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Sämtliche Werke 5-6

Fußnoten

E. K. Rahsin translation

Der plötzliche Tod Alexanders I. und die Ungewißheit über seinen Nachfolger verleitete die Geheimbündler zu einem verfrühten Aufstand (am 14. Dezember 1825 – daher „Dekabristen“), der von Nikolai I. mit Kartätschen niedergeschlagen wurde. Es folgten über 1000 Verhaftungen. Die Tragödie der Hinrichtung ihrer Führer durch den Strang (ursprünglich sollten die 5 Hauptschuldigen, Oberst von Pestel, Oberst Murawjoff, der „heilige“ Dichter Rylejeff u. a. gevierteilt, 31 guillotiniert, die übrigen als Sträflinge nach Sibirien verbannt werden), sowie die Haltung der Verurteilten bis zur Hinrichtung oder während ihres sibirischen Martyriums, das von ihren Frauen freiwillig geteilt wurde, hatte zur Folge, daß die Dekabristen als Helden und Märtyrer verehrt wurden und so unzählige Nachfolger fanden. Aus dieser besonders durch die Dekabristen in Rußland hervorgerufenen Verehrung der politischen Verbannten ist dann auch Stepan Trophimowitschs leidenschaftlicher Wunsch, ein „Verbannter“ und „Verfolgter“ zu sein, zu erklären, und weshalb um diese beiden Worte ein gewisser „klassischer Glanz spielt“ (siehe Seite 2.) Die literarischen und politischen Schriften der Dekabristen sind zum Teil erst in jüngster Zeit herausgegeben worden, zum Teil sind sie auch jetzt noch unveröffentlicht. E. K. R.

Gegen diesen sogenannten „Idealismus der vierziger Jahre“, den Stepan Trophimowitsch vertritt, läßt Dostojewski die historischen Nachfolger dieser Idealisten, die in den Seminaristen und dem Anhang Pjotr Stepanowitschs geschildert sind, den sogenannten „Realismus der sechziger Jahre“ ausspielen: Der unrussischen Romantik und dem unrussischen Symbolismus (in Karmasinoffs Potpourri „Merci“ und in Stepan Trophimowitschs „Dichtung in lyrisch-dramatischer Form“, wie in seiner unrussischen Schwärmerei für Abstraktionen) werden die von den Seminaristen vergötterten Naturwissenschaften und die angewandte entsprechende Philosophie, d. i. radikale Politik, entgegengestellt.

Die Reden Schatoffs in den Notizbuchentwürfen sind Entgegnungen auf fast wörtlich wiedergegebene Aussprüche Bakunins, des Begründers des revolutionären Anarchismus, und des Terroristen Netschajeff.

Letzterer (Prototyp Pjotr Werchowenskis) hatte die Lehre Bakunins – von der Notwendigkeit der radikalen Zerstörung der bisherigen Gesellschaftsform, damit die neue Form vom Volk nach ganz anderen, wirklich neuen Grundsätzen geschaffen werden könne – sogleich in die Tat umzusetzen versucht und 1869 in Moskau die Mitglieder seines Geheimbundes zur Ermordung eines ihrer Genossen (des Studenten Iwanoff) zu zwingen gewußt. Wie W. Ssolowjoff hervorhebt, ist in den „Dämonen“ „der Netschajeffprozeß vorweggenommen“. Der Roman war 1871 zum Teil schon gedruckt, als der Prozeß erst begann. (Näheres über Netschajeff und die Netschajewzen – den „Prozeß der Siebenundachtzig“ – siehe Band XI, „Autobiographische Schriften“, S. 323–351.) Netschajeff selbst entkam zunächst nach der Schweiz, wurde aber 1872 an Rußland ausgeliefert und starb nach zwanzigjähriger Kerkerhaft im Schlüsselburger Gefängnis. Seine Zeitgenossen schildern ihn als einen Charakter von „stählerner Energie“. Seine Ideen über die „Pandestruktion“ veröffentlichte er 1869 in Genf in einem Blatt, das er „Das Volksgericht“ nannte. Pläne für den zukünftigen Aufbau wurden von ihm überhaupt nicht geduldet. Unter sein Bild schrieb er die Worte: „Das Werk der Zerstörung ist getan, – das Werk des Aufbaus steht bevor und wird nicht nur eine Generation beschäftigen.“ Von seinem Grundsatz, daß auch Jesuitismus und Macchiavellismus im Kampf der Klassen als Mittel anzuwenden seien, haben sich seine Lehrer Bakunin und andere Anarchisten alsbald losgesagt.

In der Philosophie Kirilloffs hat Dostojewski die Gedanken Michael Bakunins wiedergegeben und weitergesponnen, – wie übrigens auch in den folgenden Romanen „Der Jüngling“, „Die Brüder Karamasoff“, und in kleineren Werken. Bakunin wollte vor allem „die Idee ‚Gott‘ in den Menschen töten“.

Vorläufer Stawrogins sind in gewissem Sinne fast alle Helden Puschkins. Aber auch Tschatzki und die Helden Lermontoffs, Gontscharoffs, Turgenjeffs u. a. sind eine Vorbereitung zu dieser Gestalt. E. K. R.

Notes in this chapter

Note 1 · Alexander II., der 1861 die Leibeigenschaft aufhob. E. K. R.Note 2 · Tschaadajeffs Vorliebe für den Papismus war so bekannt, daß sogar das Gerücht von seinem Übertritt eine Zeitlang glaubwürdig erschien. E. K.Note 3 · Freund und Zeitgenosse Tschaadajeffs, wurde Jesuit, gab 1862 eine Auswahl von Tschaadajeffs Schriften heraus. E. K. R.Note 4 · In späteren Jahren (1877) urteilt Dostojewski gerechter über Belinski. Vgl. Bd. XI., „Alte Erinnerungen“. E. K. R.Note 5 · Günstling der Zarin Anna Iwanowna, die ihn 1737 zum Herzog von Kurland erhob. Nach ihrem Tode (1740) Vormund des minderjährigen ThronfolgersNote 6 · Raskol = Spaltung: Bezeichnung für die russische Kirchenspaltung, d. h. die Absonderung der sogenannten Altgläubigen von der Staatskirche weNote 7 · Dostojewski hat ursprünglich Tschaadajeff zur Hauptfigur eines Romans machen wollen, den bedeutenden „Westler“, der in einem Schreiben von RNote 8 · Anspielung auf Tschernyschewskis berühmten Roman „Was tun?“ (1863), in dem von der Heldin vier im Traume geschaute Zukunftsvisionen erzählt Note 9 · Näheres über diese und andere Proklamationen, die zu Anfang der sechziger Jahre verbreitet wurden, siehe Band XI der Ausgabe „AutobiographisNote 10 · D. war Dostojewski selbst, der in seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr (1845) Belinski kennen lernte. Dasselbe Erlebnis hat Dostojewski spätNote 11 · Belinski war schwindsüchtig und starb schon 1848, siebenunddreißig Jahre alt. (Auch seine späteren, von der Jugend gleichfalls angeschwärmteNote 12 · Ein Herr, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einem Petersburger öffentlichen Hause ermordet wurde. Die gerichtliche UntNote 13 · Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft verbreitete sich unter den Bauern das Gerücht, der Zar habe ihnen viel mehr Land zugedacht, und in eiNote 14 · „Tschurr“ heißt „Grenze“, doch bei Spielen im Freien zugleich: „Ich darf nicht angerührt werden! ich stehe außerhalb (der Grenzen) des SpielNote 15 · In Drushinins Roman „Polinka Ssacks“ der Gatte, der seiner Frau den Ehebruch verzeiht, selbst jedoch bald darauf an Tuberkulose stirbt. E. KNote 16 · Dostojewski hat die Gestalt des Stepan Trophimowitsch zum Teil nach dem schönen, doch sehr unbedeutenden Dichter Kukolnik gezeichnet, dessenNote 17 · S. Bd. I, Vorbemerkung. E. K. R.
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