Sewastopol im Dezember 1854, im Mai und August 1855 (continued 2)
Reading edition
Kaum hatte sich Praßkuchin, neben Michajlow gehend, von Kalugin getrennt und schon angefangen, etwas aufzuleben, weil er nach einem weniger gefährlichen Platz ging, als er einen hellstrahlenden Blitz hinter sich sah, und den Schrei der Schildwache: »Mörser!« sowie die Worte eines hinter ihm gehenden Soldaten: »Direkt nach der Bastion fliegt sie!« hörte.
Michajlow sah sich um. Der glänzende Punkt der Bombe schien in seinem Zenith stehen zu bleiben, in einer Stellung, daß es entschieden unmöglich war, seine Richtung zu bestimmen. Aber das dauerte nur einen Augenblick: die Bombe kam immer schneller und näher, so daß schon die Funken der Röhre sichtbar waren und das verhängnisvolle Pfeifen hörbar, – gerade mitten unter das Bataillon fiel sie nieder.
Legt euch! rief eine Stimme.
Michajlow und Praßkuchin legten sich auf die Erde. Praßkuchin kniff die Augen zu und hörte nur, wie die Bombe ganz in seiner Nähe auf die feste Erde aufschlug. Es verging eine Sekunde, die ihm wie eine Stunde erschien, – die Bombe platzte nicht. Praßkuchin erschrak: sollte er unnötig feig gewesen sein? War vielleicht die Bombe weit von ihm niedergefallen, und war es ihm nur so vorgekommen, als ob ihre Röhre in seiner Nähe gezischt? Er öffnete die Augen und sah mit Befriedigung Michajlow dicht an seinen Füßen unbeweglich liegen. Aber da begegnete seinen Augen auf einen Moment die leuchtende Röhre der nur eine Elle entfernt von ihm sich drehenden Bombe.
Ein Schreck – ein kalter, alles Denken und Fühlen lähmender Schreck – ergriff sein ganzes Wesen. Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.
Noch eine Sekunde verging – eine Sekunde, in der eine ganze Welt von Gefühlen, Gedanken, Hoffnungen, Erinnerungen an seinem Geiste vorüberblitzte.
»Wen wird sie treffen, mich oder Michajlow, oder beide zusammen? Und wenn mich, dann wo? Am Kopf, dann ist alles vorbei; am Bein, dann wird es abgeschnitten – und dann werde ich bitten, daß man mich chloroformiert und kann noch am Leben bleiben. Vielleicht aber tötet sie nur Michajlow, dann werde ich erzählen, wie wir zusammen gegangen, wie er getroffen worden, und sein Blut mich bespritzt hat. Nein, mir ist sie näher ... mich tötet sie!«
Da fielen ihm die zwölf Rubel ein, die er Michajlow schuldig war, und noch eine Schuld in Petersburg, die er längst hätte bezahlen müssen; ein Zigeunermotiv, das er gestern abend gesungen hatte, huschte ihm durch den Kopf. Das Weib, das er liebte, stand vor seiner Phantasie in einer Haube mit lila Bändern; der Mensch, der ihn vor fünf Jahren beleidigt und dem er diese Beleidigung nicht heimgezahlt hatte, fiel ihm ein, obgleich, untrennbar von dieser und tausend anderen Erinnerungen, das Gefühl der Gegenwart – die Erwartung des Todes – ihn nicht einen Augenblick verließ. »Übrigens, vielleicht platzt sie nicht«, dachte er und wollte mit verzweifelter Entschlossenheit die Augen öffnen. Aber in diesem Augenblick traf ihn durch die geschlossenen Lider ein roter Feuerschein, und mit entsetzlichem Krachen schlug ihm etwas mitten in die Brust; er stürzte vorwärts, stolperte über den Säbel, der ihm zwischen die Beine geraten war, und fiel auf die Seite.
»Gott sei Dank, es ist nur ein Streifschuß!« war sein erster Gedanke, und er wollte mit den Händen seine Brust befühlen; aber seine Hände waren wie gelähmt und sein Kopf wie in einen Schraubstock eingeklemmt. Vor seinen Augen huschten die Soldaten vorüber, und bewußtlos zählte er sie: »Eins, zwei, drei Mann; da einer in den Mantel gehüllt, ein Offizier,« dachte er. Dann flammte ein Blitz vor seinen Augen auf, und er dachte darüber nach, woher der Schuß wohl kommt: aus einem Mörser oder aus einer Kanone? Wahrscheinlich aus einer Kanone. Da neue Schüsse; da noch Soldaten: fünf, sechs, sieben Mann, alle gehen vorüber. Plötzlich wurde ihm furchtbar zu Mut, als ob ihn jemand würgte. Er wollte schreien, er habe einen Streifschuß bekommen, aber sein Mund war so vertrocknet, daß ihm die Zunge am Gaumen klebte, und ein schrecklicher Durst ihn quälte. Er fühlte, wie naß er um die Brust war: dieses Gefühl der Nässe rief ihm das Wasser in Erinnerung, und er hätte auch das trinken mögen, wovon seine Brust naß war.
»Wahrscheinlich habe ich mich blutig geschlagen, als ich fiel,« dachte er. Er überließ sich immer mehr und mehr der Furcht, daß die Soldaten, die an ihm vorüberhuschten, ihn erwürgen würden. Er nahm alle Kräfte zusammen und wollte schreien: »Nehmt mich mit!« Aber anstatt dessen stöhnte er so schrecklich, daß es ihm fürchterlich war, sich zu hören. Dann hüpften rote Flämmchen vor seinen Augen, und es war ihm, als legten Soldaten Steine über ihn; die Flämmchen hüpften immer schneller und schneller, die Steine, die man über ihn legte, drückten immer schwerer und schwerer. Er machte eine Anstrengung, um die Steine abzuwälzen, streckte sich aus, und dann sah, hörte, dachte und fühlte er nichts mehr. Er war durch einen Bombensplitter mitten in die Brust getroffen und auf der Stelle getötet worden.
XIII

Michajlow war, als er die Bombe sah, auf die Erde niedergefallen; während der zwei Sekunden, in welchen die Bombe ungeborsten dalag, dachte und fühlte er ebenso viel, wie Praßkuchin. Er betete in Gedanken zu Gott und wiederholte fortwährend: »Dein Wille geschehe! Und wozu bin ich in den Dienst getreten – dachte er gleichzeitig – und noch dazu in die Infanterie, um an dem Feldzuge teilzunehmen? Wäre es nicht besser gewesen, im Ulanenregiment zu bleiben in T. und meine Zeit bei meiner lieben Natascha zuzubringen? Jetzt ...« Und er begann zu zählen: eins, zwei, drei, vier und sagte sich, gerade heißt lebendig bleiben, ungerade tot: »Nun ist alles zu Ende, ich bin tödlich getroffen!« dachte er, als die Bombe platzte, und er einen Schlag an den Kopf bekam und einen rasenden Schmerz empfand. »Herr, verzeih' mir meine Sünden,« rief er mit gefalteten Händen, wollte sich erheben, fiel aber besinnungslos auf den Rücken.
Das erste, was er fühlte, als er wieder zu sich kam, war das Blut, das ihm über die Nase strömte, und der bei weitem schwächer gewordene Schmerz am Kopf. »Die Seele entflieht, dachte er. – Wie wird es »dort« sein? ... Herr, nimm meine Seele in Frieden auf. Nur das Eine ist sonderbar, dachte er, daß ich sterbend so deutlich die Schritte der Soldaten und die Schüsse höre.«
Eine Bahre her ... he ... unser Hauptmann ist tot! schrie über seinem Kopfe eine Stimme, die er unwillkürlich als die des Trommlers Ignatjew erkannte.
Da faßte ihn jemand bei den Schultern. Er versuchte, die Augen zu öffnen und sah über seinem Kopf den dunkelblauen Himmel, Sterngruppen und zwei über ihn hinfliegende Bomben, die um die Wette weitereilten – er sah Ignatjew, Soldaten mit Tragbahren und Gewehren, den Wall des Laufgrabens, und überzeugte sich plötzlich, daß er noch nicht im Jenseits sei.
Er war leicht von einem Stein am Kopf verwundet. Seine allererste Empfindung war etwas wie Bedauern: er hatte sich so gut und ruhig auf den Übergang »dorthin« vorbereitet, daß ihn die Rückkehr in die Wirklichkeit mit ihren Bomben, Laufgräben und Blute unangenehm berührte; seine zweite Empfindung war die unbewußte Freude darüber, daß er lebendig war; die dritte – der Wunsch, so bald als möglich die Bastion zu verlassen. Der Trommler verband seinem Hauptmann den Kopf mit einem Tuche, nahm den Verwundeten unter den Arm und wollte ihn nach dem Verbandort führen.
»Wohin und weshalb ich aber gehe? dachte der Stabskapitän, als er etwas zu sich gekommen war. Meine Pflicht ist, bei der Kompagnie zu bleiben und nicht vorzeitig fortzugehen, umsomehr, als sie bald aus dem Feuer herauskommen wird,« flüsterte eine innere Stimme ihm zu.
Es ist nicht nötig, Bruder, sagte er, indem er seinen Arm dem dienstfertigen Trommler entzog, ich werde nicht nach dem Verbandort gehen, sondern bei der Kompagnie bleiben.
Und er wandte sich zurück.
Sie thäten besser, sich ordentlich verbinden zu lassen, Euer Wohlgeboren, sagte Ignatjew, – nur in der ersten Hitze scheint das nichts zu sein; Sie machen es bloß schlimmer; hier giebt's ein ganz gehöriges Feuer ... gewiß, Euer Wohlgeboren!
Michajlow blieb einen Augenblick unentschlossen stehen und würde wahrscheinlich Ignatjews Rat befolgt haben, wenn er nicht bedacht hätte, wieviel Schwerverwundete am Verbandort sein würden.
»Vielleicht werden die Doktoren über meine Schramme nur lächeln,« dachte der Stabskapitän und ging, trotz der Gründe des Trommlers, entschlossen zur Kompagnie zurück.
Wo ist der Ordonnanzoffizier Praßkuchin, der mit mir gegangen war? fragte er den Fähnrich, der die Kompagnie führte.
Ich weiß nicht ... tot, glaube ich, antwortete mürrisch der Fähnrich, tot oder verwundet.
Wie können Sie das nicht wissen, er ist ja mit uns gegangen? Und weshalb haben Sie ihn nicht mitgenommen?
Wie soll man ihn mitnehmen, wenn's ein solches Feuer giebt!
Ach! so sind Sie, Michail Iwanytsch, rief zornig Michajlow, wie konnten Sie ihn liegen lassen, wenn er noch lebt; ja, wenn er auch tot ist, mußten Sie doch den Leichnam mitnehmen.
Wie kann er leben, wenn ich Ihnen sage, ich selber habe ihn gesehen! sagte der Fähnrich. Ich bitte Sie! wenn wir nur erst unsere eigenen Leute fortgeschafft hätten! ... Sieh' da, jetzt schießt die Kanaille mit Kanonenkugeln! fügte er hinzu.
Michajlow setzte sich und faßte sich an den Kopf, der ihm von der Bewegung aufs heftigste schmerzte.
Nein, wir müssen jedenfalls hin und ihn mitnehmen; vielleicht lebt er noch, sagte Michajlow. – Das ist unsere Schuldigkeit, Michail Iwanytsch!
Michail Iwanytsch antwortete nicht.
»Der hat ihn vorhin nicht mitgenommen, und jetzt muß ich die Soldaten allein schicken; aber darf ich sie schicken? – Bei solch einem schrecklichen Feuer können sie zwecklos getötet werden,« dachte Michajlow.
Kinder! wir müssen zurückgehen, um einen Offizier mitzunehmen, der dort im Graben verwundet worden ist, rief er nicht allzu laut und befehlend, da er fühlte, wie unangenehm den Soldaten die Erfüllung dieses Befehls sein würde, – und wirklich, da er niemand mit Namen bezeichnet hatte, trat keiner vor, dem Geheiß nachzukommen.
»Es ist wahr: vielleicht ist er schon tot und es lohnt sich nicht, die Leute einer unnötigen Gefahr auszusetzen; nur an mir liegt die Schuld, weshalb habe ich mich um ihn nicht bekümmert. Ich werde selber gehen, mich zu überzeugen, ob er noch lebt. Das ist meine Schuldigkeit,« sprach Michajlow zu sich selbst.
Michail Iwanytsch! führen Sie die Kompagnie, ich werde nachkommen, sagte er und lief, mit der einen Hand den Mantel aufhebend, mit der andern das Bild des heiligen Mitrophan, zu dem er ein besonderes Vertrauen hatte, fortwährend berührend, im Trabe den Laufgraben entlang.
Nachdem sich Michajlow überzeugt, daß Praßkuchin tot war, schleppte er sich, keuchend und mit der Hand den locker gewordenen Verband und den heftig schmerzenden Kopf haltend, zurück. Als er sein Bataillon erreichte, stand es bereits unten am Berge an Ort und Stelle und fast außerhalb Schußweite. Ich sage: fast, nicht außerhalb Schußweite, weil bisweilen auch bis dahin sich Bomben verirrten.
»Aber morgen muß ich mich am Verbandort als verwundet einschreiben lassen,« dachte der Stabskapitän, als der herbeigekommene Feldscher ihn verband.
XIV

Hunderte von frischen, blutigen Menschenkörpern, die vor zwei Stunden noch von den mannigfaltigsten, erhabenen und kleinlichen Hoffnungen und Wünschen erfüllt waren, lagen mit erstarrten Gliedern in dem betauten, blumenreichen Thale, das die Bastion vom Laufgraben trennte, und auf dem ebenen Fußboden der Totenkapelle in Sewastopol; Hunderte von Menschen, mit Verwünschungen und Gebeten auf den vertrockneten Lippen, krochen, wanden sich und stöhnten: die einen zwischen den Leichnamen im blumenreichen Thal, die anderen auf Tragbahren, Pritschen und der blutigen Diele des Verbandortes; und gerade so, wie an früheren Tagen, stand Wetterleuchten über dem Ssapunberg, erbleichten die glänzenden Sterne, kam ein weißer Nebel vom brausenden, dunkeln Meere daher gezogen, flammte die helle Morgenröte im Osten auf, zerstreuten sich die dunklen Gewitterwölkchen am hellblauen Horizont, und gerade so wie an den früheren Tagen tauchte, der ganzen erwachenden Welt Freude, Liebe und Glück verheißend, das mächtige, schöne Tagesgestirn empor.
XV

Am folgenden Tage, gegen Abend, spielte wieder eine Jägerkapelle auf dem Boulevard, und wieder spazierten Offiziere, Junker, Soldaten und junge Frauenzimmer müßig in der Nähe des Pavillons und in den niedrigen, von blühenden, wohlriechenden, weißen Akazien gebildeten Alleen.
Kalugin, Fürst Galzin und ein Oberst gingen Arm in Arm um den Pavillon und sprachen von dem Gefecht des vergangenen Tages.
Der leitende Faden ihres Gesprächs war, wie es immer in ähnlichen Fällen zu sein pflegt, nicht das Gefecht selbst, sondern der Anteil, den der Erzählende an dem Gefecht genommen hatte. Ihr Aussehen und der Klang ihrer Stimme war ernst, beinahe traurig, als ob die Verluste des gestrigen Tages jeden von ihnen berührten und schmerzten; in Wahrheit aber war dieser Ausdruck der Trauer, da niemand von ihnen einen nahestehenden Menschen verloren hatte, der offizielle Ausdruck, den sie für ihre Pflicht hielten zur Schau zu tragen. Kalugin und der Oberst wären jeden Tag bereit gewesen, ein solches Gefecht mitzumachen, wenn sie nur jedesmal einen goldenen Säbel oder den Generalmajor bekommen hätten, obgleich sie sehr nette Menschen waren. Ich höre es gern, wenn man einen Eroberer wegen seines Ehrgeizes, der Millionen zu Grunde richtet, einen Unmenschen nennt. Man frage aber den Fähnrich Petruschow und den Unterleutnant Antonow und andere aufs Gewissen, dann ist jeder von uns ein kleiner Napoleon, ein kleiner Unmensch, und jeden Augenblick bereit, einen Kampf aufzunehmen und hunderte Menschen zu töten, nur um einen unnützen Orden oder ein Drittel seiner Gage zu bekommen.
Nein, entschuldigen Sie, sagte der Oberst, erst ist es auf dem linken Flügel losgegangen, ich bin ja dort gewesen.
Vielleicht, antwortete Kalugin. Ich war mehr auf dem rechten; ich bin zweimal hingekommen: Einmal suchte ich den General und das andere Mal ging ich so hin – die Verschanzung anzusehen. Da ging es heiß her.
Ja, gewiß, so ist es, Kalugin weiß es, sagte Fürst Galzin zu dem Oberst. Weißt du, heute hat mir W... von dir gesagt, du seist ein tapfrer ...
Aber Verluste, schreckliche Verluste, sagte der Oberst. Von meinem Regiment sind 400 Mann gefallen. Ein Wunder, daß ich lebendig davongekommen bin.
Da zeigte sich am andern Ende des Boulevards die Gestalt Michajlows mit verbundenem Kopfe; er ging auf sie zu.
Wie, Sie sind verwundet, Kapitän? sagte Kalugin.
Ja, ein wenig, durch einen Stein, antwortete Michajlow.
Est ce que pavillon est baissé déjà? fragte Fürst Galzin und sah dabei nach der Mütze des Stabskapitäns, ohne sich an eine bestimmte Person zu wenden.
Non, pas encore, antwortete Michajlow, der gern zeigen wollte, daß er französisch verstehe und spreche.
Dauert denn der Waffenstillstand noch fort? sagte Galzin russisch, und wandte sich an den Kapitän, um dadurch, wie dem Stabskapitän schien, auszudrücken, es muß Ihnen wohl schwer fallen, französisch zu sprechen und ist doch wohl besser geradezu ... Und damit entfernten sich die Adjutanten von ihm. Der Stabskapitän fühlte sich, wie gestern, außerordentlich vereinsamt, begrüßte mehrere, und da er sich zu den einen nicht gesellen wollte und zu den andern heranzutreten sich nicht entschließen konnte, setzte er sich in der Nähe des Kasarskij-Denkmals nieder und rauchte eine Cigarette an.
Baron Pest kam ebenfalls auf den Boulevard. Er erzählte, er habe den Verhandlungen über den Waffenstillstand beigewohnt und mit französischen Offizieren gesprochen; ein Offizier habe ihm gesagt: S'il n'avait pas fait clair encore pendant une demi-heure, les embuscades auraient été reprises, und er habe ihm geantwortet: Monsieur, je ne dis pas non, pour ne pas vous donnez un démenti, so vortrefflich habe er ihm geantwortet u. s. w.
In Wirklichkeit aber hatte er, obwohl er bei den Verhandlungen gewesen war, gar keine Gelegenheit gehabt, dort etwas besonderes zu sagen, obwohl er große Lust hatte, mit den Franzosen zu sprechen. (Es ist doch ein ungeheures Vergnügen, mit Franzosen zu sprechen.) Der Junker Baron Pest war lange die Linie entlang gegangen und hatte alle Franzosen, die in seiner Nähe waren, gefragt: De quel régiment êtes-vous? Sie antworteten ihm – und das war alles. Als er sich aber zu weit über die Linie hinauswagte, schimpfte der französische Wachtposten, der nicht vermutete, daß dieser Soldat französisch verstehen könnte, ihn in der dritten Person aus: »Il vient regarder nos travaux ce sacré ...« sagte er. Und da der Junker Baron Pest infolgedessen kein Vergnügen mehr fand an den Verhandlungen, war er nach Hause geritten und hatte unterwegs über die französischen Sätze nachgedacht, die er jetzt vorbrachte. Auf dem Boulevard stand auch Kapitän Sobow in lautem Gespräch und Kapitän Obshogow, der ganz erregt aussah, und der Artilleriekapitän, der keines Menschen Gunst suchte, und der in seiner Liebe glückliche Junker und alle die Personen von gestern, immer noch mit denselben Wünschen und Trieben. Nur Praßkuchin, Neferdow und noch einer fehlten, und es wurde ihrer jetzt, wo ihre Körper noch nicht gewaschen, geschmückt und in die Erde verscharrt waren, kaum gedacht oder erwähnt.
XVI

Auf unserer Bastion und dem französischen Laufgraben sind weiße Flaggen aufgesteckt, und zwischen ihnen, im blumenreichen Thale, liegen haufenweis, ohne Stiefel, in grauen und blauen Uniformen, verstümmelte Leichen, die Arbeiter zusammentragen und auf Wagen legen. Der Geruch der toten Körper erfüllt die Luft. Aus Sewastopol und aus dem französischen Lager strömen Menschenscharen herbei, um dieses Schauspiel anzusehen, und mit brennender, wohlwollender Neugierde eilt die eine Schar zur andern.
Hören wir, was diese Leute untereinander sprechen.
Dort, in einem Kreise von Russen und Franzosen, betrachtet ein junger Offizier, der zwar schlecht, aber hinreichend französisch spricht, um verstanden zu werden, eine Gardepatrontasche.
Eh seßi purkua se uaso lië? sagt er.
Par ce que c'est un giberne d'un régiment de la garde, Monsieur, qui porte l'aigle impérial.
Eh wu de la gard?
Pardon, Monsieur, du 6ème de ligne.
Eh seßi u aschte? fragt der Offizier, indem er auf eine hölzerne gelbe Cigarrenspitze zeigt, aus der der Franzose eine Cigarette raucht.
A Balaclava, Monsieur! C'est tout simple en bois de palme.
Sholi, sagt der Offizier, der sich in seinem Gespräch weniger von seinem Willen leiten läßt, als von den Worten, die er kennt.
Si vous voulez bien garder cela comme souvenir de cette rencontre, vous m'obligerez.
Und der höfliche Franzose bläst die Cigarette heraus und überreicht dem Offizier mit einer leichten Verbeugung die Spitze. Der Offizier giebt ihm die seinige, und alle Leute in der Gruppe, sowohl Franzosen, wie Russen, scheinen sehr vergnügt darüber zu sein und zu lächeln.
Dort ist ein kecker Infanterist, in einem rosa Hemd und mit umgeworfenem Mantel, in Begleitung anderer Soldaten, die, die Hände auf dem Rücken, mit frohen, neugierigen Gesichtern hinter ihm stehen, an einen Franzosen herangegangen und bittet ihn um Feuer für seine Pfeife. Der Franzose bläst seine Pfeife stärker an, stochert den Tabak auf und schüttet Feuer in des Russen Pfeife.
Tabak bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Zuschauer lächeln.
Oui, bon tabac, tabac turc, sagt der Franzose, et chez vous autres, tabac – russe? bon?
Ruß – bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Anwesenden schütteln sich vor Lachen. Franße nicht bun, bonshur mussje! sagt der Soldat im rosa Hemd, indem er seinen ganzen Vorrat von Sprachkenntnissen auf einmal erschöpft, und klopft lachend dem Franzosen auf den Bauch.
Ils ne sont pas jolis ces b... de Russes, sagt ein Zuave mitten aus dem Franzosenhaufen.
De quoi de ce qu'ils rient donc? sagt ein anderer, ein dunkelbrauner Geselle mit italienischer Aussprache, und kommt auf die Unsrigen zu.
Kaftan bun, sagt der kecke Soldat, indem er die gestickten Schöße des Zuaven betrachtet – und wieder lachen alle.
Ne sors pas de la ligne, à vos places, sacré nom! schreit der französische Korporal, und die Soldaten gehen mit sichtlicher Unzufriedenheit auseinander.
Da drüben, im Kreise französischer Offiziere, steht ein junger Kavallerieoffizier von uns und löst sich in Liebenswürdigkeiten auf. Es ist die Rede von einem gewissen comte Sazonoff, que j'ai beaucoup connu, M., sagt ein französischer Offizier, dem eine Achselklappe fehlt; c'est un de ces vrais comtes russes, comme nous les aimons.
Il y a un Sazonoff, que j'ai connu, sagt der Kavallerist, mais il n'est pas comte, à moins, que je sache; un petit brun de votre âge à peu près.
C'est ça, M. c'est lui. Oh, que je voudrais le voir ce cher comte. Si vous le voyez, je vous prie bien de lui faire mes compliments. – Capitaine Latour, sagt er mit einer Verbeugung.
N'est-ce pas terrible la triste besogne, que nous faisons? Ça chauffait cette nuit, n'est-ce pas? sagt der Kavallerist, der die Unterhaltung fortzusetzen wünscht, und zeigt auf die Leichen.
Oh, M. c'est affreux! Mais quels gaillards vos soldats, quels gaillards! C'est un plaisir, que de se battre avec des gaillards comme eux.
Il faut avouer que les votres ne se mouchent pas du pied non plus – sagt der Kavallerist, verbeugt sich und glaubt sehr liebenswürdig zu sein.
Aber genug.
Betrachten wir lieber den zehnjährigen Knaben, der in einer alten, jedenfalls von seinem Vater stammenden Mütze, mit Schuhen an den nackten Füßen und in Nankinghosen, die nur durch einen Riemen gehalten werden, gleich nach Beginn des Waffenstillstandes über den Wall gekommen ist, sich lange in der Schlucht aufgehalten, mit stumpfer Neugierde die Franzosen und die auf der Erde liegenden Leichname betrachtet und blaue Feldblumen gepflückt hat, von denen dieses Thal übersät ist. Da er mit dem großen Blumenstrauß nach Hause zurückgeht, hält er die Nase zu vor dem Geruch, den ihm der Wind zuträgt, bleibt bei einem Haufen zusammengetragener Körper stehen und betrachtet lange einen schrecklichen, kopflosen Leichnam, der in seiner Nähe liegt. Nachdem er ziemlich lange gestanden, tritt er näher heran und berührt mit dem Fuß den ausgestreckten erstarrten Arm des Leichnams, – der Arm bewegt sich ein wenig. Er berührt ihn noch einmal, stärker, – der Arm bewegt sich und kehrt wieder in seine Lage zurück. Der Knabe schreit plötzlich auf, verbirgt das Gesicht in den Blumen und läuft spornstreichs fort nach der Festung.
Ja, auf der Bastion und im Laufgraben sind weiße Flaggen aufgesteckt, das blumenreiche Thal ist voll von toten Körpern, die schöne Sonne sinkt ins blaue Meer, und das blaue Meer wogt und glänzt in den Strahlen der Sonne. Tausende von Menschen drängen sich, schauen, sprechen und lächeln einander zu. Und diese Menschen sind Christen, die das eine große Gebot der Liebe und Selbstverleugnung bekennen, und fallen beim Anblick dessen, was sie gethan, nicht voll Reue mit einem Schlage auf die Knie vor Dem, der, als er ihnen das Leben gab, in die Seele eines jeden, zugleich mit der Todesfurcht, die Liebe zum Guten und Schönen gelegt hat, und umarmen sich nicht mit Thränen der Freude und des Glücks als Brüder? ... Die weißen Flaggen sind entfernt, und von neuem pfeifen die Geschosse, Tod und Verderben bringend, von neuem wird unschuldiges Blut vergossen und Stöhnen und Fluchen laut.

So hätte ich denn gesagt, was ich für dieses Mal zu sagen hatte. Aber ein drückender Zweifel überkommt mich. Vielleicht hätte ich das nicht aussprechen sollen, vielleicht gehört das, was ich gesagt habe, zu jenen schlimmen Wahrheiten, die unbewußt in der Seele eines jeden schlummern und nicht ausgesprochen werden dürfen, um nicht schädlich zu werden, wie der Bodensatz des Weines, den man nicht aufschütteln darf, um den Wein nicht zu zerstören.
Wo ist in dieser Erzählung das Abbild des Bösen, das wir vermeiden sollen? Wo das Abbild des Guten, dem wir nachahmen sollen? Wer ist ihr Bösewicht, wer ihr Held? – Alle sind gut und alle sind schlecht.
Weder Kalugin mit seiner glänzenden Tapferkeit – bravoure de gentilhomme – und Ruhmsucht, der Urheber in Aller Handlungen, noch Praßkuchin, der eitle, harmlose Mensch, obgleich er im Kampfe für den Glauben und für Thron und Vaterland gefallen ist, noch Michajlow mit seiner Schüchternheit, noch Pest, dieses Kind ohne feste Überzeugung und Grundsätze – sie alle können nicht die Bösewichter, noch die Helden der Erzählung sein.
Der Held meiner Erzählung, den ich mit der ganzen Kraft meiner Seele liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht war, und der immer schön gewesen ist und immer schön sein wird, – ist die Wahrheit.

Sewastopol im August 1855
I
Gegen Ende August fuhr auf der zerklüfteten Sewastopoler Heerstraße zwischen Duwanka (der letzten Station vor Sewastopol) und Bachtschißaraj, in dichtem und heißem Staube, langsam ein Offizierswägelchen (von jener besondern Art, die man sonst nirgends sieht und die die Mitte hält zwischen einer Judenbritschke, einem russischen Wagen und einem Korb).
Vorn im Fuhrwerk hockte ein Offiziersbursche in einem Nankingrock und einer vollständig abgetragenen alten Offiziersmütze und führte die Zügel; hinten saß auf Bündeln und Ballen, die mit einem Soldatenmantel bedeckt waren, ein Infanterieoffizier in einem Sommermantel. Der Offizier war, so weit man das bei seiner sitzenden Stellung beurteilen konnte, von mittlerer Gestalt, aber nicht so sehr in den Schultern, als über Brust und Rücken breit und stämmig; Hals und Nacken waren bei ihm sehr entwickelt und hervorstehend. Eine sogenannte Taille – den Einschnitt in der Mitte des Rückens – hatte er nicht, er hatte aber auch keinen Bauch; im Gegenteil, er war eher mager, besonders im Gesicht, das von einem ungesunden gelblichen Braun bedeckt war. Sein Gesicht hätte man schön nennen können, wäre es nicht aufgedunsen gewesen, und hätte es nicht große, wenn auch nicht greisenhafte Runzeln gehabt, die die Züge verwischten und vergrößerten und dem ganzen Gesicht den allgemeinen Ausdruck mangelnder Frische und Zartheit gaben. Seine Augen waren klein, grau, ungewöhnlich lebhaft, sogar stechend; der Schnurrbart sehr dicht, aber nicht breit und abgebissen, das Kinn, besonders die Kinnbacken, von einem außerordentlich starken, üppigen, schwarzen, zwei Tage alten Barte bedeckt. Der Offizier war am 10. Mai durch einen Bombensplitter am Kopfe verwundet worden und trug ihn noch immer verbunden. Jetzt, da er sich seit acht Tagen vollständig gesund fühlte, fuhr er aus dem Lazarett von Ssimferopol nach seinem Regiment, das dort irgendwo lag, woher die Schüsse kamen; ob in Sewastopol selbst, oder auf der Nordseite, hatte er noch von niemand genau erfahren können. Die Schüsse hörte man, besonders wenn keine Berge dazwischen lagen und der Wind sie weitertrug, außerordentlich deutlich, häufig und, wie es schien, nahe: bald erschütterte eine Explosion die Luft und machte ihn unwillkürlich erzittern, bald folgten aufeinander schwächere Töne, wie Trommelschlag, der bisweilen durch ein erschütterndes Getöse unterbrochen wird; bald verschmolz alles in ein rollendes Krachen, Donnerschlägen ähnlich, wenn das Gewitter am stärksten ist und sich der Platzregen ergießt. Alle sprachen von einem fürchterlichen Bombardement, das auch wirklich hörbar war. Der Offizier trieb den Burschen an, er wollte, wie es schien, so schnell als möglich an Ort und Stelle sein. Ein langer Wagenzug, den Bauern führten, die Proviant nach Sewastopol geschafft hatten, kam ihm entgegen; die Wagen kehrten jetzt von dort zurück und waren von kranken und verwundeten Soldaten in grauen Mänteln, Matrosen in schwarzen Überröcken, Freiwilligen in rotem Fez und bärtigen Landwehrleuten angefüllt. Das Offiziersfuhrwerk mußte in einer dicken, unbeweglichen, durch den Wagenzug aufgewirbelten Staubwolke halten, und der Offizier blinzelte und verzog das Gesicht von dem Staub, der ihm in Augen und Mund eindrang, und betrachtete die Gesichter der an ihm vorüberziehenden Kranken und Verwundeten.
Ah, das ist ein kranker Soldat unserer Kompagnie, rief der Bursche zu seinem Herrn gewandt und zeigte auf ein mit Verwundeten angefülltes Fuhrwerk, das eben ganz nahe herangekommen war.
Vorn auf dem Fuhrwerk saß seitwärts ein echtrussischer Breitbart in einem Filzhut und band die Peitsche zusammen, deren Stiel er im Arme hielt. Hinter ihm im Wagen wurden fünf Mann, in verschiedenen Stellungen, tüchtig gerüttelt. Der eine, mit verbundenem Arm, in Hemd und umgeworfenem Mantel, saß, obwohl blaß und mager, doch gefaßt in der Mitte des Bauernwagens und wollte, als er den Offizier sah, nach der Mütze greifen; aber er erinnerte sich wohl, daß er verwundet war und that, als ob er sich nur den Kopf kratzen wollte. Ein anderer lag neben ihm auf dem Boden des Fuhrwerks: man sah nur seine beiden Hände, mit denen er sich an den Wagenrändern festhielt, und die in die Höhe gestreckten Knie, die wie Lindenbast nach allen Seiten schwankten. Ein dritter, mit geschwollenem Gesicht und verbundenem Kopfe, auf dem eine Soldatenmütze in die Höhe ragte, saß an der Seite, die Beine hielt er baumelnd nach außen; er schien, die Ellbogen auf die Knie gestützt, zu schlummern. An diesen wandte sich der ankommende Offizier.
Dolshnikow! schrie er.
Ich – o! antwortete der Soldat, indem er die Augen öffnete und die Mütze abnahm, mit einem so tiefen und lauten Baß, als wenn zwanzig Mann Soldaten zusammen schrien.
Wann bist du verwundet worden, Brüderchen?
Die bleiernen, verschwommenen Augen des Soldaten belebten sich: er erkannte augenscheinlich seinen Offizier wieder.
Wir wünschen Euer Wohlgeboren Gesundheit! sagte er in demselben schwerfälligen Baß.
Wo steht jetzt das Regiment?
Hat in Sewastopol gestanden, wollte am Mittwoch abmarschieren, Euer Wohlgeboren.
Wohin?
Unbekannt ... jedenfalls nach der Nordseite, Euer Wohlgeboren! Jetzt, Euer Wohlgeboren, fügte er mit gedehnter Stimme und die Mütze aufsetzend hinzu, hat er bereits überall zu feuern angefangen, am meisten aus Bomben, sogar die Bucht beschießt er; jetzt trifft er so, daß es ein wahres Unglück ist, sogar ...
Was der Soldat weiter sprach, war nicht zu hören, aber aus dem Ausdrucke seines Gesichts und aus seiner Haltung war ersichtlich, daß er mit der einem leidenden Menschen eigenen Gereiztheit trostlose Dinge erzählte.
Der reisende Offizier, Leutnant Koselzow, war kein Dutzend-Offizier. Er gehörte nicht zu denen, die so leben und so handeln, weil die anderen so leben und so handeln: er that alles, wozu er Lust hatte, und die anderen thaten dasselbe, und waren überzeugt, daß es gut war. Er war von Natur reich ausgestattet mit kleinen Gaben: er sang schön, er spielte die Guitarre, er sprach sehr lebhaft, er schrieb sehr leicht, besonders amtliche Schriftstücke, in deren Abfassung er sich eine große Leichtigkeit angeeignet hatte, als er Bataillons-Adjutant war; vor allem aber war sein Wesen bemerkenswert durch eine ichsüchtige Energie, die, obgleich sie vor allem auf dieser kleinen Begabung beruhte, an sich ein entscheidender und überraschender Charakterzug war. Er besaß einen Ehrgeiz, der in so hohem Grade mit dem Leben in eins verschmolzen war und der sich am häufigsten in Kreisen von Männern, besonders von Militärs, entwickelt, daß er etwas anderes, als der erste zu sein oder nichts zu sein, gar nicht verstand, und daß sein Ehrgeiz auch der Hebel seiner inneren Triebe war: er in eigener Person war gern der erste unter den Menschen, die er sich gleichstellte.
Wie? ich werde mich gerade um das kümmern, was Moskau[D] schwatzt! ... brummte er, und er empfand einen gewissen Druck von Apathie auf dem Herzen und Verschwommenheit im Denken; der Anblick der Verwundeten und die Worte des Soldaten, deren Bedeutung durch die Töne des Bombardement verstärkt und bestätigt wurde, hatten diese Gefühle in ihm zurückgelassen. Dies Moskau ist lächerlich! ... Vorwärts, Nikolajew! Rühr' dich ... Was, du bist eingeschlafen? ... fuhr er den Burschen an, indem er die Schöße seines Mantels in Ordnung brachte.
Nikolajew zog die Zügel an, schnalzte mit der Zunge, und das Fuhrwerk rollte im Trabe weiter.
Nur einen Augenblick füttern – und sogleich, heute noch, weiter, sagte der Offizier.
II

Als Leutnant Koselzow bereits in eine Straße von Duwanka eingebogen war, an deren Seiten die Trümmerhaufen der steinernen Mauern von Tartarenhäusern standen, wurde er durch einen Wagenzug mit Bomben und Kanonenkugeln, der nach Sewastopol ging und sich auf dem Wege zusammendrängte, aufgehalten.
Zwei Infanteristen saßen im dichtesten Staube auf den Steinen eines zertrümmerten Zaunes am Wege und aßen eine Wassermelone und Brot.
Weit her, Landsmann? sagte der eine von ihnen, während er sein Brot kaute, zu einem Soldaten, der mit einem kleinen Sack auf dem Rücken bei ihnen stehen geblieben war.
Wir gehen zur Kompagnie, kommen aus dem Gouvernement, antwortete der Soldat, indem er von der Wassermelone fortsah und den Sack auf seinem Rücken zurechtschob. Wir waren dort drei Wochen bei dem Heu der Kompagnie, aber jetzt, siehst du, hat man alle wieder zurückberufen; es ist uns aber unbekannt, wo das Regiment gegenwärtig steht. Es heißt, die Unsrigen sind in vergangener Woche nach der Korabelnaja abmarschiert. Haben Sie nichts gehört, meine Herren?
In der Stadt, Brüderchen, steht es, in der Stadt! sprach der andere, ein alter Trainsoldat, der mit einem Taschenmesser in der unreifen, weißlichen Wassermelone wühlte. Wir sind erst seit Mittag von dort fort. Es ist wirklich schrecklich, mein Brüderchen!
Weshalb denn, meine Herren?
Hörst du denn nicht, wie er jetzt ringsumher feuert? Es giebt keinen unversehrten Platz. Wieviel er von unsern Leuten getötet hat – das läßt sich gar nicht sagen.
Und der Sprechende machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung und setzte sich die Mütze zurecht.
Der wandernde Soldat schüttelte nachdenklich den Kopf, schnalzte mit der Zunge, nahm dann aus dem Stiefelschaft eine Pfeife, stocherte, ohne sie frisch zu stopfen, den angebrannten Tabak in ihr auf, zündete ein Stück Feuerschwamm bei einem rauchenden Soldaten an und lüftete die Mütze.
Niemand wie Gott, meine Herren! Bitte um Verzeihung! sagte er und ging, den Sack auf dem Rücken, weiter.
Ei, thätest besser zu warten! rief zuredend der Soldat, der in der Melone stocherte.
Alles eins! brummte der Wanderer, indem er sich zwischen den Rädern der zusammengedrängten Fuhrwerke hindurchwand.
III

Die Station war voll von Menschen, als Koselzow sie erreichte. Die erste Person, die ihm schon auf der Außentreppe begegnete, war ein magerer, sehr junger Mensch, der Vorsteher, der sich mit zwei nachfolgenden Offizieren stritt.
Nicht dreimal vierundzwanzig Stunden, sondern zehnmal vierundzwanzig Stunden werden Sie warten müssen! ... Auch Generale warten, mein Lieber! rief der Vorsteher. Ich werde mich für Sie nicht einspannen lassen.
Niemand kann Pferde bekommen, wenn es keine giebt! ... Aber weshalb hat der Bediente da welche bekommen? schrie der ältere von den beiden Offizieren, der mit einem Glas Thee in der Hand dastand; er vermied absichtlich das Fürwort und wollte damit andeuten, daß man zum Vorsteher ohne weiteres auch du sagen könnte.
Sie werden doch selber einsehen, Herr Vorsteher, entgegnete stockend der andere, jüngere Offizier, daß wir nicht zu unserm eigenen Vergnügen reisen. Wir sind ja doch jedenfalls notwendig, da man nach uns verlangt hat. Sonst werde ich es wahrhaftig dem General sagen. Was ist denn das eigentlich? ... Sie achten den Offiziersstand nicht.
Sie verderben immer alles! unterbrach ihn unwillig der ältere: Sie hindern mich nur; man muß mit ihm zu reden verstehen. Er hat alle Achtung vor uns verloren ... Pferde, diesen Augenblick, sag' ich.
Würde sie gern geben, Väterchen, aber woher nehmen? ...
Der Vorsteher schwieg eine Weile, dann begann er sich plötzlich zu ereifern und sprach, mit den Händen fuchtelnd:
Ich selbst, Väterchen, verstehe das und weiß alles, aber was will man thun? Lassen Sie mich nur ... (auf den Gesichtern der Offiziere malte sich Hoffnung) lassen Sie mich nur das Ende des Monats abwarten, dann werde ich nicht mehr hier sein. Lieber will ich auf den Malachow-Hügel gehen, als hier bleiben, bei Gott! Mögen Sie machen, was Sie wollen. Auf der ganzen Station giebt es jetzt kein einziges festes Fuhrwerk, und ein Büschel Heu haben die Pferde schon seit drei Tagen nicht gesehen.
Und der Vorsteher verschwand durch die Hausthür.
Koselzow ging mit den Offizieren ins Zimmer.
Was ist da weiter, sagte vollständig ruhig der ältere Offizier zum jüngeren, obgleich er eine Minute vorher wütend gewesen war, drei Monate sind wir schon unterwegs, – warten wir noch. 's ist kein Unglück, wir kommen schon noch zurecht.
Das verräucherte, schmutzige Zimmer war so voll von Offizieren und Koffern, daß Koselzow nur mit Mühe einen Platz am Fenster fand, wo er sich niedersetzte; er betrachtete die Gesichter, hörte die Gespräche an und begann sich eine Cigarette zu drehen.
Rechts von der Thür, um einen schiefen, schmutzigen Tisch, auf dem zwei kupferne Ssamoware standen, die hie und da schon grün geworden waren, und Zucker in verschiedenen Papieren lag, saß die Hauptgruppe: ein junger, bartloser Offizier in einem neuen gesteppten Rock aus buntem Baumwollenzeug; vier gleichfalls junge Offiziere befanden sich in verschiedenen Ecken des Zimmers: der eine schlief, mit einem Pelz unter dem Kopf, auf dem Sofa; ein anderer stand am Tisch und schnitt Hammelbraten für einen an dem Tische sitzenden Offizier, dem ein Arm fehlte. Zwei Offiziere, der eine im Adjutantenmantel, der andere mit einem Infanteriemantel, der aber sehr fein war, und mit einer Tasche über der Schulter, saßen in der Nähe der Ofenbank; und schon daran, wie sie die anderen ansahen, und wie der mit der Tasche seine Cigaretten rauchte, konnte man sehen, daß sie nicht Offiziere von der Linien-Infanterie waren, und daß dies ihnen Selbstbewußtsein gab. Nicht etwa, als ob in ihren Manieren Geringschätzung gelegen hätte, wohl aber eine gewisse selbstzufriedene Sicherheit, die sich zum Teil auf ihr Geld, zum Teil auf ihre nahen Beziehungen zu dem General stützten – ein Bewußtsein der Vornehmheit, das sogar bis zu dem Wunsche ging, sie zu verbergen. Ein noch junger Arzt, mit dicken Lippen, und ein Artillerist mit deutscher Physiognomie saßen fast auf den Beinen des auf dem Sofa schlafenden jungen Offiziers. Von den Offiziersburschen schlummerten die einen, während die anderen mit Koffern und Bündeln an der Thür hantierten. Koselzow fand unter allen Gesichtern kein einziges bekanntes; aber er begann neugierig den Gesprächen zu lauschen. Die jungen Offiziere, die, wie er auf den ersten Blick erkannte, soeben erst von der Kriegsschule gekommen waren, gefielen ihm, und, was die Hauptsache war, sie erinnerten ihn daran, daß sein Bruder ebenfalls in diesen Tagen aus der Kriegsschule nach einer der Batterien Sewastopols kommen sollte. An dem Offizier aber mit der Tasche, dessen Gesicht er irgendwo gesehen hatten, erschien ihm alles widerwärtig und frech. Er ging sogar mit dem Gedanken, ihm heimzuleuchten, wenn ihm etwa einfallen sollte, ein Wort zu sagen, von dem Fenster zur Ofenbank und setzte sich dorthin. Als reiner Liniensoldat und guter Offizier hatte er überhaupt die »Stabsleute« nicht gern, und als solche hatte er auf den ersten Blick diese beiden Offiziere anerkannt.
IV

Das ist aber schrecklich ärgerlich! sagte einer der jungen Offiziere, schon so nahe, und nicht hinkommen können. Vielleicht giebt's heute etwas, und wir sind nicht dabei.
Aus der kreischenden Stimme und den roten Flecken, die das Gesicht des Offiziers belebten, während er das sagte, sprach die liebenswürdige, jugendliche Schüchternheit eines Menschen, der beständig in der Furcht ist, es könnte ihm ein Wort mißglücken.
Der Offizier ohne Arm sah ihn lächelnd an.
Sie werden schon noch zur rechten Zeit hinkommen, glauben Sie nur, sagte er.
Der junge Offizier sah dem Kameraden ohne Arm mit Achtung in das abgemagerte Gesicht, in dem plötzlich ein Lächeln aufleuchtete, verstummte und beschäftigte sich wieder mit dem Thee. In der That sprach aus den Zügen des Offiziers ohne Arm, aus seiner Haltung und besonders aus seinem leeren Ärmel jener ruhige Gleichmut, den man so erklären kann, als ob er bei jeder Handlung, die er mit ansah, oder bei jedem Gespräch, das er anhörte, sagte: »Das ist alles schön, das weiß ich alles, ich kann auch all das thun, wenn ich nur wollte.«
Wie machen wir's also, sagte jetzt der junge Offizier zu seinem Kameraden im baumwollenen Rock: wollen wir hier übernachten oder mit unserm eigenen Pferde fahren?
Der Kamerad wollte nicht fahren.
Sie können sich vorstellen, Kapitän, fuhr er fort, nachdem er Thee eingegossen; dabei wandte er sich zu dem Offizier ohne Arm und hob das Messer auf, das dieser hatte fallen lassen, man hat uns gesagt, daß die Pferde in Sewastopol sehr teuer sind, – daher haben wir beide gemeinsam ein Pferd in Ssimferopol gekauft.
Man wird Sie wohl gehörig gerupft haben?
Ich weiß wirklich nicht, Kapitän; wir haben für Pferd und Fuhrwerk neunzig Rubel bezahlt. Ist das sehr teuer? fuhr er fort, zu allen und zu Koselzow, der ihn ansah, gewandt.
Nicht teuer, wenn das Pferd jung ist, sagte Koselzow.
Nicht wahr? ... Und uns hat man gesagt, daß es teuer ist. Nur lahmt es ein wenig, das wird aber vorübergehen. Man hat uns gesagt, es ist recht stark.
Aus welcher Kriegsschule sind Sie? fragte Koselzow, der sich nach seinem Bruder erkundigen wollte.
Wir kommen jetzt aus dem adligen Regiment; wir sind unser sechs und gehen alle auf unsern eigenen Wunsch nach Sewastopol, antwortete der redselige junge Offizier; nur wissen wir nicht, wo unsere Batterien stehen: die einen sagen in Sewastopol, und andere meinen in Odessa.
Und konnten Sie's denn in Ssimferopol nicht erfahren? fragte Koselzow weiter.
Man weiß es nicht ... Können Sie sich vorstellen, mein Kamerad ist in die Kanzlei gegangen: Grobheiten hat man ihm da gesagt ... Sie können sich denken, wie unangenehm uns das war! ... Ist Ihnen eine fertige Cigarette gefällig? fragte er zugleich den Offizier ohne Arm, der seine Cigarettentasche hervorholen wollte.
Er war ihm mit einem gewissen leidenschaftlichen Entzücken gefällig.
Und Sie sind auch aus Sewastopol? fuhr er fort. Ach, mein Gott, wie erstaunlich! Wie oft haben wir alle, in Petersburg, an Sie, an all die Helden gedacht! rief er, mit Achtung und treuherziger Schmeichelei zu Koselzow gewandt.
Wenn Sie nun aber zurückreisen müßten? fragte der Leutnant.
Sehen Sie, das fürchten wir auch. Können Sie sich vorstellen, nachdem wir das Pferd gekauft und uns mit dem Notwendigen – einer Spiritus-Kaffeemaschine und noch verschiedenen Kleinigkeiten versehen haben, ist uns gar kein Geld übrig geblieben, sagte er mit leiser Stimme und nach seinen Kameraden sich umsehend: wenn wir zurückreisen müßten, wissen wir nicht, was wir thun sollen.
Haben Sie denn keine Reisegelder erhalten? fragte Koselzow.
Nein, antwortete er flüsternd, man hat uns nur versprochen, daß wir sie hier bekommen.
Und haben Sie eine Bescheinigung?
Ich weiß, die Hauptsache ist eine Bescheinigung; aber in Moskau hat mir ein Senator, mein Onkel, gesagt, als ich bei ihm war, man würde es uns hier geben; sonst hätte er selbst es mir gegeben ... So wird man es uns hier geben?
Ganz bestimmt.
Auch ich glaube, wir werden es hier erhalten, sagte er in einem Tone, der bewies, daß er jetzt, wo er auf dreißig Stationen ein und dasselbe gefragt und überall eine andere Antwort erhalten hatte, niemandem mehr recht glaubte.
V

Wer hat die Kohlsuppe verlangt? rief die ziemlich schmutzige Wirtin, ein dickes Weib von etwa vierzig Jahren, die mit einer Schüssel Suppe ins Zimmer trat.
Das Gespräch verstummte im Augenblick, und alle Anwesenden hefteten ihre Blicke auf die Schenkwirtin. Einer der Offiziere blinzelte sogar, mit einem Blick nach ihr, einem Kameraden zu.
Ach, Koselzow hat sie verlangt! antwortete der junge Offizier: man muß ihn wecken. Steh auf, um zu essen! rief er, ging zu dem auf dem Sofa Schlafenden und rüttelte ihn an der Schulter.
Ein junger Mensch von siebzehn Jahren, mit muntern schwarzen Augen und roten Wangen, sprang vom Sofa auf und blieb, sich die Augen reibend, mitten im Zimmer stehen.
Ach, entschuldigen Sie gefälligst, sagte er zum Doktor, den er beim Aufstehen angestoßen hatte.
Leutnant Koselzow hatte sogleich seinen Bruder erkannt und ging auf ihn zu.
Erkennst du mich nicht? fragte er lächelnd.
Ah–ah–ah! rief der jüngere Bruder, das ist ja wunderbar! und küßte den Bruder.
Sie küßten sich dreimal, beim dritten Male aber stockten sie, als wäre beiden der Gedanke gekommen: warum muß es durchaus dreimal sein?
Wie freue ich mich! sagte der ältere, indem er den Bruder betrachtete. Gehen wir auf die Außentreppe, – um uns auszusprechen.
Gehen wir, gehen wir. Ich will keine Suppe ... Iß du sie, Federson! sagte er zu einem Kameraden.
Du wolltest ja doch essen?
Ich will nichts.
Auf der Außentreppe fragte der jüngere den älteren immer wieder: »Sag', wie geht's, wie steht's? Erzähle,« und wiederholte unaufhörlich, wie er sich freue, ihn wiederzusehen, erzählte aber selbst nichts.
Nach fünf Minuten, in denen sie beide geschwiegen hatten, fragte der ältere Bruder den jüngeren, weshalb er nicht bei der Garde eingetreten wäre, wie dies alle erwartet haben.
Ich wollte schnell nach Sewastopol kommen: geht es hier gut, so kann man noch besser vorwärts kommen, als bei der Garde, da kann man zehn Jahre auf den Hauptmann warten; hier aber hat's Totleben in zwei Jahren vom Oberstleutnant zum General gebracht. Nun, und falle ich auch, was ist da weiter ...
Ei, wie du bist, meinte der Bruder lächelnd.
Aber hauptsächlich, weißt du, Bruder, fuhr der Jüngere lächelnd und errötend fort, als hätte er etwas sehr Verschämtes zu sagen: das ist alles Unsinn; hauptsächlich habe ich deshalb drum gebeten, weil man sich doch schämt, in Petersburg zu leben, wenn hier die Menschen fürs Vaterland sterben. Und dann, es verlangte mich auch, mit dir zusammen zu sein, fügte er noch schüchterner hinzu.
Wie komisch du bist! rief der ältere Bruder, indem er seine Cigarrentasche hervorholte, ohne ihn anzusehen. Es ist nur schade, daß wir nicht zusammen sein werden.
Aber sage mir die Wahrheit, ist es so schrecklich auf den Bastionen? fragte plötzlich der Jüngere.
Anfangs ist's schrecklich, dann gewöhnt man sich daran, und es ist weiter nichts. Du wirst selber sehen.
Aber sag' mir noch das Eine: was glaubst du, wird man Sewastopol nehmen? Ich glaube, es wird niemals genommen.
Gott weiß.
Nur das Eine ist ärgerlich ... Stelle dir vor, welches Unglück ich gehabt habe: unterwegs ist uns ein ganzes Bündel gestohlen worden, darin war auch mein Tschako, so daß ich jetzt in einer fatalen Lage bin und nicht weiß, wie ich mich melden soll.
Koselzow der Zweite, Wladimir, war seinem Bruder Michail sehr ähnlich, aber die Ähnlichkeit war die einer blühenden Rose mit einer abgeblühten Heckenrose. Er hatte auch blondes Haar, aber es war dicht und an den Schläfen gelockt. Auf seinem weißen zarten Nacken hatte er ein blondes Zöpfchen – ein Zeichen des Glücks, wie die Ammen sagen. Auf seiner zarten weißen Gesichtsfarbe lag nicht immer, sondern loderte nur von Zeit zu Zeit ein vollblütiges jugendliches Rot auf, das jede Regung der Seele verriet. Er hatte dieselben Augen wie sein Bruder, aber seine waren offener und heller, und das kam hauptsächlich daher, weil sie häufig von einer leichten Feuchtigkeit bedeckt waren. Ein blonder Flaum sproßte auf den Wangen und über den roten Lippen, die sich sehr häufig zu einem schüchternen Lächeln falteten und die weißen glänzenden Zähne sehen ließen. Wie er so in seiner hohen Gestalt mit seinem breiten Rücken, in dem offenen Mantel, unter dem ein rotes Hemd mit einem schrägen Kragen hervorschimmerte, mit der Cigarette in der Hand an das Geländer der Treppe gelehnt, mit der naiven Freude in den Zügen und im Gebaren, vor seinem Bruder stand, war er ein so angenehmer, hübscher junger Mann, daß man ihn immer hätte anschauen mögen. Er freute sich außerordentlich mit dem Bruder, betrachtete ihn mit Achtung und Stolz und sah in ihm einen Helden; aber in mancher Beziehung, z. B. in Hinsicht der weltlichen Bildung, des Französischsprechens, des Verkehrs mit gesellschaftlich hochstehenden Leuten, des Tanzens u. s. w. schämte er sich ein wenig für ihn, sah von oben auf ihn herab und hatte sogar die Hoffnung, ihn womöglich fortzubilden. Alle seine Eindrücke waren noch petersburgisch, sie stammten aus dem Hause einer Dame, die hübsche junge Leute gern hatte und ihn an den Feiertagen zu sich zu laden pflegte, und aus dem Hause eines Senators in Moskau, wo er einmal auf einem großen Balle getanzt hatte.
VI

Die Brüder hatten sich nahezu ausgeplaudert und waren endlich bei dem Gefühl angelangt, das man oft empfindet, wenn man wenig Gemeinsames hat, obwohl man einander liebt; sie schwiegen nun ziemlich lange.
So nimm deine Sachen, wir wollen sogleich fortfahren, entgegnete der Ältere.
Der Jüngere errötete plötzlich und schwieg.
Direkt nach Sewastopol fahren? fragte er nach einem minutenlangen Schweigen.
Nun ja. Du hast ja nicht viel Sachen, ich glaube, wir können sie unterbringen.
Schön! ... Wir wollen sogleich fahren, rief der Jüngere mit einem Seufzer und wandte sich nach dem Zimmer.
Aber ohne die Thür zu öffnen, blieb er auf dem Flur stehen, ließ traurig den Kopf hängen und dachte:
»Sogleich direkt nach Sewastopol, unter die Bomben; schrecklich! Aber gleichviel, einmal muß es doch geschehen. Jetzt geschieht's wenigstens mit dem Bruder zusammen ...«
Die Sache war die. Jetzt erst, bei dem Gedanken, daß er das Fuhrwerk bestieg, um es nie wieder zu verlassen, ehe er in Sewastopol ankomme, und daß kein Zufall ihn jetzt noch zurückhalten könne, stand die Gefahr, die er gesucht hatte, deutlich vor seiner Seele, und er war betrübt bei dem bloßen Gedanken an ihre Nähe. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, ging er in das Zimmer; aber es war schon eine Viertelstunde vergangen, und er kam noch immer nicht zu dem Bruder heraus, so daß dieser endlich die Thür öffnete, um ihn zu rufen. Der jüngere Koselzow sprach in der Stellung eines Schülers, der etwas verschuldet hat, mit dem Offizier P. Als der Bruder die Thür öffnete, verlor er vollständig die Fassung.
Ich komme, ich komme gleich! begann er und wehrte den Bruder mit der Hand ab, erwarte mich dort drin.
Eine Minute später kam er wirklich heraus und trat mit einem tiefen Seufzer auf seinen Bruder zu.
Denke dir, ich kann nicht mit dir fahren, Bruder, sagte er.
Wie? ... Was ist das für Unsinn!
Ich will dir die ganze Wahrheit sagen, Mischa ... Von uns hat keiner mehr Geld, und wir alle sind in der Schuld bei dem Stabskapitän, den du da gesehen hast. Ich schäme mich schrecklich!
Der ältere Bruder runzelte die Stirn und brach lange Zeit das Schweigen nicht.
Bist du viel schuldig? fragte er und sah von unten herauf den Bruder an.
Ja, viel ... Nein, nicht sehr viel; aber ich schäme mich schrecklich. Auf drei Stationen hat er für mich bezahlt. Sein ganzer Zucker ist drauf gegangen, so daß ich nicht weiß ... Auch Préférence haben wir gespielt – ich blieb ihm etwas schuldig ...
Das ist häßlich, Wolodja! Was hättest du denn angefangen, wenn du mich nicht getroffen hättest? sagte streng der ältere Bruder, ohne den jüngeren anzusehen.
Ich glaubte, Bruder, ich würde in Sewastopol das Zehrgeld bekommen. Dann hätte ich es ihm wiedergegeben. Das kann man doch machen? ... So ist's besser, ich komme morgen mit ihm nach.
Der ältere Bruder zog seinen Geldbeutel und nahm mit zitternden Fingern zwei Zehnrubel- und einen Dreirubelschein heraus.
Das ist mein Geld! sagte er, wieviel bist du schuldig?
Wenn Koselzow sagte, dies sei all sein Geld, sprach er nicht die volle Wahrheit: er hatte noch vier Goldstücke, die er für alle Fälle in seinem Ärmelaufschlag eingenäht hatte, er hatte sich aber das Wort gegeben, sie nicht anzurühren.
Es zeigte sich, daß Koselzow vom Préférence und für den Zucker im ganzen acht Rubel schuldig war. Der ältere Bruder gab sie ihm und bemerkte nur, daß man, wenn man kein Geld habe, nicht noch Préférence spielen dürfe.
Worauf hast du gespielt?
Der jüngere Bruder sagte kein Wort. Die Frage seines Bruders erschien ihm wie ein Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit ... Der Ärger, den er gegen sich selbst empfand, die Scham wegen einer Handlung, die seinem Bruder, den er so liebte, solche Verdächtigungen und Beleidigungen abringen konnten, riefen bei seiner eindrucksfähigen Natur ein so schmerzliches Gefühl in ihm hervor, daß er nichts antwortete. Da er empfand, daß er nicht imstande sein würde, die vor Thränen zitternden Laute zu unterdrücken, die ihm die Kehle würgten, nahm er, ohne hinzusehen, das Geld und ging zu den Kameraden.
VII

Nikolajew, der sich in Duwanka durch zwei Kannen Branntwein gestärkt hatte, die er bei einem Soldaten auf der Brücke gekauft, führte die Zügel, das Fuhrwerk holperte auf der steinigen, stellenweis schattigen Straße dahin, die den Belbek entlang nach Sewastopol führte; die Brüder stießen mit den Beinen aneinander, schwiegen aber hartnäckig, obwohl sie beständig einer an den andern dachten.
»Warum hat er mich gekränkt? dachte der Jüngere, konnte er nicht darüber hinweggehen, ohne ein Wort zu sprechen? Gerade als ob er glaubte, ich sei ein Dieb, und auch jetzt noch scheint er böse zu sein, so daß wir für immer auseinander sind. Und wie prächtig wäre es für uns gewesen, zusammen in Sewastopol! Zwei Brüder, die sich innig lieben, beide im Kampfe gegen den Feind: der eine, der Ältere, zwar nicht übermäßig gebildet, aber ein tapferer Krieger, und der andere, der Jüngere ... doch auch ein braver Soldat ... In der ersten Woche hätte ich allen bewiesen, daß ich gar nicht mehr so sehr jung bin! Ich werde dann nicht mehr erröten, in meinen Zügen wird Männlichkeit liegen, und bis dahin wird mein Schnurrbart zwar nicht groß, aber doch tüchtig gewachsen sein.« Und er zwickte an dem Flaum, der an den Rändern seines Mundes sproßte. »Vielleicht komme ich heute hin und sofort in das Gefecht zusammen mit dem Bruder. Und er ist sicher ausdauernd und höchst tapfer, so ein Mann, der nicht viel spricht, aber mehr als die anderen thut. Ich möchte gern wissen – fuhr er fort – ob er mich absichtlich oder unabsichtlich an den äußersten Rand des Wagens drängt. Er fühlt doch gewiß, daß ich unbequem sitze, und thut so, als ob er mich nicht bemerkte. Wir kommen also heute an – fuhr er in seinen Gedanken fort und drückte sich an den Rand des Wagens; er scheute sich, sich zu rühren, um den Bruder nicht merken zu lassen, daß er unbequem sitze – und auf einmal schnurstracks auf die Bastion: ich mit Geschützen, mein Bruder mit der Kompagnie, und wir ziehen zusammen. Plötzlich stürzen sich die Franzosen auf uns. Ich schieße: ich töte furchtbar viele; aber sie kommen gerade auf mich losgestürzt. Da hilft kein Schießen mehr, ich bin rettungslos verloren; plötzlich aber stürzt der Bruder hervor, mit dem Säbel in der Hand, die Franzosen stürzen sich auf meinen Bruder. Ich renne hin und töte einen Franzosen, noch einen, und rette den Bruder. Ich werde an einem Arm verwundet. Ich fasse die Flinte mit der andern Hand und renne vorwärts. Da wird mein Bruder neben mir von einer Kugel hingestreckt, ich stehe einen Augenblick still, sehe ihn an, so traurig, dann fasse ich mich und rufe: ‚Mir nach! Rache! ... Ich habe meinen Bruder über alles in der Welt geliebt‘ – sage ich – ‚und ich habe ihn verloren. Rächen wir ihn, vernichten wir den Feind oder bleiben wir alle auf dem Platze!‘ Alle schreien und stürzen mir nach. Das ganze Heer der Franzosen kommt heran. Pelissier selbst. Wir machen alle nieder; aber am Ende werde ich zum zweiten Male verwundet, zum dritten Male, und sinke tödlich getroffen zu Boden. Da kommen alle zu mir herangestürzt, Gortschakow kommt heran und fragt, was ich will. Ich sage, ich will nichts, ich wünsche nur, daß man mich neben meinen Bruder lege, daß ich mit ihm sterben will. Man nimmt mich auf und legt mich neben den blutbespritzten Leichnam meines Bruders. Ich richte mich auf und sage nur: ‚O ja, – ihr habt zwei Menschen, die ihr Vaterland wahrhaft geliebt haben, nicht zu schätzen gewußt; nun sind sie beide gefallen; Gott möge euch verzeihen!‘ – und ich sterbe. Wer weiß, wie viele von diesen Gedanken wahr werden!«
Sag', bist du schon einmal im Handgemenge gewesen? fragte er plötzlich seinen Bruder; er hatte ganz vergessen, daß er nicht mit ihm sprechen wollte.
Nein, kein einziges Mal, antwortete der Ältere. Von unserm Regiment sind zweitausend Mann gefallen, und alle nur bei den Arbeiten, und auch ich bin bei der Arbeit verwundet worden. Krieg wird ganz anders geführt, als du glaubst, Wolodja!
Das Wort Wolodja rührte den jüngeren Bruder: er hatte den Wunsch, sich mit seinem Bruder auseinanderzusetzen, der auch nicht im entferntesten daran dachte, daß er Wolodja gekränkt hätte.
Du bist mir nicht böse, Mischa, sagte er nach einem langen Schweigen.
Weshalb?
Ich, ich meinte so ... von vorhin, so ... das ist gut.
Nicht im mindesten, antwortete der Ältere, wandte sich zu ihm und klopfte ihm auf das Bein.
So vergieb mir, Mischa, wenn ich dich gekränkt habe.
Und der jüngere Bruder wandte sich ab, um die Thränen zu verbergen, die ihm plötzlich in die Augen traten.
VIII

Ist dies schon Sewastopol? fragte der jüngere Bruder, als sie oben angekommen waren.
Und vor ihnen lag die Bucht mit den Masten der Schiffe, das Meer mit der entfernten feindlichen Flotte, die weißen Strandbatterien, die Kasernen, Wasserleitungen, die Docks, die Gebäude der Stadt und weißblaue Rauchwolken, die ununterbrochen auf den gelben Höhen aufstiegen, die die Stadt umgaben; der Himmel war blau, und die Sonne, deren Glanz sich im Westen abspiegelte, senkte sich mit rosafarbenen Strahlen zum Horizont des dunklen Meeres nieder.
Wolodja sah ohne das geringste Schaudern diesen Ort der Schrecken, an den er so viel gedacht hatte; er betrachtete vielmehr mit ästhetischem Genuß und dem heroischen Gefühl des Selbstbewußtseins, daß ja auch er in einer halben Stunde dort sein würde, dieses wahrhaft reizvoll-originelle Schauspiel, und betrachtete es mit gespannter Aufmerksamkeit bis zu dem Augenblick, wo sie auf die Nordseite zu dem Train des Regiment seines Bruders gekommen waren; hier mußten sie genau den Standort des Regiments und der Batterie erfahren.
Der Offizier, der den Train kommandierte, wohnte in der Nähe des sogenannten neuen Städtchens – hölzerner, durch Matrosenfamilien errichteter Baracken – in einem Zelt, das mit einer ziemlich großen, aus grünen, noch nicht ganz vertrockneten Eichenzweigen errichteten Hütte verbunden war.
Die Brüder trafen den Offizier vor einem schmutzigen Tische, auf dem ein Glas kalten Thees, ein Brett mit Schnaps, mit Kaviarkörnchen und Brotkrümel stand, bloß mit einem gelblich-schmutzigen Hemde bekleidet; er zählte an einem großen Rechenbrett einen ungeheuren Haufen Banknoten. Ehe wir aber von der Persönlichkeit des Offiziers und seiner Unterhaltung etwas sagen, müssen wir uns genauer das Innere seiner Hütte ansehen und uns ein wenig mit seiner Lebensweise und seiner Beschäftigung bekannt machen. Die neue Hütte war so groß, so dicht geflochten und so gut gebaut, mit Tischen und Bänken versehen, die mit Rasen bedeckt waren, wie man sie nur für Generale und Regimentskommandeure macht; die Seitenwände und die Decke waren, damit die Blätter nicht herunterfallen, mit drei Teppichen behängt, die zwar sehr häßlich, aber neu und jedenfalls teuer waren. Auf dem eisernen Bett, das unter dem Hauptteppich stand, auf dem eine Reiterin abgebildet war, lag eine hellrote Plüschdecke, ein schmutziges, zerrissenes Kissen und ein Schuppenpelz. Auf dem Tisch stand ein Spiegel in einem Silberrahmen; eine silberne, schrecklich schmutzige Bürste, ein zerbrochener, mit öligen Haaren besetzter Hornkamm, ein silberner Leuchter, eine Likörflasche mit einer riesigen goldenen roten Marke, eine goldene Uhr mit dem Bilde Peters des Großen, zwei goldene Federn, ein Körbchen mit Kapseln, eine Brotrinde, ein auseinandergeworfenes altes Kartenspiel und unter dem Bett allerlei leere und volle Flaschen. Dieser Offizier hatte den Train des Regiment und die Verpflegung der Pferde unter sich. Mit ihm zusammen wohnte sein Busenfreund, der Kommissionär, der sich mit den Geschäften befaßte. Er schlief in dem Augenblick, wo die Brüder eintraten, in der Hütte, der Train-Offizier aber zählte Kronsgelder, da das Ende des Monats vor der Thür stand. Die Erscheinung des Train-Offiziers war sehr schön und kriegerisch: eine hohe Gestalt, ein tüchtiger Schnauzbart, adelige Stattlichkeit. Unangenehm war an ihm nur sein schweißiges, aufgedunsenes Gesicht, das kaum die kleinen grauen Augen sehen ließ (als ob es ganz mit Porter begossen wäre), und die außerordentliche Unsauberkeit, von dem dünnen, öligen Haar bis zu den großen nackten Füßen, die er in Hermelinpantoffeln trug.
Ist das Geld! Ist das Geld! sagte Koselzow I., als er in die Hütte trat und mit unwillkürlicher Gier die Augen auf den Haufen Banknoten richtete. Wenn Sie mir nur die Hälfte borgen wollten, Wassilij Michajlytsch!
Der Train-Offizier machte beim Anblick der Gäste einen krummen Rücken und grüßte sie, ohne aufzustehen, indem er das Geld zusammenstrich.
Ach, wenn das mein wäre! ... Es ist Kronsgeld, mein Lieber! Wen bringen Sie mit? fragte er, indem er das Geld in eine neben ihm stehende Schatulle legte und Wolodja ansah.
Das ist mein Bruder, er ist von der Kriegsschule hierher gekommen. Wir wollten von Ihnen erfahren, wo das Regiment steht.
Setzen Sie sich, meine Herren, sagte er, erhob sich und ging, ohne den Gästen Aufmerksamkeit zu schenken, ins Zelt. Wollen Sie nicht etwas trinken? vielleicht Porter? fragte er im Zelt.
Kann nicht schaden, Wassilij Michajlytsch!
Wolodja war überrascht von der Würde des Train-Offiziers, seinem ungezwungenen Wesen und von der Achtung, die sein Bruder ihm entgegenbrachte.
»Das muß ein vortrefflicher Offizier sein, den alle hochschätzen: gewiß einfach, aber gastfrei und tapfer,« dachte er und setzte sich bescheiden und schüchtern auf das Sofa.
Wo steht denn unser Regiment? fragte von neuem der ältere Bruder.
Wie?
Er wiederholte die Frage.
Heut ist Seifer bei mir gewesen: er sagte, es ist auf die fünfte Bastion gezogen.
Bestimmt?
Wenn ich es sage, ist es jedenfalls bestimmt; übrigens, der Teufel weiß! es kommt ihm auf eine Lüge nicht an. Wie ist's, werden Sie Porter trinken? sagte der Train-Offizier, immer aus dem Zelte heraus.
Ich trinke, sagte Koselzow.
Trinken Sie mit, Ossip Ignatjewitsch? fuhr die Stimme im Zelt fort, jedenfalls zu dem schlafenden Kommissionär gewandt. Sie haben genug geschlafen, – es ist bald fünf Uhr.
Was lassen Sie mich nicht in Ruh! ... Ich schlafe nicht, antwortete eine faule, dünne Stimme.
Nun, so stehen Sie auf! Ich langweile mich ohne Sie.
Und der Train-Offizier ging zu den Gästen.
Gieb von dem Porter von Ssimferopol! schrie er.
Der Bursche kam, wie es Wolodja schien, mit Stolz in die Hütte, holte den Porter unter der Bank hervor, und stieß dabei Wolodja.
Die Flasche Porter war bereits ausgetrunken, und das Gespräch dauerte noch in der früheren Weise fort, als die Vorhänge des Zeltes auseinandergeschlagen wurden, und ein kleiner, frischer Mann in einem blauen Schlafrock mit Quasten und in einer Dienstmütze mit rotem Rand und Kokarde aus ihm hervortrat. Er drehte sich beim Eintreten seinen kleinen schwarzen Schnurrbart und beantwortete, indem er immer nach einem Punkt des Teppichs starrte, mit einer kaum bemerklichen Bewegung der Schulter den Gruß der Offiziere.
Laßt mich auch ein Gläschen trinken! sagte er, indem er sich an den Tisch setzte. Sie kommen wohl aus Petersburg, junger Mann? sagte er, sich freundlich zu Wolodja wendend.
Ja, ich gehe nach Sewastopol.
Haben Sie selber darum gebeten?
Ja.
Ich begreife nicht, was Sie davon haben, meine Herren! fuhr der Kommissionär fort. Ich würde jetzt, glaube ich, gern zu Fuß nach Petersburg gehen, wenn man mich fortließe. Ich habe, bei Gott, dies verfluchte Leben satt!
Was fehlt Ihnen hier? fragte der ältere Koselzow, sich zu ihm wendend: wenn Sie hier kein gutes Leben führen!
Der Kommissionär sah ihn an und wandte sich ab.
Diese Gefahren, Entbehrungen, man kann nichts bekommen ... fuhr er fort, zu Wolodja gewandt. Und was Sie davon haben, begreife ich entschieden nicht, meine Herren! Wenn Sie noch irgend welche Vorteile davon hätten, aber so! Ist es etwa gut, in Ihren Jahren, plötzlich fürs ganze Leben zum Krüppel zu werden?
Der eine macht Geschäfte, der andere dient der Ehre halber ... mischte sich im Tone des Unwillens der ältere Koselzow wieder ein.
Schöne Ehre, wenn man nichts zu essen hat, sagte der Kommissionär mit verächtlichem Lachen, zu dem Train-Offizier gewandt, der auch darüber lachte.
Stell' sie auf »Lucia«, wir hören zu, sagte er und zeigte auf eine Spieldose. Ich höre sie gern.
Ist er ein guter Mensch, dieser Wassilij Michajlytsch? fragte Wolodja seinen Bruder, als sie, bereits in der Dämmerung, die Hütte verließen und nach Sewastopol weiter fuhren.
Es geht an, aber er ist ein schrecklicher Geizhals! Und diesen Kommissionär kann ich nicht ausstehen ... Den prügele ich noch einmal durch.
IX

Wolodja war zwar nicht in schlechter Stimmung, als er, bereits bei Anbruch der Nacht, zu der großen, über die Bucht führenden Brücke kam, fühlte aber eine gewisse Beklommenheit im Herzen. Alles, was er sah und hörte, wich sehr ab von den früheren, eben erst verlassenen Eindrücken: dem hellen, getäfelten Prüfungssaal, dem lustigen, harmlosen Lachen der Kameraden, der neuen Uniform, dem geliebten Zaren, den er sieben Jahre hindurch gesehen und der sie Kinder genannt, als er mit Thränen in den Augen von ihnen Abschied nahm – so wenig glich alles seinen schönen, buntschillernden, hochherzigen Träumen.
Nun, sieh, wir sind an Ort und Stelle! sagte der ältere Bruder, als sie zur Michajlow-Batterie kamen und aus dem Fuhrwerk stiegen. Wenn man uns über die Brücke läßt, gehen wir sogleich in die Nikolajew-Kaserne. Dort bleibst du bis morgen früh; und ich werde zum Regiment gehen, um zu erfahren, wo deine Batterie steht; morgen werde ich dich abholen.
Warum denn? gehen wir lieber zusammen, meinte Wolodja. Ich werde mit dir auf die Bastion gehen. Es ist ja jetzt ganz gleich: ich muß mich daran gewöhnen. Wenn du gehst, kann ich es auch.
Besser ist es, du gehst nicht.
Aber ich bitte dich! So werde ich wenigstens kennen lernen, wie ...
Ich rate dir, geh nicht; aber willst du ...
Der Himmel war wolkenfrei und dunkel; die Sterne und die unaufhörlich leuchtenden Feuer der Bomben und Schüsse glänzten hell in der Finsternis. Das große, weiße Gebäude der Batterie und der Anfang der Brücke traten aus der Dunkelheit hervor. Buchstäblich jede Sekunde erschütterten einige Gewehrschüsse und Explosionen, entweder schnell aufeinander folgend oder zusammen, lauter und deutlicher die Luft. Diesem Getöse folgte, wie eine Begleitung, das dumpfe Brausen der Bucht. Vom Meere her wehte ein schwacher Wind und trug Feuchtigkeit daher. Die Brüder gingen an die Brücke. Ein Landwehrmann schlug schwerfällig mit dem Gewehr auf und rief:
Wer da?
Soldat.
Ist verboten, durchzulassen.
Was? wir müssen ...
Fragen Sie den Offizier.
Der Offizier, der auf einem Ackerfeld sitzend geschlummert hatte, erhob sich und befahl, sie durchzulassen.
Dorthin ist es erlaubt, aber nicht von dorther. Wo wollt ihr hin? Alle auf einmal! schrie er den mit Schanzkörben beladenen Regimentsfuhrwerken zu, die sich vor der Brücke zusammengedrängt hatten.
Die Brüder stiegen zum ersten Ponton nieder und stießen auf Soldaten, die in lauter Unterhaltung von der anderen Seite her kamen.
Wenn er das Geld zur Ausrüstung bekommen hat, dann hat er nichts mehr zu fordern.
Ach Brüderchen! sagte eine andere Stimme, wenn man auf die Nordseite hinübergeht, da sieht man die Welt, bei Gott! Eine ganz andere Luft!
Schwatz' nur immer zu! ... sagte der erste, vor kurzem kam so eine Verfluchte herübergeflogen; zwei Matrosen hat sie die Beine weggerissen ...
Die Brüder gingen über das erste Ponton und blieben, ihr Fuhrwerk erwartend, auf dem zweiten stehen, das stellenweise bereits überschwemmt war. Der Wind, der landeinwärts schwach erschien, war hier sehr stark und reißend; die Brücke schaukelte, und die Wellen, die mit Geräusch an die Balken schlugen und an den Ankern und Tauen sich brachen, überschwemmten die Bretter des Pontons. Rechts rauschte und dunkelte in verräterischen Nebel gehüllt die See und hob sich durch einen schweren Streif von dem gestirnten lichtgrau strahlenden Horizont ab; in der Ferne glänzten Lichter auf der feindlichen Flotte. Links zeigten sich die schwarzen Maste eines unserer Schiffe, und man hörte die Wellen an seinen Bord anschlagen. Ein Dampfer ward sichtbar, der geräuschvoll und schnell von der Nordseite herankam. Das Feuer einer in seiner Nähe platzenden Bombe erhellte auf einen Augenblick die auf dem Verdeck hoch aufgeschichteten Schanzkörbe, die beiden Leute, die oben standen, und den weißen Schaum und den Sprühregen der von dem Dampfer durchschnittenen grünlichen Wellen. Am Rande der Brücke saß, mit den Füßen im Wasser, ein Mann im bloßen Hemd und machte etwas auf dem Ponton. Vor ihnen, über Sewastopol, ließ sich das frühere Feuer hören, und immer lauter drangen von da schreckliche Töne herüber. Eine hoch aufspritzende Welle ergoß sich über die rechte Brückenseite und machte Wolodjas Füße naß; zwei Soldaten gingen, im Wasser watend, an ihm vorbei. Plötzlich beleuchtete etwas unter Krachen die Brücke, das vorn auf ihr fahrende Fuhrwerk und einen Reiter, und die Bombensplitter fielen, mit Pfeifen Schaum aufwerfend, ins Wasser.
Ah, Michajlo Ssemjonytsch! sagte der Reiter, indem er sein Pferd vor dem älteren Koselzow hielt: sind Sie schon vollständig wieder hergestellt?
Wie Sie sehen. Wohin führt Sie Gott?
Auf die Nordseite, nach Patronen: ich vertrete ja jetzt den Regimentsadjutanten ... Sturm erwarten wir von Stunde zu Stunde.
Und wo ist Marzow?
Gestern ist ihm ein Fuß fortgerissen worden ... Er schlief in der Stadt im Zimmer ... Sie kennen ihn wohl?
Das Regiment steht auf der Fünften, nicht wahr?
Ja, es ist an Stelle des M.-Regimentes dorthin gekommen. Gehen Sie nach dem Verbandort: dort finden Sie welche von uns, die werden Sie führen.
Nun, und mein Quartier auf der Seestraße, ist das unbeschädigt?
I, mein Lieber! Schon längst ganz von Bomben zertrümmert ... Sie erkennen jetzt Sewastopol nicht mehr wieder: keine Seele von einem Frauenzimmer, keinen Gastwirt, keine Musik giebt es mehr. Gestern ist der letzte Ausschank fortgezogen. Jetzt ist es schrecklich öde ... Leben Sie wohl!
Und der Offizier ritt im Trabe weiter.
Wolodja wurde plötzlich ganz trübselig zu Mut: es schien ihm immer, als ob augenblicklich eine Kanonenkugel oder ein Bombensplitter geflogen kommen und ihn gerade an den Kopf treffen müßte.
Dieser feuchte Nebel, alle diese Stimmen, besonders das grollende Plätschern der Wellen, schienen ihm zu sagen, er solle nicht weiter gehen, es harre seiner hier nichts Gutes, sein Fuß würde nie wieder den Boden jenseits der Bucht betreten, er möchte auf der Stelle umkehren und fliehen – weit, weit von diesem furchtbaren Orte des Todes. »Aber vielleicht ist es schon zu spät, vielleicht ist es schon so beschlossen,« dachte er und erbebte, teils über diesen Gedanken, teils, weil ihm das Wasser durch die Stiefel drang und seine Füße feucht machte.
»Herr! werde ich wirklich fallen, – gerade ich? Herr, erbarme dich meiner!« murmelte er flüsternd und bekreuzte sich.
Nun, gehen wir, Wolodja! sagte der ältere Bruder, als ihr Fuhrwerk auf die Brücke gekommen war. Hast du die Bombe gesehen?
Auf der Brücke begegneten den Brüdern Wagen mit Verwundeten, mit Schanzkörben, und einer mit Möbeln, den eine Frau führte. Auf der andern Seite der Bucht wurden sie von niemand zurückgehalten.
Die Brüder hielten sich instinktiv dicht an die Wand der Nikolajew-Batterie und kamen, indem sie schweigend auf die Töne der hier über ihren Köpfen platzenden Bomben und das Brausen der niederfallenden Sprengstücke hörten, zu dem Platz der Batterie, wo das Heiligenbild stand. Hier erfuhren sie, daß die fünfte leichte, der Wolodja zugeteilt war, in der Korabelnaja stand, und beschlossen, trotz der Gefahr, zum ältern Bruder auf die fünfte Bastion übernachten zu gehen und von dort, am folgenden Tage, nach der Batterie. Sie bogen in den Flur ein, schritten über die Beine schlafender Soldaten, die längs der ganzen Batteriewand lagen, hinweg und kamen endlich zum Verbandplatz.
X

Sie traten in das erste Zimmer, das voll von Pritschen war, auf denen Verwundete lagen, und das von einem beklemmenden, widerwärtigen Lazarettgeruch erfüllt war, und trafen zwei barmherzige Schwestern, die ihnen entgegenkamen.
Die eine, eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren, mit dunklen Augen und strengen Gesichtszügen, trug Binden und Charpie, und erteilte einem jungen Burschen, einem Feldscher, der hinter ihr ging, ihre Befehle; die andere, ein sehr hübsches Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren, mit einem zarten, blonden Gesichtchen, das außerordentlich reizvoll in seiner Hilflosigkeit unter dem weißen Häubchen hervorsah, ging, die Hände in den Schürzentaschen, neben der Alten und schien zu fürchten, sie könnte hinter ihr zurückbleiben.
Koselzow wandte sich an sie mit der Frage, ob sie nicht wüßten, wo Marzow liege, der gestern ein Bein verloren habe.
Er ist wohl vom P.-Regiment? fragte die Alte, ist er ein Verwandter von Ihnen?
Nein, ein Kamerad.
Führen Sie die Herren, sagte sie zu der jungen Schwester französisch, ... hierherum, und sie ging selbst mit dem Feldscher auf den Verwundeten zu.
Gehen wir nur ... was zauderst du? rief Koselzow zu Wolodja, der die Augenbrauen mit einem Ausdruck des Schmerzes in die Höhe zog und nicht die Kraft hatte, seinen Blick von den Verwundeten abzuwenden. Gehen wir nur!
Wolodja ging mit dem Bruder, sah sich aber immer um und wiederholte unbewußt:
Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!
Sie sind gewiß noch nicht lange hier? fragte die Schwester Koselzow, indem sie auf Wolodja wies, der Ach! rufend und seufzend im Zwischengange hinter ihnen schritt.
Er ist soeben erst angekommen.
Die hübsche Schwester sah Wolodja an und brach plötzlich in Thränen aus. »Mein Gott, mein Gott! wann wird das alles ein Ende haben,« sagte sie in verzweifelndem Tone. Sie kamen in den Krankensaal der Offiziere. Marzow lag auf dem Rücken, die sehnigen, bis zu den Ellbogen entblößten Arme über den Kopf lang ausgestreckt, in seinem gelben Gesicht malte sich der Ausdruck eines Menschen, der die Zähne zusammenpreßt, um vor Schmerz nicht zu schreien. Das gesunde Bein, mit einem Strumpfe bekleidet, war unter der Decke hervorgestreckt, und man sah, wie er krampfhaft die Zehen hin- und herbewegte.
Nun, wie geht es Ihnen? fragte die Schwester, indem sie mit ihren dünnen zarten Fingern – an dem einen bemerkte Wolodja einen Ring – seinen etwas kahlen Kopf in die Höhe hob und das Kissen zurechtrückte. Kameraden von Ihnen sind gekommen, Sie zu besuchen.
Natürlich habe ich Schmerzen! sagte er ärgerlich. Lassen Sie's nur, so ist's gut! ... Die Zehen im Strumpfe bewegten sich noch schneller. Guten Tag! Wie heißen Sie? Entschuldigen Sie, sprach er zu Koselzow gewandt ... Ach, ja, Sie müssen verzeihen, – hier vergißt man alles, fuhr er fort, als dieser ihm seinen Namen gesagt hatte. Habe ich nicht mit dir zusammen gewohnt? fügte er hinzu, indem er, ohne jeglichen Ausdruck der Freude, Wolodja fragend ansah.
Das ist mein Bruder, er ist heute von Petersburg gekommen.
Hm! ... Ich habe mir die volle Pension verdient ... sagte er mit gerunzelter Stirn. Ach, was für Schmerzen! ... Ja, es wäre am besten, wenn's bald zu Ende wäre ...
Er zog die Beine in die Höhe, bewegte die Zehen mit vermehrter Schnelligkeit hin und her und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.
Wir müssen ihn verlassen, sagte flüsternd die Schwester, mit Thränen in den Augen, er befindet sich schon sehr schlecht.
Noch auf der Nordseite hatten die Brüder beschlossen, auf die fünfte Bastion zu gehen; als sie aber die Nikolajew-Batterie verließen, beschlossen sie, – als ob sie sich verabredet hätten, sich keiner unnützen Gefahr anzusetzen, ohne daß sie nur ein Wort miteinander darüber gesprochen hatten, – jeder einzeln zu gehen.
Aber ... wie wirst du dich zurechtfinden, Wolodja? sagte der Ältere. Übrigens kann dich Nikolajew nach der Korabelnaja begleiten, ich werde allein gehen und morgen bei dir sein.
Weiter wurde kein Wort gesprochen bei diesem letzten Abschied der beiden Brüder.
XI

Der Kanonendonner dauerte mit der früheren Stärke fort, aber die Katharinenstraße, durch die Wolodja mit dem ihm schweigend folgenden Nikolajew ging, war still und öde. In der Dunkelheit sah er nur die breite Straße, mit den weißen, an vielen Stellen zertrümmerten Mauern großer Häuser, und das Steintrottoir, auf dem er ging; bisweilen trafen sie Soldaten und Offiziere. Er ging auf der linken Seite der Straße und sah bei dem Schein eines hellen Feuers, das hinter einer Mauer brannte, die längs des Trottoirs gepflanzten Akazien mit ihren grünen Pfählen und ihren verkümmerten, bestaubten Blättern. Deutlich hörte er seine Schritte und die Nikolajews, der hinter ihm ging und schwer atmete. Er dachte an nichts. Die hübsche Schwester, Marzows Bein mit den beweglichen Zehen unter dem Strumpf, die Dunkelheit und die mannigfachen Formen des Todes zogen traurig an seinem Geiste vorüber. Seine ganze junge, eindrucksfähige Seele krampfte und preßte sich zusammen unter dem Einflusse des Gefühls der Verlassenheit und der allgemeinen Gleichgültigkeit gegen sein Schicksal in der Gefahr! »Ich kann getötet werden, Qualen erdulden, leiden, und niemand weint um mich.« Und all das statt des thatenreichen und bewunderten Lebens eines Helden, das er sich so herrlich ausgemalt hatte. Näher und näher platzten und pfiffen die Bomben. Nikolajew seufzte noch häufiger, ohne jedoch das Schweigen zu unterbrechen. Als er über die Brücke ging, die nach der Korabelnaja führte, sah Wolodja, wie unweit von ihm etwas pfeifend in die Bucht flog, auf eine Sekunde die blauen Wellen purpurrot beleuchtete und dann mit Schaum wieder in die Höhe flog.
Sieh, sie ist nicht erstickt! ... rief heiser Nikolajew.
Ja, antwortete er ganz unwillkürlich und sich selbst unerwartet mit dünner, piepsender Stimme.
Sie begegneten Tragbahren mit Verwundeten und wiederum Regimentswagen mit Schanzkörben. Auf der Korabelnaja trafen sie ein Regiment, und Reiter ritten vorüber. Einer von ihnen war ein Offizier in Begleitung eines Kosaken. Er ritt im Trab, als er aber Wolodja bemerkte, hielt er neben ihm, sah ihm ins Gesicht, wandte um, gab dem Pferde einen Schlag und ritt davon. »Allein, allein; es ist allen ganz gleichgültig, ob ich da bin oder nicht,« dachte der Jüngling und hatte ernstlich Lust zu weinen.
Er schritt bergauf, an einer weißen Mauer vorüber, und kam in eine Straße zerstörter, unaufhörlich von Bomben beleuchteter Häuschen. Da stieß er auf ein betrunkenes, zerlumptes Weib, das mit einem Matrosen aus einem Pförtchen herauskam.
Denn, w–w–wenn er ein Ehrenm–m–mann w–wäre, – lallte sie – pardon, Ew. Wohlgeboren, Herr Offizier!
Dem armen Jüngling ward das Herz immer mehr und mehr bedrückt; und am schwarzen Horizont flammten immer häufiger Blitze auf, und immer häufiger pfiffen und krachten Bomben in seiner Nähe. Nikolajew seufzte auf und begann plötzlich, wie es Wolodja schien, mit bestürzter, gepreßter Stimme:
Und da haben sie sich beeilt, das Gouvernement zu verlassen! Hierher, nur hierher! ... Das verlohnt sich gerade!
Warum nicht, der Bruder ist ja jetzt wieder gesund, antwortete Wolodja, in der Hoffnung, wenigstens durch ein Gespräch das schreckliche Gefühl, das ihn beherrschte, zu verscheuchen.
Gesund ... Schöne Gesundheit, wenn er ganz und gar krank ist!? Auch wer wirklich gesund ist, thäte am besten, in solcher Zeit im Lazarett zu leben. Giebt's hier etwa viel Freude? Entweder wird einem das Bein oder der Arm abgerissen – das ist alles! Ein Unglück ist schnell geschehen! Hier, in der Stadt, ist es noch nicht so wie auf der Bastion, dort geht es wahrhaft schrecklich zu. Wenn man geht, thut man weiter nichts, als beten. Sieh, die Bestie, wie sie an einem vorbeihuscht! fügte er hinzu, und richtete seine Aufmerksamkeit auf einen nahe vorbeisausenden Bombensplitter. Jetzt hat man mir befohlen, fuhr Nikolajew fort, Ew. Wohlgeboren zu führen. Wie's unsereinem geht, das weiß man ja: was befohlen wird, muß man ausführen; da überläßt man dem ersten besten Soldaten den Wagen, und das Bündel ist offen. Aber du geh, geh mit; und was an Sachen verloren geht – Nikolajew, steh dafür ein!
Noch einige Schritte weiter, und sie kamen auf einen Platz. Nikolajew schwieg und seufzte.
Da steht Ihre Artillerie, Ew. Wohlgeboren! sagte er plötzlich, fragen Sie den Posten, er wird Ihnen den Weg zeigen.
Als Wolodja einige Schritte weiter gegangen war, hörte er die Seufzertöne Nikolajews nicht mehr hinter sich.
Er fühlte sich plötzlich vollständig, ganz und gar allein. Dieses Bewußtsein der Vereinsamung in der Gefahr vor dem Tode, wie er glaubte, lag ihm wie ein entsetzlich schwerer, kalter Stein auf der Brust. Er blieb mitten auf dem Platze stehen und schaute sich um, ob ihn nicht jemand sehe, griff sich an den Kopf, sprach vor sich hin und dachte mit Entsetzen: »Herr Gott! Bin ich denn ein Feigling, ein elender, abscheulicher, niedriger Feigling – gilt es nicht das Vaterland, den Zaren, für den ich gestern noch mit Wonne zu sterben wähnte? Nein, ich bin ein unglückliches, bejammernswertes Geschöpf!« Und mit einem wahren Gefühl der Verzweiflung und der Enttäuschung über sich selbst, fragte Wolodja den Posten nach dem Hause des Batteriekommandeurs und ging in der Richtung, die er ihm wies.
XII

Die Wohnung des Batteriekommandeurs, die ihm der Posten gezeigt hatte, war ein kleines, zweistöckige Haus, mit dem Eingange vom Hofe her. Durch das mit Papier verklebte Fenster schimmerte das schwache Licht einer Kerze. Der Bursche saß auf der Außentreppe und rauchte seine Pfeife. Er ging dem Batteriekommandeur Meldung zu machen und führte Wolodja ins Zimmer. Im Zimmer standen, zwischen zwei Fenstern, unter einem zerbrochenen Spiegel, ein mit amtlichen Papieren über und über bedeckter Tisch, einige Stühle und eine eiserne Bettstelle mit reiner Bettwäsche und einem kleinen Teppich davor.
Dicht an der Thür stand ein hübscher Mann mit starkem Schnurrbart – der Feldwebel, mit dem Seitengewehr und einem Mantel, auf dem ein Kreuz und die Medaille für den ungarischen Feldzug hingen. In der Mitte des Zimmers ging ein kleiner, etwa vierzigjähriger Stabsoffizier, mit einer verbundenen, geschwollenen Backe, in einem dünnen, alten Mantel hin und her.
Ich habe die Ehre, mich zu melden, zur fünften Leichten kommandiert, Fähnrich Koselzow II! sagte Wolodja seine eingelernte Phrase her, als er ins Zimmer trat.
Der Batteriekommandeur beantwortete kühl seinen Gruß und forderte Wolodja, ohne ihm die Hand zu geben, auf, sich zu setzen.
Wolodja ließ sich schüchtern auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch nieder und spielte mit einer Schere, die ihm in die Hand fiel. Der Batteriekommandeur ging, mit gesenktem Kopf, die Hände auf dem Rücken, unaufhörlich, ohne ein Wort zu sprechen, im Zimmer auf und nieder, mit dem Aussehen eines Menschen, der sich etwas in Erinnerung rufen will, und warf nur von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Hände, die mit der Schere spielten.
Der Batteriekommandeur war ein ziemlich beleibter Mann mit einer großen Glatze auf dem Wirbel, einem dichten Schnauzer, der gerade heruntergekämmt war und den Mund bedeckte, und mit freundlichen grauen Augen; er hatte schöne, reine, rundliche Hände, seine Beine waren stark nach außen gekehrt, er trat mit Zuversicht und einer gewissen Stutzerhaftigkeit auf, die andeutete, daß der Batteriekommandeur nicht gerade schüchtern war.
Ja, sagte er und blieb vor dem Feldwebel stehen, der Geschützmannschaft wird man von morgen ab noch einen Topf zugeben müssen, sie werden zu schlecht behandelt. Was meinst du?
Gewiß, man kann ihnen noch was geben, Euer Hochwohlgeboren! Jetzt ist der Hafer billiger geworden, antwortete der Feldwebel und bewegte dabei die Finger an den Händen, die er an den Nähten hielt, die aber offenbar gern seine Rede mit ihrer Gebärde unterstützten. Gestern hat mir auch unser Fourageur Frantschuk vom Train ein Schreiben geschickt, Euer Hochwohlgeboren, wir müßten unbedingt dort Ochsen kaufen, meint er. Es heißt, sie sollen billig sein. Wenn Sie befehlen?
Nun ja, kaufen wir: er hat das Geld. Und der Batteriekommandeur begann wieder im Zimmer auf und nieder zu gehen. – Und wo sind Ihre Sachen? fragte er plötzlich Wolodja und blieb vor ihm stehen.
Den armen Wolodja hatte der Gedanke, daß er ein Feigling sei, so niedergedrückt, daß er in jedem Augenblick, in jedem Wort Verachtung gegen sich, als einen kläglichen Feigling, sah. Es war ihm, als hätte der Batteriekommandeur schon sein Geheimnis durchschaut und spotte seiner. Er antwortete verlegen, die Sachen seien auf der Grafßkaja und der Bruder hätte versprochen, sie ihm morgen zu schicken.
Der Oberst aber hörte kaum auf ihn und fragte, zu dem Feldwebel gewandt:
Wo werden wir den Fähnrich unterbringen?
Den Fähnrich? sagte der Feldwebel, und machte Wolodja noch mehr verlegen durch den flüchtigen Blick, den er ihm zuwarf und der gewissermaßen die Frage ausdrückte: »Was ist das für ein Fähnrich?« – Ja, unten, Euer Hochwohlgeboren, beim Stabskapitän können Seine Wohlgeboren sich einquartieren, fuhr er fort, nachdem er ein wenig nachgedacht hatte; der Stabskapitän sind jetzt auf der Bastion, so daß seine Pritsche leer steht.
Beliebt es Ihnen einstweilen so? fragte der Batteriekommandeur. Sie müssen, denk' ich, müde sein; morgen werden wir es besser einrichten.
Wolodja stand auf und verbeugte sich.
Ist Ihnen nicht Thee gefällig? fragte der Batteriekommandeur, als er bereits bis zur Thür gegangen war. Man kann eine Theemaschine aufstellen.
Wolodja verbeugte sich und ging hinaus. Der Bursche des Obersten begleitete ihn nach unten und führte ihn in ein kahles, schmutziges Zimmer, in dem allerlei Gerümpel umherlag und ein eisernes Bett ohne Wäsche und Decke stand. Auf dem Bett, mit einem dicken Mantel zugedeckt, schlief jemand in einem rosa Hemd.
Wolodja hielt ihn für einen gemeinen Soldaten.
Peter Nikolajewitsch! rief der Offiziersbursche, indem er den Schläfer an der Schulter rüttelte. Hier werden sich der Fähnrich hinlegen ... Das ist unser Junker, fügte er, zum Fähnrich gewandt, hinzu.
Ach, lassen Sie sich nicht stören, bitte! sagte Wolodja; aber der Junker, ein hochgewachsener, stattlicher junger Mann mit hübschen, aber sehr dummen Zügen, stand vom Bett auf, warf sich den Mantel um und ging, augenscheinlich noch halb im Schlafe, aus dem Zimmer.
Schadet nichts, ich werde mich draußen hinlegen, brummte er.
XIII

Als Wolodja mit seinen Gedanken allein geblieben war, war sein erstes Gefühl die Angst vor dem wirren, trostlosen Zustand, in dem sich sein Gemüt befand. Er hatte den Wunsch, einzuschlafen und alles ringsumher, vor allem aber sich selbst, zu vergessen. Er löschte das Licht, legte sich auf das Bett und zog seinen Mantel über den Kopf, um sich zu schützen gegen die Angst vor der Dunkelheit, die ihm seit frühester Jugend anhaftete. Plötzlich aber fiel ihm ein, es könnte eine Bombe geflogen kommen, das Dach durchschlagen und ihn töten ... Er horchte auf; gerade über ihm erklangen die Schritte des Batteriekommandeurs.
»Übrigens, wenn eine geflogen kommt – dachte er – trifft sie erst oben und dann mich – also wenigstens nicht mich allein.« Dieser Gedanke beruhigte ihn ein wenig, er war im Begriff, einzuschlummern. »Wie aber, wenn plötzlich in der Nacht Sewastopol genommen wird, und die Franzosen hier eindringen? Womit werde ich mich verteidigen?« Er stand wieder auf und ging im Zimmer auf und nieder. Die Angst vor der wirklichen Gefahr hatte die geheimnisvolle Angst vor der Finsternis verschlungen. Außer einem Sattel und einem Ssamowar war im Zimmer nichts Festes. »Ich bin ein Elender, ein Feigling, ein abscheulicher Feigling,« dachte er plötzlich, und wieder überkam ihn das drückende Gefühl der Verachtung, des Abscheus sogar vor sich selbst. Er legte sich wieder hin und gab sich Mühe, nichts zu denken. Da tauchten unwillkürlich die Eindrücke des Tages in seiner Phantasie wieder auf, begleitet von ununterbrochenen Tönen, die die Scheiben in dem einzigen Fenster klirren machten, und erinnerten ihn wieder an die Gefahr. Bald phantasierte er von Verwundeten und von Blut, bald von Bomben und Splittern, die ins Zimmer fliegen, bald von der hübschen, barmherzigen Schwester, die ihm, dem Sterbenden, einen Verband anlegt und über ihn weint, bald von seiner Mutter, die in der Kreisstadt an seiner Seite geht und inbrünstig unter Thränen vor dem wunderthätigen Bilde betet, und wieder scheint ihm der Schlaf unmöglich. Plötzlich trat der Gedanke an Gott, den Allmächtigen, der alles wirken und jedes Gebet erhören kann, klar vor seine Seele. Er kniete nieder, bekreuzte sich und faltete die Hände, ganz so, wie man ihn in der Kindheit beten gelehrt hatte. Diese Gebärde versetzte ihn mit einem Schlage in eine längst vergangene, tröstliche Stimmung.
»Wenn ich sterben muß, wenn es sein muß, daß ich vergehe, laß es geschehen, Herr – dachte er – laß es schnell geschehen! ... Bedarf es aber der Tapferkeit, bedarf es der Standhaftigkeit, die ich nicht habe, so gieb sie mir, schütze mich vor Schmach und Schande, die ich nicht ertragen kann, lehre mich, was ich zu thun habe, um Deinen Willen zu erfüllen.«
Seine kindliche, eingeschüchterte, geängstigte Seele ward plötzlich von Mannesmut erfüllt. Sie wurde heller und sah neue, weite, lichte Horizonte. Noch vieles dachte und empfand er in diesem kurzen Augenblick, den diese Stimmung währte; er schlief bald ruhig und furchtlos ein, mitten unter den Tönen des fortdauernden Getöses des Bombardements und des Klirrens der Scheiben.
Großer Gott! Nur du allein hast gehört und kennst die einfältigen, aber inbrünstigen und verzweifelten Gebete der Unwissenheit und irrenden Reue, die Bitten um Heilung des Körpers und Erleuchtung der Seele, die zu dir von diesem schrecklichen Orte des Todes emporgestiegen sind, aus dem Herzen des Generals, der eben an das Georgskreuz gedacht hat und mit Bangen Deine Nähe ahnt, wie des einfachen Soldaten, der sich auf dem nackten Boden der Nikolajew-Batterie wälzt und Dich bittet, ihm im Jenseits Belohnung zu gewähren für alle Leiden! ...
XIV

Der ältere Koselzow hatte auf der Straße einen Soldaten seines Regiments getroffen und ging zusammen mit ihm geradewegs nach der fünften Bastion.
Halten Sie sich an die Mauer, Euer Wohlgeboren! sagte der Soldat.
Weshalb?
Es ist gefährlich, Euer Wohlgeboren: sehen Sie, da fliegt sie schon hinüber! sagte der Soldat, indem er auf den pfeifenden Ton einer Kanonenkugel horchte, die auf dem trockenen Weg auf der anderen Seite der Straße einschlug.
Koselzow ging, ohne auf den Soldaten zu hören, kühn in der Mitte der Straße.
Es waren dieselben Straßen, dasselbe sogar noch häufigere Feuern, dasselbe Stöhnen, Vorübertragen von Verwundeten und dieselben Batterien, Brustwehren und Laufgräben, wie im Frühjahr, da er in Sewastopol gewesen; aber das alles war jetzt noch trauriger und zugleich energischer: es gab noch mehr durchgeschlagene Dächer, Licht in den Fenstern war gar nicht mehr sichtbar, außer in Kuschtschins Hause (dem Lazarett), Frauen sah man gar nicht mehr auf der Straße, auf allem lag nicht mehr der frühere Charakter des Alltäglichen und der Sorglosigkeit, sondern der Stempel einer bangen Erwartung und Müdigkeit.
Aber da ist schon der letzte Laufgraben, da tönt auch die Stimme eines Soldaten vom P.-Regiment, der seinen früheren Hauptmann erkannt hat; da steht auch das dritte Bataillon in der Dunkelheit, an die Wand gelehnt, bisweilen auf einen Augenblick durch Schüsse beleuchtet und seine Gegenwart nur durch gedämpftes Murmeln und das Klirren der Gewehre verratend.
Wo ist der Regimentskommandeur? fragte Koselzow.
In der Blindage, Euer Wohlgeboren, bei den Seeleuten, antwortete ein dienstfertiger Soldat. Bitte, ich werde Sie führen.
Von Laufgraben zu Laufgraben führte der Soldat Koselzow zu einem kleinen Graben in einem Laufgraben. Im Graben saß ein Matrose, der seine Pfeife rauchte; hinter ihm war eine Thür sichtbar, durch deren Spalt Licht schimmerte.
Darf man eintreten?
Werde Sie sogleich melden! und der Soldat trat zur Thür ein.
Drinnen sprachen zwei Stimmen.
Wenn Preußen die Neutralität bewahrt, sagte die eine Stimme, so wird auch Österreich ...
Ach was, Österreich, sagte die andere, wenn die slavischen Völker ... Laß eintreten.
Koselzow war nie in dieser Blindage gewesen. Sie frappierte ihn durch ihren Luxus. Der Fußboden war getäfelt, an der Thür hielt eine spanische Wand den Wind ab. Zwei Betten waren an den Wänden aufgestellt; in einer Ecke stand ein großes Bild der Gottesmutter in goldenen Gewändern, und vor ihm brannte eine rosa Lampe. Auf dem einen Bett schlief ein Marineoffizier, vollständig angekleidet; auf dem andern saßen vor einem Tisch, auf dem zwei halbvolle Flaschen Wein standen, der neue Regimentskommandeur im Gespräch mit seinem Adjutanten. Obgleich Koselzow durchaus kein Feigling war und sich weder der Behörde, noch dem Regimentskommandeur gegenüber einer Schuld bewußt war, wurde er doch zaghaft bei dem Anblick des Hauptmanns, der vor kurzem noch sein Kamerad gewesen war; so stolz erhob sich dieser Hauptmann, um ihn auszufragen. »Sonderbar, dachte Koselzow, während er seinen Kommandeur ansah, sieben Wochen sind es erst, daß er das Regiment bekommen hat, und wie deutlich spricht schon aus allem, was ihn umgiebt, aus seiner Kleidung, aus seinem Gebahren, aus seinem Blick, die Würde des Regimentskommandeurs. Vor kurzem – dachte er – hat dieser Batteriechef noch mit uns gezecht, an Wochentagen ein dunkles Zitzhemd getragen, das länger rein hält, nie jemand zu sich eingeladen, und immer und ewig Klops und Quarkpiroggen gegessen, und jetzt? ... Und im Blick dieser Ausdruck kalten Hochmuts, der zu sagen scheint: wenn ich auch dein Kamerad bin, weil ich Regimentskommandeur neuer Schule bin, glaube nur, ich weiß, wie gern du dein halbes Leben hingäbest, um an meiner Stelle zu sein!«
Sie haben sich recht lange kurieren lassen, sagte der Oberst zu Koselzow und sah ihn kühl an.
Ich bin krank gewesen, Oberst! Die Wunde ist jetzt noch nicht ganz geschlossen.
So sind Sie unnütz gekommen, sagte der Oberst und betrachtete mißtrauisch die volle Gestalt des Offiziers. Sie können aber doch den Dienst versehen?
Gewiß kann ich das!
Nun, ich freue mich sehr. So übernehmen Sie vom Fähnrich Sajzow die neunte Kompagnie – Ihre frühere; sogleich werden Sie die Ordre erhalten.
Zu Befehl!
Wollen Sie die Güte haben, wenn Sie fortgehen, den Regimentsadjutanten zu mir zu schicken, schloß der Regimentskommandeur, und gab durch eine leichte Verbeugung zu verstehen, daß die Audienz beendet sei.
Während Koselzow aus der Blindage herausging, brummte er etwas vor sich hin und zog die Schultern hoch, als bereite ihm etwas Schmerz, Unbehagen oder Ärger – Ärger nicht über den Regimentskommandeur (der hatte ihm keinen Grund gegeben); er war mit sich selbst, mit allem, was um ihn her vorging, unzufrieden.
XV

Bevor Koselzow sich zu seinen Regimentskameraden begab, ging er, seine Kompagnie zu begrüßen und zu sehen, wo sie stand. Die aus Schanzkörben gebildeten Brustwehren, die Anlage der Laufgräben, die Kanonen, an denen er vorbeikam, sogar die Splitter der Bomben, über die er unterwegs stolperte, – das alles, unaufhörlich durch das Feuer der Schüsse erhellt, war ihm bekannt; das alles hatte sich vor drei Monaten, im Verlauf der vierzehn Tage, die er ununterbrochen auf derselben Bastion zugebracht, seinem Gedächtnisse lebhaft eingeprägt. Obwohl viel Schreckliches in der Erinnerung lag, hatte sie doch auch den großen Zauber des Vergangenen, und er sah mit Vergnügen, als wären die hier zugebrachten vierzehn Tage angenehme gewesen, die bekannten Orte und Gegenstände wieder. Die Kompagnie lag an der Verteidigungswand, bei der sechsten Bastion.
Koselzow ging in eine lange, vom Eingange her vollständig offene Blindage, in der, wie man ihm sagte, die neunte Kompagnie stand. In der ganzen Blindage war buchstäblich kein Fuß breit Platz: so voll war sie vom Eingang ab von Soldaten. Auf der einen Seite brannte ein kurzes Talglicht. Das Licht hielt, liegend, ein Soldat und beleuchtete ein Buch, das ein anderer buchstabierend las. Um das Licht waren in dem trüben Halbdunkel der Blindage erhobene Köpfe sichtbar, die gespannt dem Leser zuhörten. Das Buch war ein ABC-Buch. Als Koselzow in die Blindage eintrat, hörte er folgendes:
»Ge–bet nach Be–en–di–gung des Un–terrichts. Ich dan–ke Dir Schöp–fer ...«
Putzt doch das Licht! rief eine Stimme. Das Buch ist prächtig ... »Mein ... Gott ...« fuhr der Vorleser fort.
Als Koselzow nach dem Feldwebel fragte, verstummte der Vorleser, die Soldaten gerieten in Bewegung, husteten, schnäuzten sich, wie stets nach einem anhaltenden Schweigen. Der Feldwebel erhob sich, seinen Mantel zuknöpfend, von seinem Platz in der Nähe des Vorlesers und kam, über die Füße und auf den Füßen derer, die nicht Zeit hatten, sie wegzuziehen, schreitend, an den Offizier heran.
Guten Tag, Brüderchen! Ist das alles unsere Kompagnie?
Wir wünschen Gesundheit! Wir gratulieren zur Ankunft, antwortete der Feldwebel, indem er heiter und freundlich Koselzow ansah. – Hat sich Ihr Befinden gebessert? Nun Gott sei Dank. Wir haben uns sehr nach Ihnen gesehnt.
Man sah gleich, daß Koselzow bei der Kompagnie beliebt war.
Im Hintergrunde der Blindage ließen sich Stimmen hören: der frühere Kompagniekommandeur ist wieder da, der verwundet war, Koselzow, Michail Ssemjonytsch ist wieder da u. dgl.; einige gingen sogar auf ihn zu, der Trommler begrüßte ihn.
Guten Tag, Obantschuck? sagte Koselzow. Unversehrt? ... Wünsch' euch Gesundheit, Kinder, rief er darauf mit erhobener Stimme.
Wir wünschen Ihnen Gesundheit! tönte es tosend in der Blindage.
Wie geht's euch, Kinder?
Schlecht, Euer Wohlgeboren; der Franzose hat die Oberhand, – er schießt so bös von den Schanzen her – und damit basta, ins Feld wagt er sich nicht.
Vielleicht giebt's Gott, zu meinem Glück, daß sie auch ins Feld kommen, Kinder! erwiderte Koselzow. Ich bin ja nicht das erstemal bei euch: wir werden sie wieder ausklopfen.
An uns soll's nicht fehlen, Euer Wohlgeboren! antworteten einige Stimmen.
Na, aber sie sind tapfer! sagte eine Stimme.
Furchtbar tapfer! sagte der Trommler nicht laut, aber so, daß es hörbar war, zu einem anderen Soldaten gewandt, als wenn er vor diesem die Worte des Kompagnieführers rechtfertigen und ihn überzeugen wollte, daß in diesen Worten nichts Prahlerisches und Unwahrscheinliches liege.
Von den Soldaten ging Koselzow in die Kaserne der Verteidigungstruppen zu den Offizieren, seinen Kameraden.
XVI

In dem großen Zimmer der Kaserne waren eine Menge Leute: Marine-, Artillerie- und Infanterieoffiziere. Die einen schliefen, andere unterhielten sich, auf dem Pulverkasten und der Lafette einer Festungskanone sitzend; die dritten bildeten im Alkoven eine große und laute Gruppe, sie saßen auf der Diele auf zwei ausbreiteten Filzmänteln, tranken Porter und spielten Karten.
Ah, Koselzow, Koselzow ... Gut, daß du gekommen bist. Brav! ... Was macht die Wunde? ließ sich von verschiedenen Seiten hören. Auch hier konnte man sehen, daß man ihn gern hatte und sich über seine Ankunft freute.
Koselzow schüttelte seinen Bekannten die Hand und gesellte sich zu der lauten Gruppe, die aus mehreren Offizieren bestand, die Karten spielten. Es waren auch Bekannte von ihm darunter. Ein hübscher, magerer, brünetter Mann mit einer langen, hageren Nase und einem starken Schnauzbart, der lang von den Wangen herabhing, hielt die Bank mit seinen weißen, hageren Fingern, auf einem der Finger trug er einen großen goldenen Siegelring mit einem Wappen. Er legte die Karten gerade vor sich hin, ohne Sorgfalt, er war offenbar erregt und wollte nur sorglos erscheinen. Neben ihm zur Rechten war, auf den Ellbogen gestützt, ein grauköpfiger Major hingestreckt, setzte mit erheuchelter Kaltblütigkeit immer einen halben Rubel und zahlte sofort aus. Zur linken Hand saß kauernd ein hübscher junger Offizier mit schweißigem Gesicht, lächelte gezwungen und scherzte. Wenn seine Karte dran war, bewegte er unaufhörlich die eine Hand in seiner leeren Hosentasche. Er spielte um hohen Einsatz, aber offenbar nicht mehr um Tausende, was den hübschen, brünetten Herrn wurmte. Ein kahlköpfiger Offizier mit riesiger Nase und großem Mund, ein hagerer und blasser Mann, ging im Zimmer auf und nieder, hielt einen großen Haufen Banknoten in der Hand, spielte immer mit barem Gelde va banque und gewann immer.
Koselzow trank einen Schnaps und setzte sich zu den Spielern.