V. Als Stewardeß.
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Eine neue Phase meines Lebens.
Seit drei Tagen bin ich auf der »Nirwana« als Stewardeß. —
Noch kann ich nicht viel sagen, es wäre verfrüht, schon jetzt über irgend etwas urteilen zu wollen.
Der Dienst ist nicht so schwer wie ich gedacht. Kranke Damen bedienen, ihnen etwas zu essen bringen und sonstige intimere Hilfeleistungen, bei denen sie keine männliche Bedienung brauchen können, ab und zu ein Bad fertig machen und den Damensalon in Ordnung halten, das wären so bis jetzt meine Pflichten. Ob noch andere dazu kommen, muß ich abwarten.
Das einfache schwarze Kleid, das ich trage, habe ich durch einen weißen Kragen etwas freundlicher gestalten müssen.
Ich gebe zu, daß das nötig war, man muß doch leicht kenntlich sein zwischen den vielen Passagieren, aber es hat so was Zofenmäßiges an sich, und das mag ich nicht. —
Meine Kollegin, mit der ich die Kabine teile, ist eine ältere Frau, die Witwe eines früheren I. Offiziers der Gesellschaft. Sie hat vier Kinder großzuziehen, und da sie bei dem Tode ihres Mannes vollständig ohne Mittel zurückgeblieben ist, so hat sie die günstige Gelegenheit benutzt. Sie hat recht, was soll eine Frau anfangen, die nichts weiter gelernt hat als einen Haushalt zu führen, wenn sie in eine derartige Situation gerät? Die Beschäftigung hier kommt der häuslichen am nächsten. —
Und von den weißen Häubchen kann man auch eine andere Auffassung haben. Auch Krankenschwestern tragen Häubchen. —
Ja, ja, Frau Marie hat ganz recht, alles hat seine zwei Seiten. —
Alles hat seine zwei Seiten, das merke ich auch im Dienst.
Ich bin in Trauer um meinen Mann, der kaum zehn Wochen tot ist, aber das hält die Männer nicht ab, mich mit begehrlichen Blicken zu verfolgen.
Ich tue doch nun gewiß nichts, um sie zu ermuntern, aber auch gar nichts. Ich war so ruhig, so zufrieden. Mein schwarzes Kleid schien mir Schutz genug zu sein.
Oft muß ich denken, ob ich wohl etwas Besonderes an mir habe, das die Männer reizt? Ich bin doch nicht anders in meinem Auftreten als andere Frauen auch.
Haben die Männer eine besonders feine Nase für gewisse Dinge? Es ist doch beinahe ein Jahr, daß ich aus jener Atmosphäre heraus bin. —
Aber nein, ich brauche keine Angst zu haben, niemand weiß etwas, niemand kann etwas wissen. —
Ich habe meiner Kollegin meine Not geklagt. Sie sagt, das mache meine Jugend und Schönheit. —
Also muß ich wirklich schön sein, wenn sogar die Geschlechtsgenossinnen es unumwunden zugeben.
Ich könnte stolz darauf sein, denn Schönheit ist bekanntlich die größte Macht eines Weibes. Aber Schönheit ist auch eine Gefahr, und für mich war sie die letztere. —
Gewiß, wer klug ist und seine Waffen und Mittel zu gebrauchen versteht, aber ich war bislang eben nicht klug. – Doch werde ich mir jetzt Mühe geben, es zu sein.
Ich bin jetzt alt genug, habe genug durchgemacht, und wenn ich wirklich noch etwas Gutes und Nützliches aus meinem Leben zimmern will, so ist es Zeit. —
Ich muß für mich selbst denken und handeln, ich muß das Andenken meines Mannes ehren.
Mittwoch sind wir in New York, an seinem Grabe werde ich beten. Nicht zu Gott, dem Unsichtbaren, der mich bisher immer verlassen, nein, zu ihm, zu Werner, zu meinem Retter. — —
Gestern war ich endlich bei ihm.
Sie haben ihn schön gebettet, und noch waren die Schleifen und Kränze nicht zerstört, die man ihm von allen Seiten dargebracht hatte.
Lange habe ich an seinem Grabe gekniet und leise Zwiesprache mit ihm gehalten. Er hat mich gehört und verstanden.
Mir war ganz anders zu Sinn, so froh, so voller Zuversicht ging ich auf den Weg.
Er wird mir beistehen, sein Geist wird um mich sein. — —
Wir haben nicht viel Passagiere, ich bin also nicht sehr beschäftigt. Ich bin froh, daß die Tage in New York vorüber sind, ich hatte doch immer noch etwas Furcht, obgleich es ja Unsinn ist. —
Und wenn mich wirklich jemand erkannt hätte, was wollten sie mir tun? Überhaupt, wo drüben die Frauen so viel Rechte haben – das heißt – wenn sie frei sind und Gebrauch davon machen können; denn ich habe damals sehr wenig davon bemerkt. —
Ich habe mich schon ganz nett eingearbeitet. Der Kapitän ist ein vornehmer alter Herr, der mir immer sehr freundlich zunickt, wenn er mir mal begegnet.
Auch der Obersteward, mein direkter Vorgesetzter, ist ganz nett. Sie haben alle Mitleid mit mir, weil ich nach so kurzer Ehe und so jung schon auf mich selbst angewiesen bin.
Überhaupt finde ich, die Männer können unter Umständen ganz nett sein, wenn sie nur nicht immer gleich das Weibchen in der Frau suchen würden. — —
Unter den Passagieren ist ein Rechtsanwalt aus Patterson; schon am dritten Tage machte er mir einen regelrechten Heiratsantrag. Er will meinetwegen wieder mit der »Nirwana« zurück, dann will er mich auf einen Tag abholen, will mir sein Haus zeigen usw. Ich sage zu allem ja. Er kann lange warten; lieber gehe ich nach der Reise gar nicht an Land. —
Gebranntes Kind scheut's Feuer. —
Auf Steuerbordseite in Nr. 65 wohnt ein berühmter Sänger mit seiner Frau. Er ist in Amerika auf einer Gastspieltournee gewesen.
Gestern hatten wir etwas hohe See, da war seine Frau krank, und ich mußte verschiedene Male zu ihr ins Zimmer.
Gegen Abend traf ich auch den berühmten Mann. Er war sehr freundlich und sagte dann zu seiner Frau: ich sei viel zu schade für dieses Leben hier, ob ich kein Talent hätte, um zur Bühne zu gehen. Ich hätte eine wundervolle elegante Figur und sei sehr schön. —
Seine Frau schalt ihn aus und sagte, er solle mir keine Dummheiten in den Kopf setzen. —
Eifersüchtig scheint sie aber nicht zu sein.
Sie hat mich dann gefragt, wie es komme, daß ich so jung schon einen solchen Platz einnehme, da habe ich ihr von meiner kurzen Ehe und von meinem Verlust erzählt; das, was vorherging, habe ich verschwiegen.
Sie sagte, ich sei sehr tapfer. Ob ich gar keine Angehörigen mehr habe? Ich sagte: Nein.
Wozu soll ich mehr sagen? Ich muß lernen, Herz und Zunge im Zaume zu halten. — —
Ich habe mir in der Bibliothek etwas zu lesen geholt. Die Abende sind so lang, wenn man nicht genug zu tun hat, und für Handarbeiten war ich nie.
Es ist ein englisches Buch und heißt: Wenn die Liebe stirbt.
Eigentlich schrecklich, dieses langsame gegenseitige Erkalten zwischen zwei Menschen, die sich einst so heiß geliebt.
Ist das immer so? Und muß das sein?
Dann müßte ich ja glücklich sein, daß Werner von mir gegangen ist. Unsere Liebe war neu, groß, noch täglich im Wachsen.
Sie war wie ein Sonnenaufgang.
Zuerst war ich noch furchtsam und glaubte nicht an mein Glück, bis es dann strahlend wie das Sonnenwunder vor mir stand.
Aber doch – etwas länger hätte es schon währen dürfen. — —
Wieder zu Hause. Ich habe mich so über meinen kleinen Pit gefreut, daß ich wohl geweint habe. Wie war das Tier glücklich! Es konnte mir gar nicht genug seine Freude und Liebe zeigen; den ganzen Abend ist es nicht von meinem Schoß gegangen. Und fein war Pit! Frau Meyer hatte ihm extra ein blaues Schleifchen umgebunden. — —
Ich könnte nun eigentlich ganz zufrieden sein; verdient habe ich auch ganz schön – aber trotzdem, bleiben werde ich nicht in dieser Stellung. Ich betrachte sie nur als Übergang.
Ich werde mir etwas Geld sparen, da ich meine Kost an Bord habe, brauche ich ja wenig, und ich will mich offenen Auges umsehen, um vor allen Dingen einige Bekanntschaften zu machen. —
Wenn ich mit einer älteren Dame aus der ersten Kajüte gehen könnte, wäre es das beste.
Ich muß doch wieder drüben bleiben, so böse mir auch das erste Mal die Neue Welt mitgespielt hat. Nur drüben ist die Möglichkeit für mich, hoch zu kommen.
Man wird doch nicht so sehr nach dem Woher und Wohin gefragt wie in Deutschland. —
Weihnacht auf See.
Es war wunderschön. In jedem Salon war ein Baum auch im Zwischendeck und in den Mannschaftsräumen.
Im ersten Salon ging der Baum bis hinauf durch das große Skylight.
Die Musik spielte überall den Weihnachtschoral, der Kapitän hielt eine kleine Ansprache, es war wirklich wunderschön.
Ich habe natürlich geweint, ganz furchtbar, ich mußte der beiden vergangenen Weihnachten gedenken. —
Als alles vorüber war, habe ich mir ein Tuch umgeworfen und bin noch für einige Augenblicke auf Deck gegangen.
Die Nacht war kalt und klar. Kein Wind und kein Schnee, hoch und rein wölbte sich der Himmel über der unendlichen Weite. —
Es sind meine schönsten Augenblicke, die ich mir auch beim schlechtesten Wetter nicht nehmen lasse.
Auf dem Bootsdeck ist ein wunderschönes Plätzchen zwischen dem Maschinenskylight und dem Rauchzimmer. Hier ist es stets geschützt, auch bei dem schlechtesten Wetter.
Hier kann ich Ich sein. Hier auf diesem stillen Plätzchen, um mich die Unendlichkeit, läßt es sich träumen. Mir ist dann, als ob meine Seele Schwingen bekäme und über die Wellen eilte, um gleichgestimmte Genossen zu suchen. —
Wenn schlechtes Wetter ist, schlinge ich den Arm um den eisernen Pfeiler und lasse mich von den Wellen hin und her wiegen.
Es ist ein Gefühl des Gehobenseins in mir. Losgelöst von aller Erdenschwere schwebe ich mit meiner Seele über die unendlichen Weiten. —
Heut' ist niemand auf den Decks. Was noch nicht schläft, sitzt in den Rauchzimmern und feiert Weihnachten. — —
Auch ich feiere Weihnacht – heimlich und still mit meinem Liebsten. Ob er wohl um mich ist heute? Und du, Mutter?
Ob die abgeschiedenen Seelen sich begegnen im unendlichen Raum?
Dann müßten jene beiden, die mir die liebsten waren auf dieser Welt, zusammen sein. —
Ich muß so viel an das denken, was hinter jenem undurchdringlichen Vorhang liegt, seit er von mir ging. Und doch werde ich auch mit all meinem Grübeln nichts erforschen.
Ist es nicht, als ob jemand auf mich zuschritte, als ob eine strahlende Gestalt auf dem hellen Streif stünde, der über dem Wasser liegt? – Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Kinderglaube – du bist so tröstlich. —
Ich bin müde, so müde! Ich will schlafen gehen. —
Ich weiß nicht – ich war immer so gesund und stark. Hunger und Schlaf verließen mich auch in den schlimmsten Lagen meines Lebens nicht, und nun? Ich grüble und habe schlaflose Nächte.
Was ist mit mir?
Wir haben diese Reise einen Pfarrer an Bord, einen behäbigen Herrn in mittleren Jahren.
Leider widmet er meiner Person mehr Aufmerksamkeit als mir lieb ist. Er scheint zu glauben, daß die Pflichten einer Stewardeß, noch dazu wenn sie jung und hübsch ist, sich auch auf ein anderes Gebiet erstrecken.
Er ist strenger Temperenzler – nur Champagner trinkt er ziemlich viel – because the Doctor says so.
Gestern abend ist er mir auf Deck gefolgt und hat mir einen kleinen Vortrag über seine Gesundheit gehalten, und was ihm außer dem Champagner der Arzt noch verordnet hat.
Dann lud er mich zu einem Glase Sekt ein. Ich lehnte ab, auch sein anderes Angebot mußte ich leider ablehnen.
Ich fühlte ganz und gar kein Bedürfnis, bei dem geistlichen Herrn als Medizin zu fungieren. —
Aber natürlich ist mir mein Erholungsplätzchen für diese Reise verleidet. —
Wir legen auf – vielmehr das Schiff legt auf —: vier Wochen. Ich könnte mich eigentlich auch ein wenig freuen und im Grunde meines Herzens tue ich es wirklich, denn es ist doch ganz schön, wenn man wieder einmal ganz sich selbst gehört, nur wird diese Auflegezeit wieder ein kleines Loch in meine Ersparnisse reißen.
Ein paar hundert Mark habe ich doch schon zusammen, zum Drübenbleiben langt es aber noch nicht. Und die Gelegenheit, mit einer Dame zu gehen, hat sich noch nicht geboten. —
Ich werde in diesen Wochen allerlei ordnen. Vor allen Dingen muß ich Werners Sachen einmal gut durchsehen. Ich muß mich über mich selbst wundern, daß ich so ruhig sein kann bei diesem Gedanken. Vor einigen Monaten hätte ich nichts anrühren können ohne vor Schmerz zu vergehen. Und nun! Sein liebes Bild rückt in immer weitere Fernen.
Die Zeit ist doch die beste Trösterin. Nie hätte ich geglaubt, als ich mein Haupt verzweiflungsvoll in sein Kissen grub, daß ich einmal wieder so ruhig an ihn denken könnte.
Oder bin ich gar nicht fähig, die rechte Liebe zu empfinden und Treue zu halten? Bald werde ich an mir selbst irre.
Ist ein Weib wirklich ein so sonderbares, unergründliches Geschöpf, wie die Buddhisten sagen?
Sind andere Frauen besser oder sind sie nur klüger?
Es ist totenstill im Hause. Die Wirtsleute sind aus, und ich bin ganz allein. Pit liegt auf meinem Schoß, und ich freue mich der Nähe des kleinen, warmen Geschöpfes.
Soeben las ich in einem französischen Buche den Satz: Glücklich sein ist eine Kunst. – Eine Kunst? Ich habe geglaubt, es sei ein Geschenk der Götter.
Ich bin leider kein Liebling der Götter! — —
Ich werde aufatmen, wenn die Auflegezeit vorüber ist. Ich bin nicht geschaffen für ein stilles, ruhiges Leben ohne Zweck und Ziel. —
Als Werner noch lebte, drehte sich alles um ihn. Was ich tat, tat ich für ihn und freute mich immer, wenn alles recht schön bei seiner Heimkehr war.
Jetzt hab' ich niemand, für den ich sorge, nur meinen kleinen, süßen Pit, und der braucht so wenig.
Wieder auf der Fahrt. Ich bin froh, daß die einsamen Tage vorüber sind. Es geht auf das Frühjahr zu, und wie alle an Bord sagen, gibt es nun bald viel zu tun. Schon mit dieser Reise beginnt der Passagierandrang von drüben.
Mir ist es recht. Denn erstens habe ich dann keine Zeit zum Grübeln, und die Unruhe in mir wird durch die Arbeit zum Schweigen gebracht, und zweitens verdiene ich hoffentlich bald recht viel Geld und komme meinem Ziele immer näher. — —
Seit Tagen fühle ich mich nicht recht wohl. Es ist eine Hitze im Schiff zum Ersticken, an Schlaf ist kaum zu denken.
Dazu diese Unruhe in mir! Ich fühle mich so unsicher, eine unbestimmte Sehnsucht quält mich, wonach? — — —
Ich will meinen Schlafrock überwerfen, um noch ein Stündchen auf Deck zu gehen. — —
Das hilft immer. Es ist etwas Großes um diese unendliche Einsamkeit. Nur das Stampfen der mächtigen Riesen im Innern des Schiffes stört. Wie schön muß es auf einem Segler sein!
Ich bin in einer schrecklichen Stimmung in diesen Tagen.
Unzufriedenheit, Mitleid mit mir selbst und ein unbestimmtes Sehnen liegen mir wie eine Krankheit in den Gliedern.
Und habe ich nicht recht, Mitleid mit mir zu haben? Ist es nicht wirklich etwas Bedauernswertes, so ein einsames, verlassenes, junges Geschöpf, wie ich es bin?!
Ein wenig Liebe, ein wenig Güte und Selbstlosigkeit würden mir gut tun, aber wo sie finden?
Man sagt: die Jugend ist nur glücklich in der Erwartung all des Großen und Schönen, was das Leben bringen soll, und das Alter ist glücklich, daß alles vorüber ist. —
Ich habe nicht bemerkt, daß ich jung war, soll ich mir wünschen, alt zu sein? — —
Ich habe eine neue Bekanntschaft gemacht.
Ein Deutschamerikaner, der zu Besuch nach der alten Heimat geht. Vom ersten Tage an habe ich bemerkt, daß er nach mir sah, wenn ich über Deck oder durch den Salon ging.
Schon zu verschiedenen Malen hat er versucht, mit mir zu sprechen. Seine Augen hängen voll unverhohlener Bewunderung an meinem Gesicht. Wenn er jetzt wieder mit mir anfängt, werde ich ihn fragen, warum er ohne seine Frau reist.
Ich muß auf der Hut sein, nicht noch einmal darf ich das Recht zu Selbstvorwürfen haben. —
Mr. Siegel ist nicht verheiratet. Ich habe ihn gefragt, als er heute mit mir zu sprechen anfing.
Ich glaube, er hatte mich abgefangen, als ich von der alten Frau Fletcher kam. Sie ist so krank, daß sie gar nicht aus dem Bett kann, ich muß sie nun immer für die Nacht fertig machen und tue das meist so gegen neun Uhr. —
Als ich nun vorhin von der alten Dame kam, stand Mr. Siegel vor dem Salon und wartete.
Er fragte sofort, warum ich ihm aus dem Wege gehe.
Er scheint ziemlich gerade auf sein Ziel los zu steuern.
Ich sagte ihm, daß ich mich nicht entsinnen könne, ihm aus dem Wege gegangen zu sein, ich wüßte aber auch nicht, daß es zu meinen Pflichten gehöre, mich mit den Herren zu beschäftigen. — —
»Sie wissen ganz genau, was ich von Ihnen will. Sie wissen, daß ich Sie suche vom ersten Tage an. Sie müßten kein Weib sein, wenn Sie das nicht bemerkt hätten.«
»Und wenn ich es bemerkt hätte? Was dann?«
»Dann müssen Sie einen Grund haben, mir auszuweichen. Bin ich Ihnen unsympathisch?«
»Das weiß ich nicht! Darüber nachzudenken hatte ich keine Gelegenheit. Im übrigen kann es Ihnen ja auch gleichgültig sein, ob ich Sie gern oder weniger gern mag. In einigen Tagen sind wir in Europa, dann gehen Sie fort und denken nicht mehr an uns hier. Und für uns kommen andere Passagiere, so daß auch wir nicht mehr lange über die Fortgegangenen nachdenken können.«
»Ich werde aber an Sie denken! Und damit auch Sie mich nicht so rasch vergessen, gebe ich Ihnen hier ein kleines Andenken. In zwei Monaten komme ich zurück, ich hatte eigentlich schon einen Platz auf dem »Moltke« belegt, aber das mache ich sofort rückgängig. Ich fahre wieder mit diesem Dampfer.«
»Das wird wahrscheinlich nichts werden; wir sind ausverkauft bis zum Herbst hinein.«
»Das ist mir einerlei, und wenn ich im Rauchzimmer auf dem Sofa schlafen soll, ich komme schon mit.«
Es kamen Passagiere, und ich lief durch den Salon, unwillkürlich das lange, flache Kästchen, das Mr. Siegel mir in die Hand gedrückt hatte, unter der Schürze verbergend.
Ich lief in mein Zimmer; ich war neugierig, was es war.
Eine wunderhübsche kleine Tasche aus rötlichem Leder mit altsilbernen Beschlägen – so wie sie die Damen in Amerika statt des Portemonnaies tragen, war in dem Kasten. Wunderhübsch! Ja, aber – warum habe ich es angenommen? Ich darf das Ding doch nicht behalten, auf keinen Fall! Und wie kommt dieser Mensch dazu, mir ein solches Geschenk zu machen? Ob er die Tasche an Bord gekauft hat? Oder drüben?
Einerlei, was geht es mich an. Sofort morgen früh werde ich mich erkundigen, wo er wohnt, und werde ihm die Tasche durch seinen Zimmersteward wieder zurückgeben lassen.
Schade! Sie ist reizend! — — — —
Ich war noch ein Stündchen auf Deck. Ach, es ist wundervoll.
Allein mit der Natur! Gibt es etwas Erfrischenderes als diese herbe, kräftige Seeluft? Wenn man barhäuptig dasteht und sich anblasen läßt?
Ich fühle mich dann wie ein Mann, stark, kräftig, unternehmungslustig. Ach ja, ein Mann! Ich möchte ein Mann sein. Ein Seemann!
Fechten mit Sturm und Wetter. Die Kräfte messen an den Aufgaben, die Natur und Technik uns stellt. —
Aber ich bin nur ein Weib – ein schwaches Weib – wie man sagt.
Warum sind wir schwächer als die Männer?
Und sind wir es denn wirklich?
Könnte ich nicht ebensogut mit Ölrock und Südwester da oben stehen, wie der vierte Offizier, dieser kleine dicke Junge, der aussieht wie ein recht gut gefüttertes Muttersöhnchen?
Aber nein, ich bin ein Mädchen, ich muß recht schön hier unten bleiben, muß zufrieden sein, wenn ein Mann sich herbeiläßt, mir seine Aufmerksamkeit zu schenken. —
Der Teufel hole sie alle! Was will nun dieser Siegel wieder von mir? Warum stört er meine Ruhe?
Ich könnte ihn schon leiden, er ist ein rechter Mann. —
Ein offenes, schönes Auge, kurzes, starkes Haar und einen wunderhübschen Mund, eigentlich viel zu schön für einen Mann.
Auch seine ganze Art und Weise gefällt mir.
Wie alt er wohl sein mag? Nicht mehr sehr jung. Fünf-, sechsunddreißig? Viel zu alt für mich mit meinen achtzehn Jahren. – Lotte, Lotte, wohin verirrst du dich! Geh schlafen, dann vergehen dir die dummen Gedanken. — —
Der Steward hat mir die Tasche wiedergebracht, Mr. Siegel kenne sie nicht; es sei wohl ein Irrtum. —
Nun liegt sie wieder in meiner Koje. Was mache ich damit? Ich kann das hübsche Ding doch nicht einfach über Bord werfen! Der Mann zwingt mich wirklich dazu, an ihn zu denken. —
Morgen kommen wir an. Mr. Siegel hat mich diese Tage nicht wieder angesprochen, nur heute abend war er mir auf Deck gefolgt.
Er muß doch also gewußt haben, daß ich abends immer noch nach oben gehe. Nett von ihm, daß er mich bis jetzt nicht gestört hat. Er will allen Ernstes mit uns zurück und hofft, daß ich dann etwas liebenswürdiger zu ihm bin.
Ich habe ihm gesagt, daß ich niemals anders zu ihm sein würde. Überhaupt solle er mich in Ruhe lassen. Die Männer seien alle schlecht, er auch – gewiß, er auch! —
»Liebes Kind, wer sagt Ihnen, daß die Männer so schlecht sind? Haben Sie so früh schon böse Erfahrungen gemacht?«
Ich antwortete nicht. Ich wurde ganz verlegen – – wenn er wüßte – –!
»Ich habe gehört, daß Ihnen Ihr Mann nach kurzer Ehe gestorben ist. War er nicht gut zu Ihnen? Undenkbar!«
»Oh, mein Mann!« rief ich, und stockte, in diesem Ausruf lag schon viel zu viel. —
»Ich will Ihnen jetzt Lebewohl sagen,« fuhr Mr. Siegel fort. »Lebewohl und auf Wiedersehen. Denn ich werde Sie wiedersehen. Und versuchen Sie einstweilen, ohne Vorurteil an mich zu denken. Ich war bis jetzt noch nie schlecht gegen eine Frau. – Ich hatte keine Zeit, mich mit ihnen zu beschäftigen, weder im Guten noch im Bösen. Jetzt habe ich Zeit, da dürfen Sie es mir nicht verdenken, wenn ich mich freue, daß mir ein solches Prachtexemplar in die Hände läuft. Doch nun Adio. Auf Wiedersehen in acht Wochen.«
Er gab mir nicht die Hand, er zog nur seinen Hut und blieb stehen, bis ich die Treppe zum Bootsdeck hinauf war. —
Zwei Stunden später.
Ich kann wieder mal nicht schlafen. Ich liege und simuliere und grüble, bis mir die Schläfen hämmern.
Diese Männer! Warum beunruhigt mich nur das alles? Was will er von mir?
Welche Frage! Was sie alle von uns wollen. Außer ihm, außer Werner.
Schütze du mich, Liebster, schütze mich vor mir selbst, vor meinen eigenen, jungen, sehnsüchtigen Gedanken. --
Herrn Siegel habe ich nicht mehr gesehen bei der Ankunft. Es war solch ein Trubel. Die Empfangs- und Zollhalle ist viel zu klein bei so vielen Passagieren.
Ein prachtvoller Rosenstrauß wurde mir heute früh von einem Gärtnerburschen gebracht.
Nur eine Karte war dabei. »C. W. Siegel« – sonst nichts.
Herr Siegel sorgt also dafür, daß ich ihn nicht vergesse. —
Mein kleiner Pit freut sich immer, wenn ich komme. Es ist merkwürdig, wie anhänglich so ein Tier ist.
Es ist für mich ein Trost, doch etwas zu haben, was mir ganz und gar gehört; ich möchte mich nie von ihm trennen, ist es doch auch noch ein Stück Erinnerung an mein kurzes Eheglück. —
Seit drei Tagen sind wir wieder auf See.
Ich habe diesesmal ein kleines, dreijähriges Mädchen in meinem Zimmer, ein reizendes, kleines Ding.
Die Mutter ist in New York und erwartet dort ihren Liebling.
Eine ältere Dame brachte das Kind in Southampton an Bord. Ich habe sehr viel zu tun, jede freie Minute muß ich dem Kinde widmen. Es ist nur gut, daß wir nach drüben zu jetzt nicht so viel Passagiere haben, so bleibt mir doch etwas mehr Zeit für die Kleine. —
Tagsüber setze ich die Kleine oft ein Stündchen in den Damensalon. Die Damen beschäftigen sich dann alle gern ein wenig mit ihr, und ich kann in dieser Zeit etwas anderes erledigen. Auch ein Herr ist zwischen den Passagieren, der sich oft eine ganze Weile mit dem Kinde beschäftigt.
So nett und lieb spielt er mit ihm, wie ich es einem Manne gar nicht zugetraut hätte. Heute Nachmittag habe ich ihm eine Zeitlang zugesehen, ohne daß er mich bemerkte. —
Mir kam Werner in den Sinn. Wie schön, wenn mir dieses Glück beschieden gewesen wäre. —
Vorbei – für mich scheint kein ruhiges Glück im Schoße der Zeit zu harren. —
Heute morgen um zehn Uhr waren wir bei Sandy Hook Feuerschiff und sollten schon gegen zwölf Uhr am Pier in Hoboken sein.
Aber es wurde nachmittags zwei Uhr, ehe wir anlegten. Wie auf Bestellung kam ein Nebel, dick wie ein Londoner Novembernebel.
Wir mußten warten, bis es sich wenigstens ein klein wenig aufgeklärt hatte, um durch die hier stets massenhaft aus- und einfahrenden Schiffe durchzukommen.
Schrecklich ist so eine Verzögerung. Die Passagiere stellen sich dann an, als wäre der Kapitän und die ganze Schiffsbesatzung für das Wetter verantwortlich, und sie verlören durch die kleine Verzögerung mindestens ein halbes Vermögen.
Unangenehm ist das Warten ja, aber am unangenehmsten doch für die am Pier stehenden Angehörigen. Diesesmal speziell für die in Angst und Sorge wartende Mutter der kleinen Elsie.
Sie stand unten, als das Schiff anlegte. Ich hatte das Kind auf dem Arm und lehnte mich an die Reeling. Durch ihr heftiges Winken wurde ich aufmerksam und zeigte der Kleinen die Mutter, doch das Kind schien sie nicht mehr zu kennen.
Der Steg war noch nicht fest, da versuchte die Mutter als erste heraufzulaufen; man hielt sie fest. Der erste Offizier, der am Fallreep stand, hatte Mitleid mit der Ärmsten und holte sie herauf.
Nie werde ich den Schrei vergessen, mit dem sie auf mich zustürzte. Sie wollte mir das Kind aus dem Arm nehmen, brach aber buchstäblich vor meinen Füßen zusammen. —
O, Mutterliebe, du rätselvolles Heiligtum, wirst du auch mir noch aufgehen? — —
Den Bemühungen des Arztes gelang es bald, die junge Frau zur Besinnung zu bringen. Sie saß dann noch ein Stündchen im Damensalon, ihr kleines Mädchen neben sich, und freute sich, es glücklich hier zu haben.
Sie wußte gar nicht, wie sie mir danken sollte, daß ich ihr ihren Liebling gebracht.
Als sie fortging, wollte sie mir etwas geben – Geld – ich habe es nicht genommen. So gern ich Geld verdiene, hier war es mir unmöglich, etwas zu nehmen. Die Frau sah überdies nicht danach aus, als ob sie mit Glücksgütern allzu reichlich gesegnet sei. —
Sie will mich in den nächsten Tagen noch einmal besuchen. Darauf freue ich mich.
Mr. Siegel hatte ich ganz vergessen über meinem kleinen Passagier. Heute wurde ich wieder an ihn erinnert.
Ein Korb wundervoller Rosen wurde für mich abgegeben. Alle tiefdunkelrot. – Der Brief, der die Bestellung enthalten hat, muß mit uns gegangen sein.
Es ist doch wirklich zu reizend von ihm! Aber – Vorsicht! War nicht Herbert Smith auch sehr aufmerksam?
Wir sind in Amerika, im Lande der Freiheit!
Man hüte sich also!
Wir haben noch mehr Passagiere auf der Rückfahrt als wir erwartet hatten. Alles drängt aus diesem Fegefeuer fort. Uns wird es schon die paar Tage zu viel.
Im Pier ist aber die Hitze auch zeitweise unerträglich.
Kein Luftzug, dazu nachts diese hochbeinigen Plagegeister, die Moskitos. —
Am Tage vor der Abfahrt war ein Kohlenzieher an Land gewesen und hatte des Guten etwas zuviel getan; in seinem Dusel legt er sich zwischen die Warenballen im Pier und schläft ein.
Am andern Morgen konnte er nicht aus den Augen sehen, so zerstochen war er. Sein Gesicht sah aus wie eine riesige Melone. —
Bald sind wir wieder daheim. —
Ich bin wirklich begierig, ob mich auch da wieder ein blühender Gruß erwartet. Es würde mir etwas fehlen, wenn dem nicht so wäre..........
Dieser Mann kennt die Frauen, obgleich er sagt, daß er bis jetzt noch keine Zeit für sie gehabt habe. —
Ich kann mich gar nicht mehr darauf besinnen, was er für Augen hat. In den Augen liegt das Herz........
Ich bin eine zu schlechte Menschenkennerin, da wird es mir wohl mit den Augen ebenso gehen. —
Wir haben nichts Besonderes an Bord diese Reise. Nach und nach habe ich mich auch schon so eingelebt, daß ich gar nicht mehr nach dem Einzelnen hinsehe.
Irgend etwas passiert ja jede Reise. Auch nette Damen, die den Herren gern gefällig sind, gibt es fast immer dabei, man wird als Stewardeß doch so manches gewahr. —
Ich bin ja nun auch nicht mehr so dumm. —
Diesesmal ist in Nr. 42 eine Jüdin, ein schönes, üppiges Weib, ich möchte darauf wetten, daß der Geigenvirtuose aus Nr. 10 nicht nur zu einer Tasse Tee zu ihr geht, wenn er abends um zehn Uhr immer so rasch ins Zimmer schlüpft. — —
Morgen sind wir da. Ich bin ganz unruhig vor lauter Erwartung, ob ein duftender Gruß da ist.
Dieser böse Mensch bringt mit seinen Rosen meine ganze, mühsam erzwungene Ruhe wieder in Aufruhr.
Was er wohl ist? Ob er ein Geschäft hat? Oder vielleicht Farmer? Das wäre schön! Ich mochte immer gern auf dem Lande sein, nur einmal hatte ich Sehnsucht nach der Stadt. —
Aber was fällt mir denn ein! Ich glaube, ich träume wachenden Auges. Was geht es mich an, was dieser Mann ist?
Aber seine Rosen sind doch schön.
Rote Rosen! Rot wie Rubinen oder wie Blutstropfen, die aus dem Herzen eines liebenden Weibes strömen.
Gleich bei meiner Ankunft wurde mir ein Korb gebracht.
Ich war ordentlich zufrieden als sie ankamen. Als ob ich ein Recht darauf hätte.
Das Herz ist ein sonderbares Ding, die besten Vorsätze wirft es über den Haufen. —
Ich will noch bis Oktober fahren, dann bleibe ich drüben. —
Ich werde auf dieser Reise einmal zu den Pfarrersleuten gehen in der II. Avenue; die sind lange im Lande, über dreißig Jahre, die werden mir gewiß raten.
Bis jetzt war ich noch nicht ein einziges Mal in New York; es war mir immer noch etwas unbehaglich bei dem Gedanken. Nur Hoboken und der Kirchhof auf dem Berge, das waren meine Ausgehziele.
Nach Werners Grab mochte ich die letzte Zeit gar nicht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. – Ich habe immer das Gefühl, als ob Werner es wissen müßte, daß ich ihm untreu war, wenn auch nur in Gedanken. Doch wenn er es weiß und als verklärter Geist oder als Astralkörper um mich ist, dann wird er auch mein Inneres kennen, wird die Leidenschaften und Triebe verstehen, die die Natur in mich gelegt – und mir verzeihen. —
Der Rechtsanwalt ist diese Reise wieder hier.
Er kam gleich auf mich zu, als die Passagiere ankamen, und schien sich wirklich zu freuen.
Es kann ja sein, daß er ein ganz guter Mensch ist und absolut nichts Böses mit mir im Sinne hat, aber nach meiner schlimmen Erfahrung von damals sehe ich beinahe in jedem männlichen Wesen einen Schuft. —
Wir haben auch schon wieder allerlei Passagiere nach drüben zu, da die Heimkehr der Vergnügungsreisenden bereits wieder einsetzt. —
Abends elf Uhr.
Ich habe wieder einmal ein Stündchen auf meinem Lieblingsplätzchen gesessen. Wir haben so wunderbar schönes, klares Wetter, daß man meint, die hellen, leichten Wölkchen, die da und dort eilend am Himmel hinziehen, wären von der Hand eines gottbegnadeten Künstlers auf diesen durchsichtigen Hintergrund gemalt.
Mit sehnsüchtigen Blicken folgen ihnen meine Augen.
Was drängt und treibt in meiner Brust? Wo liegt für mich die Zukunft? Die Zukunft und das Glück?
Wenn ich nur nicht mehr so gar jung wäre! Wie ruhig und zufrieden ist meine Kollegin, sie freut sich, wenn sie so viel verdient, daß sie gut für ihre Kinder sorgen kann, weiter gehen ihre Wünsche nicht. Wäre ich wenigstens vierzig Jahre alt. Vierzig Jahre! Eine lange Wegstrecke liegt vor mir bis dahin. Werde ich sie allein zurücklegen oder –?
Die Luft ist klar und rein, ich aber stehe wie in einem dicken, undurchdringlichen Nebel.
Was verbirgt er vor mir? —
Geh schlafen, Lotte, geh schlafen! Was hilft dein Grübeln über Jugend und Alter, solange noch das Blut heiß und verlangend durch die Adern pulst.
Ach, es ist schwer, den ruhig abgemessenen Schritt der reiferen Jahre zu wandern. — —
Mr. Turner, der Rechtsanwalt, bat mich heute, ihm einen Tag zu bestimmen, an dem ich mit ihm ausgehen wolle.
Ich habe ihm gesagt, ich ginge nicht mit fremden Herren spazieren.
Er machte mir darauf den Vorschlag, noch jemand von Bord mitzunehmen, falls ich nicht mit ihm allein gehen wolle.
Wir sollten bei ihm zu Mittag essen und Nachmittags würden wir eine schöne Ausfahrt machen, in den Centralpark oder nach Coney Island hinüber. Da hätte ich nun wirklich Lust. Von Coney Island habe ich schon so viel gehört. – Aber wen soll ich mitnehmen?
Ich muß mal mit meiner Kollegin sprechen. —
Gestern abend hatten wir ein tragikomisches Erlebnis in der zweiten Kajüte. Im zweiten Salon war Konzert; ich ging über den Vorplatz, um noch einige Minuten auf Deck zu gehen; da wurde gerade der Brautchor aus Lohengrin gespielt.
Ich blieb an der Treppe stehen und hörte zu. Da kam eine Dame aus dem Salon und verwickelte mich in ein Gespräch; wir setzten uns auf das Sofa und plauderten immer weiter.
Im Salon wurde mittlerweile ein Gassenhauer oder so etwas Ähnliches gespielt, bei dem die Musiker mitsangen. Am Schluß kam immer der Refrain: Aujust, sollst mal runter kommen! Aujust! Aujust! —
Neben dem Salon am Fuße der Treppe liegt auf der Backbordseite die Herrentoilette. —
In dem Augenblick als im Salon das Singen aufhörte, flog die Tür zur Toilette auf; der Rechtsanwalt, notdürftig sein Beinkleid mit den Händen haltend, stürzt angsterfüllt einige Stufen die Treppe herauf auf uns zu und stammelt: »Feuer? Feuer im Schiff?« Dann brach er zusammen.
Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was los war, dann begriff ich den Zusammenhang. —
Aujust – Feuer. So hatte er mißverstanden.
Der arme Kerl, er schämte sich hernach seiner Furcht, und am andern Tage war er ganz krank, er hatte einen richtigen Nervenchock gehabt. Der Vorfall kam auch vor den Kapitän, und in Zukunft dürfen solche Sachen nicht mehr gespielt werden. Obgleich die Passagiere, wenn sie in Stimmung sind, immer gerade diesen Blödsinn haben wollen. — —
Mr. Turner ist wieder wohlauf. Zuerst schien es ihm ein wenig peinlich zu sein, daß ich ihn in dieser Verfassung gesehen, aber am zweiten Tage hatte er sein ganzes Selbstbewußtsein wiedergefunden. Er läßt nicht nach mit Bitten, einen Tag mit ihm auszugehen. —
Frau Martens, meine Kollegin, will mich begleiten, und außerdem will unser Kapellmeister, der ein Landsmann von Frau Martens ist, auch noch mit.
Er sagte zwar zu mir: »Wenn der Mensch etwas Böses im Schilde führt, nützt unsere Begleitung auch nichts. Wenn er mit Ihnen allein sein will, braucht er bloß einen Schutzmann anzurufen und ihm zu sagen, daß wir ihn belästigen, und sofort werden wir beide mitgenommen. Der Rechtsanwalt gibt seine Adresse an, und der ehrenwerte Hüter des Gesetzes weiß, daß er am anderen Tage ein schönes Geschäft macht. —
Uns beide lassen sie nach einigen Stunden laufen, sie haben sich dann eben geirrt.« —
Ja, ja, in Amerika wird alles gemacht. — —
Wir gehen doch! Der Kapellmeister ist schon öfter in Coney Island gewesen und sagt, es sei sehr interessant. Und ich möchte zu gern mal hin. Seit ich hier an Bord bin, war ich noch nicht ein einziges Mal an Land, außer auf dem Kirchhof. Auch da will ich hin in diesen Tagen. Ich muß zu Werner, um in seiner Nähe meine Gefühle zu prüfen. Ich bin über mich selbst in Unruhe.
Acht Monate sind es her, seit Werner tot ist; ich dachte damals, ich würde nie wieder lachen können, würde nie wieder an ein Vergnügen denken, und jetzt?
Ich schäme mich manchmal meiner selbst. —
Heute, am Ankunftstag, war auch wieder ein Korb Rosen für mich da. Ich hatte beinahe nicht daran gedacht über all dem Ankunftstrubel. —
Wir hatten einen Ausreißer an Bord und wußten nichts davon. Erst als bei Sandy Hook Bundesmarschall Bernhard an Bord kam, erfuhren wir, was wir für interessante Ladung gehabt hatten.
Einen Bankdirektor mit seiner Geliebten.
Dieser Bernhard ist ein schrecklicher Spürhund, er hatte die beiden sofort.
Der Herr, der unter anderm Namen in die Passagierliste eingetragen war, wurde leichenblaß, als Bernhard ihn plötzlich ganz jovial mit seinem rechten Namen anredete. Er tat mir ordentlich leid.
Nun müssen beide wieder mit zurück, aber dieses Mal nicht in der ersten Kajüte. — —
Ich habe erst heute, nachdem wir schon wieder zwei Tage auf See sind, einige Minuten Zeit, ein wenig mit dir zu plaudern. —
Ich bin also wirklich mit Mr. Turner ausgewesen. Frau Martens und der Kapellmeister sind mit mir gegangen.
Mr. Turner holte uns am Ferryboot ab und ging erst mit uns nach dem Hoffmannhaus, wo wir ein Glas Wein tranken. Dann rief er ein Auto und fuhr mit uns durch den Park. —
Ich wäre furchtbar gern mal den Broadway hinauf gefahren und hätte nach dem Hause gesehen, aber ich wagte nicht, etwas davon zu sagen.
Wer weiß auch, ob ich es gefunden hätte. Ich bin bei Nacht heraus, ich weiß nicht mal, wie es aussieht. —
Nach der Fahrt haben wir dann am oberen Broadway gegessen; geluncht, wie man hier sagt.
Mittags um eins lunchen sie und abends um sechs essen sie zu Mittag. —
Nachdem fuhren wir hinüber nach Coney Island.
Mr. Turner war sehr nett und ganz anständig zu mir. Aber – aber – ein Wolf im Schafspelz ist er doch. —
Unterwegs hat er mir erzählt, er habe keine Frau, und nun ist er doch verheiratet, deshalb hat er auch im Restaurant mit uns gegessen. Er sagt natürlich, er lebe schon seit Jahren getrennt von seiner Frau, innerlich seien sie schon längst geschieden und nur der Kinder wegen dränge er auf keine öffentliche Scheidung.
»Bis jetzt ist es mir auch gleichgültig gewesen,« sagte er im Laufe des Gesprächs. »Aber seit ich Sie gesehen, drückt mich die Fessel. Noch nie habe ich ein Weib gekannt, das all meine Sinne und Gedanken so gefangen genommen hat wie Sie. Könnten Sie mich lieben? Könnten Sie vergessen, daß ich kein freier Mann bin, und könnten Sie trotzdem Ihr Geschick in meine Hände legen? Ich würde alles für Sie tun!«
»Wie meinen Sie das? Sie sagten doch selbst, daß Ihre Frau noch lebt.«
»Ich sagte Ihnen doch, heiraten kann ich Sie nicht, so gern ich auch möchte. Aber trotz alledem, Sie sollen leben wie eine Fürstin, wenn Sie mich nur ein klein wenig wiederlieben.........
Ich bin reich, reicher als die Welt vermutet. Sie sollen alles haben, was Ihnen das Leben angenehm machen kann. Reisen, Schmuck, Toiletten, eine reizende kleine Wohnung, und nichts anderes sollen Sie mir dafür geben als sich selbst, Ihren schönen jugendlichen Körper, Ihre Liebe.«
– Nichts anderes?!! – Ah!
»Und Ihre Frau?«
»Oh, meine Frau!« sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Was geht sie mich an? Ich gebe ihr genug, daß sie ein vornehmes Leben führen kann, mehr verlangt sie nicht von mir. Das einzige, was mich an unser Haus fesselt, sind die Kinder. Keinen Augenblick würde ich mich besinnen, meine Ehe zu lösen, wenn die Kinder nicht wären.« — —
Er sprach gut, der Herr Rechtsanwalt, und vielleicht hätte er Erfolg gehabt, hätte eine andere neben ihm gesessen, ein harmloses, dummes Ding. Aber so!
Doch es hieß vorsichtig sein, ihn nicht vor den Kopf stoßen, damit unser schöner Ausflug nicht mit einem Mißton endete. —
Frau Härtens und Herr Lünsberg saßen auf der andern Seite des Fährbootes – wir waren auf der Rückfahrt von Coney Island – und unterhielten sich; sie ahnten nicht, was Herr Turner für wunderschöne Luftschlösser vor mir aufbaute.
»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Turner. Aber Sie werden verstehen, es ist eine Sache, die überlegt sein will. Geben Sie mir eine Reise Bedenkzeit, ich will mit mir zu Rate gehen, es ist doch immerhin eine einschneidende Frage, die Sie da an mich stellen.«
»Gewiß, gewiß, das kann ich verstehen. Nur sagen Sie mir das eine, lieben Sie einen andern Mann?«
»Nein,« sagte ich mit voller Überzeugung, »ich liebe keinen Lebenden. Der einzige, den ich geliebt, der liegt drüben in Jersey City unterm kühlen Rasen.«
Er schwieg einen Augenblick, die Erinnerung an den Tod war ihm wohl etwas unbehaglich. Dann fuhr er rasch fort:
»Dann bin ich beruhigt. Wenn mir sonst nichts im Wege steht, werden Sie mich lieben lernen. Ich werde so gut zu Ihnen sein, daß Sie gar nicht anders können.«
Ich schwieg. Was sollte ich darauf erwidern? Mochte er glücklich sein in dem Gedanken. —
Als wir in New York ankamen, war es bereits neun Uhr. Doch Mr. Turner in seiner frohen, siegesgewissen Stimmung ließ uns noch nicht los. Wir mußten noch mit ihm dinieren. Er fuhr uns zum Atlantic-Garden, einer kleinen Oase in dem Steinmeer der Großstadt, und da haben wir noch ein paar wirklich vergnügte Stunden verlebt.
New York kann also auch schön sein, wenn man es in der rechten Gesellschaft und in der rechten Beleuchtung sieht. —
Unser splendider Gastgeber ließ ein Menü zusammenstellen, das sich essen ließ. Dazu einen wirklich guten Chambertin. —
Wir waren alle in bester Stimmung, unser Kapellmeisterchen hatte sogar einen regelrechten kleinen Spitz.
Alle unsere guten Vorsätze waren vergessen, und wenn jetzt der Rechtsanwalt etwas Böses im Schilde geführt hätte, wäre es ihm nicht schwer geworden, es auszuführen. —
Aber er selbst war viel zu selig, zweimal selig: vom Wein und von der Liebe. — —
Es war ein schöner Tag, ich kann nicht anders sagen, und es hat mich nicht gereut, mitgegangen zu sein. Die Arbeit geht noch einmal so gut von der Hand, wenn man dazwischen auch einmal ein wenig Vergnügen hat. Schwarzbrot allein schmeckt auch nicht immer. —
Wir haben zur Heimreise das Schiff nicht mehr sehr voll; im August flaut es immer stark ab. Auf der nächsten Ausreise werden wir dafür um so mehr Passagiere haben; sicher sind auch alle Offizierszimmer vermietet. —
Ob wohl Mr. Siegel mitkommt? Ob er noch einen Platz erhalten hat? Ich muß doch sehen, daß ich so bald wie möglich eine Passagierliste bekomme. —
Ich bin wirklich neugierig – nur neugierig. — —
Ich will froh sein, wenn diese Reise zu Ende ist. Ich habe eine Unruhe in mir, die mich kaum schlafen läßt. —
Ist es die Ahnung vor etwas Unbestimmtem?
Wenn ich jemand hätte, der mir nahe stünde, so würde ich fürchten, es sei etwas passiert, aber so? Wessen Geschick geht mich etwas an? Nur mein kleiner Pit freut sich auf mein Kommen, sonst niemand. — —
Der übliche Rosenstrauß erwartete mich, aber kein Wort, ob er kommt. Ich bin so erregt, daß ich gar nicht weiß, wie ich die Tage hinbringen soll.
Warum beunruhigt mich dieser Mann so mit seinen Blumen?
Eine leichtsinnige Tändelei sieht ihm nicht ähnlich.
Dieser breitschultrige, kräftige Mann mit den scharfen Zügen hat mir nicht den Eindruck gemacht, als ob er seine Zeit mit Nichtigkeiten hinbrächte.
Wäre es doch schon Mittwoch! Die Tasche habe ich noch nicht ein einziges Mal gebraucht, wann sollte ich auch? Noch bin ich in Trauer um meinen Gatten, und meine schwarzen Kleider vertragen keine so prunkvollen Beigaben. — —
Morgen fahren wir ab. Ich bin in einer Unruhe, für die ich mir selbst am liebsten die Erklärung schuldig bliebe.
Ich kann nicht sagen, daß ich mich glücklich fühle, im Gegenteil, mir ist ganz miserabel zumute. --
Ich habe mir die Passagierliste beim Obersteward durchgesehen, sein Name ist nicht darin. —
Aber was geht es schließlich auch mich an, mit welchem Schiff Mr. C. W. Siegel aus Chikago nach Hause fährt.
Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, Lotte, und schäme dich! Jawohl, schäme dich! Schreib' es ruhig nieder, damit du es schwarz auf weiß vor dir hast. Gefällt es dir? Ganz ohne beschönigendes Mäntelchen? Denkst schon wieder an einen Mann und läßt dich durch den Gedanken an ihn beunruhigen, noch ehe dein Gatte ein Jahr tot ist!
Er, der so gut zu dir war und den du nie vergessen wolltest! —
Gewiß, ich schäme mich. Aber gibt es nicht doch eine Entschuldigung für mich? Ist es nicht natürlich, wenn ich in meinem Alter den Wunsch habe, noch einmal wieder in andere Verhältnisse zu kommen. Und daß ich dies nur an der Hand eines guten, starken Mannes kann, weiß ich jetzt. Hätte ich etwas Tüchtiges gelernt, dann wäre es etwas anderes, aber so?
Ich möchte recht stark und selbständig sein. Ein Weib wie Katharina die Zweite oder, um in der Jetztzeit zu bleiben, wie Henriette Goldsmith. Zielbewußt und kraftvoll.
Vielleicht werde ich es noch. Schicksal und Schicksalsschläge schmieden Charaktere.
Und ich will mir Mühe geben, ein ganzer Mensch zu werden. —
Die Männer sind besser daran als wir Frauen, schon von klein auf wird mehr Selbstbewußtsein in sie hineingepflanzt. —
An uns rächt sich die alte Vernachlässigung. —
Nur ein Mädchen!
Ich habe mir immer gewünscht, ein Mann zu sein, nun will ich mein Bestes tun, um ein kraftvolles, selbstbewußtes Weib zu werden. —
Er ist doch da. Und ich habe mich gefreut, als ich ihn das Fallreep heraufkommen sah, als ob mir Gott weiß was widerfahren wäre. —
Wenn ich mir selbst Rechenschaft ablegen sollte, warum ich mich so gefreut, so kann ich es nicht sagen, und doch ist es so; dich, mein kleines Buch, brauche ich ja nicht zu belügen.
Es war mir, als würde ein Druck von meinem Herzen genommen.
Auch seine Augen leuchteten auf, ich sah es wohl, bin dann aber rasch nach unten gegangen in mein Zimmer.
Mittags ein Uhr gingen wir in See, und jetzt ist es vier Uhr.
Ich habe eine abergläubische Furcht, aus der Kabine zu gehen, und doch muß ich mich jetzt nach meinen Passagieren umsehen. Also geh' an die Arbeit, Lotte, wovor fürchtest du dich? Fürchtest du dich vor etwas, das du herbeigesehnt?
Das Herz ist ein sonderbares Ding, es will oft ganz etwas anderes als – als – Lotte, Lotte – sag' ruhig die Wahrheit. —
Mr. Siegel hat meine Gewohnheit nicht vergessen.
Nachdem ich ihn den ganzen Nachmittag nicht gesehen, stand er auf Deck, als ich etwas nach neun Uhr nach oben ging. —
Um die Wahrheit zu sagen – ich hatte es erwartet. Es wäre widersinnig gewesen, wenn er mich nicht gesucht hätte. —
Die Rosengaben wären dann nur einer Laune entsprungen, und danach sieht er mir nicht aus. —
Als ich die Treppe zum Bootsdeck heraufkam, war ich vom Licht noch etwas geblendet und konnte die dunkle Gestalt an der Ecke des Skylights nicht gleich entdecken. —
»Guten Abend, Frau Lotti,« scholl eine gedämpfte Stimme aus dem Halbdunkel.
Ich war im Augenblick doch etwas erschrocken.
»Oh! Sie sind es, Mr. Siegel! Wie geht es Ihnen?«
»Ausgezeichnet! Und Ihnen? Haben Sie zuweilen an mich gedacht?«
»Dafür haben Sie ja gesorgt. Ich muß mich wohl bedanken für die schönen Blumen – aber – warum haben Sie das getan? Warum —«.
»Warum? Das fragen Sie noch? Aber ich will es Ihnen erklären, wenn es einer Erklärung bedarf, wenn Ihnen Ihr Herz nicht selbst die Antwort gibt. Sagen Sie mir die Wahrheit, Frau Lotti, muß ich Ihnen wirklich mein Tun mit dürren Worten erklären?«
Ich wurde über und über rot, es war gut, daß es dunkel war, so sah er meine Verlegenheit nicht. Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte.
Es ist schrecklich! Vorläufig bin ich noch weit von meinem Ideal entfernt. —
Mr. Siegel fuhr fort: »Sagen Sie mir nur das eine: Haben Sie zuweilen an mich gedacht?«
»Das mußte ich schon. Ihre schönen Rosen sorgten dafür, daß ich den Spender nicht vergaß.«
»Und haben sie Ihnen Freude gemacht?«
»Gewiß, das heißt bedingungsweise. Um die Wahrheit zu sagen, haben sie mich mehr beunruhigt als erfreut. Kurz und gut – Sie hätten es nicht tun sollen, Mr. Siegel.« —
Ich hatte meine Verlegenheit überwunden und sprach nun ruhig und sachlich.
Einen Augenblick schwieg er und sah mich forschend an, dann sagte er kurz und ohne Umschweife: »Wollen Sie meine Frau werden?«
Das war kurz und bündig.
Einen Augenblick blieb es still zwischen uns, dann sagte ich langsam: »Wissen Sie denn auch, wen Sie zu Ihrer Frau begehren?«
Einen Moment stutzte er, dann sagte er: »Ich frage nicht nach dem Woher. Ich verlasse mich auf meine Augen und auf meinen Instinkt. Ich habe mich bis jetzt noch nie geirrt, wenn ich mir jemand für eine wichtige Sache ausgesucht habe. Ich nehme auch hier die Verantwortung auf mich.«
»Und daß ich nach Woher und Wohin fragen könnte, daran denken Sie wohl nicht? Leiden Sie auch an der allgemein verbreiteten Einbildung der Herren, wonach ein Weib froh sein muß, wenn ein Mann es begehrt?«
»Aber, teure Frau, Sie tun mir unrecht. Im Gegenteil, ich würde es als ein ganz unerhörtes Glück betrachten, wenn Sie mich nur ein wenig, ein ganz klein wenig lieben könnten. Und alles, was Sie über meine Person wissen müssen, das sollen Sie erfahren.
Ich bin kein Mann von vielen Worten, aber das muß ich Ihnen sagen: vom ersten Sehen an stand es bei mir fest: Die soll es sein. – Ich glaube, Sie können ein guter Kamerad sein, Frau Lotti! Nicht wahr?«
Ich stand wortlos da.
Was sollte ich sagen? Hier war Erlösung aus dem jetzigen Verhältnis. Aber – noch liebte ich diesen Mann nicht, so sehr ich mich auch auf ihn gefreut hatte. Noch liebte ich ihn nicht, das war mir klar. Er ist mir sehr sympathisch, er hat ein schönes Organ, und überhaupt sein ganzes Wesen ist mir überaus angenehm.
Er ist nicht hübsch, kein sogenannter schöner Mann. Aber das ist auch nicht nötig; meist sind schöne Männer unausstehlich eitel. —
»Haben Sie keine Antwort für mich, Frau Lotti?« fragte die Stimme neben mir.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Geben Sie mir Zeit. Und dann – Sie wissen, daß mein Mann erst seit elf Monaten tot ist, ich habe ihn sehr geliebt.«
»Ich weiß es. Ich bin nicht eifersüchtig auf den Toten. Ich gönne ihm gern Ihr schmerzliches Gedenken. Sie selbst aber gehören dem Leben, dem roten, leuchtenden, vollpulsierenden Leben.«
Er griff nach meiner schlaff herniederhängenden Hand und drückte einen feurigen Kuß darauf.
Hastig zog ich sie zurück.
»Lassen Sie mich jetzt allein, Mr. Siegel. Ich muß noch ein Stündchen allein mit dem Meere sein. Morgen, übermorgen, sprechen wir weiter darüber.«
»Lassen Sie mich nicht zu lange warten, teure Frau. Ich warte, warte mit Ungeduld.«
Als er gegangen, lehnte ich mich über die Reeling und sah in das schäumende Wasser. Wie Myriaden kleiner Fünkchen brach es sich in den Wellen am Bug des Schiffes. —
Auch das Meer hat seine Sterne! Oder sind es Sterne, die vom Himmel gefallen sind?
Gefallene Sterne?
Gefallene Sterne – und doch leuchten sie noch.
Könnte ich es als Sinnbild betrachten! Als Sinnbild meines Lebens?.........
Was für eine Antwort werde ich diesem Manne geben? Was für eine Antwort darf ich ihm geben?
Ist es Betrug, wenn ich sein Weib werde, ohne ihm zu sagen, was hinter mir liegt?
Hat er ein Recht auf meine Vergangenheit?
— – Nein, er hat kein Recht darauf. — —
Ich weiß, ich stehe im Widerspruch mit unseren herrschenden Anschauungen, ich weiß, ich muß diesen Entschluß mit meiner Ruhe erkaufen. —
Sei es drum!
Nie würde es dem Manne einfallen, dem Weibe, das er erwählt, vor der Hochzeit alle dunklen Punkte seiner Vergangenheit aufzudecken. Er fühlt sich viel zu wohl in der Rolle des Helden, zu dem man hinaufsieht, um diesen Nimbus von selbst zu zerstören. --
Warum soll ein Weib nicht dieselben Rechte haben?
Gleiches Recht für alle!
Der Mann ist aus genau demselben Stoff wie die Frau. Das, was er als Vorrecht für sich in Anspruch nimmt, hat er sich selbst angemaßt. Ich will dieselben Rechte beanspruchen. —
Das Weib befindet sich dem Manne gegenüber sowieso in ständiger Notwehr – und da sind alle Mittel erlaubt. — —
Liebe und Glück! Sind sie immer zusammen, diese beiden?
Oder kann ich auch ohne Liebe ein wenig Glück in der Ehe finden? Ich bin schon jetzt entschlossen, den Antrag dieses Mannes anzunehmen. Ich bin ihm zugetan und ich glaube, er ist ein Mann, den man achten muß. Daß ich zu ihm aufsehe, wie zu einem Halbgott, wie man es so oft in überschwenglichen Romanen liest, das verlangt er nicht von mir. – Und ich würde es auch nicht tun. —
Mr. Siegel schickt mir soeben einen Brief. —
Nicht eigentlich einen Brief, es sind vielmehr Aufzeichnungen über sein Leben und Wirken. Kurz und prägnant, ganz wie er selbst. —
Als sechzehnjähriger Junge aus Deutschland ausgewandert, hat er in Amerika so ziemlich alles versucht, was Arbeit heißt, bis er durch Zufall nach Chikago verschlagen worden ist.
Mit fünf Cents in der Tasche ist er dort angekommen, heute besitzt er eine große Fleischkonservenfabrik und beschäftigt bereits über hundert Personen.
Das ist gewiß etwas! Für mich ist es die erste Staffel auf der Leiter. – Ich bin mir bewußt, daß wir, falls ich die Gattin dieses Mannes werde, auf dieser Staffel nicht stehen bleiben werden. —
Hat mich das Leben um das Schönste betrogen, so soll es mir dafür etwas anderes geben: Reichtum.
Und dieser Mann ist dazu wie geschaffen, mit ihm muß es sich gut und sicher wandern lassen. —
Aber noch will ich warten. Ein Jahr wenigstens will ich den Witwenschleier tragen.
Obgleich – wenn ich mir gegenüber ehrlich sein will – es ja doch nur äußerlich ist. In Wirklichkeit war ich dem Toten doch schon längst untreu. Denn auch der Gedanke an einen anderen Mann ist Treulosigkeit. --
Heute, am Tage vor der Ankunft in New York habe ich mich mit Mr. Siegel ausgesprochen.
Ich bin sehr zufrieden, ich glaube, daß ich diesen Schritt nicht bereuen werde.
Mr. Siegel ist ein Mann von außergewöhnlicher Regsamkeit, den das Leben ganz gehörig zwischen die Scheren genommen hat.
Daß er sich nicht hat unterkriegen lassen, ist ein gutes Zeichen. Wir passen in gewisser Weise sehr gut zusammen, auch ich habe mich nicht zermalmen lassen.
Nur darf er das nicht wissen. —
Hoffentlich fragt er mich nie nach meiner Vergangenheit. Sagen würde ich ihm doch nichts, aber es ist gut, wenn ich nicht zu lügen brauche. —
Wir haben soeben einen recht heftigen Gewittersturm gehabt.
Niemand dachte mehr an schlechtes Wetter so kurz vor der Ankunft, und alles freute sich schon auf morgen, da kam noch einmal ganz unerwartet die Seekrankheit. Beim Diner waren fast alle Plätze leer, sogar die Herren konnten nicht widerstehen. —
Ich bin nachher noch auf Deck gewesen, es war wunderbar klare, schöne Luft, nachdem es ausgetobt.
Mr. Siegel suchte mich auf und hat allerlei mit mir besprochen.
Ich soll, wenn ich jetzt nach Deutschland komme, meine überflüssigen Sachen verkaufen und als Passagier mit der »Nirwana« zurückkommen. —
Das erstere werde ich tun, das letztere nicht, wozu?
Ich fahre als Stewardeß und mustere in New York ab, wozu unnütz Geld ausgeben?
Vorläufig habe ich sowieso nicht allzu viel, und es widerstrebt mir, etwas von ihm anzunehmen, bevor ich sein Weib bin.
Auf der Rückreise können sie mich an Bord ganz gut entbehren, wir haben nach draußen zu jetzt doch wenig Passagiere. —
Aber meinen süßen, kleinen Pit muß ich mitnehmen. Ob er wohl seekrank wird?
Gestern bin ich noch einmal an Werners Grab gewesen. Ich habe Abschied genommen auf lange Zeit, vielleicht für immer.
Es war, trotz aller schlimmen Erfahrungen, ein seliges Stück meiner Jugend, das da oben auf dem stillen Friedhof auf der Höhe ruht. Die schmerzlichen Tränen, die ich geweint, bringen es mir nicht zurück.
Und doch, wie wandelbar ist der Mensch!
Wer mir vor elf Monaten gesagt hätte, daß ich einmal wieder so ruhig über alles denken würde, ich hätte ihn für roh und gefühllos gehalten. Und nun? Ja, ja, es ist schon so, das Leben ist brutal. —
Zum letzten Male zu Hause.
Noch einmal bin ich um den Außendeich gegangen. --
Es wird Herbst. Kalt und unfreundlich bläst der Wind über das Wasser. Die Sonne hat ihre strahlende Glut verloren, fahl und glanzlos versinkt sie in den Wellen.
Lange starre ich in die verglimmenden Farben.
Könnte ich schauend vergessen, was mir das Leben getan!
Doch Kopf hoch! Ich werde es vergessen, denn ich muß. Das Leben ist zu hart, um nur zu schauen und zu träumen. —
Das alles sage ich mir, und doch wende ich mich traurig um und lenke meine Schritte heimwärts. —
Wie das Laub zu meinen Füßen starb mein schöner Sommertraum. —
Die letzte Reise!
Eigentlich ist es mir trotz alledem etwas wehmütig zu Sinn. Es war doch ein interessanter Abschnitt meines wechselvollen Daseins. – Was für Gestalten gehen an einem vorüber! In wie manches Schicksal sieht man hinein!
Glück und Unglück, Haß und Neid, Liebe und Abneigung, Gleichgültigkeit und Verachtung – wie nahe kommt es einem, und wie eng zusammengedrängt ist es zwischen den Wänden dieser schwimmenden Riesen. Mancher Bund wird geschlossen und manches noch so fest scheinende Band löst sich.
Kaleidoskopartig wechselt es von Reise zu Reise.
Vorbei! —
Meinen kleinen Pit darf ich leider nicht bei mir haben. Er ist ganz oben auf dem obersten Deck in der Hundevilla. Noch zwei kleine reizende Kerls sind bei ihm und eine prachtvolle siamesische Katze, die einer älteren Dame gehört.
Gesellschaft hat er also genug. Trotzdem sitzen alle Bewohner der Villa verdrossen in ihrem Käfig, und Pit ist immer halb wahnsinnig, wenn ich hinaufkomme und ihn ein halbes Stündchen auf Deck lasse.
Um zehn Uhr waren wir am Pier; Mr. Siegel war schon da und winkte von weitem.
Als die Passagiere gelandet, kam er sofort an Bord und brachte mir einen Strauß roter Rosen, dieselbe Farbe wie immer.
Ich freute mich doch sehr, ihn zu sehen; obgleich ich keinen Augenblick daran gezweifelt habe, daß er Wort halten würde, war es mir doch immer, als ob es gar nicht wahr sein könnte. —
Heute nachmittag mustere ich ab und morgen gehe ich vom Schiff.
Mr. Siegel war beim Kapitän und hat mit ihm gesprochen, er wird morgen mit uns fahren und unser Trauzeuge sein.
Es war mir sehr angenehm, denn trotz aller Vernunftgründe beschlich mich zuweilen doch ein unangenehmes Gefühl, wenn ich an meine erste amerikanische Trauungsfahrt dachte. —
Dies ist nun die dritte, der Himmel mag mir beistehen, daß es zum Guten ausfällt.