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Studien und Plaudereien im Vaterland. Second Series

I.

Reading edition

Herr Meister: Willkommen! Willkommen! Louis und Otto! Wie ich mich freue, Sie wieder zu sehen! Recht herzlich willkommen! Und wie groß Sie geworden sind! Waren Sie immer recht wohl?

Otto: Ich danke Ihnen, Herr Meister; wir sind wohl und glücklich, und ich freue mich, auch Sie so kräftig zu finden.

Herr Meister: Ja, ja; ich bin recht kräftig; — das macht die Arbeit, meine Freunde. — Die Arbeit, die wir lieben, stärkt uns, nicht wahr? — Aber kommen Sie; nehmen Sie Platz. — So. — Erzählen Sie mir. Wir haben uns lange nicht gesehen. — Aber, Louis, was ist denn das? Ich höre ja kein Wort von Ihnen!

Otto: Bruder Louis fürchtet sich.

Herr Meister: Fürchtet sich?

Otto: Ja, — fürchtet sich, deutsch zu sprechen.

Herr Meister: Aha, — ich verstehe. Freund Louis denkt: Nun habe ich so lange kein Deutsch gesprochen und gelesen, und alles ist vergessen. Wie? — denkt Louis nicht so?

Louis: Ja, Herr Meister.

Herr Meister: Bravo, Louis, bravo! Das war ein Anfang. Sprechen Sie zu.

Louis: Aber — ich kann nicht.

Herr Meister: Nur Muth, mein Freund! Sie haben so viel gelernt, — und alles so gut, daß Sie es in vielen Jahren nicht vergessen werden. Sie schütteln den Kopf, — Sie glauben es nicht? So tat auch ich einmal, da ich fremde Sprachen studierte. Das aber weiß ich nun: Eine Sprache, gut studiert, wird in uns ein lebender Organismus und faßt tiefe Wurzeln, wie ein Baum in Mutter Erde. — Im Stillen wächst er; der Stamm wird stark, er grünt; und eines schönen Morgens steht er da in Blüten. Ganz so ist es mit einer Sprache.

Louis: So?

Otto: Ihre Worte machen Louis glücklich; nicht wahr, mein Bruder?

Louis: Ja, — ich habe wieder Mut. Ich muß wieder lernen und schnell und perfekt lernen; denn — Wissen Sie nicht, Herr Meister, daß Bruder Albert hier ist?

Herr Meister: Wirklich?

Louis: Ja, er ist letzten Donnerstag angekommen.

Herr Meister: Nun, das freut mich. Ihre Eltern sind wohl recht glücklich?

Louis: Ja, — und wir alle. Otto, Schwester Martha und ich.

Herr Meister: Das will ich glauben. Auch wir halten hier einen lieben Gast. — Wollen Sie einen Augenblick entschuldigen? — Ich will nur jene Thüre öffnen. — Meine Damen, haben Sie doch die Güte, hereinzukommen in mein Studier-Zimmer.

Otto: Ah — Fräulein Bella!

Louis: Guten Tag, Fräulein Martha und Fräulein Bella! Wie befinden Sie sich, meine Damen?

Martha Meister: Meine Herren, ich wünsche Ihnen guten Tag!

Bella: Ach — ich bin so froh, Sie wieder zu sehen, Herr Otto und Herr Louis!

Otto: Ich wußte nicht, daß Sie hier waren, Fräulein Bella. Das ist ein unerwartetes Glück, Sie hier zu finden.

Herr Meister: Fräulein Bella, ich habe eine Neuigkeit für Sie. Raten Sie einmal, — was mag das sein?

Bella: Herr Louis hat wieder ein neues Pferd.

Louis: O nein, Fräulein Bella, das ist es nicht.

Herr Meister: Ich wußte, daß Sie es nicht erraten würden. Herr Albert Parks, der junge Doktor, ist wieder hier.

Martha Meister: Wirklich?

Bella: Das ist schön!

Louis: O Fräulein Martha, Sie müssen meinen Bruder Albert sehen. — Er ist ein Doktor — o ja, — und versteht alles, glaube ich. Kisten und Kasten voll Bücher hat er mitgebracht, Instrumente und Rapiere. Sie sollten einmal sehen, wie er fechten kann. Das hat er auf der deutschen Universität gelernt; und heute Morgen hat er mich gelehrt, das Rapier zu führen; sehen Sie — so —. O, er kann gut fechten und er ist so stark, nicht wahr, Otto? —

Otto: Ja wohl.

Bella: Hat er auch einen Bart?

Louis: O ja, sehen Sie, hier.

Otto: Einen Schnurrbart, Louis.

Louis: Ja, einen Schnurrbart hat er; einen langen Schnurrbart.

Martha Meister: Ich weiß sehr viel von Ihrem Herrn Bruder.

Louis: Wie so, mein Fräulein?

Martha Meister: Durch Fräulein Bella.

Louis: Wo haben Sie meinen Bruder denn gesehen, Fräulein Bella?

Bella: Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber meine Freundin, Frau Dr. Stellen aus Cöln, hat mir von ihm geschrieben. Auch Anna hat geschrieben.

Louis: Wirklich? Hat Anna geschrieben? Auch an mich?

Bella: An Sie? Das können Sie doch wohl nicht gut erwarten, Sie böser Mensch! In dieser langen Zeit haben Sie uns ganz vergessen. O, ich weiß alles. Ihre Pferde haben Sie dressiert, sie tanzen gelehrt und recht graziös zu gehen im spanischen Schritt; oder Sie waren in Ihrem Boote auf dem Wasser. Aber haben Sie auch nur einmal an Ihre alten Freunde gedacht?

Louis: Ich weiß es wohl: Otto hat Ihnen geschrieben, was ich getan habe; — was ich gedacht habe, konnte er Ihnen natürlich nicht schreiben. Aber glauben Sie nur: Ich habe oft an Sie gedacht und habe oft den Augenblick herbeigewünscht, wann ich Sie wiedersehen sollte.

Bella: An mich gedacht, aber nicht an mich geschrieben.

Otto: Fräulein Bella, Sie sind zu hart gegen meinen Bruder.

Martha Meister: Ja, Bella, Du bist recht grausam. Sieh' einmal, wie traurig Louis ist!

Bella: Soll ich ihm vergeben, dem leichten Herrn Louis? Was sagen Sie, Herr Meister? — Ja? — Nun, ich reiche Ihnen meine Hand und verzeihe Ihnen dieses Mal.

Louis: Sie sind so gut.

Bella: Nun wollen Sie auch den Brief hören; — ist es nicht so? — Ja, ja. — Nun gut! Hören Sie zu, ich lese zuerst Frau Dr. Stellen's Brief:

»Meine lieben Freunde in Amerika!

Euch allen wünsche ich Gesundheit und ein Leben, so glücklich, wie wir es hier führen. Euer letztes Schreiben hat mir viel Freude gemacht und ich schreibe heute deutsch, weil Ihr es wünscht. Wir hatten vor kurzem einen Besuch. Herr Doktor Albert Parks, ein Bruder Eurer Freunde Otto und Louis, war bei uns. Anna war, — wie Ihr Euch leicht denken könnt, — sehr glücklich, einen Amerikaner zu sehen und englisch zu sprechen. Mit uns spricht Anna nur deutsch. Der Herr Doktor hörte es und rief: »Ist es möglich? So kurze Zeit haben Sie deutsch studiert und verstehen so viel und sprechen so gut! Da muß ich mich schämen! Denn ich habe mehr Zeit gebraucht. Ich kann Sie versichern, ich kenne Landsleute hier, die ein Jahr und länger in Berlin und in Leipzig waren und weniger sprechen und verstehen als Sie.«

Ja, ja! Der Herr Doktor ist ein liebenswürdiger Mann. — Nachmittags waren wir auf dem Rhein; und wie der junge Doktor da stand, vorne am Schiff, hoch auf dem Deck, voll jugendlicher Kraft; und wie der Wind seine Locken und seinen Mantel bewegte, da kam er mir vor wie ein Kapitän, der im Sturm mit sicherer Hand das Schiff regiert und festen Auges den Männern gebietet. Er sah unsern Rhein: Auf grünlichen Fluten gleiten wir dahin; links und rechts erhebt sich die Erde. Darauf schattige Bäume und freundliche Häuser. Darüber hinaus ragen die Türme, und über diesen die Berge; — und über allem — der weite Himmel; und herunter strahlt die Sonne, warm und mild.

Das Auge sieht hinauf zu diesem Himmel. Welch' ein süßes Blau! Das Auge sieht hin zu den weißen Wolken, die dahin fliegen leicht und rein und in tausend verschiedenen, phantastischen Formen. — Und wieder herab senkt sich das Auge zur Flut, die so kühl und klar dahin wallet und so friedlich. Nichts trübt, so weit das Auge reicht, die klare Flut; nichts stört den Frieden der spiegelglatten Fläche. Die Sonne taucht ihre Strahlen in die Fluten, und es blinkt in den wunderbarsten Farben. — Und die würzig Luft sauge ich ein und fühle mich erquickt. — Ich schließe die Augen. Ich will nichts mehr sehen; hören nur will ich das Säuseln des Windes, das Rauschen des Wassers. O, welche Musik! Ich vergesse die Erde, vergesse alles um mich und höre — und höre — — — den Ton einer Glocke. »Zu Tisch, meine Damen und Herren,« ruft der Stewart.

Schnellen Schrittes eile ich hinab zur reichen Tafel, wo Freunde warten. Das Beste der Erde bietet man mir zur Speise und einen Wein von unserm Rhein zum Trinken, der ist, wie der Nektar der Götter — und ich labe mich. Aufblickend sehe ich zur Rechten und zur Linken freundliche Dörfer und grünende Felder und blühende Gärten, Berge mit Weinlaub bedeckt. Graue Burgen stehen auf Felsen und erzählen von alten Rittern und ihren Taten. — Und die mächtigen Felsen, die stolz und hoch da stehen, sprechen von alten Zeiten, da wilde Elemente darin brausten, als wollten sie alles mit sich reißen; aber sie, die Felsen, waren da und hatten sich dagegen gestemmt mit fester Brust.

Unter allen Felsen aber raget einer hervor. Stolz erhebt er das Haupt; denn gezwungen hat er bis heute die Wogen des großen Stromes, die zu ihm kommen und dann ihren Weg verlassen und gehen, wie er ihnen vorschreibt. Alles hält er in respektvoller Ferne — und wehe dem Boote, das ihm übermütig zu nahe kommt!

Frohes Lachen und melodisches Singen tönet herab vom Deck des Dampfers. Neben mir links und neben mir rechts sitzen glückliche Menschen, die sich mit mir freuen, und in allen Augen könnt Ihr eines nur sehen: die Zufriedenheit.

Himmel und Erde, Wasser und Luft, Tiere und Menschen sind hier in Harmonie. Ist mein Brief zu lang geworden? Ich fürchte fast. Das Beste habe ich aber vergessen! Ich muß doch über unsere kleine Tochter schreiben. Jeden Tag wird sie größer und klüger und schöner und sie ist so lieb und so süß, daß wir keinen Namen finden können, gut genug für sie. Mein Gemahl nennt sie immer: »Du kleiner, süßer Engel,« und wenn ich sie so rufe, hört sie. Mein einziges Gebet ist früh und spät, daß der liebe Gott sie uns erhalten möge. Nun will ich aber meinen Brief beenden. Herzliche Grüße von meinem Gatten und mir an Euch und alle Freunde, und viele, viele Grüße an das schöne Land Amerika.

Eure treue Freundin Clara Stellen.«

Louis: Dieser Brief ist aber poetisch, mein Fräulein!

Bella: Hören Sie nur weiter, jetzt kommt noch ein kleiner Brief von Anna:

»Teure Schwester und teure Freundinnen! Wenige Worte will ich heute an Euch schreiben. Es ist bald acht Uhr und wir gehen in das Konzert. Ich wünsche nur, Ihr könntet alles hören und sehen, wie ich. Tausend Küsse und tausend Grüße von Eurer Anna.

Nachschrift: Schreibet mir bald, bitte! bitte!«

Louis: Ich will wieder Deutsch studieren, — ich will!

Otto: Aber, Louis, was ist dir denn? So sprich doch nicht so laut!

Louis: Ach, Herr Meister, warum können wir denn nicht studieren, wie früher? Das war ja so schön!

Martha Meister: Lieber Papa, könnten wir nicht einen deutschen Verein bilden? Was meinst du, Papa?

Herr Meister: Wohl, meine Tochter. Ich lege alles in deine Hände. Mache den Plan; ordne, was nötig[I-1] ist, ganz, wie du meinst. Ich bin mit allem zufrieden, was du tust.

Louis: Ich auch, Fräulein Martha.

Bella: Das war ein guter Gedanke von Dir, Martha. Ich wurde immer traurig, wenn ich an den langen Winter dachte. — Anna nicht bei mir, — und ich so allein. — Nun aber beginnt die Sonne mir wieder zu scheinen. —

Martha Meister: Wer zur deutschen Gesellschaft gehören will, rufe: »Ich!«

Louis: Ich!

Bella: Und ich!

Otto: Ich!

Herr Meister: Und ich!

Martha Meister: Und ich! — So wären wir fünf; und unsere teure Mama wird auch kommen; ich werde sie bitten, — — —

Bella: Und Gretchen auch.

Martha Meister: Gewiß, Gretchen kommt. Aber, — wo ist Schwester Gretchen?

Bella: Sie ist da, — in ihrem Zimmer. Pst! Hören Sie! Sie liest ihrer Mutter vor! Hören Sie:

Wenn der Frühling auf die Berge steigt Und im Sonnenstrahl der Schnee zerfließt, Wenn das erste Grün am Baum sich zeigt Und im Gras das erste Blümlein sprießt — Wenn vorbei im Tal Nun mit einemmal Alle Regenzeit und Winterqual, schallt es von den Höh'n Bis zum Tale[I-2] weit: O, wie wunderschön Ist die Frühlingszeit!

Wenn am Gletscher heiß die Sonne leckt, Wenn die Quelle von den Bergen springt, Alles rings mit jungem Grün sich deckt Und das Luftgetön der Wälder klingt — Lüfte lind und lau Würzt die grüne Au, Und der Himmel lacht so rein und blau, Schallt es von den Höh'n Bis zum Tale[I-3] weit: O, wie wunderschön Ist die Frühlingszeit!

Bella: Sie deklamiert schön, nicht wahr, Otto?

Otto: Sehr schön, in der Tat. — Ich glaube, das war ein Gedicht von Friedrich von Bodenstedt.

Bella: Gretchen kommt auch, das weiß ich. Aber wie ist es mit Ihrem Bruder, dem Herrn Doktor? Wollen Sie nicht mit ihm darüber sprechen?

Louis: O, Albert kommt, wenn ich ihn darum bitte; und der kann die Gesellschaft unterhalten. — O, der weiß Geschichten. Hören Sie nur! Gestern, vor Abend, sah er meine Pferde, und mein Nero ist, wie Sie wissen, mein bestes Pferd. — Albert, sagte ich, Albert, was denkst Du über meinen Nero? — Hat Feuer, nicht wahr? — Ja, ja, den kann Niemand reiten, außer mir. So? sagt Albert und lächelt und nimmt mir die Zügel aus der Hand. Ich wollte ihn warnen; aber denkt nur, — er sitzt schon auf. Nero bäumt sich, schlägt aus; — aber mein Bruder drückt die Sporen fest in die Seiten, lenkt es und fliegt in wildem Galopp dahin. Nimm Dich in Acht, rufe ich ihm nach; nimm dich in Acht! Aber lächelnd winkt er mir mit seiner Rechten, reitet meinen Nero nach rechts und nach links, ganz wie ich selbst. Dann steigt er ruhig ab und sagt zu mir, der ich verwundert dastehe: Ja, ja, mein Lieber; man muß die Tiere verstehen und studieren, so gut wie die Menschen.

Und hast Du die Tiere denn auch studiert? frage ich ihn, — und er nimmt mich am Arme und sagt: Komm mit mir dorthin, in jenen Busch; da können wir ruhen. Da will ich Dir etwas erzählen, das wird dir gefallen. — Wir taten so und Albert begann:

Du weißt, mein lieber Louis, der Löwe ist König unter den Tieren, und es war im Monat Mai, es grünten die Felder, die Wiesen und Wälder, und überall in Bäumen, Büschen und Hecken war Leben. Da gab Nobel, der König, ein Fest. Alle waren gekommen von weiter Ferne: Isegrimm, der Wolf, Braun, der Bär, auch die anderen alle, und die Vögel, groß und klein. Einer war nicht da: Reineke Fuchs.

Und Isegrimm trat vor den Thron des Königs und sprach also: Wir alle haben dein Wort, o König, gehört und sind gekommen; es fehlet allein Reineke Fuchs. Niemals tut er deinen Willen. Mich hat der Böse übel behandelt, mein Weib hat er verhöhnt, und meine Kinder hat er geblendet mit bitterem Wasser. Da sind die armen Kindlein vor dir, o König, und fordern Recht.

Und Hündchen Wackerlos sprang vor den König und begann zu klagen; es sprach in feinen Worten; es sprach nur französisch. Und die Katze kam da auch mit neuen Klagen, und dann kam der Panther und sprach also:

Was Katze und Hund da sagen, will wenig bedeuten. Aber höret mich an; ich habe zu sprechen wider Reineke Fuchs. Da ich harmlos den Weg wanderte durch den Wald, hörte ich ein Weinen und Wimmern links im Gebüsch. Verwundert trete ich zur Seite und sehe: Reineke hält Lampe, den Hasen, an den Ohren und zauset ihn fürchterlich; und wäre ich nicht gekommen, — Lampe wäre nun tot. Solches aber ist doch nicht recht in diesen Tagen des Friedens.

Reineke's Neffe aber, der Dachs, trat vor den König, gedankenvoll und lächelnd; denn er war ein Advokat, sehr gelehrt und schlau, und begann seine Rede also:

Mein König, es ist ein altes Sprichwort: »Ein Feind wird niemals Gutes von dir sagen.« Kein Wunder also, daß diese Herren Schlechtes reden wollen von Reineke, meinem teuern Onkel. Er selbst ist nicht hier; sonst würden sie wahrlich solches nicht wagen. Aber wer ist es, der hier auftritt zu klagen. Isegrimm, der Wolf? Hat der ein Recht dazu? Er, der so übel gehandelt an Reineke? — Ich bitte, o König, höret, was ich jetzt sage:

Einmal war Freundschaft zwischen dem Wolfe und dem Fuchse; alle Beute wollten sie teilen nach Recht. Da kam eines Tages der Wolf und war sehr hungrig, — und hungrig ist er ja immer — zu meinem Oheim und verlangte zu essen. Ah, sagte freundlich mein Oheim, hier habe ich nichts. Aber da weiß ich ein fettes Schwein; das hängt nicht weit von hier beim Bauern; wenn ihr warten wollt vor dem Hause, so will ich es durch's Fenster werfen, aber gebt mir auch die Hälfte. Gewiß, sagte der Wolf, und beide gingen. Mein Oheim tat, wie er gesprochen, und warf die fette Beute hinunter durch das Fenster; doch, da er selbst zu essen verlangte, lachte der Wolf — es war dieser Wolf, — und sagte hämisch: Hier, mein Freund, wünsche guten Appetit — und gab meinem Oheim das breite Stück Holz, woran das Schwein gehangen hatte. So teilt der Wolf. — Aber das ist noch nicht alles.

Ein anderes Mal hatte er wieder großes Verlangen nach Fischen. Da kam er zum Fuchse. Und gut, — wie Reineke ist, — sprach er: Auf jener Straße kommt heute Nachmittag ein Mann von dem Strome; der bringt Fische in dem Wagen. Da können wir essen, — und beide gingen zusammen.

Der Fuchs aber legte sich auf die Straße und lag ganz still, als wäre er tot. Der Fuhrmann kam und sah den toten Fuchs und freute sich nicht wenig. Er nahm ihn, warf ihn auf den Wagen und fuhr die Straße entlang. Mein Oheim aber, der Fuchs, warf die Fische vom Wagen herab auf die Straße. Es folgte der Wolf und fraß. Endlich sprang der Fuchs vom Wagen, ging zum Wolfe und wollte auch von den Fischen essen. Da sagte der Wolf: Nehmet, Reineke, nehmet; hier ist für euch, — und gab ihm von den Fischen — die Gräten. — So handelt der Wolf. — Soll ich noch mehr von ihm sagen? Nichts Gutes, o König, würdest du hören. —

Und wegen des Hasen! Es ist wahrlich zum Lachen, wie falsch der Panther gesehn hat. Wohl hatte mein Oheim den Hasen beim Ohre. Der Hase ist ja meines Oheims Schüler. Er war zu ihm gekommen und wollte lernen, die Psalmen zu singen. Nun aber hat der Hase kein feines Gehör und kann die Töne nicht lernen. Da verlor mein Oheim die Geduld und zauste den Hasen an den Ohren. — Aber das ist doch wohl das Recht des Lehrers! — Wo soll denn Ordnung sein, wenn nicht der Lehrer das Recht hat, die Ohren des Schülers zu zausen?

Nein, das muß ich hier sagen, hier vor dem König, daß mein Oheim ein frommes, gutes Leben führt und betet und fastet und seit Wochen kein Fleisch ißt, sondern Gras und Kräuter. Laßt ihn kommen, o König, vor euch selbst und sehet, ob es nicht also sei.

Reineke's Neffe hatte gesprochen, und der König hatte gehört. — Da kam Henning daher, der Hahn; — und hinter ihm trug man eine Henne ohne Kopf und Hals. Er selbst war traurig und er begann zu sprechen vor Nobel, dem König: Höret mich an, o König! — Vor wenigen Tagen noch lebte ich still und glücklich inmitten meiner Familie. Da kam der Fuchs daher, als Mönch gekleidet. Die Hände gefaltet, mit den Lippen betend, blickte er aufwärts zum Himmel und sagte zu mir: Wisse, Freund Henning, der König hat befohlen, daß alle Tiere im Walde und auf dem Felde in Frieden leben und nicht wieder streiten oder einander töten in böser Feindschaft. Du siehst, ich selbst bin nun ein Mönch geworden und nichts hast du von mir zu fürchten, auch nicht deine Söhne und deine Töchter. So sprach der Fuchs und zeigte einen Brief mit großen Siegeln vom König. Mit Freude hörte ich alles und sagte es den anderen. Die sprangen hinaus vom sichern Hofe in das Feld, das Beste zu suchen in Busch und Wald. Doch kurz war das Glück, und traurig das Ende.

Der falsche Fuchs hatte sich hinter einer dichten Hecke versteckt und sprang hervor und mordete fürchterlich. Von allen meinen stolzen Söhnen und lieblichen Töchtern ist niemand geblieben. Die letzte hat er heute erwürgt, sie, die Unglückliche, die letzte meines Stammes. Also sprach Herr Henning und weinte bitterlich.

Nobel schüttelte unmutig sein königliches Haupt und sprach: Guter Henning, mit Trauer höre ich das Unglück, welches dich befallen hat. Mit allen Ehren wollen wir deine Tochter zu Grabe bestatten. Ich selber will dem Sarge folgen. Einen Marmorstein lasse ich auf ihr Grab setzen, und darauf soll man diese Worte lesen: »Hier ruht in Frieden: Kratzefuß, Hennings Tochter, die beste der Hennen. Legte viele Eier in's Nest und verstand gut zu scharren. Ach! hier liegt sie, durch Reinekens Mord den Ihren genommen.« — Euch aber, ihr Herren, die hier versammelt sind, bitte ich: Beratet, wie fördern wir Recht und Frieden im Lande? — so kam man denn überein, daß Braun, der Bär, auf Reinekens Schloß Malepartus gehen und ihn auffordern sollte im Namen des Königs, vor dessen Thron zu erscheinen, auf daß der König die Klage höre und Recht spreche und ihn strafe, wenn er ihn schuldig befände.

Und Braun ging und wanderte durch eine lange Heide und kam zuletzt nach Malepartus. Da hatte Reineke eine stattliche Burg gebaut, fest und stark gegen Feinde, mit vielen heimlichen Gängen, durch die er entschlüpfen könnte, wenn es nötig wäre. In den weiten und schönen Hallen aber lebte Reineke mit seiner Gemahlin und den beiden Söhnchen und sie aßen und tranken vom Besten und waren sorglos.

Da hörte er die rauhe Stimme des Bären, der also rief: Du sollst zum Könige kommen, Reineke, daß der König die Klage höre und Antwort gebe und Recht spreche; und daß er dich strafe, wenn er dich schuldig befindet. — So du aber nicht kommst, wird er dich hängen lassen.

Der Fuchs hörte die Worte des Bären und sprach lächelnd zu sich selbst: Diesen rohen Gesellen will ich heimsenden, daß er noch lange an Reineke denke. — Und alsbald ging er hinaus vor das breite Thor und sprach mit freundlicher Stimme zu Braun, dem Bären: Guten Tag, mein teuerster Oheim! Welche Ehre für mich, daß ihr selbst mich besuchet! Aber, was sehe ich? Wie seid ihr so erhitzt und voll Staub! — Konnte der König niemand anders senden? — Mußtet ihr gerade diese beschwerliche Reise machen? — Seid ihr hungrig? — Was giebt man euch doch! Ihr wisset, wir leben hier ärmlich und haben wenig Gutes. — Honig können wir euch geben. Doch, ich weiß wohl, ihr esset niemals Honig.

Honig? rief der Bär erfreut. — Nichts ist mir lieber, als Honig. O, gebet mir Honig!

Ist es wirklich wahr, sprach der Fuchs mit falscher Freude, esset ihr Honig so gern? Ei, davon kann ich euch geben. — Wisset, nicht weit von hier wohnt Rüsteviel, der Bauer; der hat Honig, — mehr, als ihr je gesehen.

So laß uns gehen, schrie der glückliche Bär und trabte voran, so schnell, wie er konnte.

Sie kamen auf Rüsteviels Hof. Das aber wußte der schlaue Fuchs, daß Rüsteviel auf seinem Hofe einen Baum spalten wollte und einen Keil hineingetrieben hatte. — An dem einen Ende war der Baum offen und in dem andern Ende steckte der Keil. — Den hungrigen Bären führte der Fuchs hierher und sagte gar freundlich zu ihm: Hier, teurer Oheim, möget ihr Honig essen. — Doch esset nicht zu viel! Das rate ich euch, — er ist gar süß.

Mit beiden Vorderfüßen zugleich sprang der Bär in die Spalte. Den Kopf steckte er bis über die Ohren hinein, nach Honig suchend.

Reineke aber war an dem andern Ende, zog mit aller Kraft an dem Keile; und es gelang ihm nach vieler Mühe, den Keil zu entfernen. — Zusammen klappte der Baum, und Braun war gefangen.

Er schrie vor Schmerzen laut auf, bat den Fuchs um Hilfe. Der Fuchs aber lief und lachte und rief aus der Ferne: Wünsche guten Appetit, Herr Braun, guten Appetit!

Rüsteviel aber, geweckt durch das Geschrei des Bären, sprang aus dem Bette und nahm seine Axt und eilte auf den Hof. Da sah er den Bären und weckte alle Nachbarn.

Sie kamen eilends herbei; die Männer mit Stöcken und die Frauen mit Besen und alle schlugen auf den gefangenen Bären.

In der Verzweiflung aber reißt er sich los, läßt beide Klauen stecken von den Vorderfüßen und vom Gesichte die Haut. Laut schreiend vor Schmerz, rannte er unter die Bauern. Sie alle fliehen, die Weiber zumal; und eine von ihnen, eine Köchin, fiel in das Wasser des Baches. Das war des Bären Glück; denn, als man zum Bache rannte wegen der Köchin, konnte der Bär entkommen. — Sein Elend aber war so groß, daß er sich ins Wasser stürzte, um zu sterben, denn zu groß waren die Schmerzen. — Aber er schwamm den Bach hinunter und kam nach vielen Tagen zurück an den Hof des Königs.

Als Nobel, der König, ihn sah, rief er entsetzt: Großer Gott! Bist du das, Braun? Kaum kenn' ich dich wieder! Wer hat das getan?

Und als der König die Geschichte gehört hatte, sagte er zu den Herren um ihn: Ihr alle habt den unglücklichen Braun gehört. Höret nun auch meinen Willen: Ich bestimme, daß Hinze, der Kater, jetzt gehe zu Reineke. Du bist ein höflicher Mann, Hinze, und verstehst, in feinen Worten zu sprechen. Zu Reineke gehe und kehre bald wieder mit ihm.

Traurig ging der Kater, Reineke fürchtend. Und als er nach Malepartus kam, trat Reineke zu ihm heraus und sprach: Ah, sieh' einmal, Hinze! Kommst du zu mir? Das freut mich. Mit dir? Ja, mit dir will ich gehen; denn du bist ein feiner Mann; aber ich möchte [I-4] nicht gehen mit dem rohen Bären; — auch hatte ich Furcht vor ihm. — Mit dir gehe ich gerne. Was aber kann ich dir geben zum Essen? Ach ja, — Ich habe Honig, süß und gut, möchtest du wohl davon speisen?

Nein, sagte Hinze, ich mache mir nicht viel aus Honig; wenn du mir aber eine Maus geben wolltest, würde ich dir danken.

Issest du Mäuse so gern? rief verwundert der Fuchs. Mäuse kann ich dir geben in großer Menge in meines Nachbarn Scheune. Laß uns dahin gehen.

Und sie kamen in die Scheune des Nachbarn, des Predigers.

An der Seite der Scheune aber hatte Reineke gestern ein Loch gegraben und hatte dadurch des Predigers beste Henne gestohlen. — Erzürnt darüber, hatte Martin, des Predigers Söhnchen, eine Schlinge gelegt an die innere Seite der Öffnung.

Alles das wußte der Schlaue und sprach mit falscher Freundlichkeit: Hinze, höret nur die Mäuse, wie sie pfeifen! So viele sind darin; man könnte sie nicht in zwei Wagen von dannen fahren. Hier ist das Loch, springt nur hinein!

Hinze aber fürchtete sich und fragte ängstlich: Meint ihr, Reineke, daß es sicher wäre, hinein zu gehn? —

Sicher, ganz sicher, mein lieber Hinze; spring nur zu. Während du mausest, will ich hier wachen für dich.

Und der Kater glaubte dem Falschen, sprang durch die Öffnung — und schrie, schrie jämmerlich! — denn er fühlte die Schlinge um den Hals, und sie preßte ihn arg.

Martinchen hörte das Schreien und jubelnd kam er gelaufen und rief: Ah, so hab' ich endlich den Dieb gefangen, der uns die Hühner stiehlt; und dann mißhandelte er den armen Hinze. Reineke freute sich dessen und glaubte, der Kater wäre nun tot. — Aber er war noch entsprungen; blutig und einäugig zwar, — doch hatte er das Leben behalten.

Jammernd kam er zurück zum Könige und klagte sein Leid.

Des Königs Herz entbrannte in gewaltigem Zorne, und er sprach mit Donner-Stimme: Ich sehe, dieser Reineke ist ein Frevler und verdient den Tod.

Aber Grimbart, der Dachs, kam wieder und sprach: Wollt ihr Reineke verdammen, bevor ihr ihn gesehen oder gehört? — Lasset mich zu ihm gehen und, wahrlich, ich werde ihn bringen.

Und Nobel, der König, sprach: Thue nach deinem Worte.

Grimbart, der Dachs, machte sich nun auf den Weg und kam mit vieler Mühe zu seines Oheims Burg. Da klopfte er an die Pforte und rief mit lauter Stimme: Öffnet, Reineke; denn Grimbart ist es, Euer Neffe. Öffnet! Ich habe mit Euch zu reden.

Und Reineke öffnete willig die Thüre und führte den Neffen in das Innere der Burg zu seinem Weibe und seinen zwei Söhnen. Beide waren noch jung und sahen dem Vater sehr ähnlich, und der eine besonders war schlau.

Reineke aber sagte zu Grimbart: Ich weiß, warum du zu mir kommst.

Und denkst du nicht selbst, fragte wohlwollend der Neffe, daß es nun Zeit wäre, des Königs Willen zu tun und vor ihn zu kommen?

Wohl, versetzte Reineke. Heute bist du mein Gast. Ruhe von deiner beschwerlichen Reise; morgen aber gehe ich mit dir zum König.

Dann speisten sie alle zusammen; und dem Dachse gefiel es sehr gut in Reinekens Haus; denn Reineke war liebevoll mit seinem Weibe und zärtlich mit den Kindern. Und als es Nacht war, gingen alle zu Bette.

Am nächsten Morgen früh nahm Reineke Abschied und sagte zu seinem Weibe: Achte wohl auf die Kinder; lasse keines aus dem Hause; — denn ich muß fort in Geschäften zum König und hoffe, recht bald wieder bei euch zu sein. Ihr aber, meine lieben Kinder, seid recht artig und höret auf eure Mutter. Dann bringe ich euch etwas Gutes mit von dem Könige; und dann ging er mit dem Neffen.

Auf dem Wege aber begann Reineke ernstlich zu denken und sprach zu seinem Neffen: Weißt du, Grimbart, daß ich beginne, des Königs gerechten Zorn zu fürchten? — Denn ich bin schuldig, und vieles ist wahr, was die Feinde sagen von mir. Ich habe den plumpen Bären mißhandelt, des Königs Boten, und auch Hinze, den Kater. Ich habe dieses getan und noch viel mehr, was schlecht ist.

Ist es also? fragte traurig Grimbart. Dann bekenne mir offen deine Sünden und gelobe Besserung.

Und Reineke tat also. Dann sprach er: Nun ist mir das Herz viel leichter, und freier gehe ich zum Könige.

Es geschah aber, so oft sie an einen Bauernhof kamen, daß Reineke die Hühner haschen wollte. — Und er hätte sie wahrlich getötet, wäre nicht Grimbart gewesen, der ihn immer warnte, sagend: Oheim, ich dachte, du wolltest dich bessern?

Ja, so ist es, rief dann der Fuchs. Ja, ja! Ich bin doch ein arger Sünder.

Endlich kamen sie an des Königs Hof; und schnell wurde es bekannt: Reineke, der Fuchs, ist angekommen.

Er aber ging leicht und frei durch die Straßen daher, als wäre er selber des Königs Sohn; grüßte, lächelte freundlich, und niemand sah die Furcht in seinem Herzen.

Dann trat er zum König. Majestätisch saß er auf seinem Throne, von den Großen und Nobeln umringt. Die meisten von diesen waren bittere Feinde des Fuchses. — Dieser aber begann also zu reden:

Groß seid ihr, o König, und gerecht. Ihr höret alle, die Schuldigen und auch die Unschuldigen. Ihr könnt tun mit uns nach eurem Willen; denn unser Leben ist in eurer Hand. Nun aber wisset, o König, daß viele hier am Hofe sind, die mich hassen, weil ich euch treu bin.

Schweig, rief der König! Du schwätzest zu viel und ehrtest nicht die Boten, die ich dir sandte.

O König, da ist wahrlich niemand, der des Königs Wort höher hält, als ich, dein treuester Diener. Was aber kann ich dafür, wenn der Bär von den Bauern mißhandelt wird? Gefräßig ist der Bär, und ich habe ihn ernstlich gewarnt; er aber wollte nicht hören; — und so war es auch mit Hinze, dem Kater.

Und so sprach Reineke immer. Wie viele der Feinde auch kamen und gegen ihn auftraten, — er wählte die Worte so wohl, er sprach so frei, daß man glauben mußte, er wäre ganz schuldlos und jene wären die Schuldigen.

Zuletzt aber kamen ehrbare Männer, wohlbekannt; und ihr Wort galt viel — gegen diese konnte Reineke nicht sprechen, und der König fällte das Urteil: Reineke Fuchs soll sterben. Bindet ihn und führet ihn hinaus zu dem Galgen.

Als Reinekens Freunde dieses hörten, waren alle von Herzen betrübt und verließen unwillig den Hof des Königs. Nobel aber sah es nicht gern, daß so viele edle Männer seinen Hof verließen.

Reineke aber hatte nur wenig Mut; und als er gebunden unter dem Galgen stand, dachte er: Wenn der König mir nur noch einmal erlauben wollte zu sprechen, so hätte ich noch Hoffnung, mein Leben zu erhalten.

Und er drehte sich nun zu dem Volke, das gekommen war, sein Ende zu sehen. Und er sprach zum König, der finster da saß neben seiner Gemahlin. Auf diese besonders blickte der Schlaue, denn er kannte ihr weiches Herz, und sprach:

Nur noch einmal, o König, gebet mir das Wort, bevor ich diese schöne Erde verlasse. Meine Sünden will ich offen bekennen, daß alle es hören zur Warnung.

Als die Königin diese kläglichen Worte vernahm, sah sie mit bittenden Augen den König an, und dieser sagte: Wohlan denn, so sprich!

Da wurde Reinekens Seele viel leichter und er begann:

Vor euch allen hier bekenne ich es offen: Ich habe viel und schwer gesündigt im Leben. Jung hatte ich begonnen zu stehlen und zu rauben unter den Hühnern und Gänsen und Lämmern und Ziegen. Aber da ich später ein Freund des Wolfes wurde und er mich lehrte, so wurde ich viel schlimmer. Wenn wir zusammen ausgingen auf Raub und Mord, nahm er immer das Größte für sich und oft alles; und ich hätte hungern müssen, wenn ich nicht einen Schatz für mich vergraben hätte.

Einen Schatz? unterbrach ihn der König. Sprachst du von einem Schatz?

Ich sprach von einem Schatz. So viel rotes, scheinendes Gold saht ihr nie zuvor. In vielen Wagen kann man es nicht bringen. Und Edelsteine und Ringe und Ketten so schön, wie sie die Königin wohl noch nie gesehen. Aber was nützt mir nun alles, da ich den Tod vor Augen sehe? — Mit dem Schatze aber war es so: —

Mein Vater war, wie ihr alle wohl wisset, sehr schlau. — Auf einer langen Reise hatte er den Schatz des Königs Emmrich entdeckt. Aber er hatte wenig Freude daran, denn er hielt ihn vergraben am heimlichen Orte. So aber habe ich selbst ihn gefunden. Einst, in einer stürmischen Nacht, — der Regen fiel in Strömen, der Donner rollte und Blitz auf Blitz zuckte, — da sah ich meinen Vater spät aus seinem Hause kommen und scheu sich umsehen nach allen Seiten. — Mich aber hatte er nicht gesehen; denn ich war versteckt. Ich wunderte mich, ihn so spät und in solchem Wetter ausgehen zu sehen und folgte ihm.

Der Weg war lang; bergauf und bergab. — Endlich machte mein Vater Halt, sah sich noch einmal um; und da er niemand bemerkte, scharrte er eine Öffnung in die Erde mit den Pfoten und starrte lange hinein und freute sich sehr.

Da war ich sehr neugierig. Doch lag ich stille und rührte mich nicht. Lange nachdem mein Vater wieder fort war, ging ich zum Baume und tat, wie mein Vater zuvor. — O, Herrlicheres hatte ich niemals gesehen an Reichtum! — Dieselbe Nacht und die folgenden arbeitete ich schwer, das Gold zu entfernen.

Und wohl hatte ich daran getan, — das fand ich später; denn ich rettete so euer Leben, o König.

Du lügst! schrie der König.

Wie könnte ich, sagte der Fuchs, wie könnte ich jetzt lügen vor meinem Tode? Was würde es mir helfen? — und dabei richtete der Arge die Augen zum Himmel.

Die Königin aber war ängstlich geworden, als sie das hörte vom Leben ihres Königlichen Gemahls, und sie sagte zum König: O, lasset ihn hierher kommen, daß wir näheres hören und euch vielleicht vor Unglück bewahren.

Dessen freute sich der Fuchs von Herzen und auf den Wink des Königs trat er herab vom Galgen und gerade vor den König und die Königin und sprach weiter also:

Ja, ich folgte nun öfters dem Vater und sah ihn einmal in eine geheime Versammlung gehen. Da waren Isegrimm, der Wolf, Braun, der Bär, und viele andere Herren, die ich nicht kannte. Sie alle sprachen sehr leise und mit vieler Mühe verstand ich dieses: Eine Revolution wollten sie machen und den Bären wollten sie zum Könige haben. Nach allen Landen sandten sie Boten, Truppen zu sammeln; mit dem Gelde meines Vaters wollte man sie bezahlen und er sollte der erste Minister im Staate werden. —

Ich aber freute mich um meines guten Königs willen, daß ich den Schatz entfernt hatte, denn die Soldaten wollten den Gold im Voraus haben und wollten nicht kommen ohne das Geld.

So konnten sie den bösen Plan in jener Zeit nicht ausführen. Ich aber habe den Schatz noch heute und will ihn gern in eure Hände, mein König, legen, daß ihr sehet, daß ihr an mir einen treuen Diener hattet.

Die Königin, dieses hörend, war sehr gerührt. Sie sah auf zu ihrem Gemahl, und dieser sagte mit ernstem Auge: Es scheint, du sprichst jetzt die Wahrheit; ich glaube dir. Bindet Braun, den Bären, und Isegrimm, den Wolf, und führt sie in das Gefängnis. Reineke aber, den Fuchs, machet frei; denn ich erkenne ihn als meinen treuesten Diener.

Darüber freuten sich viele; und viele waren gar traurig.

Isegrimm aber sagte zu Braun: Sieh', dieses Mal hat er wieder gewonnen, der Falsche.

Der König aber rief Reineke zu sich und fragte ihn leise: Wo, sagtest du, wäre der Schatz vergraben?

Und so antwortete Reineke: Höret, ich bitte, o König, genau die Worte, die ich jetzt spreche, so daß ihr und eure Gemahlin den Platz nicht vermisset, wo Gold und Juwelen begraben liegen.

In Flandern ist eine Wüste. Dort ist ein Brunnen, Krekelborn heißt er. An dem Brunnen gehet vorbei. Dann kommt ihr an einen Busch. Auch an dem Busche gehet vorbei. Dann aber kommt ihr an einen einsamen Ort. Weder Menschen noch Tiere leben daselbst, nur die Eule allein haust[I-5] hier. Da stehen zwei Birken. Da bleibet stehen; denn ihr habt den rechten Ort gefunden. Unter den Wurzeln der Bäume findet ihr, was euch erfreut. Ich selbst wollte mit euch gehen. Doch, wißt ihr wohl, der Papst hat mich in den Bann getan. Nun aber habe ich im Herzen gelobt, nach Rom zu gehen als Pilger. Ich will nun ein besseres Leben beginnen. Doch hier ist der Hase. Der kennt den Platz. Wenn ihr befehlet, so rufe ich ihn.

Und der König sprach: Thue so. Und der Fuchs rief den Hasen.

Zu Reineke selbst aber sagte der König: So gehe nach Rom und komme befreit vom Banne zurück.

Reineke jauchzte von Herzen; denn er war frei, seine Feinde aber lagen in Ketten.

Nach Rom ging er aber nicht, sondern eilte nach Malepartus und preßte Weib und Kinder freudig ans Herz.

Herr Meister: Bravo, mein Freund! Bravo!

Martha Meister: Das erzählten Sie sehr gut, Herr Louis.

Bella: Das war sehr schön, nicht wahr, Otto?

Otto: Ja, Louis; ich freue mich auch über Dich. Du solltest Goethes[I-6] Reineke Fuchs lesen. Da findest Du noch mehr.

Louis: So? — Ist es von Goethe?[I-7]

Otto: Gewiß, Bruder.

Louis: Von Goethe[I-8]. — Hm, — Goethe[I-9] gefällt mir.

Bella: Mir gefällt er auch.

Herr Meister: Wirklich?

Bella: Ich bin ganz erstaunt über Louis.

Louis: Aber warum denn?

Bella: Sie sprechen ja ein prachtvolles Deutsch!

Louis: O, Fräulein Bella; ist das Ihr Ernst?

Bella: Ja, ganz gewiß.

Louis: Das freut mich sehr.

Otto: Siehst Du, Louis? Herr Meister hat Recht.

Louis: Ja, das ist wahr! Ihre Hand, Herr Meister. Fräulein Bella, wollen Sie das auch an Anna nach Cöln schreiben?

Bella: Das will ich sicherlich tun, und wollen Sie auch oft zu uns kommen, ja?

Louis: Ja wohl, mein Fräulein.

Bella: Und Ihren Bruder mitbringen?

Louis: Ja, aber — Otto, da habe ich ganz vergessen, daß Albert auf mich wartet. Wir müssen nun gehen. Meine Damen, auf Wiedersehen! Adieu, Herr Meister!

Martha Meister: Kommen Sie recht bald wieder, meine Herren. Sie sind immer angenehm.

Otto: Danke Ihnen. Adieu, Fräulein Bella.

Bella: Auf Wiedersehen!

Herr Meister: Adieu!

Sektion 1 Fuss; quadrilaterially symmetric lateral design with fern leaves near the center and long compound flowers at the ends
Sektion 1 Fuss; quadrilaterially symmetric lateral design with fern leaves near the center and long compound flowers at the ends
Sektion 2 Kopf; sea serpent facing left twined around an anchor with haft to the right over a pair of sprigs of very fine-leafed setate plants with three-petaled flowers
Sektion 2 Kopf; sea serpent facing left twined around an anchor with haft to the right over a pair of sprigs of very fine-leafed setate plants with three-petaled flowers

Notes in this chapter

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