IV. Sonnenaufgang.
Reading edition
Auf See, den 2. November.
Seit fünf Tagen habe ich dich nicht geöffnet, mein kleiner Tröster in der Not.
Jetzt will ich dir aber auch sehr vieles, sehr Schönes und sehr Wichtiges erzählen. —
Ich bin auf der Fahrt nach Deutschland.
Das sagt eigentlich alles. Trotzdem will ich ausführlich erzählen, wie alles zugegangen ist; ist es mir doch selbst noch wie ein Märchen.
Als Werner kam, hielt er sich nicht lange unten auf, sondern ging gleich mit mir hinauf. Die Flasche Wein, die er hatte bringen lassen, blieb fast unberührt stehen. Er rief dem Charly zu, er solle alles so stehen lassen, er käme gleich wieder.
Oben teilte er mir hastig seinen Plan mit. Ich mußte rasch zu mir stecken, was ich gerne mitnehmen wollte.
Es war wenig genug. Dich, mein kleines Buch, steckte Werner in die Brusttasche, dann saßen wir atemlos und warteten.
Das Schlimmste war, daß ich keine Kleider hatte. Ich mußte in dem dünnen, spitzenübersäten Kunstwerk, das meinen Körper mehr preisgab als verhüllte, auf die Straße.
Alles war auf die Minute festgelegt.
Werner war um zehn Uhr gekommen, bis um einhalb elf Uhr kamen vier junge Männer, die in den großen Salon gingen. Bis drei viertel elf kamen vier, die in den kleinen Salon hinter der Bar gingen.
Alle diese Leute waren vom Doktor angeworben und wurden mit dem Gelde Werners bezahlt. —
Fünf Minuten vor elf mußten die im kleinen Salon untereinander Streit anfangen, einer davon mußte einen blinden Schuß abgeben, zu gleicher Zeit mußten die im großen Salon so agieren, daß alles nach dem kleinen Salon hinstürzte.
Und genau auf die Minute – elf Uhr – gab der Doktor an der Eingangstür das bekannte Einlaßzeichen, so daß der Portier wußte, es war ein eingeweihter Besucher.
Genau in diesem Augenblick kamen wir, Werner und ich, die Treppe herunter. Die Tür durfte nicht wieder ins Schloß fallen. Ein Auto stand draußen, und fort ging es – ich war frei!!!
Alles klappte. Der Doktor hatte noch einen handfesten Kerl bei sich, und als der Schließer auf mich zustürzen wollte, faßte ihn der Begleiter des Doktors an der Kehle und sagte leise aber bestimmt: »Keep quiet! Einen Laut und du bist ein toter Mann!«
Der Doktor sprang zurück und war mit einem Satz bei uns im Auto, dann ging es vorwärts.
Wir sind erst ganz nach oben bis zur 128. Straße gefahren, um etwaige Verfolger irrezuführen, dann ging es durch den Zentralpark und an der anderen Seite herunter nach Hoboken.
Es war bereits nach Mitternacht, als wir im Zentralhotel ankamen.
Der Doktor hatte an alles gedacht. Im Auto lag ein Mantel, in den ich schlüpfen mußte, damit meine Kleidung bei den Hotelbediensteten nicht auffiele und etwaigen Nachforschungen Vorschub geleistet würde. Ich bekam ein Zimmer, Werner ließ sich eines daneben geben, dann schloß er mich ein und, ich war allein – allein und in Freiheit.
Am anderen Morgen – Werner hatte einen Tag Urlaub genommen – telephonierte er an ein Konfektionsgeschäft und ließ mir etwas anständige Garderobe kommen.
Unter dem Vorwand, daß ich mit dem Schiff gekommen sei und unglücklicherweise meinen Koffer eingebüßt habe, wurde ich vollständig neu ausgestattet.
Ein einfaches, dunkelblaues Kostüm, ein Reisehut und Stiefel waren das Nötigste. Dann bekam ich noch ein einfaches Straßenkleid, und die bürgerlich einfache Dame war fertig.
Ich nahm alles widerspruchslos an. Es waren Wohltaten, die ich vielleicht nie würde vergelten können; ich mußte sie annehmen.
Vorläufig dachte ich nur an den Augenblick. —
Als ich mit allem fertig war, und wir in meinem Zimmer beim Lunch saßen, sagte Werner: »Heute nachmittag fahren wir nach New York hinüber zu Pastor Schneider und lassen uns trauen.«
»Nein, o nein!« rief ich, »tun Sie das nicht!«
»Nun, nun,« sagte Werner, »warum denn nicht?«
»Sie – werden es später bereuen, bitter bereuen. Ich darf Ihre Güte so nicht ausnutzen. Das Mitleid mit meiner verzweifelten Lage hat Sie handeln lassen, aber nun ist es genug.«
»Und meinen Sie, ich hätte dies alles getan, wenn ich nicht von Anfang an die Absicht gehabt hätte, Sie zu heiraten? Ich weiß alles, was Sie mir sagen wollen; ich weiß, daß Hunderte von jenen Mädchen nicht verdienen, daß ein anständiger Mann auch nur den Finger um sie rührt, ich weiß aber auch, daß Sie keine von denen sind. Sie haben Unglück gehabt – es wird bei Ihnen liegen, zu beweisen, daß es unverdientes war.« — —
Es ist nicht schwer für einen jungen Mann, ein junges Mädchen, das ihm sowieso schon zugetan ist, zu bereden, ihn zu heiraten, ihr plausibel zu machen, daß sie nicht zu schlecht für ihn ist.
Ich erinnerte mich so mancher, mit der ich zusammen war, die sich keinen Augenblick besonnen haben würde. Ich dachte auch an manche, die wirklich besser war, als so viele verheiratete Damen, die geachtet dastanden und doch innerlich nichts taugten, und all meine großen und festen Vorsätze schmolzen dahin wie Butter an der Sonne. — – Wenn ich von jetzt ab ein tadelloses Leben führte, war dann nicht alles gut? Was aber, wenn später bei Werner die Reue kam?
»Sie werden es später bereuen, lieber Freund! Gesetzt den Fall, es käme durch irgendeinen Zufall heraus, wo Sie mich hergeholt haben, ich könnte es nicht ertragen, Schande über Sie gebracht zu haben!«
»Das brauchen wir nicht zu befürchten. Kein Mensch von unserem Schiff ist drüben in jenem Hause gewesen, keiner hat Sie gesehen.«
»Und wenn doch? Sie kennen die Menschen nicht, mein Freund! Ich will Ihre Freundin sein, Ihre Dienerin, alles will ich für Sie tun, und wenn Sie mich nicht mehr wollen, dann schicken Sie mich fort – dann –« Ich fing an zu weinen. Das ganze Elend meiner jungen Jahre kam mir mit Allgewalt zum Bewußtsein.
Wäre es nicht besser, ich wäre tot? Wem nützte mein Dasein?
»Weine nicht, Liebling! Du mußt mein Weib werden. Es ist unmöglich, wie du dir das denkst. Ich kann so nicht neben dir leben, ich habe dich lieb – komm, sei vernünftig und gib nach. Magst du mich denn nicht auch ein wenig leiden? Ich schwöre dir, ich rühre dich nicht eher wieder an, bis du mein Weib bist; bedenke – ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut – und ich liebe dich – quäle mich nicht länger.«
»Wenn ich nur wüßte, daß es zu deinem Glücke wäre, daß ich dadurch nur etwas von der großen Schuld abtragen könnte, wie gern würde ich dir gehören. Aber deine Zukunft, dein Glück!« entgegnete ich, nur noch schwach widerstrebend.
»Mein Glück und meine Zukunft bist du! Laß die Menschen sagen und tun was sie wollen, wenn nur wir beide zufrieden sind. Komm, sag' ja!«
»Aber — — —«
»Kein Aber mehr, Liebling,« sagte da Werner und nahm mich in seine Arme. Und jauchzend flog ich an seinen Hals, und er vergrub sein Gesicht in meinen Haaren.
»Mein Liebling, mein alles!« flüsterte er, und küßte mich immer und immer wieder. »Wie schön du bist! Und jetzt bist du mein! Jetzt gehört diese Schönheit, dieser entzückende Körper mir – mir ganz allein!«
Willenlos hing ich in seinem Arm. Mein ganzes Herz schlug ihm entgegen. Wie war er gut! Das war endlich ein Mann von jener Sorte, die wir nötig haben. Nun war auch für mich die Sonne eines besseren Tages aufgegangen.
Ja, ich wollte sein Weib sein, und mein ganzes ferneres Leben sollte ein einziges Dankgebet – ein einziges Opferfeuer für meinen Retter sein. — — —
Zwei Stunden später waren wir Mann und Frau.
Der alte, würdige Pfarrer und seine Gattin nahmen uns sehr liebevoll auf. Werner kannte das Ehepaar schon seit langem, da sie schon wiederholt mit seinem Schiff gefahren waren.
Nach der Trauung hatten wir ein schönes Diner bei Reißenwebers, und fuhren dann wieder nach Hoboken.
Ich hatte große Angst, und Werner mußte ein geschlossenes Auto nehmen, weil ich immer noch Sorge hatte, daß ich entdeckt würde. —
Auch als wir wieder im Hotel waren, wollte die Ruhe noch nicht kommen; erst hier auf dem Schiff, als einige Meilen Wasser zwischen mir und jener Stadt mit den hohen Häusern lagen, konnte ich aufatmen.
Also wirklich und wahrhaftig frei! Frei, und so Gott will, ein anständiger Mensch! — — —
Es gefiel mir erst sehr auf dem Schiff, aber das hat nicht lange gedauert. Wir hatten Sturm, und ich bin tüchtig seekrank gewesen, jetzt geht es aber wieder.
Ich fahre in der zweiten Kajüte, und Werner hat dafür gesorgt, daß ich allein im Zimmer bin. Ich freue mich sehr darüber, ich mußte immer wieder an meine Herfahrt denken und an meine Zimmernachbarin, diese alte Seelenverkäuferin.
Ich bin aber doch auch zu dumm gewesen, jetzt könnte mir das nicht wieder passieren, jetzt kenne ich den Geruch.
Ich bilde mir immer ein, ich selbst rieche auch noch nach diesem verfluchten süßlichen Zeug, mit dem die ganze Luft in jenem Hause durchtränkt war. Es kann aber gar nicht möglich sein – denn ich habe nichts mehr von jenem Zeug am Leibe und habe schon drei Bäder genommen – und doch – sehen mich nicht auch die Männer mit besonderen Blicken an?
Werner, dem ich meine Befürchtungen mitteilte, lachte.
»Ich glaub' es wohl, daß sie dich angucken, Süßes! Du weißt wohl gar nicht, wie schön du bist!« —
Ich bin sehr glücklich! Werner und ich machen Pläne – wonnige Pläne für die Zukunft.
Eine kleine Wohnung werden wir uns mieten, drei Zimmer nur, denn Werner verdient noch nicht viel – aber wir werden trotzdem glücklich sein – so glücklich.
Wir brauchen niemand, ganz allein für uns beide wollen wir sein. Ich werde sehr viel zu tun haben für die erste Zeit, die ganze Wohnung muß eingerichtet werden, und ich habe doch so gar nichts.
Ärmer als ich ist wohl nie ein Mädchen in die Ehe gegangen. Alles verdanke ich der Güte dieses Mannes – es wird mir schwer – »meines Mannes« zu sagen, es ist mir, als ob ich noch kein Recht dazu hätte.
Und doch habe ich es, er selbst hat es mir gegeben. —
Wenn ich alles recht überdenke, dann möchte ich seine Hände küssen, er macht vieles wieder gut, was andere gesündigt. —
Wenn ich doch nicht immer wieder ins Grübeln kommen wollte! Wenn ich mich doch uneingeschränkt der Stunde freuen könnte!
Aber ich kann es nicht. Eine Angst verzehrt mich, für die ich keinen Namen habe.
Bald sind wir in Deutschland – wenn ich nach der Heimat könnte! Nur einmal meinen Kopf im Schoße der lieben alten Frau zu vergraben.
Aber nein, fort mit diesen Gedanken – ich bin tot – muß tot sein!
Würden sie mich nicht fragen? Würde ich der Großmutter in die lieben, alten, reinen Augen sehen können?
Ach, hätte ich doch meine Mutter noch! Zu ihr könnte ich kommen! – Hätte ich meine Mutter noch, dann wäre alles anders, und ich brauchte nicht so vor sie zu treten. — —
Morgen kommen wir an. Man merkt es an der Unruhe unter den Passagieren. Alle haben zu packen, zu schreiben und zu besprechen; wie in einem Bienenkorb ist es.
Ich allein habe nichts zu packen und zu schreiben – ich besitze nichts, auch habe ich mich dieses Mal mit keinem Menschen bekanntgemacht. Ich bin mißtrauisch geworden. Was ich früher zu offen und zu vertrauensselig war, bin ich nun zu scheu. — —
Ich weiß nicht, wie mir ist – ein sonderbares Angstgefühl quält mich die letzten Tage. Ich will mir mit Gewalt das Glücksempfinden, das mich zu Beginn der Reise beseelte, zurückzwingen – ich kann es nicht.
Ich sollte mich freuen, der Heimat näherzukommen und kann es nicht.
Schlaflos wälze ich mich des Nachts auf meinem Lager, sonderbare beängstigende Träume quälen mich, ich habe versucht zu beten – ich kann es nicht. Will Gott nichts mehr von mir wissen, weil ich sein Dasein angezweifelt habe? Aber hatte ich nicht ein Recht dazu? Kann man an Gott und seine Allmacht glauben, wenn man so entsetzliche Dinge erlebt?
Warum läßt dieser Gott, der doch ein Gott der Liebe sein soll, zu, daß ein schuldloses, unerfahrenes Mädchen so vergewaltigt, gemartert und gepeinigt wird! Und doch will ich mir Mühe geben, aufs neue an seine Güte und Allmacht zu glauben. Ich will gut sein. Doch dann darf ich nicht mehr an das Vergangene denken. Erst wenn ich das Entsetzliche ganz aus meiner Erinnerung ausgelöscht habe, wird es mir möglich sein, den alten Kinderglauben wiederzufinden. --
Im eigenen Heim!
Wer kennt nicht den Zauber dieses Wortes?
Für mich ist es doppelt heilig: Daheim!
Ich, die Ausgestoßene, bin daheim.
Und doch ist mein Glück nicht ohne bitteren Beigeschmack, denn ich bin schon wieder allein.
Allein im eigenen Heim, ohne ihn, der es mir geschaffen.
»Du mußt dich daran gewöhnen, Lottchen! Sieh, du hast nun einmal einen Seemann zum Manne, da mußt du dir sagen, daß es unmöglich für ihn ist, zu Hause zu bleiben. Und mit der Zeit gewöhnst du dich daran. Alle Seemannsfrauen müssen sich darein finden; in vier Wochen bin ich ja wieder da und dann ist es um so schöner.« —
Er hat recht, ich muß mich daran gewöhnen. Aber schwer ist es doch. Daran habe ich gar nicht gedacht, an dieses immerwährende Alleinsein. Aber selbst wenn ich daran gedacht hätte, würde es nichts genützt haben, Werner kann eben nicht an Land bleiben. Sobald er aber Oberzahlmeister ist, kann er mich einmal mitnehmen.
Wenn ich nur nicht gar so fremd hier wäre!
Und doch, bin ich nicht kindisch mit meinen unnützen Klagen?
Ist es nicht im Gegenteil recht gut, daß ich fremd bin?
Wie furchtbar würde es für Werner sein, wenn mich jemand erkennen sollte. —
Zum Glück habe ich nicht viel Zeit zu dummen Gedanken und nutzlosen Klagen. Ich muß arbeiten, muß meine Wohnung einrichten.
Vorläufig haben wir nur Küche und Schlafzimmer. Alles in Eile und provisorisch hingestellt. Aber wenn Werner wiederkommt, soll er alles hübsch und gemütlich vorfinden, er soll sich freuen über seine Frau und sein Heim. —
Eine ganze Menge Geld hat er mir hier gelassen. Zweihundert Mark! Was kann ich dafür alles kaufen! Töpfe und Pfannen, auch einige Deckchen und Läufer, um alles recht schön zu machen. —
Die Möbel für das Wohnzimmer kaufen wir erst, wenn Werner wiederkommt, die müssen wir auf Abzahlung nehmen, Werner hatte gar kein Geld mehr. —
Eigentlich ist es schrecklich, daß er all das viele Geld für mich hat ausgeben müssen; was hätte man alles dafür kaufen können!
Eine Wut überkommt mich, wenn ich an die Rottmann denke – nur einmal möchte ich sie wiedersehen, einmal möchte ich ihr gegenübertreten, um ihr meinen ganzen Zorn, meine ganze Verachtung ins Gesicht zu schleudern.
Aber was nützt es, wenn ich gegen dieses Weib wüte, ist sie doch nicht allein schuld an diesen Zuständen. —
Nicht ein Unternehmer allein, das ganze System muß bekämpft werden. Ich will klug und reich werden, ich will Geld sammeln. Überall müssen Warnungstafeln angebracht werden.
Es muß anders werden, ganz anders. —
Eine Woche lang habe ich nicht an mein Büchlein gedacht, aber heute ist ein so kalter, stürmischer Tag, da habe ich mir Feuer im Herd angezündet, damit die Küche schön durchwärmt ist, und nun will ich mich wieder einmal mit dir unterhalten. --
Ich habe mich nun schon ganz nett und behaglich eingerichtet.
Auch außerhalb meiner kleinen Wohnung habe ich mich schon umgesehen. Die Stadt ist nicht groß, und man ist bald zu Ende mit den Sehenswürdigkeiten. Landschaftliche Reize kann ich an der flachen, eintönigen Gegend wenig entdecken. Trotz alledem wäre es unrecht, ihr jede Schönheit absprechen zu wollen.
Wie wunderschön allein ist ein Spaziergang bei Sonnenuntergang am Außendeich. Ein ganz wunderbares Schauspiel ist es, wenn der Sonnenball langsam im Wasser versinkt. Der Horizont, das Wasser, alles glüht tiefrot, um dann langsam, blasser und blasser werdend, in rosa und bläulichen Tönen zu verglimmen.
Und dann der Heimweg; hier und da auf dem Wasser ragt gespenstisch ein Mast empor, dann blitzt da und dort ein Lichtlein rot, grün oder grellweiß, das Blinklicht des Leuchtturmes alles überragend, und weit, weit unten in ununterbrochener Reihe die Lichter des Hafens.
Aber diese einsamen Spaziergänge sind nichts für mich, sie machen mich melancholisch und heimwehkrank.
Heimwehkrank nach einer Heimat, die ich nicht habe.
Meine Heimat ist jetzt hier, ist bei dem Manne, der mir einen ehrlichen Namen gab. —
Ich bin immer noch ängstlich, wenn ich auf der Straße gehe.
Wie leicht ist es möglich, daß mich jemand gesehen hat. Es ist eine Hafenstadt, und der Weg nach Amerika ist sehr kurz – über die Planken eines Dampfers. —
Nicht um mich bin ich besorgt, um ihn.
Und noch etwas anderes macht mir Sorge.
Fast hätte ich über dem letzten großen Unglück, das mich betroffen, meinen Fehltritt von zu Hause vergessen. Nicht ein einziges Mal in den letzten Wochen habe ich daran gedacht.
Aber nun, wo ich in Ruhe bin, quält es mich um so mehr. —
Muß ich es Werner sagen? Hat er ein Anrecht an das Leben, das so weit zurückliegt? So weit!
Und doch ist es noch kein Jahr her, seit ich von den Großeltern fort bin. – Mir scheinen es Ewigkeiten.
Ich bin in einem furchtbaren Zwiespalt.
Ist es meine Pflicht, es meinem Manne zu sagen oder darf ich schweigen?
Wird er nicht an mir zweifeln, wenn ich es sage? Wird er nicht denken, daß der Ort, an dem er mich getroffen, dann gar nicht so unrecht für mich gewesen sei?
Hätte ich doch einen einzigen Menschen, mit dem ich sprechen könnte! – Ich glaube nicht, daß ich den Mut habe, es ihm zu sagen; ich fürchte seine Liebe und Achtung – jawohl seine Achtung, so paradox es auch klingen mag – zu verlieren. —
Denn trotz alledem und alledem, Werner achtet mich. Er weiß, ich war unschuldig dort hingekommen; und er achtet mich deshalb, weil ich mit allen Mitteln versucht habe, herauszukommen. —
Erführe er meinen ersten, dummen, kindischen Streich – wer weiß, ob dann nicht dieses Gefühl, das mich so sehr erhebt, für immer verloren wäre.
Ich muß das Geheimnis mit mir herumtragen. — —
Der Schlaf, der mich auch in den schlimmsten Augenblicken meines Lebens nicht verlassen, scheint mich jetzt zu fliehen.
Ich liege oft stundenlang und grübele über Dinge, die ich nicht ändern kann. Ruhelos wälze ich mich hin und her. —
Ist es die Einsamkeit um mich? Ist es das geheime innere Schuldgefühl, das mich quält? Diese stillen, schwarzen Nächte erdrücken mich. Wäre doch Werner erst wieder hier! Ich eigne mich nicht zur Seemannsfrau.
Immer allein!
Abends beim Schlafengehen und morgens beim Aufstehen. —
Oft schrecke ich Nachts aus unruhigem Schlummer auf, dann ist mir, als hörte ich ruhige, schwere Atemzüge neben mir – ich fasse hinüber, aber da ist nichts, ich bin allein – immer allein. —
Letzte Nacht hatte ich einen entsetzlichen Traum.
Mir träumte, ich stand allein auf einem weiten, endlos weiten Platz und wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte.
Da kam ein Mann in einem langen, schwarzen Mantel, den großen Hut tief in die Stirn gedrückt, so daß ich nichts von dem Gesicht sehen konnte, und faßte mich bei der Hand.
Er führte mich über Felder und Auen weit, weit, und dann zuletzt in ein großes, palastartiges Haus, viele, viele Treppen empor.
Als wir schon sehr hoch gestiegen waren, öffnete mein Führer eine Tür, ließ mich los und sagte mit dumpfer Stimme: »Gehe diesen Weg, und du wirst rein wie eine Lilie sein.«
Ich hob den Fuß und wollte vorwärts schreiten, doch mit einem entsetzten Schrei fuhr ich zurück. Vor mir breitete sich endlos, unabsehbar das Meer.
Durch den Schrei war ich erwacht, entsetzt starrte ich ins Dunkel. Ich fürchtete mich so, daß ich nicht einmal wagte, mir Licht anzuzünden. —
Was bedeutete dieser unheimliche Traum?
Was wollte dieser unheimliche Mensch?
Und dieses große Wasser? Soll ich sterben? Soll ich im Wasser sterben?
Aber ich will nicht! Jetzt nicht! Dann hätte mich das Wasser vor sieben Monaten verschlingen sollen!
Ach Werner, mein Liebster, ich sehne mich nach dir, wärest du bei mir, du würdest mich trösten.
Die Sehnsucht, das Verlangen nach dir brennt mir wie Feuer in den Adern. — —
Schon wieder einmal bin ich allein.
Selige Tage waren es, als Werner hier war, ach, wie ist er gut! So gut, daß ich fast beschämt bin.
Ich weiß nicht, wie ich ihm danken soll. —
Nun haben wir auch die Möbel für unsere Wohnstube, fein!
Wie könnt' ich glücklich sein, wenn – ja wenn die bösen Gedanken nicht wären.
Ein jedes Vergehen trägt die Strafe gleich in sich – habe ich einmal irgendwo gelesen. Wie wahr das ist, das fühle ich jetzt nur zu gut. Ich bin bestraft durch die fortwährende Angst, daß Werner auch das noch erfahren könnte.
Ich machte eine kleine Andeutung, daß ich gern einmal die Heimat sehen würde. Gleich war er bereit.
»Warum nicht, Lieb! Nächste Reise, oder Pfingsten. Fahre ruhig hin; wenn ich wiederkomme, bist du längst wieder hier. Denn zu den Großeltern willst du ja doch nicht.«
Ich könnte also reisen! Aber nein, es geht nicht! Das habe ich auch Werner gesagt; ich habe ihm gesagt, daß es Wünsche bleiben müssen.
»Mir ist es recht, Lieb,« sagte er, »ich will nur dich zufrieden wissen.«
Ich soll mir ein Hündchen kaufen, damit ich nicht mehr so verlassen bin.
Ich freue mich, ich mag Tiere so gern. Gleich heute werde ich ausgehen und mir einige ansehen, die in der Zeitung standen.
Meine einsamen Spaziergänge am Außendeich muß ich aufgeben. Es ist hier wie überall. —
Ein Weib, das allein auf einsamen Wegen geht, ist ein Stück Freiwild. Oder habe ich etwas an mir? Trage ich ein Kainszeichen mit mir herum?
Wie kann ein Mann sich einfach erlauben, einer Frau, die ruhig ihres Weges geht, seine Begleitung anzubieten!
Woher nimmt er sich das Recht? Ist das auch ein Stück Herrenmoral?
Mich kostet es leider eine schöne, liebgewordene Gewohnheit. — —
Wenn ich doch einmal nach Hause in meine Berge könnte!
Jetzt liegt wohl noch Schnee, aber nicht lange mehr, und es beginnt zu grünen und zu blühen.
Die Täler fangen früh an, sich zu schmücken, wenn auch die Berge noch lange ihre winterliche Haube aufbehalten. —
In Großmutters Garten die Schneeglöckchen und Veilchen haben es immer am eiligsten.
Wie schön würde es sein, könnte ich hingehen!
Zu schön, um wahr zu werden. — —
Nun habe ich wirklich einen kleinen vierfüßigen Hausgenossen.
Wie ist das schön! So gesellig!
Jetzt kann ich wenigstens mal ein Wort sprechen.
Pit, mein kleiner Pit versteht alles. Er ist so klug, und wenn er sich erst vollständig an mich gewöhnt hat, versteht er gewiß jedes Wort. Abends stelle ich sein Körbchen vor mein Bett – nun bin ich doch nicht mehr so allein. —
Ob Werner ihn auch mag? Ganz sicher! Er ist zu niedlich.
Wenn ich im Bett liege, kann ich ihn immer beobachten, wie er sein Bettchen für die Nacht zurecht macht. Und wenn ich seine Decke noch so schön hingelegt habe, er fängt doch noch selbst an, alles zurechtzuzerren. Er kratzt mit den Füßchen und stuppst mit dem Näschen, bis alles nach Wunsch ist, dann legt er sich sehr befriedigt hin und wirft mir einen Blick zu aus seinen blanken Äugelchen, als wollte er sagen: So gehört sich das, du verstehst auch rein gar nichts davon. —
Ich bin so zufrieden, das Leben ist doch ganz schön.
Morgen kommt Werner.
Heute will ich alles schön sauber machen, damit unser kleines Reich würdig ist, seinen Herrn aufzunehmen.
Wenn das Wetter schön ist, werde ich an den Hafen gehen, um das Schiff hereinkommen zu sehen. Pit geht mit. —
Was Werner wohl sagen wird über meinen kleinen Freund?
Noch eine Nacht, dann ist er bei mir. Ich freue mich sehr auf ihn.
Ob er sich ebenso nach mir sehnt?
Ich will ihn doch fragen, ob er auch so unruhig nach mir ist.
Werner macht so wenig Worte; es ist mir schon wiederholt aufgefallen. Seine Handlungen sind um so besser. — —
Da ist es, das Geahnte, Gefürchtete.
Meine Angst, meine Scheu vor den Menschen war berechtigt.
Wäre ich nicht mit ausgegangen! — — —
Werner kam vorgestern von See. Er war so glücklich und zufrieden, er hatte eine schöne Reise gehabt und auch gut verdient, da er hin und zurück sein Zimmer vermietet hatte. —
Gestern Abend wollte er eine Stunde mit mir in ein Café gehen. Ich hatte keine rechte Lust und bat: »Laß uns zu Hause bleiben, da ist es viel schöner.«
Er hörte nicht auf mich.
»Du mußt auch mal raus, Schatz; du wirst mir sonst noch ganz melancholisch.«
Um ihm die Freude nicht zu verderben, gab ich nach, und wir gingen nach dem Viktoria-Café.
Anfangs war es nur schwach besucht, später setzte sich an den Tisch neben uns ein Trupp Herren.
Ich kannte niemand im ganzen Lokal.
Plötzlich fühlte ich, daß mich jemand beobachtete. Mir wurde unbehaglich, ohne zu wissen, warum.
Ich wandte den Kopf etwas zur Seite und sah, daß ein Herr mich ziemlich ungeniert anstarrte.
Ich kannte ihn nicht; aber – mein schlechtes Gewissen! Ich wurde blutrot und drehte den Kopf zur Seite; wie unter einem hypnotischen Zwang mußte ich nach einiger Zeit wieder hinsehen; noch immer dieses fatale Anstarren. —
Ein bartloses Gesicht mit einigen Schmissen an der linken Backe und hellen, erbarmungslosen Augen.
Wer war es nur? —
»Laß uns gehen, Werner,« bat ich.
Werner, der nichts von meiner Not merkte, sagte: »Aber warum denn, Schatz? 's ist doch ganz nett hier!«
»Ich muß hier heraus,« sagte ich angstvoll und sah ihn flehend an. Sofort sprang er auf und beugte sich über mich.
»Ist dir nicht gut, Lieb?« fragte er besorgt. —
Da stand der Herr, der wohl bemerkt hatte, daß ich fort wollte, auf und ging langsam an unserem Tisch vorüber, mich immerzu scharf und dreist anstarrend.
Auch Werner wurde aufmerksam. Er faßte sich an die Stirne, warf dann einen Blick auf mich, der zu fragen schien: »Kennst du ihn?«
Ich schüttelte den Kopf und sah ihn hilflos an. —
»Wie ist mir denn,« murmelte Werner vor sich hin, »den muß ich doch kennen!« Dann wandte er sich und schritt dem andern nach zur Toilette.
Ich wollte ihn zurückhalten, doch meine Hand fiel kraftlos in den Schoß.
Was hätte es auch genützt. Ich hatte geahnt, daß es so kommen mußte.
Die Welt ist so groß, so unendlich groß, und doch zu klein für ein wundgeschossenes Geschöpf, um sich verkriechen zu können. — —
Als Werner kam, stand ich sofort auf; schweigend half er mir in den Mantel; schweigend verließen wir das Lokal.
Als wir einige Schritte gegangen waren, nahm er meinen Arm und zog ihn unter den seinen; ich wagte kaum, ihm in die Augen zu sehen. —
»Es war ein Schiffsarzt,« sagte er nach einigen Minuten, »ich habe ihn zur Rede gestellt wegen seiner Ungebührlichkeit; er kennt dich – leider; er ist einmal drüben gewesen bei der Rottmann. Na, weine nur nicht, diesem edlen Herrn können wir ja aus dem Wege gehen. Aber meine Meinung habe ich ihm wenigstens gesagt!«
Ich antwortete nicht. Ich schluchzte krampfhaft in mein Taschentuch. Die Vorübergehenden sahen uns nach, sie hielten uns wohl für ein Liebespaar, das sich verzankt hatte. —
Als wir zu Hause ankamen, warf ich mich angekleidet aufs Bett und schluchzte jammervoll; Werner hatte Mühe, mich zu beruhigen.
»Was ist denn weiter geschehen, Liebling? Rege dich doch nicht so furchtbar auf. Was liegt an diesem Laffen? Wir beide sind zufrieden, das ist die Hauptsache.«
Du Armer! Zufrieden, ich und zufrieden! Ja, wenn die Schatten der Vergangenheit nicht so unbarmherzig auf das bißchen Licht fielen, das mich jetzt umleuchtet.
Nun mache ich auch ihn noch unglücklich! Diesen Einzigen, der mir den Glauben an die Menschheit wiedergeben konnte.
Es ist zum Wahnsinnigwerden!
Immer und immer wieder möchte ich rufen: Warum mir das alles? Warum dies übervolle Maß für mich?
Ach, könnt' ich schlafen, schlafen, um nie mehr aufzuwachen. — —
Nun bin ich wieder allein. Das bißchen Ruhe, in das ich mich nach und nach hineingeträumt habe, ist wieder hin.
Auch um Werner bin ich sehr in Sorge, er war gar nicht besonders auf dem Posten die letzten Tage; eine starke Erkältung hatte ihn befallen. Wenn er mir nur nicht ernstlich krank wird! Er freilich lachte mich aus, als ich ihn bat, zu Hause zu bleiben.
»Das würde eine schöne Geschichte werden, wenn jeder Seemann wegen einer kleinen Erkältung gleich an Land bleiben wollte; da könnten unsere Dampfer bald leer losfahren,« sagte er lachend. —
Er hat recht, aber trotzdem – was kann nicht alles passieren während einer solchen Reise. —
Und läßt sich nicht alles besser tragen, wenn man es gemeinsam trägt?
An die Schattenseiten des Seemannslebens habe ich nicht gedacht. Als ich auf dem Schiff war und dort alles wie am Schnürchen ging, als die Besatzung mit immer freundlichen Mienen auf die manchmal recht unsinnigen Wünsche der Passagiere einging, da habe ich nicht daran gedacht, daß diese Leute ein Doppelleben führen, um das sie wirklich nicht zu beneiden sind.
Ich möchte meinen Mann gerne an Land behalten; lieber wenig Verdienst, aber beisammen. —
Wie ist das zum Beispiel schrecklich mit meiner Flurnachbarin: der Mann fährt nach Ostasien; während der letzten Reise hat sie ein Töchterchen bekommen und hat es auch wieder verloren; das Kindchen ist nur sechs Wochen alt geworden.
Der Vater aber hat das Kind gar nicht gesehen.
Und das alles hat die arme Frau allein durchmachen müssen. —
Wirklich, auch eine Art Heldentum, von dem die Außenwelt nichts weiß. Ich werde Werner bitten, doch lieber im Bureau der Gesellschaft zu arbeiten, wenn er auch weniger verdient, es wird schon gehen. Oder vielleicht können wir ganz von hier fort, an einen Ort, wo niemand uns kennt.
Hier kennt mich nun doch schon ein Mensch, und nicht lange wird es dauern, so kennen mich noch mehr.
Was habe ich diesem Menschen getan, daß er mich so brandmarkt? Muß ich immer auf der Flucht vor meiner Vergangenheit sein? Wenn ich anders geartet wäre! Gleichgültiger gegen das Urteil der Menschen.
Nein, nein, das kann ich nicht – ich kann nicht leben ohne die Achtung meiner Mitmenschen. — —
Wäre doch die Reise erst zu Ende. —
Ich bin in einer furchtbaren Unruhe. Kommt es davon, daß Werner nicht ganz wohl war, oder kommt es, weil ich gar nicht aus dem Hause komme? Beides wirkt wohl zusammen.
Ich gehe auch des Morgens nicht mehr aus; wie leicht könnte mir dieser Mensch begegnen und mich auf offener Straße insultieren. – Und doch kann ich nicht immer eingeschlossen sein!
Was soll nur werden? — — —
Soeben war ein Herr vom Kontor bei mir. —
Was mag das nur zu bedeuten haben? Ich verstehe das gar nicht. Ich bin wie betäubt. —
Das Schiff ist drüben angekommen, und unter den telegraphischen Berichten, die an die Direktion gekommen sind, ist auch die Nachricht gewesen, daß mein Mann erkrankt ist und wahrscheinlich in Hoboken ins Hospital müsse; ich solle mich nicht ängstigen, wenn das Schiff ohne ihn zurückkäme, er sei drüben sehr gut aufgehoben. — —
Nicht ängstigen! – Wie ruhig er das sagt! —
Ich soll mir keine Sorgen machen, es sei nicht schlimm! Mein Mann komme vielleicht schon mit dem nächsten Dampfer. —
Sind das nun Worte – nur Worte? Was ist daran wahr? —
Was kann ich tun? Nichts!
Könnt' ich rasch hinlaufen; aber ich kann ja nicht!
Und wenn ich wirklich Geld hätte und hinfahren könnte, so wäre Werner möglicherweise schon wieder fort, wenn ich dort ankäme. —
Aber wenn man mir nun gar nicht die Wahrheit gesagt hat? Wenn es schlimm ist – viel schlimmer?
Ach, wer gibt mir Klarheit?
Ruhig warten, wenn jeder Blutstropfen kocht vor Angst. Die Hände in den Schoß legen, wenn man Berge versetzen möchte. —
Zwei Stunden später.
Ich kann nicht schlafen. Es ist eine so warme, schwüle Nacht.
Ich bin wieder aufgestanden und sitze im Nachthemd am offenen Fenster. Kein Mondstrahl durchbricht das Dunkel; der Himmel hängt wie eine große, grauschwarze Glocke über der Erde.
Nirgends ein heller Schein.
Ist diese dunkle, schwüle Nacht das Abbild meines Lebens – meiner Zukunft? — —
Mutter! Meine liebe tote Mutter, woher plötzlich der Gedanke an dich! Bist du mir nah?
Wenn du es bist, o, so gib mir ein Zeichen von deiner Nähe; sage mir, daß du bei mir bist und mich leitest. —
Ich war dir ein schlechtes, liebloses Kind, ich fühle es.
Gedankenlos ging ich neben dir – gedankenlos und ohne rechtes Verständnis nahm ich dein frühes Scheiden.
Und doch hast du so viel um mich gelitten.
Ach, Mutter, hätte ich dich jetzt, du würdest mir helfen und raten. – Mutter, komm zu mir, ich brauche dich, nie brauchte ich eine liebende Hand nötiger. Ich fühle, etwas Schreckliches steht vor mir und droht, sich auf mich zu stürzen.
Mutter, hilf mir! — — — —
Noch einmal habe ich versucht, zu schlafen, ich kann es nicht. Der Morgen dämmert schon im Osten, und noch fand ich keinen Schlaf. – Auch mein kleiner Freund findet keine Ruhe. Oder ist es nur meine Aufregung, die sich ihm mitteilt?
Sonst liegt er die ganze Nacht still in seinem Körbchen, und jetzt läuft er ruhelos umher und heult zuweilen so seltsam schauerlich. Ich glaube, ich fürchte mich.
Aber wovor?
Ich wünschte, ich wäre anders geartet; wäre gleichgültiger, dann könnte ich ruhig schlafen und säße nicht um vier Uhr morgens am Fenster meines Schlafzimmers und starrte mit brennenden, übernächtigen Augen in den langsam heraufsteigenden Tag. —
Mein Traum, mein Traum; sollte das seine Lösung sein? Stehe ich jetzt vielleicht vor der endlosen Wasserwüste, die mir mein Alles verschlungen hat? —
Ich fürchte, ich bin krank, sonst würde ich mich nicht so entsetzlich ängstigen – um ein Nichts vielleicht.
Mein Mann ist wohl längst wieder gesund, und wenn ich ihm meine Sorgen erzähle, wird er mich schelten, daß ich so wenig Seemannsfrau bin. Ich werde versuchen, noch eine Stunde zu schlafen. — —
Wenn ich oft noch im Zweifel war, ob ich Werner wirklich liebte, so wie man sich Gattenliebe untereinander vorstellt, so sind diese Zweifel jetzt geschwunden.
Wäre es nur Dankbarkeit gewesen, ich würde nicht so um sein Leben zittern.
Werner, Werner, mein Lieb, mein Alles, wo bist du? Wie lange hörte ich nichts von dir! Bist du noch krank? Rufe mich, und ich eile zu dir, um dich zu pflegen, und wenn ich durch Welten von dir getrennt wäre. – Ich muß Gewißheit haben, ich ertrage keine Nacht mehr wie die vergangene. —
Und doch, was kann ein Weib tun in meiner Lage! Was kann sie tun? Ein Telegramm wird mir Erlösung und Gewißheit bringen. —
Nun habe ich Gewißheit. Entsetzliche Gewißheit!
Nun liegt es wieder vor mir, das Leben, unnütz und von niemand gewollt. Was soll ich damit?
Wem frommt es?
Nun er tot ist!
Tot, der einzige Mensch, der mich geliebt, der an mich geglaubt, der mich dem Schlamm entrissen hat.
Ach Mutter, Mutter, warum hast du mich geboren? Wo bist du, um dein Kind zu schützen?
Gib ihn mir wieder, Gott, aus deinem Himmel oder nimm auch mich zu dir!
Ich kann nicht mehr – würde ich doch krank – könnte ich sterben –.
Heute habe ich die Sachen meines Mannes bekommen. —
Gestern kam sein Schiff zurück – ohne ihn – ohne ihn!
Nur die paar armseligen Sachen bezeugen mir, daß er gewesen. —
Ein kleiner Kasten mit seinen intimen, kleinen Sachen: Briefe – sein Taschenbuch – seine Brieftasche – eine Photographie – meine eigene.
Bin ich das wirklich? Dies unschuldige Gesichtchen mit den großen, fragenden Augen? Nein, ich bin es nicht.
Seine Börse, das alte, abgegriffene Ding, von dem er sich nicht trennen mochte. Sonst nichts, nichts!
Kein letzter Gruß, kein Zeichen, daß er mein gedacht in seiner letzten Stunde.
In seinem Taschenbuch nichts. Aufzeichnungen, mir unverständlich. —
Ist das alles? Ist das das Ende? Es ist unmöglich!
Ein Wort, ein letztes Wort!
Laß mich wissen, ob du noch immer in Liebe mein gedacht.
Der Gedanke läßt mich nicht los, foltert mich bis zu körperlicher Pein, daß du freiwillig gingst.
Jene Begegnung im Café – war sie dir so furchtbar?
Konntest du die Verachtung nicht ertragen, die dein Weib traf?
Erbarme dich, du Unbarmherziger da oben, und gib mir Gewißheit. —
Ah, ein Brief!
Ich kann ihn kaum öffnen, so zittern mir die Finger. Ein Brief von ihm, mit zitternder Hand geschrieben:
»Gott schütze Dich, Liebling! Ich fürchte, ich bin sehr krank. – Wenn wir uns nicht wiedersehen sollten? – Lotti, mein süßes Weib, ich habe Dich sehr geliebt. Bleibe gut, wenn ich von Dir gehen sollte. Du bist ein seltenes Geschöpf, laß Dich nicht zerbrechen, laß den Gedanken an mich Dein Leitstern sein, damit Du nicht wieder untergehst. Möchtest Du nicht doch zu Deinen Großeltern gehen? —
Lottchen, Liebling, seit ich erwachsen bin, habe ich nicht oft an meinen Gott gedacht – ich hatte ihn fast vergessen; heut' ist er mir nah, darum bin ich gefaßt. Er wird auch Dich beschützen. Was er tut, ist gut. Ich umarme Dich im Geiste und küsse Deinen süßen, warmen Mund und Deine strahlenden Augen.
Gott schütze Dich! Dein Werner.«
Ist das das Ende von meinem Paradies? Es ist ja nicht möglich – nicht möglich!
Er kann mich nicht verlassen haben!
Ist all das warme pulsierende Leben tot? Hinweggeweht?
Wo ist es? Wo ist sein lieber Körper? Wo ist das, was von ihm übrig blieb? – Ich will zu ihm. Wenn ich sonst nichts kann, so will ich an seinem Grabe knien und will ihm mein Leid klagen.
Zu ihm, zu ihm! Das soll jetzt meine Aufgabe sein! —
Ich bin matt bis zum Sterben, und doch ist eine Zentnerlast von mir genommen. —
Er ging nicht freiwillig; eine bösartige Mandelentzündung hat ihn dahingerafft. —
Die besten Menschen sterben früh, heißt es. An ihm hat es sich bewahrheitet.
Er war der Besten einer. — —
Ich nehme sein Kopfkissen, so wie ich es bekommen, und lege mein müdes Haupt darauf. Ich will darauf schlafen heute nacht. Vielleicht kommt er zu mir und hält geheime Zwiesprache mit mir.
Ich werde inbrünstig flehen, daß er zu mir kommt.
Ich grabe meinen Kopf in das Kissen, auf welchem er geruht, und denke an ihn und seine große Liebe, und er wird kommen und wird mir raten, wohin ich mein Lebensschifflein steuern soll. – Zur Großmutter gehe ich nicht; weiß ich doch nicht einmal, ob sie noch lebt. — —
Er ist nicht gekommen. All mein Bitten, all mein Flehen war umsonst. Niemand kommt wieder, der in jene geheimnisvollen Fernen ging. —
Ich bin allein mit meinem Gram und meiner Liebe.
Er ist tot, und ich habe ihn verloren.
Ich habe oft darüber gelächelt, wenn ich hörte, daß es Leute gibt, die vermeinen, sich mit ihren toten Lieben in Verbindung setzen zu können, jetzt verstehe ich sie. Auch dieser Wahn ist ein Trost. – Nur zu mir kommt niemand, weder die Mutter noch er.
Und doch wird er unvergessen sein. Er soll leben in meiner Erinnerung und in meinem Herzen.
– Der Tote ist tot und nur der Lebende hat Rechte, sagt man ja wohl. Bei mir soll auch der Tote sein Recht behalten. — —
Ich bin so fremd hier geblieben, und das rächt sich jetzt. Kein Mensch kommt zu mir, niemand sagt mir ein liebes, tröstendes Wort.
In solchen Zeiten merkt man doch, daß es gut ist, wenn der Mensch zum Menschen geht.
Nur vom Kontor kommt ab und zu ein Herr zu mir. Er hat mir auch Werners noch ausstehendes Gehalt gebracht und zudem eine kleine Summe, die jede Witwe beim Tode ihres Mannes von der Gesellschaft erhält.
Ich bin also nicht ganz mittellos, für einige Monate hätte ich zu leben. Aber was dann?
Die Frage wird immer dringender. Das Leben ist brutal in seinen Forderungen.
In meinen Schmerz und in meine Trauer drängt sich gewaltsam die Sorge ums tägliche Brot. —
Als ich heute Herrn Rehm meinen Wunsch andeutete, daß ich so gern nach drüben an das Grab meines Gatten möchte, macht er mir einen Vorschlag, der mir zuerst ganz ungeheuerlich, bei längerem Nachdenken aber gar nicht so übel erscheint.
Er meint, ich solle bei der Kompanie als Stewardeß fahren. —
Ein verlockender Vorschlag.
Ich komme umsonst an das Ziel meiner Wünsche, und wenn es mir auf dem Schiff nicht gefällt, so kann ich zu jeder Zeit wieder abgehen; eine passende Stelle wird sich finden.
Ein unangenehmes Gefühl beschleicht mich zwar, wenn ich an New York denke, doch die Verlockung ist zu groß. Und bin ich jetzt nicht gefeit gegen alles?
Ein Fall wie der im vergangenen Jahre bei meiner Ausreise kann mir nicht wieder passieren. — —
Nur meine Jugend! Werde ich einem so verantwortungsvollen Posten gewachsen sein? — —
Die Würfel sind gefallen. Ich komme auf einen neugebauten Dampfer, der noch im Herbst seine erste Reise macht. —
Nun habe ich wieder alle möglichen neuen Sorgen.
Die Wohnung aufgeben, ein Zimmer mieten, was nicht so leicht sein wird, denn ich will meinen kleinen Pit behalten, und muß mir Leute aussuchen, die gut zu ihm sind.
Er ist so klug; alles versteht er. Und wenn ich ihm erzähle, daß Frauchen ausgehen muß, dann weint er wie ein Kind. Er kuschelt sich in meinem Schoß wie ein Igel zusammen. Es ist doch etwas Lebendes, das ich um mich habe. Hoffentlich finde ich gute Pflege für ihn. Es gibt mir wirklich ein wenig das Gefühl des Gehobenseins, wenn ich mir sage, ich habe für etwas zu sorgen, ich muß Geld verdienen – und wenn es auch nur ein Hund ist.
Nur ein Hund – man sagt das so – und welch ein Trost war er mir! Wenigstens ein Geschöpf, das mich lieb hatte, das mein war und nicht mit unbarmherzigem Forschen nach meiner Vergangenheit fragte.
Oft sind Tiere besser als Menschen.