III. Nacht.
Reading edition
Vier Wochen später.
Ach ja, es ist eine neue Welt, in der ich lebe – aber was für eine!
Furchtbare Wochen liegen hinter mir – fürchterlichere vielleicht noch vor mir!
Ich will schreiben – und weiß nicht, wo beginnen – ich weiß weder Anfang noch Ende.
Mit einem einzigen Schrei der Qual möchte ich alles in die Welt hinausrufen. —
In die Welt! In welche Welt?
Die Welt, die mich jetzt umgibt, lacht über meine Klagen. Und eine andere aufzusuchen, in der ich nicht verlacht werde, liegt nicht in meiner Macht. — —
Ich bin gefangen! Wo? Ich weiß es nicht. —
Doch ich will es dir schlicht und der Reihe nach erzählen, kleines Buch. Du allein bist ohne Falsch. —
Alles spielte sich so ab, wie Herbert es mir gesagt. Wir beide gingen nach Ankunft des Schiffes sofort ohne Aufenthalt durch die Zollschranke. Gepäck hatten wir nicht. Im Automobil fuhren wir dann ein ziemliches Stück, auch auf einem großen Fährboot über den Fluß und dann noch eine kurze Strecke weiter.
Wir sind dann in ein großes Haus gegangen. Wie Herbert mir sagte, zu seinem Freunde, dem Pfarrer. —
Ob es eine Vorahnung war? – Als die Tür hinter mir zuschlug, überkam mich plötzlich eine Angst, daß ich am liebsten wieder hinausgelaufen wäre. Doch Herbert legte den Arm um mich und führte mich in ein auf der linken Seite des Flures gelegenes Zimmer.
Sonderbar, ich sah keinen Menschen, und Herbert schien hier wie zu Hause zu sein.
Auch im Zimmer war niemand. Herbert geleitete mich zu einem Sessel, welcher der Tür gegenüberstand. —
Ich war plötzlich so müde. —
Einen Augenblick nur solle ich ihn entschuldigen, er komme sofort zurück, sagte er mir, und ging durch eine andere Tür hinaus.
Ich sah mich im Zimmer um. Die Wände waren mit einigen Bildern geschmückt – Dutzendware –, gegenüber der Tür stand eine Chaiselongue, kein Tisch, nur noch einige Sessel. —
Aber was mir jetzt erst auffiel – das Zimmer hatte ja gar kein Fenster! Eine elektrische Krone erhellte es, es war aber doch Tag. Es konnte höchstens zwölf Uhr sein! —
Noch immer kam Herbert nicht wieder.
Hinter mir rauschte ein Seidenkleid – eine Tür hatte ich nicht gehen hören. Ich drehte mich aufhorchend um, eine Dame stand vor mir und lächelte mich an.
Es war eine große, kräftig gebaute Frau im Alter von ungefähr fünfzig Jahren. Sie war sehr elegant gekleidet, sah aber trotzdem sehr gewöhnlich aus, denn ihr Gesicht war unangenehm und brutal. —
»Sie müssen Herrn Smith einen Augenblick entschuldigen. Er hat erst noch rasch etwas zu erledigen, wird aber sofort hier sein. Darf ich Ihnen einstweilen eine kleine Erfrischung anbieten?«
Und ohne eine Erwiderung abzuwarten, trat sie an einen kleinen Seitenschrank und goß zwei Gläser voll Wein, von denen sie mir das eine anbot; das andere stellte sie auf ein kleines Ziertischchen, in dessen Nähe sie sich niederließ. —
Ich hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen.
Ich saß da mit meinem Weinglas in der Hand und sah mich hilflos um. Ich hätte es gern hingesetzt, aber ein Tisch schien in diesem Zimmer ein überflüssiges Möbel zu sein. —
»Trinken Sie, liebes Kind, Sie werden erschöpft sein. Ich nehme Ihnen dann das Glas wieder ab,« sagte meine liebenswürdige Wirtin – die Gattin des Pfarrers, wie ich damals annahm.
Ich war wirklich durstig, aber noch mehr hungrig. Ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr genossen, und auch da vor lauter Aufregung nur wenig. Ich tat deshalb einen guten Zug aus meinem Glase, dann nahm sie mir das Glas ab und setzte sich mir gegenüber.
Was sie zu mir gesprochen, weiß ich nicht; mich überfiel eine seltsame, bleierne Müdigkeit, ich riß einige Male mit Gewalt die Augen auf, aber dann konnte ich nicht mehr dagegen ankämpfen. Ich bin dann wohl eingeschlafen. — —
Als ich erwachte, war es Nacht. Ich lag ausgezogen auf einem Bett. Im Zimmer war es ganz finster.
Ich versuchte mühsam, meine Gedanken zu sammeln. Wo war ich? Was war mit mir geschehen? War ich krank gewesen? Mir war sonderbar benommen im Kopf. Ich sann und sann und kam zu keiner Klarheit.
Müde schlief ich endlich wieder ein. — —
Das Geräusch einer schließenden Tür weckte mich. Als ich die Augen aufschlug, war es Tag, und die Frau von gestern stand vor meinem Bett.
»Nun, ausgeschlafen?« fragte sie.
Ich sah sie verständnislos an.
»Wo ist Herbert?« fragte ich, nachdem ich meine Gedanken einigermaßen gesammelt hatte.
»Sie meinen Herrn Smith? Der hat noch gestern wieder abreisen müssen, liebes Kind. Aber er kommt wieder, sobald er nur irgend kann. Seien Sie nur zufrieden, Sie sind bei Freunden. Sie werden es gut bei uns haben, wenn Sie schön artig und vernünftig sind.«
»Aber wo bin ich denn! Bei wem?« fragte ich dringend. »Ich muß doch zu meiner Tante!«
»Es ist leider niemand gekommen, der Sie hat abholen wollen. Wir haben gestern sofort nachfragen lassen. Sie müssen deshalb schon bei uns bleiben. Nun ruhen Sie sich nur noch recht schön aus, ich schicke Ihnen gleich etwas Frühstück herauf. Später kommen Sie dann auch mal herunter in den Salon. Vorläufig ruhen Sie noch.« — —
Sie ging, und ich war wieder allein. Doch nicht lange.
Ein Mädchen kam und brachte mir Kaffee und Gebäck.
Aber wie sah die Person denn aus! Schrecklich! Wie konnte man denn so ein Geschöpf um sich haben? Ganz entzündete Augen und auch sonst so ekelhaft.
Sie sah mir den Widerwillen wohl an und lachte häßlich.
»Wenn du Glück hast, mein Engel, so siehst du eines Tages auch so hübsch aus,« sagte sie frech.
»Wie meinen Sie das?« fragte ich.
Sie antwortete nicht, drehte sich um und ging hinaus.
Ich mochte nichts anrühren von dem, was dieses Geschöpf in den Händen gehabt hatte. Der Kaffee wurde kalt.
Doch in meinen Eingeweiden wühlte der Hunger; ich war jung und gesund und hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Nach und nach trank ich den kalten Kaffee und aß auch das Gebäck. Ich wollte endlich aufstehen und mich nach meinen Wirten umsehen. – Ich suchte nach meinen Kleidern, sie waren nicht da. Ich sah mich um, nichts war zu sehen, auch keine Klingel, um jemand herbeizurufen.
Mein Gott, was bedeutete das alles?! Wo war ich nur? Ich tat das einzige, was mir übrig blieb, ich kroch wieder ins Bett.
Wie lange ich gelegen – ich weiß es nicht, ich mußte wohl wieder eingeschlafen sein. —
Ein Geräusch schreckte mich auf, meine Wirtin stand wieder vor mir. Ich sprang rasch aus dem Bett und fragte nach meinen Kleidern.
»Ihre Kleider sind ganz verdorben, liebes Kind. Sie sind ein wenig krank gewesen gestern. Aber ich habe Ihnen hier ein schönes neues Kleid mitgebracht, das ziehen Sie an.«
Mit diesen Worten legte sie ein wunderbares Gebilde von Spitzen und durchsichtigem Mull auf das Bett.
In meiner grenzenlosen Dummheit freute ich mich über das schöne Zeug.
»Oh, von Herbert!« rief ich erfreut.
Ich dachte an die versprochenen Kleider aus Samt und Seide. — —
Meine Wirtin antwortete nicht, sie lächelte nur zustimmend. --
Ich zog mich rasch an, es paßte wie für mich gemacht.
Ich suchte mit den Augen nach einem Spiegel, denn ich hätte mich gern gesehen in meiner neuen Herrlichkeit, aber ich sah keinen.
»Kommen Sie, Kind,« sagte die Frau, die meinem Blick gefolgt war, und faßte mich um. »Wenn Sie recht vernünftig und artig sind, bekommen Sie bald ein schönes großes Zimmer mit großen Spiegeln.«
Wenn ich artig und vernünftig bin – schon wieder diese Redensart. Was soll das? Weshalb sollte ich nicht artig sein? — —
Lange dachte ich aber nicht über dieses Rätsel nach, ich verstand es einfach nicht. —
Ich ging mit meiner Führerin eine schöne, breite Treppe hinunter – ich war also in meinem gestrigen Zustand die Treppe hinauf getragen worden – dann trat sie mit mir in einen Salon, der, nach meiner Berechnung, in entgegengesetzter Richtung von dem Eingang liegen mußte.
Ein merkwürdiges Haus. Auch hier brannten wieder die elektrischen Flammen. Anscheinend war gerade eine größere Gesellschaft. Im Zimmer saßen elegante Damen und Herren. —
Und fein war es hier, überall standen bequeme Sofas und Tischchen. – Lauschige Ecken, schwellende Polster; kurz und gut, ich kam mir vor wie im Märchen.
Meine Führerin, deren Namen ich noch nicht einmal wußte, stellte mich mit den Worten vor: »Meine Herrschaften, hier bringe ich Ihnen Fräulein Lotti. Gestern erst frisch von Europa angekommen.«
Das war ja eine sonderbare Sitte hier in diesem Lande. Aber alle schienen das in der Ordnung zu finden. Alle lachten und schwatzten durcheinander. Einige kamen auf mich zu und sprachen einige Worte mit mir. Doch ich verstand sehr wenig, sie sprachen fast alle englisch.
Ich war ganz verlegen. Ich setzte mich auf ein Sofa in der Nähe der Tür.
Bald setzte sich ein Herr zu mir, ein kleiner, dicker Kerl mit einer Glatze und vorstehenden, wässerigen Augen.
Ein ganz frecher Patron! Setzte sich sofort zu mir auf das Sofa, ganz dicht an mich heran.
Ich rückte von ihm ab, da lachte er so widerlich und sagte:
»Na, Kleine! Noch so spröde? Wird bald besser. Komm, wir trinken ein Fläschchen zusammen. Dann gibt's Mut.«
Ich sah mich hilflos um. Was bedeutete das? War ich in einem Narrenhaus? Da sah ich an der anderen Seite des Salons meine Wirtin.
Ich wollte aufspringen, sie fragen, um Aufklärung bitten. Aber ich weiß nicht, wie mir plötzlich war; auf halbem Wege blieb ich stehen. Die Frau sah mich so sonderbar stechend, so lauernd an. — —
Ich mußte an den Blick einer Schlange denken, die ihr Opfer hypnotisiert. Ich sah mich um. Alle hatten jetzt Wein auf den Tischen, nur noch einige Damen saßen so da. Ich machte ein paar Schritte und wollte zu einer alleinsitzenden Dame hingehen, da stand der alte, eklige Kerl wieder neben mir.
»Mach' keine Dummheiten, Kleine, komm setz' dich,« sagte er zu mir und faßte zugleich nach meinem Arm.
Ich riß mich los und stürmte nach der Tür. Als ich draußen stand, wußte ich nicht wohin. Ich hatte den Gedanken, nach unten zu laufen, hinaus aus diesem sonderbaren Hause – da stand die Frau neben mir.
»Was soll das?« sagte sie kurz, »warum laufen Sie weg?«
»Ich will mich nicht von dem alten Kerl anfassen lassen! Ich kenne ihn ja gar nicht! Man ist doch nicht gleich so dreist!«
»Da wirst du dich dran gewöhnen müssen, liebes Kind. Das ist bei uns nun mal so. Und überhaupt, gerade mit diesem Herrn wirst du sehr freundlich sein, der hat sehr viel Geld. Komm!«
Jetzt sagte sie schon Du zu mir! Und wie schroff sie war! Hier blieb ich nicht!
»Dann will ich hier fort,« sagte ich rasch. »Ich kenne ja die Leute alle gar nicht. Lassen Sie mich gehen, ich laufe ans Schiff zu dem Kapitän, der wird an meine Verwandten telegraphieren.«
»Schlag dir das aus dem Kopf,« sagte die Frau. »Du kannst hier nicht fort. Ich habe gestern deine Koffer holen lassen, die standen noch drüben am Pier, das kostet Geld. Das Kleid hier habe ich für dich bezahlt, kannst du mir das alles wiedergeben?« — —
Ach Gott, mein Geld! Daß ich daran nicht gedacht hatte! —
Ich hatte ja noch zweihundert Mark gehabt. Wo war meine Tasche? Alles fort!
»Wo ist mein Geld, meine Tasche! Ich hab' es doch mit hierher gebracht!« rief ich angstvoll.
»Du glaubst doch nicht, daß du hier bestohlen worden bist?« sagte die Frau höhnisch. »Wenn du Geld bringst, kannst du gehen; so lange bleibst du hier.«
Mit diesen Worten faßte sie mich an der Hand und zog mich wieder in den Salon.
Da ging es jetzt lustig zu. Sie sangen und tanzten wild durcheinander. – Und wie waren die Mädchen angezogen! Das war mir vorhin noch gar nicht so aufgefallen. —
Ich setzte mich ratlos wieder hin. Da kam auch schon wieder dieser Mensch und setzte sich neben mich.
Ich sah ihn gar nicht an. —
Es wurde Champagner gebracht, ich nippte kaum. So gut er mir unterwegs geschmeckt hatte, der Appetit war mir vergangen. — —
Wäre ich nicht gar so dumm gewesen, hätte ich nur einmal über etwas derartiges gelesen oder gehört, ich würde endlich gewußt haben, wo ich war. So aber saß ich noch immer und zermarterte mir den Kopf, was das eigentlich für eine Gesellschaft sei, in der ich mich befand. — — —
Es gab an dem Abend noch einen furchtbaren Skandal. Ich begriff endlich, wo ich mich befand und was man von mir wollte. Als der alte Kerl einige Glas Champagner getrunken hatte, wurde er zudringlich, und ich schlug ihn ins Gesicht. Da wurde er wütend, er tobte wie ein Wahnsinniger. Mir war es einerlei, ich verstand auch nicht, was er sagte.
Die Frau verstand ich dann um so besser. Sie wurde furchtbar heftig und ließ endlich die Maske fallen.
Ich sei in diesem Hause zu keinem anderen Zweck, als den Herren, die hierher kämen und die ihr schweres Geld dafür bezahlten, gefällig zu sein. Sie habe ein anständiges Stück Geld für mich bezahlt und sie würde schon dafür sorgen, daß sie keinen Schaden habe. Sie wolle mich schon zahm kriegen. Sie habe da ganz schöne Mittelchen. Sie gebe mir aber den guten Rat, mich gleich zu fügen, denn nützen würde mir mein Widerstand doch nichts. —
Ein paar Tage früher oder später, es sei nur mein eigener Schaden. —
»Willst du also vernünftig sein und mit dem Herrn recht freundlich sprechen?«
»Nein! Lieber spring ich aus dem Fenster!« rief ich außer mir.
»Wie du willst! Dann spring aus dem Fenster!« rief sie, faßte mich am Arm und schob mich in ein Zimmer.
»Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast,« rief sie mir nach und schloß die Tür zu.
Im Zimmer war es dunkel, ich konnte nicht die Hand vor den Augen sehen.
Ich tastete umher, ich suchte an der Wand entlang, vorsichtig schritt ich weiter. Ein Bett war da. Gott sei Dank.
Ich zog das feine Kleid aus und legte mich nieder. Ich sann und sann, was konnte ich tun? Hier im fremden Land, in der großen fremden Stadt, ohne Geld, ohne Freunde! Und doch! Wenn ich nur hinaus könnte, jemand würde sich schon meiner annehmen.
Zuletzt kamen die Tränen, ich weinte so heiß und schmerzlich, daß ich gar nicht wieder aufhören konnte.
Sie müssen mein verzweifeltes Weinen gehört haben, aber kein Mensch kümmerte sich um mich; die sind alle hart wie Stein. —
Zuletzt bin ich wohl vor Ermattung eingeschlafen.
Als ich erwachte, war es noch immer dunkel um mich. Ich wußte gar nicht mehr, war es Tag oder Nacht. Wie lange war ich schon hier? War es ein Tag oder waren es mehrere?
Mich quälte schon wieder der Hunger. War ich denn immer hungrig? Bei all meinem Elend und bei all dem Kummer – die Natur verlangte ihr Recht.
In Geschichten hatte ich so oft gelesen, wenn sie traurig waren oder Kummer hatten, dann nahmen sie tagelang keine Nahrung zu sich. Ich hatte immer Hunger.
Ich konnte nicht mehr schlafen, vorsichtig erhob ich mich und tastete nach der Tür, sie war noch immer verschlossen. Ich klopfte, niemand kam. Ich klopfte stärker, alles umsonst.
Ich ging wieder ins Bett und wartete. Ich meinte, Stunden gelegen zu haben, und nichts ließ sich hören.
Ich konnte es zuletzt gar nicht mehr aushalten und stand wieder auf. Ich hatte Kopfschmerz und war ganz zittrig auf den Beinen, so elend war ich.
Was hatte man mit mir vor? Wollte man mich hier verhungern lassen?
Ich schlug mit den Fäusten gegen die Tür und schrie aus Leibeskräften. Niemand kam.
Jetzt kam die Furcht langsam gekrochen! Was wollte man mit mir machen? Oder hatten sie mich vergessen?
Wieder kroch ich ins Bett. —
Ob ich dann vor Erschöpfung ohnmächtig geworden bin oder ob ich wieder eingeschlafen bin, ich weiß es nicht.
Nur daß ich, als das schreckliche Weib wieder zu mir kam und mich fragte, ob ich gehorchen wolle, ganz apathisch zu allem ja gesagt habe.
Ich glaube, sie haben mich lange hungern lassen, denn ich bekam zuerst ein wenig warmen Wein und dann ein rohes Ei. — —
Zwei Tage danach war ich wieder im Salon. Der ekelhafte Kerl war wieder da, und alles ging seinen Gang. — —
Jetzt habe ich ein schönes Zimmer, und der Mensch kommt jeden Abend. Es ist ein reicher Pelzhändler aus der 8. Straße.
Ich weiß jetzt auch, wo ich bin. – Es ist ein Mädchen hier – die »schwarze Katze« sagen alle zu ihr – sie ist vom ersten Tage an sehr freundlich zu mir gewesen. Sie riet mir auch, als ich wieder in den Salon kam, mich zu fügen. Ich sei doch machtlos.
»Jedenfalls bist du Mädchenhändlern in die Hände gefallen,« sagte sie.
Ich erzählte ihr alles. Von Frau Fröhlich, von Herbert Smith, von der Heirat, alles!
»Es ist so! Das saubere Paar ist mit frischer Ladung von Europa gekommen. Entweder, sie haben im Zwischendeck noch Mädchen gehabt, oder aber sie haben auf einem anderen Dampfer, der langsamer fährt, die Mädchen eingeschifft und sind dann selbst mit dem Schnelldampfer gefahren, um die Ware hier in Empfang zu nehmen. Du bist ihnen als Leckerbissen unterwegs noch in die Arme gelaufen.«
»Aber können wir denn nicht zur Polizei?«
»Die Polizei? Du kommst vorläufig überhaupt nicht an die Luft, eher nicht, bis du erst richtig zahm bist. Und dann! Die Polizei! Da mach dir nur nicht zu viel Hoffnung. Weißt du, ich könnte dir Sachen erzählen. Die Policeleute hier im Viertel werden alle von »ihr« bezahlt. Denn die versteht ihr Geschäft. – Und uns glaubt man ja doch nicht. Aber trotz alledem, wenn wir Geld hätten, und du bist nach einigen Monaten noch derselben Ansicht, so will ich dir wohl helfen. Nur jetzt ist noch nichts zu machen.« —
»Und warum gehst du nicht fort, wenn du doch kannst?« fragte ich sie.
»Gott, ich! Wo soll ich hin? Es ist immer noch besser als auf der Straße, da laufen hier in New York sowieso genug herum. Ich bin ja mal 'ne Zeitlang 'raus gewesen; solange man ein festes Verhältnis hat, mag's gehen. Hat man das nicht, dann gibt's Tage, da kann man hungern.«
Ich war ganz benommen. Das war ja schrecklich.
»Aber du kannst doch in Stellung gehen. Nicht immer so etwas,« sagte ich beschwörend.
»Du bist ein kleines Schäfchen,« lachte sie mich aus. »Das ist bei mir zu spät. Ich habe dies Leben schon zu lange gelebt. – Und – ich will auch nichts anderes mehr. Wir werden ja sehen, vielleicht geht es dir eines Tages ebenso.«
»Nein, o nein. Ich will hier nicht bleiben, lieber sterben,« rief ich verzweifelt.
»Na, na, nur ruhig, Kleines. Ich gebe dir einen guten Rat: Lerne vor allen Dingen Englisch, das ist die Hauptsache. Dann sauf' nicht zu viel, das ist auch 'ne Hauptsache. Dann halte die Augen gut offen, möglich, daß mal einer kommt, der so viel Gefallen an dir findet, daß er dich auskauft. Alles schon dagewesen. Und hübsch bist du ja, das muß dir der Neid lassen. Du hast so was Besonderes, so was Vornehmes an dir. Vielleicht hast du Glück.«
Ich faßte wieder Hoffnung. Ich war dem Mädchen so dankbar für seine Ratschläge und habe sie bisher getreulich befolgt. — — — —
Bis jetzt gehöre ich noch immer dem alten, dicken Ekel. Er scheint großes Gefallen an mir zu finden, denn er bezahlt alles, was sie verlangt.
Ich hatte einige Tage die Hoffnung, daß er mich vielleicht herausnehmen würde. Als er einmal sehr guter Laune war, bat ich ihn darum. Ich versprach, bei ihm zu bleiben, so lange er mich haben wolle – natürlich sagte ich das nur, denn ich wäre sofort ausgerissen, wenn ich das Haus hinter mir gehabt hätte. Aber er lachte mich nur aus.
»Nee, Kleine, auf den Leim kriech' ich nicht. Ich habe das hier viel besser und bequemer. Solange ich nicht will, kriegt dich kein anderer. In dieser Weise ist die Rottmann anständig, da betrügt sie nicht.« —
Bis jetzt habe ich also nur diesem einen gehört, aber wie lange wird es dauern und ich gehöre jedem, der mich will!
Der Gedanke ist mir furchtbar!
Ich liebe das Leben so sehr. Ich bin jung, und jede Kreatur hängt am Leben. Und doch – wenn ich irgendein Mittel hätte, ich würde mich töten. – Aber hier ist auch auf solche Stimmungen Rücksicht genommen, ich bin gewiß nicht die erste Anfängerin. —
Wenn ich jetzt einmal an die lieben, alten Großeltern denke, so könnte ich laut aufweinen vor Qual.
Nie wieder werde ich sie sehen, nie wieder die lieben, alten Gesichter küssen dürfen. —
Auch wenn ich Glück habe und wieder herauskomme, es soll kein bekanntes Gesicht das meine wiedersehen. – Ich will tot sein, tot für alle! — —
Es ist eine furchtbare Einrichtung, daß es Menschen gibt, denen erlaubt wird, andere Menschen gegen ihren Willen festzuhalten und Geld mit ihnen zu verdienen. — — —
Es ist schrecklich! Ich fange an, mich vor mir selbst zu fürchten. Ich habe oft den kaum zu unterdrückenden Wunsch, diesem Menschen die Hände um den Hals zu krallen und ihn so lange zu würgen, bis er tot ist. Es zuckt mir dann förmlich in den Fingern vor Begierde. —
Ob wohl einem Manne nie der Gedanke kommt, daß er eigentlich in Lebensgefahr schwebt, wenn er sich so ein geknechtetes Wesen leibeigen macht? Wäre es nicht möglich, daß in einem solchen Geschöpf einmal der Rachedurst überschäumt?
Sich und ihr ganzes zertretenes Geschlecht würde sie rächen. —
Ach, ich glaube, ich werde wahnsinnig oder schlecht. — —
Daß ein Mensch sich in kurzer Zeit so sehr verändern kann!
Noch vor einem Jahre war ich ein dummes, leidenschaftlich verliebtes Ding. Und nun? Mir ist zuweilen, als ob ich das gar nicht bin. Mir ist, als sei das alles schon eine Ewigkeit. Bin ich es wirklich, deren Herz einst aufjubelte bei den törichten Liebesworten, die man mir ins Ohr flüsterte?
Und jetzt! Ich glaube, ich kann nie wieder Liebe und Leidenschaft empfinden. – Mögen sie mit meinem Körper Schacher treiben, meine Seele gehört mir. Meine Seele bleibt rein. —
Ich bin keine Dirne und will auch keine werden. —
Ich sinne und sinne, wie aus diesem Hause herauszukommen ist, aber alle meine Bemühungen sind erfolglos.
In einem Gefängnis könnte ich nicht sicherer verwahrt sein.
Die Tür ist Tag und Nacht gut bewacht, und Neuankömmlingen wird nur unter gewissen Vorsichtsmaßregeln geöffnet.
Nur alte Bekannte, die das bestimmte Klingelzeichen geben, können ohne weiteres herein.
Ich habe mir gestern die Rückseite des Hauses angesehen, ich hoffte, vielleicht von da auf ein Nebengrundstück kommen zu können, aber auch diese Hoffnung muß ich aufgeben.
Eine glatte, hohe Mauer umgibt einen kleinen, dreieckigen Hof, und die Fenster, die nach diesem Hofe gehen, sind nicht zu öffnen, sondern haben nur oben eine kleine Luftscheibe. Jenseits der Mauer sind sehr hohe Häuser; auf der einen Seite ein kleineres, das aber, wie es scheint, unbewohnt ist.
An dem einen großen Hause laufen schmale eiserne Leitern empor, wenn ich die erreichen könnte, dann wäre Rettung möglich.
Aber die Mauer ist hoch und der Zugang zum Hofe ist bewacht. —
Das Schlimmste aber sind die Kleider! Kann ich halbnackt auf die Straße gehen?
Es ist ein raffiniert einfaches Mittel, uns unsere Straßenkleider wegzuschließen, um uns an der Flucht zu hindern. —
Heute erzählte mir die Bronja aus ihrem Leben. Bronja, so heißt die schwarze Katze. —
Sie ist verheiratet gewesen und hat sogar ein Kind, ein kleines Mädchen. Es lebt noch, bei ihren Eltern in Posen. Ihr Mann hat Gelder bei irgendeiner Kasse unterschlagen, und als es entdeckt wurde, haben sie ihn eingesperrt. Als er dann wieder freigekommen ist, sind die beiden nach Amerika gegangen, da der Mann nirgends wieder eine Stelle bekam. Bronja ging mit ihm. Sie hat ihn sehr geliebt! Das Kind sollte bei den Eltern bleiben, bis die beiden hier festen Fuß gefaßt hatten. —
Aber hier in Amerika ist es für solche verkrachten Existenzen auch schwer. Die beiden mußten sich trennen. Bronja nahm eine Stelle als Empfangsdame bei einem Arzte an, und ihr Mann ließ sich vorläufig von ihr ernähren.
Schließlich fand er eine Stelle in einer deutschen Wirtschaft als Kellner. Doch dann fing er das Trinken an und sank immer tiefer. Als er die Stelle verloren, trieb er sich überall herum, war bald da, bald dort an der Ostseite. Und jetzt sitzt er wegen Einbruchdiebstahls im Gefängnis. —
Bronja lernte in ihrer Stellung einen reichen Herrn kennen und wurde dessen Freundin – ein Wunder ist es ja nicht, denn sie ist eine Schönheit in ihrer Art.
Als ihr Gönner ihrer eines Tages überdrüssig geworden war, verlor sie allen Halt und alle Selbstachtung.
Durch den Verkehr in den Lokalen, wo der Herr sie hingeführt, war sie in der Lebewelt bekannt geworden, und es fehlte ihr nicht an Zuspruch. Sie bekam Geld, kaufte sich feine Kleider und Schmuck und war eines der am meisten gesuchten Mädchen in dem berüchtigten Viertel New Yorks. —
Eines Abends war sie noch ziemlich spät in der 14. Straße ohne Begleitung, als ihr ein Seemann in die Hände fiel. Sie geht mit ihm in eines der bekannten Häuser, wo sie sich ein Zimmer geben läßt, nachdem natürlich vorher fürchterlich getrunken worden war. – In der Nacht ist dann dem Fremden seine ganze Barschaft gestohlen worden. Bronja sagt, sie habe es nicht getan, sie sei selbst viel zu betrunken gewesen. Der Fremde schlug aber Lärm, die Polizei kam ins Haus, und Bronja wurde verhaftet.
Man ließ sie nach einiger Zeit wieder frei, da man ihr nichts nachweisen konnte. Zu allem Unglück war aber ihre Wirtin während der Zeit mit ihrem ganzen Kram, Kleidern und Wäsche und ihren paar Dollars verschwunden. Um wenigstens ein Unterkommen zu haben, ging sie in ein öffentliches Haus. —
»Diese Häuser können unsereinen immer gebrauchen, wenigstens solange man gesund und hübsch ist. Und was ist denn auch weiter dabei? Mir gefällt es! Früher, als ich mit meinem Manne noch zusammen war, war es auch nicht viel besser, wenn er besoffen nach Hause kam.«
»Aber was soll aus dir werden, wenn du älter bist?« fragte ich sie mitleidig.
»Dann mache ich's wie die Rottmann. Glaub' mir, das bringt am meisten Geld. Je feiner, desto besser. Was bringen allein die Getränke schon. Nur mit Mädchenhändlern laß ich mich nicht ein, da werde ich, glaub' ich, nie hart genug dazu. Du solltest klug sein und deinem alten Pelzhändler richtig um den Bart gehen, daß er dir ordentlich was schenkt. Nur wenn du Geld hast, kannst du hier herauskommen.«
»Und willst du nie mehr zu deinem Manne, wenn er wieder freikommt?« fragte ich sie.
»Nie wieder! Er wird mich hoffentlich nicht finden. Ich glaube nicht mehr an ihn. Und wenn er so lange in Sing-Sing gewesen ist, dann ist es überhaupt ausgeschlossen.«
Arme Bronja. — —
Den 4. Juli.
Nun bin ich schon über vier Wochen in diesem Hause und bin heute zum ersten Male in der frischen Luft gewesen. Mit »Madame« zusammen. Wir haben im Automobil eine Ausfahrt gemacht, ganz weit hinaus nach Bronxpark. Die Bronja sagt, das sei alles Berechnung von »ihr«.
Amerika feiert heute ein großes Nationalfest, da zeigt sie den Herren, was sie für gutes und schönes Material auf Lager hat.
Denn unter der Herrenwelt ist sie gut bekannt.
Sie fürchtet also wohl, daß mein Dicker bald wegbleibt. Ich wollte mich freuen, denn widerlicher kann keiner sein.
Und er hilft mir ja doch nicht heraus. — —
Ich habe also heute zum ersten Male dieses Land gesehen. Gesehen? Nein! Gesehen habe ich nichts davon. Ich wagte kaum aufzublicken. Ich meine, jeder Mensch muß es mir vom Gesicht ablesen, was ich bin. Sehr hohe Häuser sind hier, so viel wenigstens habe ich gesehen. Als ich die Bäume und Büsche im Bronxpark sah, mußte ich an zu Hause denken, und das Heimweh packte mich furchtbar.
Ich habe mich nachher sattgeweint. — — —
Den 5. Juli.
Gestern abend ist es toll hergegangen. Es war furchtbar voll, denn es ist nichts Seltenes, daß auch Herren mit fremden Mädchen kommen, ordentlich zechen und dann ein Zimmer nehmen. So auch gestern abend. Es waren sehr viele und auch sehr elegante Damen da. Aber Bronja sagt, ich steche alle aus. Wenn ich so dabei bliebe, sei ich mit zwanzig Jahren eine königliche Schönheit.
Wenn ich dann nicht schon tot bin. — —
Mir kommt es vor, als ob auch zuweilen verheiratete Frauen hierher kämen, und Bronja meint, das sei schon so. Das seien solche, denen es zu gut ginge, oder auch solche, die sich etwas Taschengeld nebenbei verdienten.
Ich möchte sie an meine Stelle wünschen. — —
Der Dicke war auch da gestern abend. Ich habe wohl bemerkt, daß die Herren sehr viel nach mir guckten, aber er wich nicht von meiner Seite. Er war ordentlich stolz, daß er der Besitzer war. Als ob er das seiner Schönheit zu verdanken hätte.
Ich dachte an Bronjas Mahnung, ich solle schön mit ihm tun – ich kann es nicht. Ich werde Gott danken, wenn er nicht mehr kommt. Ich habe gestern auch zu viel getrunken. Es läßt sich nicht ganz vermeiden, so sehr ich mich auch in acht nehme.
Und dann die Hauptsache: man kommt besser darüber weg, wenn man nicht ganz bei Sinnen ist. —
Wie soll man es sonst nur auf die Dauer aushalten?
Die Madame schimpft noch dazu immer, daß ich nicht genug trinke.
Den 16.
Gott sei Dank, das Scheusal ist fort. Vorgestern war er zum letzten Male hier. Er ist heute nach Europa gefahren.
Ich habe ihn noch einmal gebeten, fußfällig habe ich ihn angefleht, mich herauszunehmen. Ich habe die Zähne zusammengebissen und habe getan, als ob ich ihn furchtbar gern hätte, als ob mich sein Fortgehen ganz unglücklich machte – es war alles umsonst. – Da war ich zuletzt so wütend, daß ich ihm ins Gesicht gespuckt habe. Es war mir auch alles einerlei. Aber er ist doch dageblieben, der furchtbare Mensch! Ich weiß nicht, ob sich jemand das Widerliche, das in einer solch erzwungenen Vereinigung liegt, voll ausdenken kann. Ich fühle Gott sei Dank nichts dabei, das ist ein Glück für mich. Aber ich liege dann und analysiere jede Bewegung des Verhaßten, der glaubt, durch sein Geld mir meinen Körper abkaufen zu können. —
Wenn die Liebe oder der Sinnenrausch die Ursache einer Vereinigung sind, so ist sie geadelt durch das Gefühl. Hier aber! Es ist mir unfaßbar, wie Männer – Männer mit Geist und Herz – eine solch furchtbare Sünde begehen können und kraft ihres Geldes und ihrer physischen Überlegenheit diese armen Geschöpfe so foltern. —
Denn freiwillig oder nicht – die hier sind, haben alle einmal den Anfang machen müssen – und der ist furchtbar.
Gewohnheit und Alkohol tun viel – doch bis man so weit ist — —.
Den 17.
Ein Übel bin ich los und dem andern bin ich verfallen.
In meinem Haß gegen den alten dicken Kerl habe ich nicht daran gedacht, daß noch Widerlichere kommen könnten.
Jetzt muß ich jeden nehmen, der mich begehrt, und wenn es in einem Abend ein Dutzend sind.
Bronja gibt mir gute Ratschläge. Gut essen und trinken. Geld sparen und Englisch lernen.
Geld sparen – bis jetzt habe ich noch keinen Cent zu sehen bekommen. Ich brauche nichts – sagt Madame. Sie will es für mich sparen. – Die ist immer noch nicht mit mir zufrieden. Ich trinke nicht genug und animiere nicht genug zum Trinken. —
Obgleich es ja wirklich das beste ist, man kommt aus dem Alkoholdusel gar nicht heraus.
Das Schlimme ist: ich gefalle –, alle wollen mich haben. Ich möchte nur wissen, was sie an mir finden.
Einige von den Mädchen sind schon neidisch. Die dummen Gänse, als ob ich etwas dazu könnte! Ich wäre zufrieden, wenn keiner zu mir käme. Nur Bronja hält treu zu mir. Als ich ihr gestern meine Not klagte, lachte sie mich aus.
»Du bist ein kleines Schaf,« sagte sie. »Deine hoheitsvolle, unnahbare Miene und deine großartige Figur reizen die Männer. Freue dich! Denn, wenn eine keinen Anklang findet, ist es erst recht schlimm. Die schaffen sie dann fort in ein anderes Loch. Frei kommt sie deshalb doch nicht. Erst muß sie ausgenutzt sein. Die ganze Bande hier im Land steckt unter einer Decke. Die Mädchenhändler, die Wirte und, nicht zu vergessen, die wohllöbliche Polizei. Ich bin überzeugt, der Policemann, der hier an der Ecke patrouilliert, verdient mehr als ein Bankdirektor.
Er hört nichts, er sieht nichts, kurz und gut, er versteht sein Geschäft. Deshalb würde es dir auch nichts helfen, wenn du wirklich fortlaufen könntest. Keine Viertelstunde wärst du draußen. Unter dem Vorwand, dich zu beschützen und Erkundigungen einzuziehen, liefert er dich wieder dahin ab, woher du gekommen. Ich weiß ja, wie's gemacht wird. Die ganze Bande ist organisiert. Es ist die reine Aktiengesellschaft.« — — — — —
Welch seltsame Verirrungen doch das Tier im Menschen haben kann! – Es ist hier im Hause eine Wienerin, Kathinka heißt sie. Ein Monstrum von einer Frau. Sonst ist sie gar nicht außergewöhnlich groß und dick, aber einen Busen hat sie – unbeschreiblich!
Und ist es zu glauben, daß dieses Mädchen, das weder schön ist noch sonst besondere Anziehungskraft besitzt, nur wegen ihres abnormen Busens eine Art Zugnummer dieses gesegneten Hauses ist?
Sie selbst ist dabei kreuzfidel und spart sich Geld.
»Es gibt halt Mannsleut', die gern auf'm Fettpolster liegen, wann's viel getrunken haben,« sagt sie lachend. — — —
Wenn ich doch auch erst etwas gleichgültiger werden könnte. – Aber nein – ich will es gar nicht werden. Ich will nicht jeden moralischen Halt verlieren. Ich muß hier wieder fort oder sterben. – Ich darf gar nicht denken – nicht nach Hause an die alten Leute, dann schäme ich mich furchtbar, obgleich ich schuldlos an meiner Schande bin.
Ich habe nun schon wiederholt versucht, einen meiner Käufer für meine Lage zu interessieren. Keiner glaubt mir. Sie lachen und sagen: Das sagt jede. — — —
Den 22.
Wie soll ich es ertragen!
Gestern abend war es wieder einmal recht voll, aber es wurde der Alten nicht genug verzehrt. Hauptsächlich Mixed-drinks sollen viel verkauft werden, denn daran wird verdient.
An mir ließ sie ihre Wut wieder aus, weil an meinem Tisch am wenigsten verzehrt worden war. Ich war bis elf Uhr schon viermal oben im Zimmer gewesen und hatte keine Lust mehr. —
Sie hat mich nun beobachtet. Und behauptet, ich sei viel zu unfreundlich. Kurz und gut, sie hat mir gedroht, wenn ich mich nicht bessere, käme ich nächste Woche ins Hafenviertel, an den Eastriver, da haben sie auch noch ein Haus.
Bronja kennt es. Es sei fürchterlich dort. Heizer und Kohlenzieher, betrunkene Seeleute aus aller Herren Länder. Kein weißbezogenes Bett, schmutzige Schlafsofas und dazu an manchem Tage zwanzig Besucher. Krankheiten unausbleiblich. Kontrolle gibt's nicht. —
Übrigens gibt es die auch hier nicht, denn ich habe noch nie einen Arzt gesehen. —
Aber das tue ich nicht, nein, das nicht! Dann wird sich schon ein Weg finden, wie ich ein Ende machen kann. —
Ich bete zu Gott, aber ich glaube, es gibt gar keinen mehr.
Wenn es wirklich einen allmächtigen Gott im Himmel gäbe, dann könnte er nicht zugeben, daß so furchtbare Dinge auf seiner Erde geschähen.
Bronja tröstet mich.
»Sei nur nicht bange, du kommst hier nicht fort, sie will dich nur erschrecken. Aber du solltest wirklich ein klein wenig mehr trinken. Es ist besser. Du brauchst deshalb immer noch nicht zu saufen. Du kommst aber viel besser über alles fort.«
Ich will es tun, ja, ich will es tun. Später, wenn ich wieder frei bin, werde ich desto enthaltsamer sein.
Ich mochte früher nie Bier und Wein, nur der Champagner hat mir geschmeckt – zu meinem Verhängnis.
Hätte ich an Bord nicht zu viel Sekt getrunken, so hätte ich mich nicht von dieser Bande umgarnen lassen.
Überhaupt der Alkohol. Ich habe nun schon manche hier kennen gelernt – wir sind für beständig fünfundzwanzig bis achtundzwanzig, ohne die Vorübergehenden – und es sind wenige darunter, bei denen der erste Fehltritt – der erste Fall – nicht im Alkohol geschehen ist. —
In der Bibel ist die verbotene Frucht der Apfel – wollten doch alle nur Äpfel essen, es wäre besser.
Es ist vielleicht auch nicht recht berichtet, es war vielleicht auch schon der Sekt.
Seit vierzehn Tagen ist eine Neue da. Ein kleines zartes Ding von kaum Mittelgröße.
Solange sie nichts getrunken hat, sieht sie immer so traurig aus, aber abends ist sie die Schlimmste. Sie trinkt wie ein Irländer und kann furchtbar viel vertragen.
Sie hat mir vor einigen Tagen ihre Geschichte erzählt.
Sie ist glücklich verheiratet gewesen. Ihr Mann, der für eine große Firma jedes Jahr zweimal nach Berlin reiste, um Herrenstoffe einzukaufen, war gut und lieb zu ihr.
Im vergangenen Herbst, als sie wieder für einige Wochen allein war, ging sie mit einer befreundeten Familie zu einem Picknick.
Ein Herr, der mit von der Partie war, hatte sich den ganzen Tag sehr aufmerksam gegen sie gezeigt. Am Tage haben sie noch fast nichts getrunken, doch abends, als sie in einem Auto nach Hause fuhren, sind sie noch am Broadway in einem Hotel eingekehrt, um zu Abend zu essen. Bis in die Nacht hinein ist gegessen und getrunken worden. — —
Als sie am andern Morgen aufwachte, lag der Herr neben ihr im Bett. – Ihr Mann hat es erfahren, und sie sind geschieden.
»Hat mich der Alkohol hineingebracht, soll er mich auch wieder herausbringen, ich sauf' mich tot,« sagt sie lachend.
Aber dabei könnte man weinen. — — —
Ich bin krank, und ich möchte sagen, Gott sei Dank. Zumal auch der Arzt sagt, daß es nicht schlimm sein soll. Nur einige Tage Ruhe.
Der Doktor war erst recht ungezogen zu mir. So barsch und grob, daß mir die Tränen in die Augen traten.
Ich drehte mein Gesicht nach der Wand, damit er – und hauptsächlich die Madame – nichts sehen sollten.
Denn sie ist nicht aus dem Zimmer gegangen, solange der Arzt da war. Wahrscheinlich fürchtete sie, daß ich etwas sagen würde. —
Nachher war er ganz nett und manierlich.
Ich schämte mich aber doch ganz fürchterlich.
Es sei nicht so schlimm. Überreizung – was Wunder. Einige Tage Ruhe, dann sei alles wieder gut.
Er kommt noch einmal wieder. — —
Wenn er dann doch allein ins Zimmer käme. Ich würde ihn bitten, mir herauszuhelfen. Aber er wird's auch nicht wollen. Die Menschen machen sich nicht gern Unannehmlichkeiten mit Leuten, die sie nichts angehen. —
Wenn ich so allein hier liege, mache ich mir allerlei Gedanken.
Dumm bin ich doch gewesen, sehr dumm.
Wie kann man als junges Mädchen mit einem wildfremden Menschen in die Welt hineingehen! Wenn ich auch erst sechzehn Jahre alt bin, so viel hätte ich doch bedenken müssen. Freilich, besser wäre es gewesen, ich hätte schon früher etwas von solchen Sachen gelesen, dann wäre mir vielleicht doch der Gedanke gekommen, könnten das womöglich auch solche Menschen sein? — —
Aber soviel weiß ich, komme ich je hier aus diesem Hause – und ich habe den festen Glauben daran – dann soll das, was ich hier erlebt, nicht umsonst gewesen sein. — —
Ich freue mich jetzt so, daß ich mein Tagebuch habe; da kann ich doch so recht mein Herz ausschütten. Etwas muß der Mensch haben. Briefe kann ich nicht schreiben, und ich glaube auch kaum, daß ein Brief von mir aus dem Hause gelassen würde.
An wen sollte ich auch schreiben?
Für die Großeltern bin ich tot, und hier im Lande habe ich keine Seele, die sich um mich sorgt.
Was mögen wohl die lieben, alten Leute für Kummer gehabt haben, als sie erfahren haben, daß ich nicht bei den Verwandten angekommen bin? Vielleicht haben sie gedacht, ich bin kurz vorher über Bord gefallen. Denn ich bin doch spurlos verschwunden. Nur Frau Fröhlich und ihr sauberer Neffe könnten Auskunft geben, und die werden sich hüten.
Ich möchte nur wissen, wo mein Koffer ist. Die Rottmann sagte doch damals, sie hätte ihn holen lassen.
Mich wundert nur, daß die beiden ihn nicht behalten haben, jedenfalls ist ihnen der Inhalt zu gewöhnlich gewesen. —
Wie froh wäre ich, könnte ich meine Wäsche anziehen, die darin war. Wie gern würfe ich den ganzen Plunder von mir.
Damit will ich nicht sagen, daß ich die feinen Sachen nicht mag, ganz gewiß nicht! Schön ist es, so zarte Stoffe zu tragen – aber unter diesen Umständen! Ja, wenn ich reich wäre – recht reich –, dann würde ich auch feine seidene Hemden tragen und mich an meiner Schönheit freuen – aber so!
Ich sei schön, sagen sie – und wenn ich mich zuweilen im Spiegel betrachte, komme ich mir so unrein vor, so fleckig, so – pfui Teufel, habe ich dann einen merkwürdigen Geschmack auf der Zunge. —
Dann hätte ich auch Lust, mir dicken Puder an Gesicht und Hals zu schmieren, wie sie's alle hier machen. — — —
Ich hab's gewagt!
Also, der Doktor war wieder da. Die Madame stand dabei, und trotzdem habe ich sie angeführt. —
Ach, ich bin so froh, so glücklich, vielleicht hilft es was.
Weil ich mir denken konnte, daß die Alte wieder dabeistehen würde, hatte ich schon vorher ein kleines Stückchen Papier ganz eng beschrieben. Alles hatte ich darauf geschrieben, was wichtig war. —
Ich flehte den Doktor an, mir zu helfen. —
Als er mich nun wieder untersuchte und gerade mit einem Arm über mich hinreichte, habe ich ihm das Röllchen in die Hand geschoben. Er verstand meine Absicht sofort, schloß die Hand und fuhr in seiner Untersuchung fort. — —
Die Alte hat nichts bemerkt, und ich bin so froh, so glücklich. Wenn er mir doch helfen wollte! Er brauchte ja nur zur Polizei zu gehen. — —
Ich glaube, ich kann nicht eher wieder ruhig schlafen, ehe ich nicht weiß, ob ich mich an keinen Unwürdigen gewandt habe.
Den 4. August.
Gestern war ich wieder im Salon. Ich bin wieder gesund, nun kann die Tierquälerei von neuem beginnen.
Tierquälerei! – Ich sage das so leichtsinnig – ein Tier würde sich nicht gefallen lassen, was ich mir gefallen lassen muß. Und was das beste ist, sein Artgenosse würde es auch nicht in dieser Weise mißbrauchen.
Die Tiere sind klüger und besser als die Menschen.
Ich komme auf ganz, ganz dumme Gedanken.
Früher habe ich zu wenig nachgedacht und jetzt denke ich zuviel. Wäre ich früher mehr zum Nachdenken gezwungen gewesen, so brauchte ich jetzt meine Gedanken nicht auf diese Weise spazieren zu führen. — —
Von dem Doktor habe ich noch nichts gehört, aber eine andere interessante Bekanntschaft habe ich gemacht. Ein junger Landsmann war da, ein lieber Mensch. Er gefiel mir gleich, als er kam, und weil ich gerade allein saß, ging ich sofort zu ihm. Er bestellte eine Flasche Rüdesheimer. »Aber echten,« rief er mir noch zu.
Wir kamen ins Gespräch und plötzlich entdeckten wir, daß wir Landsleute waren. Gar nicht weit voneinander zu Hause.
In meiner Freude und Aufregung vergaß ich ganz, daß ich ja nie jemand hatte sagen wollen, wer ich war.
Er ging dann mit mir nach oben, und da – als wir allein waren – faßte ich mir ein Herz und erzählte ihm alles, mein ganzes Unglück.
Er glaubte mir gleich und lachte gar nicht über mich.
Ich habe ihn auch gefragt, ob er mir nicht heraushelfen könne.
Er meinte, leicht würde es nicht sein, ich sei noch zu kurze Zeit hier, und die Besitzer dieser Häuser müßten die Schlepper wohl gut bezahlen und wollten dann natürlich ihr Geld auch wieder heraus haben. Gutwillig würde mich die Rottmann nicht gehen lassen, auch wenn sie Geld geboten kriegte.
Er will sich alles überlegen.
Mit der Polizei sei nichts zu machen, da müsse man Geld haben, sehr viel Geld. Denn da hieße es, wer am besten bezahlt, wird am besten bedient. Und die Rottmann kenne ihre Leute, die würde schon anständig bezahlen. — — — —
Das ist ja ganz schrecklich! Das sieht ja trostlos für mich aus. Aber mein neuer Freund kommt wieder – heute noch nicht, damit es nicht auffällt, aber morgen. Dann werden wir weiter beraten.
Ich habe jetzt Hoffnung.
Dem kann ich vertrauen, er hat ein so gutes Auge.
Als ich ihm sagte, wie alt ich sei, da sah er mich so mitleidig an und sagte: »Du armes Ding.« Da mußte ich natürlich weinen. Das Mitleid mit mir selbst trieb mir die Tränen in die Augen.
Und habe ich nicht wirklich ein Recht, über mich zu weinen?
Gibt es ein zweites Geschöpf, das so unglücklich, so armselig ist wie ich! Mit noch nicht siebzehn Jahren eine Dirne, eine Verworfene!
Und doch bin ich das Kind eines Fürsten!
Aber das ist ja gerade mein Unglück. —
Ich fühle einen Haß in mir, ich kann es gar nicht sagen. Ich weiß nur nicht, wen ich mehr hassen soll: die Rottmann, Herbert Smith, Rudolph Schönewald oder den Urheber meines Daseins.
Ich bin überhaupt zuweilen ganz wirr von all dem Denken. – Ich bin wohl auch noch zu jung und habe zu wenig praktischen Verstand.
Ich habe jetzt doch wenigstens etwas Schönes, an das ich denken kann. Ich freue mich so darauf, daß mein neuer Freund wiederkommt.
Ob er Wort hält?
Wenn ich daran denke, daß er nicht kommen könnte, dann wird mir siedendheiß vor Angst. — —
Er war da! Schon am zweiten Abend kam er wieder. —
So früh er aber auch kam, ich war schon vergeben.
Aber ich hatte dann doch noch Glück, ich konnte mich freimachen und zu ihm gehen.
Er hatte keine andere angenommen.
Ich konnte ihm an den Augen ansehen, wie widerlich es ihm war, daß ich direkt aus den Armen eines anderen Mannes zu ihm kam.
Aber ich kann's doch nicht ändern, ist es mir doch nicht weniger widerlich.
Es war trotzdem ein so glücklicher Abend. —
Wir saßen noch nicht lange zusammen, da kam der Doktor – mein Doktor.
Er ging nicht gleich zu mir, er saß erst eine Zeitlang bei Lizzi und hat mit der eine Flasche Wein getrunken. Dann trat er ganz harmlos auf uns zu und rief schon von weitem: »Ah, da ist ja auch meine Patientin! Wie geht's uns denn?«
Dann hat er sich zu uns gesetzt. Wie bin ich glücklich! Wie ist es gut, daß ich ihn gebeten habe. Der ist klug und kennt die hiesigen Verhältnisse. Er spricht ganz nett Deutsch, da seine Eltern geborene Deutsche sind.
Er sagt, auf geradem Wege, mit der Polizei, sei gar nichts zu machen. Wir müßten überhaupt äußerst vorsichtig sein. Wendeten wir uns an die Polizei, so bekomme die Rottmann sofort einen Wink, und wenn dann die Polizei offiziell ins Haus komme, sei ich verschwunden.
Entweder würde ich versteckt oder ich sei schon an ein anderes Haus verschickt, was noch viel schlimmer sei. Denn dieses Haus hier am Broadway sei noch eines der besten.
Herr Werner, mein neuer Freund, fragte, ob ich nicht herauszukaufen sei. Da meinte der Doktor, auch das habe wenig Aussicht.
Erstens würde sie einen unverschämten Preis fordern, und zweitens sei noch die Frage, ob sie es überhaupt tue.
Ich verdiene ihr vorläufig doch ein gutes Stück Geld, und so sehr junge Mädchen bekäme sie auch nicht alle Tage. — —
Aber er hat doch einen Plan. Sie wollen mich entführen. —
Wenn Herr Werner jetzt wieder kommt, will er all sein Geld mitbringen, das er auf der Sparkasse hat. Aber es soll nicht für die Rottmann, sondern zu andern Zwecken verwendet werden.
Geld müßten wir in Händen haben, sonst sei nichts zu machen.
Der Doktor will alles besorgen in der Zeit, da Werner fort ist, und er will währenddem auch noch einige Male wiederkommen.
Ich hätte laut aufjubeln mögen, dabei mußte ich ein gleichgültiges Gesicht machen. — —
Werner ging mit mir nach oben, und der Doktor wartete unten, bis wir wiederkamen.
Ich habe Werner fast erdrückt vor Zärtlichkeit, und gern gab ich mich ihm an diesem Abend. —
Ich hab' ihm soviel gelobt, heiraten darf er mich nicht – obgleich er eine Andeutung machte – dazu bin ich zu schlecht. Aber dienen will ich ihm, dienen wie eine Magd, damit ich die Schuld abtrage. —
Ich hätte so gern einmal aufgejubelt, nur einmal – aber ich mußte still sein. — —
Als wir nach unten kamen, saß der Doktor noch da. Er ist dann zum Schein mit mir nach oben gegangen. Er hat sein Geld aber umsonst bezahlt, wir haben nur noch ein wenig geplaudert. —
Die beiden Herren sind dann zusammen fortgegangen, sie wollten nach Lüchow, um noch ein Glas Pilsener zu trinken und alles Nötige zu besprechen. — —
Die »Augusta Viktoria« fährt morgen, und mein Freund kommt nicht wieder. Aber nächste Reise! Ob ich es wohl aushalte?
Und dabei muß ich so gleichgültig tun, damit nichts auffällt, sonst bin ich womöglich fort, wenn das Schiff wiederkommt. —
Aber wenn ich allein im Zimmer bin und an die Zukunft denke, dann krieche ich oft unter die Bettdecke, balle das Taschentuch vor dem Munde zusammen und schreie laut auf; und wenn es auch nur ein undeutliches Grunzen wird, ich habe mich doch erleichtert. — —
Den 20. August.
Schrecklich ist es doch, was das Leben aus all diesen Mädchen gemacht hat. Sie betrachten ihr Handwerk als etwas ganz Selbstverständliches. Alle wollen Geld verdienen, und die Wenigsten haben etwas. —
Bronja sagt auch, daß es nur sehr Wenige gibt, die sich hier wieder herausarbeiten. Die weitaus Meisten enden an der Ostseite, am Fluß unten, in den Verbrecherkellern.
Wenn sie zu nichts sonst mehr taugen, dann verdienen sie immer noch einige Cents für ihre Zuhälter, bis sie eines Tages abgefangen werden oder bei einer Schlägerei umkommen. —
Mir ist das unbegreiflich. Es muß herauszukommen sein, wenn der feste Wille da ist.
Ich glaube nur, die meisten der Mädchen wollen auch nicht ernstlich. Das faule Leben, das Saufen – denn trinken kann man es wirklich nicht mehr nennen – gefällt ihnen. Des Nachts wird gefeiert dann bis in den Nachmittag hinein geschlafen und dann geht's von neuem los. – Viele sind auch schon nach kurzer Zeit derart verdorben, daß sie für ein anständiges bürgerliches Leben gar nicht mehr zu gebrauchen sind. Auch die Mädchen untereinander sind oft widerlich. Das ist ein Küssen und Umarmen, als ob sie noch nicht genug an dem aufgezwungenen Verkehr hätten. —
Ich bin nicht genug in die Geheimnisse des Geschlechtslebens eingeweiht, aber so viel merke ich doch, daß da etwas vorgeht, was nicht sein darf. Etwas Unerlaubtes, Anormales.
Die Rottmann paßt aber auf, und ich habe schon verschiedene Male gehört, wie sie die eine aus dem Zimmer der anderen holte. Ich glaube sogar, sie schlägt sie, schimpfen tut sie wenigstens genug.
Mir ist die ganze Sache überaus widerlich!
Überhaupt mag ich das ewige Küssen untereinander nicht. Die Ulli ist darin schrecklich. —
Kürzlich fragte sie mich sogar, ob ich nicht ihre Freundin sein wolle. Ich habe mich bestens bedankt.
Ich bin mit Bronjas Freundschaft vollständig zufrieden. —
Gestern habe ich wieder etwas erlebt – eine traurige Abwechslung in diesem Geist und Körper mordenden Einerlei.
Ich glaube, wenn ich noch lange in diesem Hause bin, dann bleibt mir kein Abgrund der Natur verborgen.
Zu den ständigen Besuchern gehört ein Herr Vaillant, der Besitzer eines großen Warenhauses. Die Mädchen sagen alle Bobbi zu ihm. Wenn er kommt, dann ist ordentlich was los. Er läßt immer so viel anfahren, daß sich bald alles auf dem Teppich wälzt. —
Gestern wollte er nun haben, die Sofia und die kleine, zarte Mary sollten im Evakostüm vor ihm tanzen.
Es reize ihn nichts mehr, und nun wolle er sehen, wer mehr Reiz auf ihn ausübe, die große, stattliche Sofia, oder die kleine, zierliche Mary.
Jede bekam zehn Dollar extra.
Erst natürlich ordentlich getrunken und dann ging es los. —
Die Rottmann saß an der Seite, mit einem alten verkommenen Kerl – es soll ein früherer Lehrer sein, jetzt führt er ihr die Bücher. Ihre Augen funkelten wie bei einer Katze; wenn ich es nicht zu unglaublich fände, so möchte ich sagen, daß sie selbst das ekle Schauspiel mit lüsternen Blicken betrachtete.
Die beiden Mädchen hatten sich bei ihrem Tanzen und Drehen derartig erhitzt und aufgeregt, daß ihnen die Haare wirr ums Gesicht flogen. Plötzlich stieß die kleine Mary einen Schrei aus und stürzte hin.
Dann lachte und schrie sie immerzu. Sie hatte Krämpfe. Es war schrecklich! – Die allgemeine Lust wurde aber nicht dadurch gestört. —
Mary wurde weggetragen und Bobbi ging mit Sofia nach oben. —
Sie habe noch zehn Dollar Strumpfgeld von ihm bekommen, sagte sie uns später. —
Den 28.
Jetzt sind es schon beinahe drei Wochen, seit ich Werner kenne. Ich verfolge im Geiste seine Reise nach Deutschland. Zwölf bis vierzehn Tage dauert die Fahrt, dann die Zeit, da das Schiff im Hafen liegt, und endlich die Herreise. —
Ich habe zuweilen solche Angst, daß Werner nicht wiederkommt.
Wenn auch diese Hoffnung scheitert, dann glaube ich an nichts mehr. – Aber nein, diese Augen können nicht lügen. Er ist ein guter Mensch, einer von den Wenigen, die es gibt. — — — — —
Der Doktor hat auch nicht Wort gehalten. Noch nicht ein einziges Mal war er hier, und ich hatte doch so darauf gehofft. Er wird mich vergessen haben oder er will nicht kommen. —
Mir kommt es vor, als ob wieder irgend etwas im Hause vor sich ginge. Wenn mich nicht alles täuscht, sind wieder Neue eingebracht worden. Das alte, schreckliche Geschöpf, das mir am ersten Morgen mein Frühstück brachte, begegnete mir heute früh auf der Treppe. Ich habe es Bronja erzählt, und die meint, das würde wohl so sein. Wenn neu Aufgegriffene ankommen, dann muß immer diese Person die Bedienung besorgen. Sie ist der Rottmann ergeben auf Tod und Leben, weil sie sonst nirgends mehr hin kann. Sie ist unheilbar geschlechtskrank. – Die Rottmann behält sie aber, weil sie für diese Henkersdienste jemand haben muß, der verschwiegen und ihr blindlings ergeben ist.
Und dieses Mädchen – anstatt jede Geschlechtsgenossin zu warnen und ihr Gelegenheit zu geben, aus diesem Hause wieder hinauszukommen – hilft mit einer wahren Wollust dabei, sie zu verderben. —
Sonderbare Seelenabgründe sind es, die das Leben zeitigt. —
4. September.
Ich habe richtig vermutet. Gestern waren zwei Neue im Salon. —
Die armen Dinger! Ich bin überzeugt, es sind ein paar arme Dienstmädchen vom Lande oder so was Ähnliches. Sie waren so schüchtern und linkisch, und an ihren Händen und Armen konnte man noch sehen, daß sie bis jetzt wenig gepflegt worden waren.
Mein eigenes Unglück steht mir mit erneuter Klarheit und Stärke wieder vor Augen. Könnte ich doch mit ihnen sprechen, sie fragen, ob sie sich in ihr Schicksal ergeben, oder ob sie auch versuchen wollen, hier wieder fortzukommen.
Aber ich darf noch nicht einmal gleich zu ihnen hingehen, sonst erwecke ich das Mißtrauen der Rottmann, und ich muß jetzt doppelt auf der Hut sein. —
Die Viola sagte kürzlich zu mir, ich sei noch gut behandelt worden, wenn ich bloß hätte hungern müssen. Sie selbst sei noch viel schlimmer hereingefallen. —
Vor fünf Jahren hatte sie eine Stelle als Erzieherin nach New Orleans angenommen.
Alles sei sehr schön abgemacht gewesen, freie Überfahrt auf einem französischen Dampfer. Drüben sei sie von einem Diener in Livree abgeholt worden, kurz und gut, alles habe sich aufs feinste angelassen. Auch beim Betreten des Hauses sei ihr noch kein Zweifel gekommen.
Aber dann! Schon am ersten Abend wollte man sie einkleiden, und da waren ihr plötzlich die Augen geöffnet worden.
Sie hatte dann sofort gewußt, wo sie war, da sie schon öfter derartige Sachen gelesen hatte.
Sie hat geweint, gebeten, gedroht und Gott weiß was versucht, es hat alles nichts genützt. Und als sie sich geweigert hat, »Dienst« zu tun, da hat sie ein Kerl – jedenfalls der extra dafür angestellte Bändiger – gebunden und geknebelt und derart mit einem Gummischlauch geschlagen, daß sie tagelang nicht hat liegen können ohne die fürchterlichsten Schmerzen.
Als sie nach sechs Tagen wieder aufstehen konnte, hat die Madame gesagt: »Na, mein Kind, hast du dich besonnen?« Da hat sie schaudernd zu allem ja gesagt.
Sie sagt, nie in ihrem Leben würde sie diese Züchtigung vergessen; sie habe das Gefühl gehabt, als hinge ihr das Fleisch in Streifen vom Körper. —
Also ist es mir im Verhältnis noch gut ergangen. — —
Die Viola will aber auch nicht beim Gewerbe bleiben. Sie spart sich etwas Geld und will dann sehen, ob sie nicht heiraten kann.
Irgend jemand, und wenn es der geringste Arbeiter ist, nur damit sie wieder in anständige Umgebung kommt.
Sie spricht nie von ihren Eltern oder ihrer Heimat.
Ich glaube aber, sie ist aus ganz guter Familie, man merkt es an der Sprache. —
Gestern war Marys Geburtstag. Als die letzten Besucher in der Nacht oder vielmehr gegen Morgen fortgingen, war es eben nach fünf Uhr.
»Nun wird Geburtstag gefeiert,« sagte Mary. »Keine darf zu Bett, ich halte alle frei.« —
Da haben wir denn gefeiert! Gegen neun Uhr hatte Mary schon eine Zeche von dreißig Dollar und noch dachte keine ans Schlafengehen. Auch ich habe tüchtig mitgetrunken – man wird wirklich so langsam in den Strudel gezogen. Es wird höchste Zeit, daß ich fortkomme. – Zuletzt konnten wir uns kaum noch auf den Beinen halten, und die Alte, die sich sonst immer freut, wenn gut verzehrt wird, gab nichts mehr heraus.
Wir sollten zu Bett, damit wir abends wieder frisch wären. —
Ja, ja, das Geschäft! Das ist die Hauptsache. Ob dabei sonst etwas zugrunde geht, das kümmert sie wenig. —
Heut' tut mir die arme Mary leid, sie hat sicher den Verdienst von einigen Wochen geopfert und niemand genützt. — —
Ich glaube, ich liebe Werner. Ich sehne mich so nach ihm, daß ich es bald nicht mehr aushalte. Oder ist es die Sehnsucht nach Freiheit? Ich weiß es wirklich nicht. Meine Gedanken gehen zuweilen ganz absonderliche Wege.
Wenn er mich liebte! Wenn er mich doch heiratete! Ich selbst mag ihn gern leiden – sollte es Liebe sein? Es wäre ein großes Glück für mich. Aus aller Not und allem Schlamm wäre ich heraus. Und niemand kennt mich dort, wo er mich hinführt, niemand weiß, woher ich komme. —
Aber nein, das darf nicht sein. Ich darf seine Güte nicht mißbrauchen. Es wäre schlechter Lohn für ihn – und vielleicht auch für mich, wollte ich den lockenden Stimmen meines Innern nachgeben. —
Das Bewußtsein, wo ich gewesen – von welchem Ort er mich geholt, würde in jede Stunde, auf jede harmlose Freude einen Schatten werfen.
Meine Träume aber kann mir niemand rauben. Sie sind so tröstend, aber ach so unwirklich, wenn ich meinen jetzigen Aufenthalt bedenke.
Die Nächte sind so heiß – so wollüstig – so voll prickelnder Unruhe. Ist es Sünde, wenn ich an den fernen Freund denke, wenn mein Blut aufgepeitscht wird durch aufreizende Getränke und die Berührung heißer, sinnenzuckender Körper?
Ist es Sünde, wenn ich ihn vor mein geistiges Auge zaubere, um damit die erzwungene Umarmung erträglicher zu machen? —
Ich liebe ihn! Ganz gewiß, ich liebe ihn. — — —
Noch zwei Tage, dann muß Werners Schiff wieder hier sein, und meine Erlösung ist nahe. Dann ist alles überstanden, auch diese letzten ekelhaften Episoden sind vergessen.
Den Gedanken, was werden soll, wenn Werner nicht Wort hält, kann ich gar nicht ausdenken. Ich habe dann ein Gefühl, als ob mir jemand die Kehle zuschnürt. Heiß und kalt überläuft es mich.
Der Doktor war hier. Er ist doch treu. —
Aber klug ist er, das muß ich sagen; na, er muß es ja am besten wissen, er kennt die Verhältnisse hier im Lande und wird schon alles gut einrichten.
Zuerst kümmerte er sich scheinbar gar nicht um mich, trank mit der Mary ein Flasche Wein und kam dann erst zu mir.
Er hatte einen Brief für mich – von Werner – nur einige Zeilen.
Ich bin so glücklich, obgleich es nun noch etwas länger dauert.
Werner schreibt mir, daß sein Schiff zehn Tage überliegt, aber dann holt er mich bestimmt, ich soll ihm vertrauen.
Der Doktor war sehr vorsichtig, er gab mir den Brief erst, nachdem er mit mir im Zimmer war, und als ich ihn gelesen, mußte ich ihn zerreißen, und er steckte die Stückchen in die Tasche. —
Er selbst hat Werner geraten, nicht an mich direkt zu schreiben, denn es hätte auffallen müssen, wenn ich einen Brief von Europa bekommen hätte.
Er hat recht, daran habe ich gar nicht gedacht. Überhaupt habe ich mir noch gar nicht überlegt, daß ja niemand meinen Familiennamen weiß. Man vergißt ihn hier beinahe. Man ist wie im Zuchthaus – nur eine Nummer.
Ich hatte überhaupt meinen guten Tag heute, nur anständigen Besuch. Von einem habe ich sogar ein wunderschönes Geschenk bekommen, eine reizende, brillantenbesetzte Uhr.
Ich war ganz sprachlos.
Ich habe sie später Bronja gezeigt, die hat aber meine Freude mächtig gedämpft.
»Der hat sie sicher erst gestohlen,« sagte sie trocken. »Denn sonst verschenken sie nicht so leicht so kostbare Dinger.«
Meinetwegen, ich freue mich trotzdem.
Aber recht könnte Bronja schon haben, etwas sonderbar ist es. Kennt mich nicht weiter und schenkt mir gleich eine Uhr?
Na einerlei!
Es gibt auch kleine Lichtblicke im Dunkel unserer Existenzen. Wenigstens muß ich es so nennen, wenn ich jemand sagen höre, daß er gern hier ist.
Die Lilly wenigstens sagt, ihr gefiele das Leben ganz gut und sie wünsche sich auch nie etwas anderes. —
Geschmacksache ist es natürlich, aber ihr bekommt es ja auch anscheinend, denn sie wird dick und fett dabei. —
Wie ein Roman hört sich's an, wenn sie ihre Geschichte erzählt. — —
In einem kleinen mährischen Dörfchen im Armenhaus groß geworden, wird sie von Deutsch-Amerikanern, die zu Besuch in der Heimat weilen, als Mädchen für alles mit nach Amerika genommen.
Sie, die bis dahin kaum satt zu essen bekommen, blüht bei der guten Kost auf wie eine Rose. —
Sie hatte es gut in ihrer Stelle. Der Mann, der eine gutgehende Bäckerei in Pittsburg hatte, hielt die Familie gut – aber – aber. – Die Frau war ziemlich verblüht – war wohl auch nie eine Schönheit gewesen – und nun gar – neben der üppig aufblühenden achtzehnjährigen Lilly!
Was Wunder, daß die Augen des Mannes immer häufiger und unruhiger auf Lilly hafteten. —
Lilly schlief mit der ältesten Tochter ihrer Herrschaft in einem Bett, einem jener breiten amerikanischen Betten, in denen bequem ein halbes Dutzend Kinder liegen könnte.
Die Sommernächte waren schwül und heiß. Die gute Kost hatte alles in ihr zur Entfaltung gebracht, die Sinne forderten ihr Recht.
Und eines Nachts – genau als ob es in ihren wollüstigen Traum paßte, kommt ihr Dienstherr und nimmt sich, was ihm ohne Widerstreben gegeben wurde. —
Wie eine Frucht, die sich überreif vom Baume löst, so fällt Lillys Jungfräulichkeit dem alternden Manne in den Schoß. —
Die Tochter daneben ist nicht einmal gestört worden in ihrem kindlichen Schlummer. — —
Doch die inbrünstige Umarmung hatte Folgen – was nun?
Der Mann war nicht schlecht, er versprach für Lilly zu sorgen.
Als die Frau merkte, was los war, mußte sie aus dem Hause. —
Als ein Glück betrachteten es beide, daß der Geselle, ein häßlicher, pockennarbiger Ungar, der Lilly schon immer gern gesehen hatte, ihr aber nicht hübsch genug gewesen war, nun aufs neue um sie warb. – Lilly war froh, mit seinem Namen ihre Schande zudecken zu können. – Der Meister gab eine gute Aussteuer und Lilly wurde Frau Allasch. Sie eröffneten einen Laden, und alles wäre gut gewesen, wenn nicht der junge Ehemann so eifersüchtig gewesen wäre. Er war sich wohl bewußt, daß er Lillys Besitz nicht nur seiner Schönheit zu danken hatte. —
Es gab häßliche Szenen, und da zudem das Kind kurze Zeit nach der Geburt gestorben war, ließ Lilly eines Tages ihren pockennarbigen Herrn Gemahl sitzen und fuhr nach New York. —
Hier ist sie zuerst in einem deutschen Haushalt in Brooklyn in Stellung gewesen, es hat ihr aber gar nicht gefallen.
»Die Deutschen wollen nichts bezahlen, aber arbeiten soll man wie ein Pferd,« sagt sie. —
Dann war sie in einem Hotel in der 8. Straße Zimmermädchen, und da hat sie so nach und nach Geschmack am leichten Leben gefunden.
Sie fühlt sich ganz wohl dabei und legt sich sogar noch Geld zurück. Doch ich glaube, es gibt nicht viele Lillys. — —
Ich muß oft darüber nachdenken, was zu tun ist, um solch armen Teufeln zu helfen, die in diese Häuser verschleppt werden.
Das einzig Richtige würde sein, wenn diese Häuser gesetzlich nicht geduldet würden. Es würde trotz alledem noch genug derartige Mädchen geben, wie man an Lilly sehen kann.
Aber Leute wie die Rottmann, die sich von der Schande und dem Elend anderer mästen, die dürfte es nicht geben. – Und wenn es wirklich nicht ohne diese Häuser geht, dann sollte der Staat sie bauen, genau wie er Gefängnisse, Zuchthäuser und Idiotenanstalten baut. —
Doch ich phantasiere. Mit meinen siebzehn Jahren fange ich an und will die Welt verbessern. —
Man hört so vieles in diesem Hause, so manches Schicksal geht an einem vorüber, und immer, oder doch zum weitaus größten Teil, ist an dem ersten Fall die Hauptschuld auf seiten des Mannes und des Alkohols.
Mag die Gefallene später werden wie sie will – zuerst ist sie verführt worden. —
Ich fühle mich seit einigen Tagen gar nicht wohl. Ist es die Unruhe wegen Werner, die mich quält, oder steckt mir eine Krankheit in den Gliedern? Das Essen will mir gar nicht schmecken, obgleich es im allgemeinen ganz gut ist.
Auch Bronja meint, daß es in dieser Weise bei der Rottmann recht anständig sei. Es gibt reichlich und gut zu essen und wenigstens einmal am Tage – abends um sechs Uhr – eine gemeinsame Tafel.
Wie ich von den anderen schon gehört habe, gibt es Häuser, wo die Mädchen noch nicht einmal ausreichend beköstigt werden und wo sie sich noch zum Teil von ihrem eigenen Geld unterhalten müssen. — —
Ich werde immer unruhiger. Wenn ich richtig rechne und sonst nichts dazwischen kommt, muß das Schiff bald ankommen.
Ich bin förmlich wie im Fieber, es kann nicht allein die Sehnsucht nach Freiheit sein.
Wenn ich an Werner denke, überläuft mich ein so sonderbares Gefühl, ein traumhaftes Glücksempfinden überkommt mich, das ich aber immer rasch wieder abschüttele. —
Ich bin abergläubisch geworden, ich fürchte, wenn ich schon zu fest an mein Glück glaube, so zerrinnt es wie eine Fata Morgana vor meinem sehnsüchtigen Blick. — —
Die beiden zuletzt Angekommenen habe ich auch einmal unbeobachtet gesprochen. Es sind ein paar Süddeutsche. Sie haben sich unterwegs bereden lassen, als Kellnerinnen hierher zu kommen. Anfangs sind sie ziemlich unglücklich gewesen, ergeben sich aber jetzt in ihr Schicksal. Die eine, die Sepha, anscheinend die Schlauere, sagt: »Mir werden uns halt a Geld sparen und hernach gehn m'r wieder ham, da waß ka Mensch net, wo m'rs Geld her ham.« —
Auch ein Standpunkt. — —
Ich habe heute die Madame um Geld gebeten und habe ihr gesagt, daß die Mädchen alle ihr Geld selbst aufbewahrten, nur ich bekäme keinen Pfennig.
»So, Geld willst du haben? Dann komm mal mit ins Garderobenzimmer, da will ich dir zeigen, wo dein Geld ist,« war die Antwort. —
Ach ja, das Garderobenzimmer. Ein riesenhaftes Kapital steckt in diesem Raum. Alle vierzehn Tage heißt es: es müssen neue Kleider angeschafft werden, in diesen vertragenen Fähnchen kannst du nicht jeden Abend dasitzen. —
Ich habe Kleider über Kleider, und doch nicht ein einziges, um als anständiger Mensch auf die Straße gehen zu können. — —
Heute war der Doktor wieder da, und morgen kommt Werner!
Ich bin wie von Sinnen. Ich muß wenigstens mein Buch zum Vertrauten machen, sonst, glaube ich, sprengt es mir die Brust.
Heute abend muß ich wieder unter die Decke kriechen und mein Glück in diese kleine Welt hinausschreien. —
Ach, wenn es doch gelingen wollte! —
An ein Scheitern darf ich gar nicht denken, dann stockt mein Herzschlag. Es muß gelingen oder – ich werde wahnsinnig. —
O, guter Gott, guter Gott, ich will wieder an dich glauben, wenn du mir diesmal hilfst – nur dies eine Mal hilf mir, ich bin doch auch dein Geschöpf. —
Ich muß aufhören mit Schreiben, meine Sinne verwirren sich, ich glaube, ich habe in Wirklichkeit Fieber.
Wenn ich doch ein Mittel hätte, um schlafen zu können, ich werde sonst morgen ganz krank und elend sein, und vielleicht habe ich meine Kräfte nötig. —
Ob auch kein Mensch etwas ahnt? Hat mich nicht die Rottmann vorhin so sonderbar angesehen? Oder bilde ich es mir nur ein?
Wenn es mißlingt, gibt es ein Unglück! Mir ist dann alles einerlei – ich könnte das Weib kalten Blutes ermorden.
Mag man mich dann ins Gefängnis stecken, wenigstens ist eines dieser Scheusale weniger auf der Erde. — —
Ich kann nicht mehr – ich glaube, ich bin krank.