Kaukasische Erzählungen - Ein Ueberfall - Der Holzschlag - Begegnung im Felde (continued 2)
Reading edition
Pfui, du Verfluchte! sagte in diesem Augenblick hinter uns Antonow und spie ärgerlich zur Seite aus, um ein Haar hätte sie meine Beine gepackt.
Alle meine Bemühungen, kaltblütig zu erscheinen und alle unsere künstlichen Phrasen erschienen mir plötzlich unerträglich dumm nach diesem gutherzigen Ausruf.
VII

Der Feind hatte wirklich zwei Geschütze an der Stelle aufgepflanzt, wo die Tataren patrouilliert hatten, und gab alle 20 oder 30 Minuten Schüsse auf unsere Holzfäller ab. Mein Zug wurde nach der Wiese vorausgeschickt und erhielt den Befehl, das Feuer zu erwidern. Am Waldessaum stieg leichter Rauch auf, man hörte einen Schuß, ein Pfeifen, und eine Kugel fiel hinter uns oder vor uns nieder. Die feindlichen Geschosse fielen glücklich, und wir hatten keinen Verlust.
Die Artilleristen hielten sich, wie immer, vortrefflich: sie luden rasch, richteten sorgfältig nach dem aufsteigenden Rauch und scherzten ruhig untereinander. Die Infanteriedeckung lag in schweigsamer Unthätigkeit in unserer Nähe und wartete, bis sie an die Reihe kam.
Die Holzfäller machten ihre Arbeit: die Äxte erklangen schneller und häufiger im Walde, nur in dem Augenblick, wo sich das Pfeifen eines Geschosses hören ließ, verstummte plötzlich alles, und durch die Totenstille erklangen ein wenig erregte Stimmen: »Bückt euch, Kinder!« – und alle Augen richteten sich auf die Kugel, die an die Wachtfeuer und an die abgehauenen Äste anschlug.
Der Nebel hatte sich ganz gehoben, nahm immer mehr die Gestalt von Wolken an und verschwand allmählich in dem tiefdunklen Blau des Himmels; die hervortretende Sonne leuchtete hell und warf ihren heiteren Schimmer auf den Stahl der Bajonette, das Erz der Geschütze, auf die auftauchende Erde und den glänzenden Reif. In der Luft fühlte man die Frische des Morgenfrostes zugleich mit der Wärme der Frühlingssonne; tausend verschiedene Schatten und Farben flossen in dem trockenen Laub der Bäume zusammen, und auf den ausgefahrenen, glänzenden Wegen wurden die Spuren der Räder und der Hufeisendornen deutlich sichtbar.
Die Bewegung unter den Truppen wurde immer stärker und deutlicher. Von allen Seiten sah man immer häufiger die bläulichen Rauchwolken der Schüsse. Die Dragoner mit den flatternden Fähnlein an den Lanzen ritten an der Spitze; in den Reihen der Infanterie ertönten Lieder, und der Wagenzug mit dem Holz formierte sich in der Nachhut. Da kam zu unserem Zuge der General herangeritten und befahl, sich zum Rückzuge zu rüsten. Der Feind hatte sich in den Gebüschen unserem linken Flügel gegenüber festgesetzt und begann uns durch ein Gewehrfeuer stark zu beunruhigen. Von links aus dem Walde her kam eine Kugel vorübergesaust und schlug in das Geschützgestell, dann eine zweite, eine dritte ... die Infanteriedeckung, die in unserer Nähe lag, sprang lärmend auf die Beine, griff zu den Gewehren und nahm Stellung in der Vorpostenkette. Das Gewehrfeuer wurde stärker, die Kugeln kamen häufiger geflogen. Der Rückzug begann, folglich auch das eigentliche Gefecht, wie es im Kaukasus immer zu sein pflegt.
Aus allem konnte man erkennen, daß den Artilleristen die Gewehrkugeln unbehaglicher waren, als vorhin den Infanteristen die Kanonen. Antonow machte ein verdrießliches Gesicht. Tschikin äffte das Summen der Kugeln nach und trieb seinen Spaß mit ihnen; aber man sah wohl, daß sie ihm nicht behagten. Bei einer sagte er: »Wie eilig sie's hat,« eine andere nannte er »Bienchen«, eine dritte, die mit einem seltsam trägen und klagenden Laut über uns hinflog, nannte er eine »Waise« und rief damit allgemeines Gelächter hervor.
Der junge Rekrut bog, da er es noch nicht gewohnt war, bei jeder Kugel den Kopf beiseite und reckte den Hals, und auch das rief bei den Soldaten Gelächter hervor. »Wie, ist das eine Bekannte von dir, daß du sie grüßest?« sagten sie zu ihm. Auch Welentschuk, der immer außerordentlich gleichmütig war in Gefahren, befand sich jetzt in erregtem Zustand: es kränkte ihn offenbar, daß wir nicht mit Kartätschen nach der Richtung schossen, wo die Gewehrkugeln hergeflogen kamen. Er wiederholte mehrere Male mit verdrießlicher Stimme: »Soll er uns so ungestraft schlagen? Wenn man dorthin ein Geschütz richten wollte und eine Kartätsche hinüberblasen, dann würde er schon stumm werden.«
In der That, es war Zeit, das zu thun: ich gab Befehl, die letzte Granate zu werfen und Kartätschen zu laden.
Kartätschen! rief Antonow und trat munter im Rauch mit dem Stückputzer an das Geschütz heran, kaum daß die Ladung heraus war.
In diesem Augenblick hörte ich ein wenig hinter mir den raschen summenden Laut einer Gewehrkugel, der plötzlich mit einem trockenen Schlag abriß. Mein Herz krampfte sich zusammen. »Es scheint jemand von den Unsrigen getroffen zu haben,« dachte ich, scheute mich indessen zurückzublicken, unter dem Eindruck einer beängstigenden Ahnung. Wirklich hörte man nach diesem Laut das schwere Fallen eines Körpers und »oh–oh oh oh–oi!« – das herzzerreißende Stöhnen eines Verwundeten. »Getroffen, Kameraden!« sagte mühsam eine Stimme, die ich erkannte. Es war Welentschuk. Er lag auf dem Rücken zwischen dem Protzkasten und dem Geschütz. Der Ranzen, den er getragen hatte, war nach der Seite geschleudert. Seine Stirn war ganz blutig, und über das rechte Auge und die Nase floß ein dichter roter Strom. Er hatte eine Wunde im Leibe, aber es war fast kein Blut daran; die Stirn hatte er sich beim Fallen an einen Baumstumpf zerschlagen.
Alles das ward mir viel später erst klar; im ersten Augenblick sah ich nur eine deutliche Masse und, wie mir schien, furchtbar viel Blut.
Keiner von den Soldaten, die das Geschütz geladen hatten, sprach ein Wort. Nur der junge Rekrut brummte etwas vor sich hin wie: »Sieh mal dieses Blut,« und Antonow ächzte mit düsterer Miene ärgerlich; aber an allem war zu erkennen, daß der Gedanke an den Tod allen durch die Seele zog. Alle gingen mit noch größerer Geschäftigkeit ans Werk. Das Geschütz war in einem Augenblick geladen, und der Wagenführer, der die Kartätschen brachte, ging zwei, drei Schritte um die Stelle herum, an der der Verwundete lag und fort und fort stöhnte.
VIII

Jeder, der einmal in einer Schlacht gewesen ist, hat gewiß das seltsame, wenn auch nicht logische und doch starke Gefühl des Abscheus vor einer Stelle empfunden, an der ein Mensch getötet oder verwundet wurde. Diesem Gefühl erlagen sichtlich im ersten Augenblick meine Soldaten, als es galt, Welentschuk aufzuheben und ihn auf den Wagen zu laden, der herangekommen war. Tschikin näherte sich ärgerlich dem Verwundeten, faßte ihn, ohne auf sein stärker werdendes Geschrei zu achten, unter der Achsel und hob ihn auf. – »Was steht ihr da, greift an,« schrie er, und schnell umringten den Verwundeten an die zehn Mann, Helfer, die kaum noch nötig waren. Aber sie hatten ihn kaum von der Stelle gebracht, als Welentschuk entsetzlich zu schreien und um sich zu schlagen begann.
Was schreist du wie ein Hase? sagte Antonow und packte ihn derb am Bein, willst du nicht, lassen wir dich liegen.
Und der Verwundete verstummte wirklich und sagte nur von Zeit zu Zeit: »Ach, das ist mein Tod! Ah – ach Kameraden!«
Als sie ihn aber auf den Wagen gelegt hatten, hörte er sogar auf zu ächzen, und ich hörte, daß er mit leiser, aber deutlicher Stimme zu den Kameraden sprach – wahrscheinlich nahm er Abschied von ihnen.
Im Gefecht sieht niemand gern einen Verwundeten, und instinktiv beeilte ich mich, von diesem Schauspiel fortzukommen, befahl, ihn so schnell als möglich auf den Verbandplatz zu bringen, und ging zu den Geschützen; nach einigen Minuten aber sagte man mir, Welentschuk wünsche mich zu sprechen, und ich ging auf den Wagen zu.
Der Verwundete lag auf dem Boden des Wagens und hielt sich mit beiden Händen am Rand. Sein gesundes, breites Gesicht hatte sich in wenigen Sekunden vollständig verändert. Es war, als ob er abgemagert und um einige Jahre älter geworden wäre; seine Lippen waren dünn, blaß und mit sichtbarer Anstrengung zusammengepreßt; an die Stelle des unstäten und stumpfen Ausdrucks seiner Augen war ein heller, ruhiger Glanz getreten, und auf der blutbefleckten Stirn und Nase lagen schon die Züge des Todes.
Obgleich ihm auch die kleinste Bewegung unbeschreibliche Schmerzen verursachte, bat er, man möchte von seinem linken Bein sein Geldtscheres[P] abnehmen.
Ein entsetzlich niederdrückendes Gefühl rief der Anblick seines nackten, weißen und gesunden Beines in mir hervor, als man ihm den Stiefel abzog und den Tscheres losband.
Drei Moneten sind drin und ein halber Rubel, sagte er mir in dem Augenblick, wo ich den Tscheres in die Hand nahm. Sie werden schon so gut sein, sie aufzubewahren.
Der Wagen hatte sich in Bewegung gesetzt, aber er ließ ihn halten.
Ich habe dem Leutnant Sulimowskij einen Mantel gearbeitet, und Sie haben mir zwei Moneten gegeben. Für anderthalb habe ich Knöpfe gekauft, und den halben Rubel habe ich im Beutel liegen mitsamt den Knöpfen. Geben Sie sie zurück.
Schön, schön, sagte ich, werde nur gesund, Kamerad.
Er antwortete mir nicht, der Wagen setzte sich in Bewegung, und er begann wieder mit entsetzlichster, herzzerreißender Stimme zu stöhnen und zu ächzen. Als hätte er nun, nachdem die weltlichen Dinge geordnet waren, keine Ursache mehr, sich zu überwinden, hielt er jetzt diese Erleichterung, die er sich schaffte, für erlaubt.
IX

Ei, wohin? ... Zurück! Wo willst du hin? rief ich den Rekruten an, der seine Reservelunte unter den Arm genommen hatte und mit einem Stöckchen in der Hand mit größter Kaltblütigkeit dem Wagen folgte, auf dem der Verwundete fortgeführt wurde.
Der Rekrut aber warf mir nur einen trägen Blick zu, brummte etwas vor sich hin und ging weiter, so daß ich einen Soldaten hinschicken mußte, um ihn zurückzubringen. Er nahm sein rotes Mützchen ab, lächelte tölpelhaft und sah mich an.
Wo hast du hinwollen? fragte ich.
Ins Lager.
Warum das?
Wie? ... Welentschuk ist verwundet, sagte er wieder lächelnd.
Was geht das dich an? Du hast hierzubleiben.
Er sah mich erstaunt an, dann drehte er sich kaltblütig um, setzte seine Mütze auf und ging auf seinen Platz.

Der Kampf war im allgemeinen ein glücklicher. Die Kosaken hatten, wie es hieß, einen vortrefflichen Angriff gemacht und drei Tataren eingebracht; die Infanterie hatte sich mit Holz versorgt und zählte im ganzen sechs Verwundete; bei der Artillerie war der Mannschaft nur der eine, Welentschuk, und zwei Pferde verloren gegangen. Dafür hatte man etwa drei Werst Waldes ausgeholzt und den Platz so gesäubert, daß man ihn nicht wieder erkannte; an der Stelle des dichten Waldsaums, den man früher dort gesehen hatte, öffnete sich eine ungeheure Wiesenfläche, bedeckt von rauchenden Wachtfeuern, von Kavallerie und Infanterie, die sich auf das Lager zu bewegte. Obgleich der Feind nicht aufhörte, uns mit Geschütz- und Gewehrfeuer zu verfolgen, bis an das Flüßchen und den Kirchhof, den wir des Morgens durchschritten hatten, vollzog sich der Rückzug glücklich. Meine Gedanken waren schon bei der Kohlsuppe und der Hammelrippe mit Grütze, die meiner im Lager harrten, als die Nachricht kam, der General habe befohlen, am Flüßchen eine Schanze aufzuschütten und bis morgen das dritte Bataillon des K.-Regiments und den Zug der vierten Batterie dort lagern zu lassen. Die Wagen mit dem Holz und den Verwundeten, die Kosaken, die Artillerie, das Fußvolk mit den Gewehren und dem Holz über den Schultern – alles zog mit Lärmen und Gesang an uns vorüber. Auf allen Gesichtern lag Begeisterung und Freude, wie sie die überstandene Gefahr und die Erwartung der Ruhe hervorgerufen hatten. Nur wir und das dritte Bataillon mußten auf diese angenehmen Gefühle noch bis morgen warten.
X

Während wir, die Artilleristen, um die Geschütze beschäftigt waren, während wir die Protzkasten, die Pulverkasten aufstellten und den Pferden die Fußstricke lösten, hatte die Infanterie schon die Gewehre zusammengestellt, die Wachtfeuer hergerichtet, aus Ästen und Maisstroh Hütten gebaut und angefangen die Grütze zu kochen.
Es begann zu dämmern. Am Himmel zogen blauweiße Wolken hin. Die Dunkelheit hatte sich in einen feinen feuchten Nebel verwandelt und netzte den Boden und die Mäntel der Soldaten; der Gesichtskreis wurde enger, und die ganze Umgegend hüllte sich in düstere Schatten. Die Feuchtigkeit, die ich durch die Stiefel hindurch und im Nacken fühlte, die ununterbrochene Bewegung und das nie verstummende Gespräch, an dem ich keinen Anteil nahm, der lehmige Boden, auf dem meine Füße ausglitten und der leere Magen brachten mich in die drückendste, unangenehmste Stimmung, nach einem Tage physischer und moralischer Ermattung. Welentschuk wollte mir nicht aus dem Sinn. Die ganze einfache Geschichte eines Soldatenlebens drängte sich unabweislich meiner Phantasie auf.
Seine letzten Augenblicke waren ebenso klar und ruhig gewesen wie sein ganzes Leben. Er hatte zu ehrlich und einfach gelebt, als daß sein einfältiger Glaube an ein zukünftiges, himmlisches Dasein in dem entscheidenden Augenblicke hätte schwanken können.
Grüß Gott, sagte Nikolajew, indem er auf mich zutrat, wollen Sie sich gefälligst zum Kapitän bemühen, er bittet Sie, mit ihm Thee zu trinken.
Ich drängte mich, so gut es ging, zwischen den zusammengestellten Gewehren und Wachtfeuern hindurch, ging, Nikolajew folgend, zu Bolchow und dachte mit Vergnügen an das Glas heißen Thees und an die fröhliche Unterhaltung, die meine düsteren Gedanken vertreiben würden.
Gefunden? ertönte Bolchows Stimme aus der Maishütte, in der ein Flämmchen schimmerte.
Ich habe ihn hergebracht, Euer Wohlgeboren, antwortete Nikolajew in tiefem Baß.
Bolchow saß im Zelt auf einem trockenen Filzmantel mit aufgeknöpftem Rock und ohne seine Pelzmütze. Neben ihm brodelte ein Ssamowar und stand eine Trommel mit allerlei Imbiß. In dem Fußboden steckte ein Bajonett mit einem Licht.
Wie? sagte er mit Stolz und ließ seinen Blick über seinen gemütlichen Haushalt schweifen. In der That war es in dem Zelt so hübsch, daß ich beim Thee der Feuchtigkeit, der Dunkelheit und des verwundeten Welentschuk ganz vergaß. Wir kamen in ein Gespräch über Moskau, über Dinge, die in gar keiner Beziehung zum Kriege und zum Kaukasus standen.
Nach einem jener Augenblicke des Schweigens, die bisweilen selbst die belebtesten Unterhaltungen unterbrechen, sah mich Bolchow lächelnd an.
Ich muß glauben, unser Gespräch von heute morgen ist Ihnen sehr sonderbar vorgekommen? sagte er.
Oh nein, warum das? Es schien mir nur, als seien Sie allzu offenherzig. Es giebt eben Dinge, die wir alle wissen, von denen man aber nie sprechen darf.
Warum nicht? Wenn es irgend eine Möglichkeit gäbe, dieses Leben selbst mit dem abgeschmacktesten und ärmlichsten Leben, nur ohne Gefahr und ohne den Dienst, zu vertauschen, ich würde mir's keinen Augenblick überlegen.
Warum gehen Sie nicht nach Rußland? sagte ich.
Warum? wiederholte er. O, wie lange habe ich schon daran gedacht. Ich kann jetzt nicht eher nach Rußland zurück, als bis ich den Wladimirorden, den Annenorden um den Hals und den Majorsrang bekommen, wie ich es erwartete, als ich herging.
Warum aber, wenn Sie sich, wie Sie sagen, für den hiesigen Dienst untauglich fühlen?
Wenn ich mich aber noch weniger fähig fühlte, nach Rußland so zurückzukehren, wie ich hergekommen bin? Das ist auch eine von den Überlieferungen, die in Rußland von Mund zu Mund gehen, denen Passek, Sljepzow und Andere Dauer gegeben haben, daß man nur nach dem Kaukasus zu gehen braucht, um mit Belohnungen überschüttet zu werden. Und von uns erwarten und verlangen das alle; und ich bin nun zwei Jahre hier, habe zwei Expeditionen mitgemacht und habe nichts bekommen. Aber ich besitze doch soviel Eigenliebe, daß ich um keinen Preis von hier fortgehe, ehe ich Major bin, den Wladimir- und den Annenorden um den Hals bekomme. Ich habe mich schon so in diesen Gedanken hineingelebt, daß es mich wurmt, wenn Gnilokischkin eine Auszeichnung bekommt, und ich nicht. Und dann, wie soll ich in Rußland meinem Starosten, dem Kaufmann Kotjelnikow, dem ich mein Getreide verkaufe, meiner Tante in Moskau und all den Herren vor die Augen treten, wenn ich nach zweijährigem Dienste im Kaukasus ohne jede Auszeichnung zurückkomme? Freilich mag ich von diesen Herrschaften nichts wissen, und sie werden sich gewiß auch sehr wenig um mich kümmern; aber der Mensch ist nun einmal so beschaffen, daß ich von ihnen nichts wissen mag, und doch um ihretwillen meine schönsten Jahre vergeude, all mein Lebensglück, all meine Zukunft zerstöre.
XI

In diesem Augenblick klang von draußen die Stimme des Bataillonskommandeurs herein:
Mit wem plaudern Sie, Nikolaj Fjodorowitsch?
Bolchow nannte meinen Namen, und gleich darauf kamen drei Offiziere in die Hütte gekrochen: der Major Kirssanow, der Adjutant seines Bataillons und der Kompagniekommandeur Trossenko.
Kirssanow war ein kleiner, wohlbeleibter Mann mit einem kleinen Schnurrbart, roten Wangen und verschwommenen kleinen Augen. Diese kleinen Augen waren der hervorstechendste Zug in seiner Physiognomie. Wenn er lachte, so sah man nur zwei feuchte, glänzende Sternchen, und diese Sternchen nahmen zugleich mit den gespannten Lippen und dem langgereckten Halse einen höchst sonderbaren Ausdruck von Blödigkeit an. Kirssanow hatte im Regiment die beste Aufführung und Haltung. Die Untergebenen schalten ihn nicht, die Vorgesetzten achteten ihn, obgleich die allgemeine Meinung über ihn war, er sei nicht weit her. Er verstand seinen Dienst, war pünktlich und eifrig, war immer bei Gelde, besaß eine Kalesche und einen Koch und verstand auf sehr natürliche Weise den Stolzen zu spielen.
Wovon sprechen Sie, Nikolaj Fjodorowitsch? sagte er beim Eintreten.
Wir sprechen von den Annehmlichkeiten des hiesigen Dienstes.
Aber in diesem Augenblick hatte Kirssanow mich – einen Junker – bemerkt, darum fragte er, um mich seine Bedeutung fühlen zu lassen, als hätte er Bolchows Antwort nicht gehört, mit einem Blicke auf die Trommel:
Wie, sind Sie müde, Nikolaj Fjodorowitsch?
Nein, wir waren ja ... wollte Bolchow beginnen.
Aber die Würde des Bataillonskommandeurs erforderte wahrscheinlich, daß er wieder unterbreche und eine neue Frage stellte:
Es war doch ein prächtiges Gefecht heute?
Der Bataillonsadjutant war ein junger Fähnrich, der vor kurzem noch Junker gewesen war, ein bescheidener und stiller junger Mann mit einem verschämten und gutmütig freundlichen Gesicht. Ich hatte ihn früher schon bei Bolchow gesehen. Der junge Mann besuchte ihn häufig, er machte seine Verbeugung, setzte sich in die Ecke, schwieg stundenlang, drehte sich Cigaretten und rauchte sie, dann erhob er sich wieder, verbeugte sich und ging. Es war der Typus eines armen, russischen jungen Edelmanns, der die militärische Laufbahn als die einzige seiner Bildung entsprechende gewählt hatte und seinen Offiziersberuf höher stellte als alles in der Welt – ein gutmütiger und liebenswürdiger Typus, trotz der von ihm unzertrennlichen lächerlichen Eigentümlichkeiten: des Tabaksbeutels, des Schlafrocks, der Guitarre, des Schnurrbartbürstchens, ohne die wir uns ihn nicht vorstellen können. Im Regiment erzählte man von ihm, er prahle damit, daß er gegen seinen Burschen gerecht, aber streng sei. – »Ich strafe selten, pflegte er zu sagen, aber wenn's dazu kommt, dann wehe.« Und als sein betrunkener Bursche ihm einmal alles gestohlen hatte und noch seinen Herrn zu schimpfen begonnen, habe er ihn auf die Hauptwache gebracht und Befehl gegeben, alles zu seiner Bestrafung vorzubereiten, sei aber bei dem Anblick der Vorbereitungen so verlegen geworden, daß er nur die Worte hervorbringen konnte: »Na, siehst du ... ich könnte doch ...« dann sei er ganz fassungslos nach Hause gerannt, und scheue sich von dieser Stunde an, seinem Tschernow in die Augen zu sehen. Die Kameraden ließen ihm keine Ruhe und neckten ihn damit, und ich habe oftmals gehört, wie der gute Junge sich verteidigte und, bis über die Ohren errötend, versicherte, das gerade Gegenteil sei wahr.
Die dritte Person, Kapitän Trossenko, war ein alter Kaukasier in der ganzen Bedeutung dieses Wortes, d. h. ein Mensch, für den die Kompagnie, die er kommandierte, zur Familie, die Festung, in der der Stab lag, zur Heimat und die Spielleute zur einzigen Freude seines Lebens geworden sind – ein Mensch, für den alles, was nicht der Kaukasus ist, unbeachtenswert, ja kaum glaubwürdig ist; alles aber, was Kaukasus war, zerfiel in zwei Hälften, unsere und nicht unsere: die eine liebte er, die andere haßte er mit aller Kraft seiner Seele, und was die Hauptsache war, er war ein Mensch von erprobter, ruhiger Tapferkeit, von seltener Güte im Umgang mit seinen Kameraden und Untergebenen und von verzweifelter Gradheit, ja sogar Keckheit im Verkehr mit den ihm aus irgend einem Grunde verhaßten Adjutanten und Bonjours. Als er in die Hütte trat, stieß er beinahe mit dem Kopf das Dach durch, dann ließ er sich schnell nieder und setzte sich auf die Erde.
Nun, wie? sagte er; da bemerkte er plötzlich mein ihm unbekanntes Gesicht, stockte und heftete seinen trüben Blick unverwandt auf mich.
Worüber also haben Sie geplaudert? fragte der Major, zog seine Uhr und sah nach ihr, obgleich er, wie ich fest überzeugt bin, gar nicht das Bedürfnis hatte, das zu thun.
Ja, er hat mich gefragt, weshalb ich hier diene ...
Selbstverständlich will sich Nikolaj Fjodorowitsch hier auszeichnen, und dann geht's nach Haus.
Und Sie, Abram Iljitsch, sagen Sie mir, weshalb dienen Sie im Kaukasus?
Ich, wissen Sie, weil wir erstens alle die Pflicht haben zu dienen. Hm? fügte er hinzu, obgleich alle schwiegen. – Gestern bekam ich einen Brief aus Rußland, fuhr er fort. Er hatte offenbar den Wunsch, den Gesprächsgegenstand zu wechseln. Man schreibt mir ... man stellt mir so sonderbare Fragen.
Was für Fragen denn? fragte Bolchow.
Er lachte.
Wahrhaftig, sonderbare Fragen ... Man schreibt mir, ob es Eifersucht geben kann ohne Liebe? ... Hm? fragte er und ließ seine Blicke über uns hinschweifen.
Ei was, sagte Bolchow lächelnd.
In Rußland, müssen Sie wissen, da ist es schön, fuhr er fort, als ob seine Phrasen ganz natürlich eine aus der anderen folgten. – Als ich im Jahre 52 in Tambow war, wurde ich überall wie ein Flügeladjutant aufgenommen. Wollen Sie mir glauben, auf dem Ball beim Gouverneur, wie ich eintrat, wissen Sie ... ich wurde sehr gut aufgenommen. Die Frau Gouverneurin selber, müssen Sie wissen, unterhielt sich mit mir und fragte mich aus über den Kaukasus und alle ... was ich nicht alles wußte! ... Meinen goldenen Säbel besah man, wie eine Rarität, dann fragte man mich: wofür ich den Säbel bekommen habe, wofür den Annen-, wofür den Wladimirorden, – und ich erzählte ihnen alles Mögliche ... Hm? ... Sehen Sie, das ist das Schöne am Kaukasus, Nikolaj Fjodorowitsch, fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten. Dort sieht man uns Kaukasier hoch an. Ein junger Mann, müssen Sie wissen, der Stabsoffizier ist, der den Annen- und Wladimirorden hat – das will viel heißen in Rußland ... Hm?
Und Sie haben auch ein bißchen aufgeschnitten, meine ich, Abram Iljitsch? sagte Bolchow.
Hi–hi–hi, lachte er mit seinem dummen Lachen. Ja wissen Sie, das gehört dazu. Und wie vortrefflich habe ich die zwei Monate gegessen und getrunken.
Ei was, schön ist's dort in Rußland? sagte Trossenko; er fragte nach Rußland, wie man nach China oder Japan fragt.
Das will ich meinen, was wir dort in zwei Monaten Champagner getrunken haben, furchtbar!
Was Sie sagen! Sie haben gewiß Limonade getrunken. Ich würde schon loslegen, damit die Leute wüßten, wie die Kaukasier trinken! Ich würde den Ruf schon wahr machen. Ich würde zeigen, wie man trinkt ... Was, Bolchow? fügte er hinzu.
Du bist ja doch schon zehn Jahre im Kaukasus, Onkelchen, sagte Bolchow, denkst du noch, was Jermolow gesagt hat? ... Abram Iljitsch aber ist erst sechs ...
Warum nicht gar! zehn? ... Es werden bald sechzehn.
Laß doch Salvai bringen, Bolchow, es ist feucht, brr ... Was? fügte er lächelnd hinzu. Wir trinken, Major!
Der Major aber war schon das erste Mal, als der alte Kapitän sich an ihn wandte, ärgerlich gewesen. Jetzt wurde er sichtlich böse und suchte in seiner eignen Würde Zuflucht. Er summte ein Liedchen vor sich hin und sah wieder nach der Uhr.
Ich komme sowieso niemals wieder hin, fuhr Trossenko fort, ohne dem schmollenden Major Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hab's verlernt, russisch zu gehen und zu sprechen. Was für ein Wundertier ist da gekommen? werden die Leute sagen. Asien wird es heißen. Nicht wahr, Nikolaj Fjodorowitsch? Was sollte ich auch in Rußland? Mir ist's gleich, einmal wird man doch totgeschossen. Dann werden die Leute fragen: Wo ist Trossenko? Totgeschossen. Was werden Sie dann mit der achten Kompagnie anfangen, he? fügte er hinzu, immer zu dem Major gewandt.
Man schicke den Dienstthuenden vom Bataillon! schrie Kirssanow, ohne dem Kapitän zu antworten, obwohl er, wie ich auch diesmal überzeugt war, gar nicht nötig hatte, irgend einen Befehl zu erteilen.
Und Sie, junger Mann, meine ich, sind jetzt froh, daß Sie doppeltes Gehalt haben? sagte der Major nach einigen Minuten des Schweigens zu dem Bataillonsadjutanten.
Gewiß, sehr.
Ich finde, unser Gehalt ist jetzt sehr groß, Nikolaj Fjodorowitsch, fuhr er fort. Ein junger Mann kann dabei sehr anständig leben und sich sogar manchen Luxus gestatten.
Nein, wahrhaftig, Abram Iljitsch, sagte schüchtern der Adjutant, wenn's auch das Doppelte ist, es ist doch nur so ... man muß doch ein Pferd halten ...
Was sagen Sie mir da, junger Mann! Ich war selbst Fähnrich und weiß das. Glauben Sie, wenn man haushälterisch lebt, geht's sehr gut. Lassen Sie uns rechnen, fügte er hinzu und bog den kleinen Finger der linken Hand ein.
Wir nehmen das Gehalt immer voraus, da haben Sie die Rechnung! sagte Trossenko und leerte dabei ein Glas Schnaps.
Nun, was wollen Sie damit sagen ... wie?
In diesem Augenblick schob sich ein weißer Kopf mit einer plattgedrückten Nase durch die Öffnung der Hütte, und eine scharfe Stimme sagte mit deutscher Betonung:
Sind Sie da, Abram Iljitsch? Der Dienstthuende sucht Sie.
Treten Sie ein, Kraft! sagte Bolchow.
Eine lange Gestalt in Generalstabsuniform kam durch die Thür gekrochen und drückte allen mit besonderer Herzlichkeit die Hand.
Ei, lieber Kapitän, auch Sie hier? sagte er zu Trossenko gewandt.
Der neue Gast kroch trotz der Dunkelheit zu ihm hin und küßte ihn, wie mir schien, zu seiner größten Verwunderung und Unzufriedenheit, auf den Mund.
»Das ist ein Deutscher, der ein guter Kamerad sein will,« dachte ich.
XII

Meine Vermutung bestätigte sich bald. Kapitän Kraft bat um Schnaps, nannte ihn »Branntwein«, krächzte furchtbar und warf den Kopf zurück, während er das Glas leerte.
Nun, meine Herren, was sind wir heute in den Ebnen der Tschetschnja herumkutschiert ... hatte er eben begonnen; als er aber den dienstthuenden Offizier erblickte, wurde er sofort still und ließ den Major erst seine Befehle geben.
Haben Sie die Vorpostenkette besichtigt?
Zu Befehl, Herr Major.
Sind die gedeckten Posten ausgesandt?
Zu Befehl, Herr Major.
So geben Sie dem Kompagniekommandeur den Befehl, so vorsichtig als möglich zu sein.
Zu Befehl, Herr Major.
Der Major kniff die Augen zusammen und versank in ein tiefes Nachsinnen.
Und sagen Sie den Leuten, daß sie jetzt ihre Grütze kochen können.
Sie kochen sie schon.
Schön, Sie können gehen.
Nun, wir waren dabei, zu berechnen, was ein Offizier braucht, fuhr der Major fort und wandte sich mit einem leutseligen Lächeln zu uns. Rechnen wir.
Sie brauchen einen Waffenrock und eine Hose, richtig?
Richtig, nehmen wir an: fünfzig Rubel auf zwei Jahre, im Jahr also fünfundzwanzig Rubel für die Kleidung; dann kommt Essen, täglich zwei Abas ... richtig?
Richtig, das ist sogar viel.
Nun, ich will es ansetzen ... Dann kommt das Pferd mit Sattel zur Remonte 30 Rubel – das ist alles. Das macht im ganzen 25 und 120 und 30 = 175, bleibt Ihnen immer noch für Luxusausgaben, für Thee und Zucker, für Tabak 20 Rubel. – Sehen Sie nun? ... Habe ich recht, Nikolaj Fjodorowitsch?
Nein, Abram Iljitsch, verzeihen Sie! sagte schüchtern der Adjutant. Nichts bleibt für Thee und Zucker übrig. Sie setzen ein Paar auf zwei Jahre an. Aber hier auf unseren Kriegszügen kann man ja gar nicht genug Beinkleider haben ... Und Stiefel? ... Ich brauche ja fast jeden Monat ein Paar auf. Dann erst Wäsche, Hemden, Handtücher, Fußlappen, das muß man doch alles bezahlen. Und wenn man's zusammenrechnet, bleibt nichts übrig. Das ist bei Gott so, Abram Iljitsch.
Ja, Fußlappen sind ein vorzügliches Tragen, sagte plötzlich Kraft nach einer minutenlangen Pause, und sprach das Wort »Fußlappen« mit besonders liebevollem Ton. Sehen Sie, das ist einfach, russisch.
Ich will Ihnen was sagen, bemerkte Trossenko. Rechnen Sie, wie Sie wollen, es kommt immer darauf hinaus, daß unsereiner die Zähne in den Kasten legen muß. In Wirklichkeit aber leben wir alle, trinken unseren Thee, rauchen unseren Tabak und trinken unseren Schnaps. Dient so lange wie ich, fuhr er fort, an den Fähnrich gewandt, dann lernt Ihr auch, wie man leben muß. Wissen Sie denn, meine Herren, wie er mit dem Burschen umgeht?
Und Trossenko erzählte uns die ganze Geschichte von dem Fähnrich und seinem Burschen, obgleich wir sie alle schon tausendmal gehört hatten, und lachte sich halb tot dabei.
Warum schaust du denn wie eine Rose aus, Bruderherz? fuhr er fort zum Fähnrich gewandt, der ganz rot geworden war und schwitzte und lächelte, daß es ein Erbarmen war, ihn anzusehen. – Thut nichts, Bruderherz, ich war ebenso wie du, und jetzt siehst du, was ich für ein Kerl geworden bin. Laß doch mal so einen Jüngling aus Rußland herkommen – wir haben ja viele gesehen – Krämpfe kriegt er und Reißen; ich aber habe mich hier eingesessen – ich habe hier mein Häuschen, mein Bett, alles. Siehst du ...
Dabei trank er noch ein Gläschen Schnaps.
He? fügte er hinzu und sah Kraft unverwandt in die Augen.
Sehen Sie, das acht' ich hoch! Das ist ein echter, alter Kaukasier! Geben Sie mir Ihre Hand!
Und Kraft stieß uns alle fort, drängte sich zu Trossenko durch, ergriff seine Hand und schüttelte sie mit besonderer Liebe.
Ja, wir können sagen, wir haben hier alles kennen gelernt, fuhr er fort. – Im Jahre 45 ... Sie waren ja auch dabei, Kapitän? Denken Sie noch, die Nacht vom 12. auf den 13., wie wir bis an die Knie im Schmutz Nachtlager hielten, und den Tag darauf die Verschanzung stürmten? Ich war damals beim Höchstkommandierenden, und wir nahmen an einem Tage 15 Schanzen. Erinnern Sie sich noch, Kapitän?
Trossenko machte mit dem Kopf ein Zeichen der Zustimmung, streckte die Unterlippe vor und kniff die Augen zusammen.
Sehen Sie doch ... begann Kraft mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit zum Major gewandt und machte mit den Händen ungeschickte Bewegungen ...
Der Major aber, der diese Erzählung wohl schon öfter gehört hatte, sah plötzlich seinen Nachbar mit so matten, stumpfen Augen an, daß Kraft sich von ihm abwandte und sich mir zukehrte, indem er abwechselnd bald den einen, bald den anderen von uns ansah. Trossenko aber sah er während der ganzen Erzählung nicht mit einem Blicke an.
Sehen Sie also, wie wir des Morgens auszogen, sagt der Höchstkommandierende zu mir: »Kraft, nimm diese Schanze.« Sie wissen, wie's im Dienst ist, da giebt's keine Erörterungen – Hand an die Mütze: »Zu Befehl, Euer Erlaucht!« und marsch! Wie wir zu der ersten Schanze kamen, wandte ich mich um und sagte zu den Soldaten: »Kinder, ohne Furcht, Augen offen! Wer zurückbleibt, den haue ich mit eigner Hand in Stücke.« Mit dem russischen Soldaten, wissen Sie, muß man geradezu reden. Plötzlich kommt eine Granate ... Ich sehe – ein Mann, ein zweiter, ein dritter ... Dann kommen Gewehrkugeln ... sch, sch, sch! ... »Vorwärts, Kinder, sage ich, mir nach!« Wie wir herangekommen waren, wissen Sie, und hinsehen, bemerke ich, wie nennt man das ... wissen Sie ... wie heißt das? – und der Erzähler fuchtelte mit den Händen durch die Luft und suchte nach dem Wort.
Ein Graben, sagte Bolchow vor.
Nein, ach, wie heißt es doch? Du lieber Gott, wie heißt es doch? ... Ein Graben! sagte er schnell. Also ... Gewehr in die Balance ... urra! ta–ra–ta–ta–ta! Keine Spur vom Feind ... Wissen Sie, alles war überrascht. Also ... schön. Wir gehen weiter – zweite Schanze. Das war ein ganz ander Ding. Uns war schon das Herz heiß geworden, wissen Sie. Wir kommen heran, schauen, ich sehe – eine zweite Schanze: weiter geht's nicht. Da – wie nennt man das – nun wie heißt das ... Ach! wie ...
Wieder ein Graben, sagte ich vor.
Keineswegs, fuhr er beherzt fort, kein Graben, sondern ... Nun Gott, wie heißt denn das? – und er machte mit der Hand eine linkische Bewegung. – Ach, du lieber Gott, wie ...
Er quälte sich offenbar so sehr, daß man unwillkürlich den Wunsch hatte, ihm vorzusagen.
Ein Fluß vielleicht? sagte Bolchow.
Nein, einfach ein Graben. Aber kaum sind wir da, wollen Sie's glauben, geht ein solches Feuer los, ein Höllenfeuer ...
In diesem Augenblick fragte draußen jemand nach mir. Es war Maksimow. Und da mir, nachdem ich die abwechselungsreiche Geschichte von den zwei Schanzen gehört hatte, noch dreizehn geblieben waren, war ich froh, diese Gelegenheit ergreifen zu können, um zu meinem Zuge zurückzugehen. Trossenko ging mit mir zusammen hinaus.
Alles erlogen, sagte er mir, als wir einige Schritte von der Hütte entfernt waren. Er ist gar nicht auf den Schanzen gewesen ... – Und Trossenko lachte so herzlich, daß auch mich das Lachen überkam.
XIII

Es war schon dunkle Nacht, und nur die Wachtfeuer beleuchteten mit mattem Schein das Lager, als ich, nach der Stallzeit, zu meinen Soldaten herankam. Ein großer Baumstamm lag glimmend auf den Kohlen. Um ihn herum saßen drei Mann: Antonow, der über dem Feuer einen kleinen Kessel drehte, in dem aufgeweichter Zwieback mit Fett kochte, Shdanow, der nachdenklich mit einem Zweige die Asche aufscharrte, und Tschikin mit seinem ewig feuerlosen Pfeifchen. Die anderen hatten sich schon zur Ruhe gelagert: die einen unter dem Pulverkasten, die anderen auf Heu, noch andere um die Wachtfeuer herum. Bei dem matten Lichte der Kohlen unterschied ich die mir bekannten Rücken, Füße und Köpfe; unter den letzten war auch der kleine Rekrut, er lag dicht am Feuer und schien schon zu schlafen. Antonow machte mir Platz. Ich setzte mich neben ihn und rauchte eine Cigarette an. Der Geruch des Nebels und des qualmenden feuchten Holzes erfüllte ringsum die Luft und biß in die Augen, und noch immer tröpfelte feuchter Nebel von dem tiefdunklen Himmel.
Neben uns hörten wir das gleichmäßige Schnarchen, das Knistern der Reiser im Feuer, flüchtiges Gespräch und von Zeit zu Zeit das Klirren der Gewehre der Infanterie. Ringsumher loderten die Wachtfeuer und beleuchteten im nahen Umkreis die schwarzen Schatten der Soldaten. Bei den nächstgelegenen Wachtfeuern unterschied ich an hellbeleuchteten Stellen die Gestalten nackter Soldaten, die ihre Hemden über der Flamme hin- und herschwenkten. Viele von den Leuten schliefen noch nicht und bewegten sich in einem Umkreis von fünfzehn Quadratfaden plaudernd hin und her; aber die düstere, dumpfe Nacht gab dieser ganzen Bewegung ihren eignen, geheimnisvollen Klang, als fühlte jeder die düstere Stille und scheute sich, ihre friedliche Harmonie anzutasten. Wenn ich ein Wort sprach, fühlte ich, daß meine Stimme anders klinge. In den Gesichtern der Soldaten, die um das Feuer herumlagen, las ich dieselbe Stimmung. Ich dachte, sie hätten bis zu meiner Ankunft von dem verwundeten Kameraden gesprochen; aber keineswegs. Tschikin hatte von dem Eintreffen seiner Sachen in Tiflis und von den Schulknaben der Stadt erzählt.
Ich habe immer und überall, besonders im Kaukasus, bei unseren Soldaten einen besonderen Takt beobachtet – in der Zeit der Gefahr alles zu unterdrücken und zu vermeiden, was unvorteilhaft auf den Geist der Kameraden einwirken könnte. Der Geist des russischen Soldaten beruht nicht, wie die Tapferkeit der südlichen Völker, auf einer schnell entflammten und erkaltenden Begeisterung: er ist ebenso schwer zu entflammen, wie geneigt den Mut sinken zu lassen. Er bedarf keiner Effekte, keiner Reden, keines Kriegsgeschreis, keiner Lieder und Trommelwirbel; er bedarf vielmehr der Ruhe, der Ordnung, der Vermeidung alles Erkünstelten. Bei dem russischen, bei dem echt russischen Soldaten wird man nie Prahlerei, Bravour, den Wunsch, sich im Augenblick der Gefahr zu betäuben, zu erregen wahrnehmen. Im Gegenteil. Bescheidenheit, Schlichtheit und die Fähigkeit, in der Gefahr etwas ganz anderes zu sehen als die Gefahr, bilden die unterscheidenden Merkmale seines Charakters. Ich habe einen Soldaten gesehen, der am Bein verwundet war und dem im ersten Augenblick nur der zerfetzte neue Pelz leid that; einen Reiter, der unter dem Pferde hervorkroch, das ihm unter dem Leibe erschossen worden war, und der den Gurt abschnallte, um den Sattel herunterzunehmen. Wer erinnert sich nicht des Vorfalls bei der Belagerung von Gergebel, wo im Laboratorium das Zündrohr einer gefüllten Bombe Feuer fing, und der Feuerwerker zwei Soldaten befahl, die Bombe zu ergreifen, mit ihr davonzurennen und sie in den Graben zu werfen, und die Soldaten sie nicht in nächster Nähe bei dem Zelt des Obersten niederwarfen, das am Rande des Grabens stand, sondern weiter forttrugen, um die Herren nicht zu wecken, die im Zelte schliefen, und beide in Stücke zerrissen wurden? Ich erinnere mich noch, es war im Feldzuge 1852, wie einer der jungen Soldaten zu einem anderen während des Kampfes sagte, der Zug würde wohl kaum hier wieder fortkommen, und wie der ganze Zug wütend über ihn herfiel wegen der dummen Redensarten, die sie nicht einmal wiederholen wollten. Und so hörten jetzt, wo jedem Welentschuk hätte im Sinne liegen müssen, und wo jeden Augenblick die heranschleichenden Tataren auf uns hätten feuern können, alle der lebendigen Erzählung Tschikins zu, und niemand gedachte mit einem Worte des heutigen Gefechts, noch der bevorstehenden Gefahr, noch des Verwundeten. Als ob das weiß Gott wie lange hinter uns läge, oder gar nie gewesen wäre. Mir aber schien es, als wären ihre Gesichter nur finsterer als gewöhnlich. Sie hörten nicht allzu aufmerksam auf Tschikins Erzählung hin, und Tschikin fühlte sogar, daß man ihm nicht zuhörte, sprach aber immer ruhig weiter.
Da trat Maksimow an das Wachtfeuer heran und setzte sich neben mir nieder. Tschikin machte ihm Platz, hörte auf zu sprechen und begann wieder sein Pfeifchen zu schmauchen.
Die Infanteristen haben nach Schnaps ins Lager geschickt, sagte Maksimow nach ziemlich langem Schweigen, sie sind eben zurückgekommen. – Er spie ins Feuer. – Ein Unteroffizier hat erzählt, sie haben unsern Verwundeten gesehen.
Wie, lebt er noch? fragte Antonow und drehte das Kesselchen herum.
Nein, er ist tot.
Der junge Rekrut erhob plötzlich seinen kleinen Kopf mit dem roten Mützchen über das Feuer empor, sah einen Augenblick Maksimow und mich aufmerksam an, dann ließ er ihn schnell sinken und hüllte sich in seinen Mantel.
Siehst du, nicht umsonst ist der Tod heut früh zu ihm gekommen, wie ich ihn im Park wecken wollte, sagte Antonow.
Leeres Geschwätz, sagte Shdanow und drehte den glimmenden Baumstamm um; alle verstummten.
Mitten durch die allgemeine Stille ertönte hinter uns im Lager ein Schuß. Unsere Trommler meldeten sich und schlugen den Zapfenstreich. Als der letzte Wirbel verklungen war, erhob sich zuerst Shdanow und zog seine Mütze. Wir alle folgten seinem Beispiel.
Durch die tiefe Stille der Nacht erklang der harmonische Chor der Männerstimmen:
»Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget sei dein Name, zu uns komme dein Reich, dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden; unser täglich Brot gieb uns heut, und vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern; führe uns nicht in Versuchung und erlöse uns von dem Übel.«
So ist auch einer von uns im Jahre 45 an derselben Stelle verwundet worden ... sagte Antonow, als wir die Mütze aufgesetzt und uns wieder um das Feuer gelagert hatten. Zwei Tage haben wir ihn auf dem Geschütz herumgefahren, weißt du noch, Shdanow, den Schewtschenko? Dann haben wir ihn unter einem Baum niedergelassen.
In diesem Augenblick kam ein Gemeiner von der Infanterie mit mächtigem Backen- und Schnauzbart, mit Gewehr und Lanze auf unser Wachtfeuer zu.
Gebt mir doch Feuer, Landsleute, das Pfeifchen anzurauchen, sagte er.
Ei nun, rauchen Sie's nur an, an Feuer fehlt's nicht, bemerkte Tschikin.
Ihr sprecht gewiß von Dargi, Landsmann, wandte sich der Infanterist an Antonow.
Vom Jahre 45, von Dargi, antwortete Antonow.
Der Infanterist schüttelte den Kopf, kniff die Augen zusammen und hockte neben uns nieder.
Ja, da ging es hoch her! bemerkte er.
Warum aber habt ihr ihn liegen lassen? fragte ihn Antonow.
Er hatte furchtbare Schmerzen im Leib. Wenn wir stille standen, ging's, wenn wir uns aber vom Fleck rührten, da schrie er furchtbar auf. Er beschwor uns bei Gott, wir sollten ihn liegen lassen, aber es war doch ein Jammer. Na, als er uns dann auf den Leib rückte, drei von unserer Geschützmannschaft tötete, und wir unsere Batterie mit Mühe hielten ... 's war eine Not, wir glaubten kaum mit dem Geschütz davonzukommen. Es war ein Schmutz.
Das Schlimmste war, daß es am Fuß des Indierbergs schmutzig war, bemerkte einer der Soldaten.
Ja, da wurde ihm auch noch viel schlimmer! Anoschenka, – es war ein alter Feuerwerker – Anoschenka und ich dachten: was sollen wir thun, leben kann er nicht, und beschwört uns bei Gott – lassen wir ihn also hier liegen. Und so thaten wir auch. Ein Baum wuchs da mit großen breiten Ästen. Wir nahmen ihn, legten ihm geweichten Zwieback hin – Shdanow hatte welche mit – lehnten ihn an den Baum, zogen ihm ein reines Hemd an, nahmen Abschied von ihm, wie sich's gehört, und ließen ihn so liegen.
Und war's ein tüchtiger Soldat?
Je nun, ein guter Soldat, bemerkte Shdanow.
Und was mit ihm geschehen sein mag, weiß Gott, fuhr Antonow fort. Dort sind gar viele von den Kameraden geblieben!
In Dargi? fragte der Infanterist, dabei erhob er sich, kratzte seine Pfeife aus, kniff wieder die Augen zusammen und wiegte den Kopf hin und her. Da ging es hoch her!
Damit ging er von uns.
Giebt's in unserer Batterie noch viele Soldaten, die bei Dargi gewesen sind? fragte ich.
Viele? Shdanow, ich, Pazan, der jetzt auf Urlaub ist, und etwa noch sechs Mann. Mehr werden's nicht sein.
Ei was, unser Pazan bummelt auf Urlaub? sagte Tschikin, streckte die Beine und legte sich mit dem Kopf auf einen Klotz. Es muß bald ein Jahr sein, daß er fort ist.
Hast du Jahresurlaub genommen? fragte ich Shdanow.
Nein, ich habe keinen genommen, antwortete er unwillig.
Es ist schön, Urlaub nehmen, sagte Antonow, wenn man aus reichem Hause ist, oder wenn man selbst die Kraft hat zu arbeiten; da ist es ja angenehm, und zu Hause freut man sich mit dir.
Was soll man gehen, wenn man zwei Brüder hat? fuhr Shdanow fort. Sie haben Mühe, sich selbst zu ernähren, nicht noch unsereinen zu füttern. Man ist eine schlechte Hilfe, wenn man schon 25 Jahre gedient hat. Und wer weiß, ob sie noch leben?
Hast du denn nicht geschrieben? fragte ich.
Ei gewiß! Zwei Briefe habe ich fortgeschickt, aber Antworten schicken sie nicht! Ob sie gestorben sind, ob sie so nicht schreiben, weil sie nämlich selbst in Armut leben – wie soll ich da hin?
Ist es lange her, daß du geschrieben hast?
Als ich von Dargi kam, das war der letzte Brief.
Du solltest uns das Lied von der Birke singen, sagte Shdanow zu Antonow, der in diesem Augenblick, die Ellbogen auf die Knie gestützt, ein Liedchen vor sich hinsummte.
Antonow stimmte »Die Birke« an.
Siehst du, das ist das Lieblingslied von Onkel Shdanow, sagte mir Tschikin leise und zog mich am Mantel. Manchmal, wenn Philipp Antonytsch es spielt, da weint er wohl gar.
Shdanow saß zuerst ganz unbeweglich da, die Augen auf die glimmenden Kohlen geheftet, und sein Gesicht sah im Schimmer des rötlichen Lichts außerordentlich düster aus; dann begannen seine Kinnbacken unter den Ohren sich immer schneller und schneller zu bewegen und endlich erhob er sich, breitete seinen Mantel aus und legte sich im Schatten hinter dem Wachtfeuer nieder.
War es, weil er sich hin- und herwälzte und ächzte, während er sich schlafen legte, war es Welentschuks Tod und dieses traurige Wetter, das mich so stimmte, genug, ich glaubte wirklich, daß er weine.
Der untere Teil des Baumstamms, der sich in Kohle verwandelt hatte, flackerte von Zeit zu Zeit auf, beleuchtete die Gestalt Antonows mit seinem grauen Schnurrbart, mit der roten Fratze und dem Orden auf dem umgehängten Mantel, und Stiefel, Kopf und Rücken eines anderen. Von oben fiel noch immer der trübe Nebel herab, die Luft war noch immer von dem Duft der Feuchtigkeit und des Rauchs erfüllt, ringsumher waren noch immer die hellen Punkte der verlöschenden Wachtfeuer zu sehen und durch die allgemeine Stille die Klänge des schwermütigen Liedes zu hören, das Antonow sang; und wenn es auf einen Augenblick verstummte, antworteten ihm die Klänge der schwachen nächtlichen Bewegung des Lagers, des Schnarchens und Waffengeklirrs der Wachtposten und des leisen Gesprächs.
Zweite Ablösung vor, Makatjuk und Shdanow! kommandierte Maksimow.
Antonow hörte auf zu singen, Shdanow erhob sich, seufzte, schritt über den Baum hinweg und ging zu den Geschützen.
15. Juni 1855.


Eine Begegnung im Felde mit einem Moskauer Bekannten (Aus den kaukasischen Aufzeichnungen des Fürsten Nechljudow)

Wir standen im Felde. Die Kämpfe gingen schon ihrem Ende entgegen, wir hatten die Waldrodung hergestellt und erwarteten jeden Tag vom Stabe den Befehl zum Rückzuge in die Festung. Unsere Division der Batteriegeschütze stand am Abhang eines steilen Bergrückens, der von dem reißenden Gebirgsbach Metschik begrenzt war, und hatte die Aufgabe, die vor uns ausgebreitete Ebene zu beschießen. Auf dieser malerischen Ebene zeigten sich außer Schußweite von Zeit zu Zeit, besonders vor Abend, hie und da, nicht in feindseliger Absicht, Gruppen berittener Bergbewohner, die aus Neugier herbeigeströmt waren, um das russische Lager zu betrachten. Es war ein klarer, stiller und frischer Abend, wie die Dezemberabende im Kaukasus zu sein pflegen; die Sonne war hinter den steilen Gebirgsausläufern zur Linken versunken und warf ihre rosigen Strahlen auf die Zelthütten, die über den Berg zerstreut lagen, auf die Soldatengruppen, die sich hin- und herbewegten und auf unsere beiden Geschütze, die schwerfällig, wie mit ausgereckten Hälsen, unbeweglich zwei Schritt vor uns auf einer Erdbatterie standen. Ein Infanteriepiket, das auf dem Hügel zur Linken zerstreut lag, war mit seinen zusammengestellten Gewehren, mit der Gestalt des Wachtpostens, einer Gruppe Soldaten und dem Rauch des aufgeschichteten Wachtfeuers in dem durchsichtigen Licht des Sonnenuntergang deutlich zu erkennen. Rechts und links auf der halben Höhe des Berges schimmerten auf dem schwarzen, ausgetretenen Boden die weißen Zelte, und hinter den Zelten die dunklen, entblätterten Stämme des Platanenwaldes, in dem unaufhörlich Äxte klangen, Wachtfeuer knisterten und gefällte Bäume krachend niederstürzten. Bläulicher Dampf stieg von allen Seiten in Säulen zu dem hellblauen Winterhimmel empor. An dem Zelte und in der Niederung am Rande des Baches zogen mit Pferdegetrappel und Gewieher die Kosaken, die Dragoner und die Artillerie dahin, die von der Tränke zurückkamen. Es begann zu frieren; jeder Laut war ganz deutlich zu hören, und das Auge sah in der reinen, klaren Luft weithin über die Ebene. Die Häuflein der Feinde, die nun nicht mehr die Neugierde der Soldaten erregten, ritten ruhig über die hellgelben Stoppeln der Maisfelder hin; hie und da schimmerten hinter den Bäumen die hohen Säulen der Kirchhöfe und die rauchenden Auls herüber.
Unser Zelt stand unweit der Geschütze an einem trocknen und hochgelegenen Ort, von dem die Aussicht besonders weit war. Neben dem Zelt, ganz in der Nähe der Batterie, hatten wir auf einem gesäuberten Plätzchen ein Holzklötzchenspiel hergerichtet. Dienstfertige Soldaten hatten uns hier geflochtene Bänke und einen kleinen Tisch hergesetzt. Wegen aller dieser Bequemlichkeiten kamen Artillerieoffiziere, unsere Kameraden, und einige Herren von der Infanterie abends gern zu unserer Batterie und nannten den Ort den Klub.
Es war ein prächtiger Abend. Die besten Spieler waren versammelt, und wir spielten Klötzchen. Ich, der Fähnrich D. und der Leutnant O. hatten hintereinander zwei Partien verspielt und zum allgemeinen Vergnügen und Gelächter der zuschauenden Offiziere, der Soldaten und Burschen, die uns aus ihren Zelten zusahen, zweimal die Gewinner auf unserem Rücken von einem Ende bis zum anderen getragen. Besonders drollig war die Stellung des kolossalen dicken Stabskapitäns Sch., der keuchend und gutmütig lächelnd und die Beine am Boden nachschleppend, auf dem kleinen, schwächlichen Leutnant O. ritt. Es war aber schon spät geworden. Die Burschen brachten für sechs Mann, die wir waren, drei Glas Thee ohne Untersätze. Wir brachen das Spiel ab und gingen zu den geflochtenen Bänken. Da stand ein uns unbekannter mittelgroßer Mann mit krummen Beinen in einem Pelz ohne Überzug und in einer Fellmütze mit langem, herabhängendem weißen Haar. Als wir nahe an ihn herangekommen waren, zog er einige Mal zögernd die Mütze und setzte sie wieder auf, dann schickte er sich immer wieder an, zu uns heranzukommen und machte immer wieder Halt. Da der unbekannte Mann aber wohl glauben mußte, daß er nicht mehr unbemerkt bleiben könne, zog er die Mütze, ging im Bogen um uns herum und trat auf den Stabskapitän Sch. zu.
Ah, Guscantini! Wie geht's, Väterchen? sagte Sch. zu ihm und lächelte gutmütig, immer noch unter dem Eindruck seines Rittes.
Guscantini, wie er ihn genannt hatte, setzte sofort seine Mütze auf und machte eine Bewegung, als ob er die Hände in die Taschen seines Pelzes stecken wollte; auf der Seite aber, die er mir zukehrte, hatte der Pelz keine Taschen, und seine kleine rote Hand blieb in einer ungeschickten Lage. Ich hätte gern erraten, was dieser Mensch wohl sei (ein Junker oder ein Degradierter), und ohne zu bemerken, daß mein Blick (d. h. der Blick eines unbekannten Offiziers) ihn verlegen machte, betrachtete ich aufmerksam seine Kleidung und sein Äußeres. Er mochte dreißig Jahre zählen. Seine kleinen, grauen, runden Augen schauten wie schläfrig und doch gleichzeitig unruhig unter dem schmutzigen, weißen Schafpelz der Mütze hervor, der ihm in die Stirn hineinhing. Die dicke, unregelmäßige Nase zwischen den eingefallenen Wangen verriet eine krankhafte, unnatürliche Magerkeit, die Lippen, die sehr spärlich von einem dünnen, weichen, häßlichen Schnurrbart bedeckt waren, befanden sich unaufhörlich in einem unruhigen Zustand, als wollten sie bald diesen, bald jenen Ausdruck annehmen. Aber jedem Ausdruck haftete etwas Unfertiges an – in seinen Zügen blieb beständig der eine Ausdruck der Angst und der Hast vorherrschend. Sein hagerer, von Adern durchzogener Hals war mit einem grünseidenen Tuch umbunden, das unter dem Pelz verborgen war. Der Pelz war abgenutzt und kurz, am Kragen und an den falschen Taschen mit Hundsfell besetzt, die Beinkleider waren karriert, aschgrau, die Stiefel hatten kurze, ungeschwärzte Soldatenschäfte.
Machen Sie keine Umstände, bitte, sagte ich ihm, als er wieder, mit einem scheuen Blick auf mich, die Mütze gezogen hatte.
Er verneigte sich mit einem Ausdruck der Dankbarkeit, setzte die Mütze auf, zog einen schmutzigen, kattunenen Beutel mit Schnüren aus der Tasche und begann eine Cigarette zu drehen.
Ich war selbst vor kurzem Junker gewesen, ein alter Junker, der nicht mehr dazu taugte, jüngeren Kameraden gutmütig Gefälligkeiten zu erweisen, und ein Junker ohne Vermögen. Ich kannte daher sehr gut den ganzen moralischen Druck einer solchen Lage für einen nicht mehr jungen und von Eigenliebe beherrschten Mann, hatte Teilnahme für jeden, der sich in ähnlicher Lage befand, und gab mir Mühe, mir seinen Charakter, den Grad und die Richtung seiner geistigen Fähigkeiten zu erklären, um darnach den Grad seiner moralischen Leiden zu beurteilen. Dieser Junker oder Degradierte schien mir nach seinem unruhigen Blick und dem absichtlichen, unaufhörlichen Wechsel des Gesichtsausdrucks, den ich an ihm beobachtet hatte, ein sehr kluger, höchst selbstbewußter und darum höchst bedauernswerter Mensch zu sein.
Der Stabskapitän Sch. machte uns den Vorschlag, noch eine Partie Klötzchen zu spielen; die verlierende Partei sollte außer dem Umritt einige Flaschen Rotwein, Rum, Zucker, Zimmt und Nelken zu Glühwein stellen, der in diesem Winter wegen der großen Kälte auf unserem Feldzuge in Mode war. Guscantini, wie ihn Sch. wieder nannte, wurde auch zur Partie aufgefordert; ehe jedoch das Spiel begann, führte er, offenbar in einem Kampf zwischen der Freude, die ihm diese Einladung machte, und einer gewissen Angst, den Stabskapitän Sch. auf die Seite und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der gutmütige Stabskapitän klopfte ihm mit seiner fleischigen, großen Hand auf die Schulter und antwortete laut: »Thut nichts, Väterchen, ich traue Ihnen.«
Als das Spiel zu Ende war und die Partei, zu der der unbekannte Subalterne gehörte, gewonnen hatte, und er nun auf einem von unseren Offizieren, dem Fähnrich D., reiten sollte, wurde der Fähnrich rot, ging zu dem Bänkchen hin und bot dem Subalternen eine Cigarette als Lösegeld an. Während der Glühwein besorgt wurde und in dem Burschenzelt das emsige Wirtschaften Nikitas zu hören war, der einen Boten nach Zimmt und Nelken geschickt hatte und dessen Rücken die schmutzige Zeltdecke bald hierhin, bald dorthin zog, nahmen wir sieben Mann bei dem Bänkchen Platz, tranken abwechselnd Thee aus den drei Gläsern, betrachteten die Ebene vor uns, die sich gerade in Dämmerung hüllen wollte, und plauderten und lachten über die verschiedenen Wechselfälle des Spiels. Der unbekannte Mann im Pelzrock nahm nicht Teil an dem Gespräch, lehnte hartnäckig den Thee ab, den ich ihm mehrere Male angeboten hatte, drehte, in tatarischer Weise auf dem Boden sitzend, aus feingeschnittenem Tabak eine Cigarette nach der anderen und rauchte sie, wie man leicht sehen konnte, nicht so sehr zu seinem Vergnügen, als um sich den Anschein eines mit etwas beschäftigten Menschen zu geben. Als man davon sprach, daß morgen der Rückzug vielleicht auch ohne Gefecht stattfinden könnte, richtete er sich auf die Knie auf und sagte, nur zu dem Stabskapitän Sch. gewandt, er sei jetzt bei dem Adjutanten zu Hause und habe selbst den Befehl zum Rückzuge für morgen geschrieben. Wir schwiegen alle, während er sprach, und obgleich er deutlich seine Schüchternheit verriet, veranlaßten wir ihn, diese für uns außerordentliche Mitteilung zu wiederholen. Er wiederholte, was er gesagt hatte, fügte jedoch hinzu, er sei bei dem Adjutanten gewesen, mit dem er zusammen wohne, und habe dort gesessen, gerade als man den Befehl brachte.
Sehen Sie, wenn Sie nicht lügen, Väterchen, so muß ich zu meiner Kompagnie gehen und zu morgen einen Befehl geben, sagte der Kapitän Sch.
Nein ... Weshalb auch ... Wie kann man! Ich habe gewiß ... begann der Subalterne, aber er verstummte bald, schien entschlossen, den Beleidigten zu spielen, verzog unnatürlich die Stirn, brummte etwas in den Bart und begann wieder eine Cigarette zu drehen. Aber der feine Tabak in seinem kattunenen Beutel reichte nicht mehr und er bat Sch., ihm eine Cigarette zu leihen. Wir setzten dieses einförmige Gespräch über den Krieg, das jeder kennt, der einmal an Feldzügen teilgenommen hat, ziemlich lange fort, beklagten uns alle mit denselben Worten über die Langeweile und die Länge des Feldzugs, urteilten alle in gleicher Weise über die Vorgesetzten, lobten alle, wie schon oft vorher, den einen Kameraden, bedauerten den anderen, sprachen unsere Verwunderung darüber aus, wieviel dieser gewonnen, wieviel jener verloren hatte u. s. w. u. s. w.
Siehst du, Väterchen, unser Adjutant, der ist 'reingefallen, tüchtig 'reingefallen! sagte der Stabskapitän Sch. Beim Stabe war er immer im Gewinn. Mit wem er auch setzte, immer legte er ihn 'rein und jetzt verliert er seit zwei Monaten beständig. Dieser Feldzug hat ihm wenig Glück gebracht. Ich glaube, er ist 2000 Moneten losgeworden und Sachen für 500 Moneten, den Teppich, den er Muchin abgewonnen hat, die Pistolen von Nikita, die goldene Uhr von Ssada, die ihm Worinzew geschenkt hat – alles ist er losgeworden.
Geschieht ihm recht, sagte Leutnant O., er hat die anderen alle tüchtig gerupft. Es war gar nicht zu spielen mit ihm.
Erst hat er alle gerupft, und nun ist er in die Luft geflogen – dabei schlug der Stabskapitän Sch. ein gutmütiges Lachen an. Der Guskow wohnt bei ihm, den hätte er beinahe auch verspielt, wahrhaftig, ist's nicht wahr, Väterchen? wandte er sich an Guskow.
Guskow lachte. Sein Lachen war traurig und schmerzlich und veränderte seine Züge vollkommen. Bei dieser Veränderung war es mir, als müßte ich diesen Menschen früher einmal gekannt und gesehen haben, zudem war mir sein eigentlicher Name, Guskow, nicht fremd. Aber wie und wann ich ihn gekannt, und wo ich ihm begegnet war, dessen konnte ich mich durchaus nicht erinnern.
Ja, sagte Guskow und hob dabei unaufhörlich die Finger zu seinem Schnurrbart, ließ sie aber wieder sinken, ohne ihn zu berühren. Pavel Dmitrijewitsch hat in diesem Feldzuge kein Glück gehabt, eine solche veine de malheur – fügte er mit etwas mühsamer, aber reiner französischer Aussprache hinzu, und dabei war es mir wieder, als hätte ich ihn schon irgendwo gesehen. – Ich kenne Pavel Dmitrijewitsch genau, er vertraut mir alles an, fuhr er fort.
Wir sind alte Bekannte, d. h. er hat mich gern, fügte er hinzu, offenbar erschrocken über die allzu kühne Behauptung, daß er ein alter Bekannter des Adjutanten sei. Pavel Dmitrijewitsch spielt vortrefflich, jetzt – merkwürdig, was mit ihm vorgeht – jetzt ist er ganz außer sich, la chance a tourné, fügte er hinzu, vornehmlich zu mir gewandt.
Wir hatten Guskow anfangs mit höflicher Aufmerksamkeit zugehört, sobald er aber noch diese französische Redensart ausgesprochen hatte, wandten wir uns unwillkürlich von ihm ab.
Ich habe tausendmal mit ihm gespielt, und Sie werden mir doch zugeben, es ist sonderbar, sagte der Leutnant mit besonderer Betonung des Wörtchens sonderbar: ich habe nicht ein einziges Mal mit ihm gewonnen, nicht einen Abas. Warum gewinne ich mit anderen?
Pavel Dmitrijewitsch spielt vorzüglich, ich kenne ihn schon lange, sagte ich. Wirklich kannte ich den Adjutanten schon mehrere Jahre, hatte ihm schon oft zugesehen bei seinem Spiel, das für die Verhältnisse der Offiziere hoch zu nennen war, und war immer entzückt gewesen von seinen schönen, ein wenig düsteren und stets unveränderten Zügen, seiner gedehnten, kleinrussischen Aussprache, seinen schönen Sachen und Pferden, seiner gemessenen südrussischen Ritterlichkeit und besonders von seiner Kunst, das Spiel so schön, klar, verständlich und anmutig zu führen. Manchmal – ich bekenne es reuig – wenn ich seine vollen weißen Hände mit dem Brillantring am Zeigefinger betrachtete, die mir eine Karte nach der anderen schlugen, wurde ich wütend über diesen Ring, über die weißen Hände, über die ganze Persönlichkeit des Adjutanten, und es tauchten schlimme Gedanken gegen ihn in mir auf; wenn ich aber dann mit ruhigem Blute überlegte, überzeugte ich mich, daß er einfach ein gewandterer Spieler war als alle die, mit denen er gerade spielte. Wenn man seine allgemeinen Betrachtungen über das Spiel hörte, darüber, wie man kein Paroli biegen dürfe, wie man von einem kleinen Einsatz zu einem größeren fortschreiten, wie man in gewissen Fällen passen müsse, wie es eine erste Spielregel sei, nur mit Barem zu spielen u. s. w., wurde es einem immer klarer, daß er nur darum stets im Gewinnen war, weil er geschickter und kaltblütiger war, als wir alle. Und jetzt zeigte sich, daß dieser zurückhaltende, selbstsichere Spieler während des Feldzugs alles bis auf den letzten Heller verloren hatte, und nicht nur Geld, sondern auch Sachen, was für einen Offizier den äußersten Grad des Spielverlusts bedeutet.
Mit mir geht es ihm immer verteufelt, fuhr der Leutnant O. fort, ich habe mir schon das Wort gegeben, nicht mehr mit ihm zu spielen.
Was sind Sie für ein komischer Kauz, Väterchen, sagte Sch., zwinkerte mir mit dem ganzen Kopfe nickend zu und wandte sich an O. Sie haben 300 Moneten an ihn verloren, nicht wahr, soviel haben Sie verloren?
Mehr, sagte der Leutnant ärgerlich.
Und jetzt ist Ihnen ein Licht aufgegangen, zu spät, Väterchen! Das weiß alle Welt längst, daß er unser Regimentsfalschspieler ist, sagte Sch., er konnte sich kaum halten vor Lachen und war äußerst befriedigt von seinem Einfall. Da sehen Sie Guskow vor sich, der richtet ihm die Karten her. Darum sind Sie auch so befreundet, liebes Väterchen. Und der Stabskapitän Sch. brach in ein so gutmütiges Lachen aus und schüttelte sich so mit dem ganzen Körper, daß er das Glas Glühwein verschüttete, das er gerade in der Hand hielt. Auf Guskows gelbem, abgemagertem Gesicht zeigte sich eine Röte; er versuchte mehrere Male den Mund zu öffnen, hob die Finger zum Schnurrbart und ließ sie wieder zu der Stelle herabsinken, wo andere Leute Taschen haben, erhob sich und setzte sich wieder und sagte endlich wie mit fremder Stimme zu Sch.: Das ist kein Scherz, Nikolaj Iwanytsch. Sie sprechen hier solche Dinge und vor Leuten, die mich nicht kennen, und die mich in einem fadenscheinigen Pelzrock sehen, weil ... seine Stimme stockte, und wieder gingen seine kleinen roten Händchen mit den schmutzigen Nägeln von dem Pelz zum Gesicht und fuhren über den Schnurrbart, das Haar und die Nase, oder wischten die Augen klar, oder kratzten ohne alles Bedürfnis die Backen.
Was ist da viel zu reden, das wissen ja alle, Väterchen! fuhr Sch. fort, aufs innerste befriedigt von seinem Scherz und ohne im geringsten Guskows Erregung zu bemerken. Guskow flüsterte noch ein paar Worte, stützte den Ellbogen des rechten Arms auf das Knie des linken Beins, betrachtete in der unnatürlichsten Stellung Sch. und nahm eine Miene an, als ob er verächtlich lächelte.
»Nein, – sagte ich innerlich überzeugt, während ich dieses Lachen beobachtete – ich habe ihn nicht nur irgendwo gesehen, sondern auch mit ihm gesprochen.«
Wir sind uns schon einmal begegnet, sagte ich zu ihm, als Sch.s Lachen unter dem Eindruck des allgemeinen Schweigens sich zu legen begann. Guskows veränderliches Gesicht leuchtete plötzlich auf, und seine Augen hefteten sich zum erstenmal mit einem herzensfrohen Ausdruck auf mich.
Gewiß, ich habe Sie sogleich erkannt, begann er französisch. Im Jahre 48 hatte ich ziemlich oft das Vergnügen, Sie in Moskau bei meiner Schwester Iwaschina zu treffen.
Ich entschuldigte mich, daß ich ihn in dieser Tracht und in dieser neuen Kleidung nicht sofort erkannt hätte. Er erhob sich, trat auf mich zu, drückte mir mit seiner feuchten Hand zögernd, schwach die meinige und setzte sich neben mich. Anstatt mich anzusehen, den er so froh zu sein schien wiederzufinden, blickte er mit dem Ausdruck einer unbehaglichen Prahlsucht im Kreise der Offiziere umher. Geschah es, weil ich in ihm einen Mann erkannt, dem ich vor einigen Jahren im Frack im Salon begegnet war, oder weil er bei dieser Erinnerung plötzlich in seiner eigenen Meinung gestiegen war, genug mir schien, als hätte sich sein Gesicht, ja sogar seine Bewegungen, plötzlich verändert: sie zeigten jetzt einen lebhaften Geist, kindliche Selbstzufriedenheit im Bewußtsein dieses Geistes und eine gewisse geringschätzige Nachlässigkeit, so daß mein alter Bekannter – ich gestehe es – trotz seiner bedauernswerten Lage mir nicht mehr Mitleid einflößte, sondern ein gewisses Gefühl der Feindseligkeit.
Ich erinnerte mich lebhaft zurück an unsere erste Begegnung. Im Jahre 48 besuchte ich, während meines Aufenthaltes in Moskau, häufig Iwaschin, mit dem ich aufgewachsen war und mit dem mich eine alte Freundschaft verband. Seine Gattin war eine angenehme Wirtin, eine liebenswürdige Frau, wie man zu sagen pflegt, mir aber hat sie nie gefallen ... In dem Winter, in dem ich bei ihnen verkehrte, sprach sie oft mit schlecht verhehltem Stolz von ihrem Bruder, der vor kurzem seine Studien abgeschlossen und, wie sie sagte, einer der gebildetsten und in der guten Gesellschaft Petersburgs beliebtesten jungen Leute sei. Da ich vom Hörensagen Guskows Vater kannte, der sehr reich war und eine angesehene Stellung einnahm, und da ich die Anschauungsweise der Schwester kannte, kam ich dem jungen Guskow mit einem Vorurteil entgegen. Eines Abends, als ich Iwaschin besuchte, traf ich bei ihm einen mittelgroßen, nach seiner äußeren Erscheinung sehr angenehmen jungen Mann in schwarzem Frack, in weißer Weste und heller Binde, mit dem der Hausherr mich bekannt zu machen vergaß. Der junge Mann, der sich offenbar anschickte, auf einen Ball zu gehen, stand mit dem Hute in der Hand vor Iwaschin und disputierte hitzig, aber höflich mit ihm über einen unserer gemeinsamen Bekannten, der sich damals im ungarischen Feldzuge ausgezeichnet hatte. Er meinte, dieser Bekannte sei durchaus kein Held und nicht für den Krieg geschaffen, wie man von ihm sage, sondern nur ein kluger und gebildeter Mann. Ich erinnere mich, ich nahm in dem Streit gegen Guskow Partei, und ließ mich fortreißen, ihm sogar zu beweisen, daß Klugheit und Bildung stets im umgekehrten Verhältnisse zur Tapferkeit ständen, und ich erinnere mich, wie Guskow in liebenswürdiger und kluger Weise mir auseinandersetzte, daß Tapferkeit die notwendige Folge der Klugheit und eines gewissen Grades geistiger Entwicklung sei, und daß ich dem, da ich mich selbst für einen klugen und gebildeten Mann hielt, nicht anders als zustimmen konnte! Ich erinnere mich, daß mich Frau Iwaschina am Schlusse unseres Gesprächs mit ihrem Bruder bekannt machte, und er mir mit einem herablassenden Lächeln seine kleine Hand reichte, auf die er den weißen Handschuh erst halb gezogen hatte, und daß er mir ebenso schwach und zögernd wie jetzt die Hand gedrückt hatte. Obgleich ich gegen ihn voreingenommen war, mußte ich damals Guskow Gerechtigkeit widerfahren lassen und seiner Schwester darin beistimmen, daß er wirklich ein kluger und liebenswürdiger junger Mann war, der in der Gesellschaft Erfolge haben müsse. Er war außerordentlich sauber und gut gekleidet, jugendfrisch, hatte sichere, bescheidene Manieren und ein ungemein jugendliches, fast kindliches Aussehen, um dessentwillen man ihm unwillkürlich den Ausdruck der Selbstgefälligkeit und den Wunsch, anderen seine Überlegenheit empfinden zu lassen, den sein kluges Gesicht und besonders sein Lächeln beständig zur Schau trug, gern verzeihen mochte. Man erzählte sich, er habe in diesem Winter große Erfolge bei den Moskauer Damen gehabt. Da ich ihn bei seiner Schwester sah, konnte ich nur aus dem Ausdruck von Glück und Zufriedenheit, den sein jugendliches Äußeres beständig zeigte, und aus seinen bisweilen unbescheidenen Erzählungen schließen, bis zu welchem Grade das berechtigt war. Wir begegneten einander wohl sechsmal und sprachen ziemlich viel miteinander, oder genauer gesagt, er sprach meist französisch in vorzüglicher Ausdrucksweise, sehr gewählt und bilderreich, und verstand es, anderen in der Unterhaltung in gefälliger, höflicher Weise ins Wort zu fallen. Er verkehrte überhaupt mit allen, auch mit mir, ziemlich von oben herab; und, wie es mir immer geht im Umgange mit Menschen, die mit der festen Überzeugung auftreten, daß man mit mir von oben herab verkehren könne und mit denen ich nicht genauer bekannt bin, fühlte ich auch hier, daß er in diesem Punkte ganz im Rechte war.
Jetzt, da er sich zu mir setzte und mir selbst die Hand reichte, erkannte ich in ihm den früheren hochmütigen Ausdruck lebhaft wieder, und es schien mir, als nütze er in nicht ganz ehrenhafter Weise den Vorteil seiner Lage als eines Subalternen dem Offizier gegenüber aus, indem er mich so leichthin fragte, was ich die ganze Zeit hindurch gemacht habe und wie ich hierher gekommen sei. Obgleich ich auf jede Frage russisch antwortete, begann er immer wieder französisch; aber er drückte sich offenbar nicht mehr so geläufig in dieser Sprache aus wie früher. Von sich erzählte er mir so nebenbei, er habe nach seiner unglückseligen, dummen Geschichte (was das für eine Geschichte war, weiß ich nicht und hat er mir auch nicht erzählt) drei Monate im Arrest gesessen, dann sei er in den Kaukasus in das N.-Regiment geschickt worden und diene jetzt schon drei Jahre als Gemeiner in diesem Regimente.
Sie werden es nicht glauben, sagte er zu mir französisch, was ich alles in diesen Regimentern von den Offizieren habe leiden müssen! Ein Glück für mich, daß ich von früher her den Adjutanten gekannt habe, von dem wir eben gesprochen haben; er ist ein guter Mensch, wirklich, bemerkte er in höflichem Tone – ich wohne bei ihm und für mich ist das immer eine kleine Erleichterung. Oui, mon cher, les jours se suivent, mais ne se ressemblent pas, fügte er hinzu, aber er stockte, wurde rot und erhob sich, denn er hatte bemerkt, daß eben der Adjutant, von dem wir sprachen, auf uns zukam.
Welch eine Freude, einem Menschen zu begegnen, wie Sie! sagte Guskow zu mir im Flüstertone, während er sich von mir entfernte, ich hätte viel, viel mit Ihnen zu sprechen.
Ich sagte, ich sei sehr erfreut, in Wirklichkeit aber, muß ich bekennen, flößte mir Guskow ein unsympathisches, drückendes Mitgefühl ein.
Ich hatte eine Ahnung, daß ich mich mit ihm unter vier Augen unbehaglich fühlen würde, aber ich hätte gern mancherlei von ihm gehört, besonders wie es komme, daß er bei dem Reichtum seines Vaters in Armut lebe, wie man seiner Kleidung und seinem Auftreten anmerkte.
Der Adjutant begrüßte uns alle, nur Guskow nicht, und setzte sich neben mich an die Stelle, die der Degradierte eingenommen hatte. Stets ein ruhiger und langsamer, gleichmütiger Spieler und ein vermögender Mann, war Pavel Dmitrijewitsch jetzt ein ganz anderer geworden, als ich ihn in der Blütezeit seines Spielens gekannt hatte – er schien immer Eile zu haben und ließ seine Blicke umherschweifen, und es waren nicht fünf Minuten vergangen, als er, der sonst immer das Spiel ablehnte, dem Leutnant O. den Vorschlag machte, ein Bänkchen aufzulegen. Leutnant O. lehnte unter dem Vorwande ab, daß er vom Dienst in Anspruch genommen sei, in Wirklichkeit aber, weil er wußte, wie wenig Geld und Gut Pavel Dmitrijewitsch geblieben war, und weil er es für unvernünftig hielt, seine dreihundert Rubel aufs Spiel zu setzen gegen die hundert und vielleicht auch weniger, die er gewinnen konnte.
Sagen Sie, Pavel Dmitrijewitsch, begann der Leutnant, der offenbar den Wunsch hatte, einer Wiederholung der Bitte aus dem Wege zu gehen, ist es wahr, es heißt, wir sollen morgen ausrücken?
Ich weiß nicht, bemerkte Pavel Dmitrijewitsch, es ist nur der Befehl gekommen, daß wir uns bereit halten sollen. – Aber wirklich, es ist besser, wir machen ein Spielchen, ich verpfände euch meinen Kabardiner.
Nein, es ist heute schon ...
Den Grauen, wenn es nicht anders ist, oder wenn Sie wollen, um Geld. Nun? ...
Nun ja ... Ich wäre schon bereit, Sie dürfen nicht glauben, ... begann Leutnant O., indem er seine eignen Zweifel beantwortete. Aber morgen giebt es vielleicht einen Überfall oder einen Marsch, da muß man ausschlafen.
Der Adjutant erhob sich und ging, die Hände in den Taschen, auf dem gereinigten Platze hin und her. Sein Gesicht nahm den gewohnten Ausdruck der Kühle und eines gewissen Stolzes an, den ich gern an ihm sah.
Wollen Sie nicht ein Gläschen Glühwein? sagte ich zu ihm.
Gern! – Und er kam auf mich zu. Guskow aber nahm mir schnell das Glas aus der Hand und brachte es dem Adjutanten entgegen; dabei gab er sich Mühe, ihn nicht anzusehen. Er übersah den Strick, der das Zelt zusammenhielt, stolperte darüber, ließ das Glas fallen und stürzte vornüber.
So ein Hanswurst! sagte der Adjutant, der schon seine Hand nach dem Glase ausgestreckt hatte. Alle lachten laut auf, Guskow nicht ausgenommen; dabei rieb er sein hageres Knie, das er bei dem Falle nicht im geringsten verletzt haben konnte, mit der einen Hand.
Wie der Bär den Einsiedler bedient hat, fuhr der Adjutant fort. So bedient er mich jeden Tag! Alle Pflöcke im Zelt hat er schon umgerissen, – immer stolpert er.
Guskow entschuldigte sich vor uns, ohne auf ihn zu hören, und sah mich mit einem kaum merklichen traurigen Lächeln an, mit dem er sagen zu wollen schien, ich allein wäre imstande, ihn zu verstehen. Er war beklagenswert, und der Adjutant, sein Beschützer, schien aus irgend einem Grunde erzürnt auf seinen Zeltgenossen zu sein und wollte ihn durchaus nicht in Ruhe lassen.
Nun, Sie geschickter Jüngling, wo fallen Sie denn nicht?
Wer stolpert nicht über diese Pflöcke, Pavel Dmitrijewitsch, sagte Guskow, Sie sind selbst vorgestern gestolpert.
Ich, Väterchen, bin kein Subalterner, von mir verlangt man keine Geschicklichkeit.
Er darf schwere Beine haben, fiel der Stabskapitän ein, aber ein Subalterner muß springen können ...
Merkwürdige Scherze! ... sagte Guskow beinahe flüsternd und schlug die Augen nieder. Der Adjutant war offenbar nicht gut gelaunt gegen seinen Zeltgenossen. Er horchte begierig auf jedes seiner Worte.
Man wird ihn wieder auf einen gedeckten Posten schicken müssen, sagte er zu Sch. gewandt, mit Zwinkern auf den Degradierten weisend.
Da wird's wieder Thränen geben, sagte Sch. lächelnd. Guskows Augen waren nicht mehr auf mich gerichtet, er that, als ob er Tabak aus dem Beutel nähme, in dem längst nichts mehr war.
Machen Sie sich bereit, auf gedeckten Posten zu ziehen, sagte Sch. unter Lachen. Die Kundschafter haben heute gemeldet, es würde einen Angriff auf das Lager geben, da heißt es sichere Leute bestimmen.
Guskow lächelte unentschlossen, als bereitete er sich vor, etwas zu sagen, und richtete mehrere Male flehentliche Blicke auf Sch.
Nun ja, ich bin ja schon manchmal gegangen, und ich werde wieder gehen, wenn man mich schickt, stammelte er hervor.
Man wird Sie schicken.
So werde ich gehen. Was soll ich thun?
Ja, wie in Argun: wo Sie vom Posten weggelaufen sind und das Gewehr fortgeworfen haben ... sagte der Adjutant, dann wandte er sich von ihm ab und begann, uns die Befehle für morgen auseinanderzusetzen.
In der That erwartete man in der Nacht eine Beschießung des Lagers von Seiten des Feindes und am folgenden Tage irgend eine Bewegung. Der Adjutant sprach noch von allerlei allgemeinen Dingen, plötzlich schlug er, wie zufällig, als ob es ihm eben eingefallen wäre, dem Leutnant O. vor, ein kleines Spielchen zu machen. Leutnant O. war wider Erwarten vollständig einverstanden, und sie gingen mit Sch. und dem Fähnrich in das Zelt des Adjutanten, der einen grünen Spieltisch und Karten hatte. Der Kapitän, der Kommandeur unserer Abteilung, ging in sein Zelt schlafen, auch die anderen Herren gingen auseinander und ich blieb mit Guskow allein. Ich hatte mich nicht getäuscht – ich fühlte mich wirklich unbehaglich unter vier Augen mit ihm. Unwillkürlich stand ich auf und begann auf der Batterie auf- und niederzugehen. Guskow ging schweigend neben mir her und machte hastige und unruhige Bewegungen, um nicht hinter mir zurückzubleiben und mir nicht vorauszueilen.
Ich störe Sie doch nicht? sagte er mit sanfter, klagender Stimme.
So viel ich in der Dunkelheit sein Gesicht sehen konnte, schien es mir tief nachdenklich und traurig.
Nicht im mindesten, antwortete ich; da er aber nicht zu sprechen begann, und ich nicht wußte, was ich ihm sagen sollte, gingen wir ziemlich lange schweigend hin und her.
Die Dämmerung war schon vollständig dem Dunkel der Nacht gewichen, über dem schwarzen Umriß des Gebirgs flammte helles Abendwetterleuchten, über unseren Häuptern funkelten am hellblauen Winterhimmel kleine Sterne, von allen Seiten loderten in rotem Schein die Flammen der rauchenden Wachtfeuer, nah vor uns schimmerten die grauen Zelte und der düstere, schwarze Erdwall unserer Batterie durch den Nebel. Vor dem nächsten Wachtfeuer, um das unsere Burschen sich zum Wärmen gelagert hatten und leise plauderten, glänzte von Zeit zu Zeit auf der Batterie das Erz unserer schweren Geschütze und erschien in ihrem umgehängten Mantel die Gestalt des Wachtpostens, die sich gemessenen Schrittes unterhalb des Erdwalls hin- und herbewegte.
Sie können sich nicht vorstellen, welche Freude es für mich ist, mit einem Menschen wie Sie zu sprechen! sagte Guskow zu mir, obgleich er mit mir noch nichts gesprochen hatte. Das kann nur der begreifen, der einmal in meiner Lage gewesen ist.
Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, und wir schwiegen wieder beide, obgleich er offenbar Lust hatte sich auszusprechen, und ich ihn anzuhören.
Wofür sind Sie ... Wofür haben Sie leiden müssen? fragte ich ihn endlich, da mir nichts Besseres einfiel, um das Gespräch zu beginnen.
Haben Sie nichts gehört von der unglückseligen Geschichte mit Metenin?
Ja, ein Duell, glaube ich, war es; ich habe flüchtig davon gehört, antwortete ich, ich bin ja schon lange im Kaukasus.
Nein, kein Duell; es ist diese dumme, schreckliche Geschichte! Ich will Ihnen alles erzählen, wenn Sie es nicht wissen. Es war in demselben Jahre, als ich Sie bei meiner Schwester traf, ich lebte damals in Petersburg. Sie müssen wissen, ich hatte damals, was man une position dans le monde nennt, und eine recht gute, um nicht zu sagen glänzende. Mon père me donnait 10000 par an. Im Jahre 49 wurde mir Aussicht auf eine Stellung bei der Gesandtschaft in Turin gemacht: mein Onkel mütterlicherseits konnte sehr viel für mich thun und war stets gern dazu bereit. Es ist jetzt schon lange her, j'étais reçu dans la meilleure société de Pétersbourg, je pouvais prétendre auf eine vortreffliche Partie. Ich hatte gelernt, was wir alle in der Schule lernen, so daß ich eine besondere Bildung nicht hatte; ich habe zwar später viel gelesen, mais j'avais surtout ce jargon du monde, Sie wissen schon; und wie dem auch war, ich galt, Gott weiß warum, für einen der ersten jungen Leute Petersburgs. Was mir in der öffentlichen Meinung eine besondere Stellung gab, c'est cette liaison avec Mme. D., über die in Petersburg viel gesprochen wurde; aber ich war schrecklich jung und schätzte damals alle diese Vorteile gering. Ich war einfach jung und dumm. Was brauchte ich mehr? Damals hatte in Petersburg dieser Metenin Ruf ... – und Guskow fuhr immer weiter so fort und erzählte mir die Geschichte seines Unglücks, die ich aber hier übergehen will, weil sie ganz uninteressant ist. – Zwei Monate saß ich im Gefängnis, fuhr er fort, ganz allein, und was habe ich in dieser Zeit nicht alles durchdacht! Aber wissen Sie, als alles vorüber war, als sozusagen schon endgültig jede Verbindung mit der Vergangenheit gelöst war, da war mir leichter zu Mute. Mon père, vous en avez entendu parler, sicherlich, er ist ein Mann von eisernem Charakter und mit festen Überzeugungen, il m'a deshérité und hat alle Beziehungen mit mir abgebrochen. Nach seiner Überzeugung hat er so handeln müssen, und ich will ihm keineswegs Vorwürfe machen: il a été conséquent. Dafür habe auch ich keinen Schritt gethan, um ihn seinem Entschluß untreu zu machen. Meine Schwester war im Auslande. Mme. D. war die Einzige, die mir schrieb, als man es ihr erlaubte, und mir ihre Hilfe anbot; aber Sie werden begreifen, daß ich ablehnte, und daß ich Mangel hatte an all den Kleinigkeiten, die in einer solchen Lage ein wenig Erleichterung gewähren: ich hatte weder Bücher, noch Wäsche, noch Kost – nichts. Ich habe viel, sehr viel damals nachgedacht. Ich begann alles mit andern Augen anzusehen: der Lärm z. B., das Gerede der Gesellschaft über mich in Petersburg kümmerte mich nicht – schmeichelte mir nicht im geringsten – alles das kam mir lächerlich vor. Ich fühlte, daß ich selbst schuld war, daß ich unvorsichtig, jung gewesen war, daß ich meine Laufbahn zerstört hatte, und dachte nur darüber nach, wie ich es wieder gut machen könnte. Ich fühlte die Kraft und die Energie dazu in mir. Aus dem Gefängnis wurde ich, wie ich Ihnen sagte, hierher in den Kaukasus zum N.-Regiment geschickt. Ich hatte geglaubt – fuhr er fort und wurde immer lebhafter – hier im Kaukasus sei la vie de camp, seien schlichte und brave Menschen, mit denen ich verkehren werde, gäbe es Kriegsgefahren – alles das würde zu meiner Gemütsstimmung gerade passen, und ich würde ein neues Leben beginnen. On me verra au feu – man wird mich lieb gewinnen, mich schätzen lernen, nicht bloß meines Namens wegen – mir Orden geben, mich zum Unteroffizier machen, die Strafe aufheben, und ich werde wieder in die Heimat zurückkehren, et vous savez avec ce prestige du malheur. Aber quel désenchantement! Sie können sich nicht vorstellen, wie ich mich getäuscht habe! ... Sie kennen das Offizierkorps unseres Regiments? – Er schwieg ziemlich lange und schien zu erwarten, daß ich ihm sagte, ich wüßte, wie schlecht die hiesigen Offiziere seien. Aber ich antwortete ihm nicht. Es widerte mich an, daß er, wahrscheinlich, weil ich französisch verstand, voraussetzte, ich müßte gegen das Offizierskorps eingenommen sein, während ich im Gegenteil durch meinen längern Aufenthalt im Kaukasus dahin gekommen war, es nach seinem Werte zu beurteilen und tausendmal höher zu schätzen, als den Kreis, aus dem Herr Guskow hervorgegangen war. Ich wollte ihm das sagen, aber seine Lage fesselte mir die Zunge. – Im N.-Regiment ist das Offizierskorps tausendmal schlimmer als im hiesigen, fuhr er fort. J'espère, que c'est beaucoup dire, d. h. Sie können sich nicht vorstellen, wie es ist! Ich will gar nicht von den Junkern und den Gemeinen sprechen. Das ist eine entsetzliche Gesellschaft! Sie nahmen mich anfangs gut auf, das ist wahr, aber später, als sie sahen, daß sie mir verächtlich sein mußten, an den unmerklichen, kleinen Beziehungen sahen sie das, Sie wissen schon, daß ich ein ganz anderer Mensch sei, der weit über ihnen stand, da wurden sie böse auf mich und fingen an, mir mit allerlei kleinen Demütigungen heimzuzahlen. Ce que j'ai eu à souffrir, vous ne vous faites pas une idée. Dann der unwillkürliche Verkehr mit den Junkern, besonders avec les petits moyens, que j'avais, je manquais de tout, ich hatte nur, was meine Schwester mir schickte. Ein Beweis für das, was ich zu leiden hatte, ich, bei meinem Charakter, avec ma fierté, j'ai écris à mon père, ich flehte ihn an, mir wenigstem etwas zu schicken ... Ich begreife wohl, wenn man fünf Jahre ein solches Leben geführt hat, kann man so werden, wie unser Degradierter Dromow, der mit den Gemeinen trinkt und allen Offizieren Briefe schreibt, in denen er bittet, ihm drei Rubel zu »leihen«, und die er tout à vous Dromow unterschreibt. Man muß einen Charakter wie meinen haben, um in dieser schrecklichen Lage nicht ganz zu versumpfen. – Er ging lange schweigend neben mir her. – Avez vous un papiros? sagte er. – Ja, wo bin ich stehen geblieben? ... Ja. Ich konnte das nicht aushalten, nicht körperlich; denn war es auch schrecklich, plagte mich auch Kälte und Hunger, führte ich auch das Leben eines gemeinen Soldaten, so hatten doch die Offiziere eine gewisse Achtung vor mir – auch besaß ich noch für sie ein gewisses prestige. Sie schickten mich nicht auf Wachtposten, auf Übung. Ich hätte das nicht ertragen. Aber seelisch litt ich entsetzlich. Und vor allem – ich sah keinen Ausweg aus dieser Lage. Ich schrieb an meinen Onkel, ich flehte ihn an, mich in das hiesige Regiment zu versetzen, das wenigstens die Feldzüge mitmacht, und dachte, hier ist Pavel Dmitrijewitsch, qui est le fils de l'intendant de mon père, der wird mir wenigstens nützlich sein können. Mein Onkel that das für mich – ich wurde versetzt. Nach jenem Regiment kam mir dieses wie eine Versammlung von Kammerherren vor. Dann war Pavel Dmitrijewitsch da, er wußte, wer ich war, und ich wurde vortrefflich aufgenommen. Auf die Bitte meines Onkels ... Guskow, vous savez? ... Aber ich machte die Beobachtung, daß mit diesen Menschen ohne Bildung und Intelligenz – sie können einen Menschen nicht achten und ihm ihre Achtung bezeigen, wenn er nicht den Strahlenkranz des Reichtums, des Ansehens hat. Ich machte die Beobachtung, wie allmählich, als sie erkannt hatten, daß ich arm war, ihr Verkehr mit mir immer nachlässiger und nachlässiger und endlich nahezu geringschätzig wurde. Das ist entsetzlich, aber es ist die volle Wahrheit.
Hier habe ich an den Feldzügen teilgenommen, ich habe mich geschlagen, on m'a vu au feu, fuhr er fort – aber wann wird das ein Ende haben? Ich glaube, nie; und meine Kräfte und meine Energie fangen an sich zu erschöpfen. Dann habe ich mir la guerre, la vie de camp ausgemalt, aber ich sehe, es ist alles ganz anders: in der Pelzjacke, ungewaschen, in Soldatenstiefeln geht man auf verdeckten Posten und liegt die ganze Nacht hindurch in einem Hohlweg mit dem ersten besten Antonow, der wegen Trunksucht unter die Soldaten gesteckt ist, und jeden Augenblick kann man vom Gebüsch her totgeschossen werden – ich oder Antonow, das ist ganz gleich ... Da thut's keine Tapferkeit, das ist entsetzlich, c'est affreux, ça tue.
Nun ja, Sie können aber jetzt für den Feldzug Unteroffizier und im nächsten Jahr Fähnrich werden, sagte ich.
Ja, ich kann es, man hat es mir versprochen, aber es sind noch zwei Jahre hin, und vielleicht auch dann nicht, und was das heißt, solche zwei Jahre, wenn das einer wüßte! Stellen Sie sich ein Leben mit diesem Pavel Dmitrijewitsch vor: Kartenspiel, grobe Späße, Saufgelage ... Sie wollen etwas sagen, was Ihnen das Herz abdrückt, es versteht Sie niemand, oder Sie werden gar noch ausgelacht. Man spricht mit Ihnen nicht, um Ihnen einen Gedanken mitzuteilen, sondern um aus Ihnen womöglich noch einen Narren zu machen. Und das alles ist so gemein, so grob, so häßlich, und Sie fühlen immer, daß Sie zu den niederen Chargen gehören – man läßt Sie das immer fühlen. Darum können Sie auch nicht verstehen, welch ein Genuß es ist, à cœur ouvert mit einem Menschen zu sprechen, wie Sie sind! ...
Ich verstand nicht im mindesten, was für ein Mensch ich sein sollte, und darum wußte ich auch nicht, was ich ihm antworten sollte.
Werden Sie etwas essen? sagte in diesem Augenblick Nikita zu mir, der unbemerkt in der Dunkelheit zu mir herangeschlichen und, wie ich wahrnahm, über die Anwesenheit des Gastes ungehalten war. – Es giebt nur Quark-Piroggen, und etwas Fleischklops ist noch übrig geblieben.
Hat der Kapitän schon gegessen?
Sie schlafen schon lange, antwortete Nikita mürrisch. Auf meinen Befehl, uns hierher etwas Essen und Schnaps zu bringen, brummte er unwillig etwas in den Bart und ging schleppend in seine Hütte. Er brummte auch dort noch weiter, brachte uns aber ein Kästchen; auf das Kästchen stellte er ein Licht, das er vorher gegen den Wind mit Papier umwickelt hatte, eine kleine Kasserolle, Mostrich und eine Büchse, einen Blechbecher mit einem Henkel und eine Flasche Wermut. Nachdem Nikita alles das hergerichtet hatte, blieb er noch eine Weile in der Nähe stehen und sah zu, wie Guskow und ich Schnaps tranken, was ihm offenbar sehr unangenehm war. Bei dem matten Schein, den die Kerze durch das Papier warf, und bei der Dunkelheit, die uns umgab, sah man nur das Seehundsleder des Kästchens, das Abendbrot, das darauf stand, Guskows Gesicht, seine Pelzjacke und seine kleinen roten Hände, mit denen er die Piroggen aus der Kasserolle herausnahm. Ringsumher war alles schwarz, und nur, wenn man scharf ausspähte, konnte man die schwarze Batterie, die ebenso schwarze Gestalt des Wachtpostens, der über die Brustwehr zu sehen war, an den Seiten die brennenden Wachtfeuer und über uns die rot schimmernden Sterne unterscheiden. Guskow lächelte kaum merklich, traurig und verschämt, als wäre es ihm unbehaglich, mir nach seinem Geständnis in die Augen zu sehen, er trank noch ein Gläschen Schnaps und aß gierig, indem er die Kasserolle auskratzte.
Ja, für Sie ist es doch immerhin eine Erleichterung, sagte ich, um etwas zu sagen, daß Sie mit dem Adjutanten bekannt sind; ich habe gehört, er ist ein guter Mensch.
Ja, antwortete der Degradierte, er ist ein lieber Mensch; aber er kann kein anderer sein, er kann kein Mensch sein – bei seiner Bildung kann man's auch nicht verlangen. Plötzlich schien er zu erröten. – Sie haben seine groben Scherze mit dem verdeckten Posten gehört? – und obgleich ich zu wiederholten Malen das Gespräch zu unterbrechen suchte, begann Guskow sich vor mir zu rechtfertigen und mir auseinanderzusetzen, daß er nicht von seinem Posten weggelaufen war, und daß er kein Feigling sei, wie das der Adjutant und Sch. hätten durchblicken lassen.
Wie ich Ihnen gesagt habe – fuhr er fort und wischte seine Hände an seiner Pelzjacke ab – solche Leute verstehen nicht zart mit einem Menschen umzugehen, mit einem gemeinen Soldaten, der kein Geld hat; das geht über Ihre Kräfte. Und in der letzten Zeit, wo ich seit fünf Monaten, ich weiß nicht warum, von meiner Schwester nichts bekomme, habe ich beobachtet, wie verändert ihr Benehmen gegen mich ist. Dieser Pelzrock, den ich von einem Gemeinen gekauft habe und der nicht wärmt, weil er ganz abgeschabt ist (dabei zeigte er mir den kahlen Schoß) flößt ihnen nicht Mitleid oder Achtung mit dem Unglück, sondern Verachtung ein, die sie nicht zu verbergen imstande sind. Meine Not mag noch so groß sein, wie jetzt, wo ich nichts zu essen habe, als Soldatengrütze, und nichts anzuziehen, fuhr er mit niedergeschlagenen Augen fort und goß sich noch ein Gläschen Schnaps ein – es fällt ihm nicht ein, mir Geld anzubieten, und er weiß, daß ich es ihm wiedergebe. Er wartet, bis ich, in meiner Lage, mich an ihn wende. Und Sie werden begreifen, wie schwer mir das wird, und noch bei ihm! Ihnen zum Beispiel würde ich gerade heraussagen: vous êtes au dessus de cela, mon cher, je n'ai pas le sou. Und wissen Sie, sagte er und sah mir plötzlich mit verzweifeltem Blick in die Augen – Ihnen sage ich es gerade heraus, ich bin jetzt in einer entsetzlichen Lage: pouvez-vous me prêter 10 roubles argent? Meine Schwester muß mir mit der nächsten Post schicken, et mon père ...
Oh, ich bin sehr erfreut! sagte ich, während es mir im Gegenteil sehr unangenehm und kränkend war, besonders weil ich tags zuvor im Kartenspiel Verluste gehabt und selbst nicht mehr als fünf Rubel und einige Kopeken bei Nikita hatte. – Gleich, sagte ich, und stand auf, ich will in das Zelt gehen, um es zu holen.
Nein, später, ne vous dérangez pas.
Ich hörte aber nicht auf ihn und kroch in das zugeknöpfte Zelt, wo mein Bett stand und der Kapitän schlief.
Aleksej Iwanytsch, geben Sie mir, bitte, zehn Rubel bis zum Gehaltstage, sagte ich zu dem Kapitän, während ich ihn aufrüttelte.
Was, wieder abgebrannt? Und gestern erst haben Sie erklärt, daß Sie nicht mehr spielen wollen? sagte der Kapitän, halb im Schlafe.
Nein, ich habe nicht gespielt, ich brauche es so, geben Sie mir's, bitte.
Makatjuk! schrie der Kapitän seinem Burschen zu, hole das Geldkästchen und gieb es her.
Leiser, leiser, sagte ich. Ich hörte in der Nähe des Zeltes die gleichmäßigen Schritte Guskows.
Was? ... warum leiser?
Der Degradierte hat mich um ein Darlehn gebeten. Er ist da.
Hätte ich das gewußt, dann hätte ich es nicht gegeben, bemerkte der Kapitän. Ich habe von ihm gehört: der Bursche ist einer der schlimmsten Wüstlinge! – Der Kapitän gab mir aber doch das Geld, befahl die Schatulle wegzusetzen, das Zelt gut zu verschließen, wiederholte noch einmal: »Wenn ich gewußt hätte wozu, hätte ich es nicht gegeben« und zog sich die Decke über den Kopf. – Nun schulden Sie mir 32, vergessen Sie nicht! rief er mir nach. Als ich aus dem Zelte trat, ging Guskow um die Bänkchen herum, und seine kleine Gestalt mit den krummen Beinen und der scheußlichen Fellmütze mit den langen weißen Haaren tauchte in der Dunkelheit auf und nieder, wenn er an der Kerze vorüberkam. Er that, als bemerkte er mich nicht. Ich gab ihm das Geld. Er sagte merci, knitterte den Schein zusammen und steckte ihn in die Hosentasche.
Jetzt muß das Spiel bei Pavel Dmitrijewitsch, denke ich, im vollsten Gange sein! begann er gleich darauf.
Ja, das denke ich auch.
Er spielt merkwürdig, immer à rebours und biegt nie ein Paroli, glückt's, dann ist es gut, wenn es aber nicht gelingt, kann man furchtbar viel Geld verspielen. Er hat das auch bewiesen. In diesem Feldzuge hat er, wenn man die Sache berechnet, mehr als anderthalbtausend verloren. Und mit welcher Mäßigung hat er früher gespielt, so daß Ihr Offizier da an seiner Ehrenhaftigkeit zu zweifeln schien.
Ja, er hat das so ... Nikita, haben wir keinen Most mehr, sagte ich und fühlte mich sehr erleichtert durch Guskows Redseligkeit. Nikita brummte immer noch, er brachte uns aber den Wein und sah wieder wütend zu, wie Guskow sein Glas leerte. In Guskows Benehmen machte sich wieder die frühere Ungezwungenheit bemerkbar. Ich hätte gewünscht, er wäre so schnell als möglich gegangen, und es schien mir, als thäte er das nur deshalb nicht, weil er sich schämte, gleich nachdem er das Geld bekommen hatte, fortzugehen. Ich sprach kein Wort.
Wie ist es möglich, daß Sie bei Ihren Mitteln ohne jede Notwendigkeit, de gaieté de cœur sich entschlossen haben, im Kaukasus Dienste zu nehmen? Sehen Sie, das verstehe ich nicht, sagte er zu mir.
Ich gab mir Mühe, mich wegen dieses für ihn so auffälligen Schrittes zu rechtfertigen.
Ich kann mir denken, wie schwer auch für Sie der Verkehr mit diesen Offizieren ist, mit diesen Menschen, die gar keine Vorstellung von Bildung haben. Es ist nicht möglich, daß sie für Sie Verständnis haben. Sie können zehn Jahre hier leben und werden nichts anderes sehen und hören als Karten, Wein und Unterhaltung über Auszeichnungen und Feldzüge.
Es berührte mich unangenehm, daß er verlangte, ich sollte durchaus seine Behauptung teilen, und ich beteuerte ihm mit voller Aufrichtigkeit, daß ich Karten, Wein und Gespräche über Feldzüge sehr gern hätte. Aber er wollte mir nicht glauben.
Ach, Sie sagen das so, fuhr er fort. Und der Mangel an Frauen, d. h. ich meine femmes comme il faut, ist das nicht eine schreckliche Entbehrung? Ich weiß nicht, was ich jetzt drum gäbe, wenn ich mich nur auf einen Augenblick in einen Salon versetzen und auch nur durch ein Thürspältchen ein reizendes Weib sehen könnte.
Er schwieg eine Weile und trank noch ein Glas Wein.
Ach, Gott! Ach, Gott! Vielleicht haben wir noch einmal das Glück, uns in Petersburg bei Menschen zu begegnen, mit Menschen, mit Frauen zu verkehren und zu leben. – Er trank den letzten Rest Wein aus, der noch in der Flasche geblieben war, dann sagte er: Oh, pardon, Sie hätten vielleicht auch noch getrunken, ich bin schrecklich zerstreut. Ich habe, glaube ich, zu viel getrunken, et je n'ai pas la tête forte. Es gab eine Zeit, wo ich auf der Morskaja (in Petersburg) au rez de chaussée wohnte, ich hatte eine wundervolle kleine Wohnung, eigene Möbel, müssen Sie wissen, ich habe es verstanden, alles reizend einzurichten, wenn auch nicht übermäßig teuer. Allerdings, mon père gab mir Porzellan, Blumen, wundervolles Silber. Le matin je sortais, Besuche machen; à 5 heures régulièrement fuhr ich zu ihr zu Mittag, oft war sie allein. Il faut avouer que c'était une femme ravissante! Sie haben sie nicht gekannt, gar nicht?
Nein.
Wissen Sie, Weiblichkeit besaß sie im höchsten Maße, Zärtlichkeit, und erst ihre Liebe! ... Du lieber Gott! Ich habe damals dieses Glück nicht zu schätzen gewußt. Oder nach dem Theater kehrten wir häufig zu zweien nach Hause zurück und speisten zu Abend. Nie habe ich bei ihr Langeweile empfunden, toujours gaie, toujours aimante. Ja, ich ahnte gar nicht, was für ein seltenes Glück das war. Et j'ai beaucoup à me reprocher ihr gegenüber. Je l'ai fais souffrir et souvent, ich war grausam. Ach, es war eine köstliche Zeit! Langweilt Sie das?
Nein, keineswegs.
Dann will ich Ihnen von unseren Abenden erzählen. Ich komme: diese Treppe, jeden Blumentopf kannte ich, die Thürklinke – alles so lieb, so bekannt, dann das Vorzimmer, ihr Zimmer ... Nein, das kommt niemals, niemals wieder! Sie schreibt mir auch jetzt noch; ich will Ihnen gern ihre Briefe zeigen. Aber ich bin nicht mehr derselbe – ich bin ein Verlorner, ich bin ihrer nicht mehr würdig ... Ja, ich bin für ewig verloren! Je suis cassé. Ich habe keine Energie, keinen Stolz, nichts mehr. Auch mein Adel ist hin ..., ja, ich bin ein Verlorner! Und kein Mensch wird je mein Leiden begreifen – niemand fühlt mit mir. Ich bin ein gefallener Mensch! Nie kann ich mich wieder erheben, denn ich bin moralisch gesunken – in Schmutz gesunken ... In diesem Augenblicke klang aus seinen Worten aufrichtige, tiefe Verzweiflung; er sah mich nicht an und saß unbeweglich da.
Warum so verzweifeln? sagte ich.
Weil ich abscheulich bin, dies Leben hat mich zu Grunde gerichtet, was in mir war, alles ist ertötet ... Ich leide nicht mehr mit Stolz, sondern mit Würdelosigkeit – die dignité dans le malheur habe ich nicht mehr. Jeden Augenblick erdulde ich Demütigungen, alles ertrage ich, ich suche selbst den Weg zur Demütigung. Dieser Schmutz a déteint sur moi, ich bin selbst roh geworden, ich habe vergessen, was ich gewußt habe, ich kann nicht mehr französisch sprechen, ich fühle, daß ich gemein und niedrig bin. An Kämpfen kann ich in dieser Umgebung nicht teilnehmen, um nichts in der Welt; ich wäre vielleicht ein Held: geben Sie mir ein Regiment, goldene Achselklappen, Trompeter; aber in Reih und Glied mit dem ersten besten rohen Antonow Bondarenko und dem und dem zu gehen, und zu denken, daß zwischen ihm und mir nicht der geringste Unterschied ist, daß es ganz gleich ist, ob er erschossen wird oder ich – dieser Gedanke tötet mich. Begreifen Sie, wie entsetzlich es ist, zu denken, daß der erste beste Lumpenkerl mich töten soll, einen Menschen, der denkt und fühlt, und daß es ganz dasselbe ist, ob er den Antonow neben mir tötet, ein Geschöpf, das sich durch nichts von einem Tiere unterscheidet, und daß es leicht geschehen kann, daß man gerade mich tötet und nicht Antonow, wie es immer vorkommt, une fatalité für alles Hohe und Gute. Ich weiß, daß sie mich einen Feigling nennen: schön, ich mag ein Feigling sein – ich bin eben ein Feigling und kann nicht anders sein. Aber nicht genug, daß ich ein Feigling bin, ich bin nach Ihrer Meinung – ein Bettler und ein verachteter Mensch. Sehen Sie, ich habe Sie eben um Geld gebeten, und Sie haben ein Recht, mich zu verachten. Nein, nehmen Sie Ihr Geld zurück – und er streckte mir den zerknitterten Schein entgegen. – Ich will, daß Sie mich achten. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und brach in Thränen aus; ich wußte nicht, was ich sagen und thun sollte.
Beruhigen Sie sich, sprach ich zu ihm, Sie sind zu empfindlich, nehmen Sie sich nicht alles zu Herzen, grübeln Sie nicht, sehen Sie die Dinge einfacher an. Sie sagen selbst, Sie haben Charakter. Tragen Sie es, Sie haben nicht mehr lange zu leiden – sprach ich zu ihm, aber in sehr unklaren Worten, denn ich war erregt durch ein Gefühl des Mitleids und ein Gefühl der Reue darüber, daß ich gewagt hatte, in Gedanken einen wahrhaft und tief unglücklichen Menschen zu verdammen.
Ja, begann er, wenn ich auch nur einmal seit der Stunde, wo ich in dieser Hölle bin, auch nur ein einziges Wort der Teilnahme, des Rates, der Freundschaft gehört hätte – ein menschliches Wort, ein Wort, wie ich es von Ihnen höre – vielleicht könnte ich alles ruhig ertragen, vielleicht könnte ich es auch auf mich nehmen und sogar ein gemeiner Soldat sein, aber jetzt ist es entsetzlich ... Wenn ich mit gesundem Sinne überlege, wünsche ich mir den Tod; warum sollte ich aber auch dieses schmachvolle Leben und mich selbst lieben, da ich für alles Gute in der Welt verloren bin? und bei der geringsten Gefahr unwillkürlich wieder anfange, dieses niederträchtige Leben zu vergöttern und es zu schonen wie etwas Kostbares? Und ich kann mich nicht überwinden, je ne puis pas ..., d. h. ich kann es – fuhr er nach einem minutenlangen Schweigen wieder fort – aber es kostet mich zu große Mühe, ungeheure Mühe, wenn ich allein bin. Mit den anderen, unter den gewöhnlichen Bedingungen, wie man in den Kampf geht, bin ich tapfer, j'ai fait mes preuves, denn ich bin voll Eigenliebe und Stolz: das ist mein Fehler, und in Gegenwart anderer ... Wissen Sie, gestatten Sie mir, bei Ihnen zu übernachten, bei uns wird die ganze Nacht gespielt werden. Mir ist's gleich, wo, auf dem Fußboden.