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Tahiti

Capitel 7. René und Susanna.

Reading edition

Als René wieder zum Bewußtsein kam und die Augen aufschlug, lag er unter einem hohen Mosquitonetz in einem halbdunklen Zimmer auf einem weichen Bett und hörte, – aber auch nur noch wie in einem Traum – daß sich Zwei in dem Gemach leise flüsternd mitsammen unterhielten. Er fühlte sich dabei merkwürdig schwach und wollte, wenigstens zu sehn wo er sich eigentlich befand, rasch den rechten Arm heben, das Mosquitonetz bei Seite zu schieben, als ihn ein furchtbar stechender Schmerz durchzuckte, daß er mit einem halblauten Schrei fast besinnungslos wieder auf sein Lager zurücksank.

Das Netz wurde jetzt zurückgeschoben, Jemand nahm seine Hand, fühlte seinen Puls und sagte nach kleiner Pause:

»Der Puls geht regelmäßiger, Mademoiselle; ich hoffe das Beste für unseren Freund.«

»Ist er erwacht?« sagte in diesem Augenblick eine Stimme, die dem Kranken das Blut in Fieberschnelle durch die Adern jagte, daß der Arzt, der noch die Hand in der seinen hielt, bedenklich mit dem Kopf schüttelte, und das Netz weiter zurück schob, die Gesichtszüge des Verwundeten erkennen zu können.

»Hallo« rief er aber, als er hier in die Augen des forschend zu ihm Aufschauenden blickte – »unser Patient hat wirklich ausgeschlafen, und sieht sich frisch und munter wieder in der Welt um. Wie geht es, Monsieur Delavigne – wie ist Ihnen jetzt? haben Sie Schmerzen?«

»Schmerzen? – nein – ja – hier in der Schulter – aber mir ist so wunderbar zu Muthe – wer ist noch im Zimmer?«

»Ihre Pflegerin, Monsieur, der Sie zu großem Dank verpflichtet sind, denn Sie haben uns die letzten elf Tage viele Sorge gemacht.«

»Letzten elf Tage?« wiederholte René erstaunt, »aber wer ist hier?«

»Halten Sie sich ruhig, Herr Delavigne« sagte da eine leise, oh ihm nur zu gut bekannte Stimme und wieder schoß ihm das Blut zum Herzen zurück und ein Stich, den es ihm durch die Schulter gab, machte ihn die Zähne fest aufeinander beißen.

»Susanna« flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme vor sich hin, und ein glückliches Lächeln legte sich über die bleichen Züge. Aber die Erregung war auch zu stark gewesen für den geschwächten Körper, und mit geschlossenen Augen brauchte er viele Minuten Zeit seine Kräfte wieder zu sammeln, seine Sinne, die noch in traumhaften Bildern herüber und hinüber zuckten, der Gegenwart fest zu halten.

Als er die Augen wieder aufschlug war er allein im Zimmer mit dem Arzt, und dieser hob warnend den Finger, als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte und sagte freundlich:

»Sie müssen sich, wenigstens heute, noch Alles Redens enthalten, Monsieur Delavigne; Sie sind viel zu schwach und angegriffen und können sich durch jede Aufregung den größten Schaden thun –«

»Aber lieber Doktor –«

»Ruhe« lächelte dieser – »ich kann mir etwa denken was Sie fragen wollen, und werde Ihnen deshalb, um Ihre wohl verzeihliche Neugierde zu befriedigen, einen kurzen Umriß alles dessen geben, was während den letzten elf Tagen, die Sie nun da eingeschachtelt liegen...«

»Elf Tagen?«

»Ja wohl, heut' ist der elfte Tag –, was also in dieser Zeit vorgegangen ist, und Sie werden manches Neue zu hören bekommen. Vor allen Dingen, und um Sie darüber zu beruhigen, ist unsere Position hier vollkommen gesichert und befestigt worden; noch an demselben Morgen, an dem Sie verwundet wurden, worauf Sie sich auch wohl noch besinnen können, kam die Uranie ein und schickte ihre Boote an Land, mit deren Hülfe wir den Feind bald wieder zurück in die Berge trieben. Am nächsten Tag liefen noch zwei andere Kriegsschiffe, eins von den Marquesas, eins von Valparaiso kommend, ein und brachte Verstärkung, wie die so nöthigen Provisionen. Die Insulaner wurden dann aber auch ohne weiteres angegriffen und in die Berge, oder doch wenigstens aus der Nähe von Papetee gejagt, und sie haben sich jetzt in mehren entfernteren Orten wie Papeneeo und besonders im Hautauethale verschanzt, bis wir einmal Zeit bekommen sie auch von dort zu verjagen.«

»Und ist Utami gefangen?« frug René.

»Utami? – der Anführer der Rebellen? ah, das ist wohl derselbe den Sie gefaßt hatten, als sie den Schuß bekamen? – nein, Gott bewahre, der hat sich tüchtig herausgehauen und Ihrem Freund Bertrand ebenfalls noch ein Andenken über den Schädel hinterlassen, an dem er wohl noch ein paar Monat mit verbundenem Kopf tragen wird. Schlimmer ist Lefévre weggekommen – von seinem kleinen Trupp ist nicht ein Mann zurückgekehrt, und ihre Leichen lagen oben zerstreut in den Bergen; nur von Lefévres Leiche war nicht die Spur zu finden, er müßte denn in einem frisch aufgeworfenen und mit Blumen geschmückten Grab liegen, das wir mitten auf dem Kampfplatz, wo die kleine Schaar überfallen worden, entdeckten, wenn man auch nicht recht begreift, wer sich die Mühe gegeben haben sollte, ihn gerade so sorgfältig zu bestatten, während die Uebrigen liegen geblieben waren, wie sie gefallen.«

»Aumama« flüsterte René und ein tiefer schmerzlicher Seufzer hob seine Brust.

»Für heute haben Sie aber Aufregung genug gehabt« sagte der Arzt, seinen Hut aufgreifend – »jetzt schlafen Sie ein paar Stunden, sich wieder zu erholen und ich werde gegen Abend zurück kommen und den Verband erneuen.«

»Aber wo bin ich verwundet?« frug René mit schwacher Stimme.

»Fragen Sie wo Sie nicht verwundet sind« lachte der Arzt, »Schrammen und Beulen haben Sie am ganzen Körper, nur die Hauptsache ist der letzte Schuß in die Schulter; doch er hat Nichts zu sagen« fügte er lächelnd hinzu, »halten Sie sich nur ruhig und besonders fern von jeder geistigen Aufregung – denn körperlich bewegen können Sie sich ohnedies nicht – und wir werden Sie bald genug wieder zusammen flicken.«

Er verließ nach kurzem Gruß das Zimmer, während René in einen leichten unruhigen Schlaf fiel und die freundliche Hand nicht sah, die an seinem Lager ihm Kühlung zufächelte und seinen Schlummer bewachte.

Als er die Augen wieder aufschlug war es Nacht – ein mattes Licht brannte im Zimmer, und neben seinem Bett hörte er die schweren regelmäßigen Athemzüge eines schlafenden Wärters. Ihn dürstete aber sehr und er streckte seinen linken gesunden Arm aus den Schlummernden zu wecken.

»Hallo!« rief dieser von dem Lehnstuhl in dem er gesessen, emporspringend, als ihn die Hand kaum berührte, »René, bist Du munter – wie ist Dir, mein wackerer Bursch?«

»Adolphe!« rief der Kranke, »das ist freundlich von Dir bei mir zu wachen.«

»Wie mir scheint hab' ich geschlafen« lachte der Freund – »aber bedarfst Du etwas?«

»Ich bin durstig.«

»Hier ist Dein Trank – frische Cocosmilch und Himbeerwasser, das wird Dir gut thun; und wie fühlst Du Dich jetzt?«

»Gut, sehr gut« lächelte René, »und es freut mich herzlich Dich bei mir zu sehn.«

»Alle Deine Kameraden haben abwechselnd bei Dir gewacht« erwiederte Adolphe, »sie haben Dich alle lieb, und die Dich noch nicht kannten, deren Herzen gewannst Du Dir durch Deinen tollkühnen Muth. Mensch, Du hast ein Glück das in's Aschgraue geht, und ich glaube Du könntest von einem Kirchthurm herunter springen und kämst gesund auf Deine Füße.«

»Nennst Du den Schuß ein Glück?« frug René kopfschüttelnd.

»Wenn ich dadurch das schönste Mädchen das je mein Auge gesehn zur Krankenwärterin bekäme, ließ ich mich hinschießen wohin Du willst« lachte Adolphe, »und die kleine niedliche Madame Belard ist auch mehr in Deinem Zimmer hier, wie in ihrem eignen gewesen.«

»So lieg' ich hier bei Belards?«

»Nun versteht sich, die Dich aufgenommen und gepflegt haben, als ob Du ein Kind vom Hause wärest. Monsieur Belard hat übrigens selber mit gefochten« fuhr Adolphe mit mehr unterdrückter Stimme und heimlichem Lachen fort – »oh, da sind kostbare Sachen vorgefallen, doch das Alles erzähle ich Dir einmal später, wenn Du Dich wieder herzlich auslachen und schütteln darfst; jetzt möcht es Dir weh thun. Schmerzt Dich Deine Wunde?«

»Nicht sehr, aber ich kann den Arm nicht regen – er ist doch nicht gebrochen?«

»Nein, darüber kannst Du Dich beruhigen; doch war's ein böser Schuß und hätte nicht dürfen einen Zoll tiefer kommen.«

»Wer weiß« seufzte René leise und schloß die Augen wieder.

Adolphe glaubte er wolle schlafen, schattete das Licht und setzte sich leise wieder auf den Stuhl nieder, als René seinen Namen rief.

»Bist Du fort, Adolphe?«

»Nein, sicher nicht – willst Du etwas?«

»Hast Du mit dem Arzt über meine Wunde gesprochen?« frug der junge Mann mit leiser Stimme.

»Allerdings; ich kann Dich fest versichern daß sie, wenn auch vielleicht ein wenig langwierig, keineswegs lebensgefährlich ist.«

René lag wieder eine ganze Weile ruhig, ohne zu antworten und frug dann langsam:

»Und wann glaubt er daß ich werde nach Atiu hinüber geschafft werden können?«

»Nach Atiu?« wiederholte Adolphe verwundert – »Mensch, hast Du ein Fieber daß Du jetzt an Atiu denkst, wo Dir der Arzt noch kaum vom Lager darf? Wenn Dir die Fahrt auch dorthin nichts schadete, vorausgesetzt daß ruhiges Wetter bliebe, wie wolltest Du Dich dort ohne ärztliche Hülfe wieder erholen? – Atiu – ich begreife Dich nicht.«

»Aber Sadie wird sich um mich ängstigen« sagte René.

»Ich habe daran gedacht« erwiederte ihm Adolphe, »und wollte ein paar Zeilen hinüber schreiben, es ist aber noch keine Gelegenheit dazu gewesen, die ganze Zeit, und erst in acht Tagen, glaub' ich, soll der Missionscutter wieder hinüber gehn.«

»Ich danke Dir, Adolphe« nickte ihm der Freund zu – »und nun will ich schlafen – ich bin doch recht matt und angegriffen, und der Kopf schwindelt mir von all dem Denken.«

Die Sonne stand schon hoch am nächsten Morgen, als er erwachte, und einen inländischen Knaben an seinem Bett fand, ihm das Frühstück zu reichen. Der Arzt war, wie ihm der junge Bursche sagte, schon dagewesen, hatte ihn aber nicht stören wollen und versprochen, in einer Stunde etwa wieder zu kommen.

René fühlte sich heute viel wohler und frischer als gestern; der Schlaf hatte ihn gestärkt, und auch die Schulter schmerzte ihn nicht so sehr wie gestern Abend.

»Darf man herein?« rief da eine fröhliche klare Stimme, als er schon etwa eine halbe Stunde in dem wohlthuenden Gefühle schmerzloser Ruhe gelegen und die durch die offenen Fenster strömende kühle balsamische Morgenluft eingeathmet hatte.

»Madame Belard« rief René freudig, und die kleine muntere Frau kam mit leichten, immer noch vorsichtigen Schritten in's Zimmer und zum Bett des Kranken, der ihr mit einem freundlichen, dankbaren Lächeln die Hand entgegenstreckte.

»Meine gute Madame Belard –«

»Ja, gute Madame Belard« lachte die kleine Frau halb besorgt halb zürnend, und doch auch wieder mit ihrem herzlichen Ausdruck im Ton – »das ist eine Wirthschaft die Einen freuen könnte. Zuerst nimmt der junge Herr Abschied, als ob es für's Leben wäre, und wenn man da ein paar Tage nachher noch ganz angegriffen und alterirt ist, läuft er so lange munter und vergnügt in der Stadt herum, ohne den Fuß noch einmal über die Schwelle zu setzen, bis er das Bischen Besinnung, was ihm eigentlich hätte sagen sollen wo seine besten Freunde wohnen, verliert, und leblos und zerhauen und zerschossen in's Haus getragen wird.«

»Sie haben recht, vollkommen recht, beste Frau« seufzte René – »und doch – wie gern wär' ich zu Ihnen gekommen – aber...«

»Ja, doch und aber, das sind Ihre Entschuldigungen – Sie sind übrigens jetzt in keinem Zustand, ordentlich ausgezankt zu werden, das verspar' ich mir, bis wir Sie wieder vollkommen wohl haben, denn geschenkt ist es Ihnen nicht. – Aber was Sie uns wieder in dieser Zeit für Sorge und Noth gemacht haben kann ich Ihnen gar nicht sagen; ich möchte nur wissen, was Sie noch einmal für ein Ende nehmen.«

»Liebe Madame Belard –«

»Und Susanna hat glühende Kohlen indessen auf Ihr Haupt gesammelt; dem Vater laufen Sie davon, und die Tochter wacht Tag und Nacht fast an Ihrem Bett.«

Ein stechender Schmerz zuckte durch Renés Schulter – er biß die Unterlippe zwischen die Zähne, und wurde leichenblaß.

»Um Gott, fehlt Ihnen etwas? – Sie haben wieder Schmerzen?« rief Madame Belard rasch, das Mosquitonetz mehr zurückwerfend, sein Gesicht deutlicher sehn zu können.

»Es ist Nichts – es geht gleich vorüber« sagte René, die Augen schließend und den Kopf halb abgewandt – »es zuckt mir nur manchmal in der Wunde; vielleicht liegt der Verband nicht ordentlich – der Doktor kommt ja nachher.«

Madame Belard nickte tief aufseufzend mit dem Kopf, erwiederte aber Nichts und der Kranke lag mehre Minuten schweigend auf seinem Lager. Endlich sagte er leise:

»Ich habe Fräulein Lewis eigentlich noch gar nicht gesehn, nur gehört gestern, wie ich zu mir kam. Sie ist doch nicht krank? –«

»Krank? – nein, aber verreist.«

»Verreist?« frug René rasch, den Kopf nach der Redenden umwendend, »verreist? wohin?«

»Sie hat schon lange einmal wieder nach Imeo hinüber gehen wollen, wohin ihre Freunde von Papara, der dort ausgebrochenen Unruhen wegen, zeitweilig übergesiedelt sind; aber sie mochte Sie auch nicht allein hier liegen lassen, so lange wir noch Nichts Gewisses über Ihren Zustand wußten, und darüber beruhigt, und da sich heute Morgen gerade eine Gelegenheit mit einem Französischen Dampfer bot, benutze sie dieselbe, und hat mir jetzt nur viel herzliche Grüße für Sie aufgetragen.«

René erwiederte kein Wort und Madame Belard fuhr nach längerer Pause mit lebendigerem Tone fort.

»Mein Mann hat auch mit gefochten, Monsieur, Sie hätten ihn nur sehn sollen, Delavigne, mit dem langen Schleppsäbel und der doppelläufigen Jagdflinte; er war aber wahrhaftig Feuer und Flamme und soll sich sogar bei derselben Affaire, wo Sie die Wunde bekamen, ebenfalls ausgezeichnet haben. Selbst Monsieur Brouard hatte sich bewaffnet und wie ich jetzt höre, sind wir allerdings nur mit genauer Noth, und Dank Ihrer aller Tapferkeit, dem traurigen Schicksal entgangen, von den Insulanern besiegt und dann auch jedenfalls gemordet zu werden, denn an jenem Tage hätten sie sicherlich keine Gnade geübt. Es ist eine seelensgute Nation, so lange man sie in Frieden läßt und in Freundschaft mit ihr lebt, aber furchtbar wenn gereizt, und blutdürstig glaub' ich, wie noch in den alten heidnischen Zeiten.«

»Und wird sie lange bleiben?« frug René, noch immer den Kopf der Wand zugedreht.

»Wer? – die Nation? – ah, Sie meinen Susanna?« fuhr Madame Belard, den Blick fest auf ihn geheftet, fort, als er schwieg und das Blut wieder in seine Wangen zurück kehrte; – »nein, ich glaube nicht. Sie darf sogar nicht sehr lange wegbleiben, denn sie hat noch manches vor ihrer Abreise zu besorgen.«

»Sie kehrt nach Europa zurück?« sagte René, aber so leise, daß sie die Worte kaum verstehen konnte.

»Mit dem ersten Französischen Kriegsschiff – Herr Brouard wird mit seiner Frau ebenfalls Tahiti verlassen und Susanna will sich ihnen anschließen; der Admiral hat ihnen schon früher die Erlaubniß dazu ertheilt – ich wollte ich könnte mit.«

»Und geht das so bald?«

»Das ist noch unbestimmt; es hieß zuerst die Uranie würde segeln, jetzt glaubt man übrigens daß die Jeanne d'Arc als ein schnelleres Fahrzeug den Vorzug bekommen soll; aber es kann noch immer einige Wochen dauern. Doch fehlt Ihnen etwas Delavigne? Sie sprechen so gedrückt? – haben Sie wieder Schmerzen? vielleicht kann ich Ihnen den Verband lindern. Lassen Sie das gut sein« fuhr sie lächelnd fort, als er langsam mit dem Kopf schüttelte, »ich bin gar kein so ungeschickter Chirurg, wie Sie bald finden sollten.«

»Ach beste Madame Belard« sagte René da seufzend – »wie tief bin ich nicht auch außerdem schon in Ihrer Schuld, und wie soll ich Ihnen das je danken können? – Sie haben mich hier aufgenommen und gepflegt –«

»Bst – bst – bst« rief aber Madame Belard erröthend und ihre kleine Hand auf seinen Mund legend – »erstlich sollen Sie eigentlich gar Nichts reden, und dann noch viel weniger solchen Unsinn. Sie sind mir in Nichts verpflichtet, denn es versteht sich von selbst, sogar in der Heimath, daß der Bürger in Kriegszeiten Einquartirung bekommt, wie viel mehr also in einem so wilden Land wie hier. Halten Sie sich nur recht ruhig, daß Sie uns bald wieder gesund werden, oder doch wenigstens aus dem Bett können, denn Ihren Arm werden Sie wohl in den ersten Monaten noch nicht wieder brauchen können.«

»Wenn ich nur – wenn ich nur nach Atiu schreiben könnte« sagte René endlich zögernd, und mit einem kaum unterdrückten Seufzer.

»Hinüber dürfen Sie nicht, Delavigne« sagte Madame Belard ernst, »daran brauchen Sie nicht zu denken; ich habe auch schon mit Lieutnant Adolphe darüber gesprochen, denn wenn sich auch Ihre Wunde bis jetzt ziemlich gut angelassen hat, verlangt sie noch immer, wie mir der Doktor gesagt, die sorgfältigste ärztliche Pflege, und so gut Sie Sadie, und vielleicht besser als wir hier, pflegen würde, so wenig ist sie im Stande dem zu genügen. Außerdem ist gar nicht mit dem Schuß zu spaßen, und wer weiß ob nicht selber schon der Transport die schlimmsten Folgen haben könnte.«

»Wenn es nur anginge« sagte René schüchtern und schwieg wieder, als ob er sich scheue auszureden, Madame Belard aber, die leicht seine Gedanken errieth, sagte freundlich. – »Sadie hier herüber zu bekommen? nicht wahr, das meinen Sie?«

»Aber nicht weil ich etwa glaube daß ich in Ihren Händen weniger gut aufgehoben wäre« rief der Verwundete schnell, »halten Sie mich nicht auch noch für undankbar, Madame Belard.«

»Nein, nein, lieber Delavigne« sagte die kleine Frau gerührt, »ich denke gar nicht daran, und Sie haben vollkommen recht; Sadie soll herüber kommen, so bald wir sie nur herüber bekommen können, und ich will heute noch an sie schreiben, daß der Brief bei erster Gelegenheit fertig ist. Wo aber kann man sich nach einer solchen erkundigen?«

»Im Hauptquartier und im Missionsgebäude« sagte René, »ich glaube aber fast daß in dem letzteren die erste Gelegenheit sein wird, denn die Missionaire unterhalten eine ziemlich regelmäßige Verbindung mit jener Gruppe.«

»Mein Mann soll noch heute Morgen die genausten Erkundigungen einziehn – sind Sie nun beruhigt?«

René streckte der kleinen freundlichen Frau mit einem dankenden Lächeln die Hand entgegen, die sie nahm und herzlich drückte, dann aber sagte sie, sich gewaltsam bezwingend, denn ein eigenes Weh dem sie nicht Worte geben konnte und wollte, schnürte ihr die Brust zusammen, »nachher schick ich Ihnen meinen Mann ein wenig, Delavigne, der mag Ihnen von dem Kampfe erzählen – er hat auch in der That von weiter noch Nichts gesprochen die ganze Zeit – das wird Sie unterhalten und zerstreuen und – regt Sie auch eben nicht so besonders auf. Aber da seh ich den Doktor kommen – nun erhalten Sie frischen Verband, und ich werde heute Susannas Stelle bei Ihnen vertreten.«

Der Doktor öffnete gleich darauf die Thür und grüßte Madame Belard freundlich.

»Ah Madame, sehr erfreut Sie hier zu sehn – und wie geht es unserem Kranken? – nun Monsieur? – guten Morgen, wie haben Sie geschlafen, und wie geht es unserem rechten Flügelknochen. Aber ha« – rief er etwas bestürzt aus, als er das Gesicht des jungen Mannes erblickte – »Sie sehn echauffirt aus, und haben sich jedenfalls, gegen meinen sehr strengen Befehl dahin, durch irgend etwas aufgeregt. Haben Sie Schmerzen?«

»Ja – ein Stechen in der Wunde – ich fühle den Pulsschlag so deutlich –«

»Da haben wir's, das Blut in Wallung; nun lassen Sie uns einmal untersuchen wie die Sache heute Morgen aussieht – hoffentlich nicht schlechter als gestern – wir dürfen nun nicht wieder zurück gehn, wir müssen machen daß wir vorwärts kommen.« Und während er noch sprach den Verband vorsichtig ablösend, hatte er kaum einen Blick auf die Wunde geworfen, als er auch schon sehr bedenklich mit dem Kopf schüttelte, und endlich seinem Unmuth in Worten Luft machte.

»Das ist nicht wie es sein sollte, die Entzündung ist eher schlimmer wie besser geworden, und wir müssen uns ungeheuer hüten daß wir keinen Rückfall bekommen. Ruhe ist aber dazu das Haupterforderniß, unbedingte, durch Nichts gestörte Ruhe, und wenn Sie Ihren Patienten bald wieder auf den Beinen sehn wollen, Madame, so müssen Sie mir dafür besonders mit Sorge tragen helfen. Ruhe ist ihm jetzt die beste Kur und je vollständiger er die genießen kann, desto eher wird sich seine jugendliche, kräftige Natur schon selber wieder Bahn brechen.«

Er gab dann noch mehre Verordnungen, bat Madame Belard keinen seiner Freunde, ohne Ausnahme welchen, wenn sie nicht unmittelbar bei der Verpflegung beschäftigt wären, zu ihm zu lassen, und versprach Nachmittag noch einmal vorzukommen und zu sehn ob sich nicht vielleicht bessere Symptome eingestellt hätten.

Es vergingen übrigens volle acht Tage, ehe wirklich eine wesentliche Besserung in dem Stand der Wunde eintrat; der Kranke hatte sich in der ganzen Zeit musterhaft gehalten und Monsieur und Madame Belard waren fast die Einzigen gewesen die Zutritt zu ihm gehabt, während sich indeß der Gouverneur sowohl wie alle übrigen Officiere täglich nach ihm entweder selber erkundigten oder erkundigen ließen.

Nach Atiu war noch immer keine Gelegenheit gewesen, doch sollte jetzt in etwa drei Tagen der Missionscutter hinüber gehn, und Madame Belard wartete nur auf die Ankunft des Geistlichen, der sich seit längerer Zeit in dem Lager der Eingeborenen im Hautauethale aufgehalten, diesem den Brief selber zu übergeben und seiner Sorgfalt zu empfehlen. Sie hatte René darüber beruhigt und ihm versichert, daß er seine Frau dann bald hier erwarten dürfe. Ein Zimmer für sie war schon hergerichtet worden.

Am andern Morgen kam Madame Belard früher als sonst zu dem Kranken, seinen Verband zu wechseln, was sie jetzt immer selbst besorgt, und sagte freundlich, aber mit einer gewissen ängstlichen Besorgniß im Blick:

»Delavigne, ich bringe Ihnen heute lieben Besuch – werden Sie sich kräftig genug fühlen ihn zu empfangen.«

»Fräulein Lewis?« sagte René mit leiser fragender Stimme, und er fühlte wie ihm das Blut in die Wangen stieg.

»Susanna ist schon seit gestern wieder zurück – die Jeanne d'Arc sollte übermorgen segeln, hat aber heute wieder Gegenordre bekommen und soll bis zur Ankunft der Reine blanche, die wir täglich von den Marquesas-Inseln her erwarten, liegen bleiben, wahrscheinlich Depeschen des Admirals mit nach Europa zu nehmen. Du Petit Thouars scheint zu Hause gern den Sieg über die Eingeborenen zugleich anzeigen zu wollen, und das hartnäckige Volk will sich noch immer nicht besiegen lassen, und hält sich unverdrossen in den Bergen in einer fast uneinnehmbaren Position.«

»Und Fräulein Lewis?«

»Kann doch unmöglich so lange hier im Haus bleiben« fuhr Madame Belard mit einem freundlichen Lächeln fort, »ohne sich selber von Ihrer Besserung zu überzeugen – wollen Sie ihr erlauben?«

»Madame, wie können Sie so grausamen Spott mit mir treiben« rief René, »erlauben – drängt es mich denn nicht ihr selber für ihre Theilnahme danken zu können?«

»Gut, ich schicke sie Ihnen, ich muß überdieß einmal hinüber zu Brouats, die jetzt in einem prächtigen Zustand leben; Alles gepackt und jeden Augenblick erwartend an Bord gerufen zu werden, existiren sie jetzt fast auf Indianische Weise, und ich habe ihnen nur indessen wenigstens das Nothdürftigste geborgt, damit sie noch essen, trinken und schlafen können.«

»Und Susanna?«

»Wird gleich erscheinen, aber – halten Sie sich hübsch ruhig – sprechen Sie so wenig wie möglich, und lassen Sie die junge Dame lieber erzählen; das wird Ihnen die Zeit vertreiben. Außerdem, wenn Sie etwas nach Europa zu schreiben haben, können Sie ihr diktiren – es wird jedenfalls die nächste Gelegenheit sein. Ich habe meine Briefe auch schon fertig. Doch nun ade, in einer Stunde, denk' ich, bin ich wieder bei Ihnen.«

Sie verließ rasch das Zimmer und René lag mit klopfendem Herzen und ängstlich schlagenden Pulsen, die Ankunft des Mädchens zu erwarten, das, er konnte es sich nicht mehr verhehlen, einen so gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Mit jedem Tage hatte er dabei ihre Rückkehr sehnlicher, heißer erhofft, je mehr er alle diese Gefühle in seinem Inneren verschließen mußte, ja fast gefürchtet, indem er sich nach und nach alles dessen bewußt wurde, was Pflicht und – Ehre – er wagte kaum noch die Liebe zu nennen – ihm entgegenstellten.

Sadie – oh hätte er nie Tahiti betreten, nie in diese Augen geschaut, die jetzt den vergifteten Pfeil in seiner Brust zurücklassen mußten, ob sie sich selber gleich von ihm abwandten auf ewig. Sadie – er barg das bleiche Antlitz fest in der linken Hand und bitterer Vorwurf füllte ihm mit unendlichem Weh das Herz. Und dennoch, dennoch kämpfte das zauberschöne Bild dagegen an, und rang sich dort Bahn das Heiligste zu stürzen, das er so sorgsam, so freudig in tiefster Brust einst gepflegt. Sadie – arme Sadie; – aber noch war Rettung möglich; noch wenige Wochen, Tage vielleicht und das Schicksal selbst, das ihn – die eigne Brust hatte da keinen Vorwurf – dem machtlos in die Bahn geschleudert, was er gefürchtet, was er meiden wollte – trennte ihn wieder von jenem kalten, schönen Bild und hob den Zauber – gab ihn wieder frei. Er kehrte dann zurück nach Atiu, abgeschlossen lag hinter ihm die Welt, und in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht, wollte er vergessen daß er ein Leben weggeworfen an einen Traum – so schön der auch gewesen. Und die Erinnerung? – doch was sich nutzlos quälen mit zukünftiger Zeit – die Erinnerung dann war Gegenwart jetzt, und wenn – ha, ein leichter Schritt auf der Verandah draußen – das klopfende Herz drohte ihm die Brust zu zersprengen, der Thürgriff drehte sich leise im Schloß – aber noch öffnete sich die Thür nicht und die Sekunden wurden zu Minuten. Er wollte rufen, aber er vermochte es nicht; die Zunge klebte ihm am Gaumen, und als er die Augen schloß, und bleich und erschöpft auf sein Kissen zurücksank, fühlte er mehr als er hörte daß Jemand das Zimmer betrat, und sich fast geräuschlos seinem Bette näherte.

Es war Susanna – schüchtern und ängstlich nahte sie dem Lager, und ihr Blick haftete in Schmerz und Mitleid auf den weh durchzuckten Zügen des Leidenden.

»Er schläft« flüsterte sie vor sich hin, und wollte sich, so geräuschlos wie sie jetzt gekommen, wieder zurückziehn als er die Augen öffnete, und sein leises »Susanna« sie an die Stelle bannte auf der sie stand.

»Monsieur Delavigne.«

Der junge Mann streckte schweigend die Hand nach ihr aus, und sie reichte ihm die ihrige.

»Und haben Sie sich so lange meinem Dank entzogen?« sagte er endlich, mit sanftem Vorwurf im Ton und mühsam den Seufzer zurückpressend, der ihm die Brust heben wollte, »war das recht von Ihnen?«

»Wie ist Ihnen jetzt, fühlen Sie sich leichter, wohler?« frug die Jungfrau ausweichend – »Sie sehen noch recht bleich und angegriffen aus!«

»Mir ist wohl jetzt, unendlich wohl« rief der Kranke – »und doch auch wieder recht weh« setzte er dann mit leiserer Stimme hinzu – »die Wunde sitzt zu tief.«

»Die Zeit wird sie heilen, René« hauchte Susanna, und wandte das Antlitz halb ab von ihm, die eigene Bewegung zu verbergen; aber ihre Hand zitterte in der seinen. René schüttelte langsam mit dem Kopf – er wollte reden, aber er fürchtete dem Gefühl Worte, Ausdruck zu geben. Noch hielt ein schwacher Damm die mächtig in ihm glühende Leidenschaft zurück, noch schlummerte das gefährliche Geheimniß, ob auch von Beiden gekannt, doch unausgesprochen in ihren Herzen – den Damm einmal durchbrochen und die Folgen waren nicht mehr zu berechnen, die Fluth dann nicht mehr zurück zu drängen.

Susanna fühlte das ebenfalls, und wenn sie auch früher in fast muthwilliger Lust der Bande gespottet hatte, die den jungen Mann, für den sie kaum ein flüchtiges Interesse fühlte, an ein Wesen fesselte das schon, ihren angewurzelten Begriffen nach, in seiner Abstammung so tief unter ihnen Beiden stand, so schien es als ob jetzt ein reineres, besseres Gefühl die Oberhand gewinnen sollte. Sie hatte gesiegt – vollständiger als sie es je erwartet, sich je bewußt gewesen zu erstreben, aber auf das eigene Herz dabei vergessen, der eigenen Stärke zu viel vertraut, und mit dem Wunsch dem Freunde Schmerz zu sparen, mischte sich jetzt die Furcht der eigenen Schwäche.

»Sie sind Capitain geworden« lächelte das Mädchen endlich, das zuerst die Fassung wieder gewann, mit einer eigenen Mischung von Stolz und Schmerz, und fest entschlossen dem Gespräch jetzt eine andere, gleichgültigere Richtung zu geben. – »Sie müssen aber auch wirklich mit einer ordentlich rasenden Tapferkeit gefochten haben. Monsieur Bertrand konnte uns nicht genug davon erzählen.«

»Bertrand ist mein Freund« lächelte René, dem sich mit der Wendung des Gesprächs eine Centnerlast von der Brust wälzte – »es hat ihm selber Freude gemacht etwas Günstiges über mich zu sagen, und da mag er wohl übertrieben haben. Ich that nicht mehr als alle Kameraden.«

»Dem ist doch wohl nicht so; man behauptet sogar, nur Ihrem ungestümen Angriff sei es zu danken, daß man im Stande gewesen wäre die Wilden von der Erstürmung des Arsenals abzuhalten, dessen Resultat dann furchtbar hätte sein müssen, da die Eingeborenen, mit keiner Idee von der entsetzlichen Wirkung und Macht des Pulvers, jedenfalls auf das aus trockenem Bambus bestehende Gebäude gefeuert hätten.«

»Toll genug wären sie dazu gewesen« lächelte René – »aber hat man keine weitere Nachricht von ihnen? ich habe doch heute Morgen wieder schießen hören – was bedeutet das?«

»Ihre Landsleute beabsichtigten heute einen neuen Angriff auf ihre Befestigungen« erwiederte Susanna, »aber man verzweifelt hier selber an dem Erfolg, denn durch die früheren Verluste gewitzigt, haben die Insulaner jetzt eine Stellung eingenommen die fast unnehmbar scheint, und sicherlich noch viele Leben kosten wird, wenn nicht ein günstiger Zufall vielleicht, oder Verrath, die Schlüssel dazu in ihre Hände spielt. Sie sehen aber recht angegriffen aus, Delavigne, Sie brauchen Ruhe und ich fürchte ich habe Sie durch – mein Schwatzen nur mehr aufgeregt. Ich lasse Sie jetzt allein, aber so lange ich noch hier bin – und bis nicht liebere Hände kommen mir das Amt abzunehmen« – setzte sie leiser hinzu – »gestatten Sie mir wohl wieder daß ich Ihre Pflege übernehmen darf. Es ist ja doch nur noch so kurze Zeit die wir zusammen sind, und ich möchte wenigstens mit der Beruhigung von hier scheiden, daß Sie Ihrer Genesung rasch entgegen gehn.«

»Die Fleischwunde wird heilen« sagte René düster.

»Und mit der erstarkt auch der Geist« fiel rasch Susanna ein; »glauben Sie mir, René, so lange der Körper nicht gesund ist, scheint uns die Sonne selbst matt und trüb, und das Leben oftmals eine Last; doch mit dem gesunderen Blut kehrt Muth und Freudigkeit in unser Herz zurück. So schlafen Sie wohl jetzt, und mögen freundliche Träume ihrem Geist die Stimmung geben die er braucht – wenn Sie sich gestärkt haben, kehr ich zu Ihnen zurück – gute Nacht!« und mit freundlichem Kopfnicken die Hand ihm entziehend, die sich leise wieder der seinen gefügt, glitt sie aus dem Zimmer, den Kranken sich selber und seinen Gedanken, seinen Träumen überlassend.

Susanna übernahm jetzt wieder das Amt als Renés Wärterin, jede Stunde fast die Ankunft der Reine-Blanche erwartend, die dann in kurzer Zeit die vollständig zum Auslaufen bereite Jeanne d'Arc entsenden konnte; aber sie vermied von da an allein mit dem Kranken zu sein, und was sie zusammen reden konnten betraf nur gleichgültige Gegenstände. Auch einen Brief hatte René mit Adolphes Hülfe, dem er ihn diktirte, nach Atiu geschrieben, Sadie von seinem Unfall in Kenntniß gesetzt, und sie gebeten den rückkehrenden Missionscutter zu benutzen und mit dem Kind zurück nach Papetee zu kommen, wenn sie sich seinetwegen ängstige; aber es gehe besser mit ihm und er hoffe selber doch, wie ihm der Arzt gesagt, spätestens in drei bis vier Wochen dessen Sorge entbehren und hinüber zu können, wo ihn der Gattin Pflege bald wieder herstellen und gesund machen würde. Er entschuldigte sich dann auch, trotz Adolphe's Kopfschütteln, bei Sadie, daß er selber die Waffen aufgegriffen gegen ihre Landsleute; aber sie hatten ihn dazu gezwungen, es war in Selbstvertheidigung gewesen, und er blieb nicht Soldat, sondern kehrte nach Atiu zurück.

Mit dem Brief wurde ein junger Bursch in das Missionshaus geschickt, einen der Ehrwürdigen Herren dort, der gerade nach Atiu hinüberging, zu bitten ihn richtig zu besorgen, und womöglich die junge Frau selber, jedenfalls aber eine Antwort zurück zu bringen.

Mr. Rowe, der sein früheres Amt wieder aufgenommen, und eben im Begriff stand sich nach Atiu einzuschiffen, erhielt Brief und Botschaft.

»An Madame Sadie Delavigne« sagte er, mit zusammengezogenen Brauen die Adresse des Schreibens lesend – »und der Brief wurde Dir für mich von Herrn Delavigne gegeben?«

»Für den Mitonare der nach Atiu ging« sagte der Bursch etwas bestürzt; »wenn es nicht recht ist nehm ich ihn wieder mit.«

»Es ist recht« sagte der Geistliche ruhig nach kleiner Pause, »der Brief ist in guten Händen – und ist der Verwundete bald wieder hergestellt?«

»Ai ta vau i ite, mi to na re« antwortete der Insulaner achselzuckend – »er liegt noch im Bett – böse Wunde.«

Der Geistliche nickte nur mit dem Kopf und der Eingeborene, der schon deshalb eine gewaltige Furcht vor dem Protestantischen Missionair hatte, weil er selber in einem katholischen Hause lebte, und sich seinen Landsleuten in den Bergen nicht angeschlossen, ließ sich den Abschied nicht zweimal gesagt sein, und schoß wie der Blitz zur Thür wieder hinaus und in's Freie.

Zwei Wochen waren solcher Art vergangen; René's Wunde hatte sich so weit gebessert, ihm das Aufsein wieder zu gestatten, aber die stattgehabte Entzündung seinen Arm so gelähmt, daß er noch nicht im Stande war ihn wieder zu gebrauchen. Die Kugel war ihm durch den, gerade zum Hieb ausholenden rechten Oberarm in die Schulter gedrungen, und dabei, wenn auch das Schultergelenk nicht verletzend, doch, ehe sie um den Oberarm herum ging, diesen so stark berührt, daß sie neben der gefährlichen Wunde noch eine Gehirnerschütterung hervorrief, die ihn so lange bewußtlos auf's Lager warf, und seine Heilung dann so sehr erschwerte. Er trug deshalb auch den Arm noch in der Binde und der Arzt, dem der Verlauf der Wunde gar nicht recht zu gefallen schien, hatte ihn schon einige Male versichert er bedauere Nichts mehr, als daß der junge Mann nicht jetzt die vaterländischen Bäder besuchen könne, die ihm gewiß von großem Nutzen sein würden. Er hoffe allerdings auf eine vollständige Herstellung, aber er könne allerdings nicht dafür einstehn, und müsse ihm von vornherein und ganz aufrichtig erklären, daß sich die Sache, im allergünstigsten Fall, als sehr langwierig herausstellen würde.

Zu gleicher Zeit war der Missionscutter von Atiu zurückgekehrt, hatte aber nur einen der Eingeborenen Mitonares von einer anderen Insel der Cooksgruppe und sonst nicht einmal einen Brief von Sadie mitgebracht, deren Schweigen sich René nicht zu erklären vermochte, und das ihn beunruhigt haben würde, wenn er nicht selber beabsichtigt hätte jetzt bald selber dorthin zurück zu kehren. Ihm blieb keine andere Wahl und er fing schon an, die Zeit herbei zu sehnen, die ihn endlich der jetzigen Qual entheben und Ruhe – o so heiß ersehnte Ruhe bringen solle.

In diesen Tagen wurde ein Dampfer, von Osten kommend, signalisirt – noch an dem nämlichen Abend lief er in dem Hafen ein und brachte die Post von Frankreich – Briefe aus der Heimath.

Briefe aus der Heimath – oh wie der Klang dem Herzen des fremden, wegemüden Wanderers so wohl thut; Briefe aus der Heimath. – Die lieben, so lang entbehrten, und doch so oft herbeigewünschten Züge theuerer Hand – die herzlichen Worte derer, von denen wir so lange geschieden, und die noch mit so inniger Liebe unserer gedenken – die wieder und wieder ausgesprochene Bitte heimzukehren – heim in offene Arme, an treue Herzen. Und dann die heimischen bekannten Namen, die wie der Klang von Kirchenglocken uns ernst und feierlich die Brust durchziehn – ach es ist ein frohes, ein seliges Gefühl, und selbst die fremde Welt die uns gerade umgiebt, nimmt in dem Augenblick der Heimath Farben an, und glüht und lacht, als ob daheim die Sonne, ein Frühlingsgruß dem Heimgekehrten, auf vaterländische Matten ihre milden Strahlen werfe.

Wie freudig blitzten an dem Tage die Augen aller der Glücklichen denen ein Brief geworden; wieder und wieder wurde er gelesen, geküßt und wieder gelesen, und der Inhalt dann ausgetauscht mit Anderer Reichthum.

Nur Einer, von alle diesen saß still und in sich gekehrt, unzufrieden und schwermüthig auf seiner Stube, den Kopf sorgenvoll in die Hand gestützt, das Auge starr und bewußtlos auf die wehende Palme geheftet, die vor dem Fenster stand, und unbeachtet ihr silbern melodisches Rauschen in das stille Gemach flüsterte.

Es war René – einen offenen Brief vor sich auf dem Schooß, und mit ernsten, finsteren Gedanken das Herz erfüllt, Gedanken denen selbst der Heimath Gruß das Bittere nicht rauben konnte.

»Daß die verdammte Kugel nicht einen Zollbreit tiefer traf, wie Adolphe sagt« murmelte er dabei leise vor sich hin – »jetzt wär's vorbei – drunten im kühlen Grund läg ich still und friedlich, einer anderen Welt entgegen zu träumen und Sadie – beweinte mich, wie man den Hingeschiedenen beweint und lebte glücklich unter ihren Palmen fort. Arme Sadie – der alte wackre Osborne hatte recht, nur daß die Warnung damals zu spät für uns Beide kam. Da steh ich denn jetzt am Ziel von Allem, was ich in früherer Zeit erstrebt, und bin ich glücklich? – elend bin ich, elend. Wie das edle Rennpferd an haferstrotzender Krippe mit zerschnittenen Flechsen liegt, das fröhliche Wiehern der vorbeistürmenden Kameraden hört, und kein Ziel mehr hat dem es entgegenstreben darf, so lieg ich hier. Vorbei die Zeit, wo es die breite starke Brust dem Strom entgegenwarf, vorbei die frohe Zeit, wo's mit dem Wind wetteifernd, donnernden Hufs entlang die Steppe flog – vorbei, ein warmer Stall, eine weiche Streu, das süße Futter im Trog und – die Flechsen zerschnitten – nicht einmal sterben kanns.«

»Hallo René, so trüb und traurig hier allein?« rief eine fröhliche Stimme und Adolphe stand vor ihm – »böse Nachrichten im Brief? Du machst ja bei Gott gerade wieder ein solch Gesicht, als wir zusammen vorn auf der Back des Delavare standen; willst wieder desertiren?«

René wandte den Kopf halb ab von dem Freund und reichte ihm die linke Hand – die Erinnerung an jene Zeit gab ihm, er wußte selbst nicht recht warum, einen Stich durch's Herz. Der Brief selber aber bot ihm Gelegenheit das Gespräch nach anderer Richtung hin zu wenden.

»Unangenehme Geldangelegenheiten, Adolphe« sagte er endlich, ihm den offenen Brief hinüber reichend, »da lies selbst.«

Adolphe nahm den Brief, durchflog ihn und sagte achselzuckend:

»Das läßt sich denken; die treiben jetzt daheim mit Deinem Geld was ihnen gutdünkt. Wär ich wie Du, ich ging auf's nächste Schiff und regulirte dann zu Haus die Sache selbst. Selbst ist der Mann, Du magst hier schreiben und schreiben so viel Du willst, eine einzige Woche an Ort und Stelle richtet mehr aus, als eine Jahre lange Correspondenz. Ueberdies ist die Sache gar nicht unbeträchtlich und schon eine solche Reise werth; und das nicht allein, Du schlägst zwei Fliegen gleich mit einem Schlag, denn, René, verhehle Dir nicht selber wie es mit Deiner Wunde steht; ohne die größte Vorsicht und Pflege kannst Du möglicher Weise einen steifen Arm Dein ganzes Leben hindurch behalten, und jetzt noch ist es vielleicht Zeit, durch die Dir empfohlenen warmen Bäder dem vorzubeugen. Du hättest dabei jetzt gerade die beste Gelegenheit, mit demselben Fahrzeug zu gehn, auf dem Brouards sich einschiffen.«

René sprang, von dem Gedanken getroffen, von seinem Sitze auf, und ging ein paar Mal mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Zurück nach Frankreich? – er selber? – mit –«

»Nein, nein« rief er plötzlich in ängstlicher Hast, als ob er selber fürchte der Versuchung nicht widerstehen zu können, die ihm so entsetzlich lockend vor die Seele trat; »zurück nach Frankreich? nein, nein, das ging nicht an – und wenn nur zum Besuch? Sadie – Sadie« murmelte er leise und wie beschwörend vor sich hin.

»Und was würde Dich hindern Deine Frau mitzunehmen?« sagte Adolphe, dem das leise geflüsterte Wort nicht entgangen, nach kurzer Pause – »es wäre zugleich eine Art Probierstein für Dich für spätere Zeiten.«

»Nein Adolphe, nein« sagte aber René nach kurzem Sinnen, seinen Platz am Fenster wieder einnehmend, denn der Arm fing ihn an zu schmerzen vom vielen hin- und hergehn – »nie im Leben würde sich Sadie dort glücklich fühlen – noch ich mit ihr. Wie eine Treibhauspflanze, ihrem heimischen Boden entrissen, müßte sie verkümmern und – so lebensfrisch sie hier im Schatten ihrer Palmen blüht, untergehn. Und dann zugleich mit – Brouards.«

»Es wäre eine so schöne Gelegenheit, wie Du sie Dir nur wünschen könntest.«

»Ja – Du hast recht und doch – es geht nicht; auch gäbe Sadie nie ihre Einwilligung dazu – und die Reise mit dem Kind.«

»Bah, bah, das sind Kleinigkeiten wenn man sonst nur will« lachte Adolphe, »doch das mache mit Dir selber aus; wichtig genug ist es aber jedenfalls es Dir genau zu überlegen, und Dir bleibt dabei nicht einmal viel Zeit, denn heute Morgen schon wurde ein Schiff signalisirt das, wie man allgemein glaubt, die Reine blanche ist.«

»Die Reine blanche? – schon jetzt?« rief René rasch und Adolphe sagte lachend:

»Nun, das ist nicht übel – seit drei oder vier Wochen wird sie stündlich fast erwartet und dumpfe Gerüchte gingen schon, daß sie irgendwo vielleicht gar in einem Typhoon zu Schaden gekommen, und Du sagst »schon jetzt?« Dir muß die Zeit ungeheuer rasch verflogen sein. Doch ich muß fort, René« brach er, nach der Uhr sehend ab, »der Gouverneur hat mich rufen lassen; gegen Abend seh ich Dich wieder und – überleg Dir's.«

René schüttelte langsam und ernst den Kopf, während Adolphe mit freundlichem Gruß das Zimmer verließ, und gleich unten an der Thür Lieutnant Bertrand traf, der langsam mit ihm die Straße hinabschlenderte.

Das signalisirte Schiff war in der That die Reine blanche, die zwei Stunden später etwa, unter dem grüßenden Donner der Kanonen, in den Hafen einlief. Der Admiral kam aber an diesem Tag gar nicht an Land, sondern empfing nur die von Frankreich für ihn eingegangenen Depeschen und schrieb bis spät in die Nacht hinein. Am anderen Morgen hatte er eine lange Konferenz mit dem Gouverneur, und die Jeanne d'Arc bekam Ordre sich auf den nächsten Tag segelfertig zu halten. Zu seinem Erstaunen aber bekam René eine Einladung an Bord des Admiralschiffs zu kommen, wo Du Petit Thouars ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte. Er ging um die bestimmte Zeit und fand dort, außer dem Gouverneur Bruat, Monsieur Belard und Brouard, und mehre französische Officiere; unter ihnen Adolphe und Bertrand.

»Lieber Capitain Delavigne« redete ihn der Admiral gleich nach seinem Eintreten freundlich an – »ich habe einen Auftrag für Sie – einen wichtigen Auftrag, an dessen geschickter und ehrlicher Ausführung mir viel liegt, und zu dem ich mir hier in Tahiti einen passenden Mann suchen wollte. Diese Herren hier haben mir Alle einstimmig Sie vorgeschlagen, und auf so gute und ehrenvolle Empfehlung hin glaub' ich in Sie denn auch mein volles Vertrauen setzen zu können. Was sagen Sie dazu?«

»Ich erwarte Ihre Befehle zu hören« sagte René, wirklich jetzt neugierig, auf was das Alles hinauslaufen sollte.

»Ich habe Sie zu meinem Gesandten nach Paris ausersehn« sagte der Admiral lächelnd – »wollen Sie gehn?«

»Herr Admiral!« rief René überrascht, fast erschreckt.

»Ich will ganz aufrichtig mit Ihnen sein« fuhr aber Du Petit Thouars, ohne ihn weiter zu Wort kommen zu lassen, fort, »denn ich habe mich schon selber gegen die Herren hier ausgesprochen. Nach den hier auf Tahiti stattgehabten Vorfällen läßt es sich denken, daß nicht allein die Protestanten in Europa, sondern auch manche Leute, die mir gerade nicht freundlich gesinnt sind, die Sache so weit zu unserem Nachtheil ausbeuten werden, wie nur irgend möglich. Wir werden den friedlichen Naturkindern gegenüber als Barbaren und Gott weiß was sonst noch hingestellt werden, und besonders zweifle ich nicht daran, daß die uns feindlich gesinnten Missionaire das ihrige nach besten Kräften thun werden, unsere Thaten recht schwarz und entsetzlich anzustreichen. Dem zu begegnen brauche ich einen Mann, der Zeuge des Ganzen gewesen und die Verhältnisse hier kennt, der aber auch, wie Sie, unabhängig und unbetheiligt, bis Ihnen die Notwendigkeit und Selbsterhaltung die Waffen in die Hand zwang, dem Kampfe zugesehn, und ich verlange nichts weiter von Ihnen, als daß Sie der französischen Regierung meine Depeschen überbringen, und dort Alles so, der Wahrheit treu, schildern, wie Sie es hier gefunden.«

»Dieser so ehrenvolle Auftrag –« stammelte René und der Admiral fiel ihm in's Wort.

»Bietet Ihnen zugleich die Gelegenheit sich von ihrer Wunde, die, wie ich gehört habe, keineswegs so ganz harmloser Natur ist, wieder vollständig zu erholen; Sie bleiben unter der Behandlung Ihres bisherigen Arztes, der natürlich mit seinem Schiffe geht und haben, glaub' ich, wenn ich recht unterrichtet bin, ganz angenehme Gesellschaft unterwegs, eine Seereise von vier Monat etwa, schon erträglich zu machen.«

»Lieber Delavigne« nahm jetzt Monsieur Belard das Wort – »es wird Ihnen hier eine Auszeichnung geboten, die sogar mit den vorteilhaftesten Umständen für Ihre eigene Gesundheit zusammentrifft, und manchen Anderen unendlich glücklich machen würde – ich glaube Ihnen gratuliren zu dürfen.«

»Aber meine Frau« rief René, »so ehrenvoll Ihr Vertrauen für mich ist, Herr Admiral, und mit so großem innigen Dank ich versuchen würde ihm zu entsprechen, so hab' ich doch Pflichten hier zu erfüllen, die ich nicht vernachlässigen darf, wenn ich nicht in Ihrer eigenen Achtung sinken wollte.«

»Ich weiß, Sie haben ein Indianisches Mädchen zur Frau genommen« lächelte der Admiral – »sie ist auf einer der Nachbarinseln? machen Sie sich keine Sorge deshalb, die zehn oder zwölf Monate die Sie abwesend zu sein brauchen, wenn Sie wirklich so rasch wieder zurück kommen wollen, soll sie unter unserem Schutze stehn.«

»Aber sie weiß kaum daß ich verwundet bin – erwartet mich wahrscheinlich mit jedem Tag, und ich dürfte nicht eine solche Reise unternehmen, ohne sie vorher nicht wenigstens noch einmal gesehn, gesprochen zu haben.«

»Auch das ließe sich vereinigen« erwiederte der Admiral, dem daran gelegen schien, gerade den jungen Mann für seine Mission zu gewinnen – »sagten Sie nicht Atiu hieß die Insel, Monsieur Belard?«

»Atiu ist der Name.«

»Gut; bei einer Reise von so viel Monaten kommt es nicht auf einen einzelnen Tag und ein paar Seemeilen an; die Jeanne d'Arc mag Atiu anlaufen und kann dort vielleicht gleich noch eine Parthie süße Kartoffeln und Brodfrucht mit an Bord nehmen, die doch hier jetzt nicht so leicht zu bekommen sind. Ist der Wind nur einigermaßen günstig, so behalten Sie da jedenfalls ein paar Stunden Zeit Ihrer Frau Adieu zu sagen. Hat das Ihre letzten Zweifel beseitigt?«

»Ihre Güte Herr Admiral.«

»Schön, schön – ich will Sie auch nicht drängen; die Sache ist allerdings wichtig für Sie, und ich gebe Ihnen, ohne jetzt irgend ein Versprechen von Ihnen zu verlangen, zwei Stunden Frist; bis dann muß ich aber eine entscheidende Antwort haben. In zwei Stunden also –« er nahm seine Uhr heraus und sah nach der Zeit, »etwa drei Viertel auf zwei Uhr – wir wollen zwei Uhr sagen, erwarte ich Sie wieder hier und dann können Sie gleich mein Gast zu Tisch sein; also auf Wiedersehn bis dahin;« und dem jungen Mann wie den Uebrigen freundlich mit der Hand winkend, nahm er Capitain Sinclairs Arm und zog sich mit ihm in seine Privatcajüte zurück.

»Triumph!« rief Adolphe, als er mit René und Bertrand wieder im Boote saß, und rasch dem Lande zuruderte, »Triumph René – Mensch, wenn Du Dir Alles beim lieben Gott bestellt hättest, konnte es nicht besser ausgefallen sein – die zwei Stunden Bedenkzeit sind eine wahre Ironie.«

»Was soll ich thun?« sagte, tief aufseufzend, René.

»Was Du thun sollst?« wiederholte Bertrand erstaunt – »zugreifen mit Lust und Wonne, und Gott auf den Knieen dafür danken. Mir füllt es die Brust mit unbeschreiblicher Seligkeit, daß wir die Fahrt jetzt wieder heimwärts lenken, und Du stehst noch da und sinnst und überlegst. René, René, wenn Du Dir diese Gelegenheit entschlüpfen läßt, bereust Du's sicherlich – die kehrt nicht wieder.«

»Ich weiß auch gar nicht, ob ich's mit meinem Arm wagen darf eine so lange Reise zu unternehmen« sagte René jetzt sinnend. »Ich muß doch jedenfalls erst den Arzt darüber fragen?«

»Gehst Du jetzt zu Hause?« frug Adolphe.

»Bald wenigstens.«

»Gut, dann schick ich ihn Dir in einer halben Stunde etwa; ich weiß wo er sich in diesem Augenblick aufhält, und komme selber später vielleicht Dich wieder abzuholen, höre jedenfalls Deinen Entschluß und kann Dir dann vielleicht noch mit dem oder jenem helfen. So ade und erleuchte Dich Gott, Du kannst's brauchen« lachte der Freund, und seinen Arm in den Bertrands schiebend, gingen die beiden jungen Officiere, lebhaft das eben Geschehene besprechend, die Straße nieder.

Monsieur Belard war indessen mit seinem eigenen Canoe an Land gerudert und schon zu Haus als René, der noch eine Zeit lang in peinlicher Unentschlossenheit die Straße auf und ab gelaufen war, langsam die Treppe hinaufstieg. Er hörte dabei daß sich die beiden Eheleute eifrig und laut mitsammen unterhielten und wollte sich, ohne sie zu stören, auf sein Zimmer schleichen, denn der Kopf schwindelte ihm von all den wild auf ihn einstürmenden Gedanken und Plänen, aber Monsieur Belard hatte ihn kommen sehn, und ließ ihm keine Zeit zu ruhigem Ueberlegen.

»Und Sie wollen uns jetzt wirklich desertiren, Delavigne?« rief ihm die kleine Frau schon auf der Schwelle, traurig mit dem Kopf schüttelnd, entgegen, »und Susanna auch zu gleicher Zeit, und Brouards – Himmel, das wird eine förmliche Einöde werden hier in Papetee. Aber bis wann denken Sie zurück zu sein?«

»Ich weiß noch wahrlich nicht einmal ob ich überhaupt gehe – ob ich gehen darf« sagte tief aufseufzend der junge Mann – »noch habe ich zwei Stunden Zeit zur Entscheidung.«

»Die arme Sadie wäre freilich übel d'ran« sagte traurig die junge Frau – »das würde ihr einen rechten Schnitt durch's Leben geben – o Ihr Männer seid doch grausame rücksichtslose Menschen.«

»Aber lieber Gott« entschuldigte ihn hier Belard – »er bleibt ja doch keine Ewigkeit fort, und Geschäftsreisen gehen nun einmal dem häuslichen Leben vor, weil dieses nur eben wieder durch das Geschäft bestehen kann. Wenn René nicht selber nach Frankreich geht, so bin ich fest überzeugt daß er nach dem Brief, von dem mir Lieutnant Adolphe gesagt, das dort stehende Geld entweder ganz verliert, oder doch wenigstens bedeutend in Gefahr bringt, bis er am Ende doch noch hinüber muß. Dann aber kann er schweres Geld für die Reise bezahlen, während er sie jetzt im Gegentheil honorirt bekommt, und die angenehmste Gesellschaft von der Welt dabei hat. Susanna war schon ganz glücklich wie sie es hörte. Außerdem aber ist es auch nicht ganz einerlei, denk' ich, ob der junge Herr, wenn er hier bleibt, lebenslänglich mit einem steifen Arm herumläuft, oder sich jetzt in einem Bad zu Hause ordentlich auscuriren kann.«

»Ist wirklich die Gefahr vorhanden?« frug Madame Belard besorgt. René zuckte mit den Achseln.

»Gott nur weiß es« sagte er, tief Athem holend, als ob er sich ein Gewicht von der Brust wälzen wolle – »mir aber schnürt es das Herz zusammen in Angst und Sorge – ich kann nicht gehn. Mag mir der Arm gelähmt bleiben für Lebenszeit – mag ich das Geld verlieren daheim – Beelzebub gesegn' es ihnen; sie haben mich genug schon geärgert und gequält damit, aber ich darf Sadie, darf mein Kind so nicht verlassen. Wenn ihnen nun etwas geschähe während ich fort bin, könnte ich je wieder des Lebens froh werden, je wieder dem Himmel da droben klar ins Auge schauen?«

»Sie haben recht« seufzte Madame Belard, Monsieur Belard aber sagte:

»Unsinn – jagen Sie sich die Grillen aus dem Kopf; erstlich legt Ihr Schiff da an, und dann werde ich selber im nächsten Monat nach den Gesellschaftsinseln und der Cooksgruppe hinüber gehn, meine Einkäufe zu machen – dann verspreche ich Ihnen daß ich dort vorfahren will, und hat Sadie Lust, ei so bring ich sie mit zu uns herüber, und sie mag bei uns bleiben bis Sie zurückkehren. Meine Frau wird sich doch für jetzt einsam genug fühlen, wenn Sie Alle fort sind.«

»Sie kommt nicht her zu uns« sagte die kleine Frau, mit dem Kopf schüttelnd – »ihr ist nicht wohl bei fremden Leuten und ich wäre die Letzte, die Delavigne zureden würde einen solchen Schritt zu thun; er muß es selbst am besten wissen – und so ganz ohne Abschied.«

»Papperlapapp – mach Du ihm nun auch noch das Herz schwer« rief aber Mr. Belard dazwischen – »ich will ihm auch nicht zureden, aber er soll sich die Sache selber und ruhig überlegen.«

»Ruhig überlegen« sagte René tief aufseufzend – »ruhig überlegen, wo mir das Herz zerrissen ist – ich kann, ich darf nicht fort – doch ich störe Sie hier« setzte er rasch, seinen Hut wieder aufgreifend, hinzu – »ich will hinüber in mein Zimmer gehn – wenn der Arzt kommen sollte, bitte – schicken Sie ihn wieder fort – ich werde ihn heute Abend selber aufsuchen.«

Und rasch sich abdrehend, seine Bewegung zu verbergen, suchte er sein eignes kleines freundliches Gemach, und warf sich hier den Kopf gesenkt in einen Stuhl, indeß die Augen trüb und sorgenschwer den Boden suchten.

Wohl eine Stunde hatte er so gesessen, die ihm gegebene Frist war bald abgelaufen und noch kämpfte sein Herz unentschlossen an gegen alles das, was ihm verführerisch lockend vorgehalten wurde, als ein leichter Schritt selbst in seinem Zimmer ihn rasch aufschauen machte, und er mit freudigem Schreck jenes wunderherrliche Mädchenbild erkannte, das seine Träume gefüllt und Tage lang ihm das Herz mit nagender Reue gefoltert hatte.

»Susanna!« rief er, halb flehend, halb abwehrend, und er mußte gewaltsam an sich halten, das Gefühl jetzt zu bergen, das in ihm tobte.

Er hatte sie noch nie so schön gesehn; das volle, kastanienbraune Haar konnte kaum in seinen reichen üppigen Massen von einem lichtblauen seidenen Netz gehalten werden, und quoll und drängte aus jeder Masche hinaus in's Freie; den schlanken Körper umschloß ein einfach dunkles Seidenkleid, das dem makellosen Teint nur noch höhern Reiz verlieh, und in den dunklen Augen lag heute ein so eigener, wunderbarer Schmelz, ihn schwindelte hinein zu sehn in dieser Sterne Tiefe.

»Ich hatte mich so gefreut« sagte sie endlich mit leiser, aber sonderbar bewegter Stimme, einer Mischung von Unmuth und Schmerz, von getäuschter Hoffnung sowohl, wie gekränkter Eitelkeit, dem sogar das Bittere im Ton nicht fehlte – »daß wir Reisegefährten auf so langer, sonst so langweiliger Fahrt werden sollten – aber wie mir Marie jetzt sagt haben Sie sich anders besonnen, und können sich nicht auf die paar Monat trennen von Atiu.«

»Oh Susanna« rief René bittend – »sein Sie nicht grausam – haben Sie Mitleid, wenn nicht mit mir, doch mit Sadie.«

»Mitleid?« sagte das junge schöne Mädchen kalt – »Sie scherzen wohl, Herr Delavigne, in welcher Art sollte ich Mitleid mit der – Indianerin haben? Mitleid« wiederholte sie mit sonderbar bewegter Stimme – »das ist das falsche Wort – wer hat Mitleid mit – doch was steh' ich da und schwatze;« brach sie rasch, fast ängstlich ab, während ein leichtes flüchtiges, wie krankhaftes Roth ihre Wangen für einen Moment färbte, und dann eben so rasch verschwand – »ich habe noch so viel zu thun – will aber auch nicht böse auf Sie sein« setzte sie freundlicher hinzu – »ich habe Ihnen schon früher versprochen Ihre Briefe für Sie nach Frankreich zu schreiben – Sie sollen mir dieselben heute Abend, wenn Marie zu Hause kommt, die jetzt Madame Brouard packen hilft, diktiren. Wie geht es heute Ihrem Arm?«

»Gut – sehr gut« hauchte René.

»Sie werden mich doch wohl in den ersten Tagen manchmal vermissen« sagte das schöne Mädchen, halb von ihm abgewandt – »und das ist einigermaßen eine Genugthuung mir das zu denken – ich bin nicht im Stande Sie anders zu strafen.«

»Susanna.«

»Schon gut – es ist Alles vorbei – heute Abend erwarte ich Sie drüben zu unserer Correspondenz – ich muß jetzt fort.«

»Susanna.«

»A revoir, monsieur Delavigne« sie winkte ihm leicht mit der Hand und verließ, sich rasch abwendend, das Gemach.

René blieb, die Augen fest und krampfhaft mit der Hand bedeckt, viele Minuten lang im Zimmer stehn; seine Pulse schlugen – seine Stirn glühte, seine Glieder zitterten in Fieberfrost, und wie bewußtlos endlich griff er seinen Hut auf und stürmte in's Freie – an den Strand hinunter – dort lag ein Boot.

»Gerade zur rechten Zeit, Monsieur!« rief der Bootsmann der Jeanne d'Arc, dessen rasch aufgeworfene Hand die eben eingetauchten Riemen seiner Leute zurückhielt.

»Mr. Bertrand befahl mir, Sie hier bis zwei Uhr zu erwarten – es ist zwei vorbei und ich wollte eben hinüber fahren an Bord des Admiralschiffs, weitere Befehle einzuholen.«

René erwiederte kein Wort – er sprang in das Boot und wurde an Bord gerudert.

»Nun Delavigne!« rief ihm Bertrand, der mit dem Lieutnant der Reine Blanche auf dem Quarterdeck auf und ab ging – »das ist brav, daß Du kommst – der Admiral hat Dich schon mit Schmerzen erwartet. Und Du bist der unsere?«

»Ich bin's« sagte René leise und des Freundes Jubelruf nicht beantwortend und ihm nur die gebotene Hand fest und leidenschaftlich drückend – verschwand er die Cajütstreppe hinab in den inneren Raum.

Ueber die See heulte der Sturm; vor dicht gereeften Segeln peitschte die Jeanne d'Arc gegen die bäumenden zürnenden Wogen an, bis in den Kiel erzitternd vor den gewaltigen Stößen, mit denen sich die See seinem Bug entgegenwarf. Alle Luken waren fest verschlossen, und die von Papetee mitgenommenen Passagiere lagen, mit Ausnahme eines einzigen, halbtodt an Seekrankheit in ihren Coyen.

Den linken gesunden Arm um eine der Besahnwanten geschlagen, stand an der Luvseite des Quarterdecks, den stieren glanzlosen Blick fest auf die zackigen Kuppen einer aus der Ferne eben sichtbar vorschimmernden Insel geheftet, René Delavigne – neben ihm, das Telescop in der Hand, und den linken Arm, sich zu sichern, um eine der Pardunen gelegt, Capitain Sinclair.

»Sie sehn, Delavigne« sagte er endlich, nachdem er lange und aufmerksam durch das Glas geschaut, und dieses wieder von den Augen nahm, »der Sturm will nicht nachlassen, und ich bin nicht im Stande, so leid es mir selber thut, die Insel anzulaufen. Ja thät ich es selbst, in dieser See, was ich Ihnen gar nicht zu sagen brauche, könnte nicht einmal ein Boot leben. Außerdem bin ich hier in einem, mir vollkommen fremden und von verborgenen Klippen bedrohten Fahrwasser. Sie wissen wie wir gestern fast nur durch ein Wunder dem Korallenriff entgingen, und wir wären Alle verloren gewesen wenn wir das trafen.«

»Sie haben schon weit mehr gethan, Capitain Sinclair« sagte René mit ruhiger, aber fast tonloser Stimme, »als ich je gewagt hätte von Ihnen zu erbitten – mehr fast als sie verantworten können. Ich sehe ein daß es unmöglich ist Atiu zu erreichen, ja daß wir selber hier mit einbrechender Nacht vielleicht gefährdet würden länger zu kreuzen. Ich bitte Sie, thun Sie Ihre Pflicht.«

»Lieber Delavigne« sagte der Capitain gerührt, »ich fühle ganz das Bittere Ihrer Lage, aber trösten Sie sich auch wieder mit einer baldigen Rückkehr. Was sind die paar tausend Seemeilen herüber und hinüber, wie bald trägt uns das gute Schiff an die heimische Küste. – Gingen Sie aber jetzt nicht lieber hinunter? – wenn ich das Schiff vor dem Wind abfallen lasse, können wir wohl ein paar Seeen hinten über bekommen, ehe die Segel ordentlich gefaßt haben; die See geht gerade nicht so ungeheuer hoch eine Gefahr zu befürchten, aber es ist doch unangenehm.«

»Ich danke Ihnen« sagte der junge Mann leise – »wenn ich Ihnen hier nicht im Wege bin, möchte ich oben bleiben, bis wir – den anderen Cours liegen – es ist so bald Abend.«

»Wie Sie wollen, Delavigne – bleiben Sie nur da stehn wo Sie sind. – Monsieur Roland« wandte er sich dann zu dem zweiten Lieutnant, der auf der Leeseite des Quarterdecks indessen auf und ab gegangen war – »wir wollen die Marssegel lösen – lassen Sie dann Süd Süd Ost anliegen.«

»Zu Befehl, Monsieur.«

Der schrille Pfiff des Bootsmann gellte über Deck; wie die Katzen liefen die Leute an den Wanten hinauf auf die Marsraaen, die Reefknoten zu lösen und die Segel auszuschütteln, und gleich darauf stiegen die Raaen unter dem Chor der singenden Matrosen, die sich nach dem Tackt mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers in das Tau legten, empor. Der Bug des Schiffes fiel vor dem Winde ab, die Raaen wurden fast vierkant gebraßt und der stolze Bau, der bis jetzt mühsam gegen die schweren Wogenmassen angekämpft, flog, von den nachpressenden noch gedrängt und geschoben, pfeilgeschwind über die rauschenden, zischenden, schäumenden, stürzenden Wogen hin, die Insel, der er den ganzen Tag vergebens zugestrebt, gerade hinter sich lassend.

Düsterer wurde es jetzt auf dem Wasser, die Sonne neigte sich dem Horizont und dichte Wolkenschatten sammelten sich mit der einbrechenden Nacht. René stand noch immer, jetzt an dem Heck des stattlichen Schiffes, hinter dem die spritzenden schäumenden Wogen dreinstürmten, die Augen fest und unverwandt auf das mehr und mehr in düsterer Ferne verschwimmende Land geheftet, das Alles barg, was ihm einst diese Erde zum Paradies geschaffen – Alles – Alles, und das, ein Punkt, am Horizont verschwand.

»Arme Sadie« hauchte er leise, und mit der Gewißheit des Verlustes empfand er erst – zum ersten Mal vielleicht seit langer Zeit, nicht was er verlor, nein, was er muthwillig fort von sich geworfen, und wie er das Bild sich ausmalte, seines armen verlassenen Weibes, wie sie geduldig seiner harrend mit dem Kind – dem süßen, lieben herzigen Kind auf jener, oh so wohlbekannten Stelle stand, da Tag nach Tag, und Woche nach Woche verstreichen sah in stets vergebenem Harren und nur der stille Seufzer, keine Klage, kein Vorwurf über ihre Lippen kam, da brach ihm fast das Herz, und da zum ersten Mal auch füllten Thränen, heiße brennende Thränen der Reue seine Augen.

Und drüben am Horizonte verschwand indeß das Land – noch ein dünner Streifen jetzt, wie ein blauer schmaler, kaum erkennbarer Wolkensaum, wie der dunkle Schattenrand des dämmernden Meeres selber – und jetzt – das Auge fand ihn nicht mehr – Joranna – Joranna hauchten die Lippen und der starke trotzige Mann barg weinend das kummerschwere Haupt in seiner Hand.

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