Capitel 8. Schluß.
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Auf Tahiti vertheidigten sich indessen die Insulaner mit unerschütterter, ungebrochener Tapferkeit gegen den täglich wachsenden, ihre Insel mit einer Kette von Bollwerken umziehenden Feind. Nicht Monate mehr, Jahre lang hielten sie sich in den, in den Bergen errichteten und befestigten Lagern und wiesen jeden Sturm und Angriff kaltblütig und unerschrocken zurück. Neue Schiffe kamen aber, mehr und mehr Truppen wurden auf den Kampfplatz geworfen, der den Indianern selber keinen Entsatz zu bringen vermochte, und das Resultat konnte zuletzt nicht zweifelhaft bleiben. Dennoch wäre es vielleicht noch so viel Jahre länger unentschieden geblieben, hätte ihnen nicht Verrath die Schluchten der Berge geöffnet.
Durch die Missionaire fortwährend in der thörichten Hoffnung gehalten, daß ihnen England doch noch, und zwar in kürzester Frist Hülfe schicken würde, zerstörte diesen Wahn zuerst der wackere Capitain des Englischen Dampfers Salamander, Capitain Hammond, der ihnen unumwunden und aufrichtig erklärte, so viel er wisse beabsichtige die Englische Regierung nicht sich in ihren Streit zu mischen, er selber habe wenigstens nicht den geringsten, dahin lautenden Auftrag bekommen, und sie möchten sich deshalb nicht falschen, betrügerischen Hoffnungen hingeben, die sie nur über ihre eigenen Vertheidigungsmittel irre führen, und zu unüberlegten, ihre Stellung verschlimmernden Schritten treiben müßten.
Pomare blieb an Bord der Basilisk, bis eine Englische Fregatte, der Carysford, von Lord William Paulet befehligt, am 17. Juli 1844 in Papetee eintraf, und nach vorhergegangener Besprechung mit Gouverneur Bruat, die Königin nach Barbara auf Imeo, wo Tabara, ihr erster Gemahl wohnte, hinüberbrachte, dort die Entscheidung der Mächte ruhig abzuwarten.
England hatte indeß die Behandlung seines Consuls nicht so ganz ungeahndet können hingehn lassen, während die Französischen Klagen gegen ihn auch wohl durch zu viel Beweise bekräftigt wurden, sie ganz zu verwerfen. Die Französische und Englische Regierung deshalb, nicht einer so trostlosen Sache wegen einen Europäischen Krieg zu beginnen, vereinigte sich dahin, daß die erstere den Admiral Du Petit Thouars, der bei seiner Rückkehr in Toulon von dem jungen Volk enthusiastisch empfangen und mit einem Ehrensäbel beschenkt wurde, trotz seiner Vertheidigung das Kommando entzog; die Englische Regierung dagegen versprach Mr. Pritchard, der sich den Französischen Interessen zu feindlich gezeigt, nie wieder nach Tahiti oder einer von den Franzosen in Besitz genommenen Inseln zu senden.
Am 19. Juni 1847 erließen die beiden Großmächte England und Frankreich ebenfalls eine Deklaration, in welcher sie die Unabhängigkeit der Inseln von Huaheine, Raiatea, Bola Bola etc. – erklärten, wie zugleich unter §. 3 bestimmten, daß »kein Häuptling von Tahiti zu ein und derselben Zeit über jene Inseln regieren könne.«
Nicht allein daß die Macht der Pomaren auf Tahiti und Imeo gebrochen war, sondern die ihnen bis jetzt wenigstens tributpflichtigen Stämme wurden, um die Franzosen fern zu halten, ihrer Oberherrschaft jetzt ebenfalls entzogen, und der Königsstamm der Pomaren sah seinen Stern untergehn auf ewig.
Ueber den Schluß des Krieges, den die Eingeborenen mit so wackerem Muth und fabelhafter Ausdauer gegen die, ihnen an Waffen und Kriegskunst so weit überlegenen Fremden führten, sagt ein Missionsbericht vom Januar 1847 das folgende:
»Etwa Anfang December des vorigen Jahres entdeckte ein Eingeborener von Atiu über dem Hautaualager (dessen Thal unmittelbar hinter Papetee liegt und eine Passage durch das Innere zu den beiden anderen Lagern eröffnete) einen gangbaren Pfad eine Klippe hinauf, wo die Feinde eine Position nehmen konnten, das unter ihnen liegende Lager zu beherrschen. Er war von den Eingeborenen desertirt, und erbot sich in Papetee die Feinde für eine besonders bestimmte Belohnung – ich glaube 200 Dollar – dort hinauf zu führen. Nicht lange nachher marschirten fast sämmtliche Truppen das Thal hinauf, die Hauptmasse formirte sich in Schlachtordnung auf der gewöhnlichen Passage, wie im Begriff einen neuen, schon so oft abgeschlagenen Sturm zu versuchen, und der Zweck wurde auch dadurch vollkommen erreicht, denn die Eingeborenen, von denen eine starke Abtheilung sogar fouragiren geschickt war, richteten ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Vertheidigung des einen Passes. Unter der Zeit schlich der Atiuer mit etwa dreißig den Franzosen ergebenen Eingeborenen und vierzig Soldaten, zu dem ihm wohlbekannten Pfad, und ließ von dort ein mitgenommenes Seil nieder, an diesem eine feste und schon zu dem Zweck bereit gehaltene Strickleiter aufzuziehn. Auf dieser folgten nun nach und nach die übrigen Soldaten, bis sie Alle die Klippe, und später den etwa 1000 Fuß hohen Abhang erreicht hatten, wo sie die Eingeborenen unmittelbar über ihrem Lager bedrohten, und furchtbare Verwüstung hätten unter ihnen anrichten können. Die Insulaner sahen auch bald daß weiterer Widerstand vergeblich war, streckten die Waffen und wurden als Kriegsgefangene in die Stadt gebracht.«
»Die Einnahme dieses Lagers öffnete den Franzosen jetzt den Weg zu den beiden anderen befestigten Plätzen; ihnen lag aber keineswegs daran die Insulaner zu bekämpfen, sie wollten sie sich nur unterwerfen, und entließen ihre Gefangenen augenblicklich wieder, sobald sie das Französische Protektorat anerkannt. Einer der entlassenen Häuptlinge wurde dann nach Buaania, der schwächsten Befestigung, als Parlamentair abgesandt sie zur Uebergabe aufzufordern, oder mit einem Angriff zu drohn. Diese ebenfalls, als sie hörten wie die Sachen doch nun einmal standen, unterwarfen sich, und streckten dort allein 250 Gewehre.«
»Das Lager von Papeeneo ergab sich zuletzt; die Vertheidiger zögerten mehrere Tage, endlich aber fügten auch sie sich der Uebermacht und marschirten, gerade am Neujahrstag, in die Stadt, wo sie ihre Waffen nieder legten. Sie kamen in langer Procession – die Häuptlinge voran, dann die Krieger, und die Frauen und Kinder zuletzt. Noch etwa hundert Schritt von den Französischen Truppen entfernt machten sie Halt, knieten nieder und beteten, dann erhoben sie sich zusammen und marschirten in die Stadt. Indessen waren von den Franzosen schon ihre eingeborenen Richter ernannt worden, diese empfingen sie mit freundlichem Gruß, bewillkommten sie als Brüder und führten sie nach dem Gouvernementshaus, wo sie ihre Waffen förmlich niederlegten und das Protektorat anerkannten. Eine allgemeine Amnestie (ohne Ausnahme) wurde dann verkündigt, alle Fehltritte wurden als vergessen betrachtet, und den Leuten angedeutet sich ruhig und unbesorgt wieder in ihre Heimath zu verfügen.«
Die geflüchtete Königin kehrte erst im Februar nach Tahiti zurück, wo sie von Gouverneur Bruat empfangen und von ihm, als dem Repräsentanten Frankreichs, in alle ihre Rechte und Privilegien als Königin von Tahiti und Morea, unter Französischem Protektorat anerkannt wurde. Ein aufgestelltes Musikchor spielte ein Französisches Nationallied und ein Salut von ein und zwanzig Schüssen donnerte seinen Segen dazu.
Ihre Majestät bekam von da an einen förmlichen Gehalt von der Französischen Regierung; etwa in derselben Art wie die abgesetzten Indischen Fürsten auf Java von den Holländern erhalten und bezahlt werden, als Mittelspersonen gewissermaßen zwischen den Eingeborenen, für die sie zu haften haben, und der fremden Regierung. Pomare erhält jährlich 5000 Dollar, und außerdem noch eine nicht unbeträchtliche Summe als Landzins, für Beamtenstellen etc. – so daß die ganze Summe fast 8000 Dollar betragen mag. Jeden Verkehr Ihrer Majestät aber mit Fremden, die auf Tahiti wohnten oder es besuchten, behielt sich das Protektorat vor, und eine gewünschte Audienz mußte vier und zwanzig Stunden vorher angezeigt und der Grund der gewünschten Zusammenkunft gegeben werden – wahrscheinlich um weiteren Aufreizungen zuvor zu kommen und sie von vorn herein unmöglich zu machen.
So war der Titel den Pomaren erhalten, aber sie hatten aufgehört zu regieren.
Die katholische Religion breitete sich dabei ebenfalls mehr und mehr aus; ein Bischof war von Frankreich herüber gekommen, und ein großer Theil der Indianer wandte sich der neuen Religion zu. Andere verharrten in ihrem Glauben, und sehr Viele »überlegten sich« die Sache; sie waren stutzig geworden auf dem eingeschlagenen Weg – ihr einfacher Verstand begriff die Spitzfindigkeiten der verschiedenen Sekten nicht, und bald dieser bald jener sich neigend, leben sie gleichgültig in den Tag hinein; ein geringer gebotener Vortheil kann sie der einen oder anderen Religion leicht gewinnen.
Es war Frieden in Tahiti; die Partheien hatten sich vereinigt, Paofai und Utami, Tati, Hitoti und Paraita waren Richter des Volks geworden, und die Sonne lachte so freundlich auf die blitzenden Uniformen der Französischen Soldaten nieder, die beim Parademarsch alle jungen Leute der Umgegend um sich sammelten zu heiterer Lust, als sie auf die Tapatücher von deren Voreltern nieder geschienen. Die zerschossenen Brodfruchtbäume und Palmen waren entfernt, und andere schon wieder an ihrer Stelle gewachsen, große steinerne Gebäude aufgeführt, breite Straßen angelegt, Brücken gebaut und – Straßenlaternen standen auf behauenen Corallblöcken am Strand des Hafens von Papetee.
Im November des letzten Jahres kam ein Schiff durch die Straße von Tahiti und Imeo eingesegelt und wurde da von Windstille befallen. Während es noch mit schwerfällig gegen den Mast schlagenden Segeln, mit der Gegenströmung eher wieder seinen Cours zurückgehend, dort lag, lief ein kleines, von zwei Eingeborenen gerudertes Boot von Morea herüber an ihnen vorbei, und wurde von Deck aus angerufen.
Ein Passagier wünschte mit an Land zu fahren, und da er ihre Sprache vollkommen gut verstand, einigten sie sich bald darüber. Das Boot legte sich an die Seite des Schiffs, die Fallreepstreppe wurde über Bord gehangen, und der Fremde stieg rasch hinab, wo er ohne Weiteres seinen Sitz im Heck des Bootes und der Steuerruder nahm.
»Gerad' da hinüber wohin Ihr den Bug jetzt gedreht habt liegt die Einfahrt der Bai« sagte der eine Indianer, als sie das Schiff verließen und rasch über das vollkommen ruhige Wasser dahin glitten.
»Ich weiß es« erwiederte der Europäer, ohne die Augen jetzt von dem, vor ihnen ausbreitenden Ufer fort zu nehmen, und die Indianer ruderten schweigend weiter. Durch die Einfahrt glitten sie, von der Fluth begünstigt, rasch hinein und am Ufer hinauf, vermieden die hie und da verborgenen Corallenriffe, deren Lage der fremde Mann zu dem unbegrenzten Erstaunen der beiden Insulaner vollkommen gut kannte, und landeten endlich in Matavaibai an dem Fuß eines ziemlich gut gehaltenen Gartens, in dem oben eine der gewöhnlichen großen Bambushütten, wie sie die wohlhabenderen Eingeborenen bewohnen, stand.
Woher kannte der Fremde den Platz so genau? und doch erinnerte sich keiner der Beiden, die hier seit ihrer Kindheit wohnten, ihn je gesehn zu haben. Es war ein schlanker kräftig gebauter Mann, und seine Bewegungen hätten fast jugendlich genannt werden können, nur daß dem das schon stark ergraute Haar und die tiefen Furchen seines Angesichts widersprachen.
Neun Jahre hatten René Delavigne zum Greis gemacht, so daß selbst zwei seiner alten Nachbarn ihn nicht wieder erkannten.
Er sprang an Land, und als er den festen Grund betrat, denselben Platz wo einst seine eigene Heimath gestanden und er vor neun Jahren Abschied von – Er durfte den Gedanken nicht ausdenken, denn er wollte den Insulanern die Aufregung nicht verrathen in der er sich befand; aber er brauchte in der That mehre Minuten, ehe er sich so weit gesammelt hatte sie wieder anzureden, und frug endlich ruhig, wem das Haus hier gehöre und wer es bewohne.
»Dies hier? Mitonare« – sagte der Eine von ihnen.
»Was für ein Mitonare? – ein Ferani oder Kanaka?«
»Kanaka – gewiß« erwiederte der Eingeborene lachend, »Kanaka Raiteo – da sitzt er« fügte er dann mit leiserer Stimme hinzu, als er mit dem Fremden den schmalen Weg hinauf und am Haus vorbei der Straße zu ging, und René erkannte die Gestalt seines alten Feindes oder Freundes, wie es sein Nutzen eben nur erheischte, der, sein bewegtes Leben mit einem gottseligen vertauscht, ausruhend vor seiner Thür unter einem schattigen Orangenbusch saß und, die aufgeschlagene Bibel neben sich auf einem Tisch, die Hände über einem ansehnlichen Bauch gefaltet, mit unbeschreiblicher Behaglichkeit die Last seiner Existenz zu tragen schien. Er war in Frack, Weste und Halstuch, so unbequem als möglich gekleidet, aber darunter nur in den Pareu, denn seine Landeskrankheit, die unter den älteren Eingeborenen ungemein häufige Elephantiasis, erlaubte ihm nicht, der ansehnlich geschwollenen Beine wegen, in Hosen zu fahren. Die Unbequemlichkeit abgerechnet hat diese wunderbare Krankheit aber weiter gar keine üblen Folgen, sondern verleiht im Gegentheil dem Träger eher noch ein würdiges achtbares Ansehn, wenigstens in den Augen seiner Landsleute, und die damit Behafteten werden alt und grau.
Als Raiteo den Fremden erblickte rief er ihm sein gastliches Haremai, haremai entgegen, und lud ihn durch Winken mit der Hand ein näher zu treten.
»Wollen wir nicht hin gehn? – Mitonare winkt« sagte der eine Insulaner, der ihn noch bis zu da, wo oben seine Hütte stand, begleitete – René zögerte auch fast unwillkürlich, aber er wandte sich wieder ab, grüßte mit der Hand nach dem würdigen Mann hinüber, und schritt rasch vorbei.
Langsam und allein verfolgte er, als ihn der Eingeborene verlassen hatte, seinen Weg, die jetzt breite und bequem ausgegrabene Straße entlang nach Papetee. Sein Blick flog dabei unwillkürlich von einer der gemachten Verbesserungen und Neuerungen zur anderen, ohne aber lange darauf zu haften; er schritt theilnahmlos an den Kasernen und Kapellen, an den Gouvernementsgebäuden und Befestigungen vorüber, bis er die kleine, wohlbekannte Gartenpforte erreichte, die zu Monsieur Belards Hause führte. Seine zitternde Hand legte sich auf den Drücker, als sein Blick auf eine kleine Porcellaintafel fiel, die einen fremden Namen trug.
Durch den Garten kam, die Hände in den Taschen seiner weiten Nankinghosen, und ein fröhliches Lied pfeifend, ein behäbig aussehend alter Herr von unverkennbar Englischem Ausdruck.
»Verzeihen Sie mein Herr« redete ihn René in dieser Sprache an – »bewohnte nicht dieses Haus in früherer Zeit ein – Monsieur Belard?«
»In früherer Zeit allerdings« erwiederte jener – »ich habe es von ihm gekauft.«
»Und Monsieur Belard?« frug René rasch.
»Ist vor zwei Jahren etwa zurück nach Frankreich gegangen.«
»Zurück nach Frankreich? – allein?«
»Mit seiner Frau.«
»Und er nahm – er nahm sonst keine Dienerschaft – keine Begleitung mit?«
»Niemand, so viel ich weiß; wir waren bis zur letzten Stunde noch zusammen.«
»Ich muß Ihre Zeit noch einen Augenblick in Anspruch nehmen« fuhr René nach kurzer Pause fort – »können Sie mir vielleicht Auskunft geben, ob Schiffe oder Fahrzeuge manchmal von hier nach den leewärts gelegenen Inseln gehn?«
»Selten, die Missionsfahrzeuge ausgenommen; aber wenn Sie Fracht dorthin haben sollten, so liegt gleich da unten ein kleiner Cutter, kaum größer wie eine Schiffsbarkasse, dessen Eigentümer ihn mir erst heute Morgen zu irgend einer Fahrt offerirte; den könnten Sie jeden Augenblick miethen. Sie sind wohl erst ganz kürzlich von Frankreich herübergekommen?«
»Nein Sir; ich habe Frankreich schon mehre Jahre verlassen.«
»Aber Sie sind Franzose?«
»Allerdings.«
»Das dacht ich mir – doch wir stehn hier so in der Thüre, wollen Sie nicht näher treten?«
»Ich danke Ihnen herzlich« sagte René, dem es ein unheimliches Gefühl war die Schwelle gerade bei fremden Menschen wieder zu überschreiten – »ich habe dann keine Zeit zu verlieren und erkundige mich lieber gleich nach den Bedingungen. Wissen Sie vielleicht zufällig wo ich den Eigenthümer finden kann?«
»Er ist ein Landsmann von ihnen und wenn Sie ihn nicht an Bord finden, können Sie ihn jedenfalls bei Viktor erfragen – er fährt aber nicht selber, sondern schickt seine Indianer. Sie gehn dazu die erste Querstraße hier hinauf in die sogenannte Broomroad, und dann rechts hinunter bis Sie –«
»Ich danke Ihnen, ich kenne den Platz.«
»Ah, desto besser« und mit freundlicher Verbeugung trennten sich die Männer.
Der frische Ostpassat blähte die Segel, das wackere kleine Schiff warf schäumend die schimmernden Wellen zurück, die hinter ihnen her tanzten und sprangen, und in wilder Lust ihre Häupter schüttelten, daß die klaren blitzenden Perlen davon absprühten, und der Himmel spannte sich klar und rein über das tiefblaue, wie mit einem durchsichtig goldenen Netz überzogene Meer.
Gerade vor dem Bug des Cutters, dem er mit schwellender Leinwand entgegen strebte, zeigte sich Land – über den Horizont auf stiegen die wunderlich gezackten blauen Kuppen einer kleinen Insel, und hoben sich höher und höher, jetzt die einzelnen Conturen der Schluchten und Berghänge klarer abzeichnend, jetzt den zackigen Baumwuchs selbst, auf dem oberen Kamm der Hügel deutlich unterscheidend, während rechts und links schon ein schmaler, dünner, blauer Streifen – das niedere Palmenland, das die Hügel umgab, ablief, und der Fluth gleichsam entquoll, als sich das scharfgebaute flüchtige Boot mehr und mehr dem Ufer näherte.
»Mein Atiu!« flüsterte René, als er vorn auf der Back des kleinen Fahrzeugs stand, wo die am Bug aufspritzenden Wogen unter seinen Füßen schäumten, »mein liebes Atiu – und dort der Hügelhang, der unvergessene mit seinen rauschenden flüsternden Palmen, den stillen Zeugen meines schönsten Glücks – da drüben das schmale schattige Thal mit den duftenden Blumen, dort oben die runde Kuppe, die das Ihiamoea trägt – dorthin das Joch, das sich hinüber spannt nach jenem Berg, über den mich Sadie führte in jener Nacht; und da unten – ha, dort kommt schon das helle friedliche Dach des Mitonares mit seinem Orangenhain und Bananengarten, seinem lauschigen Platz unter dem breitästigen Hibiscus und dem murmelnden Quell am Haus, über dem die Palme liegt. Es ist noch Alles so wie ich es verließ« setzte er tief aufseufzend hinzu, als das kleine schmale Fahrzeug der Einfahrt in die Riffe zu strebte, und wieder nach langen Jahren die stille so wohl bekannte Bai die waldigen Arme ausstreckte ihn zu begrüßen – »Alles, nur in der eigenen Brust ist es todt, und am Herzen nagt es und wühlt in Schmerz und Reue.«
Das Segel fiel – der kleine Cutter hatte den seichten Corallengrund erreicht, und drei von den vier Eingeborenen, die seine Besatzung bildeten, kamen nach vorn, den leichten Anker über Bord zu werfen. Wie er sank und den Grund faßte, schwang das leichte Fahrzeug vor der Fluth herum, und die kleinen Fluthwellen kräußten in dem sonst hier vollkommen stillen Wasser an seinem Ankertau und Bug.
Sie lagen kaum dreißig Schritt vom Land entfernt, konnten aber, der hier überall auszweigenden Corallen wegen, nicht näher hinan kommen und mußten von dort ein Canoe oder Boot herbei rufen. Am Ufer hatten sich indessen eine Menge Mädchen und Frauen und Männer gesammelt, den ungewohnten Besuch zu empfangen und zu besprechen, und René harrte mit ängstlich klopfendem Herzen des Augenblicks, der ihn an Land – der ihn unter jene Gruppen wieder bringen sollte, dort zu erfahren was er nicht den Muth gehabt, in eines Menschen Auge hinein auf Tahiti zu erkunden. Wer hätte auch dort ihm Nachricht geben sollen von der fernen Insel.
Jetzt stieß ein Canoe vom Strand – zwei alte Insulaner saßen darin, und das leichte schlanke Fahrzeug glitt pfeilschnell zwischen den hier überall aufragenden Corallenblöcken hin auf sie zu und legte sich langseits.
»Joranna, Joranna!« riefen die fröhlichen Menschen, »Joranna bo-y – komm an Land Fremder, komm an Land – wir haben Cocosnüsse für Dich und Brodfrucht – komm an Land!«
Wie das Joranna dem fremdgewordenen Mann durch die Seele schnitt – er kannte die beiden Männer, die manche Nacht in seiner Hütte geschlafen und von seiner Brodfrucht gegessen – und ihn kannte keiner. Und hatte er sich denn gar so sehr verändert, und Zeit und Gram sein Antlitz so entstellt, daß ihn selbst alte Freunde und Nachbarn nicht mehr kannten? es war das ein wehes, schmerzliches Gefühl. Aber männlich kämpfte er jetzt gegen jede solche Regung an; er wollte sich nicht verrathen, ehe er nicht gewisse Kunde von dem erhalten, was wie die Ahnung nahenden Verderbens auf seiner Seele lastete.
Das freundliche Joranna leise erwiedernd, stieg er in's Boot hinüber, die Ruder fielen ein und wenige Minuten später raschelten die Korallen unter seinen Füßen.
»Und Sadie?« – der Name lag auf seinen Lippen, aber der Mund wagte nicht ihn auszusprechen, und unwillkürlich suchte der scheue Blick unter den lachenden munteren Gruppen die theuren bekannten, und jetzt doch fast gefürchteten Züge der Geliebten. »Sadie«, oh wie das Wort ihm durch die Seele klang, und die Erinnerung in tausend und tausend lieben nie vergessenen Bildern alle die seligen Stunden wieder auf beschwor, deren Schauplatz der Boden hier gewesen.
»Er versteht unsere Sprache nicht« sagten die Insulaner dabei unter einander – »er weiß nicht wohin er gehen soll, wir wollen den Mitonare rufen.« Und ein paar sprangen dem Hause zu, während Andere seine Hände ergriffen, und ihm durch Zeichen jetzt, und mit einzelnen abgebrochenen Worten, begreiflich zu machen suchten, daß in dem Haus da drüben ein Europäer wohne, der sich freuen würde ihn zu sehn.
Mitonare – was für freundliche Scenen das eine Wort in seine Seele rief, und unwillkürlich fast suchte sein Auge die Gestalt des kleinen würdigen Mannes in der offenen Thür. Dort aber trat ihm in der That ein weißer Mann entgegen, und René erkannte mit freudigem Staunen den alten trefflichen Mr. Nelson, der, den Fremden erblickend, freundlich auf ihn zu kam und ihn frug, womit er ihm dienen könne. Auch dieser ahnte in dem ergrauten Fremden mit tiefgefurchten Zügen den jungen lebenskräftigen Mann nicht mehr, der damals in strotzender Jugendkraft wild und trotzig hinein in's Leben stürmte.
»Nur einer Frage wegen komm ich her, ehrwürdiger Herr« sagte René mit leiser Stimme, als ob er schon fürchte sich nur im Klang der Worte zu verrathen – »lebt hier noch – wohnt noch auf Atiu –?« – Wieder stockte er – er brachte den Namen nicht über seine Lippen.
»Wen meinen Sie?« sagte der Geistliche, ihm still und freundlich in's Auge sehend.
»Sonst wohnte Bruder Ezra hier im Haus« stammelte René endlich, der fühlte, daß er wenigstens eine Antwort geben müßte.
»Bruder Ezra« wiederholte der Geistliche, leise und nachdenkend dabei mit dem Kopfe nickend – »Bruder Ezra, ja ja, das war in früherer Zeit – jetzt existirt der freilich nicht mehr.«
»Ist er todt?« rief René schnell und erschreckt.
»Nein, nein« lächelte Mr. Nelson, »das gerade nicht; im Gegentheil erfreut er sich eines ganz besonders gesegneten Wohlseins; aber er hat nur den »Bruder Ezra« und den »Mi-to-na-re« abgeworfen und ist, wenn auch nicht gerade anerkannt zum alten Heidenthum, doch von unserer christlichen Gemeinschaft zurückgetreten. Der arme kleine Mann konnte die vielen, in ihm von so verschiedenen Seiten wachgerufenen Zweifel, nicht länger bekämpfen, und übersprang sein Ziel. Anstatt zu prüfen und das Beste zu behalten verwarf er Alles, und lebt nun ziemlich gleichgültig, aber anscheinend ganz zufrieden in den Tag hinein.«
»Und wo ist seine Wohnung?«
»Nicht sehr weit von hier; gleich über jenem niedern Hügelhang. Wenn Sie den Pfad wüßten –«
»Ich will Dich führen, Wi Wi« sagte da eine leise Stimme an seiner Seite und als sich René rasch dorthin wandte, sah er sich einer schlanken, ziemlich abgemagerten Frau gegenüber, die ihre Augen fest und forschend auf ihn gerichtet hielt.
»Aia!« rief er überrascht aus, aber die Frau ergriff seine Hand und ihn mit sich fortführend sagte sie:
»Komm – ich weiß wohin Du willst, und kenne den Weg fast so gut wie Du.«
»Herr Delavigne!« rief aber auch jetzt der Geistliche, der ihn ebenfalls erstaunt erkannte – »mein Gott, wie haben Sie sich verändert.«
»Nicht wahr?« sagte René mit dumpfer düsterer Stimme, »ich bin nicht jünger geworden in den neun Jahren.«
»Komm, komm!« rief aber die Frau, ungeduldig ihn mit sich fortziehend – »wir Alle nicht – unser Fleisch ist weich geworden, unser Haar grau – nur die Erinnerung ist noch frisch und jung;« und den, ihr jetzt willenlos folgenden durch den Garten, den lieben bekannten Pfad hinführend, schritt sie mit ihm durch einen Wald von Guiaven, der hier erst später entstanden zu jenem Hügelkamm hinauf, auf dem Sadiens Lieblingsplätzchen lag.
»Du hast Wort gehalten« sagte sie dabei, still und unheimlich in sich hinein lachend – »Du bist uns gefolgt – Du bist gekommen – Sadie hat es immer behauptet.«
»Sadie –«
»Bst – bst – jetzt noch nicht« flüsterte die Frau – »Du hast wirklich Atiu nicht ganz vergessen, und bist wiedergekommen – nur ein wenig spät – ein wenig zu spät; und Dein Haar ist so dünn und grau geworden, Wi Wi, in der kurzen Zeit« fuhr sie, plötzlich stehn bleibend und einen Schritt von ihm zurücktretend fort, »und was für Furchen Dir das böse Gewissen in Stirn und Wangen gegraben. – Hm, hm, hm« setzte sie kopfschüttelnd hinzu – »das war doch eine trübe Zeit für Alle – und hab ich es Euch nicht vorher gesagt?«
»Zu spät, Aia?« rief René mit zitternder Stimme – »sagtest Du zu spät?«
»Bst, bst« wiederholte aber die Frau, und schritt auf's Neue rasch voran – »kannst es jetzt auf einmal nicht erwarten, und hast Dich die langen Jahre nicht um sie bekümmert? Du kommst zeitig genug dorthin, Wi Wi.«
Sie sprach von jetzt an kein Wort mehr, und den Hügelhang hinan sprang sie mit flüchtigen Sätzen, daß ihr René kaum zu folgen vermochte, bis sie plötzlich oben sich wandte, und den Ferani erwartend zur Seite trat. Aber René folgte ihr nur langsam nach; – jeder Schritt, jeder Fußbreit hier, traf ihn wie scharfer Messerstich in's Herz, denn so gepflegt, als ob sie nie den Platz verlassen und sorgsam die kleinste Pflanze gewahrt, lag der Pfad hier, wo der Hügelhang selbst begann und die sorgende Hand verrieth, die ihn gehalten. Und war das seinet willen etwa geschehn? – Jetzt sah er schon die Wipfel seiner Palmen, die freilich höher geworden waren in der langen Zeit, jetzt erreichte er das kleine Orangendickicht, das den lauschigen Platz so treulich abschloß gegen der Menschen Blick von unten her, und jetzt – heiliger Gott – Sadie – ein jäher Schlag traf ihn durch Herz und Mark und wie vor einer Erscheinung, zusammengeschmettert von dem furchtbaren Augenblick, sank er in die Knie und blickte zweifelnd, staunend, seinen eigenen Sinnen nicht trauend, auf das was sich ihm bot. Dort stand sein Weib – dort stand Sadie so schön und wunderhold, so wild, so jugendfrisch als je; die dunklen flatternden Blumen durchflochtenen Locken, die freie offene Stirn, das dünne Schultertuch den nackten Leib umfliegend, den Arm ausgestreckt gegen ihn und die zarten Lippen halb und eben weit genug geöffnet, die Perlenzähne dahinter zu verrathen. –
»Sadie!« rief er und barg die Augen in der Hand, um sich dort auf kurze Zeit wenigstens das holde Bild zu wahren, das, wie er nicht anders zu glauben wagte, vor seinem äußeren Blick doch gleich zusammenschwinden mußte – »Sadie, Du arme – verrathene Sadie!« – und was der Schmerz jetzt in jahrelanger nagender Qual fast nicht vermocht, gegen was er angekämpft mit all seinem hartnäckig männlichen Trotz, das brach der eine Augenblick – das schmolz ihm die Rinde von dem starren Herz. Wie der wild erregte Strom an seinem Damme wühlt und leckt und wäscht, und unermüdlich arbeitet Tag und Nacht, bis er sich endlich die freie Bahn gerissen und nun unaufhaltsam hindurch drängt, und in seinem Sturz die Schranken alle vor sich niederwirft, die ihn bis dahin immer noch gehalten, den furchtbaren, so drängte sich jetzt seiner Thränen so lang und krampfhaft gedämmter, nun aber entfesselter Quell hinaus in's Freie, hinaus aus den brennenden Augenhöhlen – »Sadie« und die Stirn in den kühlen duftenden Fern pressend, der den Boden deckte, schluchzte er laut.
»Was fehlt dem fremden Mann? – ist er krank? und woher kennt er meinen Namen?« frug eine sanfte oh so wohl bekannte Stimme, und seinen Sinnen selbst mistrauend zuckte der Unglückliche empor und schaute, in krampfhafter Hast sich die wirren Haare aus der Stirn streichend, auf das liebliche holde Kind, das immer noch ruhig und freundlich vor ihm stand.
Aber auch Aia's Zorn war gewichen, als sie den Reuigen zerknirscht, vernichtet am Boden liegen sah, und während auch über ihre abgehärmten Züge die klaren schweren Thränen nieder tropften, sagte sie leise und mit unendlicher Weiche im Ton:
»Die Du rufst, falscher, treuloser Wi Wi – die liegt unter Dir in dem kühlen Grab, das wir, ihrer Bitte nach, ihr hier gegraben auf ihrer Lieblingsstelle. Der kleine flache blumengeschmückte Hügel vor Dir deckt das arme Herz, das hier zuletzt den Frieden fand den Du geraubt, und kalt und rücksichtslos unter die Füße getreten. Es hat Dich mehr geliebt als Du verdienst, mehr als Du je geahnt, und noch im Tode Dir vergeben und Gottes Segen auf Dein Haupt herabgefleht. – Kennst Du Dein Kind nicht mehr?«
»Mein Kind? – Sadie?« rief René, vom Boden aufspringend und die Arme nach der scheu zu ihm aufblickenden Jungfrau ausstreckend – »Sadie – mein armes, armes Kind.«
»Ist das mein Vater, Aia?« frug da mit schüchterner Stimme das holde Kind – »der Vater, um den die Mutter hier so oft geweint, und für den ich jeden Abend beten mußte, wenn dort die Sonne hinter der Hügelspitze sank?«
Aia konnte nicht sprechen, das Herz war ihr selber zu voll, aber sie nickte langsam mit dem Haupt und Sadie, auf den Vater zutretend und ihr Köpfchen vertrauungsvoll an seine Brust schmiegend, während er sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit umschlang und an sich preßte und ihre Stirn mit heißen Küssen bedeckte, sagte leise:
»Wir haben Dich so lang erwartet, Vater. Du bist recht lang geblieben, und Mutter hatte Dich so lieb.«
»Mein Kind, Du brichst mir ja das Herz« flehte der sonst so starke Mann, den der Schmerz jetzt zu bewältigen drohte – »mein liebes – liebes Kind.«
»Komm – fort von hier!« rief aber jetzt Aia, die es nicht länger ertragen konnte, seinen Arm ergreifend – »komm, Ihr quält Euch und mich und die Schlafende da unten unter den Blumen. Komm mit hinunter, Wi Wi, zu Ahiahi, den Du sonst Bruder Ezra nanntest, daß wir uns Alle fassen und vernünftig werden – mir hat's die Adern bald aus der Stirn gebrannt.«
Und seine Hand nicht lassend, während das junge Mädchen, von dem Arm des Vaters umschlungen ihr Haupt an seine Brust gelehnt hielt, schritten sie langsam den Hügelhang an der anderen Seite hinab, wo hin ein neuer bequemer Pfad gebahnt war. Er führte zu der jetzigen Wohnung des Mitonares – wie ihn die Insulaner doch noch immer, trotz seinem dagegen ankämpfen nannten – nieder.
Mitonare saß vor seiner Thür, noch behäbiger und runder aussehend vielleicht wie vor neun Jahren; ganz auch wieder in seiner zwar heidnischen, aber jedenfalls bequemen und natürlichen Tracht, hatte er nur den weiten luftigen Pareu um die breiten Hüften geschlagen, und mit einem breitrundigen Strohhut auf dem Kopf – dem einzigen, das er von der fremden Mode beibehalten – trug er den Oberkörper nackt, auf dem die blauen zierlichen Linien der früheren Tattowirungen scharf und deutlich hervortraten. Ziemlich gleichgültig hatte er auch wohl bis jetzt die Schritte der Nahenden gehört, als sein Blick auf die ihm verhaßte Europäische Tracht des Fremden fiel, und er schon staunend und überrascht aufschaute über solch ungewohnten und auch wohl unwillkommenen Besuch. Wie er aber die Gruppe erkannte, sein Pflegekind im Arm des fremden Mannes, da durchblitzte ihn auch im Nu die Wahrheit des Ganzen.
»Der Wi Wi!« rief er, von seinem Stuhle aufspringend und dem Fremden fast wie unwillkürlich die Arme entgegenstreckend, dann aber, als ob er sich plötzlich besann, ließ er sie wieder sinken, fiel auf seinen Stuhl zurück und starrte, die Hände auf seinen Knieen gefaltet, mit erstaunten Blicken auf den einstigen Freund, der jetzt so ganz verändert, ein alter Mann geworden, vor ihm stand.
»Mitonare – Joranna – Joranna!« rief aber René, dicht vor ihm stehn bleibend und ihm die linke Hand zum Gruß entgegenstreckend – »hab ich mich so verändert, daß selbst Du, mein alter Freund, mich nicht mehr erkennst? dann muß es freilich arg sein, und ich darf es den Anderen nicht verdenken.«
Mitonare veränderte aber seine Stellung nicht, noch nahm er die gebotene Hand; nur in die schmerzdurchzuckten gefurchten Züge des Zurückgekehrten aufschauend sagte er leise, und fast mehr mit sich selber als zu dem Fremden redend.
»Das war die Strafe für begangene Sünde von dem da oben, wie er auch eben heißt – das war das einzige Gute was noch in dem falschen und leichtsinnigen Wi Wi stak, das Gewissen. Das bohrte und stach und mahnte und ließ nicht nach, ließ nicht Ruhe und trieb den Wi Wi wieder herüber über das große Wasser, die Stelle noch einmal zu sehn, wo er seinen ersten Meineid geschworen gegen den Allmächtigen.«
»Mitonare« flehte René, dem die Worte das Herz zerrissen.
Der kleine Mann schüttelte mit dem Kopf.
»Bah, bah« sagte er, »Mitonare steckt da drinn in den Kalebassen – da Frack, da Halstuch und Weste – da dicke Buch, und da Schuh und Hemd – Ahiahi ist ausgezogen, hat Bruder Ezra und Mitonare in den engen Nähten gelassen und der heißen schwarzen Tapa, und ist jetzt wieder ein Mann geworden, der sich nicht mehr fürchtet, und die Sache abwarten will wie es einmal wird. Ahiahi hat Zeit, und kommt dann mit Vater und Großvater zusammen – einerlei wo.«
»Ahiahi ist böse auf Dich weil Du die Mutter verlassen hast« sagte da Sadie, traurig zu dem Vater aufschauend, »er hat sie so lieb gehabt.«
Mitonare hatte wahrscheinlich recht ernst und böse bleiben wollen, die Töne aber schnitten ihm in's Herz, und des Mädchens Hand ergreifend, winkte er ihr und Aia fortzugehn. Aia sah daß er mit dem Wi Wi allein bleiben wollte, schlang deshalb ihren Arm um deren Schulter und zog sie leise von dem Vater fort in den Wald hinein, der die Hütte rings umgab.
»Da bist Du nun wieder auf Atiu, René« sagte der Mitonare endlich mit leiser, schmerzbewegter Stimme, das peinlich werdende Schweigen brechend – »da bist Du nun wieder, und wie ist Dir jetzt zu Muthe? – bös, bös – recht bös und weh – und wie weh erst hast Du allen denen gethan die Dich so lieb gehabt.«
René barg sein Antlitz in den Händen aber erwiederte kein Wort, und der Mitonare fuhr leise fort:
»Die erste Zeit war die Schlimmste – wie wir so Monat nach Monat saßen und Deiner harrten, und Fahrzeug nach Fahrzeug ankam von Tahiti, ohne auch nur einen Gruß zu bringen an die arme Frau, da hat Sadie viel geweint, und Tage und Nächte lang da oben gesessen, wo sie jetzt ausruht von ihrem Schmerz, um hinauszuschauen nach nahendem Segel – immer, immer wieder vergebens.«
René hatte rasch und erschreckt aufgesehen, und sagte jetzt mit vor innerer Angst und Aufregung fast erstickter Stimme:
»Und hat sie meinen Brief von Tahiti nicht bekommen, wie ich so schwer dort verwundet lag? – den Brief den der Missionscutter selber mit herüber gebracht und den der Missionair – ich weiß nicht welcher – versprochen hatte in ihre Hand zu geben und sie selber, und wenn nicht das, doch wenigstens Antwort mit zurück zu bringen?«
»Einen Brief? – der Mitonare?« sagte der kleine Mann kopfschüttelnd – »und wann war das?«
»Nur wenige Wochen nachdem sie mich verlassen« erwiederte René schnell.
»Da war Bruder Rowe selber hier« sagte der Kleine kopfschüttelnd, »und wußte von Nichts – hat kein Wort gesagt, keinen Brief – keine Nachricht gehabt für uns –«
»Und auch von Frankreich kam kein Brief hier an?« frug René in immer wachsender Angst.
Der Mitonare schüttelt aber traurig mit dem Kopf und sagte:
»Keiner – kein Brief, keine Nachricht – bis – bis der Mitonare zum letzten Mal zu Sadie kam – da hat er viel gesagt, und dann –« setzte er mit tief bewegter, kaum hörbarer Stimme hinzu – »dann war's vorbei.«
»Allmächtiger Gott, so sind meine Briefe verloren oder unterschlagen« rief René zerknirscht, »und Sadie hat glauben müssen ich hätte nie wieder ihrer gedacht.«
»Nie wieder ihrer gedacht?« sagte der Mitonare finster, »bah, bah, was hätte der Brief geholfen, wenn der Wi Wi selber fortblieb, und den hat doch Niemand vergessen können als er selber.«
»Arme, arme Sadie« stöhnte René.
»Ja wohl arme Sadie« sagte der Mitonare traurig – »und wie der finstere Mann erst einmal eine lange lange Zeit weggeblieben, und drüben gewesen war über dem großen Wasser, und wie er zurück kam und von dem Wi Wi erzählen konnte, daß er ihn drüben gesehn –«
René wurde aufmerksam und schien dem kleinen Mann die furchtbaren Worte von den Lippen rauben zu wollen, so fest hafteten seine Augen daran.
»Als er von dem großen Haus sagte in dem er dorten wohnte –« fuhr Mitonare immer heimlicher fort, wie jetzt selber schüchtern, als ob die Verstorbene noch einmal die Kunde hören könne, die ihr damals den Todesstoß gegeben – »und daß er – daß er sich wieder eine andere Frau genommen – das schöne weiße Mädchen das drüben auf Papetee gewesen, und mit dem er fortgefahren sei in einem Schiff, – da – da war's aus. Da brach ihr das Herz und – sie lebte wohl noch eine ganze Woche lang, und küßte ihr Kind viel und betete mit ihm, – aber – aber das Gift hatte gewirkt, und am nächsten Sabbath« – der kleine Mann konnte nicht mehr. Bis hierher hatte er sich, seinen Schmerz in der Gegenwart des Mannes der der Urheber all dieses Leids gewesen verbeißend, ruhig gehalten und wenn auch oft mit zitternder Stimme, doch selbst ohne Thräne im Auge forterzählt, die Erinnerung an das herbe Leid aber das ihn betroffen, in solcher Art wach gerüttelt, nahm auch ihm den letzten Halt, die letzte Festigkeit, und den Kopf auf die Knie niederbeugend, daß der Wi Wi die Thränen nicht sehen sollte, die er nicht mehr zurückhalten konnte, stützte er den Kopf in die Hände und schluchzte laut.
René wagte nicht das Schweigen zu unterbrechen – er stand da, erschüttert und vernichtet, und die gefalteten Hände vor sich nieder streckend, das Kinn auf die Brust gebeugt, starrte er mit todtbleichen Zügen und thränenlosen Augen vor sich nieder, bis der Mitonare sich endlich gewaltsam bezwang, die Thränen aus den Augen wischte und mit lebendigerer Stimme fortfuhr.
»Nachher kam Bruder Rowe wieder zu uns; die Mutter war fertig – wollte nun an der Tochter anfangen – kam wieder mit »Bruder Ezra« und »Mitonare«, Oros Zorn über ihn; kam mit dickem Buch und dem stachlichen Stock da hinten – aber Ahi-ahi ist nicht so schwach – Bruder Rowe kommt nicht wieder über den Hügel – da hinaus flog er, glaubte er hätte Arm und Bein gebrochen. – Jetzt ist Alles wieder gut,« setzte er dann mit ruhiger Stimme hinzu, »Ahiahi lebt zufrieden und glücklich – lernt keine Bibelverse mehr und kein kleines dünnes Buch, braucht Nichts mehr herzusagen und sich nicht mehr mit iti iti kanaka zu ärgern. Aber –« setzte er plötzlich rasch und erschreckt hinzu, als Sadie mit Aia zurückkehrten zum Haus, und ein neuer Gedanke sein Hirn durchzuckte – »was willst Du jetzt wieder hier auf Atiu – Wi Wi – bist Du gekommen die Mutter zu suchen oder – oder willst Du – Dein Kind mit Dir nehmen in die fremde kalte Welt hinaus?«
Renés Blick haftete mit unendlicher Wehmuth auf den lieben Zügen des holden Mädchens, das die letzten Worte gehört und sich schüchtern zu ihrem Pflegevater wandte.
»Fort von Dir, Vater?« sagte sie dabei – »fort von Aia – von Mutters Grab? – ich darf nicht – ich habe ihr versprochen ihr Lieblingsplätzchen da oben zu halten wie es ist.«
»Ja« setzte der kleine Mann finster, und doch mit angstgepreßter Stimme hinzu – »ja – Du kannst sie jetzt fortnehmen mit Dir – Du hast vielleicht das Recht dazu, und – sie ist auch jetzt fast so alt wie ihre Mutter damals war – gerade alt genug um auch draußen die Sprache der Wi Wis und der Beretanis zu lernen, und fremde Kleider zu tragen und sich elend zu fühlen – wie ihre Mutter. Hier hat sie freilich Nichts anderes getrieben als Tapa machen und singen und tanzen und fröhlich sein, und beten Abends wenn sie dem Grab der Mutter gute Nacht sagte; sie weiß Nichts weiter, als was wohl einen der jungen Burschen hier auf der Insel glücklich machen könnte – und sie dann vielleicht auch. – Aber nimm sie nur mit, bis sie ihr draußen auch das Herz gebrochen haben, wie ihrer Mutter, dann schick sie mir wieder, und Ahiahi wird ihr dann das Bett machen neben – neben der Anderen.«
»Nein, nein!« rief aber René, dem der nur zu gerechte Vorwurf tief in die Seele schnitt – »nein, Mitonare, ich habe schwer genug gesündigt an Euch hier; – nicht mehr – nicht mehr. Behalt Sadie, und wahre sie vor dem Fluch der ihrer Mutter Glück zertrümmerte – halte ihr Herz rein und gut, laß sie nie hinaus über das Rauschen ihrer Palmen, über das Donnern ihrer Brandung, und mir den Trost wenigstens zu glauben daß sie, mein Kind, hier glücklich lebt.«
Der Mitonare stand eine ganze Weile vor ihm, bald ihn, bald das Kind betrachtend, endlich ergriff er langsam des Mannes Hand und sagte leise und mit tief bewegter Stimme.
»Armer Wi Wi – armer René – Du bist recht alt geworden in den wenigen Jahren – und gewiß nicht glücklich, wie Du vielleicht geglaubt.« René schüttelte heftig und abwehrend mit dem Kopf und der kleine Mann fuhr, sich abwendend fort – »Die Menschen wissen's gewöhnlich nie wenn sie's sind – wollen Andere glücklich machen und machen sie, und manchmal auch sich selber elend. Dein Volk hat unserem Lande viel Schmerz gebracht. – Aber wie willst Du's haben?« setzte er dann ruhiger, freundlicher hinzu, dem Vorwurf vielleicht ein Wort des Trostes beizumischen – »ich weiß nicht, ob Du das Kind mir lassen willst, oder ob ihr vielleicht der weiße Mitonare, der sie schon oft hat haben wollen, die Sachen lehren soll, die sie bei mir nicht lernen kann?«
»Nein Mitonare, nein!« rief aber René rasch und bewegt – »kein Segen wäre das hier für sie, auf der stillen Insel, und Du selber hast Dir das größte Recht auf sie erworben. In lieblicher Unschuld ist das Mädchen aufgeblüht – wahre Du sie fortan, wie Du's bis jetzt gethan. Doch ich bin reich; ich will Dir Geld zurücklassen, daß Du –«
»Geld?« unterbrach ihn aber der Mitonare rasch und zornig – »Geld? willst Du selber den Fluch wieder säen auf Atiu, der unser Volk schlecht gemacht hat und geizig? Geld – fort damit, fort – es ist Gift darin und Haß und Neid, und sie wachsen mit den häßlichen runden Stücken. Siehst Du die reife Frucht da am Brodfruchtbaum? siehst Du das klare Wasser hier? – brauchen wir mehr? – Wir nicht, aber wer anders braucht davon; – die schwarzen Mitonares wollen Geld – immer nur Geld – denen gieb es wenn Du so viel hast; Ahiahi gönnt es ihnen – nicht uns hier; hast uns weh genug gethan; aber Du meinst es nicht so schlimm« setzte er ruhiger hinzu – »wußtest es nur nicht besser. Doch es ist Zeit für Dich, Sadie – die Sonne sinkt; komm Aia – laß die Beiden zusammen gehn – das Gebet dort oben am Hügel wird ihnen wohl thun. Gehst Du mit ihr, René?«
René barg sein Angesicht in den Händen und stand still und sprachlos, viele Secunden lang; endlich ermannte er sich. Als er die Hände fort nahm, war sein Antlitz fast todtenbleich, und er ging langsam auf den Mitonare zu, ergriff und schüttelte seine Hand, und küßte den darüber etwas verlegenen kleinen Mann auf den Mund; auch Aias Hand, die sie ihm willig überließ, nahm er und drückte sie, und sein Kind dann an sich ziehend, schritt er mit ihm langsam den kleinen Hang hinauf, dem Grab der Gattin zu.
Lange schon war die Sonne im Meer gesunken und tiefe Dunkelheit deckte das Land und den Ocean, noch immer aber saß der kleine Mitonare vor seiner Hütte, Vater und Tochter zu erwarten, und fing schon an unruhig zu werden über das gar so lange Ausbleiben der Beiden. Endlich erhob er sich, und wollte sich eben aufmachen ihnen entgegen zu gehn, als er leichte Schritte im Laub hörte, und gleich darauf Sadie – allein – vor ihm stand.
»Und wo hast Du den Wi Wi?« frug der Mitonare rasch und eine dunkle Ahnung zuckte ihm durch's Herz; Sadie aber schmiegte sich an seine Brust, und während er fühlte wie die heißen Thränen ihren Augen entquollen flüsterte sie:
»Er ist fort, Vater – fort, und wird nie wieder kehren.«
»Fort?« rief der Mitonare erschreckt – »mitten in der Nacht? – wohin? –«
»Fort mit seinem Boot« sagte die Jungfrau, das liebe Antlitz mit den Händen deckend –
»Durch die Corallenriffe bei Nacht?«
»Wir haben lange auf Mutters Grab gebetet, und er mit mir, wie's Mutter mich gelehrt; alle die alten Gebete hab' ich ihm gesagt, und – oh er hat geweint, als ob ihm das Herz brechen müßte an der theueren Stätte. Dann hat er mich an sich gezogen und mich geküßt, und wieder geküßt, und seine Sadie, sein liebes armes Kind genannt, und dann gesagt, er sei nicht werth zu leben, wo er uns Alle unglücklich gemacht. Da bat ich ihn bei uns zu bleiben und schlang meine Arme um ihn, aber er riß sich los von mir, und floh den Hang hinab, und als ich trauernd zurückblieb und ihm nach schaute, konnte ich das kleine Schiff erkennen, wie es den Anker hob, das Segel setzte – und mit der frischen Brise die heut Abend weht, glitt der dunkle Schatten des Fahrzeugs von sicherer Hand gesteuert durch die Riffe hin, der Einfahrt zu, durch die es bald verschwand.«
Der Mitonare erwiederte kein Wort; er küßte das Mädchen und ging hinein in sein Haus und blieb dort allein, den ganzen Abend.
Als sich die Sonne am anderen Morgen aus dem Meere hob, blickten die Insulaner vergebens nach dem kleinen Cutter aus – kein Segel war am ganzen Horizont zu sehn.
Druck von Ferber & Seydel in Leipzig.