VI. Im sichern Hafen.
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In der kleinen evangelischen Kirche auf dem Berge sind wir getraut. Nach der Trauung sind wir alle – Kapitän Heymann, Pastor Morris, seine Frau und wir beide – nach New York gefahren, wo Mr. Siegel, vielmehr mein Mann, im Astoria ein exquisites kleines Diner bestellt hatte. Wir waren recht vergnügt zusammen, und Kapitän Heymann hielt sogar noch eine launige Rede, in der er bedauerte, daß er nicht jede Reise eine junge, hübsche Stewardeß zu verheiraten habe. —
Ich fürchte nur, es wird auch nicht oft einen Mr. Siegel geben. —
Nach dem Essen, als wir allein waren, bat ich meinen Mann, noch eine kleine Ausfahrt mit mir zu machen. —
Ich bin mir selbst nicht klar über das, was in mir vorging.
Ein beinahe krankhaftes Verlangen beherrschte mich, jenes Haus einmal wiederzusehen.
Wie es den Verbrecher unwiderstehlich an den Ort seiner Schandtat treibt, so geht es mir mit jenem Hause.
Langsam fuhren wir am Broadway hinauf, durch den Centralpark und die fünfte Avenue wieder herunter.
Aufmerksam habe ich jedes Haus geprüft, ich konnte es nicht finden. Manchmal meinte ich wohl, das muß es sein, dann wurde ich wieder irre. Alle Häuser haben Fenster, und ich meine, dieser Kerker habe nach der Straße zu keine Fenster gehabt. —
Auch an den Doktor muß ich denken; wüßte ich nur seinen Namen und seine Adresse, so würde ich ihn von meinen veränderten Verhältnissen in Kenntnis setzen.
Auch Werners Tod hätte ich ihm melden müssen, er hat es um mich verdient. Es ist schade, daß ich nicht weiß, wie er heißt. — —
Heute Abend fahren wir weiter. —
Leb' wohl für einige Zeit, mein treuer Weggenoß; möchte es nur Gutes sein, was ich dir ferner anzuvertrauen habe. — — —
Sechs Wochen später.
Wir sind noch für drei Wochen in dem idyllisch gelegenen Seebad Bar Harbour gewesen. Wie ein kleines Paradies ist dieses Fleckchen Erde, und ich war glücklich, restlos glücklich.
Keine Angst, keine Sorgen, ein Gatte, der mir jeden Wunsch an den Augen absieht – es ist doch schön auf der Welt. —
Schön, solange man jung ist. Auch ohne die vielgepriesene Liebe.
Chikago, den 28. Oktober.
Mein Gatte muß doch reicher sein als ich gedacht. Das »kleine Häuschen«, das er nach seiner Rückkehr von Europa gekauft, ist ein ganz stattlicher Bau und liegt in einem prachtvollen, alten Garten am Lake Shore Drive. Das Haus hat früher einem reichen Schweinezüchter gehört, und mein Mann hat es hauptsächlich meinetwegen gekauft, da ihm sein altes Haus an Sheridan Road nicht hübsch genug war.
Ich bin ihm sehr dankbar, wir leben in glücklichster Gemeinschaft und kein Schatten trübt unser Leben.
Ich will ihm eine treue und gute Gefährtin sein. Nie soll er empfinden, daß nicht mein volles Herz ihm gehört. —
Ich habe dich lange nicht in Händen gehabt, kleines Buch. Mein Leben läuft so glatt und ereignislos dahin, daß ich kaum etwas aufzuzeichnen habe. Ich lebe, wie eine Amerikanerin der besseren Stände lebt. —
Mit meinem Manne verbindet mich innigste Freundschaft.
Er bespricht alles mit mir und freut sich, daß ich seinem Wirken und Schaffen so lebhaftes Interesse entgegenbringe. —
Und mir wiederum macht es Freude, daß ich teilhaben darf an seiner Arbeit. —
Trotzdem bin ich nicht voll befriedigt, ich habe noch zu viel unausgefüllte Zeit.
Ja, wenn ich ein Kind hätte! Ob ich vergebens auf dies höchste Glück warte? Auch mein Mann würde sich freuen, und ich würde ihm doch so gern einmal eine recht große Freude machen. —
Ich muß jetzt oft wieder an den 20. Februar vor zwei Jahren denken. Welches Glück empfände mein Mann, wenn ich ihm einen Knaben schenkte, und wie unwillkommen war das arme Kind damals! Ob es wirklich tot ist?
Ich habe ein so sonderbares Gefühl, eine Art Unterbewußtsein, das mir sagt, mein Kind lebt. —
Wer gibt mir Gewißheit? —
Ich bin einige Monate recht faul gewesen. —
Im Unglück und in der Einsamkeit habe ich mich immer zu dir geflüchtet, jetzt, in meinem wohleingerichteten Leben vergesse ich dich oft, kleiner Freund.
Eine Entschuldigung habe ich wenigstens: ich hatte keine Zeit.
Wir sind einige Monate auf Reisen gewesen. Drei Wochen in Ägypten und drei Wochen in Italien, von wo aus wir einen kleinen Abstecher nach Paris gemacht haben. —
Mein Mann ist zu gut, die ganze Welt möchte er mir zeigen, er weiß gar nicht, was er mir alles Liebes erweisen soll. Und ich stehe so bettelarm daneben und kann ihm gar nichts geben, nicht einmal ein ganzes volles Herz. —
Ob er nie etwas vermißt? Glühende Küsse, stürmische Umarmungen?
Ich bin ihm sehr gut – aber ich bin mir zuweilen selbst ein Rätsel. Nichts treibt mich zum Manne.
Ich bin doch jung, sehr jung!
Aber nie mehr seit jenen heißen, schwülen Sommernächten auf dem heimatlichen Gut fiebert mein Blut dem Manne entgegen. —
Auch bei aller Liebe zu Werner, es war nichts Stürmisches, kein leidenschaftliches Begehren in meiner Liebe.
Ruhig und still wie ein linder Sommerabend.
Oft denke ich, ich habe zu früh vom Baume der Erkenntnis gegessen. Vielleicht war mein Körper doch noch nicht entwickelt genug, um den Anforderungen ohne Schaden gerecht zu werden, die das Mutterwerden an das Weib stellt. — —
Oder ist es das verdorbene, degenerierte Blut des Vaters, das dies sonderbare Wesen aus mir gemacht hat?
Ich erzähle dir wieder allen möglichen Unsinn, du mein kleiner, verschwiegener Freund; und ich wollte dir doch nur sagen, daß ich sehr, sehr glücklich sein könnte, wenn —
Mein kleiner, süßer Pit. Ich hatte ihn zurückgelassen, nun war er wie von Sinnen, als ich heimkam, und ging mir nicht vom Schoß. Ich werde ihn jetzt immer mitnehmen, wenn ich auf Reisen gehe. —
Heute ist mein zwanzigster Geburtstag; ich wollte, es wäre der vierzigste. Ich fühle mich auch viel eher wie vierzig. —
Ich weiß nicht, ich kann in der letzten Zeit gar nicht so recht von Herzen froh sein. Ich bin im Gegenteil sonderbar trüb gestimmt.
Ich möchte schreiben und kann nicht. Ein geheimnisvolles Glücksgefühl keimt leise, ganz leise in meinem Innern. —
Ich habe nie leicht geweint. Es war mir immer unsympathisch, wenn Frauen um jede Kleinigkeit in Tränen zerflossen. Aber jetzt bin ich selbst die reine Trauerweide. Um nichts muß ich weinen. —
Pit tröstet mich, er will mir immer die Tränen von den Wangen küssen. Sonderbar, gerade als ob er wüßte, daß Tränen an den Wimpern etwas Schmerzliches bedeuten. —
Und müde bin ich, so müde. —
Mein Mann ist von einer Aufmerksamkeit, die geradezu rührend ist. Ob er etwas ahnt? Noch habe ich ihm nichts gesagt, die Enttäuschung wäre sonst zu groß. Später. — —
Weihnachten!
Ich bin beschenkt worden wie eine Fürstin, und doch sagt mein Mann, ich habe ihm noch viel mehr gegeben.
Er ist außer sich vor Glück. Aber ich glaube, er wünscht sehr, daß es ein Junge ist. Ich nicht, ich möchte viel lieber ein Mädchen. Jungens gehören der Mutter nie so lange wie ein Mädchen. —
Und doch sollte ich andererseits gar nicht den Wunsch haben, der Welt ein solches Wesen zu schenken. Wie leicht kann ihm einmal mein eigenes Schicksal zustoßen. —
Aber nein! Das sind Hirngespinste.
Ich werde dafür sorgen, daß meine Tochter einst gewappnet ins Leben tritt. Meine Tochter! Meine Tochter! Welch süßer Klang in meinem Ohr!
Heute bin ich zum ersten Male wieder vollständig außer Bett, und da sollst du, mein geduldiger Freund, auch sogleich mein neues Glück erfahren.
Ich bin Mutter!
Weißt du, was dieses Wort bedeutet? Was es für mich bedeutet?
Und auch mein innigster Wunsch ist erfüllt. Es ist ein Mädchen, ein kleines, süßes Mädchen.
Ob mein Mann enttäuscht war? Ich weiß es nicht, gefühlt habe ich es nicht. Seine Liebe und Fürsorge gehen ins Ungemessene. —
Und ich? Muß ich dir sagen, wie glücklich ich bin? Das süße, kleine Geschöpf, dem ich jetzt alles bin!
Mein Mann wollte eine Amme, um mich zu schonen, aber ich gebe mein Kind keiner fremden Person; das höchste Glück, das kleine Wesen an der Brust zu haben, gönne ich niemand. —
Drollig ist es, Pit zu beobachten. Er ist richtig eifersüchtig. Wenn ich das Kind auf dem Schoß habe, weint und jammert er, kratzt an meinem Kleid und geberdet sich ganz unsinnig. Lege ich das Kind in sein Bettchen, so springt er mit einem Seufzer der Erleichterung auf meinen Schoß und kuschelt sich umständlich zurecht, dabei fortwährend entrüstete Blicke nach dem kleinen Eindringling werfend.
Mein Mann findet, daß mich die Pflege des Kindes zu sehr anstrengt. Ich soll es nicht mehr stillen oder soll an einen schönen Platz aufs Land, wo ich gute, frische Milch und reine Luft habe.
Ich gehe also lieber aufs Land, damit ich meinen kleinen Liebling noch länger ganz für mich allein habe.
Das Kind entwickelt sich prächtig, und mein Mann ist ganz vernarrt. Seine Enttäuschung über den ausgebliebenen Thronfolger hat er verschmerzt. Oder hofft er noch? —
Nein, ich möchte keinen Jungen haben. Ein Junge, der mir aus den Händen wächst und vielleicht auch einmal Wege geht, auf denen die Weiblichkeit durch den Schlamm gezogen wird. — —
Mowbray, Rocky Mountains, den 6. Juni.
Ich habe heute eine Begegnung gehabt, die mich bis ins Innerste erschüttert hat. Alles, die ganze Vergangenheit ist mit einem Schlage wieder lebendig geworden. —
Ich habe den Doktor getroffen, meinen Doktor!
Er ist für einige Wochen hier zur Erholung. —
Nun weiß ich auch seinen Namen. Curtis heißt er.
Doktor Curtis freute sich sehr, als er mich sah, war aber natürlich ebenso sehr verwundert, mich hier im Westen zu sehen.
Zuerst war ich natürlich doch etwas beunruhigt, aber ich brauche ihn nicht zu fürchten, er ist ein anständiger Mensch, und niemand wird etwas durch ihn erfahren. Warum hätte er sich auch wohl so viel Mühe mit meiner Rettung gegeben?
Ich bin jetzt auch lange nicht mehr so in Sorge wegen meiner Vergangenheit; wer soll mich hier wohl erkennen? In einer Hafenstadt ist es doch schon anders. —
Lange haben wir auf der Bank gesessen, meine ganze Geschichte habe ich ihm erzählt, und herzliche Worte sprach er über den armen Werner.
Auch über die schrecklichen Verhältnisse in diesen Häusern, hauptsächlich in den Hafenstädten, haben wir gesprochen. Eine Änderung wäre nur mit Hilfe der Regierung und einer eingreifenden Gesetzgebung möglich.
Der Doktor ist nie wieder bei der Rottmann gewesen. Auf meine Bitte will er nach seiner Heimkehr einmal hin. Wenn die Bronja noch da ist und sie will heraus, soll er ihr behilflich sein.
Ich habe Geld genug, und mein Mann gibt mir gern ein paar tausend Dollars, wenn ich ihn darum bitte, ohne zu fragen wofür.
Nur meinen Namen darf der Doktor nicht nennen. — —
Ich bin ganz allein im Wald. Mein Töchterchen ist mit der Wärterin im Garten; ich war so unruhig, ich mußte eine Strecke laufen. —
Hier ist es himmlisch, die Unruhe fällt von mir wie ein schwerer, stickender Dunst.
Wie ein Dom wölben sich die Jahrhunderte alten Bäume über mir. Die Hände eines Künstlers hätten es nicht schöner schaffen können. Wie sanft spielt das grünliche Licht in den Zweigen. Von Baum zu Baum winden sich Schmarotzerpflanzen mit leuchtenden Blumen. Eine fast tropische Überschwenglichkeit herrscht. Der Fuß versinkt wie in dicken Teppichen.
Kann man sich unglücklich fühlen in solcher Umgebung? — —
Der Doktor ist abgereist, er wird mir schreiben, sobald er mir etwas zu berichten hat.
Auch ich werde mich zur Heimkehr rüsten, ich sehne mich nach meinem Heim und seinem Herrn.
— — — — — — — — — — — —
Lange Jahre sind es her, seit ich nicht mehr in mein Büchlein geschrieben habe. Oft hatte ich es in Händen und ließ die eng beschriebenen Seiten durch die Finger gleiten, doch nichts, was mir des Aufzeichnens wert schien, ist in diesen Jahren durch mein Leben gegangen. —
Einfache tägliche Erlebnisse, kleine Freuden, kleine Leiden. —
Mein Töchterchen wächst heran und verspricht körperlich und geistig das Beste. Meinem Manne bin ich in den letzten Jahren immer unentbehrlicher geworden bei seinen ausgedehnten Geschäften, und das erfüllt mich mit ganz besonderem Stolz. Es zeigt mir, daß ein Weib doch auch zu etwas anderem zu gebrauchen ist, als nur zu inhaltlosen Tändeleien.
Ich habe also in gewisser Weise erreicht, was ich erreichen wollte, und könnte dich nun endgültig zur Seite legen, mein kleiner papierener Freund.
Aber – ich kann es doch nicht. Es ist mir wie ein Unrecht, das ich an dir begehe. —
Und dann, ich möchte, falls ich früher sterbe als mein Mann, das Buch in seine Hände legen, damit er sieht, wen er an sein Herz genommen hatte. Stirbt mein Mann vor mir, so soll meine Tochter die Aufzeichnungen ihrer Mutter lesen, sie wird daraus ersehen, wie viel ein Weib ertragen kann, ohne daß es seelisch zugrunde geht. —
Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen, daß Bronja wieder in ihrer Heimat ist. Der Doktor hat ihr zweitausend Dollars gegeben, hat ihr ein Billett besorgt und sie auch nach dem Dampfer gebracht. Sie hat so große Sehnsucht nach ihrem Kinde gehabt.
Mögen die guten Wünsche, die sie für die unbekannte Wohltäterin ausgesprochen, sich an ihr selbst erfüllen! —
Wir gehen in diesem Frühjahr nach Europa. Mein Mann ist gar nicht recht wohl; ein Herzleiden, das er schon längere Jahre hat, macht ihm viel zu schaffen.
Die Geschäfte bringen zuviel Aufregung, er muß deshalb einmal vollständig ausspannen. —
In Bad Nauheim werde ich dafür sorgen, daß ihm jede Aufregung fern bleibt.
Wir sind reich, sehr reich.
Daran, daß ich mir in keiner Weise Beschränkungen aufzulegen brauchte, merkte ich schon früher, daß wir über reiche Mittel zu verfügen hatten. In den letzten Jahren, wo ich mich um alle geschäftlichen Angelegenheiten kümmere, weiß ich, daß wir nicht mehr zu arbeiten brauchten. Aber es geht mir genau wie meinem Manne, ich könnte mich nicht darein denken, daß alles, sein ganzes Lebenswerk, für andere geschaffen sein sollte.
Und ist nicht die Arbeit eine herrliche Trösterin?
Lou freut sich furchtbar auf unsere Reise. Sie ist nun zehn Jahre alt und hat schon einiges Verständnis dafür. —
Doch für mich gibt es nun wieder allerlei heikle Punkte.
Das Fragen nimmt kein Ende.
»Wo ist deine Heimat, Pa?«
»Bist du in einem Dorf zu Hause oder in einer Stadt, Ma?«
Was soll ich antworten? Ich fürchte auch, mein Mann denkt sich etwas dabei, wenn ich zu sehr ausweiche.
Ich selbst fiebere förmlich bei dem Gedanken, daß ich von Bad Nauheim aus in einigen Stunden da sein kann, wo das stille alte Haus der Großeltern im dunkeln Tannenwald träumt.
Ob ich es einmal wage? Unerkannt könnte ich sie vielleicht sehen. – Ach, ich glaube, ich würde mich verraten, wenn ich sie vor mir sähe. – Und Prinz, der alte Hühnerhund! Er würde mich sofort erkennen, wenn er noch lebt. — —
Dienstag, den 28. Mai sind wir mit der »Spree« von New York abgefahren. Mein Mann hat ein hübsches Pullmanset für uns belegt, und wir sind ganz begeistert von der Bequemlichkeit und Eleganz der Einrichtung. Man merkt kaum, daß man auf See ist.
Lou ist ganz und gar aus dem Häuschen. Ihr Vater erfreut sich, glaub' ich, zum ersten Male vollkommen ohne irgendwelche Ablenkung an ihrer frischen, kindlichen Heiterkeit.
Ich finde, er erholt sich schon jetzt von Tag zu Tag.
Mir selbst geht es sonderbar. Von der ersten Stunde an, da ich das Schiff betrat, ist mir so sonderbar unruhig zu Sinn.
Ich suche etwas und weiß nicht was. —
Gleich am ersten Abend bin ich ein Stündchen auf Deck gewesen.
Wie wunderbar ist die reine, salzige Luft! Welch wunderbare Farben verglimmen am Horizont und wecken tausend Erinnerungen, süße und schmerzliche, in meiner Brust!
Sonnenuntergang! Der ganze Horizont ist von einem satten, tiefen Rot. Der Himmel scheint wie ein einziger großer ausgehöhlter Rubin über uns zu hängen.
Das Wasser ist so ruhig wie ein See, nur hie und da tanzen rotgoldene Lichter; gibt es Schöneres?
Doch alles Schöne ist vergänglich. Kaum eine halbe Stunde, und grau und fahl, gespensterhaft liegt die unabsehbare Fläche vor mir. —
Mich friert trotz des warmen Wetters.
Es macht traurig, immer an die Vergänglichkeit alles wahrhaft Schönen erinnert zu werden. — —
Bad Nauheim.
Deutschland bekommt mir nicht. Mein Mann erholt sich von Tag zu Tag, und ich verzehre mich selbst vor Unruhe.
Die Luft hier ist erfüllt von Erinnerungen.
Diese ganzen Jahre hatte ich alles vergessen, die Heimat, die Großeltern und – die Schuld!
Nun wacht alles wieder auf, und ich stehe schwindelnd am Wege und weiß nicht, wohin er mich führen wird.
Ich sehe ein, daß eine Schuld wie ein Schmutzfleck auf der Vergangenheit liegt, der sich nie wieder auslöschen läßt.
Mag man zuweilen glauben, daß er verblaßt, mag man sein Vorhandensein für einige Zeit vergessen, er kommt wieder. —
Ich kann es nicht mehr aushalten, ich muß hin!
Ich muß wenigstens versuchen, die alten Leute von weitem zu sehen.
Ob sie noch leben? Aber warum nicht? Vierzehn Jahre sind es her, seit ich von ihnen ging, und die Leute in meiner Heimat werden alt. —
Ob ich es wage und unter dem Deckmantel einer Fremden das Jagdschloß besehe?
Werde ich mich beherrschen können?
Ich war da!
Unter dem Vorwand, etwas in Frankfurt besorgen zu wollen, bin ich hingefahren.
Ich habe meinen Mann belogen; diesen besten, gütigsten aller Männer habe ich belogen! So gebiert noch nach Jahren die alte Schuld neue Konflikte und Verwicklungen.
Ich bin froh, daß ich es getan. Ich werde Ruhe finden, nun ich die alten lieben Großeltern gesehen. --
Und doch hätte ich aufschreien können, als ich die gebückte Gestalt des Großvaters an mir vorübergehen sah.
Ob sie sich gewundert haben über die fremde Frau, die so gern das alte Jagdschloß sehen wollte, und die gar so dicht verschleiert war?......
Wie glücklich würde es mich machen, wenn ich ihnen meine Lou bringen könnte, mein prächtiges, liebes Mädchen!
Und wie würden sie sich freuen!
Aber das ist alles für mich unmöglich, es ist ein verlorenes Paradies, in das ich mit brennenden, sehnsüchtigen Augen starre.
Und warum? War es nur meine Schuld, daß ich diesen Weg der Lüge und der Verstellung wandern muß?
Morgen fahren wir nach E., um von da aus die Heimat meines Mannes zu besuchen.
Lou freut sich königlich. Sie denkt sich wohl das Häuschen, in dem ihr Vater geboren, als eine niedliche, kleine Villa. —
Hoffentlich ist sie nicht zu sehr enttäuscht. — —
Seit fünf Tagen sind wir auf Capri. Der Arzt hält die Fahrt von hier aus für besser. Ich freue mich über das gute Aussehen meines Mannes; hoffentlich hält es an.
Am Siebzehnten fahren wir von Genua aus mit der »Prinzeß Irene« wieder nach Hause. —
Die letzten Tage in Deutschland sind uns wie im Fluge vergangen. —
Die paar Stunden, die wir in der Heimat meines Mannes zugebracht haben, waren auch für mich eine Erquickung.
Lou war gar nicht enttäuscht. Im Gegenteil, alles war ihr neu und köstlich.
Und ich?
Ich beneide meinen Mann um seine arme, aber fleckenreine Vergangenheit. Welch ein Triumph war es für den armen, herumgestoßenen Waisenknaben, daß er so vor seine Landsleute hintreten konnte! —
Ich bin des Reisens müde und freue mich, heimzukommen.
Heim? Wohin zieht es mich?
Bald reißt die alte Heimat an meinem Herzen, bald die neue.
Ich habe Heimweh und bin nirgends zu Hause. —
Und doch ist meine Heimat da drüben in dem Lande, das mich trotz aller Schuld der bürgerlichen Gesellschaft wiedergegeben hat.
Nach zwei Jahren.
Amerika hat nicht gehalten, was Europa versprochen.
Das Befinden meines Mannes ist wieder ebenso schwankend wie vor unserer Reise.
Er muß sich schonen, und um ihm dazu Gelegenheit zu geben, habe ich nach und nach die Geschäfte fast ganz in meine Hände genommen. Es war ein schweres Stück Arbeit, aber es ist mir gelungen.
Der alte Thomas, der schon seit Jahren meines Gatten rechte Hand ist, bespricht alles mit mir. Und nur wenn etwas ganz besonders Wichtiges vorliegt, müssen wir erst seinen Rat einholen.
Aber wir sorgen schon dafür, daß es keine aufregenden Sachen sind, die wir mit ihm besprechen. —
Oft sagt mein Mann zu mir: »Du hast mich schon gar nicht mehr nötig, Liebling. Du bist so entschlossen und umsichtig, wie nur je ein Mann es sein könnte.«
Das macht mich stolz. Es erfüllt mich mit ungeahnter Befriedigung, daß ich meine Kräfte so entfalten kann. Daß ich diesem Manne, der mich genommen, ohne viel zu fragen, einen Teil der Schuld abtragen kann.
Nun muß ich die Geschäfte Thomas überlassen und mich ganz meinem Manne widmen. Werde ich ihn mir erhalten? Er ist sehr krank.
Meine Lou, mein liebes, gutes Kind; sie ist mir ein rechter Trost in diesen schweren Tagen.
Wie liebt sie ihren Vater! Sie weicht kaum von seinem Lager. Ich hätte dem kleinen, lustigen Vogel gar nicht so viel tiefes Gefühl zugetraut. —
Das Schlimmste ist vorüber.
Es waren lange, schwere Wochen, aber noch einmal haben wir gesiegt. Und nun gehen wir wieder nach Europa; noch einmal soll Nauheim seine Wunderkraft beweisen.
Lou freut sich wieder sehr auf die Fahrt, wenn auch die Freude etwas gedämpft wird durch des guten Vaters Krankheit. —
Wieder einmal bin ich auf meiner geliebten See. Sie zeigt sich mir diesmal nicht von der besten Seite. Wir haben Sturm und Regen, und der Wind rast über Deck, daß es kaum möglich ist, nach oben zu gehen. —
Ich habe eine Begegnung gehabt, die alles, was langsam zur Ruhe gekommen war, wieder in Aufruhr gebracht hat.
Ich müßte mich sehr irren, wenn nicht Smith, Herbert Smith, an Bord wäre. Er trägt einen kurz verschnittenen Vollbart, und doch habe ich ihn sofort erkannt.
Wie ein elektrischer Schlag ging es durch meinen Körper. Und auch er muß mich erkannt haben, denn ein leichter Schreck huschte über seine Züge.
Das Geschäft muß sehr viel einbringen, denn er fährt erste Kajüte. —
Was soll ich tun?
Soll ich diesen Menschen ungehindert seines Weges ziehen lassen?
Ist es nicht vielmehr meine Pflicht, ihn zu entlarven?
Alles in mir ist in Aufruhr. Wird man mir glauben?
Nein, man wird mir nicht glauben, oder doch nur dann, wenn ich mich selbst preisgebe.
Und mein Mann! Wie würde er es ertragen?
Ach, und mein Kind, meine Lou!
Nein, ich kann es nicht, jetzt noch nicht!
Ich kann in den reinen Augen meines Kindes nicht als eine Verworfene dastehen! —
Ein Vorfall kam mir ins Gedächtnis, den ich vor einigen Jahren erlebte.
Quälende Selbstvorwürfe peinigten mich; ich fühlte mich unsäglich elend und unglücklich und weinte still in meinem Zimmer.
Da kam Lou zu mir herein, und als sie meine Tränen sah, war sie ganz Mitleid. Stürmisch umschlang sie meinen Hals.
»Mama, süße Mama, warum weinst du?« rief sie zärtlich.
Ich schüttelte mit dem Kopfe, ich konnte kein Wort hervorbringen vor lauter Schluchzen.
Als ich mich etwas gefaßt hatte, sagte ich:
»Laß mich, Kind, laß mich allein!«
»Mama, sei gut; sage mir, warum du weinst. Wer hat dir etwas zuleide getan?«
»Niemand, Liebling. Mama muß an früher denken. Damals als sie noch nicht ihren Liebling, ihre Lou, hatte.«
»Darüber brauchst du doch nicht zu weinen, süße Ma!«
»Aber Mama hat damals sehr viel Schweres durchgemacht, und darüber muß sie weinen.«
»Aber du sollst nicht weinen, Ma. Wer hat dir etwas getan? Ich werde es Pa sagen. Niemand darf dir etwas tun!«
»Aber die Mama war nicht gut gewesen und hatte Strafe verdient, Liebling.«
»Aber Mama! Wenn das der Papa hörte! Du bist doch meine liebste, beste, einzigste Mama.«
»Hast du mich denn so lieb, mein Engel?«
»So lieb!« jauchzte das kleine Geschöpf und umschlang mich mit ihren Armen. — —
Nein, ich kann es nicht von mir wälzen. Um des Kindes willen nicht.
Was sollte aus ihr werden, wenn sie den Glauben an die Mutter verlieren müßte? — — —
Meinem Manne geht es schlecht. Er leidet stark an Atemnot.
Wären wir erst in Nauheim. Ich darf ihn nicht verlieren, jetzt noch nicht. Ich würde wieder ganz einsam sein – denn noch kann mir mein Kind, meine Lou, den Gatten nicht ersetzen. —
Ich habe mich nie nach einer Freundin gesehnt, mein Gatte war mir alles.
Doch sollte er von mir gehen, und ich allein die Strecke wandern müssen, die ich noch vor mir habe, so werde ich Trost in der Arbeit und bei meinem Kinde suchen.
Nur jetzt laß ihn mir noch, noch ist es zu früh. —
Wenn es wahr ist, daß die Ehen am glücklichsten sind, in denen die Liebe des Mannes größer ist als die der Frau, so mag es davon kommen, daß die unsere so überaus glücklich war.
Sicher muß aber auch die Frau danach sein, wenn eine solche Ehe wirklich glücklich sein soll.
Was ihr an Liebe fehlt, muß sie durch Pflichtgefühl ersetzen. —
Mein Mann erholt sich nicht wieder. Der Arzt läßt mir keine Hoffnung.
Es kann noch Monate währen, es kann auch plötzlich kommen, ich muß auf alles gefaßt sein. —
Es ist Arterienverkalkung dazugekommen.
Der Ärmste, er hat in seiner Jugend zu viel gearbeitet und entbehrt.
Ich bin jetzt ganz gefaßt und zeige meinem Manne immer ein fröhliches Gesicht; er darf nicht ahnen, wie es um ihn steht.
Ob er wirklich nichts ahnt? – Seine sonderbaren Reden machen mich manchmal stutzig.
»Du hast mich sehr glücklich gemacht, Liebling,« sagte er kürzlich zu mir.
»Tu' ich es denn jetzt nicht mehr, Liebster?« fragte ich scherzend.
»Immer! Aber wenn ich einmal von dir gehen sollte, Lotti, wirst du mich auch nicht so bald vergessen?«
»Ich dich vergessen? Wie redest du nur? Du bleibst noch lange bei uns. Denk' an Lou! An deine Lou! Du mußt noch bei uns bleiben! Hörst du?«
Tränen liefen mir über die Wangen, und auch ihm verging vor Rührung die Stimme. »Wie gerne möchte ich! Und doch, kann ich nicht ohne Sorge gehen? Ruht nicht mein Lebenswerk in guten Händen? Du bist ein ganzer Mensch geworden, meine Lotti.«
»Du warst mein Lehrer, ich war in guten Händen.«
Ich möchte gern wieder einmal in meinen Wald, darf aber nicht wagen, meinen Mann zu verlassen.
Gestern hatte ich eine Begegnung, die mich gleicherweise erschreckte und erfreute.
Der Herzog ist hier, der Herzog von B.
Das also ist mein Vater! Dieser blasse, schmale Herr!
Ich hab' ihn mir anders vorgestellt. Als einen ritterlichen, sieghaften Mann. —
Er wird anders gewesen sein, als meine Mutter ihn geliebt hat. Nun ist er krank, herzleidend natürlich.
Er hat keine Kinder und eine kalte, unsympathische Gattin.
Das ist die Strafe! Die gerechte Strafe für meine zerstörte Jugend und den frühen Tod meiner Mutter.
Ich möchte ihn hassen – und doch – ich kann es nicht. — —
Gestern hat er mit Lou gesprochen, mit meiner Lou.
Ob wirklich etwas daran ist, an dem Märchen von der Stimme des Blutes? Ich glaub' es nicht. Wenn ihm Lou gefällt, so ist das nur natürlich. Jedermann mag das entzückende, natürliche Geschöpfchen gern.
Wir saßen gestern abend auf der Terrasse, mein Mann und ich.
Wenn es nicht so sonderbar wäre, so möchte ich sagen, mein Mann ist mir jetzt teurer als je zuvor.
Es ist ein solch inniges Verhältnis zwischen uns, wie es kaum zwischen jungen Liebesleuten sein kann.
Ich mag gar nicht von seiner Seite gehen.
Ist es das nahe Scheiden, das uns so innig vereint? Hat uns etwas, das mehr ist als Liebe, zusammengeführt?
Der Rückblick auf meine Ehe läßt mich keinen Augenblick den Schritt bereuen, den ich getan, trotzdem es ohne Liebe geschah.
Könnte ich ebenso sagen von dem, was früher geschah! — — —
Heute waren wir zusammen im Wald. Lou suchte Blumen, und wir beide waren allein unter dem grünen Gewölbe.
Die Luft schien geschwängert mit Wohlgerüchen, und die Ruhe, die uns umgab, hob uns über den Alltag hinaus.
»Gibt es etwas Schöneres als unseren deutschen Wald?« sagte mein Mann sinnend, nachdem er eine Weile regungslos den Blick nach oben gewandt hatte.
Mir traten die Tränen in die Augen. Wer wußte es besser als ich, wie schön er war. Mit einem Schlage stand alles vor mir. Das Forsthaus, die Großeltern, die dunkeln Tannen, alles, alles!
»Ich möchte im deutschen Walde ruhen, wenn ich einmal nicht mehr bin, Lottchen. Versprich mir, daß du mir hier oder in der Heimat ein schönes Plätzchen unter den rauschenden Tannen aussuchen willst,« fuhr er fort.
»Sprich nicht immer vom Sterben, Liebster,« sagte ich schluchzend.
»Weine nicht, Lotti. Ich will nicht mehr davon sprechen, wenn es dich aufregt. Nur versprich mir, daß du mir meinen Wunsch erfüllen willst. Willst du, Liebling?«
»Ich verspreche es dir. Du sollst unter den schönsten Tannen schlafen, die unser deutscher Hochwald hat,« sagte ich feierlich.
Wie eine Vision stieg der Platz vor mir auf. Ich kannte ihn! Oh, ich kannte ihn!
Ich sehe den Herzog fast täglich. Ich möchte vor ihn hintreten und ihm sagen, wer ich bin.
Doch wem würde es nützen! Mir? Ich brauche ihn nicht.
Meiner Lou? Auch in Deutschland duckt man sich vor amerikanischen Millionen genau so sehr wie vor Herzogskronen, das habe ich kennen gelernt.
Und wenn mein Sinn nach einer Krone stände, so könnte ich einst eine kaufen für meinen Liebling; tun es doch so viele. —
Kronen drücken schwer, das sehe ich jetzt wieder an dem Fürsten und seiner Gattin. Sie sehen beide nicht eben glücklich aus.
Und mein Kind soll glücklich sein.
Das Verhängnis kommt zusehends näher. Mein Mann hat seine Anfälle immer häufiger. Es ist mir entsetzlich, ihn so leiden zu sehen und nicht helfen zu können. Aber hier muß auch die Kunst der Ärzte Halt machen. Nur erleichtern läßt sich sein Leiden.
Rührend ist seine Mühe, mit der er mir seine Schmerzen zu verbergen sucht. —
Er fürchtet, mir wehe zu tun.
Gibt es größere Liebe? —
Wie langsam und bleiern die Stunden in die Ewigkeit rinnen!
Wie furchtbar muß ein Mensch kämpfen, ehe er die Hülle abwerfen kann, die doch zuweilen so unsäglich schwer drückt.
Stunden hatte ich bereits am Lager meines Mannes gesessen. Er schien zu schlummern, langsam und stoßweise nur ging sein Atem.
Plötzlich bewegte er sich, sah mich einen Augenblick sinnend an und sagte dann langsam und schwerfällig:
»Küsse mich, Lotti, und küsse unsere süße Lou von mir. Sie soll nicht hierherkommen jetzt. Es ist kein Anblick für ein Kind, wenn ein Mensch mit dem Tode ringt.«
Er machte eine kleine Pause und winkte abwehrend mit der Hand, als ich ihn unterbrechen wollte. Dann fuhr er fort:
»Du hast mich sehr glücklich gemacht, Lotti. Du hast die Sonne in den grauen Alltag meines Lebens gebracht, ich danke dir dafür.
Mit der Fabrik wirst du gut fertig werden, Thomas steht dir zur Seite. Es wäre mir sehr lieb, wenn du sie behalten wolltest, meine besten Jahre hat sie mir gekostet.
Mich aber laß hier in der Heimat, und willst du lieber bei mir bleiben, so sei auch dafür gesegnet.«
Erschöpft schwieg er.
Sanft strich ich ihm den Schweiß von der Stirn und drückte einen Kuß auf die Lippen, die nur Worte der Liebe und Güte für mich gehabt hatten.
»Alles soll werden, wie du es wünschest,« sagte ich tröstend, »ich werde in allem deinem Sinne gemäß handeln.«
Er lag still und ruhig in den Kissen. Die Atembeschwerden schienen etwas nachzulassen, das Atmen ging leichter.
Um zwölf Uhr wollte der Arzt noch einmal kommen. —
Ich nahm seine Hand in die meine und saß still und bewegungslos neben ihm.
Die Hand wurde kälter und kälter. Ruhig und ohne weiteren Kampf schlief er hinüber. Als der Doktor kam, war alles vorbei. —
Ich kann nicht weinen, und doch sitzt es mir in der Kehle, daß ich ersticken möchte.
Zu lange habe ich es kommen sehen, um ungefaßt dem Entsetzlichen gegenüberzustehen. —
Doch ich habe keine Zeit zum Klagen, ich muß den Platz suchen, wo mein Gatte ruhen soll im rauschenden Tannenwald.
Mein armes Kind, sie ist ganz aufgelöst.
Ihr junges Herzchen ist gebrochen von dem ersten, schweren Leid.
Ihr Vater! Ihr einziger, lieber Vater!
Sie kann es nicht fassen. —
Die Natur ist grausam in ihrer ausgleichenden Arbeit. —
Ich will heute noch nach Jagdhaus Finsterberg, zu den Großeltern. Dort in ihrem Walde soll mein Mann ruhen. —
Ich habe keine Zeit zu müßigem, tatenlosem Jammern. —
Ob ich mein Kind mit mir nehme?
Nein! Ich will noch warten! Den ersten Ansturm will ich allein ertragen.
Später vielleicht – vielleicht kann ich mein Kind in die Arme der Großeltern legen. —
Unser Chauffeur hat gute Tage gehabt. Seit Wochen ist das Auto nicht aus der Garage gekommen, heute soll es mich hinübertragen in die Heimat, in das dunkle, heimliche Grün des Waldes.
Ob ich unvermutet vor sie hintrete?
Nein, ich würde sie zu sehr erschrecken, den Tod könnten sie davon haben!
Den Tod! Mich friert trotz der Sonnenglut.
Wenn ich niemand mehr fände? Wenn fremde Gesichter mir entgegensähen! — —
Ich bin nervös; die lange, aufreibende Pflege hat mich selbst auch krank gemacht. Und doch darf ich nicht schwach werden. Ich muß meine Kräfte hochhalten, bis ich dich gebettet habe, du guter, du treuer Weggenoß.
Wie ein Zwang ist es über mir, seit er den Wunsch geäußert.
Ich muß ihn unter die Tannen der Heimat betten.
Ich bin inkonsequent, ich weiß es. Nie wieder wollte ich in der Heimat weilen als die, die ich wirklich bin.
Und doch fühle ich schon jetzt eine Freudigkeit, eine Zuversicht in mir, wie seit langem nicht.
Es muß also doch wohl das Rechte sein, trotz der scheinbaren Inkonsequenz. —
Umstände ändern die Sache.
Nun ist auch das vorüber.
Mein Wagen trägt mich rasch wieder zu meinem Kinde, das ich schon morgen den Großeltern bringen will.
Wenn ich alles überdenke, dann weiß ich selbst nicht, wie es gekommen ist.
Unter dem Vorwande, Grüße von einer Dame aus Amerika überbringen zu wollen, bat ich um eine Unterredung.
Ich vermochte kaum zu sprechen vor Aufregung, als ich endlich den lieben Alten gegenübersaß.
Wiederholt fing ich an, ohne doch ein Wort über die Lippen zu bringen. Wohl sah ich den prüfenden Blick des Großvaters, die nervös zitternden Hände der Großmutter.
Und als mir dann statt aller Worte Tränen aus den Augen stürzten, da war es auch um die Zurückhaltung der Großmutter geschehen.
Mit dem schluchzenden Ruf: »Lottchen, du bist es, Lottchen, mein Kind!« hielt sie mich umschlungen, und ich schluchzte den Jammer meiner Seele an ihrer treuen Brust aus.
Wäre ich doch schon früher zu ihnen gegangen!
Keine Frage nach dem, was ich gefürchtet! Ihnen war es genug, daß ich da war. —
Ach, ich bin so froh, so glücklich! Ich habe einen Platz gefunden, wo ich meinen Schmerz ausweinen kann. — —
Zeit zu langem Reden hatten wir nicht, dafür wird später übergenug Muße sein. Ich mußte vor allem meine Bitte anbringen, mir ein Plätzchen zu geben für meinen armen, toten Gatten.
Der Großvater wurde ernst.
»Das kann ich nicht, Liebling. Ich habe hier keine Rechte zu vergeben. Hier hat nur der Herzog zu bestimmen.«
Der Herzog? Oh, mein Gott! Daß ich daran nicht gedacht!
Mein Kopf brannte, meine Augen glühten.
»Der Herzog! So gehe ich zum Herzog!« rief ich aus.
»Du wolltest?« rief der Großvater.
»Weißt du, zu wem du gehst?« fragte die Großmutter.
»Ich weiß es. Und eben deshalb hoffe ich keine Fehlbitte zu tun. Und warum sollte ich nicht gehen? Nicht ich bin es, die sich hier zu schämen hat.«
Der Großvater neigte das Haupt.
»Mach' was du willst, Kind. Ich bin alt, ich habe nicht mehr viel zu verlieren.«
»Ach, Großvater! Was sollte dir denn passieren? Und wenn der hohe Herr wirklich unzufrieden sein sollte, so kommst du mit mir.«
»Nein, nein, mein Kind! Alte Bäume verpflanzt man nicht mehr. Bring' uns dein Kind, damit wir uns an ihm freuen können. Aber bald!«
»So komm mit und hole sie!« sagte ich rasch. »Du würdest auch mir eine Stütze sein in diesen Tagen.« — — —
Er ist mitgekommen, und Lou ist ganz glücklich über den prächtigen, alten Großvater. —
Morgen gehe ich zum Herzog. Sonderbares Gefühl! Ob sich etwas regt in seiner Brust bei meinem Anblick?
Ob ich meiner Mutter gleiche?
Ich weiß nicht, soll ich ihn hassen oder lieben? —
Keines von beiden! Er ist mir gleichgültig.
Wenn er mir meinen Wunsch erfüllt, bin ich zufrieden.
Sonderbar: mein Vater! Es verbinden sich mir gar keine lieben, herzlichen Gefühle mit diesem Wort.
Eine unharmonische Kindheit, eine schmutzige, traurige Jugend, und doch – wie wunderschön ist es, einen Vater zu haben. Einen Vater, wie er meiner Lou starb. —
Auch dieser Schritt ist getan: ich habe mein Ziel erreicht.
Ich habe an gar nichts gerührt. Ich habe nur gebeten. Als die Enkelin des alten Försters Ruhland. —
Um den letzten, innigen Wunsch meines sterbenden Gatten zu erfüllen, sei ich hier, ich wisse keinen schöneren und passenderen Platz als den in der Heimat, die ich nie vergessen könne. —
»Förster Ruhland hatte nur ein Kind, eine Tochter?« fragte der Fürst mit unterdrückter Stimme.
»Nur eine Tochter, Hoheit. Sie war meine Mutter.«
»Ihre Mutter!« flüsterte er. »Wie alt sind Sie, gnädige Frau?«
»Wie alt? Ich bin schon sehr alt! Geboren bin ich im Juni 1872.«
»Achtzehnhundertzweiundsiebzig,« murmelte er und stützte sich schwer auf die Lehne seines Sessels.
Dann ruhten seine Augen einige Minuten forschend auf meinem Gesicht.
»Ihr Wunsch ist Ihnen erfüllt. Suchen Sie sich den schönsten Platz aus, gnädige Frau – oder darf ich »liebes Kind« sagen? Sie sind doch die Enkelin meines alten, treuen Ruhland....... Ich werde mich bei der Beerdigung Ihres Gatten vertreten lassen.«
Er reichte mir die Hand, und ich drückte dankbar meine Lippen darauf. Ein sonderbares Gefühl arbeitete in mir. Ich hatte ihn hassen wollen. Und nun? Dieser Mann war nicht schlecht, er hatte im jugendlichen Leichtsinn gesündigt. — —
Und jetzt war er nicht glücklich.
Kronen drücken schwer. — — —
»Die Schrulle eines Millionärs« nennen sie hier den Wunsch meines Gatten.
Mein lieber, einfacher Mann. Kann ein Mensch anspruchsloser sein? Er beanspruchte so wenig für sich von seinem Reichtum.
Ist er nicht ganz natürlich dieser Wunsch nach einem stillen, einsamen Ruheplätzchen, wenn man ein so arbeitsreiches, unruhiges Leben hinter sich hat? —
Nun haben wir ihn gebettet. Nichts wird ihn stören als der Schrei eines Nachtvogels oder das Brüllen der Hirsche in ihrer Kampfzeit.
Die Vögel in den Zweigen singen ihm das Schlummerlied. Ihm ist wohl, für uns ist es hart. Wer sich zu der Religion flüchten kann mit seinem Schmerz, der ist wohl daran.
Ach, ich beneide mein Kind, das voller Inbrunst und Hingebung am Grabe des geliebten Vaters betet.
Nun ist wieder Ruhe um mich her.
Wir bleiben noch einige Tage hier bei den Großeltern.
Lou würde am liebsten immer hier bleiben, hier, bei dem toten Vater und bei den lieben alten Leuten.
Nur mir wühlt die Unruhe im Blut.
Eine Aussprache ist unvermeidlich, und ich – ich fürchte sie.
Die Großeltern haben mir das Geständnis leicht gemacht.
Sie schienen zu ahnen, was hinter mir lag.
Ich hatte den Brief vergessen, den ich am Vorabend jenes unseligen Ankunftstages an sie geschrieben hatte. Dieser Brief war das letzte Lebenszeichen von mir. —
War es verwunderlich, daß sie ahnten, in welche Hände ich gefallen?
Sie haben Erkundigungen angestellt, der Onkel in Amerika hat mit Hilfe des deutschen Konsuls alles mögliche versucht – ohne Erfolg.
Mich hatten sie fest und sicher hinter den Mauern jenes verfluchten Hauses. — — — —
Und während meine Lou, mein Liebling, draußen im Walde umherstreift, rollt sich noch einmal die Vergangenheit mit all ihren Schrecknissen vor mir auf. — — —
Wir haben uns ausgesprochen und alles ist – oder vielmehr soll begraben sein.
Zu vergeben hatten sie mir im Grunde nichts – der alte Fluch hatte sich auch an mir erfüllt. —
Die Sünden der Väter. — —
Mir liegt auch alles so weit ab jetzt, der erneute schwere Verlust läßt mir alles klein erscheinen.
Ich habe kein rechtes Glück in der Welt. Alles wird mir genommen.
Ich muß daran denken, wie hoffnungsfreudig ich war, als mein Mann damals um mich warb. Noch einmal lag das Leben schön und begehrenswert vor mir. Nun liegt auch das wieder eingesargt drüben unterm Rasen. — —
Habe ich mein Gelöbnis gehalten?
War ich ihm ein gutes, treues Weib?
Ein guter Kamerad?
Ich war es! Ich habe meine Pflicht erfüllt. Nicht einmal den Mangel an Liebe hat er empfunden.
Ich habe ihn sehr hoch geschätzt, er war der Besten einer. —
Daß ich ihm keinen Sohn schenken konnte, einen Erben für sein Lebenswerk!
Trotzdem ich zuerst erfreut darüber war, keinem Jungen das Leben geschenkt zu haben, hat es mich die letzten Jahre doch oft betrübt. So sehr er auch sein Mädchen geliebt, ein Sohn hat ihm doch gefehlt.
Dort kommt der Mond langsam über die Wipfel der Tannen und wirft sein blasses, kaltes Licht auf das schmale Bett da drüben.
Wo stand ein Bett wie dieses, so schmal, so kalt und schmucklos!
Und ich lag darin – vor langen, langen Jahren – oder war ich es nicht? War es mein Schatten?
Morgen werde ich vor die Großmutter hintreten und Rechenschaft über jene Tage fordern. —
Was man dem Kinde damals vorenthielt, der reifen, geprüften Frau wird man es nicht mehr weigern.
Ich will Aufschluß über Leben und Tod meines Kindes. —
In all den langen Jahren bin ich das quälende Bewußtsein nicht losgeworden, daß ich damals nicht die Wahrheit erfahren habe.
Ich bin jetzt auf einem Punkt angelangt, daß ich auf nichts und niemand mehr Rücksicht nehme.
Noch kurze Zeit, und das große Wasser liegt wieder zwischen mir und der Heimat.
Ich kann nicht schlafen. Die Geister der Vergangenheit umschweben mich und lassen mich nicht zur Ruhe kommen. —
Bist auch du mir nahe, teure Mutter? Und du, Werner, mein Geliebter, mein Retter?
Seid ihr zufrieden mit mir, so gebt mir ein Zeichen!
Fern, ganz fern und schwach tönt feines Klingen im Dunkel des Waldes, wie eine Stimme aus dem Jenseits.
Oder fiel ein Stern klingend vom Himmel?
Ich will schlafen und träumen, vielleicht kommen im Traum die Lieben zu mir, die mir das Wachen versagt. — —