Viertes Buch. Ausbrüche
E. K. Rahsin translation
I. Pater Ferapont
Frühmorgens, noch vor Sonnenaufgang, wurde Aljoscha geweckt. Der Staretz war aufgewacht und fühlte sich sehr schwach, wollte trotzdem aufstehen und sich in seinen Lehnstuhl setzen. Er war bei voller Besinnung; sein Gesicht jedoch war, wenn auch sehr ermüdet, hell und klar, fast könnte man sagen – freudig, und der Blick ruhig, heiter und willkommenheißend. „Möglich, daß ich den begonnenen Tag nicht überleben werde,“ sagte er zu Aljoscha; darauf wollte er unverzüglich beichten und das Abendmahl nehmen. Sein Beichtvater war von jeher Pater Paissij; nach dem Empfang der beiden Sakramente begann die letzte Ölung. Die Priestermönche versammelten sich, und die Zelle füllte sich allmählich mit den Bewohnern der Einsiedelei. Inzwischen wurde es Tag. Da kam man auch aus dem Kloster zu ihm. Nach dem Frühgottesdienst wollte der Staretz sich von allen verabschieden, und er küßte einen jeden. Da die Zelle so klein war, gingen die früher Gekommenen hinaus, um den neu Ankommenden Platz zu machen. Aljoscha stand neben dem Staretz, der sich wieder in den Lehnstuhl gesetzt hatte. Er sprach und lehrte so viel er konnte; seine Stimme war allerdings schwach, aber doch noch ziemlich fest. „Ich habe euch so viel Jahre gelehrt und daher so viel gesprochen, daß mir das Sprechen gewiß zur Gewohnheit geworden ist, doch euch durch Sprechen zu unterweisen – das ist so stark in mir eingewurzelt, daß mir Schweigen vielleicht sogar schwerer fallen würde als das Reden, meine Lieben – selbst jetzt, bei meiner Schwäche,“ scherzte er mit gerührtem Blick auf die sich zu ihm Drängenden. Aljoscha erinnerte sich noch später dessen, was der Staretz damals gesagt hatte. Wohl sprach er noch deutlich und sogar mit ziemlich fester Stimme, doch seine Rede war schon etwas zusammenhanglos. Er sprach über vieles; wie es schien, wollte er alles aussprechen, vor dem Tode alles noch einmal sagen, alles im Leben Unausgesprochene, und nicht nur allein um der Predigt willen, sondern gleichsam aus dem Verlangen heraus, seine Freude und seine Begeisterung mit allen und allem zu teilen, noch einmal im Leben sein Herz auszuschütten ...
„Liebet einander,“ lehrte der Staretz (wie sich Aljoscha dessen später erinnerte). „Liebet Gottes Volk. Sind wir doch, weil wir uns hier in diesen Mauern eingeschlossen haben, nicht heiliger als die Weltlichen; im Gegenteil, ein jeder Hergekommene hat sich allein schon dadurch, daß er hergekommen ist, im Herzen eingestanden, daß er schlechter ist als die Weltlichen und alles und jedes auf Erden. Und je länger der Einsiedler in diesen Mauern lebt, um so aufrichtiger und tiefer muß er dies erkennen; denn tut er es nicht, so hat er wahrlich keine Ursach gehabt, herzukommen. Wenn er aber zu dieser Erkenntnis gekommen ist, daß er nicht nur schlechter als alle Weltlichen, wohl aber noch vor allen Menschen für alle und alles schuldig ist, an allen Sünden der Menschen im allgemeinen wie im einzelnen, dann erst wird der Zweck unserer Absonderung erreicht sein. Denn wisset, meine Lieben, daß ein jeder von uns schuldig ist für alle und alles auf der Welt, das ist unanfechtbar – und nicht nur durch die allgemeine Weltschuld, sondern ein jeder einzeln für alle Menschen und für jeden Menschen auf dieser Erde. Diese Erkenntnis ist die Krone des Lebens sowohl jedes Einsiedlers wie jedes Menschen in dieser Welt – sind doch die Mönche keine anderen Menschen als die Weltlichen, wohl aber sind sie solche, die den Menschen auf Erden als Beispiel dienen sollten. Dann erst, wenn alle das verstanden haben, wird sich unser Herz in dieser unendlichen, allumfassenden Liebe weiten, die keine Sättigung, also auch keinen Tod kennt. Dann wird ein jeder von euch die Kraft haben, die ganze Welt durch seine Liebe zu erkaufen und mit seinen Tränen die Sünden der Welt abzuwaschen ... Ein jeder gehe seinem Herzen nach, ein jeder beichte sich selbst unermüdlich. Vor eurer Sünde fürchtet euch nicht, selbst wenn ihr sie erkannt habt; tragt nur Sorge, daß die Reue nicht vergehe, doch sollt ihr mit Gott nie Handel treiben. Und wiederum sage ich euch: Seid nicht stolz, weder vor den Geringen noch vor den Mächtigen. Haßt auch nicht, die euch verleugnen, euch schmähen und verleumden; haßt nicht die Atheisten, nicht die Lehrer des Bösen, nicht die Materialisten, sogar die Schlechten von ihnen nicht, nicht nur die Guten nicht, denn auch unter den Schlechten sind viele Gute, besonders in unserer Zeit. Gedenkt ihrer im Gebet also, wie ich euch sage: Vater unser, errette und behüte alle, die niemand haben, der für sie betet; erlöse auch die, welche nicht zu dir beten wollen. Und fügte noch hinzu: Nicht aus Stolz oder Hochmut bitte ich dich, Vater, also, denn ich selbst bin der Schlechten Schlechtester ... Liebet Gottes Volk, lasset nicht die Herde von Fremdlingen forttreiben, denn wahrlich, ich sage euch, wenn ihr in Faulheit und eurem geringschätzenden Hochmut einschlaft oder gar in verderblichem Eigennutz, so werden sie von allen Seiten kommen und euch eure Herde abspenstig machen. Verkündet unermüdlich dem Volke das heilige Evangelium ... Treibt nicht Wucher ... Hängt euer Herz nicht an Gold und Silber, trachtet nicht danach, sucht nicht, es zu erraffen ... Glaubt und haltet das Banner hoch, und erhebt es hoch, hoch ...“
Der Staretz sprach übrigens abgerissener, als es hier wiedergegeben ist und wie es Aljoscha später niedergeschrieben hat. Zuweilen hörte er ganz auf zu sprechen, als ob er wieder Kräfte sammelte, doch war er ersichtlich in innerer Ekstase. Man hörte ihm mit tiefer Rührung andächtig zu, obgleich sich viele über seine Worte wunderten und sie unklar fanden. Später erinnerte man sich wieder dieser Worte. Als Aljoscha auf einen Augenblick die Zelle verließ, war er erstaunt über die allgemeine Erregung und Erwartung der sich in und vor der Zelle drängenden Brüderschaft. Diese Erwartung äußerte sich bei vielen in ungewöhnlicher Spannung, bei anderen wiederum in feierlicher Stimmung. Alle erwarteten sie, daß etwas Großes sofort nach dem Verscheiden des Staretz geschehen werde. Diese Erwartung war sogar von einem gewissen Standpunkt aus unernst, doch selbst die Strengsten der Brüderschaft konnten sich nicht enthalten, sie zu teilen. Am strengsten war das Gesicht Pater Paissijs. Aljoscha verließ die Zelle, da ihn der aus der Stadt gekommene Rakitin geheimnisvoll durch einen Klosterbruder hatte herausrufen lassen. Rakitin übergab ihm einen sonderbaren Brief von Frau Chochlakoff. Sie teilte Aljoscha eine wichtige und sehr zur rechten Zeit gekommene Nachricht mit. Am Tage vorher war nämlich mit vielen anderen Weibern aus dem Volke auch ein altes Mütterchen aus der Stadt, die Unteroffizierswitwe Prochorowna, zum Staretz gekommen. Sie hatte den Staretz gefragt, ob sie für ihren Sohn Wassenjka, der fern nach Sibirien, nach Irkutsk, gefahren war, und von dem sie schon seit einem Jahr keine Nachricht erhalten hatte, eine Seelenmesse solle lesen lassen; worauf ihr der Staretz so etwas streng verboten und gesagt hatte, daß eine Seelenmesse für einen Lebenden ebensogut wie Zauberei wäre. Darauf hatte er ihr wegen ihrer Unwissenheit verziehen und zum Schluß noch hinzugefügt, „als ob er im Buche der Zukunft gelesen“ (schrieb Frau Chochlakoff in ihrem Brief), „daß ihr Sohn Wassjä am Leben sei und alsbald entweder selbst zu ihr kommen oder einen Brief schicken werde und sie nach Haus gehen und alles erwarten solle. Und was glauben Sie wohl!“ schrieb Frau Chochlakoff in ihrer Begeisterung: „– Die Prophezeiung ist buchstäblich in Erfüllung gegangen, und sogar noch mehr als das!“ Kaum war sie nach Haus zurückgekehrt, als man ihr einen aus Sibirien angekommenen Brief übergeben hatte. Und das wäre noch nicht alles: In diesem Brief, der auf der Reise in Jekaterinenburg geschrieben war, teilte der Sohn Wassjä seiner Mutter mit, daß er mit einem anderen Beamten nach Rußland zurückkehre und vielleicht schon nach drei Wochen „seine Mutter zu umarmen“ hoffe. Frau Chochlakoff bat Aljoscha eindringlich, dieses neue „Wunder der Prophezeiung“ dem Prior sowie der ganzen Brüderschaft mitzuteilen. „Alle sollen das erfahren, alle, alle!“ – Damit schloß sie ihren Brief. Dieser Brief war sehr schnell geschrieben; die Eile und Erregung der Schreiberin sprachen aus jeder Zeile. Aber Aljoscha brauchte der Brüderschaft nichts mehr mitzuteilen; alle wußten es schon. Rakitin hatte dem Klosterbruder nach der Bitte, Aljoscha herauszurufen, noch den Auftrag gegeben, untertänigst Seiner Hochehrwürden dem Pater Paissij zu melden, er, Rakitin, habe ihm eine Sache von solcher Wichtigkeit mitzuteilen, daß er nicht um eine Minute die Mitteilung hinausschieben dürfe, für seine Dreistigkeit aber kniend um Verzeihung bäte. Da nun der Klosterbruder zuerst zu Pater Paissij mit Rakitins Bitte gegangen war, so blieb Aljoscha nichts mehr übrig, als sofort dem Pater den Brief als bestätigendes Dokument zu übergeben. Und siehe, selbst dieser strenge, mißtrauische Mensch konnte nicht ganz sein Gefühl verbergen, nachdem er die Nachricht von dem „Wunder“ mit finsterem Gesicht gelesen hatte. Seine Augen blitzten auf, und die Lippen lächelten stolz und überzeugt.
„Wer weiß, was wir noch erleben werden?“ entfuhr es ihm plötzlich gleichsam gegen seinen Willen.
„Ja, was werden wir noch erleben, was werden wir noch erleben?“ wiederholten in der Runde die Mönche. Doch Pater Paissij, dessen Gesicht sich von neuem verfinstert hatte, bat alle, wenigstens „bis dahin“ niemandem laut davon Mitteilung zu machen: „bis es sich bestätigt – denn viel ist doch auch Leichtgläubigkeit in den Menschen, und vielleicht ist alles ganz natürlich geschehen,“ fügte er vorsichtig hinzu, als ob er damit sein Gewissen beruhigen wollte; doch bemerkten alle sehr wohl, daß er selbst an seine Einwendung nicht glaubte. Selbstverständlich wurde das „Wunder“ noch in derselben Stunde im ganzen Kloster bekannt, und auch viele Weltliche, die zur Liturgie in die Klosterkirche gekommen waren, erfuhren es. Am meisten aber war der kleine Mönch „vom heiligen Silvester“ aus Obdorsk über das Wunder erstaunt. Er hatte am Tage vorher zusammen mit Frau Chochlakoff auf den Staretz gewartet, und als sie von ihrer „geheilten“ Tochter gesprochen, den Staretz ungewöhnlich ernst gefragt, wie er solches tun könne. Jetzt aber war er wie vor den Kopf gestoßen und wußte kaum noch, woran er eigentlich glauben sollte. Er hatte nämlich am Abend vorher, nach dem Gespräch mit dem Staretz Sossima auf der Galerie, den Klosterpater Ferapont in seiner abgesonderten Zelle hinter dem Bienengarten besucht und von ihm einen ungewöhnlichen und beängstigenden Eindruck davongetragen. Dieser Pater Ferapont war derselbe alte Einsiedler, der große Schweiger und Faster, dessen ich schon einmal erwähnt habe: als Gegner des Staretz Sossima und des Startzentums überhaupt, das er für eine schädliche und leichtsinnige Neuerung hielt. Diesen aber als Gegner zu haben, war sehr gefährlich, obgleich er, als Schweiger, fast überhaupt nicht sprach. Gefährlich war er vor allem dadurch, daß ihm viele aus der Brüderschaft seine Gegnerschaft lebhaft nachempfanden und viele von den weltlichen Besuchern ihn für einen großen Gerechten und Glaubenseiferer hielten, obschon sie in ihm einen unzweifelhaft Geistesschwachen nicht verkennen konnten. Aber diese heilige Geistesschwäche nahm sie gerade am meisten für ihn ein. Dieser Pater Ferapont ging z. B. nie zum Staretz Sossima. Zwar lebte auch er in der Einsiedelei, doch wurde er mit den dort üblichen Regeln nicht weiter belästigt, da er sich ja doch wie ein Geistesschwacher benahm. Er war etwa fünfundsiebzig Jahre alt, wenn nicht mehr, und lebte bei der Zaunecke hinter dem Bienengarten der Einsiedelei in einer alten, morschen Holzzelle, die dort schon vor langer Zeit, noch im vorigen Jahrhundert, für einen gleichfalls großen Faster und Trappisten, den Pater Jonas, erbaut worden war. Dieser Pater Jonas war hundertfünf Jahre alt geworden, und noch jetzt erzählte man sich im Kloster wie in der Umgegend merkwürdige Geschichten von ihm. Pater Ferapont hatte endlich durchgesetzt, daß man ihm erlaubte, sich in diese einsame Zelle zurückzuziehen, und so lebte er denn schon sieben Jahre in dieser kleinen Hütte, die aber von innen auffallend einem kleinen Bethaus glich, da alle Wände mit vielen, vielen geschenkten Heiligenbildern behangen waren und vor ihnen Tag und Nacht viele, viele geschenkte Lämpchen brannten, die mit Öl zu füllen, anzuzünden, sie zu besorgen und nach ihnen zu sehen, Pater Feraponts einzige Arbeit war. Er aß, wie man erzählte (und es war auch wahr), nur zwei Pfund Brot in drei Tagen, nie mehr; das wurde ihm alle drei Tage von dem daselbst im Bienengarten wohnenden Bienenwärter gebracht; doch auch mit diesem wechselte Pater Ferapont nur höchst selten ein paar Worte. Diese vier Pfund Brot und Sonntags das Abendmahlbrötchen, das ihm der Prior jedesmal pünktlich nach dem Hochamt schickte, waren die ganze Nahrung, die er in einer Woche zu sich nahm. Das Wasser dazu wurde ihm täglich im Kruge gebracht. Zur Liturgie oder zum Gottesdienst kam er nur selten. Fromme Pilger, die ihn besuchten, sahen, daß er zuweilen den ganzen Tag im Gebet auf den Knien lag und kein einziges Mal aufblickte. Ließ er sich einmal mit jemandem in ein Gespräch ein, so war er immer sehr lakonisch, jedenfalls sehr sonderbar und gewöhnlich sehr grob. Es kam wohl zuweilen vor – allerdings nur äußerst selten –, daß er selbst mit den Pilgern zu sprechen begann; doch sprach er dann meistenteils nur ein paar sonderbare Worte zu ihnen, die den armen Leuten viel zu denken gaben, da sie stets rätselhaft blieben, denn Pater Ferapont ließ sich durch keine Bitten mehr bewegen, eine Erklärung zu seinem Ausspruch zu geben. Die Priesterwürde besaß er nicht; er war nur ein gewöhnlicher Mönch. Unter den einfachen Leuten hatte sich das Gerücht verbreitet, daß Pater Ferapont mit den himmlischen Geistern in Verbindung stehe und mit ihnen rede, darum aber im Verkehr mit den Menschen schweige; doch glaubten daran nur die Allerungebildetsten. Der kleine Mönch aus Obdorsk nun hatte sich gegen Abend in den Bienengarten gewagt und war dann nach der Angabe des Bienenwärters, eines gleichfalls sehr schweigsamen und mürrischen Mönches, in der Richtung zur Zaunecke auf die Suche nach der Hütte Pater Feraponts gegangen. „Kann sein, daß er dir was sagt, kann aber auch sein, daß du nichts von ihm zu hören bekommst,“ sagte ihm der Bienenwärter. Das Mönchlein näherte sich nach seinen eigenen Worten in großer Angst und Ehrfurcht. Es war schon eine ziemlich späte Stunde. Pater Ferapont saß diesmal an der Tür der Zelle auf einer niedrigen, kleinen Bank. Über ihm rauschte sacht im Abendwind der Wipfel einer mächtigen, alten, uralten Ulme. Abendkühle schlich sich heran. Der kleine Obdorsksche Mönch fiel vor dem Gebenedeiten nieder, verneigte sich vor ihm bis zur Erde und bat ihn um seinen Segen.
„Willst du nicht, daß auch ich vor dir niederfalle, Mönch?“ fragte Pater Ferapont. „Erhebe dich!“
Das Mönchlein erhob sich gehorsam.
„Segne mich und sei gesegnet. Setz dich neben mich. Von woher hat’s dich hergeführt?“
Was am meisten das arme Mönchlein in Erstaunen setzte, war, daß Pater Ferapont trotz seines so strengen Fastens und seines hohen Alters, ein dem Ansehen nach wirklich noch starker Mann war, daß er sich jedenfalls ganz gerade hielt, doch von Wuchs, nicht im geringsten gebeugt war und ein, wenn auch mageres, so doch gesundes, frisches Gesicht hatte. Zweifellos besaß er auch noch eine bedeutende körperliche Kraft. Gebaut war er geradezu athletisch, und trotz seines hohen Alters war er noch nicht einmal ganz ergraut; er hatte sogar sehr dichtes Haupt- und Barthaar, das früher ganz schwarz gewesen sein mußte; hatte große, leuchtende, graue Augen – doch sperrte er die Augenlider so weit auf, daß es einem sofort auffiel. Das O sprach er stets stark betont und als deutliches O aus.[14] Gekleidet war er in eine lange, sackartige Kutte aus grobem „Sträflingstuch“, wie man diesen Stoff früher nannte, und mit einer dicken Schnur umgürtet. Der Hals und die Brust waren bloß. Ein beinahe schwarzes Hemd von gröbster Leinwand, das monatelang nicht von seinem Körper kam, blickte unter dem Kittel hervor. Es hieß, daß er unter diesem Kittel dreißigpfündige Ketten trug. Seine nackten Füße staken in alten, fast gänzlich auseinanderfallenden Schuhen.
„Ich komme aus der kleinen Obdorskschen Mönchsherberge des heiligen Silvester,“ antwortete demütig der kleine Mönch, doch blickten seine flinken Äuglein wohl etwas ängstlich, aber immerhin recht neugierig den Einsiedler an.
„Kenn ihn; hab bei ihm gewohnt. Was macht er jetzt, ist er gesund?“
Diese sonderbare Frage machte das Mönchlein nicht wenig betreten; es begann etwas zu stottern ...
„Einfältige Menschenkinder seid ihr! Wie haltet ihr das Fasten ein?“
„Unsere Speiseregel ist nach alter Einsiedlersatzung folgende: Während der großen Fastenzeit vor Ostern gibt es am Montag, Mittwoch und Freitag nichts, am Dienstag und Donnerstag für die Brüderschaft weiße Brote, Gerstentrank mit Honig, Schellbeeren oder gesalzenen Kohl und Hafermehlbrei. Am Sonnabend Weißkohl, Erbsen, Grütze mit Hanfsaft, alles in Öl. In der Woche zum Kohl noch getrockneten Fisch und Grütze. In der Karwoche aber vom Montag bis zum Sonnabend, also sechs Tage, nichts als Brot und Wasser und rohes Kraut, und auch das nur mit Enthaltsamkeit. Dann kann man wieder so essen wie in der ersten Fastenwoche; aber am heiligen Karfreitag wird nichts gegessen, und also auch am heiligen Sonnabend fasten wir bis zur dritten Morgenstunde, und dann dürfen wir etwas Brot mit Wasser und jeder je ein Gläschen Wein trinken. Am heiligen Gründonnerstag aber essen wir Gekochtes ohne Öl, trinken Wein mit etwas Trockenkost dazu; denn also ist auch auf dem heiligen Konzil zu Laodicäa gesagt worden: ‚Wenn ihr die ganze heilige Fastenzeit einhaltet, dann aber einen der letzten vier Tage freigebt, so habt ihr die ganze heilige Fastenzeit geschändet.‘ So ist es bei uns. Was aber ist das im Vergleich zu Euch, großer Vater,“ fügte das Mönchlein, dreister geworden, hinzu, „denn Ihr genießet doch das liebe runde Jahr und auch zu den heiligen Osterfeiertagen, wenn doch alle essen, nur Brot und Wasser, und was an Brot bei uns nur auf zwei Tage reicht, das genügt Euch für alle sieben Herrgottstage der Woche. Wahrlich, sie ist wunderbar, Eure so große Enthaltsamkeit.“
„Und die Pfefferschwämme?“ fragte plötzlich Pater Ferapont.
„Pfefferschwämme?“ fragte das Mönchlein erstaunt.
„Nun ja; ich werde auch noch von ihrem Brot fortgehen, brauch’s überhaupt nicht, gehe in den Wald, werde dort von Pfefferschwämmen oder Beeren leben; sie aber gehen hier nirgends fort von ihrem Sauerteig, sind also dem Teufel untertan, daß sie an ihn gebunden bleiben. Heutzutage reden die Unflätigen, es sei unnütz, so viel zu fasten. Das kommt alles nur von ihrer Unersättlichkeit und ihrem stinkenden Hochmut.“
„Ach ja, das ist wohl wahr!“ meinte das Mönchlein seufzend.
„Hast du aber bei ihnen auch die Teufel gesehen?“ fragte Pater Ferapont.
„Bei welchen ‚ihnen‘?“ erkundigte sich vorsichtig und schüchtern das Mönchlein.
„Im vergangenen Jahr ging ich am Karfreitag hinauf zum Prior, das war denn auch das letztemal, seitdem bin ich nie mehr dort gewesen. Sah, bei dem einen sitzt er auf der Brust, versteckt sich unter der Kutte, nur die Hörner gucken noch raus; beim anderen sitzt er in der Tasche, lauert nur noch vorsichtig mit flinken, kleinen Augen, hat Angst vor mir; beim dritten hat er sich im Bauch niedergelassen, an der unflätigsten Stelle seines Leibes; dem vierten hat er sich einfach an den Hals gehängt, und der trägt ihn wie nichts, bemerkt ihn überhaupt nicht.“
„Ihr ... Ihr seht so etwas?“ erkundigte sich das Mönchlein wieder.
„Sag ich dir doch, daß ich sie sehe, durch und durch sogar. Als ich dann langsam vom Prior fortging, da, sieh – sitzt einer hinter der Tür, will sich dort vor mir verstecken, solch ein fester Junge, eine oder anderthalb Arschin groß oder noch größer, mit einem dicken, dunkelbraunen, langen Schwanz, das Ende aber vom Schwanz war zwischen die Türspalte geraten – da war ich nicht dumm und knallte die Tür zu und klemmte seinen Schwanz ein. Wie er quiekte, wie er um sich schlug! Ich aber machte das Zeichen des Kreuzes dreimal nacheinander und kreuzte ihn einfach tot. Er krepierte denn auch auf der Stelle, wie eine plattgedrückte Spinne. Jetzt muß dort das Aas in der Ecke wohl schon verwest sein und stinken, sie aber sehen es weder, noch riechen sie es. Ein Jahr lang bin ich nicht mehr dort gewesen; nur dir hab ich’s gesagt, weil du doch ein Fremdling bist.“
„Furchtbar sind Eure Worte! Aber wie, großer, gebenedeiter Vater,“ – das Mönchlein wurde etwas mutiger – „ist es wahr, was man sich in fernen Gauen Rußlands von Euch erzählt, daß Ihr, wie es heißt, sogar mit dem Heiligen Geiste in fortwährendem Verkehre stehet?“
„Wenn er kommt, kommt’s vor.“
„Wie kommt er denn?“
„Geflogen kommt er.“
„In welcher Gestalt denn?“
„Als Vogel.“
„Also der Heilige Geist in Gestalt einer Taube?“
„Manchmal der Heilige Geist, manchmal der Heilgeist. Der Heilgeist ist was anderes, der kann auch als ein anderer Vogel herniederfahren: als Schwälbchen, als Stieglitz, als Meise.“
„Aber wie unterscheidet Ihr ihn denn von einer gewöhnlichen Meise?“
„Er spricht.“
„Aber wie spricht er denn? In welcher Sprache?“
„In menschlicher.“
„Aber was sagt er denn zu Euch?“
„Heute sagte er, daß ein Esel mich besuchen und dumme Fragen stellen werde. Willst wahrlich nicht wenig wissen.“
„Furchtbar sind Eure Worte, gebenedeiter, heiligster Vater,“ sagte das Mönchlein kopfschüttelnd; doch in seinen erschrockenen Äuglein lag ein bißchen Mißtrauen.
„Siehst du hier diesen Baum?“ fragte nach einigem Schweigen Pater Ferapont.
„Jawohl, heiliger Vater.“
„Deiner Meinung nach ist’s eine Ulme, meiner Meinung nach aber ist’s ein ganz anderes Ding.“
„Was ist es denn?“ Das Mönchlein schwieg in vergeblicher Erwartung.
„Meistens in der Nacht,“ sagte plötzlich nach längerem Schweigen Pater Ferapont. „Siehst du diese zwei großen Äste? In der Nacht streckt Christus von dort seine Arme mir entgegen und sucht mich mit diesen Armen, das sehe ich deutlich, und ich zittere. Furchtbar, o furchtbar!“
„Was ist denn dabei furchtbar, wenn es Christus selbst ist?“
„Er kann mich doch erfassen und emportragen.“
„Lebendig?“
„Hast du denn von Elias nichts gehört? Er umfaßt einen und trägt einen fort ...“
Obschon der kleine Obdorsksche Mönch nach diesem Gespräch nicht wenig nachdenklich in die ihm angewiesene Zelle eines der Klosterbrüder kam, so fühlte er sein Herz doch mehr zum Pater Ferapont als zum Staretz Sossima hingezogen. Das arme Mönchlein war vor allen Dingen fürs Fasten, und da sollte es, seiner Meinung nach, niemanden weiter wundernehmen, wenn solch ein Faster, wie Pater Ferapont, auch „Wunderbares erschaute“. Seine Worte waren allerdings etwas absonderlich gewesen, aber wer konnte denn außer Gott wissen, was sich in ihnen verbarg, in diesen Worten, und doch konnte man allen anderen um Christi willen Einfältigen kein einziges solcher Worte und keine einzige solcher Taten nachrühmen. An den eingeklemmten Teufelsschwanz war er nicht etwa im bildlichen, sondern im buchstäblichen Sinn des Wortes mit ganzer Seele und mit wahrem Vergnügen zu glauben bereit. Außerdem war er immer sehr voreingenommen gegen das Startzentum gewesen, das er bis jetzt nur vom Hörensagen kannte und wie viele andere gleichfalls für eine schädliche Neuerung hielt. Noch war er keinen ganzen Tag im Kloster gewesen, als er schon das geheime Murren einiger freimütiger Klosterbrüder wider das Startzentum vernommen hatte. Zudem war er schon von Natur ungewöhnlich neugierig und für alles interessiert, weshalb er denn auch immer umherschnüffelte und überall spionierte. Das war nun der Grund, warum ihn die Nachricht von dem neuen „Wunder“, das der Staretz Sossima vollbracht haben sollte, so erregte. Aljoscha erinnerte sich später, daß er in der Menge, die sich vor der Zelle des Staretz drängte, mehrmals die kleine Gestalt des herumschnüffelnden Gastes vom heiligen Silvester bemerkt hatte, wie der Kleine von Gruppe zu Gruppe ging, überall horchte und fragte. Doch damals beachtete er ihn nicht weiter; erst später fiel es ihm wieder ein ... Und war ihm doch auch an jenem Tage nicht darum zu tun: dem Staretz Sossima, der sich wieder sehr müde gefühlt und sich hingelegt hatte, war plötzlich, schon im Einschlafen, Aljoscha eingefallen, und so hatte er ihn sofort zu sich rufen lassen. Aljoscha eilte zu ihm. Beim Staretz befanden sich gerade nur Pater Paissij, der Priestermönch Pater Jossiff und der Novize Porfirij. Der Staretz schlug seine müden Augen auf, blickte Aljoscha aufmerksam an und fragte ihn plötzlich:
„Erwarten dich nicht die Deinen, mein Sohn?“
Aljoscha erschrak und stotterte etwas.
„Bedürfen sie nicht deiner? Hast du gestern nicht jemandem versprochen, heute hinzukommen?“
„Ja ... meinem Vater ... den Brüdern ... auch anderen ...“
„Siehst du, geh unbedingt hin, sei nicht traurig. Wisse, daß ich nicht sterben werde, ohne in deiner Gegenwart mein letztes Wort hier auf Erden gesagt zu haben. Dir werde ich dieses Wort sagen, dir vermache ich es, dir, mein geliebter Sohn, denn ich weiß, daß du mich liebst. Jetzt aber geh zu denen, welchen du versprochen hast zu kommen.“
Wie schwer es Aljoscha auch war, jetzt fortzugehen, so gehorchte er doch widerspruchslos. Aber die Verheißung, das letzte Wort des Staretz hier auf Erden zu hören, und zwar als ein Vermächtnis an ihn, Aljoscha, erschütterte und begeisterte seine Seele. Er beeilte sich, schneller in die Stadt zu gehen, um schneller wieder zurückkehren zu können. Da sprach noch Pater Paissij, als Aljoscha mit ihm die Zelle des Staretz verließ, einige Worte zu ihm, die einen tiefen und unerwarteten Eindruck auf ihn machten.
„Denke daran, Jüngling,“ sagte der Pater, „daß die weltliche Wissenschaft, die zu einer großen Macht geworden ist, namentlich im letzten Jahrhundert alles niedergerissen hat, was uns Himmlisches in den Büchern der Heiligen vermacht worden. Nach einer grausamen Analyse scheint bei den Gelehrten dieser Welt vom ganzen früheren Heiligtum überhaupt nichts übriggeblieben zu sein. Sie haben es aber stückweise analysiert, doch der Geist des Ganzen ist ihnen entgangen. Man kann sich wirklich nur wundern, wie blind sie in der Beziehung sind. So steht denn das Ganze auch jetzt noch unerschüttert vor ihnen, und die Geister der Hölle können ihm nichts anhaben. Hat es denn nicht neunzehn Jahrhunderte gelebt, lebt es denn nicht auch jetzt noch in Regungen der Seelen einzelner wie in den Bewegungen ganzer Volksmassen? Sogar in den Regungen dieser selben, die alles zerstört haben, in den Seelen der Atheisten, lebt es wie früher unzerstört und unerschütterlich fort. Denn auch die, die sich vom Christentum losgesagt haben und gegen dasselbe eifern, haben in ihrem Innersten doch das Wesen dieses selben Christus behalten, denn bis jetzt ist weder ihre Weisheit, noch die Glut ihres Herzens fähig gewesen, ein anderes, höheres Ideal des Menschen und seiner Menschenwürde hervorzubringen, als das von Christus gegebene. Was sie aber an Versuchen hervorgebracht haben, ist nichts als Mißgestalt. Behalte das besonders, Knabe, denn dein scheidender Staretz hat dich für die Welt bestimmt. Vielleicht wirst du, wenn du dieses großen Tages gedenkst, auch meiner Worte gedenken, die ich dir von Herzen als Geleit gebe, denn jung bist du, die Welt aber ist voll schwerer Versuchungen, und ihnen sind deine Kräfte nicht gewachsen. Jetzt geh, mein verwaister Junge.“
Mit diesen Worten segnete ihn Pater Paissij. Als Aljoscha das Kloster verließ und noch all diese unerwarteten Worte überdachte, begriff er plötzlich, daß er in diesem sonst so strengen Mönche einen neuen herzlichen Freund und ihn heiß liebenden neuen Führer gefunden hatte – ganz, als ob sein Staretz ihm Pater Paissij als Vermächtnis hinterlassen wollte. „Vielleicht ist auch wirklich so etwas zwischen ihnen verabredet worden,“ dachte Aljoscha. Die unerwarteten und lehrreichen Worte Pater Paissijs, die er soeben vernommen hatte, zeugten jedenfalls von dem Anteil desselben: Er beeilte sich offenbar, den jungen Geist zum Kampf mit den Versuchungen zu wappnen und die ihm anvertraute junge Seele unter seinen Schutz zu nehmen.
II. Beim Vater
Ganz zuerst ging Aljoscha zu seinem Vater. Als er sich dem Hause näherte, fiel ihm ein, daß ihn der Vater gebeten hatte, möglichst vorsichtig einzutreten, damit sein Bruder Iwan es nicht höre oder sonstwie bemerke. „Warum wohl?“ fragte sich Aljoscha. „Wenn er mir allein etwas heimlich zu sagen hat, warum soll ich denn deswegen heimlich eintreten? Vielleicht hatte er es gestern in der Erregung anders gemeint, sich aber nur nicht richtig ausgedrückt,“ dachte er schließlich. Trotzdem war er froh, als ihm Marfa Ignatjewna, die ihm die Hofpforte aufschloß (Grigorij war, wie sich zeigte, unwohl und lag zu Bett), auf seine Frage mitteilte, daß Iwan Fedorowitsch schon vor zwei Stunden fortgegangen sei.
„Und der Vater?“
„Sind aufgestanden, trinken Kaffee,“ antwortete Marfa Ignatjewna etwas trocken.
Aljoscha trat ein. Der Alte saß in Hausschuhen und in einem alten Mantel allein am Tisch und sah zum Zeitvertreib, übrigens ohne große Aufmerksamkeit, irgendwelche Rechnungen durch. Er war ganz allein im Hause; Ssmerdjäkoff war einkaufen gegangen. Doch die Rechnungen schienen ihn nicht sonderlich zu beschäftigen. Er war allerdings früh aufgestanden und versuchte, munter zu sein, denn er wollte auf keinen Fall krank scheinen, doch sah er noch müde und angegriffen aus. Seine Stirn, auf der sich über Nacht die blutunterlaufenen Flecke noch verdunkelt hatten, war mit einem roten Tuch umwunden. Die Nase war gleichfalls über Nacht gehörig angeschwollen, und auch auf ihr zeichneten sich einige weniger bedeutende blutunterlaufene Flecke ab, die dem Gesicht entschieden ein ganz besonders gereiztes und böses Aussehen verliehen. Der Alte wußte das auch selbst und blickte daher dem eintretenden Aljoscha nichts weniger als freundlich entgegen.
„Der Kaffee ist kalt,“ sagte er kurz, „biete ihn dir auch nicht an. Ich sitze heute selbst auf dem Trockenen, das heißt, werde nichts als Fastenfischsuppe genießen, fordere daher auch niemanden zum Essen auf. Wozu hast du dich herbemüht?“
„Um mich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen,“ sagte Aljoscha.
„So, und außerdem hab ich dir gestern befohlen, herzukommen. Solch ’n Blödsinn. Hast aber umsonst geruht, dich zu bemühen. Übrigens wußt ich’s ja, daß du dich sofort ranschleppen wirst ...“
Alles, was er sprach, sagte er im feindseligsten Tone. Er erhob sich vom Stuhl und blickte besorgt in den Spiegel (vielleicht zum vierzigstenmal an diesem Morgen), um wieder seine Nase zu betrachten. Auch versuchte er, das rote Tuch auf der Stirn zurechtzuzupfen, damit es etwas hübscher aussähe.
„Ein rotes ist doch immerhin etwas besser, im weißen sieht man ja sofort wie ein wandelndes Lazarett aus,“ bemerkte er bissig. „Nun, wie ist’s denn dort bei dir? Was macht dein Alter?“
„Es geht ihm sehr schlecht; er wird vielleicht heute noch sterben,“ antwortete Aljoscha; doch der Vater hörte ihm schon nicht mehr zu und hatte auch seine Frage sofort wieder vergessen.
„Iwan ist fortgegangen,“ sagte er plötzlich. „Er macht jetzt Mitjka mit aller Gewalt die Braut abspenstig – einzig darum lebt er hier,“ fügte er mit boshaft verzogenen Lippen hinzu und blickte Aljoscha an.
„Hat er das wirklich Ihnen selbst gesagt?“ fragte Aljoscha.
„Jawohl und schon vor langer Zeit. Was glaubst du wohl: vor nicht weniger als drei Wochen hat er’s selbst ausgesprochen. Ist doch nicht hergekommen, um mich heimlich aufzuspießen! Zu irgendeinem Zweck muß er doch gekommen sein?“
„Warum, weshalb reden Sie so?“ fragte Aljoscha erschrocken und verwirrt.
„Um Geld bittet er mich nicht, das ist wahr; aber er wird ja auch von mir keinen Heller zu riechen bekommen. Ich, mein liebster Alexei Fedorowitsch, ich beabsichtige nämlich, möglichst lange hier in dieser Welt zu leben, das lassen Sie sich ein für allemal gesagt sein, damit Sie’s nur wissen; darum aber brauche ich jede Kopeke, und je länger ich lebe, um so nötiger habe ich sie,“ fuhr er fort, im Zimmer auf und ab schreitend, die Hände in den Taschen seines breiten, gelben, befleckten Sommermantels. „Jetzt bin ich immerhin noch ein Mann, hab’ erst fünfundfünfzig auf dem Buckel; und will mich noch mindestens zwanzig Jahre zu den Männern zählen. Wenn ich dann alt werde und widerlich – dann werden sie doch nicht mehr gutwillig zu mir kommen; nun, und dann wird man’s eben mit den Gelderchen machen müssen. Also baue ich jetzt vor und sammle, sammle – für mich allein, mein verehrter Herr Sohn, damit Sie’s nur beizeiten wissen; denn ich beabsichtige in meiner Liederlichkeit bis zu meinem Ende zu leben, das lassen Sie sich gesagt sein. Liederlich zu leben, ist doch am schönsten; alle schimpfen darüber, und doch leben sie alle ebenso, bloß tun sie es alle heimlich, ich aber tue es öffentlich. Wegen dieser meiner Offenherzigkeit schimpfen ja jetzt sämtliche Schweine über mich. Für dein Paradies aber danke ich untertänigst, das kann mir gestohlen werden, damit du’s nur weißt, mein lieber Alexei Fedorowitsch; und ’s wäre ja auch für einen anständigen Menschen unanständig, dorthin zu kommen, selbst wenn es so etwas geben würde. Meiner Meinung nach schläft man einfach ein und wacht nicht mehr auf, und weiter gibt es nichts. Wollt ihr meiner noch gedenken, Seelenmessen für mich lesen lassen, na, meinetwegen, wenn’s euch Spaß macht; wollt ihr nicht, na, dann hol euch allesamt der Teufel. Das ist meine ganze Philosophie. Gestern bei Tisch redete Iwan nicht schlecht, wenn wir auch alle betrunken waren. Iwan ist ein Prahlhans, und von so ’ner großen Gelehrsamkeit oder Bildung merk ich nichts bei ihm ... er lächelt bloß und macht sich innerlich lustig über dich, versteht aber zu schweigen – das ist alles, was er kann.“
Aljoscha hörte zu und schwieg.
„Warum spricht er nicht mit mir? Spricht er aber mal mit mir, so verstellt er sich ... ’n Schuft ist dein Iwan! Gruschenka aber werde ich heiraten, sobald ich nur will. Denn mit Geld in der Tasche braucht man nur zu wollen, mein verehrter Alexei Fedorowitsch, und alles geschieht, was man will. Das aber ist es ja, was Iwan fürchtet, und darum bewacht er mich hier, damit ich nicht heirate, und darum hetzt er auch Dmitrij, daß er Gruschenka nehme. Auf diese Weise will er mich von Gruschenka fernhalten – als ob ich ihm Geld hinterließe, wenn ich sie nicht heirate! – und andererseits, wenn Mitjka die Gruschenka heiratet, so fällt ihm noch dessen reiche Braut zu; siehst du jetzt, was für Berechnungen er hat! ’n Schuft ist dein ganzer Iwan!“
„Sie sind heute noch von dem gestern Erlebten gereizt; Sie müßten sich etwas erholen, zu Bett gehen,“ sagte Aljoscha.
„Sieh, wenn du mir das sagst,“ bemerkte plötzlich der Alte, als ob es ihm zum erstenmal aufgefallen wäre, „dann ärgere ich mich nicht über dich; auf Iwan aber, wenn er mir dasselbe gesagt hätte, würde ich sofort spinnwütend geworden sein. Nur mit dir allein bin ich ein paar Augenblicke lang gut gewesen, denn sonst bin ich ja doch ein böser Mensch.“
„Nein, Sie sind kein böser Mensch, Sie sind nur ein verdorbener Mensch,“ sagte Aljoscha lächelnd.
„Hör, ich wollte schon diesen Räuber Mitjka heute einsperren lassen, und eigentlich weiß ich auch jetzt noch nicht genau, was ich tun werde. Heutzutage ist es ja wohl höchst modern, Väter und Mütter für ein Vorurteil zu halten; aber nach dem Gesetz, glaube ich wenigstens, ist es selbst in unserer aufgeklärten Zeit noch nicht schwarz auf weiß erlaubt, seine Väter an den Haaren zu reißen, auf dem Fußboden herumzuschleifen und mit den Absätzen ins Gesicht zu treten, dazu in deren eigenem Hause! Und dann sich noch zu brüsten, später wiederzukommen, um einen ganz totzuschlagen, dazu alles in Gegenwart von Zeugen! Ich könnte ihn, wenn ich wollte, für das Gestrige sofort einsperren lassen.“
„Aber Sie werden es doch nicht tun?“
„Iwan riet mir ab. Ich pfeife natürlich auf Iwan; aber mir ist dabei etwas anderes eingefallen ...“
Er näherte sich Aljoscha, beugte sich zu ihm nieder und fuhr in geheimnisvollem Geflüster fort:
„Lasse ich den Schuft festsetzen, so erfährt sie es und läuft sofort zu ihm; hört sie dagegen, daß er mich, den schwachen Greis, halb totgeschlagen hat, so ist es möglich, daß sie ihm den Rücken kehrt und mich besuchen kommt ... Wir kennen doch die Weiber – immer das Entgegengesetzte! Itsch, dann erst recht! Ich kenne sie wie meine fünf Finger! Aber willst du nicht ’nen kleinen Kognak? Trink mal ’n bissel Kaffee; er ist zwar nur lauwarm, aber er kann dir nicht schaden; werde dir ein Viertelgläschen hineingießen, das gibt dem Zeug ’nen andern Geschmack.“
„Nein, danke, nicht nötig. Dieses Brötchen werde ich mir in die Tasche stecken, wenn Sie erlauben,“ sagte Aljoscha und steckte sich ein Dreikopeken-Franzbrot in die Tasche seiner Kutte. „Und auch Sie sollten heute lieber keinen Kognak trinken,“ meinte er mit einem etwas besorgten Blick auf das Gesicht des Vaters.
„Du hast recht, er reizt nur und gibt keine Ruh. Aber ein einziges Gläschen ... Ich nehm ihn aus dem Schränkchen ...“
Er zog seine Schlüssel aus der Tasche und schloß das Schränkchen auf, goß sich ein Gläschen ein und schloß dann das Schränkchen wieder zu.
„So, Schluß damit. Von einem Kognak werde ich doch nicht krepieren.“
„Sie sind davon immerhin schon freundlicher geworden,“ meinte Aljoscha lächelnd.
„Hm! Dich liebe ich auch ohne Kognak; mit Schuften aber bin auch ich ’n Schuft. Wanjka will nicht nach Tschermaschnjä fahren – warum nicht? Mich bespionieren will er: ob ich Gruschenka viel gebe, wenn sie kommt. Alle sind Schufte! Und diesen Iwan erkenne ich überhaupt nicht an, will nichts von ihm wissen, kenne ihn überhaupt nicht! Von wo mag solch einer nur hergekommen sein? Gar nicht wie unsereiner; weiß der Teufel, was der Kerl für eine Seele hat. Und als ob ich ihm etwas hinterlassen werde! Nicht mal ’n Testament werde ich hinterlassen, damit ihr’s nur wißt, meine Verehrtesten! Mitjka aber, den schlag ich platt wie eine Schabe. Wenn diese schwarzen Biester nachts in mein Zimmer kommen, so knacke ich sie immer mit dem Pantoffel: es knallt, daß es eine wahre Freude ist, wenn man drauftritt und sie platzen. So wird auch dein Mitjka platzen, wenn ich ihn plattdrücke. Sage ‚dein Mitjka‘, weil du ihn ja so ins Herz geschlossen hast. Sieh, du liebst ihn; ich aber fürchte mich deshalb nicht, weil du ihn liebst. Wenn ihn aber Iwan liebte, so würde ich für mich, weil der ihn liebt, Angst bekommen. Aber Iwan liebt niemanden, Iwan ist kein Mensch wie wir; solche Menschen, wie Iwan, das, weißt du, sind nicht Menschen, das ist aufgewirbelter Staub ... kommt ein Wind, so wird der Staub verweht ... Gestern kam mir eine Dummheit in den Kopf, als ich dir befahl, heute herzukommen; wollte durch dich etwas von Mitjka erfahren ... wenn man ihm Eintausend, nun, sagen wir Zweitausend, hinschmisse, er hat doch nichts – ob er sich dann wohl dazu verstehen würde, sich von hier zu packen, aber ganz und gar, auf fünf Jahre oder besser auf fünfunddreißig, und ohne Gruschenka, versteht sich, sich vielmehr ganz von ihr loszusagen, was meinst du?“
„Ich ... ich werde ihn fragen ...“ stotterte Aljoscha leise. „Wenn Sie alle Dreitausend geben würden, so wäre es vielleicht möglich, daß er ...“
„Du lügst! Und jetzt ist es überhaupt nicht nötig zu fragen! Hab mich anders bedacht. Das war nur so’n dummer Gedanke, der mir gestern in die Dachstube kletterte. Nichts gebe ich, nicht einmal zu riechen kriegt er was, meine Gelderchen brauche ich für mich allein!“ Der Alte wurde wütend und fuchtelte mit den Armen. „Werde ihn auch ohnedem wie ’ne Schabe plattdrücken. Sag du ihm nichts, sonst faßt er womöglich noch Hoffnung. Und auch du hast hier nichts bei mir zu suchen, schieb mal ab! Und diese seine Braut, die Katerina Iwanowna, die er so sorgfältig die ganze Zeit vor mir verbirgt, wird die ihn nun nehmen oder nicht? Du gingst doch gestern zu ihr, wie?“
„Sie will ihn um keinen Preis verlassen.“
„Ja, gerade solche werden ja von den zärtlichen Damen geliebt, solche Durchgänger und Schufte! Taugen nichts, das sag ich dir, diese blassen Fräulein; da ist doch ganz was andres so’n ... Na, du solltest mal sehn, wenn ich seine Jahre hätte und mein damaliges Gesicht – denn mit achtundzwanzig Jahren war ich hübscher als er –, so würde ich ganz genau so wie er siegen und Triumphe feiern. Solch eine Kanaille! Aber Gruschenka kriegt er doch nicht, kriegt er doch nicht! ... Werde ihn vernichten, zu Dreck machen!“
Bei den letzten Worten wurde er wieder wild.
„Aber jetzt kannst auch du dich packen, hast nichts hier bei mir zu suchen,“ sagte er barsch.
Aljoscha trat zu ihm, um sich zu verabschieden, und küßte ihn auf die Schulter.
„Was soll das?“ fragte der Alte etwas verwundert. „Werden uns doch noch sehen. Oder glaubst du, daß wir uns nicht mehr sehen werden?“
„Durchaus nicht, ich tat es nur so, ganz zufällig.“
„Nun ja, auch ich sagte es nur so ...“ Der Alte blickte ihn an. „Hör mal, hör,“ rief er ihm plötzlich noch nach; „komm einmal zur Fischsuppe her, werde eine kochen lassen, eine besondere, pikfeine, nicht so wie heute, komm bestimmt! Komm morgen, hörst du, unbedingt morgen!“
Kaum war Aljoscha hinausgegangen, als der Alte wieder zu seinem Schränkchen trat und sich noch ein halbes Gläschen hinter die Binde goß.
„Jetzt aber Schluß!“ murmelte er, räusperte sich krächzend, schloß das Schränkchen wieder zu und steckte den Schlüssel in die Tasche; darauf ging er ins Schlafzimmer, legte sich erschöpft aufs Bett und schlief im Augenblick fest ein.
III. Die kleinen Schuljungen
„Gott sei Dank, daß er mich nicht nach Gruschenka gefragt hat,“ dachte seinerseits Aljoscha, als er das Haus des Vaters verließ und sich zu Frau Chochlakoff auf den Weg machte, „sonst hätte ich ja schließlich von der gestrigen Begegnung mit Gruschenka erzählen müssen.“ Aljoscha fühlte es schmerzlich, daß die Widersacher sich über Nacht mit neuen Kräften von neuem erhoben und ihre Herzen sich mit dem anbrechenden Tage von neuem verhärtet hatten. „Der Vater ist gereizt und wütend, er hat sich jetzt etwas ausgedacht und scheint dabei bleiben zu wollen. Und Dmitrij? Der wird über Nacht gleichfalls einen Entschluß gefaßt haben und wird wahrscheinlich ebenso gereizt und wütend sein ... und wer weiß, was er sich noch ausgedacht hat ... O, unbedingt muß ich mir heute noch die Zeit nehmen, ihn, einerlei wo, aufzusuchen. Ja, das muß ich unbedingt tun ...“
Doch Aljoscha hatte nicht lange Zeit zum Nachdenken: unterwegs stieß ihm etwas zu, das anscheinend nicht so wichtig war, ihn aber doch ungewöhnlich erschütterte. Kaum war er über den großen Platz gegangen und in eine Nebenstraße eingebogen, um in die Michailoff-Straße zu gelangen – die von der Großen Straße nur durch einen kanalartigen Graben getrennt war (unsere ganze Stadt ist von derartigen Kanälen oder breiten Gräben durchzogen), als er unten am Graben, nicht weit von einer Brücke, eine Gruppe kleiner Schüler, Jungen von etwa neun bis zwölf Jahren bemerkte. Sie waren auf dem Heimweg aus der Schule und trugen ihre Ränzchen auf dem Rücken oder hatten lederne Büchersäcke an Riemen über die Schulter gehängt; einige waren nur in Jäckchen, andere in Mäntelchen, und ein paar von ihnen hatten hohe Stulpenstiefelchen an, mit Falten in den Stiefelschaften, auf die kleine Knaben stets sehr stolz sind, doch die eigentlich nur wohlhabende Eltern, die ihre Kinder verwöhnen, kaufen können. Die ganze kleine Gesellschaft sprach äußerst lebhaft: man schien sich zu beraten. Aljoscha konnte niemals teilnahmslos an kleinen Kindern vorübergehen (in Moskau war er immer stehen geblieben, um sie zu beobachten), und obwohl er am meisten die Dreijährigen liebte, so gefielen ihm doch auch kleine Schuljungen von zehn Jahren sehr. Darum aber verspürte er jetzt große Lust, so sehr er auch in Sorge war, zu ihnen zu gehen und mit diesen Jungen etwas zu sprechen. Er näherte sich ihnen und betrachtete ihre rosigen, lebhaften Gesichtchen; plötzlich fiel ihm auf, daß ein jeder von ihnen einen Stein in der Hand hielt, einige sogar zwei. Zugleich bemerkte er, daß auf der anderen Seite des Kanals, ungefähr dreißig Schritt von der erregten Gruppe, am Zaun noch ein Knabe stand, gleichfalls ein kleiner Schüler, der auch solch ein Büchertäschchen trug, etwa zehn Jahre alt war oder etwas jünger, ein bleicher kränklicher Kleiner mit dunklen, blitzenden Augen. Er stand und beobachtete aufmerksam die Gruppe der sechs anderen kleinen Schüler, die offenbar seine Schulkameraden waren, doch mit denen er in Fehde zu liegen schien. Aljoscha trat zu ihnen heran und sagte, an einen blonden rotbackigen Knaben in schwarzem Jäckchen sich wendend, indem er ihn betrachtete:
„Als ich solch eine kleine Büchertasche trug, wie du sie hast, trug man sie auf der linken Seite, um bequem mit der rechten Hand hineinlangen zu können; du aber trägst die Tasche auf der rechten Seite, so kannst du sie doch nicht so leicht erreichen.“
Aljoscha hatte ganz unbeabsichtigt mit dieser sachlichen Bemerkung begonnen, ohne zu wissen, daß ein Erwachsener, wenn er das Zutrauen eines Kindes oder gar einer ganzen Gruppe Kinder gewinnen will, gerade so ernst und sachlich beginnen und sie unbedingt als vollkommen gleichstehend behandeln muß; Aljoscha hatte aus dem Instinkt heraus das Richtige getroffen.
„Aber er ist doch ein Linkpfot,“ antwortete sofort ein anderer Knabe, ein gesunder, mutiger Junge von etwa elf Jahren. Die Augen der übrigen fünf richteten sich forschend auf den Jüngling in der Mönchskutte.
„Er – er wirft auch die Steine mit der linken Hand,“ bemerkte ein dritter.
In dem Augenblick flog auf die Gruppe ein Stein, streifte nur leicht den „Linkpfot“, war aber geschickt und kräftig geschleudert worden. Er kam von dem kleinen Knaben, der auf der anderen Seite des Grabens stand.
„Gib ihm eins, ziel aber gut, Ssmuroff!“ riefen sofort alle erregt dem „Linkpfot“ zu.
Doch Ssmuroff (der „Linkpfot“) ließ nicht lange warten und zahlte sofort heim; er zielte und schleuderte seinen Stein auf den Knaben jenseits des Grabens, traf ihn aber nicht: der Stein schlug an den Zaun. Der Knabe jenseits des Grabens schleuderte sofort noch einen Stein auf die feindliche Gruppe und traf diesmal – Aljoscha ziemlich schmerzhaft an der Schulter: er hatte auch ersichtlich gerade auf ihn gezielt. Seine Taschen waren voll von Steinen, das konnte man auf dreißig Schritt an seinen abstehenden Paletotseiten erkennen.
„Er hat auf Sie gezielt, absichtlich gerade auf Sie! Sie sind doch ein Karamasoff, nicht wahr, ein Karamasoff?“ schrien unter erregtem Lachen die Knaben. „Jetzt aber alle auf einmal! Eins, zwei, drei!“
Und sechs Steine flogen auf Kommando aus der Gruppe über den Graben. Ein Stein traf den Jungen am Kopf und er fiel hin, doch sprang er im Augenblick wieder auf und fing an, wie rasend geworden, seine Steine auf die Feinde zu schleudern. Es begann ein lebhaftes Bombardement; es zeigte sich, daß auch einige von den Sechsen Steine vorrätig in den Taschen hatten.
„Was fällt euch ein! Schämt ihr euch nicht! Sechs gegen einen, ihr könnt ihn ja totschlagen!“ rief Aljoscha erschrocken aus.
Er sprang schnell vor, den fliegenden Steinen entgegen, um so mit seinem Körper den Kleinen jenseits des Grabens zu schützen. Drei oder vier von den Jungen hielten eine Minute lang inne.
„Er hat selbst angefangen!“ rief ein Kleiner in einer roten Bluse mit hoher Kinderstimme, „er ist ein Schuft, er hat neulich Krassotkin mit dem Federmesser gestochen, so daß Blut floß. Krassotkin wollte nur nicht klagen gehn, ihn aber muß man durchprügeln ...“
„Warum das? Ihr neckt ihn wahrscheinlich?“
„Ha! jetzt hat er Sie wieder mit einem Stein in den Rücken getroffen! Er kennt Sie!“ schrien die Kinder. „Jetzt zielt er nur auf Sie, nicht auf uns! Nun aber alle Mann hoch, schieß gut, Ssmuroff!“
Und wieder begann das Bombardement, diesmal aber recht erbittert. Da schlug ein Stein den kleinen Knaben vor die Brust: er schrie auf und lief weinend den Berg hinauf zur Michailoff-Straße. In der Gruppe erhob sich sofort ein Triumphgeschrei: „Acha hat Angst bekommen, läuft fort, Bastwisch!“
„Sie wissen nicht, Karamasoff, was das für ein gemeiner Junge ist, ihn totschlagen wäre noch viel zu wenig,“ sagte der Knabe in der Jacke, anscheinend der älteste von den Sechsen.
„Wieso?“ fragte Aljoscha, „petzt er etwa?“
Die Knaben tauschten gleichsam spöttische Blicke untereinander aus.
„Gehen Sie auch in die Michailoffstraße?“ fragte derselbe Knabe. „So holen Sie ihn doch ein ... Sehen Sie, er ist wieder stehen geblieben, er wartet und sieht gerade auf Sie.“
„Ja, er sieht gerade auf Karamasoff, auf Karamasoff!“ riefen sofort auch die anderen.
„Fragen Sie ihn, ob er solch einen Badequast, solch einen rötlich-gelben Lindenbastwisch, mit dem man scheuert oder sich wäscht, ob er solch einen Bastwisch liebt? Hören Sie, fragen Sie ihn gerade so!“
Alle lachten. Aljoscha blickte sie an, und sie blickten wiederum ihn an.
„Gehn Sie nicht, er wird Sie hauen,“ sagte ihn warnend der kleine Ssmuroff.
„Nach dem Bastwisch werde ich ihn nicht fragen, denn wahrscheinlich neckt ihr ihn aus irgendeinem Grunde gerade damit, aber ich werde ihn fragen, warum ihr ihn so haßt ...“
„Fragen Sie nur, fragen Sie nur!“ war die lachende Antwort.
Aljoscha ging über die Brücke und dann den Berg hinauf, längs dem Zaun, gerade auf den von seinen Kameraden geächteten Knaben zu.
„Seien Sie vorsichtig!“ schrien ihm noch die anderen warnend nach, „er hat keine Angst vor Ihnen, er wird Sie plötzlich stechen, hinterrücks ... wie er Krassotkin gestochen hat.“
Der Knabe erwartete ihn, ohne sich zu rühren. Als Aljoscha sich ihm näherte, sah er vor sich einen Knaben von höchstens neun Jahren, eines von den schwächlichen und kleinen Kindern, mit einem bleichen und mageren, länglichen Gesichtchen, mit großen, dunklen und böse ihm entgegenblickenden Augen. Sein Mäntelchen war schon ziemlich alt und vertragen und viel zu eng und zu knapp: er war aus ihm bereits ganz herausgewachsen. Die bloßen Hände hingen aus kurzgewordenen Ärmelchen heraus. Auf dem rechten Knie hatten die Höschen einen großen Flecken, und der rechte Stiefel hatte vorn bei der großen Zehe ein großes Loch, das stark mit Tinte eingeschmiert war. Beide Taschen seines Mäntelchens waren voll von Steinen. Aljoscha blieb zwei Schritt vor ihm stehen und blickte ihn fragend an. Der Kleine, der an Aljoschas Augen erriet, daß dieser ihn nicht schlagen werde, schien sich ein wenig zu schämen, und er begann sogar ungefragt zu sprechen:
„Ich bin allein, und sie sind sechs ... Ich werde sie alle ganz allein verprügeln,“ sagte er mit blitzenden Augen.
„Der eine Stein muß dich sehr schmerzhaft getroffen haben,“ bemerkte Aljoscha.
„Ich aber habe Ssmuroff an den Kopf getroffen!“ rief der Knabe triumphierend.
„Sie sagten mir, daß du mich kennst und aus einem besonderen Grunde absichtlich auf mich mit den Steinen geworfen hättest?“ fragte Aljoscha.
Der Knabe blickte ihn finster an.
„Ich kenne dich nicht. Kennst du mich denn?“ fuhr Aljoscha in seinen Fragen fort.
„Gehn Sie fort!“ schrie ihn plötzlich der Knabe gereizt an, ohne aber sich selbst vom Platz zu rühren, als ob er noch etwas erwartete, und wieder blitzten seine dunklen Augen böse auf.
„Gut, ich werde fortgehen,“ sagte Aljoscha, „nur kenne ich dich nicht, und du sollst nicht glauben, daß ich dich etwa necken will. Deine Kameraden sagten mir, wie du geneckt wirst, ich aber will dich wirklich nicht necken, nun, leb wohl!“
„Kuttenmönch, hosenloser Kuttenmönch!“ höhnte der Knabe geflissentlich und verfolgte ihn immer noch mit demselben boshaften, herausfordernden Blick; er stellte sich auch schon in Positur, da er offenbar glaubte, Aljoscha werde sich unbedingt auf ihn stürzen – doch Aljoscha blickte sich nur einmal nach ihm um und ging. Er hatte aber noch nicht drei Schritte gemacht, als ihn ein ziemlich großer Stein, der größte, den der Knabe gehabt hatte, schmerzhaft in den Rücken traf.
„Also hinterrücks? Dann ist es also wahr, was sie von dir gesagt haben, daß du hinterrücks überfällst?“ fragte Aljoscha, der stehen geblieben war und sich zurückwandte, doch diesmal schleuderte der Knabe mit wahrer Wut wieder einen Stein auf Aljoscha und würde ihn gerade ins Gesicht getroffen haben, wenn Aljoscha nicht den Arm zum Schutz erhoben hätte: so schlug der Stein an seinen Ellenbogen.
„Schämst du dich nicht! Was habe ich dir getan?“ rief Aljoscha.
Der Knabe wartete schweigend und herausfordernd, wie es schien, nur darauf, daß Aljoscha sich jetzt auf ihn stürzen werde; als er aber sah, daß dieser es selbst jetzt nicht tat, geriet er wie ein kleines Tier außer sich vor Wut. Er stürzte sich auf Aljoscha und packte, noch bevor dieser sich rühren konnte, mit beiden Händen dessen linke Hand und biß krampfhaft in den Mittelfinger. Wie Klammern hielten die kleinen Zähne den Finger (etwa zehn Sekunden lang) fest. Aljoscha schrie auf vor Schmerz und versuchte mit aller Gewalt seinen Finger herauszuziehen. Endlich ließ ihn der Knabe los und sprang geschwind auf die frühere Entfernung zurück. Das Fleisch des Fingers war durchgebissen, gerade beim Nagel, tief, bis auf den Knochen, und blutete stark. Aljoscha zog sein Taschentuch hervor und umwickelte fest seine verwundete Hand. Eine gute Minute lang war er damit beschäftigt.
Während dieser ganzen Zeit erwartete der Knabe stillschweigend, was nun kommen werde. Da erhob endlich Aljoscha seinen stillen Blick und richtete ihn auf den Knaben.
„Nun gut,“ sagte er, „du hast mich schmerzhaft gebissen, nun ist es genug. Jetzt sage mir aber, was ich dir getan habe?“
Der Knabe blickte ihn verwundert an.
„Ich kenne dich nicht, ich sehe dich zum erstenmal,“ fuhr Aljoscha ebenso ruhig fort, „aber es kann doch nicht sein, daß ich dir nichts Böses getan habe, denn umsonst würdest du mir doch nie solch einen Schmerz zugefügt haben. So sag doch, was ich dir getan und womit ich das von dir verdient habe?“
Statt zu antworten, fing der Knabe laut zu weinen an, und plötzlich lief er fort. Aljoscha ging ihm langsam nach in die Michailoffstraße, und lange noch sah er, wie weit vor ihm der Knabe lief, ohne sich umzusehen und ohne im Laufen innezuhalten, und wie er wahrscheinlich immer noch laut weinte. Er nahm sich fest vor, sobald er die Zeit hätte, den Kleinen aufzusuchen und die Erklärung seines sonderbaren Hasses zu fordern.
IV. Bei Chochlakoffs
Er erreichte indessen bald das Chochlakoffsche Haus. Es war ein zweistöckiges, hübsches, herrschaftliches Steingebäude, eines der schönsten Häuser in unserem Städtchen. Obgleich Frau Chochlakoff größtenteils im Nachbargouvernement lebte, wo sie ein Gut hatte, oder in Moskau, wo sie ein Haus besaß, so behielt sie doch auch in unserem Städtchen dieses von ihrem Vater oder Großvater geerbte Haus und wollte es weder vermieten noch verkaufen. Und wenn das Gut, das sie in unserem Gouvernementskreise besaß, auch das größte von ihren drei Gütern war, so lebte sie doch nur sehr selten in unserem Städtchen. Sie kam Aljoscha schon im Vorzimmer entgegen.
„Sagen Sie doch, haben Sie meinen Brief mit der Nachricht von dem Wunder erhalten?“ begann sie erregt in ihrer nervösen Weise.
„Ja, ich habe ihn erhalten.“
„Sagen Sie doch, haben Sie ihn auch allen gezeigt, allen davon erzählt? Er hat der Mutter den Sohn wiedergegeben!“
„Er wird heute sterben,“ sagte Aljoscha.
„Ich weiß, ich habe es schon gehört, o, wieviel ich mit Ihnen zu sprechen habe! Über alles, alles das, mit Ihnen oder einerlei mit wem. Nein, nein, nur mit Ihnen, nur mit Ihnen allein! Und wie schade, daß ich ihn auf keine Weise mehr sehen kann! Die ganze Stadt ist erregt, alle sind in großer Erwartung. Aber jetzt: Wissen Sie auch, daß Katerina Iwanowna augenblicklich bei uns ist?“
„Ach, das trifft sich gut!“ sagte Aljoscha erfreut. „Dann kann ich sie ja hier bei ihnen sprechen, sie bat mich gestern, heute zu ihr zu kommen.“
„Ich weiß alles, ich weiß alles! Ich habe alles ganz genau erfahren, was gestern bei ihr geschehen ist ... und alle diese entsetzlichen Geschichten mit diesem ... Geschöpf! C’est donc tragique, ich würde an ihrer Stelle, – ich weiß nicht, was ich an ihrer Stelle getan hätte! Aber Ihr Bruder, ich meine Dmitrij Fedorowitsch, was sagen Sie zu dem? – O Gott, Alexei Fedorowitsch, ich, ich komme ganz aus dem Konzept. Stellen Sie sich vor: jetzt sitzt hier bei uns Ihr Bruder, nicht jener, nein, der andere, Iwan Fedorowitsch, er sitzt dort und spricht mit ihr: o, es ist ein feierliches Gespräch ... Und wenn Sie sich nur denken könnten, was jetzt zwischen ihnen geschieht, – Katerina Iwanowna vergewaltigt sich, das ist ganz schrecklich, das ist, ich werde Ihnen sagen, was das ist: Das ist ein grausames Märchen, an das man unmöglich glauben kann! Beide stürzen sie sich ins Unglück, beide wissen das ganz genau, und beide finden sie Vergnügen daran, sich unglücklich zu machen, es scheint ihnen Genuß zu bereiten! Ach, wie ich Sie erwartet habe, wie ich Sie ersehnt habe! Ich, wissen Sie, ich kann das nicht mehr ertragen! Ich werde Ihnen gleich alles erzählen, aber jetzt noch was anderes, und das ist die Hauptsache, – ach Gott, ich hatte es beinahe ganz vergessen, daß das die Hauptsache ist. Sagen Sie doch, warum bekam Lise jetzt wieder ihre hysterischen Anfälle? Als sie nur hörte, daß Sie zu uns kämen, begann sofort der Anfall.“
„Mama, das ist jetzt vielleicht mit Ihnen der Fall, aber nicht mit mir,“ ertönte plötzlich irgendwoher Lisas hohes Stimmchen: Die Tür zum Nebenzimmer zeigte eine kleine, kleine Spalte, und die Stimme klang genau so, wie wenn jemand furchtbar gern lachen will, doch mit aller Gewalt das Lachen unterdrückt. Aljoscha hatte diese Spalte schon früher bemerkt und war überzeugt, daß Lise ihn von ihrem Stuhl aus durch ebendiese Spalte beobachtete, obgleich er sie nicht sehen konnte.
„Schäme dich, Lise, schäme dich ... es ist schon möglich, daß ich von deinen eigensinnigen Launen noch krank werde, aber, wissen Sie, Alexei Fedorowitsch, sie ist so krank, die ganze Nacht war sie krank, fieberte und stöhnte! Nur mit genauer Not habe ich noch den Morgen und Doktor Herzenstube erwarten können. Er sagte, er könne es nicht begreifen, und man müsse abwarten. Dieser Herzenstube sagt jedesmal, wenn er kommt, er könne es nicht begreifen. Wie Sie sich aber dem Hause näherten, schrie sie auf, bekam ihren Anfall und befahl der Magd, sie hierher in ihr früheres Zimmer zu schieben ...“
„Aber Mama, ich wußte ja gar nicht, daß er sich dem Hause näherte, ich wollte durchaus nicht deswegen in dieses Zimmer geschoben werden.“
„Du solltest nicht lügen, Lise, ich habe selbst gesehen, wie Julija mit der Nachricht zu dir gelaufen kam, daß Alexei Fedorowitsch zu uns käme; sie hatte ja die ganze Zeit auf deinen Befehl Wache gestanden.“
„Liebstes Mamachen, das ist wirklich furchtbar wenig scharfsinnig von Ihnen. Wenn Sie mir aber einen großen Gefallen erweisen wollen, so sagen Sie, bitte, liebste Mama, dem sehr geehrten Herrn Alexei Fedorowitsch, daß er schon allein dadurch, daß er heute zu uns kommt, nach allem, was gestern geschehen ist, und obgleich man sich hier über ihn lustig macht, nur beweist, wie wenig gewitzigt er ist.“
„Lise, du erlaubst dir wirklich unerhört viel! Ich versichere dir, daß ich endlich zu strengen Maßregeln greifen werde. Wer soll denn über ihn lachen? ich freue mich so sehr darüber, daß er gekommen ist – ich habe ihn so nötig, er ist mir ganz unentbehrlich! Ach, Alexei Fedorowitsch, wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin!“
„Aber was fehlt Ihnen denn, liebste Mama?“
„Ach, immer deine Kapricen, Lise, deine Unbeständigkeit, deine Krankheit, diese furchtbare Nacht, dein Fieber, dieser fürchterliche, ewige Herzenstube; ach, das Schreckliche ist ja, daß er ewig, ewig und ewig hier sitzt! Und überhaupt alles, alles ... Und dann kommt noch dieses Wunder hinzu! O, Sie wissen nicht, Alexei Fedorowitsch, wie mich dieses Wunder erschüttert hat! Und jetzt noch hier in meinem Salon diese ganze Tragödie; nein, nein, das kann ich nicht ertragen, das kann ich nicht, ich sage es Ihnen im voraus, daß ich es nicht kann! Oder vielleicht ist es auch nur eine Komödie und keine Tragödie ... Sagen Sie, wird der Staretz Sossima noch bis morgen leben? Ach Gott! Was ist heute mit mir! Ich schließe beständig die Augen und sehe ja selbst ein, daß ich Unsinn rede, leeren Unsinn.“
„Ich würde Sie sehr bitten,“ unterbrach Aljoscha sie plötzlich, „mir ein kleines Stück Leinwand zu geben, um meinen Finger zu verbinden. Ich habe ihn stark verletzt, und jetzt tut er mir unerträglich weh.“
Aljoscha wickelte das Taschentuch ein wenig los: Große Blutflecke waren durch das ganze Tuch gedrungen. Frau Chochlakoff schrie auf, schloß krampfhaft die Augen und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
„Gott, wieviel Blut! Wie furchtbar!“
Doch sowie Lise durch die Spalte Aljoschas blutiges Taschentuch sah, riß sie sofort die Tür auf, daß die mit der Klinke krachend an die Wand schlug.
„Kommen Sie her, kommen Sie her zu mir,“ rief sie gebieterisch und eigensinnig, „jetzt aber ohne Dummheiten! Gott! Warum standen Sie nur so lange, warum sagten Sie kein Wort? Mama, er hätte verbluten können! Wo haben Sie das gemacht, wie nur? Ganz zuerst Wasser, Wasser! Man muß die Wunde waschen; den Finger einfach in kaltes Wasser stecken, damit der Schmerz betäubt wird, und dann einfach drinhalten ... Ach, schneller, schneller Wasser, Mama, in die kleine Schale. Aber schneller doch!“ rief sie nervös. Sie war maßlos erregt; Aljoschas Wunde hatte sie heftig erschreckt.
„Soll man nicht nach Herzenstube schicken?“ fragte Frau Chochlakoff ängstlich.
„Mama, Sie werden mich noch töten! Ihr Herzenstube wird kommen und wieder nur sagen, daß er es nicht begreifen kann! Wasser, Wasser! Mama, gehen Sie um Gottes willen selbst und machen Sie Julija Eile, die bleibt immer irgendwo stecken; jetzt wird sie vielleicht ertrunken sein samt ihrem Wasser! Aber schneller doch, Mama, ich sterbe sonst ...“
„Aber das ist doch nicht so gefährlich!“ rief Aljoscha aus, den wiederum der Schreck der Damen erschreckte.
Da kam auch schon die Zofe mit dem Wasser. Aljoscha tauchte den Finger hinein.
„Mama, bringen Sie um Gottes willen Scharpie und diese trübe Flüssigkeit – ach, wie heißt sie doch, mit der man kühlt, wenn man sich geschnitten hat? Wir haben sie, ich weiß es genau; Mama, Sie wissen es doch auch, wo diese Flasche ist, in Ihrem Schlafzimmer, rechts im kleinen Medizinschränkchen, dort ist eine große Flasche und Scharpie ...“
„Ich werde alles sofort bringen, Lise, nur schrei nicht so und rege dich nicht auf. Sieh, wie mutig Alexei Fedorowitsch sein Unglück trägt. Aber wo haben Sie sich nur so entsetzlich verletzt?“
Frau Chochlakoff ging eilig hinaus, um die Sachen zu bringen. Darauf hatte Lisa nur gewartet.
„Vor allem antworten Sie mir auf eine Frage,“ sagte sie hastig zu Aljoscha, „wo haben Sie sich so verletzt? Ich habe dann noch von ganz anderem mit Ihnen zu sprechen. Nun?“
Aljoscha begann sofort, da er fühlte, daß ihr die Zeit bis zur Rückkehr der Mutter kostbar war, von der Begegnung mit den Schuljungen zu erzählen, natürlich nur in großen Zügen, ohne alles Nebensächliche. Als Lise zu Ende gehört hatte, schlug sie die Hände zusammen.
„Aber wie konnten Sie nur, wie konnten Sie sich nur, und dazu noch in der Kutte, mit Schulbuben einlassen!“ rief sie zornig aus, ganz, als ob sie ein Recht auf ihn besäße. „Nach alledem sind Sie ja selbst ein kleiner Junge, der allerkleinste, den es überhaupt nur geben kann! Aber Sie müssen mir unbedingt diesen scheußlichen Frechling aufsuchen, denn hier steckt sicherlich ein Geheimnis dahinter ... Jetzt das zweite, doch vorher noch eine Frage. Können Sie, trotz des Schmerzes, von ganz dummen Sachen reden, aber vernünftig reden?“
„Das kann ich sehr gut, und ich fühle ja auch gar keinen so großen Schmerz mehr im Finger.“
„Das kommt daher, daß Ihr Finger im Wasser ist. Aber man muß jetzt neues Wasser nehmen, denn es wird ja sofort warm. Julija, bring sofort ein Stück Eis aus dem Keller und eine neue Schale mit Wasser. So, jetzt sind wir sie los, nun schnell zur Sache: Bitte, lieber Alexei Fedorowitsch, geben Sie mir geschwind den Brief zurück, den ich Ihnen gestern übergeben ließ, schnell, denn Mama kann ja sofort zurückkommen, schneller doch! – ich will nicht ...“
„Ich ... ich habe ihn nicht bei mir.“
„Das ist nicht wahr, Sie haben ihn schon bei sich. Ich wußte es ja, daß Sie so antworten würden. Sie haben ihn in der Tasche. Ich habe diesen dummen Scherz die ganze Nacht so furchtbar bereut. Geben Sie ihn mir sofort zurück!! Sofort!“
„Ich ... ich habe ihn im Kloster gelassen.“
„Aber Sie müssen mich ja unbedingt für ein kleines Mädchen halten, für ein ganz kleines Baby, nach einem so dummen Brief! Ich bitte Sie sehr um Verzeihung für den dummen Scherz; aber den Brief müssen Sie mir unbedingt zurückbringen, wenn Sie ihn wirklich nicht bei sich haben – heute noch bringen Sie ihn mir, hören Sie, unbedingt, unbedingt!“
„Heute kann ich unmöglich kommen; ich kehre ins Kloster zurück und werde zwei, drei, vielleicht auch vier Tage nicht herkommen können, denn der Staretz Sossima ...“
„Vier Tage, das fehlte noch! Hören Sie, sagen Sie – Sie haben wohl furchtbar über mich gelacht?“
„Nicht ein bißchen habe ich gelacht.“
„Warum denn nicht?“
„Weil ich an alles sofort geglaubt habe.“
„Sie beleidigen mich!“
„Wieso? Nicht im geringsten. Ich glaubte sofort, als ich ihn durchlas, daß alles auch so geschehen werde, denn ich muß nach dem Tode des Staretz Sossima sofort das Kloster verlassen. Darauf werde ich noch ein Jahr das Gymnasium besuchen und dann mein Abiturium machen, und wenn Sie das gesetzliche Alter erreicht haben, heiraten wir uns einfach. Ich werde Sie lieben. Ich habe zwar noch keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken; aber ich denke doch, daß ich eine bessere Frau als Sie nicht finden kann, und der Staretz hat mir befohlen, zu heiraten ...“
„Aber ich bin doch eine garstige Mißgeburt; man schiebt mich ja seit sechs Monaten im Rollstuhl!“ sagte Lisa mit verlegenem Lachen, und ihr Gesichtchen wurde rot.
„Ich selbst werde Sie im Rollstuhl schieben; übrigens bin ich überzeugt, daß Sie bis dahin schon gesund sein werden.“
„Aber Sie sind ja verrückt!“ fuhr Lisa nervös fort. „Aus einem kleinen Scherz solch einen Unsinn zu machen! ... Ach, da ist ja auch Mamachen ... vielleicht sehr zur rechten Zeit gekommen. Mama, wie Sie sich immer verspäten, wie kann man nur alles so langsam machen! Julija kommt schon aus dem Keller mit dem Eis zurück!“
„Ach, Lise, wenn du doch nicht immer so schreien wolltest, das ist wirklich das Furchtbarste. Von diesem Schreien werde ich ... was kann ich denn dafür, wenn du die Scharpie an einen anderen Ort getan hast ... Ich suchte und suchte ... Ich vermute stark, daß du sie absichtlich vorher versteckt hast ...“
„Aber wie konnte ich’s denn wissen, daß er mit einem gebissenen Finger ankommen würde, sonst, allerdings – hätte ich es vielleicht wirklich mit Absicht getan. Meine liebe Engelsmama, Sie fangen wirklich an, außerordentlich scharfsinnige Sachen zu sagen.“
„Ach, meinetwegen; aber denk doch nur, Lise, welche Erschütterung das für die Nerven ist, dieser gebissene Finger und alles andere noch dazu! Lieber Alexei Fedorowitsch, mich töten nicht die Einzelheiten, nicht irgend so ein Herzenstube, sondern alles zusammen, das Ganze, das ist es, was mich umbringt!“
„Ach, Mama, lassen Sie doch den armen Herzenstube in Ruh,“ sagte Lisa lachend, „geben Sie mir nur schneller die Scharpie und das Wasser. Das ist einfach Bleiwasser, Alexei Fedorowitsch, mir ist jetzt der Name wieder eingefallen; es ist ganz großartig zu Kompressen. Mama, stellen Sie sich nur vor, er hat sich unterwegs auf der Straße mit kleinen Schuljungen geprügelt, und einer von ihnen hat ihn gebissen; nun, sagen Sie doch selbst, ist er nicht nach alledem selbst ein kleiner Knabe, ein ganz – ganz kleiner, und kann man ihm daraufhin wohl erlauben zu heiraten, denn, denken Sie sich doch nur, Mama, er will schon heiraten! Stellen Sie sich ihn nur als Ehemann vor, ist das nicht zum Lachen, ist das nicht ganz entsetzlich!“
Und Lise lachte wieder ihr nervöses, leises Lachen und blickte schelmisch zu Aljoscha auf.
„Wie denn das, Lise, wen soll er denn jetzt heiraten? Solche Scherze sind sehr unpassend für dich ... Und denk doch nur, wenn dieser Junge vielleicht die Tollwut gehabt hat!“
„Ach, Mama! Gibt es denn überhaupt tollwütige Kinder?“
„Warum nicht, du tust wirklich, als ob ich eine Dummheit gesagt hätte. Den Jungen hat vielleicht ein toller Hund gebissen, und nun beißt wiederum der Junge. Sehen Sie doch, wie gut sie Ihren Finger verbunden hat, ich hätte das nie so gut gemacht. Schmerzt er noch sehr?“
„O, nur noch ein wenig.“
„Fürchten Sie vielleicht das Bleiwasser?“ erkundigte sich Lise.
„Nun, genug, Lise, ich habe es vielleicht doch etwas übereilt gesagt: das vom tollwütigen Knaben – du mußt natürlich gleich spotten. – Ach, fast hätte ich’s vergessen: Katerina Iwanowna bat mich sofort, als sie nur hörte, daß Sie gekommen seien, flehentlich, flehentlich, Sie zu ihr zu bringen; sie erwartet Sie sehr!“
„Ach, Mama! Gehen Sie doch allein zu ihr; er kann wirklich nicht sofort hingehen, er leidet viel zu sehr.“
„Aber gar nicht; ich kann sehr gut zu ihr gehen ...,“ sagte Aljoscha.
„Wie! Sie gehen? Also so sind Sie, so sind Sie?“
„Wieso? Ich werde doch, sobald ich dort fertig bin, sogleich wieder herkommen, und dann können wir weitersprechen, so viel Sie wollen. Ich möchte Katerina Iwanowna sobald wie möglich sprechen, da ich frühzeitig ins Kloster zurückkehren will.“
„Mama, nehmen Sie ihn nur und bringen Sie ihn fort. Bemühen Sie sich nicht, Alexei Fedorowitsch, nachher noch zu mir zu kommen, gehen Sie nur sofort ins Kloster, dorthin gehören Sie ja! Ich aber will jetzt schlafen, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.“
„Ach, Lise, das ist ja nur Scherz von dir; aber wirklich, wie wäre es, wenn du jetzt etwas schlafen würdest?“ meinte Frau Chochlakoff.
„Ich weiß nicht, wodurch ich ... Ich werde gern noch drei Minuten hierbleiben, wenn Sie wollen, sogar fünf,“ stotterte Aljoscha.
„Sogar fünf! So bringen Sie ihn doch schneller fort, Mama, das ist ja ein Monstrum!“
„Lise, du bist wohl nicht recht gescheit! Gehen wir, Alexei Fedorowitsch, sie ist heute gar zu kapriziös, ich fürchte mich, sie zu reizen. O, welch ein Jammer, mit einem nervösen Kinde zusammenzuleben! Aber sie ist vielleicht wirklich während des Gesprächs mit Ihnen schläfrig geworden. Wie haben Sie sie nur so schnell eingeschläfert, und wie glücklich sich das trifft!“
„Ach, Mama, das haben Sie ganz reizend gesagt, dafür gebe ich Ihnen einen Kuß!“
„Und ich dir gleichfalls, Lise. Hören Sie, Alexei Fedorowitsch,“ sagte darauf Frau Chochlakoff in erregtem, geheimnisvollem Flüsterton, als sie mit Aljoscha zum Salon ging, „ich will Ihnen nichts, nichts sagen, Sie werden es gleich selbst sehen, was dort vor sich geht – das ist ja ganz entsetzlich, entsetzlich, die phantastischste Komödie tragischer Art: sie liebt Ihren Bruder Iwan Fedorowitsch, redet sich aber selbst aus allen Kräften ein, daß sie Ihren Bruder Dmitrij Fedorowitsch liebe. Das ist doch furchtbar! Ich werde zusammen mit Ihnen hineingehen, und wenn man mich nicht fortschickt, bis zum Schluß dort bleiben.“
V. Im Empfangssalon
Doch im Salon schien die Unterredung schon beendet zu sein; Katerina Iwanowna war sehr erregt, sah aber entschlossen aus. Als Aljoscha und Frau Chochlakoff eintraten, hatte sich Iwan Fedorowitsch gerade zum Aufbruch erhoben. Sein Gesicht war ein wenig bleich, und Aljoscha blickte ihn unruhig an. Er fühlte es, daß jetzt wenigstens eines der beängstigenden Rätsel, die ihn schon seit längerer Zeit ununterbrochen gequält hatten, seine Lösung finden mußte. Schon seit einem Monat hatte er von vielen Seiten und zu mehreren Malen gehört, daß sein Bruder Iwan Katerina Iwanowna liebe und vor allen Dingen sie seinem älteren Bruder abspenstig zu machen trachte. Bis zu diesem Tage war das Aljoscha unglaublich und unmöglich erschienen, doch hatte er nicht den Gedanken abschütteln können und hatte darunter nicht wenig gelitten. Er liebte beide Brüder und fürchtete daher um so mehr solch eine Nebenbuhlerschaft. Und nun hatte ihm Dmitrij selbst gesagt, daß er sich über diese Nebenbuhlerschaft Iwans geradezu freue, und daß sie ihm, Dmitrij, in vielem sogar sehr zustatten käme. Was hatte er damit sagen wollen? Doch nicht, daß es ihm auf diese Weise leichter würde, Gruschenka zu heiraten? Das schien Aljoscha der letzte und verzweifelteste Schritt zu sein, den sein Bruder tun könnte. Außerdem war Aljoscha noch bis zum letzten Augenblick in der Szene, die Gruschenka bei Katerina Iwanowna, wie sie sagte „seinetwegen“, d. h. Aljoschas wegen gespielt hatte, immer noch überzeugt gewesen, daß Katerina Iwanowna seinen Bruder Dmitrij leidenschaftlich und unwandelbar liebte.
Doch nach jenem Auftritt und dem Gespräch mit Dmitrij am Kreuzweg, glaubte er es nicht mehr. Außerdem hatte ihm noch immer aus irgendeinem, ihm selbst unerklärlichen Grunde geschienen, daß sie solch einen Menschen wie Iwan überhaupt nicht lieben könnte, daß sie vielmehr gerade seinen Bruder Dmitrij lieben müsse, gerade diesen, und zwar mit allen seinen Fehlern, gerade so, wie er war, trotz der ganzen Ungeheuerlichkeit solch einer Liebe. Doch nach der Szene mit Gruschenka hatte es ihm plötzlich anders geschienen. Die Bemerkung Frau Chochlakoffs: „sie vergewaltigt sich“, hatte ihn fast zusammenzucken gemacht, denn genau dasselbe hatte auch er sich in der Nacht, als er aufgewacht war – wahrscheinlich auf einen unbewußten Traum hin – gesagt: „Sie vergewaltigt sich, sie vergewaltigt sich ja!“ Geträumt aber hatte ihm die ganze Nacht hindurch von jener Szene bei Katerina Iwanowna. Und die offen und bestimmt ausgesprochene Behauptung Frau Chochlakoffs, Katerina Iwanowna liebe seinen Bruder Iwan, „vergewaltige“ sich aber absichtlich aus Laune oder aus sonst einem unerklärlichen Grunde und betrüge und quäle sich selbst mit ihrer Liebe zu Dmitrij, die sie aus Dankbarkeit für ihn empfinden wolle – diese plötzliche Behauptung hatte Aljoscha stutzig gemacht. „Vielleicht liegt in diesen Worten wirklich die ganze Wahrheit,“ dachte er. Aber in welch einer Lage befand sich dann sein Bruder Iwan? Aljoscha fühlte gewissermaßen instinktiv, daß ein Charakter wie Katerina Iwanowna herrschen wollte, herrschen aber konnte sie nur über einen Menschen wie Dmitrij, niemals aber über einen Menschen wie Iwan. Denn nur Dmitrij konnte sich ihr ergeben (wenn auch erst nach langer Zeit), was Aljoscha ihm sogar „zu seinem eigenen Glücke“ wünschte; bei Iwan dagegen war das ganz ausgeschlossen: der konnte sich nicht ergeben, und dem würde solch eine Unterwerfung auch kein Glück bringen. Diese Auffassung von Iwan hatte sich ganz unfreiwillig in Aljoscha entwickelt. Und nun, als er in den Salon eintrat, flogen ihm in einem Augenblick wieder alle diese Zweifel und Bedenken und Gedanken durch den Sinn. Es tauchte in ihm auch noch ein anderer Gedanke auf: „Wie aber, wenn sie keinen von beiden liebt, weder den einen noch den anderen?“ Doch Aljoscha schämte sich seiner Gedanken und hatte sich ihretwegen jedesmal Vorwürfe gemacht, wenn sie ihm im letzten Monat wieder und wieder gekommen waren. „Was verstehe ich denn von Liebe und von Frauen, und wie kann ich nur solche Schlüsse ziehen,“ sagte er sich vorwurfsvoll, wenn er wieder Ähnliches gedacht hatte. Und doch war es unmöglich, nicht daran zu denken. So erriet er denn gleichfalls instinktiv, daß diese Nebenbuhlerschaft im Schicksal seiner beiden Brüder eine der wichtigsten Fragen war, von der vieles abhing. „Das eine Geschmeiß wird das andere Geschmeiß verschlingen,“ hatte Iwan am Tage vorher in der Gereiztheit vom Vater und vom Bruder Dmitrij gesagt. Also war Dmitrij in seinen Augen ein Geschmeiß, und das vielleicht schon lange? Oder sollte er es nicht erst seit dem Augenblick geworden sein, da Iwan Katerina Iwanowna kennen gelernt hatte? Diese Worte waren ihm natürlich halb aus Versehen entschlüpft, doch um so bedeutungsvoller waren sie dann, wenn er sie vielleicht gegen seinen Willen laut ausgesprochen hatte. Wenn das aber wirklich so war, wie konnte man dann auf eine friedliche Lösung hoffen? Gab es dann nicht noch neue Ursachen zu Haß und Feindschaft in ihrer Familie? Und vor allen Dingen, wen sollte er, Aljoscha, dann bedauern, und was einem jeden von ihnen wünschen? Er hatte sie beide lieb; doch was sollte er ihnen inmitten so furchtbarer Widersprüche raten? In diesem Labyrinth konnte man sich ja noch ganz und gar verlieren! Aljoschas Herz aber konnte die Ungewißheit nicht ertragen, denn seine Liebe wollte immer gleich aktiv eingreifen. Passiv zu lieben, verstand er nicht: hatte er etwas liebgewonnen, so wollte er auch sofort helfen. Um aber hier zu helfen, mußte er zuerst die Wahrheit wissen, mußte er ein festes Ziel vor sich sehen; doch statt dessen sah er nur Unklarheit und Irrwege. „Vergewaltigungen der eigenen Person und ein Vergewaltigenwollen des Schicksals“ – das war es! Doch was konnte er davon verstehen? Verstand er doch nicht einmal das erste Wort in diesem ganzen Durcheinander!
Als Katerina Iwanowna Aljoscha erblickte, sagte sie hastig und freudig zu Iwan Fedorowitsch, der sich schon erhoben hatte, um fortzugehen:
„Ach, noch einen Augenblick! Bitte, bleiben Sie noch einen Augenblick. Ich will vorher noch die Meinung desjenigen hören, zu dem ich von ganzem Herzen das größte Zutrauen habe. Und Katerina Ossipowna, auch Sie möchte ich bitten, nicht fortzugehen,“ sagte sie zu Frau Chochlakoff. Sie hieß Aljoscha neben sich Platz nehmen. Frau Chochlakoff setzte sich ihr gegenüber neben Iwan Fedorowitsch.
„Jetzt habe ich alle meine Freunde hier, alle, die ich nur besitze,“ begann sie mit warmer Stimme, in der Tränen zu zittern schienen, und Aljoscha fühlte, wie sich sein Herz sofort wieder ihr zuwandte. „Sie, Alexei Fedorowitsch, Sie waren gestern Zeuge dieser ... furchtbaren Stunde. Sie sahen, wie ich war. Sie haben es nicht gesehen, Iwan Fedorowitsch, er aber hat es mit eigenen Augen gesehen. Was er gestern von mir gedacht hat, das weiß ich nicht; ich weiß nur, daß ich, wenn sich heute dasselbe wiederholen sollte, auch heute dieselben Gefühle, dieselben Worte und dieselben Absichten äußern würde. Sie erinnern sich wohl noch meiner Absichten, Alexei Fedorowitsch, Sie selbst hielten mich ja noch von der Ausführung einer derselben zurück ...“ (Als sie das sagte, errötete sie und ihre Augen blitzten auf.)
„Ich sage es Ihnen ganz offen, Alexei Fedorowitsch, daß ich mich mit nichts von dem, was geschehen ist, aussöhnen kann. Hören Sie, Alexei Fedorowitsch, ich weiß nicht einmal, ob ich ihn jetzt liebe. Er tut mir jetzt leid; das aber ist ein schlechtes Zeichen für Liebe. Wenn ich ihn noch liebte, wenn ich noch fortführe, ihn zu lieben, so würde er mir jetzt vielleicht nicht leid tun, sondern ich würde ihn wahrscheinlich hassen ...“
Ihre Stimme bebte, und Tränen blitzten an ihren Wimpern. Aljoscha fuhr innerlich zusammen: „Dieses Mädchen ist offenherzig und kann nicht lügen,“ sagte er sich, „und ... und sie liebt Dmitrij nicht mehr!“
„Das ist richtig, das haben Sie vollkommen richtig bemerkt, Katerina Iwanowna,“ sagte Frau Chochlakoff eifrig.
„Warten Sie noch ein wenig, liebe Katerina Ossipowna, das Wichtigste habe ich noch nicht gesagt; ich habe noch nicht alles ausgesprochen, was ich in dieser Nacht beschlossen habe. Ich fühle es, daß mein Entschluß vielleicht furchtbar ist – furchtbar für mich; aber ich fühle auch schon im voraus, daß ich ihn um keinen Preis, um nichts in der Welt verändern werde, in meinem ganzen Leben nicht! So wird es sein! Mein lieber Freund Iwan Fedorowitsch, mein einziger, hochherziger Ratgeber, den ich in der Welt habe, stimmt mir in allem bei, und auch er hat als tiefer Herzenskenner meinen Entschluß gebilligt ... Er kennt ihn.“
„Ja, ich billige ihn,“ sagte mit leiser, doch fester Stimme Iwan Fedorowitsch.
„Aber ich will, daß auch Aljoscha – ach, verzeihen Sie, Alexei Fedorowitsch, daß ich Sie einfach Aljoscha genannt habe – ich will, daß auch Alexei Fedorowitsch mir jetzt sagt, hier gleich, in Gegenwart meiner beiden Freunde, ob ich recht habe oder nicht. Ich habe das instinktive Vorgefühl, daß Sie, Aljoscha, mein lieber Bruder Sie – denn Sie sind ja doch mein lieber Bruder,“ fuhr sie wieder begeistert fort und erfaßte seine kalte Rechte mit ihrer heißen Hand, „ich fühle es im voraus, daß Ihr Urteilsspruch, Ihre Billigung mir, trotz meiner Qualen, Ruhe geben wird, denn nach Ihrem Urteilsspruch werde ich verstummen und mich ergeben – das fühle ich im voraus!“
„Ich weiß nicht, wonach Sie mich fragen,“ sagte Aljoscha errötend, „ich weiß nur, daß ich Sie liebhabe und Ihnen in diesem Augenblick mehr Glück wünsche als mir selbst ... Aber ich verstehe doch nichts von diesen Dingen ...“ beeilte er sich aus irgendeinem Grunde hinzuzufügen.
„In diesen Dingen, Alexei Fedorowitsch, in diesen Dingen ist jetzt die Hauptsache – Ehre und Pflicht, und ich weiß nicht, was noch; ja es ist etwas Höheres, etwas, das vielleicht sogar höher ist als selbst die Pflicht. Das Herz sagt mir von diesem unbezwingbaren Gefühl, das mich übermächtig mit sich fortzieht. Es läßt sich übrigens alles in zwei Worten ausdrücken; ich habe mich schon entschlossen: Selbst wenn er jenes ... Geschöpf heiraten sollte,“ fuhr sie feierlich fort, „dem ich niemals, niemals verzeihen kann, so werde ich ihn doch nicht verlassen! Von nun an werde ich ihn niemals, niemals mehr verlassen!“ sagte sie gleichsam mit einer gesprungenen Note in gezwungener, fast müder Begeisterung. „Ich will damit nicht sagen, daß ich mich ihm überallhin nachschleppen, mich beständig in seinen Weg, vor seine Augen drängen, ihn quälen werde – o nein, ich werde in eine andere Stadt ziehen, einerlei wohin, aber ich werde ihn mein ganzes Leben, mein ganzes Leben lang nicht aus dem Auge lassen. Wenn er aber mit jener unglücklich wird, und das wird ja bestimmt sofort geschehen, so kann er zu mir kommen und in mir einen Freund und eine Schwester finden ... natürlich nur eine Schwester ... Und das dann auf ewig, und er wird sich endlich überzeugen, daß diese Schwester in der Tat seine Schwester ist, die ihn wirklich liebt und ihm ihr ganzes Leben geopfert hat. Ich werde es erreichen, werde es durchsetzen, daß er mich endlich kennen lernt und mir alles, ohne sich zu schämen, gesteht!“ stieß sie erregt, fast außer sich hervor. „Ich werde sein Gott sein, zu dem er betet – wenigstens das ist er mir für seinen Verrat und für alles, was ich gestern durch ihn erlitten habe, schuldig. Und so mag er denn sein Lebelang sehen, daß ich ihm mein ganzes Leben lang treu bleibe und mein Wort, das ich ihm einmal gegeben habe, halte, halte, obgleich er mir untreu ist und mich verraten hat. Ich werde ... ich werde mich in ein Mittel zu seinem Glück verwandeln, und das fürs ganze Leben ... oder – wie soll ich das sagen – in ein Instrument, in eine Maschine, die sein Glück schafft, fürs ganze Leben, für mein ganzes Leben, und damit er es hinfort sein ganzes Leben lang erfährt! Das ist mein Entschluß! Iwan Fedorowitsch billigt ihn und stimmt mir in allem vollkommen bei.“
Atemlos endete sie. Vielleicht hatte sie ihren Gedanken viel würdiger, geschickter und natürlicher ausdrücken wollen, nun aber hatte sie ihn gar zu eilig, gar zu nackt ausgedrückt. Viel war dabei jugendliche Ungeduld, vieles verriet auch noch die ertragene Kränkung und das Bedürfnis, sich stolz zu zeigen; das alles fühlte sie selbst: ihr Gesicht verfinsterte sich, und der Ausdruck ihrer Augen ward nicht gut. Aljoscha bemerkte es sofort, – Mitleid erhob sich in seinem Herzen. Und da tat gerade noch Iwan Fedorowitsch das seinige hinzu.
„Ich habe vorhin nur meine Meinung geäußert,“ sagte er. „Bei jeder anderen wäre das alles verstellt, gezwungen, bei Ihnen aber ist es das nicht. Eine andere wäre dabei unaufrichtig, Sie aber sind aufrichtig, und somit haben Sie recht. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll; ich sehe nur, daß Sie aufrichtig sind, im höchsten Grade aufrichtig, und darum sind Sie auch im Recht ...“
„Aber doch nur in diesem Augenblick! – Und dieser Augenblick ist ja doch nichts anderes als die Folge der gestrigen Beleidigung!“ unterbrach plötzlich Frau Chochlakoff, deren Absicht augenscheinlich gewesen war, sich nicht einzumischen, die es aber nun doch nicht mehr ausgehalten und sich mit einer sehr richtigen Bemerkung in das Gespräch hineinmischte.
„Ganz recht,“ sagte Iwan in einem fast verwegenen Tone und doch, als ob er sich plötzlich darüber geärgert hätte, daß er unterbrochen worden war, „Sie haben vollkommen recht, gnädige Frau: bei einer anderen wäre das nur der Einfluß der gestrigen Erregung und würde nur eine Minute andauern, bei Katerina Iwanowna aber wird dieser Augenblick eben ihr ganzes Leben lang andauern. Was für andere nur Versprechen ist, das ist für sie lebenslängliche, vielleicht schwere, doch unermüdliche Erfüllung ihrer Pflicht. Und das Gefühl dieser Pflichterfüllung wird ihr genügen. Ihr Leben, Katerina Iwanowna, wird von nun an in marternder Beobachtung und Zergliederung der eigenen Gefühle, der eigenen Heldentat und des eigenen Leides bestehen, doch späterhin wird sich dieses Leid mildern, und Ihr Leben wird sich dann in ein angenehmes Betrachten verwandeln, in ein unaufhörliches Betrachten des ein für allemal gefaßten und erfüllten stolzen Vorsatzes, der in seiner Art tatsächlich stolz, jedenfalls aber verzweifelt ist, doch den Sie auf sich genommen haben. Und dieses Denken daran wird Sie schließlich vollkommen befriedigen und Sie mit allem übrigen aussöhnen ...“
Er sprach dies mit einer gewissen Bosheit, sagte es mit Absicht gerade so, und vielleicht wollte er seine Absicht auch nicht einmal verbergen, d. h., daß er dies so absichtlich spöttisch sagte.
„O Gott, das ist ja wieder nicht das!“ seufzte Frau Chochlakoff.
„Alexei Fedorowitsch, aber so sagen Sie doch! Es quält mich, ich will wissen, was Sie dazu sagen!“ rief Katerina Iwanowna erregt und brach plötzlich in Tränen aus. Aljoscha erhob sich von seinem Platz.
„Das ist nichts, nichts!“ fuhr sie weinend fort, „das kommt nur von der Erregung, von der schlaflosen Nacht; aber bei zwei so treuen Freunden, wie Sie und Ihr Bruder, fühle ich mich noch stark ... denn ich weiß ... Sie beide werden mich nie verlassen.“
„Leider muß ich vielleicht morgen schon nach Moskau fahren und Sie auf lange verlassen ... Und leider läßt sich das nicht mehr ändern ...“ sagte plötzlich Iwan Fedorowitsch.
„Morgen, nach Moskau!“ Das ganze Gesicht Katerina Iwanownas verzerrte sich plötzlich. „Aber ... ach Gott, wie glücklich sich das trifft!“ rief sie auch schon im selben Augenblick mit vollkommen veränderter Stimme, und im selben Augenblick hatte sie auch schon ihre Tränen verscheucht, so daß von ihnen nicht einmal eine Spur blieb ... In einem einzigen Augenblick ging mit ihr diese erstaunliche Veränderung vor sich, eine Veränderung, die Aljoscha nicht wenig in Verwunderung setzte: an Stelle des armen, beleidigten Mädchens erschien plötzlich ein Weib vor ihm, das vollkommen seiner mächtig war und mit irgend etwas sogar ungemein zufrieden schien – ganz, als ob sie sich über irgend etwas plötzlich sehr gefreut hätte.
„O, ich meine natürlich nicht, daß Sie uns verlassen, natürlich meinte ich das nicht so,“ versuchte sie gleichsam ihren unbedachten Ausruf mit freundlichem Gesellschaftslächeln zu verbessern, – „ein Freund, wie Sie, kann das ja auch gar nicht mißverstehen. Im Gegenteil, ich bin nur zu unglücklich darüber, daß ich Sie entbehren muß!“ Sie wandte sich plötzlich zu Iwan Fedorowitsch, ergriff ungestüm seine beiden Hände und drückte sie warm. „Ich freue mich nur deswegen darüber, weil Sie jetzt persönlich in Moskau meiner Tante und Agascha meine ganze Lage, dieses ganze Entsetzen, in dem ich mich befinde, werden schildern können, Agascha gegenüber natürlich ganz aufrichtig, Tantchen aber schonender – so, wie nur Sie allein es verstehen. Sie können sich ja nicht vorstellen, wie unglücklich ich gestern und heute morgen war: ich weiß es wirklich nicht, wie ich diesen furchtbaren Brief schreiben soll ... denn in einem Brief das wiederzugeben, das ist ja ganz unmöglich ... Jetzt aber fällt es mir viel leichter, alles zu schreiben, denn Sie werden dort bei ihnen sein und alles erklären. O, wie mich das freut! Und nur deswegen freue ich mich darüber, das glauben Sie mir doch. Selbst sind Sie mir natürlich unersetzlich ... Ich werde sofort den Brief schreiben,“ sagte sie plötzlich, und sie erhob sich schon, um ins andere Zimmer zu gehen.
„Aber Aljoscha! Aber die Meinung Alexei Fedorowitschs, die Sie so gern erfahren wollten?“ rief Frau Chochlakoff, sie aufhaltend. Etwas Böses und Feindseliges klang durch ihre Worte.
„Das habe ich auch nicht vergessen,“ – Katerina Iwanowna blieb sofort stehen – „aber warum sind Sie heute so feindselig zu mir, Katerina Ossipowna?“ fragte sie mit bitterem, heißem Vorwurf. „Was ich gesagt habe, das tue ich auch. Ich brauche unbedingt seine Meinung, ja, ich bedarf sogar seines Urteils! So wie er sagt, wird es auch sein – sehen Sie, wie sehr mich im Gegenteil nach Ihren Worten verlangt, Alexei Fedorowitsch ... Aber, was haben Sie?“
„Das hätte ich nie gedacht, nie für möglich gehalten!“ sagte Aljoscha traurig, doch sehr erregt.
„Was, was nicht gedacht?“
„Er fährt nach Moskau, Sie aber sagen, das freue Sie – das haben Sie absichtlich ausgerufen! Darauf aber begannen Sie sofort zu erklären, daß Sie sich nicht darüber freuten, sondern es bedauerten, daß ... Sie einen Freund verlieren, – aber auch das haben Sie absichtlich so vorgespielt ... wie im Theater, in der Komödie vorgespielt! ...“
„Was? ... Im Theater? ... Was sagen Sie?“ fragte Katerina Iwanowna maßlos verwundert; sie erglühte plötzlich und zog die Brauen zusammen.
„Aber wie sehr Sie ihm auch versichern, daß Sie den Freund in ihm vermissen werden, Sie behaupten ihm doch offen ins Gesicht, daß das Glück darin bestehe, daß er fortfährt ...“ sagte ganz atemlos Aljoscha.
„Wovon reden Sie, ich weiß nicht ...“
„Ich weiß es selbst auch nicht ... Es ist plötzlich wie eine Erleuchtung über mich gekommen ... Ich weiß, daß ich das nicht gut ausdrücke, aber ich werde trotzdem alles sagen,“ fuhr Aljoscha mit zitternder und halb versagender Stimme fort. „Meine Erleuchtung besteht darin: Ich sehe, daß Sie meinen Bruder Dmitrij vielleicht überhaupt nicht lieben ... von Anfang an nicht ... und auch Dmitrij Sie vielleicht überhaupt nicht liebt ... von Anfang an überhaupt nicht ... und Sie nur sehr achtet ... Ich, wirklich, ich weiß nicht, wie ich wage, das alles zu sagen, aber irgend jemand muß doch die Wahrheit sagen ... denn hier will es ja niemand tun.“
„Was für eine Wahrheit?“ rief Katerina Iwanowna, und Zorn klang durch ihre Stimme.
„Diese Wahrheit,“ stotterte Aljoscha atemlos, „lassen Sie sofort Dmitrij herrufen – ich werde ihn schon finden –, und mag er dann herkommen, Sie an der Hand nehmen, darauf Iwans Hand erfassen und ihre beiden Hände vereinigen. Denn Sie quälen Iwan nur darum, weil Sie ihn lieben ... und quälen ihn, weil Sie Dmitrij zu lieben glauben ... ihn aber nicht wirklich lieben ... Sie haben es sich nur so eingeredet ...“
Aljoscha stockte und verstummte.
„Sie ... Sie ... Sie kleiner Schwachsinniger!“ stieß Katerina Iwanowna bleich und mit zuckenden Lippen hervor. Iwan Fedorowitsch lachte plötzlich laut auf und erhob sich. Seinen Hut hatte er schon in der Hand.
„Du täuschst dich, mein guter Aljoscha,“ sagte er mit einem Gesichtsausdruck, den Aljoscha noch nie an ihm gesehen hatte, – mit dem Ausdruck einer echt jugendlichen Herzlichkeit und eines starken, unbezwingbar aufrichtigen Gefühls, „niemals hat Katerina Iwanowna mich geliebt! Die ganze Zeit über hat sie gewußt, daß ich sie liebe, obgleich ich ihr kein einziges Mal ein Wort von meiner Liebe gesagt habe – sie hat es gewußt, hat aber nie mich geliebt. Ihr Freund bin ich gleichfalls nie gewesen, nicht einen einzigen Tag lang: das stolze Weib bedurfte meiner Freundschaft nicht. Sie wollte mich bei sich haben, um sich ununterbrochen rächen zu können. Sie rächte sich an mir für alle Beleidigungen, die sie ununterbrochen, an jedem Tage dieser ganzen Zeit durch Dmitrij erfuhr, Beleidigungen von ihrer ersten Begegnung an; denn auch ihre erste Begegnung mit ihm ist in ihrem Herzen als Beleidigung zurückgeblieben. Ja, so ist ihr Herz. Diese ganze Zeit habe ich nur ihr zugehört, wie sie von ihrer Liebe zu ihm gesprochen hat. Jetzt fahre ich fort, doch lassen Sie es sich gesagt sein, gnädiges Fräulein, daß Sie wirklich nur ihn allein lieben. Und je mehr er Sie kränken wird, desto mehr werden Sie ihn lieben. Das ist Ihre ganze Selbstvergewaltigung. Sie lieben ihn geradeso, wie er ist, als Ihren Beleidiger lieben Sie ihn. Wenn er sich bessern würde, so würden Sie ihn verlassen, und Sie würden sofort aufhören, ihn zu lieben. Jetzt aber bedürfen Sie seiner, um ununterbrochen an Ihre große Treue denken zu können und ihm seine Untreue vorzuwerfen. Alles das kommt nur von Ihrem Stolz. O, hierbei ist natürlich auch viel Unterwürfigkeit und Selbsterniedrigung, doch tun Sie es trotzdem nur aus Stolz ... Ich bin noch zu jung und habe Sie gar zu leidenschaftlich geliebt. Ich weiß, daß ich Ihnen das nicht zu sagen brauchte, es wäre meinerseits stolzer und würdiger, Sie einfach so zu verlassen; und es wäre auch nicht so kränkend für Sie. Aber ich fahre ja weit fort und werde niemals mehr wiederkehren. Ich gehe doch auf ewig ... Ich will nicht neben einer sich selbst Vergewaltigenden leben ... Übrigens verstehe auch ich mich nicht mehr auszudrücken ... Leben Sie wohl, Katerina Iwanowna, Sie haben kein Recht, sich über mich zu ärgern, denn ich bin hundertmal mehr bestraft als Sie: bestraft schon allein dadurch, daß ich Sie nie mehr sehen werde. Deshalb nochmals: leben Sie wohl. Ich bedarf Ihres Händedrucks nicht. Sie haben mich viel zu bewußt gequält, als daß ich Ihnen jetzt verzeihen könnte. Später werde ich verzeihen, doch jetzt brauchen Sie mir Ihre Hand nicht zu geben ... Den Dank, Dame, begehr ich nicht,“ fügte er plötzlich mit einem erzwungenen Lächeln hinzu und zeigte somit ganz unerwarteterweise, daß auch er Schiller so gelesen hatte, daß er ihn auswendig behalten, was Aljoscha früher nie geglaubt hätte. Iwan verließ das Zimmer, ohne sich selbst von Frau Chochlakoff, der Hausfrau, zu verabschieden. Aljoscha wollte ihm nachstürzen.
„Iwan!“ rief er ganz verloren seinem Bruder nach, „Iwan, komm zurück! Ach, jetzt wird er ja um keinen Preis mehr zurückkehren!“ rief er in verzweiflungsvoller Erkenntnis. „Aber das ist meine Schuld, ich habe es dazu gebracht! Iwan sprach boshaft, er sprach erregt, ungerecht und böse ... Er muß wieder herkommen, er muß zurückkommen, er muß! ...“ versicherte Aljoscha immer noch wie ein Halbwahnsinniger.
Katerina Iwanowna ging plötzlich ins Nebenzimmer.
„Das war großartig von Ihnen, Sie haben wie ein Engel gehandelt!“ flüsterte ihm in erregter Begeisterung Frau Chochlakoff zu. „Ich werde alles in Bewegung setzen, damit Iwan Fedorowitsch nicht fortfährt ...“
Ihr Gesicht strahlte vor Freude, was Aljoscha nicht geringen Kummer verursachte. In dem Augenblick kehrte Katerina Iwanowna aus dem Nebenzimmer zurück. Sie hatte zwei Hundertrubelscheine in der Hand.
„Ich habe eine große Bitte an Sie, Alexei Fedorowitsch,“ begann sie, sich direkt an Aljoscha wendend, mit anscheinend ruhiger, gleichmäßiger Stimme, als wäre wirklich nichts geschehen. „Vor einer Woche, – ja, ich glaube vor einer Woche – hat Dmitrij Fedorowitsch eine unüberlegte und ungerechte Tat begangen, eine schändliche Tat. Es gibt hier ein Lokal, ein Gasthaus oder so etwas ähnliches. Dort hat er einen verabschiedeten Offizier getroffen, einen Hauptmann, den Ihr Vater mit irgendwelchen Dingen beschäftigt. Dmitrij Fedorowitsch hatte sich nun aus irgendeinem Grunde über diesen Hauptmann geärgert, ihn am Bart gepackt und in Gegenwart aller Gäste in dieser erniedrigenden Weise hinaus auf die Straße gezogen, und man sagt, der Sohn dieses Hauptmanns, ein kleiner Junge, der das hiesige Gymnasium besucht, habe es gesehen und sei die ganze Zeit neben ihnen hergelaufen und habe laut geweint und für den Vater gebeten, und sei zu allen auf der Straße gelaufen, um sie zu bitten, seinen Vater doch zu verteidigen, doch die Leute hätten nur gelacht ... Verzeihen Sie, Alexei Fedorowitsch, ich kann nicht ohne heftigen Unwillen dieser schmachvollen Handlung, die er begangen hat, gedenken ... das ist wieder eine dieser Handlungen, zu denen sich nur Dmitrij Fedorowitsch in seinem Zorn hinreißen lassen kann ... und in seinen Leidenschaften! Ich kann nicht einmal alles so wiedergeben, ich kann es nicht ... Ich finde nicht die richtigen Worte. Ich habe mich jetzt nach dem Beleidigten erkundigt und erfahren, daß er ein sehr armer Mensch ist. Sein Familienname ist Ssnegireff. Er hat sich im Dienst irgendwie vergangen und daraufhin den Abschied bekommen ... Ich verstehe das nicht zu erzählen ... und jetzt ist er mit seiner ganzen Familie hier, mit kranken Kindern und einer, ich glaube, irrsinnigen Frau und lebt in furchtbarer Armut. Er war schon früher in dieser Stadt, er soll hier Schreiber gewesen sein. Plötzlich aber ist er unbeschäftigt! Ich habe jetzt meinen Blick auf Sie geworfen, das heißt, ich dachte – ach, ich weiß nicht, ich verwirre mich die ganze Zeit –, sehen Sie, ich wollte Sie bitten, mein bester Alexei Fedorowitsch, zu ihm zu gehen, unter einem Vorwande natürlich, zu diesem Hauptmann, – o Gott! ich komme immer aus dem Konzept, – und zart, vorsichtig, – geradeso, wie nur Sie allein es zu sagen verstehen“ (Aljoscha errötete plötzlich), „ihm diese Unterstützung zu übergeben, hier, diese zweihundert Rubel ... Oder nein, wie soll ich mich ausdrücken? Sehen Sie, das soll nicht eine Zahlung sein, um ihn zu beschwichtigen, damit er keine Klage einreicht – ich glaube, er soll dies beabsichtigt haben –, sondern einfach Mitleid, aus dem Wunsch zu helfen ... von mir, von mir, der Braut Dmitrij Fedorowitsch, nicht von ihm ... O, Sie werden es schon verstehen ... Ich würde selbst zu ihm fahren, aber Sie werden es viel besser machen als ich. Er wohnt in einer kleinen Straße, in der Seestraße, im Hause der Kleinbürgerin Kalmykowa ... Ich bitte Sie, Alexei Fedorowitsch, tun Sie das für mich, ich ... ich bin jetzt etwas ... müde. Auf Wiedersehen ...“
Sie wandte sich so hastig um und verschwand so schnell hinter der Portiere, daß Aljoscha nichts mehr sagen konnte, – und er wollte ihr doch noch so vieles sagen. Er wollte sie um Verzeihung bitten, wollte sich beschuldigen – kurz, etwas sagen wollte er, denn sein Herz war voll von dem, und er wollte sie unter keiner Bedingung so verlassen. Aber schon ergriff ihn Frau Chochlakoff an der Hand und zog ihn hinaus. Im Vorzimmer hielt sie ihn wieder wie vorhin auf.
„Sie ist stolz, sie quält sich selbst, aber sie ist gut, großmütig, hochherzig!“ flüsterte sie ihm zu. „O, wenn Sie wüßten, wie ich sie liebe, besonders zuweilen, und wie ich mich jetzt wieder über alles, alles freue! Lieber Alexei Fedorowitsch, Sie wissen ja noch gar nicht alles! So hören Sie denn, daß wir alle, alle, – ich, ihre beiden Tanten, – kurz, alle, sogar Lise, schon einen ganzen Monat lang nur dieses eine wünschen und durchsetzen wollen, daß sie sich von Ihrem geliebten Dmitrij Fedorowitsch, der nichts von ihr wissen will und sie überhaupt nicht liebt, lossagt und Iwan Fedorowitsch heiratet, den gebildetsten und prächtigsten jungen Mann, der sie mehr als alles auf der Welt liebt. Wir haben doch hier eine ganze Verschwörung gebildet, und ich fahre vielleicht nur deswegen noch nicht fort ...“