währt, desto stärker wird das Grauen, das diese Natur auf die Dauer uns Weißen einflößt. Sie ist nicht die unsere und kann nie unsere Heimat werden.

Ich halte nicht zurück mit meiner Meinung, daß der Europäer auf die Dauer nicht in den Tropenwald-Ländern leben wird. Weder am Kongo, noch im indischen Urwaldgebiet, weder in Papua, noch in Amazonien. Alle diese Länder haben den Menschen, der sich an sie angepaßt hat, vertiert. Sie haben ihn, inmitten des unsagbaren Reichtums ihrer Natur, seelisch und leiblich verhungern lassen.

Ich bin sicher, daß die Tage der Weltwirtschaft unaufhaltsam kommen. Die ganze Erde wird zivilisiert werden und überall wird man neue Reiche gründen und zu solcher Blüte bringen wie die australische Commonwealth, die südafrikanischen Vereinigten Staaten, oder die von Nord- und Lateinamerika. Aber den großen Tropenwäldern, entlang dem Äquator, wird man jahrhundertelang, vielleicht für immer aus dem Wege gehen. Vielleicht werden sie einmal die großen Klimareservoire der Weltwirtschaft. Das wäre dann ihr natürlichster Beruf.

Der praktische Mensch kann für sie keinen anderen Gesichtspunkt aufbringen, am wenigsten den eines Reise-, Erholungs- und Siedlungsgebietes.

Anders der Naturforscher. Ihm sind sie das nachlebende Paradies, ein für allemal die größte Studien- und Forschungsstätte der Welt. Und alles, was ich an Begeisterung und Bewunderung vermieden habe, als ich von dem Verhältnis der Lebenspraxis zum Tropenurwald sprach, kann ich nun doppelt und vielfach hier häufen, da ich der Freuden des Naturforschers im Tropenwald gedenke. Sie sind unerschöpflich. Erst ein Bruchteil dessen ist erforscht, was die Natur an Lebenswundern bietet. Amazonien ist noch mehr der Höhepunkt des irdischen Lebens als die vielgerühmte indisch-javanische Natur, in der man ja (in Buitenzorg und Peradenya) die größten tropischen Forschungsstätten eingerichtet hat⁠[1]. Vielleicht hält nur noch die Inselwelt des Dunkellandes den Wettbewerb damit aus.

Jedenfalls ist in Amazonien die Pflanzenwelt am Höhepunkt der irdischen Entwicklung angelangt. Sie mutet mich nicht anders an, als sei sie eine Fortdauer der Braunkohlenzeit. Merkwürdigerweise bildet sich gerade hier — und meines Wissens nach nur hier — auch das einzige Gegenstück zur Steinkohle. Das geschieht in den ungeheuren Sumpfgürteln um die Riesenströme, namentlich dort, wo noch die Mangrove Bedingungen ihres Gedeihens findet. Da steht überall hinter ihr ein breiter, manchmal fünf und zehn Kilometer tiefer Gürtel von Farnurwelten (Acrostichum-Arten), die in der Tiefe, in der sich Humus bildet, verkohlen. Farnkohle ist die beste aller Steinkohlen und die größten Lager davon sind genau in gleichen farnbewachsenen Sümpfen entstanden wie heute noch. Und seltsamerweise ist gerade in dieser am tiefsten verlorenen Welt noch ein Wunder der irdischen Vorzeit lebendig. Nur dort gibt es noch fünf und zwölf Meter hohe Riesenschachtelhalme, Wälder von Schachtelhalmen (Anmerk. 23), wie einst zur Steinkohlen- und Jurazeit.

Phantastisch, das auszudenken und wirklich märchenhaft, es zu sehen: Steinkohlenbildung und rauschende Wälder der Schachtelhalme in einer Natur, die mit ihren Tausenden von Riesenechsen, welche gerade dort noch am zahlreichsten hausen, Längstvergangenheit und Gegenwart in einen Ring formt, als Zeichen, daß weder die Erde noch die Lebenskraft seit der Urzeit gealtert ist.

Und trotzdem muß ich nach all den vielen Bildern, die ich hier von der Tropennatur entrollt habe, nicht diesem nur gedanklich überwältigenden Anblick, sondern der Südsee den Kranz meiner Liebe und Sehnsucht reichen.

Baladea, die einsamen Palmeninseln im blauen Weltmeer, Tahiti und noch mehr Eimeo, das Zaubereiland, haben es mir für immer angetan. Von ihnen sage ich getrost, sie sind das Schönste, was ich an Tropenschönheit gesehen habe.

Ich brauche nur die Augen zu schließen und schon rauscht mit dumpfem Donnern das Weltmeer auf. Wie ein liebes vertrautes Lied nie erlöschender Liebe. Ich sitze wieder hoch auf einem Felsenzacken dieser vielzackigen Gebirge, die kristallene Bläue des Gluthimmels ist gemildert durch den Seewind, die weißen Glocken der Palmlilien läuten. Unter mir der schwere duftende Mantel der Wälder. Korallenrot leuchten die Flamboyants, weiß die Gardenien, dunkelgrün mit edlem Glanz schimmert das Laub der Banyanen, verlorene Rätselworte der Urzeit flüstern die traurig-dunklen Kaurifichten. Und unten am Strand flirren goldgrün die Kokospalmen, über dem Mangrovegürtel dampft die Hitze und ringsum geht unermeßlich um den Himmelsrand Meer und blaues Meer. Hinter mir aber, von glutvoll beleuchteten Wolken beschattet Felsberg und dunkle Kette um Kette ins unbekannte, nichterforschte Land.

Und alles ist, als seien wir die ersten Menschen auf Erden, in dieser köstlichen, unschuldigen und doch so viel Leben und Schicksal verbergenden Stille fernster Welteinsamkeit, die ich so lieben gelernt habe aus tiefstem sehnsüchtigstem Herzen, daß ich ganz sicher weiß, ich werde nie wieder völlig unglücklich und trostlos werden, seitdem ich sie erlebt habe ... meine schöne, weltenferne, unvergeßliche, geliebte Südsee und ihr Dunkelland.

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