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Sämtliche Werke 9-10

Zweites Buch. Die unschickliche Versammlung

E. K. Rahsin translation

I. Die Ankunft im Kloster

Es war ein schöner, warmer und klarer Augusttag. Der September stand schon vor der Tür. Man hatte verabredet, daß sich alle gleich nach dem zweiten Hochamt, also ungefähr um halb zwölf Uhr, beim Staretz versammeln sollten. Unsere Klostergäste geruhten aber nicht, zum Gottesdienst zu kommen, sondern erschienen erst, als er gerade beendet war. Sie kamen in zwei Wagen angefahren: im ersten, einem eleganten kleineren Gefährt, das mit zwei teuren Pferden bespannt war, Pjotr Alexandrowitsch Miussoff mit seinem entfernten Verwandten Pjotr Fomitsch Kalganoff. Das war ein junger Mann von zwanzig Jahren, der sich vorbereitete, eine russische Universität zu besuchen, doch wußte er noch immer nicht, welche; Miussoff dagegen, bei dem er augenblicklich wohnte, beredete seinen jungen Verwandten, mit ihm nach Zürich oder Jena zu fahren, um dort die Universität zu besuchen und sein Studium zu beenden. Der junge Mann aber konnte sich noch immer nicht recht entscheiden. Er war nachdenklich und schien meist zerstreut zu sein. Er hatte ein angenehmes Gesicht, war stark gebaut und ziemlich hoch von Wuchs. Sein Blick konnte mitunter ganz auffallend unbeweglich sein: wie alle zerstreuten Menschen blickte er einen dann lange und starr an, ohne aber dabei etwas zu sehen. Er war schweigsam und ein wenig ungeschickt, doch kam es vor – übrigens nur, wenn er mit jemandem unter vier Augen war –, daß er plötzlich äußerst gesprächig, scherzhaft, heftig oder heiter sein, und herzlich, doch Gott weiß, über was eigentlich, lachen konnte. Aber seine Lebhaftigkeit verging gewöhnlich ebenso schnell, wie sie kam. Gekleidet war er immer gut, wenn nicht gar gesucht. Er besaß schon ein gewisses Vermögen und hatte die besten Aussichten, noch viel mehr zu erben. Mit Aljoscha war er befreundet.

Im zweiten Wagen, in einer äußerst alten, stöhnenden, doch recht umfangreichen Kutsche, vor der zwei alte Schimmel trabten, die aber hinter Miussoffs leichtem Gefährt beträchtlich zurückblieben, kam Fedor Pawlowitsch Karamasoff mit seinem zweiten Sohn Iwan Fedorowitsch angefahren. Dmitrij Fedorowitsch hatte man schon am vorhergehenden Tage die Stunde angesagt, doch trotzdem war er nicht zu sehen. Man ließ die Wagen außerhalb der Klostermauer bei der Herberge halten, stieg aus und trat zu Fuß durch das Klostertor ein. Außer dem alten Karamasoff hatte von den übrigen drei, wie es schien, kein einziger je ein Kloster von innen gesehen; Miussoff aber war vielleicht schon seit dreißig Jahren nicht mehr in einer Kirche gewesen. Er blickte mit einer Neugier um sich, die nicht ganz ohne eine gewisse gemachte Ungezwungenheit war. Doch leider gab es für seinen ausschauenden Verstand im Innern der Klostermauern außer den übrigens sehr einfachen Kirchen- und Wirtschaftsgebäuden nichts Besonderes zu entdecken. Aus der Kirche strömte sich bekreuzend das Volk, die Mützen in der Hand. Unter dem einfachen Volk fielen zwei oder drei Damen der höheren Gesellschaft sowie ein alter General auf: alle standen sie im großen Zimmer der Herberge. Bettler umringten alsbald die Neuangekommenen, doch keiner von ihnen gab etwas. Nur Petruscha Kalganoff nahm aus seiner Börse ein Zehnkopekenstück, das er verlegen einem Weibe zusteckte, wobei er hastig hervorstieß: „Richtig verteilen.“ Die anderen sagten ihm nichts darauf, so daß er ganz grundlos verwirrt wurde; trotzdem wurde er, als er bemerkte, daß die anderen dies schweigend übersahen, noch verlegener.

Etwas war aber sehr sonderbar: man sollte meinen, daß Gäste, wie sie, ganz anders empfangen werden müßten; Karamasoff hatte vor noch nicht langer Zeit tausend Rubel geschenkt, und Miussoff war der reichste Gutsbesitzer und der sozusagen gebildetste Mensch, von dem man hier im Kloster teilweise geradezu abhing, da der Prozeß, den man mit ihm wegen des Fischrechts im Fluß führte, noch nicht beendet war. Und siehe da: keine einzige der offiziellen Persönlichkeiten des Klosters war zu ihrem Empfang erschienen. Miussoff blickte zerstreut auf die Grabsteine an der Kirche und wollte schon bemerken, daß das Recht, an einem so „heiligen“ Ort begraben zu liegen, den Leidtragenden nicht wenig aus der Tasche gezogen haben müsse, schwieg aber und sagte nichts: die gewöhnliche liberale Ironie verwandelte sich in ihm fast in Zorn.

„Teufel, wo gibt es denn hier bei dieser blödsinnigen Einrichtung so etwas, wo man sich erkundigen kann ... Das muß man doch endlich feststellen, sonst verlieren wir hier bloß unsere kostbare Zeit,“ brummte er leise, als wollte er es nur so vor sich hinsagen.

Da trat ein älterer, kahlköpfiger Herr dienstbereit auf sie zu, ein Herr mit ungemein freundlich blickenden und etwas hervorstehenden Augen, der einen weiten Sommermantel trug. Er zog den Hut und stellte sich mit wahrhaft honigsüßer Stimme als Tulascher Gutsbesitzer Maximoff vor.

„Der Staretz Sossima lebt in der Einsiedelei, hermetisch verschlossen, hermetisch, vierhundert Schritt vom Kloster, durch das Wäldchen, durch das Wäldchen ...“

„Das weiß ich selbst, daß man durch das Wäldchen zu ihm gehen muß,“ unterbrach ihn Fedor Pawlowitsch Karamasoff, „aber den Weg dorthin hab ich total vergessen, bin lange nicht mehr hier gewesen.“

„Hier, hier, gleich durch diese Pforte und dann gerade durch das Wäldchen ... durch das Wäldchen. Wenn gefällig ... ich muß selbst ... ich werde selbst ... Hier, sehen Sie, hier ...“

Sie traten aus dem Torgang und schritten auf den Wald zu. Der Gutsbesitzer Maximoff, ein Mann von sechzig Jahren, ging nicht eigentlich, sondern lief geradezu neben ihnen her, während er sie dabei mit einer krampfhaften, schier unglaublichen Neugier betrachtete, wobei seine Glotzäugigkeit noch unangenehmer auffiel.

„Wir sind in einer besonderen Angelegenheit zum Staretz gekommen,“ bemerkte mit strenger Miene Miussoff. „Diese ‚Persönlichkeit‘ hat uns sozusagen eine Audienz gewährt, und daher müssen wir Sie bitten, obgleich wir Ihnen für das Wegweisen sehr dankbar sind, doch nicht mit uns zusammen einzutreten.“

„Ich war ja schon, ich war ja schon ... Un chevalier parfait!“ versicherte sofort der Gutsbesitzer und knipste mit den Fingern vor Begeisterung.

„Wer ist ein Chevalier?“ fragte Miussoff.

„Der Staretz, der prachtvolle Staretz, der Staretz! ... Die Ehre und der Ruhm des ganzen Klosters! Sossima! Das ist solch ein Staretz ...“

Seine krause Rede wurde unterbrochen: Ein kleiner, bleicher, magerer Mönch in einer Kutte kam ihnen nachgelaufen. Karamasoff und Miussoff blieben stehen. Der Mönch verbeugte sich tief und sagte höflich:

„Seine Hochehrwürden, der Prior, läßt Sie alle, meine Herren, bitten, nach Ihrem Besuch in der Einsiedelei zu ihm zum Mittagsmahl zu kommen. Und Sie gleichfalls,“ fügte er, sich an Maximoff wendend, hinzu.

„Das werde ich unbedingt!“ rief der alte Karamasoff, ungemein erfreut über die Einladung, „unbedingt! Und wissen Sie, wir haben uns alle das Wort gegeben, uns hier anständig aufzuführen ... Und Sie, Miussoff, werden Sie auch kommen?“

„Warum sollte ich denn nicht? Wozu bin ich denn sonst hergekommen, wenn nicht, um hier alle diese Bräuche kennen zu lernen. Nur eines macht mir Bedenken, und das ist gerade, was ich jetzt mit Ihnen, Fedor Pawlowitsch ...“

„Ja, meinen Sohn Dmitrij Fedorowitsch gibt’s aber vorläufig noch nicht.“

„Und er täte gut, überhaupt nicht zu kommen; ist mir denn diese Ihre ganze schmutzige Geschichte etwa angenehm, und zudem noch mit Ihnen als Zugabe! – Wir werden gern der freundlichen Einladung Folge leisten, überbringen Sie Seiner Hochehrwürden unseren besten Dank,“ sagte er darauf zum Mönch.

„Ich soll Sie zum Staretz führen,“ antwortete der Mönch.

„Dann werde ich jetzt solange zum Prior gehen!“ sagte eilig der Gutsbesitzer Maximoff.

„Der Prior ist augenblicklich in Anspruch genommen ... aber ... wie Sie wollen ...“ meinte etwas unentschlossen der Mönch.

„Ein äußerst zudringlicher Kauz,“ bemerkte Miussoff laut, als Maximoff zum Kloster zurückeilte.

„Gleicht ungemein dem berühmten Herrn von Sohn,“ sagte plötzlich der alte Karamasoff.

„Das scheint das einzige zu sein, was Sie sagen können ... Warum soll er denn Herrn von Sohn gleichen? Haben Sie überhaupt jemals Herrn von Sohn gesehen?“

„Selbstverständlich: auf der Photographie. Er gleicht ihm fabelhaft, sag ich Ihnen, wenn auch nicht in den Gesichtszügen, sondern in etwas ganz Unerklärlichem. Von Sohns Doppelgänger, mit einem Wort. Das sehe ich ihm sofort an der Physiognomie an.“

„Nun, meinetwegen,“ bemerkte Miussoff gereizt, „Sie sind ja Kenner in solchen Sachen. Nur noch eines, Fedor Pawlowitsch: Sie geruhten soeben selbst daran zu erinnern, daß wir uns das Wort gegeben haben, uns anständig aufzuführen, wie Sie sich wohl noch entsinnen werden. Ich sage Ihnen: Vergessen Sie das nicht! Sollten Sie aber wieder anfangen, den Narren zu spielen, so werde ich es, glauben Sie mir, nicht dulden, daß man mich hier mit Ihnen auf eine Stufe stellt! ... Sehen Sie, was das für ein Mensch ist,“ fügte er darauf, zum Mönch gewandt, hinzu, „ich fürchte mich geradezu, mit ihm bei anständigen Menschen einzutreten.“

Auf den blassen, blutleeren Lippen des kleinen Mönches erschien ein feines, verschwiegenes Lächeln, das in seiner Art doch eine gewisse Geriebenheit verriet, aber er antwortete nicht, und es war nur zu augenscheinlich, daß er aus dem Gefühl der eigenen Würde heraus schwieg. Miussoff runzelte die Stirn.

„Ach, der Teufel hole sie allesamt; das ist ja doch bloß eine in Jahrhunderten ausgearbeitete Äußerlichkeit; in Wirklichkeit ist es nur Scharlatanerie und Blödsinn.“

„Ah, da sind wir also glücklich angelangt: da ist die Einsiedelei!“ rief Fedor Pawlowitsch. „Die Mauer und die Pforte sind aber geschlossen, wie ich sehe.“

Und er begann, sich eifrig vor den Heiligenbildern zu bekreuzen, die über und zu beiden Seiten der Pforte gemalt waren.

„In ein fremdes Kloster soll man nicht mit seinem Reglement eintreten,“ bemerkte er. „Im ganzen suchen hier in dieser Einsiedelei fünfundzwanzig Heilige ihr Seelenheil, beobachten einander und vertilgen Sauerkohl. Und kein einziges Frauenzimmerchen darf hier durch diese Pforte treten, das ist das Bemerkenswerteste dabei, und das ist wirklich so. Aber, mein Lieber, wie kommt es – ich habe nämlich trotzdem gehört, daß der Staretz auch Damen empfängt?“ damit wandte er sich plötzlich an den Mönch.

„Aus dem Volk sind auch jetzt Weiber hier; sehen Sie dort, sie warten an der Galerie. Für die höheren Damen aber sind hier bei der Galerie, außerhalb der Einfriedung, zwei Zimmerchen angebaut, diese Fenster dort, und der Staretz kommt dann zu ihnen durch den inneren Gang, wenn er gesund ist, also immer außerhalb der Einfriedung. Auch jetzt ist dort eine vornehme Dame, eine Gutsbesitzerin aus dem Charkoffschen, Frau Chochlakoff; sie erwartet ihn mit ihrer gelähmten Tochter. Wahrscheinlich hat er versprochen, zu ihnen hinauszukommen, obgleich er in letzter Zeit so schwach geworden ist, daß er sich kaum noch dem Volk zeigen kann.“

„Also gibt es immerhin doch noch ein Schlupfloch, das aus der Einsiedelei zu den Weibern führt? Das heißt, heiliger Vater, glauben Sie um Gottes willen nicht, daß ich irgend etwas! – ich meinte ja nur so. Wissen Sie, auf dem Athos, Sie haben es vielleicht schon gehört, ist nicht nur der Besuch von Frauen verboten, sondern überhaupt jede Gotteskreatur weiblichen Geschlechts; weder werden dort Hühnchen geduldet, noch Putchen, noch Kälbchen ...“

„Fedor Pawlowitsch, ich werde sofort zurückgehen und Sie allein eintreten lassen! Man wird Sie hier sowieso hinausschmeißen, das prophezeie ich Ihnen!“

„Aber was tue ich Ihnen denn, Pjotr Alexandrowitsch? Sehen Sie doch mal,“ rief er plötzlich, da er durch die Pforte trat, „sehen Sie doch, in welch einem Rosental sie hier leben!“

Tatsächlich waren dort, wenn auch keine Rosen, so doch überall, wo man sie nur hatte pflanzen können, eine Menge seltener und schöner Herbstblumen. Augenscheinlich pflegte sie eine geübte Hand. Blumenbeete lagen zwischen Gräbern, und Blumen wuchsen als Spalier an der Mauer. Das einstöckige Holzhäuschen, in dem sich die Zelle des Staretz befand, war mit seiner Galerie vor dem Eingang gleichfalls von Blumen umgeben.

„War denn das auch beim früheren Staretz Warssonofij so? Der soll ja, wie man sagt, Schönheit überhaupt nicht geliebt haben, soll sogar das schöne Geschlecht mit dem Stock geschlagen haben,“ bemerkte Fedor Pawlowitsch, als er die Stufen hinanstieg.

„Der Staretz Warssonofij war zuweilen allerdings etwas wunderlich, aber auch viel Unwahres wird von ihm erzählt. Mit dem Stock hat er niemanden geschlagen,“ antwortete der Mönch. „Bitte sich hier einen Augenblick zu gedulden, ich werde Sie anmelden.“

„Fedor Pawlowitsch, zum letztenmal die Bedingung, hören Sie! Führen Sie sich gut auf, sonst haben Sie es mit mir zu tun,“ gelang es Miussoff, ihm noch schnell zuzuflüstern.

„’s ist wirklich unbegreiflich, warum Sie dermaßen erregt sind,“ bemerkte spöttisch Fedor Pawlowitsch, „oder fürchten Sie sich wegen Ihrer Sünden? Man sagt ja, daß er es an den Augen erkenne, womit man zu ihm kommt. Und wie hoch Sie plötzlich seine Meinung schätzen, Sie, solch ein Pariser und Fortschrittler! Sie setzen mich ja heute wahrhaftig in Erstaunen.“

Doch Miussoff konnte nichts mehr auf diesen Sarkasmus entgegnen: man bat sie einzutreten.

„Wie ich mich kenne, werde ich jetzt zu streiten anfangen, wie immer, wenn ich gereizt bin, ... werde heftig werden – und mich und die Idee erniedrigen, das weiß ich schon im voraus,“ fuhr es Miussoff noch durch den Kopf, als er ins andere Zimmer trat.

II. Der alte Narr

Sie betraten das Zimmer fast zu gleicher Zeit mit dem Staretz, der bei ihrem Erscheinen sofort seinen kleinen Schlafraum verlassen hatte. Sein Erscheinen erwarteten in der Zelle schon seit längerer Zeit zwei Priestermönche der Einsiedelei, der Pater Bibliothekar und der Pater Paissij, ein kranker, noch nicht alter, jedenfalls aber sehr gelehrter Mann, wie es hieß. Außerdem erwartete ihn noch stehend in einem Winkel ein junger, etwa zweiundzwanzigjähriger Bursche in einem Zivilrock, ein Seminarist und zukünftiger Theologe, der, unbekannt warum, von der ganzen Klosterbrüderschaft gönnerhaft beschützt wurde. Er war ziemlich groß von Wuchs, hatte ein frisches Gesicht mit breiten Kinnbacken, kluge und aufmerksame, schmale, braune Augen. Auf seinem Gesicht drückte sich vollkommene Ehrerbietung aus, doch war es eine anständige Ehrerbietung, d. h. ohne sichtbares sich Einschmeichelnwollen. Die eingetretenen Gäste begrüßte er nicht einmal mit einer Verbeugung, wie eine ihnen nicht gleichstehende, sondern untergeordnete oder gar von ihnen abhängige Person.

Der Staretz Sossima erschien in Begleitung Aljoschas und eines Novizen. Die Priestermönche erhoben sich und verneigten sich tief vor ihm, wobei sie mit den Fingern den Boden berührten, und küßten ihm darauf, nachdem sie sich bekreuzt hatten, ehrfürchtig die Hand. Der Staretz erteilte ihnen seinen Segen, verneigte sich vor einem jeden von ihnen ebenso tief, wobei er gleichfalls den Fußboden mit den Fingern berührte und auch von ihnen ihren Segen erbat. Die ganze Zeremonie ging sehr ernst vor sich, durchaus nicht wie irgendein alltäglicher Brauch, sondern fast mit einem tiefen Gefühl. Miussoff aber argwöhnte plötzlich, daß alles ihretwegen absichtlich so ernst und feierlich gemacht werde. Er stand, da er als erster eingetreten war, vor den anderen. Nun hätte er, ganz abgesehen von seinen Ideen, einfach aus gewöhnlicher Höflichkeit (da hier nun einmal solche Bräuche waren), auf den Staretz zutreten, und, wenn ihm auch nicht gerade die Hand küssen, so ihn doch wenigstens um seinen Segen bitten müssen. Das hatte er sich am Abend vorher sogar schon vorgenommen. Als er aber jetzt alle diese Verbeugungen sah, änderte er im Augenblick seinen Entschluß: wichtig und ernst machte er eine tiefe, gesellschaftliche Verbeugung und trat darauf zurück. Genau dasselbe tat auch Fedor Pawlowitsch, der diesmal wie ein Affe Miussoff auf ein Haar kopierte. Iwan Fedorowitsch machte ernst und höflich seine Verbeugung, doch gleichfalls „Hände an den Nähten“, Kalganoff dagegen verwirrte sich dermaßen, daß er überhaupt nicht grüßte. Der Staretz ließ seine zum Segen erhobene Hand wieder sinken, und bat sie, indem er sich zum zweitenmal vor ihnen verneigte, Platz zu nehmen. Aljoscha stieg das Blut ins Gesicht; er schämte sich – seine schlechten Ahnungen hatten ihn also nicht getäuscht!

Der Staretz setzte sich auf ein kleines, altmodisches Ledersofa aus rotem Holz, den Gästen aber wies er an der entgegengesetzten Wand vier Stühle an, die alle in einer Reihe standen, gleichfalls aus rotem Holz waren und einen stark abgenutzten Lederbezug hatten. Die Priestermönche setzten sich etwas abseits, der eine bei der Tür, der andere am Fenster. Der Seminarist, Aljoscha und der Novize blieben stehen. Die Zelle war nicht gerade groß und hatte so ein, fast möchte man sagen, welkes Aussehen. Die Sachen und die Möbel, nur die notwendigsten, waren von ganz einfacher Arbeit, fast ärmlich. Zwei Blumentöpfe auf dem Fensterbrett und in der Ecke viele Heiligenbilder – darunter ein sehr großes der Muttergottes, das wahrscheinlich schon lange vor der Kirchenspaltung[6] gemalt worden war. Vor ihm brannte ein Lämpchen. Daneben hingen zwei andere Heiligenbilder mit reicher Verzierung, etwas weiter zwei kleine Cherubim, Ostereier aus Porzellan, ein katholisches Kreuz aus Elfenbein mit einer es umarmenden Mater dolorosa, und dann hingen an den Wänden noch einige ausländische Gravüren großer italienischer Meister der vergangenen Jahrhunderte. Neben diesen schönen und teuren Gravüren hingen aber die allereinfachsten russischen Buntdrucke verschiedener Heiliger, Märtyrer, Erzbischöfe usw., kurz, Bilder, wie sie zu einer Kopeke das Stück auf allen Jahrmärkten verkauft werden. Ebenso hingen an den anderen Wänden noch mehrere Bilder lebender wie verstorbener Geistlicher. Miussoff streifte mit seinem Blick nur flüchtig diesen ganzen „Heiligenkram“ und richtete ihn dann fest auf das Gesicht des Staretz. Er schätzte seinen Blick sehr hoch: er hatte diese an ihm jedenfalls verzeihliche Schwäche, verzeihlich, wenn man bedenkt, daß er ein Mann von fünfzig Jahren war, also schon ein Alter erreicht hatte, in dem ein kluger, wohlsituierter Weltmann zu seiner eigenen Person immer ehrerbietiger wird – und wäre es unwillkürlich.

Im ersten Augenblick gefiel ihm der Staretz nicht. Allerdings war in dessen Gesicht etwas, das vielen, auch außer Miussoff, nicht gefallen hätte. Er war ein mittelgroßer, gebeugter Mann mit sehr schwachen Füßen, erst fünfundsechzig Jahre alt, doch erschien er infolge seiner Krankheit wenigstens um zehn Jahre älter. Sein mageres Gesicht war von kleinen, feinen Runzeln übersät, besonders um die Augen herum. Diese Augen waren nicht groß, wohl aber hell und glänzend wie zwei leuchtende Punkte. Nur an den Schläfen hatte er noch ein wenig graues Haar, das Bärtchen war spitz und klein und spärlich, die Lippen aber, die häufig lächelten, waren so schmal wie zwei dünne Schnürchen. Die Nase war nicht gerade lang, dafür aber fast so spitz wie ein Vogelschnabel.

„Allem Anschein nach ein boshaftes und kleinlich-anmaßendes Männchen,“ zuckte es Miussoff durch den Kopf. Er war sehr unzufrieden mit sich.

Da schlug die Uhr und half somit, ein Gespräch zu beginnen. Es schlug von einer billigen Wanduhr mit Gewichten in schnellen Schlägen gerade zwölf.

„Genau die festgesetzte Stunde!“ rief Fedor Pawlowitsch, „mein Sohn Dmitrij Fedorowitsch ist aber noch immer nicht erschienen. Ich bitte für ihn um Entschuldigung, heiliger Staretz!“ (Aljoscha fuhr zusammen, als er das „heiliger Staretz“ hörte.) „Ich selbst dagegen bin immer pünktlich auf die Minute, da ich weiß, daß Pünktlichkeit die Höflichkeit der Könige ist.“

„Soviel ich weiß, sind Sie nichts weniger als ein König,“ brummte Miussoff, der sich schon nicht mehr recht in der Gewalt hatte.

„Stimmt! Nichts weniger als ’n König. Und denken Sie nur, Pjotr Alexandrowitsch, das wußte ich ja selbst, bei Gott! Und sehen Sie, immer muß ich alles so mal à propos sagen! Ehrwürden!“ rief er darauf mit einem ganz plötzlichen, unerwarteten Pathos aus: „Sie sehen vor sich einen leibhaftigen Narren! Habe die Ehre, mich Ihnen als solchen vorzustellen. Alte Angewohnheit – leider! Daß ich aber am unrechten Ort und zur unrechten Zeit zuweilen etwas lüge, o, das geschieht sogar mit Absicht von mir, um andere zu erheitern und ihnen angenehm zu sein. Denn das muß man doch, nicht wahr? Wissen Sie, einmal, so vor etwa sieben Jahren, kam ich in ein Städtchen, es gab Geschäftchen abzuwickeln, wollte dort mit ein paar Kaufleuten eine Kompanie gründen. Kurz, wir gehen zum Kreispolizeichef – man mußte ihn doch um dies und jenes bitten –, um ihn zu einem Schmaus einzuladen. Er kommt heraus, groß, dick, blond und mürrisch, – eines der gefährlichsten Subjekte in solchen Fällen: ‚Herr Isprawnik,‘[7] sage ich zu ihm, ‚seien Sie unser Naprawnik!‘ – ‚Was soll ich sein?‘ fragte er. Ich sehe schon in der ersten Viertelsekunde, daß die Sache schief gegangen ist, er steht steif, fixiert mich: ‚Ich erlaubte mir, nur zu scherzen,‘ sage ich, ‚bloß so zur allgemeinen Heiterkeit, da Herr Naprawnik unser bekannter russischer Dirigent und Kapellmeister der kaiserlichen Oper ist, wir aber zur Harmonie unseres Unternehmens gleichfalls so etwas wie einen Kapellmeister brauchen‘ ... Kurz und gut, ich erkläre ihm vernünftig den ganzen Vergleich, nicht wahr, er aber sagt: ‚Ich bin der Isprawnik und verbitte mir unpassende Witzchen mit meinem Titel,‘ – kehrt sich um und geht! Ich ihm nach, rufe: ‚Ah, selbstverständlich sind Sie nur Isprawnik und kein Naprawnik!‘ – Er aber sagt nichts darauf und geht, geht wahrhaftig! Und was glauben Sie wohl: unsere ganze Geschichte ging aus dem Leim! Und immer bin ich so, immer verpfusche ich mir alles selbst mit meiner Liebenswürdigkeit! – Einmal, das ist jetzt schon viele Jahre her, sagte ich zu einer angesehenen, sogar einflußreichen Persönlichkeit: ‚Ihre Frau Gemahlin ist etwas sehr kitzlich,‘ – in dem Sinne, meine ich, was die Ehre anbetrifft, ich meine – in moralischer Hinsicht; er aber fragt mich: ‚Haben Sie sie denn gekitzelt?‘ Wart, denke ich, werde mir ein Witzchen erlauben: ‚Versteht sich,‘ sage ich. Nun, darauf hat er mich aber etwas anders gekitzelt ... Doch das ist schon so lange her, daß man sich weiter nicht mehr schämt, es zu erzählen. Und immer schade ich mir selbst auf diese Weise.“

„Das tun Sie ja auch jetzt wieder,“ brummte Miussoff mit Verachtung.

Der Staretz betrachtete sie beide stumm.

„Und ob! Stellen Sie es sich nur vor, Pjotr Alexandrowitsch, ich wußte das ja selbst, ich ahnte es bereits, als ich den Mund auftat und, wissen Sie, ich wußte sogar, daß Sie zu mir als erster diese Bemerkung machen würden. In diesen Sekunden, Ehrwürden, wenn ich sehe, daß der Spaß mir nicht gelingt, trocknen mir allmählich beide Wangen an das Zahnfleisch der unteren Kinnbacken an, und es kommt so etwas wie ein Krampf über mich: Das habe ich von Jugend auf, als ich noch bei den Edelleuten aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen wurde und mir auf diese Weise, also dafür, daß ich bei ihnen lustiger Gast war, mein Brot verdiente. Ich bin ein eingefleischter Narr, bin’s von Kindesbeinen an, bin so geboren, Ehrwürden, ’s ist angeborene Blödsinnigkeit, wie gesagt! Oder möglich, daß sich ein unreiner Geist in mir verbirgt, will’s nicht verreden, übrigens, keines großen Kalibers, denn ein bedeutenderer würde sich ein anderes Quartier mieten, nur ist damit nicht gesagt, daß er dabei das Ihrige, Pjotr Alexandrowitsch, wählen würde, denn, nicht wahr, auch Sie sind ja kein bedeutendes Quartier. Dafür aber bin ich gläubig, glaube an Gott! Nur in der letzten Zeit habe ich so einige Bedenken gekriegt, dafür aber sitze ich jetzt hier in Erwartung heiliger Worte. Ich, Ehrwürden, bin wie Diderot. Kennen Sie die Geschichte, wie der Philosoph Diderot zum Metropoliten Platon kam? – zur Zeit der Kaiserin Katharina? Er kommt herein und sagt direkt, ganz ohne jegliche Einleitung: ‚Es gibt keinen Gott.‘ Worauf der große Kirchenvater seine Hand erhebt und sagt: ‚Rede nur, Sinnloser, in deinem Herzen trägst du Gott!‘ Diderot ihm sofort zu Füßen: ‚Ich glaube,‘ ruft er aus, ‚und empfange die Taufe.‘ Und so wurde er denn auch sofort getauft. Fürstin Daschkowa hob ihn aus der Taufe, und Potemkin war sein Pate ...“

„Fedor Pawlowitsch, das ist unerträglich! Sie wissen es ja selbst, daß Sie lügen, daß diese dumme Anekdote nichts weniger als wahr ist, wozu machen Sie denn diese Faxen?“ unterbrach ihn mit zitternder Stimme Miussoff, der sich nicht länger beherrschen konnte.

„Mein ganzes Leben lang habe ich’s ja geahnt, daß sie nicht wahr ist!“ bestätigte sofort und gleichsam in heller Begeisterung Fedor Pawlowitsch. „Meine Herren, ich werde Ihnen dafür die ganze Wahrheit sagen! Großer Staretz! Verzeihen Sie mir: das letzte, dieses von der Taufe Diderots, habe ich mir selbst soeben ausgedacht, erst jetzt, genau, als ich es erzählte, früher ist es mir nie in den Kopf gekommen. Hab’s mir nur so zur Pikanterie ausgedacht. Darum mache ich ja nur diese Faxen, Pjotr Alexandrowitsch, um sympathischer zu sein. Zuweilen weiß ich übrigens selbst nicht, warum. Und was den Diderot betrifft, so habe ich dieses: ‚rede nur, Sinnloser,‘ etwa zwanzigmal von den hiesigen Gutsbesitzern erzählen gehört, hab’s bereits als halbes Kind gehört, als ich bei ihnen lebte; auch von Ihrer lieben Tante, Pjotr Alexandrowitsch, von Mawra Fominitschna, habe ich’s gehört. Alle sind sie durch die Bank, bis auf den heutigen Tag, noch überzeugt, daß der gottlose Diderot zum Metropoliten Platon über Gott disputieren gegangen ist ...“

Miussoff erhob sich, nicht nur, weil er die Geduld verloren hatte, sondern er tat es offenbar, weil er im Augenblick in seiner Erregung nichts anderes zu tun wußte. Er war empört und sagte sich, daß er dadurch selbst lächerlich werde. Ja, in der Zelle ging wirklich etwas ganz Unmögliches vor sich. Diese Zelle, in der vielleicht schon seit vierzig oder fünfzig Jahren, noch bei den früheren Startzen, die Fremden empfangen wurden, hatte nur tiefste Ehrfurcht gesehen. Alle, die in ihr empfangen worden waren, hatten gewußt, daß man ihnen damit eine große Gnade erwies. Viele sanken auf die Knie und erhoben sich erst, wenn sie fortgehen mußten. Viele sogar von den „höheren“ Persönlichkeiten, sogar viele Gelehrte, ja, selbst viele Freigeister, die entweder aus Neugierde oder aus sonst einem Grunde gekommen waren, machten es sich alle, bis auf den letzten, beim Eintritt in die Zelle zur ersten Pflicht, sich während des Besuchs tief ehrerbietig, tadellos zu benehmen, um so mehr, als man nicht für Geld empfangen wurde, sondern aus Liebe und Mitleid. Und die hinkamen, waren entweder Reuige, die Trost suchten, oder Menschen, die einer schweren Frage ihrer Seele eine Antwort suchen wollten, oder einen schweren Augenblick im Leben des eigenen Herzens zu überwinden hatten, und die dann um Beistand, Rat und Hilfe baten. So riefen denn solche Possen, wie sie plötzlich Fedor Pawlowitsch an diesem Ort trieb, bei den übrigen Anwesenden oder wenigstens bei einigen von ihnen stumme Verwunderung und erstauntes Nichtverstehenkönnen hervor. Die Priestermönche, die übrigens ihren Gesichtsausdruck nicht im geringsten veränderten, warteten ernst und aufmerksam, was der Staretz sagen werde, doch bereiteten auch sie sich schon vor, wie Miussoff, aufzustehen. Aljoscha war dem Weinen nahe und stand stumm mit gesenktem Kopf. Am sonderbarsten schien ihm, daß sein Bruder Iwan Fedorowitsch, der einzige, auf den er gehofft hatte, und der allein solch einen Einfluß auf seinen Vater besaß, daß er ihn hätte zügeln können, jetzt vollkommen unbeweglich auf seinem Stuhl saß, den Blick zu Boden gesenkt hielt, und, wie es schien, mit einer geradezu wißbegierigen Neugier abwartete, womit das enden werde, ganz als ob er selbst nur eine fremde Nebenperson wäre. Auf Rakitin, den Seminaristen, wagte Aljoscha nicht einmal einen Blick zu werfen, obgleich er ihn gut kannte, und ihm fast nahe stand: oh, er kannte dessen Gedanken nur zu gut (vielleicht er allein im ganzen Kloster).

„Entschuldigen Sie mich ...,“ begann Miussoff zum Staretz gewandt, „wenn ich Ihnen vielleicht gleichfalls als Teilnehmer an diesem unwürdigen Scherz erscheine. Meine Schuld besteht bloß darin, daß ich geglaubt habe, selbst so einer, wie Fedor Pawlowitsch, würde, wenn er an solch einem Ort ist, seine Pflichten begreifen ... Ich hätte es nicht gedacht, daß man dafür noch um Verzeihung werde bitten müssen, daß man mit ihm zusammen eintritt ...“

Miussoff sprach seinen Satz nicht zu Ende und wollte schon ganz verwirrt hinausgehen.

„Beunruhigen Sie sich nicht, ich bitte Sie darum,“ sagte der Staretz und erhob sich plötzlich, trotz seiner kranken Füße, von seinem Platz, ergriff Miussoff an beiden Händen und nötigte ihn, sich wieder auf den Stuhl zu setzen. „Beruhigen Sie sich, ich bitte Sie darum, und besonders bitte ich Sie, mein Gast zu sein;“ und nachdem er sich nochmals verbeugt hatte, setzte er sich wieder auf sein kleines Sofa.

„Großer Staretz, sprechen Sie es aus: beleidige ich Sie durch meine Lebhaftigkeit oder nicht?“ rief plötzlich Fedor Pawlowitsch, wobei er auf dem Stuhl nach vorn rückte und mit den Händen schon die Armlehnen seines Stuhles ergriff, als ob er mit der Antwort zugleich aufspringen wollte.

„Und auch Sie bitte ich aufrichtig, sich nicht zu beunruhigen und sich keinen Zwang anzutun,“ sagte ihm eindringlich der Staretz. „Seien Sie ganz wie zu Haus. Und vor allem, schämen Sie sich nicht so sehr Ihrer selbst, denn nur daher kommt bei Ihnen alles.“

„Ganz wie zu Haus? Das heißt wohl so recht natürlich? O, das ist viel, viel zu viel, doch – nehme es in Rührung an! Wissen Sie, gesegneter Vater, beschwören Sie mich nicht auf das Natürliche, riskieren Sie es lieber nicht ... Bis zur Natürlichkeit komme ich ja noch nicht einmal bei mir selbst. Ich warne Sie nur, um Sie vor Schlimmem zu bewahren. Na ja, und was das übrige anbetrifft, so liegt das noch in der Finsternis der Unbekanntheit, obgleich mich gewisse Leute gern anschwärzen wollen. Das ist an Ihre Adresse gesagt, Pjotr Alexandrowitsch. Ihnen aber, heiligstes Wesen, Ihnen sage ich folgendes: ‚Ich spreche meine Begeisterung aus!‘“ Er erhob sich, erhob die Hände und rief: „‚Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brüste, die dich genährt,‘ besonders die Brüste! Sie haben mich soeben mit Ihrer Bemerkung: ‚Schämen Sie sich nicht so sehr Ihrer selbst, denn nur daher kommt alles,‘ mit dieser Bemerkung haben Sie mich einfach durchbohrt und mir gezeigt, daß Sie in meinem Innersten lesen. Das ist es ja, daß es mir immer scheint, wenn ich zu Leuten hineingehe, daß ich gemeiner als alle bin, und daß mich alle für einen Narren halten, und darum denke ich: ‚wart, werde meinetwegen den Narren spielen, fürchte eure Meinung nicht, denn ihr seid doch alle, bis auf den letzten, gemeiner als ich!‘ Sehen Sie, und darum bin ich denn Narr, bin vor Scham Narr, großer Staretz, nur vor Scham! Nur aus Argwohn bin ich frech, mache ich sofort Skandal. Denn wäre ich überzeugt, wenn ich eintrete, daß mich alle sofort für den liebenswürdigsten und klügsten Menschen halten, – Herrgott, was würde ich dann für ein guter Mensch sein! Mein Lehrer!“ rief er aus und sank ganz plötzlich auf die Knie nieder, „was soll ich tun, um das ewige Leben zu erwerben?“

Selbst jetzt war es schwer, zu sagen, ob er scherzte, oder ob er tatsächlich so begeistert war?

Der Staretz blickte ihn an und sagte lächelnd:

„Das wissen Sie selbst schon längst, was man dazu tun muß, Verstand haben Sie genug: Ergeben Sie sich nicht dem Trunk, mäßigen Sie sich in Ihren Worten, ergeben Sie sich nicht der Sinnenlust und vor allem nicht der Vergötterung des Geldes, und schließen Sie Ihre Trinkstuben, wenn nicht alle, falls Ihnen das unmöglich ist, so doch wenigstens zwei oder drei. Und die Hauptsache, das allerwichtigste – lügen Sie nicht.“

„Das geht wohl auf das von dem Diderot?“

„Nein, nicht nur auf die Geschichte vom Diderot. Die Hauptsache ist, belügen Sie sich nicht selbst. Wer sich selbst belügt und auf seine eigene Lüge hört, kommt schließlich dazu, daß er keine einzige Wahrheit mehr, weder in sich noch um sich, unterscheidet, das aber führt zu Nichtachtung sowohl seiner selbst als der anderen. Wer aber niemanden achtet, der hört auch auf zu lieben; um sich aber ohne Liebe zu beschäftigen und zu zerstreuen, ergibt er sich den Leidenschaften und rohen Ausschweifungen und steigt in seinen Lastern hinab bis zum Viehischen; und also geschieht das nur durch seine fortwährende Lüge, den Menschen wie sich selbst gegenüber. Wer sich selbst belügt, kann sich auch am ehesten beleidigt fühlen. Ist es doch mitunter sogar sehr angenehm, sich gekränkt zu fühlen, ist’s nicht so? Und der Mensch weiß es doch selbst, daß ihn niemand gekränkt hat, daß er sich selbst die Kränkung ausgedacht und vorgelogen hat zur vermeintlichen Zierde, daß er es selbst vergrößert hat, daß er aus einer Erbse einen Berg macht, – er weiß es selbst nur zu gut, und doch fühlt er sich gekränkt, fühlt er sich bis zum Wohlbehagen gekränkt, bis zur Empfindung eines Genusses, und das bringt ihn dann bis zur wahren Feindschaft gegen die Menschen ... Aber so stehen Sie doch auf, setzen Sie sich doch, ich bitte Sie darum; das sind doch gleichfalls nur erlogene Gebärden.“

„Heiligster Mensch! Lassen Sie mich Ihre Hand küssen,“ rief aufspringend Fedor Pawlowitsch begeistert aus, beugte sich geschwind und drückte schmatzend einen Kuß auf die magere Hand des Staretz. „Das ist es ja, das ist’s: jawohl, geradezu angenehm ist es, sich gekränkt zu fühlen! Das haben Sie so schön gesagt, wie ich es überhaupt noch nicht gehört habe. Das ist es ja, mein Lebelang habe ich mich bis zum Genuß gekränkt gefühlt, habe mich nur um der Ästhetik willen gekränkt gefühlt, denn es ist nicht nur angenehm, sondern zuweilen sogar hübsch, gekränkt zu sein; – das haben Sie vergessen, hinzuzufügen, großer Staretz: wirklich hübsch. Das werde ich mir ins Notizbuch schreiben! Aber gelogen habe ich entschieden mein ganzes Leben, an jedem Herrgottstag, in jeder Stunde und Minute; bin die leibhaftige Lüge, bin der Vater der Lüge! Übrigens verhaue ich mich wahrscheinlich wieder im Text, sagen wir lieber, der Sohn der Lüge, das dürfte ja auch schon genügen. Nur ... hören Sie, mein Engel ... so etwas wie das vom Diderot kann man zuweilen doch erfinden! Diderot schadet weiter nicht, aber so gewisse Wörtchen können mitunter schaden. Ach, bei der Gelegenheit, großer Staretz, hätt’s beinahe total vergessen, und hab’s mir doch schon seit drei Jahren fest vorgenommen, mich hier danach zu erkundigen, gerade hier anzufragen und es positiv zu erfahren – wollten Sie aber nicht vorher Pjotr Alexandrowitsch sagen, daß er mich nicht unterbricht! – also, ich wollte sagen: ist es wahr, großer Mann, was in der Vita Sanctorum irgendwo geschrieben steht, von irgendeinem heiligen Wundertäter, den man um seines Glaubens willen gemartert hat? Es heißt dort nämlich, daß er, nachdem man ihn schließlich enthauptet hatte, aufgestanden sei, seinen Kopf aufgehoben und ihn ‚liebevoll geküßt‘ habe, und lange so mit ihm in den Armen herumgegangen sei, das Haupt immer ‚liebevoll küssend‘. Ist das nun wahr oder nicht, meine ehrenwerten Väter?“

„Nein, das ist nicht wahr,“ sagte der Staretz.

„So etwas steht überhaupt nicht in der Vita Sanctorum. Von welch einem Heiligen soll denn das geschrieben stehen?“ fragte der eine Priestermönch, der Pater Bibliothekar.

„Das weiß ich selbst nicht, von welch einem. Weiß es nicht und ahne es nicht einmal. Hab’s nur so reden hören, bin aber betrogen worden. Und wissen Sie, wer es erzählt hat? Nun, dieser selbe Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, der sich soeben dermaßen über den Diderot zu entrüsten geruhte; er selbst ist es, der es erzählt hat!“

„Niemals habe ich Ihnen das erzählt! Mit Ihnen spreche ich überhaupt nicht!“

„Stimmt, Sie haben es nicht mir erzählt; aber Sie haben es in einer Gesellschaft erzählt, in der auch ich mich befand, und das war so vor ungefähr vier Jahren. Ich erwähne es ja nur aus dem einen Grunde, weil Sie, Pjotr Alexandrowitsch, durch diese spaßige Geschichte meinen Glauben erschütterten. Sie wußten es nicht und ahnten es nicht; ich aber kehrte mit erschüttertem Glauben heim, und seit der Zeit wird er immer noch mehr erschüttert. Ja, Pjotr Alexandrowitsch, Sie waren die Ursache eines großen Falles! Das ist nicht bloß so ein Geschichtchen von Diderot!“

Der alte Karamasoff geriet bereits in Pathos, doch war allen vollkommen klar, daß er sich wieder nur verstellte. Miussoff aber war doch tief verletzt.

„Welch ein Unsinn,“ sagte er gekränkt. „Ich habe es vielleicht wirklich einmal gesagt ... nur nicht Ihnen. Ich habe es selbst von anderen gehört. Man hat es mir in Paris erzählt; es war ein sehr gelehrter Franzose, der sich speziell mit russischer Theologie beschäftigte ... hatte lange in Rußland gelebt ... er sagte, es werde bei uns nach der Frühmesse in der Vita Sanctorum gelesen ... Ich habe es zwar selbst nicht gelesen ... und werde es auch nicht ... als ob man wenig bei Tisch spricht? ... Wir tafelten damals gerade ...“

„Ja, Sie tafelten damals gerade; ich aber verlor dabei meinen Glauben!“ neckte der alte Karamasoff geflissentlich weiter.

„Was geht mich Ihr Glaube an!“ fuhr Miussoff auf, bezwang sich aber plötzlich und fügte nur mit Verachtung hinzu: „Sie machen wirklich alles gemein, womit Sie in Berührung kommen.“

Der Staretz erhob sich von seinem Platz.

„Entschuldigen Sie mich, meine Herren, ich muß Sie auf wenige Minuten verlassen,“ sagte er, sich an alle wendend, „ich werde von Leuten erwartet, die noch vor Ihnen gekommen sind. Sie aber, lügen Sie ein für allemal nicht mehr,“ fügte er mit heiterem Gesicht zu Fedor Pawlowitsch gewendet hinzu.

Er verließ die Zelle. Aljoscha und der Novize gingen ihm sofort nach, um ihn die Treppe hinunterzugeleiten. Aljoscha war fast atemlos, war froh, fortgehen zu können, doch freute es ihn besonders, daß der Staretz nicht gekränkt, sondern heiter zu sein schien. Der Staretz wollte zur kleinen Galerie gehen, um die ihn Erwartenden zu segnen. Aber Fedor Pawlowitsch hielt ihn noch an der Zellentür auf:

„Gesegneter Mensch!“ rief er gefühlvoll, „erlauben Sie mir, noch einmal Ihre Hände zu küssen! Nein, mit Ihnen kann man doch reden! Sie glauben, daß ich immer so dumm bin und so den Narren spiele? So sage ich Ihnen denn, daß ich es die ganze Zeit mit Absicht getan habe, um Sie zu erproben. Die ganze Zeit befühle ich Sie ja doch nur, ob man mit Ihnen auch leben kann? Hat denn meine Wenigkeit Platz neben Eurer Hoheit!? Stelle Ihnen einen Belobigungsschein aus: man kann wahrhaftig mit Ihnen leben! Jetzt aber verstumme ich, verstumme für die ganze Zeit. Werde mich auf meinen Lehnstuhl setzen und verstummen! Jetzt ist die Reihe an Ihnen, Pjotr Alexandrowitsch, zu sprechen; jetzt sind Sie als Hauptperson zurückgeblieben ... auf zehn Minuten.“

III. Die gläubigen Weiber

Diesmal warteten unten an der kleinen Holzgalerie, die an der Außenseite der Einfriedigungsmauer angebaut war, nur Frauen, etwa zwanzig Weiber aus dem Volk. Man hatte sie benachrichtigt, daß der Staretz endlich käme, und alle hatten sich daraufhin erwartungsvoll herangedrängt. Auf die Galerie war auch Frau Chochlakoff mit ihrer Tochter gekommen, doch blieb sie in der anderen, für vornehme Gäste reservierten Hälfte. Frau Chochlakoff, eine reiche und stets geschmackvoll gekleidete Dame, war noch ziemlich jung, an sich sehr nett, etwas bleich vielleicht, mit sehr lebhaften, fast ganz schwarzen Augen. Sie war erst dreiunddreißig Jahre alt und seit fünf Jahren Witwe. Ihre vierzehnjährige Tochter hatte gelähmte Füße, und so wurde denn das arme Ding, das seit einem halben Jahr nicht gehen konnte, in einem langen Rollstuhl auf Gummirädern geschoben. Sie hatte ein ganz reizendes Gesichtchen, von der Krankheit sah es allerdings etwas abgezehrt aus, doch war es nichtsdestoweniger stets lustig. Etwas Schalkhaftes spielte in ihren großen, dunklen Augen mit den langen Wimpern. Die Mutter beabsichtigte schon seit dem Frühling, mit ihr ins Ausland zu reisen, hatte aber im Sommer ihr Gut nicht verlassen können. In unserer Stadt wohnte sie bereits seit einer Woche, wohl mehr aus geschäftlichen Gründen, als um hier zu beten; doch hatte sie vor drei Tagen schon einmal den Staretz besucht. Jetzt aber waren sie plötzlich wiedergekommen, obgleich sie wußten, daß er so gut wie niemanden mehr empfangen konnte, und hatten unentwegt um das „Glück, dem großen Arzt danken zu können“, gebeten. Inzwischen warteten sie auf ihn. Die Mutter saß auf einem Stuhl neben dem Rollstuhl ihrer Tochter. Zwei Schritt von ihnen stand ein alter Mönch, der aus einem fernen, unbekannten Kloster im Norden gekommen war. Er wartete gleichfalls auf den Segen des Staretz. Doch dieser schritt, als er auf die Galerie trat, geradenwegs zum Volk. Man drängte sich sofort zur kleinen, dreistufigen Treppe, die von der niedrigen Galerie auf den Rasen hinabführte. Der Staretz blieb auf der obersten Stufe stehen, nahm das Epitrachelion um und begann die sich zu ihm drängenden Frauen zu segnen. Man zog auch eine „Klikuscha“ an beiden Händen zu ihm heran. Kaum aber hatte diese den Staretz erblickt, als sie plötzlich ganz absonderlich zu kreischen, zu schnucken und am ganzen Körper zu zittern begann, so, wie kleine Kinder zittern, wenn sie Krämpfe haben. Der Staretz breitete sein Epitrachelion mit einer Handbewegung über ihren Kopf, sprach ein kurzes Gebet – und sie verstummte und beruhigte sich sofort. Ich weiß nicht, wie es jetzt ist, doch in meiner Kindheit habe ich häufig auf dem Lande und in Klöstern solche „Klikuschi“ gesehen und gehört. Sie wurden zum Gottesdienst geführt; sie kreischten oder bellten wie Hunde durch die ganze Kirche, doch wenn die geweihten Gaben des heiligen Abendmahles herausgetragen und sie dann zu ihnen geführt wurden, so hörte die „Besessenheit“ sofort auf, und die Kranken beruhigten sich stets auf einige Zeit. Mir fiel das als Kind ungemein auf, und ich wunderte mich nicht wenig darüber. Doch schon damals erfuhr ich auf meine Fragen von verschiedenen benachbarten Gutsbesitzern und besonders in der Stadt von meinen Lehrern, daß alles nur Verstellung sei, um nicht arbeiten zu müssen, und daß diese Krankheit mit der gehörigen Strenge stets auszurotten sei, wobei es dann noch zur Bekräftigung dieser Behauptung verschiedene Anekdoten gab. Späterhin aber erfuhr ich zu meinem Erstaunen von Medizinern, von Spezialisten, daß hierbei von Verstellung überhaupt nicht die Rede sein könne, daß das ganz einfach eine furchtbare Frauenkrankheit sei, die, wie es scheint, am häufigsten hier bei uns in Rußland vorkommt und von dem schweren Los unserer Bauernweiber zeugt, eine Krankheit, die von der allzu früh begonnenen, anstrengenden Arbeit nach einer schweren, unnormalen Entbindung ohne jede ärztliche Hilfe herrührt, oder auch von aussichtslosem Leid, von Schlägen usw., was gewisse Frauennaturen denn doch nicht ertragen können. Was aber die sonderbare und sofortige Heilung des „besessenen“ und tobenden Weibes anbetrifft, die man mir als Verstellung erklärt hatte oder als eine Posse, die womöglich von dem „Klerus“ selbst arrangiert werde, so ging sie wahrscheinlich gleichfalls auf ganz natürliche Weise vor sich: Sowohl die Kranke als die Weiber, die sie zur Hostie führten, glaubten daran, wie an eine allbekannte Wahrheit, daß der unreine Geist, der sich der Kranken bemächtigt hatte, diese einfach verlassen müsse, weil er es nicht ertragen könne, wenn man sie zum Altar bringt und sie vor der Hostie niederkniet. Darum aber ging dann in dem nervösen und natürlich auch psychisch kranken Weibe gewissermaßen eine Erschütterung des ganzen Organismus vor sich, die selbstverständlich durch die Erwartung des unbedingten Wunders hervorgerufen wurde, ja, infolge des unerschütterlichen Glaubens daran, daß es geschehen werde, hervorgerufen werden mußte. Und so geschah es denn auch, wenn auch nur auf eine Minute. Und so geschah es denn auch diesmal, kaum daß der Staretz die Kranke mit dem Epitrachelion bedeckt hatte.

Viele von den sich zu ihm drängenden Weibern brachen unter dem Eindruck des Augenblicks in Tränen der Rührung und der Begeisterung aus; andere wiederum drängten sich zu ihm, um wenigstens den Saum seines Gewandes zu küssen; wieder andere murmelten Gebete oder Segenssprüche vor sich hin. Er segnete sie alle, und mit einigen von ihnen sprach er auch. Die „Klikuscha“ kannte er schon von früher, sie wurde aus einem Dorfe, das nur sechs Werst vom Kloster entfernt war, zu ihm gebracht, und zwar hatte man das schon des öfteren getan.

„Du dort, du bist von fern hergekommen!“ sagte er zu einem noch ziemlich jungen Weibe, das aber sehr mager und im Gesicht nicht etwa bloß sonnverbrannt, sondern geradezu schwarz war. Sie lag auf den Knien und sah mit unbeweglichem Blick auf den Staretz. In ihrem Blick lag etwas wie Verzückung.

„Von weitem, Vater, von weitem, dreihundert Werst von hier. Von weitem, Vater, von weitem,“ sagte das Weib, die Worte fast singend, wobei es den Kopf langsam hin und her wiegte und die Hand an die Wange legte. Und ihre ganze Sprache war wie ein Klagegesang.

Es gibt im Volk stummes und vielgeduldiges Leid: es zieht sich in sich selbst zurück und schweigt. Doch gibt es auch anderes Leid: das bricht einmal in Tränen aus, und von dem Augenblicke an geht es dann in Klage oder Gebet über. Dies kommt besonders bei den Frauen vor. Doch ist es nicht leichter als das schweigende Leid. Die Klage lindert nur dadurch das Leid, daß sie das Herz zerreißt. Solch ein Leid verlangt nicht einmal nach Trost, es nährt sich am Gefühl seiner Unstillbarkeit, an seiner Trostlosigkeit. Die Klage aber ist nur das Bedürfnis, die schmerzende Wunde immer wieder zu berühren.

„Du bist wohl vom Kleinbürgerstande?“ fragte der Staretz, der sich aufmerksam in ihr Gesicht hineinsah.

„Aus der Stadt sind wir, Vater, aus der Stadt, sind einfache Leute, sind vom Bauernstande, wohnen aber in der Stadt, Vater, in der Stadt. Bin gekommen, um dich zu sehen. Wir haben von dir gehört, Vater, viel gehört. Habe mein Söhnchen, mein Kleines, beerdigt, bin gegangen, um zu Gott zu beten. Bin in drei Klöstern gewesen, doch alle sagen sie mir: ‚Gehe hin, Nastassjuschka, gehe hin, zu ihm,‘ zu dir, mein Liebling, soll ich gehen. So bin ich gekommen, war gestern im nächtlichen Gottesdienst, und heute bin ich zu dir gekommen.“

„Worüber weinst du?“

„Über mein Söhnchen, Vater, ein dreijähriges Kindchen war’s, nur noch drei Monate fehlten, und es wäre drei Jahre alt gewesen. Um mein Söhnchen quäle ich mich, Vater, um mein Söhnchen. Es war das letzte, das mir blieb, vier hatten wir, vier, Nikituschka und ich. Aber die Kinderchen bleiben nicht bei uns, du Guter, sie bleiben nicht. Die drei ersten begrub ich, begrub sie, und es tat mir nicht gar so weh; diesen letzten aber begrub ich, und nun kann ich ihn nicht mehr vergessen. Es ist mir, als ob er hier vor mir steht und nicht fortgeht. Hat mir die Seele ausgesogen. Betrachte ich seine Sächelchen, seine Hemdchen oder seine kleinen Stiefelchen, da stöhne ich und heule auf. Breite alles aus, was von ihm übriggeblieben ist, jedes kleine Sächelchen, sehe und heule. Sage Nikituschka, meinem Manne: Laß du mich, Lieber, beten gehen. Droschkenkutscher ist er, nicht arm sind wir, Vater, nicht arm, er ist sein eigener Herr, alles gehört uns selbst, die Pferde und auch die Wagen. Aber wozu nützt uns jetzt unser Besitz? Wieder wird er jetzt fehlgehen, mein Nikituschka, das ist schon so, ohne mich, und ist auch immer so gewesen: Wenn ich mich nur von ihm abwende, wird er sofort wieder schwach. Aber jetzt denke ich gar nicht mehr an ihn. Bin jetzt schon drei Monate fort von Hause. Habe vergessen, alles vergessen, und will auch nichts wissen; was soll ich jetzt mit ihm? Es ist aus mit ihm, habe mit allem abgeschlossen, mit allem. Würde ich doch jetzt nicht mein Haus sehen wollen und all mein Hab und Gut, und würde ich doch auch nichts mehr sehen!“

„Höre mich, Mutter,“ sagte der Staretz, „einstmals erblickte ein alter Heiliger im Tempel eine weinende Mutter, wie du, und sie weinte gleichfalls über ihr kleines Kind, um ihr einziges, das Gott von ihr zu sich genommen hatte. ‚Oder weißt du nicht,‘ sprach der Heilige zur Mutter, ‚wie kühn diese Kindlein vor dem Throne Gottes sind? Gibt es doch niemanden, der im Himmelreiche kühner wäre, denn sie. Du, Herr, hast uns das Leben geschenkt, sagen sie zu Gott, und kaum, daß wir es erschauten, da nahmst du es wieder von uns. Und so kühn bitten und flehen sie, daß der Herr sie alsbald zu Engeln macht. Und darum,‘ sprach der Heilige, ‚freue du dich, Weib, und weine nicht, denn dein Kind ist bei Gott und weilet in seiner Engelschar.‘ Also sprach in alten Zeiten der Heilige zum weinenden Weibe. War aber ein großer Heiliger, wie also hätte er ihr Unwahrheit sagen können? So wisse denn auch du, Mutter, daß auch dein Kind vor dem Throne Gottes steht und fröhlich und selig ist, und Gott für dich bittet. Und darum weine auch du nicht, sondern freue dich.“

Das Weib hörte ihn an, die Wange in die Hand gestützt. Sie seufzte tief.

„Damit hat mich auch Nikituschka getröstet, Wort für Wort, wie du es sagst: ‚Was weinst du,‘ sagt er, ‚unser Söhnchen ist jetzt bestimmt beim lieben Herrgott und singt dort mit den Engelein.‘ Das sagt er mir, weint aber dabei selbst, ich sehe es ja, weint, wie ich weine. ‚Das weiß ich, Nikituschka,‘ sage ich, ‚wo sollte er denn sonst sein, wenn nicht beim lieben Herrgott, nur ist er nicht bei uns, Nikituschka, sitzt nicht mehr hier neben uns, wie er früher saß!‘ Wenn ich nur ein einziges Mal ihn wiedersehen könnte, nur ein einziges Mal, würde ja nicht zu ihm gehen, würde kein Wörtchen sagen, würde mich in der Ecke verstecken, nur ein Minutchen, nur ein einziges, ihn sehen, ihn hören, wie er auf dem Hof spielt, oder hereinkommt und mit seinem Stimmchen ruft: ‚Mammi, wo bist du?‘ Nur einmal noch will ich hören, wie er im Zimmer herumtrippelt, nur ein einziges Mal, mit seinen Beinchen, tipp tapp, und so schnell, schnell geht’s, ich weiß noch, wie er zuweilen so zu mir gestrampelt kam, schrie und lachte dabei ... wenn ich nur einmal noch seine Schrittchen hören könnte, nur einmal, ich würde ihn gleich wiedererkennen! Aber er ist nicht mehr, Vater, er ist nicht mehr, und niemals mehr werde ich ihn hören. Sieh, hier ist sein Gürtelchen, er aber ist nicht mehr da, und niemals mehr, niemals mehr werde ich ihn sehen noch hören! ...“

Sie zog einen kleinen mit Borten bestickten Gürtel hervor, den sie in den Busen gesteckt hatte, doch kaum sah sie ihn an, da brach sie auch schon in Tränen aus; ihr ganzer Körper wurde vom Schluchzen erschüttert, sie bedeckte die Augen mit den Händen, doch die Tränen flossen durch die Finger über die Hände herab.

„So hat auch Rachel über ihre Kinder geweint und sich nicht trösten können; das sind die Schranken, die euch Müttern hier auf Erden gezogen worden sind. Und so gib dich denn nicht damit zufrieden, Weib, tröste dich nicht, und laß dich nicht trösten, sondern weine, nur wisse in jeder Stunde, in der du weinst, daß dein Sohn einer der Engel Gottes ist, daß er von dort auf dich niederschaut, dich sieht, und sich deiner Tränen freut, und sie Gott dem Herrn zeigt. Und lange noch, Mutter, wirst du die Tränen deines großen Schmerzes weinen, doch schließlich werden sie sich in eine stille Freude verwandeln, und deine bitteren Tränen werden dann nur Tränen einer stillen Rührung sein, eine Herzensläuterung, die vor allen Sünden bewahrt. Deines Sohnes aber werde ich im Gebete gedenken. Wie hieß er mit Namen?“

„Alexei, Vater.“

„Ein lieber Name. Nach dem Gottesknecht Alexei?“

„Nach dem Gottesknecht, Vater, ja, nach dem Gottesknecht, nach dem Gottesknecht Alexei.“

„Das war ein heiliger Mann! Ich werde seiner gedenken, Mutter, und auch deiner Trauer in meinem Gebet, und auch deines Mannes werde ich gedenken, auf daß es ihm wohl ergehe, und er gesund bleibe. Nur ist es Sünde von dir, ihn so allein zu lassen. Kehre zurück zu deinem Manne und beschütze ihn. Sonst sieht es dein Sohn von droben, daß du seinen Vater verlassen hast, und er wird über euch weinen: Warum störst du also seine Seligkeit? Denn er lebt doch, er lebt, denn die Seele ist ewig lebendig, und wenn du ihn auch nicht im Hause siehst, so ist er doch unsichtbar bei euch. Wie soll er nun in euer Haus kommen, wenn dir dein Haus, wie du sagst, nicht mehr lieb ist? Und zu wem soll er kommen, wenn er nicht euch beide, Vater und Mutter, beisammen findet? Sieh, jetzt träumst du von ihm, und das quält dich, dann aber wird er dir sanfte Träume schicken. Geh zu deinem Manne, Weib, kehre noch heutigen Tages zu ihm zurück, Mutter.“

„Ich werde gehen, du mein Lieber, werde gehen, wie du sagst. Hast mir mein Herz erleichtert! ... Nikituschka, du mein Nikituschka, erwartest mich wohl, mein Täubchen,“ begann sie vor sich hinzusagen, doch der Staretz wandte sich schon zu einem alten Mütterchen, das städtisch, aber ganz sonderbar und altmodisch gekleidet war. An ihren Augen konnte man sehen, daß sie etwas Besonderes auf dem Herzen hatte und gekommen war, um es mitzuteilen. Sie war die Witwe eines Unteroffiziers aus unserem Städtchen. Ihr Sohn Wassenjka hatte irgendwo im Kommissariat gedient, war aber dann nach Sibirien, nach Irkutsk, gefahren. Zweimal hatte er ihr von dort geschrieben, dann aber hatte sie ein ganzes Jahr lang keine Nachricht mehr von ihm erhalten. Sie hatte sich darauf wohl nach ihm erkundigt, doch genau genommen, wußte sie nicht recht, wo man sich eigentlich erkundigen sollte.

„Nun sagte mir noch neulich Stepanida Iljinitschna Bedrjägina, die Kaufmannsfrau, sie ist sehr reich – sie sagte mir, laß doch, Prochorowna, für deinen Sohn eine Seelenmesse lesen. Dann wird seine Seele Heimweh bekommen, und er wird dir sofort einen Brief schreiben. Das ist schon mehrmals erprobt worden und hat sich immer als richtig erwiesen, sagt Stepanida Iljinitschna. Nur denke ich so bei mir ... weiß nicht, was ich tun soll ... Sage du mir, unser Augenlicht, was soll ich tun, soll ich die Messe für seine Seele lesen lassen?“

„Du solltest an so etwas überhaupt nicht denken. Es ist schon eine Schande, solches auch nur zu fragen. Und wie wäre denn das möglich, daß man für eine lebende Seele die Totenmesse lesen läßt, und dazu noch die leibliche Mutter. Das wäre eine große Sünde, wäre wie Zauberei, und nur wegen deiner Unwissenheit sei es dir verziehen. Bete lieber zur Muttergottes für seine Gesundheit und auf daß sie dir deine unrechten Gedanken verzeihe. Und höre, was ich dir noch sagen werde, Prochorowna: Dein Sohn wird bald entweder selbst zu dir zurückkehren, oder er wird dir einen Brief schicken. Das wisse. Gehe jetzt und sei ruhig. Dein Sohn lebt, das sage ich dir.“

„Unser Lieber, du unser Augenlicht, Gott schütze dich, unser Wohltäter, weiß ich doch, daß du für uns alle betest und für alle unsere Sünden!“

Der Staretz aber hatte schon zwei brennende Augen bemerkt, mit denen ihn eine magere, dem Anscheine nach schwindsüchtige, doch noch junge Bäuerin unverwandt ansah. Sie blickte ihn stumm an, ihre Augen baten um etwas, doch schien sie Angst zu haben, näher zu kommen.

„Womit bist du gekommen, mein Kind?“

„Erlöse meine Seele, Vater,“ sagte sie leise und unübereilt, kniete nieder und verbeugte sich vor ihm bis zur Erde.

„Ich habe gefehlt, mein Vater, ich fürchte meine Sünde.“

Der Staretz setzte sich auf die unterste Stufe, die Bäuerin näherte sich ihm, ohne sich dabei von den Knien zu erheben.

„Ich bin Witwe, schon das dritte Jahr,“ begann sie halb flüsternd, wobei sie fast zusammenschauerte. „Schwer hatte ich es in der Ehe, alt war er, und schmerzhaft schlug er mich. Dann wurde er krank und lag zu Bett; und so denke ich, wie ich ihn so sehe, wenn er aber gesund wird und wieder aufsteht, was dann? Und da kam mir dieser selbe Gedanke! ...“

„Wart,“ sagte der Staretz und näherte sein Ohr ganz dicht ihren Lippen. Sie fuhr mit leisem Flüstern in ihrer Beichte fort, doch konnte man nichts mehr verstehen. Sie war bald zu Ende damit.

„Das dritte Jahr?“ fragte der Staretz.

„Das dritte. Zuerst dachte ich nicht daran, jetzt aber ist das Kränkeln gekommen und damit auch die Seelenangst.“

„Bist du von weitem hergekommen?“

„Über fünfhundert Werst von hier.“

„Hast du es in der Beichte gestanden?“

„Habe gestanden, habe es zweimal gestanden.“

„Hat man dich zum Abendmahl zugelassen?“

„Ja, man ließ mich zu. Ich fürchte mich, fürchte mich, zu sterben.“

„Fürchte nichts, und fürchte dich niemals, und ängstige deine Seele nicht. Wenn nur die Reue in dir nicht verarmt – wird Gott dir alles verzeihen. Gibt es doch keine Sünde, kann es doch auf der ganzen Welt keine so große Sünde geben, die Gott der Herr dem wahrhaft reuigen Sünder nicht verziehe. Und kann doch der Mensch nie und nimmer eine so große Sünde begehen, daß sie die endlose Liebe Gottes ganz erschöpfte. Oder glaubst du, daß es eine Sünde gäbe, die größer wäre als die Liebe Gottes? Trage nur Sorge um die Reue, sei unermüdlich im Bereuen, doch die Angst sollst du von dir scheuchen. Glaube daran, daß Gott dich so liebt, wie du es dir gar nicht denken kannst, daß er dich zusammen mit deiner Sünde und dich in deiner Sünde liebt. Weißt du nicht, daß es geschrieben steht: Über einen reuigen Sünder wird im Himmel mehr Freude sein, als über zehn Gerechte? So geh denn hin und fürchte dich nicht. Laß dich von den Menschen nicht erbittern und ärgere dich nicht über Kränkungen. Dem Verstorbenen vergib im Herzen alles, söhne dich aus mit ihm in Wahrheit. Wenn du bußfertig bist, so liebst du, liebst du aber, so bist du schon Gottes Kind ... Liebe erkauft alles, Liebe rettet alles. Wenn du schon mich, der ich doch ein ebenso sündiger Mensch bin wie du, gerührt hast und ich Mitleid mit dir empfinde, um wieviel mehr wird es dann Gott tun. Die Liebe ist ein so unschätzbarer Schatz, daß du mit ihr die ganze Welt kaufen kannst und nicht nur deine, sondern auch fremde Sünden auskaufst. So gehe jetzt hin in Frieden und fürchte dich nicht.“

Dreimal schlug er das Kreuz über sie, nahm dann von seinem Halse ein kleines Heiligenbild und legte es um ihren Hals. Schweigend neigte sie sich vor ihm bis zur Erde. Er erhob sich, und blickte heiter auf ein gesundes Bauernweib, das ein Brustkind auf den Armen trug.

„Bin aus Wyschegorje, Liebster.“

„Immerhin sechs Werst von hier, hast noch dazu das Kindchen getragen. Was wolltest du?“

„Dich sehen wollte ich; ich bin doch schon früher bei dir gewesen, oder hast du’s vergessen? Dann hast du wohl kein großes Gedächtnis, wenn du mich schon vergessen hast! Die Leute sprachen dort bei uns, daß du krank sein sollst; da dachte ich, wart, werde ich selbst hingehen, sehen, was er macht. Und da sehe ich dich nun; was bist du denn für ein Kranker? Wirst noch zwanzig Jahre leben, wirklich! Gott mit dir! Und als ob du wenig Fürbitter hättest! Wie sollst du denn krank sein?“

„Ich danke dir für alles, Liebe.“

„Wart, ich habe noch eine kleine Bitte an dich, sie ist nicht groß: Hier sind sechzig Kopeken, gib sie, Liebster, einer, die ärmer ist als ich. Als ich herkam, dachte ich so bei mir: Besser, ich gebe es durch ihn; er wird schon wissen, wer es nötig hat.“

„Ich danke dir, Liebste, danke, meine Gute. Ich habe dich lieb, du Gute; ich werde unbedingt so handeln, wie du wünscht. – Ist es ein Mädchen?“

„Ein Mädchen, Liebster, Lisaweta.“

„Der Herr segne euch beide, dich wie die kleine Lisaweta. Mein Herz hast du mir erheitert, Mutter. Lebt wohl, meine Lieben, lebt wohl, meine teuren Lieben!“

Er segnete alle und verneigte sich tief vor ihnen.

IV. Die kleingläubige Dame

Die zugereiste Gutsbesitzerin, die dem ganzen Gespräch des Staretz mit dem einfachen Volk zugehört hatte, vergoß stille Tränen und tupfte sie mit ihrem Batisttüchlein ab. Sie war eine gefühlvolle Weltdame mit in gar manchen Dingen wahrhaft guten Neigungen. Als der Staretz endlich auch zu ihr trat, begrüßte sie ihn ganz begeistert.

„Ich habe soviel, soviel empfunden beim Anblick dieser rührenden Szene ...“ Vor Erregung stockte sie im Sprechen. „O, ich verstehe nur zu gut, daß das Volk Sie liebt, ich liebe es auch selbst, ich will es lieben, und wie sollte man es auch nicht lieben, dieses prachtvolle, in seiner Größe so treuherzige, russische Volk!“

„Wie steht es mit der Gesundheit Ihrer Tochter? Man sagte mir, daß Sie mit mir sprechen wollten?“

„O, ich habe darum gebeten, gefleht! ich war bereit, auf die Knie zu fallen und meinetwegen drei Tage lang vor Ihren Fenstern zu knien, bis Sie mich dann endlich empfangen hätten! Wir sind zu Ihnen gekommen, großer Arzt, um Ihnen unseren heißen, heißen Dank auszusprechen! Sie haben doch meine Lisa ganz gesund gemacht, aber ganz, und wodurch? – Durch Ihr Gebet am Donnerstag, dadurch daß Sie Ihre Hände beim Gebet auf sie gelegt haben! Wir sind hergekommen, um diese Hände zu küssen, um unsere Gefühle, unsere Ehrfurcht auszudrücken!“

„Wieso habe ich sie geheilt? Sie liegt doch noch im Rollstuhl?“

„Aber sie fiebert jetzt in der Nacht überhaupt nicht mehr, zwei Nächte nicht mehr, seit Donnerstag!“ sagte nervös erregt die Dame. „Und nicht nur das allein, auch ihre Füße sind erstarkt. Heute morgen stand sie ganz gesund auf, sie hat die ganze Nacht geschlafen; sehen Sie doch, wie rosig sie heute ist, wie ihre Augen glänzen! Sonst weinte sie immer, jetzt aber lacht sie, ist lustig und fröhlich. Heute wollte sie unbedingt, daß man sie auf die Füße stelle, und so stand sie eine ganze Minute ohne jede Stütze. Sie hat mit mir gewettet, daß sie nach zwei Wochen Walzer tanzen werde. Ich ließ den hiesigen Doktor Herzenstube zu mir bitten; er aber zuckte bloß mit den Achseln und sagte: ‚Das überrascht mich, ist mir unverständlich!‘ Und Sie verlangen, daß wir Sie nicht mehr beunruhigen sollen, daß wir nicht danken? Lise, bedank dich doch, aber so bedanke dich doch!“

Lisas reizendes, lachendes Gesichtchen wurde plötzlich ganz ernst; sie erhob sich im Stuhl, soweit sie es konnte, blickte ernst den Staretz an und legte ihre Händchen vor ihm zusammen, doch konnte sie sich nicht bezwingen und fing von neuem an zu lachen ...

„Über ihn, ach, ich lache ja nur über ihn!“ rief sie, auf Aljoscha weisend, in kindlichem Unwillen über sich selbst, weil sie nicht ernst geblieben war und gelacht hatte. Wer Aljoscha, der einen Schritt hinter dem Staretz stand, betrachtet hätte, der würde die Röte bemerkt haben, die auf einen Augenblick in sein Gesicht stieg. Seine Augen blitzten auf, und er senkte den Blick zu Boden.

„Sie hat einen Auftrag an Sie, Alexei Fedorowitsch ... Wie geht es Ihnen?“ wandte sich die Mama an Aljoscha und streckte ihm ihr reizendes behandschuhtes Händchen entgegen. Der Staretz sah sich hastig nach Aljoscha um und betrachtete ihn lange Zeit sehr aufmerksam. Jener näherte sich Lisa und reichte ihr ein wenig ungeschickt lächelnd die Hand. Lise machte ein wichtiges Gesichtchen.

„Katerina Iwanowna schickt Ihnen durch mich diesen Brief,“ sagte sie und überreichte ihm ein kleines Schreiben. „Sie läßt Sie sehr, sehr bitten, zu ihr zu kommen und so schnell als möglich, und nicht nur zu versprechen, sondern bestimmt zu kommen.“

„Sie bittet mich, zu ihr zu kommen? Zu ihr, mich ... Warum denn?“ stotterte Aljoscha höchst verwundert. Er sah plötzlich ganz besorgt aus.

„O, es handelt sich natürlich um Dmitrij Fedorowitsch und ... um alle diese jüngsten Begebenheiten,“ erklärte flüchtig die Mama. „Katerina Iwanowna hat sich jetzt zu etwas entschlossen ... zu diesem Zweck aber muß sie Sie sehen – warum? Das weiß ich natürlich nicht; aber sie läßt Sie bitten, sobald als möglich zu kommen. Und Sie kommen doch, nicht wahr? Kommen Sie unbedingt, hier gebietet es sogar die Christenpflicht.“

„Ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen,“ sagte Aljoscha immer noch ganz verwundert.

„O, das ist ein so edles, ein so unerreichbar edles Mädchen! ... Schon allein, was sie gelitten hat ... Bedenken Sie doch nur, was sie ertragen hat, und was sie jetzt ertragen muß, und bedenken Sie nur, was sie noch erwartet! ... Es ist schrecklich, wirklich schrecklich, wenn man das bedenkt!“

„Gut, ich werde hingehen,“ beschloß Aljoscha, nachdem er das kurze, rätselhafte Schreiben überflogen hatte, das außer der dringenden Bitte, zu ihr zu kommen, weiter nichts, keine einzige Erklärung enthielt.

„Ach, wie nett das von Ihnen ist, und es wird herrlich sein!“ rief Lisa ganz entzückt aus. „Ich habe Mama immer gesagt: Er wird bestimmt nicht kommen, um keinen Preis wird er kommen! Wie nett, wie reizend Sie sind! Ich habe mir immer gedacht, daß Sie reizend sind, und es ist mir angenehm, Ihnen das jetzt sagen zu können.“

„Lise!“ rief ernst die Mama, doch lächelte auch sie gleich wieder.

„Sie haben uns ganz vergessen, Alexei Fedorowitsch; Sie kommen ja gar nicht mehr zu uns! Lise aber hat mir schon zweimal gesagt, daß sie sich nur in Ihrer Gesellschaft wohl fühle.“

Aljoscha erhob den gesenkten Blick, wurde plötzlich wieder über und über rot und lachte abermals, ohne selbst zu wissen, warum. Der Staretz aber beobachtete ihn nicht mehr; er unterhielt sich bereits mit dem Mönch, der, wie schon erwähnt, neben Lisas Rollstuhl auf sein Erscheinen gewartet hatte. Es war dem Aussehen nach ein ganz einfacher Mönch, ein Mensch mit einer kleinen, doch unzerstörbaren Weltanschauung, dabei aber gläubig und in seiner Art ungemein starrköpfig. Er sagte, daß er aus dem fernen Norden gekommen sei, aus Obdorsk vom heiligen Silvester, – aus einem armen, kleinen Kloster, in dem nur neun Mönche lebten. Der Staretz segnete ihn und forderte ihn auf, einerlei wann, zu ihm in die Zelle zu kommen.

„Wie können Sie so was erreichen?“ fragte plötzlich der Mönch, wobei er ernst und feierlich auf Lisa hinwies. Er fragte es in betreff ihrer „Heilung“.

„Davon zu sprechen, ist natürlich noch zu früh. Erleichterung ist nicht völlige Heilung und kann auch durch andere Ursachen hervorgerufen worden sein. Und selbst das wird nicht anders als nach Gottes Wunsch und durch Gottes Kraft geschehen sein. Alles kommt von Gott. Besuchen Sie mich bald, Pater,“ fügte er nochmals hinzu, „denn nicht zu jeder Zeit kann ich aufstehen; ich bin krank und weiß, daß meine Tage gezählt sind.“

„O nein, nein, Gott wird Sie nicht von uns nehmen; Sie werden noch lange, lange leben!“ fiel die Mama ihm ins Wort. „Und woran sind Sie denn erkrankt? Sie sehen so gesund aus, so fröhlich und glücklich!“

„Heute fühle ich mich auch viel besser, aber ich weiß, daß es nur eine Erleichterung auf eine Minute ist. Ich kenne jetzt meine Krankheit und kann mich nicht mehr darüber täuschen. Wenn ich Ihnen aber so fröhlich und glücklich scheine, so hätten Sie mich mit nichts so erfreuen können wie durch diese Bemerkung. Denn zum Glück sind die Menschen geschaffen, und wer vollkommen glücklich ist, der darf sich selbst sagen: ‚Ich habe das Gebot Gottes auf dieser Welt erfüllt.‘ Alle Heiligen, alle heiligen Märtyrer sind glücklich gewesen.“

„O wie schön Sie reden, welch große und hohe Worte Sie gebrauchen,“ sagte begeistert die Mama. „Wenn Sie etwas sagen, so durchdringen Sie einen gleichsam. Und doch! ... das Glück, ja, das Glück – wo ist es? Wer kann von sich sagen, daß er glücklich sei? O, wenn Sie schon so gut gewesen sind, heute nochmals zu uns zu kommen, so hören Sie denn auch alles, was ich Ihnen das vorige Mal nicht sagen konnte, was ich nicht zu sagen wagte, alles, worunter ich so lange, so lange schon leide! Ich leide, verzeihen Sie mir, ich leide ...“ Und sie faltete in einem plötzlich sie überkommenden heißen Gefühl die Hände vor ihm.

„Worunter denn so besonders?“

„Ich leide ... unter meinem Unglauben ...“

„Unglauben an Gott?“

„O nein, nein, daran wage ich nicht einmal zu denken: aber das Leben im Jenseits – das ist solch ein Rätsel! Und niemand, niemand kann genau auf die Frage antworten! Hören Sie mich an, Sie tiefer Kenner der Menschenseele; ich habe natürlich keine Ansprüche darauf, daß Sie meinen Worten vollen Glauben schenken, aber ich versichere Ihnen, daß ich jetzt nicht aus Leichtsinn rede: Der Gedanke an das Leben nach dem Tode regt mich Unglückliche auf, bis zur Beängstigung, bis zum Entsetzen bringt er mich! Und ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll, niemals habe ich gewagt ... Und sehen Sie, jetzt habe ich gewagt, mich an Sie zu wenden ... O Gott, für was werden Sie mich nun halten!“ Und sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

„Beunruhigen Sie sich nicht wegen meiner Meinung,“ entgegnete der Staretz. „Ich glaube vollkommen an die Aufrichtigkeit Ihres Kummers.“

„O, ich danke Ihnen dafür! Sehen Sie, ich schließe die Augen und denke: Wenn alle glauben, so – woher kommt das? Jetzt aber versichert man, das sei zuerst nur aus der Furcht vor den Schrecken einflößenden Naturerscheinungen gekommen, und daß es alles das überhaupt nicht gäbe. Wie nun, denke ich, ich habe geglaubt so lange ich lebe – und da sterbe ich nun, und plötzlich ist nichts da, und nur ‚Kletten wachsen auf meinem Grabe‘, wie ich vor kurzem bei einem Schriftsteller las. Das ist doch entsetzlich! Wodurch den Glauben wiedergewinnen, wodurch? Und wissen Sie, ich habe eigentlich nur als ganz kleines Mädchen geglaubt, mechanisch, ohne etwas dabei zu denken ... Wodurch sich nun überzeugen? Ich bin zu Ihnen gekommen, um vor Ihnen niederzuknien und Sie zu fragen; denn wenn ich jetzt diese Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lasse, so wird mir doch in meinem ganzen Leben niemand mehr darauf Antwort geben. Womit nun beweisen, wodurch sich überzeugen? O, das ist ein zu großes Unglück! Ich stehe und sehe, daß allen alles einerlei ist, oder fast allen, niemand denkt jetzt daran, nur ich allein kann das nicht mehr ertragen. Das ist ja entsetzlich, ganz entsetzlich, einfach tötend!“

„Zweifellos tötend. Doch beweisen läßt sich hierbei nichts, wohl aber kann man sich überzeugen.“

„Wie? Wodurch?“

„Durch die Erfahrung der werktätigen Liebe. Bemühen Sie sich, Ihre Nächsten tätig und unermüdlich zu lieben. In dem Maße, wie Sie in der Liebe fortschreiten, werden Sie sich auch vom Sein Gottes und von der Unsterblichkeit Ihrer Seele überzeugen. Wenn Sie aber in Ihrer Liebe zum Nächsten bis zur vollen Selbstverleugnung gekommen sind, dann werden Sie auch den vollen Glauben errungen haben, und kein Zweifel wird sich dann mehr in Ihre Seele einschleichen können. Das ist eine alterprobte Wahrheit.“

„Durch werktätige Liebe? Aber da erhebt sich die andere Frage, und was das für eine Frage ist! Sehen Sie: ich liebe die Menschheit dermaßen, daß ich – werden Sie es mir glauben? – zuweilen daran denke, alles zu verlassen, alles, was ich habe, Lise und alles, alles, und barmherzige Schwester zu werden. Ich schließe die Augen, denke und träume, und in diesen Augenblicken fühle ich eine unüberwindliche Kraft in mir. Keine Wunden, keine eiternden Beulen könnten mich abschrecken, ich würde sie mit meinen eigenen Händen waschen und verbinden; ich möchte die Wärterin dieser Leidenden sein und wäre bereit, diese Schwären zu küssen ...“

„Und selbst das ist schon viel und gut, daß Ihre Gedanken davon träumen und nicht von anderem. Bestimmt werden Sie doch noch eine gute Tat tun, wenn auch vielleicht nur aus Versehen ...“

„Ja, aber wie lange könnte ich denn dieses Leben aushalten?“ fragte erregt, fast außer sich, die Dame. „Das ist ja die Hauptfrage! Das ist die allerquälendste Frage! Ich schließe die Augen und frage mich: Wie lange würdest du auf diesem Wege gehen können? Und wenn der Kranke, dessen Wunden du wäschst, dir nicht sofort seine ganze Dankbarkeit schenkt, dich im Gegenteil womöglich noch mit Launen quält, ohne deine menschenfreundliche Aufopferung zu schätzen oder auch nur zu beachten, dich anschreit, sogar roh von dir verlangt, was du doch freiwillig gibst, sich sogar bei den Vorgesetzten über dich beklagt – wie das doch häufig Schwerleidende tun –, was dann? Wird dann deine Liebe noch fortdauern oder nicht? Und denken Sie sich, ich habe mir selbst sofort angstvoll eingestanden: wenn es etwas gibt, was meine ‚tätige‘ Liebe zur Menschheit sofort erkalten machen könnte, so ist das einzige die Undankbarkeit. Mit einem Wort, ich bin eine Arbeiterin um Lohn, ich verlange den Lohn sofort; ich meine, daß man mich lobt, ich verlange Gegenliebe als Lohn für meine Liebe. Anders bin ich überhaupt nicht fähig, jemanden zu lieben!“

Es schien ein Anfall der aufrichtigsten Selbstgeißelung über sie gekommen zu sein. Als sie geendet hatte, blickte sie mit einer geradezu herausfordernden Entschlossenheit auf den Staretz.

„Was Sie mir sagen, hat mir fast Wort für Wort einmal, es ist schon lange her, ein Arzt gesagt,“ bemerkte dieser. „Es war ein bereits bejahrter und zweifellos kluger Mensch. Er sprach ebenso aufrichtig wie Sie, wenn auch halb scherzend, jedenfalls aber traurig scherzend. Ich liebe die Menschheit, sagte er, doch wundere ich mich über mich selbst: je mehr ich die Menschheit im allgemeinen liebe, desto weniger liebe ich die Menschen im einzelnen, das heißt, als einzelne Personen genommen. In Gedanken, sagte er, bin ich nicht selten zu ganz sonderbaren Absichten, der Menschheit zu dienen, gekommen, und vielleicht wäre ich wirklich fähig gewesen, mich für die Menschen kreuzigen zu lassen, wenn das, sagen wir, irgendwie unbedingt vonnöten gewesen wäre; indessen aber könnte ich nicht einmal zwei Tage lang mit irgend jemandem in einem Zimmer leben, was ich aus mehrfacher Erfahrung weiß. Kaum daß jemand bei mir ist, so verletzt er schon meine Persönlichkeit, meine Eigenliebe und beeinträchtigt meine Freiheit. In vierundzwanzig Stunden kann ich den besten Menschen hassen: den einen, weil er langsam ißt bei Tisch, den anderen, weil er Schnupfen hat und sich immer schnauben muß. Und so werde ich, sagte er, sofort ein Menschenfeind, sobald ich nur mit Menschen in Berührung komme. Dafür aber wurde, je mehr ich die Menschen im einzelnen haßte, meine Liebe zur Menschheit im allgemeinen immer größer und leidenschaftlicher.“

„Aber was soll man denn tun? Was soll man denn in diesem Falle tun? Das ist doch zum Verzweifeln!“

„Nein, denn auch das genügt, daß Sie sich darum grämen. Tun Sie, was in Ihren Kräften steht, und auch das wird Ihnen angerechnet werden. Sie haben schon vieles getan, denn Sie haben sich so tief und aufrichtig selbst erkannt! Wenn Sie aber auch mit mir nur deswegen so aufrichtig gesprochen haben, um von mir nur ein Lob zu hören für Ihre Aufrichtigkeit, so werden Sie natürlich mit Ihrer werktätigen Liebe nichts erreichen, so wird alles nur in Ihren Gedanken bleiben, und das ganze Leben wird wie ein Phantom vorüberfliehen. Dann werden Sie natürlich auch das jenseitige Leben vergessen und sich schließlich vielleicht irgendwie beruhigen.“

„Sie haben mich vernichtet! Erst jetzt, erst in diesem Augenblick, da Sie sprachen, begriff ich, daß ich wirklich nur Ihr Lob für meine Aufrichtigkeit erwartete, als ich Ihnen sagte, ich würde Undankbarkeit nicht ertragen können. Sie haben mich ganz begriffen, und Sie haben mich mir selbst erklärt!“

„Sagen Sie das jetzt wirklich ganz aufrichtig? Nun, dann kann ich Ihnen sagen: Jetzt, nach solch einem Bekenntnis, glaube ich, daß Sie aufrichtig und im Herzen ein guter Mensch sind. Wenn Sie auch das Glück nicht erreichen sollten, so denken Sie daran, daß Sie auf einem guten Wege sind, und bemühen Sie sich, nicht von ihm abzugehen. Die erste Bedingung ist: vermeiden Sie die Lüge, jede Lüge, die Lüge vor sich selbst ganz besonders. Geben Sie acht auf Ihre Lüge und beobachten Sie sie in jeder Stunde, in jeder Minute. Desgleichen vermeiden Sie Launenhaftigkeit, sich selbst sowohl als anderen gegenüber. Das, was Ihnen im Herzen schlecht erscheint, wird schon allein dadurch, daß Sie es in sich bemerken, geläutert. Meiden Sie die Furcht, obgleich Furcht nur die Folge jeder Lüge ist. Lassen Sie sich niemals durch Ihren eigenen Kleinmut vom Werben um Liebe abschrecken, sogar Ihre eigenen, schlechten Handlungen in der Beziehung brauchen Sie nicht so sehr zu fürchten. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nichts Beruhigenderes sagen kann, denn die werktätige Liebe ist im Vergleich zur schwärmerischen Liebe etwas Grausames und Abschreckendes. Die schwärmerische Liebe lechzt nach einer schnellen Heldentat, die man in kurzer Zeit vollbringen kann, und zwar unbedingt so, daß alle sie beachten. Dabei kommt es wirklich so weit, daß man bereit ist, das Leben hinzugeben, wenn es nur nicht lange dauert, sondern schnell vollbracht ist, wie auf der Bühne, und alle es sehen und loben. Die werktätige Liebe dagegen, die ist Arbeit und Ausdauer, für einige sogar eine ganze Wissenschaft. Ich aber sage Ihnen, in derselben Minute, in der Sie sich mit Entsetzen gestehen, daß Sie sich trotz all Ihrer Bestrebungen nicht nur dem Ziele nicht genähert, sondern sich von ihm scheinbar noch entfernt haben – in diesem Augenblick, das sage ich Ihnen, werden Sie mit einemmal das Ziel erreichen und über sich klar die wundertätige Kraft des Herrn fühlen, die Kraft Gottes, der Sie immer geliebt hat und Sie die ganze Zeit unsichtbar lenkt. Verzeihen Sie, aber ich muß jetzt gehen, man erwartet mich. Auf Wiedersehen.“

Die Dame weinte.

„Lise, Lise, o segnen Sie sie, segnen Sie sie!“ bat sie erregt.

„Nun, Ihr Töchterchen zu lieben, lohnt sich gar nicht. Ich habe sehr wohl gesehen, wie unartig sie die ganze Zeit gewesen ist,“ sagte scherzend der Staretz. „Warum haben Sie die ganze Zeit über Alexei gelacht?“

Lise hatte sich tatsächlich die ganze Zeit nur mit dieser kleinen Spitzbüberei beschäftigt. Sie hatte es schon längst bemerkt, daß Aljoscha verlegen wurde, wenn sie ihn ansah, und daß er sich immer bemühte, sie nicht anzusehen; nun, und das fand sie ungeheuer interessant. Aufmerksam wartete sie und suchte sie, seinen Blick zu erhaschen. Aljoscha aber, der den unverwandt auf ihn gerichteten Blick nicht ertragen konnte, bezwang sich, bezwang sich wieder, und plötzlich, – plötzlich blickte er doch selbst, von einer unbezwingbaren Kraft angezogen, zu ihr hin, worauf Lise ihm natürlich sofort triumphierend ins Gesicht lachte. Aljoscha wurde immer verlegener und ärgerte sich immer mehr über sich selbst. Zu guter Letzt wandte er sich ganz von ihr ab und versteckte sich halbwegs hinter dem Rücken des Staretz. Doch schon nach kurzer Zeit wandte er sich, wieder von dieser unbezwingbaren Kraft angezogen, vorsichtig ein wenig zur Seite, um zu sehen, ob er betrachtet werde oder nicht, und da sah er denn, daß Lise, die sich ganz über die Armlehne ihres Stuhles bog, ihn von der Seite betrachtete und krampfhaft den Augenblick erwartete, da er sich nach ihr umsehen werde; als sie aber dann seinen Blick auffing, lachte sie so lustig auf, daß selbst der Staretz nicht ernst bleiben konnte.

„Sie Unart Sie, warum machen Sie ihn denn so verlegen?“

Lise wurde plötzlich ganz unerwarteterweise feuerrot, ihre Augen blitzten auf, ihr Gesichtchen aber wurde furchtbar ernst, und dann kam es in heißer, unwilliger Klage hastig, erregt aus ihr heraus:

„Ja, aber warum hat er alles vergessen? Er hat mich auf den Armen getragen, als ich klein war, und wir haben zusammen gespielt! Und später hat er mich lesen gelehrt, ist deswegen zu uns gekommen, wissen Sie das auch? Und als er vor zwei Jahren fortfuhr, sagte er noch, er würde nie vergessen, daß wir ewige Freunde sind, ewige, ewige Freunde! Und jetzt fürchtet er mich auf einmal! Werde ich ihn denn beißen oder aufessen? Warum will er nicht zu mir kommen, warum spricht er nicht mit mir? Warum will er nicht zu uns kommen? Oder erlauben Sie es ihm nicht? Wir wissen doch, daß er sonst überall hingeht. Ich kann ihn doch nicht dazu zwingen, er muß von selbst kommen; er hätte selbst daran denken müssen, wenn er es nicht vergessen hat. Nein, er kommt nicht, er sucht jetzt hier sein Seelenheil! Wozu haben Sie ihm diesen langschößigen Lappen angezogen? ... Er wird ja fallen, wenn er läuft ...“

Und plötzlich bedeckte sie das Gesicht mit der Hand und lachte, lachte unbezwingbar, unaufhörlich ihr gezogenes, nervöses, schüttelndes und unhörbares Lachen.

Der Staretz hatte sie lächelnd angehört, und zärtlich segnete er sie; als sie aber darauf seine Hand küssen wollte, preßte sie diese plötzlich an ihre Augen und brach in Tränen aus:

„Seien Sie nicht böse auf mich, ich bin so dumm, bin überhaupt nichts wert ... Aljoscha hat vielleicht recht, ganz recht, wenn er zu einer so Dummen nicht kommen will.“

„Ich werde ihn ganz bestimmt zu Ihnen schicken,“ versprach ihr lächelnd der Staretz.

V. Und es geschehe also

Die Abwesenheit des Staretz aus der Zelle dauerte im ganzen vielleicht nur fünfundzwanzig Minuten. Es war schon halb eins, doch Dmitrij Fedorowitsch war noch immer nicht gekommen, obgleich sich alle nur seinetwegen versammelt hatten. Trotzdem schien man ihn fast ganz vergessen zu haben, und als der Staretz wieder in die Zelle trat, fand er seine Gäste in lebhaftem Gespräch vor. An diesem Gespräch beteiligten sich vor allen anderen Iwan Fedorowitsch und die beiden Priestermönche. Auch Miussoff mischte sich in das Gespräch ein, dem Anscheine nach sogar sehr hitzig, doch hatte er wieder kein Glück: er blieb ersichtlich zweitrangig, und man antwortete ihm nur wenig, so daß dieser neue Umstand seine ganze sich anstauende Reizbarkeit nur noch verstärkte. Es gab aber noch einen anderen Grund, warum er so reizbar war; er hatte nämlich auch früher schon Iwan Fedorowitsch im Wissen zu überbieten gesucht; doch da es ihm immer mißlungen war, konnte er dessen gewisse Nachlässigkeit ihm gegenüber um so weniger kaltblütig ertragen:

„Bis jetzt wenigstens bin ich auf der Höhe alles dessen gewesen, was in Europa das Fortgeschrittenste war; diese neue Generation aber will uns einfach ignorieren,“ dachte er empört bei sich. Fedor Pawlowitsch, der doch freiwillig sein Wort gegeben hatte, sich auf den Stuhl zu setzen und hinfort zu schweigen, schwieg tatsächlich eine gewisse Zeitlang, beobachtete aber mit einem kleinen, maliziös-spöttischen Lächeln seinen Nachbar Miussoff, dessen Reizbarkeit ihn augenscheinlich freute. Er hatte sich schon längst vorgenommen, diesem gewisse Dinge heimzuzahlen, und wollte jetzt die Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Schließlich hielt er es nicht mehr aus, beugte sich zum Ohr seines Stuhlnachbars und neckte ihn, halblaut flüsternd, geflissentlich noch einmal:

„Warum gingen Sie denn vorhin nach dem ‚küßte es liebend‘ nicht fort, und warum ließen Sie sich dazu herab, in so unanständiger Gesellschaft zu bleiben? Ich werd’s Ihnen sagen, warum: Weil Sie sich erniedrigt und beleidigt fühlten, und so blieben Sie denn, um zur Rache Ihren Verstand leuchten zu lassen. Und jetzt werden Sie für keinen Preis früher fortgehen, als bis Sie Ihren Verstand gezeigt haben.“

„So fangen Sie schon wieder an? Ich gehe sofort!“

„Als letzter, als letzter werden Sie fortgehen, Pjotr Alexandrowitsch!“ neckte noch einmal Fedor Pawlowitsch. Das war fast im selben Augenblick, als der Staretz wieder eintrat.

Das Gespräch verstummte sofort; doch der Staretz, der wieder seinen alten Platz einnahm, blickte alle so freundlich an, als wolle er sie mit dem Blick auffordern, doch fortzufahren. Aljoscha aber, der jeden Ausdruck seines Gesichtes kannte, sah deutlich, daß er furchtbar müde und überanstrengt war. In der letzten Zeit seiner Krankheit war er schon mehrere Male vor Erschöpfung in Ohnmacht gefallen. Sein Gesicht war fast ebenso bleich wie vor einer Ohnmacht, und seine Lippen wurden ganz blaß. Doch augenscheinlich wollte er die Versammelten nicht fortschicken, und zwar schien er dabei noch ein besonderes Ziel zu haben – welch eines nur? Aljoscha beobachtete ihn gespannt.

„Wir sprechen über seinen ungemein interessanten Artikel,“ sagte der Priestermönch Pater Jossiff, der Bibliothekar, zum Staretz, und wies dabei auf Iwan Fedorowitsch. „Er bringt in diesem Artikel viel Neues vor, doch kommt es, glaube ich, auf dasselbe hinaus. Bei Gelegenheit der Erörterung der kirchlich-zivilen Justizfrage, und des Umfanges ihrer Berechtigung, hat er mit einem kleinen Zeitungsartikel dem Geistlichen geantwortet, der über diese Frage ein ganzes Buch geschrieben hat.“

„Leider habe ich Ihren Artikel nicht gelesen, aber ich habe von ihm gehört,“ sagte der Staretz, der Iwan Fedorowitsch aufmerksam anblickte.

„Er nimmt einen interessanten Standpunkt ein,“ fuhr der Pater-Bibliothekar fort. „Wie es scheint, verneint er in der Frage der kirchlichen Ziviljustiz die Trennung von Kirche und Staat.“

„Das ist sehr interessant; aber in welchem Sinne meinen Sie das?“ fragte der Staretz Iwan Fedorowitsch.

Der antwortete ihm; doch tat er es nicht etwa mit einer herablassenden Höflichkeit, wie Aljoscha noch vor kurzem befürchtet hatte, sondern bescheiden und zurückhaltend, mit augenscheinlicher Zuvorkommenheit und offenbar ohne jeden Hintergedanken:

„Ich gehe von der Überzeugung aus, daß diese Verwechselung der Elemente, d. h. des Wesens der Kirche mit dem Wesen des Staates, beide als einzelne Begriffe genommen, natürlich ewig sein wird, obgleich sie überhaupt nicht sein dürfte, und man die beiden niemals nicht nur in ein normales, sondern selbst nicht einmal in ein einigermaßen befriedigendes Verhältnis wird bringen können, da die ganze Sache sich auf einer Lüge aufbaut. Ein Kompromiß zwischen dem Staate und der Kirche in Fragen, wie zum Beispiel der des Gerichts, ist meines Erachtens schon allein ihrem Wesen nach unmöglich. Der Geistliche, dem ich in meinem Artikel entgegnet habe, behauptet, daß die Kirche im Staat eine ganz genaue und bestimmte Stellung einnehme. Ich aber antwortete ihm, daß die Kirche im Gegenteil den ganzen Staat in sich einschließen müßte, nicht aber in ihm nur eine bestimmte Ecke einnehmen sollte, und daß dies, wenn es jetzt aus bestimmten Gründen unmöglich ist, dem Wesen der Dinge nach doch unbedingt das feste und erste Ziel der ganzen Weiterentwicklung des Christentums sein müßte.“

„Das ist vollkommen richtig,“ sagte fest, doch nervös, Pater Paissij, der schweigsame und gelehrte Priestermönch.

„Der reinste Ultramontanismus!“ rief Miussoff aus, der vor Ungeduld ein Bein über das andere schlug.

„Ach, wir haben ja nicht einmal Berge!“ meinte Pater Jossiff, worauf er, zum Staretz gewandt, fortfuhr: „Er antwortet unter anderem auch auf folgende, grundlegende und wesentliche Behauptungen seines Gegners, des Geistlichen – beachten Sie es wohl. Erstens, sagt der Geistliche: ‚Es kann und darf sich kein einziger gesellschaftlicher Verband die Macht, über die bürgerlichen und politischen Rechte seiner Mitglieder zu verfügen, aneignen.‘ Zweitens: ‚Die Macht des Kriminal- und Zivilgerichts darf nicht der Kirche gehören, denn die ist mit ihrem Wesen als göttliche Einrichtung und als Verband der Menschen zu religiösen Zwecken unvereinbar,‘ und schließlich drittens: ‚Daß die Kirche kein Reich von dieser Welt sei‘ ...“

„Das allerunwürdigste Wortspiel für einen Geistlichen!“ unterbrach wieder ungeduldig Pater Paissij. „Ich habe dieses Buch gelesen, auf das Sie geantwortet haben,“ sagte er zu Iwan Fedorowitsch, „und ich war nicht wenig erstaunt über die Worte des Geistlichen, daß die Kirche ‚kein Reich von dieser Welt‘ sei. Wenn sie nicht von dieser Welt wäre, so könnte sie folglich überhaupt nicht auf der Welt existieren. Im heiligen Evangelium sind die Worte: ‚nicht von dieser Welt‘ nicht in diesem Sinne gebraucht. Mit solchen Worten aber zu spielen, geht nicht an. Unser Herr Jesus Christus ist doch nur deswegen gekommen, um die Kirche gerade hier auf Erden zu gründen. Das Himmelreich ist natürlich nicht von dieser Welt, sondern im Himmel, doch kann man in dasselbe nicht anders eingehen als durch die Kirche, die auf der Erde gegründet und errichtet ist. Und darum sind alle Wortspiele in diesem Sinne unmöglich und unwürdig. Die Kirche aber ist in Wahrheit Herrschaft hier auf Erden und ihr ist bestimmt, zu herrschen, und ihr Ziel kann zweifellos nur eines sein: Ihre Herrschaft über die ganze Welt auszudehnen, – wie es uns auch die Verheißung sagt ...“

Er verstummte plötzlich, als ob er sich bezwingen wollte. Iwan Fedorowitsch, der ihm höflich und aufmerksam zugehört hatte, fuhr mit ungewöhnlicher Ruhe wie vorher bereitwillig und offenherzig, zum Staretz gewandt, in seiner Erklärung fort:

„Der ganze Gedanke, den ich in meinem Artikel entwickelt habe, besteht darin, daß das Christentum in den ersten drei Jahrhunderten auf der Erde bloß in Gestalt einer Kirche erschien und auch nur Kirche war. Als aber das heidnische römische Imperium christlich werden sollte, war es ja nur natürlich, daß es, indem es christlich wurde, die Kirche bloß in sich aufnahm, selbst aber fortfuhr, in äußerst vielen Dingen wie früher ein heidnischer Staat zu bleiben. Und im Grunde genommen, hätte es zweifellos anders überhaupt nicht geschehen können. Es blieb in Rom, als Imperium genommen, gar zu viel von der alten Zivilisation und der heidnischen Weisheit übrig, wie zum Beispiel die Ziele und Grundsätze des Imperiums selbst. Die Kirche Christi jedoch konnte, als sie in den Staat eintrat, natürlich nichts von ihrem Grundgedanken, diesem Stein, auf dem sie stand, aufgeben oder abtreten und konnte also nur ihre Ziele verfolgen, die ihr einmal vom Herrn selbst gesetzt und angewiesen waren, wie unter anderem: Die ganze Welt und damit folglich auch das ganze frühere heidnische Imperium in Kirche zu verwandeln. So muß denn also – versteht sich, vom zukünftigen Ziel der Kirche gesprochen – nicht die Kirche sich einen bestimmten Platz im Staate suchen, wie ‚jeder andere gesellschaftliche Verband‘ oder wie ‚ein Verband der Menschen zu religiösen Zwecken‘ – so drückt sich der geistliche Autor, dem ich entgegnete, über die Kirche aus –, sondern im Gegenteil, jeder Erdenstaat müßte sich zum Schluß vollkommen in Kirche verwandeln und nichts anderes werden als bloß Kirche, und sich dann natürlich von allen seinen Zielen, die mit den Zielen der Kirche nicht übereinstimmen, einfach abwenden. Das alles würde den Staat als solchen in nichts erniedrigen, ihm weder seine Ehre noch seinen Ruhm als Großmacht nehmen, noch würde es den Ruhm seiner Herrscher schmälern, sondern würde den Staat nur von dem falschen, noch heidnischen und irreführenden Weg auf den richtigen und wahren Weg stellen, auf den einzigen, der zu ewigen Zielen führt. Darum hätte der Autor des Buches über die Grundlagen des kirchlich-zivilen Gerichts ganz richtig geurteilt, wenn er bei seiner Untersuchung und Feststellung dieser Grundlagen dieselben als einen zeitlichen, in unserer sündigen, noch unvollendeten Zeit notwendigen Kompromiß und sonst nichts weiter behandelt hätte. Sobald aber der Autor dieser ‚Grundlagen‘ sich erdreistet, zu erklären, daß seine Grundlagen, die er jetzt aufstellt, und die teilweise Pater Jossiff soeben aufzählte, unerschütterliche, elementarische und ewige seien, geht er direkt gegen die Kirche vor und gegen ihre heilige, ewige und unerschütterliche Bestimmung. Das ist der ganze Standpunkt meines Artikels.“

„Das heißt also, kurz gesagt,“ begann wieder Pater Paissij, jedes Wort betonend, „nach gewissen Theorien, die sich in unserem neunzehnten Jahrhundert nur zu deutlich ausgeprägt haben, soll sich die Kirche in Staat verwandeln – gleichsam aus einer niedrigeren Form in eine höhere –, um darauf ganz in ihm zu verschwinden, indem sie vor der Wissenschaft, dem Zeitgeist und der Zivilisation zurücktritt, ihnen also einfach Platz macht. Wenn sie das aber nicht will und sich dem widersetzt, so wird ihr im Staat gleichsam nur eine gewisse Ecke eingeräumt, und selbst die nur unter Aufsicht. Und das geschieht jetzt überall in den gegenwärtigen europäischen Ländern. Nach der russischen Auffassung und Zuversicht dagegen soll sich nicht die Kirche in Staat verwandeln, wie aus einem niedrigeren in einen höheren Typ, sondern der Staat soll sich vorbereiten, einzig und allein Kirche und nichts weiter als das zu werden. Dieses sei sein Endziel. Und also geschehe es, Amen!“

„Nun, ich muß gestehen, Sie haben mich jetzt wieder etwas ermutigt,“ sagte Miussoff und schlug ein Bein übers andere. „Soweit ich es verstehe, handelt es sich also um die Verwirklichung irgendeines Ideals, eines unendlich fernen, bei der Wiederkunft des Herrn. Nun, dagegen habe ich nichts. Ein wunderschöner utopischer Traum von der Abschaffung der Kriege, Diplomaten, Banken usw. Etwas, was sogar wie Sozialismus aussieht. Ich aber dachte schon, daß das alles Ernst sei, und die Kirche jetzt bereits über Kriminalfragen richten, zu Ruten und Zwangsarbeit und vielleicht sogar zur Todesstrafe verurteilen solle.“

„Wenn es nur ein einziges kirchlich-ziviles Gericht gäbe, so würde die Kirche auch jetzt nicht zur Zwangsarbeit oder zur Todesstrafe verurteilen. Das Verbrechen und seine Auffassung müßten sich dann selbstverständlich ganz verändern, natürlich allmählich, nicht plötzlich und nicht sofort, immerhin ziemlich bald ...“ sagte ruhig, und ohne mit der Wimper zu zucken, Iwan Fedorowitsch.

„Meinen Sie das etwa im Ernst?“ Miussoff blickte ihn aufmerksam an.

„Wenn alles Kirche wäre, so würde die Kirche den Verbrecher oder den Ungehorsamen ausschließen, nicht aber Köpfe fällen,“ fuhr Iwan Fedorowitsch fort. „Nun frage ich Sie aber, wohin würde dann der Exkommunizierte gehen? Dann müßte er ja nicht nur von den Menschen, wie jetzt, sondern auch von Christus fortgehen. Dann würde er sich mit seinem Verbrechen nicht nur gegen die Menschen, sondern auch gegen die Kirche Christi vergangen haben. Das ist natürlich im strengsten Sinne auch jetzt so, doch ist es immerhin nicht offiziell erklärt, und so findet sich denn heute der Verbrecher sehr häufig mit seinem Gewissen auf diese Weise ab, indem er sich sagt: ‚Habe wohl gestohlen, greife aber nicht die Kirche an, bin Christus kein Feind.‘ Das sagt sich heutzutage fast ausnahmslos jeder Verbrecher. Wenn aber die Kirche an Stelle des Staates getreten ist, dann könnte er es sich schwerlich sagen, es sei denn, daß er die ganze Kirche auf der ganzen Welt verneinte: ‚Alle irren sich, alle sind vom richtigen Wege abgekommen, alle sind Pseudokirche, nur ich allein, der Mörder und Dieb – bin die wahre christliche Kirche.‘ Das aber sich zu sagen, ist doch sehr schwer und verlangt ungeheure Bedingungen, setzt Umstände voraus, die es nicht häufig gibt. Jetzt nehmen Sie andererseits jene Auffassung des Verbrechens, wie sie die Kirche hat: Wird sich dann die allgemeine Auffassung des Verbrechens nicht ändern müssen, im Vergleich zur gegenwärtigen, fast heidnischen Auffassung, wird sie sich dann nicht vielmehr aus der Idee, das kranke Glied mechanisch abtrennen zu müssen, wie es jetzt zum Schutze der Gesellschaft getan wird, wahrhaft und nicht nur scheinbar in die Idee der Wiedergeburt des Menschen, seiner Auferstehung und Rettung verwandeln ...“

„Was soll denn das jetzt wieder bedeuten? Ich höre wieder auf, zu verstehen,“ unterbrach Miussoff, „wieder irgendeine Phantasie! etwas Formloses, aus dem man überhaupt nicht klug werden kann. Wie meinen Sie das – ‚ausschließen‘ und was soll das für eine Exkommunikation sein? Ich vermute stark, daß Sie einfach nur zu scherzen belieben, Iwan Fedorowitsch.“

„Aber genau genommen ist es ja auch jetzt ganz dasselbe,“ sagte plötzlich der Staretz, und sofort wandten sich aller Blicke ihm zu, „denn wenn es jetzt keine Kirche Christi gäbe, so hätte der Verbrecher keinen einzigen Halt nach dem Verbrechen und nicht einmal die Möglichkeit einer Buße, das heißt, einer wirklichen und nicht, wie Sie sagten, mechanischen Buße, die in der Mehrzahl der Fälle nur das Herz erbittert – sondern die wirkliche Buße, die einzige abschreckende und die einzige friedenbringende Buße, die in der Erkenntnis des eigenen Gewissens liegt.“

„Erlauben Sie, wie meinen Sie das?“ erkundigte sich mit dem lebhaftesten Interesse Miussoff.

„Ich meine das so,“ begann der Staretz. „Alle diese Verschickungen, die Zwangsarbeit und früher noch die Körperstrafe verbessern niemanden, und vor allem schrecken sie keinen einzigen Verbrecher ab; die Zahl der Verbrechen verringert sich nicht etwa, sondern vergrößert sich noch immer. Das müssen Sie mir doch vollkommen zugeben. Und so ergibt sich, daß die Gesellschaft auf diese Weise keineswegs beschützt ist, denn wenn auch das schädliche Mitglied mechanisch abgetrennt und weit fortgeschickt wird, aus den Augen, aus dem Sinn, so wird es doch sofort durch einen anderen Verbrecher, vielleicht sogar durch zwei Verbrecher, ersetzt. Wenn es etwas gibt, das die Gesellschaft in unserer Zeit beschützt und sogar den Verbrecher selbst bessert und in einen anderen Menschen verwandelt, so ist das wiederum nur das Gebot Christi, das sich in der Erkenntnis des eigenen Gewissens kundtut. Nur wenn er sich seine Schuld als Sohn der Gemeinschaft Christi, das heißt, der Kirche, eingesteht, sieht er auch seine Schuld vor der Gemeinschaft selbst, das heißt, vor der Kirche, ein. Somit ist denn der gegenwärtige Verbrecher einzig vor der Kirche fähig, seine Schuld anzuerkennen, nicht aber vor dem Staat. Und darum, wenn nun das Gericht der Gemeinschaft als Kirche gehören würde, dann würde dieselbe wissen, wen sie aus der Verbannung zurückführen und wieder aufnehmen könnte. Jetzt jedoch entfernt sich die Kirche, da sie wohl die Möglichkeit allein des sittlichen Verurteilens, nicht aber ein aktives Gericht hat, von der aktiven Buße des Verbrechers ganz von selbst. Sie schließt ihn nicht aus und verläßt ihn nie mit ihrem väterlichen Trost. Ja, sie bemüht sich sogar, mit dem Verbrecher die ganze christliche, kirchliche Gemeinschaft zu erhalten: Sie läßt ihn zum Gottesdienst, zum Abendmahl zu, sie gibt ihm Almosen und verhält sich zu ihm mehr wie zu einem Verführten, als wie zu einem Schuldigen. Und was würde mit dem Verbrecher geschehen, o Gott! wenn auch die christliche Gemeinschaft, das heißt die Kirche, ihn ebenso verstoßen würde, wie ihn das bürgerliche Gesetz verstößt und ausschließt? Was würde mit ihm geschehen, wenn jedesmal und sofort nach der Strafe des staatlichen Gesetzes auch die Kirche ihn mit der Ausschließung strafte? Eine größere Verzweiflung kann es ja gar nicht geben, wenigstens nicht für den russischen Verbrecher, denn die russischen Verbrecher sind noch gläubig. Doch übrigens, wer kann es wissen: vielleicht würde dann etwas ganz Furchtbares geschehen: das verzweifelte Herz des Verbrechers würde vielleicht völlig den Glauben verlieren, und was dann? Doch die Kirche zieht sich als zärtliche und liebende Mutter freiwillig von einer aktiven Bestrafung zurück, da der Schuldige auch ohne ihre Strafe durch das staatliche Gericht sowieso schon gar zu grausam bestraft ist, ihn aber wenigstens irgend jemand bemitleiden muß. Vor allem deswegen, weil das Gericht der Kirche das einzige ist, welches nichts als die Wahrheit enthält und sich infolgedessen wesentlich und sittlich mit keinem einzigen anderen Gericht, nicht einmal zu einem provisorischen Kompromiß, vereinigen kann. Hierbei kann man sich nicht auf Vergleiche einlassen. Der ausländische Verbrecher, sagt man, bereue selten, denn sogar die jetzt sich verbreitenden Lehren bestärken ihn in dem Gedanken, daß sein Verbrechen kein Verbrechen sei, sondern nur eine Auflehnung gegen die ungerecht unterdrückende Macht. Die Gesellschaft scheidet ihn vollkommen mechanisch durch die über ihn triumphierende Macht aus und begleitet diese Ausscheidung noch mit Haß – wenigstens sagen sie in Europa selbst so von sich –, mit Haß und vollster Gleichgültigkeit für ihres Bruders weiteres Schicksal. So geschieht denn dort alles ohne das geringste kirchliche Mitleid, denn in vielen Fällen gibt es dort überhaupt keine Kirchen mehr, es gibt dort nur noch Kleriker, Kirchendiener und prachtvolle Kirchengebäude; die Kirchen selbst jedoch streben dort schon längst nach dem Übergang aus der niedrigeren Form der Kirche in die höhere Form des Staates, um in ihm ganz zu verschwinden. So ist es, glaube ich, wenigstens in den lutherischen Ländern. In Rom aber wird ja schon seit tausend Jahren an Stelle der Kirche der Staat verkündet. Darum also hält sich der Verbrecher selbst nicht mehr für ein Glied der Kirche und verbleibt als Ausgestoßener in der Verzweiflung. Wenn er aber in die Gesellschaft zurückkehrt, so geschieht dies nicht selten mit solch einem Haß, daß die Gesellschaft ihn ganz von selbst wieder ausstößt. Womit das endet, können Sie sich selbst sagen. In vielen Fällen könnte es scheinen, daß es auch bei uns dasselbe sei: Doch das ist es ja gerade, daß es bei uns außer dem staatlichen Gericht noch die Kirche gibt, die niemals die Verbindung mit dem Verbrecher, als mit ihrem lieben und immer noch teuren Sohne, aufgibt. Und überdies gibt es bei uns noch – und wenn auch meinetwegen nur geistig – das Gericht der Kirche, das jetzt allerdings noch nicht in Tätigkeit ist, doch immerhin für die Zukunft lebt; und wenn es sich auch nur im Geiste erhält, so wird es doch vom Verbrecher selbst fraglos durch den Instinkt seiner Seele schon jetzt anerkannt. Und auch das ist ganz richtig, was hier vorhin gesagt wurde: Wenn das Gericht der Kirche wirklich und in seiner ganzen Macht eingeführt werden würde, das heißt, wenn die ganze Gesellschaft sich ausschließlich in Kirche verwandeln sollte, so würde nicht nur das Gericht der Kirche selbst auf die Besserung des Verbrechers in einer Weise einwirken, wie es jetzt ganz undenkbar ist, sondern es würden sich vielleicht auch die Verbrechen in unglaublichem Maße verringern, im Verhältnis zu früher gesprochen. Und auch darüber kann kein Zweifel bestehen, daß die Kirche den zukünftigen Verbrecher und das zukünftige Verbrechen in vielen Fällen ganz anders auffassen würde, als man es jetzt auffaßt, und daß sie es verstehen würde, den Ausgestoßenen zurückzuführen, den Böses Sinnenden zu warnen und den Gefallenen wieder aufzurichten. Allerdings,“ fuhr der Staretz lächelnd fort, „vorläufig ist ja die christliche Gesellschaft noch selbst nicht fertig und steht nur auf den sieben Gerechten; da aber diese nicht aussterben werden, so bleibt sie immerhin unerschütterlich in der Erwartung ihrer vollständigen Verwandlung aus der Gesellschaft, als einer fast noch heidnischen Verbindung, in die einzige ökumenische und herrschende Kirche. Und also geschehe es, und wenn auch zu Ende der Zeiten, denn nur diesem allein ist vorherbestimmt, in Erfüllung zu gehen! Und wozu sich durch die lange Zeit verwirren lassen, das Geheimnis der Zeiten und des Endzieles liegt in der Allwissenheit Gottes, in seiner Vorsehung und seiner Liebe. Und was nach menschlichem Ermessen sehr weit entfernt ist, das kann nach der Vorherbestimmung Gottes vielleicht schon vor der Tür stehen. Hoffen wir, daß dieses also ist! Amen!“

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