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Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series

IV.

Reading edition

Gretchen: So frühe heute in Deinem Blumen-Hause, Schwester? — Guten Morgen. Wenn ich Dich ansehe, muß ich an die schönen Worte denken:

Du bist wie eine Blume, So hold, so schön, so rein. Ich schau' Dich an, und Wehmut Schleicht mir in's Herz hinein.

Du bist traurig, Martha? — Du hast wirklich Fieber. Bist Du nicht wohl?

Martha Meister: Habe keine Besorgnisse um mich, liebes Gretchen. Ich habe letzte Nacht wenig oder gar nicht schlafen können, — sonst ist es nichts.

Gretchen: Du hast nicht schlafen können? Dann bist Du krank, Martha.

Martha: Nein, Schwester. Ich versichere Dich, mir ist wohl; wirklich, sehr wohl; ich bin sogar glücklich.

Gretchen: So? Und davon wird man bleich? Das, Schwester, ist ganz neu für mich.

Martha: Weißt Du, Gretchen, ich habe in der letzten Nacht sehr viel denken müssen.

Gretchen: Ach, das böse Denken und Sorgen! Das ist recht häßlich! Das macht alt, bringt Falten in das Gesicht und macht die Haare grau.

Martha: Aber, Schwester, kann die Erde es hindern, daß die Gräser sprossen? Kann die Pflanze es hindern, daß die Knospen kommen? — Nun, so wenig können wir das Denken verhindern. Gedanken kommen von selbst.

Gretchen: Ist das so mit Dir? — Ich glaube, mit mir ist es anders.

Martha: Denkst Du nicht auch, Gretchen, daß es recht traurig ist, wenn ein großer Mensch nicht den rechten Platz gefunden hat in der Welt und in einem kleinen Zirkel schaffen muß ohne Freude?

Gretchen: Ja, das ist recht unglücklich für ihn. Dann ist er wie der Fichten-Baum, von welchem der Dichter singt:

Ein Fichten-Baum steht einsam Im Norden auf kahler Höh'. Ihn schläfert; mit weißer Decke Umhüllen ihn Eis und Schnee. Er träumt von einer Palme, Die fern im Morgen-Land Einsam und schweigend trauert Auf brennender Felsen-Wand.

Martha: Gretchen, ich will Dir ein Geheimnis sagen.

Gretchen: Und ich soll es niemandem wieder sagen, nicht wahr?

Martha: Nein, niemandem. — Ich glaube, der Herr Doktor Albert ist nicht glücklich. Er ist Doktor der Medizin, und der Beruf des Arztes paßt nicht für ihn.

Gretchen: Aber, liebe Martha, wie weißt Du das?

Martha: Ich weiß es nicht; aber ich fühle es.

Gretchen: Und Du meinst wirklich, der Herr Doktor sei ein großer Mann?

Martha: Ich meine, daß er alles das besitzt, was ihn zu einem großen Mann machen könnte, wenn er den rechten Platz fände. Denke, Gretchen, an das, was ich Dir heute Morgen sagte.

Da kommt auch unsere liebe Mama. Guten Morgen, Mama! Wie hast Du geschlafen?

Frau Meister: Gut, meine Tochter; ich danke Dir. Aber Du bist heute Morgen sehr früh bei Deinen Blumen; und ohne Frühstück. Das ist nicht recht, Kind.

Bella: Nein, Martha, das ist gar nicht recht von Dir. Guten Morgen! Guten Morgen!

Gretchen: Das ist schön, daß Du so früh kommst.

Bella: Ich wünsche, Frau Meister, Sie wären gestern bei uns gewesen! Louis' Ritter-Mahl war wirklich sehr komisch; und die Fahrt gestern Abend, — war das nicht herrlich, Gretchen?

Frau Meister: Soeben war der Diener der Herren Parks hier, um nach Eurem Befinden zu fragen. Auch brachte er einen Korb mit Früchten.

Gretchen: Wie aufmerksam!

Bella: Als ich im Hause nach Euch fragte, sah ich den Korb. Solche Äpfel habe ich noch nie gesehen, so rot, so glänzend, so rund; Weintrauben, Orangen, Pfirsiche, — denkt nur, in dieser Jahreszeit Pfirsiche, — und ich glaube, auch Ananas.

Frau Meister: Ich ließ den Herren meinen herzlichsten Dank sagen für ihre Güte und Aufmerksamkeit und auch, daß ich mich noch mehr zu den Früchten freuen würde, wenn die Geber heute Abend zu uns kommen wollten, um sie mit uns zu speisen.

Bella: »Denn es ist der Anblick der Geber so schön, wie die Gaben.«

Martha: Ich finde, daß Ihr beide, Bella und Gretchen, heute Morgen sehr poetisch seid.

Bella: Nicht wahr? Ich habe soeben »Hermann und Dorothea« gelesen, — das ist ein herrliches Gedicht.

Martha: Willst Du heute bei uns bleiben, Bella? Du könntest mit Schwester Gretchen plaudern. Wenn Mama und ich heute Vormittag ausgehen, werde ich diesen Strauß Deiner Mama bringen und ihr sagen, daß Du heute bei uns bleiben möchtest. Ist es Dir recht?

Bella: Das ist mir sehr lieb, Martha. Für wen hast Du alle diese Blumen gepflückt?

Martha: Diesen Strauß gebe ich Dir, meine liebe Mama, und diesen stelle ich meinem Papa auf den Schreib-Tisch. Er ist gewohnt, jeden Morgen frische Blumen dort zu finden, — und diese Blumen kommen in das Hospital für die armen Kranken.

Frau Meister: Die Blumen kommen ihnen immer wie eine Himmels-Gabe. — Ich glaube, meine Tochter, es wird bald Zeit, daß wir gehen. Ihr aber bleibt ruhig hier; es ist hier schön.

Martha: Adieu, Gretchen; adieu, Bella. Auf kurze Zeit nur.

Frau Meister: Adieu, meine Lieben!

Bella: Ihr habt aber ein schönes Blumen-Haus, Gretchen.

Gretchen: Papa hat es für Martha gebaut. Sie liebt die Blumen.

Bella: Wer liebt nicht die Blumen? — Vorgestern Abend saß ich bei meiner guten Mama. Sie blickte tiefsinnig auf einen herrlichen Strauß, der vor ihr stand. Ich aber las ihr vor aus den Psalmen: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes« — ja, unterbrach mich Mama, — und die Blumen erzählen von der Liebe Gottes.

Gretchen: Ja, ja. Deine Mama liebt Blumen und Vögel und Musik und Poesie. Ihr geht es wie mir. Jede Blume ist für mich ein poetischer Gedanke der Natur. Begreifst Du das wohl? Viele Blumen haben auch einen Charakter wie die Menschen; das ist ganz gewiß wahr, Bella. An manchen kann man die Freude sehen, an anderen wieder die Schwermut oder die Liebe, auch den Haß und den Stolz oder die Bescheidenheit.

Bella: Sieh' nur diese schöne Rose! Meinst Du nicht auch, daß die Rose die schönste sei unter allen Blumen?

Gretchen: Ja. Aber weißt Du auch, warum sie es ist?

Bella: Nein. Warum, Gretchen?

Gretchen: Weil die Rose von einer Frau stammt.

Bella: Von einer Frau? Ha, ha, ha! Die Rose von einer Frau, o Gretchen!

Gretchen: Nun, höre einmal zu: Es ist schon lange her, da war in Corinth eine Nymphe und ihr Name war Rotanda; und sie war die Herrin von Corinth und war so schön, daß die stärksten und besten jungen Männer zu ihr kamen und um ihre Hand baten.

Sie aber hatte stets gesagt: »Wer meine Liebe gewinnen will, muß um sie kämpfen«; und sie floh in den Tempel der Diana. Ihre Bewunderer folgten und öffneten die Thüre des Tempels mit Gewalt, — und da stand Rotanda mit dem Schilde in ihrer Linken und dem Schwerte in ihrer Rechten; ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen flammten in feurigem Mut.

Ah, wie schön! rief das Volk der Griechen; ah, wie schön! Sie sei die Göttin dieses Tempels! Und das Volk nahm die Statue der Göttin Diana und warf sie hinaus vor den Tempel.

Apoll aber, Diana's Bruder, war erzürnt über solchen Frevel; mit zornigen Augen sah er hinab auf Rotanda. Da wurde sie starr; ihre Füße wurden fest in der Erde wie Wurzeln, ihre Arme wurden wie Zweige eines Baumes, ihre Haare wurden wie Blätter und Blüten.

Rotanda war verwandelt worden in einen Rosen-Busch mit Dornen; ihre Bewunderer aber waren Schmetterlinge geworden; und diese fliegen noch heute zur Rose und lieben sie und küssen sie.

Bella: So ist die Rose entstanden? Das habe ich nicht gewußt. Aber nun weiß ich, warum die Rose so schön und lieblich ist. Ich danke Dir vielmals, liebes Gretchen.

Gretchen: Ich will Dir ein schönes Gedicht von Heine sagen, oder kennst Du es schon? Es lautet so:

Der Schmetterling ist in die Rose verliebt, umflattert sie tausend mal. Ihn selber aber, goldig zart, Umflattert der liebende Sonnen-Strahl.

Jedoch in wen ist die Rose verliebt, Das wüßt' ich gar zu gern. Ist es die singende Nachtigall? Ist es der schweigende Abend-Stern?

Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt. Ich aber lieb' euch all': Rose, Schmetterling, Sonnen-Strahl, Abend-Stern und Nachtigall.

Und nun nimm dieses.

Bella: Aber was denn, Gretchen?

Gretchen: Dieses Rosen-Blatt.

Bella: Dieses eine Blatt nur? Du scherzest!

Gretchen: Nimm es, Bella, nimm es.

Bella: Aber warum denn?

Gretchen: Wenn ich Dir ein Rosen-Blatt gebe, so bedeutet das so viel, als würde ich zu Dir sagen: Liebe Bella, komm recht oft zu mir, so oft Du willst; Du kommst mir nie zu viel.

Bella: Ist das die Blumen-Sprache?

Gretchen: Ja; kennst Du jene Sage nicht?

Bella: Ach, Gretchen, ich weiß gar nichts, und Du weißt so viel. Du mußt mich alles das lehren; willst Du, Gretchen?

Gretchen: Gerne, Bella, gerne. — Da war einmal eine Akademie und darin waren zwanzig gelehrte Männer. Ihr Prinzip aber war: Viel hören, viel denken und wenig sprechen, und niemals waren mehr als zwanzig Männer in der Akademie.

Da kam einmal ein gelehrter Doktor aus dem Orient und wünschte, in die Akademie aufgenommen zu werden.

Der Präsident der Akademie wollte nicht gerne nein sagen und aufnehmen konnte man ihn auch nicht gut. — Was war zu tun?

Man nahm ein Glas, füllte es mit Wasser, so daß kein Tropfen mehr hineinging, und stellte es vor den gelehrten Mann aus dem Orient.

Er verstand das Symbol und traurig stand er auf und wollte gehen. Da sah er auf der Erde ein Rosen-Blatt liegen. Ein Gedanke kam ihm; er nahm das Blatt, legte es auf das volle Glas Wasser, und siehe, kein Tropfen floß über.

Die Akademiker sahen, applaudierten und nahmen ihn auf in ihre Akademie. So, jetzt weißt Du auch, was ein Rosen-Blatt bedeutet, nicht wahr?

Bella: Ja, und ich will es mir merken. Und nun sage mir auch, woher der Name: »Vergiß-mein-nicht« kommt, bitte.

Gretchen: Ein Paar ging einmal an der Donau spazieren; es war am Abend ihrer Hochzeit; sie sahen in das Wasser.

Sieh' da, sieh! — Da schwimmt ein Strauß! rief die Braut, ach, die schönen kleinen Blumen! Sie müssen ertrinken, und ich liebe diese blauen Blümchen über alles.

Warte, sprach er und war bereits in den Strom gesprungen; aber das Wasser der Donau war sehr wild und riß ihn hinab in die Tiefe; — noch einmal kam er herauf, — die Blumen hielt er fest in der Hand und mit seiner letzten Kraft warf er sie in die Höhe zu ihr, die er liebte, und rief: Vergiß-mein-nicht! dann versank er und ward nie mehr gesehen.

Bella: Eine Blumen-Fabel weiß ich auch, die mir Dein Papa einmal erzählt hat. Es war einmal ein Schäfer namens Narziß, der trieb seine Schafe an den Bach. Er blickte in das klare Wasser und sah zum ersten Male sein Bild. Er bewunderte es, blieb lange Zeit da stehen und konnte sein Auge nicht von dem schönen Bilde wenden. Zeus aber zürnte über diese Eitelkeit und verwandelte den Schäfer in eine Blume — Narzisse, und seitdem steht sie traurig an den Bächen mit gesenktem Haupte.

Gretchen: Komm' hierher, Bella, an die Fontaine; hier ist eine Narzisse.

Bella: Dieses ist die erste, die ich sehe. — Kannst Du mir sagen, Gretchen, warum wir einen Braut-Kranz von Orangen-Blüten tragen, wenn wir Hochzeit machen?

Gretchen: Das weiß ich nicht, Bella.

Bella: In Deutschland trägt die Braut keinen Kranz von Orangen-Blüten.

Gretchen: So? Wie weißt Du das?

Bella: Anna hat es mir geschrieben.

Gretchen: Aber was hat man dort anstatt der Orangen-Blüten?

Bella: Einen Zweig von der Myrthe.

Gretchen: So? — In Toscano ist es noch anders. Da tragen die Bräute einen Strauß von Jasmin in der Hand, und ich will Dir auch sagen, warum.

Jasmin war früher sehr selten in Europa. Schiffer hatten diese Pflanze zuerst von Indien mitgebracht, und der Herzog von Toscana hatte sie allein in seinem großen Garten und wollte sie auch allein behalten und befahl seinem Gärtner, keine Jasmin-Blumen zu vergeben.

Aber der Gärtner liebte ein Mädchen und brachte ihr an ihrem Geburts-Tage einen großen, schönen Strauß; darin war auch ein Zweig von Jasmin. Die Braut freute sich darüber ganz besonders und pflanzte diesen Zweig in ihren Garten.

Die Zeit verging, und der Gärtner hatte sein Mädchen noch nicht heiraten können; denn ihre Mutter sagte: Der Gärtner ist nicht reich genug.

Da verkaufte das Mädchen ihre Jasmin-Blumen, — bekam dafür viel Geld und gab alles ihrem Bräutigam. Nun waren sie reich und machten Hochzeit.

Bella: Und darum trägt noch heute jede Braut in Toscana Jasmin an ihrem Hochzeits-Tage?

Gretchen: Zum Andenken an das kluge und treue Mädchen.

Bella: Weißt Du, Gretchen, das gefällt mir, und wenn wir Hochzeit machen, Du und Martha und ich, dann wollen wir auch Jasmin tragen. Sollen wir?

Gretchen: Wir wollen mit Martha darüber sprechen. Diese Pflanze —

Bella: Das ist Epheu.

Gretchen: Epheu bedeutet Treue und Freundschaft. Das Epheu umschlingt den Baum liebevoll, will ihn schützen, nicht wahr? Und wenn der Baum alt wird und wenn man ihn fällt — das Epheu bleibt ihm treu und grünt weiter.

Bella: Und ich gebe Dir ein Epheu-Blatt.

Gretchen: Und ich nehme es an und wir bleiben treue Freundinnen.

Bella: Ewig treue Freundinnen! O, mir ist so wohl. Die Welt, die ganze Welt möchte ich jetzt küssen!

Gretchen: Und ich möchte in einem fort singen:

La, la, la, La, la, la, Tra, la, la, la.

Komm', Bella, in's Haus!

Frau Meister: Aber ich bedauere sehr, daß ich Ihrem Herrn Bruder nicht ebenfalls danken kann.

Bella: Ach, warum haben Sie den Herrn Doktor nicht mitgebracht?

Otto: Mein Bruder ging nach Mittag aus, um einige Fabriken zu besichtigen, sowie gegen Abend die Druckereien unserer größten Zeitungen. Er ist noch nicht zurück und ich vermute, daß er noch in dem untern Teile der Stadt ist.

Martha Meister: Ich hoffe, Ihr Herr Bruder ist wohl.

Otto: Danke, Fräulein; er ist ganz wohl.

Louis: Das glaube ich nicht, Otto. Gestern Nacht, da Du schon lange schliefst, hörte ich ihn in seinem Zimmer, das über dem meinigen ist, auf und abgehen, lange Zeit, so daß ich auch nicht einschlafen konnte, obgleich ich sehr müde war. Und als ich heute Morgen in Albert's Zimmer kam, saß er schlafend auf dem Stuhle, und die Lampe brannte noch; er war nicht zu Bette gewesen. Vor sich aber hatte er Pläne von Maschinen, von Gebäuden und Kalkulationen, von denen ich nichts verstand.

Aber, Albert, sagte ich zu ihm, gehört denn dieses auch zu Deinem Studium? —

Er lächelte und antwortete nichts. Ich weiß wirklich nicht, was ich von ihm denken soll. Mir kommt er vor, als sei er seit gestern nicht mehr derselbe Mensch.

Otto: Das ist Deine Einbildung, Louis; Einbildung, nichts mehr.

Gretchen: Schon lange habe ich gewünscht, einmal zu sehen, wie unsere Zeitungen hergestellt werden; aber Papa hatte niemals Zeit, und allein kann eine Dame nicht gehen. Die Herren haben es darin viel besser, sie können gehen, wohin sie wollen, und können tun, was sie wollen.

Bella: Ja, die Herren haben es in allem besser.

Martha: Mama lächelt, Mama glaubt es nicht.

Frau Meister: Nein, ich glaube es nicht. Ich kannte einmal eine junge Dame, reizend und klug wie Ihr; die sprach wie Ihr und — handelte darnach.

Bella: Und — Frau Meister?

Frau Meister: Und als sie ihren Irrtum einsah, war es zu spät.

Gretchen: Du sprichst aber heute sehr mysteriös, liebe Mama. Entweder ist da etwas, was ernst ist oder interessant.

Frau Meister: Oder beides.

Gretchen: Bitte, liebe Mama, würdest Du nicht die Güte haben, uns mehr davon zu erzählen?

Bella: O, tun Sie es, Frau Meister, ich bitte reizend.

Frau Meister: Ich werde Euern Wunsch erfüllen, um so lieber, da es sogar meine Pflicht ist. Nur bitte ich um Eure Geduld und auch um die Ihrige, meine Herren, wenn ich mehr Zeit gebrauchen werde, als Sie jetzt denken.

Martha: Wir wollen uns näher zu Mama setzen; rücken Sie näher, Herr Otto und Herr Louis.

Frau Meister: Es war im Sommer 18 .... Staub und Hitze hatten viele Leute aus der geräuschvollen Stadt auf das Land getrieben; auch unsere Familie hatte ihren Landsitz bezogen. Hohe, grüne Berge ringsum, schattiger Wald, ein lustig rinnender Bach, ein fischreicher See, und, soweit das Auge reichen konnte, eine herrliche Landschaft, ein weites, geräumiges Sommerhaus mit einem schönen Garten — das alles hatten wir, und das war genug, uns glücklich zu machen.

Vater und Mutter waren in diesem Sommer besonders glücklich; denn Martha, ihre älteste Tochter, lebte nun nach ihrem Wunsche und war heiterer geworden, als sie sonst war. Sie war nicht mehr so oft allein, sondern ging in Gesellschaften und nahm oft teil an den Spaziergängen und Ausflügen.

Sie war sonst immer gut, war gehorsam und liebevoll gegen die Eltern, sorgsam für ihre jungen Geschwister und freundlich gegen alle, so daß man von allen, die sie kannten, nur eines hörte: Sie ist schön und lieb, wie ein Engel; wie schade, daß sie selbst nicht ganz glücklich ist!

Und alle dachten und fragten oft: Was mag es wohl sein, daß sie so traurig ist, daß sie oft so melancholisch aus ihren schönen, großen Augen sieht?

Alles dieses war aber in jenem Sommer ganz anders. Martha war heiter, so heiter, wie alle anderen jungen Leute der Gesellschaft.

Unter den jungen Herren aber waren zwei besonders interessant; es waren zwei Deutsche. Sie hatten ihre Studien beendet auf einer deutschen Universität, hatten eine Reise um die Welt unternommen, hatten sogar Afrika durchreist, waren in Palästina, in Ägypten, auch in China und Indien gewesen und waren nun hier, um Amerika zu sehen und zu studieren.

Sie brachten Briefe und Empfehlungen von guten Freunden unseres Vaters und waren gerne in unserer Familie gesehen, und auch sie versuchten, uns angenehm und nützlich zu sein.

Wir hörten besonders gern, wenn sie von ihren Reisen erzählten; denn sie erzählten interessant und sie selbst waren es.

Der eine von ihnen war etwas schwärmerisch, viele sagten: poetisch, wie wir es oft sehen bei Deutschen; und Martha hörte ihm immer aufmerksam zu, wenn er seine Ideen über das Leben, über Länder und Menschen aussprach.

Besonders aber bewunderte er die Frauen dieses Landes und oft hörten wir ihn sagen: Durch viele Länder der Erde bin ich gereist; aber unter den Frauen aller Nationen sah ich keine, die so schön waren oder klüger oder edler, als die Frauen dieses Landes.

Wir alle hörten das gerne; denn wir wußten, es war sein Ernst.

Wenn wir ausgingen, so folgte Schwester Martha stets seiner Einladung und ging an seinem Arme. — Schöne Tage vergingen so, und waren wir abends müde vom Vergnügen des Tages, so wünschten wir doch den nächsten Morgen herbei mit seinen neuen Freuden.

An einem Tage waren wir nach einem nahen Walde gegangen. Schattige Kühle wehte uns entgegen und Wohlgeruch; wir hörten das Lispeln der hohen Bäume und das Konzert der kleinen Sänger. Auf dem grünen Teppich gingen wir fröhlich dahin, pflückten hier und da ein Blatt oder eine Beere und hatten bald die Welt außerhalb des Waldes vergessen.

Auch mit Martha war es so. Sie war froh heute, ganz froh; ja, sie war noch heiterer als sonst und sang und sprang mit uns bald hierher, bald dorthin.

Dann lagerten wir uns auf einem freien Platze und hielten unser Mahl, hörten Anekdoten, Geschichten und Rätsel. Wir beendeten das Mahl, erhoben uns, gingen in den Wald, suchten Gräser und Blumen, und so kam es, daß wir uns bald zerstreut hatten.

Ich war mit einer Freundin gegangen; wir hatten seltene Pflanzen gefunden; als wir müde waren, setzten wir uns nieder und lasen aus einem Buche.

Wenige Minuten saßen wir, da hörten wir ein Lachen. Da kommt Martha auch, sagte ich zu meiner Freundin; und richtig! — da kam sie und rannte wie ein Reh; hinter ihr her kam aber ihr Begleiter, der deutsche Herr; er wollte sie haschen, aber er konnte es nicht.

Sie sind schneller, als ich, rief er. Sie säumte eine Minute; er wollte sie fassen; aber schnell war sie wieder entwischt und er hielt nur ein Band in seiner Hand. — Sachte, mein Freund, sachte; so schnell fängt man mich nicht, rief sie und lachte in solch' herzlichem Tone.

Er folgte ihr nach. — Ah, sehen Sie? Sie können mich nicht fangen!

Aber ich muß, sagte er.

Wenn ich will, sagte sie; nun wohl, hier will ich halten; ich werde mich auf diese Schaukel setzen; sie hängt so schön zwischen diesen großen mächtigen Bäumen.

Schaukeln Sie mich, Herr Doktor, — und sie saß schon, und er schwang sie, daß sie hoch hinauf flog. Es war ein herrliches Bild, wie sie in den Lüften schwebte.

So, das ist genug, rief sie endlich, — sehen Sie? Dort ist eine Quelle, eine Heilquelle, und das Wasser darin ist weit und breit berühmt; so sprechend, sprang sie zur Erde und beide gingen zur Quelle.

Was sie sprachen, konnte ich nicht hören; ich sah nur, wie sie dort standen, und wie er dann kniete, — und ich glaubte damals, um Wasser zu schöpfen.

Der Tag endete so froh, wie er begonnen.

Der nächste Tag war ein Samstag. Es war trübe, und der Regen fiel in Strömen herab. Ich saß am Fenster und sah die dicken Tropfen am Fenster-Glase herunterfließen. Ich sah auf die Straße und lachte, wenn dann und wann ein Mann schnell vorüber rannte. Sonst war alles öde, — auch in unserm Hause. — Martha sah ich den ganzen Tag nicht einmal; sie wäre ein wenig unwohl, ließ sie sagen, und hätte keinen Appetit.

Sonntag kam, die Sonne schien wieder ein wenig. Die Glocke läutete zur Kirche. Da sah ich Schwester Martha wieder zum ersten Male; sie war nicht mehr dieselbe.

Bist Du wieder wohl, liebe Martha, rief ich ängstlich?

Danke, Schwester, ich bin wohl, antwortete sie und lächelte ernst. Ihr Lächeln war so eigentümlich, und in ihrer Stimme lag ein fremder Ton.

Wir gingen zur Kirche. So inniglich sang heute Martha, so inniglich betete sie heute! Thränen rollten aus ihren Augen, und sie hörte aufmerksam auf die Predigt des Geistliche.

Ich erinnere mich der Predigt noch heute. Der Text war: Lucas 18, Vers 29 u. 30.

»Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage Euch, es ist niemand, der ein Haus verläßt oder Eltern oder Brüder oder Weib oder Kinder, um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfältig wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.«

Von diesem Tage an wurde Martha stiller, als sie je zuvor gewesen war. — Sie blieb freundlich und liebevoll gegen alle. Sie selbst aber glich einem Engel, der still im Hause waltete.

Doch der Vater schüttelte ernst den Kopf, und die Mutter war traurig, und die Freunde gingen nachdenkend vom Hause.

Und da war einer, der litt besonders.

So verging der Rest des Sommers, und als der rauhe Wind durch die Bäume fuhr und die Blätter herabwehte, zogen wir wieder zur Stadt, — und bald kam ein Fest, — ein Fest der Freude für Martha, nicht für uns. Martha stand im langen Gewande vor dem Prediger, der sie dem Konvente unserer episkopalischen Kirche weihte.

Vaters Haar war weiß geworden. Oft, sehr oft, hörte ich ihn im Schlafe sprechen: O mein Kind, mein Kind!

Und war sie glücklich geworden?

Oft kam ich zu ihr in's Kloster. Mir wurde stets so wohl, wenn ich sie sah, und so ging es allen Menschen, wenn sie zur guten, schönen Schwester Martha kamen. — Wenn Schwester Martha an das Bett der Kranken trat, so fühlten sie Erleichterung, und berührte sie die Kranken mit der Hand, so schwanden die Schmerzen.

Sie selbst aber war am liebsten unter den Kindern und bei den älteren Mädchen in der Schule des Konvents und hier wurde sie am meisten geliebt, so vom ganzen, warmen, jungen Herzen der Mädchen.

Als ich sie wieder einmal in der Schule sah unter den fröhlichen Mädchen, sprach ich zu ihr: Du bist doch recht glücklich!

Glücklich, sagte sie langsam, — ach ja, ich bin's. — Ich sah sie verwundert an und zweifelte zum ersten Male an ihrer Zufriedenheit.

So waren wieder einige Jahre vergangen, und große Trauer herrschte im Konvent, besonders in der Schule, denn die gute, schöne Schwester Martha war krank, bedenklich krank, hatte der Arzt gesagt.

Ich war viel bei ihr; sie wünschte es; zuletzt kam ich nicht mehr von ihrem Bette hinweg.

Da eines Tages, spät am Nachmittage, faßte sie wieder meine Hand und sagte: Teure, höre mir zu; ich habe mit Dir zu sprechen.

Ich rückte näher, so daß ich ihre schwache Stimme besser hören konnte; ihre Hand ruhte in der meinen, und sie sah mir in die Augen so tief, so innig und so liebevoll, und ihre Stimme klang so mild.

Schwester, sagte sie, geh' und öffne jenes Fenster. — Ich ging und tat es und kam zurück und sagte:

Du siehst so wohl aus, beste Schwester, bald wirst Du wieder ganz gesund sein.

Sehr bald; — siehst Du die Sonne dort, meine Liebe? — Bald wird sie sinken hinter jenem Berge und dann scheint sie mir niemals mehr.

O, sprich nicht so; nein, o nein! sagte ich.

Weine nicht, sprach sie dann mit freundlicher Stimme, weine nicht; sei glücklich mit mir; denn jetzt bin ich wirklich glücklich, endlich einmal nach langen, langen Jahren.

O, Gott; warst Du es denn nicht immer?

Ich war es nicht. Höre meine Worte; es werden meine letzten sein.

Meine teure, liebe Schwester, sagte ich.

Sie begann:

Denkst Du noch jenes Sommer-Tages, da wir einen Ausflug machten in den Wald? Da war es, daß mich ein edler Mann gebeten hatte, sein Weib zu werden; und bevor ich noch Antwort gab, ja oder nein sagen konnte, kam die Gesellschaft zu uns. Wir gingen nach Hause und in dieser Nacht kämpfte ich einen schweren Kampf mit mir selbst:

Soll ich sein Weib werden? Soll ich an das Haus gebunden sein? Soll ich die vielen, kleinen Dienste tun, — ich, die ich das Größte, Edelste tun wollte? — Was kann das Weib großes tun im Hause? — Der Mann tut das Große außer dem Hause, — soll es nicht auch das Weib können? — Und wahrlich, ich fühlte Kraft genug in mir.

So dachte ich und traf meine Entscheidung. — Du kennst sie. — Ich kam hierher mit hohen Ideen, mit großen Plänen, — ach, sie waren so schön! — Aber es waren die Pläne eines Mädchens.

So viel Unglück hatte ich in der Welt gesehen und so viel Übel, und ich glaubte, das Übel schneller beseitigen, das Gute schneller befördern zu können. — Es waren Gedanken eines unerfahrenen Mädchens.

Da ich in die Hütten der Armen kam und an die Betten der Kranken, da linderte ich viel Unglück; — aber das Unglück beseitigen, gänzlich beseitigen, wie ich es einst geträumt hatte, — das konnte ich nicht; und alle Menschen glücklich, gut und nützlich zu machen, — das war unmöglich.

Aber eins habe ich gesehen und gelernt, daß die Familien glücklich, daß die Väter froh und fleißig, daß die Kinder gesund und wohlerzogen waren, wo eine Mutter war, — eine weise, gute Mutter.

Aber das Unglück war im Hause, und der Vater war unfreundlich und mutlos zu seinem Berufe, und die Kinder waren unzufrieden und zänkisch, wo die Mutter-Liebe fehlte, wo das freundliche Wort fehlte und der freundliche Blick und der Komfort im Hause; — ich meine nicht den Komfort, der teuer zu erkaufen ist mit Geld, sondern den Komfort, den der Blick, der Ton, den das liebende Herz der Mutter giebt.

Alles, meine Schwester, alles, glaube es mir, — das Glück des Mannes, das Glück der Kinder, das Glück der Familie, das Glück des Landes liegt in den Händen der Frauen und nicht so viel in den Händen der Männer; denn diese sind willig und folgen den Frauen; und wohl dem Lande, das gute Frauen und gute Mütter hat!

Und siehe, Schwester; ein Glück habe ich aus meinen Händen gegeben. Wie oft habe ich die Mutter beneidet, wenn ich sah, wie sie ihr Kind küßte, wie sie ihr Kind liebend an die Brust drückte.

Da wurde es mir klar, daß ich geirrt hatte; ich hatte gefehlt, da ich das Beste gewollt.

Wohl versuchte ich gut zu machen, soviel ich konnte; darum lehrte ich die jungen Mädchen, und manches gute Samen-Korn habe ich gesäet.

Die gute Schwester weinte, und ich wollte sie trösten und sagte: Hast Du nicht dadurch viel Gutes gegründet?

Ja, sagte sie, das habe ich allerdings, und mein Trost ist auch, das Du glücklich bist, teure Schwester; und nun versprich mir hier, daß Du auch ferner ein wahres, gutes Weib sein willst Deinem Gatten, wie Du es bis heute warst; daß Du eine treue Mutter sein willst Deinen Kindern, daß sie Dich so lieben wie eine Freundin, so daß Deine Töchter Dir alles, alles vertrauen; daß sie nichts und niemals etwas geheim halten vor Dir. Lehre sie, daß das Haus ein Heiligtum sei und das Weib die Hüterin; denn der Mann geht in die Welt und sieht so viel des Bösen und wird oft so verwirrt; sage es ihnen doch, daß es des Weibes Pflicht ist, ihn zu läutern vom Schlechten und ihn zu erheben vom Gemeinen und ihn zu stärken zum Guten.

Lehre sie ihr Haus angenehm machen, daß jeder es gern betrete.

Lehre sie, daß des Weibes Mission hoch und heilig ist. — Meine Stimme wird schwach, — und nun versprich mir, Deinen Töchtern einst meine Geschichte zu erzählen; und nun laß' — sieh', wie die Sonne schon sinkt, — laß' uns beten. —

Ich sank neben ihrem Bette auf die Kniee und wir beteten; ich hörte ihr Amen und dann einen leichten Seufzer; ich sah auf zu ihr, ihr Auge war geschlossen, sie schlief. —

Wochen waren vergangen, — da legte ich Blumen auf ihr Grab. Ohnmächtig hatte man mich von ihrem Bette nach meinem Hause getragen; ich verfiel in eine schwere Krankheit. Im Fieber sprach ich allein von ihr, meiner teuern, seligen Schwester. Ich habe mich bemüht, ihre letzten Worte zu erfüllen. — Nun habe ich Euch auch ihre Lebens-Geschichte erzählt; und ob es mir wohl geglückt ist, Euch, liebe Kinder, eine Mutter zu werden, wie sie es gewollt?

Martha: O Mama, teuerste, liebste Mama!

Gretchen: Wie kannst Du nur so fragen, Mama?

Frau Meister: Mein Gatte, meine Freunde können die Antwort geben.

Bella: Verzeihung, Frau Meister. Aber was ist aus dem jungen deutschen Herrn geworden?

Frau Meister: Das kann ich in wenigen Worten sagen.

Eines Morgens kam sein Freund zu mir. Er war bleich und war kaum im Stande, zu sprechen. — Sehen Sie hier, mein Fräulein. Lesen Sie, sagte er mit bebender Stimme; und ich las:

»Teurer Wilhelm! Lange waren wir treue Freunde, und kein Tag fand uns getrennt. Vergieb mir, wenn ich dich heute verlassen habe; denn ich muß fort, fort in die weite Welt und muß allein sein mit mir. Ich muß versuchen, ob ich nicht dieses Herz stillen kann, denn mir ist gar weh. — O, sie hätte so glücklich werden können, — und sie ist es jetzt nicht; glaube mir. Ich aber will kämpfen wie ein Mann. Arbeit wird mich heilen; in Taten werde ich Vergessenheit suchen und finden. Und hörst du einstmals meinen Namen nennen und hörst du, daß ich großes getan, dann wisse, es war ihr Bild, das mir vorschwebte, ihr Bild, das mich begeistert hat.

Lebe wohl, ich bleibe ewig

Dein treuer Freund Gustav von Halsen.«

Seitdem haben wir nie mehr von ihm gehört.

Louis: Aber der andere? Der Freund, Frau Meister, der Ihnen den Brief brachte?

Frau Meister: Sitzt jetzt in jenem Zimmer, sehen Sie, dort.

Gretchen: Was? Jetzt? Bei Papa?

Frau Meister: Nein, — Papa ist es selbst.

Martha: Papa?

Gretchen: Oh!

Bella: Herr Meister? — Herr Wilhelm Meister?

Frau Meister: So ist es. Wie das kam, erzähle ich Ihnen ein anderes Mal.

Otto: Herr Meister ist jetzt wohl sehr beschäftigt?

Frau Meister: Mein Gemahl ist in seinem Studier-Zimmer am Schreib-Tische, und dann stören wir ihn niemals gerne; darum müssen Sie auch gütigst entschuldigen, daß wir ihn nicht gerufen haben.

Otto: Gewiß, Madam.

Gretchen: Denkst Du nicht, Mama, daß Martha jetzt zu ihm gehen könnte? Papa wird sich gewiß freuen, wenn er hört, daß die Herren hier sind.

Frau Meister: Willst Du gehen, Martha?

Martha: Gerne, teure Mama. — Entschuldigen Sie mich auf wenige Momente.

Otto: Bitte, mein Fräulein.

Louis: Geht Fräulein Martha jetzt zu Herrn Meister?

Gretchen: Ja wohl, Herr Louis.

Louis: O, das ist gut!

Bella: Frau Meister, o, ich hätte Ihre gute Schwester gern einmal sehen mögen. Haben Sie kein Bild von ihr?

Frau Meister: O doch, Bella. Siehst Du jenes Bild an der Wand?

Bella: Ja.

Frau Meister: Nun, das ist ihr Bild.

Bella: Ihr Bild ist es?

Otto: Ich dachte, es wäre Marthas Bild; Ihrer Tochter Bild.

Louis: Und ich dachte immer, es wäre Gretchens Bild.

Bella: Ja, das habe ich auch gedacht.

Frau Meister: Und Sie könnten recht haben, denn die Ähnlichkeit ist groß; im Ausdrucke des Gesichtes ist Gretchen ihr ähnlich; in Figur und Haltung gleicht unsere Martha ihr. Als dieses Bild gemalt wurde, war meine Schwester siebenzehn Jahre alt; nur eine Kopie existiert von diesem Bilde. Wo diese aber ist, weiß ich nicht. Ah, — da kommt meine Tochter wieder und bringt ihren Papa am Arme. Das ist schön, daß Du kommst, Wilhelm. Du bist nicht böse, daß wir Dich gestört haben, nicht wahr?

Herr Meister: Nein, nein; ich danke Euch allen, denn ich freue mich, meine Freunde begrüßen zu können. Guten Abend, Fräulein Bella! Guten Abend, meine Herren!

Martha: Denken Sie nur, wie liebenswürdig Papa war: er gab mir dieses Manuskript, einen Teil dessen, was er heute geschrieben hat; und er hat mir erlaubt, es Ihnen vorzulesen.

Gretchen: Das ist eine große Ehre für Sie, Herr Louis. Papa tut das sonst nie.

Louis: Herr Meister weiß, daß ich das zu würdigen verstehe. Nicht wahr, Herr Meister?

Herr Meister: So ist es, Louis, gewiß.

Gretchen: Ich bin wirklich neugierig zu wissen, wie es geworden ist, Papa.

Otto: Worüber schreiben Sie jetzt, Herr Meister?

Herr Meister: Über die alte deutsche Litteratur.

Martha: Dieser Teil in meiner Hand ist einiges aus dem Nibelungen-Liede.

Otto: Soll ich Ihnen die Lampe näher bringen?

Martha: Danke; ich kann sehr gut sehen.

Louis: Hier, mein Fräulein, nehmen Sie diesen Fuß-Schemel. Das ist bequemer für Sie, nicht wahr?

Martha: Danke. — Soll ich beginnen, Mama?

Frau Meister: Wir sind bereit.

Martha: Das Nibelungen-Lied.

Worms war die Hauptstadt des Königreiches Burgund. Hier lebte die Königin Ute mit ihren Söhnen Gunther, Gernot und Gieselher. Viele große Ritter waren an ihrem Hofe: Ortewein von Metz, Hagen von Tronje und sein Bruder Dankwart und Volker von Alzei, der Spielmann. Aber die Zierde des Hofes und die Zierde des ganzen Landes war Krimhilde, der Königin Tochter.

O Mutter, sprach einst Krimhilde zur Königin, o Mutter, ich hatte einen bösen Traum: Zwei Aare töteten meinen Falken, und ich hatte diesen Falken so lieb.

Armes Kind, erwiderte die Mutter, der Falke ist ein Ritter, den du lieben und — verlieren wirst.

Lieben? — sprach Krimhilde, — nie will ich einen Mann lieben, denn Liebe bringt Leid.

Aber auch Freude, sagte die Mutter, wenn es ein edler und tapferer Ritter ist; und ich hoffe, daß ein solcher einst dich, mein Kind, beglücken soll.

Xanten war die Hauptstadt der Niederlande am Unter-Rhein. Da lebte der König Sigismund mit Siegelinde, seinem königlichen Weibe, und mit Siegfried, seinem Sohne.

Vater, sprach eines Tages Siegfried, — Vater, ich ziehe nach Burgund; ich will Krimhilde mir zum Weibe gewinnen.

Wenn du das willst, sprach der König, dann gehe. Aber wisse, Gunther hat manchen starken Mann. Besonders merke dir Hagen.

Ich will in Freundschaft um Krimhildens Hand bitten; aber was ich im Guten nicht gewinne, das kann ich auch erobern mit meiner starken Hand.

So gehe, sprach der König; doch Siegelinde weinte, als der Sohn sie verließ.

Und nach sechs Tagen kam er nach Worms mit zwölf starken Rittern. Aber König Gunther kannte Siegfried nicht und er ließ Hagen rufen; denn dieser kannte alle Länder und ihre Herren.

Da Hagen an das Fenster ging und hinunter in den Schloßhof und auf die fremden Ritter sah, sprach er: Ich habe diese Ritter niemals gesehen; aber ich denke, der erste ist Siegfried von den Niederlanden. — Ja, derselbe ist es und kein anderer. Er hat einst die starken Riesen, die Nibelungen, bekämpft und ihnen den größten Schatz der Erde abgenommen, den Nibelungen-Schatz; und vom Zwerge Alberich gewann er die Tarnkappe, die ihn unsichtbar macht, und den Lindwurm hat er auch getödtet und sich dann gebadet in des Drachen-Blut[IV-1], so daß er unverwundbar ist. Er ist ein gewaltiger Ritter, und wir müssen ihn freundlich empfangen.

Und Gunther und seine Brüder und Hagen und alle Ritter gingen hinab, Siegfried zu begrüßen.

Nun begannen frohe Tage; Ritter-Spiele wurden gefeiert, und Siegfried siegte immer. Wenn aber die Frauen fragten: Wer ist jener Held, der so schön gewachsen ist und der so reiches Gewand trägt? — dann hörten sie die Antwort: Das ist Siegfried, der Held von den Niederlanden.

Ein Jahr war er nun in Worms gewesen und noch hatte er sie nicht gesehen, die er zu gewinnen kam; denn Krimhilde war stets nach feiner Frauen-Sitte in ihren Zimmern.

Sie aber hatte ihn doch gesehen; denn wenn die Kampf-Spiele auf dem Hofe waren, stand sie hinter ihrem Fenster, sah hinab auf den schönen, tapfern Siegfried und begann erst, ihn zu bewundern, und dann, ihn zu lieben.

In dieser Zeit war Lüdeger der König von Sachsen und sein Bruder Lüdegast König von Dänemark. Diese beiden erklärten den Burgundern den Krieg.

Da sprach Siegfried zu Gunther: Bleibe du hier bei den Frauen und beschütze sie, und laß mich gehen mit Hagen und mit deinen Brüdern, zu streiten für deine Ehre und für dein Gut.

Und so geschah es auch. Siegfried besiegte beide Könige und nahm beide gefangen. Gernot sandte einen Boten nach Worms mit der Sieges-Botschaft.

Aber niemand in Worms hatte in größerer Furcht und Angst gelebt, als Krimhilde. Heimlich ließ sie den Boten zu sich kommen und sprach: O, sage schnell, was du bringst; und ist es gute Botschaft, dann gebe ich dir Gold.

Wir haben gesiegt, sagte der Bote; und der Mann, der den Sieg errungen, heißt Siegfried; alle waren tapfer, deine Brüder und Hagen und die anderen; aber das meiste und das beste hat der Held vom Nieder-Rhein getan und die beiden Könige hat er auch gefangen und er bringt sie hierher.

Da wurde Krimhilden's Antlitz rosenrot, und sie ließ den Boten, reichlich beschenkt, von sich gehen.

Nun stand sie am Fenster und sah die Straße hinab, so weit ihr Auge reichte, ob sie noch nicht kämen. Endlich kamen sie. Als die Hufe der Pferde den Boden stampften, da klopfte ihr das Herz in der Brust und da sah sie endlich auch ihn wieder, der so schön und hoch vor allen war.

Sechs Wochen wurden die Verwundeten gepflegt am Hofe zu Worms; sechs Wochen lang zogen die Ritter hinaus, sich zu üben in den Kampf-Spielen; sechs Wochen lang bereiteten die Frauen den Schmuck und die Kleider, die sie tragen wollten während des Sieges-Festes.

Und am ersten Tage des Sieges-Festes war ein großes Gedränge auf dem Fest-Platze am Rhein; denn Ute kam heute mit ihrer Tochter Krimhilde. Hundert Ritter und hundert Mädchen begleiteten sie.

Da sah Siegfried sie zum ersten Male. Wie der lichte Mond vor den Sternen schien sie ihm, und Glück und Schmerz wechselten in seinem Herzen.

Da wurde er zur Königin Ute gerufen, damit ihre Tochter ihm Willkommen biete. Und als er vor der Holden stand, da wuchs ihm der Mut. Sie aber errötete tief und sagte:

Willkommen, Herr Siegfried, edler Ritter! Und als er sich verbeugte, begegneten ihre Blicke einander, — doch nur verstohlen sahen sie sich an.

Bald darauf gingen alle zur Kirche, und Krimhilde und Siegfried gingen Hand in Hand; und als sie zusammen aus der Kirche kamen, sagte Krimhilde: O, wie danke ich euch, edler Ritter, für die Dienste, die ihr meinen Brüdern erwiesen!

Ich will ihnen noch länger dienen und will ihnen dienen bis an meines Lebens Ende, wenn ich damit nur eure Liebe gewinnen könnte!

Das Sieges-Fest dauerte noch zwölf Tage, und Siegfried sah nun jeden Tag Krimhilde. Dann wollte er zurückkehren nach Xanten. — Jung Gieselher aber bat ihn zu bleiben, und so blieb er.

Auf der Insel Island lebte Brunhilde, die Königin. Weit und breit sprach man von ihrer Schönheit und von ihrer Kraft. Sie konnte Speere werfen, Steine schleudern und springen, besser, als mancher Ritter; — und nur einem solchen Ritter wollte sie Herz und Hand schenken, der sie in diesen drei Dingen überbieten konnte. Viele der tapfersten Ritter waren schon gekommen und — gefallen.

Siegfried kannte Brunhilde, und endlich hörte auch Gunther von ihr und sagte: Ich gehe an die See zu Brunhilde.

Thue es nicht, sprach Siegfried, du könntest die Reise mit Leib und Leben bezahlen.

Aber Gunther sprach: Kein Weib ist so stark, daß ich sie nicht leicht überwinden könnte.

Du kennst Brunhilde nicht, sprach Siegfried; und ich rate dir nochmals: Geh' nicht nach Island!

Ich gehe, sprach Gunther, und koste es mein Leben; und du magst mit mir gehen; mit deiner Hülfe besiege ich sie gewiß.

Sie gingen: Gunther und Siegfried, Hagen und viele andere tapfere Ritter. Am Fenster standen die Frauen und weinten. Siegfried stieß vom Lande ab und lenkte das Schiff.

Am zwölften Morgen ihrer Reise sahen sie ein Land mit Burgen und Palästen. Da sprach Gunther: Nie habe ich solche Burgen gesehen. Der Herr dieses Landes muß gar mächtig sein.

Brunhilde ist die Herrin dieses Landes, erwiderte Siegfried, und diese Burg vor uns ist Brunhildens Wohnsitz, die Isenburg.

Sie landeten und bestiegen die Pferde. Siegfried hielt Gunthers Steig-Bügel, damit Brunhilde glauben sollte, Siegfried sei Gunthers Vasall. So hatten sie es verabredet, als sie noch im Schiffe waren.

Gunther und Siegfried waren weiß gekleidet und saßen auf weißen Pferden; alle anderen waren schwarz gekleidet und saßen auf schwarzen Pferden. So ritten sie auf die Burg zu. Diese war aus grünem Marmor gebaut, hatte sechs und achtzig Türme und umfaßte drei Paläste.

Brunhilde war glücklich, als sie Siegfried sah; sie eilte ihm entgegen und rief:

Willkommen, Siegfried, in meinem Land; ich möchte wohl hören, warum du kommst.

Besten Dank für diesen Gruß, sprach Siegfried; doch, ihr solltet Gunther grüßen; er ist König am Rhein und er ist mein Herr. Er — dein Herr? sprach Brunhilde; — und was will er von mir?

Ich kam um deiner Schönheit willen, sprach Gunther, und deine Liebe will ich gewinnen.

So laßt uns gleich den Kampf beginnen, sprach Brunhilde, und legte ihren goldenen Panzer an.

Siegfried aber ging zum Schiffe, setzte die Tarn-Kappe auf und kam zurück — ungesehen.

Man zog einen großen Kreis. In diesem Kreise sollte der Kampf stattfinden. — Da stand Brunhilde; ihre Rüstung glitzerte von Gold und von Edel-Gestein, doch mehr als alles glänzte ihre Schönheit.

Da brachten vier Diener Brunhildens Schild; der war groß und dick und schwer; und Hagen sprach zum König:

Wie nun, König Gunther? es geht an Leben und Leib! — Das ist ein teuflisches Weib!

Dann brachten vier Ritter ihren Speer; der wog hundert Pfund.

O, wär' ich zu Hause! dachte Gunther.

Da brachten zwölf Ritter einen Stein, rund und breit; und Hagen rief laut:

Des Teufels Braut in der Hölle sollte sie sein, aber nicht meines Königs.

Siegfried aber, unsichtbar durch seine Tarn-Kappe, trat an Gunther hinan, berührte ihn und sprach leise:

Fürchte nichts, Gunther; ich helfe dir; gieb mir den Schild; mache du selbst nur die Geberden und Bewegungen, während ich gegen sie kämpfe.

Jetzt wickelte Brunhilde den Ärmel auf, und ihr schneeweißer Arm wurde sichtbar. Sie ergriff den Speer und schwang ihn mit Macht durch die Luft und warf ihn nach ihres Gegners Schild. Das Feuer sprang vom Stahle. Siegfried strauchelte und fiel; schnell aber stand er wieder und faßte den Speer und warf ihn zurück auf Brunhildens Schild, daß die Funken flogen und Brunhilde zu Boden sank. Dank euch, König Gunther, rief sie, sprang auf, nahm den Stein, schleuderte ihn hoch in die Luft und sprang selbst darüber hinweg. Doch Siegfried nahm den Stein und warf ihn noch höher, nahm Gunther in den Arm und sprang noch höher und weiter.

Brunhilde staunte über solche Kraft und war bitter, denn sie war besiegt zum ersten Mal, besiegt von Gunther, — so glaubte sie nämlich.

Ja, wenn es Siegfried gewesen wäre, dachte sie, wie froh wäre ich dann! Wie gerne hätte sie ihm den Sieg gegönnt. Aber da sie nun Gunther folgen sollte, sagte sie: Nein, ich kann noch nicht, ich muß erst meine Freunde sehen.

Und sie schickte Boten nach allen Seiten, daß die Ritter ihres Landes kämen.

Das bedeutet nichts Gutes, sprach Hagen; die Königin will uns nicht folgen; den Krieg will sie mit uns. Warum läßt sie sonst diese Ritter kommen?

Da kann ich helfen, sprach Siegfried; ich gehe und komme bald zurück mit tausend starken Helden.

Bleib nicht zu lange, sprach Gunther; und Siegfried zog ab.

In einem Schifflein zog er durch das Meer; und das Schifflein flog wie der Wind. Aber den Schiffer konnte niemand sehen; Siegfried segelte in seiner Tarn-Kappe. — Nach einem Tage und einer Nacht kam er in das Nibelungen-Land.

Dort stand eine einsame Burg auf einem hohen Berge. Dahin lenkte Siegfried seine Schritte und klopfte dort an eine Thür. Innen schlief ein Riese; der bewachte die Thüre, und neben ihm lagen seine Waffen.

Wer pocht? rief der Riese.

Ein Ritter! antwortete Siegfried. Öffne!

Der Riese stand auf, zog seine Rüstung an, hob den Helm auf seinen Kopf, öffnete die Thür und schlug mit einer Eisen-Stange nach Siegfried.

Dieser zog sein Schwert und schlug so gewaltig auf den Riesen, daß es durch den ganzen Berg schallte und daß auch der Zwerg Alberich erwachte.

Er rüstete sich und lief an die Thüre und kam in dem Augenblicke, als Siegfried den Riesen band.

Nun begann Siegfried mit Alberich zu kämpfen; er zupfte ihn an dem langen Barte, und der Zwerg schrie laut vor Schmerz. — Siegfried band den Zwerg, sowie er den Riesen gebunden hatte.

Wer bist du? rief der Zwerg.

Dein Herr! rief Siegfried. Treuloser Bösewicht, kennst du mich nicht besser? Vor Jahren war ich hier und habe den Berg erobert und dich und alle Nibelungen.

Wahrlich, du bist Siegfried! rief der Zwerg. Und nachdem Siegfried ihn losgebunden hatte, lief er zurück in den Berg, wo die Nibelungen auf ihren Betten lagen, und er rief:

Auf, ihr Helden! Eilt zu Siegfried, Euerm Herrn! — und im Nu standen tausend Nibelungen wohlgerüstet da. Alberich führte sie hinaus zu Siegfried.

Siegfried zog mit ihnen ab und kam am nächsten Tage zurück zu seinen Freunden auf der Isenburg. Brunhilde sah die Riesen und erklärte, sie wäre bereit, mit Gunther zu gehen.

Bald waren alle wieder auf dem Schiffe und auf der Fahrt nach Worms.

Es war eine freudige Fahrt; mit Tanz und Gesang und Spiel verkürzten sie die Zeit. Neun Tage waren sie gefahren und sie näherten sich Burgund. Gunther bat Siegfried, nach Worms voraus zu reiten, sein Glück und seine Ankunft zu verkünden.

Wie glücklich war Siegfried, als er diesen Auftrag hörte. Seine Ungeduld, seine Sehnsucht wuchsen, je näher er Worms kam, wo Krimhilde ihn sehnsuchtsvoll erwartete.

Mit vierundzwanzig Rittern ritt er auf Worms zu. Aber bald hörte er aus dem Schlosse lautes Klagen und Weinen, denn die Frauen hatten ihn ohne Gunther kommen sehen.

Als aber Siegfried im Schlosse stand, inmitten der Frauen, als er ihnen erzählte, daß Gunther ihm folge mit seiner Braut Brunhilde, — da verwandelte sich das Weinen in Freude und in Jubel, und Krimhilde rief:

O, edler Ritter, dürfte ich euch nur mein Gold geben, als Boten-Lohn! Aber wie könnte ich euch solches nur anbieten?

Und hätte ich dreißig Länder, erwiderte Siegfried, so wäre ich nicht zu stolz, aus eurer Hand das kleinste Geschenk anzunehmen.

Da ließ Krimhilde vier und zwanzig goldene Spangen mit Edel-Steinen bringen und gab sie Siegfried. Dieser aber verteilte sie wieder unter Krimhildens Mädchen.

Nun laßt uns an den Strom gehen, sprach Siegfried, die Freunde zu empfangen.

Und bald bewegte sich ein langer Zug zum Rhein. Und da die Sonne schien, glitzerte alles von Gold und Juwelen. Hoch zu Rosse aber saßen viele Burgunder-Frauen im feinsten Schmucke, und tapfere Ritter führten die Pferde der Edel-Frauen; Ortewein begleitete die Königin Ute, Siegfried aber führte Krimhildens Pferd am Zügel.

So kamen sie an den Rhein, und bald landeten die Schiffe.

An Gunthers Hand stieg Brunhilde aus dem Schiffe, und ihnen folgten viele Frauen und tapfere Ritter.

Krimhilde eilte auf Brunhilde zu und hieß sie willkommen mit Kuß und Umarmung.

Da sprach wohl mancher Ritter: Nie habe ich zwei Frauen von solcher Schönheit zusammen gesehen.

Doch die Kenner sagten: Krimhilde ist die schönere. — Bald darauf bewegte sich der Zug jubelnd zum Palaste des Königs.

Gunther hatte versprochen, dem tapfern Siegfried seine Schwester Krimhilde zum Weibe zu geben für seine Hülfe im Kampfe; und bevor sie sich niedersetzten zum Hochzeits-Mahle, erinnerte Siegfried König Gunther an sein Versprechen.

Was ich geschworen, will ich halten, sprach Gunther und ließ Krimhilde kommen.

Und als sie vor ihm stand in einem Ring von Helden, und als er mit ihr von einem Ritter sprach, den er für sie gewählt, da errötete sie und ihr Herz klopfte gewaltig, denn sie ahnte, daß der Bruder von Siegfried sprach; und da sagte sie leise und verschämt:

Bruder, ich gehorche. Da küßte Siegfried vor allen Rittern seine schöne Braut.

Bald saßen sie bei Tische. Doch Brunhilde schien nicht glücklich zu sein! Warum biß sie die Lippen zusammen? Warum blickten die Augen bald trübe, bald zornig?

Ihr gegenüber saß Siegfried und neben ihm Krimhilde, die liebliche Krimhilde! Und Thränen der Eifersucht, der bitteren, wilden Eifersucht stürzten aus Brunhildens Augen.

Warum weinst du? sprach Gunther zärtlich und besorgt.

Auch du solltest weinen, antwortete schnell Brunhilde, über das Unglück deiner königlichen Schwester, die du erniedrigt und an einen Vasallen vergeben hast.

Später wirst du alles erfahren, sprach Gunther darauf.

Nach der Tafel begannen die Kampf-Spiele. Brunhilde sah die Schilde, die Schwerter, die Lanzen, und die alte Kampf-Lust erwachte wieder in ihr. Und als des Abends Brunhilde ganz allein war mit Gunther, kam er in große Not: sie nahm ihren Gürtel, band Gunthers Hände und Füße, trug ihn zu einem Nagel und hängte ihn an die Wand im Zimmer.

Sein Bitten half nichts, er mußte hängen bleiben bis an den lichten Morgen. Da hatte sie Mitleid mit ihm und band ihn wieder los. Gunther kam zu Siegfried und klagte sein Leid.

Da sprach Siegfried: Laß mich wieder mit ihr kämpfen; mir soll sie nicht widerstehen; in meiner Tarn-Kappe werde ich sie besiegen.

Und wenn du sie töten würdest, es wäre mir nicht leid; denn sie ist ein schreckliches Weib.

Noch einmal zog Siegfried seine Tarn-Kappe an, noch einmal besiegte er Brunhilde, nahm ihr Ring und Gürtel ab und ging. Ring und Gürtel aber schenkte er seiner holden Krimhilde. Hätte er es nicht getan, es wäre weiser und besser gewesen.

Noch vierzehn Tage dauerte das Hochzeits-Fest; länger konnte Siegfried nicht bleiben; nach Hause mußte er nun ziehen, wo ihn sein Vater schmerzlich erwartete, und wo seine Mutter täglich weinte um den Sohn, den sie verloren glaubte.

Wie herzlich küßten die glücklichen Eltern Krimhilde, ihres geliebten Sohnes Weib, als sie ankam. Wie viele Freuden-Thränen weinten sie, als ihr glücklicher Helden-Sohn vor ihnen stand!

Sigismund ließ seinen Sohn zum König krönen; denn er selbst wollte nun ruhen.

Zehn Jahre lang genossen Siegfried und Krimhilde das reinste Glück und sie hatten auch einen Sohn; den nannten sie Gunther.

Auch König Gunther hatte einen Sohn, den hatte er Siegfried genannt; der war seine einzige Freude; denn in Brunhildens Herz herrschten Eifersucht und Haß, und oft fragte sie: Warum kommt Siegfried nie an unsern Hof?

Er wohnt zu fern von hier, war Gunthers gewöhnliche Antwort.

Aber ist Siegfried nicht dein Vasall, und muß der Vasall nicht tun, was sein Herr ihm befiehlt? fragte dann Brunhilde.

Dann lachte Gunther und antwortete nicht. Aber sie wollte Siegfried wieder sehen; er mußte kommen, und darum sagte sie eines Tages gar freundlich:

Ach Gunther, wie sehne ich mich nach deiner Schwester! Wie oft denke ich an die glücklichen Tage, da ich dich gewann, und da Krimhilde sich mit Siegfried vermählte. O, laß sie kommen! Laß sie recht bald kommen! — zur nächsten Sonnen-Wende!

Und Gunther war schwach genug, ihr zu glauben und zu gehorchen. Dreißig Ritter schickte er ab. Diese kamen in drei Wochen nach Norwegen, wo Siegfried und Krimhilde gerade wohnten.

Krimhilde lag auf dem Ruhe-Bette. Da kamen ihre Mädchen in das Zimmer und brachten die freudige Botschaft: Fremde Ritter sind gekommen und sie sehen aus wie Burgunder!

Der starke Siegfried hörte Gunthers Einladung und antwortete, daß er in zwölf Tagen kommen wollte mit seinem Vater Sigismund und mit Krimhilde.

Die Boten kehrten zurück und meldeten, was sie gehört.

Ist Krimhilde noch so schön? war Brunhildens erste Frage.

Sie wird kommen, und du wirst sie sehen, antworteten die Boten, und sie zeigten auch die kostbaren Geschenke, die sie von Siegfried erhalten hatten.

Da sprach Hagen: Siegfried könnte sein ganzes Leben lang geben und würde immer noch reich sein, denn er besitzt den Nibelungen-Schatz. Ich selber möchte den wohl besitzen!

Nun machte man große Vorbereitungen in Worms zum Empfange der Gäste. Gunther ging zu Brunhilde und sprach: Wie einst meine Schwester dich empfing, als du in dieses Land kamst, so will ich, daß du nun Krimhilde empfängst.

Das thue ich gerne, erwiderte sie.

Sie kommen morgen, sprach Gunther, geh' und bereite dich nun.

Brunhilde kam den Gästen entgegen in großer Pracht. Die Königinnen küßten einander. Nie zuvor hatte man in Worms Feste gesehen, wie sie nun gefeiert wurden. Von allen Teilen des Burgunder-Landes kamen die Ritter gezogen. Zehn Tage lang ertönte in der Stadt der festliche Klang der Glocken und dazwischen in den Kampf-Spielen das Schlagen der Schwerter, das Stoßen der Lanzen. Selbst die Königin Brunhilde schien ihren Kummer zu vergessen im Geräusch und in der Freude des Festes.

Doch das Unglück kam schnell.

Am elften Tage waren die beiden Königinnen zusammen und sahen dem Kampf-Spiele zu. Da sprach Krimhilde, voll Freude und Stolz auf Siegfried sehend:

Sieh' nur, Schwester, sieh' auf Siegfried! Habe ich nicht einen Mann, der wohl verdiente Herr zu sein über alle Länder?

Bist du allein auf der Welt mit deinem Siegfried? erwiderte Brunhilde gereizt.

Harmlos sprach Krimhilde weiter: Aber so sieh' doch nur, Brunhilde, wie schön und stattlich er ist!

Mag sein, sagte Brunhilde; und er ist doch nur Gunthers Vasall.

Nicht Vasall, liebe Schwester, Gunthers Genosse ist er und ein König wie Gunther, sprach Krimhilde noch immer harmlos.

Nein, er ist Gunthers Vasall! rief Brunhilde. Das hat er mir selber gesagt, als er mit deinem Bruder nach Island kam.

Glaubst du, daß der stolze König von Burgund seine Schwester einem Vasallen giebt? Drum, liebe Schwester, lasse den Streit und wisse: er ist kein Vasall.

Den Streit laß' ich nicht! rief Brunhilde. Siegfried ist ein Vasall, und von heute an wird er mir besser dienen, als bisher!

Das wird er nicht, rief Krimhilde, denn Siegfried ist ein König, und er ist werter, als mein Bruder Gunther!

Du überhebst dich! schrie Brunhilde. Erweist man dir so große Ehren wie mir?

Nein; weil ich bescheidener bin, als du, sprach jetzt Krimhilde. Aber du sollst heute noch sehen, daß ich vor dir in die Kirche gehen kann.

Und sie stand auf, ging zu ihren Mädchen und befahl ihnen, ihr die schönsten und reichsten Kleider anzulegen. Dann ging sie mit ihnen zur Kirche. Alle wunderten sich, daß die beiden Königinnen nicht, wie sonst, zusammen zur Kirche gingen. Vor der Kirche aber stand Brunhilde und erwartete Krimhilde.

Halt! rief sie, als Krimhilde nahte. Geh' nicht in die Kirche vor mir, der Königin.

Sieh', stolze Brunhilde, sprach jetzt Krimhilde, wenn du schweigen könntest, das wäre dir besser, dann müßtest du nicht die bittere Wahrheit hören. Und nun will ich es dir auch sagen: Es war nicht Gunther, der mit dir kämpfte, es war mein Gemahl, der dich zweimal besiegte! Und damit du wissest, ich spreche die Wahrheit, so schaue! Erkennst du diesen Ring und diesen Gürtel als dein? Im Kampfe hat Siegfried dir beide genommen, und mir gab er sie dann zum Geschenke. Brunhilde war starr vor Schrecken und sie konnte nicht hindern, daß Krimhilde vor ihr eintrat in die Kirche.

Da war Musik und Gesang in der Kirche; aber eine saß da und hörte nichts davon, — es war Brunhilde.

Und da sie wieder in ihrem Palaste war, fand sie noch keine Ruhe, und sammelte ihre treuesten Ritter und bat unter Thränen: O verschafft mir Rache, Rache an Siegfried!

Doch diese schwiegen, denn wer konnte mit Siegfried kämpfen? Da sprach Hagen: Meine Königin, warum weinet ihr?

O Hagen, rief die Königin, ich bin beschimpft! Siegfried hat mich beschimpft!

So soll er sterben; und können wir ihn nicht töten mit Kraft, so tun wir es mit List!

Nein, sprach da jung Gieselher, das darf nimmermehr geschehen.

Nein, sprach auch Gunther, sein Blut darf nicht fließen, so vieles habe ich Siegfried zu danken.

Zuletzt aber willigte er ein in Hagens teuflischen Plan.

Zwei und dreißig Boten ritten ein in Worms und brachten eine neue Kriegs-Erklärung von den Sachsen-Königen Lüdeger und Lüdegast. Doch dieses alles war nur Schein und die Boten waren nicht Sachsen, sondern es waren Burgunder, gekleidet wie Sachsen, und man wollte Siegfried töten auf dem Kriegs-Zuge.

Als Siegfried auch von dem Kriege gehört hatte, bot er Gunther seine Hülfe an und ging und rüstete seine Nibelungen.

Hagen aber ging zu Krimhilde, um Abschied von ihr zu nehmen, wie er sagte; in Wahrheit aber wollte er von ihr ein Geheimnis erfahren.

Hagen, sprach Krimhilde, euch vertraue ich meine Sorge. Ihr seid ein alter Freund, ich weiß es. O, vergeltet es nicht an mir und hasset mich nicht für das, was ich eurer Königin getan.

Euch hassen, Königin Krimhilde? Wie könnte ich das! Und Siegfried? — Wahrlich, keinen in der Welt liebe ich mehr, als euern tapfern Siegfried. Ich will ihm dienen, wo ich kann.

O, dank euch, edler Hagen, sprach Krimhilde. Seht, jetzt geht er wieder in den Krieg gegen die Sachsen, darum fürchte ich, es könnte ihm ein Leid geschehen.

Was braucht ihr zu fürchten? sagte Hagen listig. Siegfried kann im Kriege nicht fallen. Ist er nicht unverwundbar?

Ach ja, erwiederte ängstlich Krimhilde, — als er den Lind-Drachen tötete, da badete er im heißen Blute, und seine Haut wurde hart wie Horn.

Und was fürchtest du nun? fragte Hagen.

Aber ein Linden-Blatt fiel auf seine linke Schulter; dahin drang kein Blut, und hier ist er leicht zu verwunden. Darum fürchte ich.

Da sprach der Falsche froh: Es ist wahrlich gut, daß ihr mir das sagtet. Nähet ein kleines Kreuz auf sein Gewand, genau über jene Stelle, damit ich ihn beschützen kann.

Das will ich, sagte Krimhilde froh. — Dank, edler Freund! Tausend Dank!

Hagen ging. Er wußte genug. Der Kriegs-Zug war nun nicht mehr nötig und anstatt des Krieges veranstaltete man eine Jagd.

O, geh'[IV-2] nicht zur Jagd, sprach Krimhilde, als Siegfried von ihr Abschied nahm. O geh' nicht; ich fürchte, du möchtest nimmer wiederkehren.

Ich komme bald zu dir zurück; — und was könnte mir geschehen! Bin ich denn nicht unter Freunden?

O geh' nicht, bat sie, denn ein Traum hat mich gewarnt. Zwei wilde Schweine verfolgten dich über eine Heide, und alle Blumen waren rot von Blut. —

Es ist ein Traum, sprach er, nur ein Traum. Und sie sprach weiter: Dann stürzten zwei Berge zusammen, und du warst darunter begraben.

Er lächelte, küßte sie und ging; Krimhilde aber war sehr traurig.

Sie hatten schon den ganzen Tag gejagt; da sprach ein Knecht zu Siegfried. Herr, hört ihr das Horn blasen? Wir müssen zum Abend-Brot eilen.

Geh' nur, sprach Siegfried; ich aber will erst den Bären fangen, den ich dort sehe. Er sprang vom Pferde, verfolgte den Bären, fing ihn und band ihn fest an seinen Sattel und ritt zurück zur Gesellschaft. Hier band er den Bären los; dieser lief in das Zelt und warf alles um. Die Burgunder flohen erschrocken davon. Siegfried aber folgte dem Bären, tötete ihn und kehrte zurück.

Da saßen die Helden auf dem grünen Rasen und speisten, was die Diener brachten. Da sprach Siegfried:

Ich sehe hier genug zum Essen; doch warum bringen die Diener keinen Wein?

Hagen ist schuld daran, sprach König Gunther; er will uns verdursten lassen.

Ich hatte geglaubt, wir würden im Spessart jagen; darum sandte ich dorthin den Wein, sprach Hagen.

Und einer der Ritter sagte: Warum essen wir nicht näher beim Rhein? Dort ist wenigstens Wasser genug.

Wasser ist auch hier, sprach Hagen, eine Quelle voll guten Wassers; lasset uns zur Quelle gehen.

Oder besser noch, rief Siegfried, wir wollen dahin um die Wette laufen.

Siegfried lief in seiner vollen Rüstung; Gunther und Hagen aber hatten die ihrige abgelegt, und als sie an den Brunnen kamen, stand Siegfried da und wartete und ließ Gunther zuerst trinken.

Während dessen aber legte er selbst seine Rüstung ab; dann stieg auch er hinab, um zu trinken.

Da entfernte Hagen schnell Siegfried's Waffen, und als Siegfried sich bückte, spähte jener nach dem Kreuze auf der Schulter, nahm den Speer und warf ihn mit aller Kraft bis tief in die Brust.

Siegfried schrie laut auf, und der starke Hagen floh vor dem verwundeten Siegfried.

Dieser sprang auf; der Speer ragte weit hervor aus der Schulter; er suchte seine Waffen, aber fand nur den Schild. Den warf der todwunde Mann auf Hagen, daß er zu Boden fiel; aber Siegfried war bleich geworden und sank auf den grünen Rasen.

Die Burgunder standen um den sterbenden Helden und weinten.

Warum weint ihr? sprach Hagen. Freuet euch, jetzt sind wir aller Sorgen frei; ich habe ihn mit gutem Bedachte erschlagen![IV-3]

O Gunther, sprach Siegfried, sorget für mein Weib, sie.... Mehr konnte er nicht sprechen. Der tapfere Held hatte geendet und alle Blumen ringsum waren rot vom Blute.

Nun legten sie Siegfrieds Leiche auf einen Schild und trugen ihn nach Worms. Es war spät in der Nacht, als sie ankamen, und Hagen ließ Siegfrieds Leiche vor Krimhildens Thüre legen.

Am Morgen ganz früh da läuteten die Glocken zur Kirche, und Krimhilde weckte ihre Dienerin, daß sie mit ihr zur Kirche ginge. Ach, Königin, rief das Mädchen, hier liegt ein toter Ritter!

Mein Siegfried! schrie da Krimhilde und fiel ohnmächtig neben die Leiche, und sie erwachte wieder und rief: Siegfried! Siegfried! und brach dann in lauten Jammer aus, und mit ihr klagten der alte Sigismund und alle ihre Freunde.

Siegfrieds Ritter kamen, den Tod ihres Herrn zu rächen. Doch Krimhilde sprach: Vergießet kein Blut, Gott selbst wird uns rächen.

Ein Sarg wurde geschmiedet von Gold und von Silber; Siegfried wurde hineingelegt und in die Kirche getragen. Krimhilde folgte und auch Gunther, seine Brüder und Hagen.

Als die Brüder den großen Jammer der Schwester sahen, da erfaßte Reue ihr Herz.

Schwester, sprachen sie, wir haben ihn nicht getötet; die Schächer haben es getan.

O, ich kenne die Schächer! rief Krimhilde, — kommt her und berühret die Leiche!

Alle taten so; und als Hagen kam, da begann die Wunde zu fließen.

O, ich wußte es, ich wußte es! — er ist der Mörder! schrie Krimhilde.

Tröste dich, Schwester, sprach da jung Giselher, ich will dir ersetzen mit meiner Liebe, was Siegfried dir gewesen.

Siegfried ersetzen? rief sie und fiel nieder neben die Leiche; und drei Tage und drei Nächte blieb sie da; und Tag und Nacht kamen auch die Armen, zu singen und zu beten, und Krimhilde ließ Geld verteilen an alle, welche kamen.

Am vierten Tage wurde der Sarg geschlossen und zu Grabe getragen.

Der Zudrang des Volkes war groß und das Schluchzen tönte lauter, als das Läuten der Glocken und das Singen der Priester.

Noch einmal muß ich ihn sehen, schrie plötzlich Krimhilde, — o, noch einmal!

Man mußte den Sarg wieder erbrechen. Da umschlang sie den schönen Kopf des Toten und küßte ihn und weinte und wollte ihn nicht lassen. Man riß sie zuletzt mit Gewalt vom Sarge und brachte sie in die Burg. Hier lag sie besinnungslos bis zum nächsten Tage.

Der alte König Sigismund brach auf; Krimhilde aber wollte nicht wieder nach Xanten; nahe bei Siegfrieds Grab baute sie für sich eine Wohnung; und mit vollen Händen teilte sie Gold vom Nibelungen-Schatze unter die Armen. Das war ihre einzige Freude.

Herr Meister: Mehr dachte ich für heute nicht zu geben, — und ich fürchte schon, daß dieses zu viel war.

Bella: O nein, Herr Meister. Jetzt bin ich erst begierig nach dem, was nun folgt; denn es kann doch so nicht enden!

Herr Meister: Nein. Dieses war noch nicht die Hälfte. Es folgt nun ein sehr poetischer und interessanter Teil, worin wir besonders viel hören über den bösen Hagen und auch über Krimhilde. Sie wird König Etzel's Gattin und so weiter, und so weiter. Alles dieses ein anderes Mal, nicht heute.

Louis: Wie schade! Ich hätte Ihnen die ganze Nacht zuhören mögen, Fräulein Martha.

Martha Meister: Das ist ja ein großes Kompliment für Vaters Erzählung; ich danke Ihnen in seinem Namen und in meinem eignen.

Bella: Aber was für eine Frau diese Brunhilde war! Das wär'[IV-4] eine Frau für Louis!

Louis: So? Wünschen Sie mir wirklich solch' ein Weib? O, Bella, Bella! — Die Damen sind heute zu grausam mit mir. — Denken Sie nur, Martha, meine eigne Schwester sagte mir vor Abend: Louis, Du bist doch eigentlich gar nichts. Du bist weder ein Mann, noch ein Kind; und kleine Knaben sind so unmanierlich, weißt Du? so roh. — Nun bitte ich Sie, beste Frau Meister, sagen Sie mir doch, sehe ich aus wie ein kleiner, roher, häßlicher, unmanierlicher Junge? Sehen Sie einmal, ich bin beinahe so groß, wie Herr Meister.

Frau Meister: Ihr müßt nicht lachen, Ihr jungen Damen. — Louis, Sie sind ein ganzer Mann.

Louis: Ich danke Ihnen, Frau Meister!

Gretchen: Ha, ha, ha! Sie amüsieren mich sehr, Herr Louis. Ha, ha, ha!

Otto: Darf ich Dir einen Rat geben, Louis?

Louis: Nun, Bruder Otto?

Otto: Widersprich nie den Damen.

Louis: Hm — Ja, Du hältst es immer mit ihnen.

Otto: Und darum geht es mir auch immer so gut.

Bella: Das ist recht! Respekt soll man haben, Respekt vor uns!

Herr Meister: Haben Sie es gehört, mein guter Freund Louis? Wir müssen uns fügen in unser Schicksal; wir kämpfen umsonst dagegen an. Eine neue Zeit ist gekommen. Die früher Herren waren, sie werden nun Sklaven und die Sklavinnen werden zu Herrinnen.

Bella: Die Frauen — Sklavinnen? Das ist wohl nur Phantasie, Herr Meister!

Herr Meister: Keine Phantasie, mein Fräulein, sondern Wirklichkeit.

Gretchen: Aber, Papa, war denn das Weib eine Sklavin bei Griechen oder Römern?

Herr Meister: Nein, mein Kind, sie war nicht Sklavin, aber sie war die erste Dienerin des Mannes. Was schön und was wahr ist, das haben uns wohl die Völker des Altertums gelehrt; aber das Weib zu ehren, — nicht. Es war erst ein christlicher Dichter, welcher sang: »Ehret die Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben.«

Gretchen: Willst Du damit sagen, Papa, daß erst mit dem Christentume eine bessere Zeit für die Frauen begonnen hat?

Herr Meister: Ganz recht, das will ich. Es war ein Weib, das Jesus Christus geboren hatte, und darum verehrte man Maria. Und später, als das Christentum sich mehr und mehr ausbreitete, waren es christliche Ritter und christliche Minne-Sänger, welche die Frauen verehrten, wie es nie ein Volk des Altertums getan hatte. Ich kenne keinen Dichter des Altertums, der so schön von den Frauen gesungen hat, wie Walter von der Vogelweide:

[IV-5]»Durhsüeßet und geblüemet sint die reinen frouwen: eß wart nie niht sô wünneclîches an ze schouwen in lüften noch ûf erden noch in allen grüenen ouwen. Liljen unde rôsen bluomen, swâ die liuhten in meien touwen dur daß gras, und kleiner vogele sanc, daß ist gein solher wünnebernden fröide kranc, swâ man siht schœne frouwen. daß kan trüeben muot erfiuhten, Und leschet alleß trûren an der selben stunt, sô lieblîch lache in liebe ir süeßer rôter munt und strâle ûß spilnden ougen schieße in mannes herzen grunt.«

Bella: Das ist freilich sehr schön und sehr schmeichelhaft für uns. Aber, Herr Meister, haben im Mittel-Alter alle Menschen die Frauen so geehrt, oder waren es nur die Minne-Sänger, die so von uns dachten?

Herr Meister: Es waren allerdings nur die Ritter und die Minne-Sänger, also die feineren Klassen der Gesellschaft, die den Wert der Frauen erkannten. Vergoldet nicht die Sonne zuerst die Spitzen der Berge, bevor ihr herrlicher Schein auch hinab in das Tal[IV-6] dringt? — Auch für die Frauen der unteren Klassen begann bald die Erlösung — durch Dr. Martin Luther.

Bella: O, Herr Meister, ich sehe schon, Sie wollen uns zeigen, daß das Heil für die Frauen aus Deutschland kommt, wie so vieles andere, was die Menschen beglückt hat.

Herr Meister: Nein, mein Fräulein, daran habe ich allerdings nicht gedacht. Aber ich wollte Ihnen zeigen, daß das Heil der Frauen immer aus dem Norden kam.

Gretchen: Papa, hat denn auch die Befreiung der Frauen etwas mit der Geographie zu tun?

Herr Meister: Sehr viel, mein Kind. Ist nicht das Weib im Norden, sagen wir z.B. in Deutschland oder in England, geachteter, als im Süden: in Griechenland, in Italien, in der Türkei? Und ist das nicht ganz natürlich?

Im Süden ist die Natur freundlich mit dem Menschen und giebt ihm alles, wie eine gütige Mutter. Dort ist die Sonne warm, die Luft mild, und der Erdboden ist reich. Die Natur giebt dem Manne im Süden mit leichter Mühe Nahrung und Schutz, darum bedarf der Mann im Süden des Weibes und des Hauses nicht so sehr, wie der Mann im Norden.

Aber wie war es früher im Norden. Der Mann kam abends aus dem Walde, und die Kälte des Winters war strenge. Er hatte gejagt oder die Bäume des Forstes gefällt; und nun war er hungrig und müde.

So erreichte er sein Heim. Da aber stand sein Weib an der Thüre und erwartete ihn mit liebendem Blicke, mit offenem Arme. Sie nimmt ihm die Waffen ab, sie führt ihn zum Herde an das erwärmende Feuer und dann zum reichlichen Mahle, das sie bereitet.

Dem Manne wird wohl, er fühlt sich glücklich und er weiß, daß er dieses seinem treuen Weibe zu danken hat; er erkennt den Wert ihrer Wohltat — und ehrt und liebt das Weib.

Was die Natur im Norden dem Manne versagt hat, das giebt ihm reichlich das Weib.

Wundern Sie sich nun, daß die rohen Germanen das Weib höher schätzten, als die kultivierten Römer? Wundern Sie sich nun, daß die Minne-Sänger, diese Dichter des Nordens, im Weibe das Symbol alles Guten und Schönen sahen, während die Troubadours, diese Dichter des Südens, im Weibe nur die Geliebte des Mannes erblickten? Und wundern Sie sich nun, Bella, daß auch ein Germane in der neuen Zeit uns das höchste Ideal eines Weibes gegeben hat?

Gretchen: Und von welchem Manne sprichst Du, Papa?

Herr Meister: Von Goethe[IV-7].

Frau Meister: Ich dachte es.

Martha: Goethe[IV-8], Papa? Goethe[IV-9], meinst Du?

Herr Meister: Ja, liebe Martha; und denkst Du nicht, mein liebes Weibchen, daß unsere Töchter Goethes[IV-10] »Iphigenie« oft und recht oft, und gut und recht gut studieren sollten?

Frau Meister: Gewiß, Wilhelm, ich denke wie Du; und ich denke auch, daß alle jungen Damen dasselbe tun sollten. Es würde uns allen sehr lieb sein, wenn Du jetzt ein wenig über dieses wundervolle Werk erzählen wolltest.

Herr Meister: Wenn Du es wünschest, gerne. Sie haben von Tantalus gelesen, meine Freunde, nicht wahr? — Nun wohl. — Tantalus war der Sohn des Zeus und der Pluto und wohnte in seiner Burg am Berge Sipylus.

Unter allen Königen war er der stärkste und reichste; denn er hatte so viele Länder, daß man sie in drei Tagen nicht durchwandern konnte, und darin hatte er viele Herden von Schafen und Rindern.

Bei den Menschen war er überall beliebt und bei den Göttern so sehr, daß sie ihn oft einluden, im Olymp an ihrer Tafel mit ihnen zu speisen, und ihn oft um seine Meinung fragten; denn sie kannten seine Weisheit.

Daher wurde Tantalus sehr stolz und dachte von sich sehr hoch und mehr, als recht war; denn was ich bin, so dachte er, bin ich durch mich selbst, durch meine eigene Kraft, durch meine eigenen Taten; und am Ende sind die ewigen Götter nicht mehr, als ich bin, vielleicht nicht einmal so viel. — So sprach er und verübte eine abscheuliche Tat, um die Allwissenheit der Götter zu prüfen.

Dann aber waren die Götter erzürnt und stürzten ihn von der göttlichen Tafel tief hinab in die Unterwelt und straften ihn fürchterlich.

Und auch die Nachkommen dieses Tantalus waren stark, klug, nobel, aber oft auch stolz und übermütig. Aus dieser Familie stammte Agamemnon.

Er war Feldherr der Griechen, als sie nach Troja zogen, und seine Tochter Iphigenie war der Göttin Diana geopfert worden. So dachten die Griechen, Agamemnon und Klytemnestra, seine Gattin.

Diana aber, die Göttin, hatte Mitleid mit der herrlichen Iphigenie gehabt und hatte sie in einer Wolke auf die Insel Tauris gebracht.

Hier weilte sie in einem Tempel als die Priesterin der Göttin Diana zum Heile vieler Menschen. Denn der König Thoas, ein ernster, roher Mann, wurde freundlicher, da er die schöne, milde Jungfrau sah; er folgte ihrem Worte und wurde milder gegen seine Diener und gegen sein Volk. Alles war besser geworden in dem Lande von dem Tage an, da Iphigenie darin weilte.

Wenn früher Männer aus fremden Ländern nach Tauris gekommen waren, so wurden sie getötet; nun aber war man gut gegen sie und sandte sie in die Heimat zurück.

Iphigenie aber ward nicht froh im fremden Lande und unter fremden Menschen und sie sehnte sich zurück in die teure Heimat, zu ihrem Vater, zu ihrer Mutter, zu ihrer Schwester, zu ihrem Bruder Orest, der noch klein war, da sie ihn verlassen hatte. Und oft stand sie am Meere, sah weit hinaus und grüßte die Meeres-Wellen, die vielleicht hinzogen nach ihrer lieben Heimat.

An einem Tage aber war der König zum Tempel gekommen, um Iphigenie zu seiner Gattin zu nehmen; denn er war weib- und kinderlos geworden.

Sie aber sagte zu ihm: Ich ehre dich, o König, wie einen zweiten Vater, wie einen Freund; doch dein Weib vermag ich nicht zu werden, denn meine Heimat ist es, nach der ich mich sehne.

Der König aber war über solche Worte unzufrieden und sprach: Wohlan, es sei also: Kommt ein Glied aus deiner Familie, dich heimzuführen, so magst du gehen; wo nicht, so werde mein Weib. — Doch wahrlich, es beginnen von diesem Tage an wieder die alten Sitten meines Volkes!

Und der König ging in seinem Zorne und gebot: Man höre nicht mehr auf das Wort jener Priesterin. Man opfere, wie früher, alle Fremden, die diese Insel betreten, und man beginne sofort mit den zweien, die man vor kurzem an der Küste gefunden.

Der eine dieser Gefangenen aber kam durch den Hain. Er war ein Grieche, und nach vielen Jahren zum ersten Male hörte Iphigenie wieder die Laute ihrer geliebten Mutter-Sprache. Und sie hörte auch, daß Troja gefallen, daß ihr Vater heimgekommen und durch die Hand seiner eigenen Gattin ermordet sei; denn sie hatte es nicht vergessen können, daß er Iphigenie hatte töten lassen; — und Iphigenie hörte mehr; sie hörte, daß Orest, ihr Bruder, wieder die eigene Mutter getötet hätte, um den Vater zu rächen.

Ach, Unglück über Unglück war gekommen über ihr Haus, und nun sollte sie das Schrecklichste tun: Sie selbst sollte ihren Bruder opfern; denn Orest, ihr Bruder, stand nun vor ihr; er war der zweite der Gefangenen; er selbst hatte ihr jene fürchterliche Kunde aus der Heimat gebracht.

Wie groß ihre Freude war, den Bruder zu sehen, den heißgeliebten, den lang vermißten, so groß war auch ihr Schmerz über alles, was sie gehört und über das Übel, das den Bruder befallen hatte; — denn er fiel oft in den fürchterlichster Wahnsinn durch den Gedanken an seine unmenschliche Tat.

Aber Iphigenie wollte ihm Hülfe bringen; ja, sie mußte den beiden folgen; denn ihr Bruder war mit seinem Freunde Pylades gekommen, das Götterbild der Diana aus dem Tempel zu entführen.

Iphigenie wollte ihnen helfen und mit ihnen entfliehen. Sie konnte ihre Freiheit wieder gewinnen, sie konnte die Heimat und Elektra, ihre teure Schwester, wieder sehen und bei dem geliebten Bruder leben.

Das alles wollte und konnte sie nun erreichen. Wie glücklich sie war!

Doch ach! — durfte sie es tun? War Thoas, der König, nicht ihr väterlicher Freund, ihr Wohlthäter? — Undankbar wollte sie nimmer sein! Niemals wollte sie unrecht tun, niemals, selbst dann nicht, wenn sie die Heimat nie wieder sehen sollte, — die Heimat, die ihr so teuer war; lügen wollte sie nicht, selbst wenn der Bruder unglücklich werden sollte.

Sie glaubte an das Gute, Edle in den Menschen, und so ging sie zu Thoas, dem König, und sagte ihm den Plan, offenbarte ihm alles und bat ihn, sie zu retten, sie und den Bruder und dessen Freund; sie bat ihn, eine Tat zu tun, so groß und so edel, wie diese.

Lange zauderte der König. Es ward ihm schwer, sich von ihr, dem geliebten Weibe, zu trennen; es ward ihm schwer, die beiden Griechen, seine Feinde, ungehindert ziehen zu lassen.

Aber das Wort Iphigeniens und ihr Wesen waren so mächtig, daß der König hörte und die große Tat[IV-11] vollbrachte. — Sie schied von ihm in Freundschaft; ihr Bruder ward geheilt vom Wahnsinn und war wieder froh.

So wirkt ein Weib. Kultur, milde Sitten, Wohlfahrt und Glück bringt sie dem Lande; sie macht glücklich, edel und groß alle, die in ihrer Nähe sind; dem Kranken und allen Unglücklichen bringt sie Heilung und neue Lust zum Leben.

So groß ist die göttliche Kraft des Weibes. Sie wirkt gutes durch den Ton ihrer Stimme, durch den Blick ihres Auges, durch ihr ganzes Wesen; aber dann nur kann sie es vollbringen, wenn ihr Herz rein, wenn ihre Seele groß, wenn sie ist, was sie sein soll: Eine Priesterin im Hause und eine Förderin des Guten und Schönen auf Erden.

Martha: Papa!

Herr Meister: Meine Tochter!

Martha: Von heute an will ich Goethe[IV-12] lieben um seiner »Iphigenie« willen.

Herr Meister: Das thue nur, meine Tochter, Du thust recht. — Aber Mama, wir bedürfen nun auch des Materiellen. Wo sind die schönen Früchte, die uns die Herren Parks so freundlich gesandt haben?

Frau Meister: Martha wird so gut sein, sie uns zu reichen.

Herr Meister: Aber, Herr Otto, wie geht es Ihrem Herrn Bruder, dem Doktor?

Otto: Er sagte mir, daß er vielleicht noch kommen würde, wenn auch spät.

Gretchen: Louis, können Sie gut Rätsel lösen?

Louis: O ja.

Gretchen: Nun, was ist das?

Erst weiß wie Schnee, Dann grün wie Klee, Dann rot wie Blut, So schmeckt es gut.

Louis: Das ist etwas zum Essen, nicht wahr?

Gretchen: Ja, aber was?

Louis: Das weiß ich nicht.

Bella: Eine Kirsche.

Gretchen: Richtig!

Bella: Aber was ist das?

Ein Kopf und ein Bein Ist alles, was mein. Der Kopf hat eine Mütze Das Bein hat eine Spitze.

Was ist das?

Martha: Ich weiß es, Bella.

Bella: Nicht sagen, Martha, nicht sagen! Nun, Herr Otto?

Otto: Ist es eine Stecknadel?

Bella: Ja, eine Stecknadel. — Wollen Sie auch ein Rätsel geben, Otto?

Otto: Was ist das?

Ein jeder hat's; Im Grabe ruht's; Der Herr befiehlt's, Der Kutscher tut's.

Louis: Das ist schwer; das errate ich niemals.

Otto: Nun, meine Herrschaften? Erraten Sie!

Bella: Ja, wenn wir nur könnten! Ich glaube, Frau Meister weiß es. Sagen Sie es. Was ist es?

Frau Meister: Herr Otto, ist es ein Wort mit drei Silben?

Otto: Ganz recht.

Frau Meister: »Vorfahren«?

Otto: Erraten! Erraten!

Louis: Was? — Ich verstehe es noch nicht.

Otto: Vorfahren, Louis. Denke nur nach.

Louis: O ja; jetzt habe ich es, jetzt habe ich es. Das ist sehr gut, Otto. Woher hast Du Deine Rätsel? Ich will auch Rätsel studieren. — Nun, das ist merkwürdig! Hören Sie nicht wirklich auch einen Wagen vorfahren? Er hält — das ist unser Wagen, Otto. Albert kommt, — ja, das ist sein Schritt.

Frau Meister: Das ist mir sehr angenehm. — Herein!

Dr. Albert: Ich wünsche Ihnen einen guten Abend, meine Damen und meine Herren, und bitte um Verzeihung, daß ich Sie störe in Ihrer Unterhaltung. Es ist so reizend hier, daß ich es sehr bedauere, nicht verweilen zu können. Zwei Schul-Freunde, welche ich in der unteren Stadt getroffen habe, warten auf der Straße in unserm Wagen; und so muß ich Euch bitten, Otto und Louis, aufzubrechen, so leid es mir auch tut. Seid Ihr bereit?

Otto und Louis: Wir sind bereit.

Bella: Es ist wirklich schade, daß Sie nicht ein wenig bleiben können, Herr Doktor.

Dr. Albert: Niemand bedauert das mehr, als ich selbst; — und so wünsche ich Ihnen allen: Gute Nacht!

Alle: Gute Nacht!

Otto: Gute Nacht, meine Herrschaften!

Louis: Gute Nacht, meine Damen! Gute Nacht, Herr Meister!

Frau Meister: Wollt Ihr mich entschuldigen, wenn auch ich nun gehe?

Alle: Gewiß.

Martha: Mama, kann ich Dich auf Dein Zimmer begleiten? Ich möchte mit Dir sprechen.

Frau Meister: Gewiß, meine Tochter. Komm! — Gute Nacht, Bella!

Bella: Schlafen Sie wohl, Frau Meister!

Martha: Wollt Ihr mich entschuldigen, Bella und Gretchen? Ich bin bald wieder bei Euch.

Gretchen: Gewiß. Wir bleiben bei Papa und plaudern.

Sektion 4 Fuss
Sektion 4 Fuss
Sektion 5 Kopf
Sektion 5 Kopf

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