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Urwald

II. Wo gibt es noch Tropenurwälder?

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Viele von der Naturzerstörung in unserer Heimat schon kleinmütig Gewordene meinen, es gebe vielleicht überhaupt keine Natur mehr, wie sie Humboldt am Amazonenstrom oder Junghuhn in Java sah. Java heißt nicht umsonst die sterbende Insel. Sie verweisen darauf, daß heute im Zeitalter des Weltverkehrs Vergnügungsdampfer den größten aller Ströme befahren und die entlegensten Orte, wie Rio de Janeiro in Brasilien oder Habana auf Kuba, Weltstädte geworden sind mit Wolkenkratzern, Trambahnen, Riesenhotels und Fremdenbüros. Daß in Manaos im Herzen des geheimnisvollen Amazonaslandes ein Opernhaus steht, und in Singapore ein wunderbares Museum, daß man durch ganz Afrika jetzt mit Cooks Reisebüro auf der Bahn fahren kann und daß Kinos in den Negerdörfern spielen.

Das ist alles richtig, und ich kann aus eigener Erfahrung hinzusetzen, daß man überall, auch in den entlegensten Teilen der Insel Ceylon — viel mehr noch in Indien selbst — gewärtig sein muß, auf eine herrschaftliche englische Villa zu stoßen, daß es auf Südseeinseln, deren Namen in Europa kaum gehörte Worte sind, wie Viti Levu oder Raratonga, Städte gibt, daß man dort, wo noch Humboldt unter Lebensgefahr durch unwegsamen Sumpfwald in Zentralamerika zog, heute Golf spielt und im Clubhouse Radiomusik hört —, und trotzdem ist die Erde noch erfüllt von Einsamkeit, unentdeckten Ländern, Völkern, Inseln, Urwäldern, Köstlichkeiten, so frisch und unberührt, als wäre es noch die Zeit der Schreckenstiere und Braunkohlenwälder, und die ersten Menschen zögen furchtsam zum erstenmal durch ihr Land der Wunder.

Wenn einer mit Naturforscheraugen um die Erde gefahren ist, so hat er zwar zunächst nicht den Eindruck, als sei die alte Kugel gerade waldgrün. Im Gegenteil, er muß sein Urteil dahin zusammenfassen: Wasser ist sie und nochmals Wasser, und die Länder darin sind meistens Wüsten. Man erinnere sich, wie merkwürdig öde die Erde schon vom Flugzeug aus wirkt. Daß ihr Gesamtbild da mehr Grau und Gelb, denn Grün ist, wenn man nur erst einmal von tausend Meter aus auf sie herabschaut. Ich habe die ganz bestimmte Vorstellung, daß die Erde, etwa vom Mond aus gesehen, hauptsächlich zweierlei Anblicke bietet. Einmal ist sie blaugrün. Dann sieht man auf die Wasserhalbkugel etwa mit der Inselwelt Polynesiens als Mittelpunkt. Das anderemal ist sie rotgelb wie der Mars, den man ja auch deshalb für einen Wüstenstern hält. Dann sieht man auf die Landhalbkugel, und auf ihr überwiegen die großen Wüsten der Sahara, von Südafrika, Arabien, Persien, die Steppen und Wüsten, die den Russen und Mongolen gehören, alles andere.

Der Großteil aller Länder ist Wüste und Steppe. Nur Europa ist grün, so wunderbar grün und üppig, daß man ganz bezaubert ist, wenn man aus den andern Weltteilen zurückkommt. Und noch ein Weltteil ist grün: die heißen Gegenden Amerikas. Dort, in der ganz ungeheueren einstigen Meeresbucht, die heute von den Anschwemmungen das Amazonas und Orinokos ausgefüllt ist, erstreckt sich das größte Waldgebiet der Erde. Es ist so ausgedehnt, daß man ganz Europa samt dem Koloß Rußland darin verstecken könnte, und alle die Urwälder Indiens, der großen Sundainseln, sogar der riesige Kongourwald Afrikas schrumpfen dagegen zusammen. Dieses Waldgebiet hat an Ausdehnung nur zwei bekannte Rivalen. Das sind die riesige Nadelholzwildnis von Kanada und Alaska in Nordamerika und der ungeheure Tannenwald, der sich von Rußland durch ganz Sibirien bis an den Stillen Ozean erstreckt. Diese beiden sind aber kein Tropenwald, und so mag man dem Amazonaswald die Krone reichen. Denn er ist auch noch jungfräulich und in reichlich drei Viertel seiner Gründe vom Weißen auch unerforscht. Nur in ihm und um ihn herum sind alle fünf Möglichkeiten entwickelt, in denen Tropenwälder auftreten können. Da ist zunächst der Regenwald, der eigentliche Urwald, den die zahllosen Reisebeschreibungen meinen, wenn sie ohne Sachverständnis vom Urwald sprechen. Neben ihm nicht weniger entwickelt grünen die Galeriewälder, die in der Tropenwelt die Flüsse begleiten und weniger von dem Klima als von dem Grundwasser grün erhalten werden. Alle großen Ströme der heißen Zone in allen vier Erdteilen, die in Betracht kommen, der Niger und der obere Nil so gut wie der Brahmaputra und Mekong, der Orinoko und Magdalenenstrom, der Flinders und Mitchell in Nordaustralien sind von solchen Galeriewäldern begleitet, die zu den üppigsten der Erde gehören, weil sie in Wasserüberfluß schwelgen. An sie schmiegt sich überall dort, wo in den Flüssen sich noch der Einfluß von Flut und Ebbe bemerkbar macht und Salzwasser eindringt, ein besonders merkwürdiger Waldgürtel, den man mit einem englischen Wort: die Mangrove (sprich Mängro) nennt, das gefürchtete und unheimliche Land der Moskitos und Fieber, dessen Bäume sich alle dadurch auszeichnen, daß sie „lebendig gebären“, d. h. nicht Früchte, sondern schon entwickelte junge Pflanzen von sich abwerfen.

Neben diesen drei immergrünen Baumzonen dehnen sich aber dann im Wärmegebiet der Erde noch länderweite Wälder, die ebenso wie bei uns einen Teil des Jahres entblättert stehen. Das sind die regengrünen Tropenwälder, dürr und ohne Laub in der Trockenzeit, aber auch im feuchten Halbjahr nie so grün und üppig wie die vorgenannten. Die Katingas Brasiliens und ein großer Teil des Waldes in Afrika und Indien gehören zu diesem meist nicht sehr erquicklichen Landschaftsbild. Mit ihnen bilden die afrikanischen und amerikanischen Kampines einen Übergang zum Grasland. Eine oft reizende Parklandschaft ist das, weite Wiesen, Steppenflächen, in die Gehölze oder auch einzelne Riesenbäume eingesprengt sind (Anmerk. 1).

Von all diesen Unterschieden aber weiß die Allgemeinheit nichts. Ihr ist Tropenwald schlechthin: Regenwald und der Galeriewald durcheinander, und alles ist Urwald, worin Lianen hängen und Riesenbäume stehen, und zu ihrem Begriff des Urwaldes gehört nichts anderes als „Urwaldriesen“, wie es in den Romanen so schön und so gleichmäßig zu lesen ist, dazu Dickicht (Busch oder Dschungel [sprich Dschangl] sagt der Reiseschriftsteller, wenn er Engländer ist), Lianen und je nach dem Erdteil, um den es sich handelt, Abenteuer mit Tigern, Leoparden, Riesenschlangen oder Elefanten. Dann ist das Urwaldbild fertig und strotzt von „Echtheit“.

Die Wirklichkeit ist aber nicht so, und es ist Zeit, daß diese falsch gesehenen und oberflächlichen Naturschilderungen dem verdienten Belächeltwerden anheim fallen.

Jeder dieser Tropenwaldtypen, zu dem ich als fünften und ganz besonderen noch den australischen Scrub (sprich Skröb) gesellen möchte, hat seinen Sonderlebenskreis, in dem außer den Bäumen und großen Jagdtieren, die nebenbei gesagt, für die Natur dieser Wälder ebenso wenig Bedeutung haben, wie etwa Hirsch und Adler für die unseren, eine große Zahl von Farnen und Humusgewächsen sowie Kleinpflanzen und eine nicht geringere von Kleintieren, namentlich Ameisen, Termiten, Kleinvögeln und merkwürdigen Bodentieren die allergrößte Rolle spielen.

Selbst in wissenschaftlichem Schrifttum ist dieser Lebenskreis des Tropenwaldes noch nicht klar dargestellt; er ist nämlich überhaupt noch gar nicht richtig erforscht, denn es waren noch zu wenig Naturforscher da, die solchen Dingen ihre Beachtung zugewendet hätten. Die meisten Reisenden haben vorwiegend geographische oder völkerkundliche oder auch nur auf Sondergruppen, nur auf Pflanzen- oder Insektensammeln gerichtete Interessen, oder sie sind bloß Jäger und Sammler. Man hat zum Beispiel noch nicht klar herausgestellt, daß sich — um in der am besten bekannten Natur des Regenwaldes zu bleiben — in ihm Natureigentümlichkeiten sehr verschiedener Art mengen.

Da sind zunächst die jedem Urwald, sei er nun tropisch oder nicht, zukommenden Eigenheiten. Das Unberührte der Natur, das jedem Baum gestattet, bis an die natürliche Grenze seines Lebens zu grünen, sich mit Plankenwurzeln und allerreichlichster Verzweigung auszubreiten. Solche „Urwaldriesen“ bewundern wir auch in den Alpentälern, die noch geschützte Natur bergen, oder im Böhmer Wald. Dort sind genau so wie in den Tropen Blumenarmut, Humuspflanzenreichtum, reichste Entfaltung von Leben in allen Stockwerken, eine ungemeine Anreicherung des Bodens mit Humus, reichliche Lianenbildung Hauptcharakterzüge des Naturbildes. Diese haben somit nichts zu schaffen mit der Tropennatur als solcher.

Ebensowenig wie gewisse Züge, die zu dem Begriff des Waldes überhaupt gehören. Die Mannigfaltigkeit des Lebens vom Boden bis in die Wipfel, die Verkettung und gegenseitige Anpassung von Pflanzen und Tieren, überhaupt die Bildung einer in viele Untergruppen zusammenhängenden Lebensgemeinschaft, das sind Waldeigentümlichkeiten, die um die ganze Erde gehen und nicht bloß den Tropen eignen.

Echt tropisch dagegen sind gewisse Anpassungen, die nur im Zauberbereich des Feuchtwarmen zu finden sind, als da wären: die vielen bunten Blätter, der Samthauch so vieler Pflanzen, die verwirrende Luftwurzelbildung, die wunderbare Farbigkeit von Blumen und Tieren, der besondere Riesenwuchs (man denke doch nur an die Bambusgräser, und die 150 Meter hohen Eukalypten), die Vogelblumen, die Überpflanzen, die Sonderbindungen zwischen Ameisen und Pflanzen, die übermäßig rasche Verwesung und viele andere merkwürdige Dinge.

Diese Tropencharaktere aber sind wieder hundertfach abgewandelt, je nach der örtlichen Ausprägung der jeweiligen Flora und Fauna, die dem Tropenwald jene verschiedenen Gesichter verleiht, die auch dem Naturunkundigen bekannt sind, als indischer Dschungel, afrikanische Steppe, Amazonasurwald, der Farnbaumurwald Ceylons, als der Palmenwald der Südsee oder der schreckliche Busch Australiens. Diese Unterschiede, zu denen man noch viele hinzusetzen könnte, sind hier geographisch bedingt. Im alten Australien gedeihen eben andere Geschöpfe als in Afrika. Und Indien ist anders besiedelt als Tropenamerika. Infolgedessen hat der Regenwald am Amazonenstrom einen anderen Erlebniswert als die gleichen Regenwälder auf Java. Hier überwiegen Palmen, Orchideen, ein Reichtum an Überpflanzen, Brüllaffen, Schmetterlingen, Papageien, Ameisen, Pantherkatzen und Alligatoren; im Märchenland von Insulinde dagegen gibt es im natürlichen Wald weniger Palmen, dagegen mehr Riesenbäume, Pandanen, die großen Schmarotzerblumen, einen großen Reichtum an Eidechsen, an sich aber weniger Tiere, dafür Bambus, viel mehr Moose, Tiger, Dickhäuter und mehr Termiten als Ameisen.

Aus diesen vier Hauptfarben mischt sich das Bild des Tropenurwaldes und, in unendlich vielen Einzelansichten verwirrend durcheinandergestellt, bereiten Urwaldnatur, Waldcharakter, tropische Sonderanpassung und geographische Sonderbildung auch dann, wenn man diese Gesetzmäßigkeiten einmal durchschaut hat, die allergrößten Schwierigkeiten für das Verständnis durch das Übermaß, in dem alles da ist (Anmerk. 2). Ob man nun Naturforscher ist oder nicht, immer wird man beim ersten Anblick dieser urgewaltigen Natur im tiefsten gepackt und überwältigt. Auch ohne daß man es zuvor in gelehrten Büchern gelesen hat, weiß man es instinktiv, daß man in diesem Waldesgrün in die Urzeit der Erde zurückversetzt ist und hat unwiderstehlich immer wieder den Eindruck, gleichsam der erste Mensch im Paradiesesgarten zu sein, in den das Eindringen etwas noch nicht Dagewesenes und Verbotenes bedeutet. Tatsächlich ist die Lebewelt der Tropen der Zufluchtsort der ältesten Tier- und Pflanzenformen. Um den Äquator herum scheinen niemals große klimatische Änderungen stattgefunden zu haben, welche ja wohl die Hauptveranlasser des Aussterbens der Lebensformen sind. Dort konnten daher viele Geschöpfe ihren Lebensfaden bis in die Gegenwart spinnen, die sonst schon das Zeitliche gesegnet haben. Farnbäume, im Steinkohlenalter auch auf deutschem Boden einheimisch, sind überall ausgestorben mit Ausnahme der Gebirge des Tropengürtels. Die Riesenschachtelhalme, einst in Schwaben und Franken zur Saurierzeit Dickichte bildend, leben in wenig bekannten Urwäldern Tropenamerikas noch in fünf und zwölf Meter hohen Riesen nach. Die Zapfenpalmen, ein Charakterbaum der europäischen Kreidezeit, haben sich in die Tropen zurückgezogen. Gürteltiere, die uralten Lebensformen der Halbaffen, der Beuteltiere, die großen Echsen, die altertümlichen Formen der Großsäuger gibt es nur dort. Kein Wunder daher, wenn der Tropenwald vorzeitlich, uralt, beinahe weltfremd wirkt. Dazu kommt, daß wohl etwa die Hälfte sämtlicher in ihm grünender und kriechender Geschöpfe noch unbeschrieben ist. Dadurch bedeutet er auch ein Neuland des Wissens, trotzdem man z. B. aus dem wohldurchforschten Ceylon bereits dreimal so viel Arten von Blütepflanzen und Farnarten, als England beherbergt (nämlich 3000 Arten), beschrieben hat.

So ist denn der Tropenurwald tatsächlich für jeden, den Wissenden und den Neuling im Lande der Natur das Rätselvolle, Unbekannte, mit hundert Entdeckungen Lockende. Mit Recht ist er der Paradiesesgarten unserer Sehnsucht und Naturfreude und das schönste Erlebnis, auf das ein Naturfreund hoffen kann.

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