Zweiter Teil. Der russische Nihilismus
E. K. Rahsin translation
Das Milieu (1873)
Mir scheint, daß das vorherrschende Gefühl aller Richter der Welt, der unseren aber im besonderen, das Gefühl der Macht sein muß, oder besser gesagt, der Eigenmacht. Um so bemerkenswerter ist es, daß sie heutzutage bei uns nie verurteilen, sondern ausnahmslos freisprechen. Freilich ist auch das ein Beweis ihrer Macht, sogar der Beweis eines übermäßigen Gebrauches ihrer Macht, jedoch nur in einer, weiß Gott, sentimentalen Richtung, die aber leider von allen eingehalten wird. Das ist eben das Auffallende, daß die Manie, um jeden Preis freizusprechen, nicht nur die Bauern unter den Geschworenen, die gestern noch Leibeigene waren, ergriffen hat, sondern sogar die Geschworenen aus den höchsten Ständen, selbst Edelleute und Universitätsprofessoren. Gerade diese Allgemeinheit der Manie kann einen auf seltsame Gedanken bringen.
Viele erklären sich das damit, daß es ihnen leid täte, ein fremdes Menschenleben zu vernichten. Das russische Volk sei mitleidig, sagen sie.
Sonderbar, ich habe immer geglaubt, daß zum Beispiel das englische Volk auch Mitleid empfindet, und wenn in ihm auch nicht diese, sagen wir, Weichherzigkeit zu finden ist, so hat es doch jedenfalls auch seine Menschenliebe. Das Bewußtsein und das Gefühl der christlichen Pflicht ist bei den Engländern in hohem Maße vorhanden, ist bis zur festen und selbständigen Überzeugung ausgebildet, vielleicht sogar ausgesprochener als bei uns, wenn man ihre alte Bildung und Selbständigkeit in Betracht zieht. Dort ist den Geschworenen die Macht doch nicht so wie den unsrigen plötzlich vom Himmel in den Schoß gefallen. Auch haben sie das ganze Geschworenengericht selbst geschaffen, haben es von niemandem entlehnt, sondern aus dem eigenen Leben in Jahrhunderten ausgearbeitet. Deshalb weiß dort jeder Geschworene, daß er, sobald er seinen Platz im Gerichtssaal eingenommen hat, nicht nur ein gefühlvoller Mensch mit einem guten Herzen ist, sondern in erster Linie Staatsbürger. Er ist sogar der Meinung (ob er recht hat, ist eine andere Frage), daß die Erfüllung einer Bürgerpflicht wertvoller ist als die christliche Herzenstat eines Menschen. Der englische Geschworene weiß, daß er im Gerichtssaal aufhört, eine Privatperson zu sein, daß er dort nur der Vertreter der öffentlichen Meinung seines Landes ist und die Fahne Englands hochzuhalten hat. Die Fähigkeit, ein Staatsbürger zu sein, ist doch nichts anderes, als die Fähigkeit, in sich den Vertreter seines ganzen Landes zu sehen. Auch in England kennt man Nachsicht im Urteil, auch dort berücksichtigt man das „zersetzende Milieu“ (das bei uns jetzt so beliebte Schlagwort), aber es geschieht das doch nur bis zu einer gewissen Grenze, nur soweit es die gesunde Vernunft des Landes zuläßt. Deshalb wird im alten England das Laster nicht Tugend genannt, sondern bleibt Laster und das Verbrechen – Verbrechen, und die sittliche Grundlage des Landes bleibt deshalb nicht minder fest bestehen.
Hier höre ich eine Stimme einwenden: „Aber woher soll es denn auch bei uns Bürger geben? bedenken Sie doch nur, was wir noch gestern waren! Unsere Bürgerrechte (und dazu noch was für welche!), die haben uns doch, unvorbereitet wie wir waren, einfach überfallen und ruhen nun auf uns wie eine Last, die uns fast erdrückt!“
„Freilich, in Ihrer Bemerkung liegt schon etwas Wahres, aber andererseits, das russische Volk ...“
„Das russische Volk?“ unterbricht mich eine andere Stimme. „Aber, erlauben Sie, wer kennt von uns denn das russische Volk? Ich glaube, daß hier nicht nur Weichherzigkeit freispricht, sondern das Grauen vor der Macht selbst! Diese plötzliche furchtbare Macht über ein Menschenschicksal hat uns erschreckt, und bevor wir uns zu Ihren englischen Bürgern ausbilden, sprechen wir eben vorläufig frei. Aus Angst sprechen wir frei. Unsere Geschworenen denken vielleicht bei sich: ‚Sind wir denn besser als der Angeklagte? Wir sind reich und sichergestellt, aber wenn wir in seiner Lage gewesen wären, wer weiß, ob wir nicht noch Schlimmeres getan hätten als er?‘ – und deshalb sprechen sie frei. Aber das ist vielleicht doch ein Wert, vielleicht ein Unterpfand eines höheren Christentums der Zukunft, eines geistigen Ausdrucks, wie die Welt bisher noch keinen ähnlichen gekannt hat!“
Dieser Gedanke wäre allerdings beruhigend, aber ... weshalb hat denn unser Volk dieses Grauen vor der Macht? Spricht es frei, weil es sich vor dem Mitleid mit dem Verurteilten, vor dem Schmerz des Mitleids fürchtet? – Nun, so nehme man doch den Schmerz auf sich. Die Wahrheit steht höher als Mitleid.
Allerdings, wenn wir uns mitunter wirklich selbst für schlechter halten als den Verbrecher, so geben wir doch damit zu, daß wir zur Hälfte an seinem Verbrechen mit schuld sind. Denn wir sagen uns, wenn wir selbst besser wären, so würde auch er besser sein und jetzt nicht als Angeklagter vor uns stehen ...
Aber muß man ihn deshalb freisprechen?
Nein, im Gegenteil: gerade deshalb muß man die Wahrheit aussprechen und das Böse – das Böse nennen, doch die Hälfte der Last des Urteils auf sich nehmen. Wir müssen den Gerichtssaal mit dem Gedanken betreten, daß auch uns Schuld trifft, und eben dieser Schmerz des Mitleids, den jetzt alle so fürchten und mit dem wir den Saal nach einer Verurteilung verlassen, wird unsere Strafe sein. Wenn dieser Schmerz echt und tief ist, so wird er uns besser machen, und nur wenn wir selbst besser werden, machen wir das Milieu besser. Das ist es ja, daß man überhaupt nur auf diese Weise das Milieu verbessern kann. Aber so aus Angst vor dem eigenen Mitgefühl freisprechen – das ist nicht schwer, nur käme man auf diesem Wege bald zu der Folgerung, daß es Verbrechen überhaupt nicht gebe, sondern an allem bloß das Milieu schuld sei, und schließlich – wenn wir folgerichtig weitergehen –, daß Verbrechen sogar Pflicht sei, oder doch ein edler Protest gegen die herrschende Ungerechtigkeit. Dazu führt die Lehre vom Milieu, im Gegensatz zur christlichen Lehre, die, obgleich sie den Einfluß des Milieus durchaus anerkennt und Barmherzigkeit predigt, dennoch den Kampf gegen das Milieu als sittliche Pflicht des Menschen aufstellt und dabei scharf abgrenzt, wo das Milieu aufhört und die Pflicht anfängt.
Indem das Christentum den Menschen verantwortlich macht, erkennt es seine Freiheit an. Wenn man den Menschen von jedem Fehler der gesellschaftlichen Einrichtung für abhängig erklärt, wie es die Lehre vom Milieu tut, so führt man den Menschen zur vollständigen Unpersönlichkeit und entbindet ihn von jeder persönlichen sittlichen Pflicht, von jeder Selbständigkeit, und bringt ihn somit in die größte Knechtschaft, die man sich nur denken kann.
„Ja, aber,“ höre ich jemandes ironische Stimme einwenden, „glauben Sie denn, daß diese freisprechenden zwölf Geschworenen, die mitunter ausnahmslos Bauern sind, auch nur eine Ahnung von Ihrer neuesten Milieutheorie haben, die Sie ihnen da unterschieben?“
„Hm, ja ... freilich, wie sollten sie dazu kommen, d. h. alle die Vielen ... Aber Ideen ... Ideen liegen doch in der Luft, Ideen sind doch ansteckend ...“
„Na, das fehlte noch!“ lacht die ironische Stimme.
„Aber wie ... wenn gerade unser Volk ganz besonders zur Lehre vom Milieu neigte, schon seinem Wesen nach, sagen wir meinetwegen infolge seiner slawischen Veranlagung? Wie, wenn gerade unser Volk das beste Material für gewisse europäische Propaganda wäre?“
Die höhnische Stimme lacht noch lauter, aber das Lachen klingt etwas gezwungen.
Nein, es scheint mir doch, daß es sich hier vorläufig nicht um eine „Philosophie des Milieus“ handelt.
Es ist wahr, schon seit Jahrhunderten nennt unser Volk die Verurteilten „Unglückliche“. Was will es damit ausdrücken? – die christliche Auffassung oder die Auffassung des Milieus? Hier liegt der springende Punkt, gerade hier konnte die Propaganda mit Erfolg einsetzen!
Es gibt unausgesprochene, unbewußte und nur intensiv gefühlte Ideen, die mit der Menschenseele gleichsam verwachsen sind. Sie existieren sowohl im einzelnen Volk, wie in der ganzen Menschheit. Solange diese Ideen noch unbewußt dem Volksleben zugrunde liegen und erst nur stark und sicher empfunden werden, nur so lange kann das Volk ein starkes und lebendiges Leben führen. Im Bestreben, diese in sich verborgenen Ideen zum Ausdruck zu bringen, liegt die ganze Energie seines Lebens. Je unerschütterlicher das Volk seine Idee bewahrt, je weniger es fähig ist, von seinem anfänglichen Gefühl abzuweichen, je weniger es geneigt ist, sich falschen Deutungen dieser Idee hinzugeben, um so kraftvoller und glücklicher wird es sein.
Ein Teil der Idee des russischen Volkes kommt nun zweifellos in der Tatsache zum Ausdruck, daß es die Verbrecher „Unglückliche“ nennt. Kein europäisches Volk hat je etwas Ähnliches geäußert, erst jetzt beginnen in Europa einzelne Philosophen für diese Auffassung einzutreten; unser Volk aber hat sie schon vor Jahrhunderten ausgesprochen. Doch daraus folgt noch nicht, daß es nicht durch eine falsche Auslegung dieser Idee irregeführt werden könnte, wenigstens zeitweilig.
Meiner Ansicht nach will das russische Volk mit der Bezeichnung „Unglückliche“ den Verbrechern sagen: „Ihr habt gesündigt und büßt dafür, aber auch wir sind Sünder. Wären wir besser, so würdet ihr vielleicht nicht in den Gefängnissen sitzen. Mit der Strafe für eure Verbrechen tragt ihr auch die Last der allgemeinen Ungerechtigkeit. Betet für uns, wie wir für euch beten, und nehmt unser Almosen, das wir euch geben, damit ihr seht und wißt, daß wir euer gedenken und unsere brüderlichen Bande mit euch nicht zerrissen haben.“ Doch niemals hat das Volk deshalb aufgehört, einen Verbrecher für schuldig zu halten. Es wäre auch das größte Unglück für uns, wenn das Volk dem Verbrecher sagen würde: „Du bist unschuldig, denn es gibt kein Verbrechen.“ Und daß das Volk noch so denkt, das ist unsere Hoffnung, ist der Grund, weshalb wir unseren Glauben an unsere Zukunft nicht aufzugeben brauchen.
Ich habe im Zuchthaus unter vielen Verbrechern gelebt, doch habe ich unter ihnen nicht einen gesehen, der sich nicht selbst für einen Verbrecher gehalten hätte. Niemand sprach von seinem Verbrechen. Niemand murrte wider seine Strafe. Wenn einmal ein Neuling mit seiner verbrecherischen Tat prahlen wollte, so erteilten ihm alle Sträflinge einstimmig einen barschen Verweis. Man sprach einfach nicht von seinem Verbrechen. Doch sicherlich gab es nicht Einen unter ihnen, dem eine lange Zeit seelischen Leidens, reinigender und aufrichtender Reue erspart geblieben war. Ich habe sie einsam grübeln, habe sie in der Kirche beten gesehn, habe manches vielverratende Wort gehört und erinnere mich noch des Ausdrucks ihrer Gesichter, – oh, man glaube mir, da war nicht einer unter ihnen, der sich in seiner Seele schuldlos gefühlt hätte!
Ich möchte nicht, daß meine Worte als Ausdruck von Grausamkeit aufgefaßt werden, wenn ich behaupte, daß nur durch strenge Bestrafung, durch Gefängnis und Zwangsarbeit die Hälfte aller Verbrecher gerettet werden kann. Die Strafe bedrückt nicht, wie man meint, sondern erleichtert. Selbstreinigung durch Leid ist leichter, leichter als das Los, welches man ihnen bereitet, wenn man sie vollkommen freispricht. Man nimmt ihnen damit nur die Möglichkeit, sich zu bessern, und pflanzt in ihre Seele Zynismus, läßt in ihnen eine verfängliche Frage offen und ruft ihren Spott über die Richter hervor. Man erreicht damit nur, daß der Verbrecher selbst irre wird an den Dingen. „Freilich,“ wird er sich sagen, „sie haben ja recht mit dem Freispruch; wenn ich in Not war, wie sollte ich da nicht stehlen?“ Die Hauptsache aber ist, daß dadurch der Glaube an die Gerechtigkeit und die Volkswahrheit erschüttert wird.
In den letzten Jahren, die ich im Auslande verbrachte, hat mir oft das Herz geschmerzt, wenn ich dort unsere Emigranten und Absentisten sah, deren Kinder die Muttersprache kaum verstanden oder schon verlernt hatten. Aber bisweilen, wenn ich den Lesesaal nach der Lektüre unserer Zeitungen verließ, konnte ich – bei Gott, meine Herren – unsere Absentisten verstehen. Mein Herz krampfte sich zusammen, wenn ich las, wie das in Rußland neueingeführte Geschworenengericht sich „bewährte“! Es wurde nur freigesprochen – eine Frau, die ihren Mann erschossen, ein Jüngling, der die Kasse bestohlen, um seine Geliebte zu bezahlen, ein Bauer, der sein Weib solange und so grausam mißhandelt hatte, bis das Weib sich erhängte – kurz, sie wurden alle für unschuldig erklärt. Und wenn das noch wenigstens Menschen gewesen wären, die ein besonderes Mitleid oder Nachsicht verdient hätten! Aber nein!! Deshalb konnte ich mir auch den Grund des Freispruchs nie erklären. Der Eindruck war bedrückend, nahezu beleidigend. In diesen bösen Augenblicken erschien mir Rußland bisweilen wie ein Sumpf, ein Moor, auf dem sich’s jemand hat einfallen lassen, einen Palast zu bauen. Von oben gesehen ist der Boden scheinbar fest und glatt, in Wirklichkeit aber ist er wie ein Brei. Tritt man auf ihn, so versinkt man in eine bodenlose Tiefe. Ich machte mir heftige Vorwürfe wegen meines Kleinmuts und tröstete mich damit, daß ich mich als Kritiker aus der Ferne immerhin täuschen konnte.
Doch jetzt bin ich wieder in Rußland ...
„Ja, sprechen sie überhaupt aus Mitleid frei?“ – das ist nun die Frage! Lachen sie nicht darüber, daß ich ihr eine solche Bedeutung zuschreibe. „Mitleid“ ist doch immerhin noch irgendwie zu erklären, es läßt wenigstens die eine oder andere Deutung zu. Wenn es aber nun nicht Mitleid ist?
Dann steht man wie vor einer Finsternis, in der irgendein Wahnsinniger lebt.
Der Büßer (1873)
In unseren russischen Klöstern gibt es, wie man weiß, auch jetzt noch unter den Mönchen manche Asketen und Heilige, Beichtväter und Ratgeber. Ob das nun gut oder schlecht ist, ob man der Mönche bedarf oder nicht – diese Frage wollen wir hier nicht erörtern. Es soll zwar nicht zeitgemäß sein, von Mönchen zu reden, doch können wir nicht umhin, es hier trotzdem zu tun, da das Folgende ein Mönch erzählt hat. Diese Beichtväter und Ratgeber sind bisweilen hochgebildete Menschen, Menschen mit einem tiefen Verstande. Wenigstens wird so von ihnen berichtet, ich kenne sie nicht. Einige von ihnen, sagt man, seien in ganz Rußland bekannt, und aus den fernsten Gegenden kämen die Menschen zu ihnen, oft sogar zu Fuß aus Archangelsk, aus Sibirien, aus dem Kaukasus. Wer zu ihnen kommt, den treibt eine Verzweiflung, mit der die eigene Seele nicht mehr kämpfen kann, oder auf dem Gewissen dieser Menschen ruht eine so furchtbare Schuld, daß sie mit ihrem Geistlichen in der Heimat nicht darüber sprechen mögen – nicht aus Angst oder Mißtrauen, sondern weil die Verzweiflung ihnen jeden Glauben an eine Vergebung ihrer Sünde genommen hat. Hören sie dann zufällig von einem solchen fernen, trostspendenden Beichtvater, dann machen sie sich auf und pilgern zu ihm.
So hat nun einer von diesen Mönchen in einem Gespräch unter vier Augen seinem Zuhörer folgendes erzählt:
„Schon seit zwanzig Jahren höre ich Beichten, und, werden Sie es mir glauben, in zwanzig Jahren lernt man so viele verborgene Krankheiten der Menschenseele kennen, daß einen, wie man meinen sollte, nichts mehr wunder nehmen könnte. Und dennoch kommt es vor, daß man selbst nach zwanzig Jahren erschauert beim Anhören manch einer Schuld. Man verliert die Gemütsruhe, die erforderlich ist, um dem Verzweifelten Trost geben zu können, und man muß sich selber zu Demut und Vertrauen zwingen.“
Und hierauf hat er folgende unglaubliche Geschichte aus dem Volksleben erzählt:
... Ich sehe, ein Bauer kommt auf den Knien zu mir gekrochen. Ich hatte schon vom Fenster her gesehen, wie er draußen auf der Erde kriechend näher kam. Sein erstes Wort zu mir war:
„Für mich gibt es keine Rettung mehr: bin verdammt! Was du auch sagst, ich weiß: ich bin verdammt!“
Ich versuchte, ihn einigermaßen zu beruhigen. Ich sah, daß der Mensch weither gekommen war, weil es ihn nach Strafe und Leiden für sein Vergehen verlangte.
„Wir kamen im Dorf mehrere Burschen zusammen,“ begann er, „und da fingen wir an unter uns zu streiten, wer den anderen in Frechheit überbieten könne. Ich prahlte, daß ich sie alle ausstechen würde. Da zog mich ein anderer Bursche beiseite und sagte mir unter vier Augen: ‚Hör mal, das kannst du nie und nimmer, was du da sagst. Du prahlst ja nur.‘“
„Ich wollte schon schwören, aber er unterbrach mich: ‚Nein, wart,‘ sagte er, ‚nicht so. Du schwöre mir bei deinem Seelenheil in jener Welt, daß du alles tun wirst, was ich dir sagen werde.‘“
„Ich schwor.“
„‚Gut,‘ sagte er. ‚Bald haben wir Fasten. Bereite dich zum Abendmahl vor. Die Hostie nimm, aber verschluck sie nicht. Wenn du dann aufstehst – tritt zur Seite, nimm sie aus dem Munde und behalt sie in der Hand. Das weitere werde ich dir dann sagen.‘“
„So tat ich auch. Aus der Küche führte er mich geradewegs in den Gemüsegarten. Nahm einen Pflock, stieß ihn in die Erde und sagte: ‚Leg’ hin!‘ Ich legte die Hostie auf den Pflock. ‚Jetzt geh und hol eine Flinte,‘ sagte er. Ich ging und holte sie. ‚Lad’ sie,‘ sagte er. Ich lud. ‚Ziele und schieß.‘ Ich erhob die Hand und zielte. Und da – wie der Schuß fiel, stand plötzlich vor mir das Kreuz mit dem Gekreuzigten. Da fiel ich bewußtlos hin ...“
Zugetragen hatte sich das schon mehrere Jahre vor der Beichte. Den Namen dieses Pilgers wie auch die Strafe, die er ihm auferlegt, hat der Pater natürlich nicht gesagt. Wahrscheinlich hat er die Seele dieses Menschen mit einer furchtbaren Buße belastet, vielleicht sogar mit einer, die fast über menschliche Kraft ging, in der Erwägung, daß, je schwerer die Strafe, sie um so eher das Gewissen erleichtern werde. „... weil es ihn doch nach Strafe und Leiden für sein Vergehen verlangte ...“
Dieser Fall verdient es entschieden, näher betrachtet zu werden, ja er ist sogar äußerst charakteristisch. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß das letzte Wort gerade diese Menschen aussprechen werden, diese reuigen oder auch nicht reuigen, bußfertigen oder unbußfertigen; sie werden es sagen und uns den neuen Weg weisen, den neuen Weg ins Freie aus allen unseren anscheinend vollkommen unlösbaren Problemen. Es wird doch nicht Petersburg unser russisches Schicksal endgültig entscheiden. Deshalb aber ist jeder, ja sogar jeder geringste neue Zug dieser „neuen Menschen“ unserer Aufmerksamkeit wert.
Erstens, was mich am meisten wundert, das ist der Anfang des Ganzen, die Möglichkeit eines solchen Streites und Wettkampfes in einem russischen Dorf: wer den anderen in Frechheit überbieten könne. Es ist das eine Tatsache, die auf furchtbar vieles hindeutet, und ich muß sagen, daß sie für mich eine sogar ganz unerwartete Erscheinung ist – ich habe doch genug Menschen aus dem Volk gesehen, sogar die charakteristischsten Verbrecher und Sträflinge.
Ferner ist die, sagen wir, krankhafte Seite des Vorfalls bemerkenswert. Halluzinationen sind eine vornehmlich krankhafte Erscheinung und zugleich hört man von dieser Krankheit nur sehr, sehr selten. Die Möglichkeit einer plötzlichen Halluzination bei einem, wenn auch sehr erregten, aber immerhin ganz gesunden Menschen ist an sich bisher vielleicht noch nicht vorgekommen. Doch das ist eine medizinische Frage, von der ich wenig verstehe.
Etwas ganz anderes ist es mit der psychologischen Seite des Falles. Da erscheinen vor uns zwei Charaktere, die in hohem Maße für das ganze russische Volk typisch sind! Da ist vor allen Dingen dieses Vergessen eines jeden Maßes bezeichnend (doch ist das, wohlgemerkt, fast immer nur eine zeitweilige Erscheinung, gleichsam eine vorübergehende Anfechtung). Da ist dieses Bedürfnis, über das Maß hinauszugreifen, das Bedürfnis nach herzbeklemmenden Empfindungen, das Verlangen, an einen Abgrund heranzugehen, sich mit dem halben Körper schon über den Rand zu beugen, in die schaudervolle Tiefe zu blicken und – sehr oft oder wenigstens in nicht seltenen Fällen – sich wie ein Wahnsinniger mit dem Kopf voran in die Tiefe zu stürzen. Das ist das Verneinungsbedürfnis im russischen Menschen, bisweilen sogar in einem durchaus nicht verneinenden, sondern in einem ehrfürchtig alles bejahenden Menschen – die Verneinung von allem, selbst des größten Heiligtums des eigenen Herzens, seines höchsten Ideals, des ganzen Volksheiligtums, vor dem er soeben noch ehrfurchtsvoll gekniet, das aber dann plötzlich gleichsam zu einer unerträglichen Last für ihn wird. Auffallend ist dabei namentlich jene Hast, jener unbezwingbare Drang, in dem der Russe sich in manchen Augenblicken seines eigenen oder des ganzen Volkslebens zu äußern beeilt, wenn der Augenblick einer von jenen ist, die den Charakter des Menschen herausfordern – gleichviel ob es in einer guten oder in einer unflätigen Tat geschieht. Mitunter gibt es für ihn dann überhaupt keine Schranken mehr. Was es auch sei, Liebe, Wein, Eigenliebe, Neid oder die tolle Stimmung eines Gelages – da gibt sich mancher Russe rückhaltlos dem Augenblick hin, ist imstande, alles zu zerreißen, zu vernichten, von allem sich loszusagen, von der Familie, von den Sitten, von Gott. Manch ein herzensguter Mensch kann plötzlich zum Tier und Verbrecher werden, wenn er einmal in diesen Wirbel hineingerät – in diesen für uns verhängnisvollen Wirbel momentaner, konvulsivischer Selbstverneinung und Selbstzerstörung, die dem russischen Volkscharakter seit jeher zu seinem Verhängnis eigen sind. Aber mit ebensolcher Kraft, mit ebenso großem Ungestüm im Verlangen nach Selbsterhaltung und Buße versteht es das ganze Volk, wie auch der einzelne Russe, sich selber wieder zu retten, und er rettet sich gewöhnlich gerade in dem Augenblick, wenn er schon bei der letzten Grenze angelangt ist, d. h. wenn er nirgendwohin mehr weitergehen kann. Doch besonders bezeichnend ist es, daß der Rückschlag – der die Wiederherstellung, die Rettung zur Folge hat – immer ernster ist als der erste Stoß, der ihn zur Verneinung und Selbstvernichtung treibt. Jene erste Anwandlung ist eben immer eine Art Kleinmut oder eine Laune, während der Rückschlag mit der Wiederherstellung und Rettung aus eigener Kraft immer etwas Großes ist: und ihm gibt sich der russische Mensch mit der größten, gewaltigsten und ernstesten Anstrengung hin und blickt dann auf seine frühere Verneinung mit Selbstverachtung zurück.
Ich glaube, das hauptsächlichste, das ursprünglichste geistige Bedürfnis des russischen Volkes ist das Bedürfnis zu leiden, ewig und unersättlich, überall und in allem. Dies Lechzen nach Leid hat es, wie mir scheint, schon von jeher in sich gehabt. Wie ein leidtragender Strom zieht es durch seine ganze Geschichte, und zwar nicht nur in Gestalt äußeren Unglücks und verschiedener Heimsuchungen, vielmehr entspringt seine Quelle dem lebendigen Herzen des Volkes. Sogar im Glück des Russen, sowohl des einzelnen wie des ganzen Volkes, ist unbedingt ein Teil Leid enthalten, anderenfalls ist für ihn das Glück nicht vollständig. Niemals, nicht einmal in den Stunden der größten Triumphe, die seine Geschichte kennt, hat das russische Volk ein stolzes oder triumphierendes Aussehen, sondern nur ein, bis zum Leid ergriffenes; es atmet wohl auf, aber den Ruhm schreibt es der Gnade Gottes zu. Im Leid findet das russische Volk gleichsam einen Genuß. Und was vom ganzen Volk gilt, gilt auch vom einzelnen Russen, natürlich nur im allgemeinen gesprochen. Man betrachte z. B. die zahlreichen Typen des randalierenden Russen. Es ist bei ihm nicht nur übermäßige Ausgelassenheit, deren Schrankenlosigkeit oder Frechheit einen wundernimmt oder einen durch die Tiefe des Falles einer Menschenseele anwidert. Dieser widerliche Mensch ist in erster Linie selber ein Märtyrer. Eine naiv triumphierende Selbstzufriedenheit, eine satte Gespreiztheit ist einem Russen nie eigen, nicht einmal einem dummen. Man vergleiche einen russischen Betrunkenen mit – nun, meinetwegen mit einem deutschen: der betrunkene Russe ist vielleicht gemeiner als der betrunkene Deutsche, doch ist dieser zweifellos dümmer und komischer als der Russe. Die Deutschen sind ein vornehmlich selbstzufriedenes, auf sich stolzes Volk. Im betrunkenen Deutschen pflegen nun diese Grundzüge des Volkscharakters an Ausgeprägtheit proportional dem Quantum des getrunkenen Bieres zuzunehmen. Der betrunkene Deutsche ist ein zweifellos glücklicher Mensch und denkt nicht daran, zu weinen; statt dessen singt er selbstgefällige Lieder und ist stolz. Er kommt stocksteif besoffen nach Haus, aber er ist dabei stolz! Der russische Trinker dagegen trinkt gewöhnlich aus Leid und weint nachher. Oder wenn er auch großtut, so ist das doch kein Triumphieren, sondern nur ein Randalieren. In der Regel fällt ihm dann irgendeine ihm widerfahrene Kränkung ein und er fängt an, dem Beleidiger, gleichviel, ob dieser zugegen ist oder nicht, bittere Vorwürfe zu machen. Schließlich beweist er ihm mit Nachdruck, daß er womöglich ein General sei, schimpft dabei aufrichtig, wenn man ihm nicht glaubt, bis er zu guter Letzt, um alle zu überzeugen, unbedingt nach der Polizei schreit. Aber er ist ja nur deshalb so, ruft auch nur deshalb nach der Polizei, weil er in den geheimsten Tiefen seiner betrunkenen Seele nur zu gut weiß, daß er ganz und gar kein General, sondern nur ein ekelhafter Säufer und tiefer gesunken ist als das niedrigste Vieh. Was wir hier im mikroskopischen Beispiel sehen, sehen wir auch im großen Ganzen. Selbst der größte Schandkerl, der fast schön ist in seiner Frechheit, in seiner eleganten Lasterhaftigkeit, so daß ihn die Dummköpfe sogar nachäffen, selbst dieser fühlt in den verborgensten Tiefen seiner verderbten Seele, daß er doch nur ein Nichtswürdiger ist. Er ist unzufrieden mit sich, die bittere Selbsterkenntnis nagt an seinem Herzen, und dafür rächt er sich an den anderen. Er martert sich, er tobt gegen sich und alles Gute in ihm und um ihn, bis er, unter ständigem Kampf gegen den in seinem Herzen sich ansammelnden Schmerz und doch zugleich sich wie daran berauschend, diese letzte Grenze erreicht. Wenn er aber dann, schon über dem Abgrund hängend, sich doch noch aufzurichten vermag, so straft er sich selbst am grausamsten, straft er sich mehr als andere es je könnten.
Was trieb diese Burschen in den Streit: „Wer den anderen an Frechheit überbieten könne?“ Und warum wählte der Bursche gerade diese Tat zur Prüfung der Vermessenheit des anderen? Er hätte doch auch eine andere Tat wählen können, etwa die Ermordung einer hochgestellten Persönlichkeit oder sonst einen ganz besonderen Mord, denn der Bursche hatte doch geschworen, daß er „zu allem“ bereit sei, und sein Versucher wußte, daß er tatsächlich „alles“ tun werde, was er von ihm als Beweis seiner Vermessenheit verlangte. Doch nein! Selbst die schrecklichsten Verbrechen scheinen dem Versucher nicht schrecklich genug zu sein. Er denkt sich etwas noch nie Dagewesenes, etwas Unerhörtes aus, woran noch nie jemand gedacht hat! Doch das, daß er gerade in dieser Tat das Unerhörteste, das Vermessenste sah, gerade das verrät die ganze Weltanschauung unseres Volkes!
Ich sagte – „woran noch nie jemand gedacht hat“. Ist es so? Nein, denn alles beweist, daß er sich schon lange mit diesem Gedanken beschäftigt haben muß. Vielleicht war schon in seiner Kindheit dieser Traum in seine Seele gekrochen, hatte sie mit Schrecken erfüllt und gequält – und diese Qual war für ihn vielleicht zum Genuß geworden. Er hatte sich das alles vielleicht schon lange zuvor ausgedacht – die Flinte, die Hostie – und nur als tiefstes Geheimnis in sich bewahrt. Selbst hätte er es vielleicht nicht zu tun gewagt, er spielte nur mit dieser Vorstellung, die ihm gefiel, die ihn verführte, der er nachgab. Eine Sekunde lang unerhörteste Vermessenheit – und wenn’s die Seele kostet! – doch dafür eine Sekunde über diesem Abgrund! Natürlich glaubte der Bursche, daß er für diese Tat ewig verdammt sein werde, aber – das Wagnis war doch zu verführerisch.
Man kann vieles unbewußt wissen, indem man es nur fühlt, aber nicht weiß. Jedenfalls ist dieser Verführer ein interessantes Seelenproblem, und dabei nicht zu vergessen, daß er ein Bauer war, unter Bauern lebte! Gerade das ist es, was einen am meisten überrascht. Auch wäre es interessant, zu erfahren, ob er, der Verführer, sich für schuldiger hielt als sein Opfer. Es ist anzunehmen, daß er es tat, oder wenigstens wird er sich für ebenso schuldig betrachtet haben – so daß er, als er den anderen Burschen herausforderte, zugleich sich selbst herausforderte.
Man sagt, das russische Volk kenne kaum das Evangelium, kenne nicht einmal die Grundlehren seines Glaubens. Mag sein, doch dafür kennt es Christus und trägt ihn seit jeher im Herzen. Das ist über jeden Zweifel erhaben! Wie aber eine richtige Auffassung von Christus ohne vorhergegangenen Religionsunterricht möglich ist, das ist eine andere Frage?! Jedenfalls hat das Volk dieses Gefühl für Christus von Generation zu Generation vererbt, und so ist es gleichsam eins geworden mit seinem Herzen. Vielleicht ist Christus die einzige Liebe des russischen Volkes, das ihn eben auf seine Art liebt, d. h. bis zur Qual. Deshalb ist ihm auch die liebste seiner Benennungen „das rechtgläubige Volk“, wie es sich denn vor allen anderen Völkern auf die richtigste Weise zu Christus bekennt. Es ist zugleich das einzige, worauf unser Volk stolz ist. Ich wiederhole – man kann vieles unbewußt wissen.
Und nun: gerade an diesem Volksheiligtum sich zu versündigen, mit der ganzen Überlieferung, mit der ganzen Umgebung, mit der Erde selbst, mit allen und allem zu brechen und sich selbst unrettbar, auf ewig ins Verderben zu stürzen für diesen einen Augenblick des Triumphes und Stolzes – nein, eine größere Versuchung hätte der russische Mephisto wahrlich nicht ersinnen können! Schon die bloße Möglichkeit so dunkler, geheimnisvoller und vielverschlungener Regungen in der Seele eines einfachen Bauern macht einen stutzig! Und dabei nicht zu vergessen, daß sich das alles in diesem Burschen doch fast bis zur bewußten Idee entwickelt hatte.
Ein anderes ist folgendes. Menschen können freilich bis zum Tierischen gefühllos sein, doch hier handelt es sich nicht um Gefühllosigkeit, sondern um etwas ganz Besonderes: um den mystischen Schrecken, der die größte Macht über die Menschenseele hat. Daß es sich in diesem Fall tatsächlich um eine mystische Angst gehandelt hat, steht nach dem ganzen Verlauf der Begebenheit wohl außer Frage. Die starke Seele des Burschen konnte zunächst noch gegen diese Angst ankämpfen. Übrigens – war das ein Beweis von Stärke oder von ängstlichem Kleinmut? Vermutlich wird es sowohl das eine wie das andere gewesen sein: eine Mischung der Gegensätze. Diese mystische Angst hat dann den Kampf noch verlängert, indem sie vom Herzen des Sünders das natürliche Empfinden fernhielt. Das Gefühl der Angst ist grausam, es verhärtet das Herz und panzert es gegen jede weiche oder hochherzige Regung. So konnte der Bursch die Tat vollbringen. Doch warum erschlug der Gepeinigte nicht seinen Peiniger?
Das ist es eben, daß sowohl bei diesem wie bei jenem in der Tiefe der Seele dasselbe Gefühl gewesen sein muß, so daß sie beide eine gewisse höllische Lust am eigenen Verderben empfunden haben werden – als sie dem atemraubenden Verlangen nachgaben, sich über diesen Abgrund zu beugen – und einen gewissen erschütternden Genuß von ihrer eigenen Vermessenheit.
Und da – im Augenblick, als die Tat geschehen war – steht plötzlich die Erscheinung des Gekreuzigten vor ihm!
Sein Herz hatte ihn gerichtet. Warum nicht sein Bewußtsein, warum zeigte ihm nicht sein Verstand die ganze Kleinlichkeit der Tat, die er für Kühnheit gehalten hatte, warum erblickte er das Gericht in der Gestalt einer Erscheinung, die doch wie von außen vor ihn hintrat, gleichsam unabhängig von seinem Geist und Gewissen? Das zu erklären, wäre eine große psychologische Aufgabe. Doch für ihn, den Verbrecher, war es natürlich ein Wunder des Herrn. Als Büßer kroch er über die Erde im Verlangen nach Strafe.
Der andere aber, der Versucher? Von ihm hatte der Büßer nichts gesagt und wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist. Vielleicht kroch auch er auf den Knien, vielleicht aber ... blieb er im Dorf und lebt dort noch heute, trinkt und lacht und spottet an den Feiertagen nach wie vor. Die Erscheinung war ja nicht ihm erschienen! Oder? ... Es wäre doch sehr wesentlich, näheres auch über ihn zu erfahren, so – als Studienmaterial.
Ja, es wäre wesentlich. Denn man fragt sich doch unwillkürlich: wie aber, wenn dieser nun der unverfälschte Dorfnihilist war? der einheimische Verneiner und Denker, der an nichts glaubt, der sich mit hochmütigem Lächeln ein Versuchsobjekt aussucht, einer, der mit seinem Opfer weder Mitleid hat noch bei der Ausführung der Tat zittert, sondern mit kalter Beobachtungslust das Beben und Zittern seines Opfers verfolgt? einzig aus dem Verlangen heraus, fremde Qualen zu sehen, oder Menschen in der Erniedrigung, weiß der Teufel – vielleicht sogar zu einer Art von wissenschaftlicher Erforschung?
Wenn solche Züge sogar schon in unserem Volkscharakter vorhanden sind, unter den Landleuten – so ist das allerdings eine etwas überraschende Entdeckung. Früher hat man nie ähnliches vernommen.
Die Bedeutung dieses ganzen Vorfalls liegt darin, daß er nicht von einem Dichter erdacht ist, sondern daß sich tatsächlich alles so zugetragen hat: es dürfte wahrlich nicht müßig sein, einmal in die Seele unseres zeitgenössischen Büßers zu schauen. Unsere Büßer verändern sich schnell. Dort unten im Volk gärt es seit der Aufhebung der Leibeigenschaft ebenso wie oben in der Gesellschaft. Der Riese erwacht und dehnt seine Glieder; vielleicht will er zu toben anfangen, will schrankenlos sich ausleben ... Man sagt, er tue es bereits; man spricht von Räubern und Verbrechern, von Trunksucht, von betrunkenen Kindern, betrunkenen Müttern, von Zynismus, von Armut, Unredlichkeit, von Gottlosigkeit ... Doch erinnern wir uns dieses Büßers und seien wir voll Zuversicht: im letzten Augenblick wird sich die ganze Lüge – wenn hier wirklich Lüge ist – aus dem Herzen des Volkes herausreißen, und vor sich wird es eine überirdische Erscheinung sehen. Dann wird das Volk zu sich kommen und sich auf seine göttlichen Aufgaben besinnen. Jedenfalls wird es sich selbst retten, wenn es wirklich bis zum Rande des Verderbens mit ihm kommen sollte. Sich selbst und auch uns wird es retten, denn wieder sei es gesagt: das Licht und die Rettung werden von unten kommen.
Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft ist in der Tat die Periode Peters in der Geschichte Rußlands abgeschlossen: nun leben wir in der größten Ungewißheit ...
Selbstmord und Unsterblichkeit (1876)
„... In der Tat: welch ein Recht hatte diese Natur, mich in die Welt zu setzen, infolge dort irgendwelcher ewigen Naturgesetze? Ich bin mit Erkenntnisfähigkeit erschaffen und habe diese Natur erkannt: welches Recht hatte sie, mich ohne meinen Wunsch und Willen erkenntnisfähig zu erschaffen? Erkennend, folglich leidend, ich aber will nicht leiden – denn warum sollte ich einwilligen zu leiden? Die Natur spricht zu mir durch meine Erkenntnis von einer gewissen Harmonie innerhalb des Ganzen. Die menschliche Erkenntnis hat aus dieser Verkündung Religionen gemacht. Sie sagt mir, daß ich – obschon ich genau weiß, daß ich an der ‚Harmonie des Ganzen‘ nicht mitwirken kann und auch niemals mitwirken werde, ja überhaupt nicht begreifen werde, was sie denn nun eigentlich ist und bedeutet – sagt mir, daß ich mich aber dennoch dieser Verkündung unterwerfen, mich bescheiden, das Leid im Hinblick auf die Harmonie des Ganzen auf mich nehmen und zu leben einwilligen soll. Wenn man dagegen selbst und bewußt wählen könnte, so würde ich doch selbstverständlich lieber nur in dem kurzen Augenblick, den mein Leben währt, d. h. solange ich existiere, glücklich sein wollen, da doch das Ganze und seine Harmonie mich absolut nichts angehen, sobald ich aufhöre zu sein – gleichviel ob dieses Ganze nach meinem Tode mit seiner Harmonie erhalten bleibt oder ob es gleichzeitig mit mir zu existieren aufhört. Und wozu sollte ich mich so um seine Erhaltung nach meinem Tode sorgen? – das ist die Frage! Da wäre es doch besser, ich wäre wie alle Tiere erschaffen, d. h. lebend, jedoch ohne vernunftgemäße Erkenntnis – meine Erkenntnis ist ja nicht Harmonie, sondern ist Disharmonie, denn ich bin mit ihr unglücklich. Man betrachte nur einmal daraufhin die Menschen: wer ist denn glücklich in der Welt und was für Leute sind es denn, die widerspruchslos leben? – Gerade diejenigen, die den Tieren ähneln, die infolge der geringen Entwicklung ihres Bewußtseins dem Tier am nächsten stehen. Sie willigen gern ein, zu leben, aber gerade unter der Bedingung, wie Tiere zu leben, nämlich fürs Essen, Trinken, Schlafen, Nesterbauen und Kinder-in-die-Welt-Setzen. Essen, Trinken und Schlafen nach Menschenart heißt im allgemeinen erwerben und rauben, ein Nest einrichten aber schon unbedingt rauben. Man wird vielleicht einwenden, daß man sein Nest auch auf vernünftigen, wissenschaftlich einwandfreien sozialen Prinzipien aufbauen könne und durchaus nicht zu rauben brauche, wie es bisher der Fall war. Möglich, aber ich frage: ‚wozu? Wozu erwerben und bauen und sich soviel Mühe geben, um sich in der Gesellschaft der Menschen richtig, um sich vernünftig und sittlich, kurz – gerecht einzurichten?‘ Darauf vermag mir natürlich niemand eine Antwort zu geben. Alles, was man mir darauf antworten könnte, wäre: ‚um sich Genuß zu verschaffen.‘ Ja, wenn ich eine Blume oder eine Kuh wäre, dann gäbe es für mich vielleicht auch einen Genuß. Indem ich mir aber, wie jetzt, unaufhörlich Fragen vorlege, kann ich nicht glücklich sein, nicht einmal im höchsten und unmittelbarsten Glück der Liebe zum Nächsten und der Liebe der Menschheit zu mir, denn ich weiß, daß morgen schon alles dieses nicht mehr sein wird, sowohl ich wie dieses ganze Glück und die ganze Liebe und die ganze Menschheit – daß wir uns in ein Nichts verwandeln werden oder wieder in das anfängliche Urchaos. Unter einer solchen Bedingung aber kann ich um keinen Preis ein Glück annehmen – nicht aus Unlust, es anzunehmen, nicht aus Eigensinn um eines Prinzips willen, sondern einfach deshalb, weil ich weder glücklich sein kann noch werde, solange ich weiß, daß mich morgen das Nichtsein erwartet. Das ist eben eine Gefühlssache, ein ganz unmittelbares Gefühl, das ich nicht bewältigen kann. Nun gut, wenn ich allein sterben, und wenn dafür die Menschheit an meiner Statt ewig weiterleben würde, dann wäre ich vielleicht immerhin getröstet. Aber unser Planet ist doch nicht ewig und die Lebensdauer der ganzen Menschheit ist im Verhältnis zur Ewigkeit genau solch ein Augenblick wie mein Einzelleben. Und wie vernünftig, wie herrlich, wie gerecht und heilig die Menschheit auf Erden sich auch immer einrichtete – es wird morgen doch alles dieselbe Null sein. Und wenn das auch alles da aus irgendeinem Grunde notwendig ist, infolge irgendwelcher allmächtiger, ewiger und toter Naturgesetze, so ist doch, ich versichere Sie, in diesem Gedanken eine gewisse allertiefste Nichtachtung der Menschheit enthalten, die für mich tief beleidigend und um so unerträglicher ist, als es hier keinen Schuldigen gibt.
„Und schließlich, wenn man dieses Märchen von der endlich mal nach vernünftigen und wissenschaftlichen Grundsätzen eingerichteten Menschheit auf Erden als möglich annimmt und an seine dereinstige Verwirklichung glaubt, d. h. an das zukünftige Menschenglück auf Erden glaubt – so ist doch schon der bloße Gedanke, daß die Natur infolge irgendwelcher ihrer trägen Gesetze es nötig hatte, den Menschen Jahrtausende zu quälen, bevor sie ihn zu diesem Glück brachte, schon unerträglich und empörend. Jetzt füge man noch hinzu, daß dieselbe Natur, die dem Menschen endlich einmal ein Glück gewährt, all das morgen schon aus irgendeinem Grunde in eine Null verwandeln muß, ungeachtet aller Leiden, mit denen die Menschheit für dieses Glück gezahlt hat, und ohne mir und meiner Erkenntnis das zu verbergen, wie sie es einer Kuh verbirgt, – so kommt einem unwillkürlich ein äußerst spaßiger, aber auch unerträglich trauriger Gedanke: ‚Nun, wie, wenn der Mensch nur als ein unverschämter Versuch in die Welt gesetzt worden ist, nur um zu sehen, ob sich ein solches Wesen auf der Erde einleben kann oder nicht?‘ Das Traurige dieses Gedankens besteht hauptsächlich darin, daß es wiederum keinen Schuldigen gibt, es ist niemand da, der den Versuch anstellt, somit kann man niemanden verfluchen, denn es ist alles infolge toter Naturgesetze entstanden, die für mich vollkommen unbegreiflich sind und mit denen sich meine Erkenntnis unter keinen Umständen abfinden kann. Ergo:
„Da ich auf meine Fragen nach dem Glück durch meine eigene Erkenntnis von der Natur nur die Antwort erhalte, daß ich nicht anders als einzig in der Harmonie des Ganzen glücklich sein kann, ich aber diese Harmonie nicht verstehe und offenbar niemals zu verstehen imstande sein werde –
„Da die Natur mir nicht nur nicht das Recht abspricht, von ihr Rechenschaft zu fordern, sondern mir sogar überhaupt nicht antwortet – und das nicht deshalb, weil sie etwa nicht antworten will, sondern deshalb, weil sie nicht antworten kann –
„Da ich mich überzeugt habe, daß die Natur mir zum Beantworten meiner Fragen (mir unbewußt) mich selber bestimmt hat, und mir auf meine Fragen durch eine eigene Erkenntnis antwortet (denn ich sage mir das doch alles selbst) –
„Da ich bei einer solchen Einrichtung die Rolle sowohl des Klägers wie des Beklagten, des Richters wie des Angeklagten gleichzeitig auf mich nehme, diese Komödie von seiten der Natur aber so dumm finde und diese Komödie zu ertragen meinerseits sogar für erniedrigend halte –
„So verurteile ich in meiner fraglosen Eigenschaft als Richter und Kläger und Beklagter diese Natur, die mich so zeremonielos und unverschämt zum Leiden erschaffen hat – mit mir zusammen zur Vernichtung ... Da ich aber die Natur nicht vernichten kann, so vernichte ich mich allein, einzig weil es mich langweilt, eine Tyrannei zu ertragen, bei der es keinen Schuldigen gibt.“
Die Oktober-Nummer meines „Tagebuchs“ enthielt diese Beichte eines Selbstmörders, sein letztes Wort vor dem Tode, das er zur Rechtfertigung seiner Tat und vielleicht auch zur „Erbauung“ niedergeschrieben hatte. Einige meiner Freunde, deren Kritik ich sehr schätze, äußerten sich durchaus beifällig über diesen kleinen Aufsatz und meinten, es sei in ihm tatsächlich die Formel für diese Art Selbstmörder gefunden, ihr Wesen, ihr Gedankengang sei vollkommen klar ausgedrückt ... Nur eines flößte ihnen Bedenken ein: ob auch jeder Leser den Aufsatz richtig verstehen werde, oder ob man nicht eher das Gegenteil herauslesen könne? Auch ich hatte das schon während des Schreibens befürchtet, aber ich schämte mich, offen gestanden, in meinem Leser so viel Naivität vorauszusetzen, daß er die Absicht des Aufsatzes nicht durchschauen könne, da sie meines Erachtens doch so greifbar ersichtlich war. Leider war das ein Irrtum von mir. Denn kaum war diese Nummer des Tagebuchs erschienen, als ich sowohl schriftlich wie mündlich von Fremden und von Bekannten gefragt wurde, was dieser Aufsatz eigentlich zu bedeuten habe? „Was wollen Sie damit gesagt haben? Ist es möglich, daß Sie den Selbstmord verteidigen?“ lauteten die Fragen. Und nun erhielt ich noch aus Moskau die letzte Nummer einer Wochenschrift zugesandt, die eine mit „N. P.“ unterzeichnete, man kann sagen, „höflich schmähende“ Kritik meines kleinen Aufsatzes enthielt.
Als ich diese Kritik gelesen hatte, verlor ich nahezu allen Mut. Mein Gott, habe ich denn viele solcher Leser, und glaubt denn dieser Herr N. P., der da behauptet, mein Selbstmörder verdiene nicht das geringste Mitleid, daß ich ihm diesen Selbstmörder zum „bemitleiden“ vorgestellt habe? Die persönliche Auffassung des Herrn N. P. ist für mich natürlich nicht von solcher Bedeutung, daß ich sie widerlegen müßte, obschon Herr N. P. ein Typ zu sein scheint und wohl eine ganze Schar Gleichgesinnter hinter ihm steht – er ist nämlich der Typ einer ganz besonderen „unverfrorenen“ und radikalen Menschensorte, ist der Vertreter eben der „gußeisernen Begriffe“, von denen er in seiner Kritik ausgeht. Wenn ich trotzdem meinem vor zwei Monaten erschienenen Aufsatz eine Erklärung folgen lasse, so geschieht dies nicht wegen der Kritik des Herrn N. P., sondern weil ich schon vorher beschlossen hatte, es zu tun, – ich war ja bereits, und nur zu bald belehrt worden, daß ich meinen Gedanken noch erläutern und sogar breittreten mußte.
Meine Studie über den Selbstmörder bezieht sich auf die älteste und höchste Idee des Menschen: auf die Notwendigkeit des Glaubens an die Unsterblichkeit der Seele. Der Folgeschluß aus der Beichte dieses Selbstmörders, der durch „logischen Selbstmord“ umkommt, sollte sein: daß das Leben des Menschen ohne Glauben an seine Seele und ihre Unsterblichkeit unnatürlich, undenkbar und unerträglich ist. Und es schien mir allerdings, daß ich die Formel des logischen Selbstmörders gefunden und klar ausgedrückt hatte.
Der Glaube an die Unsterblichkeit ist für diesen Selbstmörder nicht vorhanden, was er gleich zu Anfang vorausschickt. Die Überzeugung von der Zwecklosigkeit seines Lebens und die Empörung über die Stummheit des ihn umgebenden Weltalls führen ihn allmählich und unvermeidlich zu der Überzeugung von der vollständigen Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins auf Erden. Es ist für ihn hiernach sonnenklar, daß nur diejenigen Menschen, die den Tieren am nächsten stehen, infolge der geringen Entwicklung ihres Bewußtseins und der großen Entwicklung ihrer rein physischen Bedürfnisse, einwilligen können, dieses Leben anzunehmen. Oh, er weiß, daß dieses rein körperliche Leben, essen, trinken, schlafen, Kinderzeugen und im Warmen sitzen, den Menschen noch lange an die Erde fesseln wird, wenn auch nicht in seinen höheren Typen. Dabei sind es aber gerade diese höheren Typen, die auf Erden herrschen und immer geherrscht haben, und denen, wenn die Zeit erfüllt war, die Millionen der anderen Menschen zu folgen pflegten. Was ist das nun, dieses höhere Wort und der höhere Gedanke? Dieses Wort, dieser Gedanke (ohne die das Leben der Menschheit undenkbar ist) wird sehr oft von ganz armen, unbeachteten, und sogar sehr oft verfolgten, in der Verbannung umgekommenen oder in Unbekanntheit dahingehenden Menschen zum erstenmal ausgesprochen. Doch der Gedanke selbst, das einmal von ihnen ausgesprochene Wort – die sterben nicht mit ihnen, sie verschwinden niemals spurlos und können auch gar nicht verschwinden, sobald sie einmal ausgesprochen sind ... Das aber ist fast das Erstaunlichste an der Menschheit! Der Gedanke eines Genies hat schon in der folgenden Generation oder in zwei bis drei Jahrzehnten alle und alles erfaßt und reißt alle und alles mit sich fort – und das Ergebnis ist, daß nicht die Millionen Menschen und nicht die anscheinend so unerschütterlichen und mächtigen materiellen Kräfte, nicht das Geld, nicht das Schwert, nicht die Gewalt, sondern der anfangs so unbeachtete Gedanke irgendeines äußerlich oft ganz unansehnlichen Menschen bleibt und herrscht. Herr N. P. schreibt in seiner Kritik, die Veröffentlichung einer solchen „Beichte“ in meinem Tagebuch sei ein „lächerlicher und bedauernswerter Anachronismus“ ... denn heute lebten wir „im Jahrhundert der gußeisernen Begriffe, im Jahrhundert der positiven Anschauungen, in einem Jahrhundert, dessen Parole lautet: leben um jeden Preis! ...“ (Sehr möglich! Das ist dann wohl auch der Grund, weshalb heutzutage die Selbstmorde unter den Intelligenten so häufig sind.) Ich kann aber dem verehrten Herrn N. P. und allen seinesgleichen versichern, daß dieses „Gußeisen“ sich vor mancher Idee, wie belanglos diese den Herren der „gußeisernen Begriffe“ anfangs auch erscheinen mag, wenn die Zeit kommt, in Staub verwandelt! Für mich persönlich ist eine der größten Befürchtungen für unsere Zukunft, und zwar schon für unsere nächste Zukunft, die Tatsache, daß einer besonderen, seltsamen ... nun sagen wir, Vorherbestimmung zufolge in einem großen, allzu großen Teil der russischen Intelligenz sich vollständiger Unglaube an die eigene Seele und ihre Unsterblichkeit zu verbreiten scheint, und zwar, wie mich dünkt, mit einer progressiv zunehmenden Schnelligkeit. Und nicht nur, daß dieser Unglaube sich aus Überzeugung ausbreiten wird (Überzeugung ist bei uns noch sehr wenig vorhanden), er äußert sich vielmehr, und zwar schon heute, in einem gewissen Indifferentismus zu der höchsten Idee des Menschseins, – in einem (bisweilen fast spöttischen und weiß Gott woher und nach welchen Gesetzen sich bei uns entwickelnden) Indifferentismus nicht nur zu dieser Idee, sondern überhaupt zu allem, was Leben ist, zur ganzen Lebenswahrheit, zu allem, was Leben gibt und nährt, was das Leben gesund erhält und der Fäulnis und Auflösung entgegenwirkt. Dieser Indifferentismus ist in unserer Zeit fast zu einer russischen Besonderheit geworden – im Vergleich mit den anderen europäischen Nationen. Er ist längst in die Familien der russischen Intelligenz eingedrungen und hat sie fast vollständig zerstört. Ohne eine höhere Idee aber kann weder ein Mensch noch eine Nation in der Welt bestehen. Auf Erden jedoch gibt es nur eine höhere Idee, und die ist: die Idee der Unsterblichkeit der Menschenseele – denn die übrigen „höheren“ Lebensideen haben alle ihren Ursprung nur in dieser einzigen Idee. Hierüber kann man mit mir streiten (d. h. über diese Einheit der Quelle alles Höheren auf Erden), doch ich übergehe das vorläufig und spreche meine Idee aus, ohne sie zu begründen. In kurzen Worten läßt sich nicht alles sagen, nach und nach kann man es besser erklären. Wir haben ja noch Zeit vor uns.
Mein Selbstmörder nun ist ein leidenschaftlicher Verfechter seiner Idee, d. h. der Notwendigkeit des Selbstmords, und nicht etwa ein indifferenter, nicht etwa ein „gußeiserner“ Herr. Er leidet, er quält sich tatsächlich, – wie mir scheint, habe ich das unmißverständlich ausgedrückt! Es ist für ihn nur zu ersichtlich, daß er nicht leben kann, und er weiß nur zu gut, daß er recht hat und daß es unmöglich ist, ihn zu widerlegen. Vor ihm stehen unbesiegbar die höchsten, die ersten Fragen: wozu soll der Mensch noch leben, wenn er bereits erkannt hat, daß tierisch zu leben für einen Menschen widerlich ist? unnatürlich, so zwecklos wie unzureichend? Was könnte ihn in solchem Fall da noch an die Erde fesseln? – Auf diese Fragen kann er keine Antwort erhalten, und das weiß er, denn wenn er auch erkannt hat, daß es, wie er sich ausdrückt, „eine Harmonie des Ganzen“ gibt, so sagt er sich doch, daß er sie nicht verstehen kann und niemals imstande sein wird, sie zu verstehen, und daß er nie an ihr teilnehmen werde. Gerade diese Klarheit ist es, die ihn umbringt. Wo liegt nun der Fehler, worin hat er sich geirrt? Der Fehler, meine ich, liegt einzig in dem Verlust des Glaubens an die Unsterblichkeit.
Doch er sucht ja selbst glühend (d. h. er suchte, als er noch lebte, und suchte mit Pein) nach Versöhnung. Er wollte sie in der Liebe zur ganzen Menschheit finden. „Wenn nicht ich, so könnte doch die Menschheit glücklich sein und irgendeinmal die Harmonie erreichen: dieser Gedanke könnte mich auf Erden zurückhalten,“ sagt er, und verrät sich. Denn dies ist doch wohl kein kleinlicher Gedanke, sondern verrät Großmut und Opferbereitschaft. Aber die unwiderlegbare Überzeugung, daß das Leben der ganzen Menschheit im Grunde genau solch ein Augenblick ist wie sein eigenes, und daß schon am nächsten Tage nach dem Eintritt der „Harmonie“ (wenn man an die Möglichkeit der Verwirklichung dieses Traumes überhaupt glaubt) die Menschheit sich genau so wie er in ein Nichts auflösen werde, kraft träger Naturgesetze, und noch dazu nach soviel Leid und Qual, die die Menschheit zur Verwirklichung dieses Traumes ausgestanden hat – dieser Gedanke bringt ihn um die letzte Versöhnungsmöglichkeit, denn sein Geist empört sich dagegen, empört sich gerade aus Liebe zur Menschheit. Er fühlt sich gekränkt für die ganze Menschheit, und dem Gesetz der Reflexion der Ideen zufolge – tötet das in ihm diese seine Liebe zur Menschheit. So geschieht es in Familien, die vor dem Hungertode stehn, daß die Eltern ihre Kinder, diese von ihnen am meisten geliebten Wesen, zu hassen anfangen, wenn die Qual dieser Kinder zu unerträglich wird – eben wegen der Unerträglichkeit ihrer Qualen. Ja ich behaupte sogar, daß die Erkenntnis ihrer vollkommenen Machtlosigkeit, ihrer Unfähigkeit, der leidenden Menschheit zu helfen, ihre Schmerzen, wenn auch nur ein wenig, zu lindern, während sie doch gleichzeitig von ihrem Leiden überzeugt sind, im Herzen der Menschen die Liebe zur Menschheit in Haß verwandeln kann. Die Herren der „gußeisernen Ideen“ werden das natürlich nicht glauben und natürlich auch gar nicht verstehen: für sie ist die Liebe zur Menschheit und deren Glück etwas so Wohlfeiles, da ist alles so billig und so bequem eingerichtet, so althergebracht, schon zu Urväterzeiten eingeführt und niedergeschrieben, daß es sich ihrer Meinung nach überhaupt nicht lohnt, darüber besonders nachzudenken. Doch ich hätte Lust, diese Herren noch ein wenig zu erheitern: daher behaupte ich denn (vorläufig wieder ohne zu begründen), daß die Liebe zur Menschheit sogar vollkommen undenkbar, unverständlich und unmöglich ist, ohne den Glauben an die Unsterblichkeit der Menschenseele. Diejenigen aber, die dem Menschen den Glauben an seine Unsterblichkeit nehmen und diesen Glauben durch die „Liebe zur Menschheit“ – im Sinne eines höheren Lebenszweckes – ersetzen wollen, die, sage ich, erheben ihre Hand gegen sich selbst; denn anstatt der Liebe zur Menschheit pflanzen sie in das Herz dessen, der den Glauben verloren hat, nur den Keim des Menschenhasses. Mögen die Weisen der gußeisernen Ideen über meine Behauptung meinetwegen die Achsel zucken! Dieser Gedanke ist weiser als ihre Weisheit, und ich glaube ohne zu zweifeln, daß er in der Menschheit einmal zu einer Aktion werden wird, obschon ich auch dieses ohne Begründungen ausspreche.
Ja ich behaupte sogar und wage auszusprechen: daß die Liebe zur Menschheit im allgemeinen und als Idee eine der für den Menschenverstand unfaßlichsten Ideen ist. Gerade als Idee! Nur das Gefühl kann sie rechtfertigen. Doch dieses Gefühl ist eben nur mit der gleichzeitigen Überzeugung von der Unsterblichkeit der Menschenseele möglich. (Auch dies ohne Begründungen.)
Das Ergebnis ist klar: daß der Selbstmord nach dem Verlust der Unsterblichkeitsidee zur unvermeidlichen, bedingungslosen Notwendigkeit für jeden Menschen wird, der in seiner Entwicklung auch nur ein wenig über dem Tier steht. Die Unsterblichkeit dagegen, die ein ewiges Leben verheißt, verbindet den Menschen um so mehr, um so fester mit der Erde. Hierin liegt scheinbar ein Widerspruch: wenn das Leben so lang ist, wenn es außer dem Leben hier auf Erden noch ein ewiges gibt, weshalb sollte einem dies Erdenleben dann noch so teuer sein? Das Ergebnis jedenfalls ist, daß der Mensch nur durch den Glauben an seine Unsterblichkeit seinen vernünftigen Zweck auf Erden erfaßt. Ohne Überzeugung von seiner Unsterblichkeit, lösen sich die den Menschen mit der Erde verbindenden Fäden, sie werden dünner und fangen an zu faulen, und der Verlust eines höheren Lebenssinnes (mag dieser auch nur in der Form einer ganz unbewußten Sehnsucht sich äußern) zieht zweifellos den Selbstmord nach sich. Hieraus folgt umgekehrt die Moral meines Aufsatzes: „Wenn die Überzeugung von der Unsterblichkeit für das Menschenleben so unentbehrlich ist, so ist sie folglich auch der normale Zustand der Menschheit ... Wenn dem aber so ist, dann muß diese Unsterblichkeit der Menschenseele zweifellos auch vorhanden sein.“
Mit einem Wort, die Unsterblichkeitsidee – das ist das Leben selbst, das lebendige Leben, seine endgültige Formel und der Hauptquell der Wahrheit und der richtigen Erkenntnis für die Menschheit. Das war und das ist der Sinn meines Aufsatzes, und ich nahm an, daß ein jeder, der ihn gelesen, sich über diesen seinen Sinn auch im klaren sein werde[35].