Kaukasische Erzählungen - Ein Ueberfall - Der Holzschlag - Begegnung im Felde
Reading edition
Vom Sommer 1851 bis zum Herbst 1853 war Leo Tolstoj als Offizier im Kaukasus. Die neue Welt, die ihn hier umgab, wirkte auf den Dichter mit solcher Macht ein, daß auch die kurze Zeit seines Aufenthalts ungemein reiche Früchte trug.
Der Kaukasus lebte in der Vorstellung des gebildeten Russen als ein fernes Paradies, in dem der seelenkranke Westeuropäer Gesundung findet. Diese romantische Vorstellung von den Gebirgsländern, die an der Scheide Europas und Asiens liegen, hatten die Lyrik Puschkins, die Erzählerkunst Lermontows und die Romanschilderungen Marlinskijs erzeugt. Leo Tolstoj tritt an die neue Welt, die sich ihm aufthut, mit unverschleiertem Blick heran und entkleidet sie ihres erborgten Reizes. Nicht geringer ist für ihn die Majestät der Natur, nicht schwächer die Eindrücke, die der Mensch der Unkultur und der unter ihrem Einflusse veränderte russische Mann aus den niederen Schichten des Volks auf ihn machen. Aber anders geartet ist alles. Es ist der Unterschied des Wirklichkeitsbildes und der idealisierenden, absichtsvollen Selbsttäuschung.
Die Werke, die dieser Zeit ihre Anregung verdanken, sind: »Ein Ueberfall«, »Der Holzschlag«, »Eine Begegnung im Felde mit einem Moskauer Bekannten« und »Die Kosaken«. Ich habe alle vier (in meiner Biographie Leo Tolstojs) unter dem gemeinsamen Titel »Kaukasische Erzählungen« zusammengefaßt. Nicht alle vier sind im Kaukasus selbst niedergeschrieben: »Ein Ueberfall« ist aus dem Jahre 1852, »Der Holzschlag« ist in den Jahren 1854/55 zu Papier gebracht, mitten unter den Stürmen der Sewastopoler Kämpfe, »Eine Begegnung im Felde« stammt aus dem Jahre 1856, und »Die Kosaken« sind gar erst ein Jahrzehnt später (1861) zum Abschluß gediehen und im Jahre 1863 veröffentlicht.
Alle diese Erzählungen durchzieht als leitender Gedanke: die Abneigung gegen die Kultur und die Gesellschaftsschicht, die sich als ihre ausschließliche Eigentümerin fühlt, und die Liebe zu dem schlichten Volk, das unbewußt Tugenden bewahrt hat, die dem Gebildeten fehlen. Hie und da bricht auch schon ernster die Verabscheuung des Krieges hindurch, eine Idee, die später, gestützt auf den Satz des Evangeliums: »daß ihr nicht widerstreben sollt dem Uebel« zu einer der wichtigsten Grundsätze Tolstojscher Weltanschauung geworden ist.
R. L.


Ein Ueberfall - Erzählung eines Freiwilligen
I
Es war am 12. Juli, Kapitän Chlopow trat in Epauletten und Säbel – einer Uniform, in der ich ihn seit meiner Ankunft im Kaukasus noch nie gesehen hatte – durch die niedrige Thür meiner Erdhütte ein.
Ich komme direkt vom Obersten, antwortete er auf den fragenden Blick, mit dem ich ihm entgegenkam. Morgen rückt unser Bataillon aus.
Wohin? fragte ich.
Nach N. N., dort sollen sich die Truppen sammeln.
Und von da wird es gewiß einen Marsch geben.
Wahrscheinlich.
Wohin aber, was glauben Sie?
Was ich glaube? Ich sage Ihnen, was ich weiß. Gestern Nacht kam ein Tatar vom General hergesprengt und brachte den Befehl, das Bataillon solle ausrücken und für zwei Tage Zwieback mitnehmen; wohin es geht, weshalb und wie lange, danach, Freundchen, fragt man nicht; der Befehl ist da, und das genügt.
Wenn aber nur für zwei Tage Zwieback mitgenommen werden soll, so werden wohl auch die Mannschaften nicht länger unterwegs bleiben?
Nun, das will noch gar nichts sagen ...
Wie denn aber? fragte ich verwundert.
Das ist einmal so! Wir marschierten nach Dargi, für acht Tage nahmen wir Zwieback mit und blieben fast einen Monat dort.
Werde ich mit Ihnen mitgehen dürfen? fragte ich nach einer kurzen Pause.
Dürfen werden Sie schon, aber ich rate Ihnen, gehen Sie lieber nicht mit. Warum sollen Sie Ihr Leben aufs Spiel setzen? ...
Nein, Sie müssen mir schon gestatten, Ihrem Rate nicht zu folgen. Ich habe hier einen ganzen Monat ausgehalten, um endlich die Gelegenheit abzuwarten, ein Gefecht mit anzusehen, und nun wollen Sie, daß ich sie vorübergehen lasse.
Bitte, kommen Sie mit; aber, wahrhaftig, ist es nicht gescheiter, Sie bleiben hier? Sie könnten hier abwarten, bis wir wiederkommen, Sie könnten jagen, und wir werden mit Gott ausrücken. Das wäre prächtig! – sagte er in so überzeugendem Tone, daß es mir im ersten Augenblick wirklich so vorkam, als wäre das herrlich; dann sagte ich entschlossen, daß ich um keinen Preis zurückbleibe.
Und was wollen Sie denn dort sehen? fuhr der Kapitän fort mir zuzureden. Sie möchten gern wissen, wie es in einer Schlacht zugeht? Lesen Sie Michajlowskij-Danilewskijs »Beschreibung des Kriegs«, ein wundervolles Buch! Da ist alles ausführlich beschrieben: wo die einzelnen Korps gestanden haben, wie die Schlachten vor sich gehen.
O nein, das interessiert mich nicht, antwortete ich.
Nun was denn: Sie wollen also, wie es scheint, einfach mit ansehen, wie man Menschen totschlägt? ... Da war hier im Jahre 32 auch so ein Civilist, ein Spanier war es, glaube ich. Zwei Feldzüge hat er mit uns mitgemacht, in seinem blauen Mäntelchen – schließlich haben sie den Burschen abgemurkst. Hier, Väterchen, wird kein Mensch dich viel bewundern ...
So peinlich es mir auch war, daß der Kapitän meine Absicht in so häßlichem Sinne auslegte, gab ich mir doch keine Mühe, ihm eine andere Überzeugung beizubringen.
War er tapfer? fragte ich ihn.
Das weiß Gott: er war immer in den ersten Reihen; wo man Gewehrknattern hörte, sah man ihn.
Er muß also wohl tapfer gewesen sein, sagte ich.
Nein, das nennt man nicht tapfer, wenn einer überall herumrennt, wo man ihn nicht braucht ...
Was nennen Sie also tapfer?
Tapfer? ... Tapfer? wiederholte der Kapitän, mit der Miene eines Menschen, dem eine solche Frage zum erstenmal vorgelegt wird: Tapfer ist, wer sich so benimmt, wie sich's gehört, sagte er nach einigem Nachdenken.
Mir fiel ein, daß Plato die Tapferkeit definiert als »die Kenntnis dessen, was man zu fürchten hat und was man nicht zu fürchten hat«, und trotz der Allgemeinheit und Unklarheit des Ausdrucks in der Definition des Kapitäns, meinte ich, der Grundgedanke beider sei gar nicht so schlecht, wie es scheinen mochte, ja die Definition des Kapitäns sei sogar richtiger, als die Definition des griechischen Philosophen; denn hätte er sich so auszudrücken verstanden, wie Plato, so würde er sicher gesagt haben: Tapfer ist, wer nur das fürchtet, was man fürchten muß, und nicht das, was man nicht zu fürchten braucht.
Ich hatte Lust, dem Kapitän meinen Gedanken klarzumachen.
Ja, sagte ich, in jeder Gefahr, glaube ich, haben wir eine Wahl, und eine Wahl, die z. B. unter dem Einfluß des Pflichtgefühls getroffen ist, ist Tapferkeit, und eine Wahl, die unter dem Einfluß eines niedrigen Gefühls getroffen ist, ist Feigheit; darum kann man einen Menschen, der aus Eitelkeit, aus Neugier oder aus Habsucht sein Leben aufs Spiel setzt, nicht tapfer nennen, und umgekehrt einen Menschen, der unter dem Einfluß des ehrenwerten Gefühls von Familienpflicht oder einfach der Überzeugung – einer Gefahr aus dem Wege geht, nicht einen Feigling nennen.
Der Kapitän sah mich, während ich sprach, mit einem sonderbaren Blick an.
Ja, das verstehe ich nicht mehr, sagte er und stopfte dabei sein Pfeifchen; aber wir haben hier einen Junker, der philosophiert euch gern. Mit dem müssen Sie sprechen. Er macht auch Verse.
Ich hatte den Kapitän erst im Kaukasus kennen gelernt, aber gekannt hatte ich ihn schon in Rußland. Seine Mutter, Maria Iwanowna Chlopowa, war Besitzerin eines kleinen Gütchens, zwei Werst von meiner Besitzung. Vor meiner Abreise nach dem Kaukasus war ich bei ihr gewesen; die Alte war sehr erfreut, daß ich ihren Paschenka (wie sie den alten, grauen Kapitän nannte) aufsuchen wollte und – ein lebendiger Brief – ihm von ihrem Leben und Treiben erzählen und ein Päckchen überbringen konnte. Sie hatte mir einen vorzüglichen Pirogg und Spickgans vorgesetzt, dann ging sie in ihr Schlafzimmer und kam von da mit einem schwarzen, ziemlich großen Heiligenbilde zurück, an dem ein Seidenbändchen befestigt war.
Das ist das Bild unserer Mutter Gottes, der Fürsprecherin, vom brennenden Dornbusch, sagte sie, bekreuzte sich, küßte das Bild der Gottesmutter und überreichte es mir: überbringen Sie ihm das, Väterchen. Sehen Sie, als er nach dem Kaukasus ging, habe ich eine Messe lesen lassen und ein Gelübde gethan, wenn er gesund und unversehrt bleibt, dieses Mutter-Gottesbild zu bestellen. Nun sind es schon achtzehn Jahre, daß die barmherzige Fürsprecherin und die Heiligen ihn schützen; nicht ein einziges Mal war er verwundet, und in wieviel Schlachten ist er schon gewesen! ... Wie mir Michajlo, der mit ihm war, zu erzählen anfing, glauben Sie mir, die Haare stehen einem zu Berge; sehen Sie, was ich von ihm weiß, weiß ich alles nur von fremden Leuten, er selbst, mein Täubchen, schreibt nichts von seinen Kriegszügen – er fürchtet mich zu ängstigen.
(Schon im Kaukasus hatte ich erfahren, und zwar nicht von dem Kapitän selbst, daß er viermal schwer verwundet gewesen, und es versteht sich von selbst, daß er über die Verwundungen wie über die Feldzüge nie seiner Mutter ein Wort geschrieben hatte.)
Dieses Heiligenbild soll er nun auf seiner Brust tragen, fuhr sie fort, ich segne ihn damit.
Die heilige Fürsprecherin wird ihn beschützen! Besonders in der Schlacht soll er es immer tragen. Sag's ihm, Väterchen, das läßt dir deine Mutter sagen.
Ich versprach ihren Auftrag pünktlich auszuführen.
Ich weiß, Sie werden ihn liebgewinnen, meinen Paschenka, fuhr die Alte fort, er ist ein so prächtiger Mensch! Wollen Sie glauben, kein Jahr geht vorüber, in dem er mir nicht Geld schickt, und meine Tochter, die Annuschka, unterstützt er auch sehr; und alles nur von seinem Gehalt! Mein ganzes Leben werde ich Gott danken, schloß sie mit Thränen in den Augen, daß er mir ein solches Kind geschenkt hat.
Schreibt er Ihnen oft? fragte ich.
Selten, Väterchen, so einmal im Jahre, wenn er Geld schickt, schreibt er wohl ein Wörtchen, sonst nicht. Wenn ich dir nicht schreibe Mütterchen, sagt er, dann bin ich gesund und munter, und wenn, was Gott verhüte, etwas passiert, so wirst du es auch so erfahren.
Als ich dem Kapitän das Geschenk der Mutter überreichte (es war in meinem Zimmer), bat er mich um Umschlagpapier, hüllte es sorgfältig ein und steckte es in die Tasche. Ich erzählte ihm viel und ausführlich über das Leben seiner Mutter – der Kapitän schwieg. Als ich mit meiner Erzählung zu Ende war, ging er in die Ecke und stopfte auffallend lange sein Pfeifchen.
Ja, eine prächtige Frau! sagte er von dort her mit etwas dumpfer Stimme. Ob's mir Gott noch vergönnt, sie wiederzusehen? In diesen einfachen Worten lag sehr viel Liebe und Sehnsucht.
Warum dienen Sie hier? sagte ich.
Man muß doch dienen, antwortete er mit Überzeugung, für einen armen Teufel wie unsereins will das doppelte Gehalt viel sagen.
Der Kapitän lebte sparsam: Karten spielte er nicht, Wein trank er selten und rauchte einen einfachen Tabak, den er, ich weiß nicht warum, nicht Rauchtabak, sondern sambrotalischen Tabak nannte. Der Kapitän hatte mir schon früher gefallen: er hatte eine von den schlichten, ruhigen, russischen Physiognomien, denen man mit Vergnügen und leicht gerade in die Augen sieht; nach dieser Unterhaltung aber empfand ich vor ihm wahre Hochachtung.
II

Am folgenden Tage, um vier Uhr morgens, kam der Kapitän, mich abzuholen. Er trug einen alten, abgetragenen Rock ohne Epauletten, breite Hosen, eine weiße Fellmütze, mit ausgegangenem, gelbgewordenem Schafpelz und einen unansehnlichen, asiatischen Säbel über die Schulter.
Der kleine Schimmel, den er ritt, ging mit gesenktem Kopfe in ruhigem Schritt und schlug beständig mit seinem dünnen Schweife um sich. Obgleich in der Erscheinung des guten Kapitäns nicht nur wenig Kriegerisches, sondern auch wenig Schönes lag, sprach aus ihr doch so viel Gleichgültigkeit gegen alles, was ihn umgab, daß sie unwillkürlich Achtung einflößte.
Ich ließ ihn nicht einen Augenblick warten, bestieg sofort mein Pferd, und wir ritten zusammen zum Festungsthore hinaus.
Das Bataillon war uns schon 200 Faden voraus und sah wie eine schwarze, kompakte, schwankende Masse aus. Nur daran konnte man erkennen, daß es Infanterie war, daß die Bajonette wie dichte, lange Nadeln zu sehen waren; von Zeit zu Zeit schlugen die Töne eines Soldatenliedes, einer Trommel oder eines prächtigen Tenors aus der sechsten Kompagnie, den ich schon oft in der Festung mit Entzücken gehört hatte, an unser Ohr. Der Weg ging mitten durch einen tiefen und breiten Engpaß am Ufer eines kleinen Flüßchens entlang, der gerade um diese Zeit »spielte«, d. h. über die Ufer trat. Scharen wilder Tauben flatterten um den Fluß: bald setzten sie sich auf das steinige Ufer, bald beschrieben sie in der Luft schnelle Kreise und entschwanden unsern Blicken.
Die Sonne war noch nicht zu sehen, aber der Gipfel der rechten Seite des Engpasses wurde heller und heller. Die grauen und weißlichen Steine, das gelbgrüne Moos, die taubedeckten Sträucher des Kreuzdorns, der Mispel und der Korkulme traten mit außerordentlicher Deutlichkeit und Plastik in dem durchsichtigen, goldigen Licht der aufgehenden Sonne hervor; dagegen war die andere Seite und der Hohlweg in dichten Nebel gehüllt, der in rauchartigen ungleichen Schichten wogte, feucht und düster, und boten ein unbestimmbares Gemisch von Farben: blaßlila, fast schwarz, dunkelgrün und weiß.
Dicht vor uns an dem dunklen Azur des Horizonts schimmerten in überraschender Helligkeit die hellweißen, matten Massen der Schneeberge mit ihren wunderlichen, bis in die kleinsten Einzelheiten schönen Schatten und Umrissen. Grillen, Heuschrecken und tausend andere Insekten erwachten im hohen Grase und erfüllten die Luft mit ihrem hellen, ununterbrochenen Klingen: es war, als ob eine zahllose Menge winziger Glöckchen in unsern eigenen Ohren tönte. Die Luft duftete nach Wasser, Gras und Nebel, mit einem Wort, sie duftete nach einem schönen Sommermorgen. Der Kapitän schlug Feuer und zündete sein Pfeifchen an, der Geruch des sambrotalischen Tabaks und des Zunders kam mir außerordentlich angenehm vor.
Wir ritten neben dem Weg einher, um die Infanterie schneller einzuholen. Der Kapitän schien nachdenklicher als gewöhnlich, ließ sein daghestanisches Pfeifchen nicht aus dem Munde und stieß bei jedem Schritt mit den Fersen sein Pferd an, das, von einer Seite auf die andere schwankend, eine kaum merkliche, dunkelgrüne Spur in dem feuchten, hohen Grase zurückließ. Unter seinen Füßen flog mit Gackern und mit dem Flügelschlage, bei dem der Jäger unwillkürlich zusammenzuckt, ein Fasan auf und stieg langsam in die Höhe. Der Kapitän schenkte ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit.
Wir hatten das Bataillon beinahe schon eingeholt, als hinter uns der Hufschlag eines heransprengenden Pferdes hörbar wurde, und in demselben Augenblick sprengte ein sehr hübscher, junger Bursche in Offiziersuniform und in einer hohen, weißen Fellmütze vorüber. Als er uns erreicht hatte, lächelte er, nickte dem Kapitän zu und schwang sein Peitschchen ... Ich hatte Zeit zu bemerken, daß er mit besonderer Anmut im Sattel saß und die Zügel hielt, und daß er schöne, schwarze Augen, eine feine Nase und ein eben sprossendes Schnurrbärtchen hatte. Besonders hatte mir an ihm gefallen, daß er das Lächeln nicht hatte unterdrücken können, nachdem er gesehen, daß wir Freude an seinem Anblick hatten. Aus diesem Lächeln allein hätte man schon schließen können, daß er noch sehr jung war.
Wohin eilt er? brummte der Kapitän mit mürrischer Miene, ohne den Tschibuck aus dem Munde zu nehmen.
Wer ist das? fragte ich.
Der Fähnrich Alanin, ein Subaltern-Offizier meiner Kompagnie ... Er ist erst im vorigen Monat aus dem Kadettenkorps hierher gekommen.
Er geht gewiß zum erstenmal in eine Schlacht? sagte ich.
Darum ist er auch so glücklich ... – antwortete der Kapitän, tiefsinnig den Kopf wiegend. O, die Jugend!
Warum sollte er denn nicht froh sein? Ich kann mir wohl denken, daß das für einen jungen Mann sehr interessant sein muß.
Der Kapitän schwieg einige Minuten.
Ja, ja, ich sage: die Jugend! fuhr er in tiefem Tone fort, wie kann man sich freuen, ehe man noch etwas gesehen hat? Wenn du erst öfter ins Feld gezogen bist, wirst du dich nicht mehr freuen. Wir sind jetzt, sagen wir, zwanzig Offiziere, einer oder der andere fällt oder wird verwundet, das ist gewiß. Heut gilt es mir, morgen gilt es dir, übermorgen einem dritten: was giebt es da für einen Grund zur Freude?
III

Die helle Sonne war kaum hinter dem Berge hervorgekommen und ergoß ihr Licht in das Thal, durch das wir zogen, die wogenden Nebelwolken zerstreuten sich, und es wurde heiß. Die Soldaten marschierten mit ihren Gewehren und Säbeln auf dem Rücken langsam die staubige Straße dahin, in den Reihen hörte man von Zeit zu Zeit ein Gespräch in kleinrussischer Mundart und Gelächter. Einige alte Soldaten in weißen Kitteln, – meist Unteroffiziere –, gingen neben dem Wege, mit dem Pfeifchen im Munde, und plauderten ruhig. Vollgepackte, dreispännige Fuhren bewegten sich Schritt für Schritt vorwärts und wirbelten den dichten, schwerfälligen Staub auf. Die Offiziere ritten voran: die einen dshigitierten, wie man im Kaukasus sagt, d. h. sie schlugen das Pferd mit der Peitsche und ließen es vier, fünf Sprünge machen, dann parierten sie es auf der Stelle und schwenkten den Kopf nach rückwärts. Die anderen schenkten den Spielleuten ihre Aufmerksamkeit, die trotz Glut und Stickluft unermüdlich ein Lied nach dem andern spielten.
Gegen 100 Faden vor der Infanterie ritt auf einem großen Schimmel neben den berittenen Tataren ein schlanker und schöner Offizier in asiatischer Tracht; er war im ganzen Regiment wegen seiner tollkühnen Tapferkeit bekannt und als ein Mann, »der jedem die Wahrheit in die Augen wirft«. Er trug ein schwarzes Beschmet mit Silberborte, ebensolche Beinkleider, neue, eng an den Füßen anliegende Stiefel mit Tschirasen (Galons), einen gelben Tscherkessenrock und eine hohe nach hinten eingedrückte Fellmütze. Über Brust und Rücken liefen silberne Borten, daran hingen auf dem Rücken Pulverhorn und Pistole; eine zweite Pistole und ein Dolchmesser in silberner Scheide hingen am Gürtel. Über der Kleidung war sein Säbel in schöner Saffianscheide mit Silberbesatz umgürtet, über die Schultern hing die Windbüchse in schwarzem Überzug. Aus seiner Tracht, seiner Haltung und aus seinem ganzen Gebahren, überhaupt an allen seinen Bewegungen war ersichtlich, daß er sich Mühe gab, wie ein Tatar auszusehen. Er sprach auch mit den Tataren, die neben ihm ritten, in einer mir unbekannten Sprache; aber an den verwunderten, spöttischen Blicken, die diese letzteren einander zuwarfen, glaubte ich zu erkennen, daß sie ihn nicht verstanden. Es war einer von unseren jungen Offizieren, einer der kühnen Ritter und Dshigiten, die sich an dem Muster von Marlinskij und Lermontow schulen. Diese Leute sehen den Kaukasus nur durch das Prisma der Helden unserer Zeit, eines Mulla Nur und ähnlicher und lassen sich in allen ihren Handlungen nicht von den eigenen Neigungen leiten, sondern von dem Beispiel dieser Vorbilder.
Der Leutnant z. B. war vielleicht gern in Gesellschaft anständiger Frauen und ernster Männer: Generale, Obersten, Adjutanten – ja, ich bin überzeugt, daß er sehr gern in solcher Gesellschaft war, denn er war im höchsten Grade eitel; aber er hielt es für seine unbedingte Pflicht, allen ernsten Männern seine rauhe Seite zuzukehren, wenn er auch in seiner Derbheit sehr maßvoll war; und ließ sich eine Dame in der Festung sehen, so hielt er es für seine Pflicht, mit seinen Kameraden bloß in einem roten Hemd und mit Fußlappen an den nackten Beinen an ihrem Fenster vorüberzugehen und so laut als möglich zu schreien und zu schelten, weniger in der Absicht, sie zu kränken, als in der Absicht, zu zeigen, was er für schöne weiße Füße habe, und wie man sich in ihn verlieben könnte, wenn er das nur wollte. Oder er zog häufig mit zwei, drei russenfreundlichen Tataren ganze Nächte in die Berge und lagerte am Wege, um den feindlichen Tataren, die vorüberkamen, aufzulauern und sie zu töten; und obgleich ihm sein Herz oft genug sagte, daß darin nichts Heldenhaftes liege, hielt er sich für verpflichtet, den Menschen Leid zuzufügen, die ihm, wie er meinte, Enttäuschungen bereitet, und die er verachtete und haßte. Zwei Dinge legte er nie ab: ein ungeheueres Heiligenbild, das er um den Hals trug, und das Dolchmesser, das über dem Hemd hing, und mit dem er sich auch zu Bette legte. Er war aufrichtig davon überzeugt, daß er Feinde habe. Sich selbst zu überzeugen, daß er an jemandem Rache zu nehmen und mit Blut eine Beleidigung zu sühnen habe, war für ihn der höchste Genuß. Er war überzeugt, daß die Gefühle des Hasses, der Rache und der Verachtung des Menschengeschlechts die erhebendsten poetischen Gefühle seien. Seine Geliebte aber, – natürlich eine Tscherkessin – mit der ich später zufällig zusammentraf, erzählte, er sei der beste und sanfteste Mensch, und er schreibe jeden Abend seine düsteren Aufzeichnungen nieder, trage auf Rechnungspapier seine Ausgaben und Einnahmen ein und knie jeden Abend zum Gebete nieder. Und wieviel hatte er gelitten, nur um vor sich selbst als das zu erscheinen, was er sein wollte, weil seine Kameraden und die Soldaten ihn nicht verstehen konnten, wie er gern verstanden sein mochte! Einst auf einem seiner nächtlichen Straßenstreifzüge mit den Genossen, verwundete er mit einer Kugel einen feindlichen Tschetschenzen am Fuß und nahm ihn gefangen. Dieser Tschetschenze lebte dann sieben Wochen bei dem Leutnant, er behandelte ihn, pflegte ihn wie seinen besten Freund, und als er geheilt war, entließ er ihn mit Geschenken. Später einmal, während eines Kriegszugs, als der Leutnant mit der Vorpostenkette zurückwich und sich gegen den Feind durch Schießen verteidigte, hörte er aus den Reihen der Feinde seinen Namen rufen, und sein verwundeter Freund kam hervorgeritten und forderte den Leutnant durch Geberden auf, dasselbe zu thun. Der Leutnant ritt zu seinem Kunak (Freunde) heran und drückte ihm die Hand. Die Bergbewohner standen in der Nähe und schossen nicht; als aber der Leutnant sein Pferd umwandte, schossen mehrere Mann auf ihn, und eine Kugel streifte ihn unterhalb des Rückens. Ein andermal habe ich selbst gesehen, wie in der Festung zur Nacht Feuer ausbrach. Zwei Kompagnien Soldaten waren mit dem Löschen beschäftigt, plötzlich erschien mitten in der Menge, beleuchtet von dem Purpurschein des Brandes, die hohe Gestalt eines Mannes auf einem Rappen. Die Gestalt drängte die Menge auseinander und ritt mitten auf das Feuer zu. Als der Leutnant ganz nahe herangekommen war, sprang er vom Pferde und stürzte in das Haus, das von einer Seite lichterloh brannte. Fünf Minuten später kam der Leutnant mit versengten Haaren und mit angebranntem Ellbogen zurück und trug zwei Tauben unter der Achsel, die er aus den Flammen gerettet hatte.
Er hieß Rosenkranz; er sprach aber oft von seiner Herkunft, leitete sie von den Warägern ab und suchte klar zu beweisen, daß er und seine Vorfahren echte Russen waren.
IV

Die Sonne hatte die Hälfte ihres Wegs zurückgelegt und sandte ihre glühenden Strahlen durch die erhitzte Luft auf die trockene Erde herab. Der dunkelblaue Himmel war vollkommen klar, nur der Fuß der Schneeberge begann sich in ein weißes, leichtes Wolkengewand zu hüllen. Die regungslose Luft schien von einem durchsichtigen Staub erfüllt zu sein, es war unerträglich heiß geworden. Als die Truppen an einen kleinen Bach gekommen waren, der auf der Hälfte unseres Weges floß, hielten sie Rast. Die Soldaten stellten die Gewehre zusammen und rannten an den Bach; der Bataillons-Kommandeur setzte sich im Schatten auf eine Trommel nieder, gab seinem vollen Gesicht die ganze Würde seiner Stellung und machte sich mit einigen Offizieren zum Imbiß bereit; der Kapitän legte sich im Grase unter einem Fouragewagen nieder; der tapfere Leutnant Rosenkranz und noch einige andere junge Offiziere lagerten sich auf ihre ausgebreiteten Filzmäntel und trafen Anstalten zum Zechen, wie man aus den herumstehenden Flaschen sehen konnte, besonders aber aus der angeregten Stimmung der Spielleute, die im Halbkreise um sie herumstanden und mit Pfeifenbegleitung ein kaukasisches Tanzlied nach der Weise der Lesginka spielten:
Schamyl wollte revoltiren In vergangnen Jahren, Traj–raj, ra–ta–taj ... In vergangenen Jahren.
Unter diesen Offizieren war auch der blutjunge Fähnrich, der uns am Morgen vorausgeritten war. Er war sehr drollig: seine Augen leuchteten, seine Zunge lallte; er wollte alle Leute küssen und ihnen seine Liebe gestehen ... Armer Junge! er wußte noch nicht, daß man in diesem Zustande lächerlich sein kann, daß seine Offenheit und die Zärtlichkeit, die er allen aufdrängte, die anderen nicht zu der Liebe stimmte, nach der er sich sehnte, sondern zum Spott. – Er wußte auch nicht, daß er nachher, als er sich in glühender Erregung endlich auf seinen Filzmantel warf, sich in die Hand stützte und sein schwarzes, dichtes Haar zurückwarf, außerordentlich hübsch war.
Zwei Offiziere saßen unter dem Fouragewagen und spielten auf ihren Reisekästchen Karten.
Neugierig lauschte ich auf die Gespräche der Soldaten und Offiziere und betrachtete aufmerksam ihren Gesichtsausdruck; aber ich konnte bei niemandem auch nur einen Schatten der Unruhe bemerken, die ich empfand: Scherze, Gelächter, Erzählungen deuteten auf eine allgemeine Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit gegen die bevorstehende Gefahr hin. Als könnte man gar nicht vermuten, daß vielen von ihnen bestimmt sein sollte, nicht wieder auf diesem Wege zurückzukommen.
V

Um 7 Uhr abends zogen wir staubbedeckt und müde durch das breite, befestigte Thor der Festung N. N. ein. Die Sonne hatte sich gesenkt und warf ihre schrägen, rosigen Strahlen auf die malerischen Geschützstände und die Gärten mit den hohen Pappeln, die die Festung umgaben, auf die bestellten, gelblich schimmernden Felder und auf die weißen Wolken, die sich auf den Schneebergen türmten, als ob sie es ihnen nachthun wollten, und eine nicht minder wunderliche und schöne Kette bildeten. Der junge Halbmond schimmerte wie ein durchsichtiges Wölkchen am Horizont. Im Aul, der vor dem Thore lag, rief ein Tatar, der auf dem Dach einer Erdhütte stand, die Rechtgläubigen zum Gebet; die Spielleute setzten mit neuem Mut und mit frischer Kraft ein.
Nachdem ich ein wenig ausgeruht und mich zurechtgemacht hatte, ging ich zu einem mir bekannten Adjutanten. Ich wollte ihn bitten, dem General von meiner Absicht Meldung zu machen. Auf dem Wege von der Vorstadt, wo ich Quartier genommen hatte, hatte ich Gelegenheit, in der Festung N. N. manches zu beobachten, was ich keineswegs erwartet hatte. Eine hübsche, zweisitzige Kutsche, in der ein neumodisches Hütchen zu sehen und französische Unterhaltung zu hören war, fuhr an mir vorüber. Aus dem geöffneten Fenster des Kommandanturgebäudes drangen die Klänge einer »Lieschen«- oder »Käthchenpolka«, die auf einem schlechten, verstimmten Klavier gespielt wurden. In dem Gasthaus, an dem ich vorüberkam, saßen, die Cigaretten in den Händen, einige Schreiber beim Glase Wein, und ich hörte, wie der eine zum andern sagte: »Ich muß sehr bitten, was die Politik betrifft, war Maria Grigorjewna bei uns die erste Dame.« Ein buckliger Jude in einem abgetragenen Rock und von kränklichem Aussehen schleppte mühsam einen krächzenden, zerbrochenen Leierkasten, und über die ganze Vorstadt erklangen die Töne des Finales aus Lucia. Zwei Frauen in rauschenden Kleidern und seidenen Halstüchern mit hellfarbigen Sonnenschirmen in den Händen gingen auf dem Fußsteig von Holz leichten Schritts an mir vorüber. Zwei junge Mädchen, eine in einem rosa, die andere in einem blauen Kleide, standen unbedeckten Hauptes an dem Erdaufwurf eines niedrigen Häuschens und lachten mit einem unnatürlichen, hellen Lachen; sie wünschten offenbar die Aufmerksamkeit der vorübergehenden Offiziere auf sich zu lenken. Offiziere in neuen Röcken, weißen Handschuhen und glänzenden Achselbändern stolzierten durch die Straße und über den Boulevard.
Ich traf meinen Bekannten im Erdgeschoß des Generalsgebäudes. Kaum hatte ich ihm meinen Wunsch klar gemacht, und er mir gesagt, daß er sehr leicht erfüllt werden könne, als an dem Fenster, an dem wir saßen, die hübsche Kutsche vorübergerollt kam, die ich auf dem Wege bemerkt hatte. Aus der Kutsche stieg ein schlanker, sehr stattlicher Mann in Infanterie-Uniform mit Majorsepauletten und ging zum General.
Ach, verzeihen Sie, bitte, sagte der Adjutant und erhob sich von seinem Platze, ich muß unbedingt dem General Meldung machen.
Wer ist denn angekommen? fragte ich.
Die Gräfin, antwortete er, knöpfte die Uniform zu und eilte hinauf.
Nach wenigen Minuten kam ein untersetzter, sehr hübscher Mann in einem Rock ohne Epauletten mit einem weißen Kreuz im Knopfloch auf die Freitreppe hinaus. Ihm folgte der Major, der Adjutant und noch zwei andere Offiziere. Aus dem Gange, aus der Stimme, aus allen Bewegungen des Generals sprach ein Mensch, der sich seines hohen Wertes wohl bewußt ist.
Bon soir, madame la comtesse, sagte er und reichte ihr durch das Wagenfenster die Hand.
Eine kleine Hand in einem Handschuh aus feinem Hundeleder drückte seine Hand, und ein hübsches, lächelndes Gesichtchen in gelbem Hut erschien an dem Fenster des Wagens.
Von dem ganzen Gespräch, das nur wenige Minuten dauerte, hörte ich nur im Vorübergehen, wie der General lächelnd sagte:
Vous savez, que je fait vœu de combattre les infidèles, prenez donc garde de le devenir.
Im Wagen erklang ein Lachen.
Adieu donc, cher général.
Non, au revoir, sagte der General, indem er die Stufen der Treppe hinausging, n'oubliez pas, que je m'invite pour la soirée de demain.
Der Wagen rollte weiter.
»Das ist doch noch ein Mensch, dachte ich auf dem Heimwege, der alles hat, was man in Rußland erreichen kann: Stellung, Reichtum, Ansehen; und dieser Mensch scherzt vor einer Schlacht, deren Ausgang Gott allein kennt, mit einer hübschen Dame, verspricht ihr, am nächsten Tage zum Thee zu kommen, gerade so, als ob er mit ihr auf einem Balle zusammengetroffen wäre.«
Hier bei dem Adjutanten traf ich auch noch einen andern Menschen, der mich noch mehr in Erstaunen setzte, ein junger Leutnant vom K. Regiment, der sich durch seine fast frauenhafte Sanftmut und Schüchternheit anzeichnete.
Er war zu dem Adjutanten gekommen, um seinem Ärger und seinem Unwillen über die Leute Luft zu machen, die, wie er meinte, gegen ihn intriguieren, damit er nicht an dem bevorstehenden Kampfe teilnehme. Es sei häßlich, so zu handeln, sagt er, es sei nicht kameradschaftlich, er werde es ihnen schon gedenken u. s. w. So scharf ich auch seine Züge beobachtete, so aufmerksam ich auf den Klang seiner Stimme lauschte, ich mußte die Überzeugung gewinnen, daß er sich keineswegs verstellte, daß er vielmehr tief erregt und erbittert darüber war, daß man ihm nicht gestatten wollte, auf die Tscherkessen zu schießen und sich ihren Geschossen auszusetzen; er war so erbittert, wie ein Kind erbittert zu sein pflegt, das man eben unverdient gezüchtigt hat ... Mir war das alles gänzlich unverständlich.
VI

Um 10 Uhr abends sollten die Truppen ausrücken. Um halb neun stieg ich zu Pferde und ritt zum General. Da ich aber annahm, daß er und sein Adjutant beschäftigt seien, hielt ich an der Straße, band mein Pferd an den Zaun und setzte mich auf den Erdaufwurf, in der Absicht, dem General nachzueilen, wenn er ausreiten würde.
Die Glut und der helle Glanz der Sonne waren schon der Kühle der Nacht und dem matten Lichte des jungen Monds gewichen, der rings um sich her einen blassen, leuchtenden Halbkreis auf dem dunklen Blau des Sternenhimmels bildete und niederzugehen begann; durch die Fenster der Häuser und durch die Ritzen der Läden der Erdhütten schimmerten Lichter. Die schlanken Pappeln der Gärten, die sich am Horizont hinter den weißgetünchten, vom Mondlicht bestrahlten Erdhütten mit den Schilddächern abhoben, erschienen noch höher und dunkler.
Die langen Schatten der Häuser, der Bäume, der Zäune breiteten sich schön über den hellen staubigen Weg ... Vom Fluß her tönte ohne Unterlaß das Quarren der Frösche.[G] Auf den Straßen hörte man bald eilige Schritte und Gespräche, bald den Hufschlag von Pferden. Aus der Vorstadt klangen von Zeit zu Zeit die Klänge einer Drehorgel herüber: bald »Es wehen die Winde«, bald so was wie ein »Aurora-Walzer«.
Ich werde nicht sagen, was mich in Gedanken versunken beschäftigte: erstens weil ich mich schämen würde zu gestehen, daß es düstere Gedanken waren, die mich in unabweisbaren Scharen beschlichen, während ich rings um mich her nur Heiterkeit und Frohsinn beobachtete; zweitens aber, weil das nicht zu meiner Erzählung gehört. Ich war so in Gedanken versunken, daß ich nicht einmal bemerkte, daß die Glocke elf schlug und der General mit seinem Gefolge an mir vorüberritt.
Die Nachhut war noch in dem Festungsthore. Mit Mühe gelang es mir, über die Brücke zwischen den zusammengedrängten Geschützen, Pulverkasten, Kompagniewagen und der geräuschvoll kommandierenden Offiziere hindurchzukommen. Als ich durch das Thor hindurchgekommen war, setzte ich mein Pferd in Trab, ritt an den Truppen entlang, die sich nahezu eine Werst hinzogen und sich schweigend in der Dunkelheit vorwärts bewegten, und erreichte den General. Als ich an der Artillerie vorüberkam, die sich in gerader Linie hinzog, und an den Offizieren, die zwischen den Geschützen ritten, traf mich wie ein beleidigender Mißklang mitten durch die Stille und feierliche Harmonie die Stimme eines Deutschen. Er schrie: »Achtillechist, gieb mir die Lunte«, und die Stimme eines Soldaten schrie eilfertig: »Schewtschenko, der Herr Leutnant wünscht Feuer.«
Der größte Teil des Himmels hatte sich mit langen, dunklen, grauen Wolken bedeckt; hie und da nur schimmerten zwischen ihnen matte Sterne hindurch. Der Mond hatte sich schon hinter dem nahen Horizont der dunklen Berge verborgen, die zur Rechten sichtbar waren, und warf über ihren Gipfel ein schwaches, zitterndes Dämmerlicht, das sich scharf von dem undurchdringlichen Dunkel abhob, das über ihren Fuß gebreitet lag. Die Luft war warm und so still, daß sich nicht ein Gräschen, nicht ein Wölkchen regte. Es war so finster, daß man selbst in nächster Nähe die Gegenstände nicht unterscheiden konnte. Rechts und links vom Wege sah ich bald Felsen, bald Tiere, bald Menschen von sonderbarem Wesen – und ich erkannte erst dann, daß es Sträucher waren, wenn ich ihr Rascheln hörte und die Frische des Taus empfand, der an ihren Blättern hing. Vor mir sah ich eine dichte, wogende, schwarze Wand, hinter der einige bewegliche Punkte waren. Das war die Infanterie. In der ganzen Abteilung herrschte eine solche Stille, daß man deutlich all die verschwimmenden, von geheimnisvollem Zauber erfüllten Stimmen der Nacht hörte: das ferne, klagende Geheul der Schakale, das bald wie verzweifeltes Weinen, bald wie Lachen klang, das helle, einförmige Zirpen der Grillen, das Quaken der Frösche, den Schlag der Wachtel, einen herankommenden dumpfen Ton, dessen Ursprung ich mir nicht erklären konnte; und all die nächtlichen, kaum vernehmbaren Regungen der Natur, die man weder begreifen, noch näher erklären kann, flossen zusammen in den vollen Wohlklang, den wir Stille der Nacht nennen. Diese Stille der Nacht wurde unterbrochen oder, richtiger gesagt, floß zusammen mit dem dumpfen Hufschlag und dem Rascheln des hohen Grases, das die langsam vorwärtsgehende Abteilung hervorrief.
Von Zeit zu Zeit nur hörte man in den Reihen das Getöse eines schweren Geschützes, das Klirren aneinanderschlagender Bajonette, unterdrücktes Plaudern und das Schnauben der Pferde.
Die Natur atmete seelenbeschwichtigend Schönheit und Kraft.
Ist den Menschen wirklich das Leben zu eng in dieser schönen Welt, unter diesem unermeßlichen Sternenhimmel? Kann inmitten dieser bezaubernden Natur in der Seele des Menschen das Gefühl der Bosheit, der Rache oder der leidenschaftliche Trieb der Vernichtung von Seinesgleichen fortbestehen? Alles Ungute im Herzen des Menschen müßte, meine ich, sich verflüchtigen bei der Berührung mit der Natur – diesem unmittelbaren Ausdruck des Schönen und Guten.
VII

Wir waren schon mehr als zwei Stunden zu Pferde, mich durchrieselte ein Frostschauer und ich hatte Neigung zum Schlafen. In der Finsternis sah ich dieselben dunklen Gegenstände unklar vor mir: in geringer Entfernung die schwarze Wand, schwarze bewegliche Flecke; ganz nahe neben mir die Kruppe eines Schimmels, der mit dem Schweife wedelte und die Hinterfüße breit auseinander setzte, einen Rücken in weißer Tscherkeska, über dem eine Flinte in schwarzem Futteral zu sehen war und der weiße Griff einer Pistole in einem gestickten Pistolenschuh schimmerte; das Feuer einer Cigarette, das einen blonden Schnurrbart, einen Biberkragen und eine Hand in einem Lederhandschuh beleuchtete. Ich neigte mich zu dem Halse meines Pferdes, schloß die Augen und versank einige Augenblicke in Träume; da plötzlich traf bekannter Hufschlag und Rauschen mein Ohr: ich sah mich um, und mir war's, ich stünde fest auf einem Platz und die schwarze Wand, die vor mir lag, komme auf mich zu, oder diese Wand stünde fest, und ich ritt gerade auf sie zu. In einem dieser Augenblicke überraschte mich das herannahende, dumpfe Getöse, dessen Ursache ich nicht zu erraten vermochte, noch stärker – es war das Rauschen des Wassers. Wir gelangten in eine tiefe Schlucht und näherten uns einem Bergfluß, dessen Überschwemmungszeit gerade den Höhepunkt erreicht hatte.[H] Das Getöse wuchs, das feuchte Gras wurde dichter und höher, die Sträucher wurden seltener, der Horizont wurde enger und enger. Von Zeit zu Zeit leuchteten auf dem dunklen Hintergrunde der Berge an verschiedenen Stellen helle Feuer auf und erloschen sofort wieder.
Sagen Sie mir, bitte, was sind das für Feuer? fragte ich flüsternd den Tataren, der neben mir ritt.
Ei, weißt du das nicht? antwortete er.
Nein.
Da haben die Bergleute Stroh an die Stange gebunden und werden den Feuerbrand werfen.
Warum denn?
Damit jedermann wisse, der Russe ist da. Jetzt, fügte er lachend hinzu, herrscht in den Auls Tomascha.[I] Ei, ei, alle Churda-Murda[J] wird er in die Schlucht schleppen.
Wissen sie denn in den Bergen schon, daß eine Abteilung herankommt? fragte ich.
Ja, wie soll er das nicht wissen, er weiß es immer, die Unseren sind solch ein Volk!
So rüstet sich jetzt auch Schamyl zum Kriegszug? fragte ich.
Jok,[K] antwortete er und schüttelte den Kopf zum Zeichen der Verneinung. Schamyl wird nicht ins Feld ziehen; Schamyl wird die Naïbs[L] schicken und wird selbst durch ein Glas sehen, vom Berg herunter.
Wohnt er weit von hier?
Weit nicht, hier links, zehn Werst können's sein.
Woher weißt du? ... fragte ich, warst du denn dort?
O ja, unsere Leute sind alle in den Bergen gewesen.
Und hast du Schamyl gesehen?
Pah, Schamyl bekommt unsereiner nicht zu sehen. Hundert, dreihundert, tausend Muriden[M] sind um ihn. Schamyl ist in der Mitte! sagte er mit dem Ausdruck unterwürfigster Hochachtung.
Wenn man emporsah, konnte man bemerken, daß der lichter werdende Himmel im Osten zu leuchten begann und der kleine Bär sich zum Horizont herabsenkte; aber in der Schlucht, durch die wir zogen, war es feucht und dunkel.
Plötzlich flammten nicht weit vor uns in der Dunkelheit einige Lichter auf; in diesem Augenblick schwirrten Kugeln pfeifend durch die Luft, und mitten durch die Stille, die uns umgab, erklangen weither Schüsse und lautes, durchdringendes Geschrei. Es war das Vorhutpikett des Feindes. Die Tataren, die es bildeten, erhoben ein Feldgeschrei, schossen aufs Geratewohl und stoben aneinander.
Rings wurde es still. Der General rief den Dolmetsch heran. Ein Tatar in weißer Tscherkeska kam auf ihn zugeritten und sprach mit ihm flüsternd mit lebhafter Gebärde eine lange Zeit.
Oberst Chassanow, lassen Sie die Schützenkette ausschwärmen! sagte der General mit leiser, gedehnter, aber eindringlicher Stimme.
Die Abteilung näherte sich dem Flusse; die schwarzen Berge, die Schluchten blieben im Rücken; es begann Tag zu werden. Der Himmelsbogen, an dem die blassen, matten Sterne kaum zu sehen waren, erschien höher; die Morgenröte begann im Osten hell aufzuleuchten, ein frischer, durchdringender Wind kam vom Westen her und ein heller Nebel stieg wie Dampf über dem rauschenden Flusse auf.
VIII

Der Führer brachte uns an eine Furth, und die Vorhut der Reiterei, ihr nach auch der General mit seinem Gefolge, überschritt den Fluß. Das Wasser ging den Pferden bis an die Brust. Mit außerordentlicher Kraft stürzte es zwischen den weißen Steinen dahin, die hie und da aus der Wasserfläche hervorschimmerten, und bildete um die Beine der Pferde schäumende, rauschende Strudel. Die Pferde stutzten bei dem Rauschen des Wassers, richteten die Köpfe empor, spitzten die Ohren, gingen aber langsamen und vorsichtigen Schrittes gegen die Strömung über den unebenen Grund. Die Reiterei zog die Beine und die Waffen in die Höhe, die Fußsoldaten, die buchstäblich nur mit einem Hemd bekleidet waren, hielten die Gewehre, an denen sie die Kleiderbündel befestigt hatten, über dem Wasser, faßten sich je zwanzig Hand an Hand und kämpften mit einer Anstrengung, die auf ihren angespannten Gesichtern ausgeprägt war, gegen die Strömung an. Die berittenen Artilleristen trieben ihre Pferde im Trab mit großem Geschrei in das Wasser. Die Geschütze und die Pulverkasten, über die von Zeit zu Zeit das Wasser hinspritzte, klirrten auf dem steinigen Boden; aber die guten Kosakenpferde zogen wacker die Stränge, teilten die schäumende Flut und erklommen mit feuchtem Schweif und feuchter Mähne das andere Ufer.
Sobald der Übergang vollzogen war, lag plötzlich auf dem Antlitz des Generals eine gewisse ernste Nachdenklichkeit, er wandte sein Pferd und ritt im Trab mit der Reiterei über die von dem Walde umsäumte Wiese dahin, die sich vor den Unsrigen aufthat. Berittene Kosaken-Vorposten schwärmten am Waldesrand entlang.
Im Walde taucht ein Mann im Tscherkessenrock und Schafspelzmütze, ein Fußgänger, auf, ein zweiter, ein dritter ... einer von den Offizieren sagt: »Das sind die Tataren.« Da wird auch ein leichter Rauch hinter dem Baum sichtbar ... Ein Schuß, ein zweiter ... Unser rasches Schießen übertönt das feindliche Feuer. Selten nur sagt uns eine Kugel, die mit gedehntem Klang, ähnlich dem Summen der Bienen, vorüberfliegt, daß nicht alle Schüsse von den Unsrigen kommen. Im Laufschritt ist das Fußvolk, im Trab die Geschütze in die Schlachtlinie eingerückt; man hört den dröhnenden Kanonendonner, den metallischen Klang der fliegenden Kartätschen, das Zischen der Raketen, das Knattern der Gewehre. Die Reiterei, das Fußvolk und die Geschützmannschaft tauchen von allen Seiten auf der weiten Wiese auf. Die Rauchwölkchen der Gewehre, der Raketen und Kanonen fließen mit dem taubedeckten Grün und dem Nebel in eins zusammen. Oberst Chassanow sprengt an den General heran und hält sein Pferd in vollem Ritt plötzlich an.
Euer Excellenz! sagt er, die Hand an die Mütze gelegt, befehlen Sie, daß die Kavallerie vorrückt? Es sind Zeichen[N] aufgetaucht ... und er zeigt mit der Peitsche auf die berittenen Tataren, denen zwei Mann mit roten und blauen Fähnchen an den Lanzen, auf weißen Rossen vorausreiten.
Mit Gott, Iwan Chassanow! sagt der General.
Der Oberst wendet auf der Stelle sein Pferd, zieht seinen Säbel und ruft: »Urrah!«
Urrah, urrah, urrah, ... tönt es durch die Reihen, und die Reiterei stürmt ihm nach.
Alle schauen mit Teilnahme hin: da ist ein Zeichen, ein zweites, ein drittes, ein viertes ... Der Feind verschwindet, ohne den Angriff abzuwarten, im Walde und eröffnet von hier aus ein Gewehrfeuer. Die Kugeln kommen dichter geflogen.
Quel charmant coup d'œil! sagt der General, indem er seinen dünnbeinigen Rappen auf englische Art leichte Sprünge machen läßt.
Charmant! antwortet der Major mit schnarrendem R, giebt seinem Pferd einen Hieb mit der Gerte und reitet zu dem General heran. C'est un vrai plaisir, la guerre dans un aussi beau pays, sagt er.
Et surtout en bonne compagnie, fügt der General mit anmutigem Lächeln hinzu.
Der Major verneigte sich.
In diesem Augenblick fliegt mit raschem, häßlichem Zischen eine feindliche Kugel vorbei und schlägt irgendwo ein; hinter uns hört man das Stöhnen eines Verwundeten. Dieses Stöhnen ergreift mich so sonderbar, daß das kriegerische Bild im Augenblick all seinen Zauber für mich verliert; aber niemand außer mir scheint das zu bemerken: der Major lacht, wie ich glaube, aus vollem Halse; ein anderer Offizier wiederholt vollkommen ruhig die Anfangsworte seiner Rede; der General sieht auf die entgegengesetzte Seite hinüber und sagt mit dem ruhigsten Lächeln etwas auf französisch.
Befehlen Sie ihre Schüsse zu erwidern? fragt heransprengend der Befehlshaber der Artillerie.
Ja, jagen Sie ihnen einen Schrecken ein, sagt der General nachlässig und raucht eine Cigarette an.
Die Batterie formiert sich, und das Feuer beginnt. Die Erde stöhnt unter dem Geschützdonner, ununterbrochen blitzen die Feuer auf, und ein Rauch, durch den man kaum die hin- und hergehende Bedienungsmannschaft der Geschütze unterscheiden kann, lagert sich vor unserem Blick.
Der Aul wird beschossen. Wieder kommt Oberst Chassanow herangeritten und fliegt auf Befehl des Generals nach dem Aul. Das Kriegsgeschrei erschallt von neuem, und die Reiterei verschwindet in der Staubwolke, die sie selbst aufwirbelt.
Das Schauspiel war wahrhaft großartig. Eines nur störte mir, als einem Menschen, der an dem Kampf nicht teilnahm und dem all das neu war, den Eindruck, weil es überflüssig erschien – diese Lebhaftigkeit, diese Begeisterung, dies Geschrei. Unwillkürlich drängte sich mir der Vergleich auf mit einem Menschen, der mit aller Wucht ausholt, um mit einem Beile die Luft zu spalten.
IX

Unsere Truppen hatten schon den Aul besetzt, und nicht eine Seele war vom Feinde zurückgeblieben, als der General mit seinem Gefolge, in das auch ich mich gemischt hatte, herangeritten kam.
Die langen, reinlichen Hütten mit den flachen Lehmdächern und den hübschen Schornsteinen lagen auf unebenen, steinigen Hügeln zerstreut, zwischen denen ein kleines Flüßchen hinfloß. Auf der einen Seite schimmerten im hellen Sonnenlicht die grünen Gärten mit den ungeheuren Birnen- und Pflaumenbäumen; auf der andern ragten sonderbare Schatten empor, senkrechtstehende hohe Steine eines Kirchhofs und lange hölzerne Stangen, an deren Enden Kugeln und buntfarbige Fähnlein befestigt waren. (Das waren die Gräber der Dshigiten.)
Die Truppen standen in Reih und Glied vor dem Thore.
Eine Minute später zerstreuten sich die Dragoner, Kosaken, Fußgänger mit sichtlicher Freude durch die schiefen Gassen, und der öde Aul war im Augenblick belebt. Da wird ein Dach niedergerissen, schlägt eine Axt gegen das starke Holz, und die Bretterthür wird erbrochen; hier wird ein Heuschober, ein Zaun, eine Hütte in Brand gesteckt, und dichte Rauchwolken steigen in Säulen in die klare Luft empor. Da schleppt ein Kosak einen Sack Mehl und einen Teppich; ein Soldat trägt mit freudestrahlendem Gesicht aus der Hütte ein blechernes Waschbecken und einen Fetzen Tuch heraus; ein anderer müht sich mit ausgebreiteten Armen zwei Hennen einzufangen, die gackernd um den Zaun herumflattern; ein dritter hat irgendwo einen ungeheuren Topf mit Milch entdeckt, er trinkt daraus, und wirft ihn dann mit schallendem Lachen zu Boden.
Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, war auch im Aul. Der Kapitän saß auf dem Dach einer Hütte und blies aus seinem kurzen Pfeifchen die Rauchwölkchen seines sambrotalischen Tabaks mit so gleichgültiger Miene in die Luft, daß ich bei seinem Anblick vergaß, daß ich mich in einem feindlichen Aul befinde und das Gefühl hatte, als sei ich hier völlig zu Hause.
Ach, auch Sie hier? sagte er, als er mich bemerkte.
Die hohe Gestalt des Leutnants Rosenkranz tauchte bald hier, bald dort im Aul auf: er war ununterbrochen in Thätigkeit und hatte das Aussehen eines Menschen, der von einer Sorge sehr in Anspruch genommen ist. Ich sah, wie er mit feierlicher Miene aus einer Hütte herauskam; ihm folgten zwei Soldaten, die einen alten Tataren gebunden führten. Der Alte, dessen ganze Kleidung ein buntes Beschmet, das in Lumpen herabhing, und zerfetzte Beinkleider bildeten, war so gebrechlich, daß seine fest auf dem Rücken zusammengeschnürten knochigen Arme sich kaum an den Schultern zu halten schienen, und seine krummen, nackten Beine sich nur mit Mühe vorwärts bewegten. Sein Gesicht, ja sogar ein Teil seines rasierten Kopfes war von tiefen Furchen durchzogen. Der schiefgezogene, zahnlose Mund, den ein grauer, kurzgeschnittener Schnurrbart und Backenbart umgab, bewegte sich unaufhörlich, als ob er etwas kaute; aber aus den roten, wimperlosen Augen leuchtete noch das Feuer und prägte sich deutlich des Alters Gleichgültigkeit gegen das Leben aus.
Rosenkranz fragte ihn mit Hilfe des Dolmetschs, warum er nicht mit den andern geflohen sei.
Wohin soll ich fliehen? sagte er und blickte ruhig nach der Seite.
Wo die andern hingeflohen sind, bemerkte jemand.
Die Dshigiten sind mit den Russen in den Kampf gezogen, aber ich bin ein alter Mann.
Fürchtest du dich denn nicht vor den Russen?
Was können mir die Russen thun? Ich bin ein alter Mann, sagte er wieder und sah teilnahmslos in dem Kreise umher, der sich um ihn gebildet hatte.
Als ich wieder zurückkehrte, sah ich, wie dieser alte Mann ohne Mütze mit gebundenen Händen zitternd hinter dem Sattel eines Linienkosaken saß und mit demselben leidenschaftslosen Ausdruck um sich sah. Er war zum Austausch der Gefangenen unentbehrlich.
Ich kletterte auf das Dach und ließ mich neben dem Kapitän nieder.
Der Feind scheint nicht stark an Zahl gewesen zu sein, sagte ich zu ihm, denn ich wollte seine Meinung hören über den eben beendeten Kampf.
Der Feind? wiederholte er verwundert. Es hat ja gar keinen Feind gegeben. Nennt man das etwa einen Feind? ... Abends werden Sie sehen, wenn wir den Rückzug antreten, dann sollen Sie sehen, wie sie uns begleiten werden: wie sie da hervorkommen werden! fügte er hinzu und zeigte mit dem Glase nach dem Waldwege, den wir des Morgens gegangen waren.
Was ist dort? fragte ich beunruhigt und unterbrach den Kapitän, indem ich auf die Don'schen Kosaken hinzeigte, die sich unweit von uns gesammelt hatten.
Aus ihrer Schar klang etwas wie das Weinen eines Kindes herüber und die Worte: eh, schlagt nicht ... halt ... man könnte es sehen ... hast du ein Messer, Ewstignjeïtsch? ... Gieb das Messer her ...
Sie teilen etwas, die verfluchten Kerle, sagte der Kapitän ruhig.
Aber in demselben Augenblick kam plötzlich mit glühendem, erregtem Gesicht der hübsche Fähnrich um die Ecke gestürmt und stürzte, mit den Armen durch die Luft fahrend, auf die Kosaken zu.
Rührt ihn nicht an, schlagt ihn nicht! rief er mit kindlicher Stimme.
Als die Kosaken den Offizier erblickten, gingen sie auseinander und ließen einen weißen Ziegenbock los. Der junge Fähnrich wurde äußerst verlegen, murmelte etwas vor sich hin und blieb mit verlegener Miene vor ihnen stehen. Als er mich und den Kapitän auf dem Dache erblickte, errötete er noch mehr und kam in hüpfenden Schritten zu uns heran.
Ich glaubte, sie wollten ein Kind töten, sagte er mit schüchternem Lächeln.
X

Der General ritt mit der Reiterei voraus. Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, blieb in der Nachhut. Die Kompagnie des Kapitäns Chlopow und des Leutnants Rosenkranz rückten gleichzeitig aus.
Die Prophezeiung des Kapitäns ging vollständig in Erfüllung. Wir hatten kaum den schmalen Waldweg betreten, von dem er gesprochen hatte, als von beiden Seiten unaufhörlich Bergbewohner zu Pferde und zu Fuß vorüberhuschten, und in solcher Nähe, daß ich ganz deutlich sah, wie einige zusammengekauert, die Büchse in der Hand, von einem Baum zum andern hinüberrannten.
Der Kapitän entblößte sein Haupt und bekreuzte sich andächtig; einige alte Soldaten thaten das Gleiche. Im Walde hörte man wildes Kriegsgeschrei und die Worte: »Iaj, giaur! uruß iaj!« Knatternde kurze Büchsenschüsse folgten einer dem andern, und die Kugeln pfiffen von beiden Seiten. Die Unseren erwiderten schweigend im Lauffeuer. Nur selten hörte man in ihren Reihen Bemerkungen wie die: »Er[O] feuert von da, er hat es leicht, hinter den Bäumen versteckt, Kanonen müßten wir haben ...« u. s. w.
Die Geschütze rückten in die Schlachtlinie ein. Nach einigen Kartätschensalven schien der Feind zu ermatten, aber nach einem kurzen Augenblick und mit jedem Schritt, den die Truppen machten, wurde das Feuer, das Geschrei und das Kriegsgeheul wieder stärker.
Wir hatten uns kaum 300 Faden von dem Aul zurückgezogen, als die feindlichen Kugeln pfeifend über unsern Häuptern zu schwirren begannen. Ich sah, wie ein Soldat von einer Kugel hingestreckt wurde ... Aber wozu die Einzelheiten dieses schrecklichen Bildes wiedererzählen, da ich doch selbst viel dafür gäbe, wenn ich es vergessen könnte.
Leutnant Rosenkranz selbst schoß, ohne auch nur einen Augenblick zu unterbrechen, aus seiner Büchse, schrie mit heiserer Stimme die Soldaten an und sprengte im vollen Lauf von einem Flügel zum andern. Er war ein wenig blaß, und das stand seinem kriegerischen Gesicht sehr gut.
Der hübsche Fähnrich war entzückt. Seine schönen schwarzen Augen strahlten vor Kühnheit, seinen Mund umspielte ein leichtes Lächeln; immer wieder kam er zu dem Kapitän herangeritten und bat um die Erlaubnis, mit Urrah im Sturme vorzugehen.
Wir werfen sie zurück, sagte er mit innerer Überzeugung. Wahrhaftig, wir werfen sie zurück.
Nicht nötig, erwiderte der Hauptmann ruhig, wir müssen zurückgehen.
Die Kompagnie des Kapitäns hielt den Waldesrand besetzt und erwiderte das feindliche Feuer liegend. Der Kapitän, in seinem abgetragenen Überrock und in seiner zerzausten Mütze, hatte seinem Paßgänger, einem Schimmel, die Zügel hängen lassen und seine Beine in dem kurzen Steigbügel zusammengezogen; so stand er schweigend an einer und derselben Stelle. (Die Soldaten wußten so gut, was sie zu thun hatten, und führten es so gut aus, daß man ihnen nicht zu befehlen brauchte.) Von Zeit zu Zeit nur erhob er seine Stimme lauter und schrie die an, die die Köpfe emporhoben. Die Gestalt des Kapitäns hatte wenig Kriegerisches an sich, dafür aber lag in ihr soviel Aufrichtigkeit und Schlichtheit, daß sie mich außerordentlich berührte. »Das heißt wahrhaft tapfer«, sprach es unwillkürlich in mir.
Er war ganz so, wie ich ihn immer sah. Dieselben sicheren Bewegungen, dieselbe ruhige Stimme, derselbe Ausdruck von Gradheit in seinem unschönen, aber schlichten Gesicht. Nur in dem Blick, der leuchtender war, als gewöhnlich, konnte man an ihm die Aufmerksamkeit eines Menschen beobachten, der ruhig seiner Sache hingegeben ist. Es sagt sich leicht: ganz so wie immer; aber wie mannigfache Abstufungen habe ich bei andern wahrnehmen können: der eine will ruhiger, der andere ernster erscheinen, ein dritter heiterer als gewöhnlich; an dem Gesicht des Kapitäns aber konnte man merken, daß er gar nicht begreifen konnte, warum man etwas scheinen sollte.
Der Franzose, der bei Waterloo sagte: »La garde meurt, mais ne se rend pas« und andere, besonders französische Helden, die denkwürdige Worte gesprochen haben, waren tapfer und haben wirklich denkwürdige Worte gesprochen; aber zwischen ihrer Tapferkeit und der Tapferkeit des Kapitäns ist der Unterschied, daß er, wenn sich auch ein großes Wort, gleichviel bei welcher Gelegenheit, in der Seele meines Helden geregt hätte, er es – davon bin ich überzeugt – nicht ausgesprochen hätte: erstens, weil er gefürchtet hätte, durch das große Wort selbst, wenn er es aussprach, das große Werk zu zerstören; zweitens, weil, wenn ein Mensch die Kraft in sich fühlt, ein großes Werk zu vollbringen, jedes Wort überflüssig ist. Dies ist nach meiner Meinung das besondere und große Merkmal der russischen Tapferkeit; und wie soll demnach ein russisches Herz nicht bluten, wenn man unter unseren jungen Kriegern fade französische Phrasen hört, die es dem veralteten französischen Rittertum gleich zu thun streben? ...
Plötzlich erklang von der Seite, wo der hübsche Fähnrich mit seinem Zuge stand, ein vereinzeltes und schwaches Urrah. Ich sah mich um bei dem Rufe und erblickte etwa 30 Mann, die mit dem Gewehr in der Hand und dem Sack auf dem Rücken mit Mühe und Not über ein bebautes Ackerfeld liefen. Sie stolperten, kamen aber doch alle mit lautem Geschrei vorwärts. Ihnen voraus sprengte mit gezücktem Säbel der junge Fähnrich.
Alles verschwand im Walde.
Nach einem Kriegsgeschrei und Gewehrknattern von mehreren Minuten kam aus dem Walde ein scheues Pferd hervorgestürzt, und am Saum erschienen Soldaten, die die Gefallenen und Verwundeten heraustrugen; unter den Letzteren war der junge Fähnrich. Zwei Soldaten hielten ihn unter den Arm gestützt. Er war bleich wie ein Tuch, und sein hübsches Köpfchen, auf dem nur ein Schatten jener kriegerischen Begeisterung sichtbar war, die es eine Minute vorher beseelt hatte, war schrecklich zwischen den Schultern eingesunken und hing auf die Brust herab. Auf dem weißen Hemd unter dem aufgeknöpften Rock sah man einen kleinen blutigen Fleck.
Ach, welch ein Jammer, sagte ich unwillkürlich und wandte mich von diesem traurigen Schauspiel ab.
Oh ja, es ist bejammernswert, sagte der alte Soldat, der mit düsterer Miene, den Ellbogen auf das Gewehr gestützt, neben mir stand. Er fürchtet sich vor nichts, wie kann man nur so sein! fügte er hinzu und blickte unverwandt zu dem Verwundeten hinüber. Er ist noch nicht gescheit und hat es büßen müssen.
Fürchtest du dich denn? fragte ich.
Etwa nicht?
XI

Vier Soldaten trugen den Fähnrich auf einer Tragbahre; hinter ihm führte ein Trainsoldat ein hageres, abgetriebenes Pferd, dem zwei grüne Kasten aufgeladen waren, in denen die Werkzeuge des Feldschers aufbewahrt lagen. Man erwartete den Arzt. Die Offiziere kamen zu der Tragbahre herangeritten und gaben sich Mühe, den Verwundeten zu ermuntern, aufzurichten und zu trösten.
Nun, Bruder Alanin, du wirst nicht so bald wieder mit den Castagnetten tanzen können, sagte lächelnd heranreitend Leutnant Rosenkranz.
Er glaubte wahrscheinlich, diese Worte würden den Mut des hübschen Fähnrichs aufrichten; aber soviel man aus dem kalt-traurigen Ausdruck des Blicks des Letzteren sehen konnte, hatten diese Worte die erwartete Wirkung nicht.
Auch der Kapitän kam herangeritten. Er betrachtete den Verwundeten unverwandt, und in seinen stets gleichmütig-kühlen Zügen prägte sich aufrichtiges Mitleid aus.
Nun, mein teurer Anatolij Iwanytsch, sagte er mit einer Stimme, die von so zärtlicher Teilnahme erfüllt war, wie ich es nie von ihm erwartet hätte. Gott hat es offenbar so gewollt.
Der Verwundete sah sich um; sein bleiches Gesicht belebte ein trauriges Lächeln.
Ja, ich habe Ihnen nicht gefolgt.
Sagen Sie lieber, Gott hat es so gewollt, wiederholte der Kapitän.
Der Arzt war gekommen, er nahm von dem Feldscher die Binden, die Sonde und was er sonst noch brauchte, streifte die Ärmel auf und trat mit einem ermunternden Lächeln an den Verwundeten heran.
Nun, auch Ihnen haben sie, wie es scheint, ein Loch an einer heilen Stelle gemacht? sagte er in scherzhaft-leichtem Ton. Zeigen Sie mal her.
Der Fähnrich gehorchte; aber in dem Ausdruck, mit dem er den lustigen Arzt ansah, lag Verwunderung und Vorwurf. Der Arzt bemerkte das nicht. Er sondierte die Wunde und besah sie von allen Seiten; der Verwundete aber wurde ungeduldig und schob die Hand des Arztes mit schwerem Stöhnen zurück.
Lassen Sie mich, sagte er mit kaum vernehmbarer Stimme. Es ist ganz gleich, ich sterbe.
Mit diesen Worten fiel er zurück, und fünf Minuten später, als ich an die Gruppe, die sich um ihn gebildet hatte, herantrat und einen Soldaten fragte: »Wie steht's mit dem Fähnrich?« antwortete man mir: »Er geht hinüber.«
XII

Es war schon spät, als die Abteilung, in Reih und Glied, mit klingendem Spiel sich der Festung näherte. Die Sonne war hinter dem schneebedeckten Bergrücken versunken und warf ihre letzten rosigen Strahlen auf eine lange, zarte Wolke, die an dem hellen, lichten Horizont stand. Die Schneeberge begannen sich in bläulichen Nebel zu hüllen; nur ihre höchsten Umrisse hoben sich mit außerordentlicher Klarheit von dem Purpurlicht des Sonnenunterganges ab. Der längst aufgegangene, durchsichtige Mond begann das dunkle Blau mit seinem hellen Schimmer zu beleuchten. Das Grün des Grases und der Bäume wurde schwärzlich und bedeckte sich mit Tau. Die dunklen Heeresmassen bewegten sich mit gleichmäßigem Laut über die duftigen Wiesen; von allen Seiten tönten Glockenspiel, Trommel und lustige Lieder. Der Stimmführer der sechsten Kompagnie ließ seine Stimme mit voller Kraft erschallen, die Töne seines reinen vollen Tenors, voll Empfindung und Kraft, erklangen weithin durch die klare Abendluft.



Der Holzschlag - Erzählung eines Junkers
I
Es war um die Mitte des Winters 185., eine Division unserer Batterie stand im Felde in der großen Tschetschnja. Am Abend des 14. Februar hatte ich erfahren, daß der Zug, den ich in Abwesenheit des Offiziers kommandierte, zu der Kolonne befehligt war, die morgen zum Waldausholzen gehen sollte. Ich hatte schon am Abend die nötigen Befehle empfangen und weitergegeben und mich früher als gewöhnlich in mein Zelt begeben, und da ich nicht die schlechte Gewohnheit hatte, es mit glühenden Kohlen zu heizen, legte ich mich bekleidet, wie ich war, auf mein Bett, das auf Pflöcken hergerichtet war, zog die Fellmütze über die Augen, wickelte mich in meinen Pelz ein und versank in den eigentümlichen, festen und schweren Schlaf, den man im Augenblick der Erregung und Unruhe vor der Gefahr schläft. Die Erwartung des Unternehmen von morgen hatte mich in diesen Zustand versetzt.
Um drei Uhr morgens, als es noch ganz dunkel war, riß mir jemand den warm gewordenen Schafpelz herunter, und die rötliche Farbe der Kerzen traf meine verschlafenen Augen schmerzhaft.
Belieben Sie aufzustehen, sagte eine Stimme. Ich schloß die Augen, zog unbewußt den Schafpelz wieder herauf und schlief ein. Belieben Sie aufzustehen, wiederholte Dmitrij von neuem und rüttelte mich erbarmungslos an der Schulter, die Infanterie rückt aus. Da wurde mir auf einmal die Wirklichkeit klar, ich schüttelte mich und sprang auf die Beine. Schnell trank ich mein Glas Thee, wusch mich mit dem eiskalten Wasser, kroch aus meinem Zelt und ging in den Park (der Ort, wo die Geschütze stehen). Es war dunkel, neblig und kalt. Die nächtlichen Wachtfeuer beleuchteten die Soldaten, die um sie herum gelagert waren, und verstärkten die Dunkelheit durch ihren matten Purpurschein. In der Nähe war ein gleichmäßiges ruhiges Schnarchen zu hören, in der Ferne die Bewegungen, das Gespräch und das Waffengeklirr des Fußvolks, das sich zum Aufbruch rüstete; es roch nach Rauch, Lunte und Nebel; der Schauer der Morgenkühle lief mir über den Rücken und meine Zähne schlugen unwillkürlich gegeneinander.
Nur an dem Schnauben und von Zeit zu Zeit erklingendem Hufschlag konnte man in dieser undurchdringlichen Dunkelheit erkennen, wo die bespannten Protzwagen und Pulverkästen, und an den leuchtenden Punkten der Lunten, wo die Geschütze standen. Mit den Worten: »Mit Gott!« erklirrte das erste Geschütz, hinterdrein rasselte der Pulverkasten, und der Zug setzte sich in Bewegung. Wir nahmen alle unsere Mützen ab und bekreuzten uns. Als der Zug den freien Raum zwischen den Infanterie-Abteilungen eingenommen hatte, machte er Halt und wartete etwa eine Viertelstunde, bis die ganze Kolonne sich gesammelt und der Befehlshaber gekommen war.
Bei uns fehlt ein Soldat, Nikolaj Petrowitsch, sagte eine dunkle Gestalt, die auf mich zuschritt, und die ich nur an der Stimme als den Zugfeuerwerker Maksimow erkannte.
Wer?
Welentschuk fehlt. Als angespannt wurde, war er da, – ich habe ihn gesehen –, jetzt fehlt er.
Da nicht anzunehmen war, daß die Kolonne sich sofort in Bewegung setzen würde, beschlossen wir, den Liniengefreiten Antonow auszuschicken, um Welentschuk zu suchen. Gleich darauf trabten an uns in der Dunkelheit zwei Reiter vorüber: es war der Befehlshaber mit seinem Gefolge, und in diesem Augenblick rührte sich die Spitze der Kolonne und setzte sich in Bewegung, endlich auch wir; Antonow aber und Welentschuk waren nicht da. Wir waren aber kaum hundert Schritt vorwärts gekommen, als beide Soldaten uns einholten.
Wo war er? fragte ich Antonow.
Er hat im Park geschlafen!
Wie, hat er denn einen Rausch?
Ei, Gott bewahre.
Warum ist er denn aber eingeschlafen?
Das weiß ich nicht.
Drei Stunden lang bewegten wir uns langsam ohne einen Laut durch den Nebel über unbeackerte, schneelose Felder und niedriges Gesträuch dahin, das unter den Rädern der Geschütze knirschte. Endlich, als wir den flachen, aber außerordentlich reißenden Bach überschritten hatten, wurde Halt befohlen, und in der Vorhut ertönten abgerissene Büchsenschüsse. Diese Laute wirkten wie immer besonders erregend auf alle. Die Abteilung schien aus dem Schlaf zu erwachen. In den Reihen ertönte Geplauder, Bewegung und Lachen. Von den Soldaten rang der eine mit dem Kameraden, der eine hüpfte von einem Bein auf das andere, ein dritter kaute Zwieback oder übte zum Zeitvertreib: Präsentiert das Gewehr, oder: Gewehr bei Fuß. Dabei begann der Nebel im Osten sichtlich heller zu werden, die Feuchtigkeit wurde fühlbarer, und die Gegenstände rings um uns her traten aus dem Dunkel hervor. Ich konnte schon die grünen Lafetten und Pulverkästen unterscheiden, das von der Nebelfeuchtigkeit bedeckte Erz der Geschütze, die bekannten, ohne meinen Willen bis in die kleinste Einzelheit mir vertraut gewordenen Gestalten meiner Soldaten, die braunen Pferde und die Reihen der Infanterie mit ihren blitzenden Bajonetten, Brotsäcken, Kugelausziehern und Kesseln auf dem Rücken.
Bald wurde uns befohlen, vorwärts zu gehen, und nachdem wir einige hundert Schritt ohne bestimmtes Ziel gemacht hatten, wurde uns ein Platz angewiesen. Rechts schimmerte das steile Ufer des schlangenartigen Flüßchens und die hohen hölzernen Säulen eines tatarischen Kirchhofs; links und vor uns blinkte durch den Nebel ein dunkler Streifen hindurch. Der Zug protzte ab. Die achte Kompagnie, die uns Deckung bot, stellte die Gewehre zusammen, und ein Bataillon Soldaten ging mit Gewehren und Äxten in den Wald.
Es waren kaum fünf Minuten vergangen, als von allen Seiten die Wachtfeuer zu knistern und zu qualmen begannen. Die Soldaten hatten sich zerstreut, fachten die Feuer mit den Händen und Füßen an, schleppten Reisig und Holz heran, und unaufhörlich schallte durch den Wald der Klang von hundert Äxten und gefällten Bäumen.
Die Artilleristen hatten in einem gewissen Wetteifer mit der Infanterie ihr eigenes Wachtfeuer angezündet, und obgleich es schon in solcher Glut loderte, daß man ihm nicht auf zwei Schritt nahe kommen konnte, und der dichte, schwarze Rauch durch die eisbehängten Zweige emporstieg, von welchen die Tropfen herabfielen und im Feuer zischten, und welche die Soldaten in die Flamme hineinlegten, sich unten Kohlen und absterbendes weißes Gras rings um das Feuer bildete, schien doch alles den Soldaten noch zu wenig. Sie schleppten ganze Stämme heran, legten Gras unter und fachten das Feuer immer mehr und mehr an.
Als ich an das Wachtfeuer herantrat, um eine Cigarette anzuzünden, holte Welentschuk, der stets eifrig war, jetzt aber in seinem Schuldbewußtsein, sich mehr als andere beim Feuer zu schaffen machte, in einem Anfall von Übereifer ganz aus der Mitte mit bloßer Hand eine Kohle, indem er sie ein- und zweimal von einer Hand auf die andere und dann auf die Erde warf.
Zünde doch ein Reis an und reiche es hin, sagte ein anderer.
Die Lunte, Kameraden, reicht hin, sagte ein dritter. Als ich endlich ohne die Hilfe Welentschuks, der wieder mit den Händen eine Kohle nehmen wollte, eine Cigarette angeraucht hatte, rieb er die verbrannten Finger an den hinteren Schößen seines Schafpelzes und hob, wahrscheinlich, um irgend etwas zu thun, einen großen Cedernklotz auf und schleuderte ihn aus voller Kraft in das Feuer. Als er endlich glaubte, ausruhen zu dürfen, ging er ganz nahe an die Glut heran, faltete den Mantel, den er wie einen Dolman auf dem Hinterkopf trug, aneinander, spreizte die Beine, streckte seine großen schwarzen Hände vor, verzog leicht seinen Mund und kniff die Augen zusammen.
Ei der Tausend! Ich habe mein Pfeifchen vergessen. Ach, das ist schlimm, Kameraden, sagte er, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, ohne sich an einen Bestimmten unter ihnen zu wenden.
II

In Rußland giebt es drei hervorstechende Soldatentypen, unter die man die Mannschaften aller Truppengattungen einordnen kann: der kaukasischen, armenischen, der Garde, der Infanterie, der Kavallerie, der Artillerie u. s. w.
Diese Haupttypen, die wiederum viele Unterabteilungen und viel Gemeinschaftliches haben, sind:
1. die Gehorsamen,
2. die Befehlerischen und
3. die Tollkühnen.
Die Gehorsamen zerfallen in a) die kaltblütig Gehorsame und b) in die eifrig Gehorsame.
Die Befehlerischen zerfallen in a) Schroffbefehlerische und b) Höflichbefehlerische.
Die Tollkühnen zerfallen in a) in die lustigen Tollkühnen und b) in die ausschweifenden Tollkühnen.
Der Typus, der am häufigsten vorkommt – der liebenswürdigste, sympathischste und meist mit den besten christlichen Tugenden, mit Sanftmut, Frömmigkeit, Geduld und Ergebenheit in den Willen Gottes verbundene Typus – ist der Typus der Gehorsamen schlechtweg. Der hervorstechende Zug des kaltblütig Gehorsamen ist die durch nichts zu erschütternde Ruhe und Verachtung aller Schicksalsschläge, die ihn treffen können. Das hervorstechende Merkmal des gehorsamen Trunkenbolds ist eine stille Neigung zum Poetischen und Empfindsamkeit; das hervorstechende Merkmal der Eifrigen – die Beschränktheit der Geistesgaben, verbunden mit zwecklosem Fleiß und Geschäftigkeit.
Der Typus der Befehlerischen schlechtweg kommt vornehmlich in den höheren Soldatenkreisen vor: bei Gefreiten, Unteroffizieren, Feldwebeln u. s. w. und ist, in der ersten Unterabteilung der schroff Befehlerischen, ein sehr edler, energischer, vornehmlich kriegerischer Typus, der auch einen hohen poetischen Schwung nicht ausschließt. (Zu diesem Typus gehörte der Gefreite Antonow, mit dem ich den Leser bekannt machen will.) Die zweite Unterabteilung bilden die höflich Befehlerischen, die seit einiger Zeit stark an Zahl zu wachsen beginnen. Der höflich Befehlerische ist stets bereit, kann lesen und schreiben, trägt ein rosa Hemd, ißt nicht aus dem gemeinsamen Kessel, raucht zuweilen feingeriebenen Tabak, hält sich für etwas unvergleichlich Höheres als den gewöhnlichen Soldaten und pflegt selbst selten ein so guter Soldat zu sein, wie die Befehlerischen der ersten Klasse.
Der Typus der Tollkühnen ist ganz wie der Typus der Befehlshaberischen in seiner ersten Abteilung gut: in der Abteilung der lustigen Tollkühnen, deren unterscheidendes Merkmal eine unerschütternde Heiterkeit, außerordentliche Fähigkeit zu allem, reiche Naturanlagen und Kühnheit sind – und ebenso entsetzlich schlecht in der zweiten Abteilung: der der ausschweifenden Tollkühnen, die indessen, wie zur Ehre des russischen Heeres gesagt werden muß, höchst selten vorkommen, und wenn sie vorkommen, von der Soldatengemeinschaft selbst aus der Kameradschaft ausgeschlossen werden. Unglaube und eine gewisse Kühnheit im Laster sind die Hauptcharakterzüge dieser Abteilung.
Welentschuk gehörte zu der Kategorie der eifrig Gehorsamen. Er war Kleinrusse von Geburt, diente schon 15 Jahre und war ein unansehnlicher und ungewandter Soldat, aber treuherzig, gut, außerordentlich eifrig, wenn auch meist an unpassender Stelle, und außerordentlich ehrenhaft. Ich sage: außerordentlich ehrenhaft, weil er im vorigen Jahre, bei einer bestimmten Gelegenheit, höchst augenscheinlich diese charakteristische Eigenschaft hervortreten ließ. Ich muß bemerken, daß fast jeder von den Soldaten ein Handwerk versteht. Die verbreitetsten Handwerke sind die Schneiderei und die Schuhmacherei. Welentschuk selbst hatte das erstere Handwerk gelernt und, wenn man danach urteilt, daß Michail Dorofeïtsch, der Feldwebel selbst, ihm seine eigenen Kleider zu machen gab, einen gewissen Grad der Vollkommenheit erreicht. Im vergangenen Jahre hatte Welentschuk im Lager einen feinen Mantel für Michail Dorofeïtsch zu machen übernommen; aber in der Nacht, in der er das Tuch zerschnitten und das Futter angemessen und beides im Zelt unter sein Kopfkissen gelegt hatte, geschah ihm ein Unglück. Das Tuch, das sieben Rubel kostete, war in der Nacht verloren gegangen! Welentschuk machte dem Feldwebel, mit Thränen in den Augen, mit zitternden, bleichen Lippen und verhaltenem Schluchzen Meldung. Michail Dorofeïtsch wurde wütend. Im ersten Augenblick seines Zornes drohte er dem Schneider, dann ließ er die Sache, als ein Mann von Wohlstand und Güte, sein und forderte von Welentschuk nicht, daß er ihm den Wert des Mantels ersetze. So eifrig auch der eifrige Welentschuk war, soviel er auch weinte und den Leuten von seinem Unglück vorerzählte, der Dieb war nicht zu finden. Obgleich man starken Verdacht auf einen ausschweifenden, tollkühnen Soldaten, Tschernow, hatte, der mit ihm in einem Zelte schlief, hatte man doch keine positiven Beweise. Der höflichbefehlerische Michail Dorofeïtsch hatte, als ein Mann von Wohlhabenheit, der mit dem Kapitän d'armes und dem Leiter der Artel, den Aristokraten der Batterie, Geschäfte hatte, bald den Verlust seines Privatmantels vergessen; Welentschuk dagegen hatte sein Unglück nicht vergessen. Die Soldaten sagten, sie hätten damals für ihn gefürchtet, ob er nicht etwa Hand an sich legen oder in die Berge laufen werde, – so stark hatte dies Unglück auf ihn eingewirkt. Er trank nicht, er aß nicht, selbst zur Arbeit war er unfähig und weinte beständig. Nach drei Tagen kam er zu Michail Dorofeïtsch, ganz bleich, zog mit zitternder Hand einen Gulden aus dem Ärmelaufschlag und reichte ihn ihm. Bei Gott, es ist mein letztes, Michail Dorofeïtsch, und auch das habe ich von Shdanow borgen müssen, sagte er und schluchzte wieder; und noch zwei Rubel bringe ich, bei Gott, sobald ich sie verdient habe. Er (wer »er« war, wußte Welentschuk selbst nicht) hat mich vor ihren Augen zu einem Schurken gemacht. Er – die giftige, gemeine Seele! – hat seinem Bruder und Kameraden das letzte Hemd vom Leibe genommen; fünfzehn Jahre diene ich und ...« Zu Michail Dorofeïtschs Ehre muß ich sagen, daß er von Welentschuk die fehlenden zwei Rubel nicht nahm, obgleich sie ihm Welentschuk zwei Monate später brachte.
III

Außer Welentschuk wärmten sich am Wachtfeuer noch fünf Mann meines Zuges.
An der besten Stelle, wo man gegen den Wind geschützt war, saß auf einem Holzfäßchen der Feuerwerker des Zuges Maksimow und rauchte sein Pfeifchen. In der Haltung, in dem Blick, in allen Bewegungen dieses Mannes konnte man die Gewohnheit zu befehlen, und das Bewußtsein des eignen Wertes lesen, abgesehen sogar von dem Holzfäßchen, auf dem er saß, das in der Raststätte das Abzeichen der Macht bildete, und den Nanking-überzogenen Pelzrock.
Als ich herankam, wandte er mir sein Gesicht zu; seine Augen aber blieben auf das Feuer gerichtet, und erst viel später wandte sich sein Blick, der Richtung des Gesichts folgend, mir zu. Maksimow war ein Einhöfer. Er besaß Vermögen, er hatte in der Lehrbrigade Unterricht erhalten und sich Gelehrsamkeit angeeignet. Er war ungeheuer reich und ungeheuer gelehrt, wie die Soldaten sagten. Ich erinnere mich, wie er einmal bei einer Übung im Scheibenschießen mit dem Quadranten den Soldaten, die sich um ihn gesammelt hatten, erklärte, daß die Wasserwage »nichts anderes sei, als das atmosphärische Quecksilber seine Bewegung hat«. In Wirklichkeit war Maksimow keineswegs dumm und verstand seine Sache vortrefflich; aber er hatte die unglückselige Eigentümlichkeit, bisweilen mit Absicht so zu sprechen, daß man ihn unmöglich verstehen konnte, und daß er selbst, wie ich überzeugt bin, seine eigenen Worte nicht verstand. Besonders gebrauchte er gern die Worte: »hervorgehen« und »fortfahren« und wenn er anfing: daraus geht hervor oder fortfahrend, dann wußte ich schon vorher, daß ich von allem, was dann kam, nichts verstehen würde. Die Soldaten aber hörten, wie ich bemerken konnte, sein »fortfahrend« mit Vergnügen und vermuteten dahinter einen tiefen Sinn, obgleich sie, ganz wie ich, kein Wort verstanden. Aber diesen Mangel des Verständnisse setzten sie auf Rechnung ihrer eigenen Dummheit, und ihre Achtung vor Fjodor Maksimytsch war nur um so größer. Mit einem Worte, Maksimow war einer von den Höflichbefehlerischen.
Der zweite Soldat, der in der Nähe des Feuers die Stiefel auf seine sehnigen, roten Beine zog, war Antonow, der Bombardier Antonow, der schon im Jahre 37, als er mit zwei Kameraden bei einem Geschütz ohne Deckung zurückgeblieben war, den starken Feind abgeschlagen und mit zwei Kugeln im Schenkel das Geschütz weiter bedient und geladen hatte. »Er hätte längst Feuerwerker sein müssen, wenn er einen anderen Charakter hätte,« sagten die Soldaten von ihm. Und er hatte in der That einen sonderbaren Charakter. War er nüchtern, so gab es keinen ruhigeren, friedlicheren und ordentlicheren Menschen, hatte er aber getrunken, so wurde er ein ganz anderer Mensch. Er erkannte keine Obrigkeit an, raufte sich, trieb allerlei Unfug und wurde ein ganz unbrauchbarer Soldat. Erst vor acht Tagen hatte er in der Butterwoche tüchtig getrunken, und trotz aller Drohungen, Mahnungen, trotzdem er ans Geschütz gebunden wurde, hörte er nicht auf zu saufen und Unfug zu treiben bis zum Fastenmontag. Die ganze Fastenzeit hindurch aber nährte er sich, trotz des Befehls, daß die ganze Mannschaft keine Fastenspeise essen solle, nur von Zwieback, nahm sogar in der ersten Woche nicht einmal die ihm zukommende Ration Branntwein. Übrigens mußte man diese gedrungene, eisenfeste Gestalt mit den kurzen, nach auswärts gebogenen Beinen und der glänzenden, bärtigen Fratze sehen, wenn er im Rausch die Balalajka in die sehnige Hand nahm, geringschätzig nach allen Seiten umhersah und die »Herrin« zu spielen begann, oder wenn er den Mantel, an dem die Orden baumelten, kühn umwarf und, die Hände in die Tasche der blauen Nankinghosen gesteckt, über die Straße ging – man mußte den Ausdruck soldatischen Stolzes und der Geringschätzung alles Nicht-Soldatischen sehen, der dann um seine Züge spielte, um zu begreifen, daß es für ihn ganz unmöglich war, in einem solchen Augenblick nicht mit einem grobwerdenden oder einfach zufällig in den Weg kommenden Burschen, Kosaken, Infanteristen oder Kolonisten, kurz Nicht-Artilleristen, zu raufen. Er raufte und trieb seinen Unfug nicht so sehr zum eigenen Vergnügen als zur Aufrechterhaltung des Geistes und des gesamten Soldatentums, als dessen Vertreter er sich fühlte.
Der dritte Soldat, der zusammengekauert an dem Wachtfeuer saß, war der Fahrer Tschikin. Er trug einen Ring im Ohr, hatte ein borstiges Schnurrbärtchen, ein Vogelgesicht und hielt eine Porzellanpfeife im Munde. Tschikin, der liebe, gute Tschikin, wie ihn die Soldaten zu nennen pflegten, war ein Spaßmacher. Im furchtbarsten Frost, im tiefsten Schmutz, zwei Tage ohne Essen auf dem Marsche, bei der Musterung, bei der Übung, immer und überall schnitt der gute, liebe Tschikin Gesichter, trieb mit seinen Beinen allerlei Späße und trieb solche Scherze, daß der ganze Zug sich vor Lachen schüttelte. Auf der Raststätte oder im Lager bildete sich um Tschikin immer ein Kreis junger Soldaten. Er begann mit ihnen ein Kartenspiel oder erzählte Geschichten von dem schlauen Soldaten und dem englischen Mylord, oder er spielte einen Tataren, einen Deutschen oder er machte auch einfach seine Bemerkungen, über die sich alle zu Tode lachen konnten. Allerdings war sein Ruf als eines Spaßmachers in der Batterie schon so gefestigt, daß er nur den Mund zu öffnen und mit den Augen zu blinzeln brauchte, um ein allgemeines Gelächter hervorzurufen, aber er hatte wirklich viel echt Komisches und Überraschendes an sich. Er verstand in jedem Dinge etwas Besonderes zu sehen, etwas, was anderen gar nicht in den Sinn kam, und was die Hauptsache war, diese Fähigkeit, in allem etwas Komisches zu sehen, widerstand keiner Versuchung.
Der vierte Soldat war ein junger, unansehnlicher Bursche, ein Rekrut der vorjährigen Aushebung, der zum erstenmal an einem Feldzuge teilnahm. Er stand mitten im Rauch und so nahe am Feuer, daß man glauben konnte, sein fadenscheiniger Pelzrock müsse jeden Augenblick Feuer fangen, trotzdem aber konnte man an seinen zurückgeschlagenen Schößen, an seiner ruhigen, selbstzufriedenen Haltung und den hervortretenden Waden erkennen, daß er ein großes Behagen empfand.
Der fünfte Soldat endlich, der ein wenig entfernt von dem Wachtfeuer saß und ein Stäbchen schnitzte, war Onkelchen Shdanow. Shdanow war an Dienstjahren der älteste von allen Soldaten in der Batterie. Er hatte sie alle als Rekruten gekannt, und alle nannten ihn nach einer alten Gewohnheit Onkelchen. Er trank nie, wie die Leute sagten, er rauchte nie, er spielte nie Karten (nicht einmal »Nase«), er brauchte nie ein häßliches Schimpfwort. Die ganze dienstfreie Zeit beschäftigte er sich mit Schuhmacherei. An den Feiertagen besuchte er die Kirche, wo es möglich war, oder er stellte eine Kopekenkerze vor das Heiligenbild und schlug den Psalter auf, das einzige Buch, in dem er lesen konnte. Mit den Soldaten ließ er sich wenig ein. Mit denen, die im Rang höher standen, wenn sie auch jünger an Jahren waren, war er von kühler Ehrerbietung, mit Gleichgestellten hatte er als Nichttrinker wenig Gelegenheit zusammenzukommen; besonders aber hatte er die Rekruten und die jungen Soldaten gern: die nahm er stets unter seine Obhut, las ihnen die Instruktionen vor und half ihnen häufig. Alle Leute in der Batterie hielten ihn für einen reichen Mann, weil er 25 Rubel besaß, die er gern einem Soldaten lieh, der wirklich in Not war. Maksimow, derselbe Maksimow, der jetzt Feuerwerker war, erzählte mir, als er einst vor zehn Jahren als Rekrut eingetreten war, und die alten, trinklustigen Kameraden mit ihm sein Geld vertrunken hatten, habe Shdanow, der seine unglückliche Lage bemerkte, ihn zu sich gerufen, ihm einen strengen Verweis wegen seiner Aufführung erteilt, ihn sogar geschlagen, ihm die Instruktionen vorgelesen, wie der Soldat sich zu führen habe, dann habe er ihm ein Hemd gegeben, da Maksimow keines mehr hatte, und einen halben Rubel, und ihn fortgeschickt. »Er hat einen Menschen aus mir gemacht,« pflegte Maksimow stets von ihm mit Achtung und Dankbarkeit zu sagen. Er war es auch, der Welentschuk, der sich stets seines Schutzes erfreute, schon von der Rekrutenzeit her bei dem Unglück wie bei dem Verluste des Mantels geholfen hatte, und so vielen anderen während seiner 25jährigen Dienstzeit.
Was den Dienst betrifft, so konnte man keinen Soldaten finden, der seine Sache besser verstand, der tapferer und ordentlicher war als er; aber er war zu ruhig und unansehnlich, um zum Feuerwerker ernannt zu werden, obwohl er schon fünfzehn Jahre Bombardier war. Shdanows einzige Freude, ja seine Leidenschaft, war der Gesang. Einige Lieder besonders hatte er sehr gern, er suchte sich immer einen Kreis von Sängern unter den jüngeren Soldaten und stand mitten unter ihnen, obgleich er selbst nicht singen konnte, hielt die Hände in den Taschen des Pelzrocks, kniff die Augen zusammen und drückte durch Bewegungen des Kopfes und der Kiefern seine Teilnahme aus. Ich weiß nicht, warum ich in dieser gleichmäßigen Bewegung der Kiefern unter dem Ohre, die ich nur bei ihm beobachtet habe, außerordentlich viel Ausdruck fand. Der schneeweiße Kopf, der gewichste, schwarze Schnauzbart und das gebräunte, faltenreiche Gesicht gaben ihm auf den ersten Blick ein strenges, rauhes Aussehen; aber sah man tiefer in seine großen runden Augen, besonders wenn sie lachten (mit den Lippen lachte er nie), so wurde man plötzlich durch etwas außerordentlich Mildes, fast Kindliches überrascht.
IV

Ach, da habe ich meine Pfeife vergessen. Das ist schlimm, Kameraden! sagte Welentschuk immer wieder.
Du solltest Cigarren rauchen, lieber Freund, begann Tschikin; dabei verzog er den Mund und blinzelte mit den Augen – ich rauche zu Hause auch immer Cigarren, die schmecken süßer.
Selbstverständlich schüttelten sich alle vor Lachen.
Da hat er die Pfeife vergessen, fiel Maksimow ein, ohne das allgemeine Gelächter zu beachten, und klopfte mit der Miene eines Vorgesetzten stolz seine Pfeife auf der Fläche der linken Hand aus. Wo bist du denn eigentlich gewesen, Welentschuk, he?
Welentschuk kehrte sich halb zu ihm um, erhob die Hand zur Mütze, ließ sie aber bald wieder sinken.
Man sieht's, hast von gestern noch nicht ausgeschlafen, daß du im Stehen einnickst. Dafür wird man euresgleichen keinen Dank sagen.
Zerreißt mich hier auf der Stelle, Fjodor Maksimowitsch, wenn ich nur ein Tröpfchen im Munde gehabt habe; ich weiß selbst nicht, was mit mir geschehen ist, antwortete Welentschuk. Was hat's denn so Gutes gegeben, daß ich mich hätte betrinken sollen? brummte er vor sich hin.
Das ist's ja eben, da ist man für euresgleichen seinem Vorgesetzten verantwortlich, und ihr bleibt immer dabei ... Das hat keine Art! schloß der beredte Maksimow schon in viel ruhigerem Tone.
Ist's nicht ein Wunder, Kameraden, fuhr Welentschuk nach einem minutenlangen Schweigen fort, dabei kratzte er sich im Nacken und wandte sich an niemanden insbesondere, wahrhaftig, ein Wunder ist's! Kameraden. Sechzehn Jahre bin ich im Dienst, aber so etwas ist mir noch nie passiert. Als es hieß zum Appell antreten, da war ich zur Stelle, wie sich's gehört – ganz in der Ordnung – da plötzlich beim Park packt es mich ... packt mich und wirft mich zu Boden, und fertig. Und wie ich eingeschlafen bin, weiß ich nicht, Kameraden! Es muß die Schlafsucht selbst gewesen sein, schloß er.
Ich habe dich ja kaum wach kriegen können, sagte Antonow, während er sich den Stiefel aufzog. Ich rüttelte und rüttelte dich ... wie ein Stück Holz.
Siehst du, bemerkte Welentschuk, ich muß tüchtig betrunken gewesen sein ...
So gab's bei uns zu Hause ein Weib, begann Tschikin, die lag euch zwei Jahre, zwei Jahre, sag' ich, auf dem Ofen. Man weckte sie – sie schläft, denken die Leute – und sie liegt euch tot da; sie bekam auch immer die Schlafsucht. Ja so, lieber Freund.
Aber erzähl' doch, Tschikin, wie du während des Urlaubs den Ton angegeben hast, sagte Maksimow lächelnd und sah mich an, als wollte er sagen: »Beliebt es Ihnen nicht auch, einem dummen Menschen zuzuhören?«
Was für einen Ton, Fjodor Maksimytsch? sagte Tschikin und warf mir schielend einen Blick zu. Das weiß ja jeder. Ich habe erzählt, wie es im Kaukasus aussieht.
Nun ja, wie denn, wie denn? Verstell dich nur nicht, erzähle, wie du sie »angeführt« hast.
Das ist bekannt, wie ich sie angeführt habe ... Sie fragten, wie wir leben – begann Tschikin in überstürzter Rede mit der Miene eines Menschen, der schon oft dasselbe erzählt hat. – Wir leben gut, lieber Freund, sage ich, unsern Proviant empfangen wir reichlich. Morgens und abends kommt eine Tasse Schickolaten auf den Soldaten, zu Mittag giebt es herrschaftliche Suppe aus Perlgraupen und statt des Branntweins bekommt jeder ein Gläschen Modera – Modera Divirje, der ohne Flasche zweiundvierzig Kopeken kostet.
Feiner Modera, fiel Welentschuk ein und schüttelte sich mehr als die anderen vor Lachen, das nenne ich einen Modera!
Na und was hast du von den Asiaten erzählt? fuhr Maksimow fort zu fragen, als das allgemeine Lachen ein wenig zu verstummen begann.
Tschikin beugte sich zu dem Feuer vor, nahm mit einem Stäbchen eine kleine Kohle, legte sie auf sein Pfeifchen und setzte schweigend, als bemerkte er die sprachlose Neugier, die er in seinen Hörern erregt hatte, nicht, langsam sein Tabakstengelchen in Brand. Als er endlich Rauch genug bekommen hatte, warf er die Kohle fort, schob seine Mütze noch tiefer in den Nacken und fuhr mit einem Achselzucken und einem leichten Lächeln fort:
Sie fragen mich auch, was das da für ein kleiner Tscherkeß ist, oder, sagt er, schlägt man bei euch im Kaukasus den Türken? Bei uns, sag' ich, lieber Freund, giebt's nicht einen Tscherkessen, sondern viele. Es giebt solche Tawlinzen, die in Felsbergen wohnen und Steine statt Brot essen. Die sind so groß, sag' ich, wie ein tüchtiger Klotz, haben ein Auge auf der Stirn und tragen rote Mützen, die brennen nur so, ganz wie deine, lieber Freund! fügte er hinzu, zu einem jungen Rekruten gewandt, der wirklich eine hochkomische Mütze mit rotem Deckel trug.
Der junge Rekrut setzte sich bei dieser unerwarteten Ansprache plötzlich auf die Erde, schlug sich die Knie und brach in ein solches Lachen und Husten aus, daß er nur mit tonloser Stimme hervorbringen konnte: »Das sind die Tawlinzen!«
Und dann, sage ich, giebt es noch die Mumren – fuhr Tschikin fort und rückte mit einer Kopfbewegung seine Mütze in die Stirn, – das sind wieder andere, kleine Zwillinge ... Immer zu Paaren, sage ich, halten sie sich bei den Händen und rennen, sag' ich, so wie der Wind, daß man sie zu Pferde nicht einholen kann. – Wie, sagt er, wie ist das bei den Mumren, kommen sie so auf die Welt, Hand in Hand, oder wie? sagte er mit kehlartiger Baßstimme und glaubte einem Bauern nachzuahmen. Ja, sag' ich, lieber Freund, so ist er von Natura. Versucht nur, die Hände auseinanderzureißen, dann kommt Blut, grad wie bei den Chinesen, nimm ihm die Mütze ab, gleich kommt Blut. – Aber sag' uns, Kleiner, wie schlagen sie sich, sagt er. – Ei so, sag' ich: Sie packen dich, schlitzen dir den Bauch auf und wickeln sich deine Gedärme um den Arm und wickeln und wickeln ... sie wickeln, und du lachst, bis dir die Seele aus dem Leibe ...
Ei wie, haben sie dir denn Glauben geschenkt? sagte Maksimow mit leichtem Lächeln, während die anderen sich halb tot lachten.
Das sonderbare Volk glaubt wahrhaftig alles, Fjodor Maksimytsch – bei Gott, sie glauben alles! ... Dann erzählte ich ihnen vom Berge Kasbek, daß da den ganzen Sommer über der Schnee nicht schmilzt, da lachten sie mich tüchtig aus, guter Freund! – Was faselst du, Kleiner? Hat man so etwas gesehen, ein großer Berg und darauf soll der Schnee nicht schmelzen? Bei uns, Kleiner, schmilzt im Tauwetter der kleinste Hügel – und der taut zuerst auf, und im Hohlweg bleibt der Schnee noch liegen. – Da hast du's! – schloß Tschikin und blinzelte mit den Augen.
V

Der leuchtende Sonnenball, dessen Strahlen durch den milchweißen Nebel hindurchdrangen, war schon ziemlich hoch emporgestiegen; der graublaue Horizont erweiterte sich allmählich und war, wenn auch bedeutend weiter, aber doch ebenso scharf von der täuschenden weißen Nebelwand begrenzt.
Vor uns that sich jenseits des ausgeholzten Waldes ein ziemlich weites Feld auf. Über das Feld breitete sich von allen Seiten her ein schwarzer, dort ein milchweißer oder violetter Rauch von Wachtfeuern, und die weißen Schichten des Nebels wogten in wunderlichen Gestalten. Weit vorn erschienen von Zeit zu Zeit Gruppen berittener Tataren, hörte man in Zwischenräumen die Schüsse aus unsern Stutzen, aus ihren Büchsen und Geschützen.
»Das war noch kein Gefecht, sondern nur ein Scherz,« wie der gute Kapitän Chlopow sagt.
Der Kommandeur der neunten Jägerkompagnie, der sich bei uns in der Deckung befand, trat zu seinen Geschützen heran, zeigte auf drei berittene Tataren, die in diesem Augenblick am Walde vorüberkamen, mehr als sechshundert Faden von uns entfernt, und bat, nach der allen Infanterieoffizieren eigenen Vorliebe für Artilleriefeuer, eine Kugel oder Granate auf sie zu schleudern.
Sehen Sie, sagte er mit einem guten und überzeugenden Lächeln und streckte die Hand über meine Schulter, dort, wo die zwei großen Bäume stehen, vorn ... Einer auf einem weißen Pferd und im schwarzen Tscherkessenrock, und dort hinten noch zwei, sehen Sie, könnte man nicht, bitte ...
Und da reiten noch drei am Waldessaum, fügte Antonow, der sich durch ein wunderbares Auge auszeichnete, hinzu, indem er auf uns zukam und die Pfeife, die er gerade rauchte, hinter seinem Rücken verbarg. Der Vordere nimmt eben seine Büchse aus dem Futteral. Man sieht's ganz deutlich, Euer Wohl'boren!
Ei sieh, er hat losgedrückt, Kameraden! da steigt ein weißes Rauchwölkchen auf, sagte Welentschuk zu einer Gruppe von Soldaten, die ein wenig hinter uns standen.
Gewiß auf unsere Vorpostenkette, der Dreckfink, bemerkte ein anderer.
Sieh nur, wie viele da hinter dem Walde hervorkommen! Sie besichtigen gewiß den Ort – wollen ein Geschütz aufstellen, fügte ein dritter hinzu. – Wenn man ihnen eine Granate mitten in den Haufen hinüberschickte, die würden euch spucken ...
Was denkst du, wird sie bis dahin tragen? fragte Tschikin.
Fünfhundert oder fünfhundertundzwanzig Faden, mehr sind's nicht, sagte Maksimow kaltblütig, als ob er mit sich selbst spräche, obgleich man ihm anmerkte, daß er nicht weniger Lust hatte, loszufeuern, als die anderen, wenn man fünfundvierzig Linien aus dem Einhorn giebt, so muß man ganz genau treffen, d. h. ganz vollständig.
Wissen Sie, wenn man jetzt auf dieses Häufchen zielt, so muß man unbedingt jemanden treffen. Da, da, jetzt, wie eng sie mit den Pferden zusammenstehen, befehlen Sie doch jetzt, so schnell als möglich zu schießen, bat mich der Kompagniekommandeur unaufhörlich.
Befehlen Sie das Geschütz zu richten? fragte plötzlich Antonow mit seiner schwerfälligen Baßstimme und mit einer Miene finsteren Zornes.
Ich gestehe, ich hatte selbst große Lust dazu, und ich befahl, das zweite Geschütz zu richten.
Kaum hatte ich das Wort ausgesprochen, so war auch schon die Granate mit Pulver bestreut und eingeführt, und Antonow kommandierte schon, an die Lafettenwand gelehnt und seine dicken Finger auf das Hinterteil des Geschützes stützend: Protzstock rechts und links.
Ein ganz klein wenig nach links ... Eine Spur nach rechts ... noch, noch ein wenig ... So ist's recht, sagte er und trat mit stolzer Miene von dem Geschütz zurück.
Der Infanterieoffizier, ich und Maksimow legten uns einer nach dem andern an das Visir, und jeder sprach seine abweichende Meinung aus.
Bei Gott, es trägt hinüber, bemerkte Welentschuk und schnalzte mit der Zunge, obgleich er nur über Antonows Schulter hinweggeblickt und daher gar keinen Grund hatte, das anzunehmen. Bei Gott, sie trägt schnurstracks hinüber, in den Baum dort muß sie einschlagen, Kameraden!
Zweites Geschütz, kommandierte ich.
Die Bedienungsmannschaft trat auseinander. Antonow lief nach der Seite, um den Flug des Geschosses zu verfolgen; das Zündrohr flammte auf, das Erz erdröhnte. In diesem Augenblick hüllte uns Pulverdampf ein, und von den erschütternden, dumpfen Tönen des Schusses löste sich der metallische, summende Klang der mit Blitzesschnelle dahinfliegenden Kugel, der inmitten des gemeinen Schweigens in der Ferne erstarb.
Ein wenig hinter der Gruppe der Reiter wurde ein weißer Rauch sichtbar, die Tataren sprengten nach allen Seiten aneinander und der Klang der krepierten Granate klang zu uns herüber.
Das war schön! Wie sie fortmachen! Die Teufelskerle, das haben sie nicht gern! ließen sich Beifall und Scherze in den Reihen der Artilleristen und der Infanteristen hören.
Hätte man's ein bißchen niedriger gerichtet, so hätte sie ganz genau getroffen, bemerkte Welentschuk. Ich habe gesagt, es trifft den Baum, und so war's auch – nach rechts ist sie gegangen.
VI

Ich verließ die Soldaten, während sie darüber sprachen, wie die Tataren davongesprengt waren, als sie die Granate erblickt, und weshalb sie hier herumritten, und ob wohl ihrer viele im Walde wären, ging mit dem Kompagnieführer wenige Schritte davon, setzte mich unter einen Baum, und erwartete die aufgewärmten Klopse, die er mir angeboten hatte. Der Kompagnieführer Bolchow war einer von den Offizieren, die man im Regiment die »Bonjours« nannte. Er besaß Vermögen, hatte früher in der Garde gedient und sprach französisch. Aber trotzdem hatten ihn die Kameraden gern. Er war recht gescheit und besaß Takt genug, um einen Petersburger Rock zu tragen, gut zu Mittag zu speisen und französisch zu sprechen, ohne das Offizierskorps übermäßig zu beleidigen. Wir sprachen über das Wetter, über die Kriegsereignisse und die gemeinsamen Bekannten unter den Offizieren und gewannen aus den Fragen und Antworten und aus der Auffassung der Dinge die Überzeugung, daß wir in unseren Ansichten ziemlich übereinstimmten, und so gingen wir unwillkürlich zu einem vertraulicheren Gespräch über. Im Kaukasus pflegt, wenn Menschen einer Gesellschaftsklasse sich begegnen, wenn auch unausgesprochen, so doch ziemlich klar, die Frage aufzutauchen: weshalb sind Sie hier? und auf diese meine unausgesprochene Frage schien mein Genosse die Antwort geben zu wollen.
Wann wird dieser Feldzug ein Ende nehmen! sagte er träge – langweilig!
Ich langweile mich nicht, sagte ich. Im Stabe ist's ja noch langweiliger.
Ach, im Stabe ist es zehntausendmal schlimmer, sagte er wütend. Aber nein, wann wird das alles ein Ende nehmen?
Aber was soll denn, nach Ihrer Meinung, ein Ende nehmen? fragte ich.
Alles, ganz und gar! ... He, Nikolajew, sind die Klopse fertig? fragte er.
Warum haben Sie eigentlich im Kaukasus Dienste gesucht, sagte ich, wenn Ihnen hier so wenig gefällt?
Wissen Sie warum? antwortete er mit entschlossener Offenheit, weil es so hergebracht ist. In Rußland giebt es doch eine besondere Tradition vom Kaukasus, als sei hier das gelobte Land für unglückliche Menschen jeder Art.
Ja, das hat etwas Wahres, sagte ich, die meisten von uns ...
Was aber das Beste ist, unterbrach er mich, wir alle, die wir dieser Tradition gemäß nach dem Kaukasus gehen, verrechnen uns entsetzlich, und ich kann ganz und gar nicht einsehen, warum wir nach einer unglücklichen Liebe oder bei zerrütteten Verhältnissen lieber in den Kaukasus gehen, um Dienste zu nehmen, als nach Kasanj oder nach Kaluga. In Rußland stellt man sich den Kaukasus als etwas Erhabenes vor, mit ewig jungfräulichen Gletschern, mit reißenden Strömen, mit Dolchen, Filzmänteln, Tscherkessenmädchen – alles das hat etwas Grauenerregendes, in Wirklichkeit aber liegt darin nichts Lustiges. Wenn sie wenigstens wüßten, daß wir nie zu dem jungfräulichen Eise gelangen, ja, daß es gar kein Vergnügen ist, dahin zu kommen, und daß der Kaukasus in Provinzen geteilt ist: in Stawropol, in Tiflis u. s. w. ...
Ja, sagte ich lachend, wir sehen in Rußland den Kaukasus mit ganz anderen Augen an als hier. Haben Sie das schon einmal an sich erfahren? Wenn man Verse liest in einer Sprache, die man nicht gut versteht, stellt man sie sich viel hübscher vor, als sie sind.
Ich weiß wahrhaftig nicht. Aber mir mißfällt der Kaukasus im höchsten Grade, unterbrach er mich.
Oh nein, der Kaukasus ist für mich auch jetzt schön, nur in anderem Sinne.
Er mag vielleicht auch schön sein, fuhr er mit einer gewissen Gereiztheit fort. Ich weiß nur, daß ich mir im Kaukasus nicht gefalle.
Aber warum das? sagte ich, um doch etwas zu sagen.
Nun, erstens, weil er mich getäuscht hat. Alles das, wovon ich Heilung hoffte im Kaukasus nach der Tradition, alles hat mich hierher begleitet, nur mit dem Unterschied, daß all dies früher auf der großen Vordertreppe war und jetzt auf einer kleinen, schmutzigen Hintertreppe ist, auf deren einzelnen Stufen ich Millionen kleiner Aufregungen, Gemeinheiten, Kränkungen finde; zweitens, weil ich fühle, wie ich mit jedem Tage moralisch sinke, tiefer und tiefer, und vor allem, weil ich mich für den Dienst in diesem Lande unfähig fühle: ich kann keine Gefahren ertragen – kurz, ich bin nicht tapfer ...
Obgleich dies unerbetene Bekenntnis mich außerordentlich in Erstaunen setzte, widersprach ich nicht, wie mein Genosse offenbar wünschte, sondern erwartete von ihm selbst die Widerlegung seiner Worte, wie das immer in solchen Fällen zu sein pflegt.
Sie müssen wissen, ich bin bei dem jetzigen Feldzuge zum erstenmal im Feuer, fuhr er fort, und Sie können sich nicht vorstellen, was mir gestern begegnet ist. Als der Feldwebel den Befehl brachte, daß meine Kompagnie für die Abteilung bestimmt sei, wurde ich bleich wie Leinewand und konnte vor Erregung kein Wort hervorbringen. Und wüßten Sie, wie ich die Nacht zugebracht habe! Wenn es wahr ist, daß Menschen vor Angst grau werden, so müßte ich heute ganz weiß sein, denn sicherlich hat noch kein zum Tode Verurteilter in einer Nacht so viel gelitten, wie ich; sogar jetzt fühle ich noch etwas hier drinnen, wenn mir auch ein wenig leichter ist, als heute Nacht! fügte er hinzu und bewegte die Faust vor seiner Brust hin und her. Das Lächerlichste ist, fuhr er fort, daß sich hier das schrecklichste Drama abspielt, und man selbst Klopse mit Lauch ißt und sich einredet, es sei sehr lustig ... Giebt's Wein, Nikolajew? fügte er gähnend hinzu.
Das ist er, Kameraden, erklang in diesem Augenblick die erregte Stimme eines Soldaten. Alle Augen richteten sich auf den Saum des fernen Waldes.
Eine bläuliche Rauchwolke erhob sich vom Winde getrieben in der Ferne und wurde größer und größer. Als ich begriffen hatte, daß es ein Schuß des Feindes gewesen, nahm plötzlich alles, was in diesem Augenblick vor meinen Augen stand, einen neuen, erhabenen Charakter an. Die zusammengestellten Gewehre, der Rauch der Wachtfeuer, der blaue Himmel, die grünen Geschützgestelle, Nikolajews verbranntes Gesicht mit dem großen Schnauzbart – all dies schien mir zu sagen, daß die Kugel, die schon aus dem Rauch herausgeflogen war und in diesem Augenblick in der freien Luft schwebte, vielleicht geradewegs auf meine Brust gerichtet sein könnte.
Wo haben Sie den Wein hergenommen? fragte ich Bolchow nachlässig, während im Innersten meiner Seele zwei Stimmen gleich vernehmlich sprachen: die eine »Herr, nimm meine Seele in Frieden auf«, die andere »Ich hoffe mich nicht zu bücken, sondern zu lächeln, wenn die Kugel vorüberkommt«, – und in diesem Augenblick pfiff etwas wirklich Unangenehmes über unsere Köpfe hin, und zwei Schritt von uns schlug die Kugel ein.
Sehen Sie, wenn ich Napoleon oder Friedrich wäre, sagte Bolchow in diesem Augenblick und wandte sich vollkommen kaltblütig zu mir, hätte ich unbedingt irgend eine Liebenswürdigkeit gesagt.
Sie haben sie ja auch jetzt gesagt, antwortete ich und konnte nur mit Mühe die Unruhe verbergen, die die überstandene Gefahr in mir hervorgerufen hatte.
Nun ja, gesagt schon, aber niederschreiben wird es niemand.
So werde ich es niederschreiben.
Wenn Sie es auch niederschreiben, so geschieht es doch nur zur Kritik, wie Mischtschenkow sagt, fügte er lächelnd hinzu.