Elftes Kapitel. Pjotr Stepanowitsch in Tätigkeit (continued 2)
E. K. Rahsin translation
„Aber wenn es so ist, wozu mühen Sie sich dann noch?“
„Ja aber, wenn es doch so einfach ist, öffnet sich ja der Mund von selber – wie soll man sie da nicht schlucken! Als ob Sie im Ernst nicht glaubten, daß ein Erfolg möglich ist? He, der Glaube ist ja da, aber das Wollen fehlt. Aber gerade mit solchen ist der Erfolg nur möglich. Ich sage Ihnen, sie gehen mir durchs Feuer – man braucht ihnen nur zu sagen, daß sie nicht genügend liberal sind. Die Esel werfen mir übrigens vor, daß ich sie alle mit einem ‚Zentralkomitee‘ und ‚zahllosen Verzweigungen‘ beschwindelt haben soll. Sie selbst haben es mir ja auch einmal vorgeworfen – aber wie kann denn hier von Beschwindeln die Rede sein? Das Zentralkomitee sind doch – ich und Sie, und an Verzweigungen werden alsbald so viele vorhanden sein, wie man sich nur wünscht.“
„Und durchweg solches Pack?“
„Nur Material. Auch dies wird zustatten kommen.“
„Sie rechnen noch immer auf mich?“
„Sie sind der Führer, Sie sind die Kraft; ich werde nur seitlich neben Ihnen stehen als Sekretär. Und dann, wissen Sie, setzen wir uns ‚in eine Barke und die Ruder sind aus Eichenholz und die Segel sind aus Seidenzeug, und außerdem sitzt da die schöne Braut, die lichte Lisaweta Nicolajewna‘ ... oder weiß der Teufel wie es da im alten Volkslied heißt ...“
„Und stocken schon,“ lachte Stawrogin. „Nein, ich werde Ihnen einen besseren Zusatz sagen. Sie zählen da an den Fingern her, aus welchen Kräften sich die Gruppen zusammensetzen? Das ist doch alles Beamtengeist und Sentimentalität – meinetwegen auch ein guter Kleister, aber es gibt doch einen noch weit besseren: bereden Sie mal vier Mitglieder, dem fünften den Garaus zu machen, unter dem Vorwand, daß er denunzieren wird, und Sie binden sie alle mit dem vergossenen Blut wie mit einem Strick zusammen. Dann werden sie zu Ihren Sklaven und werden nie mehr wagen, widerspenstig zu sein oder Abrechnungen zu verlangen. Ha–ha–ha!“
„Also so bist du ... na warte ... diese Worte wirst du mir bezahlen müssen,“ dachte Pjotr Stepanowitsch bei sich – „und zwar noch heute abend.“
So, oder fast so mußte Pjotr Stepanowitsch bei sich denken.
Inzwischen hatten sie den Weg zum Wirginskischen Hause schon zurückgelegt – das Haus war schon zu sehen.
„Sie haben mich natürlich als irgendein großes Tier hingestellt – mit Beziehungen zur Internationale, oder als Revisor?“ fragte plötzlich Stawrogin.
„Nein, nicht als Revisor; der Revisor wird ein anderer sein. Aber Sie sind der Gründer, der Anordner aus dem Auslande, der die wichtigsten Geheimnisse kennt – das ist Ihre Rolle. Sie werden natürlich reden?“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Sie sind jetzt verpflichtet zu reden.“
Stawrogin blieb vor Verwunderung sogar mitten auf der Straße stehen, nicht weit von einer Laterne. Pjotr Stepanowitsch hielt frech und ruhig seinen Blick aus. Stawrogin spie aus und ging weiter.
„Werden Sie denn reden?“ fragte er plötzlich Pjotr Stepanowitsch.
„Nein, ich werde lieber zuhören, wenn Sie reden.“
„Der Teufel hole Sie! ... Aber Sie geben mir wirklich eine Idee!“
„Was für eine?“ Pjotr Stepanowitsch horchte sofort auf.
„Ich werde dort meinetwegen reden, aber dafür werde ich Sie dann nachher durchprügeln, aber gründlich.“
„Bei der Gelegenheit: ich habe vorhin Karmasinoff gesagt, Sie hätten einmal über ihn geäußert, daß man ihm kräftig Ruten geben müßte, und zwar nicht um der Ehre willen, sondern einfach, wie man einen Burschen drischt, schmerzhaft.“
„Aber das habe ich doch nie gesagt, ha–ha!“
„Macht nichts. Se non è vero.“
„Nun, danke, besten Dank.“
„Aber wissen Sie, was dieser Karmasinoff noch sagte: daß unsere Lehre im Grunde genommen die Verneinung der Ehre ist, und daß man mit dem öffentlichen Recht auf Ehrlosigkeit einen Russen am leichtesten ködern kann.“
„Aber das ist ja eine ausgezeichnete Bemerkung! Ganz wunderbar!“ rief Stawrogin. „Da hat er wirklich den Nagel gerade auf den Kopf getroffen! Das Recht auf Ehrlosigkeit – aber dann laufen ja alle zu uns über, kein einziger bleibt dort! Übrigens hören Sie, Werchowenski, sind Sie nicht von der höheren Polizei?“
„Wer solche Fragen im Sinne hat, der spricht sie nicht aus.“
„Verstehe, aber wir sind ja jetzt unter uns.“
„Nein, vorläufig noch nicht von der höheren Polizei. Genug davon, wir sind schon angekommen. Komponieren Sie mal Ihre Physiognomie, Stawrogin. Ich tue das jedesmal, wenn ich bei diesen erscheine. Nur etwas mehr Finsterheit, und das ist alles, weiter braucht man nichts; sehr einfache Sache.“