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Sämtliche Werke 12

Zur Einführung (continued 2)

E. K. Rahsin translation

Das letzte Jahrzehnt seines Lebens brachte Fjodor Michailowitsch in Petersburg zu, abgesehen von kürzeren Reisen nach Ems zu Kurzwecken und dem Sommeraufenthalt in Staraja Russa, wo sie seit 1872 nicht nur jeden Sommer, sondern auch den einen Winter verlebten, als Fjodor Michailowitsch seinen vierten großen Roman schrieb (1874/75). Im Frühling des Jahres 1876 kauften sie sich in Staraja Russa (im Gouvernement Novgorod, südlich vom Ilmen-See) ein Haus mit einem großen alten Garten. Im Juni des Jahres 1879 machte er mit Wladimir Ssolowjoff[8] eine Reise nach einem Kloster in der Nähe von Koselsk (im Gouvernement Kaluga), der Koselskaja Optina, wo er sich fast eine Woche aufhielt. Die Eindrücke dieser Reise sind in den „Brüdern Karamasoff“ wiedergegeben. So sehen wir denn, daß das Leben Fjodor Michailowitschs zu guter Letzt in vollkommen geregelten Verhältnissen verlief und aus einem mehr oder weniger unsteten ein seßhaftes wurde. Diese Besserung der Verhältnisse, die ihm eine gesündere Lebensweise und Freiheit in der Wahl seines Aufenthaltsortes gestattete, war hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß Anna Grigorjewna es auf sich nahm, im Selbstverlage Neuausgaben seiner früheren Werke zu machen, was sie im Jahre 1873 mit den „Dämonen“ begann. Fjodor Michailowitsch war nicht nur auf den geistigen Erfolg seines Schaffens aufrichtig stolz, er war auch stolz auf den materiellen Erfolg und freute sich, daß er seine Schulden bezahlen konnte und sich nicht mehr mit dem Gedanken zu quälen brauchte, daß seine Familie einst in Armut zurückbleiben werde. 1878 wandte er sich zum letztenmal mit der Bitte um Vorschuß an die Redaktion des „Russischen Boten“, die ihren Mitarbeiter so lange und bereitwillig mit großen und kleinen Vorschüssen unterstützt hatte. Später hatte er es nicht mehr nötig und konnte sogar ein kleines Kapital beiseite legen. Die Redaktion der „Vaterländischen Annalen“, in denen seine zwei letzten Romane erschienen, zahlte allein für den ersten Abdruck der „Jugend“ 250 Rubel pro Druckbogen, für den Abdruck der „Brüder Karamasoff“ 300 Rubel pro Druckbogen.

Im letzten Jahrzehnt seines Lebens trat er als Publizist nur in den Jahren 1873 und 1876/77 hervor. Die Redaktion des „Bürgers“ war ihm vom Fürsten W. Meschtscherski angeboten worden. Er erhielt für seine Tätigkeit 250 Rubel monatlich, außer dem Honorar für seine Artikel. Fürst Meschtscherski war ihm überaus zugetan und ließ sich gern von ihm beeinflussen. Wer diesen Jahrgang des „Bürger“ liest, wird sich alsbald überzeugen, wieviel Arbeit und Sorgfalt vom Redakteur auf ihn verwandt worden ist. Leider ist es mir nicht bekannt, aus welchen Gründen und Erwägungen Fjodor Michailowitsch die Redaktion später niederlegte.

„Das Tagebuch eines Schriftstellers“ erschien seit 1876. Es hatte einen Riesenerfolg und war tatsächlich ein glücklicher Gedanke, da es dem Bedürfnis und der Schreibweise Fjodor Michailowitschs durchaus entsprach. Jede Nummer enthielt eigentlich nur eine Reihe von Feuilletons, wenn man sich so ausdrücken kann, in denen er über die verschiedensten Tagesfragen, vornehmlich jedoch über politische, soziale und literarische Fragen schrieb. Ja man kann sagen, daß er in seinem „Tagebuch“ gewissermaßen seine eigene Biographie dieser Zeit geschrieben hat, denn er hat in ihm alles zur Sprache gebracht und erklärt, was ihn in jedem der zwölf Monate dieser Jahre beschäftigt, was er gedacht und gefühlt hat. Und nirgends, scheint es mir, drückt sich seine Energie und sein Mut so deutlich aus wie in diesem „Tagebuch“. Besonders setzte die Richtung dieser Zeitschrift die Leser in Erstaunen und riß sie schließlich mit. Diese Richtung widersprach aufs schärfste den Meinungen und Neigungen des Petersburger Publikums und war ein offensichtlicher Protest gegen die herrschende geistige Strömung. Es läßt sich denken, wie sehr sich alle diejenigen freuten, die mit den herrschenden Anschauungen unzufrieden waren und nirgends einen Protest oder die Vertretung der von ihnen geliebten Ideen fanden. Solcher gibt es viele bei uns, doch gehören sie nicht zu denen, die sich mit der Literatur befassen.

In den Jahren 1878, 79 und 80 unterließ Dostojewski aus Rücksicht auf seine Gesundheit und die Arbeit an seinem letzten Werk die Fortführung des „Tagebuchs“, obgleich zuletzt von jeder Nummer sechstausend Exemplare gedruckt worden waren und einzelne Nummern noch eine zweite und dritte Auflage erforderten.

Die Puschkinfeier (vom 6. bis 8. Juni 1880)

Als Zeuge des Sieges, den Fjodor Michailowitsch auf der Puschkinfeier in Moskau davontrug, will ich versuchen, den ganzen Vorgang, an dem ich leidenschaftlichen Anteil nahm, so gut ich kann, wiederzugeben. Da ich nur Zuschauer war, konnte ich das innere Drama, das sich während dieser Feier abspielte und dessen Hauptrolle Fjodor Michailowitsch zufiel, um so besser erkennen. Er war aus Staraja Russa, wo er den Sommer mit seiner Familie verbrachte, als einer der offiziellen Vertreter des slawischen Wohltätigkeitsvereins kurz vor der Hauptfeier, also bereits vor mir, in Moskau eingetroffen und hatte, wie ich später erfuhr, schon an einem Bankett teilgenommen, das von seinen Verehrern ihm zu Ehren gegeben worden war.

Als ich mich zur Feier aufmachte, erwartete ich, offen gestanden, nichts Gutes. Ich fürchtete viel Lärm, viel leeren Enthusiasmus, und es war sehr möglich, daß sich dabei nichts von Bedeutung ereignen würde. Zum Glück hatte ich mich diesmal getäuscht. Die Rede Dostojewskis gab der Feier einen Inhalt, der nach dem vergänglichen Feuerwerk des ganzen Festes wie ein harter glänzender Kristall bestehen blieb.

Nach der Enthüllung des Puschkindenkmals am 6. Juni, den Festlichkeiten der Moskauer Duma und der Universität, begann am 7. Juni im Adelssaal der literarische Teil der Puschkinfeier mit einer öffentlichen Versammlung der „Gesellschaft der Liebhaber russischer Literatur“. An diesem Tage sollten Turgenjeff und nach ihm Aksakoff ihre Reden halten, also zwei Vertreter der entgegengesetzten Richtungen. Doch da sich die Eröffnung mit allen Ansprachen usw. sehr lange hinzog, so konnte nur Turgenjeff noch zu Wort kommen. Seine Rede wurde selbstverständlich mit großem Beifall aufgenommen. Unter den Literaten aber entspann sich nachher ein lebhafter Streit über den Inhalt dieser Rede, und man äußerte den Wunsch, sie zu widerlegen oder wenigstens zu ergänzen. Anders war es auch nicht zu erwarten von einer „Gesellschaft“, zu der so viele Slawophile gehörten. Besonders war es aufgefallen, auf welche Stufe Turgenjeff Puschkin stellte. Er erkannte ihn zwar als volklichen, d. h. als selbständigen Dichter an, doch stellte er darauf noch die Frage: war Puschkin deshalb ein nationaler Dichter? Denn national könne man nach der Meinung des Redners nur den großen und universalen Dichter nennen. Erst wenn ein Dichter den Geist seines Volkes vollkommen ausdrückt, erst dann ist er der „große“ und zugleich der universale Dichter, der der Schatzkammer der Menschheit einen Beitrag zuträgt. Die Antwort aber auf diese Frage verweigerte der Redner. „Ich behaupte nicht,“ sagte er, „daß Puschkin diese Bedeutung zukomme, aber ich wage auch nicht, sie ihm abzusprechen.“

Das alles und noch manches andere erregte große Unzufriedenheit. In der Gruppe der aktiven Teilnehmer an der Feier hinterließ die Rede ein Gefühl des Unbefriedigtseins und der Unklarheit. Man zerpflückte kritisch die Worte Turgenjeffs und einige Literaten, die am nächsten Tage zu reden hatten, wollten sich zu seiner Stellungnahme äußern und Puschkin gewissermaßen verteidigen. Aber das, was am nächsten Tage, am 8. Juni zur Verteidigung Puschkins geschah, überstieg doch alle Erwartungen und Absichten. Zuerst sollte Aksakoff seine Rede halten, dann Dostojewski, doch weiß ich nicht, aus welchem Grunde beschlossen wurde, daß Dostojewski beginnen sollte. Zwar las er seine Rede vor, aber das war kein Lesen; das waren Worte, die unmittelbar aus dem Herzen kamen und jedes Herz ergriffen. Der ganze Enthusiasmus und die ganze Natürlichkeit, die dem Stil Dostojewskis eigen sind, kamen durch seinen meisterhaften Vortrag noch mehr zur Geltung. Ich spreche noch nicht einmal vom Inhalt der Rede, obgleich er es war, der die Kraft des Vortrags ausmachte. Ist es mir doch, als hörte ich in diesem Augenblick wie über der atemlosen Stille der ganzen großen Versammlung seine Stimme sich erhob: „Demütige dich, stolzer Mensch, arbeite, müßiger Mensch!“

Schon nach den ersten Worten, mit denen Dostojewski begann, horchte alles auf und verstummte. Man hörte zu, als sei vorher nichts von Puschkin gesagt worden, – bis die Spannung sich im ersten Beifallssturm löste. Dann aber war im Publikum jede Zurückhaltung vergessen und schrankenlos gab es sich seiner Begeisterung hin. Sah man doch einen Menschen vor sich, der selbst ganz erfüllt war von Begeisterung, und von diesem Menschen vernahm man eine Deutung, die diese Begeisterung wahrlich auch verdiente.

Von dem Sturm, der sich nach dem Schluß der Rede im Saal erhob, kann sich wohl kaum jemand, der ihn nicht selbst erlebt hat, eine Vorstellung machen. Man erstürmte förmlich die Estrade; ein Jüngling, der sich bis zu Dostojewskis durchgedrängt hatte, fiel in Ohnmacht. Dostojewski wurde umarmt, geküßt. Ich erinnere mich nicht mehr aller Ausrufe der Begeisterten. Aksakoff wandte sich mit den Worten an ihn: „Turgenjeff und ich, er als Vertreter der Westler und ich als Vertreter der Slawophilen, wir sind Ihnen beide unsere volle Zustimmung und unseren tiefsten Dank schuldig!“ Und Annenkoff[9] kam auf mich zu und sagte ganz begeistert: „Was doch eine wirklich geniale Charakteristik bedeutet! – sie hat mit einem Schlage die ganze Sache entschieden!“

Als Aksakoff, der alte Liebling der Moskowiter, später seine Rede halten sollte und das Publikum mit lebhaftem Applaus sein Erscheinen auf der Estrade begrüßte, sagte er nur kurz, daß er nach der Rede Dostojewskis nichts mehr zu sagen habe, denn alles, was er zu sagen beabsichtigt und niedergeschrieben, sei nur eine schwache Variation bloß einiger Themen dieser „genialen Rede“. Diese Worte riefen wieder stürmischen Applaus hervor. „Ich betrachte“, fuhr Aksakoff fort, „die Rede Dostojewskis als ein Ereignis in unserer Literatur. Gestern konnte man noch darüber streiten, ob sie es sei oder nicht; heute ist diese Frage bereits abgetan. Wir kennen jetzt die wahre Bedeutung Puschkins und somit ist alles weitere Reden überflüssig.“ Mit diesen Worten verließ Aksakoff die Rednerbühne. Und wieder wollten die Ovationen der Begeisterten kein Ende nehmen, doch diesmal galt der Beifall auch der Handlungsweise Aksakoffs wie seinem Urteil über die Rede Dostojewskis.

So feierte man in Dostojewski den Helden dieses Tages, der der ganzen Feier Inhalt und Farbe gegeben, der alle Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sogar weit übertroffen hatte, und man war ihm dankbar für die Befreiung von der zuletzt qualvollen Spannung. Das Publikum verlor ihn von nun an nicht mehr aus den Augen und überschüttete ihn bei jeder Gelegenheit mit den lautesten Beifallsbezeugungen. Dasselbe geschah schon am Abend dieses Tages, an dem die dreitägige Puschkinfeier mit einer literarisch-musikalischen Ausführung ihren Abschluß fand und Dostojewski auf allgemeines Bitten hin Puschkins Gedicht „Der Prophet“ zweimal mit bewunderungswürdiger Meisterschaft vortrug.

So endete diese herrliche Feier. Der letzte Applaus war verstummt, und müde und befriedigt löste sich die Versammlung auf. Der Eindruck, den ich davontrug, war nicht allein stark, er war mir auch vollkommen klar. Ich gedachte jener literarischen Bewegung, in der ich einst mit solchem Interesse mitgewirkt hatte, unseres ganzen Literatenkreises, der zuerst (1859) für das „Russische Wort“ geschrieben hatte, dann für die „Zeit“, die „Epoche“, die „Morgenröte“, den „Bürger“ ... Das waren Gruppen von Menschen, die der Literatur immer eine große Bedeutung beigemessen hatten und ihr am treuesten dienten. In Puschkin sahen sie ihren Dichter, wie denn auch niemand besser über Puschkin geschrieben hat als Apollon Grigorjeff. Ihnen hatte sich Dostojewski angeschlossen, war für einige von ihnen der Führer geworden und hatte ihrer Richtung den Namen gegeben, indem er sie die Richtung der „Bodenständigen“ nannte. Und diese Richtung war es, die hier gesiegt hatte.

Zugleich hatte Dostojewski uns in zweierlei Hinsicht ein großes Beispiel gegeben: das Beispiel eines echten Konservativen und ein Beispiel, wie wir uns zu allem uns National-Feindlichen zu verhalten haben.

Konservatismus und Patriotismus hält man oft für geistige Beschränktheit, für Dummheit und Stumpfheit, was sie freilich auch oft genug sind, da sie von einer Menge Menschen geteilt werden, der Verstand der Menschen aber im allgemeinen schwach und begrenzt ist. Doch das berührt noch nicht die Sache selbst. Was kann im Grunde natürlicher und richtiger sein, als die Liebe zu unserer Umgebung und der Wunsch, das zu erhalten, was wir lieben? Und selbst lieben lernen wir doch von Menschen, die uns nahestehen, und lernen verstehen auf Grund des geistigen Inhalts, der uns zuerst gegeben wird. Ein feinfühliges Herz und ein feiner Geist entdecken allmählich die positive Seite des sie umgebenden Lebens und eignen sie sich an, ebenso wie seine Geistesart und Schönheit, die den Hauptnerv jedes Menschendaseins ausmachen und ohne die das Leben unmöglich ist. Was aber von einem Menschen einmal liebgewonnen, einmal begriffen ist, wird eine tiefe Natur ganz gewiß nicht mehr vergessen, das kann sie nicht mehr wie etwas Überflüssiges und Gleichgültiges fortwerfen. So kann der einfachste und gewöhnlichste Vorgang in begabten Menschen die größte Bedeutung erlangen. Menschen, die für den Konservatismus wenig Sinn haben, die mit Leichtigkeit die Gefühle und Gedanken, die einst in ihnen gelebt, abschütteln können, beweisen damit doch zweifellos nur ihre geringe Feinfühligkeit, die Schwäche ihres Herzensgedächtnisses. Sie lassen sich gewöhnlich von ihrer Energie fortreißen, und darin liegt ihre Rechtfertigung; doch das Schädliche des Nichtverstehens, der Verachtung, der Vergewaltigung drängt sich unvermeidlich in ihre Tätigkeit und entstellt oft eine Tat, die für den edelsten Zweck ausgeführt wird.

Dostojewski war von Natur konservativ. In ihm vollzog sich mächtig, doch schnell der Prozeß, der fast unterschiedslos die Entwicklung aller bedeutenden russischen Schriftsteller charakterisiert. Zuerst begeistern sie sich für abstrakte Gedanken, für Ideale, die sie vom Westen übernehmen, dann kommt es zum inneren Kampf und zur Enttäuschung, bis schließlich die zeitweilig unterdrückten Gefühle, die Liebe zu dem Heiligtum, das Rußlands Leben und Stärke ausmacht, erwachen. Auch Dostojewski gab es auf, nach höheren, führenden Ideen im Westen zu suchen, doch bewahrte er trotzdem Liebe und Verehrung für das europäische Geistesleben. Anderseits vermochte gerade er in der Ausbreitung des extremen Westlertums, das sich Nihilismus nennt, die Wurzel dieser entarteten Bestrebungen zu entdecken, und er verstand und bedauerte auch diese verirrten Seelen. Sein Blick, der nicht nur alle Gegensätze, sondern auch die Möglichkeit eines Ausgleichs der Gegensätze sah, diese feine und tiefe Sympathie, mit der er die beiden Pole unseres geistigen Lebens umfaßte und sie zu einem höheren Lebensprinzip und durch die Tat zu vereinigen suchte – das war der charakteristische Zug Dostojewskis. Seine Feindschaft gegen etwas bedeutete bei ihm nie eine bedingungslose Verneinung des Feindlichen.

Und gerade diese seine Fähigkeit des versöhnenden Verstehens und Mitempfindens war es, die in seiner Rede zur Puschkinfeier zum Ausdruck kam und die Bestrebungen der Westler und der Slawophilen als auf ein und dasselbe höhere Ziel gerichtet zu deuten verstand. Da war es kein Wunder, daß Begeisterung die alten Gegner erfaßte und sie sich in diesem Augenblick versöhnt die Hände reichten.

Nach der Puschkinfeier, die ihm den größten und schönsten seiner literarischen Erfolge verschaffte, blieb ihm nicht mehr viel Zeit zum Leben – kaum acht Monate. Doch gerade diese letzte Zeit verbrachte er in der größten Tätigkeit. Außer der Erläuterung und Verteidigung seiner Moskauer Rede schrieb er in dieser zweiten Hälfte des Jahres 1880 den Schluß der „Brüder Karamasoff“, und noch bevor dieser im „Russischen Boten“ veröffentlicht war, lasen wir bereits die Anzeige, daß im nächsten Jahr das „Tagebuch“ wieder in jedem Monat erscheinen werde. Der Druck der Januarnummer war fast schon beendet, als der Tod seiner fieberhaften Tätigkeit ein Ende setzte.

Für diejenigen, die ihn näher kannten, kam sein Tod eigentlich nicht überraschend. Er lebte augenscheinlich nur noch von den Nerven, denn sein Körper hatte schon einen solchen Grad von Abgezehrtheit erreicht, daß ihn der erste, geringste Stoß zerbrechen konnte. Am erstaunlichsten war dabei seine Unermüdlichkeit in der geistigen Arbeit, obgleich ihm das Arbeiten, wie er mir selbst einmal sagte, schwer fiel und er zum Schreiben eines Druckbogens zweimal oder dreimal mehr Zeit brauchte als früher. Außerdem wurde er in den letzten Jahren, besonders seit der Herausgabe des „Tagebuchs“, mit Briefen überschüttet und von Besuchern zu Tode erschöpft. Aus allen Ecken und Enden von Petersburg kam man zu ihm, oft mit Bitten um Unterstützung, da er Armen stets half und für fremdes Unglück immer Teilnahme hatte. Doch ebensooft kam man zu ihm mit Gewissensfragen, oder um seine Ansichten zu widerlegen, oder um ihm Verehrung zu bezeugen. Von derselben Art waren auch die Briefe, die er aus allen Gegenden Rußlands erhielt. Seine Popularität freute ihn. Er sah darin Beweise, daß seine Worte nicht ungehört verklangen. Das freute ihn sehr, denn er hielt es für seine Pflicht, Menschen zu ermutigen und zum Guten zu lenken. Besonders aufmerksam verhielt er sich zur Jugend, zu Studenten und Studentinnen. War doch der „bekehrte Nihilist“ sein Thema, das er liebte, und nicht nur in „Rodion Raskolnikoff“ hat er es ausgearbeitet, wir finden es auch in allen seinen folgenden Werken wieder. Deshalb ist es verständlich, daß die Jugend sich so zu ihm hingezogen fühlte.

Er war sehr streng gegen sich selbst und von nahezu übertriebener Gewissenhaftigkeit. Er erlaubte sich nicht nur keine häßliche oder böse Handlung, sondern verzieh sich nicht einmal eine häßliche oder böse Empfindung. Man kann sagen, daß er sich in seinem Leben wie in der Arbeit beständig selbst erzog, nur die besten Gefühle in sich entwickelte und in seinen Handlungen nicht nur tadellos und uneigennützig war, sondern sogar bis zur Selbstverleugnung ging. Obgleich er von seiner Begabung eine sehr hohe Meinung hatte – und wohl mit Recht –, so hat er sich doch nie abseits von der ganzen großen Menge der Schreibenden gestellt, nie hochmütig auf die Tagesliteratur herabgesehen. Dieses Fehlen selbst des geringsten literarischen Aristokratismus war sogar rührend. Er wußte, daß er, wenn er in die Öffentlichkeit trat, wie es jeder Schriftsteller tut, damit auf den Markt, auf die Straße hinaustrat, doch es fiel ihm nicht ein, sich seines Handwerks oder seiner Handwerksgenossen zu schämen, denn er wußte nur zu gut, daß das, was er auf den Markt hinaustrug und den Lesern anbot, unermeßlich höher war als Geld und Geldeswert. Er war stolz auf sein Handwerk, es war für ihn etwas Großes, Heiliges – und diese Auffassung kann uns vieles in seinem Verhalten erklären. Denn er wußte, was er tat, wenn er seine Seele auf die Straße trug.

Sein Tod

In den letzten neun Jahren seines Lebens litt Fjodor Michailowitsch an einem Emphysem, das er sich durch eine Erkältung zugezogen hatte. Der tödliche Ausgang dieser Krankheit trat durch das Zerreißen einer Lungenarterie ein. Es begann in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar mit einem Nasenbluten, dem er weiter keine Beachtung schenkte. Am 26. fühlte er sich offenbar ganz wohl, bis um vier Uhr nachmittags plötzlich ein Blutsturz erfolgte und anderthalb Stunden darauf ein zweiter, wobei der Kranke das Bewußtsein verlor. Als er wieder zu sich kam, äußerte er sofort den Wunsch, zu beichten und das Abendmahl zu nehmen. In Erwartung des Priesters nahm er Abschied von seiner Frau und seinen Kindern und segnete sie. Nach dem Abendmahl fühlte er sich vollkommen wohl. Am 28. Januar hatte er um zwölf Uhr mittags wieder einen Blutsturz, worauf seine Kräfte schnell abnahmen.

In entscheidenden Augenblicken seines Lebens pflegte Fjodor Michailowitsch die Bibel, die er in seiner Sträflingszeit bei sich gehabt, aufs Geratewohl aufzuschlagen und die ersten Zeilen der aufgeschlagenen Seite zu lesen. So tat er es auch jetzt: er schlug die Bibel auf und bat seine Frau, ihm die aufgeschlagene Stelle vorzulesen. Es war das der vierzehnte Vers aus dem dritten Kapitel Matthäi: „Johannes wehrete ihm und sprach: Ich bedarf wohl, daß ich von dir getauft werde; und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Halte mich nicht auf; also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Als er diese Worte hörte, sagte er zu seiner Frau:

„Hörst du? – ‚halte mich nicht auf‘ – also werde ich sterben.“ Und er schloß das Buch.

Sein Vorgefühl sollte recht behalten. Er verschied am 29. Januar um acht Uhr achtunddreißig Minuten abends.

Die Beerdigung

Die Beerdigung Dostojewskis wurde zum Anlaß einer Kundgebung, die alle in Erstaunen setzte. Einen solchen Andrang von Menschen, so zahllose Beweise von Trauer und Verehrung hatten selbst die leidenschaftlichsten Anhänger des Toten nicht erwartet. Man kann wohl behaupten, daß es eine solche Beerdigung in Rußland noch nie gegeben hat. Dabei muß man nicht vergessen, daß Dostojewski ganz unerwartet starb, daß viele von seinem Ableben erst spät erfuhren, so daß in der kurzen Zeit bis zu seiner Beerdigung irgendwelche Verabredungen nicht möglich waren. So handelte jeder Verein, jede Schule aus eigenem Antrieb und jede der zweiundsiebzig Deputationen, jeder der fünfzehn Sängerchöre unabhängig von den anderen.

Und so einfach, so selbstverständlich, so ruhig und feierlich vollzog sich alles. In der Kirche des Heiligen Geistes war nicht nur der Sarg auf dem hohen Katafalk mit Blumen und Kränzen vollständig bedeckt, es standen auch noch ringsum und hingen sogar an den Wänden riesige Kränze, die der Kirche eine ganz besondere, eigenartige, weihevolle Stimmung verliehen. Das Gedränge war groß, doch nichtsdestoweniger herrschte vollkommene Stille. Durch die Ehrung, die man dem toten Schriftsteller erwies – und an der sich alle beteiligten, so daß neben dem Riesenkranz der Petersburger Studenten, den Kränzen der Großfürsten und Großfürstinnen, die bescheidenen Blümchen der Bettler und der ärmsten Kinder lagen –, wurde es erst sichtbar, wie ungeheuer groß der Kreis seiner Anhänger war, und sowohl seine Nächsten wie seine Anhänger selbst waren überrascht, als sie sahen, daß die Zahl seiner Verehrer so unübersehbar war. In der ganzen Stadt begannen später erregte Debatten über die Bedeutung und die Ursache dieser Kundgebung. Personen, die zu Mißtrauen neigten und zur Literatur sich gleichgültig verhielten, behaupteten, diese ungeheuere Menschenmenge habe nur den Wunsch gehabt, den ehemaligen Sträfling zu ehren und dabei ihren Protest gegen die Regierung auszudrücken; andere jedoch, die mit der Literatur besser bekannt und selbst Anhänger fortschrittlicher Ideen waren, kamen der Wahrheit schon näher, wenn sie zu ihrem Leidwesen feststellten, daß diese Liebe und Hingebung dem „Patrioten“ gegolten, was ihrer Meinung nach ein Beweis von Rückständigkeit war. Und schließlich gab es noch eine dritte sonderbare Auslegung, die alles darauf zurückführte, daß Dostojewski, wie sie sagten, der Darsteller alles Dunkeln und aller Schrecken des russischen Lebens gewesen sei, jedoch nicht wie Gogol darüber gelacht, sondern geweint habe.

Unter den Tausenden, die dem Toten das letzte Geleit gaben, werden natürlich Vertreter der verschiedensten Anschauungen gewesen sein, doch die Hauptmasse war entschieden von ganz anderen Gefühlen beherrscht: die beerdigte in Dostojewski ihren Erzieher, ihren Lehrer, den, der zu ihr gesagt hatte: „Demütige dich, stolzer Mensch! Arbeite, müßiger Mensch!“ Alle, die nach einer sittlichen Stütze suchten, sahen in ihm einen Führer, der ihnen die Wege zeigte, auf denen man die Rettung suchen kann und muß. Man achtete und liebte in ihm nicht nur den Patrioten und Konservativen; für viele war er auch ein Trost und eine Hoffnung, und das nicht nur deshalb, weil er die revolutionären Umtriebe gegeißelt und bekämpft hatte, sondern weil er die höchsten, rein geistigen Interessen der russischen Menschen verstand, weil in seinen Worten sich nicht nur religiöse Stimmung, aufrichtige Liebe zum Volk offenbarte, sondern vor allem deshalb, weil ihm unsere staatliche Macht teuer war, teuer unsere volkliche Einheit und unsere politische Aufgabe, für die wir seit jeher soviel geopfert haben und noch jederzeit zu opfern bereit sind.

Gewiß wird es in der ungeheuren Menge, die ihm zum Grabe folgte und in der so viel Jugend vertreten war, auch viele bekehrte und unbekehrte Nihilisten gegeben haben. Denn Dostojewski, der ihre Verirrungen so scharf rügte, verstand die Verirrten doch so tief wie kein anderer, und er war es auch, der ihnen wieder den richtigen Weg wies. Aber zweifellos gab es unter ihnen auch solche, die uns die Hoffnung geben, daß wir dieses große Übel überwinden werden. In dem großen Toten hatte diese Hoffnung wie ein Feuer gebrannt und er hatte in dem Glauben gelebt, daß er für diese rettenden Ansätze arbeitete.

Sein Tod war nicht der Tod eines verdienten Künstlers, der in Ruhe seine Tage zu Ende gelebt, sondern der Tod eines politischen Kämpfers am Vorabend seiner letzten glühenden Rede, die am Tage vor seiner Beerdigung erschien.

Seine Bedeutung

Wenn wir die Entwicklung Dostojewskis verfolgen, so sehen wir, daß mit ihm dasselbe geschah, was nun schon seit dem achtzehnten Jahrhundert mit allen unseren großen Schriftstellern geschehen ist: alle begannen sie damit, daß sie sich für das Fremde begeisterten, und alle kehrten sie später zum Eigenen zurück. So war es zum Teil mit Vonwisin und so geschah es sehr ausgesprochen bei Karamsin, Gribojedoff, Puschkin und Gogol. Dostojewski ist in dieser Beziehung ein neues Ärgernis für unsere Westler, ein neuer und wichtiger Grund für sie, über unsere russische Literatur aufgebracht zu sein.

Diese innere Umkehr, die sich in den Besten von uns vollzieht, wird oft Verrat und Abtrünnigkeit genannt; doch gerade bei Dostojewski ist am deutlichsten zu sehen, daß es sich hierbei nur um Entwicklung handelt, um die Aufdeckung der Anlagen, die in der Natur des Menschen liegen, nicht aber um einen Eintausch fremder Gedanken gegen andere fremde Gedanken. Dostojewski ist von seinem ersten bis zu seinem letzten Werk ein und derselbe; er konnte sich nicht verändern, denn schon in seinem ersten Werk ist seine ganze Seele zu erkennen, die ganze Art seiner Lebensauffassung. Von der Natur dieser Seele hing es ab, welche Einflüsse auf sie einwirkten. Und diese Einflüsse waren: die russische Literatur und das russische einfache Volk.

Als ich Dostojewski kennen lernte, war er ein glühender Verehrer Puschkins und Gogols. Diese beiden Riesen unserer Literatur spiegeln sich schon in seinem ersten Werk „Arme Leute“ in bemerkenswerter Weise wieder. Hier finden wir es unmißverständlich ausgedrückt, daß der Autor mit Gogol nicht ganz zufrieden ist und nur in Puschkin seinen unmittelbaren Führer sieht. Der kleine Beamte Makar Djewuschkin, der Held in „Arme Leute“, der auffallend an Gogols Held im „Mantel“ und in den „Aufzeichnungen eines Irrsinnigen“ erinnert, ist sehr eingenommen von Puschkins „Stationsaufseher“. Er kann die Novelle nicht genug loben und bedauert sehr den armen Helden der Erzählung. Bald darauf liest er aber Gogols Novelle „Der Mantel“, und die macht auf ihn einen geradezu niederschmetternden Eindruck. Er ist aufs tiefste verletzt, da er in dieser schonungslosen Darstellung sich selbst erkennt, er betrinkt sich vor Leid und es widerfährt ihm infolgedessen ein Unglück nach dem anderen. So wird denn die schonungslose Ironie Gogols als gar zu grausame und herzlose Darstellung der Menschen vom Autor verurteilt. Und noch mehr wird sie verurteilt durch die Art, wie Djewuschkin selbst geschildert ist. Während in den Gestalten Gogols nur grauenvolle Leere und Gemeinheit zu sehen ist, besitzt dieser Makar Djewuschkin Schätze an Zartheit und Selbstverleugnung, und Herzenszüge, deren Schönheit er selbst nicht einmal ahnt. Während niemand Gogols Akakij Akakijewitsch oder Poprischtschin sein wollte, muß jeder Leser mit Neid auf den unglücklichen Makar Djewuschkin blicken und sich gestehen, daß zwischen dieser seelischen Schönheit und seiner eigenen Seele ein weiter Abstand ist.

Das war Dostojewskis erster Schritt, im Jahre 1846 – eine kühne und entschlossene Korrektur Gogols. Es war das zugleich eine entscheidende Wendung in unserer Literatur. Ihre Bedeutung lag darin, daß die Korrektur Gogols unentbehrlich war, daß unsere Literatur sie unbedingt ausführen mußte und sie auch noch bis zum heutigen Tage ausführt, daß man in gewissem Sinne auch alle unsere anderen großen Schriftsteller, Ostrowski, wie L. N. Tolstoi, eine Korrektur Gogols nennen und darin ihre größte Originalität sehen kann. Dostojewski aber begann sie als erster.

Gogol hat sich nicht grundlos gequält, nicht grundlos alle seine Kräfte angespannt, um etwas Neues zu schaffen. Diese gespannt feinfühlige Stimmung, in der sich die Gemeinheit des Seienden so deutlich Gogol offenbarte, war am Ende unerträglich. Ein unüberwindlicher Ekel erhob sich in ihm bei der Betrachtung des russischen Lebens, dieses Lebens, in dem alles Gute sich schamhaft und hartnäckig in der Tiefe verbirgt, während das Gemeine und Schmutzige auf der Oberfläche paradiert und allen in die Augen springt. Gewiß hat Gogol die „heimlichen Tränen“ vergossen, von denen er spricht; aber das waren Tränen des Mitleids eines ekstatischen Idealisten, nicht aber Tränen der Liebe. Und je mehr wir in den Sinn der ganzen Literatur nach Gogol, die mit Dostojewski beginnt, eindringen, um so klarer erkennen wir Gogols Grundfehler und die ganze dringende Notwendigkeit, die unsere neueren Schriftsteller empfanden – die Einseitigkeit zu vermeiden und einen neuen Weg einzuschlagen.

Zweifellos wird man Dostojewskis Werke einmal anders auslegen; man wird aus ihnen Schlüsse ziehen und mit ihnen Gefühle nähren, die Dostojewskis wahren Gedanken und Gefühlen aufs tiefste widersprechen. Unsere Intelligenz hat sich gar zu sehr daran gewöhnt, in gewissen Geleisen zu denken. Es gibt zwei Gefühle, die für das Seelenleben unserer gebildeten Leute außer den täglichen Lebensinteressen gewöhnlich bestimmend sind: das eine davon ist das Gefühl des Unwillens, des sogenannten edlen Unwillens über jegliches Böse und Gemeine in Rußland; das andere ist das Gefühl des Mitleids mit Rußland, ein mitleidvolles Erkennen seiner Armseligkeit und seines tragischen Loses. Beide Gefühle sind sehr gut, jedoch zum Unglück nur durch einen gar zu dünnen Strich von schlechten Gefühlen getrennt: der Unwille grenzt an Erbitterung und das Mitleid an Selbstüberhebung, so daß oft Menschen, die sich anscheinend beständig edelster Stimmung hingeben, im Grunde nur ihre schlechten Eigenschaften nähren und nur aus ihnen ihren ganzen Edelsinn schöpfen. Von Dostojewski kann ich dagegen mit aller Bestimmtheit bezeugen, daß ihn niemals auch nur entfernt die Achtung vor seinem großen Vaterlande verlassen hat und der Unwille bei ihm niemals zur Erbitterung geworden ist. In dieser Hinsicht ist er für uns alle ein Beispiel. Man bedenke doch nur, wieviel er unter den bestehenden Verhältnissen zu leiden hatte! Und dennoch war nach allem, was er ausgestanden, nicht die leiseste Erbitterung in ihm und ebensowenig maßte er sich ein Recht auf die Autorität an, die die Gesellschaft bei uns so gern denen zuspricht, die gelitten haben, oder die die Märtyrer sich oft eigenmächtig beimessen. Überhaupt war an ihm die Entwicklung der Persönlichkeit, die ungewöhnliche seelische Energie auffallend. Ich habe ihn in den schwersten Stunden gesehen, doch niemals ließ er den Mut sinken, ja ich glaube sogar, daß man solche Umstände gar nicht ersinnen könnte, unter denen er wirklich zusammengebrochen wäre. So spricht er denn aus seiner eigenen Seele, wenn er einen seiner Helden, Dmitri Karamasoff, sagen läßt: „... ich habe soviel Kraft in mir, daß ich alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich bin! Unter tausend Qualen – ich bin! Wenn ich mich auch auf der Folterbank krümme – aber ich bin!“ Es war in ihm ein unerschöpflicher Kräftevorrat, der nach jedem Nachlassen und sogar Sinken seines Schaffens sich immer wieder von neuem zu noch höheren Schöpfungen emporschwang. Es war dabei etwas Rätselhaftes in ihm. Neue Gestalten, neue Pläne tauchten beständig vor ihm auf, belagerten ihn geradezu und störten ihn bei der Arbeit. Deshalb sind auch einzelne seiner Romane ganze Knäule durcheinandergeflochtener, verwickelter Themen.

Und so schildert er denn unermüdlich seine Gestalten, macht sie aber nicht wie Viktor Hugo zu Theaterhelden, läßt sie weder Wunder, noch Heldentaten vollbringen. Er hält sich unentwegt an den strengen Realismus, der das Vermächtnis Gogols war, aber selbst unter der größten Verkommenheit versteht er noch menschliche Züge zu entdecken. Dabei ist in jeder Schilderung Dostojewskis soviel Wahrheit, eine solche Tiefe seelischer Wahrheit enthalten, daß man den unmittelbaren Eindruck der Wirklichkeit selbst zu erleben glaubt. Der Fieberzustand seines Idioten, die Qualen eines Verbrechers oder eines Selbstmörders, Fieberträume, Hallucinationen – alles ist verständlich und klar wiedergegeben. Der Leser verfolgt mit Spannung die Gedanken und Gefühle von Personen, von denen er früher überhaupt keine Vorstellung hatte, und sieht mit Verwunderung, daß diese Gedanken und Gefühle in der eigenen Seele einen Widerhall finden.

Leid, Verzweiflung, Verbrechen, Krankheit – das sind die stets wiederkehrenden Themen Dostojewskis. Aber was ist denn ihr Sinn, welches ist ihr Ergebnis? Etwa wieder Mutlosigkeit und Bitterkeit? O nein, sondern Verzeihen und Liebe. Das ist der herrschende Gedanke, den er so glühend und unerschrocken in seinem letzten Roman („Die Brüder Karamasoff“) offen ausspricht. In diesem Ideal Christi fand er die Rechtfertigung seiner beständigen Liebe zum einfachen russischen Volk und fand er den höheren Sinn seiner ganzen, großen, heißen Vaterlandsliebe. Die Liebe zum einfachen Volk, zum Erdboden, wie er es nannte, ist eine bedeutungsvolle Erscheinung in unserer Literatur überhaupt. Die Erkenntnis der geistigen Schönheit und geistigen Gesundheit, die das Volk sich erhalten hat, während wir sie eingebüßt haben, hat bei uns schon lange begonnen und wächst mit jedem Tage. Einem Menschen aber wie Dostojewski, der mit solcher Liebe Volkstypen geschildert hat (bereits in seinen „Aufzeichnungen aus einem Totenhause“) – einem solchen Menschen konnte der Hauptnerv des Volkslebens natürlich nicht verborgen bleiben: Das hohe Ideal der Heiligkeit. Zu diesem Ideal streben sowohl unsere einfältigsten Seelen, wie unsere größten Geister, die bisweilen lange auf anderen Wegen umherirren, bevor sie diesen Weg finden. Wir wissen bereits, daß das Ideal Christi zum höchsten Ideal auch unseres anderen großen Dichters geworden ist – des Grafen L. N. Tolstoi. Die Zusammenhänge sind bei ihm dieselben wie bei Dostojewski. Auch er hat mit dem ganzen volklichen Verstehen seines großen künstlerischen Gefühls in langer, liebevoller Beobachtung des Volkes dessen Ideal erkannt. Diese Übereinstimmung mit Dostojewski ist auffallend. Persönlich kannten sie sich nicht, doch hatten sie in der letzten Zeit immer die Absicht, sich kennen zu lernen. Ich erlaube mir, einige Zeilen aus einem Brief Tolstois, den ich im September des vorigen Jahres von ihm erhielt, hier anzuführen. Er schreibt:

„Ich verstehe nicht das Leben derjenigen Menschen in Moskau, die es selbst nicht verstehen. Aber das Leben der Mehrzahl – der Bauern, der Pilger und noch mancher Leute, die selbst ihr Leben verstehen – verstehe auch ich und liebe es über alles. Ich fahre fort, dafür zu arbeiten und wie mir scheint, nicht fruchtlos. Unlängst fühlte ich mich nicht wohl und da nahm ich ‚das Totenhaus‘ zur Hand. Ich hatte vieles vergessen, da las ich es nun wieder, und ich muß sagen, ich kenne kein besseres Buch in der ganzen neuen Literatur, Puschkin nicht ausgenommen. Nicht der Ton, sondern der Standpunkt ist ein so natürlicher, wahrer und christlicher. Es ist ein gutes, belehrendes Buch. Ich hatte gestern den ganzen Tag eine Freude daran, wie ich mich lange nicht gefreut habe. Wenn Sie Dostojewski sehen, so sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe.“

(26. Sept. 1880).

Ich brachte diesen Brief Fjodor Michailowitsch, und das war einer der schönsten Augenblicke für ihn, und auch für mich als Zeugen.

So findet denn in der Liebe zum Volk, aus der sich eine treue Ergebenheit zum Volksideal entwickelt, das Schaffen unserer zwei besten Künstler des Wortes seine Vollendung.

Hieraus offenbart sich uns am deutlichsten der Sinn der Schöpfungen Dostojewskis. Außer seiner allgemeinen Sympathie zu allen „Erniedrigten und Beleidigten“, hatte er, besonders in der zweiten Hälfte seines Schaffens, noch eine bestimmte Aufgabe: die kranken Seiten unserer vom Volk losgerissenen Gesellschaft aufzudecken. Er zeigt uns zwei Arten von Typen: die „Nihilisten“, die sich in den letzten Jahrzehnten bei uns entwickelt haben, und die älteren Typen der „vierziger Jahre“. So spielt in seinem letzten Roman das Drama zwischen dem alten Karamasoff, der die Anschauungen der vierziger Jahre teilt, und seinen Söhnen, Iwan und Ssmerdjäkoff, dem Nihilisten. Mit unvergleichlicher Tiefe und Feinheit zeichnet Dostojewski die Entartung dieser Seelen durch unsere sogenannte Aufklärung. Sowohl hier wie in seinen anderen Romanen gehört sein größeres Mitgefühl der jungen Generation, eben Iwan, in dem die ernste, aufrichtige Überzeugungstreue – wenn auch die Überzeugungen falsch sind – so dargestellt ist, daß sie zu Dichtung und Großartigkeit wird. Am wenigsten schonte Dostojewski die Menschen der „vierziger Jahre“, was aus seinen Werken nur zu deutlich hervorgeht; es ist geradezu, als könne er ihnen nicht mehr vergeben, und so machte er sie entweder lächerlich, wie z. B. Stepan Trofimowitsch in den „Dämonen“, oder ekelhaft abstoßend, wie Fjodor Pawlowitsch Karamasoff, der gleichsam aus dem Leben ausgeschnitten erscheint. Zu den Nihilisten aber verhielt er sich, man kann sagen, mit väterlichem Kummer, mit väterlichem Mitgefühl. Und unsere junge Generation begriff allmählich, mit welch einem Herzen er sich zu ihr wandte und antwortete ihm mit Bezeugungen ihres Herzens.

In seinem letzten großen Roman hat Dostojewski klarer als in allen anderen Romanen auch die positive Seite Rußlands gezeigt. Rußland besteht doch nicht nur aus entarteten Westlern, wie der alte Karamasoff einer ist, – und aus gedanklich so maßlos vermessenen Nihilisten wie sein Sohn Iwan. Durch den unglücklichen Diener Ssmerdjäkoff ist der Vatermord geschehen, dessen Schuld zu gleichen Teilen auf den Vater dieses Dieners wie auf seinen Halbbruder Iwan fallen muß, der diese bedauernswerte Kreatur irregeführt hat. Doch außer ihnen gibt es noch Dmitri Karamasoff, den gewöhnlichen Russen, den barbarischen Recken, in dem viel Böses, aber auch viel Gutes ist, und der bereit ist, für die Schuld der anderen zu büßen. Auch hat uns Dostojewski noch im jungen Aljoscha Hinweise gegeben, die wie Verheißungen für die Zukunft sind. Und der Liebling des Dichters, Iwan Karamasoff, der in der Seele, im Geiste den Vater erschlagen hat, wie die Nihilisten im Geiste Rußland erschlagen wollen, Iwan wird von seinem Gewissen wie vom Donner gerührt, und wenn er die Krankheit übersteht, wird er zur Besinnung kommen und ein anderer Mensch werden. Das sollten wir nicht vergessen und auch uns danach richten.

So seien wir denn stark und mutig wie Dmitri Karamasoff, der sich durch kein Unglück brechen läßt; lernen wir es, fremde Schuld zu tragen und zu verzeihen, denn es ist wahr, was er sagt: „Alle sind für alle schuldig.“ Das sind Züge des wahren russischen Geistes, des Geistes, in dem das ganze Rußland lebt und wächst und stark ist. Lernen wir es, Rußland mit dieser Liebe zu lieben, die in den „Brüdern Karamasoff“ atmet, und auf unsere Heimat nicht wie ihre Sklaven mit einem Gefühl der Erniedrigung zu blicken, und auch nicht mit Überhebung wie ihre Herren und Lehrer, sondern mit dem Gefühl, mit welchem Söhne auf ihre Mutter sehen. Versuchen wir, „aufzuerstehen“, wie Dmitri Karamasoff träumt, und, wie er sagt, einen „neuen Menschen“ in uns zu erziehen, um ein Recht auf die Stellung des Sohnes zu unserer Mutter zu haben: auf daß das Ideal der Christlichkeit, das die Seele unseres großen Landes erfüllt, auch zu unserem Ideale werde. Ich denke, dies ist es, was Dostojewskis großes Vermächtnis uns gebietet.

N. N. Strachoff.

Notes in this chapter

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