II.
Reading edition
Martha: Darf ich Papa? — Störe ich nicht?
Herr Meister: Komm', meine Tochter, setze Dich!
Martha: Hast Du heute viel geschrieben, Pa....?
Gretchen: Sie kommen!
Bella: — — sie kommen!
Martha: Aber — wie Ihr stürmt! Sie kommen! Sie kommen! Wer kommt?
Bella: Jetzt sind sie auf der Treppe; jetzt — jetzt klopfen sie an.
Herr Meister: Herein!
Louis: Hier ist mein Bruder Albert, der Doktor!
Otto: Erlauben Sie mir, Herr Meister, Ihnen meinen Bruder vorzustellen: Herr Doktor Albert. — Herr Meister, unser verehrter Freund! — Fräulein Gretchen und Fräulein Martha, Herrn Meisters Töchter. — Unsere Freundin, Fräulein Bella!
Dr. Albert: Meine Herrschaften, ich bringe Ihnen Grüße aus Deutschland; — so oft und so viel hat man mir von Ihnen erzählt, daß Sie mir wie alte Bekannte erscheinen.
Martha: So dürfen wir hoffen, daß Sie bald wieder heimisch bei uns werden?
Dr. Albert: Heimisch fühle ich mich schon jetzt, mein Fräulein. — Martha, Schwesterchen, willst Du nicht bei mir sitzen?
Martha Parks: Ach ja!
Gretchen: Bist Du froh, daß Dein Bruder wieder bei Dir ist?
Martha Parks: O ja!
Bella: Herr Doktor, hatten Sie eine gute Fahrt?
Dr. Albert: Ja, mein Fräulein ... Das war eine prachtvolle Reise! Wir hatten klares Wetter, guten Wind, aber auch ein wenig Sturm; und dann und wann einen herrlichen Sonnen-Untergang; — vom Sonnen-Aufgang kann ich Ihnen wenig sagen.
Bella: Ah, Reisen ist doch schön!
Dr. Albert: Das ist es, mein Fräulein.
Herr Meister: Und hat es Ihnen gut gefallen in meinem Deutschland, Herr Doktor?
Dr. Albert: Sehr gut, mein Herr. Glückliche Jahre habe ich dort verlebt. Deutschland ist mir teuer geworden.
Martha Meister: Wie lange ist es jetzt, Papa, daß Du nicht in Deutschland gewesen bist?
Herr Meister: Viele Jahre sind verflossen, meine Tochter, seitdem ich mein Vaterland zum letzten Male gesehen habe.
Dr. Albert: Dann, mein Herr, sollten Sie einmal gehen und es wieder sehen. — Das alte Deutschland, das Sie einst verließen, werden Sie nicht mehr finden; — ein neues ist erstanden. Schön war Deutschland ja immer und schön ist es noch heute. Aber zur Schönheit ist nun auch die Macht gekommen, die Macht, welche Barbarossa den deutschen Landen einst gewünscht.
Herr Meister: So lese ich, und so sagt man mir. Doch scheint es mir selbst wie ein Wunder!
Dr. Albert: Das glaube ich Ihnen gerne, mein Herr. Sie denken noch immer an die schöne Sage, die Deutschland einst gedichtet hatte in seinem Unglück und in seiner Hoffnung: Tief unter der Kyffhäuser-Burg sitzt Kaiser Barbarossa. — Er sitzt sorgenvoll und schlummernd vor einem Marmortische, den Kopf gestützt mit seiner Hand. — Sein Bart wallt nieder bis zur Erde und schlingt sich um den Tisch. — So sitzt er schlummernd hundert Jahre. — Dann erhebt er traurig das Haupt und spricht zum Zwerg: Fliegen die Raben noch um den Berg? — Und der Zwerg geht und kommt zurück und spricht: Die Raben fliegen noch um den Berg! — Dann seufzt[II-1] der Kaiser und schlummert wieder ein und schlummert noch hundert Jahre. —
Aber heute, mein Herr, sitzet der Kaiser nicht mehr am Marmortische; — er ist erwacht und emporgestiegen aus dem unterirdischen Schlosse.
Ich sah ihn selbst, den alten Kaiser mit schneeweißem Haare; ich sah das Reich, das nun wirklich einig und mächtig ist durch einen Mann — durch Bismarck.
Herr Meister: Ja, ja, so ist's!
Dr. Albert: Ja, Herr Meister, das einige Deutschland ist sein Werk. — Welch' ein Genius ist dieser Bismarck! — Ich halte ihn für einen der größten Männer, die jemals lebten; — denn enorm ist es, was er vollbracht hat und staunenswert ist es, wie er's getan!
Mitten unter Feinden steht er, — gigantisch an Körper und groß an Geist. — Die Herren der Länder ringsum sind bereit zum Vernichten, sie lauern nur auf den rechten Moment. — Und die, für welche er kämpft, stehen mürrisch zu Seite, geben keine hilfreiche Hand, nicht einen freundlichen Blick, rufen kein liebes Wort. — Finster schauen sie ihn an und zeigen Haß, da er Liebe bringt.
Bittend steht er unter ihnen, reicht ihnen einen Oliven-Zweig und sagt: Meine Herren, diesen Zweig habe ich im Auslande gebrochen, Ihnen denselben zu reichen als Zeichen des Friedens und der Freundschaft, auf daß wir gemeinschaftlich das große Werk beginnen und beenden.
Aber sie wollen nicht auf ihn hören und lassen ihn stehen. Unverstanden und verkannt muß er den steilen Weg aufwärts klimmen, ganz allein planend und übermenschlich schaffend. Wie groß, wie wahrhaft groß er da unter den Menschen erscheint. — Im Herzen aber hatte er Gott, der ihn kennt, und vor sich seinen König, der ihm traut; er selbst aber glaubte an den Sieg des Guten und in diesem Glauben fühlte er sich stark und groß. Fest und sicher und schnell geht er vorwärts und unternahm jene gewaltige Operation — nun, Sie kennen sie ja.
Herr Meister: Ja, ja, wir kennen sie! Aus jenem Deutschland, das einst zerstückt und bald den Nachbarn zugefallen wäre als willkommene Beute; aus dem Deutschland, das kraftlos und ein Spott der Welt geworden war, aus diesem unglücklichen Deutschland hat er ein einiges Reich geschaffen, das wieder stark ist, wie ehemals; den Deutschen gab er wieder ein großes Vaterland und pflanzte in sie einen höhern Sinn.
Dr. Albert: Und das konnte Bismarck nur tun, weil er groß ist. — Weil er selbst groß ist und gut, zieht er Tausende mit sich auf eine bessere Höhe.
Aber, mein Herr, ich sage noch mehr: Deutschland ist ein deutsches Land geworden zuerst durch Bismarck. — Er hat vollendet, was Arminius einst begonnen hatte: — Das Werk der Einheit und Freiheit. — Aber dieses Werk hatte geruht viele hundert Jahre, hatte geruht im ganzen Mittelalter, denn was war das Deutschland des Mittelalters, das sich so gern das heilige römische Reich nannte? — Es war kein deutsches Land mit deutschem Geiste, — es war eine schwache Nachahmung des alten römischen Reiches, nichts mehr.
Aber solche wunderbare Macht besaß einst Rom, daß noch der große Kaiser Karl und alle Kaiser nach ihm nichts Höheres kannten, als den Titel »Kaiser von Rom.«
Wie der liebliche Schmetterling in die glänzende Flamme und ins Verderben flattert, so zogen die deutschen Kaiser zu ihrem eignen Unglück nach Rom. Mancher starke Mann fand den Tod in Roms Gefilden.
Während England durch die schirmenden Wogen des deutschen Oceans geschützt war und frei und groß und stark wurde, — und während Frankreich lieblich und eins wurde, richteten die deutschen Kaiser ihre Augen auf fremde Länder, auf Böhmen, Italien, Sicilien, Spanien. — Darum hatten Deutschlands Söhne fremde Kriege zu kämpfen auf ihrem eignen Boden. Deutschlands blühende Fluren wurden zerstampft von den Hufen der Kriegsrosse; und Deutschlands Dörfer und Städte wurden niedergebrannt von wilden, fremdländischen Horden, und die Wohlfahrt wurde vernichtet.
Das Unglück war groß. — Da erbarmte sich Gott des geliebten Landes und sandte ihm die Männer vom Hause Hohenzollern.
Herr Meister: Es sind Männer voll Kraft und Tugend, die von Hohenzollern.
Dr. Albert: So ist es, mein Herr. Klug und stark waren die meisten von ihnen — und sie erkannten ihre Mission. — Mit Energie, mit Kraft und gutem Willen zog der erste Hohenzoller, Burggraf Friedrich von Nürnberg, in Brandenburg ein.
Wie die Raubvögel aus ihren Nestern aufflattern, so verschwanden die Raubritter aus den Burgen, als sie den Donner seiner ersten Kanone hörten.
Sie raubten und plünderten nicht mehr und störten nicht mehr friedliche Leute bei ihrer Arbeit. Eine neue Ära begann, und in jener unfruchtbaren, sandigen Fläche im Norden Deutschlands, wo jener erste Friedrich klein begonnen hatte, da erhebt sich heute eine Stadt mit einer Million fleißiger Einwohner, ein Centrum für Kunst und Wissenschaft, — das Haupt des deutschen Reiches, — Berlin.
Was jener Burg-Graf einst begonnen, was der große Kurfürst und Friedrich der Große fortgesetzt hatten, das hat Kaiser Wilhelm vollendet — durch Bismarck.
Martha Meister: Ich denke es mir so schön, Kaiser Wilhelm und Bismarck, — den ehrwürdigen Monarchen und den mächtigen Denker und Schöpfer zu sehen.
Gretchen: Und ich denke: Es ist merkwürdig, daß Deutschlands Größen immer in Paaren erscheinen; in Wissenschaft und Politik, in Poesie und Musik. — Goethe[II-2] und Schiller; Alexander und Wilhelm von Humboldt; Haydn und Mozart; Jakob und Wilhelm Grimm; Kaiser Wilhelm und Bismarck.
Bella: Du hast ganz Recht, Gretchen; es ist wirklich wahr.
Dr. Albert: Deutschland hat Glück darin; und da es unter den Ländern Europas wieder begonnen hat mit neuer Jugend, so will ich ihm aus vollem Herzen eine glückliche Zukunft wünschen.
Bella: Herr Doktor, Sie sind wohl ganz ein Deutscher geworden?
Martha Parks: Was? — Albert, bist Du nicht mehr Amerikaner?
Dr. Albert: Ha, ha! — Sehen Sie doch, Herr Meister, das ist Eifersucht! — Habe ich Deutschland zu viel gepriesen? — Was sehen Sie mich alle so an, als wäre ich ein Verräter? — Welchem Lande ich angehöre mit meinem Herzen? — Sie können es wissen; ich bin furchtlos und offen.
Alle: Nun?
Dr. Albert: Dem Lande gehöre ich an, das am größten ist und am schönsten unter allen Ländern der Erde; das die größten, mächtigsten Ströme hat und Seen; — dessen Berge sich himmelhoch türmen; das die fruchtbarsten Äcker, die fruchtbarsten Bäume, die goldreichsten Minen hat und Menschen, wie sie besser und größer auf Erden nicht sind und niemals waren; — dem Lande, das die Unglücklichen empfängt aus allen Teilen der Erde Gottes und mit freundlichem Auge sie anschaut und mit gütiger Hand ihnen winkt und dann fröhlich zuruft: Kommet alle und seid willkommen und genießet die Freiheit; — wir wollen mit Euch teilen dieses Land und alles, was Gott uns selbst gegeben hat; So ihr lebet und seid, wie wir selbst, und werden wollet, wie wir: freie, gute Menschen; — das ist mein Land; dem gehöre ich an.
Alle: Das ist Amerika!
Dr. Albert: Da ist mein Vaterland!
Louis: Hurrah!
Dr. Albert: Wo das Sternenbanner weht!
Louis: Hurrah! Hurrah!
Dr. Albert: Unser Amerika ist heute schon das Land der Freiheit; und bald wird es das Land der Kunst und Wissenschaft, — die Heimat alles Guten sein.
Louis: Ist das Dein Ernst, Albert?
Dr. Albert: Würde ich so sagen, wenn es nicht mein Ernst wäre?
Wo ist ein Land auf der weiten Erde, das besser zum Größten geeignet wäre, als Amerika?
Sieh' einmal hinüber in den Kontinent, den wir den Kontinent der Kultur zu nennen pflegen! Wirf nur einmal einen Blick nach Europa!
Viele Völker, mit verschiedenen Sitten, verschiedenen Charakteren, verschiedenen Sprachen haben sich geteilt in die Länder; — und jedes Land hat seine eigenen Interessen und ist darum der natürliche Feind des Nachbarn.
Und nun sieh' Dich um in unserm Lande, das größer ist, als alle Länder Europas zusammen; — das sich streckt zwischen zwei großen Meeren.
Vom Atlantischen Ocean bis zum Stillen Ocean wohnt nur ein Volk, das nur eine Sprache spricht, das nur ein Interesse hat, — den Wunsch, die Bürger des Landes zu beglücken! — Kannst Du ein anderes Land der Erde nennen, das geeigneter ist, eine Heimat des Guten und Schönen zu sein?
Auch Länder werden alt, mein lieber Louis, so gut, wie die Menschen, und eben so gut, wie ein Mensch dem andern seinen Reichtum vererbt und seine Kenntnisse, so muß ein Land dem andern, — so muß Europa uns seine besten Errungenschaften überlassen.
Otto: Damit werden aber die Europäer nicht zufrieden sein, Albert!
Dr. Albert: Das, mein Lieber, wird die Sache nicht ändern. Die Völker haben selbst keinen Willen in der Geschichte; — sie folgen der Leitung eines höheren, weisen Willens.
Hast Du nie das Werk eines Gärtners beobachtet? — In seinem Treibhause erzieht der Gärtner den Samen und die zarten Pflänzchen. — Aber diese pflanzt er später in den großen Garten, wo sie kräftiger werden und nützlicher, wo sie Früchte tragen.
Europa ist das Treibhaus Amerikas. — Alles, was Europa gesäet und gezogen zu allen Zeiten, das wird nun nach Amerika verpflanzt zum Heile aller.
Es ist Plan in der Geschichte. — Die Geschichte ist philosophisch; — aber man muß sie auch mit einem philosophischen Auge studieren.
Alles, was Ägypter, Griechen, Römer und Juden getan, taten sie für uns. — Diese Völker sind untergegangen, wir leben.
Die Griechen verehrten die Schönheit. Aber was ist die Schönheit allein ohne die Wahrheit? —
Die ewigen Wahrheiten aber des alten Testamentes, — die Existenz eines unsichtbaren Gottes wurde von den Juden gelehrt, und dann endlich war die Zeit gekommen, — und es erschien den Menschen der Heiland, ein Erlöser vom Übel, ein Verkünder der unendlichen Liebe. — Und viele Völker hatten es gehört mit Staunen. — Neues Leben war überall erstanden. — Die Lehre des Christentums wurde überall verbreitet, die Lehre der ewigen Liebe.
Jahrhunderte vergingen. — Da zogen Tausende und Tausende zum heiligen Grabe und opferten den Tribut der Dankbarkeit.
Und sie kamen zurück aus dem Morgenlande nach Europa. — Da genügte ihnen Europa nicht mehr. — Und die Völker waren nun reif; — und es war nun Zeit, der Menschheit das Schönste zu geben.
Und Gott gab der Menschheit das Schönste an jenem Morgen, da die Sonne vor Columbus' Augen auf ein goldenes Eiland schien; als die wilden Matrosen mit Thränen in den Augen riefen: Land! Land!
Martha Parks: Unser Land!
Otto: Ja, Martha, unser Land! Das Land der Zukunft.
Dr. Albert: Glaubst du nun an die Mission Amerikas, Freund Louis?
Louis: Ich muß wohl!
Dr. Albert: Und weißt du auch, wer mich zuerst das gelehrt hat? — Ein Mann, der es selbst nicht einmal wußte, der es aber fühlte, — der Komponist Rubinstein.
Ich hörte »Der Turm von Babel,« kurz bevor ich Deutschland verließ. — Der Herr hatte den Turm zerstört und die Sprachen der Menschen verwirrt. — Da ziehen die verschiedenen Nationen nach den verschiedenen Erdteilen: Die Semiten nach Asien, die Hamiten nach Afrika, die Jafetiten nach Europa.
Auf ihrem Marsche singen sie Lieder. — Die Semiten singen eine ernste, tiefe, melancholische Melodie; — die Hamiten singen ein Lied, wobei man an nichts anderes denken kann, als an den Trab der Kamele in Ägypten, — die Jafetiten aber sangen eine wunderbar süße, schöne Melodie. — Und nachdem die drei Märsche verklungen waren, da fuhr mir urplötzlich der Gedanke durch den Kopf: Nun sollte ein vierter Zug kommen und singen: Hail Columbia! —
Martha Meister: Oftmals habe ich daran gedacht: Was Columbus wohl fühlte, da er zum ersten Male den Fuß auf diesen Boden setzte?
Dr. Albert: Ich glaube, mein Fräulein, ich hatte von einem solchen Gefühl vor wenigen Tagen eine Ahnung, da ich selbst an's Land kam. Die Erde hätte ich küssen mögen. — Der Himmel erschien mir viel höher, als anderswo, und die Luft viel kräftiger, und die Menschen viel lebendiger, energischer; — sie gingen einher, wie anderswo die Könige tun, und sprechen und blicken frei und tragen den Kopf so stolz.
O, rief ich einmal über das andere Mal aus: Das ist ein großes, großes Land, — mein Vaterland — ah, lächeln Sie nicht! — Es könnte Ihnen gehen, wie mir: Ich stand mit Freunden in Neapel am Hafen, und, da es Sonntag war, so hatten die Schiffe geflaggt. — Da kam ein Herr daher, und jeder konnte es sehen, daß er ein Amerikaner war. — Er erblickte am Maste unser Sternenbanner und nahm den Hut von dem Kopfe und beugte sich ehrfurchtsvoll. Alle lächelten, ich mit, — heute thäte ich's nicht. Hören Sie auch dieses:
Es war meine erste Seefahrt, — meine Reise nach Deutschland. — Viele Tage hatten wir nichts gesehen, als Himmel und Wasser, und wir verlangten alle nach Land.
Morgen vielleicht, hatte der Kapitän abends bei Tische gesagt, — morgen vielleicht sehen wir Land. — Süße Hoffnung! — Sie ließ mich keine Ruhe finden in der Nacht, und frühe am Morgen war ich bereits auf dem Verdecke.
Sie sind frühe auf, junger Mann, — sprach einer der Offiziere zu mir.
Bin ich der erste? fragte ich.
Von den Passagieren — ja.
Kein Land in Sicht? fragte ich wieder.
Noch nicht, mein Herr. Sehen Sie dort, wie die Sonne herauf aus dem Wasser steigt? — Ah, — sehen Sie jenen Streifen am fernen Horizont? — Das ist Irland!
Und ich stürmte die Treppe hinab und rief in die Kajüte: Land! Land!
In wenigen Minuten war es belebt auf dem Verdecke; — und alle fragten durch einander: Wo ist das Land? — und sahen mit müden Augen über das Meer und sagten: Ich kann nichts sehen! — und andere riefen: o ja, wirklich, da ist es! Sehen Sie nicht, dort? Land! Land!
Da hörte ich hinter mir ein Schluchzen; ich drehte mich um. Eine Frau stand da. — Sie betete und Thränen rollten ihr die Wangen herab, — es waren Freudenthränen.
O, Irland! Altes, teures Irland, sehe ich dich wieder? — und dann sprach sie lauter:
Seht doch, wie schön es ist! Wie lieblich die Sonne seine grünen Berge bescheint! — Armes, altes Irland! Viel Gutes hat es getan für England in der alten Zeit der Römer. — Aber England hat heut alles vergessen und ist undankbar.
Manche lächelten, als sie dieses hörten. Ich vermochte es nicht.
Jahre waren vergangen, und ich hatte die Frau vergessen. — Und wieder war ich zur See und segelte heimwärts; — und kürzer und kürzer wurde der Raum, der mich trennte von meinem Vaterlande.
Da gedachte ich wieder der Frau und ihrer Liebe zu ihrem Vaterlande; — und als ich den ersten Streifen amerikanischen Landes sah, als ich den herrlichen Hafen von New York sah, da fühlte ich tief, wie jene Frau: — es war die Liebe zum Vaterlande:
Ich soll das Glück in meiner Heimat finden, Hier, wo der Knabe fröhlich aufgeblüht, Wo tausend Freudespuren mich umgeben, Wo alle Quellen mir und Bäume leben — Ach, wohl hab' ich es stets geliebt. Ich fühlte: Es fehlte mir zu jedem Glück der Erde.
Martha Meister: Herr Doktor, Sie denken in vielen Dingen, wie Papa.
Dr. Albert: Das ist mir lieb, von Ihnen, mein Fräulein, zu hören.
Gretchen: Ja, das ist auch wahr, Martha. — Papa äußerte kürzlich ähnliche Gedanken, als wir über Fiesko sprachen.
Otto: Fiesko von Schiller?
Gretchen: Ja wohl, Herr Otto. — Ach, Papa, sprich ein paar Worte über Fiesko. — Die jungen Herren hören so etwas gerne; — und wir auch, nicht wahr, Martha?
Martha Meister: Bitte, lieber Papa.
Herr Meister: Mit Vergnügen, meine Freunde:
Genua war einst eine Republik und Andreas Doria war Doge.
Er war gerecht gegen alle; daher liebte man ihn. — Aber anders war es mit seinem Neffen. — Er war tyrannisch und man begann ihn zu fürchten.
Aber im Stillen war bereits eine Verschwörung gegen Doria und sein Haus entstanden; und das Haupt der Verschwörung war Graf Fiesko.
In der Nacht vor dem Ausbruche der Verschwörung aber konnte Fiesko keinen Schlaf finden; — und unruhig ging er auf dem Balkon seines Palastes auf und ab, mit sich redend:
Da liegt es vor mir, Genua, die Königin des Meeres, vom Monde beschienen. — Sein Schicksal liegt in meiner Hand. — Noch kann ich's wenden, wie ich will. Genua eine Republik oder Monarchie; Republikaner Fiesko oder König Fiesko.
Und die beiden Engel, der böse und der gute, ringen gewaltig in ihm.
Der gute Engel siegte — einen Moment nur; dann aber ward der böse Engel Herr.
Mehr, meine Freunde, will ich nicht erzählen vom Drama. — Aber das genügt für Sie, eine wunderbare Gabe dieses großen Poeten zu erkennen.
Mit seinem Seherblick schaute er wie ein Prophet in die Zukunft und schilderte Jahre voraus, was später in Wirklichkeit kam:
In zwei Republiken waren zwei Helden,: Washington und Napoleon. — An beide Helden traten die beiden Engel heran: der böse und der gute. In Napoleon siegte der böse Engel, in Washington der gute.
Napoleon machte sich zum Monarchen und wurde zum Tyrannen. — Washington aber rief: Freiheit für alle! Unter freien Bürgern will ich der erste sein, nichts mehr!
Wo finden Sie die Größe eines Washington wieder? Ist es nicht groß, eine Krone zu verschmähen und einen Thron?
Otto: Ja, wahrlich, das ist es. — Napoleon muß ich bewundern und achten; Bismarck muß ich bewundern und achten; — aber unsern Washington muß ich bewundern, verehren und lieben.
Martha Parks: Ja, das thue ich auch, Otto!
Dr. Albert: Und daran thust Du auch ganz recht, mein Schwesterchen.
Otto: In Europa denkt und dichtet man viel über die Freiheit; wir aber denken und dichten und halten die Freiheit.
Bella: Aber Schiller ist doch wohl ein großer Poet, nicht wahr? —
Dr. Albert: Ja, mein Fräulein, der Sänger der Freiheit.
Bella: Sein Drama »Wilhelm Tell« ist sehr schön. Ich habe es zweimal gelesen.
Otto: Und haben Sie »Die Räuber« auch gelesen?
Bella: Die Räuber? — Nein.
Dr. Albert: Das ist ein Stück für Dich, Louis.
Louis: Ich möchte es hören, Albert.
Dr. Albert: Otto, Du hast es gelesen. Willst Du es nicht erzählen? — Das heißt, wenn es den Herrschaften angenehm ist.
Herr Meister: O, sicherlich. Wir hören mit Vergnügen zu. Beginnen Sie, Otto.
Der alte Graf von Moor hatte zwei Söhne, Karl und Franz von Moor. Am meisten liebte er Karl, den ältesten, und ihm gedachte er auch seinen ganzen Reichtum zu geben, — Schloß und Land und alles. Daher kam es, daß der jüngere neidisch wurde und lange hin und her dachte, wie er alles aus den Händen des Bruders an sich reißen könnte, und so ging er eines Tages mit einem Briefe, welchen er selbst geschrieben hatte, zum Vater und begann: Mein Vater, ich habe wieder einen Brief erhalten aus Leipzig, ein Freund schreibt mir über Karl, es ist gar Übles; wollt ihr es hören?
Und der alte Vater sprach: Über meinen geliebten Sohn schreibt er? Lies es; was es auch sei, ich will es hören.
Nun las Franz dem unglücklichen Vater vor, was er Schlechtes ersonnen hatte. Des Vaters Auge füllte sich mit Thränen, und einmal nach dem andern rief er aus: O mein Sohn, warum kommst du nicht zurück zu mir an mein väterliches Herz und wirst wie ehemals ein guter, braver Mensch. Schreibe ihm das, Franz, schreibe es ihm.
Karl von Moor studierte auf der Universität zu Leipzig. Eines Tages, da er in seinem liebsten Buche, in Plutarch, gelesen und voll Begeisterung ausgerufen hatte: Ja, das waren Männer und große Zeiten! da sprach Spiegelberg, ein Kamerad, zu ihm: Was hindert uns denn, Großes zu tun? Komm, Moor, laß uns Räuber werden! — Karl aber sprach: Findest du Freude an dem Galgen, Mensch, so gehe nur.
Mehrere Studenten kamen jetzt lärmend und singend zu ihm, und einer von ihnen brachte für Karl von Moor einen Brief. Wie aber waren alle erstaunt, da sie sahen, daß Karl den Brief, den er mit Freude empfangen und geöffnet hatte, voll Zorn zur Erde warf und dann selbst hinaus zur Thüre rannte. Man fürchtete Unglück und nahm den Brief vom Boden und las das Folgende:
»Unglücklicher Bruder! Der Vater sagt, daß ich dir schreibe, er fluche dir und enterbe dich und befehle dir, niemals wieder vor sein Angesicht zu kommen, denn er mag den Sohn nicht sehen, der seinem Namen und seiner Familie Schande bringt.
Dein trauriger Bruder Franz.«
Bald kam Karl zurück. Er trat in ihre Mitte und sprach dann mit lauter Stimme: Freunde, Kameraden, was für eine Welt ist das, in der wir leben, das Gute und das Große ist nirgends mehr, nur das Schlechte und das Gemeine ist überall. Seht: ich hatte einen Vater, den ich liebte und der mir teuer war, und noch vor wenigen Tagen schrieb ich ihm und bat ihn, mir mein Unrecht zu vergeben; ah, ich hatte ihn gebeten mit Worten, die einen Stein erweicht hätten, — aber des Vaters Herz blieb hart. Seht, Freunde, so ist mein eigner Vater, so und noch schlimmer sind die Menschen alle in diesen Tagen. Die Menschheit ist zu tief gesunken, wir wollen sie heben und das Schlechte und die Tyrannei wollen wir vernichten. Wer von euch steht mir bei? wer von euch hat den Mut, Tod und Untergang zu schwören aller Tyrannei?
Wir alle stehn dir bei und schwören! riefen sie.
Wohlan, so laßt uns Räuber werden!
Und alle schrien: So laßt uns Räuber werden, und Karl von Moor sei Hauptmann!
Franz aber verfolgte seinen teuflischen Plan. Ein Mann, den er selbst geschickt hatte, kam eines Tages zum alten Grafen Moor und sagte, daß er ein Kamerad seines Sohnes Karl gewesen sei und daß er nun komme, um dem Vater seines Sohnes Tod mitzuteilen. Der alte Vater hörte und glaubte es und wurde so unglücklich und so krank, daß man sein nahes Ende befürchtete. Seine Nichte Amalie war bei ihm und trauerte mit ihm; denn sie liebte Karl und sie las laut aus der Bibel die Geschichte Jakobs und Josephs vor, und als sie an Jakobs Worte kam: Mein graues Haupt wird mit Kummer in die Grube fahren — da fiel der unglückliche Mann wie leblos zurück und Amalie[II-3] schrie auf: Er stirbt, er stirbt! und alle dachten der Graf von Moor sei tot und jetzt wäre Franz Herr im Schlosse.
Karl von Moor befand sich jetzt an der Spitze einer großen Räuber-Bande in den böhmischen Wäldern. Er war zum Schrecken aller Tyrannen, aller Reichen und aller großen Herren geworden, welche Übles taten, — den Armen, den Schwachen und den Bedrückten aber gab und half er. Eine neue Ordnung der Dinge wollte er schaffen und allen Menschen wollte er gleiche Rechte geben. Seine Ideen erfüllten seine Leute mit Begeisterung, und sie kämpften so mutig, daß sie immer siegten gegen des Königs Soldaten.
Es war am Abend nach einer solchen Schlacht, als Karl von Moor allein im Walde unter den Bäumen ruhte, daß er recht traurig wurde, da er über sein Leben nachdachte. Er hatte Glück verbreiten wollen — und bis heute hatte er es nur vernichtet. Städte hatte er durch Feuer zerstört, Saaten und Felder hatte er in den Schlachten zerstampft und dann — o, wie das Wimmern und Klagen der Witwen und Waisen in seinen Ohren ertönte! Ah, zu spät mußte er lernen, daß er einst zu schnell gehandelt hatte; zu spät mußte er sehen, daß es nicht eines Menschen Werk sei, für alle zu sorgen, daß Gott allein in seiner Allweisheit, in seiner Allmacht und in seiner Allgüte dieses vermag. O, wie wünschte er seine Jugend-Jahre zurück; o, wie wünschte er sein Leben noch einmal beginnen zu können, — aber es war zu spät. — Er wurde unterbrochen in seinen Gedanken, denn die Räuber führten einen Jüngling zu ihm. Karl betrachtete ihn lange, dann sprach er: Freund, mir scheint, daß ihr nobel seid. Ihr gefallt mir, darum sage ich euch: Haltet euch fern von uns, kehrt zurück zu den Menschen, da eure Hände noch rein sind vom Blute.
Der Jüngling aber sprach: Ich bin ein böhmischer Edelmann und hatte reiche Ländereien und schöne Schlösser und, um mein Glück voll zu machen, ein Mädchen, das mich liebte, und in wenigen Tagen sollte sie mein Weib sein. Da ließ mich der Fürst des Landes in das Gefängnis werfen — ich hatte kein Unrecht begangen — und endlich, da man mich nach Monaten wieder frei machte, fand ich meine Braut nicht mehr. Der Fürst hatte ihr gedroht, daß ich sterben müsse, wenn sie nicht sein werden wolle; und sie, die Unglückliche, hatte sich selbst geopfert, um mein Leben zu retten. Auch meine Güter hat man mir geraubt. Nun sagt, Herr Graf von Moor, was bleibt mir, als der Kampf um mein Recht? Laßt mich bei euch, einen Unglücklichen bei den Unglücklichen, denn auch ihr seid nicht glücklich, wie ich sehe. Und Moor sprach: Du magst bleiben.
Durch diese Erzählung aber war in Moor wieder der Wunsch erwacht, seine Heimat und seine Geliebte zu sehen, und er befahl: Auf, auf nach Franken!
Franz hatte nun alles erreicht, er hatte Reichtum und Herrschaft — aber er war unglücklich, denn ihm fehlte die Ruhe im Innern. Mit bösen Gedanken hatte er begonnen und zu bösen Taten war er gekommen und tiefer und tiefer war er gesunken, so daß die Menschen ihn haßten und fürchteten, gleich wie er sie. Ein fremder Graf war in das Schloß gekommen. Niemand kannte ihn, aber Franz von Moor fürchtete ihn mehr als einen andern Menschen. Amalie aber mußte immer an Karl denken, sie wußte nicht warum; und da sie in dem Garten saß und zu ihrer Laute das Lied sang, welches Karl einst so liebte, hörte sie vom andern Ende des Gartens dieselben Worte und dieselbe Melodie. Sie wußte nun, wer der fremde Graf war.
Es war Nacht geworden, und Karl von Moor war wieder zurückgegangen in den Wald. Da sah er beim Mondenschein einen Mann an einen alten Turm gehen und er hörte auch Töne aus dem Innern des Turmes. — In diesem Umstande vermutete[II-4] er ein Geheimnis. — Leise trat Moor hinzu, packte den Mann und sprach: Wer bist du und was thust du hier? Erbarmen, rief jener, Erbarmen, ich bringe Brot für einen Unglücklichen, der hier im Turme hungert. Mit seinem Schwerte öffnete Karl die Thüre, und aus der Tiefe des Turmes kam langsam und scheu, die Hände ringend und Erbarmen, Erbarmen! rufend, eine Figur. War es ein lebender Mensch, war es ein Skelett? Karl von Moor erkannte in dem alten Manne mit den langen, schneeweißen Haaren seinen eignen Vater!
Jetzt verstand Karl alles, sein Feind war auch seines Vaters Feind, des Vaters Unglück und sein eignes kam von einem allein. Und er rief seine Räuber und sprach:
Freunde, noch eins tut für mich, und dann will ich nichts mehr von euch bitten: Bringet hierher vor mich Franz von Moor!
Diese Nacht aber war wieder eine der schrecklichsten gewesen, wie sie Franz von Moor so oft erlebt hatte: er konnte nicht schlafen, denn er mußte an seine Sünden denken, und wenn er endlich eingeschlafen war, so hatte er die fürchterlichsten Träume, und so groß war seine Angst, daß er nicht allein sein wollte, daß seine Diener an seinem Bette wachen mußten. Nach langer Zeit zum ersten Male sandte er wieder in dieser Nacht zum Pastor; nach langer Zeit zum ersten Mal wollte er wieder beten und er begann:
Höre mich beten, Gott im Himmel, es ist das erste Mal, soll auch gewiß nimmer geschehen. Erhöre mich, Gott im Himmel! — Franz hatte das Beten verlernt, und seine Angst und seine Verzweiflung war endlos. Als die Räuber in das Schloß stürmten, fanden sie Franz leblos auf der Erde — er erwachte nie mehr.
Amalie hatte überall im Garten ihren Geliebten gesucht. Er war geflohen, sie folgte ihm in den Wald, sie sah ihn und das waren nach langer, langer Zeit die ersten und letzten Momente des Glückes.
Louis: Und wie war das Ende?
Otto: Das möchte ich Dir nicht sagen.
Louis: Aber das ist recht schlecht von Dir, Otto!
Dr. Albert: Dafür werde ich Dir ein Lied vorsingen aus den »Räubern«. — Fräulein Martha Meister, wollen Sie mich nicht begleiten?
Martha Meister: Sehr gerne, Herr Doktor.
Dr. Albert (singt):
Ein freies Leben führen wir, Ein Leben voller Wonne; Der Wald ist unser Nachtquartier, Bei Sturm und Wind hantieren wir; Der Mond ist unsre Sonne.
Louis: Das gefällt mir, Albert. Nun erzähle mir noch ein wenig von Bismarck.
Dr. Albert: Auf der Universität in Berlin studierte ein junger Schwede. Dieser erhielt eines Tages einen Brief von seinem Onkel. Der Onkel schrieb: Mein lieber Neffe! — Deine Cousine, meine Tochter, reist nach Ems in's Bad. In Berlin möchte sie einige Tage rasten und zugleich Berlin sehen. Willst du nicht die Güte haben, deine Cousine an der Post abzuholen und ihr Berlin zu zeigen u.s.w.
Die junge Dame kam an. Da stand der junge Mann mit einer Rose im Knopfloch. Er begleitete sie in das Hotel.
Am nächsten Morgen kam er mit einer feinen Equipage und zeigte der Dame Berlin und so tat er am zweiten und am dritten Tage.
Die Dame war glücklich über ihren galanten und aufmerksamen Vetter.
Am vierten Morgen begleitete er sie zurück zum Postwagen. Und die Dame saß schon, da sagte der junge Mann:
Cousine, ich kann Sie nicht abreisen lassen, ohne Ihnen ein Geständnis zu machen.
Die junge Dame errötete und schlug die Augen nieder.
Ich muß Ihnen sagen, sprach der junge Mann weiter, daß ich — nicht ihr Cousin bin. Ihr Cousin ist mein Freund. Er hatte keine Zeit mit Ihnen zu gehen, weil er ein Examen zu machen hat; darum bat er mich, es zu tun.
Aber, mein Gott, wer sind Sie denn? rief die Dame.
Der junge Mann gab ihr seine Karte. Der Postillon bließ seine Trompete, der Postwagen rollte fort, und die junge Dame las auf der Karte — Otto von Bismarck.
Seitdem waren Jahre verflossen. — Aus dem jungen Bismarck wurde der alte, weltberühmte Bismarck, der in der Wilhelmsstraße in Berlin wohnt.
Da hielt eines Tages eine Equipage vor Bismarcks Palast, und eine alte, elegante Dame stieg aus, sandte ihre Karte zu dem mächtigen Kanzler des deutschen Reiches und bald stand sie vor ihm und sprach:
Als Eure Excellenz mich zuletzt sahen, war ich noch jung. Eure Excellenz sind seitdem groß und berühmt geworden und haben mich sicherlich vergessen. Ich hatte einst die Ehre, an ihrem Arme Berlin zu besichtigen.
Ah, rief Bismarck, ich erinnere mich dessen sehr wohl und bin Ihnen, Madame, zu großem Danke verpflichtet. Mein Leben war immer so voll Arbeit, daß ich nur einmal das Museum in Berlin sehen konnte, und das war mit Ihnen zu jener Zeit. — Aber nun erlauben Sie mir, Sie einzuführen in meine Familie. —
Glückliche Stunden folgten darauf.
Martha Meister: Was mir an Bismarck so wohl gefällt, das ist ein Dreifaches: Seine warme Liebe zur Familie, zur Religion und zur Natur.
Dr. Albert: Da haben Sie auch ganz Recht, mein Fräulein. — Ah, ich sehe, Louis ist noch nicht zufrieden.
Bismarck war Offizier geworden und mit seinen Kameraden stand er einst vor einem Wasser. Da hörten sie: Hilfe! Hilfe! aus dem Wasser. — Zuerst von allen sprang Bismarck in die Tiefe, tauchte unter und rettete mit Not das Leben seines Dieners.
Dafür gab ihm der König eine Rettungs-Medaille, und das war Bismarcks erster Orden.
Und einst war Bismarck in Wien auf einem Diner der Diplomaten. — Ah, wie da alles glitzerte und glänzte von Orden und Sternen in Gold und Silber — und Bismarck hatte nichts, als jene Rettungs-Medaille.
Bismarck vis-à-vis saß ein gewaltiger Politiker Österreichs, dessen Brust nicht breit genug war für alle Orden, die er hatte.
Ei, Herr von Bismarck, was für einen Orden haben Sie denn da? fragte er sarkastisch.
Das ist eine Rettungs-Medaille, sagte Bismarck gleichgültig; — es ist meine Gewohnheit, zuweilen einem Menschen das Leben zu retten.
Jahre vergingen, und auch Bismarck wurde groß; auch Bismarck erhielt Orden, mehr, als er tragen konnte, und er war schon viel größer, als der sarkastische Diplomat von Österreich.
Und wieder war er mit ihm auf einem Diner, und saß ihm gegenüber. Und wieder glitzerte des andern Brust von den vielen Sternen und wieder hatte Bismarck nichts als die Rettungs-Medaille; alle andern hatte er zu Hause gelassen.
Ei, sagte dieses Mal Bismarck, — ei, Excellenz, welche Orden haben Sie denn da?
Und die Excellenz zählte die Orden an den Fingern; — sie hatte nicht Finger genug!
Oh, sagte Bismarck, alle diese Orden habe ich auch. Aber haben Sie auch eine Rettungs-Medaille?
Die Excellenz errötete und antwortete nicht.
Louis: Siehst Du, Albert, das ist das beste, was ich von Bismarck gehört habe; sage mir doch, Albert, wie war Bismarck in der Schule?
Dr. Albert: Ich glaube, gut und fleißig.
Louis: So? — Hm.
Dr. Albert: Besonders gern studierte er Geschichte.
Louis: Dann will ich auch Geschichte studieren. Erzähle mir noch eine; dann will ich dich nicht mehr bemühen, Albert.
Dr. Albert: Als Bismarck noch ein junger Diplomat war, mußte er einst dem Minister-Präsidenten von Österreich einen Besuch machen.
Es war ein sehr heißer Sommertag. Der Herr Minister-Präsident saß vor einem offenen Fenster in den Hemd-ärmeln und rauchte seine Cigarre.
Er ließ Bismarck lange in der Halle stehen, ohne Notiz von ihm zu nehmen. — Bismarck hustete; — aber der Herr Minister-Präsident wollte den jungen Mann immer noch nicht hören.
Da zog Bismarck seinen Rock ebenfalls aus, stellte einen Stuhl neben den des Minister-Präsidenten, nahm auch eine Cigarre aus der Tasche und sprach: Herr Minister-Präsident, darf ich Sie um etwas Feuer bitten? —
Der Minister-Präsident war starr vor Erstaunen.
Er warf seine Cigarre aus dem Fenster; Bismarck auch. Er stand auf; Bismarck auch. Er zog seinen Rock an; Bismarck auch — und nun begann die Audienz.
Louis: Diese Anekdote ist noch besser, Albert!
Dr. Albert: So, Schwesterchen Martha, nun wollen wir gehen.
Herr Meister: Wenn Sie noch einen Augenblick verzögern wollten, so möchte ich Ihnen etwas erzählen, was mir soeben einfiel bei Ihrer letzten Anekdote.
Der Baron von Rothschild saß auch einmal in seinem Arbeits-Zimmer, als ein Herr hereintrat. — Vertieft in seine Kalkulation, sagte der Baron zu dem Fremden:
Nehmen Sie einen Stuhl, bitte!
Aber ich bin der Graf von....
So? — Dann nehmen Sie zwei!
Louis: Das war eine gute Antwort, Herr Meister. — Nun müssen wir gehen.
Dr. Albert: Meine Herrschaften, es war mir sehr angenehm!
Martha Meister: Mama wird bedauern, verhindert gewesen zu sein.
Dr. Albert: Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Mama.
Martha Meister: Danke. — Adieu, Martha; komm bald wieder zu uns.
Otto: Adieu, meine Damen! Herr Meister, Adieu!
Louis: Nun, Fräulein Bella, sind Sie zufrieden mit mir?
Bella: Ja, Sie sind ein Mann von Wort.
Louis: Adieu, meine Herrschaften!
Alle: Adieu!

