Zehntes Buch. Die Knaben (continued 2)
E. K. Rahsin translation
„Das ist für dich, für dich!“ wiederholte er in seiner Glückseligkeit.
„Ach, schenken Sie sie mir! Nein, schenken Sie die kleine Kanone lieber mir!“ bat Mamachen plötzlich wie ein kleines Kind.
Ihr Gesicht drückte ängstliche Unruhe aus, in der Furcht, daß man sie ihr nicht schenken würde. Koljä war ganz verwirrt. Der Hauptmann wurde unruhig.
„Mamachen, Mamachen,“ rief er zu ihr laufend, „die Kanone gehört dir, dir, aber wir lassen sie nur bei Iljuscha, denn man hat sie ihm geschenkt, doch sonst wird sie dir gehören. Iljuscha wird sie dir zum Spielen geben, sie wird euch beiden zusammen gehören, beiden ...“
„Nein, ich will nicht zusammen, nein, mir soll sie gehören und nicht Iljuscha!“ bestand Mamachen auf ihrem Willen und wollte schon zu weinen anfangen.
„Mama, nimm sie für dich, nimm sie, Mama!“ rief plötzlich Iljuscha. „Krassotkin, kann ich sie meiner Mama schenken?“ wandte er sich mit bittender Miene zu Krassotkin, da er fürchtete, daß jener beleidigt sein würde, wenn er dessen Geschenk anderen gab.
„Gewiß kannst du das!“ willigte Krassotkin sofort ein, nahm die Kanone aus Iljuschas Hand und überreichte sie selbst mit der höflichsten Verbeugung dem Mamachen.
Die weinte fast vor Rührung.
„Iljuschetschka, mein Liebling, da sieht man, wer sein Mamachen liebt!“ sagte sie gerührt, und sie begann sofort wieder die Kanone auf ihren Knien hin- und herzurollen.
„Mamachen, erlaube, daß ich dir die Hand küsse!“ Ihr Gemahl lief wieder zu ihr hin und führte sofort seine Absicht aus.
„Und wer noch ein lieber junger Mann ist, das ist dieser gute Junge da!“ sagte Mamachen, auf Krassotkin weisend.
„Pulver werde ich dir soviel wie du nur willst bringen, Iljuscha. Wir machen jetzt selbst Pulver. Borowikoff weiß die Mischung: Vierundzwanzig Teile Salpeter, zehn Teile Schwefel und sechs Teile Birkenkohle, alles zusammen gemischt und gestoßen, Wasser hinzugefügt, ein weicher Teig daraus gemacht, zwischen Leder gerieben – und dann hat man das Pulver!“
„Mir hat Ssmuroff von eurem Pulver schon erzählt, aber Papa sagt, es sei kein wirkliches Pulver,“ antwortete Iljuscha.
„Wie denn, nicht wirkliches?“ Koljä errötete. „Es brennt doch. Ich weiß übrigens nicht ...“
„Nein, ich meinte nur so,“ wandte der Hauptmann ganz schuldbewußt ein. „Es ist wahr, ich habe gesagt, daß das echte Pulver nicht so zubereitet wird, doch das will nichts sagen, man kann auch so ...“
„Ich weiß es nicht, Sie müssen es besser wissen. Wir haben es in einem steinernen Pomadentopf angebrannt, es brannte vorzüglich, es brannte ganz ab, nur ein wenig Ruß blieb nach. Es war ja nur eine weiche Masse, wenn man die aber durchs Fell reibt ... Übrigens, Sie wissen es besser, ich weiß es nicht ... Aber den Bulkin hat sein Vater des Pulvers wegen durchgedroschen, hast du das schon gehört?“ wandte er sich wieder an Iljuscha.
„Ja, ich habe davon gehört,“ antwortete Iljuscha. Er hatte mit unendlichem Interesse und mit Entzücken Koljä zugehört.
„Wir hatten eine ganze Flasche Pulver zubereitet, und er hielt sie unter seinem Bett versteckt. Der Vater hatte es aber bemerkt. ‚Damit kannst du uns ja alle in die Luft sprengen,‘ hat er gesagt und ihn sofort durchgeprügelt. Und er soll sogar die Absicht gehabt haben, sich beim Gymnasialdirektor über mich zu beschweren ... Jetzt darf sein Sohn nicht mehr mit mir verkehren, jetzt darf niemand mehr mit mir verkehren. Auch Ssmuroff darf es nicht, bei allen bin ich verschrien, – man sagt, ich sei ein ‚Tollkühner‘.“ Koljä lächelte geringschätzig. „Das kommt alles von der Eisenbahnaffäre.“
„Ach ja, auch wir haben von Ihrem Stückchen gehört!“ fiel sofort der Hauptmann ein. „Wie haben Sie nur dort unten gelegen? Hatten Sie denn wirklich gar keine Angst, unter dem Eisenbahnzuge zu liegen? War es denn nicht furchtbar?“
Der Hauptmann versuchte, sich bei Koljä einzuschmeicheln.
„Nicht besonders,“ erwiderte Koljä nachlässig. „Meinen Ruhm hat mir nur diese verfluchte Geschichte mit der Gans verdorben,“ sagte er zu Iljuscha gewandt. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, sich gleichmütig zu stellen, so konnte er sich doch nicht beherrschen und fiel immer wieder aus dem Ton.
„Ach ja, von der Gans habe ich auch gehört!“ rief Iljuscha lachend und über das ganze Gesicht strahlend. „Man hat mir davon erzählt, aber wie war es denn, ich habe nicht recht verstanden: bist du wirklich vom Richter verurteilt worden?“
„Es war eine nichtssagende Lappalie, ein dummer Scherz, aus dem man wieder einmal einen Elefanten gemacht hat,“ begann Koljä aufgeräumt. „Ich ging nämlich einmal hier über den Marktplatz, als gerade Gänse angetrieben wurden. Ich bleibe also stehen und betrachte sie. Da bemerke ich, daß neben mir ein Bursche steht, Wischnjäkoff – er ist jetzt Laufbursche bei Plotnikoffs – ja, daß er neben mir steht und mich ansieht. Und plötzlich fragt er mich: ‚Warum siehst du denn so auf die Gänse?‘ Ich blickte ihn an: eine dumme runde Fratze, der Kerl ist etwa zwanzig Jahre alt. Ich, wissen Sie, lehne das Volk nie ab. Ich habe es gern, mit dem Volke ... Jedenfalls sind wir zurückgeblieben im Vergleich zum Volke – das ist ein Axiom. Sie belieben zu lächeln, Karamasoff?“
„Gott bewahre! Ich bin ganz Ohr!“ antwortete Aljoscha mit der offenherzigsten Miene, und der argwöhnische Koljä beruhigte sich.
„Meine Theorie, Karamasoff, ist klar, und einfach,“ fuhr er wieder aufgeräumt fort. „Ich glaube an das Volk und bin immer bereit, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ohne es dabei im geringsten zu beschönigen, das ist sine qua ... Ja, richtig, ich erzählte ja von der Gans. Ich wende mich also an diesen Dummkopf und antworte ihm: ‚Ich denke darüber nach, was die Gans sich jetzt wohl denken mag.‘ Er sieht mich völlig blödsinnig an. ‚Was kann sich denn eine Gans denken?‘ fragt er. – ‚Nun, sieh mal,‘ sage ich, ‚dort steht eine Fuhre mit Hafer. Aus dem einen Sack fallen die Haferkörner heraus, und die Gans streckt den Hals genau vor dem Rade, ganz unten, nach den Körnern aus – siehst du sie?‘ – ‚Jawohl,‘ sagt er. – ‚Nun also,‘ sage ich, ‚wenn man nun den Wagen ein ganz klein wenig vorrückte – wird dann das Rad der Gans den Hals abschneiden oder nicht?‘ – ‚Selbstverständlich wird es ihn abschneiden,‘ sagt er und grinst übers ganze Maul, zerschmilzt einfach vor Wonne. – ‚Nun, dann los, Junge!‘ sage ich. – ‚Los!‘ sagt er. Wir brauchen uns nicht viel anzustrengen; er stellte sich ganz unauffällig an den Pferdekopf, ich zur Seite, um die Gans richtig hinzusteuern. Der Bauer aber gähnte und sprach mit einem anderen, so daß ich schließlich nichts zu dirigieren hatte: Die Gans streckte ganz von selbst den Hals wieder nach den Haferkörnern aus, genau vor dem Rade. Ich zwinkerte dem Burschen zu, er zog unmerklich ein wenig den Zaum und – kr – rack, fährt das Rad der Gans über den Hals. Natürlich mitten durch. Und da mußte es der Zufall gerade so fügen, daß im selben Augenblick alle auf uns sahen. Da war denn das Geschrei groß: ‚Das hat er absichtlich so gemacht!‘ – ‚Nein, ich habe es nicht absichtlich getan!‘ sagt der Bursch. Nun, versteht sich: ‚Zum Friedensrichter!‘ schreien sie. Auch ich wurde gepackt. – ‚Auch du warst dabei,‘ heißt es, ‚du bist der Anstifter, dich kennt ja schon der ganze Markt!‘ Mich kennt nämlich tatsächlich der ganze Markt,“ fügte Koljä selbstgefällig hinzu. „So pilgerten wir denn, alle Mann hoch, zum Friedensrichter. Auch der Leichnam unseres Opfers, die Gans, wurde mitgeschleppt. Meinem Burschen aber fiel mittlerweile das Herz in die Hosen. Er weint – weint wie ein altes Weib. Wir kamen also richtig beim Friedensrichter an. Der Viehhändler schreit: ‚Auf diese Weise kann man sie – d. h. die Gänse – ja alle um einen Kopf kürzer machen!‘ Nun, versteht sich, zuerst das Zeugenverhör. Der Friedensrichter erledigte die Sache sofort: Für die Gans dem Viehhändler einen Rubel zu zahlen, die Gans aber mag der Bursche behalten. Und daß man hinfort sich solche Scherze nicht mehr erlaube! Der Bursche aber weint immer noch wie ein altes Weib und jammert: ‚Das war nicht ich, ich bin ganz unschuldig, er hat mich dazu verleitet!‘ und will die ganze Schuld auf mich abwälzen. Ich antwortete mit voller Kaltblütigkeit, daß ich ihn zu nichts verleitet habe, daß ich nur den Grundgedanken gegeben und es bloß so als Plan ausgeheckt habe. Der Friedensrichter Nefedoff lächelte und ärgerte sich natürlich sofort darüber, daß er gelächelt hatte. ‚Ich werde Sie,‘ sagt er zu mir, ‚sofort bei Ihrem Schuldirektor anzeigen, damit es Sie weiterhin nicht mehr gelüstet, ähnliche Pläne zu machen, statt hinter den Schulbüchern zu sitzen.‘ Das hat er nun nicht getan, aber die Geschichte hat sich doch allmählich verbreitet und ist dann auf diese Weise unserer Schulobrigkeit zu Ohren gekommen – man hat dort bekanntlich sehr lange Ohren! Am meisten hat sich unser ‚Klassiker‘ Kolbassnikoff darüber empört, aber Dardaneloff ist wiederum für mich eingetreten. Dafür ist nun Kolbassnikoff wütend wie ein grüner Esel. Du, Iljuscha, du weißt doch schon, daß er sich verheiratet hat? Er hat von Michailoffs tausend Rubel Mitgift bekommen, die Braut aber hat einen Rüssel, sage ich dir, na, prima Qualität und in höchster Potenz. Die Quintaner haben denn auch sofort ein Epigramm verfaßt:
Es ging die Nachricht von Mund zu Mund: ‚Kolbassnikoff hat sich verlobt!‘ Ganz Quinta ward aber sprachlos zur Stund ...
und so weiter, – furchtbar komisch! Ich werde es dir einmal bringen. Gegen Dardaneloff aber habe ich nichts: Es ist ein Mensch mit Kenntnissen, mit reellen Kenntnissen. Solche Leute achte ich ... Das hat natürlich nichts damit zu tun, daß er mich verteidigt hat ...“
„Aber du hast ihm doch mit der Frage, wer Troja gegründet habe, ein Bein gestellt!“ bemerkte plötzlich Ssmuroff, der in diesem Augenblick auf seinen „Freund Krassotkin“ ungemein stolz war. Die Gänsegeschichte hatte ihm gar zu sehr gefallen.
„Wirklich? So ist es also wahr?“ griff sofort der Hauptmann dieses Thema auf. „Mit der Frage, wer Troja gegründet hat? Auch ich habe schon davon gehört, wie Sie ihm damit ein Bein gestellt haben. Iljuscha hat es mir damals erzählt ...“
„Er weiß alles, Papa, er weiß am meisten von uns allen!“ fiel nun auch Iljuscha stolz und freudig ein, „er tut nur so, als ob er so einer wäre, aber er ist doch bei uns in allen Fächern der erste ...“
Iljuscha blickte Koljä in grenzenlosem Glück selig lächelnd an.
„Ach, das von Troja ist doch nur Unsinn, nur ein Scherz. Ich halte diese Frage selbst für müßig,“ meinte Koljä mit stolzer Bescheidenheit.
Es war ihm inzwischen gelungen, in den richtigen Ton hineinzukommen, doch war er trotzdem etwas unruhig: Er fühlte, daß er sehr aufgeregt war und von der Gans z. B. schon gar zu lebhaft erzählt hatte. Aljoscha aber hatte während der ganzen Erzählung geschwiegen und war unerschütterlich ernst. Das nagte nun dem selbstgefälligen Knaben am Herzen. „Oder sollte er vielleicht deswegen schweigen,“ fragte er sich, „weil er mich verachtet und bei sich denkt, daß ich von ihm gelobt werden will? In dem Falle, wenn er es wagt, so etwas zu denken, werde ich ...“
„Ja, ich halte diese Frage für unbedingt müßig,“ sagte er nochmals und brach stolz ab.
„Ich weiß aber, wer Troja gegründet hat,“ sagte plötzlich ganz unerwartet ein kleiner Knabe, der bis dahin noch kein Wort gesprochen hatte, überhaupt schweigsam und ersichtlich schüchtern war. Er sah sehr nett aus und schien etwa elf Jahre alt zu sein. Er hieß Kartascheff.
Koljä blickte sich verwundert und wichtig nach dem Kleinen, der bei der Tür saß, um. Die Sache war nämlich die, daß die Frage, wer nun eigentlich Troja gegründet hatte, für alle Schüler zu einem interessanten Problem geworden war. Um die Namen der Gründer zu erfahren, mußte man im Ssmaragdoff nachlesen. Den aber besaß außer Koljä niemand. Nun hatte der kleine Kartascheff, während Koljä mit anderem beschäftigt gewesen war, flugs den Ssmaragdoff, der zwischen seinen Schulbüchern gelegen hatte, aufgeschlagen und zufällig gerade die Stelle gefunden, die von der Gründung Trojas handelte. Das war schon vor verhältnismäßig ziemlich langer Zeit geschehen, aber er hatte sich immer gescheut und geschämt, den anderen Jungen zu sagen, daß er es gleichfalls wußte, und teilweise fürchtete er sich auch, da daraus leicht etwas entstehen oder Koljä ihn in Verlegenheit bringen konnte. Nun aber hatte er plötzlich nicht an sich halten können und doch gesagt, was er schon lange hatte sagen wollen.
„Na, wer denn?“ fragte Koljä von oben herab, da er dem Kleinen am Gesicht ansah, daß jener es in der Tat wußte, und er bereitete sich natürlich sofort auf die Folgen vor. In die allgemeine Stimmung war plötzlich ein Mißton gekommen.
„Troja gründeten Teukros, Dardanos, Illys und Tros,“ sagte der Junge laut, langsam und deutlich, und kaum hatte er es ausgesprochen, als er auch schon errötete – und zwar so errötete, daß er einem leidtat, wenn man ihn ansah. Die Augen aller Knaben waren unverwandt auf ihn gerichtet, etwa eine Minute lang, und dann plötzlich wandten sich aller Blicke von ihm auf Koljä. Der blickte immer noch mit verächtlicher Kaltblütigkeit auf den Kleinen.
„Das heißt, wie haben sie denn gegründet?“ geruhte er endlich zu fragen. „Und was heißt das überhaupt, eine Stadt oder ein Reich gründen? Sind sie etwa hingekommen und haben sie dann jeder einen Ziegelstein hingelegt, wie?“
Man lachte. Der schuldbewußte Kleine wurde noch röter, purpurrot. Er schwieg und war dem Weinen nahe. Koljä aber erbarmte sich seiner nicht so schnell.
„Um über solche historische Ereignisse, wie die Gründung einer Nation, reden zu können, muß man sich zuerst darüber klar werden, was das eigentlich heißt,“ sagte er streng zur Belehrung. „Übrigens messe ich diesen Altweibergeschichten keinerlei Bedeutung bei, und überhaupt achte ich die Allgemeine Geschichte nicht sonderlich,“ fügte er nachlässig hinzu, diesmal wieder zu allen gewandt.
„Wie, die Allgemeine Geschichte?“ erkundigte sich der Hauptmann fast entsetzt.
„Ja, die sogenannte Allgemeine Geschichte – das ist doch nur die Erlernung einer ganzen Reihe von menschlichen Dummheiten und weiter nichts. Achtung habe ich nur vor der Mathematik und den Naturwissenschaften,“ sagte Koljä majestätisch, indem er flüchtig zu Aljoscha hinüberblickte: es war ja nur dessen Meinung, die er hier fürchtete.
Aljoscha jedoch schwieg die ganze Zeit über und war nach wie vor vollkommen ernst. Hätte er etwas dagegen gesagt, so wäre es dabei geblieben, er aber schwieg, und dies konnte sehr wohl aus Verachtung geschehen. Der Gedanke an diese Möglichkeit machte Koljä geradezu wild.
„Und dann überhaupt – die klassischen Sprachen, zum Beispiel. Das ist doch absolut nichts anderes als Blödsinn ... Sie scheinen wieder nicht mit mir übereinzustimmen, Karamasoff?“
„Nein,“ sagte Aljoscha mit zurückhaltendem Lächeln.
„Die klassischen Sprachen sind, wenn Sie meine ganze Meinung darüber wissen wollen, eine polizeiliche Maßregel, und das ist der einzige Zweck, zu dem sie eingeführt sind!“ Koljä geriet allmählich wieder in Hitze. „Sie sind eingeführt, weil sie langweilig sind und die Fähigkeiten abstumpfen. Es war langweilig, wie sollte man es nun noch langweiliger machen? Es war sinnlos, wie sollte man es nun noch sinnloser machen? Und da dachte man sich denn die klassischen Sprachen aus. Das ist meine Meinung über die klassischen Sprachen, und ich hoffe, daß ich sie nie ändern werde,“ schloß Koljä schroff.
Auf seinen Wangen zeichneten sich zwei rote Flecke ab.
„Das ist wahr,“ sagte plötzlich der kleine Ssmuroff, der aufmerksam zugehört hatte, mit heller und überzeugter Kinderstimme.
„Und selbst ist er der Erste im Lateinischen!“ rief plötzlich ein anderer Knabe laut.
„Ja, Papa, er sagt das so, aber selbst ist er im Lateinischen der Erste in der Klasse,“ sagte gleich darauf auch Iljuschetschka.
„Was ist denn dabei?“ Koljä fand es für nötig, sich zu rechtfertigen, obgleich ihm das Lob nicht unangenehm war. „Ich lerne Latein, weil man es muß, weil ich meiner Mutter versprochen habe, das Gymnasium zu absolvieren. Und meiner Meinung nach muß man das, was man einmal tut, dann auch gründlich tun. Im Herzen aber verachte ich tief den Klassizismus und diese ganze Gemeinheit ... Sind Sie nicht mit mir einverstanden, Karamasoff?“
„Aber warum soll das denn eine ‚Gemeinheit‘ sein?“ fragte Aljoscha und lächelte wieder.
„Aber ich bitte Sie! Sämtliche Klassiker sind doch in alle Sprachen übersetzt, folglich brauchen wir ja nicht zur Erlernung der Klassiker Latein – sondern ... wegen der polizeilichen Maßregel, die darin liegt, d. h. zur Gewöhnung an das ‚du mußt, wenn du auch nicht weißt, warum und wozu‘. Und dann vor allem zur Abstumpfung der Fähigkeiten. Wie gesagt. Und das soll nun keine Gemeinheit sein?“
„Wer hat Ihnen denn das alles eingeredet?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Erstens kann ich sehr wohl selbst darüber urteilen, ohne daß ich mir etwas einreden lasse, und zweitens, wissen Sie, hat dasselbe, was ich Ihnen soeben von den übersetzten Klassikern sagte, auch der Lehrer Kolbassnikoff in der Quinta gesagt ...“
„Der fremde Professor ist angekommen!“ sagte plötzlich Ninotschka, die die ganze Zeit geschwiegen hatte.
An der Hofpforte hielt Frau Chochlakoffs Equipage. Der Hauptmann, der den berühmten Arzt schon seit dem Morgen erwartet hatte, stürzte Hals über Kopf hinaus. Das Mamachen richtete sich auf und nahm eine feierliche Miene an. Aljoscha trat an Iljuschas Bettchen und versuchte die Kissen ein wenig zu ordnen. Die Knaben verabschiedeten sich eilig, einige von ihnen versprachen noch, am Abend wiederzukommen. Koljä rief seinen Pereswonn, und der sprang mit einem Satz vom Bett herab.
„Ich gehe noch nicht fort, ich bleibe noch hier!“ flüsterte Koljä eilig Iljuscha zu. „Ich werde im Flur warten und dann wiederkommen, wenn der Professor fortgefahren ist, mit Pereswonn wiederkommen.“
Da trat aber der Professor bereits herein – eine imposante Erscheinung im Bärenpelz mit langem, dunklem Backenbart und glänzendem rasiertem Kinn. Nachdem er über die Schwelle getreten war, blieb er zuerst ganz verdutzt stehen: Wahrscheinlich glaubte er, sich in der Tür versehen zu haben.
„Was soll denn das bedeuten? Wo bin ich denn hier hineingeraten?“ brummte er in den Bart. Er stand verständnislos an der Tür, ohne den Pelz abzuwerfen oder seine Seebärmütze, deren Schirm gleichfalls mit Seebärfell überzogen war, abzunehmen. Die vielen Menschen, die Ärmlichkeit der Stube, die in der Ecke auf einer Schnur hängende Wäsche verstimmten und befremdeten ihn sichtlich. Der Hauptmann bog sich vor ihm das Rückgrat krumm.
„Sie sind hier, hier bei uns,“ stotterte er untertänig, „hier, jawohl, bei uns, zu denen Sie ...“
„Ssnegireff?“ fragte der Professor laut und wichtig. „Herr Ssnegireff – sind Sie das?“
„Ja, ich!“
„Ah!“
Der Professor blickte sich noch einmal angeekelt im Zimmer um und warf dann seinen Pelz ab. An seinem Halse blitzte ein bedeutender Orden, der allen sofort in die Augen stach. Der Hauptmann fing den Pelz auf, und der Professor nahm die Mütze ab.
„Wo ist denn hier der Patient?“ fragte er laut und wichtig.
VI. Frühe Entwicklung
„Was meinen Sie, was wird ihm der Professor sagen?“ fragte Koljä hastig. „Aber was für eine widerliche Fratze der Kerl hat, finden Sie nicht auch? Ich kann die Medizin mit allem Drum und Dran nicht ausstehen!“
„Iljuscha wird sterben. Das ist, glaube ich, so gut wie sicher,“ antwortete Aljoscha niedergeschlagen.
„Die Kanaillen! Diese Mediziner taugen alle nichts! Aber es freut mich ungemein, Karamasoff, daß ich Sie kennen gelernt habe. Ich wollte schon lange Ihre Bekanntschaft machen. Schade nur, daß wir uns unter so traurigen Umständen getroffen haben ...“
Koljä wollte gern etwas noch Wärmeres, Herzlicheres sagen, aber er war wie unter einem Druck. Aljoscha bemerkte dies wohl, lächelte und drückte ihm die Hand.
„Ich habe schon längst gelernt, in Ihnen ein seltenes Wesen zu verehren,“ sagte Koljä verwirrt und erregt. „Ich weiß, Sie sind ein Mystiker und haben im Kloster gelebt. Ich weiß, daß Sie ein Mystiker sind, aber ... das hält mich weiter nicht ab ... Ich denke, die Berührung mit der Wirklichkeit wird Sie schon heilen ... Mit Naturen, wie die Ihrige, ist es ja immer so.“
„Wen nennen Sie einen Mystiker? Wovon heilen?“ fragte Aljoscha ein wenig verwundert.
„Nun so, ich meine Gott und das übrige.“
„Wie, glauben Sie denn etwa nicht an Gott?“
„Im Gegenteil, ich habe nichts gegen ihn. Gott ist natürlich nur eine Hypothese ... aber ... ich gebe ja vollkommen zu, daß er nötig ist ... zur Ordnung ... zur Erhaltung der Weltordnung und so weiter ... – wenn es Gott nicht gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,“ fügte Koljä noch hinzu, während ihm das Blut schon in die Wangen stieg.
Ihn hatte plötzlich der Gedanke durchzuckt, Aljoscha könnte jetzt denken, daß er seine Kenntnisse zeigen und sich als „Erwachsener“ aufspielen wolle. „Das will ich aber durchaus nicht!“ dachte Koljä ungehalten. Und plötzlich ärgerte er sich sehr.
„Ich muß gestehen, ich liebe es gar nicht, mich auf diese verwickelten Diskussionen einzulassen,“ meinte er kurz abbrechend, „man kann doch auch ohne an Gott zu glauben die Menschheit lieben, was meinen Sie? Voltaire hat doch auch nicht an Gott geglaubt und doch die Menschheit geliebt!“ („Schon wieder, schon wieder komme ich mit meinen Kenntnissen!“ dachte er bei sich.)
„Voltaire dürfte wohl an Gott geglaubt haben, nur, wenn ich nicht irre, zu wenig, und die Menschheit hat er, glaube ich, gleichfalls nur wenig geliebt,“ sagte Aljoscha leise und zurückhaltend, doch ganz natürlich, wie wenn er mit einem gleichaltrigen oder womöglich sogar älteren Menschen spräche.
Koljä fiel sofort diese Ungewißheit Aljoschas in seiner Meinung über Voltaire auf: und daß er gewissermaßen ihm, dem kleinen Koljä überließ, über diese Frage zu entscheiden.
„Aber haben Sie denn Voltaire gelesen?“ fragte Aljoscha.
„N–nein, nicht gerade, daß ich ihn ganz gelesen hätte ... Ich habe nur ‚Candide‘ gelesen, in einer russischen Übertragung ... in einer ganz alten, eigenartigen, furchtbar komischen Übersetzung ...“ („Schon wieder, schon wieder!“)
„Und haben Sie ihn auch verstanden?“
„O ja, alles ... das heißt ... warum glauben Sie, daß ich ihn nicht verstanden hätte? Es kommen dort natürlich viele schmutzige Gemeinheiten vor ... Ich verstehe doch, daß es ein philosophischer Roman ist, und Voltaire ihn geschrieben hat, um eine Idee durchzuführen ...“ Koljä verwirrte sich immer mehr. „Ich bin nämlich Sozialist, Karamasoff, ein unverbesserlicher Sozialdemokrat,“ sagte er plötzlich, ohne den geringsten Anlaß zu dieser Bemerkung.
„Sozialdemokrat?“ Aljoscha lachte auf. „Wann haben Sie denn dazu schon Zeit gefunden? Sie sind doch erst dreizehn Jahre alt, glaube ich?“
Koljä fühlte sich tief verletzt.
„Erstens: nicht dreizehn, sondern vierzehn, in zwei Wochen vierzehn,“ sagte er kalt, während ihm das Blut wieder in die Wangen schoß. „Und zweitens: Ich verstehe wirklich nicht, was mein Alter damit zu tun hat. Es handelt sich doch nur darum, welches meine Ansichten sind und nicht, wie alt ich bin. Nicht wahr?“
„Wenn Sie älter wären, würden Sie einsehen, von welch einer Bedeutung das Alter bei Überzeugungen ist. Mir schien es wirklich so, als wenn es nicht Ihre eigenen Worte wären, die Sie sprachen,“ antwortete Aljoscha ruhig und bescheiden, doch Koljä unterbrach ihn ungestüm.
„Ich bitte Sie! Sie verlangen Gehorsam und Mystizismus! Aber Sie müssen doch zugeben, daß der christliche Glaube nur den Reichen und Vornehmen dazu gedient hat, die niedrigeren Klassen in der Knechtschaft zu erhalten! Nicht wahr?“
„Ach ich weiß schon, wo Sie das gelesen haben, das hat Ihnen ja jemand eingeredet!“ rief Aljoscha aus.
„Ich bitte Sie, warum muß ich es denn unbedingt gelesen haben? Und so etwas hat mir so gut wie niemand eingeredet. Ich kann doch auch selbst ... Wenn Sie wollen, bin ich sogar durchaus nicht gegen Christus. Er war eine durch und durch humane Persönlichkeit, und wenn er heute, in unserer Zeit, lebte, so würde er sich sofort den Revolutionären anschließen und vielleicht eine große Rolle spielen ... Das steht fest!“
„Wo haben Sie nun das wieder aufgeschnappt? Mit welch einem Dummkopf sind Sie denn zusammengekommen?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Ich bitte Sie! Die Wahrheit kann man nicht verbergen. Ich komme allerdings wegen einer bestimmten Angelegenheit des öfteren mit Herrn Rakitin zusammen, aber ... Das hat ja auch schon unser alter Belinskij, wie man erzählt, gesagt ...“
„Belinskij? Dessen erinnere ich mich nicht. Wenigstens hat er das nicht geschrieben.“
„Wenn er es nicht geschrieben hat, so hat er es ausgesprochen, sagt man. Das habe ich gehört ... von einem ... übrigens, zum Teufel ...“
„Haben Sie Belinskij gelesen?“
„Sehen Sie ... nein ... nicht ganz, aber ... die Stelle in seiner Kritik über Puschkins ‚Jewgenij Onégin‘, wo er auf Tatjana zu sprechen kommt: warum sie nicht mit Onégin ging, habe ich gelesen.“
„Wie das, ‚warum sie nicht mit Onégin ging‘? Ja, können Sie denn das schon ... verstehen?“
„Ich bitte Sie! Sie scheinen mich ja für den kleinen Ssmuroff zu halten?“ fragte Koljä gereizt, mit spöttischem Lächeln. „Übrigens glauben Sie, bitte, nicht, daß ich schon ganz und gar Revolutionär bin. Ich bin sehr oft nicht einverstanden mit Herrn Rakitin. Wenn ich von Tatjana rede, so bin ich noch längst nicht für die Emanzipation der Frauen. Ich bin ganz der Meinung, daß das Weib ein untergeordnetes Wesen ist und gehorchen muß. Les femmes tricotent, wie Napoleon gesagt hat,“ fuhr Koljä kurz auflachend fort, „und in diesem einen Punkte teile ich vollkommen die Überzeugung dieses pseudogroßen Mannes. Zum Beispiel finde ich auch, daß es niedrig ist, das Vaterland zu verlassen und nach Amerika zu flüchten, finde es sogar mehr als niedrig – sogar dumm. Warum nach Amerika, wenn man auch bei uns der Menschheit viel Nutzen bringen kann? Und gerade jetzt! Ein ganzer Berg fruchtbringender Tätigkeit! In dem Sinne habe ich denn auch geantwortet.“
„Wie – geantwortet? Wem? Hat Sie denn jemand schon nach Amerika aufgefordert?“
„Ich muß gestehen, daß man mich dazu bereden wollte, aber ich schlug es ab. Das ist natürlich nur unter uns gesagt, Karamasoff, hören Sie, keinem Menschen ein Wort davon, – ich sage es nur Ihnen. Ich habe durchaus keine Lust, der Dritten Abteilung[24] in die Finger zu kommen und an der Kettenbrücke Lektion zu hören.
‚Das vergißt man nicht so leicht, Das Haus an jener Hängebrücke!‘
Sie kennen doch das Gedicht? Famos doch, nicht wahr? Worüber lachen Sie? Glauben Sie vielleicht, daß ich Ihnen alles nur vorgelogen habe?“ („Was aber dann, wenn er erfährt, daß ich in Papas Bücherschrank nur ein einziges Heft der ‚Sturmglocke‘ gefunden, und mehr als das überhaupt nicht darin gelesen habe?“ fuhr es ihm flüchtig durch den Sinn, und sein Herz zuckte zusammen.)
„Wieso? Ich lache gar nicht, und ich denke durchaus nicht, daß Sie mir etwas vorgelogen haben. Das ist es ja, daß ich es nicht so ansehe, denn alles, was Sie sagen, ist ja leider nicht gelogen! Aber nun sagen Sie, haben Sie denn Puschkin gelesen, den ‚Jewgenij Onégin ...‘ Sie sprachen doch von Tatjana?“
„Nein, ich habe ihn noch nicht gelesen, aber ich will es bald tun. Ich bin ganz vorurteilslos, Karamasoff. Ich will die Meinung jeder Partei hören. Warum fragten Sie?“
„Nur so.“
„Sagen Sie mal, Karamasoff, Sie verachten mich jetzt wohl sehr?“ fragte Koljä ganz plötzlich und reckte sich stramm vor Aljoscha empor, als wolle er sich in Positur stellen. „Haben Sie die Güte, mir ganz ohne Umschweife darauf zu antworten.“
„Ich soll Sie verachten?“ Aljoscha blickte ihn erstaunt an. „Aber weswegen denn? Es tut mir nur leid, daß eine so prächtige Natur, wie die Ihrige, die noch nicht einmal recht zu leben begonnen hat, schon von diesem ganzen rohen Unsinn verdorben worden ist.“
„Wegen meiner Natur brauchen Sie sich weiter keine Sorgen zu machen,“ unterbrach ihn Koljä nicht ohne Selbstgefälligkeit, „aber ich bin sehr argwöhnisch, das ist Tatsache. Geradezu dumm argwöhnisch. Roh und unfein argwöhnisch. Sie lächelten vorhin, und da schien es mir sogleich, daß Sie ...“
„Ach, ich lächelte doch über etwas ganz anderes. Ich werde Ihnen sagen, worüber ich lächelte: ich las vor kurzem die Äußerung eines Ausländers, eines Deutschen, der in Rußland gelebt hat, über unsere gegenwärtige lernende Jugend: ‚Zeigen Sie,‘ schreibt er, ‚einem russischen Schüler die Himmelskarte mit allen Sternen darauf, von der er bis dahin keine Ahnung gehabt hat, und er wird Ihnen morgen diese Karte korrigiert zurückgeben.‘ Überhaupt keine Kenntnisse und grenzenloser Eigendünkel, das wollte der Deutsche damit vom russischen Schüler sagen.“
„Aber das ist ja vorzüglich! das ist ja buchstäblich so!“ Koljä lachte fröhlich auf. „Das ist ja superbissimo! Bravo, Deutscher! Aber dem Tschúchna[25] ist dabei doch die gute Seite der Sache entgangen, was meinen Sie? Eigendünkel – schön, meinetwegen, das kommt von der Jugend, das vergeht, wenn es nötig ist, dafür aber haben sie den unabhängigen Geist von Kindesbeinen an, dafür haben sie die Kühnheit der Gedanken und Überzeugungen, an Stelle ihrer spießerhaften, knechtischen Andacht vor den Autoritäten ... Aber der Deutsche hat das doch gut gesagt! Bravo, Deutscher! Aber trotzdem muß man den Deutschen den Hals umdrehen. Gut, mögen sie da in ihren Wissenschaften so stark sein, wie sie wollen, aber man muß sie doch unterkriegen ...“
„Warum?“ fragte Aljoscha mit feinem Lächeln.
„Nun, ich hab’s nur so gesagt, vielleicht auch nicht. Ich bin zuweilen ein furchtbares Kind, und wenn ich mich über etwas freue, so kann ich mich nicht mehr beherrschen und schwatze womöglich den größten Unsinn zusammen. Aber hören Sie, wir reden hier beide Dummheiten, während der Doktor dort ... warum sitzt der Kerl so lange bei Iljuscha? Vielleicht untersucht er noch das ‚Mamachen‘ und die Ninotschka? Wissen Sie, diese Ninotschka hat mir sehr gefallen. Sie raunte mir plötzlich zu, als ich beim Hinausgehen an ihr vorüber kam: ‚Warum sind Sie nicht früher gekommen?‘ Und mit so einer Stimme, wissen Sie, mit so tiefem Vorwurf! Ich glaube, sie ist ein furchtbar gutes, armes Geschöpf.“
„Ja, ja! Wenn Sie öfter kommen, werden Sie sehen, was das für ein Wesen ist. Es wird Ihnen sehr gut tun, wenn Sie solche Menschen kennen lernen. Das müssen Sie, um noch vieles andere schätzen zu können, ... das werden Sie im Verkehr mit diesem Mädchen lernen,“ sagte Aljoscha warm. „Das wird Sie besser als alles andere erziehen.“
„Oh, wie ich es bedauere und wie ich mich dafür strafen möchte, daß ich nicht früher gekommen bin!“ sagte Koljä erregt.
„Ja, das ist sehr schade. Sie haben jetzt gesehen, was das für eine Freude für den armen Knaben war, und wie hat er sich gequält, während er Sie vergeblich erwartete!“
„Sprechen Sie nicht mehr davon! Sie zerreißen mir das Herz! Aber es geschieht mir jetzt ganz recht: aus Eigenliebe bin ich nicht früher gekommen, ja aus dummer Eigenliebe und gemeiner Selbstsucht, von der ich mich in meinem ganzen Leben nicht werde befreien können, obgleich ich mich seit einer Ewigkeit darum mühe. Das sehe ich jetzt deutlich. Ich bin in vielem ein Schuft, Karamasoff.“
„Nein, Sie sind eine prächtige Natur, wenn Sie auch schon früh verdorben worden sind. Ich verstehe nur zu gut, warum Sie einen so großen Einfluß auf Iljuscha haben konnten. Er ist ein krankhaft empfängliches Kind.“
„Und das sagen Sie mir?“ fragte Koljä ganz verdutzt. „Und ich, stellen Sie sich vor, ich dachte heute schon mehr als einmal, daß Sie mich verachten! Wenn Sie nur wüßten, wie teuer mir Ihre Meinung ist!“
„Sind Sie denn wirklich so argwöhnisch? So jung! Wie sonderbar: als ich Sie dort im Zimmer beobachtete, während Sie erzählten, kam mir derselbe Gedanke – ich meine: daß Sie sehr argwöhnisch sein müssen.“
„Also haben Sie das schon gedacht? Was Sie für eine Beobachtungsgabe haben, weiß Gott! Ich könnte wetten, daß es in dem Augenblick war, als ich von der Gans erzählte. Gerade da schien es mir, daß Sie mich tief deswegen verachteten, weil ich mich anscheinend beeilte, mich als tapferen Burschen aufzuspielen. Und ich haßte Sie sogar deswegen. Und später, das war vorhin hier im Flur, als ich sagte: ‚Wenn es Gott nicht gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,‘ schien es mir wieder, daß Sie mich verachteten, weil ich mich schon gar zu sehr beeilte, meine Bildung hervorzukehren, – und um so mehr noch, als ich diese Phrase in einem Buch gelesen habe. Aber ich schwöre Ihnen, ich beeilte mich damit nicht aus Ruhmsucht, sondern so, ich weiß nicht warum, aus Freude vielleicht, ja, bei Gott, es war, als wenn es aus Freude geschah ... obgleich es doch ein tiefbeschämender Zug ist, wenn ein Mensch vor lauter Freude anderen auf den Hals kriecht. Das weiß ich selbst sehr gut. Dafür aber bin ich jetzt überzeugt, daß Sie mich nicht verachten, daß diese Befürchtung nur eine Marotte von mir war. Oh, Karamasoff, ich bin tief unglücklich! Ich stelle mir zuweilen – weiß Gott was alles vor: daß alle über mich lachen, die ganze Welt, und dann bin ich ... dann bin ich bereit, die ganze Ordnung der Dinge zu vernichten.“
„Und quälen dabei Ihre Nächsten,“ warf Aljoscha lächelnd ein.
„Und quäle meine Nächsten, ganz recht, besonders meine Mutter. Karamasoff, sagen Sie, bin ich jetzt sehr lächerlich?“
„Aber so denken Sie doch nicht immer daran, denken Sie überhaupt nicht daran! Und was heißt das ‚lächerlich‘? Als ob der Mensch selten lächerlich ist oder scheint! Heutzutage fürchten sich fast alle begabten Menschen am meisten vor der Lächerlichkeit, und sie quälen sich deswegen und sind unglücklich. Mich wundert nur, daß Sie dasselbe schon in so jungen Jahren empfinden ... obgleich ... ich es auch schon an anderen Ihresgleichen bemerkt habe. Jetzt leiden ja schon viele, die fast noch Kinder sind, unter derselben Angst. Das ist beinahe wie ein Wahnsinn. In diese Eigenliebe hat sich der Teufel verkörpert und ist dergestalt in die ganze Generation hineingekrochen, niemand anderes als der Teufel,“ fügte Aljoscha nochmals hinzu, ohne aber dabei im geringsten zu lächeln, wie es Koljä, der ihn groß ansah, eigentlich erwartete. „Sie, Koljä, sind wie alle,“ fügte er noch hinzu, „das heißt, wie sehr viele, nur soll man nicht so sein, wie alle sind, das ist es!“
„Selbst wenn alle so sind?“
„Ja, selbst wenn alle so sind. Es ist schon viel, wenn Sie allein nicht so sind. Im Grunde sind Sie ja auch gar nicht so einer, wie alle: haben Sie sich doch soeben nicht geschämt, etwas Schlechtes und sogar Lächerliches von sich einzugestehen. Wer aber tut das heutzutage? Niemand. Man sieht ja nicht einmal mehr eine Notwendigkeit in der Selbstverurteilung. Werden Sie nicht so einer wie alle; und wenn Sie auch nur als einziger anders bleiben, so seien Sie trotzdem nicht so.“
„Großartig! Ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht. Sie sind fähig, einen zu trösten! Sie wissen ja gar nicht, wie es mich zu Ihnen gedrängt hat, Karamasoff, wie lange ich schon eine Begegnung mit Ihnen herbeigewünscht habe! Ist es wirklich wahr, daß auch Sie an mich gedacht haben? Vorhin sagten Sie es.“
„Ja, ich hatte von Ihnen gehört und habe daher auch über Sie nachgedacht ... und wenn Sie auch jetzt teilweise aus Eigenliebe fragen, so tut das nichts.“
„Wissen Sie, Karamasoff, unsere Auseinandersetzungen gleichen ja beinahe einer Liebeserklärung,“ sagte Koljä, mit etwas leiserer, gleichsam geschwächter und verschämter Stimme. „Ist das nicht lächerlich, was meinen Sie?“
„Durchaus nicht lächerlich, und wenn es auch lächerlich wäre, so tut es nichts, denn es ist gut,“ sagte Aljoscha mit hellem Lächeln.
„Aber wissen Sie auch, Karamasoff, Sie müssen zugeben, daß auch Sie sich jetzt ein wenig vor mir schämen ... Das sehe ich an Ihren Augen.“ Und Koljä lachte leise: es lag viel Schelmerei und fast eigenartiges Glück in diesem Lachen.
„Warum soll ich mich denn schämen?“
„Warum erröten Sie denn jetzt plötzlich, wenn man fragen darf?“
„Ja, daran sind Sie schuld, daß ich errötete!“ sagte Aljoscha lachend und wurde wirklich über und über rot. „Nun ja, ein wenig schäme ich mich, Gott weiß, weswegen, ich weiß es nicht ...“ stotterte er, sogar ein wenig verwirrt.
„Oh, wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie gerade jetzt liebe und schätze und gerade deshalb, weil Sie sich ‚weiß Gott warum‘ vor mir schämen! Weil auch Sie ganz so sind wie ich!“ rief Koljä in heller Begeisterung.
Seine Wangen glühten und seine Augen glänzten.
„Hören Sie, Koljä, Sie werden im Leben ein sehr unglücklicher Mensch sein,“ sagte plötzlich Aljoscha aus einem unbekannten Grunde.
„Ich weiß, ich weiß,“ bestätigte Koljä sofort. „Wie Sie doch alles voraus wissen!“
„Aber im ganzen werden Sie doch das Leben preisen.“
„Das ist’s ja! Hurra! Sie sind ja ein Prophet! Oh, wir werden uns noch nähertreten, Karamasoff. Wissen Sie, am meisten entzückt mich an Ihnen, daß Sie mit mir ganz wie mit einem Altersgenossen verkehren, wie mit einem Gleichstehenden. Das aber sind wir nicht, nein, das sind wir nicht: Sie stehen viel höher! Aber wir werden uns schon gut anfreunden. Wissen Sie, ich habe mir während des ganzen letzten Monats gesagt: ‚Entweder werden wir sofort Freunde auf ewig werden, oder wir werden gleich nach der ersten Begegnung als Feinde bis zum Grabe auseinandergehen!‘“
„Und als Sie sich das sagten, liebten Sie mich natürlich schon!“ Aljoscha lachte fröhlich auf.
„Ja, da liebte ich Sie schon, liebte Sie furchtbar, liebte Sie und dachte nur an Sie! Aber wie können Sie alles so voraus wissen? ... Ah! da kommt der fremde Professor, Gott, was wird er sagen? Sehen Sie doch, was er für ein Gesicht macht!“
VII. Iljuscha
Der fremde Professor trat aus der Stube, eingehüllt in seinen Pelz und die Mütze auf dem Kopf. Er sah geärgert und angeekelt aus, als wenn er sich hier an irgend etwas beschmutzt hätte. Er warf einen flüchtigen Blick über den Flur und sah darauf Aljoscha und Koljä streng an. Aljoscha trat auf die Treppe hinaus und winkte den Kutscher heran. Die Equipage fuhr sofort an der Hofpforte vor. Der Hauptmann folgte dem Professor eilig mit gekrümmtem Rücken, und murmelte, wie es schien, Entschuldigungen. Sein Gesichtsausdruck glich dem eines zum Tode Verurteilten, und aus seinem starren Blick sprach nichts als Schreck und völlige Verständnislosigkeit.
„Exzellenz ... Exzellenz ... ich kann es nicht glauben ...“ stotterte er und konnte nicht weitersprechen. In seiner hilflosen Verzweiflung breitete er wie unsicher die Arme aus, und wie flehend hing jetzt sein starrer Blick an dem Arzt, als wenn dieser den Urteilsspruch über seinen armen Jungen noch hätte abändern können.
„Ja, wie – ge – sagt. Ich – bin – kein – Gott,“ antwortete in nachlässigem, doch gewohnheitsmäßig scharf accentierendem Tone der Professor.
„Herr Professor ... Exzellenz ... und wird er bald ... bald? ...“
„Ma – chen Sie sich auf al – les – ge – faßt.“ Der Professor betonte jede Silbe. Er senkte den Blick und machte Miene, hinauszugehen.
„Exzellenz, um Christi willen!“ rief der Hauptmann erschrocken und hielt ihn noch einmal zurück. „Exzellenz! ... also nichts, nichts, gar nichts kann ihn mehr retten?“
„Das hängt – nicht – von – mir – ab,“ erwiderte ungeduldig der Arzt, „in – dessen, hm,“ sagte er plötzlich und blieb stehen; „wenn ... Sie, zum Beispiel, Ih – ren Pa – tien – ten ... so–fort und ohne zu säumen (die Worte ‚sofort und ohne zu säumen‘ stieß der Professor nicht nur streng, sondern geradezu wütend heraus, so daß der Hauptmann zusammen fuhr) nach Sy – rakus schicken könn – ten, so ... würde infolge der wohl – tuenden, kli – ma – ti – schen Ver – än – derung ... so könn – te es viel – leicht gesche – hen ...“
„Nach Syrakus!“ stieß der Hauptmann hervor, als könne er ihn nicht begreifen.
„Syrakus liegt in Sizilien,“ sagte plötzlich Koljä wie zur Erläuterung.
Der Professor sah ihn an.
„Nach Sizilien! Um Gottes willen, Euer Exzellenz,“ sagte ganz verloren der Hauptmann, „Sie haben doch gesehen!“ Er wies mit beiden Händen auf die Umgebung. „Und Mamachen, und die Familie?“
„N – nein, die Fami – lie nicht nach Sizilien, Ihre Familie muß in den Kau – kasus, a – ber erst im Frühjahr ... Ihre Tochter muß in den Kaukasus, Ihre Gemahlin aber ... nachdem sie auch im Kau – kasus eine Kur für ihren Rheumatismus durchgemacht hat ... müßte dann so–fort nach Paris in die Irrenanstalt des Psychiaters Le – pelle – tier geschickt werden, ich könnte ihr ein Schrei – ben mit – geben, und da ... könnte sie ... vielleicht ... Bes – serung ...“
„Herr Professor, aber Herr Professor! Sie sehen doch!“ der Hauptmann wies wieder in seiner Verzweiflung mit beiden Händen auf die nackten Holzwände des Flurs hin.
„Das ist – nicht – mehr – meine Sache,“ sagte lächelnd der Arzt, „ich ha – be Ihnen nur sa – gen kön – nen, was die Wis – sen – schaft auf Ihre Fra – ge nach den letzten Hilfs – mitteln sagen kann, das üb – rige aber ... kann ich zu meinem Bedau – ern ...“
„Haben Sie keine Angst, Herr Mediziner, mein Hund wird sie nicht beißen,“ fiel ihm Koljä, da er den etwas unruhigen Blick des Professors auf Pereswonn, der auf der Türschwelle stand, bemerkt hatte, mit lauter Stimme ins Wort. Eine böse Note klang in der Stimme Koljäs. Er sagte mit Absicht „Mediziner“ statt Doktor oder Professor – wie er später selbst eingestand, „um ihn zu beleidigen“.
„Was – soll – das?“ fragte der Arzt, den Kopf erhebend, und sah Koljä erstaunt an. „Wer – ist das?“ wandte er sich plötzlich an Aljoscha, als ob der ihm Rechenschaft geben müsse.
„Das ist der Besitzer des Pereswonn, Herr Mediziner, beunruhigen Sie sich nicht wegen meiner Wenigkeit,“ schikanierte Koljä.
„Swonn?“ wiederholte der Arzt, ohne zu verstehen, was dieser Name bedeutete.
„Er scheint nicht zu wissen, wo er sich befindet. Leben Sie wohl, Herr Mediziner, wir werden uns in Syrakus vielleicht wiedersehen.“
„Wer ist dieser ...? Wer, was?“ der Arzt brauste auf vor Wut.
„Das ist ein hiesiger Schüler, Herr Professor, ein Wildfang, beachten Sie ihn nicht,“ sagte Aljoscha verstimmt. „Koljä schweigen Sie!“ rief er Krassotkin zu. „Beachten Sie ihn nicht, Herr Professor,“ wiederholte er noch ungehaltener.
„Man muß ihm Ruten geben, Ruten, Ruten!“ schrie der Arzt Krassotkin an und stampfte vor Wut mit dem Fuß auf.
„Wissen Sie, Herr Mediziner, mein Pereswonn kann auch beißen!“ rief Koljä mit drohender Stimme, bleich und mit blitzenden Augen. „Ici, Pereswonn!“
„Koljä, wenn Sie jetzt noch ein Wort sagen, so werde ich mit Ihnen auf ewig brechen!“ sagte Aljoscha streng.
„Herr Mediziner, es gibt nur ein Wesen auf der ganzen Welt, das Nikolai Krassotkin befehlen kann, und das ist dieser junge Mensch da (Koljä wies auf Aljoscha): ihm gehorche ich. Leben Sie wohl!“
Koljä stürzte fort, öffnete die Stubentür und trat schnell ein. Pereswonn lief ihm sofort nach. Der Arzt stand noch lange ganz wie versteinert da und starrte Aljoscha an. Darauf spuckte er aus und ging zum Wagen, indem er laut wiederholte: „Dieser, dieser, dieser ... ich weiß nicht, was das für einer ist!“ Der Hauptmann lief ihm nach, um ihm in den Wagen zu helfen. Aljoscha trat ins Zimmer. Koljä stand schon an Iljuschas Bettchen. Iljuscha hielt ihn an der Hand und rief nach seinem Vater. Bald kehrte auch der Hauptmann zurück.
„Papa, Papa, komm her ... wir ...“ stammelte Iljuscha in ungewöhnlicher Erregung, doch außerstande, weiterzusprechen, umarmte er sie beide zusammen mit seinen mageren Ärmchen und preßte sie fest an sich, so stark, wie er es mit seiner kleinen Kraft nur konnte.
Der Hauptmann erbebte am ganzen Körper vor unterdrücktem Schluchzen, und Koljä zitterten die Lippen und das Kinn.
„Papa, Papa! Wie tust du mir leid, Papa!“ stöhnte Iljuscha.
„Iljuschetschka ... Täubchen ... der Professor sagte ... du wirst gesund ... wir werden glücklich sein ... der Professor ...“ brachte der Hauptmann mühsam hervor.
„Ach, Papa! Ich weiß ja, was der fremde Professor von mir gesagt hat ... Ich habe es doch gemerkt!“ rief Iljuscha aus und preßte sie wieder beide aus aller Kraft an sich, wobei er sein Gesicht an der Schulter des Vaters verbarg.
„Papa, weine nicht ... wenn ich sterben werde, nimm dann einen anderen guten Jungen zu dir, einen anderen ... wähle von ihnen allen den besten aus, nenne ihn Iljuscha und liebe ihn statt meiner ...“
„Schweig, mein Sohn, wirst gesund werden!“ unterbrach ihn beleidigt und geradezu barsch Krassotkin.
„Aber mich, Papa, mich vergiß nicht,“ fuhr Iljuscha fort, „komm zu meinem Grabe ... Weißt du, Papa, beerdige mich bitte dort beim großen Stein, zu dem wir beide immer zusammen gegangen sind, und besuche mich dann mit Krassotkin, am Abend ... Und Pereswonn ... Ach, wie werde ich euch erwarten ... Papa, Papa!“
Seine Stimme versagte, alle drei schwiegen sie. Ninotschka weinte leise in ihrem Lehnstuhl, und plötzlich fing auch Mamachen zu weinen an, als sie die anderen weinen sah.
„Iljuschetschka, Iljuschetschka!“ rief sie klagend. Krassotkin befreite sich aus der Umarmung Iljuschas:
„Leb wohl, mein Sohn, meine Mutter erwartet mich zum Mittagessen,“ sagte er hastig. „Wie schade, daß ich sie nicht benachrichtigt habe! Sie wird sich sehr beunruhigen ... Doch nach dem Essen komme ich sofort wieder zu dir, auf viele Stunden, bleibe dann den ganzen Abend bei dir, und werde dir viel erzählen, sehr viel. Pereswonn werde ich natürlich mitbringen, jetzt aber nehme ich ihn mit nach Haus, denn ohne mich würde er zu heulen anfangen und würde dich stören. Also dann – auf Wiedersehen!“
Er lief hinaus auf den Flur, um sich dort auszuweinen. In diesem Zustande fand ihn Aljoscha, als er hinaustrat.
„Koljä, Sie müssen durchaus Wort halten und kommen, denn sonst wird er schrecklich traurig sein,“ beredete ihn Aljoscha.
„Durchaus! Oh, wie ich mich verfluche, daß ich nicht schon früher gekommen bin!“ sagte weinend Koljä, der sich jetzt nicht mehr schämte zu weinen.
In dem Augenblick kam der Hauptmann aus dem Zimmer gestürzt und schloß sofort hinter sich die Tür. Der Ausdruck seines Gesichtes war wie der eines Wahnsinnigen, seine Lippen bebten. Er stand wie geistesabwesend vor den beiden jungen Leuten und schüttelte seine Arme hoch in die Luft:
„Ich will keinen guten Jungen! Ich will keinen anderen Jungen!“ kam es in wildem Geflüster aus ihm heraus, und er knirschte mit den Zähnen, „wenn ich dein vergäße, Jerusalem, so möge ich ...“
Er konnte nicht zu Ende sprechen. Seine Stimme stockte ihm. Kraftlos sank er vor der Holzbank in die Knie. Er preßte seinen Kopf zwischen seinen beiden Fäusten und schluchzte und winselte fast wie ein Hund, wobei er sich aber aus aller Kraft zusammenzunehmen versuchte, damit man sein Winseln in der Stube nicht höre. Koljä lief auf die Straße hinaus.
„Leben Sie wohl, Karamasoff! Sie kommen doch bestimmt?“ rief er Aljoscha schneidend und wütend zu.
„Am Abend komme ich bestimmt.“
„Was sagte er da von Jerusalem? ... Was sollte das bedeuten?“
„Das war aus der Bibel: ‚Wenn ich dein vergäße, Jerusalem‘, das heißt, wenn ich vergessen sollte, was für mich das Teuerste ist, so möge mich ...“
„Ich verstehe, genug! Kommen Sie bestimmt! Ici, Pereswonn!“ rief er barsch dem Hunde zu und eilte mit großen Schritten nach Haus.